Inhalt - Ikonen

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Inhalt - Ikonen
Maria Dschaak, MA.
Freie Universität Berlin
Cinéma du corps – zur Bedeutung von Georges Bataille im französischen Film der
Gegenwart
August 2014
Verlag: :Ikonen: media, Mainz 2014
Inhalt
1. Einleitung
2
2. Re-Lektüre Batailles
2.1. Forschungsstand
2.2. Das Homogene und das Heterogene
2.3. Die Souveränität
2.4. Die Erotik
2.5. Das Opfer
2.6. L´informe – Versuch eines ästhetischen Programms
2.6.1. Die Menschliche Figur
2.6.2. Deklassierungsstrategien
2.6.3. L´informe im Film
6
6
9
13
16
19
22
23
25
27
3. Filmanalyse
3.1. Sombre
3.1.1. Öffnungen
3.1.2. Close-up: zerstückelt und amorph
3.1.3. Bewegung
3.2. Trouble every day
3.2.1. Montage
3.2.2. Vom Kuss zum Biss – Inszenierung des Umschlags
3.2.3. Erotik und Sexualität
3.3. À l´intérieur
3.3.1. Montage
3.3.2. Inszenierung des Homogenen und Heterogenen
3.3.2. Momente der Transgression
3.4. Martyrs
3.4.1. Stufen der Opferung
3.4.2. Ekstase des Opfers
3.4.3. Ansteckung des Opfers
32
32
32
35
37
40
40
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44
48
49
50
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58
60
62
65
4. Fazit
67
5. Filmographie
73
6. Bibliographie
73
1. Einleitung
In den letzten zwei Jahrzehnten machten eine Reihe französischer Autorenfilme durch
die „tendency to the willfully transgressive“ 1 auf sich aufmerksam. Der sehr
heterogenen Spannbreite an Filmen – von Sombre, Baise-moi, Irreversible bis zu
Frontiere(s) und Martyrs – gibt der amerikanische Artforum-Kritiker James Quandt in
dem 2004 erschienen Artikel Flesh & Blood den Namen „New French Extremity“2.
Obwohl er der „growing vogue“3 die Durchbrechung von Tabus, die Konfrontation des
Publikums mit unangenehmen Themen und Bildern und die sogenannten „shock
tactics“ 4 als wesentliche Merkmale zuordnet, stellt er im selben Moment die
Möglichkeit der Gruppierung in Frage: „[...], but for all their connections (shared actors,
screenwriters, etc.), the recent provocateurs are too disparate in purpose and vision to be
classified as a movement.“5 Trotz dieses Einwandes führt Tim Palmer zwei Jahre später
diese Formation von Filmen in seiner Veröffentlichung Style and Sensation in the
Contemporary French Cinema of Body und dann 2011 in Brutal Intimacy fort, gibt
ihnen aber den Namen Cinéma du corps.6 In der 2007 erschienen Analyse Cinema and
Sensation erweitert Martine Beugnet die Liste an Merkmalen um die Kombination von
Elementen der high und low Genres:
There is a long, established practice of mixing high and low forms of popular expression and, in
particular, of bringing elements of cinema´s genres of excess into French art film, and it has been
considered customary for its directors to venture into such transgressive territories (Austinn
1996: 46-7). As such, the late work of Breillat, Denis, Dumont, Grandrieux or de Van – to name
but a few of the directors whose filmmaking looks towards pornography, horror, or the violent
thriller – does not establish a novel pattern but, on the contrary, arguably partakes in a long
tradition of French artistic subversion (Powrie, forthcoming).7
Quandts paradoxe Bewegung verdankt sich einer prinzipiellen Problematik bei der
Bestimmung eines neuem Genres: Verstanden als ein Korpus von Filmen, die eine
Reihe von Kategorien teilen, kann es schnell zu einem „Zirkelschluss“8 kommen, da
eben diese Merkmale auch gleichzeitig die Vorlage für weitere Filme liefern. Aus
1
Quandt, James: Flesh & Blood: Sex and Violence in Recent French Cinema. In: Artforum (Februar
2004). S. 127.
2
Ebd. S. 127.
3
Ebd. S. 127.
4
Ebd. S. 127.
5
Ebd. S. 132.
6
In der Folge wird die Bezeichnung Cinéma du corps verwendet. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass
man nur schwer von einem eigenen Forschungsfeld für das Cinéma du corps sprechen kann. Sowohl die
Rezeption als auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung befinden sich noch im Larvenstadium, so
dass man genau genommen von singulären Publikationen sprechen sollte.
7
Beugnet, Martine: Cinema and Sensation. French Film and the Art of Transgression. Edinburgh:
Edinburgh University Press 2007. S. 34.
8
Shelton, Catherine: Unheimliche Inskriptionen. Eine Studie zu Körperbildern im postklassischen
Horrorfilm. Bielefeld: Transcript Verlag 2008. S. 110.
2 diesem Grund wird dem Genre des Cinéma du corps an dieser Stelle, die Möglichkeit
des „ständigen Prozess der Erweiterung“9 zugesprochen, die es ermöglicht, die sehr
heterogene Spannweite der Filme zu gruppieren und zu historisieren. In dieser
Entwicklung lassen sich die einzelnen Filme in zwei Phasen unterteilen: Der ersten
Phase sind Filme wie Sombre (1998), Pola X (1999), Romance (1999), Baise-Moi
(2000), The Pornographer (2001) und auch Dans ma peau (2002) zuzuordnen, während
die zweite Phase sich unter anderem aus folgenden Filmen zusammensetzte: Haut
Tension (2003), À l´interieur (2007), Frontiere(s) (2007) und Martyrs (2008).
Die erste Phase bedient sich in ihrem Fokus auf den Körper im Rahmen seiner sexuellen
Möglich- und Unmöglichkeiten einer haptischen Ästhetik. Während die erste Phase
Gewalt nur in ihrer Verbindung mit Intimität und Sexualität – vor allem auch Intimität
und Sexualität als Gewalt – präsentiert, löst sich „the sex-and-death nexus“10 in der
zweiten Phase zugunsten der Darstellung von Schmerz außerhalb des sexuellen
Kontextes. Mit dem Element des „most enduring of artistic-cultural taboos, unsimulated
sex“11 bewegt sich die erste Welle an der Grenze zur Pornographie, während die Zweite
Körperbilder und Diskurselemente des Horrorfilms rekurriert. In beiden Fällen wird
aber in ihrer Rezeption eine „political debate about freedom of speech and artistic
expression“ 12 provoziert. Neben der Inszenierung von gemarterten, verletzten und
geöffneten Körpern jenseits der Sexualisierung lassen sich nun auch Anspielungen und
teilweise Thematisierungen politischer Themen wiederfinden: In Martyrs etwa werden
Leichen in einem an die Massengräber des Nationalsozialismus erinnernden Graben
entsorgt. Es kann die These aufgestellt werden, dass sowohl die zunehmende
Politisierung als auch die Wendung hin zu filmischen Elementen des Horrorgenres sich
zwei Faktoren verdanken: Zum einen erlebt Frankreich 2005 eine zunehmend politisch
und sozial brisante Situation, die im Oktober 2005 in den bekannten Unruhen in den
Pariser Banlieues mündet. Zum anderen erhält der Horrorfilm durch den weltweiten
Erfolg der Saw-Filmreihe, die am 29. Oktober 2004 mit Saw ihren Anfang nimmt und
am 21.Oktober 2010 mit Saw 3D – die Vollendung ihren vorerstigen Schluss begründet,
nicht nur einen prinzipiellen Aufschwung, sondern auch den Einzug in das MainstreamKino.
9
Ebd. S. 111.
Romney, Jonathan: Le sex and violence. In: The Indipendent (12.09.2004). S. 2.
11
Palmer, Tim: Style and Sensation in the Contemporary French Cinema of the Body. In: Journal of Film
and Video 58.3 (Fall 2006). S. 25.
12
Ebd. S. 26.
10
3 Neben Carne als „the ur-text of the New French Extremity“13 und dem 1929 erstmals
aufgeführten Klassiker des Surrealismus Un chien andalou von Luis Buñuel und
Salvador Dalí als filmischer Vorgänger werden Referenzen zu Les Chants de Maldoror
des Comte de Lautréamont und den Schriften des französischen Philosophen und
Literaten Georges Bataille gezogen:
A no less influential 20th-century figure is Georges Bataille, philosopher and writer of a
deliriously sordid brand of literary pornography – whose most famous work The Story oft he Eye
(1928) stages fantasies of death, mutilation and rampant sex.14
Trotz der intensiven Verweise auf den Einfluss Bataillscher Begriffe kann ein Mangel in
der konkreten Ausarbeitung der Interferenzen festgestellt werden. Diese Arbeit
versucht, sich genau dieser Leerstelle im Forschungsfeld anzunehmen, indem sie der
Frage nachgeht, auf welchen Ebenen sich die Bezüge zwischen Batailles Begriffs- und
Denkraster und den Filmen des Cinéma du corps entfalten.
Die Analyse des Filmkorpus wird sich in der Folge über inhaltliche, formale und
strukturale Aspekte erstrecken. Dabei wird der jeweils ausgewählte Film paradigmatisch
einem Begriff Batailles zugeordnet. Der zu analysierende Filmkorpus setzt sich aus
insgesamt vier Filmen zusammen – jeweils zwei Filme jeder Phase. Sowohl Philippe
Grandrieux als auch Claire Denis zählen zu den Begründern und Wegweisern des
Cinéma du corps, so dass ihre Filme als Eckpfeiler der ersten Phase fungieren: Sombre
von Grandrieux eröffnet die Filmanalyse. Im Unterschied zu den anderen drei
ausgewählten Filmen soll Sombre verstärkt auf seine formalen Eigenheiten analysiert
werden, da er als paradigmatisch für den Begriff des L´informe steht. Im Rahmen der
Analyse formaler Kriterien sind die 1929 und 1930 in der Kunstzeitschrift Documents
veröffentlichten Beiträge Batailles von besonderem Interesse. Sie sind nicht nur „der
Ausdruck des Bataillschen Denkens »in nuce«“15, sondern stellen auch den Versuch dar,
eine „Darstellungsform für eine Wirklichkeit, die sich der Darstellung immer schon zu
entziehen scheint“16, zu finden. Die drei Kriterien der „ästhetischen Desublimierung der
schönen Formen hin zu einem niederen Materialismus; psychologisch die Befreiung
gewaltsamer Sexualität; und historisch der Wiederanschluss an archaische Praktiken der
Herstellung und Bekräftigung des gesellschaftlichen Lebens in Gefühlen der Repulsion
13
Quandt, J.: Flesh & Blood. S. 129.
Romney, J: Le sex and violence. S. 4.
15
Bischof, Rita: Souveränität und Subversion. Georges Batailles Theorie der Moderne. München:
Matthes & Seitz Verlag 1984. S. 48.
16
Ebd. S. 47.
14
4 und in Akten des Opfern“ 17 bilden den Rahmen einer Ästhetik, die sich der
Transgression verschreibt. Sie macht es sich zur Aufgabe, durch fünf Strategien die
Menschliche Figur zu deklassieren. 18 Diese Strategien finden ihre exemplarische
Anwendung in Sombre. Sie können ebenfalls in den weiteren Filmen wiedergefunden
werden – weshalb sie in der jeweiligen Analyse auch benannt werden –, bilden aber
nicht den Fokus derselbigen. In der Analyse des zweiten Films – Trouble every day von
Denis – wird das Hauptaugenmerk auf die Darstellung der Erotik und Sexualität gelegt.
Es wird der Frage nachgegangen, ob die jeweiligen sexuellen Beziehungen zwischen
den Figuren der Bataillschen Erotik zugeordnet werden können und in welchem
Verhältnis Sexualität, Erotik und Libido zueinanderstehen. Die Analyse der Filme der
zweiten Phase wird bestimmt durch À l´interieur und Martyrs, in denen jeweils eine
Opferung inszeniert wird. À l´interieur verfolgt die Perspektive der Außenschau im
Opferungsprozess, so dass das Heterogene und das Homogene in ihren Merkmalen
sowie ihrem Zusammenspiel im Fokus stehen. In Martyrs wird der Prozess der
Opferung hingegen aus der Innenschau beleuchtet, so dass das Bataillsche Opfer im
Wechselverhältnis zu dem Begriff der inneren Erfahrung den Fokus der Analyse bildet.
Martyrs bildet darüber hinaus das Ende der Filmanalyse, da er wegen der Einlösung des
Versprechens, „reines, kaltes Grauen zu erzeugen,“19 von Marcus Stiglegger auch als
„Endpunkt“20 des Genres bezeichnet wird.
Doch bevor eine detaillierte Filmanalyse mit paradigmatischer Zuordnung Bataillscher
Begriffe erfolgen kann, muss zuvor eine Re-Lektüre der Schriften Batailles
gewährleistet werden, um mit dieser Lesart den Filmkorpus sehen und analysieren zu
können. Auf Grund der Heterogenität – sowohl der von Bataille aufgemachten Diskurse
als auch der Textformen und Themen – ist es schwer, von einer klar umrissenen
Bataillschen Theorie zu sprechen, die man explizit oder implizit aus seinen Schriften
herausarbeiten und zusammensetzen kann. Die Re-Lektüre versteht sich vielmehr als
Sammlung von Schlaglichtern, die paradigmatisch den Filmen zugeordnet werden:
Nachdem ein kurzer Überblick über den Forschungsstand zu Bataille vorgenommen
17
Menninghaus, Winfried: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Frankfurt am Main:
Suhrkamp 2002 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1634). S. 489.
18
Bataille selbst würde selbst nie von Strategien, einem Programm oder Absicht sprechen, da es dem
Wesen des Heterogenen widerspricht. Werden Begriffen wie Programm, Absicht oder Strategie in dieser
Arbeit verwendet, so haben sie stets heuristische Funktion. Um dem Merkmal der Zielgerichtetheit und
des Kalküls des Begriffs Strategie zu entgehen, spricht Didi-Huberman von Symptomen des Heterogenen
im Feld des Homogenen. So verwendet auch diese Arbeit den Begriff Strategie im Sinne eines
Phänomens, des Ausdrucks oder Aufkommens des Heterogenen.
19
Stiglegger, Marcus: Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror. Berlin: Bertz + Fischer 2010 (Kultur &
Kritik I). S. 94.
20
Ebd. S. 94.
5 worden sein wird, um diese Arbeit darin einbetten zu können, beginnt die Re-Lektüre
Batailles im Zeichen der späteren inhaltlichen Analyse der Filme mit der Beschreibung
einer Grunddifferenz, die alle weiteren Begriffe ebnen wird (2.2.): In Abgrenzung zu
dem deutschen Philosophen G.W.F. Hegel und der von ihm beschriebenen Welt der
Arbeit – dem Homogenen – entwickelt Bataille den Begriff des Heterogenen, der als
Oberbegriff für alle Symptome der Verschwendung fingiert. Im Folgenden wird auf die
zwei Symptome der Verschwendung der Erotik (2.4) und des Opfers (2.5) eingegangen,
um am Ende mit dem ästhetischen Begriff des L´informe formale Strategien
herausarbeiten zu können. Es wird hier an die Veröffentlichung Formlose Ähnlichkeit
von Georges Didi-Huberman aus dem Jahr 2010 angeknüpft, der aus den von Bataille in
Documents veröffentlichten Beiträgen eine Bilderzeugungsstrategie ableitet.
Im Rahmen der erläuterten Fragestellung lässt sich diese Arbeit sowohl dem
wissenschaftlichen Diskurs um Bataille wie auch dem Forschungsfeld des Cinéma du
corps zuordnen, da sie beide miteinander zu verknüpfen sucht. Es wird versucht werden,
die Forschungsdiskussion um die Filme des Cinéma du corps durch neue Definitions-,
Abgrenzungs- und Genrekriterien zu bereichern, aber auch Momenten in den Schriften
Batailles, die bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, im Rahmen der Analyse
der Filme zu neuer Beachtung zu verhelfen. Darüber hinaus gibt die vorliegende
Analyse Antwort auf die von Regina Quinn in ihrer 1999 erscheinen Studie KörperReligion-Sexualität gestellte Frage nach der Legitimation und Notwendigkeit der
wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Bataille: „Warum überhaupt Bataille
lesen?“ 21 Inwiefern die Filmanalyse dem Forschungsstand zu Bataille eine weitere
Perspektive hinzufügen kann, indem Bataille als Theoretiker einer transgressiven
Bildästhetik gelesen wird, zeigt der nun folgende Blick auf seine Rezeptionsgeschichte.
2. Re-Lektüre Batailles
2.1. Forschungsstand
Der am 10. September 1897 in Billom geborene Schriftsteller und Philosoph Georges
Bataille gilt als einer der „schillernden Gestalten der europäischen Geistesgeschichte
des 20. Jahrhunderts.“22 Doch bedingt durch „den Charakter des Aphoristischen“23, der
fast allen seinen schriftlichen Zeugnissen inne wohnt, sowie den zahlreichen
21
Quinn, Regina Ammicht: Körper–Religion–Sexualität. Theologische Reflexionen zur Ethik der
Geschlechter. 2. Auflage Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 2000. S. 176.
22
Ebd. S. 159.
23
Ebd. S. 161.
6 Wendepunkten seines Lebens, die erheblichen Einfluss auf sein Schreiben ausgeübt
haben, sperrt sich kaum ein weiteres Gesamtwerk so der Lektüre, Sinnstiftung und
Analyse. Über die Jahre hinweg verwebt Bataille die „an physikalistisch-mechanistisch
oder biologische Modelle erinnernde Redeweise von Energie, Abfuhr, Spannung oder
Kraft“24 mit dem ethnographisch-sozialistischen Diskurs Durkheims über das Opfer zu
einer fragmentarischen Seins-, Lebens-, Menschen- und Gesellschaftstheorie:
Sie integrieren Nietzsches Kritik der kulturellen Selbstverekelung des Menschen und sein Ideal
des lachenden Löwen, Freuds Behauptung einer Insistenz perverser, insbesondere exkrementeller
und sadistischer Triebregungen und Durkheims Beschreibung des heiligen Sakrilegs als eines
Grunddatums aller sozialen Kommunikation in eine Lehre, die zwischen einer
Fundamentalanthropologie und einer Philosophie der wesentlichen, weil freien »Existenzen«
oszilliert.25
Dabei hat sich sein Denken in drei Wendepunkten entwickelt: Die erste Phase kann als
„religiöse Jugendphase“26 und die Zweite als Verlust eben dieses christlichen Glaubens
bezeichnet werden. Der letzte Umbruch wird durch ein Erlebnis während eines
Stierkampfes im Mai 1922 eingeleitet, bei dem der damals bekannte Torero Manolo
Granero ums Leben kommt. Dieses Ereignis inspiriert nicht nur die Kurzgeschichte
L’œil de Granero in Histoire de l'œil, sondern hat darüber hinaus eine intensive
Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Grenzüberschreitung, ihrer Tragweite und
(Un-)Möglichkeit ihrer Versprachlichung zur Folge (vgl. 2.5.).
Parallel dazu entwickelt sich auch die Rezeptionsgeschichte in drei Etappen: Wurden
Batailles Schriften zu seiner Lebenszeit nur mit wenig bis „polemisch verzerrter
Beachtung“27 gewürdigt, gelingt ihm mit der Veröffentlichung L´Expérience intérieure
1943 die Rezeption durch ein breiteres Publikum. In diese Phase fällt sowohl das
Zerwürfnis Batailles mit André Breton und dem Kreis der Surrealisten als auch die
Rezeption Jean-Paul Sartres im Zeichen des Mystizismus und Walter Benjamins
ambivalent-kritische Haltung gegenüber dem Collège de sociologie und der
intellektuellen Positionierung der Mitglieder von Acéphale.
Nach Batailles Tod 1962 findet eine spärliche Rezeption durch Freunde und Mitarbeiter
statt, bis es dann zu einer „Wiederentdeckung Batailles durch eine jüngere Generation,
die zeitlich mit der Studentenrevolte zusammenfällt“
28
, kommt. Die dieser
vorauseilende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bataille durch französische
Schriftsteller und Philosophen wie Roland Barthes, Michel Foucault, Jacques Derrida
24
Wiechens, Peter: Bataille zur Einführung. Hamburg: Junius 1995. S. 98.
Menninghaus, W.: Ekel. S. 497.
26
Quinn, R. A.: Körper-Religion-Sexualität. S. 161.
27
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 345.
28
Ebd. S. 347.
25
7 und Julia Kristeva steht im Zeichen der „Rehabilitierung Batailles sowohl gegenüber
André Breton wie auch gegenüber Sartre.“29 Über die Beschreibung des Aufsatzes
Préface à la transgression von Michel Foucault als „Schlüsselstellung“30 in der dritten
Rezeptionsphase durch Peter Wiechens hinaus, kann Foucault als ein wesentlicher
Initiator der Aufwertung Batailles bezeichnet werden: „Bataille est l´un des écrivains les
plus importants de son siècle.“31 Foucault stellt Bataille auch erstmals in den Kontext
postmoderner Theorien – speziell der Auflösung des abendländischen Subjekts und dem
Versuch, mit metaphysischen und ontologischen Traditionslinien zu brechen:
„Nietzsche, Blanchot et Bataille sont les auteurs qui m´ont permis de me libérer de ceux
qui ont dominé ma formation universaire, au début des années 1950: Hegel et la
phénoménologie.“ 32 In der Grenzüberschreitung vollzieht sich für Foucault die
Entmachtung und „fracture de sujet philosophique“33 sowie die Eröffnung eines Raumes
jenseits abendländischer Subjektbildung.
Neben der Integrierung Bataillscher Ideen in die postmoderne Diskussion um den Tod
des Subjekts, findet eine Zuordnung von Batailles Gedanken in den Diskurs der Frage
nach einem Ort des Nicht-Diskursiven und Nicht-Kodierbaren statt. Dem kann die
Inanspruchnahme Batailles als Gegendiskurs zu Hegel und dem aufklärerischen
Vernunftglauben hinzugefügt werden. 34 Dabei lässt er sich sehr leicht als „weitere
Version des Mythos der ursprünglichen Präsenz“
35
und der Phantasmen von
Ursprünglichkeit lesen und liefert so eine weitere „große Erzählung“36 , die seiner
Rezeption und Kontextualisierung in postmodernen Theorien entgegensteht.
Zu den in der dritten Rezeptionsphase bereits intensiv diskutierten Begriffen und
Veröffentlichungen gehören seine religionswissenschaftlichen Schriften (Théorie de la
religion), seine Schriften zur Ökonomie (La Part maudite), La littérature et le mal,
sowie vor allem seine Kurzgeschichten - wie Madame Edwarda, Le Bleu du ciel, Ma
mère - oder auch der Band L´érotisme und Les larmes d´Éros, so dass er bis heute auch
29
Ebd. S. 347.
Wiechens, P.: Bataille. S. 28.
31
Foucault, Michel: Présentation. In: Dits et écrits I. 1954-1975. Paris: Quarto Gallimard 2001. S. 893.
32
Foucault, Michel: Entretien avec Michel Foucault. In: Dits er écrits II. 1976-1988. Paris: Quarto
Gallimard 2001. S. 867.
33
Foucault, Michel: Préface à la transgression. In: Dits et écrits I. 1954-1975. Paris: Quarto Gallimard
2001. S. 271.
34
Vgl. Lavagno, Christian: Rekonstruktion der Moderne. Eine Studie zu Habermaß und Foucault.
Münster: LIT Verlag 2003 (= Philosophie Forschung und Wissenschaft Band 11). S. 80.
35
Neuenhaus-Luciano, Petra: Individualisierung und Transgression. Die Spur Batailles im Werk
Foucaults. Hrsg. v. Gerburg Treusch-Dieter. Pfaffenweiler: Centaurus-Verlagsgesellschaft 1999 (=
Schnittpunkt * Zivilisationsprozeß Band 25). S. 138.
36
Lyotard, Jean-François: Das Postmoderne Wissen: ein Bericht. Graz: Böhlau 1986. S. 112. 30
8 als „französischer Sexualphilosoph“ 37 bekannt ist und rezipiert wird. Weniger
Beachtung fanden allerdings die Begriffe Souveränität, Gemeinschaft und L´informe. In
neuerer Zeit werden diese Lücken durch Rita Bischofs Veröffentlichung Souveränität
und Subversion, Jean-Luc Nancy in La communauté désœuvrée und Georges DidiHuberman in Formlose Ähnlichkeit zu decken versucht.
Die Reihenfolge der nun folgenden Erläuterung Bataillscher Begriffe im Hinblick auf
die inhaltliche Analyse der vier ausgewählten Filme wird nicht primär durch die Präsenz
und
Gewichtung
in
der
Rezeptionsgeschichte
und
wissenschaftlichen
Auseinandersetzung oder der Reihenfolge der Filme bestimmt, sondern vielmehr durch
die innere Logik im Bataillschen Begriffsraster. Den Anfang nimmt somit die tragende
Unterteilung der menschlichen Lebenswelt in das Homogene und das Heterogene.
Beide Begriffe sowie ihr Wechselspiel und Zusammenspiel werden sich in vielen
Filmen des Cinéma du coprs wiederfinden, können aber für À l´interieur als zentrales
Thema definiert werden.
2.2. Das Homogene und das Heterogene
Der von Bataille als homogen bezeichnete Ausschnitt der Lebenswirklichkeit wird
durch zwei Grundpfeiler bestimmt: das Werkzeug und die Arbeit.
In Abgrenzung zum Tier und der Welt der Animalität erklärt Bataille in seinem Versuch
der Kosmogonie das Werkzeug als das entscheidende Element, das einen signifikanten
Wandel einleitet: „C´est dans la mesure où les outils sont élaborés en vue de leur fin que
la conscience les pose comme des objets, comme des interruptions dans la continuité
indistincte. L´outil élaboré est la forme naissante du non-moi.“38 Das Merkmal der
Animalität, verstanden als „l´immédiateté“39, macht er am Nahrungshabitus der Tiere
fest:
L´animal qu´un autre animal mange n´est pas encore donne comme objet. Il n´y a pas, de
l´animal mangé à celui qui mange, un rapport de subordination comme celui qui lie un objet, une
chose, à l´homme, qui refuse, lui, d´être envisagé comme une chose.40
Der sinnhafte Gebrauch des Werkzeugs aktiviert die Ebene der „Objektivität der
Macht“ 41 in der alltäglichen Lebenswirklichkeit und etabliert eine Subjekt-Objekt 37
Stiglegger, Marcus: Sexualität und Macht. Sadomasochismus im Film. In: Kino der Extreme.
