Kulturland Sachsen

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Kulturland Sachsen
KULTUR
LAND
SACHSEN
Alte Meister – Junge Wilde
STAATSMINISTERIUM
FÜR WISSENSCHAFT
UND KUNST
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Inhalt
Grußwort der Sächsischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Sachsen. Land mit Tradition. Land von Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Alte Meister. Junge Wilde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Industriekultur in Sachsen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Erinnern. Gedenken. Aufklären. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kulturpolitik in Sachsen. Zugang zur Kultur für alle öffnen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Das bundesweit einmalige Kulturraum-Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kulturstadt Dresden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kulturstadt Leipzig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Kulturstadt Chemnitz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Alte Tradition und Gegenwartskunst – Kulturraum Vogtland-Zwickau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Von Bergmann, Engel & dem Meister des Orgelbaus – Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen. . . . . . . . . . . . . . . . .
Von Rebellion & Reformation – Kulturraum Leipziger Raum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Inspiration Natur – Kulturraum Meißen-Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Hier hat Europa Tradition – Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
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Abbildung Titelseite: euro-scene Leipzig,
Festival für zeitgenössisches europäisches Theater
Aufführung: „Solo“, Israel Galván, Sevilla (euro-scene Leipzig 2011)
Foto: Feliz Vazquez
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sparten übergreifend – ermöglichen und in ein angemessenes Verhältnis zueinander setzen. In Sachsen geschieht dies insbesondere durch gezielte Förderung und
eine Vielzahl an Kunstpreisen unterschiedlicher Sparten.
Die Kultur hat in Sachsen obendrein Verfassungsrang:
Die Landesverfassung verfolgt das Ziel, Kultur in ihrer
Vielfalt zu sichern und eine Teilnahme aller an der Kultur zu ermöglichen – in den Regionen ebenso wie in den
Großstädten, in der Breitenkultur ebenso wie in den kulturellen Spitzeneinrichtungen.
Sachsen – das ist eine der reichsten Kultur-
landschaften überhaupt. Die Fülle und Qualität an Kunstund Kulturschätzen, die beispielsweise in unseren Museen landauf, landab zu entdecken sind, prägt die Wahrnehmung des kulturellen Bildes von Sachsen ebenso
wie die restaurierten historischen Innenstädte, die Schlösser, Burgen und Gärten oder auch die vielfach noch zu
hebenden Schätze des industriellen Kulturerbes.
Die reiche Museums- und Theaterlandschaft sowie die
Festival- und Musikkultur mit vielen Höhepunkten im
Jahr macht Sachsen für die hier lebenden Menschen und
als kulturtouristisches Reiseland attraktiv. Sachsen bietet
– in einem Klima der Weltoffenheit und Toleranz und der
künstlerischen Kreativität – einen gut angelegten Hafen, von dem aus Literatur, Musik, Film, Tanz, Theater
oder Medienkunst immer wieder neue Wege in die Welt
finden.
Goethes Wahlspruch über dem Eingang des Dresdner
Staatsschauspiels – „Ältestes bewahrt mit Treue, Freundlich aufgefasstes Neue“ – enthält einen deutlichen Fingerzeig auf die beträchtliche Prägekraft des kulturellen
Erbes und der starken Traditionen im Freistaat Sachsen
für die kulturelle Entwicklung dieses Landes. An letzteren haben sich in der Moderne immer wieder nachwachsende Generationen des Kunst- und Kulturschaffens produktiv gerieben.
Kulturpolitik kann und will dieses Spannungsverhältnis
von Tradition und Kulturerbe einerseits sowie Innovation und Experiment als „Erbe von Morgen“ andererseits
positiv aufgreifen. Sie muss im Interesse einer zukunftsorientierten Entwicklungsfähigkeit beides, das heißt den
Wert an sich und sein Infragestellen – für alle Kultur-
Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen
stellt der Erhalt der Kultur auf hohem Niveau eine sinnvolle Investition dar – in der Kulturentwicklung sowie in
den damit verwandten kreativen Bereichen von Bildung
und Forschung erweist sich die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Das seit August 2008 unbefristet geltende, bundesweit einmalige Sächsische Kulturraumgesetz, welches den Kommunen eine jährliche Zuweisung des Freistaates von
mindestens 86,7 Millionen Euro zusichert, ist ein in
Deutschland einzigartiges Gemeinschaftsmodell der Kulturfinanzierung. Die hierin institutionell verankerte Solidarität hilft, die Kultur in der Fläche zu sichern.
Auch das Kulturland Sachsen sieht dem demografischen
Wandel entgegen, der die Mitglieder dieses Gemeinwesens
im Durchschnitt älter, aber möglicherweise auch bunter
werden lässt. Es ist die Kultur, mit der sich dieser Wandlungsprozess begleiten und auch gestalten lässt. Deshalb
bedarf die kulturelle Bildung im Zusammenwirken von
Kultur- und Bildungseinrichtungen verstärkter Anstrengung. Nur so lassen sich auch Kinder und Jugendliche für
kulturelle Traditionen gewinnen und durch diese wiederum zu eigener künstlerischer Kreativität anregen.
Diese Broschüre möchte Ihnen Einblicke in die reichhaltige Kulturlandschaft Sachsens bieten – dies ist erst der
Anfang einer Entdeckungsreise zu den reichen Kulturschätzen dieses Landes, ein Pfadfinder in die Vergangenheit und Begleiter für die Gegenwartskunst.
Sabine von Schorlemer
Sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst
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Kurfürst August der Starke auf dem „Fürstenzug“, Dresden
SACHSEN.
LAND MIT TRADITION.
LAND VON WELT.
Der Fürstenzug – kein Abbild untertäniger Unterwürfigkeit also, sondern der politischen Sachlage in Sachsen
und des Einschwörens auf die Gemeinsamkeit als Sachsen. Es war vor allem das Fürsten- und spätere Königshaus, das die Pflege des sächsischen Selbstverständnisses
zu seiner Sache machte und sich dazu mit Adel und Bürgertum verband. Die Wettiner Herrscher haben es über
Jahrhunderte verstanden, Bürgersinn entfalten zu lassen.
Diese für alle Seiten vorteilhafte Allianz gehörte immer
als eine Art Grundsatz zur Innenpolitik des Herrscherhauses. So hat sich in diesem schon früher dicht besiedelten Land eine Kultur der Neugier, des Fortschritts und
der stetigen Erneuerung des Landes entwickelt – eine
Atmosphäre, die noch heute den Freistaat Sachsen in
Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur bestimmt.
Kriegerische Zeiten waren das damals, als König Heinrich I. (873–936) inmitten des von slawischen Völkern
besiedelten Gebietes anno 929 auf einem Bergplateau an
der Elbe die Burg Meißen gründete und deutsche Siedler,
Franken und (Nieder)Sachsen, aber auch Flamen in die
umkämpfte Gegend einwanderten. Von einer dauerhaft
gesicherten deutschen Herrschaft über die slawischen
Gebiete, insbesondere östlich der Elbe, konnte aufgrund
des wechselnden Kriegsglückes keine Rede sein.
Die Lage festigte sich erst, als Kaiser Heinrich IV. im
Jahr 1089 den Wettiner Heinrich I. von Eilenburg (er
fehlt in dem langen Zug sächsischer Herrscher) mit der
Markgrafschaft Meißen belehnte. Die heutige Region
Meißen war der Kern Sachsens und Markgraf Heinrich von
Eilenburg der Ahn des Wettiner Adelsgeschlechts. Von
da an stand das Land, mit wenigen Unterbrechungen, bis
1918 unter der Herrschaft seiner Familie, der Wettiner.
Kein anderes europäisches Fürstenhaus hat ein Land so
lange regiert.
Heute finden wir Dörfer mit Namen deutschen und
slawischen Ursprungs dicht nebeneinander. Das spricht
dafür, dass es eine weitgehend friedliche Verschmelzung
war, aus der über Generationen die jetzige obersächsische Bevölkerung hervorgegangen ist. Viele Familien-,
Flur-, Stadt- und Flussnamen bezeugen mit ihren Zischlauten und mundartlichen Wendungen noch heute, wie
bedeutsam der slawische Anteil war.
Am „Langen Gang“ des
Stallhofes des Dresdner
Residenzschlosses sind sie
auf goldenem Grund alle
zu sehen: die sächsischen
Fürsten hoch zu Ross mit
ihren charakteristischen
Zunamen, vom Großen,
Erlauchten und Gebissenen,
über den Weisen und Großmütigen bis zum Starken,
Gerechten und Gütigen.
Am Ende des Zuges
Persönlichkeiten des
sächsischen Militäradels,
der Hochschulen, Künstler
und als einzige Namenlose:
Bergleute, Bauern und
Kinder.
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Vermessungsarbeiten des Landesamtes für Archäologie in einem
mittelalterlichen Bergwerk unter Dippoldiswalde
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Apropos Mundart: Sachsens wichtigster Beitrag zur
deutschen Kultur war die Erfindung der hochdeutschen
Sprache. Vor Luthers Zeit wurden nur deutsche Dialekte
gesprochen. Bayern und Friesen, Alemannen und Pommern hatten Mühe, sich zu verständigen. Das sogenannte Meißner Kanzleideutsch der Beamten am Wittenberger
Hof war am besten geeignet, eine gemeinsame Nationalsprache zu entwickeln. Kursachsen wurde zu der Zeit
noch immer nach der „Mark Meißen“ genannt. In dieser
nordsächsischen Gegend mischten sich die Dialekte der
Einwanderer aus Ober- und Niederdeutschland. Luther
übernahm jedoch nicht einfach jenes Beamtendeutsch,
sondern nahm es zur Grundlage. Ansonsten schrieb er
über das „Einteutschen“, dass man auf die Jahrmärkte
gehen und dem Volk aufs Maul schauen müsse.
LANDESTEILUNG UND SÄCHSISCHER WOHLSTAND
Durch politisches, militärisches und ökonomisches Geschick konnten die Wettiner ein beachtliches Gebiet
zwischen Saale und Neiße, Erzgebirge und Fläming gegen Begehrlichkeiten anderer Herrschaftshäuser sichern.
