SoSe 2014 - Universität Bremen

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SoSe 2014 - Universität Bremen
Erfahrungsbericht über mein Erasmus-Sommersemester 2014 an der KarlsUniversität Prag (Sozialwissenschaftliche Fakultät)
1. Vorbereitung
Vor dem „wie?“ möchte ich mit dem „ob überhaupt?“ Erasmus beginnen. Ist man sich dessen
schon bewusst, kann man zum nächsten Absatz übergehen. Wer aufgeschlossen ist, Studierende
aus vielen europäischen Ländern kennenlernen will, an Seminaren in englischer oder anderer
Sprache interessiert ist und einfach einmal das Leben in einem anderen europäischen Land
kennenlernen will, ist hier definitiv richtig. Auch für diejenigen, die bisher einen großen Bogen um
englische Pflichtlektüre gemacht haben, sollte dies kein Hindernis sein. Denn wenn man erst
einmal ins kalte Wasser geworfen wird, setzt man sich eher mit den Texten auseinander und merkt
schnell, dass sie gar nicht so schwer verständlich sind und so ziehe ich heute wesentlich mehr
englischsprachige Artikel für meine Hausarbeiten heran als vor meinem Auslandssemester. Wer
hingegen eine völlig andere Kultur und eine ganz andere Art der Lehre kennen lernen will, hat bei
Erasmus eher wenig Auswahl, da Europa doch zumindest relativ homogen ist. Wer zudem
verschlossen ist und es absolut ablehnt Englisch zu sprechen, ist hier eher falsch, wobei der
International Club in der Orientierungswoche mit einem so genannten "Ice-Breaking-Game"
versucht, derartige Hemmungen abzubauen.
Warum Prag? Ich persönlich würde Prag als die schönste Stadt Europas bezeichnen, was bereits
Grund genug ist, dort einmal eine Zeit lang zu leben. Sowohl architektonisch als auch
landschaftlich gibt es dort sehr viel zu sehen, ich habe noch nie zuvor so viele schöne prunkvolle
Gebäude auf einem Fleck gesehen. Selbst normale Wohnhäuser haben meist wunderschöne
Fassaden, z.B. sind sie oft im Jugendstil gehalten. Man wird nie satt über die Karlsbrücke zu
laufen und die dortige Atmosphäre zu genießen. Aber auch außerhalb der Touristengegenden ist
Prag einfach schön und bietet eine sehr hohe Lebensqualität. Die Karls-Universität ist zudem eine
der ältesten Universitäten Europas und dementsprechend renommiert. Auch das Kultur- und
Nachtleben in der Stadt an der Moldau bietet für jeden Geschmack etwas. Museumsgänger,
Jazzliebhaber und Kafkafans kommen hier voll auf ihre Kosten. Die Lage der Tschechischen
Republik lädt außerdem sehr zum Reisen in die Nachbarländer ein, beliebte Ziele sind Krakau und
Budapest oder Wien. Aber auch innerhalb Tschechiens kann man sehr schöne Ausflüge machen.
Auch wenn sich viele Klischees, die über Erasmus im Umlauf sind, bewahrheitet haben, ist es
definitiv nicht der Fall, dass es einfacher ist seine Scheine zu bekommen als in Deutschland.
Meine Kommilitonen1 und ich haben nicht die Erfahrung gemacht, dass gute Noten „verschenkt“
werden. Wenn man die geforderten Leistungen nicht erbringt fällt man genauso durch die Prüfung
wie an der Uni Bremen. Mit diesen Ausführungen möchte ich nur darauf hinweisen, dass
„Erasmus-Semester“ und „Bummelsemester“ nicht gleichzusetzen sind.
Auch wenn mit einem Erasmus-Aufenthalt sicherlich weniger Organisationsaufwand verbunden ist,
als mit einem Auslandssemester „auf eigene Faust“ in Übersee, sollte man dennoch eine lange
Vorbereitungszeit einplanen. Mit dem 15. Februar liegt die Bewerbungsfrist jeweils inmitten der
Prüfungsphase, sodass man sich spätestens gegen Ende des Vorjahres Gedanken machen sollte,
für welche Unis bzw. Städte man sich bewerben kann und wo man gerne hin möchte. Fehlende
Kenntnisse in der Landessprache sollten kein Hinderungsgrund sein, da man sich vor allem in
großen Städten mit Englisch durchschlagen kann. Umso erfreulicher ist es natürlich, wenn man
eine Drittsprache spricht und diese einmal ein halbes Jahr anwenden kann.