Kulturanalytische Studien. Hrsg. v. Marcus Stiglegger. St. Augustin: Gardez! Verlag 2002. S. 69.
38
Bataille, Georges: Théorie de la religion. In: Œuvres complètes VII. Paris: Éditions Gallimard 1976. S.
297.
39
Ebd. S. 291.
40
Ebd. S. 292.
41
Bataille, Georges: Die psychologische Struktur des Faschismus. Die Souveränität. Hrsg. v. Elisabeth
Lenk. München: Matthes & Seitz 1978. S. 63.
9 Relation, die als Benutzer-Benutztes-Relation verstanden wird: „[...], sondern eine
Gesellschaft der Objekte, wie es die Fabriken, die maschinell hergestellten Produkte
und die Reichtümer sind. Das in Geld umgesetzte Objekt gilt dort mehr als das Subjekt,
[...].“ 42 In der Folge findet ein Wechsel von Immanenz zu Transzendenz, von
Souveränität zu Utilitarismus statt, in dem die Animalität geleugnet wird:
Es ist die menschliche Welt, die, in der Negation der Animalität oder der Naturgeformt, sich
selbst negiert und in dieser zweiten Negation über sich hinausgeht, ohne jedoch zu dem
zurückzukehren, was sie ursprünglich negiert hatte.43
Bataille bezeichnet das Homogene auch als die profane „monde des choses“44, in der
das Prinzip der Diskontinuität herrscht. Dabei geht er von einem ursprünglichen
Zustand der Kontinuität aus, der durch das Werkzeug und die Arbeit zerstört wird und
zwei Folgen hat: Zum einen spricht Bataille von einem Mangel, der durch den Verlust
der Totalität – verstanden als „Objektlosigkeit“45 –, entsteht. Zum anderen generiert
dieser Mandel eine Ruhelosigkeit, einen Drang, der nach Transgression sucht. Diese
überschüssige Energie kann in der Folge zur Entwicklung und Wachstum oder aber für
das sogenannte „turbulence des individus “46 in Festen, Orgien und Exzessen verwendet
werden. Später erweitert er die Idee der Existenz und Möglichkeit eines Wachstums
dahingehend, dass diese „pression“ 47 zwar zu einer Form der Erweiterung oder
Ausbreitung führen kann, aber eben auch zur Zerstörung von Möglichkeiten. Diese
Figur der Umkehrung, Implosion bezeichnet er als Luxus und differenziert drei
verschiedene Ausprägungen: „la manducation des espèces les unes par les autres“48, der
Tod und die geschlechtliche Fortpflanzung.
Neben dem Werkzeug, das das „Heraustreten aus der Animalität“49 und die Etablierung
von Subjekt-Objekt-Relationen bewirkt, fungiert die Arbeit als signifikantes
Distinktionsmerkmal: „En un mot, ils se distinguèrent des animaux par le travail.“50 Der
Begriff der Arbeit in der homogenen Welt ist eng verknüpft mit dem deutschen
42
Ebd. S. 57.
Ebd. S. 83.
44
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 309.
45
Bergfleth, Gerd: Leidenschaft und Weltinnigkeit. Zu Batailles Erotik der Entgrenzung. In: Georges
Bataille: Die Erotik. Hrsg. v. Gerd Bergfleth. München: Matthes & Seitz 1994 (= Georges Bataille. Das
theoretische Werk in Einzelbänden). S. 389.
46
Bataille, Georges: La part maudite. In: Œuvres complètes VII. Paris: Éditions Gallimard 1976. S. 35.
47
Ebd. S. 39.
48
Ebd. S. 40.
49
Bergfleth, G.: Leidenschaft und Weltinnigkeit. S. 389.
50
Bataille, Georges: L´érotisme. Paris: Les éditions de minuit 1957. S. 36.
43
10 Philosophen Hegel, der für Bataille mit der Dialektik von Herr und Knecht und dem
Kampf des Menschen um Anerkennung „la philosophie du travail“51 begründete:
La négativité est le principe de l´Action ou plutôt, l´Action est Négativité et la Négativité,
Action. [...]. L´Action est donnée en premier lieu dans la lutte du Maître – lutte de pur prestige –
en vue de la Reconnaissance. Cette lutte est essentiellement une lutte à mort.52
Bataille beschreibt die Inauguration des Werkzeugs und den damit einhergehenden
Verlust der Totalität nicht nur synchron auf der Ist-Ebene, sondern auch diachron auf
der historischen Zeit-Achse. Er macht deutlich, dass dieser Umschlag sich im Laufe der
Geschichte mehrmals vollzogen hat, am deutlichsten und drastischsten aber mit der
Bildung der bürgerlichen Gesellschaft stattfand:
Dieser historische Umschlag hat nicht nur einmal stattgefunden, sondern jedesmal in der
Geschichte der Völker, wenn die gleichen Bedingungen gegeben waren. Nur der tiefgreifende
Verfall, der mit der bürgerlichen Gesellschaft begann, hat sich zum ersten Mal in unserer Zeit
ereignet.53
Man kann Habermas demnach zustimmen, wenn er behauptet, dass Bataille sich
„vielmehr auf die Grundlage einer ethischen Rationalisierung, die Weber zufolge das
kapitalistische Wirtschaftssystem ermöglicht und damit das gesellschaftliche Leben
insgesamt den Imperativ der entfremdeten Arbeit und es Akkumulationsprozesses
unterworfen hat“54, bezieht und stützt.
In Abgrenzung zum Homogenen verschreibt sich der Begriff des Heterogenen der
Würdigung aller Aspekte menschlichen Daseins, denen Hegel in seiner Beschreibung
der profanen Welt der Dinge keinen Raum gegeben hat: „Das ist vor allem die
Körperlichkeit oder die Welt als solche, und in Verbindung damit die verfemten
Bereiche menschlicher Erfahrung, Sexualität und Tod.“ 55 Bataille bezeichnet das
Heterogene auch als die „monde sacré“ 56 , die der Mensch als „vertigineusement
dangereux“57 erlebt und deshalb mit Distanz und Skepsis entgegentritt.
51
Bataille, Georges: Le coupable. In: Œuvres complètes V. Éditions Gallimard 1973. S. 341.
Bataille, Georges: Hegel, l´homme et l´histoire. In: Œuvres complètes XII. Articles 2. 1950-1961. Paris:
Éditions Gallimard 1988. S. 351. Zur Bedeutung Hegels für das Denken Batailles könnte noch sehr viel
gesagt werden. Da es allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen und von der eigentlichen
Fragestellung wegführen würde, sei auf folgende Veröffentlichungen verwiesen: Meier, Philipp:
Autonomie und Souveränität oder das Scheitern der Sprache; Boelderl, Arthur R.: Georges Bataille.
53
Bataille, G: Die psychologische Struktur des Faschismus. S. 57.
54
Habermas, J.: VIII: Zwischen Erotismus und Allgemeiner Ökonomie: Bataille. In: Der philosophische
Diskurs der Moderne. S. 251.
55
Boelderl, Arthur R.: Georges Bataille. Berlin: Parerga Verlag 2005. S. 38.
56
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 302.
57
Ebd. S. 302. Zum Bataillschen Verständnis des Heiligen und Sakralen könnte an dieser Stelle noch viel
gesagt werden, würde aber den Rahmen der Arbeit sprengen und von der eigentlichen Fragestellung
wegführen. Erneut aufgegriffen wird das Heilige in 2.5. im Rahmen des Opferbegriffs und dem Collège
de Sociologie. Für weitere Informationen sei auf folgenden Beitrag verwiesen: Albers, Irene u. Stephan
Moebius: Nachwort.
52
11 Da „das Heterogene jeder wissenschaftlichen Erkenntnis entzogen ist“58, stellt sich bei
dem
Versuch,
das
Ausgeschlossene
fassen
zu
wollen,
sowohl
ein
erkenntnistheoretisches Problem als auch ein Sprach- und Darstellungsproblem.
Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass die Heterologie „kein Objekt besitzt“59,
da sie kein Ding ist, sondern eine Erfahrung und damit immer schon flüchtig. Sie ist im
Grunde immer praktisch und als solche sucht sie nach den Bedingungen, im
Homogenen Formen und Erfahrungen des Heterogenen stattfinden lassen zu können.
Bataille glaubt diese „heterogenen Impulse des Lebens“60 im Lachen, der Erotik, dem
Opfer und dem Fest wiedererkannt zu haben. Bischof zustimmend treten sie „inmitten
des sozialen Milieus als a-sozial, inmitten des intellektuellen Milieus als a-rational in
Erscheinung.“61
Nachdem nun beide Bereiche mit ihren Kriterien beschrieben worden sind, stellt sich
die
Frage
nach
ihrem
Verhältnis
zueinander.
Prinzipiell
kann
dieses
als
Abhängigkeitsbeziehung bezeichnet werden, das zwei verschiedene Ausprägungen
erfahren kann: Verdrängung und Potential. Das Heterogene bezeichnet das Verdrängte
des Homogenen, das eben durch seine Verdrängung dem Homogenen seine Existenz
ermöglicht. Bataille hat dieses Verhältnis in dem 1927 erschienen Aufsatz L´Anus
solaire beschrieben. Darin entwirft er das Bild einer zyklischen Bewegung, die sich aus
zwei Einzelbewegungen zusammensetzt: „Les deux principaux mouvements sont le
mouvement rotatif et le mouvement sexuel, dont la combinaison s´exprime par une
locomotiv composée de roues er de pistons.“62 Diese Bewegungen können übersetzt
werden in eine horizontale Ebene, der „profanen Sphäre der Arbeit und der Vernunft“63
– das Homogene – und einer vertikalen Ebene, in der Verausgabung und Souveränität
gelten – das Heterogene. Zwei Jahre später wird Bataille in dem in Documents 1929
veröffentlichten Beitrag Le Langage des fleurs eine ähnliche Ansicht und
Argumentation verfolgen. Darin spricht er von den zwei Seiten einer Blume, der
„présence réele“64 und einer idealen Existenz, die aber nur zusammen bestimmend für
die Blume sind. Neben der Beschreibung des Verhältnisses des Homogenen und
Heterogenen als Abhängigkeit, kann das Heterogene auch als Potential des Homogenen
58
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 171.
Ebd. S. 172.
60
Ebd. S. 153.
61
Ebd. S. 153.
62
Bataille, Georges: L´anus solaire. In: Œuvres complètes I. Premiers Écrits 1922-1940. Paris: Éditions
Gallimard 1970. S. 82.
63
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 116.
64
Bataille, Georges: Le langage des fleurs. In: Documents 3 (1929). S. 160.
59
12 betrachtet werden: Das Heterogene erwächst als nicht aktualisierte Möglichkeit aus dem
Homogenen. Eben dieser Moment des Daraus-Erwachsens ist der Moment der
Bataillschen Transgression:
Cette double expérience est rare. Les images érotiques, ou religieuses, introduisent
essentiellement, chez les uns les conduites de l´interdit, chez d´autres, des conduites contraires.
Les premières sont traditionelles. Les secondes elles-mêmes sont communes, du moin sous
forme d´un trétendu retour à la nature, à laquelle s´opposait l´interdit. Mais la transgression
diffère du retour à la nature: elle lève l´interdit sans le supprimer.65
In der Überschreitung findet keine Zerstörung der einzelnen Bereiche statt und es wird
ebenso wenig etwas verneint. Vielmehr kann man Foucault zustimmen, wenn er die
Geste der Transgression sehr treffend wie folgt beschreibt:
La transgression n´est donc pas à la limite comme le noir est au blanc, le défendu au permis,
l´extérieure à l´intérieur, l´exclu à l´espace protégé de la demeure. Elle lui est liée plutô selon un
rapport en vrille dont aucune effraction simple ne peut venir à bout.66
Das Verhältnis des Heterogenen zum Homogenen kann demnach als „l´affirmation non
positiv“67 beschreiben werden, in dem das Heterogene das Homogene nicht negiert,
weil es „ihm das Leben ermöglicht.“68 Diese Beziehung brachte Bataille seitens vieler
Kritiker den Vorwurf des Widerspruchs oder Heuchelei ein. Dem können zwei Punkte
entgegengehalten werden: Zum einen war sich Bataille dieses Widerspruchs immer
bewusst: „Elle a sans nul doute la même intention fondamentale que le sacrifice
archaïque, qui est, suivant un inéluctable destin, en même temps de lever et de prêserver
l´ordre des choses.“69 Zum anderen ist er angesichts der Tatsache, dass es Batailles
These und Gewinn ist, diese „Zwitterform“70 aufgedeckt und benannt zu haben, nichtig.
Neben den bereits erläuterten Merkmalen des Heterogenen ist die Souveränität allen
heterogenen Phänomenen inhärent.
2.3. Die Souveränität
Um Souveränität verstehen zu können, muss zuerst ein Blick auf die Hegelsche HerrKnecht-Dialektik geworfen werden, die dieser vorauseilt und in dessen Abgrenzung sie
entstanden ist.
Wie bereits erwähnt, weist die Welt der Dinge die Struktur der Hegelschen HerrKnecht-Dialektik auf. Die Begriffe des Herrn und des Knechts bezeichnen dabei nicht
etwa bestimmte Berufe oder eine Stellung in der gesellschaftlichen Pyramide, vielmehr
65
Bataille, G.: L´érotisme. S. 42.
Foucault, M.: Préface à la transgression. S. 265.
67
Ebd. S. 266.
68
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 15.
69
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 328.
70
Bataille, G.: Die psychologische Struktur des Faschismus. S. 54.
66
13 sind sie Chiffren für zwei verschiedene Positionen in einer Machtrelation. Bezeichnend
für die Beziehungsstruktur zwischen Herr und Knecht ist sowohl die Konfrontation mit
dem Tod als auch die Rolle des Körpers. Die in der Konfrontation aufgerufene Angst
entpuppt sich als Drehmoment nicht nur für die Differenz zwischen Herr und Knecht,
sondern auch für die zwischen Machtstruktur und Souveränität. In der Akzeptanz der
Angst durchläuft das sich in der Position des Knechts befindende Opfer die innere
Erfahrung, die dem Heterogenen angehört.
Die Position des Herrn zeichnet sich dadurch aus, dass der Herr sich der Angst stellt,
während der Knecht das Wagnis des Todes nicht eingeht und so in der Folge dem
dienlich ist, der sich dieser Konfrontation stellt. Es kommt also zur Unterteilung der
Menschen in „deux classes, celle des hommes souveraines, que Hegel désigna sous le
nom de Maîtres (Herren), celle des Esclaves (Knechten), servant les Maîtres.“71 Da der
Knecht sich dem Wagnis des Todes nicht ausliefert, handelt er in der Folge für den
Herrn. Der Körper des Knechts operiert also an der Stelle des Körpers des Herrn, da der
Herr als „für sich seinende[s] Bewusßtsein“72 scheinbar keinen Körper besitzt: „Ebenso
das andere Moment, daß dies Tun des zweiten das eigne Tun des ersten ist; denn was
der Knecht tut, ist eigentlich Tun des Herrn; [...].“73 Somit lässt sich der Schluss ziehen,
dass die Arbeit und Position des Knechts eine doppelte Verleugnung bedingt und
voraussetzt: Nicht nur verleugnet der Knecht im Akt der Ersetzung seinen eigenen
Körper, sondern auch die Tatsache, dass er nun der Körper des Herrn ist, der in seinem
Auftrag arbeitet. Die Arbeit des Knechts ist nicht nur seine Arbeit, sondern auch die
Arbeit des Herrn, wie Hegel bestätigt: „[...]; aber dieses Tun des Einen hat selbst die
gedoppelte Bedeutung, ebenso wohl sein Tun als das Tun des Anderen zu sein.“74 Um
die Arbeit als seine anerkennen zu können, bedarf es dem, was Hegel das Ding oder
auch „Element des Bleibens“75 nennt – in Martyrs etwa werden diese Elemente durch
die zahlreichen Narben der Opfer dargestellt.
In Hegel, l´homme et l´histoire aus dem Jahr 1956 kommentiert Bataille die Position des
Herrn wie folgt:
L´attitude du Maître implique la souveraineté: et le risque de mort accepté sans raisons
biologique en est l´effet. [...]. Or tout homme est intitialmente souverain, mais cette souveraineté
est à la rigueure celle de l´animal sauvage. [...]. Ceci va si loin que, la lutte engagée fût-elle de
71
Bataille, G.: Hegel, l´homme et l´histoire. S. 351.
Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Werke 3. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986 (=
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 603). S. 150.
73
Ebd. S. 152.
74
Ebd. S. 146.
75
Ebd. S. 154.
72
14 pur prestige, s´il tue son adversaure, un homme n´a rien obtenu pour autant: un mort ne peut
reconnaître celui qui l´a tué.76
Da es sich bei dem von Hegel beschriebenen Verhältnis um ein dialektisches handelt,
sich die Knechtschaft also am Ende aufhebt, stellt sich die vermeintliche Souveränität
des Herrn als nichtig heraus. Die Haltung des Herrn entspricht vielmehr einer
„existenziellen Sackgasse.“77 Da die Intention der Position des Herrn Anerkennung ist,
diese in dieser Beziehung aber nur vom Knecht geleistet werden kann, der Herr diesen
aber selbst nicht anerkennt, ist auch die Anerkennung des Knechts nichtig. Im
Gegensatz dazu verwirklicht sich der Knecht durch seine Arbeit, gewinnt
Selbstständigkeit:
Es ist also in der Tat das zunächst abhängige, dienende und knechtische Bewußtsein, das letzten
Endes das Ideal des selbstständigen Selbstbewußtsein verwirklicht und offenbar macht und somit
dessen 'Wahrheit' ist.78
Da sich die Position des Herrn innerhalb der Machtrelation als nicht souverän
herausgestellt, versucht Bataille eine Position außerhalb der Machtrelation zu
bestimmen, der er Souveränität zuschreiben kann, modifiziert das Verständnis von
Souveränität aber auch gleichzeitig. Er versteht darunter nicht eine objektiv fassbare
Souveränität, die ihren Niederschlag in Gesetzen und Rechten findet, sondern eine
„virtuelle Souveränität.“79 Sie ist nicht definiert durch das Privileg eines einzelnen, den
„verschiedensten Gestalten, deren Souveränität sich jedesmal historisch-empirisch
definieren läßt“80, sondern durch das Vermögen aller:
Wir irren als Individuen, aber die globale Bewegung der Menschen, sie von der allgemeinen
Attraktion beherrscht wird, kann uns nicht täuschen. Was die Masse anzieht, ist die Existenz
einer Region, in der das menschliche Wesen souverän handelt. Die Attraktion in ihrer
Gesamtheit, gerade dieses Affentheater, bezeichnet in unseren Augen unseren souveränen
Zweck, der darin besteht, uns nicht auf den Zustand eines Dinges reduzieren zu lassen, sondern
bis zu einem gewissen Grade das zu sein, wozu die nützliche Arbeit dient: ein souveränes
Wesen. Damit wird wesentlich ein Leben bezeichnet, das nicht länger vom Kalkül fernliegender
Zwecksetzungen bestimmt wird. Das Leben des Souveräns der Vergangenheit antwortet, wenn
auch grob auf diese Forderung.81
Es bleibt die Frage, welchen Ausdruck die Position der Bataillschen Souveränität im
Feld des Homogen erfährt. In À l´intérieur und Martyrs wird darauf eine Antwort
gegeben: Ebenso wie das Heterogene sich im Feld des Rationalen als Irrationales
darstellt, so markiert die Bataillsche Souveränität eine Position des scheinbar
Ohnmächtigen im homogenen Machtgefüge. Die beiden Hauptfiguren Sarah und Anna
76
Bataille, G.: Hegel, l´homme et l´histoire. S. 351.
Kojève, A.: Hegel. S. 24.
78
Ebd. S. 33.
79
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 17.
80
Bataille, G.: Die psychologische Struktur des Faschismus. S. 47.
81
Ebd. S. 50.
77
15 sind Frauen, denen Gewalt angetan wird und die sich aus ihrer Position auch nicht
befreien können. Darüber hinaus wird in den Filmen deutlich, dass diese souveräne
Position nicht auf Dauer lebbar ist, da sie die Erfahrung des Heterogenen mit dem Tod
ihres Körpers bezahlen.
Da nun die basale Grunddifferenz von Heterogenem und Homogenem sowie der
fundamentale Begriff der Souveränität, auf den die Symptome des Heterogenen
zulaufen, erläutert worden sind, können einzelne Symptome des Heterogenen – die
Erotik und das Opfer – in den Fokus gerückt werden. Den Anfang macht der Begriff der
Erotik, da er für die spätere inhaltliche Analyse von Trouble every day von zentralem
Interesse sein wird.
2.4. Die Erotik
Bataille widmet der Erotik 1957 nicht nur eine eigene Veröffentlichung, sondern
entwickelt bereits 1939 den Entwurf eines Buches namens Die erotische
Phänomenologie.
Für ein erstes Verständnis der Bataillschen Erotik sind zwei Abgrenzungen
entscheidend: Zum einen entspricht die Bataillsche Erotik nicht der simplen sexuellen
Tätigkeit im Dienst der Fortpflanzung:
L´activité sexuelle utilitaire s´oppose à l´érotisme, en tant que ce dernier est la fin de notre vie...
Mais la recherche calculée de la procréacion, semblable au travail de la scie, risque humainment
de se réduire à une lamentable mécanique.82
Zum anderen muss sie auch von der Sexualität geschieden werden, da die Erotik „l´un
des aspects de la vie intérieure de l´homme“83 wiedergibt, wie Bergfleth bestätigt:
„Denn weder der physiologische Sexualakt noch die psychologisch aufweisbare Libido
konstituieren ein erotisches Verhalten, sondern erst die Einstellung, [...].“84
Nach diesem Definitionsversuch durch die Abgrenzung zu verwandten Begriffen
können
in
der
1937
erschienen
Kurzgeschichte
Madame
Edwarda
erste
Wesensmerkmale der Erotik wiedergefunden werden, die es erlauben, diese positiv zu
fassen: Der Erotik wird die Möglichkeit zugesprochen, „ouvrant sur la conscience d´une
déchirure“85 und so Kommunikation und Intimität stattfinden zu lassen. Sie steht als
Erfahrung des Rausches und des Taumels im Dienst der Kontinuität, die den Menschen
82
Bataille, Georges: Les larmes d´Éros. Pris: Jean-Jacques Pauvert 1961. S. 51.
Bataille, Georges: L´érotisme ou la mise en question de l´être. In: Œuvres complètes XII. Articles 2.
1950-1961. Paris: Éditions Gallimard 1988. S. 395.
84
Bergfleth, G.: Leidenschaft und Weltinnigkeit. S. 315.
85
Bataille, G.: Madame Edwarda. In: Œuvres complètes III. S. 10.
83
16 aus seiner Isolation lösen soll. Der Mensch „verharrt in seiner Diskontinuität“86, macht
aber für einige Momente die Erfahrung der Kontinuität. Mit dieser Erfahrung wird das
bis dato bekannte Sein des Menschen in Frage gestellt: „L´érotisme, je l´ai dit, est à mes
yeux le déséquilibre dans lequel l´être se met lui-même en question, consciemment.“87
Darüber hinaus entwirft Bataille eine hierarchische Abfolge dreier unterschiedlicher
Ausprägungen der Erotik: Die Erotik des Körpers markiert die erste Stufe. Der Körper –
sowohl in seiner Fragilität und Verwundbarkeit als auch in seinen diversen Öffnungen –
wird hier zum Schauplatz der Transgression: „Les corps s´ouvrent à la continuité par
ces conduits secrets qui nous donnent le sentiment de l´obscénité.“
88
Von
entscheidender Bedeutung ist dabei die Nacktheit, die für Bataille bereits einen ersten
Bruch mit der Diskontinuität bedeutet, da sie dem „vie sociale, régulière, qui fondent
l´ordre doscontinu des individualités définies que nous sommes“89 entgegengeht. Sie
leitet das „jeu des organes“90 ein, so dass auf die Entblößung die Enteignung durch die
Kraft eben dieser Organe stattfinden kann. Entscheidend für die Erotik der Körper ist
die asymptotische Näherung an den Tod: „Cependant la destruction réelle, la mise à
mort proprement dite, n´introduirait pas une forme d´érotisme plus parfaite que la bien
vague équivalence dont j´ai parlé.“91 Der dem Tod inhärenten Gewalt wird für alle drei
Stufen eine entscheidende Rolle zugesprochen. Dabei sollte allerdings folgender Aspekt
im Hinterkopf behalten werden: Gewalt meint für Bataille eine Überwältigung durch
Leidenschaft: „Die Vergewaltigung grenzt an den Tod, sie grenzt an den Mord.“92 Und
auch wenn Bergfleth argumentiert, dass die Bataillsche Gewalt deshalb „niemals
ideologisch zu verstehen ist“93, so ist sie eine dezidiert männliche. Dieser Aspekt tritt
deutlich hervortritt, wenn Bataille die Penetration mit dem Akt der Tötung gleichsetzt
und eine Rollenverteilung vornimmt, die sich am jeweiligen Geschlecht orientiert:
86
Bataille, Georges: Die Erotik und die Faszination des Todes. Vortrag vom Dienstag, dem 12. Februar
1957 nebst Diskussion. In: Die Erotik. Hrsg. v. Gerd Bergfleth. München: Matthes&Seitz 1994. S. 288.
87
Bataille, G.: L´érotisme. S. 37. Der Unterteilung in homogen und heterogen sowie der im Zuge des
Heterogenen gemachten Erfahrung der Infragestellung des Seins geht ein Verständnis von Sein voraus,
das Bataille nirgends en détail erklärt. Eine genaue Analyse dessen würde an dieser Stelle zu weit führen
und von der eigentlichen Fragestellung ablenken. Es kann für nähere Informationen aber auf den Versuch
von Bergfleth verwiesen werden, aus den Bemerkungen Batailles eine Seinsphilosophie abzuleiten:
Bergfleth, G.: Leidenschaft und Weltinnigkeit.
88
Ebd. S. 24
89
Ebd. S. 25.
90
Ebd. S. 24.
91
Ebd. S. 25
92
Bataille, G.: Die Erotik und die Faszination des Todes. S. 288.
93
Bergfleth: Leidenschaft und Weltinnigkeit. S. 363.