Es war den Wettiner Herrschern zwar gelungen, gegen die Ansprüche deutscher Kaiser ein eigenes Hoheitsgebiet zwischen dem Erzgebirge und Leipzig zu begründen, doch Erbteilungen gefährdeten dieses immer wieder
aufs Neue. Als die beiden Söhne von Kurfürst Friedrich II.
gemeinsam die Regierung übernahmen, teilten sie das
Land. Albrecht bekam den Osten mit der zukünftigen
Residenz Dresden, Ernst den Westen mit Wittenberg. Das
kam im Hause Wettin nicht zum ersten Mal vor und galt
als politisch normal. Doch dieser Machtverlust der Leipziger Teilung im Jahr 1485 beschränkte die Rolle Sachsens auf die eines Staates mittleren Einflusses, der immer wieder dem Spiel der Mächtigen ausgesetzt war. Aus
wechselnden Allianzen und Bündnissen, die sich letztlich
als wenig glücklich erwiesen, ging nach den napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongress von 1815 jenes
Territorium hervor, das annähernd den heutigen Freistaat
bildet, etwa ein Viertel des sächsisch-thüringischen Landes von 1485. Aus Einsicht in den folgenschweren Feh-
ler der Teilung wurde künftig nur noch der älteste Prinz
Landeserbe; die albertinischen Herrschaftsgebiete durften nicht mehr geteilt werden. Diesem Hausgesetz sind
über 400 Jahre politische Geltung und relative Stabilität
Sachsens zu verdanken.
Der über Jahrhunderte andauernde Erfolg des Bergbaus
hat den Wohlstand Sachsens begründet. In der dazugehörigen Wissenschaft waren Männer tätig, die noch heute zu den Großen ihres Faches zählen: Ulrich Ruelein
von Calw, Autor der ersten Bergbauschrift von 1501, Humanist, Arzt, Stadtplaner und Bürgermeister von Freiberg; Georgius Agricola, Humanist, Arzt, Schulgründer,
Historiker und Bürgermeister von Chemnitz, Verfasser
des ersten Grundlagenwerkes über den Bergbau „De re
metallica“ und Adam Ries, „Rechenmeister“, Bergbeamter
und Finanzkontrolleur in Annaberg, Verfasser der ersten Schriften über betriebswirtschaftliches Rechnen und
Messen. Etwa zur gleichen Zeit wirkte am ernestinischen
Fürstenhof Wittenberg der Maler Lucas Cranach der
Ältere, von Kurfürst Friedrich dem Weisen 1505 von
Wien nach Sachsen berufen. Er blieb bis zu seinem Tod,
etwa 50 Jahre lang, Hofmaler des ernestinischen Fürstenhauses und prägte die Bildsprache in der Kunst über
Jahrhunderte. Er war einer der ersten Fürstenmaler und
Malerfürsten Europas.
Otto der Reiche (1156–1190 Markgraf von Meißen) hatte
mit seiner Wirtschaftspolitik des freien Unternehmertums
der Bergleute die Grundlagen jenes Wohlstands geschaffen. Er begünstigte damit den Aufbau zahlreicher Kleinstädte, charakteristisch für das Sächsische bis heute. Sie
waren Träger der Gymnasien, der Wissenschaften und
Künste im ganzen Land. Auf ihrem Nährboden entwickelte sich eine vielgestaltige Volks- und Alltagskultur.
So gibt es noch heute in Sachsen über tausend Kantoreien und Kurrenden (gemeindliche Jugendchöre) der evangelischen Landeskirche. Diese Volkskultur wurde geformt
von den verschiedenen Landstrichen Sachsens mit ihren jeweiligen Besonderheiten. Vogtländer und Lausitzer,
Erzgebirger und Niederschlesier bewahrten über Jahrhunderte ihre eigenständige Kultur und ihre Dialekte.
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Aus der Lausitz sind viele der besten Köpfe Sachsens hervorgegangen: die Philosophen Jakob Böhme und Johann
Gottlieb Fichte, die Dichter Christian Weise, Gotthold
Ephraim Lessing, Heinrich Anselm von Ziegler, Nicolaus
Ludwig Graf von Zinzendorf und Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau, die Komponisten Johann
Adam Hiller und Heinrich Marschner, die Bildhauer Johann Joachim Kändler und Ernst Rietschel, die Wissenschaftler Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Abraham Gottlob Werner.
MACHT UND FREUDE ÜBER DIE KUNST
Unterdessen übernahm Herzog Moritz (1521–1553) als
junger Mann von zwanzig Jahren 1541 die Herrschaft
der albertinischen Linie. Wenngleich seine Herrschaft
nur von kurzer Dauer war, gelang es ihm, Sachsens politische und kulturelle Gestalt für Jahrhunderte zu formen.
Er gründete die drei berühmten sächsischen Fürstenschulen in Meißen, Pforta und Grimma zur Erziehung einer
Große Hofstube in der Albrechtsburg Meißen
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evangelischen, staatstragenden Elite. Neben Söhnen des
Adels lernten hier Bürgerliche, die von den Städten ausgesucht und entsendet wurden. Auch begabte Kinder
Mittelloser konnten mit einem kurfürstlichen Stipendium
ausgestattet werden. Darunter waren Männer wie Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Gottlieb Klopstock,
Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche.
Die Kultur der Herrschaft jenes Moritz von Sachsen repräsentierte nicht nur Macht, sondern auch Reichtum, festliche Heiterkeit und Freude an der Kunst. Dies war ein Ton,
der in der sächsischen Residenz bis ins 19. Jahrhundert
hinein widerklang. 1548 gründete er die Dresdner Hofkapelle, ein Orchester, das seit mehr als 460 Jahren den
Geist der Stadt und des Landes mitgeformt hat, zu dessen
Kapellmeistern Heinrich Schütz, Johann Adolph Hasse,
Carl Maria von Weber und Richard Wagner zählten. Die
heutige Sächsische Staatskapelle ist das älteste Orchester
Europas. Sie erwarb sich zu jener Zeit den Ruf, die beste
in Europa zu sein. Viele der damals geschaffenen Werke
Staatliche Kunstsammlungen Dresden,
Gemäldegalerie Alte Meister,
Raffael: Die Sixtinische Madonna
werden heute wieder aufgeführt. Seit dem ersten Drittel
des 17. Jahrhunderts zugleich Opernorchester, betreut die
Sächsische Staatskapelle heute in der wiedererstandenen
Semperoper ein weit gespanntes Repertoire mit jährlich
etwa 270 Vorstellungen. Richard Strauss war dem Orchester, dessen internationaler Ruf als „Strauss-Orchester“ bis heute fortbesteht, über 60 Jahre als Komponist,
Dirigent und Freund verbunden; neun seiner Opern wurden in Dresden uraufgeführt. Eine umfangreiche Tourneetätigkeit führt das Orchester heute regelmäßig in die
Musikzentren der Welt.
Kurfürst August (1526–1586) reagierte auf die europäische Renaissance und ihre revolutionierenden Wechselwirkungen in den Wissenschaften und Künsten, in
Philosophie und Technik, Politik und Religion, indem er
anfing, nahezu alles zu sammeln, was für ihn und das
Land wichtige Informationen bereithielt. Er gründete eine
Bibliothek, die noch heute unter dem Namen der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) geführt wird und richtete
eine Kunstkammer ein, welche in den Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) fortbesteht. Viele
der von ihm begründeten Institutionen sächsischer Kunst
und Kultur haben die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges unbeschadet überstanden, obwohl kein anderes deutsches Land in diesem Krieg so gelitten hat wie
Kursachsen. Die meisten Städte wurden mehrfach von
fremden Truppen belagert, bombardiert und besetzt, ganze Landschaften waren entvölkert und Dresden von den
meisten Künstlern verlassen.
DAS AUGUSTEISCHE ZEITALTER
Mit der Krönung des sächsischen Kurfürsten Friedrich
August I. zum König von Polen im Jahr 1697 rückten
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die Albertiner in die Reihe der ranghöchsten Fürstenhäuser Europas auf. Der König, genannt August der Starke,
brauchte dringend moderne Residenzen nebst Hofstaat in
Dresden und Warschau, die den Verwaltungs- und Repräsentationsaufgaben einer Großmacht entsprachen.
Dazu bediente er sich des traditionellen Mittels wettinischer Innenpolitik: Er belebte das wirtschaftliche und intellektuelle Potential Kursachsens.
Während ihrer Regierungszeit ließen August der Starke und nach ihm sein Sohn, Friedrich August II., beide
begabt mit einer großen Sammelleidenschaft und Kennerschaft, eine Kunstsammlung von europäischem Rang
Leipziger Hauptbahnhof, Werbung für das Bachfest
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zusammentragen. Für die Sache der Kunst haben beide
die Macht des Staatsoberhauptes eingesetzt. Dabei stand
ihnen das Glück oft zur Seite. So gelang zum Beispiel
der spektakuläre Ankauf von 100 Meisterwerken aus dem
Besitz des Herzogs von Modena. Heute sind die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit ihren berühmten Sammlungsobjekten Publikumsmagnet und gefragter
Ausstellungspartner in allen Ländern der Welt, von Italien, Frankreich über die USA bis China; der internationale Kulturaustausch erhält einen wachsenden Stellenwert.
Das gebildete Europa erkannte den besonderen Rang jener augusteischen Blüte der Künste. Wissenschaftliche
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Lichthof im Albertinum
Museen und Kunstsammlungen lockten Liebhaber aus allen Ländern herbei. Die Vielfalt des Geschaffenen war so
dicht, dass jede Generation, jede Haltung, jede Persönlichkeit, wenn sie für den Geist des Schönen empfänglich
war, angerührt wurde. Aus allen Richtungen strömten
Begabungen zusammen. Aus Frankreich der Maler Louis de Silvestre, der Geiger Pierre Gabriel Bouffardin, die
Bildhauer Jean Joseph Vinache und Pierre Coudray, die
Architekten Jean de Bodt und Zacharias Longuelune. Aus
Österreich kam Balthasar Permoser, aus Schlesien Johann
Christian Günther, aus Brandenburg-Preußen Johann
Friedrich Böttger, aus Hamburg stammte Johann Adolf
Hasse, aus Westfalen Matthäus Daniel Pöppelmann, aus
Schwaben Johann Melchior Dinglinger. Die Bürgerkultur war deutsch, die höfische international. Selbst
Pöppelmann und Benjamin Thomae wurden noch während des Zwingerbaus zu Studien nach Paris entsandt.