Nachdem die Entscheidung dann gefallen ist, sollte man gleich mit der Online-Bewerbung über
Mobility Online beginnen. Zunächst gibt man hier die notwendigen Daten in eine Maske ein, dann
dauert es allerdings ein paar Tage bis man sein Motivationsschreiben und andere Unterlagen
hochladen kann, da die Bewerbung zunächst durch einen Mitarbeiter des International Office (IO)
bestätigt werden muss. Man sollte mit seinem Fachbereichskoordinator abklären, ob das
1 Zur einfacheren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen auf die weibliche Form verzichtet, wobei sich jeweils
auf beiderlei Geschlecht bezogen wird.
Motivationsschreiben auf Deutsch oder Englisch verfasst werden sollte. Mit diesem Schreiben
sollte man zum einen zeigen, dass man sich mit der jeweiligen Uni, Stadt und dem Land
auseinandergesetzt hat und unterstreichen, warum man gerade dort hin möchte. Man kann z.B.
darauf hinweisen, dass die dort angebotenen Seminare den Lehrplan des eigenen Studiengangs
gut ergänzen. Zum anderen sollte man erwähnen, was man generell an einem Erasmus-Semester
reizend findet.
Da ich selbst Spätbewerber war kann ich keine Angaben zur Dauer der Zulassung machen. Das
Spätbewerberverfahren sollte nur genutzt werden, wenn man die offizielle Frist verpasst hat. Die
Chancen auf freie Plätze ist dabei in jedem Fall geringer, in meinem Fall würde ich sogar von
einem Glücksfall sprechen, da Prag normalerweise sehr beliebt ist und dementsprechend viele
Bewerber hat. Falls man durch die Uni Bremen nominiert wird, meldet sich der Koordinator der
Gastuni beim Bewerber. Geschieht dies nicht nach ein paar Tagen, sollte man nachhaken. Denn
mit der Nominierung durch die Uni Bremen sind noch nicht alle notwendigen Schritte durchlaufen!
Danach muss man sich noch bei der Gastuni bewerben, wobei dies einen eher formalen Schritt zur
Datenerfassung etc. darstellt. Allerdings gilt es auch hier eine Frist zu wahren, in meinem Fall war
es der 31. Oktober. Im Anschluss daran fordert die Gastuni noch einige Unterlagen, die per Post
gesendet werden müssen. Zunächst sieht man hohe bürokratische Hürden vor sich, die im
Endeffekt aber doch zu bewältigen sind und sich für eine so tolle Erfahrung auch allemal lohnen.
Alle notwendigen Informationen erhält man beim IO, sowohl auf der Website bzw. in Broschüren
als auch von sehr hilfsbereiten Mitarbeitern. Die Betreuung durch das IO ist insgesamt sehr gut.
Spezifische Dinge, wie das Learning Agreement (LA) werden in Zusammenarbeit mit dem
Fachbereichskoordinator erstellt. Dieses ist zunächst vorläufig, da man letztendlich erst vor Ort
erfährt, welche Kurse es gibt und in welchen man einen Platz bekommt. Da ich dort ohnehin nur
Kurse für den General Studies-Bereich belegt habe, waren die Änderungen im LA ein rein formaler
und somit einfacher Schritt. Von der Gastuni erhält man mit der Zulassung ebenfalls alle
notwendigen Informationen und die Internetseiten sind meist auch in englischer Version abrufbar.
2. Formalitäten
Zur Ankunft in Prag sind neben dem Personalausweis ein Krankenversicherungsnachweis und
Passfotos mitzubringen. Noch in der Orientierungswoche erhält man seinen Studentenausweis
gegen eine geringe Gebühr, wobei man wahlweise auch den Internationalen Studentenausweis
(ISIC) erwerben kann, was sehr zu empfehlen ist, da er international anerkannt ist und damit z.B.
Vergünstigungen für Studenten gewährt werden. Mit dem Studentenausweis zahlt man außerdem
drucken/kopieren sowie in der Mensa/Cafeteria, allerdings wird sie für diese beiden Bereichen
jeweils gesondert aufgeladen, was etwas umständlich ist.
Sofern man nicht in ein Wohnheim zieht, ist man verpflichtet seinen Wohnsitz bei der Immigration
Police innerhalb eines Monats zu melden (wird durch Reisedokumente überprüft). In der Praxis
sah es allerdings so aus, dass die meisten Erasmus-Studierenden dies versäumt haben. Mir ist
kein Fall bekannt, in dem dies verfolgt oder geahndet wurde, schaden tut es allerdings auch nicht.