17 Mais, dès maintenant, j´insiste sur le fait que le partenaire féminin de l´érotisme apparaissait
comme la victime, le masculin comme le sacrificateur, l´un et l´autre, au cours de la
consommation, se perdant dans la continuité établie par un premier acte de destruction.94
Die zweite Form der Erotik ist die Erotik der Herzen. Diese kann als Fortführung der
Erotik der Körper bezeichnet werden: „A la base, la passion des amants prolonge dans
le domaine de la sympathie morale la fusion des corps entre eux.“95 Den Liebenden
wird „unter glücklichen Umständen im geliebten Wesen“96 die Kontinuität offenbar. In
der Vereinigung der Herzen findet „la continuité de deux êtres discontinus“97 statt.
Allerdings begleitet diese Form der Erotik das Leiden, „puisqu´elle est, au fond, la
recherche d´un impossible et, superficiellement, toujours celle d´un accord dépendant de
conditions aléatoires.“98
Ist die Erotik der Herzen lediglich der „Transparenz“99 der Kontinuität fähig, so vermag
es die heilige Erotik, eine Öffnung zur Kontinuität zu vollziehen. Um diese allerdings
erleben zu können, bedarf es einer bestimmten Inszenierung:
Bei der Tötung eines Lebewesens, die bei einer Opferung ausgeführt wird, werden die
Anwesenden von dem Gefühl der Kontinuität durchdrungen, die der Tod offenbart und die sich
im Tod verzehrt: dieses undeutliche Gefühl ist das des Heiligen, des Göttlichen.100
Der Wechsel der Bedingungen der Erotik von einer dualen Partnerstruktur hin zu einer
rituellen Inszenierungsstruktur der Transgression deckt ein prinzipielles Problem der
Bataillschen Verbindung von Erotik und Tod auf. Die Leidenschaft will an das
Äußerste, folgt einem Impuls der Gewalt, „die verlangt, daß der Tod sei“101, und
widerspricht so Batailles Bedingung der Annäherung an den Tod. Die Bataillsche Erotik
wird deshalb auch als „expression de l´impossible“102, der Unmöglichkeit, die die
dauerhafte Erfahrung der Kontinuität ist, bezeichnet.
Ferner zeichnen sich für die Erotik zwei Ambivalenzen ab, die symptomatisch für das
Heterogene sind: Zum einen wird der Kern der Erfahrung des Heterogenen durch einen
ambivalenten Gefühlshorizont bestimmt. Es werden die Ahnung von Gefahr und das
Gefühl der Angst ausgelöst, die nicht nur als solche wahrgenommen, sondern darüber
hinaus auch lustbesetzt werden, so dass sie als reizvoll und faszinierend erscheinen. Die
94
Bataille, G.: L´érotisme. S. 25
Ebd. S. 26.
96
Bataille, G.: Die Erotik und die Faszination des Todes. S. 289.
97
Bataille, G: L´érotisme. S. 27.
98
Ebd. S. 27.
99
Bataille, G.: Die Erotik und die Faszination des Todes. S. 289.
100
Ebd. S. 289.
101
Bataille, Georges: Das Opfer. In: Das Collège de Sociologie. 1937-1939. Hrsg. v. Dennis Hollier.
Berlin: Suhrkamp 2012. S. 629.
102
Bataille, Georges: Le paradoxe de l´érotisme. In: Œuvres complètes XII. Articles 2. 1950-1961. Paris:
Éditions Gallimard 1988. S. 323.
95
18 zweite Ambivalenz tut sich in der Funktion des Todes auf. Ausgerechnet der Tod wird
zum Sprungbrett eines Begriffs und einer Intensität des Lebens, wie sie selbst im Leben
nicht stattfinden kann.
Diese Paradoxien werden sich im nächsten Kapitel, das das Bataillsche Opfer in den
Fokus rückt, wiederfinden. Opferungsprozesse finden in unterschiedlichen Variationen
in vielen Filmen des Cinéma du corps statt – so erinnern etwa die erotischen Momente
in Trouble every day an Opferungen –, sind aber für die Analyse von À l´interieur und
Martyrs von besonderer Bedeutung.
2.5. Das Opfer
Bereits vor dem 1974 posthum herausgegebenen Werk Théorie de la religion, in dem
Batailles Verständnis des Opferbegriffs erläutert und in sein Gedankensystem integriert
wird, findet eine Ausarbeitung und Kontextualisierung des Opferbegriffs im Rahmen
der im Collège de Sociologie 1937-1939 veröffentlichten Texte statt. Im Dienst der
Erarbeitung und Etablierung einer „Soziologie des Sakralen“ 103 gründet Bataille
zusammen mit Roger Caillois und Michel Leiris 1937 in Paris das Collège. Die
Entwicklung desselbigen hatte zwar die Einstellung der Zeitschrift Acéphale zur Folge,
verstand sich aber ebenso als „moralische Gemeinschaft“104, in der all die Formen
sozialen Lebens, in denen das Sakrale zu Tage tritt, untersucht werden sollen. Der
theoretischen Grund kann durch die Rezeptionslinie des Werkes von Émile Durkheim
umschrieben werden, die als radikaler Durkheimismus bekannt ist und sich durch die
Suche nach den Formen menschlichen Lebens auszeichnet, die nicht durch
zweckrationale Entscheidungen bestimmt werden. Durkheims Untersuchungen und
Thesen orientieren sich dabei selbst an Soziologen wie seinem Neffen Marcel Mauss,
Henri Hubert und Robert Hertz. Letzterer veröffentlicht 1909 das Werk Prééminence de
la main droite, in dem er eine Bipolarität des Sakralen in eine linke und rechte Seite,
eine unreine und reine Hälfte, aufmacht. Diese Unterteilung wird von Durkheim so
übernommen: „Das Reine und das Unreine sind also nicht zwei getrennte Arten,
sondern zwei Varianten ein und derselben Art, die alle heiligen Dinge umfaßt.“105 In
Anlehnung an diese Differenz können Batailles Texte der linken, unreinen Seite
103
Albers, Irene u. Stephan Moebius: Nachwort. In: Das Collège de Sociologie. 1937-1939. Hrsg. v.
Dennis Hollier. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 758.
104
Bataille, Georges u.a.: Erklärung zur Gründung eines Collège de Sociologie. In: Das Collège de
Sociologie. 1937-1939. Hrsg. v. Dennis Hollier. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 29.
105
Durkheim, Emile: Die elementaren Formen des religiösen Lebens. 2. Auflage Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1984. S. 551.
19 zugeordnet werden. Die dieser These vorausgehende Trennung eines sakralen Bereiches
von einem Profanen wird von Bataille nicht nur geteilt, indem er ihnen die
Bezeichnungen des Homogenen und Heterogenen zukommen lässt, sie bildet auch die
Prämisse für die Bedeutung des Opfers als Ort der Kommunikation und Verbindung
dieser beiden Sphären.
Wie auch die Erotik so markiert das Opfer eine Position der Verausgabung im Feld des
Homogenen. Zentral für die Opferung ist die Unterteilung in Opfer und Opfernden. Das
Opfer „muß sterben, weil die Existenz Tragödie ist.“106 Allerdings bewirkt der Opfernde
zuvor, indem er das Opfer einer vehementen Welle der Gewalt aussetzt, einen Wandel
im Opfer vom diskontinuierlichen Ding zum kontinuierlichen Wesen. Das Opfer macht
die innere Erfahrung und lässt so die heilige Welt des Heterogenen stattfinden, bezahlt
diese Erfahrung aber mit seinem eigenen Tod. Auch der Opfernde verlässt für Momente
durch den Akt des Opferns die Welt der Diskontinuität, stirbt dabei aber nicht: „La
séperation préalable du sacrificateur du monde des choses est nécessaire au retour de
l´intimité, de l´immanence entre l´homme et le monde, entre le sujet et l´objet.“107
Diesem Verständnis des Bataillschen Opfers widerspricht eine zweite Definition, wobei
beide durch die Ausprägung und Bedeutung des Todes sowohl miteinander verbunden
als auch getrennt sind. Die zweite Bedeutungsebene des Opfers zeichnet sich nämlich
dadurch aus, dass es nun durch „eine Haltung zum Tod“108 bestimmt wird, in der es
keineswegs mehr darum geht, zu sterben, sondern „»auf die Höhe des Todes« getragen
zu werden.“109 Dieser offensichtliche Widerspruch kann durch die unterschiedlichen
Positionen in einer Dramatisierung erklärt werden: Das Opfer, das stirbt, ist das im
Ritus partizipierende Opfer, wohingegen das Opfer, das lediglich an der Todesfreude
teilhat, dem Zuschauer und dem Opfernden des Rituals entspricht. Es findet nicht nur
eine „intensive Kommunikation“ 110 , sondern auch ein Prozess der „contagion“ 111
zwischen den an dem Ritual Partizipierenden statt. Das Moment der Ansteckung führt
Bataille auf das Wesen der sakralen Welt selbst zurück: „La victime meurt, alors les
assistants participent d´un élément que révèle sa mort. Cet élément est ce qu´il est
possible de nommer, avec les historiens des religions, le sacré.“112 In Martyrs ebenso
106
Bataille, G.: Das Opfer. S. 627.
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 307.
108
Bataille, G.: Das Opfer. S. 629.
109
Ebd. S. 632.
110
Bataille, Georges: Todesfreude. In: Das Collège de Sociologie. 1937-1939. Hrsg. v. Dennis Hollier.
Berlin: Suhrkamp 2012. S. 633.
111
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 313.
112
Bataille, G.: L´érotisme. S. 29.
107
20 wie in den anderen Filmen werden beide Ebenen erkennbar sein. Es wird sich
herausstellen, dass nicht nur inhaltlich eine Opferung arrangiert wird, der Film
impliziert darüber hinaus auch den Aspekt der Ansteckung des Zuschauers durch das in
der Opferung heraufbeschworene Heilige. Einem Bataille affinen Zuschauer wird so
verständlich, warum die Antwort Annas auf die Frage nach der Existenz des
Heterogenen nicht an den Zuschauer kommuniziert wird, sondern intradiegetisch von
Figur zu Figur weitergegeben wird: Der Zuschauer kennt die Antwort bereits, weil er
durch die Dramatisierung an der Erfahrung teilgenommen hat (vgl. 3.4.3).
In dem beschriebenen Prozess der Opferung tritt ein Element der Struktur der
Transgression und der darin stattfindenden Erfahrung des Heterogenen deutlich hervor:
„Cette difficulté annonce la nécessité du spectacle, ou généralement de la
représentation, [...].“ 113 Die innere Erfahrung als nichtdiskursive Erfahrung des
Heterogenen ist abhängig von der Bedingung der Dramatisierung, „s´efforçant de
frapper, pour cela imitant le bruit du vent et tâchant de glacer – comme par contagion: il
fait trembler sur scène un personnage [...].“114 In dieser Inszenierung entfaltet sich das
Phänomen der Ansteckung, das eigentlich der Theaterdebatte des 17. und 18.
Jahrhunderts entstammt und eine „ästhetische Erfahrung im Theater als einen
somatischen Vorgang“115 bezeichnet.
Die beschriebene Erfahrungsstruktur der Transgression vollzieht Bataille selbst
exemplarisch bei dem Besuch eines Stierkampfes, den er später in der Kurzgeschichte
L’œil de Granero festhält und der über seine Funktion als narrative Verarbeitung die
dritte Phase seines Denkens einleiten wird. Die dem Stierkampf eigene Verknüpfung
von Tod (des Stieres) mit den Verführungsversuchen des Matadors wird darin
zusätzlich gekoppelt mit den parallel stattfindenden erotischen Avancen Simones und
der „emotional hoch aufgeladenen Erfahrung kollektiver Erregungen“116:
Les événements qui suivirent se produisirent sans transition et comme sans lien, non parce qu´ils
n´étaient pas liés vraiment, mais parce que mon attention comme absente restait absolument
dissociée. En peu d´instants je vis, premièrement, Simone mordre `amon effroi dans une des
couilles crues, puis Granero s´avancer vers le taureau en lui présentant le drap écarlate – enfin, à
peu près en même cante, découvrir de longues cuisses blanches jusqu´à sa second globule pâle –
Granero renversé par le taureau et frappèrent trois coups à toute vovlée, au troisième coup une
immende coïncida avec un orgasme bref de Simone qui ne rencerse en saignant du nez et
113
Bataille, G.: Hegel, la mort et le sacrifice. S. 337.
Bataille, Georges: L´expérience intérieure. In: Œuvres complètes V. Paris: Éditions Gallimard 1973. S.
26.
115
Fischer-Lichte, Erika: Zuschauen als Ansteckung. In: Ansteckung. Zur Körperlichkeit eines
ästhetischen Prinzips. Hrsg. v. Mirjam Schaub. München: Wilhelm Fink Verlag 2005. S. 44.
116
Albers, I. u. S. Moebius: Nachwort. S. 758.
114
21 toujours sous un soleil aveuglant; on se précipita aussitôt pour transporter à bras d´homme le
cadavre de Granero dont l´œil droit pendait hors de la tête.117
Allerdings tritt an dieser Stelle ein Engpass der Bataillschen Transgressionsstruktur
deutlich hervor: Bataille lässt es offen, welche Kraft den Menschen wieder in die Welt
der Dinge zurückführt. Wodurch wird der Wunsch des Menschen, in der heiligen
Sphäre der Immanenz zu verweilen, sobald diese einmal erfahrbar wurde, wieder
aufgehoben oder unterbrochen? Er spricht zwar davon, dass der Mensch sich prinzipiell
vor der heterogenen Ordnung fürchtet, aber ob diese Angst genügt, um nicht in den
„animalischen Schlaf zurückzufallen“118, erläutert er nicht.
Nachdem nun wesentliche Begriffe für die inhaltliche Analyse der Filme erläutert
worden sind, wird nun die Bilderzeugungsstrategie L´informe erläutert, die sowohl
inhaltliche als auch formale Aspekte beherbergt und in Sombre exemplarisch umgesetzt
wird.
2.6. L´informe – Versuch eines ästhetischen Programms
Im Alter von einunddreißig Jahren übernimmt Bataille die Redaktionsleitung der
Zeitschrift Documents, die innerhalb von zwei Jahren fünfzehnmal erscheint. Darin
veröffentlicht er mehrere Artikel, die eine „Arbeit der Demontage von Theorien des
klassischen Ähnlichkeits-Begriffs“ 119 präsentieren. Er formuliert nicht nur seine
wesentlichen Standpunkte zur Kunst, sondern belegt und staffiert diese mit Bildern und
Fotografien aus. Entlang dieser speziellen Montage von Bildern leitet Didi-Hubermann
ein ästhetisches Programm ab, das er die Fröhliche Wissenschaft des Bildes nennt, und
eine Ausarbeitung und Erweiterung der Bilderzeugungsstrategie des L´informe darstellt,
die Bataille in dem Beitrag L´informe selbst beschreibt und in der Anwendung der
Bilder umsetzt. In dieser Frühphase von Batailles Denken scheint das Bild eine
Sonderfunktion einzunehmen, da es neben seiner ästhetischen Funktion „älter ist als der
Begriff, den es in sich enthält, auf den es jedoch nicht reduzierbar ist.“120
Unter der Prämisse, dass „chaque chose ait sa forme“121, versucht die Ästhetik der
Transgression mit bestimmten Strategien gegen die Menschliche Figur anzugehen.
117
Bataille, Georges: L´œil de Granero. In: Œuvres complètes I. Premiers Écrits 1922-1940. Paris:
Éditions Gallimard 1970. S. 55.
118
Ebd. S. 47.
119
Didi-Huberman, Georges: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. München: Wilhelm Fink Verlag 2010. S. 25.
120
Bischof, R.: Souveränität und Subversion. S. 152.
121
Bataille, Georges: Informe. In: Documents 7 (1929). S. 382.
22 Bataille bestimmt L´informe als „un terme sevant à declasser“122, der es sich zur
Absicht gemacht hat, den Anthropomorphismus zu deklassieren, wie Didi-Huberman
bestätigt:
Nachdem er die „Menschliche Figur“ bei ihrem lächerlichsten Aspekt – dem Kollektiven,
Ritualhaften – gepackt hatte, wird Bataille in Heft 6 von 1929 dieses Unbehagen auf die Spitze
trieben und dieselbe „Menschliche Figur“ bei ihrem gemeinsten, „niedersten“ Aspekten packen –
dem Körperliche, Organischen diesmal.123
2.6.1. Die Menschliche Figur
Dieser Anthropomorphismus zeichnet sich durch mehrere Kriterien aus, die dem von
Albrecht Koschorke in seiner Promotionsschrift Körperströme und Schriftverkehr
beschriebenen neunen Körperkanon entsprechen, der sich im 18. Jahrhundert
herausbildet: Es findet eine Verschließung des Körpers zu einem in sich zirkulierenden
Organismus statt, dessen Funktion einer „schützenden Wand zwischen Innen und
Außen“124 die Haut einnimmt. In der Folge wird der Körper durch zwei Gefahren oder
Anomalien potentiell bedroht: Zum einen zieht der Gestus des Verschließens das
Phantasma eines klar umrissenen und abgegrenzten Körpers nach sich, der „zur
‹Heimat› des abendländischen Subjekts wird“ 125 , aber gleichzeitig auch von dem
Prozess des Zerstückelns und Trennens bedrängt wird. In dem Phantasma des
zerstückelten Körpers – als Spielform des heterogenen Körpers – findet dieses sein
imaginäres Korrelat, das es auch immer schon selbst auf den Plan ruft. So wie sich die
Abweichung der Form als immer schon inhärente Möglichkeit der Form herausstellt, so
ist der zerstückelte Körper Potential des ganzen Körpers. Zum anderen hat „der
Körperhaushalt [...] tendenziell jederzeit mit Überschüssen zu kämpfen.“126 In dieser
Ökonomie nimmt das Blut eine spezielle Funktion ein. Es kann sich nicht nur stauen,
sondern auch durch Überfülle zu Problemen führen: „Das Gleiche geschieht im Fall
einer Anomalie, die bis zum 19. Jahrhundert Grundlage für unzählige Erkrankungen
war: Plethora, das heißt Vollblütigkeit.“ 127 Eben diese Anomalie macht Bataille in
L´érotisme zum Ansatzpunkt der Erfahrung des Erotik und darüber hinaus der
Erfahrung des Heterogenen: „[...]: il s´agit de chauqe côté d´un mouvement interne
122
Ebd. S. 382.
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 67.
124
Koschorke, Albrecht: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. München:
Wilhelm Fink Verlag 1999. S. 50.
125
Wenner, Stefanie: Ganzer oder zerstückelter Körper. Über die Reversibilität von Körperbildern. In:
Körperteile. Eine kulturelle Anatomie. Hrsg. v. Claudia Benthien u. Christoph Wulf. Hamburg: Rowohlt
2001. S. 374.
126
Koschorke, A.: Körperströme und Schriftverkehr. S. 55.
127
Ebd. S. 55.
123
23 obligeant d´être hors de soi (hors de la discontinuité individuelle).“128 Darüber hinaus
nimmt neben der Körperbeherrschung auch die Reinlichkeit eine entscheidende
Funktion ein. Sie ist dass „Mittel, dem Individuum eine allseitige Unantastbarkeit
zuzusichern.“129
Der beschriebene Körperkanon macht nicht nur die verschiedenen Strategien des
L´informe verständlich, die im folgenden Kapitel erläutert werden, sondern erklärt auch
einzelne Momente in den verschiedenen Filmen. Als Beispiele seien die Flucht Sarahs –
Figuration des Homogenen – vor der Frau – Figuration des Heterogenen – in das
Badezimmer als den Ort der (Körper-)Hygiene und Reinlichkeit in À l´intérieur, sowie
die Funktion der Haut als Chiffre der Diskontinuität in Martyrs, die entfernt werden
muss, damit Anna die innere Erfahrung machen kann, genannt.
Beschreibt Koschorke die kulturanthropologische Ebene des neuen Körperkanons, kann
der idealschöne Körper als dessen ästhetisches Äquivalent bezeichnet werden. Der
Körperkanon des idealschönen Körpers und des damit einhergehenden klassischen
Kunstideals bildet sich ebenfalls im 18. Jahrhundert heraus – genauer gesagt von 1750
und 1790 – und wiederholt demnach einige Momente der von Koschorke beschriebenen
Ummodellierung des menschlichen Körpers. Der ästhetisch schöne Körper wird als
„glatte, einheitliche Oberfläche“130 bestimmt, dessen „finale Körpergrenze“131 die Haut
ist. In dieser Funktion symbolisiert sie die Trennung von dem Anderen und die Isolation
des Einzelnen im Haut-Ich.
132
Die diversen Körperöffnungen sowie Wunden,
Verletzungen und Zerstückelungen fungieren somit als „fragendes Loch der NichtIdentität.“133 Sowohl der Unterleib mit den Körperöffnungen von Vagina und Anus als
auch der (offene) Mund sind demnach „das eigentliche Skandalon der klassischen
Ästhetik und Politik des Körpers.“ 134 Der Schrei und auch das Lachen als eine
Formation des offenen Mundes stellen als „Moment der Affektion“135 den rationalen
Menschen in Frage, verweisen auf eine Leerstelle im „Prozess der Signifikation“136, die
aber gleichzeitig auch als ein Zuviel, ein Überschuss bezeichnet werden kann. Es wird
sich später in der Filmanalyse zeigen, in welchen Bildern und Szenen der offene Mund
128
Bataille, G.: L´érotisme. S. 114.
Koschorke, A.: Körperströme und Schriftverkehr. S. 45.
130
Menninghaus, M.: Ekel. S. 79.
131
Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte. Körperbilder. Grenzdiskurs. Hamburg: Rowohlt 1999. S.
49.
132
Vgl. ebd. S. 13.
133
Ebd. S. 70.
134
Menninghaus, W.: Ekel. S. 86.
135
Aggermann, Lorenz: Der offene Mund. Über ein zentrales Phänomen des Pathischen. Berlin: Theater
der Zeit 2013 (= Recherchen 102). S. 11.
136
Ebd. S. 11.
129
24 konkret stattfindet und wie er mit der Erfahrung des Heterogenen in Verbindung
gebracht wird. Besondere Signifikanz weist der offene Mund in Sombre auf, da er über
seine Funktion als Motiv hinaus eine Parabel auf die narrative Struktur des Films
darstellt (vgl. 3.1.1).
Die Regel der glatten, ebenmäßigen Haut zieht nicht nur die Codierung der Öffnungen
als Skandalon nach sich, sondern auch bestimmte Richtlinien für die Konturen, die das
Fleisch des Körpers formen. Entscheidend hierbei ist die Maxime des Maßes und des
Gleichgewichts, die gleichbedeutend mit Schönheit ist und in der Folge die beiden
Extreme von Fettleibigkeit und Magerkeit als Formen der Verschwendung klassifiziert
und abwertet.
2.6.2. Deklassierungsstrategien
Unter dieser Prämisse sind die nun fünf folgenden Strategien des L´informe als
Zerstörung und Deklassierungsarbeit der idealschönen Form zu sehen:
Zuerst seien alle Formen der Dickleibigkeit, die die Menschliche Figur in seiner
materillen Dehnbarkeit und Massierung präsentieren, als auch ihr Gegenteil – der
Mangel – den Didi-Hubermann die „Arbeit des Todes“137 nennt, erwähnt. Gemeint sind
unter Zweiterem Formen des Verfalls: ausgehungerte, entfleischte Versionen der
Menschlichen Figur.
Eine zweite und viel drastischere Version der Veränderung der Menschlichen Figur
findet in der „visuellen Öffnung des Inneren der Körper“138 statt. Dazu gehören unter
anderem Figuren organischer Überschreitungen wie die Grimasse und der weit
aufgerissene, offene Mund, aber auch Verletzungen jeder Art und die Häutung.
Die dritte Strategie bezeichnet alle Formen der Zerstückelung und Verstümmelung.
Dies kann auf inhaltlicher Ebene durch die Präsentation zerstückelter Körper oder aber
auf formaler Ebene durch Close-ups geschehen. Close-ups zergliedern den Körper in
viele Nahaufnahmen. Indem sie den jeweiligen Körper in einzelne Teile schneiden,
verweisen sie auf das Phantasma des zerstückelten Körpers. Dem Zuschauer bleiben im
Umgang mit der damit verbundenen Angst zwei Möglichkeiten: Er kann versuchen, der
Angst Herr zu werden, indem er die zerstückelten Teile imaginär zu einem Ganzen
zusammensetzt, aber diesen Machtgewinn mit Distanz bezahlt. Eine weitere
Möglichkeit ist es, die Ohnmacht und Angst anzunehmen, die Teile in ihrer
137
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 123.
138
Ebd. S. 136.
25 Fragmentierung und Unvollständigkeit beizubehalten und so Nähe zuzulassen. Diese
zweite Möglichkeit kann nach Bataille als Möglichkeit von Souveränität in der
Kommunikation von Leinwand und Zuschauer bezeichnet werden. Als widersprüchlich
stellt sich allerdings heraus, dass das durch die Konfrontation des Ideals eines ganzen
Körpers mit den Körperfragmenten des Close-ups eine permanente Hin-und-HerBewegung erzeugt wird, die Bataille als Teil einer ästhetischen Souveränität ausweist.
Vierte Strategie des L´informe ist die Produktion amorpher Bildinhalte. Didi-Huberman
bezeichnet ein Foto von Eli Lotar, das Batailles Artikel Abattoire schmückt, als „das
formlose Bild par excellence“139, da es ein amorphes Etwas wiedergibt: Darauf ist eine
schwer definierbare Masse, die sehr gut sowohl einen „Scheuerlappen“140 als auch Haut
oder
Fell
darstellen
könnte,
und
vor
einer
verschlossenen
Tür
scheinbar
zusammengekehrt worden ist, abgebildet. Tatsächlich handelt es sich um die Überreste
eines geschlachteten Tieres, also die Teile, die in der Verarbeitung keinen Nutzen mehr
haben. Aus zwei Gründen kann man Didi-Hubermans Einschätzung teilen: Zum einen
handelt es sich dabei um einen amorphen Haufen, der schwer definierbar ist; zum
anderen stellt sich dieser Haufen als Abfall, der Rest des Nützlichen, heraus. Das
Körperinneren wird durch das Körperparadigma der Moderne als „ein chaotischer und
unstrukturierter Raum“141 ebenfalls als Bild des Amorphen definiert. Bataille kodiert
das Fleisch als Körperinneres, von dem aus eine transgressive Bewegung der Öffnung
ausgeht: „Le mouvemenet de la chair excède une limite en l´absence de la volonté.“142
Das Fleisch ist das Innere des Körpers, eine Art Urform, der durch die oben
beschriebenen Kontroll- und Distanzmechanismen eine Grenze gesetzt wird.