Die tüchtigsten sächsischen Künstler holten sich die
neuesten Kenntnisse auf ihren Gesellenreisen direkt in
Italien oder bei weiteren auswärtigen Meistern. An den
Hof neu berufen wurden vorzugsweise Italiener wie
der Architekt Gaetano Chiaveri, der Bildhauer Lorenzo
Mattielli und die Maler Bernardo Bellotto, genannt
Canaletto, und Stefano Torelli. Die meisten von ihnen
trafen als junge Talente in Sachsen ein und erhoben sich
erst hier zu Meisterschaft und Ruhm. Bis in die jüngste
Gegenwart hinein wirkt jener hohe Kunstbegriff, der in
augusteischer Zeit geschaffen wurde.
Leipzig war daneben nicht nur Handelsmetropole des Kurfürstentums, sondern auch ein blühendes, inspirierendes
wissenschaftliches Zentrum, dessen bürgerliche Kultur
den Glanz der Residenz ergänzte. Im Klima der Leipziger
Universität, gegründet 1409 und damit die zweitälteste in Deutschland, keimte die deutsche Aufklärung und
hielt weltweite wissenschaftliche Kontakte. Geprägt von
einem starken geistes- und sozialwissenschaftlichen Anteil, entwickelte sich die Universität Leipzig im Verlauf
der Geschichte zu einem Mittelpunkt des wissenschaftlichen und politischen Diskurses – unverzichtbar für die
wirtschaftliche, kulturelle und soziale Entwicklung des
Freistaates.
Johann Sebastian Bach, 27 Jahre bis zu seinem Tod im
Jahre 1750 Thomaskantor und verwurzelt in einer landesweiten Musikpflege, trug mit seinem Wirken und
seiner Ausstrahlung entscheidend zum Aufschwung
des deutschen bürgerlichen Musiklebens im 18. Jahrhundert bei. Das Gewandhausorchester als ältestes
bürgerliches Konzertorchester in Deutschland gehört
heute zu den weltweit hochrangigen Orchestern und
pflegt den internationalen kulturellen Austausch. Leipzigs
Ruf als Musikstadt ist eng verknüpft mit dem Wirken des
Gewandhausorchesters: Viele bedeutende musikalische
Werke fanden durch das Orchester ihre Uraufführung,
hervorragende nationale und internationale Solisten
traten im Alten Gewandhaus auf, darunter Wolfgang
Amadeus Mozart, Robert Schumann, Clara Wieck, Carl
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Frauenkirche Dresden
Maria von Weber, Niccolò Paganini, Franz Liszt, Hector Berlioz, Frédéric Chopin, Gewandhauskapellmeister
Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner oder Johannes Brahms. Mendelssohn gründete im Jahr 1843 in
Leipzig das Conservatorium – die erste Musikhochschule
Deutschlands.
Seit der Reformation einer der wichtigsten Druck- und
Verlagsorte in Europa, befruchtete der internationale Handel auch später die weltbekannte Universität und
begünstigte den Aufstieg Leipzigs zur Medienstadt. Heute haben hier der Mitteldeutsche Rundfunk, die Mitteldeutsche Medienförderung und die Sächsische Landesmedienanstalt ihren Sitz. Die neue Leipziger Messe im
Norden der Stadt, der nahe gelegene Flughafen und die
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Energiebörse EEX setzen wichtige Impulse für einen modernen Wirtschaftsstandort in Europa.
FRAUENKIRCHE – SYMBOL DER VERSÖHNUNG
Der Rat der Stadt Dresden beschloss im Jahr 1722 den
Neubau der Frauenkirche. Und der katholische Monarch
unterstützte die Errichtung eines das Stadtbild beherrschenden Monumentes der lutherischen Bürgerschaft.
August der Starke wollte ein Zeichen königlicher Macht,
die Stadt eine Bekundung protestantischen Geistes gegenüber dem katholischen Hof. Diese Gegensätze vereinigten sich in der Idee eines kuppelgekrönten Zentralbaus – der Gedanke war sowohl katholisch wie evangelisch und zugleich absolutistisch und bürgerlich.
Die barocke Frauenkirche, 1743 vollendet, krönte über
200 Jahre die Silhouette des alten Dresden. Als ein Monument Stein gewordenen Glaubens und bedeutendster
Kuppelbau nördlich der Alpen, beeindruckte sie Fachleute und Laien. George Bährs Kuppel überstand sogar
den Feuersturm des 13. Februar 1945. Erst am folgenden Tag, als die Pfeiler in der Glut barsten, brach sie in
sich zusammen. Die Trümmer der Kirche lagen bis Anfang der 90er Jahre als bewegendes Mahnmal im Herzen
der Stadt.
Am 13. Februar 1990, kurz nach der Friedlichen Revolution in der DDR, ging ein Ruf aus Dresden um die Welt:
nach einer weltweiten Aktion zum Wiederaufbau der
Frauenkirche. Er fand Gehör. 13.000 Unterstützer in 23
Ländern. Unzählige Menschen trugen mit Spenden zum
Wiederaufbau bei, gleich wie umstritten er auch anfangs
war. Dass er am Ende gelang – man kann es Verbundenheit nennen. Doch muss es mehr sein als das und
mehr, als sich mit Vernunft und Worten erklären lässt.
Vielleicht hat es ja mit jener besonderen Atmosphäre zu
tun, die seit jeher so viele in ihren Bann zieht. Mit jener
Freude an der Kunst, die uns auch heute inspiriert. Eingepflanzt vor Jahrhunderten, klingt sie in Dresden nach
wie in kaum einer anderen Stadt Deutschlands.
Am 30. Oktober 2005 wurde die Frauenkirche unter großer internationaler Anteilnahme geweiht. Immer noch
erhebt sie sich ein wenig unwirklich an ihrem alten Platz
über die Stadt. Ihr Anblick ergreift nicht nur die Sachsen.
Die Frauenkirche wird auch in Zukunft Zeugnis ablegen
über die Geschichte ihrer Zerstörung. Zugleich bleibt sie
ein Zeichen der Hoffnung und Versöhnung. Ein Zeichen
von der Kraft und dem Selbstbewusstsein des Bürgertums im 18. wie im 21. Jahrhundert, aber auch der leidvollen Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft
und des Zweiten Weltkrieges.
UND WIEDER SACHSEN
Über Jahrhunderte war Sachsen als einheitliche politische Region in der Mitte Europas ein deutscher Teilstaat, der aufgrund seiner geografischen Lage zum Drehund Angelpunkt vieler kultureller, wissenschaftlicher
und wirtschaftlicher Entwicklungen und Entdeckungen
Friedensgebet in der Nikolaikirche Leipzig
wurde. In Rechtswesen, Philosophie, Theologie, Physik, Chemie, Astronomie und besonders in den Montanwissenschaften wurde Hervorragendes geleistet. Zum
wirtschaftlichen Aufschwung Europas trugen sächsische
Erfindungen maßgeblich bei. Sachsen bauten die erste
deutsche Lokomotive und konstruierten das erste Dampfschiff. Sachsen schufen die ersten mechanischen Tuchwebstühle. August Horch baute hier seine ersten Autos.
Ob in Wirtschaft oder Kunst: Sachsen konnte seine Rolle nur finden in der Offenheit und im Austausch mit anderen europäischen Regionen. Dies brach jäh ab mit der
Zeit des Nationalsozialismus, der Intoleranz und Menschenfeindlichkeit. Auch in Dresden, Leipzig und Chemnitz brannten 1933 die Bücher, 1938 die Synagogen und
in der Konsequenz 1945 die Städte.
Drei Jahre nach Gründung der DDR wurde Sachsen in
die Bezirke Dresden, Leipzig und Chemnitz (Karl-MarxStadt) aufgeteilt. Sachsen hatte damit nach über tausendjähriger Geschichte aufgehört zu existieren. Am
3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, wurde
auf der Albrechtsburg in Meißen der Freistaat Sachsen
wieder errichtet. Am 6. Juni 1992 trat die Verfassung des
Freistaates Sachsen in Kraft.
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SACHSEN zog zu allen Zeiten
Menschen in seinen Bann: Künstler,
Dichter, Gelehrte, Natur- und Geisteswissenschaftler, Tänzerinnen, Unternehmer und viele Menschen, die in
Sachsen einfach eine bessere Zukunft
für sich sahen. Ob in Sachsen geboren,
wie Johann Gottlieb Fichte und
Gotthold Ephraim Lessing oder
zugereist, wie Arthur Schopenhauer,
Johann Gottfried Herder und Ludwig
Tieck. Viele deutsche Geistesgrößen
sind über Herkunft oder Aufenthalte
mit Sachsen verwoben.
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Gewandhausorchester Leipzig und Riccardo Chailly
ALTE MEISTER.
JUNGE WILDE.
Hier wirkten über die Jahrhunderte jene „ALTEN MEISTER“,
mit deren Namen sich unzählige Seiten füllen ließen.
Ob in Malerei, Musik, Bildender Kunst und Architektur,
Literatur, Tanz oder Theater. Sie haben in Sachsen ihr
Werk vorangebracht und zum besonderen Charakter
sächsischer Kunst und Kultur beigetragen – und damit
zugleich bedeutende Kapitel europäischer, deutscher und
sächsischer Kulturgeschichte geschrieben.
Das Werk des Einen baute auf dem eines Anderen auf.
Es geriet nicht in Vergessenheit, sondern war der nachfolgenden Generation immer wieder wert, sich damit
auseinanderzusetzen. Kein Caspar David Friedrich ohne
Johann Alexander Thiele, kein Johann Christoph Knöffel
ohne Matthäus Daniel Pöppelmann, kein Carl Maria von
Weber ohne Johann Gottlieb Naumann. Riccardo Chailly,
seit 2005 Gewandhauskapellmeister der Oper Leipzig, beschreibt es so: „Ohne Mendelssohn wäre Leipzig heute
sicher eine andere Stadt.“
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Nicht nur am Hof in Dresden, auch in den Kleinstädten
des Landes mit ihren regionalen Traditionen wuchsen besondere Talente heran. Noch heute werden die Lieder des
großen Dichters Paul Gerhardt aus Gräfenhainichen, das
zu früherer Zeit noch zu Sachsen gehörte, gesungen. Seine Verse sind ein hohes Gut sächsischer Kultur. Die Wurzeln vieler sächsischer Musiker und Kirchenmusiker reichen zurück in die Kantoren- und Pfarrhäuser des Erzgebirges, wo die musikalische Tradition besonders gepflegt
wurde und wird. Dies alles zusammen ist das Fundament
für ein breites zeitgenössisches Schaffen in Sachsen. Dabei bietet das Erbe der Alten Meister Inspiration und Reibungsfläche zugleich.
