Droht eine neue Finanzkrise?

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Droht eine neue Finanzkrise?
Das Boss-Interview
Hier spricht unser Wirtschafts-Ressortleiter Thilo Boss jede Woche mit einem Boss aus der Wirtschaft
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Droht eine neue Finanzkrise?
Bankenpräsident Jürgen Fitschen sprach mit SUPERillu über die hohen Dispo-Zinsen,
über Geldinstitute im Stresstest und das Wachstum in Ostdeutschland
B
P Müssen die Sparer um ihr Geld
undesverbraucherminister Heiko Maas, SPD,
will die Banken per
Gesetz verpflichten, ihre
Dispozinssätze online zu veröffentlichen. Über eine höhere
Transparenz will er den Wettbewerb anheizen, was zu sinkenden
Zinsen führen soll. Der Präsident
des Bundesverbandes deutscher
Banken, Jürgen Fitschen, 66, hält
die öffentliche Diskussion für
überzogen - und fordert eine
Besinnung auf das Wesentliche.
bangen?
Nein, die Sicherungsmechanismen greifen ja bereits. Die europäischen Sparer können ruhig
schlafen. Denn wir haben ein
international einmaliges und sehr
leistungsfähiges Sicherungssystem. Und selbst wenn eine Bank
den Stresstest nicht bestehen
sollte, gibt es keinen Grund zur
Aufregung. Die Kriterien, die die
EZB an den Stresstest angelegt hat,
sind so hart, dass ein solches Risikoszenario nur mit äußerst geringer Wahrscheinlichkeit jemals
eintreten wird. Worauf es nun
ankommt, ist, dass die Ergebnisse
intelligent kommuniziert und als
glaubwürdig anerkannt werden,
damit die Finanzmärkte nicht
verunsichert werden.
P Herr Fitschen, die Politik macht ernst. Demnächst
müssen die Banken Dispozinsen
transparent ausweisen ...
... was unsere Mitgliedsinstitute ja
längst tun. Der Wettbewerb funktioniert wunderbar, die Transparenz ist da. Und die Zinssätze sind
in den vergangenen Jahren bereits
mehrfach angepasst worden.
P Etwa den Stresstest für die
Banken? Die EZB will die Ergeb-
Bankenpräsident
Jürgen Fitschen
ist auch Co-Chef der
Deutschen Bank
Jürgen Fitschen und
Thilo Boss beim Interview
nisse demnächst vorlegen. Was
erwarten Sie?
Der Bankensektor ist heute stabiler denn je. Die meisten Institute
haben gerade mit Blick auf den
Stresstest ihre Hausaufgaben
gemacht. Vieles, was erst durch
das Ergebnis erzwungen worden
wäre, ist schon im Vorfeld erledigt
worden. Die Banken haben mehr
Eigenkapital als je zuvor, haben
ihr Risikomanagement verbessert, ihre Bilanzen und ihren Personalapparat verschlankt. Deswegen können wir dem Ergebnis
ohne Nervosität entgegensehen.
Das Ziel des Stresstests ist die
Rückkehr des Vertrauens in einen
stabilen Bankensektor, der seiner
Aufgabe in der Realwirtschaft
gerecht werden kann.
P DIW-Chef Marcel Fratzscher
erwartet, dass Banken ge-
schlossen werden müssen. Ist
das Panikmache?
So würde ich das nicht bezeichnen. Die Bankenunion wird dazu
beitragen, dass im europäischen
Bankensektor eine Stabilisierung
eintritt. Das ist eine gute Nachricht für alle Beteiligten. Die
Gefahr, dass der Staat und damit
auch der Steuerzahler wieder als
Retter einspringen müssen, hat
sich erheblich verringert. Der
Steuerzahler ist viel besser
geschützt. Aber es stimmt auch,
dass der Konsolidierungsprozess
auf dem europäischen Bankensektor im Gegensatz zu den USA
noch nicht abgeschlossen ist. Die
Ertragskraft der europäischen
Banken ist im Vergleich zu den
amerikanischen gering. Deswegen kann es sicherlich dazu kommen, dass in der Eurozone noch
die eine oder andere Bank in
Schwierigkeiten gerät oder bei
einem schlagkräftigeren Institut
andocken muss.
Die EZB hat mit ihrer lockeren
Geldpolitik Zeit erkauft. Nun
müssen die Staaten ihre Reformvorhaben konsequent umsetzen.
Denn nur Reformen werden helfen, das Wirtschaftswachstum
wieder in Gang zu bringen. Die
Zeit drängt, inzwischen reagieren
die Marktteilnehmer teilweise gar
nicht mehr auf das billige Geld.
25 Jahre nach dem Mauerfall
gibt es eine Wachstumsdebatte
in Ostdeutschland. Der Angleichungsprozess stockt ...
Nur sehr wenige ostdeutsche
Unternehmen haben bislang den
Weg auf die Weltmärkte geschafft.
Das ist sicherlich noch ein Handicap. Aber ich glaube, wir können
in Deutschland recht zufrieden auf
das wirtschaftliche Zusammenwachsen von Ost und West blicken. Der Angleichungsprozess
braucht Zeit, dies wurde vielleicht
anfangs unterschätzt.
P Apropos Zeit. Die Münchner
Staatsanwaltschaft hat Sie im
Verfahren um Leo Kirch angeklagt. Belastet das Ihr Amt als
Bankenpräsident?
Ich weiß den Bankenverband
hinter mir. Der Rückhalt motiviert mich. Und ich werde mich
natürlich weiterhin mit aller Kraft
für unsere Branche einsetzen.
Nr. 00/2014 SUPERillu | 9
FOTOS: Tim Wegner/SUPERillu
P Die Banken verdienen kräftig. Sie leihen sich das Geld
praktisch zum Nulltarif und
kassieren im Schnitt über zehn
Prozent. Das ist Abzocke. Oder?
Der Dispokredit ist für die Banken
kein lukratives Geschäft. Er erfordert einen hohen Verwaltungsaufwand, weil die Institute die
Kontobewegungen laufend überwachen und auf sie reagieren
müssen. Man muss sich den Sinn
des Dispo vor Augen halten: Er ist
so angelegt, dass er bei einem
kurzfristigen Bedarf als Überbrückung in Anspruch genommen
werden soll. Wer sein Konto zum
Beispiel mit 1 000 Euro für eine
Woche überzieht, zahlt bei einem
angenommenen Dispozins von 12
Prozent knapp 2,50 Euro. Für
jemanden, der nachhaltigen
Finanzierungsbedarf hat, haben
die Banken bessere, auf Dauer
günstigere Angebote. Entscheidend ist es also, den Kunden hier
eine gute Beratung anzubieten. Da
ist die öffentliche Diskussion leider etwas aus dem Ruder gelaufen.
Wir haben sicher andere Probleme, denen wir mehr Aufmerksamkeit schenken sollten.
P Droht eine neue Finanzkrise?