In die Kerbe des nur schwer Benennbaren und Fassbaren schlägt auch die fünfte
Strategie des L´informe – die Bewegung, die in zwei Ausprägungen stattfinden kann:
Die erste Variation der Bewegung ist die Metamorphose. Diese meint die Ver- und
Umformung der Menschlichen Figur auf drei Weisen: das Tier-Werden, das DingWerden und das Gott-Werden des Menschen. Die zweite Variation wird als „Auf-undAb bzw. Hin-und-Her“143 bezeichnet. Sie meint stets eine Bewegung der Oszillation,
allerdings zwischen unterschiedlichen Gliedern: Gemeint ist sowohl die „mouvement de
139
Ebd. S. 169.
Ebd. S. 169.
141
Shelton, C.: Unheimliche Inskriptionen. S. 337.
142
Bataille, G.: L´érotisme. S. 102.
143
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 185.
140
26 va-et-vient de l´ordure à l´idéal er de l´idéal à l´ordure“ 144 , als auch die
„disproportion“145, die ein Detail in den Fokus rückt und somit einen Prozess des Hinund-Her zwischen eben diesem Detail und dem imaginären Ganzen einleitet – im Film
ermöglicht durch das Close-up. Zusammenfassend nimmt das Close-up demnach zwei
potentielle Funktionen im Rahmen des L´informe ein: Es kann die Menschliche Figur
zerstückeln und so eine Bewegung zwischen Fragment und Ganzem einleiten. Es kann
aber auch amorphe Bildinhalte generieren. Durch die Bewegung, die sich einer festen
(Identitäts-)Zuschreibungen gegenüber sperrt, wird der Fokus auf die Relation und nicht
die Terme selbst gelegt. In diesem Zusammenhang muss auf einen Begriff Batailles
verwiesen werden – die Dialektik der Form –, den Bataille erstmals in dem 1930
veröffentlichten Artikel Les écarts de la nature verwendet:
Et, s´il peut être question de dialectique des formes, il est évident qu´il faut tenir compte au
premier chef de tel écarts dont la nature, bien qu´ils soient le plus souvent déterminés comme
contre nature, est incontestablement responsable.146
Entgegen dem „dialektischen Urmodell“ 147 These-Antithese-Synthese meint Bataille
eine Dialektik ohne Synthese: „Die Dialektik der Form, wie Bataille sie sich vorstellte,
arbeitete genau daran, die Irreduzibilität der Differenz oder der Abweichung lebendig zu
halten.“148 Da die Bewegung ein entscheidendes Kriterium des L´informe ist, werden
die einzelnen Teile nicht aufgehoben oder synthetisiert: „Die Überschreitung ist keine
Zurückweisung, sondern die Eröffnung einer Auseinandersetzung, eines kritischen
Ansturms, und zwar an Ort und Stelle dessen, was in einem solchen Aufeinanderprallen
überschritten werden wird.“149
2.6.3. L´informe im Film
In ihrer Zersetzungsarbeit lösen die benannten Strategien einen Effekt aus, „um zu
bewirken, daß die Formen uns anblicken/angehen [nous regardent], das heißt jenem
´gewaltsamen, wesentlichen Zustand der Dinge´ entsprechen, den Bataille als
„transgressiv“150 bezeichnet.
144
Bataille, Georges: Le gros orteil. In: Documents 6 (1929). S. 297.
Bataille, Georges: Figure humaine. In: Documents 4 (1930). S. 196.
146
Bataille, Georges: Les écarts de la nature. In: Documents 2 (1930). S. 79.
147 Diemer, Alwin: Elementarkurs Philosophie Dialektik. Düsseldorf: Econ Verlag 1976. S. 20. 148
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 283. Eine genauere Erläuterung der Verwendung des Begriffs der Dialektik bei
Bataille würde zum einen zu weit führen und zum anderen von der eigentlichen Fragestellung wegführen.
Deshalb sei an dieser Stelle auf die Ausführungen von Didi-Huberman verwiesen: Didi-Huberman, G.:
Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach Georges Bataille. S. 211.
149 Ebd. S. 33. 150
Ebd. S. 292.
145
27 An dieser Stelle sei ein Verweis auf die Transgressionsstruktur, wie sie für das Opfer
und die Erotik herausgearbeitet wurde, erlaubt: Der Moment der Transgression in der
Dramatisierung ist der Moment, in dem das Opfer stirbt und dadurch das Heilige und
die Welt des Heterogenen hervortreten und den Zuschauer anstecken. Bataille überträgt
diese Transgressionsstruktur auf die Bildtheorie und benennt den Moment der
Ansteckung in der Bildtheorie mit dem Begriff der Reperkussion – verstanden als RückSchlag und Auswirkung. Wesentlich ist demnach, dass im „Prozeß des Zersetzung der
Menschlichen Figur“151 eine Wechselwirkung zwischen Bild und Betrachter erzeugt
wird, in der „die Souveränität einer Berührung“152 stattfindet, die unter dem Zeichen der
Transgression steht. Ansteckung und Berührung sind zwei verschiedene Begriffe mit
unterschiedlichen
Konnotationsfeldern
und
sollten
deshalb
auf
keinen
Fall
gleichgeschaltet werden, doch kann man behauptet, dass beide Momente denselben
Mechanismus innerhalb der Bataillschen Transgressionsstruktur bezeichnen.
In der Filmlandschaft und -Theorie gibt es unterschiedliche Genres und Theoretiker, die
sich speziell dem Moment der Wirkung verschrieben haben: Sergei Eisenstein mit
seinem Konzept der Montage, der Horrorfilm und der Begriff der Haptik. Auf diese drei
Richtungen wird nun eingegangen werden, da sie jeweils Momente in den Filmen des
Cinéma du corps widergeben.
Von Einwirkung und Kopplung spricht auch der russische Regisseur und
Filmtheoretiker Sergei Eisenstein. Bataille verweist dabei selbst auf ihn und dessen
Vortrag an der Sorbonne am 17. Januar 1930: „L´expression de la dialectique
philosophique par les formes, telle que l´auteur du Cuirassé Potemkine, S.M. Eisenstein,
se propose de la réaliser dans un prochain film [...].“153 Eine „bemerkenswerte Spur
dieser Übereinstimmung mit Eisensteins Ansichten“ 154 verbindet das L´informe mit
Techniken der Montage. Man muss nicht lange in Eisensteins Aufsätze zur Montage
wie Montage der Filmattraktion, Jenseits der Einstellung oder Die vierte Dimension im
Film suchen, um signifikante Parallelen herausarbeiten zu können. Die von Eisenstein
als „Kunst der Kopplung“155 definierte Montagearbeit wird durch einen Zusammenprall,
151
Ebd. S. 192.
Ebd. S. 196.
153
Bataille, G.: Les écarts de la nature. S. 82.
154
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 287.
155
Eisenstein, Sergej M.: Montage der Filmattraktion. In: Jenseits der Einstellung. Schriften zur
Filmtheorie. Hrsg. v. Felix Lenz u. Helmut H. Diederichs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005 (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft 1766). S. 16.
152
28 „einen Konflikt zweier nebeneinanderstehender Abschnitte“
156
, die in jeweils
wechselseitige Konfliktbezüge treten können, gekennzeichnet. Unschwer erkennbar ist
hier die Idee der Dialektik der Form, in der zwei verschiedene Formen nebeneinander
platziert werden, um sich so berühren, öffnen und Kommunikation herstellen zu
können. Unumgängliches Kriterium dieses Kopplungsverfahrens ist eine gewisse
Heterologie der Bilder, die Didi-Huberman auch als „Monstrosität“157 bezeichnet.
Die Arbeit an der Form ist – ebenso wie die Montage – eine Arbeit des Schneidens und
Zusammenklebens. Form-Monstren entstehen, die bei Bataille der idealschönen Form
gegenüberstehen und bei Eisenstein dem traditionellen Continuity-Schnitt-System
Hollywoods. In der Absicht, den Zuschauer vergessen zu lassen, dass es sich bei dem
Film um etwas Gemachtes, Arrangiertes und künstlich Geschaffenes handelt, verwendet
das Kontinuitätssystem folgende Mittel: Einführung in den Film mit einem Establishing
Shot, Vermeidung von Achsensprüngen und Eyeline-Match.158 Es wird sich später in
der Filmanalyse zeigen, dass die Filme des Cinéma du corps genau solche FormMonstren sind, da sie Elemente unterschiedlicher Genres nebeneinanderstellen und zu
einem Film verknüpfen und darüber hinaus die Gesetzte des Continuity-Schnitt-Systems
untergraben.
Eisenstein initiiert dabei einen visuellen Kontakt, der in einem Prall münden muss,
damit Riss und Öffnung entstehen können. Allerdings hält damit auch der Vorwurf der
Aggressivität und Gewalt Einzug in die Arbeit der Montage. Während Bataille diesem
Vorwurf mit unverschönter Bejahung entgegentritt, versucht Eisenstein diesen Faktor zu
relativieren:
Alles, was er im Film mache – all diese gewaltsamen Tode, all diese Angriffe auf die
„Menschliche Figur“ – sei viel unschuldiger als die Grausamkeit, zu der „die besten“ Kinder
(von den Erwachsenen ganz zu schweigen) in der Wirklichkeit fähig sind.159
Darüber hinaus verweist der Begriff der Filmattraktion auf einen elementaren Zug der
Transgressionsstruktur: Als „jedes aggressive Moment des Theaters, das heißt jedwedes
seiner Elemente, das den Zuschauer einer sinnlichen oder psychologischen Einwirkung
156
Eisenstein, Sergej M.: Jenseits der Einstellung. In: Jenseits der Einstellung. Schriften zur Filmtheorie.
Hrsg. v. Felix Lenz u. Helmut H. Diederichs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005 (suhrkamp taschenbuch
wissenschaft 1766). S. 66.
157
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 299.
158
Vgl. Mikos, Lothar: Film- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft 2003. S. 218.
159
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 322.
29 aussetzt“160, enthält die Attraktion ein wesentliches theatralisches oder dramatisches
Element, das in seiner Wirkung der Ansteckung durch das Heilige in der
Transgressionsstruktur gleicht und in der Bildtheorie an das Moment der Reperkussion
erinnert.
Die Überwältigungsstrategie durch den exzessiven Moment des Heraustretens aus
einem sinnstiftenden Ganzen findet ihre Anwendung in dem sogenannten „sensational
body genre“ 161 , dem Linda Williams die Genres Pornographie, Horrorfilm und
Melodrama zuordnet. Die Montage als Möglichkeit der affektiven Adressierung und
Rührung des Zuschauers kann demnach auch durch „the spectacte of a body caught in
the grip of intense senstion or emotion“162 hervorgerufen werden. Dabei tritt der Körper
„ekstatisch aus seiner narrativen Funktionalisierung heraus“ 163 und wird in seiner
Fleischlichkeit deutlich. Der Moment des Heraustretens aus dem narrativen Gefüge
wird in der Rezeption auch als Störung der „Repräsentationalität“164 im Zeichen des
Körperlichen durch einen somatisch-affektiven Moment bezeichnet. Überwältigung ist
hier nur „in Relation zu der jeweilig gegebenen filmischen Struktur“165 möglich und
bezeichnet den sinnhaft nicht integrierbaren Rest. Viele dieser Momente lassen sich in
den Filmen der zweiten Phase des Cinéma du corps finden. Als Beispiel sei auf die
Reihe an unmotivierten Morden in À l´intérieur verwiesen. Vielfach wird auch davon
gesprochen, dass durch den Schock der Konfrontation eine „direkte Kopplung von
filmischem Körper und Zuschauerkörper“166 stattfindet. In der zuvor ausgearbeiteten
Transgressionsstruktur fungiert das so freigesetzte Heilige als Chiffre für eben diese
Kopplung. Der Horrorfilm bedient sich eines Bildes, das Attraktion und Schock
hervorruft, und darüber hinaus in seinem Körperbild die ersten drei Symptome des
L´informe – Formen des Verfalls, Öffnungen des Körpers und zerstückelte Körper –
versammelt. Catherine Shelton hat den genretypischen Körper im Horrorfilm in fünf
Aspekte unterteilt, die problemlos der Deklassierungsarbeit der Menschlichen Figur
zugeordnet werden können: den monströsen Körper, den kranken Körper, den toten
160
Eisenstein, Sergej M.: Montage der Attraktionen. In: Jenseits der Einstellung. Schriften zur
Filmtheorie. Hrsg. v. Felix Lenz u. Helmut H. Diederichs. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005 (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft 1766). S. 10.
161
Williams, Linda: Film Bodies: Gender, Genre, and Excess. In: Film Quarterly Vol. 44 No. 4. (1991).
S. 4.
162
Ebd. S. 4.
163
Morsch, Thomas: Medienästhetik des Films. München: Fink 2011. S. 27.
164
Ebd. S. 80.
165
Shelton, W.: Unheimliche Inskriptionen. S. 163.
166
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 27.
30 Körper, den offenen und zerstückelten Körper.167 Es wird sich im weiteren Verlauf
zeigen, dass die zweite Phase des Cinéma du corps von genau diesen Elementen
dominiert wird.
Dem in der Überwältigung stattfindenden Verlust von Distanz verschreibt sich auch der
Begriff der Haptik. Indem vorwiegend Objekte in ihrer Oberflächenbeschaffenheit
gezeigt werden, verschwindet die dritte Dimension der Tiefe: „Das Haptische ist ein
Proximalsinn, er beruht auf Nähe, Kontakt und körperlicher Resonanz.“168 Mit dem
Verlust der Tiefe gehen auch die psychologische Tiefe der Figuren und die
verschachtelten Handlungsverläufe, in denen diese Tiefendimension zum Tragen
kommt. Haptische Ästhetik bedient sich häufig filmischer Verfahren wie Close-ups oder
der langsamen Kamerafahrt über Oberflächen, die mit der Tiefe des Raumes auch die
Bewegung gegen null laufen lässt. Die so generierten Bilder geben amorphe
Oberflächen wieder, die keinem Objekt mehr eindeutig zugeordnet werden können.
Dabei kommt der Haut als „Zone des Übergangs“ 169 zwischen Welt und Ich eine
besondere Stellung zu, die in Trouble every day und Martyrs eine zentrale Rolle spielen
wird (vgl. 3.2.2. und 3.4.3.).
Auch wenn die einzelnen Richtungen stark differenzieren, so werden die Filme des
Cinéma du corps jeweils Momente der verschiedenen Richtungen aufgreifen und in sich
vereinen.
Nachdem nun die wesentlichen Begriffe für ein Verständnis der inhaltlichen und
formalen Analyse geklärt worden sind, kann eine Filmanalyse erfolgen, in der die
Parallelen zwischen den Filmen des Cinéma du corps und Bataille zu Tage treten.
Eröffnet wird diese von Sombre, der die formalen Strategien des L´informe
paradigmatisch umsetzt. Auch wenn es in den anderen Filmen des Filmkorpus ebenfalls
immer wieder vereinzelt zur Anwendung der Deklassierungsstrategien kommen wird –
siehe 3.2.1. und 3.3.1. –, so erweist sich die Fokussierung auf inhaltliche Elemente als
fruchtbarer. Für Sombre werden nun die Strategien Öffnung, Zerstückelung,
Amorphismus und Bewegung in ihrer Anwendung beschrieben und analysiert.
167
Vgl. Shelton, C.: Unheimliche Inskriptionen. S. 9.
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 73.
169
Elsaesser, Thomas u. Malte Hagener: Filmtheorie zur Einführung. Hamburg: Junius 2007. S. 141.
168
31 3. Filmanalyse
3.1. Sombre
Der am 27. Januar 1999 in Frankreich veröffentlichte Film von Philippe Grandrieux
wurde nach dem ersten Sehen als verstörend, schwierig und unzugänglich
wahrgenommen und rezipiert. Obwohl die Geschichte des Films in einigen kurzen
Sätzen
zusammengefasst
werden
kann,
war
sogar
von
intellektueller
„Belastungsprobe“170 die Rede. Sombre erzählt die Geschichte des Mannes und Mörders
Jean, der in seinem Beruf als Puppenspieler durch Frankreich reist. Auf seinen Reisen
begegnet er Claire, zu der er mehr als nur ein sexuelles Verhältnis entwickelt. Er macht
zwar die Erfahrung von Liebe, kommt allerdings nicht gegen sein Begehren,
Prostituierte zu töten, an, so dass beide am Ende wieder getrennte Wege gehen. Die
Wiedergabe eines Plots erweist sich als schwierig, weil die Szenen in ihrer Mehrzahl
sehr dialogarm sind und die Motivation der Figuren so nicht klar erkennbar ist. Doch in
dem Maße, in dem die Geschichte zurücktritt, treten die Strategien des L´informe hervor
und es kommt folgendes Filmverständnis zum Tragen:
However to make films that willfully engage with the medium not merely as story or discourse,
but as an object of perception, and to view them as such, is to run against the long-held belief
that valuable experience and knowledge must necessarily come as a process of ‘enlightenment’
that distances us from the unreliable input of sensual perception.171
3.1.1. Öffnungen
Die erste Strategie des L´informe zur Deklassierung der Menschlichen Figur bedient
sich der Präsentation diverser Körperöffnungen wie Mund, Anus und Vagina, da diese
im Zuge der Herausbildung des idealschönen Körpers als Skandalon und Obszönität
kodifiziert wurden. Die Inszenierung von Körperöffnungen findet in Sombre immer
wieder statt, verdankt sich aber in jedem Fall der erotischen Vorliebe Jeans für die
diversen Öffnungen des weiblichen Körpers – von der Vagina bis zu dem offenen
Mund. Immer wieder spreizt Jean die Beine seiner Opfer oder fordert sie dazu auf, ihn
ihre Genitalien einfach nur betrachten zu lassen.
Neben dem erotisch aufgeladenen, an Penetration mahnenden Aspekt dieser Handlung,
markiert der geweitete Mund – ebenso wie die Vagina – eine Öffnung im Ganzen des
Körpers. Die hier stattfindende Erotik entspricht der Erotik der Körper, in der die simple
Tatsache der Nacktheit bis zur Obszönität bereits einen Schritt in Richtung Kontinuität
170
Stiglegger, Marcus: Haptische Bilder. Das performative Körperkino von Philippe Grandrieux. In:
Global Bodies: Mediale Repräsentationen des Körpers. Hrsg. v. Ivo Ritzer u. Marcus Stiglegger. Berlin:
Bertz + Fischer 2012. S. 46.
171
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 6.
32 bedeutet. Der geöffnete Mund ist „Skandalon der klassischen Ästhetik und Politik des
Körpers“172 und Heterotopos. Als Nicht-Ort verweist er auf eine zweite Ebene des
Körpers – das bedrohliche Innere.
Neben der sexuell konnotierten Öffnung des Mundes ist der Schrei Modus der Weitung
des Mundes. Den zahlreichen Schreien der Frauen, die lediglich hörbar, nicht aber
sehbar sind, kann die
Inszenierung
über
eines
zwei
Minuten
langen
Schreis
Beginn
des
hinzugefügt
zu
Films
werden:
Die Kamera zeigt eine
Abbildung 1: Sombre. R.: Philippe Grandrieux. Fr. 1998.
TC: 00:01:26.
gebannte Kinderschar,
die
ein
betrachtet,
Objekt
das
sich
außerhalb des Bildrahmens befindet. Dabei visiert sie nacheinander einzelne Kinder an
und zeigt sie sekundenlang beim verängstigt-gebanntem Schreien. Eingefangen wird
hier der rohe Affekt der Kinder. Die Wirkung, also das Gefühl, die Angst der Kinder,
wird getrennt von der Ursache, dem Puppenspiel Jeans, gezeigt, so dass die durch die
Verstörung und Unwissenheit generierte Angst der Zuschauer parallel zu der der Kinder
verläuft. Es wird also ein Affektbild erzeugt, dass ein Miteinander von Zuschauer und
Figuren generiert, so dass man sogar von einem doppelten Affekt sprechen kann – oder
vielmehr dem Affekt auf unterschiedlichen Ebenen, die durch ihn miteinander
verbunden werden. Verursacht durch die Tatsache, dass der Film lediglich den Effekt
und nicht die Ursache dokumentiert, wird der Zuschauer „alleine mit zunächst
rätselhaften, verrauschten und zittrigen Einstellungen“ 173 gelassen, die sich der
intellektuellen Bewältigung sperren.
Diese Szene eröffnet nicht ohne Grund den Film: Sie versinnbildlicht nicht nur den Kern
der Problematik des offenen Mundes, sondern gibt auch den Grundtonus des Films
wieder:
Die Weitung des Mundes markiert hier stets den Moment der Affektion, der den Prozess der
Signifikation entgeht, sprachlich nicht erfaßt und daher auch nicht verständlich artikuliert
werden kann. Ein derartiger Moment stellt das Subjekt unweigerlich in Frage, [...].174
172
Menninghaus, W.: Ekel. S. 86.
Stiglegger, M.: Haptische Bilder. S. 47.
174
Aggermann, L.: Der offene Mund. S. 11.
173
33 Die Präsentation diverser Öffnungen reflektiert über die Zersetzung der Menschlichen
Figur hinaus die narrative Grundstruktur des Films, auf die eingangs hingewiesen
wurde: Wie man an der spärlichen inhaltlichen Wiedergabe erkennen kann, wurde der
Plot durch den Mangel sinnstiftender Dialoge auf ein solches Minimum reduziert, dass
die Beziehungen der einzelnen Figuren kaum erkennbar werden. Das Verhältnis der
beiden Frauen, sowie der Beziehungsstatus zwischen Jean und den beiden Frauen
bleiben ungenau, im Schatten. Ebenso wenig werden Informationen über Alter oder
Lebensgeschichte der jeweiligen Figuren vermittelt. Merkmale und Kriterien, die die
Figuren als Individuen ausweisen könnten, werden konsequent umgangen und
reflektieren so den Fokus des Films weg vom Geschichtenerzählen und psychologischen
Analysieren hin zur Materialität des Films und des Bildes selbst. Dabei weist Sombre
durchaus durch die oben umschriebene „nightmarish tale“ 175 die Möglichkeit einer
psychologisch orientierten Geschichte auf: „In effect, the main character of this
enigmatic crime film, the puppet master Jean, is a murder whose journes are punctuated
by brutal and apparently random killing of women.“176 Man kann sagen, dass den
Figuren ihr Sein als Individuum samt psychologischem Hintergrund nicht unbedingt
abgesprochen wird, vielmehr verliert dieser Status an Bedeutung. Metapoetisch
gespiegelt wird dieses strukturelle Charakteristikum bereits in der ersten Minute des
Film: Man sieht ein Auto, das über eine Straße durch Berge und Bäume hinweg fährt.
Auch wenn das Auto das Element ist, dass die Bewegung der Kamera initiiert und
einziges bildfüllendes Kriterium ist, so nimmt es lediglich das untere Drittel des Bildes
ein. Indem es trotz seiner zentralen Funktion aus dem Fokus des Bildes rückt, reflektiert
es den Status der Figuren, die zwar über Identität und einen psychologischen
Hintergrund verfügen, dieser aber in der Narration kaum zum Tragen kommt. So
verwundert es auch nicht, dass Beugnet eine prinzipielle Ziellosigkeit feststellt, die in
das Zeichen der Bataillschen Zwecklosigkeit gestellt werden kann: „There are no
precise explicit motivations behind the actions of Sombre´s main characters, and their
journey does not seem to lead anywhere in particular.“177 In dem Mangel eines klaren,
finalen Punktes kann Sombre als ein Symptom der Verausgabung bezeichnet werden.
Eine weitere metapoetische Reflexion findet ab der Minute 58:08 statt: Darin ist das
Bild eines am Abgrund stehenden Jean zu sehen, der auf einen See blickt. Sein
175
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 115.
Ebd. S. 1.
177
Ebd. S. 117.
176
34 Hinterkopf ist nur im
unteren
Drittel
des
Bildes als schwarzes
Rund erkennbar, das
die
Bewegung
sich
des
dahinter
befindlichen Wassers
Abbildung 2: Sombre. 1998. TC: 00:58:17.
verdeckt. Der durch
seinen
Kopf
verursachte schwarze
Fleck reflektiert die zahlreichen narrativen Lücken, Öffnungen in dem doch stets
weiterlaufenden Film.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Figur der Öffnung auf zwei Ebenen im
präsent ist: Es werden diverse Körperöffnungen in Szene gesetzt, die eine „hole in the
visual texture of the film“178 evozieren. Darüber hinaus präsentiert sich die Narration
selbst als löcherig. Versinnbildlicht das schwarze Rund so einen Mangel, kann es auf
der anderen Seite als Möglichkeit und filmisches Mittel fungieren, Reperkussion zu
erzeugen: „Statt um das Erzählen einer Geschichte oder um das Gestalten einer Figur,
geht es um den Körper, um die Inszenierung der Materialität des filmischen Bildes und
um die Resonanz zwischen Körper und Bild.“ 179 Die verschiedenen halbsichtbaren
Figuren und die so produzierten leeren Stellen, die Phantasie und Projektion des
Zuschauers stimulieren, lassen „the border between the imaginary and the real, as well
as reality and ficion“180 porös werden.
Nachdem nun diverse Phänomene der Öffnung analysiert worden sind, kann die
Verwendung der Close-ups näher beleuchtet werden.
3.1.2. Close-up: zerstückelt und amorph
Das Close-up als Strategie des L´informe löst im Film zwei Wirkungen aus: die
Zerstückelung der Menschlichen Figur und die Amorphisierung der Bildinhalte.
Intensive Verwendung findet das Close-up in den verschiedenen Szenen des
Geschlechtsakts und den sexuell aufgeladenen Szenen des Films. Die Szenen des
Geschlechtsakts mit stereotyper Rollenverteilung stehen dabei im Widerspruch zur
178
Ebd. S. 115.
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 296.
180
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 115.