Sächsische Künstler wie Max Klinger, Max Beckmann
und Karl Schmidt-Rottluff inspirierten die Epoche der
klassischen Moderne ebenso wie es der Dresdnerin Gret
Palucca gelang, dem Tanz mit dem neuen Ausdruckstanz ein völlig neues Kapitel hinzuzufügen. Die Tänzerin und Tanzpädagogin war bereits zu Lebzeiten eine Dresdner Ikone. Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts feierte die in München geborene
Mary-Wigman-Schülerin mit dem Neuen Künstlerischen
Tanz Soloerfolge. Was wir heute in vielfältiger Form als
freien, zeitgenössischen Tanz kennen, hat seinen Ursprung in Dresden-Hellerau. In jenem Festspielhaus, in
das es William Forsythe und seine Company und viele
Forsythe Company, Festspielhaus Hellerau, Dresden
Palucca Hochschule für Tanz Dresden
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„Semperoper“, Staatsoper Dresden
andere gezogen hat. Dieser Ursprungsort des modernen
Ausdruckstanzes erfuhr mit seiner Wiedereröffnung im
Sommer 2006 eine großartige Neubelebung. Die Palucca
Hochschule für Tanz Dresden, die Internationale Rhythmikwerkstatt der Hochschule für Musik Carl Maria von
Weber Dresden und die Tanzbühne Dresden sowie Festivals, wie die Internationale Tanzwoche und der Tanzherbst Dresden – Choreografien von Frauen tragen diese
Tradition heute weiter und schreiben damit ein eigenes
und neues Kapitel Tanzgeschichte in Sachsen.
Zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert versuchte das offizielle Dresden, den ansteigenden Industrielärm, die Spannungen der wachsenden Großstadt und
den Ruf nach mehr Demokratie und sozialer Gerechtigkeit zu überhören. Es war dieser Geist der Residenz, der
1905 die Revolte der jungen malenden Architekturstudenten auslöste, die sich zur Künstlergemeinschaft „Die
Brücke“ zusammengeschlossen hatten: Fritz Bleyl, Erich
Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff; später kamen noch Max Pechstein und Emil Nolde
dazu. Gegen arriviertes Künstlertum und moralische
Heuchelei setzten sie ihr ungehemmtes Bekenntnis zur
freien Natürlichkeit.
Junge sächsische Kunststudenten blieben um die Jahrtausendwende trotz der aufgekommenen Neuen Medien
Studenten der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“
Leipzig
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Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Hochschule für Bildende Künste Dresden, Malsaal
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„Amarcord“ beim Internationalen Festival für
Vokalmusik „a cappella“
in Leipzig
bei dem, was man an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst schon immer tat: handwerklich gut
ausgebildet malen. Inzwischen haben sie als „Neue Leipziger Schule“ ihre Reise in die Welt angetreten und feiern in deren Kunstmetropolen geradezu atemberaubende Erfolge. Es ist sicher kein Zufall, dass Neo Rauch, Tilo
Baumgärtel, Tim Eitel und David Schnell bei Arno Rink
lernten und Matthias Weischer von Sighard Gille geprägt
wurde. Rink und Gille sind ehemalige Schüler der Protagonisten der „Leipziger Schule“ Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke.
Viele Künstler, die in der DDR geboren wurden, verließen
das Land, das ihnen geistig zu eng und perspektivlos erschien. Die berühmt gewordenen unter ihnen – Gerhard
Richter, Georg Baselitz, A. R. Penck – werden kaum noch
als Sachsen wahrgenommen. Andere, die im Land blieben, wie Herrmann Glöckner, Gerhard Altenbourg, Carl
Friedrich Claus oder Michael Morgner sowie Max Uhlig
und Hartwig Ebersbach können sich an den Maßstäben
einer internationalen Moderne messen lassen.
Auch die sächsische Musikszene reibt sich an ihren „Alten
Meistern“, doch kommt daneben nicht selten das Ungehörte des 20. und 21. Jahrhunderts zur (Ur-)Aufführung.
Da erklingen zum Bachfest in Leipzig Neukompositionen in Auseinandersetzung mit dem Werk des Namensgebers. Da pflegen junge Stimmen Leipzigs A-cappella-
Tradition mit Musik von Bernd Franke, einst Student
und Hochschullehrer in Leipzig. Ein sächsischer Komponist? Inzwischen werden seine Werke auf den Konzertbühnen zwischen Zürich und Tokio und immer wieder
in Dresden und Leipzig uraufgeführt. Künstler wie David
Timm, Universitätsmusikdirektor in Leipzig, und die
Dresdner Komponistin Sylke Zimpel könnten dies ohne
Weiteres von sich behaupten, haben sie doch hier ihren
Lebens- und Schaffensmittelpunkt. Ebenso der Leipziger Musiker und Komponist Steffen Schleiermacher; er
initiierte die Konzertreihe „musica nova“ mit neuer Musik am Leipziger Gewandhaus. In Dresden setzen neben
dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau das Ensemble „courage“, die Sächsische Gesellschaft für Neue
Musik, die Reihe „Neue Dresdner Kammermusik“ in der
Blauen Fabrik oder die Konzertreihe „Global Ear“ im
Societätstheater neue Akzente. Und dann ist da noch
die Meißner Kantorei 1961 mit ihren Aufführungen zeitgenössischer Kirchenmusik. Ihre Sänger kommen aus allen
Teilen Deutschlands, nur der musikalische Leiter lebt in
Dresden. Sächsische Kirchenmusik?
Die Beispiele ließen sich fortsetzen: im Theater mit Namen wie Annette Jahns, Corinna Harfouch, Rolf Hoppe;
in der Literatur mit Thomas Rosenlöcher, Marcel Beyer
oder mit Juli Zeh und Uwe Tellkamp. Es wird immer nur
ein Ausschnitt sein.
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Industriemuseum Chemnitz
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INDUSTRIEKULTUR
IN SACHSEN.
Kunst- und kultursinnige Kurfürsten und Könige, aber
auch bürgerliche Sammler und Mäzene legten über Jahrhunderte Sammlungen an, auf denen heute insbesondere Dresdens Weltgeltung im kulturellen Bereich beruht.
Sachsen gehörte aber durch den Aufschwung des Montanwesens im 12. sowie im 16. und 17. Jahrhundert und
dann vor allem als Kernland der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert auch zu den technisch, wissenschaftlich und ökonomisch fortschrittlichsten Regionen
Deutschlands: Die industrielle Entwicklung Sachsens im
Montanwesen, dem Fahrzeugbau, der Metall- und der
Textilindustrie hatte so über Jahrhunderte immer auch
prägende Wirkung für die Entwicklung der sächsischen
Kulturlandschaft insgesamt.
Der Zweckverband Sächsisches Industriemuseum ist ein
wichtiger Träger dieser Kultur. Er hat die Aufgabe – die
von landesweiter Bedeutung ist – übernommen, gegenständliches Kulturgut zu sammeln und zu bewahren, bedeutende Industriekultur zu erhalten und zu zeigen. Das
Industriemuseum Chemnitz, die Tuchfabrik Gebrüder Pfau
in Crimmitschau, das Besucherbergwerk/Mineralogische
Museum Zinngrube Ehrenfriedersdorf und die Energiefabrik Knappenrode gehören dem Zweckverband an,
der künftig weiter profiliert werden soll, damit die Industriekultur für den Freistaat und darüber hinaus noch
wirksamer und attraktiver ausstrahlen kann. Geplant ist
unter anderem die Gründung einer landesweiten Stiftung
„Sächsische Industriekultur“.
Industriekultur im Freistaat Sachsen ist eine wesentliche Säule regionaler kultureller Identität und kulturellen
Reichtums – für das Staatsministerium für Wissenschaft
und Kunst bleibt dies ein Zukunftsthema.
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Eine breite Beschäftigung mit dem Thema Industriekultur stärkt sowohl die sächsische Identität und
Attraktivität des Landes für seine Besucher als auch für
Investoren. Die Staatsregierung hat sich daher das Ziel
gesetzt, die vorhandene Ressource Industriekultur, die
das ganze Land vereint, neu zu stimulieren: Sie bekennt
sich zur Wahrung und Pflege des industriellen Erbes
Sachsens, um es für die Jugend, aber auch die Gäste des
Freistaates erlebbar zu machen. Mit der Einrichtung einer Koordinierungsstelle Industriekultur bei der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen ist ein wichtiger
Impuls gesetzt.
Unter der Adresse www.industriekultur-in-sachsen.de erschließt sich die Vielfalt der Industriekultur des Freistaates Sachsen auch im Internet. Die virtuelle Plattform
wurde geschaffen, um die vielen Akteure der Industriekultur in Sachsen zu verbinden, vorhandenes bürgerschaftliches Engagement zusammenzuführen und bestehende Fördermöglichkeiten sichtbar zu machen. Zweck
der Plattform ist es, ein Netzwerk bereitzustellen, um
Kontakte zu vermitteln, zugleich ein Warnsystem für die
Identifizierung gefährdeter Denkmäler zu installieren sowie eine Ideenbörse zur Sammlung und Verbreitung von
Wissen anzubieten. Neben all dem ist das Projekt aber
auch eine Zukunftswerkstatt, die einhergeht mit der Sichtbarmachung der traditionellen Stärken des Freistaates.
Zinngrube Ehrenfriedersdorf
Industriemuseum Chemnitz
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Brikettfabrik Knappenrode
Industriemuseum Chemnitz
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„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu
wissen und auszuhalten, dass es so und nicht
anders gewesen ist, und dann zu sehen und
abzuwarten, was sich daraus ergibt.“
Hannah Arendt, Rede am 28. September 1959 bei der Entgegennahme des Lessing-Preises
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Gedenkstätte Münchner Platz Dresden
Erinnern.
Gedenken.
Aufklären.