Am kostengünstigsten an Bargeld zu kommen, ist eine Kreditkarte der DKB Bank, da man damit
an allen Automaten gebührenfrei Geld abheben kann. Noch bis mindestens 2017 wird es in der
Tschechischen Republik Kronen statt Euro geben. Falls der Vermieter seine Miete per
Überweisung statt wie dort typisch als Bargeld erhalten will, ist ein tschechisches Konto (kostenlos
z.B. bei Ceska Sporitelna) zu empfehlen, da Überweisungen von deutschen Konton in einer
Fremdwährung mit hohen Gebühren verbunden sind. Auch wer dort arbeiten will, benötigt ein
tschechisches Konto. Man sollte auf keinen Fall Geld an den Wechselstuben wechseln, da die dort
vermeintlich guten Wechselkurse erst ab einem sehr hohen Wechselbetrag gewährt werden.
3. Die Karls-Universität
Die Karls-Universität Prag ist wie bereits erwähnt eine der ältesten Europas und ist
dementsprechend keine Campus-Uni. In der Innenstadt sind noch einige sehr alte und schöne
Gebäude vorhanden. Der Standort, an dem die Soziologie-Veranstaltungen stattfinden, ist
allerdings ein Neubau ("Jinonice") etwas außerhalb. Er ist von der Innenstadt aus in 15 Minuten
mit der Metro zu erreichen. Ein klassisches Campusleben wie an der Uni Bremen gibt es dort
nicht. Der Aufenthalt dort beschränkt sich leider eher auf die Seminare. Auch die kleine Bibliothek
dort wird eher nur zur Überbrückung in Leerlaufzeiten genutzt. Es gibt zwar eine Cafeteria/Mensa,
aber auch sie stellt keinen so zentralen und erst recht nicht einladenden Treffpunkt dar, wie z.B.
die GW2-Cafeteria. Das Essen der Mensa würde ich als etwas mehr als durchschnittlich
bezeichnen und man lernt die tschechische Küche zusätzlich besser kennen. Allerdings muss man
die meisten Gerichte in Jinonice spätenstens bis zum Vortag 12 Uhr vorbestellen. Dazu benötigt
man Login-Daten, die man sich in einem Büro in Nähe der Pforte besorgt. Dort sollte man mit
jemandem hingehen, der der tschechischen Sprache mächtig ist. Das Angebot der Cafeteria
beschränkt sich auf Kaffee und andere Getränke sowie eingeschweißte Sandwiches, die man sich
auch am Automaten kaufen kann.
Jinonice ist ein typisches mehrstöckiges Seminarraum- und Hörsaalgebäude mittlerer Größe. Man
findet sich dort schnell zurecht. Der Rundgang, der vom International Club angeboten wird, ist
jedoch zu empfehlen.
Für Soziologen sind zwei Bibliotheken relevant: Jinonice und Hollar (Anmeldung für beide einzeln,
kopieren/drucken in Jinonice mit ISIC möglich, in Hollar Barzahlung). Beide sind eher klein und
bieten daher hauptsächlich nur Standardwerke in tschechischer und englischer Sprache an,
vereinzelt auch deutsch. Die Leihfristen sind kürzer als in der SuUB. Es gibt einen großen OnlineBestand, wobei es bei mir in der Praxis meist so aussah, dass ich per VPN-Zugang englische
Artikel über die Plattformen der Uni Bremen herangezogen habe. Auch gibt es nur wenige
Arbeitsplätze, wobei man selbst in der Prüfungsphase immer fündig wird. Das liegt daran, dass
das Arbeiten in der Bibliothek unter tschechischen Studierenden nicht so populär ist, vermutlich
aufgrund des fehlenden Campuslebens (s.o.) und der kürzeren Öffnungszeiten: Öffnung
frühestens um 9 Uhr, Schließung 18/19 Uhr, am Wochenende vollständig geschlossen. Das
Ausleihen von praktischen Gegenständen wie Laptopschlössern, Bücherwagen etc. wird nicht
angeboten. Das Personal ist hilfsbereit und spricht gut englisch. Eine Zentralbibliothek gibt es
nicht, aber eine Führung und Anmeldung in der Nationalbibliothek wird angeboten. Hier sind die
Öffnungszeiten auch etwas besser. In allen Gebäuden hat man WLAN-Zugang über Eduroam,
wobei der Empfang zum Teil miserabel ist. In Jinonice gibt es zwei CIP-Pools, die Bibliothek ist mit
eher wenigen Rechnern ausgestattet.