179
35 Kameraarbeit und den Strategien der Lichtkomposition und Einstellung, die Formen der
Unbestimmtheit und Zersetzung erzeugen. Der vergewaltigte Körper der Frau wird in
schwer definierbare Körperteile zergliedert, die entweder so nah oder so
verschwommen von der Kamera eingefangen werden, dass man lediglich von Haut als
unförmige Oberfläche sprechen kann. Das Close-up fungiert hier als Initiator eines
amorph anmutenden Bildinhaltes, wie Beugnet bestätigt:
In effect, in the way it pulls in the gaze, the close-up is the perfect tool for capturing the process
of metamorphosis of the body passing from form to formlessness, becoming a deformed and
unrecognisable entity from which, in turn, form emerges.181
Unterstützt werden die amorphen Bilder durch die Akustik des Films. Dialoge sowie
sprachliche Äußerungen sind kaum präsent. Dominierend sind dagegen Stille und
„andere Tonereignisse“182 wie undefinierbare Geräusche oder Schreie, die Beugnet sehr
treffend als „amorphous nature of the sound-track“183 beschreibt. Immer wieder – zum
Beispiel in Minute 3:10 – erklingt ein Ton, der nur schwer definierbar ist, und als
„Rauschen, Surren oder dumpfes Brummen“ 184 beschrieben werden kann. Die
Schwierigkeit einer klaren Zuordnung korrespondiert so mit der Auslösungsbewegung
der Bildinhalte.
Zum anderen zergliedern Close-ups den Körper in einzelne Teile ohne ihn wieder
zusammenzusetzten. Es fungiert hier nicht als Detail eines großen Ganzen, sondern
steht für sich selbst, ist in der Lage „aus sich selbst heraus zu existieren.“185 Sie
verabschieden die Idee der Notwendigkeit eines ganzheitlichen, vollständigen Körpers
zugunsten von Körperfragmenten:
In der konventionellen Kinematographie ist der Close-up meist eingebettet in eine Sinn und
Überblick stiftenden Montage unterschiedlicher Einstellungsgrößen, bei Grandrieux dagegen
erscheint diese Einstellungsgröße meist isoliert und in ungewöhnlicher Länge, so dass diese
Nähe eher Verwirrung stiftet.186
Als eigene Entität entspricht das Close-up einer „key cinematic figure“187, die nicht nur
die Menschliche Figur in Teile zergliedert, sondern auch die ästhetische Qualität der
Haptik einführt: „In the way it orchestrates a passage or a rupture from optical vision
into haptic visuality, the close-up epitomises how cinema´s incessant processes of
181
Ebd. S. 102.
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 304.
183
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 3.
184
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 305.
185
Didi-Huberman, G.: Formlose Ähnlichkeit oder die Fröhliche Wissenschaft des Visuellen nach
Georges Bataille. S. 71.
186
Stiglegger, M.: Haptische Bilder. S. 48.
187
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 89.
182
36 metamorphosis ultimately entail a sense of radical desubjectivation.“188 Angesichts „the
suspented moment of undifferentiation“ 189 erzeugt die Kameranähe sowohl eine
desorientierende Wirkung als auch ein Gefühl der Angst, das eine „unheimlichen
Ankündigung“190 vorausahnt.
Diese desorientierende und bedrohliche Wirkung wird durch die unterschiedlichen
Formen der Bewegung potenziert.
3.1.3. Bewegung
Auf der inhaltlichen Ebene wird Bewegung in Form von tanzenden Körpern inszeniert.
Der Tanz in Sombre hat dabei immer eine sexuelle Qualität – ob nun in Form von sich
lasziv bewegenden nackten Frauenkörpern oder sexueller Spannung, die sich im Tanz
zwischen den einzelnen Personen aufbaut und entlädt. Es kristallisieren sich insgesamt
drei wichtige Tanzszenen heraus. In Minute 37 befindet sich Jean in einem Club mit
Tänzerinnen. Eine von ihnen wird über Sekunden von der Kamera eingefangen, wobei
ihr Tanz kein einstudierter, choreographierter Tanz ist, der dem Körper vorgegebene
Bewegungsbahnen aufdrängt, sondern ein freier, intuitiver, dem Rhythmus der Musik
folgender Tanz. In der zweiten Tanzszene tanzt ein potentielles Opfer Jeans an einer
Wand mit entblößtem Oberkörper und dem grellen Scheinwerferlicht des Autos
beleuchtet zu Fat City von Alan Vega. In der dritten Tanzszene ist es Claire, die sich im
betrunkenen Zustand ungezwungen dem Tanzen hingibt. Dieser rauschhafte Moment
findet seine Fortsetzung in einem Zimmer mit Jean und zwei weiteren Männern, die sie
auf einer Feier kennengelernt hat. Musikalisch untermalt wird der Fortgang des Tanzes
durch das Lied Bela Lugosi´s Dead der deutschen Gruppe Bauhaus, das noch immer
einer der Klassiker der Gothic- und New Wave-Szene ist. Wie Morsch richtig erkennt,
reflektiert der langsame Aufbau des Songs, der eine Originallänge von über neun
Minuten besitzt, die sich langsam aufbauende sexuelle „Spannung zwischen den
Figuren“191, die sich letztlich in Gewalt entlädt.
Eine zweite Form der Bewegung, die ebenfalls auf inhaltlicher Ebene stattfindet, ist die
Hin-und-Her-Bewegung zwischen dem Hohen und dem Niedrigen. Claire bewegt sich
mit ihrem Namen im Assoziationsfeld des Hohen, während Jean den düsteren Pol des
Niedrigen bildet. Sie steht exemplarisch für das Frauenideal und -Bild Batailles, das
188
Ebd. S. 89.
Ebd. S. 96.
190
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 305.
191
Ebd. S. 306.
189
37 sich durch Unschuld, Schönheit und Güte auszeichnet, während Jean durch die
Vehemenz seines Begehrens umgetrieben wird. Er ist der Archetyp eines rastlosen,
gequälten und von seinem eigenen Verlangen verfolgten Mannes. Und auch das
sexuelle Interesse des Vergewaltigers an der als Jungfrau bezeichneten Claire entspricht
Batailles Idee der Beschmutzung und der Kombination des Höchsten und des
Niedrigsten. Beide spiegeln die Möglichkeit des Nebeneinanders, der Kombination von
Extremen, eigentlich widersprüchlich und unvereinbar erscheinenden Elementen, die
sich aneinander reiben, öffnen und kommunizieren. Durch die spezifische
Charakterkomposition kommt es zu einer permanenten Figur der Bewegung zwischen
Licht und Dunkel. Die Beziehung Jeans zu Claire kann am ehesten als Erotik des
Herzens beschrieben werden, da sie über die körperliche Ebene der Erotik des Körpers
hinausgeht, aber nicht in der heiligen Erotik mündet. Zusammenfassend kann man
sagen, dass die Relation Jean-Claire durch drei Bataillsche Momente gekennzeichnet
ist: die Erotik der Herzen, die Beschmutzung und die Hin-und-Her-Bewegung.
Letztere spiegelt die Hin-und-Her-Bewegung von scharf-unscharf auf der Ebene der
Bildproduktion. Im Film werden drei unterschiedliche Strategien des Sichtbarmachens
angewendet, die sich sowohl auf die Möglichkeiten der Bildschärfe als auch der
Lichtkonzeption zurückführen lassen. Diese erste Strategie im Spiel der Sichtbarkeit
evoziert, dass der Inhalt des Bildes der „Diffusion und Zersetzung“192 preisgegeben
wird. Bereits in Minute 7:47 und dann später immer wieder (etwa in Minute 12:44) wird
der Bildinhalt dem Zuschauer in unscharfer Qualität präsentiert. Das unscharfe Bild
verweist dadurch auf seine eigene Materialität und eben auch auf die entscheidende
Funktion dieser Materialität im Prozess der Wahrnehmung. Durch die darauf folgende
Einstellung der Schärfe des Bildes erfährt das unscharfe Bild eine weitere Bedeutung:
Die Bewegung des Hin-und-Her zwischen Scharf und Unscharf ist eine Suchbewegung
der Kamera, die ebenfalls von den rastlosen Fahrten der Figuren nachvollzogen wird.
Das Spiel mit Absenz und Präsenz des Inhalts lässt das Moment der Erscheinens
statthaben: Elemente des Bildes, die vorher nur andeutungsweise zu sehen waren, treten
durch die Schärfe in den Vordergrund, sind da und finden statt.
Als zweite Strategie kann die folgende Positionierung der Kamera bezeichnet werden:
Die Kamera nimmt eine Position hinter dem eigentlichen Akteur ein, so dass die
Handlung für den Zuschauer nicht zu sehen ist. In Minute 15:19 befindet sich Jean
zusammen mit einer Prostituierten in ihrem Wohnwagen. Dort bittet er sie, sich
192
Ebd. S. 298.
38 auszuziehen und die Augen zu verbinden. Nach einem kurzen Vorspiel, in dem er die
immer gleichen Handlungselemente – etwa an den Haaren der Frau zu riechen und ihre
entblößte, dargebotene Schamgegend zu betrachten – vollzieht, bringt er die Frau um.
Die Tat an sich ist dabei für den Zuschauer nicht sichtbar, da das eingefangene Bild zum
größten Teil den Rücken des Mannes wiedergibt. Auf eine Gewalthandlung kann nur
durch die Schreie der Frau sowie die Geräusche ihrer Abwehrbewegungen geschlossen
werden.
Die dritte und letzte Strategie im Spiel des Sichtbaren bedient sich der Lichtkonzeption:
Ausgeleuchtet werden Szenen zum Teil gar nicht und die Blende wird so niedrig
gedreht, dass das verbleibende Licht nur noch dazu dient, Schatten zu werfen. Bereits
die erste Mordszene ist so dunkel gehalten, dass kaum genau erkennbar ist, was Jean der
Frau genau antut, noch um welches ausführende Körperteil es sich dabei handelt. Die
Handlung kann erneut lediglich an den Geräuschen erahnt werden.
In der Bewegung von scharf-unscharf tritt ein Element hervor, das ebenfalls einer
Strategie des L´informe entspricht: Die Inszenierung amorpher Bildinhalte. Der
unscharfe Inhalt des Bildes erscheint als „protoplastische Masse“193, als ein Gemisch
aus unterschiedlichen Elementen, die ineinander übergehen und nicht mehr klar
voneinander geschieden werden können.
Zum Schluss sei erwähnt, dass die erläuterten Strategien des L´informe über die
Zersetzung der Menschlichen Figur hinaus Reperkussion erzeugen, wie Morsch
bestätigt:
So wie der Film die Ereignisse nicht aufnimmt und darstellt, sondern als materielle Veränderung
seines eigenen Körpers registriert, so ist der Film wiederrum mit dem Zuschauer durch dessen
körperliche Anwesenheit in unmittelbarem Kontakt.194
Nachdem nun die Analyse von Sombre gezeigt hat, wie durch die Strategien des
L´informe nicht nur die Menschliche Figur zersetzt wird, sondern auch – in dieser
Zersetzungsarbeit – Reperkussion stattfindet, wird der Fokus in der Analyse von
Trouble every day auf die Bataillsche Erotik und dem ihr inhärenten Umschlagpunkt
gelegt.
193
194
Ebd. S. 295.
Ebd. S. 308.
39 3.2. Trouble every day
Der am 11. Juli 2001 in Frankreich erschienen Film Trouble every day von Claire Denis
erzählt die Geschichte zweier Pärchen, ihrer Dynamik und ihrer Verbindung
zueinander: Der amerikanische Neurowissenschaftler Shane Brown, gespielt von
Vincent Gallo, fliegt mit seiner frisch angetrauten Ehefrau June Brown in die
Flitterwochen nach Paris. Dieser sich an der Oberfläche befindenden Liebesgeschichte,
die durch die romantische Szene zu Beginn des Films angedeutet wird, wird eine
weitere Motivationsebene hinzugefügt, die auf eine Zeit zurückgeht, die sich vor der
Narration des Films befindet und in dem Plot selbst nur durch Andeutungen präsent ist:
Shane ist in Paris auf der Suche nach einem ehemaligen Arbeitskollegen namens Dr.
Léo Semeneau und dessen Frau Coré, gespielt von Béatrice Dalle. Beide arbeiteten einst
an einem Projekt namens bioprospection mission in Französisch-Guayana zur Heilung
von Nervenkrankheiten und der Regulierung der Libido durch pflanzlich hergestellte
Tabletten. Es stellt sich heraus, dass Shane die Arbeit von Léo entwendet hat, um sie an
Menschen anwenden und so einen möglichst maximalen finanziellen Gewinn erzielen
zu können. Sowohl Shane als auch Coré leiden nun an den Folgen dieser Tabletten: Sie
werden von einem schier unstillbarem Verlangen heimgesucht, dass sich darin äußert,
dass sie ihre jeweiligen Sexualpartner verletzen.
Bevor Trouble every day auf die Bataillsche Erotik hin untersucht wird, muss zuerst
eine Strategie des L´informe erwähnt werden, da sie sich ebenfalls durch die nächsten
zwei Filme ziehen wird und neben dem Fokus auf die paradigmatische Inszenierung der
Bataillschen Erotik als roter Faden im Hintergrund dienen kann: die Hin-und-HerBewegung zwischen Genre-Konventionen generiert durch die Montagearbeit.
3.2.1. Montage
Zwei wesentliche Merkmale der Struktur des Filmes werden bereits in den ersten zehn
Minuten des Films deutlich: Das erste Merkmal ist der Mangel an sinnstiftenden
Dialogen – es wird bis zur siebten Minute kein Wort gewechselt. Durch diesen Mangel
an Dialogen, aus denen eigentlich die Handlung und die jeweilige Motivation der
Figuren hervorgehe würde, wird zum einen der Fokus nicht auf die geläufige
Psychologisierung der Charaktere gelegt und zum anderen tritt dadurch die
Montagearbeit als sinnstiftendes Instrument in den Vordergrund. Die Tatsache, dass
Coré zu Beginn des Films einen Mann tötet, wird nur ersichtlich durch die Verkettung
unterschiedlicher Bilder: Sieht man zuerst Coré in Minute 3:12 an der Seite einer
40 Autobahnstraße warten und einen Mann aus seinem Lastwagen steigen, so ist das zweite
Bild das einer um den Mund mit Blut verschmierten Coré, die zu später Stunde an der
Seite der Autobahn wartet. Diese Distanzierung vom klassischen dialogbasierten Film
macht den Platz frei für eine „elliptical narrative structure which is built around a
constellation of characters and the criss-crossing of their trajectories [...].“195 Das zweite
Merkmal bezeichnet das Spiel mit Genre-Konventionen und Erwartungen. Die durch
das sich küssende Liebespaar zu Beginn des Film hervorgerufenen Erwartungen werden
nicht erfüllt, da sich der Film, spätestens nachdem Coré in Minute 3:12 den ersten Mann
tötet, als etwas anderes herausstellt, als zuerst geglaubt. Die „Absage an konventionelle
Erzählstrukturen“196 findet demnach auch durch die hybride Verwendungsweise von
Genre-Konventionen statt: Schreibt sich der Film zuerst in das Genre des romantischen
Films ein, so verlässt er dieses wieder mit der zweiten Szene, in der eine mit Blut
beschmierte Coré in einer verlassenen Landschaft sitzt. Die Bewegung des Eintretens
und wieder Heraustretens wird im weiteren Verlauf des Films fortgesetzt. Auch wenn
Beugnet dieses Merkmal als „there is either too much gore or not enough gore“197
beschreibt, sollte dieses Charakteristikum eher als eine Bewegung, eine Hin-und-HerBewegung, als ein Dazwischen oder „in-between-ness“198 gedeutet werden. So wird ein
Hybrid geschaffen, der die hohe Kunst des „auteur cinema“199, dem Claire Denis
zugehörig ist, mit den als niedere Kunstformen geltenden „system of excess“ 200
verbindet.
Die Zweiteilung lässt sich auf anderen Ebenen widerfinden – etwa in der Tatsache, dass
das Leben zweier Paare und somit zweier unterschiedlicher Kulturkreise (europäisch
und amerikanisch) miteinander verwoben wird –, begünstigt aber in jedem Fall die
Montagearbeit des parallel editing, das zwei gleichzeitig ablaufende Geschehnisse in
regelmäßigen Abständen nacheinander zusammenschneidet. Dadurch wird erneut eine
Hin-und-Her-Bewegung erzeugt, die den Zuschauer aus einer Szene in eine andere
versetzt, bis beide Szenen ineinander übergehen, auf einander zulaufen – exemplarisch
umgesetzt ab Minute 69:20. Man kann Trouble every day aus diesem Grund auch als
Form-Monster bezeichnen, das Claire Denis selbst wie folgt beschreibt: „My films,
195
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 41.
Agel, Romi: Taktile Sinnlichkeit. Zu den Körperlandschaften bei Claire Denis. In: Global Bodies:
Mediale Repräsentationen des Körpers. Hrsg. v. Ivo Ritzer u. Marcus Stiglegger. Berlin: Bertz + Fischer
2012. S. 55.
197
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 37.
198
Ebd. S. 41.
199
Beugnet, Martine: Claire Denis. Manchester: Manchester University Press 2004. S. 14.
200
Williams, L.: Film Bodies. S. 3.
196
41 sadly enough, are sometimes unbalanced. They have a limp or one arm shorter or a big
nose, but even in the editing room when we try to change that, normally it doesn’t
work.“201
3.2.2. Vom Kuss zum Biss – Inszenierung des Umschlags
Die oben erwähnte Zweiteilung ist auf inhaltlicher Ebene in folgenden Aspekten
präsent: Man kann die banale Arbeitswelt – das Homogene – von dem abnormalen,
gewaltvollen Raum der unstillbaren Begierde von Coré und Shane – dem Heterogenen –
unterscheiden. Dem Homogenen sind die diversen Szenen zuzuordnen, die die
Angestellten des Hotels bei ihrer Arbeit zeigen, ebenso wie die Szenen in dem
Laboratorium, das als der Raum der empirischen Wissenschaft und Ratio fungiert. Doch
genau innerhalb dieser scheinbar unspektakulären, geordneten und klaren Arbeitswelt
ist der Horror und Terror angesiedelt:
[...], the horror that lies in wait through Denis´ images is the same horror that hides behind the
most familiar of settings, in the world of the most innocuous comedy, lurking in the edges of the
most reassuring of cinematic clichés.202
Indem Horror nicht an einem entlegenen Ort stattfindet, sondern inmitten des Alltags,
wiederholt er so den Titel des Films, der dem gleichnamigen Song von Frank Zappa
entnommen ist. Das Heterogene findet nicht nur einfach in dem Homogenen als
Fremdkörper statt, sondern erwächst daraus und präsentiert sich als eine, wenn auch
übersteigerte, transgressive Möglichkeit.
So wie der trouble sich als inhärentes Element des every day herausstellt, so ist der
tötende Biss der beiden Figuren Shane und Coré bereits eine Möglichkeit des Kusses. In
diesem Umschlagmoment nimmt die Haut mehrere Funktionen ein: Sie ist zum einen
die Grenze, die das Innere des Körper verbirgt, und gegen die der Biss wettert. Zum
anderen ermöglicht die Haut als Oberfläche sowohl Kuss als auch Biss und fungiert in
der Folge als Zeuge des Umschlags von Kuss zu Biss. Besonders deutlich wird diese
Funktion der Haut in einer Szene zwischen den Eheleuten Brown: In der Badeszene
Junes in Minute 29:08 ist eine Bissspur an ihrem linken Oberarm zu sehen, die darauf
schließen lässt, dass Shane für einen Moment die Beherrschung verloren hat.
Auch der Körper Junes nimmt für das Merkmal des Umschlags eine Sonderrolle ein, da
an ihm die Ambiguität des Bataillschen (Frauen-)Körpers besonders deutlich wird: In
Minute 27 wird über zwei Minuten lang eine Badeszene gezeigt. Die Kamera fährt
201
202
http://www.pastemagazine.com/articles/2004/12/claire-denis.html. Letzter Zugriff: 15.05.2014, 19:52.
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 33.
42 dabei langsam ohne Schnittwechsel über den im Wasser liegenden, nackten Körper
Junes. Doch ist es auch genau dieser saubere Körper, der als Oberfläche für die
Beschmutzung dient. June ist nicht nur die Personifizierung einer „junge[n] Frau, die
just vor dem Frauwerden verbleibt“203, die also mit ihren Eigenschaften der Unschuld
und
Schönheit
Kriterien
des
Bataillschen
Frauenbildes
erfüllt,
sondern
auch
Vexierbild
Phantasien
Ehemannes.
Abbildung 3: Trouble every day. R.: Claire Denis. Fr. 2001.
TC: 00:09:59.
für
die
ihres
Bereits
im Flugzeug auf dem
Weg
nach
Paris
überkommt Shane ab
Minute 9:19 in der Toilette das Bild eines vollständig mit Blut beschmierten Körper
Junes, der sich lasziv in Blut rekelt. Inszeniert wird hier nicht nur der Topos der
befleckten Unschld – der Symbiose von Heiliger und Hure – sondern auch ein radikaler
Bruch von steriler, sauberer Kabinenatmosphäre und -Ausstattung, in der Shane sanft an
dem Arm seiner lächelnden Ehefrau entlangküsst, zu einem hoch sexualisierten, dunkel
beleuchteten Bild, bei dem erst nach einigen Sekunden erahnt werden kann, dass hier
eine Frau in Blut badet.
Damit ein Körper beschmutz werden kann, muss er zuvor gereinigt werden. So konträr
und oppositionell die beiden Körperbilder auch zu sein scheinen, so kann doch ein
Abhängigkeitsverhältnis vom sauberen und schmutzigen Körper festgestellt werden.
So verwundert es auch nicht, dass sich immer wieder wortlose Reinigungsszenen, in
denen nichts weiter als der Prozess des Reinigens inszeniert wird, finden lassen: In
Minute 33:20 entfernt Léo die Blutflecken der amourösen Eskapade von Corés Haut.
Über eine Minute lang wird dabei kein Wort gewechselt, lediglich der Vorgang des
Waschens, des Gleitens des Schwammes über die Haut, filmisch eingefangen. Die
Reinigungskraft des Hotels in Paris, die Shane am Ende des Films im Liebesspiel stark
verletzten wird, nimmt ebenfalls eine besondere Rolle ein. Die Reinigung ist nicht nur
203
Nancy, Jean-Luc: Mal der Blutgier. Trouble Every Day von Claire Denis. In: Claire Denis. Trouble
Every Day. Hrsg. v. Michael Omasta u. Isabella Reicher. Wien: SYNEMA 2005. S. 60.
43 Teil ihrer beruflichen Tätigkeit, bei dessen Vollzug sie gefilmt wird, sie wird darüber
hinaus auch bei der Reinigung ihres eigenen Körpers – ihrer Füße – gezeigt.
Der Dopplung der Körperbilder entspricht die Leitchiffre rational-irrational: „Through
editing, the world of the laboratory is constantly connected to the unknown that Shane
and Coré incarnate and that science must deny.“204 Shane versucht konstant seinem
Begehren mit Medikamenten Herr zu werden, wendet sich also an die Medizin um
Hilfe. Der Körper ist hier Topos der Gefahr und in dieser Funktion kranker Körper, den
die Wissenschaft heilen soll: „Die grimmige Wahrheit des Begehrens spaltet sich dabei
in die Symbolik des vampirischen Erotik und in die Wildheit der Vergewaltigung durch
den Biss des Sexes. Sie spaltet sich in Mythologie und in Krankheit [...].“205
3.2.3. Erotik und Sexualität
Denis selbst hat den Inhalt des Filmes in der Intention, den Vorwurf des Kannibalismus
und Vampirismus zurückzuweisen, wie folgt beschrieben:
Moi, je parle du désir de manger l´autre, de la dévoration dont il est question dans les romans, de
ces moments de trouble dans la passion amoureuse où se révèle une force brute (et non brutal)
qu´on appelle la libido.206
Zentrum des Films ist nicht das Begehren, menschliches Fleisch zu essen, sondern die
Ambivalenz der Libido, die eben Kuss und Biss sein kann, sowie der Moment des
Umschlags. Nun kann die Frage gestellt werden, wie dieses übermäßige Begehren in
Verbindung mit der Bataillschen Erotik zu bringen ist. Eigentlich bezeichnet die Erotik
weder den simplen Trieb, sich fortzupflanzen, noch die nur objektiv fassbare Sexualität,
sondern eine Haltung, sich an das Äußerste zu treiben und sein Sein in Frage zu stellen.
In Trouble every day wird diese Haltung durch eine medikamentös ins Extrem
getriebene Libido geebnet. Sind Shane und Coré durch ihr monströses Begehren in die
gleiche Position versetzt worden, so unterscheiden sie sich in ihrem Umgang damit.
Coré gibt sich dieser Bewegung hin, so dass die von ihr vollzogenen Geschlechtsakte,
die immer im Tod des anderen Sexualpartners enden, als der Bataillschen Erotik
zugehörig bezeichnet werden können. Sie ist das „Bild der alles verschlingenden
Frau“207, die sich weigert zu handeln, gegen ihr monströses Begehren zu handeln: „Je ne
204
Beugnet, M.: Claire Denis. S. 172.
Nancy, J.-L.: Mal der Blutgier. S. 58.
206
Beugnet, M.: Claire Denis. S. 175.
207
Kleinspehn, Thomas: Le Cannibale mélancolique. Orale Gier und die Verflüchtigung des Körpers in
der Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Leib-Zeichen, Körperbilder, Rhetorik und Anthropologie im 18.
Jahrhundert. Hrsg. v. Rudolf Behrens u. Roland Galle. Würzburg: Königshausen & Neumann 1993. S.
232.
205
44 puis maintenir en moi le caractère entier que refusant d´agir, [...].“208 Aber Coré ist auch
eine Frau, wie Bataille sie nie hätte denken und beschreiben können, da diese extreme,
aktive Leidenschaft und die ihr korrespondierende Gewalt bei Bataille stets von einer
männlichen Position heraus gedacht werden. Cineastische Realisierung erfährt Corés
erotisches Spiel in voller Länge ab Minute 57:29: Zwei pubertierende Nachbarjungen
beobachten bereits seit einer Weile die Geschehnisse im Haus und versuchen, einen
Weg
in
das
Innere zu finden.
Eines
Tages
gelingt es den
Jungen
die
Eisenvorrichtung
vor
einem
Fenster
zu
entfernen und in
Abbildung 4: Trouble every day. 2001. TC: 00:54:42.
das
Haus
einzubrechen.