Der Satz Hannah Arendts drückt Großes aus: Die Kultur
und der innere Zusammenhalt unserer Gesellschaft hängen maßgeblich davon ab, welche Lehren der Geschichte die Menschen in diesem Land im Gedächtnis behalten
und zum Maßstab ihres Handelns machen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, insbesondere dem
Menschheitsverbrechen des Holocaust einerseits und den
Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen der kommunistischen Diktatur andererseits soll in der Gegenwart
Orientierung im Hinblick auf Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Werte vermitteln. Wenn die grausamen
Lehren, die das 20. Jahrhundert den Menschen erteilt hat,
angenommen werden, dann muss das Wissen um unsere Geschichte in unserem Gedächtnis einen dauerhaften
Platz finden, mit Tagen des Gedenkens, mit Orten des
Erinnerns, mit Stiftungen, die sich der Erinnerung als
Auftrag stellen.
Die Sächsischen Gedenkstätten leisten an authentischen
Orten einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung
mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und
der kommunistischen Diktatur in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Sie erfüllen zu einem erheblichen Teil museale Aufgaben, da sie zu den Orten
politischer Verfolgung Zeugnisse sammeln, bewahren,
forschen und das Wissen in Ausstellungen vermitteln.
Sie erreichen darüber hinaus gerade junge Menschen mit
Lesungen, Konzerten, Theater und anderen Kunstprojekten.
Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung
an die Opfer politischer Gewaltherrschaft wurde am 15.
Februar 1994 begründet. Anders als die Museen, die das
einer positiven Identifikation zugängliche Kulturerbe
bewahren, sind die Gedenkstätten Orte des negativen
Gedächtnisses und laden zur Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit ein.
GEDENKSTÄTTE BAUTZEN
In den Haftanstalten Bautzen I und II wurden während
der NS-Zeit, der sowjetischen Besatzungszeit und der
DDR politische Gegner unter unmenschlichen Haftbe| 27
Pirna-Sonnenstein
dingungen gefangen gehalten. Die verschiedenen Verfolgungsperioden prägen drei Phasen des Gedenkens an
einem Ort.
Im Gebäude des „Stasi-Knastes“ Bautzen II wird an die
Opfer der beiden Bautzener Gefängnisse mit Schwerpunktsetzung auf die Opfer der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR erinnert.
GEDENKSTÄTTE MÜNCHNER PLATZ DRESDEN
Auch die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden hat eine
solche mehrschichtige Vergangenheit zu gewärtigen. Sie
beschäftigt sich mit der politischen Strafjustiz und ihren
Opfern im Gebäudekomplex am Münchner Platz während
der nationalsozialistischen Diktatur, der sowjetischen Besatzungszeit und der frühen DDR. Bis Ende 1956, als die
DDR-Justiz das letzte Todesurteil am Münchner Platz
vollstrecken ließ, wurde das 1907 als Königlich-Sächsisches Landgericht eröffnete Gebäude als Gerichtsort,
Haftanstalt und Hinrichtungsstätte genutzt. In der NSZeit wurden mehr als 1.300 Justizopfer dort hingerichtet,
mehrheitlich tschechoslowakische Staatsbürger. Darüber
hinaus bezieht die Gedenkstätte in ihre Forschungs- und
Bildungsarbeit weitere Stätten des Justizmissbrauchs in
der Stadt Dresden ein. Dazu gehörten das Oberlandesgericht Dresden in der Pillnitzer Straße und die mit ihm
verbundene Untersuchungshaftanstalt II in der Mathildenstr. 59. Die so genannte Mathilde war eine Zweiganstalt
der an das Dresdner Landgericht angegliederten Hauptanstalt in der George-Bähr-Str. 7.
Auch die Geschichte der Gedenkstätte selbst hat sich inzwischen zu einem eigenen Thema der Gedenkstättenarbeit entwickelt.
GEDENKSTÄTTE PIRNA-SONNENSTEIN
In der für ihre humanistische Tradition berühmten ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein ermordeten die Nationalsozialisten in den Jahren 1940 und
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1941 13.720 vorwiegend psychisch kranke und geistig
behinderte Menschen, darunter viele Kinder. Sie wurden
im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde,
der sogenannten „Aktion T4“, in einer Gaskammer umgebracht. Im Sommer 1941 starben an diesem Ort mehr
als tausend Häftlinge aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern.
Erst seit 1989 drang der fast vergessene Massenmord allmählich wieder in das öffentliche Bewusstsein. Bürgerinnen und Bürger der Stadt Pirna sowie Angehörige der
Ermordeten engagierten sich ab 1991 im „Kuratorium
Gedenkstätte Sonnenstein e. V.“ für die Einrichtung einer
Gedenkstätte. Im Juni 2000 wurde die Gedenkstätte am
historischen Ort eingeweiht. Seitdem verdeutlichen der
Gedenkbereich und eine Dauerausstellung die Geschichte
dieses Ortes.
DOKUMENTATIONS- UND INFORMATIONSZENTRUM
(DIZ) TORGAU
Mit den beiden Militärgefängnissen „Fort Zinna“ und
„Brückenkopf“ und dem Reichskriegsgericht, das im August 1943 von Berlin nach Torgau verlegt wurde, entwickelte sich Torgau während des Zweiten Weltkriegs zur
Zentrale des Wehrmachtstrafsystems. Nach dem Ende des
Krieges richtete die sowjetische Geheimpolizei NKWD im
Fort Zinna und in der benachbarten Seydlitz-Kaserne die
Speziallager Nr. 8 und Nr. 10 ein. Im Lager Nr. 8 wurden
Deutsche interniert; im Lager Nr. 10 deutsche und sowjetische Staatsbürger, die von sowjetischen Militärtribunalen
verurteilt waren, gefangen gehalten. Die DDR-Volkspolizei
nutzte das Gefängnis Fort Zinna von 1950 bis 1990 für
den Strafvollzug. In den fünfziger und sechziger Jahren
saßen insbesondere politische Gefangene hier ein. Bis
1975 wurden in Torgau auch jugendliche Strafgefangene inhaftiert.
Das DIZ Torgau wurde 1991 als Verein mit dem Ziel gegründet, die Geschichte der Torgauer Haftstätten wäh-
rend des Nationalsozialismus, der sowjetischen Besatzungszeit und der DDR zu dokumentieren. Heute ist das
DIZ Torgau Teil der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft.
Da der zentrale Haftort – Torgau-Fort Zinna – als Justizvollzugsanstalt des Freistaates Sachsen genutzt wird, befindet sich das DIZ Torgau mit seiner Ausstellung nicht
dort, sondern im Schloss Hartenfels. Ein Gedenkort, der
den verschiedenen Phasen des Gedenkens Raum gibt, befindet sich neben der heutigen Justizvollzugsanstalt am
Fort Zinna.
GEDENKSTÄTTE EHRENHAIN ZEITHAIN
Die Gedenkstätte erinnert an die Opfer des Kriegsgefangenenlagers Zeithain bei Riesa zwischen 1941 und
1945. Es war vor dem Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion im April 1941
eingerichtet worden. Ab Oktober 1943 kamen auch italienische, serbische, britische, französische und polnische
Gefangene in das Lager. Insgesamt sind ca. 25.000 bis
30.000 sowjetische Kriegsgefangene und mehr als 900
Gefangene aus anderen Ländern – davon mindestens 862
Italiener – in Zeithain verstorben. Gründe waren vor allem mangelhafte Ernährung und katastrophale hygienische Bedingungen.
Die Opfer des Lagers liegen auf vier Friedhöfen in der
Umgebung des ehemaligen Lagergeländes am Bahnhof
Jacobsthal begraben. Die Geschichte des Lagers wird in
einer Dauerausstellung im Dokumentenhaus des Ehrenhains Zeithain sowie in einer ehemaligen Lagerbaracke
dargestellt. Die Gedenkstätte versteht sich als Anlaufstelle für Angehörige der ehemaligen Kriegsgefangenen sowie als Informations- und Bildungsstätte.
Institutionell gefördert werden darüber hinaus vom
Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und
Kunst die in freier Trägerschaft befindliche Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden (ehemalige Untersuchungshaft der DDR-Staatssicherheit) und das Museum in der
„Runden Ecke“ Leipzig (ehemalige Bezirksverwaltung
der Staatssicherheit). Außerdem fördert die Stiftung aus
Landes- und Bundesmitteln freie Träger wie die Erinnerungs- und Begegnungsstätte im ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau oder die Archive der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR und andere Einrichtungen
der Gedenkstättenarbeit.
Mit dem neuen Sächsischen Gedenkstättengesetz können sich weitere Gedenkstätten für die institutionelle
Förderung qualifizieren. Hierzu zählen insbesondere die
Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, die ehemalige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR in Leipzig, das
ehemalige NS-Konzentrationslager Sachsenburg, die
Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, die
frühere Frauenhaftanstalt Hoheneck und die Gedenkstätte
zu Ehren der Euthanasieopfer in Großschweidnitz.
Die Dokumentationsstelle – Widerstands- und Repressionsgeschichte in der NS-Zeit und SBZ/DDR – ist eine historische Forschungseinrichtung der Stiftung Sächsische
Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft mit Sitz in Dresden. Thematische Schwerpunkte der Arbeit sind die Widerstands- und
Repressionsgeschichte der Zeit des Nationalsozialismus,
des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit, die Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone sowie die
Geschichte der DDR. Weitere Arbeitsbereiche sind die
Schicksalsklärung von sowjetischen Kriegsgefangenen und (teilweise) von deutschen Kriegsgefangenen des
Zweiten Weltkrieges sowie die Schicksalsklärung von Internierten und deutschen Bürgern, die in der Nachkriegszeit von sowjetischen Justizbehörden verurteilt worden
sind (Verurteilte sowjetischer Militärtribunale). Die gewonnenen Erkenntnisse werden zu wissenschaftlichen
und auch humanitären Zwecken genutzt. (www.dokst.de)
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Museum
der bildenden Künste,
Leipzig
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KULTURPOLITIK
IN SACHSEN.
Zugang zur Kultur für alle öffnen.
Im Selbstverständnis der sächsischen Bürgerinnen
und Bürger hat Kultur einen hohen Stellenwert.
Sie sind stolz auf ihre Kunstschätze, ihre Geschichte
und historischen Bauten sowie auf Persönlichkeiten,
die in der Welt berühmt sind.
Jedes Jahr werden Millionen Gäste und Besucher vom
Ruf sächsischer Kultur angelockt. Sie gehen in die
Museen und Theater, hören Konzerte und Opern oder
besichtigen die mittelalterlichen Innenstädte, Burgen und
Schlösser. Die vielfältige sächsische Kulturlandschaft
und den kulturellen Reichtum gilt es zu bewahren und
weiterzuentwickeln.