Der International Club organisiert zahlreiche Aktivitäten für die ausländischen Studierenden, z.B.
Ausflüge, Kneipentouren, Sportkurse, Czech Movie Club, die Orientierungswoche,
Sprachtandems, Buddy-Programme und vieles mehr. Der Club stellt sich bereits in der
Orientierungswoche ausführlich vor und ist eine der wenigen Möglichkeiten Kontakte zu
tschechischen Studierenden zu knüpfen. In jedem Fall sollte man sich für den Newsletter des
Clubs als auch der Fakultät anmelden, um immer auf dem Laufenden zu sein. Die
Orientierungswoche findet in der Woche vor Vorlesungsbeginn statt. Bei mir war der offizielle Teil
durch die Fakultät montags, bei dem man allgemeine Informationen bezüglich
Wohnsitzanmeldung, Kursanmeldung und weitere Formalitäten erhält. Der Rest besteht aus
Aktivitäten des International Club in Form von City-Rallyes, Stadtrundgängen, Kneipenbesuchen,
Hiking-Trip etc. Für all das erhält man ca. zwei Wochen vorher einen Online-Anmeldebogen. In
dieser Phase lernt man seine zukünftigen Kommilitonen von der besten Seite kennen und es
bilden sich erste Freundschaften/Cliquen. Die Orientierungswoche sollte man daher auf keinen Fall
verpassen, da es hinterher schwieriger ist noch Anschluss zu finden.
Der reguläre Hochschulsport ist für Erasmus-Studierende eher unattraktiv, da die meisten
Übungsleiter nur tschechisch sprechen und die Kurse häufig vormittags stattfinden, was allein
schon aufgrund der ungünstigen Lage der Sportstätten nicht mit den Vorlesungszeiten vereinbar
ist. Zu empfehlen hingegen sind die Angebote des International Club, wobei sich diese auf die
beliebten Ballsportarten (Fußball, Basketball, Volleyball) beschränken. Der Club organisiert
allerdings auch einen jeweils mehrtägigen Ski- und einen Kanutrip. Zudem gibt es zahlreiche
Facebook-Gruppen, über die sich zum gemeinsamen Sportmachen verabredet wird (z.B. Letna
park football players).
4. Akademisches Leben
Man erhält bereits vor Antritt des Erasmus-Semesters Informationen zum Kursangebot, wobei
dieses endgültig erst kurz vor Semesterbeginn feststeht. Das Angebot an englischsprachigen
Veranstaltungen im sozialwissenschaftlichen Bereich ist groß. Eine Spezialisierung an der Fakultät
gibt es im Master "Public & Social Policy". Leider kam es zum Teil vor, dass der Dozent die
Unterrichtssprache kurzerhand von englisch auf tschechisch geändert hat, wenn nur drei oder
weniger ausländische Studierende in der ersten Sitzung anwesend waren. Man sollte daher in der
ersten Woche sicherheitshalber mehr Veranstaltungen besuchen als man letztendlich belegen
möchte. Dies eignet sich aber auch allein schon, um mehr über die Seminarinhalte und
Anforderungen zu erhalten und die Dozenten kennenzulernen. Bereits in der Orientierungswoche
muss man sich online für die Kurse anmelden, wobei die Zulassung nach first-come-first-servedPrinzip erfolgt. In der ersten Vorlesungswoche kann man sich noch von Kursen wieder abmelden.
Die An- und Abmeldung erfolgt online auf SIS (Äquivalent zu Stud.IP), das auch auf englisch
abrufbar und leicht zu bedienen ist. Zudem nutzen die meisten Dozenten die E-learning-Plattform
moodle, z.B. um Texte hochzuladen. Auch als Studierender lädt man hier seine Leistungen hoch.
Auffällig war, dass es einige US-amerikanische Gastprofessoren gab. Auch gibt es häufiger
Besuche von ausländischen Dozenten, die dann für eine Woche den eigentlichen Seminarleiter
ersetzen. Dies bringt Abwechslung und eröffnet oft neue Perspektiven auf ein bestimmtes Thema.