Da
Coré
die
verschlossene Tür ihres Schlafzimmers mit einer elektrischen Säge bereits zuvor
zerstört hat, trennen quer montierte Holzbalken sie von dem Rest des Hauses. Diese als
Grenze fungierenden Holzbalken werden von einem der Jungen zerstört, um so den
Weg zum ersehnten Liebesakt frei machen zu können. Doch diese Grenze ist nicht nur
Hindernis, sondern auch entscheidendes Element im Spiel der Begierde. In der
darauffolgenden Szene des Geschlechtsakts dominieren extreme Close-ups sowie
sekundenlange, langsame Kamerafahrten entlang des Körpers. Beginnt auch diese
Szene durchaus im Rahmen des Normalen mit Händen und Lippen, die Haut berühren,
so nimmt auch sie eine Wende: Der Kuss wird zum Biss, erscheint als „Macht des
Bisses und des Todes“209, indem Coré dem Opfer in den Hals beißt. Ob der Junge an
dem enormem Blutverlust stirbt, wird nicht gezeigt. Aus der darauffolgenden Szene, in
der Coré vor einer abstrakt mit Blut bemalten Wand hin und her geht, lässt sich
allerdings schließen, dass der Junge dieses erotische Erlebnis wohl nicht überlebt hat.
Kontrastiert wird der Moment des Außer-sich-Geratens und der Aufwallung durch die
klassige Geigenmusik, die die ganze Szene begleitet. Der Tod des Jungenkörpers ist
208
209
Bataille, Georges: Sur Nietzsche. In: Œuvres complètes VI. Paris: Éditions Gallimard 1973. S. 18.
Nancy, J.-L.: Mal der Blutgier. S. 53.
45 Zeuge einer Leidenschaft, die in das Innerste des Körpers will, „um Zugang zu
gewähren zu dem, was mehr als Leben ist, in einem Ausbruch von Blut, Sinn und
Präsenz.“210 Die Verletzung des Körpers entspricht der Gabe an den Anderen, so dass
der Körper Zeugenschaft ablegt für seine eigene Opferung. Die hier dem Jungen
angetane Gewalt entspricht nicht der Gewalt eines Verbrechens, sondern der des
Begehrens, wie Nancy bestätigt: „Im Gegenteil, das ist die Kunst, das zu filmen, was
kein Mord ist, sondern die dem Mord gleichkommende Instanz im Herzen des
Begehrens.“211 Allerdings werden ihre Avancen gegenüber ihrem Mann Léo von ihm
abgelehnt, so dass man sagen kann, dass die Bataillsche Erotik sich einer
funktionierenden Sexualität in den Weg stellt.
Während Coré sich ihren Gelüsten widerstandslos hingibt, versucht Shane, dagegen
anzukämpfen und eine Lösung zu finden. Die Grenzen, die Coré in Form von Fenstern
oder Türen von außen gesetzt werden, finden in Shanes Fall in seinem Inneren statt. Er
erweist sich auf Grund seiner Zwiegespaltenheit als „tragic figure“ 212 , die von
unstillbaren, ihn selbst ängstigenden Gelüsten heimgesucht wird: „In Trouble every day,
Coré and Shane, like contemporary Jekyll and Hyde figures, are inhabited by
contradiytory impulses, torn between their love for their respective companions and
their urge to devour the objects of their desires.“213 Sein übermäßiges Begehren kommt
Terror gleich, der ihn nicht in Ruhe lässt und permanente Verstörung bedeutet. Nicht
nur Shane ist so in ständige Unruhe und Vorsicht versetzt, ein Gefühl der Angst und
Bedrohung überträgt sich durch „the effect of the correspondences and of the sensuous
camerawork, and the effective destabilising of the conventional strategies of perception
and point of view“214 auch auf die Zuschauer. Trotz aller Bemühungen erliegt Shane am
Ende des Films seinem übermäßigen Verlangen. In den letzten fünf Minuten des Films
stattet Mr. Brown der Reinigungskraft in ihrem Umkleideraum des Hotels einen Besuch
ab. Dort kommt es nach einem kurzen Vorspiel zu einer erneuten sexuellen Verbindung,
in der Shane die Reinigungskraft stark verletzt. Durch das Verlangen Shanes gestaltet
sich auch die Sexualität der beiden Ehepartner als schwierig. Zu sexuellen Kontakten
kommt es kaum, obwohl es durchaus eine sinnliche Anziehung der beiden Partner
zueinander gibt. Ab Minute 71:47 wird drei Minuten lang der Versuch eines
Geschlechtsaktes der beiden Eheleute gezeigt. In zahlreichen Close-ups sind zwei
210
Ebd. S. 57.
Ebd. S. 55.
212
Beugnet, M.: Claire Denis. S. 165.
213
Ebd. S. 176.
214
Ebd. S. 164.
211
46 ineinander verschlungene Körper, die kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind, zu
sehen. Die Close-ups leisten in diesem Zusammenhang ihren Beitrag zur Zersetzung der
Menschlichen Figur, da sie bisweilen so nah an der Haut und in schnellem Wechsel
montiert sind, dass eine eindeutige Zuordnung schwierig bis unmöglich erscheint –
sowohl die geschlechtliche Zuordnung als auch die Zuordnung zu einem Körperteil. In
der Folge entsteht der Eindruck einer amorphen, sich ständig wandelnden HautOberfläche. Allerdings stehen auch in keiner anderen Szene die Geste der Berührung
und der Moment des Kusses so im Fokus: „Das gängige Bild des Kusses ist das einer
Berührung über die Haut, über die Lippen, die sich vollzieht, ohne die Haut zu
verletzen, und die, wenn die Münder sich treffen, einen Austausch von Atem und
Speichel ist, nicht von Blut.“215 Nähe findet hier demnach nur unter dem Zeichen des
Verlustes der Möglichkeit von Zuordnung statt. Doch leider wird das Zusammenspiel
der Körper durch ein abruptes Ende des Liebesaktes und der parallel dazu verlaufenden
Musik unterbrochen. Shane flüchtet in das Badezimmer, um dort zu masturbieren,
während seine Ehefrau vor der verschlossenen Badezimmertür weint. Wie bereits für
die Sexualität zwischen Coré und ihrem Mann festgehalten werden konnte, stellt sich
auch in diesem Fall das Bedürfnis nach mehr, das die Bataillsche Erotik herbeisehnt,
einer geglückten Sexualität in den Weg.
Zusammenfassend kann man sagen, dass alle drei Formen der Bataillschen Erotik im
Film aufgegriffen werden. In der Darstellung nackter, entblößter Körper präsentiert der
Film die Erotik der Körper, die allerdings in den meisten Fällen scheitert, da sie in dem
Tod einer der beiden Sexualpartner mündet. Die erotische Beziehung zwischen Shane
und seiner Frau June kann als Erotik der Herzen bezeichnet werden und bildet in ihrer
Unmöglichkeit einer erfüllten objektiven Sexualität das Leidenspotential des Paares.
Auf einer Metaebene entsprechen aber vor allem die Szenen des Geschlechtsakts von
Coré sowie die zwischen Shane und der Hotelangestellten der heiligen Erotik. Der
jeweilige Sexualpartner kann als Opfer bezeichnet werden und der Geschlechtsakt
ähnelt
einer
Opferung.
Der
Sexualpartner
wird
jeweils
der
„discontinuité
individuelle“216 und seinem isolierten Dasein entzogen, indem sich die sexuelle Gewalt
gegen das Ding in dem Anderen, gegen die „l´isolement individuel“217 wendet. Die
dadurch zutage tretende Welt der Kontinuität steckt den Zuschauer an.
215
Ebd. S. 53.
Bataille, G.: L´érotisme. S. 26.
217
Ebd. S. 28.
216
47 In À l´interieur wird das Moment der Opferung ebenfalls aufgegriffen – allerdings ohne
erotische Konnotationen. Vielmehr rückt das Wechselverhältnis des Homogenen und
Heterogenen im Opferungsprozess in den Fokus.
3.3. À l´intérieur
Der 2007 veröffentlichte Film von Alexandre Bustillo und Julien Maury wurde in der
Rezeption als Horrorfilm bezeichnet, da er nicht nur die klassische Genrethematik der
Hausbesetzung aufgreift, sondern auch in seiner Gewaltdarstellung das dem
„Terrorkino“218 zugesprochene Extrem erfüllt.
Die Handlung kann insgesamt in drei Abschnitte unterteilt werden. À l´intérieur beginnt
mit dem Bild eines Fötus, das sich noch im Mutterleib befindet und nach einigen
Sekunden ruckartig nach vorne geschleudert wird, so dass sich das Fruchtwasser rot
färbt. Daraufhin fährt die Kamera aus der Froschperspektive näher an zwei von einem
Unfall zerstörte Autos heran. Nach fünf Minuten Spielzeit folgt ein Zeitsprung von vier
Monaten in die Zukunft – zweiter Handlungsabschnitt –, in dem der Besuch der
Fotografin Sarah Scaringella, die bei dem Unfall am Steuer einer der Wagen saß, bei der
Gynäkologin gezeigt wird. Aus dem Gespräch erfährt man, dass die Geburt für morgen,
den Weihnachtsabend, angesetzt ist und dass ihr Mann Matthieu bei dem Unfall ums
Leben gekommen ist. Der dritte Handlungsabschnitt spielt dann in Gänze in Sarahs
Haus, in das sie sich für die letzte verbleibende Nacht vor der Geburt zurückzieht. Dort
möchte sie alleine sein und keinen Besuch empfangen – weder von ihrer sich sorgenden
Mutter noch von ihrem viel älterem neunen Freund Jean-Pierre, der auch gleichzeitig ihr
Vorgesetzter in der Zeitungsredaktion ist, bei der sie als Fotografin arbeitet. Nach einer
Weile klingelt es allerdings trotzdem an der Tür und eine unbekannte Frau bittet sie
darum, ihr Telefon benutzen zu können, da sie selbst einen Zwischenfall mit ihrem Auto
gehabt haben soll. Nachdem Sarah ihr diese Bitte verwehrt, wird der Tonfall der Frau
aggressiver und sie lässt erkennen, dass sie Sarah und ihre tragische Geschichte kennt.
Nachdem Sarah sich dann zu Bett legt, steht die Frau plötzlich mit einer Schere in ihrer
Hand in ihrem Zimmer. Sie deutet an, das ungeborene Kind aus Sarah
herauszuschneiden. Doch als Sarah dann plötzlich aufwacht, kann sie die Frau
überwältigen und in das Badezimmer flüchten. Von nun an beginnt ein verzweifelter
Kampf der beiden Frauen um das Ungeborene, in dem unter anderem Sarahs Mutter,
218
Kappesser, Susanne: Inside. Die weibliche Körperinszenierung als transgressives Spiel mit dem
Abjekten im neuen französischen Genrekino. In: Global Bodies: Mediale Repräsentationen des Körpers.
Hrsg. v. Ivo Ritzer u. Marcus Stiglegger. Berlin: Bertz + Fischer 2012. S. 160.
48 Jean-Pierre, mehrere Polizisten und ein Zivilist sterben. Im Laufe der Handlung erfährt
man, dass die unbekannte Frau, die bis zum Schluss auch namenlos bleibt, in dem
anderen am Unfall beteiligten Fahrzeug ebenfalls hochschwanger am Steuer saß, ihr
Baby den Unfall allerdings nicht überlebt hat. Der eingangs gezeigte Fötus, dessen
Fruchtwasser sich nach einem Ruck nach vorne rot färbt, ist demnach das Ungeborene
der Frau. Zum Ende gelingt es der Frau, Sarah blutüberströmt auf der Treppe des
Hauses mit einer Schere den schwangeren Bauch zu öffnen und das Baby an sich zu
nehmen. Die letzten Szenen zeigen, wie die vollkommen entstellte Frau mit dem kleinen
Säugling in der Hand in einem Schaukelstuhl sitzt.
3.3.1. Montage
Trotz der eingangs erwähnten Rezeption von À l´intérieur als Horrorfilm präsentiert
sich auch dieser Film bei genauerem Hinsehen als Zusammensetzung von Elementen
unterschiedlicher Genres. Auf den ersten Blick kann er dem französischen Terrorkino
zugeordnet werden, da er eine „drastische Dimension des Körperhorror“219 präsentiert.
Die
radikale
Bildästhetik
zeichnet
sich
durch
Konfrontationsmomente
mit
verstümmelten und aufgerissen Körpern aus, die die prinzipielle Verletzlichkeit und
Vergänglichkeit von Körpern versinnbildlichen und als heterogene Körper bezeichnet
werden können. Neben diesen Gewaltmomenten und dem klassischen Motiv der
Hausbesetzung lassen sich weitere genretypische Motive finden: Sarah besitzt eine
schwarze Katze, die seit je her mit okkulten Sphären in Beziehung gesetzt wird. Das
Haus, der Gewaltraum, besitzt die Hausnummer 666, die Zahl des Tieres und
Antichristen. Auch die vielfach als absurd und unnötig empfundene Auferstehung eines
eigentlich bereits erschossenen und für tot geglaubten Polizisten mit zerfetztem Gesicht
und leeren Augenhöhlen kann als sensationalistische Übersteigerung verstanden
werden, die den traditionellen Exzessbegriff des Horrorkinos referiert. Darin werden all
die Elemente, die nicht in die lineare, stringente Erzählökonomie des klassischen
Hollywood-Kinos integriert werden können, als exzesshaft qualifiziert: „Exzessive
Momente im Film treten also immer in Relation zu der jeweilig gegebenen filmischen
Struktur auf, sie lassen sich nicht ohne Rückgriff auf den filmischen Kontext
bestimmen.“220 Vor diesem Hintergrund können die Morde der Figuren der Mutter,
Jean-Pierre und der Polizisten als bloße Elemente einer Überwältigungsstrategie, die die
219
220
Ebd. S. 160.
Shelton, C.: Unheimliche Inskriptionen. S. 163.
49 „symbolische Lesbarkeit der filmischen Figuren temporär außer Kraft“221 setzt und dem
Zuschauer eine somatische Reaktion abfordert, gedeutet werden. In der Zersetzung der
Menschlichen Figur findet demnach erneut Reperkussion statt.
Trotz dieser Momente kann À l´intérieur nicht einfach nur auf eine „Agglomeration von
Attraktionen“222 reduziert werden. Vielmehr verfügt er über eine zweite Ebene, wie
Susanne Kappesser bestätigt: „Ein äußerst subversiver Ansatz, denn der Zuschauer wird
mit zwei Ebenen konfrontiert: dem absoluten Körperhorror – durch Transgression – und
zugleich mit einer Metaebene, [...].“223 Diese Metaebene ermöglicht eine Analyse des
Films unter weiteren Bataillschen Gesichtspunkten: Im Fokus dieser Analyse stehen die
beiden Begriffe des Homogenen und Heterogenen sowie ihr Zusammenspiel. Es wird
der Frage nachgegangen, mit welchen filmischen Mitteln diese beiden Sphären
inszeniert werden und wie sich ihr Verhältnis zueinander gestaltet.
3.3.2. Inszenierungen des Homogenen und Heterogenen
Die Zweiteilung als Strukturprinzip des Films wird mit dem Aufprall beider Autos in
Minute 2:30 eingeleitet und versinnbildlicht: Beide Autos werden aus der
Vogelperspektive von der Kamera eingefangen. Deutlich werden dabei die Vehemenz
des Aufpralls und der semantisch aufgeladene, farbliche Kontrast, der sich durch den
ganzen Film ziehen wird. Das Auto Sarahs ist hell gehalten, während das Auto der Frau
eine schwarze Farbe aufweist. Trotz dieser polaren Farbwahl kann das Verhältnis beider
Frauen nicht als simpler Gegensatz beschrieben werden, da beide Frauen einen
elementaren Verlust erlebt haben – Sarah den Verlust ihres Ehemannes und die Frau
den ihres ungeborenen
Kindes. Bestätigt wird
diese These durch die
Tatsache,
Autos
dass
nicht
beide
linear
aufeinandergeprallt sind,
sondern
Abbildung 5: À l´intérieur. R.: Claire Denis. Fr. 2001. TC:
00:02:30.
221
Morsch, T.: Medienästhetik des Films. S. 27.
Ebd. S. 27.
223
Kappesser, S.: Inside. S. 174.
222
50 in
einem
bestimmten Winkel, so
dass
Aufprallsituation
die
eher
als Form des Buchstabens V beschrieben werden kann. Diese Kollision fungiert wegen
des Verlustes als Bataillsche „CHANCE.“224 Und an eben dieser Stelle tut sich eine
Kluft zwischen den beiden Frauen auf, die in der Farbe der Autos bereits angedeutet
und in der farblichen Wahl der Kleidung beider Frauen wieder aufgegriffen wird:
Während Sarah in eine melancholisch-depressive Stimmung verfällt, reagiert die Frau
mit einer manischen Besessenheit, die von Wut und Aggressionen begleitet wird. Sarah
arbeitet trotz ihrer Niedergeschlagenheit weiterhin als Fotografin und wird so dem
„principe de la réalité“225 gerecht. Sie verkörpert das Homogene mit seinen Idealen der
Arbeit und Nützlichkeit. Interessant ist die Tatsache, dass ihr Werkzeug die Fotokamera
ist, mit der sie eine Distanz zur Welt einführt, mit der sie die Frau aber auch nie genau
fotographisch einfangen kann. Die Frau ist auf den zwei Fotos, die Sarah von ihr macht,
– einmal im Park und einmal hinter der Glastür – nur als verschwommener Fleck
erkennbar. Da die Frau nicht der Arbeitswelt zugeordnet werden kann, gehört sie der
Welt des Heterogenen an, die aus der Perspektive der Welt des Homogenen nur als
bedrohliches Schwarz wahrgenommen werden kann. Der Sonderstatus der Frau wird
durch die altertümlich wirkende Gothik-Kleidung der Hauptdarstellerin Béatrice Dalle
sowie der Tatsache, dass sie den ganzen Film über nie mit Vornamen oder Nachnamen
angesprochen wird, also keine wirkliche Identität erhält, unterstützt. Mann kann
demnach schließen, dass Sarah dem Bereich des Homogenen zuzuordnen ist, während
die Frau als bedrohliches, weltfremdes und nicht identifizierbares Wesen in ihrem
Toben und Rasen dem Bereich des Verfemten angehört.
Nach dem Unfall wird durch bestimmte filmische Mittel ein Gefühl der Bedrohung, des
Lauerns erzeugt, das der Ankunft der Frau vorauseilt und sie ankündigt, aber auch die
prinzipielle Angst des Menschen vor dem Heterogenen reflektiert. Die Worte der
Krankenschwester in Minute 6:00 wirken im Nachhinein wie eine Vorhersage: „Die
erste Geburt ist die schwierigste“; „Ich hab doch tatsächlich zwölf Stunden im Kreißsaal
gelegen“; „Und dann war´s auch noch ganz umsonst – eine Totgeburt.“ Sowohl die
Beleuchtung der jeweiligen mise en scène als auch die Kameraführung sind tragende
Bausteine in der Inszenierung der bedrohlichen Atmosphäre. Zum einen gibt es keine
zentrale Lichtquelle, die den Aktionsraum erhellt, sondern nur das indirekte, schwache
Licht zweier Tischlampen innerhalb des Hauses, das die Räume in ein schattenhaftes
Grau taucht. Der Aufmerksamkeitspunkt und der Lichtpunkt verhalten sich divergent
zueinander. Hinzu kommt der Eindruck einer nebligen oder sehr staubigen Luft
224
225
Bataille, Georges: Le coupable. In: Œuvres complètes V. Paris: Éditions Gallimard 1973. S. 341.
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 343.
51 innerhalb des Hauses, die jedes Mal, wenn das Geschehen in die Nähe einer der Lampen
rückt, in Erscheinung tritt. Diese Lichtstrategie wird zu einem späteren Zeitpunkt, wenn
die Frau das Licht des Hauses ausschaltet, in sein Extrem gesteigert: Ort und Handlung
werden nur noch mit einer Taschenlampe beleuchtet, die eine nur sehr partielle
Wahrnehmung ermöglicht. Ähnlich wie das spitze Werkzeug der Frau – Stricknadel
oder Schere –, mit dem sie die anderen attackiert und tötet, bohrt auch die
Taschenlampe einen Lichtstrahl durch die Dunkelheit. Zum anderen erzeugt die
Kameraführung ein Gefühl der Unruhe und Bedrohung, indem sie eine Position
einnimmt, die das Geschehen von außerhalb beobachtet: In Minute 16:59 befindet sich
die Kamera hinter dem Treppengeländer des Flures und zeichnet das Gespräch Sarahs
an der Tür für einige Sekunden durch das Geländer der Treppe auf. Die Kamera lauert
außerhalb des eigentlichen Geschehens, ist in dieser Positionierung aber expressiv und
sinnstiftend.
Die oben beschriebene farbliche Aufteilung spiegelt sich in der Tonkomposition, für die
François Eudes verantwortlich ist: Die Filmmusik wechselt zwischen ambientartigen
Klängen,
einer
melancholischen
Musik
mit
melodiösen
Violinen,
die
die
Niedergeschlagenheit und Depression Sarahs wiedergibt, und schrillen, verstörenden
Schreien, die vor allem viele der von der Frau begangenen Angriffe begleiten – wie
etwa der Kampf mit Jean-Pierre in Minute 38:37. Sicher können diese Schreie als
Strategie der Maximierung von Angst und Verstörung gesehen werden, doch sind sie
nach Bataille auch als „le cri émerveillé de la vie“226 und als Momente des Heiligen
interpretierbar: „Le sacré est ce bouillonnement prodigue de la vie que, pour durer,
l´ordre des choses enchaîne et que l´enchaînement change en déchaînement, en d´autres
termes en violence.“227 Interessant erscheint die Tatsache, dass die Verletzungen durch
spitze Werkzeuge – in diesem Fall Stricknadeln – verursacht werden, die kleine Löcher
in den Körper des Opfers bohren, und auch die schrillen Schreie das Bild eines
schreienden und somit geöffneten Mundes suggerieren. Das Loch als Gefahr und
Bedrohung für die Unversehrtheit des Körpers wird an dieser Stelle ebenso referiert wie
das Verständnis der Bataillschen Transgression als eine Geste des Bohrens. Neben den
schrillen Schreien werden die Angriffe der Frau durch ein stumpfes Pochen begleitet. In
Minute 31:38 wird dieses Pochen in der Verfolgung Sarahs durch die Frau ins Bad
immer schneller, bis sie dann, als Sarah sich im verriegelten Badezimmer befindet und
die Frau vor der verschlossenen Tür zusammenkrümmt, plötzlich enden. Man bekommt
226
227
Ebd. S. 309.
Ebd. S. 312.
52 den Eindruck, als würde dieses Pochen in dem Kopf der Frau stattfinden und nicht etwa
ein filmisches Element aus dem Off sein.
Das Homogene und Heterogene werden nicht nur durch die farbliche Aufteilung
definiert und voneinander getrennt, sondern auch durch die räumliche Verortung: Das
Homogene ist dabei stets im Inneren situiert und durch Wände von dem Rest
abgegrenzt. Räume des Homogenen sind etwa das Haus Sarahs und im Verlauf des
Einbruchs des Heterogenen das Badezimmer. Dementsprechend wird der Ort des
Außerhalb – ob nun außerhalb des Hauses oder außerhalb des Badezimmers – dem
Heterogenen zugesprochen. Darüber hinaus wird die Perspektiven des Innen und Außen
immer wieder durch die Kameraarbeit inszeniert, so dass es zu sprunghaften Bewegung
kommt. Der Film beginnt – seinem Titel treu – mit einer Innenschau der Gebärmutter.
Den eigentlichen Aufprall beider Autos sieht der Zuschauer nur von Innen durch die
Reaktionen des Babys auf die Schleuderbewegung nach vorn und der Färbung des
Fruchtwassers. Nach einer Abblende ins Schwarze wird der Moment nach dem Aufprall
mit melancholischer Violinenmusik gezeigt. Im weiteren Verlauf des Filmes findet
während den Kampfszenen der beiden Frauen immer wieder eine Innenschau der
Gebärmutter statt, in der die Auswirkungen der Kampfhandlungen auf das Ungeborene
deutlich werden. Inszenierungen von Innen und Außen finden auch entlang räumlicher
Gegebenheiten statt: In Minute 24:32 wird acht Sekunden lang das Haus aus der
Vogelperspektive gezeigt, so dass die darin stattfindenden Handlungen nur von außen
beobachtet werden können. Auch bei dem Besuch der Polizisten in Minute 22:06
wechselt die Kamera immer wieder von der Position außerhalb des Hauses hinter den
Polizisten zu einer Position innerhalb des Hauses hinter Sarah. Besonders deutlich
werden die Trennung von Innerhalb und Außerhalb sowie die Sprungbewegung der
Kamera, nachdem Sarah in Minute 31:15 in das Badezimmer flüchtet. Die Kamera
alterniert permanent in harten Schnitten von der Außenschau, den Attacken der Frau
gegen die Tür und den verängstigten Reaktionen Sarahs im Badezimmer.
Innen und Außen sind zum einen Begriffe räumlichen Denkens, bedürfen also einer
räumlichen Dimension wie dem Badezimmer, dem Haus und dem Körper Sarahs. Mit
ihnen wird auch immer der Gedanke einer Grenze etabliert – versinnbildlicht in
Fenstern oder Türen. Zum anderen entspricht die Leitdifferenz von Innen und Außen
der von Subjekt und Objekt, so dass „la fusion de l´objet et du sujet“228 auch nur in dem
Moment stattfinden kann, in dem Begriffe wie Innen und Außen ihre Gültigkeit
228
Bataille, G.: L´expérience intérieure. S. 21.
53 verlieren oder ineinander verlaufen und so nicht mehr klar differenzierbar sind. Dieser
Zerfallsmoment findet am Ende des Films mit der Geburt des Kindes und dem Tod
Sarahs statt.
Die Bewegung des Sprunges lässt sich auf weiteren Ebenen wiederfinden: Die Analyse
der Formalspannung des Film weist häufige sprunghafte Wechsel zwischen hoher und
niedriger Schnittfrequenz auf, die als wichtiges Element der Montage den Rhythmus des
Film bestimmt.229 À l´intérieur beginnt mit einer geringen Formalspannung von 21, die
sich nach dem Besuch der Frau an der Tür steigert. Trotz dieser Steigerung lassen sich
sowohl zu Beginn als auch in der Mitte und am Ende des Filmes erhebliche Sprünge der
Schnittfrequenz wiederzufinden: In Minute 24:32, in der Sarah sich auf die Nacht
vorbereitet, kann eine Schnittfrequenz von 15,3 registriert werden. In der nächsten
Szene, die den ersten Versuch der Frau zeigt, den Bauch Sarahs aufzuschneiden, sowie
ihren Fluchtversuch ins Badezimmer wiedergibt, wird diese auf 6 angehoben, nur um
dann bei dem Besuch von Jean-Pierre wieder auf 10 zu fallen. Auch wenn die
Schnittfrequenz für einen Horrorfilm nicht auffällig hoch ist, so wird durch den
permanenten Wechsel zwischen hoher und niedriger Schnittfrequenz eine Bewegung
erzeugt, die mitunter desorientierend und verstörend wirken kann. Der eigentliche Film
findet somit weder auf der einen noch auf der anderen Ebene statt, weder auf hoher
noch auf niedriger Frequenz, sondern dazwischen, in dem Wechsel und der Bewegung.