Doch wie kann die bestehende Kultur in Sachsen ausreichend gepflegt werden? Wie kann Raum für neue Kulturformen, für künstlerische Entfaltung und für gesellschaftliche Beteiligung an Kunst und Kultur geschaffen
werden? Und wie können mit Kunst und Kultur möglichst viele Menschen erreicht werden? Das sind wichtige
Fragen, mit denen sich Kulturpolitik beschäftigt.
Der Freistaat Sachsen und besonders das Sächsische
Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst haben für
eine Vielzahl von kulturellen Einrichtungen und Projekten die Verantwortung. Nach dem Subsidiaritätsprinzip
übernehmen zunächst die Kommunen, dann die Kulturräume, die Kulturstiftung Sachsen und das Kunstministerium ihre jeweiligen Verantwortungsbereiche. Dem Ministerium unmittelbar zugeordnet sind die Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden mit ihren derzeit zwölf Museen vom Grünen Gewölbe bis zu den Neuen Meistern
und den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen,
außerdem die Staatsoper mit der Sächsischen Staatskapelle, das Staatsschauspiel Dresden, das Landesamt für
Archäologie, das Staatliche Museum für Archäologie, die
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden sowie die Landesstelle für Museumswesen.
Finanziell unterstützt werden darüber hinaus die Musikschulen und Kultureinrichtungen auf den Gebieten
Darstellende Kunst und Musik, Bildende Kunst, Literatur, Film sowie im Bereich der nichtstaatlichen Museen, Museumsstiftungen, Gedenkstätten und der Soziokultur. Projekte wie das Internationale Leipziger Festival
für Dokumentar- und Animationsfilm oder das sächsischbayerisch-tschechische Festival Mitte Europa tragen zum
Ruf Sachsens als Kulturland bei weit über die Landesgrenzen hinaus. Um sich zu entwickeln und gleichzeitig
Bestand zu haben, brauchen Kunst und Kultur angemessene
finanzielle Unterstützung. Der Freistaat Sachsen fördert
deshalb auf staatlicher Ebene seine Kulturleistungen
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Preisträgerkonzert „Jugend musiziert“
derzeit direkt und indirekt insgesamt mit 409,3 Millionen Euro pro Jahr (Quelle: Kulturfinanzbericht der statistischen Ämter, 2010). Damit gehört Sachsen zu den
Bundesländern, die am meisten für Kulturförderung
zur Verfügung stellen. Sachsen hat mit 4,1 Prozent den
höchsten Anteil der öffentlichen Kulturausgaben an
den Gesamthaushalten (Land und Kommunen) und mit
171 Euro auch die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben aller
Flächenländer.
Doch die kulturpolitischen Aufgaben beschränken sich
nicht allein auf den finanziellen Aspekt. Vielmehr ist
es Aufgabe von Politik, eine Kultur der Vielfalt und der
Teilhabe zu ermöglichen. Denn Kultur ist für eine Gesellschaft wesentlich – mehr als ein Luxusgut und mehr als
ein bloßes Event. Kultur befähigt dazu, mit der Außenwelt in Beziehung zu treten und dient der Identitätsstiftung einer Gemeinschaft; sie ist Markstein für deren
Selbstvergewisserung und Orientierungspunkt für die
Zukunft. Ein solches Kulturverständnis kommt in einer
Politik zum Ausdruck, die soziokulturelle Zentren und
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bürgerschaftliches Engagement in Kunstvereinen fördert,
ohne die so genannte Hochkultur zu vernachlässigen.
Die Förderung von Spitzenleistungen hat einen ebenso hohen Stellenwert wie die Einrichtung von kreativen
künstlerischen Zentren oder die Förderung des künstlerischen Nachwuchses. Im Freistaat Sachsen sind an der
Nachwuchs-Ausbildung über 30 Musikschulen und fünf
Kunsthochschulen beteiligt.
Die künstlerische Bildung ist in Sachsen in vielen Bereichen einzigartig: Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden bietet eine interdisziplinäre Tanzausbildung auf
höchstem Niveau, an der Hochschule für Grafik und
Buchkunst in Leipzig werden Maler der weltbekannten
„Neuen Leipziger Schule“ zum Abschluss geführt. Die
Hochschule für Bildende Künste Dresden bietet europaweit einzigartige Studiengänge wie den Diplomstudiengang Theaterplastik. Zudem ist die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig einer von deutschlandweit nur drei Standorten für die Ausbildung von
Museologen. Zu den Studierenden des Leipziger Litera-
Aufführung „Reckless II – Lebendige Schatten“ im Staatsschauspiel Dresden
turinstitutes, die sich später als Schriftsteller einen Namen machten, gehören unter anderen: Heinz Czechowski, Kurt Drawert, Adolf Endler, Ralph Giordano, Kerstin
Hensel, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch, Angela Krauß, Erich
Loest, Dieter Mucke, Andreas Reimann, Gerti Tetzner, Fred
Wander.
Bibliotheken, Theater, Museen und Orchester sind zum
einen Bausteine einer kulturellen Infrastruktur eines Landes, zum anderen auch das Fundament demokratischer
Bildungs- und Kulturarbeit. In der Verfassung des Freistaates Sachsen wird den sächsischen Bürgerinnen und
Bürgern in allen Regionen die Teilhabe am kulturellen
Leben garantiert. Doch um eine wirkliche gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, müssen die
Weichen schon in den Kindertagesstätten und Schulen
gestellt werden.
Die Kultureinrichtungen in Sachsen haben einen gemeinsamen zentralen Auftrag: Sie sollen einen nachhaltigen
Beitrag zur kulturellen Bildung leisten. Über enge Kooperationen von Museen, Bibliotheken, Schulen und Kin-
dertagesstätten werden in Sachsen Kinder und Jugendliche an Literatur, Kunst und Musik herangeführt. Eine
breite und gute Bildung ist Voraussetzung, um den Zugang zu Kultur für alle Generationen und sozialen Milieus zu öffnen.
Der kulturellen Bildung junger Menschen kommt damit
besondere Bedeutung zu. Mit einer im Jahr 2010 in Kraft
getretenen Förderrichtlinie zur Stärkung der kulturellen Bildung ist besonders die musikalische Bildung als
wesentlicher Teil kultureller Bildung im Blick. Mit dem
2009 gestarteten landesweiten Pilotprojekt „Jedem Kind
ein Instrument“ erhalten Grundschüler in Zusammenarbeit mit den Musikschulen die Möglichkeit, ein Instrument zu erlernen. Weiteres Ziel der Förderung ist, zusätzliche Kapazitäten für Koordination, Vernetzung und
Evaluation von Angeboten der kulturellen Bildung in
den Kulturräumen zu schaffen und die Zusammenarbeit zwischen den Schulen und Kindertagesstätten mit
den kulturellen Einrichtungen zu befördern. So soll möglichst vielen jungen Menschen im Freistaat Sachsen die
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Teilhabe an kultureller Bildung ermöglicht werden. Auch
Museen sind Orte kultureller Bildung. Seit Dezember 2009
gilt in allen staatlichen Museen Sachsens freier Eintritt
für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 16 Jahren.
Mit der Übertragung der Projekte der allgemeinen Kunstund Kulturförderung auf die Kulturstiftung des Freistaates
Sachsen übernimmt diese seit 2005 die Verantwortung
für einen wichtigen Förderbereich. Förderungswürdig
sind insbesondere Vorhaben mit landesweiter, überregionaler und internationaler Wirksamkeit. Dazu zählen
Wettbewerbe, Theater-, Tanz- und Musiktage, Aufführungen und Gastspiele, Dokumentationen und Publikationen sowie Maßnahmen der kulturellen Bildung. Daneben vergibt die Kulturstiftung Stipendien an freiberuflich tätige Künstlerinnen und Künstler. Außerdem
CYNETART Festival, Dresden
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kauft sie Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und
Künstler an, die dann im Kunstfonds von den Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden verwaltet werden. Ein weiteres Element, um Kunst und Kultur zu fördern, ist für das
Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
die Verleihung von Preisen. Ausgezeichnet werden herausragende Leistungen und hoffnungsvolle Talente, zum Beispiel in den Bereichen Film oder Literatur. Exemplarisch
dafür ist der mit 13.000 Euro dotierte, alle zwei Jahre vergebene Lessing-Preis des Freistaates Sachsen, der eine Künstlerin oder einen Künstler für ihr oder sein Werk im Geiste
Lessings ehrt.
Auch computergestützte Kunst wird als zeitgenössische
Kunst gefördert. Im Rahmen des internationalen Festivals CYNETART in Dresden, das im Bereich der compu-
Blick vom Schlossturm, Fürst-Pückler-Park Bad Muskau
tergestützten Kunst weltbekannt ist, vergibt das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst alle zwei Jahre
einen Förderpreis in Höhe von 10.000 Euro.
Eine kulturpolitische Aufgabe mit besonderem Gewicht
ist die Förderung der zeitgenössischen Kunst in allen
Sparten einschließlich der Soziokultur.
Das Musikland Sachsen zählt weit mehr als 60 regelmäßige Festivals der Musik, aber auch der Darstellenden
Kunst, die besonders gefördert werden. Neues wird ausprobiert, wie zum Beispiel mit dem Festival der Vergessenen Musik in Görlitz, das im Jahr 2006 erstmalig an
Musikerinnen und Musiker erinnerte, die Opfer von Diktatur und Verfolgung wurden. Zahlreiche Festival-Ereignisse haben sich nach mehrmaliger erfolgreicher Wiederholung im sächsischen Kulturland etabliert: der Mittelsächsische Kultursommer, das Moritzburg-Festival, der
Lausitzer Musiksommer, die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch, das Musikfest Erzgebirge oder
die Silbermann Tage, um nur einige aufzuzählen. Die
Musik im Freistaat Sachsen erklingt zudem in einer
Vielzahl von Orchestern in staatlicher und kommunaler
Trägerschaft. Kulturleben wird in Sachsen von vielen
Menschen gestaltet, die in Vereinen, Chören, Verbänden
und Ensembles mitwirken. Sie pflegen die vielfältigen
Formen der Volks- und Alltagskultur und tragen zum
Erhalt von Traditionen bei.