Die Seminare sind ähnlich gestaltet wie in Deutschland, die Prüfungsformen ebenfalls. Der
Umfang an Credit Points ist meist höher als in Deutschland, sodass man insgesamt weniger
Veranstaltungeh hat, dafür aber mehrere verschiedene Teilprüfungen pro Seminar ablegt, z.B. 5
Essays, eine Präsentation und eine Hausarbeit für insgesamt 8 CP. In der Regel finden die
Seminare wöchentlich statt (80 Minuten). Das Lesen der Pflichtlektüre wird mehr kontrolliert, indem
man bis zum Abend des Vortags entweder ein paar beantwortete Fragen oder ein Essay zu den
Texten online hochladen muss. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass die Seminarteilnehmer
dadurch besser vorbereitet waren.
Das Gesamtniveau der Seminare vor allem hinsichtlich des Lernerfolgs würde ich aber niedriger
einstufen als an der Uni Bremen. Es werden doch sehr viele Einzelthemen in ein Seminar gepackt,
sodass man oft an der Oberfläche bleibt und in der jeweils nächsten Woche schon wieder über
etwas völlig anderes gesprochen wird. Das meiste gelernt habe ich durch das Schreiben der
Hausarbeiten, auch das Lesen englischer Texte fällt mir seitdem viel leichter. Die Anforderungen
variieren stark und hängen sehr vom Dozenten ab. Insgesamt würde ich sagen, dass sie etwas
höher sind, vor allem hinsichtlich des Lesepensums. Zu guter letzt wird man auch durch das grobe
Notensystem unter Druck gesetzt: Es gibt die Noten A, B, C und D, wobei D durchgefallen
bedeutet. Ein A wird in eine 1,0 umgerechnet und ein B ist bereits meines Wissens nach nur noch
eine 2,3.
5. Unterkunft
Die beliebtesten Wohnformen für Erasmus-Studierende sind Wohngemeinschaften und die
Wohnheime. Ich stelle kurz die Vor- und Nachteile gegenüber. Alle Informationen in diesem Kapitel
beziehen sich auf das Sommersemester. Ich habe gehört, dass im Wintersemester mehr ErasmusStudierende in Prag sind, sodass die Wohnungssuche dann vermutlich etwas mühsamer ausfällt.
Wohngemeinschaften - Vorteile:
•
•
•
•
•
zentrumsnahes Wohnen ohne Probleme möglich und damit relativ kurze Wege zu Uni,
Freunden, die auch im Zentrum wohnen und Ausgehmöglichkeiten
Kontakt zu Locals möglich, wobei Tschechen häufig selbst nach tschechischen
Mitbewohnern suchen, allein schon wegen der Langfristigkeit des Mietverhältnisses
Privatsphäre durch in der Regel eigenes Zimmer
geräumige Wohnungen, häufig schöne Altbauten im Jugendstil, meist möbliert
Nähe zu Geschäften und besserer ÖPNV in der Nacht
Nachteile:
•
•
teurer als Wohnheime, aber tendenziell immer noch etwas billiger als WG-Zimmer in
Bremen
soziale Kontakte in der Wohnung beschränken sich auf Mitbewohner (sieht manch einer
vielleicht auch als Vorteil)
Wohnheime – Vorteile:
• extrem günstig (ca. 120 Euro pro Monat) für ein Zweibettzimmer, im Sommersemester
häufig faktisch Einzelzimmer – Glück muss man haben
• jeder Erasmus-Studierende hat Anspruch auf einen Wohnheimplatz, sodass man sich die
Wohnungssuche komplett sparen kann und bereits bei der Ankunft weiß, wo man wohnt
• durch große Flure viel Kontakt zu anderen Erasmus-Studierenden
• Partyraum, z.T. Sportmöglichkeiten im Haus, See in der Nähe von "Hostivar"-Wohnheim
Nachteile:
• alle Wohnheime befinden sich am Stadtrand, von Hostivar bis Jinonice fährt man bspw.