Wie sich erwiesen hat, bedingt die Inszenierung des Heterogenen und Homogenen auch
immer das Moment des Sprungs.
3.3.3. Momente der Transgression
Es wurde bereits deutlich, dass die Begegnung und Konfrontation beider Frauen in
stufenweisem Aufbau erfolgt: Die erste und entscheidende Begegnung, die den Weg für
alle weiteren ebnet, ist der Autounfall, der einen konstitutiven Mangel im Leben beider
Frauen erzeugt.
Die darauf folgenden Begegnungen können als Momente im Prozess einer Opferung
bezeichnet werden, in der sich die Gewalt der Frau gegen den Dingstatus Sarahs richtet:
„Le sacrifice détruit les liens de subordination réel d´un objet, il arrache la victime au
monde de l´utilité et la rend à celui du caprice inintelligible.“230
229
Die formale Spannung eines Filmes bezeichnet das Verhältnis der Anzahl der Einstellungen und der
gemessenen Zeit in Sekunden. Sie ist von der psychologischen Spannung zu unterscheiden, kann diese
aber beeinflussen und reflektieren.
230
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 307.
54 Als zweites Moment sei der Besuch der Frau vier Monate nach dem Unfall bei Sarah ab
Minute 16:20 genannt. Unter dem Vorwand einer Autopanne bittet diese um Einlass in
ihr Haus. Nachdem Sarah ihr diesen Wunsch abschlägt, verliert die Frau kurz die
Fassung und gibt mit dem Satz „Dein Mann ist tot, Sarah“ Preis, dass sie genaue
Informationen zu ihrem Leben hat. Zwischen den beiden Frauen befindet sich eine
verschlossene Tür, die sie noch räumlich und visuell voneinander trennt.
Diese visuelle Trennung wird in der dritten Begegnung ab Minute 19:13 aufgehoben:
Hier befinden sich Sarah und die Frau nur durch das Glas der Terrassentür getrennt
voneinander. Sarah sieht in der Nacht nur die dunklen Umrisse der Frau, die
bewegungslos vor dem Glas steht. Mit dem Schlag der Frau gegen das Glas, das
daraufhin
bricht,
bekommt diese Trennung
in Minute 19:59 einen
ersten Bruch und kündigt
den nächsten Schritt an.
Bei
der
nächsten
Begegnung – das vierte
Abbildung 6: À l´intérieur. 2001. TC: 00:20:08.
Moment
–
räumliche
Gänze
ist
die
Distanz
in
aufgehoben:
In
Minute 27:13 steht die Frau nun in Sarahs Schlafzimmer mit einer Schere in der Hand,
bereit, sich das zu nehmen, was ihrer Meinung nach ihr zusteht – das ungeborene Kind
in Sarah.
Durch die darauffolgende Flucht Sarahs in Minute 31:16 ins Badezimmer – fünftes
Moment – wird erneut eine Grenze gezogen, die in der Badezimmertür versinnbildlicht
wird. Die Position beider wird in dieser Situation besonders deutlich: Der Mensch ist
mit der Konfrontation mit dem Heterogenen völlig überfordert und absolut ängstlich.
Kann diese Angst durchaus als Schwäche und Eingeständnis des Verlustes der
geglaubten Souveränität bezeichnet werden, so ist sie aber auch Möglichkeit: „Au lieu
d´aller à la profondeur de son angoisse, l´anxieux babille, se dégrade et fuit. Pourtant
l´angoisse était sa chance: [...].“231 Die primäre Reaktion Sarahs ist die Flucht, während
die Frau mit einer scheinbar unstillbaren Wut gegen die Tür wettert. Die Frau wird im
Verlauf des Films immer aggressiver und geht mit immer maßloserer Gewalt gegen
231
Bataille, G.: L´expérience intérieure. S. 47.
55 Sarah vor. Gerade diese Gewalt bezeichnet Bataille als Intimität: „[...], et elle est la
destruction, parce qu´elle n´es pas compatible avec la position de l´individu séparé.“232
Die Frau, die zuvor als furchtlos dargestellt wurde, weil sie nicht davor zurückschreckt,
die brennenden Autos in den Banlieues zu fotografieren, erscheint nun angesichts der
Bedrohung und Vehemenz des Verfemten ihrer Stärke und Souveränität beraubt.
Boelderl zustimmend ist diese Reaktion allerdings völlig im Rahmen des
Nachvollziehbaren:
Folgerichtig kann man die Souveränität auch nicht „wollen“ – niemand kann seinen eigenen
Untergang wollen, und auch wenn man dies als denkmöglich zugestände, würde aus einem
solchen Wollen folgen, daß der Akt, den man zur Herbeiführung des Untergangs und damit zur
Erreichung der Souveränität setzte, alles andere wäre als ein souveräner Akt.233
Signifikant ist, dass Sarah gerade in den Ort des Hauses flüchtet, der für die Hygiene
und Sauberkeit verantwortlich ist, sich somit also in den sicheren Schoß der
Diskontinuität begibt. Wie in 2.6.1. bereits beschrieben, bilden Hygiene und
Reinlichkeit ein wesentliches Element in dem Körperdiskurs des idealschönen Körpers.
Sowohl durch die Farbwahl – das Badezimmer ist ganz in Weiß gehalten – als auch
durch die Beleuchtung – das Badezimmer wird großflächig hell ausgeleuchtet – wird es
als das Homogene von dem Bereich darum unterschieden. In Minute 54:38, in der Sarah
die Badezimmertür öffnet, um einen Polizisten reinzulassen, die Frau diesen aber von
hinten erschießt, so dass Sarah die Tür wieder schließt, macht die Kamera einen
Schwenk nach oben und filmt zuerst Flur, dann Tür und dann Badezimmer aus der
Vogelperspektive, so dass die beiden Bereiche in ihrer Verschiedenheit und der Grenze
deutlich hervortreten. Durch das Weiß des Badezimmers zeichnen sich aber auch die
Verletzungen Sarahs deutlicher ab als in einem weniger beleuchteten Zimmer. Das
Ausmaß und die Vehemenz der Gewalt der Kontinuität werden so sehr deutlich.
In der Folge findet ein Kampf beider Frauen um Erhalt und Destruktion der Tür statt. In
diesem Kampf gelingt es Sarah, die Frau durch einen Stich in den Unterarm zu
verletzten. Ab dem versehentlichen Tod an ihrer Mutter beginnt Sarah sich vehementer
zu wehren, indem sie unter anderem eine Spiegelscherbe als Waffe benutzt.
Das sechste Moment im Prozess der Opferung wird durch den Einbruch der Grenze –
die Badezimmertür – eingeleitet. Nachdem diese in Minute 52:30 zum ersten Mal weit
offen steht, scheint sich in Sarah etwas verändert zu haben. Sie legt sich zwar auf Befehl
des Polizisten ins Bett, macht den Anschein, als ob sie aufgeben hätte, doch für einen
kurzen Moment eröffnet sich für Sarah ein Moment der Souveränität durch die
232
233
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 312.
Boelderl, A.: Georges Bataille. S. 67.
56 Androhung der Opferung ihres noch ungeborenen Babys. Sie scheint die Situation
angenommen und sich der Angst gestellt zu haben, da sie nun nicht mehr ängstlich,
sondern bestimmt gegen die Frau vorgeht. Dadurch, dass sie sich aus dem sicheren
Bereich des Badezimmers in das Bett legt, geht Sarah der Konfrontation nicht mehr
bewusst aus dem Weg, sondern lässt die Frau sehr nah an sich kommen, um sie aus
dieser Näher heraus attackieren zu können. Nach einem missglückten Fluchtversuch –
die Tür des Hauses ist verschlossen – gelingt es Sarah, die Frau ein letztes Mal zu
verletzten: Durch die Kombination einer Zigarette und Spray verbrennt Sarah ihr die
rechte Gesichtshälfte. In der Folge bastelt sie sich aus einem Messer und einem Stock
eine speerartige Waffe. Untermalt wird diese Aufbruchsgeste durch stetig schneller und
lauter werdende Musik.
Allerdings erliegt Sarah am Ende trotz allem auf der Treppe der Frau: Durch die
Öffnung ihres Bauchbereichs durch die Frau tritt Sarah endgültig in die Welt der
Kontinuität ein, wie Susanne Kappesser bestätigt: „Denn die Trennung des Kindes von
der Mutter und der darauffolgende Tod lassen Sarah endgültig in den Bereich der
Kontinuität übergehen, [...].“234 Die parallel verlaufenden Prozesse der Transgression,
Opferung und Metamorphose sind damit beendet und zurück bleibt nur der entgrenzte
Körper Sarahs, dessen Organe auf der Treppe verstreut liegen. Interessant erscheint die
Tatsache, dass die endgültige Auflösung auf der Treppe stattfindet. Im Gegensatz zur
Tür fungiert die Treppe nicht als Grenze, sondern als Schwelle, als fließender Übergang
zwischen zwei Ebenen. Dieser letzte – siebte – Moment in Minute 70:45 kann als eine
doppelte Geburt bezeichnet werden: Es wird nicht nur das Kind geboren, sondern auch
eine zweite Geburt – die Geburt Sarahs – „dans la sortie du monde des choses“235 findet
statt. In dieser zweifachen Geburt wird der Vorwurf, den man Batailles Begriffssystem
gemacht hat, deutlich: „Elle a sans nul doute la même intention fondamentale que le
sacrifice archaïque, qui est, suivant un inéluuctable destin, em même temps de lever et
de préserver l´ordre des choses.“ 236 Geschützt wird dieses in der Folge durch das
Neugeborene und aufgehoben durch Sarah selbst. Die Souveränität Sarahs ist am Ende
eine „Chiffre des Todes.“237 Mit dem souveränen Tod fallen die Differenzierungen
zwischen Schöpfung und Zerstörung, sowie zwischen Innen und Außen, aber auch – auf
234
Kappesser, S.: Inside. S. 173.
Bataille, G.: Théorie de la religion. S. 328.
236
Ebd. S. 328.
237
Bürger, Peter: Die Souveränität und der Tod. Batailles Einspruch gegen Hegel. In: Georges Bataille.
Vorrede zur Überschreitung. Hrsg. v. Andreas Hetzel u. Peter Wiechens. Würzburg: Königshausen &
Neumann 1999. S. 37.
235
57 einer Metaebene – zwischen Zuschauer und Leinwand. Sowohl innerhalb der Narration,
als auch in der Situation des Zuschauers ist die Bataillsche Transgressionsstruktur des
Opfers erkennbar: Der Opfernde – die Frau – ist von der Welt der Dinge und der Arbeit
getrennt, ebenso wie das Opfer – Sarah – am Ende stirbt, damit die Zuschauer die
Erfahrung des Heiligen machen, das sich durch die Ansteckung verbreitet.
Man kann demnach von zwei verschiedenen Überschreitungsgesten und -arten
sprechen: Zum einen findet eine Überschreitung in der Basiserzählung durch die nicht
motivierten Tode statt. Tod und Gewalt verweisen hier nur auf sich selbst und erinnern
an die set-pieces des klassischen Horrorfilms. Überschreitung wird hier als Überschuss
definiert, der sich dem hermeneutischen Signifikationsprozeß entzieht und so eine
Lehrstelle bildet. Zusätzlich findet eine Überschreitung auf der Metaebene zwischen
Leinwand und Zuschauer statt: Durch die Präsentation von Körperbildern, die den
ersten drei Strategien des L`informe entsprechen, wird die Wechselwirkung der
Berührung in Gang gesetzt, die im Zeichen der Überwältigung steht.
Während in À l´intérieure der Opferungsprozess von außen gezeigt wird – in dem
Wechselspiel zwischen Homogenen und Heterogenen –, fokussiert Martyrs das
Innenleben des Opfers in der Opferung.
3.4. Martyrs
Der 2008 auf dem Festival Nouveau Cinéma gezeigte Film hat nicht nur wegen seiner
drastischen und unverblümten Darstellung von Gewalt für Furore und Empörung
gesorgt, sondern vor allem durch die Tatsache, dass dieser Gewalt ein philosophischer
Hintergrund gegeben wird.
Martyrs
besteht
insgesamt
aus
zwei
Handlungseinheiten,
wobei
die
erste
Handlungseinheit dem eines klassischen Rachefilms entspricht: Lucie kann als junges
Mädchen aus einer Art Folterkeller entkommen und in einem Waisenhaus Zuflucht
finden. Dort schließt sie Freundschaft mit dem Waisenmädchen Anna, die zu ihrer
einzigen Vertrauensperson und Ansprechpartnerin wird. Lucie wird (in ihrer Phantasie)
von einer abgemagerte, mit Narben übersäten Frau verfolgt, die ihr Gewalt antut.
Fünfzehn Jahre später glaubt Lucie die Täter in einem Zeitungsartikel wiedererkannt zu
haben, sucht ihr Haus auf und erschießt daraufhin die vierköpfige Familie. Als ihre
Freundin Anna hinzukommt und die Leichen in einer Grube entsorgen will, stellt sich
heraus, dass die Frau, die Anna über die Jahre begleitet hat, als traumatischer Rest der
Folter, lediglich eine Einbildung ist. Immer wenn die Kamera zeigt, wie die Frau Lucie
58 verletzt, verletzt sie sich eigentlich selbst. Am Ende erliegt sie der Frau, indem sie sich
(in ihrer Vorstellung die Frau) die Kehle durchschneidet.
Mit dem Vollzug der Rache und dem Selbstmord der eigentlichen Hauptfigur Lucie
endet die erste Handlungseinheit des Films. In der Folge kommt es zu einem Wandel
sowohl des Fokus´ des Films als auch der Motivation: Anna wird nun zur Hauptfigur
des Geschehens und die Handlung nimmt eine Wende in die Erkundung der
„philosophischen und spirituellen Dimensionen der Tortur.“238 Nach dem Selbstmord
Lucies findet Anna eine versteckte Tür, hinter der sich eine Treppe befindet. Diese führt
in einen Flur, an dessen Wänden Fotographien leidender und gefolterter Menschen
hängen. Dieser Raum verfügt über eine weitere Treppe, die in den eigentlichen
Folterraum führt. Dort findet Anna eine mit Narben übersäte, abgemagerte Frau, die mit
einer Eisenkette gefesselt ist. Nachdem Anna sie losgebunden und gewaschen hat,
kommt eine Gruppe bewaffneter, schwarzgekleideter Menschen hinzu, die die Frau
erschießen und Anna erneut in den Keller bringen. Dort erklärt die stets nur als
Mademoiselle angeredete ältere Frau Anna das Vorhaben ihrer Geheimgesellschaft:
Durch die systematische Zufügung von Gewalt erhofft sich Mademoiselle die
Transformation eines Opfers in einen Märtyrer. Indem sie den Schmerz annehmen, das
Leiden
lernen,
transzendieren
sie
zu
einer
Art
Übermensch,
der
einen
Bewusstseinszustand erreicht, der den normalen Menschen fremd ist und den Zugang zu
der anderen Welt nach dem Tod ermöglicht. Sie verstehen den Begriff des Märtyrers
dabei rausgelöst aus religiösen Zusammenhängen. Angeblich sollen junge Frauen
besonders für die Transformation geeignet sein. Da Anna diesem Profil entspricht,
beginnt von nun an ein mehrstufiger Prozess der Schmerzzufügung und Folter. Mit dem
dritten und letzten Schritt – der Häutung – erreicht Anna den ersehnten ekstatischen
Zustand völliger Entspannung. Nachdem Mademoiselle darüber informiert worden ist,
ihr die Frage nach der Existenz der anderen Welt gestellt wird, wird die
Geheimgesellschaft zusammengerufen, um ihr nach siebzehn Jahren Forschung die
Botschaft zu verkünden. Doch kurz bevor Mademoiselle vor den versammelten
Mitgliedern reden soll, begeht sie mit den Worten „Zweifeln Sie!“ im Badezimmer
Selbstmord. Beendet wird der Film mit dem Einblenden der lexikalischen Definition
von Märtyrer „martys: nom, adjectif; du gree „marturos“: temoin“, bevor noch einmal
für wenige Sekunden Annas gehäutete Körper im Vollbild gezeigt wird.
238
Stiglegger, Marcus: Terrorkino. Angst/Lust und Körperhorror. Berlin: Bertz + Fischer 2010 (Kultur &
Kritik I). S. 83.
59 Im Gegensatz zu den anderen Filmen des Cinéma du corps, die lediglich „a wilfully
Bataillen feel“239 aufweisen, lassen sich in Martyrs konkrete Hinweise auf Bataille
finden: Eine der Fotographien, die die Wände des weiten Flures im Keller säumen, ist
die bekannte Fotographie des gemarterten Chinesen, die Bataille in Les Larmes d´Éros
erwähnt. Dieser verweist in seiner Funktion als Synonym für die innere Erfahrung und
in seinem Status als Opfer auf die wesentlichen Begriffe dieser Analyse. Es wird hier
der Frage nachgegangen, wie das Bataillsche Opfer und die innere Erfahrung filmisch
inszeniert werden.
3.4.1. Stufen der Opferung
Ab Minute 62:40 wird über 24 Minuten das systematische Martyrium Annas gezeigt. Es
wird eine Machtstruktur erzeugt, in der Anna – ähnlich dem Knecht – die
untergeordnete Position einnimmt. Die Opferung nimmt ihren Anfang mit der
Reduktion der Bewegungsfreiheit – zum einen durch die Isolation in einem
verschlossenen Raum; zum anderen, indem sie sich nur im Radius einer massiven
Eisenkette bewegen kann. Nach der Rasur des Kopfhaares wird Anna an einen am
Boden montierten Eisenstuhl gefesselt, kann durch ein Loch im Boden urinieren und
wird regelmäßig durch eine Person mit einer schleimartigen Mahlzeit gefüttert. Der
Raum ist hier doppelter Gewaltraum: Nicht nur finden in ihm vehemente
Gewalthandlungen statt, er beraubt Anna auch der räumlichen Freiheit und entzieht ihr
so die Möglichkeit sozialer Interaktion. Angesichts der Ausweglosigkeit und
eigentlichen Hoffnungslosigkeit der Situation erscheint sie als entblößt. Ihre seelische
Nacktheit entspricht dem Mangel jeglicher Handlungsmacht. Durch den Körper und
seine Inanspruchnahme wird eine Wirkung auf Seele und Geist erzeugt. Anna befindet
sich in der Lage des totalen Ausgeliefert-Seins und seelischer Verzweiflung, die später
zum Umschlagpunkt wird: „Le désespoir est simple: c´est l´absence d´espoir, de tout
leurre. C´est l´état d´étendues désertes et – je puis l´imaginer – du soleil.“240 Angesichts
diese Zitates verwundert es nicht, dass, nachdem Anna die innere Erfahrung gemacht
hat, die Kamera bei der Fahrt in ihr Auge einen gold-gelb-roten sich im permanenten
Wandel befindenden Nebelball einfängt, der an die Sonne mahnt. Die Sonne fungiert in
ihrem Merkmal der „conception la plus élevée“ 241 und „déchet, c´est-á-dire la
239
Beugnet, M.: Cinema and Sensation. S. 43.
Bataille, G.: L´expérience intérieure. S. 51.
241 Bataille, Georges: Soleil pourri. In: Œuvres complètes I. Premiers Écrits 1922-1940. Paris: Éditions
Gallimard 1970. S. 231. 240
60 combustion“ 242 als Symbol der Verausgabung und später in 3.4.3. als Marker der
Existenz des Heterogenen.
Im zweiten Schritt findet eine Veränderung der Gewaltform statt: Zu der Isolation
kommen ab Minute 68:00 körperliche Misshandlungen in regelmäßigen Abständen
durch einen Mann der Geheimgesellschaft namens Michelle. Das Gefühl der Ohnmacht
und Angst wird so potenziert und die Gewalt auf dem Körper sichtbar: Annas Gesicht
ist übersäht mit Blutergüssen, ihre Lippen sind geschwollen und aufgeplatzt, ihre Augen
ebenfalls geschwollen und blau.
Allerdings lassen sich nach einigen Szenen der körperlichen Misshandlung erste
Veränderungen in der Haltung Annas erkennen: Sie löst sich zunehmend von der
Situation und lässt ihre
Gedanken an Lucie und
ihre
Zeit
zusammen
schweifen. Sie spricht
mit
sich
selbst
und
streichelt ihre Wange so
als ob ihre Hand Lucies
Hand sei. Diese mentale
Abbildung 7: Martyrs. R.: Pascal Laugier. Fr./Ca. 2008.
TC: 01:15:25.
Veränderung wird von
der
Kamera
durch
Close-ups ihres Gesichts
und dem Einsetzen langsamer, melancholischer Musik untermahlt. In Minute 76:25
spricht Lucie dann sogar aus dem Off zu Anna und reflektiert in ihren Worten die
Haltung des Souveräns. Auf die Frage Annas wie sie mit der Angst umgehen solle, rät
Lucie ihr dazu, sich einfach gehen zu lassen. Die Angst ist Chance der Transgression
und der richtige Umgang mit ihr ermöglicht Souveränität:
Bataille fordert, die Angst bewußt zu leben, sie als Sprungbrett in die Transgression zu bejahen.
Ohne das Erlebnis der Angst wäre der Mensch nicht fähig, sein Selbstbewußtsein zu erreichen,
geschweige denn die Möglichkeiten, «souveräner Selbstverschwendung» zu begreifen. Die
Angst verheißt dem Menschen die Befreiung aus seiner utilitaristischen Zwangssituation.243
In dem Moment, in dem Anna beginnt, sich der Situation hinzugeben und nicht mehr
gegen die Angst zu kämpfen, beginnt der Transformationsprozess vom Opfer zur
Märtyrerin, vom Knecht zum heiligen Opfer. In und mit der Akzeptanz der Angst und
242 Ebd. S. 231. 243
Luckow, Marion: Nachwort. In: Georges Bataille: Das obszöne Werk. 21. Auflage Hamburg: Rowohlt
2010. S. 229.
61 der Möglichkeit des Todes wird Anna souverän. Die aus der Ermangelung des
nützlichen Handelns resultierende Angst geht in ein Delirium über, das Bataille auch als
„perte de soi partielle, explosive“ 244 bezeichnet hat, bevor sie letztlich in der
Entspannung mündet. Cineastisch realisiert wird dieser Überschreitungsmoment in dem
direkten Blick Annas in die Kamera. Darüber hinaus findet damit die Durchbrechung
der Erzählsituation durch die Leinwand in den Raum des Zuschauers statt, so dass man
von zwei Überschreitungsprozessen sprechen kann, die miteinander verwoben sind.
3.4.2. Ekstase des Opfers
Der in dieser zweiten Phase beginnende Ablösungsprozess wird durch die dritte Phase
ab Minute 79:50 – die Häutung, die in der Filmgeschichte selten so drastisch wie direkt
gezeigt worden ist – vollendet. Haut wird hier als ultimative Grenze und
identitätsstiftendes Merkmal verstanden: „Die Enthäutung nimmt den Opfern mit ihrem
Leben auch ihre Identität, sie löscht mit der Haut die ‹Person› aus.“ 245 Mit der Grenze
verschwindet aber auch die eindeutige Bestimmungsmöglichkeit von Leben oder Tod,
hier und dort: „Daß gerade anhand der Haut diese Auflösung zwischen Intern und
Extern immer wieder verdeutlicht wird, liegt zum einen darin begründet, daß die Haut
historisch als finale Grenze des Selbst bestimmt wurde, [...].“246
Das hier in die fiktionale Realität umgesetzte „masochistische Phantasma des
enthäuteten Körpers“ 247 bedeutet aber auch einen Wegfall der Schutzfunktion der Haut
und somit eine Radikalisierung der Situation des Ausgeliefert-Seins. In dem gestuften
Prozess zur Märtyrerin wird die Häutung bei lebendigem Leibe, die eigentlich als
Strafritual und archaischer Opferbrauch insbesondere in „asiatisch-orientalischen
Kulturen“248 wie bei den Persern und Assyrern geläufig war, als positive Stufe in einer
Entwicklung zur Souveränität umgedeutet. Waren die Körper der anderen Frauen
lediglich von länglichen Narben als Zeichen des ihnen angetanen Leids und ihrer
Opferrolle übersäht, so ist bei der Häutung, wie bereits Ovid für den Mythos des Silen
Marsyas anmerkte, der ganze Körper eine einzige „Wunde.“249 Die Haut dient als
Chiffre der Grenze, die in dem letzten Schritt wegfällt und somit den Bereich der
inneren Erfahrung ermöglicht, der eben jenen Zustand der Unbestimmtheit zwischen
244
Bataille, G.: Le coupable. S. 336.
Benthien, C.: Haut. S. 85.
246
Ebd. S. 275.
247
Ebd. S. 14.
248
Ebd. S. 79.
249
Ovidius Naso, P.: Metamorphosen. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1971. S. 195.