Rund 60.000 Sorben leben im sorbischen Siedlungsgebiet,
davon etwa 20.000 Niedersorben in der brandenburgischen Niederlausitz und 40.000 Obersorben in der sächsischen Oberlausitz zwischen Kamenz, Bautzen, Weißwasser
und Hoyerswerda. Schutz und Förderung der Sprache
und Kultur des sorbischen Volkes sind in Sachsen Verfassungsauftrag. Die Kulturpflege der in der Lausitz beheimateten nationalen Minderheit wird über die Stiftung
für das sorbische Volk – finanziert von Bund, Freistaat
Sachsen und Land Brandenburg – sowie im schulischen
und vorschulischen Bereich, im Hochschulbereich mit
dem Institut für Sorabistik an der Universität Leipzig und
dem Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien gefördert.
Teil der sächsischen Kulturlandschaft sind auch die vielen
Schlösser, Burgen, historischen Stadtzentren und Parkanlagen. Schloss Augustusburg, Schloss Pillnitz mit
dem einzigartigen Dresdner Elbtal, die Innenstädte von
Meißen, Torgau, Bautzen oder die geschlossenen Gründerzeitgebiete wie auf dem Kaßberg in Chemnitz sowie
zahlreiche Denkmäler – die Liste der sächsischen Baukultur ist lang. Der deutsch-polnische Landschaftspark
„Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“ ist in die Welterbeliste
der UNESCO aufgenommen worden und steht unter besonderem Schutz. Die Montanregion Erzgebirge steht auf
der Tentativliste der UNESCO. Auch Neubewerbungen für
die Welterbeliste zeichnen sich ab.
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Das bundesweit einmalige Kulturraum-Modell.
Aufgrund der Kulturhoheit der Länder liegt die Zuständigkeit für Fragen der Kunst und Kultur bei jedem einzelnen Bundesland. Damit trägt jedes Land selbst Verantwortung für seine kulturellen Werte und seine Kulturlandschaft. Sachsen ist das einzige Bundesland, in dem
die Förderung von Kunst und Kultur als Staatsziel in der
Verfassung verankert ist. Das 1994 erstmals verabschiedete, seit 2008 unbefristet geltende, bundesweit einmalige Kulturraumgesetz gibt diesem Verfassungsziel zusätzlich einen gesetzlichen Rahmen, um die Kultur zur
Pflichtaufgabe der Kommunen zu machen und dabei den
Freistaat aufgrund des Solidarprinzips mit in die Pflicht
zu nehmen. Seit 2005 beträgt die Zuweisung des Freistaates Sachsen an die Kulturräume jährlich mindestens
86,7 Millionen Euro.
Das Kulturland Sachsen wird in acht Kulturräume unterteilt: Zwei Landkreise bilden in einem ländlichen Kulturraum einen Zweckverband. Die drei kreisfreien Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig bilden jeweils einen
urbanen Kulturraum. Jeder Kulturraum erarbeitet im
Konsens von Fachleuten und politischen Entscheidungsträgern eigene Förderrichtlinien und Bewertungskriterien
für die Kulturförderung. Über ein Umlageverfahren wird
eine solidarische Finanzierung der Kulturangebote zwischen den kommunalen Gebietskörperschaften im ländlichen Raum und dem Freistaat garantiert. Gekoppelt an
die Finanzzuweisung des Freistaates mindestens im Verhältnis zwei zu eins wird durch die Landkreise eine selbst
festgelegte Kulturumlage erhoben. Durch einen so genannten Sitzgemeindeanteil werden die Kommunen angemessen an der Finanzierung der regional bedeutsamen
Einrichtungen und Maßnahmen beteiligt.
36 |
KULTURRAUM VOGTLAND-ZWICKAU
www.kulturraum-vogtland-zwickau.de
Regionalbüro Vogtland
Kultursekretärin Janine Endler
Reichenbacher Straße 34, 08527 Plauen
Tel.: 03741 2911060,
E-mail: [email protected]
Regionalbüro Zwickau
Verwaltungszentrum
Werdauer Straße 62, Haus 1, 08056 Zwickau
Tel.: 0375 440227010
E-mail: [email protected]
KULTURRAUM ERZGEBIRGE-MITTELSACHSEN
www.kulturraum-erzgebirge-mittelsachsen.de
Kultursekretär Wolfgang Kalus
Bahnhofstraße 8a, 09557 Flöha
Tel.: 03726 788476
E-mail: [email protected]
KULTURRAUM LEIPZIGER RAUM
www.kultur-leipzigerraum.de
Kultursekretär Manfred Schön
c/o Landratsamt Leipzig
Stauffenbergstraße 4, 04552 Borna
Tel.: 03433 2413500
E-mail: [email protected]
V. l. n. r.: Burg Kriebstein, Peterskirche in Görlitz, Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, Basteibrücke im Elbsandsteingebirge
KULTURRAUM MEISSENSÄCHSISCHE SCHWEIZ-OSTERZGEBIRGE
CHEMNITZ
Katrin Voigt, amt. Leiterin des Kulturbüros
Stadtverwaltung Chemnitz
Getreidemarkt 3, 09111 Chemnitz
Tel.: 0371 4884120
E-mail: [email protected]
www.kreis-meissen.org
Kultursekretärin Diana Fechner
c/o Landratsamt Meißen
Brauhausstraße 21, 01662 Meißen
Tel.: 03521 7257061/-62
E-mail: [email protected]
LEIPZIG
Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat
Kulturamt Leipzig
Martin-Luther-Ring 4–6, 04109 Leipzig
Tel.: 0341 1234280
E-mail: [email protected]
KULTURRAUM OBERLAUSITZ-NIEDERSCHLESIEN
www.kulturraum-oberlausitz.de
Kultursekretär Joachim Mühle
c/o Landratsamt Görlitz
Robert-Koch-Straße 1, 02906 Niesky
Tel.: 03588 285383
E-mail: [email protected]
DRESDEN
Kulturamtsleiter Manfred Wiemer
Kulturrathaus
Königstraße 15, 01097 Dresden
Tel.: 0351 4888920
E-mail: [email protected]
Torgau
Hoyerswerda
KULTURRAUM
LEIPZIGER RAUM
LEIPZIG
Niesky
Bautzen
Döbeln
Borna
KULTURRAUM
OBERLAUSITZNIEDERSCHLESIEN
Görlitz
Meißen
Mittweida
DRESDEN
Freiberg
KULTURRAUM
VOGTLAND-ZWICKAU
CHEMNITZ
Zwickau
Annaberg
Aue
Plauen
KULTURRAUM
MEISSENSÄCHSISCHE SCHWEIZOSTERZGEBIRGE
KULTURRAUM
ERZGEBIRGEMITTELSACHSEN
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DRESDEN – Leben am Fluss. Die Elbe formte
das ausgedehnte Tal und lud noch zu Beginn
des 20. Jahrhunderts zum Baden ein, was mittlerweile auch wieder möglich ist. Rund 1.000 grüne
Hektar säumen ihre Ufer. Stadtnahe Weinberge
und Schlösser an Elbhängen, weite Wiesen und
Fluss-Auen. Atmosphäre und Lebensqualität.
Blick von der Dresdner Frauenkirche auf die Hochschule für Bildende Künste
38 |
KULTURSTADT
DRESDEN.
Seit 1837 das erste Dampfschiff auf der Elbe verkehrte,
gehören die Personendampfer der Sächsischen Dampfschifffahrtsgesellschaft, der ältesten Raddampferflotte
der Welt, zum Bild der Elblandschaft. Kurfürst Friedrich
August I., genannt August der Starke (Regentschaft
1694–1733), entwickelte, angeregt durch eine Kavalierstour nach Italien, die Idee der Elbe als eines
Canale Grande, an dem nach dem Vorbild Venedigs
Paläste und Schlösser zugänglich sein sollten. Der
legendäre Kurfürst machte die Altstadt mit repräsentativen Bauten wie Schloss, Hofkirche, Zwinger oder
Japanischem Palais zur Residenz. Auch sie orientieren
sich zum Fluss. Später kamen Semperoper, Brühlsche
Terrasse, Albertinum, Kunstakademie und Ständehaus
hinzu. Jedes der Bauwerke steht als Sehenswürdigkeit für
sich. Endpunkte der Festkultur des lebenslustigen und
kunstsinnigen Regenten waren Schloss Übigau im Westen und Schloss Pillnitz im Osten.
Sachsens Kurfürsten und Könige sammelten über Jahrhunderte kostbare und kuriose Gegenstände aus Kunst,
Naturwissenschaft und Technik. Kurfürst August, unter
dessen Herrschaft Dresden zu Wohlstand gelangte, legte im Jahr 1560 mit der kurfürstlichen Kunstkammer den
Grundstein für die erste Dresdner Sammlung, die bereits
im 17. Jahrhundert zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten Europas gehörte.
Unter dem Einfluss der italienischen Renaissance gewannen Kunst und Wissenschaften an Bedeutung. Die Sammelstücke wuchsen so rasch in Art und Zahl, dass schon
im 18. Jahrhundert Spezialmuseen gegründet wurden.
Die seit 1924 bestehenden Staatlichen Sammlungen machen Dresden heute zu einer der wichtigsten Museumsstädte in Europa. Das bekannteste Museum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist sicher die Gemäldegalerie Alte Meister, als deren berühmtestes Werk die
„Sixtinische Madonna“ von Raffael gilt. Diese Galerie
begrüßt jährlich 500.000 Besucher und ist eines von
zwölf Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
(SKD), einem der weltweit bedeutendsten und ältesten
Museumsverbünde. Die verschiedenen Museen befinden
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, „Türckische Cammer“ im Residenzschloss
sich in sieben prachtvollen Gebäuden, die allein schon
einen Besuch wert sind.
Im Herzen der Dresdner Altstadt gelegen ist das Residenzschloss Ursprungsort und Zentrum der Staatlichen
Kunstsammlungen Dresden. Der ehemalige Stammsitz
des Fürstengeschlechts der albertinischen Linie der Wettiner beherbergt das Historische und das Neue Grüne
Gewölbe, das Münzkabinett, das Kupferstich-Kabinett,
die Rüstkammer und die Türckische Cammer. Letztere birgt
eine unverwechselbare Sammlung osmanischer Kunst.
Einzig in Dresden haben Besucher der Türckischen
Cammer die Möglichkeit, das größte Objekt, ein osmanisches Dreimastzelt, zu betreten. 160 Quadratmeter
orientalischer Traum aus Gold und Seide lassen erahnen,
wie viel Bewunderung auch August der Starke für die
osmanische Kultur hegte.