eine ganze Stunde, nachts gibt es pro Stunde nur eine Verbindung vom Zentrum zurück
• "Hviezda" würde ich vor allem Frauen nicht empfehlen, da man ein kleines Stück am
Waldrand von der Bushaltestelle zum Wohnheim laufen muss, auf dem es bereits zu
Übergriffen gekommen ist
• durch Zweibettzimmer wenig Privatsphäre
• spartanische Einrichtung, Bad entweder auf Zimmer, teilweise aber gemeinschaftlich auf
Flur und z.T. keine abschließbaren Duschen
• mitunter wenig Ruhe durch häufige Flurparties; normalerweise keine Locals anzutreffen
• Gemeinschaftsküche wird mit einem ganzen Flur geteilt
• durch Entfernung zum Zentrum bleibt man etwas in seiner Wohnheim-Clique hängen, statt
auch Freunde im Zentrum zu besuchen (kann evtl. auch als Vorteil gesehen werden)
Man sieht, dass beide Varianten ihre Vor- und Nachteile haben, wobei ich das private Wohnen in
einer WG definitiv vorziehen würde, was ich dann letzlich auch getan habe. Man lernt als ErasmusStudierender auch ohne Wohnheim mehr als genug Leute kennen. Falls man von Deutschland aus
noch kein Zimmer findet (tatsächlich werden oft Skype-WG-Castings gemacht), kann man sich vor
Ort ein paar Tage in eines der günstigen Hostels einquartieren und dann vor Ort suchen. Viele sind
auch für ein Monat in ein Wohnheim gezogen und dann umgezogen. Die Suche nach
englischsprachigen Angeboten läuft weitesgehend über Facebook. Die meisten Inserate werden in
die Gruppe "Flatshare in Prague" eingestellt. Es gibt noch weitere Gruppen mit ähnlichen Namen.
In jedem Fall sollte man auch in die Gruppe "Erasmus in Prague + Jahreszahl" eintreten, da dort
nicht nur Zimmer, sondern auch weitere hilfreiche Posts für Erasmus-Studierende zu finden sind.
Zum Sommersemester würde ich das Finden eines Zimmers als ziemlich einfach einstufen.
Man sollte nicht verunsichert sein, wenn man beim Einzug keinen Mietvertrag erhält. In Prag ist es
meist so geregelt, dass nur der Hauptmieter einen Vertrag hat und das Geld vollständig an den
Vermieter gibt. Man selbst gibt seinen Anteil dann meist in bar an den Hauptmieter. Auch wird
häufig keine Kaution verlangt.
Für den Fall, dass man viel Auswahl hinsichtlich der Lage hat, kann ich Vinorhady sehr empfehlen.
In jedem Fall sollte man zusehen, dass man bis Jinonice nicht mehr als einmal umsteigen muss,
da die Fahrt sonst recht lang werden kann. Weitere gute Lagen (hier benannt nach Metrostationen)
sind: Namesti Miru, Muzeum, Mustek, Staromestska, Narodni trida, Malostranksa, Karlovo
namesti, I.P. Pavlova (entweder im Zentrum oder fußläufig erreichbar). Wer es etwas alternativer
mag und gerne Underground-Läden besucht, sollte in das ehemalige Arbeiterviertel Zizkov (Metro
Jiriho z Podebrad) ziehen. Hier gibt es viele dunkle, alte Kneipen, in denen sich die alternative
Szene tummelt.
6. Öffentliche Verkehrsmittel
Der ÖPNV in Prag könnte besser nicht sein. Man erreicht zu jeder Zeit im Zentrum fast alles. Es
gibt drei Metrolinien und zahlreiche Straßenbahnen sowie Busse. Die Fahrkarten kann man sich
selbst am Schalter kaufen, nachdem man seinen Studentenausweis erhalten hat (weiteres
Passfoto nötig). Für einen Monat bezahlt man ca. 10 Euro, was wirklich günstig ist. Auf das
Fahrrad ist man nicht angewiesen, was ohnehin viel zu gefährlich wäre. Taxifahrten sollten
vermieden werden. Falls es doch einmal nötig ist, unbedingt vorher einen Festpreis abklären!
7. Anerkennung der Studienleistungen
Diesen Schritt habe ich noch vor mir, aber da ich vorher das Learning Agreement mit meiner
Koordinator abgesprochen habe, gehe ich davon aus, dass alle Leistungen anerkannt werden. Auf
die eher ungünstige Umrechnung der Noten habe ich bereits hingewiesen.
8. Verschiedene Empfehlungen zu Anreise, Sprache, Gesundheit, Finanzierung und mehr
Im Winter ist es sehr günstig per Flugzeug anzureisen, allerdings muss man sich hinsichtlich des
Gepäcks etwas einschränken. Bei mir hat es so gerade noch gepasst, ansonsten könnte man sich
per Hermes-Versand aber auch Gepäck nachschicken lassen. Noch billiger und mehr Gepäck
transportierbar ist mit den Fernbussen. Besonders empfehlen kann ich hier das Unternehmen
"Student Agency". Ich habe außerdem gehört, dass der Euro City (Schnellzug) gut sein soll. Der
International Club bietet die Abholung vom Ankunftsort durch einen Buddy an (meist mit Auto) und
bringt einen zum gewünschten Zielort. Dies ist aufgrund des vielen Gepäcks und der fehlenden
Ortskundigkeit sehr zu empfehlen.