245
62 Leben und Tod und Innerhalb und Außerhalb bezeichnet. Als Erfahrung einer „voyage
au bout du possible de l´homme“250 setzt die Häutung an dem Äußersten des Menschen
an – seiner Haut –, so dass nur der „esprit dévêtu“251 zurückbleibt. Die innere Erfahrung
hat hier sprichwörtlich das Fleisch des Körpers aufgedeckt. Bataille versteht sie auch als
Handlung des permanenten Zweifelns und Schwankens, die eine eindeutige
Positionierung und Inanspruchnahme verhindert. Sie meint einen Erfahrungsort, in dem
die Begriffe und Konzepte von Identität und Substanz ihren Wert verlieren und durch
unterschiedliche Formen der Bewegung ersetzt werden: das Hin-und-Her und die
Metamorphose. So generiert die innere Erfahrung eine prinzipielle Unruhe und
Verstörung, die Terror gleichkommen. Bataille beschreibt die innere Erfahrung
dementsprechend auch als ein Martyrium: „Être face à l´impossible – exorbitant,
indubitable – quand rien n´est plus possible est à mes yeux faire une exprérience du
divin; c´est l´analogue d´un supplice.“252 Diese Stimme permanenten Zweifelns, die den
Geist terrorisiert, entspricht in Martyrs der durch die permanente Androhung von
willkürlich erscheinender Gewalt ausgelösten Angst. Bataille zufolge ist diese Gewalt
eine heilige, da sie den Menschen von seinem Band der Knechtschaft des Homogenen
löst, indem sie das Ding in ihm abtötet. Die heilige Gewalt steht im Zeichen einer
rituelle Opferung, in der das Opfer angesichts der Verlassenheit und Willkür als absolut
nackt erscheint. Auch wenn die Gewalt systematisch ist und ein klares Endziel verfolgt,
haftet ihr trotzdem das Merkmal der Willkür und der Sinnlosigkeit an: „Aber der
Überbau an Bedeutungen kaschieren nur das Sinnlose. Um so stärker wuchern die
Bedeutungen, je leibverbundener die Sinnlosigkeit ist.“ 253 Mann kann Wolfgang
Solfsky Recht geben, wenn er Schmerz simple als Schmerz bezeichnet: „Er ist kein
Zeichen und übermittelt auch keine Botschaft. Er verweist auf nichts.“254 Schmerz
fungiert in Martyrs deshalb als Chiffre des Heterogenen, da ihm das Merkmal der
Unmittelbarkeit zugesprochen wird. 255 So ist der heterogene Körper Batailles ein
schmerzender Körper und der heterogene Mensch ein Mensch, der Schmerz
angenommen und so Leiden gelernt hat.
250
Bataille, G.: L´expérience intérieure. S. 19.
Ebd. S. 51.
252
Ebd. S. 45.
253
Sofsky, Wolfgang: Traktat der Gewalt. Frankfurt am Main: S. Fischer 1996. S. 69.
254
Ebd. S. 70.
255
Eine andere Position besagt, dass Affekte, Emotionen und Schmerz, sowie ihr Umgang damit jeweils
historisch, soziologisch und kulturell kodiert sind. Aus eben dieser Position heraus erscheint Batailles
Position (und die des Films) als Phantasma der Unmittelbarkeit.
251
63 Das Erreichen des Gipfelmomentes durch die Freisetzung der Chance wird nach eben
dieser Häutung möglich. Zwei Faktoren heben sich bei der Inszenierung dieses
Erlebnisses hervor: Zum einen wird nur der Beginn der Häutung filmisch eingefangen
und dieser auch nur als Affekt im Gesicht Annas ab Minute 81:14. Man sieht lediglich
ihr sich im Schmerz verzerrendes Gesicht und den Versuch eines Schreis, der für die
Zuschauer nicht hörbar ist. Hörbar sind hingegen schrille Geräusche, ihr Schrei selbst
wendet sich nach Innen. Der nach Innen gewendete Schrei entspricht damit der Figur
des l´œuil pinéal, dem verdrehten Augapfel, der „à la fois le plus fermé et le plus
ouvert“256 ist: Als geschlossen präsentiert er sich, weil er sich nach Innen hin zur
Grenze des Inneren wendet. Offen ist das verdrehte Auge in dem Moment, in dem es
eben diese innere Grenze überschreitet und in sich selbst die Verausgabung der Sonne
entdeckt. Es ist auch der Moment, in dem die Sprache verstummt, da sie an ihre Grenze
gerät.
Im Gegensatz zur Häutung
selbst wird ihr Resultat –
zweiter Faktor – ab Minute
82:12 in voller Pracht gezeigt.
Entscheidend dabei ist nicht
nur, dass lediglich die Haut
des Körpers entfernt worden
ist und die Gesichtshaut intakt
Abbildung 8: Martyrs. 2008. TC: 01:21:25.
bleibt, sondern auch, dass
Anna in eine Jesus-Christusähnlichen Position gebracht
wird, in der sie kniet und ihre Arme an einer Metallstange, die sich horizontal über
ihrem Kopf befindet, befestigt worden sind. Auch wenn der Begriff des Märtyrers
außerhalb des religiösen Kontextes verstanden werden will, so findet sich doch in dieser
Positionierung eine Anspielung auf das Religiöse. Auch Bataille kommt nicht umhin,
von der Göttlichkeit des Menschen zu sprechen: „Dieu n´est pas la limite de l´homme,
mais la limite de l´homme est divine. Autrement dit, l´homme est divin dans
l´expérience des ses limites.“257 Durch den Wegfall der äußeren „limite de l´Illimité“258
– Gott – wird die Errichtung innerer Grenzen ermöglicht, die als Prämisse für die
256
Foucault, M.: Préface à la transgression. S. 273.
Bataille, G.: Le coupable. S. 352.
258
Foucault, M.: Préface à la transgression. S. 263.
257
64 Öffnung, Transgression und die Erfahrung der eigenen Göttlichkeit fungieren: „La mort
de Dieu, [...], la conduit à une expérience où rien ne peut plut annoncer l´extériorité de
l´être, à une expérience par conséquent intérieure et souveraine.“259
3.4.3. Ansteckung des Opfers
Kurz nachdem einige Gehilfen den entscheidenden Blick in Annas Augen feststellen
konnten, benachrichtigen sie Mademoiselle, die Anna die entscheidende Frage nach der
Existenz einer anderen Welt – dem Heterogenen – stellt. Da Anna Mademoiselle die
Antwort auf diese Frage in Minute 87:40 lediglich ins Ohr flüstert, kann das Ende des
Films auf den ersten Blick als offen verstanden werden, so dass sich unterschiedliche
Interpretationsmöglichkeiten anbieten: Es existiert keine andere Welt und Mademoiselle
bringt sich in der Folge aus Verzweiflung und Schuld um; Es existiert keine andere
Welt und Mademoiselle wollte die Geheimgesellschaft nicht auflösen, sondern
weiterhin als ihr Erbe am Leben halten; Diese andere Welt existiert und Mademoiselle
konnte es nicht erwarten, ebenfalls in diese einzutreten; Die andere Welt existiert, doch
Mademoiselle möchte diese Information mit niemandem teilen.
Das Problematische an dem Unterfangen der Gesellschaft ist gerade die Absicht, eine
Art Wissen über das Heterogene erlangen zu wollen, die mit Hilfe der inneren
Erfahrung, dem ekstatischen Gipfelmoment, gewonnen werden soll. Die innere
Erfahrung ist nämlich eine Erfahrung und keine Erkenntnis. Ihr Wert und ihre
Souveränität liegen in ihrem Verweis auf sich selbst. Deswegen kann das Heterogene
auch nicht offenbart werden: „Ce qui caractérise une telle exprérience, qui ne procède
pas d´une révélation, où rien non plus ne se révèle, sinon l´inconnu, est qu´elle
n´apporte jamais rien d´apaisant.“260 Wenn die innere Erfahrung als etwas beschrieben
werden kann, dann als Verwirrung und Akt des Zweifelns: „L´expérience est la mise en
question (à l´épreuve), dans la fièvre et l´angoisse, de ce qu´un homme sait du fait
d´être.“261
Zwei Hinweise lassen darauf schließen, dass das Heterogene im Film durchaus existiert
und Anna dieses auch erfahren durfte: Zum einen findet, nachdem Anna den Zustand
der inneren Erfahrung gemacht hat, in Minute 85:05 eine Kamerafahrt in ihr Auge statt.
Darin wird ein sich ständig wandelnder, heller Lichtnebel gezeigt, der an die Sonne, das
Symbol der Verschwendung und die Kehrseite der Wüste der Verzweiflung, mahnt.
259 Ebd. S. 263. 260
261
Bataille, G.: L´expérience intérieure. S. 10.
Ebd. S. 16.
65 Zum anderen äußert Mademoiselle in Minute 91:55, nachdem sie mit Anna geredet hat
und kurz bevor sie sich erschießt, den Satz „Zweifeln Sie!“ In diesem Fall bleibt die
Frage, warum Mademoiselle der Gesellschaft die Antwort nicht mitgeteilt hat, bestehen
– ob aus Habgier, Ungeduld oder Einsicht in die Unvermittelbarkeit.
Der Film präsentiert in der zweiten Hälfte die Opferung Annas, in der sie von ihrem
Dingstatus enthoben und Teil der Welt der Kommunikation und Intimität wird. Am
Ende ist sie Augenzeugin der Welt des Heterogenen, bezahlt dieses aber mit dem Tod.
Die Aporie des Heterogenen kristallisiert sich hier – wie auch in den anderen Filmen –
am Körper heraus. Doch auf Grund der Ähnlichkeit der Dramatisierung der
Transgressionsstruktur und der Situation zwischen Leinwand und Zuschauer, wird auch
der Zuschauer zu einem Märtyrer – in der etymologischen Bedeutung als Augenzeugen
– so dass eine Weitergabe der Antwort auf die Frage, ob es die andere Welt gibt, gar
nicht nötig ist: Der Zuschauer ist bereits im Filmgucken von der heiligen Welt
angesteckt worden. Mit dem Abstreifen von Annas Haut als Grenze zwischen ihr und
der heterogenen Welt, verliert auch die Situation zwischen Film und Zuschauer seine
Grenze – die Leinwand –, da der Schock der Bilder eine somatisch leibliche Reaktion
des Zuschauers abverlangt: „Die Kommunikation mit den Zuschauer besteht nun darin,
zwischen Leinwand und Rezipient einen Erfahrungsraum zu öffnen, der eine Ahnung
des Unnennbaren und Unzeigbaren vermittelt.“262 Der Film reflektiert an dieser Stelle
die Doppelbedeutung des lateinischen Wortes pelicula, das kleine Haut bedeutet, im
Französischen aber den Film bezeichnet. Der Zuschauer ist ebenfalls Zeuge der
Opferung und in dieser Funktion Teilhaber.
Bataille hat selbst immer wieder darauf verwiesen, dass seine Begriffe und Gedanken
nur unter Ausschuss der politischen Ebene betrachtet werden dürfen, doch finden sich in
Martyrs Andeutungen darauf. Aus diesem Grund wird diesen abschließend kurz Raum
gegeben: Neben der Rolle der Zeugenschaft im Prozess der Transgression und
Kommunikation zwischen Zuschauer und Film wirft der Film auch die Frage nach
Schuld und Mittäterschaft auf, die sich an der Figur Lucie sehr deutlich
herauskristallisiert: Lucie kann zwar aus dem Folterraum flüchten, aber auf ihrer Flucht
einem weiteren gefangenen Mädchen nicht helfen, weil sie zum einen selbst zu stark
verletzt ist und zum anderen wäre sie bei dem Versuch, sie zu befreien, wohl wieder
gefangen worden wäre. Diese Frau, die sie nicht retten konnte, kehrt in der Folge als
Phantasma wieder, das Lucie heimsucht und quält. Sie kann als Personifizierung ihres
262
Stiglegger, M.: Terrorkino. S. 93.
66 Schuldgefühls bezeichnet werden, das sie in dem Moment auf sich lädt, in dem sie die
Frau nicht befreit, da sie so zur Zeugin der Gewalt an ihr und zur Teiltäterin wird. Das
Phantasma dieser Frau, der sie ihre masochistischen, selbstzerstörerischen Handlungen
zuspricht, spiegelt den traumatischen Kern der strukturalen Machtgefüge. Die Rache
und Morde an der Familie sind mit der Hoffnung verbunden, dass die Frau
verschwindet. Immer wieder sagt sie, dass es nicht ihre Schuld sei.
4. Fazit
Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Interferenzfeld zwischen einer neuen
Gruppierung heterogener Filme, die von Tim Palmer als Cinéma du corps bezeichnet
wird, und dem französischen Philosophen und Literat Georges Bataille näher zu
beleuchten. Die Analyse erstreckte sich dabei über zwei Ebenen, die wechselseitig
aufeinander bezogen sind: Zum einen findet eine Analyse auf der inhaltlichen Ebene
durch die Bataillschen Begriffe des Heterogenen und Homogenen, der Souveränität, der
Erotik und des Opfers statt.
Mit dem Begriff des Heterogenen versucht Bataille einen Lebensausschnitt zu fassen,
der von dem Homogenen zu dessen Erhalt verdrängt wird. Gemeint sind damit die
Körperlichkeit des Menschen sowie alle Erfahrungen und Bereiche, die sich nicht dem
Leistungsdiktum der Welt der Arbeit zuordnen lassen. Das Werkzeug und die damit
einhergehende zielgerichtete Nutzung eines Objektes – die Arbeit – markieren die
Genese des Homogenen und den Prozess des Zergliederns der Kontinuität hin zur
Diskontinuität. Mit Totalität meint Bataille eine Objektlosigkeit, die durch die
Einführung des Gebrauchsgegenstandes zerrissen wird, da mit der Etablierung von
Subjekt-Objekt-Relationen auch Machtbeziehungen generiert werden. In der Folge
entsteht eine Unruhe, die den Menschen umtreibt und in verschiedenen Handlungen
nach Abfuhr sucht. Diese können ganz allgemein als Handlungen der Verschwendung
bezeichnet werden, da sie eines klaren Zieles missen. Gemeint sind damit die
Symptome des Heterogenen wie die Erotik oder auch das Opfer. So verwundert es
nicht, dass Bataille zur Klärung des Begriffs der Erotik diesen zuerst von der sexuellen
Interaktion im Dienst der Fortpflanzung sowie der Sexualität trennen muss. Neben der
Differenzierung der Erotik in drei verschiedene Formen – Erotik des Körpers, Erotik der
Herzen und heilige Erotik – gesteht er ihr zu, die Erfahrung von Kontinuität
ermöglichen zu können, indem sie sich asymptotisch dem Tod nähert. Eine Ausnahme
hierzu bildet die dritte Form der Erotik – die heilige Erotik. Sie verweist in dieser
67 Ausnahmefunktion auf die Struktur der Bataillschen Transgression, die ebenfalls für das
Opfer Gültigkeit besitzt: Die Transgression bedarf einer Inszenierung, in der die
Position des Zuschauers geben sein muss. Dieser partizipiert lediglich im Betrachten an
dem Geschehnis, nimmt aber durch das Ansteckungspotential des Heiligen, das im
Moment des Todes freigesetzt wird, an der Kontinuität Teil.
Zum anderen bedient sich die Analyse der formalen Ebene der Begriffe der
transgressiven Ästhetik des L´informe. Als Herausgeber der Zeitschrift Documents hat
Bataille in den Jahren 1929/1930 mehrere Beiträge veröffentlicht, in denen er nicht nur
den fundamentalen Zusammenhang zwischen dem Homogenen und Heterogenen,
sondern auch die Bilderzeugungsstrategie des L´informe, die im Zeichen der
Transgression steht, beschreibt. Das ästhetische Programm des L´informe macht es sich
zur Aufgabe, den Anthropomorphismus zu deklassieren, der dem Körperkanon des
idealschönen Körpers entspricht. Zu diesem Zweck hat Bataille unterschiedliche
Strategien zur Zersetzung der Menschlichen Figur entwickelt, die er selbst auch im
Bildarrangement in den Beiträgen umsetzt: Formen und Figuren der Dickleibigkeit, des
Mangels aber auch des Verfalls lassen sich unter dem Begriff des Exzesses der
Menschlichen Figur zusammenfassen. Darüber hinaus gelten alle Formen und
Handlungen der Öffnung der Menschlichen Figur – etwa durch Verletzungen oder
Häutungen – sowie die diversen Körperöffnungen wie Mund oder Anus als Skandalon
des klassischen Schönheitsideals. Die dritte Strategie entspricht der Verstümmelung und
Zerstückelung der Menschlichen Figur - entweder auf inhaltlicher Ebene durch die
Präsentation zerstückelter Körper oder aber durch das Close-up, das den menschlichen
Körper durch die Rahmung des Bildes in unterschiedliche Teile zergliedert. Neben der
Fragmentierung der anthropomorphen Form kann das extreme Close-up zur
Amorphisierung – vierte Strategie – führen, indem durch die Nähe der Einstellung eine
klare Identifikation des Bildinhalts verweigert wird. Die fünfte Strategie entfernt sich
noch weiter von festen Entitäten, indem sie die Bewegung in den Fokus rückt. Diese
kann auf zwei Arten erzeugt werden: Zum einen durch die Wandlung, Transformation
der Menschlichen Figur – durch Tier-Werden, Gott-Werden und Ding-Werden – zum
anderen durch die Oszillation zwischen zwei Elementen, die sich konträr zueinander
verhalten, so dass es zu einer Hin- und Her-Bewegung zwischen dem Höchsten und
dem Niedrigsten kommt. Bataille ist hier zwar primär Bildtheoretiker, doch kann seine
Bildtheorie im zweiten Schritt auch für die Produktion von Bildern in Bewegung – dem
Film – fruchtbar gemacht werden. In der Übertragung der einzelnen Strategien auf den
68 Film ergaben sich Schnittstellen zur Technik der Montage Eisensteins, dem Körperbild
und Exzessbegriff des Horrorfilm und dem Begriff der Haptik.
Nachdem nun im ersten Teil der Arbeit die wichtigsten Bataillschen Begriffe geklärt
werden konnten, erfolgte eine Analyse vier ausgewählter Filme – jeweils zwei Filme
aus jeder Phase des Cinéma du corps. Auch wenn jeder Film formale Elemente des
L´informe aufweist und inhaltlich auf viele Begriffe Batailles verweist – und diesen in
der jeweiligen Analyse auch Raum gegeben wird – ist versucht worden, jeweils einen
Begriff paradigmatisch in den Fokus zu rücken und einem Film zuzuordnen.
Sombre erweist sich als exemplarisch in seiner Anwendung der oben beschriebenen
Strategien des L´informe. In der Analyse wurden die drei Momente der Öffnung, des
Close-ups und der Bewegung näher betrachtet. Die Öffnung des Mundes verweist in
Sombre auf zwei Grundmerkmale des Films, die miteinander verknüpft sind. Als
Ausdruck eines Affekts ermöglicht er die Kopplung von Figur und Zuschauer und als
Versinnbildlichung eines Mangels im Plot – genauer gesagt der psychologisch
fundierten Motivation der Figuren und der Handlung – ermöglicht er eben genau
dadurch das Hervortreten der Materialität des Bildes in dem filmischen Spiel des
Sichtbarmachens. Das Close-up ist dabei ein filmisches Mittel, um mit extremen
Nachaufnahmen amorphe Bildinhalte erzeugen zu können. Darüber hinaus zerstückelt
es die Menschliche Figur in verschiedene Glieder und leitet so – obwohl es als Element
haptischer Ästhetik auch für sich alleine stehen kann – eine Oszillationsbewegung
zwischen dem Teil und dem großen Ganzen ein. Komplementiert wird diese Hin-undHer-Bewegung durch die Konfrontation der durch die Hauptfiguren versinnbildlichten
Extreme des Dunklen und Hellen.
Der Fokus der Analyse von Trouble every day lag auf der dargestellten Erotik, ihrem
Wechselverhältnis zur Sexualität und dem Umschlagpunkt homogener Formen wie dem
Kuss zu heterogenen Formen wie dem Biss. Diesem Übergang von Kuss zu Biss
entsprechen zwei verschiedene Körperbilder, dessen Abhängigkeitsbeziehung sich am
deutlichsten am Körper Junes abzeichnet: Sie ist nicht nur repräsentativ für das
Bataillsche Frauenbild, das sich durch Reinheit und Schönheit auszeichnet, sondern in
dieser Funktion auch beispielhafte Oberfläche für die sexuelle Beschmutzung. Bewirkt
wird dieser Umschlag in Trouble every day durch eine medikamentös übersteigerte
Libido, die an sich nicht der Bataillschen Erotik entspricht, aber im Film den Anfang
dafür setzt. Die beiden Figuren Shane und Coré werden von dieser übermäßigen
Leidenschaft, die immer wieder in dem Tod ihres Sexualpartners endet, verfolgt und
69 terrorisiert. Während Coré diese annimmt, damit aber auch in der Welt des Homogenen
nicht mehr funktioniert, sogar eingesperrt werden muss, wehrt Shane sich gegen das
Verlangen. Er schwankt immer wieder zwischen seinem inneren Leben und seiner Frau
June, für die er nach einer Behandlungsmöglichkeit sucht. Die übersteigerte
Leidenschaft, die in der Bataillschen Erotik münden will, macht eine gelungene
Sexualität zwischen den Ehepartnern unmöglich. Im Film sind alle Formen der
Bataillschen Erotik präsent: Im Liebesspiel zwischen Coré und ihren Opfern als auch
Shane und seinem Opfer wird die Erotik des Körpers offenbar, die allerdings im Film
selbst scheitert, da sie im Tod mündet. In der Beziehung des Ehepaares Shane-June
kann die Erotik des Herzens festgemacht werden. Mit Hinzunahme der Position des
Zuschauers kann die obszöne, offenlegende Erotik der Körper in der heiligen Erotik
münden.
In den nächsten beiden Filmen wird jeweils ein Opferungsprozess inszeniert –
allerdings
aus
unterschiedlichen
Perspektiven:
In
À
l´intérieur
spielt
das
Wechselverhältnis des Homogenen und Heterogenen in der Opferung eine bedeutende
Rolle, während in Martyrs die innere Entwicklung des Opfers beleuchtet wird. In beiden
kristallisiert sich hingegen die Aporie der Bataillschen Souveränität am Körper heraus.
Der auf den ersten Blick dem klassischen Horrorgenre zugehörige Film À l´intérieur
entfaltet eine zweite Interpretationsebene, in der das Zusammenspiel zwischen dem
Homogenen und dem Heterogenen beispielhaft filmisch umgesetzt wird. Die beiden
Hauptfiguren – Sarah und die Frau – stehen repräsentativ für beide Bereiche: Sarah
steht im Zeichen des Prinzips der Realität, während die Frau sich dieser gänzlich
entzieht. Sie wird nicht nur den ganzen Film über nicht eindeutig benannt, ihre
altertümlich anmutende Kleidung verweist auf ihren Sonderstatus außerhalb der Welt
der Arbeit. Als das Verfemte versucht sie mit irrationalem Toben und Rasen Einlass in
das Homogene zu erhalten. Noch vor dem Eindringen der Frau in das Haus – der
Schutzzone des Homogenen – beginnt der Opferungsprozess Sarahs. Mit dem
erstmaligen Auftreten der Frau vor Sarahs Haustür wird eine Atmosphäre der
Bedrohung und Gefahr inszeniert, die das Eindringen des Heterogenen ankündigt,
vorausahnt. In der Folge wird ein unerbittlicher Kampf zweier Frauen gezeigt, der sich
stets um eine Grenze – meist durch eine Tür symbolisiert – herum entfaltet. Es wird
nicht nur die Angst des Homogenen vor dem Heterogenen gezeigt, sondern auch die
Überwindung derselbigen, die zwar Souveränität generiert, aber den Tod nach sich
zieht.
70 In Martyrs ist die Angst ebenso Dreh- und Angelpunkt der Entwicklung und
Metamorphose des Opfers hin zur Märtyrerin. In der zweiten Hälfte des Films wird
Anna systematisch Schmerz zugefügt, sie also in die Position des Opfers – des Knechtes
– gebracht, damit sie durch die Konfrontation mit der Angst zur Märtyrerin – dem
Bataillschen Opfer – wird. Als Märtyrerin durchläuft sie die innere Erfahrung, bezahlt
diese aber mit dem Tod. Wie in den zuvor analysierten Filmen findet auch in Martyrs
durch die Zersetzung der Menschlichen Figur Ansteckung statt, wird aber in diesem
Film inhaltlich reflektiert: Der Film gibt Annas Antwort auf die von Mademoiselle
gestellte Frage nach der Existenz der heterogenen Welt nicht an den Zuschauer weiter,
da dieser in der Reperkussion selbst Augenzeuge der heiligen Welt des Heterogenen
sein durfte.
Über die inhaltliche Thematisierung Bataillscher Begriffe hinaus wird die
Zersetzungsarbeit der Menschlichen Figur bewerkstelligt und mit ihr Reperkussion
erzeugt. Neben der Inszenierung verletzter, geschundener Körper können folgende
formale Kriterien festgehalten werden, die diese Zersetzungsarbeit unterstützen: Es lässt
sich eine intensive und signifikante Anwendung der filmischen Mittel des Close-ups
und des Affektbildes registriert. Ebenso präsentieren sich die Filme als Form-Monstren,
da sie Elemente unterschiedlicher Genres nebeneinander montieren.
Die Analyse der ausgewählten Filme hat aber nicht nur die Interferenzen zwischen den
Filmen des Cinéma du corps und der Bataillschen Philosophie aufzeigen können,
sondern darüber hinaus mit dieser Wirkungsbeziehung zwei neue Momente im
jeweiligen Forschungsfeld benannt. Die Wechselbeziehung zwischen Bataillschen
Begriffen und den Filmen des Cinéma du corps kann als Wesensmerkmal dieser
Gruppierung von Filmen bezeichnet werden. Sie ermöglicht nicht nur ein adäquates
Verständnis inhaltlicher und formaler Aspekte des Cinéma du corps, sondern auch die
Verbindung der doch sehr heterogen erscheinenden Filme untereinander. Durch den von
Bataille in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Documents geprägten Begriff des
L´informe konnte dem Forschungsfeld zu Bataille eine weitere Facette hinzugefügt
werden.
Darüber hinaus erlaubt das Moment der Reperkussion in der transgressiven Bildsprache
des L´informe die weiterführende Frage nach einer Vorwegnahme oder zumindest
Parallelen zu neueren Filmtheorien, in denen die verkörperte Wahrnehmung des
Zuschauers im Fokus der filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung steht. Durch den
71 „Paradigmenwechsel vom distanzierten Blick zum Körperkontakt“
263
in der
Filmwissenschaft wird der Körper in seiner Funktion als Kommunikations- und
Wahrnehmungsbasis hervorgehoben. In dem Schub des phänomenologischen
Paradigmas nimmt Vivian Sobchack eine spezielle Funktion ein, da sie eine Filmtheorie
entworfen hat, die „das intellektuelle Verstehen und die kognitive Fertigkeit um eine
körperliche Komponente“ 264 erweitert hat. Ein intensiver Vergleich der beiden
Standpunkte würde sich sicherlich lohnen, um so die Aktualität Batailles durch eine
weitere Facette belegen und festigen zu können.
263
264
Elsaesser, T. u. M. Hagener: Filmtheorie zur Einführung. S. 140.
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Entertainment 2008. 82 min.
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