Ich hatte das Glück und habe einen Platz im Tschechisch-EILC (Erasmus Intensive Language
Course) erhalten. Leider hat die EU die Finanzierung ab 2015 eingestellt, aber die Technische
Universität (CTU Prague), an der ich den Kurs absolviert habe, erarbeitet derzeit ein alternatives
Finanzierungskonzept. Auch wenn ich vermute, dass sie den Kurs dann primär ihren eigenen
Studierenden anbietet, würde ich dort einmal nachfragen. Denn in Prag kommt man zwar mit
Englisch zu Recht, aber ein paar Tschechisch-Kenntnisse können definitiv nicht schaden, z.B.
spricht im Supermarkt oder in der Mensa niemand Englisch und in den Restaurants abseits der
Tourigegenden und in den ländlichen Gegenden auch nicht immer. Generell fällt der Kontakt zu
Locals dadurch leichter. In dem Kurs wurden außerdem viele außerschulische Aktivitäten
angeboten, darunter Ausflüge, tschechische Koch- und Tanzschule, Besuch eines Eishokeyspiels,
Museum etc. Tschechisch ist definitiv keine einfache und vielleicht auch nicht die schönste
Sprache, aber die Basics bekommt man hin. Wer nach dem EILC noch einen weiterführenden
Kurs an der Karls-Uni macht, sollte darauf achten, dass es ein Kurs ist, an dem nicht zu viele
Studierende mit slawischen Muttersprachen teilnehmen, da diese viel schneller im Erlernen der
Sprache sind und das Tempo dementsprechend höher ist (etwa so als würde ein Deutscher
niederländisch lernen). An der sozialwissenschaftlichen Fakultät kosten die Kurse außerdem ca.
150 Euro. Daher sollte man entweder nach Restplätzen in anderen Fakultäten schauen oder an
der CTU nachfragen, ob man sich mit in einen der Kurse setzen darf. Ein Tandem-Partner ist in
jedem Fall hilfreich, da die Sprache ohne Anwendung kaum zu erlernen ist.
Was das Reisen angeht, kann ich definitv Budapest, Krakau (inkl. Gedenkstätte AuschwitzBirkenau), Cesky Krumlov, das Bohemian Paradise und Karlstejn empfehlen. Die beiden
letztgenannten stellen wunderschöne, einmalige Wandergegenden dar. Das Reisen mit Zug und
Fernbus ist in Tschechien bzw. den Nachbarländern sehr günstig. Wer etwas flexibler sein möchte,
kann kostengünstig ein Auto mieten. Es gibt auch viele organisierte Trips, allen voran durch den
International Club sowie die kommerzielle Organisation Student Zon. Ich würde erstere empfehlen,
da Student Zone eher einer Massenabfertigung gleicht und bei den Fahrten eher exklusive
Partynächte statt Stadtbesichtigungen im Vordergrund stehen.
Beim International Club erhält man eine kostenlose O2-SIM-Karte (Prepaid), mit der man
kostengünstig telefonieren, SMSen und wahlweise mobil surfen kann. Sie enthält außerdem schon
ein kleines Startguthaben.
Ich persönlich kannte niemanden, der während seines Aufenthalts in Prag gearbeitet hat. Es gibt
sicherlich Möglichkeiten im touristischen Bereich oder als Deutsch-Nachhilfelehrer, aber die Löhne
sind niedrig und man darf nur in einem geringen Stundenumfang arbeiten. Außerdem muss man
vorher einige Dokumente (Ausweis, Krankenversicherungsnachweis etc.) auf Tschechisch
übersetzen lassen. Die Finanzierung sollte aber auch ohne einen Job möglich sein, vor allem,
wenn man Auslandsbafög erhält. Ein Antrag hierauf lohnt sich auch dann, wenn man in
Deutschland keinen Förderanspruch hat. Außerdem erhält man von der Uni Bremen einen
Mobilitätszuschuss von ca. 150 Euro (variiert von Jahr zu Jahr).
Im Supermarkt kann man eigentlich fast alles kaufen, was es auch in deutschen Supermärkten gibt
(in Randlagen gibt es auch Kaufland). Die Packungen sind allerdings häufig kleiner, woran man
sich aber schnell gewöhnt. Klassische Bäckereien gibt es nur sehr wenige und wie in fast jedem
Land wird man dort kein Brot oder Brötchen in einer Qualität wie bei deutschen Bäckern finden.
Die meisten Geschäfte haben auch sonntags geöffnet und viele "Potravinys" (Tante-Emma-Läden)
haben häufig 24 Stunden lang Betrieb.
Was die Lebenshaltungskosten betrifft, kann man sagen, dass sie insgesamt in etwa so sind, wie
in Deutschland. Manches ist billiger (Restaurant- und Opernbesuche, Bier, ÖPNV, freier Eintritt in
fast allen Clubs), manches tendenziell etwas teurer (Supermarkt, Drogerie, Kleidung,
Elektrogeräte). Die Quadratmeterpreise der Wohnungen sind leicht niedriger als in Bremen, was
sich jedoch bei der Gesamtmiete durch meist sehr große Zimmer ausgleicht.
Besondere Impfungen braucht man für Tschechien eigentlich nicht, allerdings stellt vor allem
Südböhmen ein FSME-Risikogebiet dar, sodass sich vor allem diejenigen, die viel wandern wollen,
gegen FSME impfen lassen sollten. Da man sich aber nicht gegen Borreliose impfen lassen kann,
muss man ohnehin auf Zecken aufpassen. Ob die FSME-Impfung daher lohnenswert ist, sollte
man mit seinem Arzt besprechen. Normalerweise werden die Kosten von der Kasse übernommen.
Falls man vor Ort einmal zum Arzt muss, sollte man vorher abklären, ob die Europäische
Krankenversicherungskarte (jeweils auf Rückseite der normalen KVK) akzeptiert wird, da sonst
hohe Kosten entstehen können. Englisch- und z.T. deutschsprachige Ärzte findet man in der
Uniklinik, z.B. U nemonice 2. Pro Arztbesuch zahlt man eine geringe Praxisgebühr in Höhe von ca.
zwei Euro. Man sollte sich außerdem bei seiner Krankenkasse informieren, ob man eine
Zusatzversicherung abschließen muss, da es sich um einen Langzeitauslandsaufenthalt handelt.
9. Fazit
Rückblickend kann ich behaupten, dass Erasmus in Prag eine oder wenn nicht sogar die beste
Zeit meines Lebens war. Ich habe Freundschaften mit Leuten aus ganz Europa und z.T. auch
Amerika geschlossen und unser Ziel ist es diese aufrechtzuerhalten. Erasmus bedeutet für mich
gelebter europäischer Frieden. Es war einzigartig (fast) den ganzen Tag englisch zu reden,
typisches Essen aus den Ländern der Freunde gemeinsam zu kochen oder sich wenn auch eher
scherzhaft die Sprache seines Heimatlandes gegenseitig beizubringen. Erasmus-Studierende sind
außerdem in der Regel offene und tolerante Menschen; Ausgrenzungen oder heftige Streits habe
ich den ganzen Zeitraum über nicht erlebt. Dadurch, dass jedem bewusst ist, wie begrenzt die Zeit
vor Ort ist, wird die Freizeit viel besser genutzt und man trifft sich häufiger mit seinen Freunden
und erlebt folglich mehr als zu Hause.
Auch lernt man Deutschland während der Zeit dort besser zu schätzen. Zwar ist der
Lebensstandard dort fast genauso hoch, aber durch feine Unterschiede in der Infrastruktur, aber
auch der Mentalität, bemerkt man erst, wie wichtig einem bestimmte Dinge in Deutschland sind,
die man vorher als selbstverständlich erachtet hat.
Auch wenn ich sicherlich ähnliche Kurse wie an der Karls-Uni auch an der Uni Bremen hätte
belegen können, würde ich schon behaupten, dass es lohnenswert ist, einmal an einer
ausländischen Uni zu studieren. Vor allem in sprachlicher Hinsicht habe ich Fortschritte gemacht:
Sowohl durch das Erlenen einer völlig neuen Sprache (Tschechisch) als auch durch das
Verbessern meiner Englischkenntnisse.
Prag hat die optimalen Voraussetzungen für Erasmus, sowohl im Hinblick auf die Uni, die
Ausgehmöglichkeiten und die Nähe zu anderen schönen Städten Mittel- und Osteuropas. Ihr
werdet es nicht bereuen, dafür kann ich garantieren.