Als „Museum der Moderne“ ist das Albertinum mit der
Galerie Neue Meister und der Skulpturensammlung ebenso ein Besuchermagnet. Nach umfangreichem Umbau
und Sanierung bietet es unter anderem durch riesige gläserne Schaudepots ganz neue Einblicke in das Museum
und dessen sonst verborgene Sammlung. Den Anlass für
eine Neukonzeption des Museums gab das Jahrhunderthochwasser der Elbe und ihrer Nebenflüsse im Jahr 2002.
Was damals als Katastrophe begann und die Depots im
Untergeschoss des historischen Baus in Mitleidenschaft
zog, stellte sich als Chance heraus. Denn drei Monate
später versteigerten mehr als 40 zeitgenössische Künstler im Rahmen einer Auktion jeweils aus ihrem Œuvre
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bekannte Werke. Der Erlös von über 3,4 Millionen Euro
gab die Initialzündung für die Komplettsanierung des
Albertinums – mit einem weltweit einzigartigen, hochwassersicheren Museumsgebäude.
Der Lipsius-Bau mit seiner markanten Glaskuppel (im
Volksmund „Zitronenpresse“ genannt) zieht ebenfalls
viele Architektur- und Kunstfreunde an. Die abwechslungsreichen Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstler werden in der großzügigen und schlicht gehaltenen
Kunsthalle gezeigt. Wie das gesamte Gebäude weist sie
nach der Renovierung einen bemerkenswerten Gegensatz zwischen sichtbar gelassenen Spuren der Zerstörung
und neuer architektonischer Gestaltung auf. Ausgelassene Stimmung abseits des Museumsalltages bringen die
„Lipsius Vibes“, zu denen die JUNGEN FREUNDE der
Staatskapelle Dresden mit dem Chefdirigenten Christian Thielemann
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Staatlichen Kunstsammlungen regelmäßig einladen. Zur
ungezwungenen und interaktiven Auseinandersetzung
mit den Werken der jeweiligen Sonderausstellung gesellen
sich im Laufe des Abends Musiker und DJs, die das junge
kunstinteressierte Publikum zum Tanzen auffordern.
Weitere Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden
sind im Zwinger: Gemäldegalerie Alte Meister, Porzellansammlung und Mathematisch-Physikalischer Salon; im
Japanischen Palais: Sitz des Museums für Völkerkunde
Dresden, Sammlung von 90.000 Objekten aus allen Erdteilen; im Jägerhof: Museum für Sächsische Volkskunst,
unter anderem Ausstellungsstücke der erzgebirgischen
Volkskunst, Erzeugnisse aus der Lausitz und dem Vogtland sowie Puppentheatersammlung; im Schloss Pillnitz:
Kunstgewerbemuseum.
Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Ebenfalls zum Museumsverbund zählen die öffentlich zugängliche Kunstbibliothek im Residenzschloss, der Kunstfonds mit einer Sammlung von 25.000 Werken aller
Genres der Bildenden Kunst und das Gerhard-RichterArchiv im Albertinum.
Auch die Sächsische Landesbibliothek geht auf eine Gründung des Kurfürsten August von Sachsen im Jahr 1556
zurück. Sie wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts öffentlich zugänglich gemacht. Internationalen Rang besitzen die Sammlungen zur sächsischen Regionalkunde,
zu Kunst, Musik und Stenographie. 1996 fusionierten die
Universitätsbibliothek der Technischen Universität Dresden und die Sächsische Landesbibliothek zur Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), die heute eine führende Stellung in
der Digitalisierung von Kulturgut einnimmt.
Über 40 Museen laden in Dresden zum Besuch ein. Das
Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden
ist das größte militärhistorische Museum Deutschlands.
Am 14. Oktober 2011 nach einem von Daniel Libeskind
geleiteten umfassenden Umbau wiedereröffnet, zeigt es
auf knapp 20.000 Quadratmetern Fläche die Militärhistorie als eine Kulturgeschichte der Gewalt.
Das vom Odol-Fabrikanten Karl August Lingner angeregte
Deutsche Hygiene-Museum Dresden mit seinen Sonderausstellungen zwischen Gesundheitsaufklärung, Kunstpräsentation und politischer Diskussion macht über die
Grenzen des Freistaates hinaus von sich reden. Das 1912
gegründete, von einer Stiftung getragene Museum versteht sich als ein öffentliches Forum für Wissenschaft,
Kultur und Gesellschaft. Mit jährlich rund 280.000 Besuchern gehört das Haus zu den bestbesuchten Museen in
Sachsen.
Dresden ist musikverliebt. Die Sächsische Staatskapelle, 1548 von Kurfürst Moritz von Sachsen als Dresdner
Musikalische Kapelle gegründet, ist das älteste Orchester Europas. Zu ihren Kapellmeistern zählten Heinrich
Schütz, Johann Adolf Hasse, Carl Maria von Weber und
Richard Wagner. Wagner feierte als Kapellmeister an der
(ersten) Semperoper Triumphe, bevor er – Mai-Revolutionär wie Gottfried Semper – 1848 die Stadt verlassen
musste. Die Dresdner Philharmonie, das Konzertorchester
der sächsischen Landeshauptstadt, ist Musikfreunden aus
aller Welt ein Begriff. Der Dresdner Kreuzchor kann auf
eine mehr als siebenhundertjährige Geschichte zurückblicken. Von den 28 Kreuzkantoren seit der Reformation
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Dixieland-Festival
Konzert auf dem Elbhangfest
42 |
prägte Rudolf Mauersberger in seiner mehr als 40-jährigen Amtszeit den Chor wie kein anderer: Er belebte ihn
nach dem Zweiten Weltkrieg neu, bewahrte seine christliche Bindung während zweier Diktaturen und führte ihn
auf sein international anerkanntes Niveau, das ihn noch
heute weltberühmt macht.
Dresden hat eine jahrhundertealte Tradition beim Feiern glanzvoller Feste. Bereits die sächsischen Fürsten
ließen ihre Turnierspiele, Tierhatzen und Massenaufzüge von Musik, Gesang und Tanz begleiten. Der Dresdner Karneval war legendär. Bis in unsere Zeit hat sich
eine rege, äußerst vielfältige Festkultur erhalten. Dazu
gehört auch der älteste deutsche Weihnachtsmarkt, der
1434 gegründete Striezelmarkt (wobei Striezel nichts anderes als Christstollen bedeutet). Über 200 Jahre jünger,
zählt die „Dresdner Vogelwiese“ zu den ältesten Volksfesten Deutschlands.
Noch heute verstehen sich die Dresdner aufs Feiern.
Das Elbhangfest, Kunst- und Bürgerfest zwischen den
Dresdner Stadtteilen Loschwitz und Pillnitz entlang der
Elbe, entstand 1991 aus einer Initiative zur Rettung der
Loschwitzer Kirche und der Weinbergkirche in Pillnitz.
Das Fest zieht mittlerweile jedes Jahr um die hunderttausend Besucher an.
Seit mittlerweile über dreißig Jahren laden die Dresdner
Musikfestspiele – inzwischen eine prägende Kulturinstitution der Stadt – im Mai und Juni nach Dresden ein.
Seit 2009 ist der Cellist Jan Vogler Intendant der Dresdner Musikfestspiele, die seitdem eine entscheidende Neuausrichtung erfahren haben. Seine Vision ist es, den Ruf
der Musikfestspiele in die Welt zu tragen und „Dresden
in der ersten Liga der Festivalstädte der Welt zu etablieren“. Namhafte Orchester, große Solisten und Ensembles sind jedes Jahr für drei Festivalwochen in der sächsischen Landeshauptstadt zu Gast und entführen ihr
Publikum gemäß dem jeweiligen Motto der Musikfestspiele immer wieder in eine neue musikalische Welt.
Mehr als 500.000 Dixielandfreunde machen alljährlich
im Mai Dresden zur europäischen Hauptstadt des Dixieland. Große Konzerte mit Bands aus aller Welt im
Kulturpalast, auf der Freilichtbühne Junge Garde und im
Alten Schlachthof tragen den Ruf des 1971 begründeten
Dixieland-Festivals weit über Dresden hinaus.
Und selbst im Festspielhaus Hellerau wird wieder getanzt.
Das Europäische Zentrum der Künste Hellerau, vormals
Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik, knüpft
Dresdner Musikfestspiele, Konzert im Innenhof des Albertinum
nach einer umfassenden Sanierung der Gebäude an den
Ursprungsgedanken seiner Gründer an: geistiger und
künstlerischer Ort zeitgenössischer Kunst und ihres Dialogs über Spartengrenzen hinweg zu sein. Mit diesem
Anspruch hatten Emile Jaques-Dalcroze und Adolphe
Appia im Jahr 1911 jene „Bildungsanstalt für Musik und
Rhythmik“ gegründet und von Architekt Heinrich Tessenow das Festspielhaus errichten lassen. Hier arbeitet
heute der amerikanische Choreograph William Forsythe
mit seiner Company neben Projekten wie der Trans-Media-Akademie mit dem Medienkunstfestival CYNETART,
dem Körpertheater DEREVO oder der Internationalen
Rhythmikwerkstatt der Hochschule für Musik Dresden.
Dresden wäre nicht Dresden ohne eines der größten erhalten gebliebenen Gründerzeitviertel – die überwiegend
studentisch geprägte Dresdner Neustadt. Hier lebt jedes
Jahr an einem Wochenende die Bunte Republik Neustadt,
Straßen-, Kultur- und Szene-Fest in einem.
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„Wahrhaftig hast du Recht.
Mein LEIPZIG lob ich mir.
Es ist ein Klein-Paris und
bildet seine Leute.“
So erwies Goethe einer der
ältesten Universitätsstädte
seine Referenz. Nach 1990
hieß der Aufbruch „Leipzig
kommt“, so der MarketingSlogan der Stadt. Leipzigs
neues Kultur-Leben wächst
aus alter Kraft. Und immer
wahrte die Bürgerstadt
selbstbewusst ihre
Unabhängigkeit.
Augustusplatz in Leipzig mit
Gewandhaus, City-Hochhaus,
Augusteum und Opernhaus
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KULTURSTADT
LEIPZIG.
Die wievielte Messe gerade stattfindet, weiß in Leipzig
niemand so genau – die Tradition reicht weit zurück.
1687 öffnete am Naschmarkt eine der ersten europäischen Handelsbörsen und die Buchmesse überflügelte die
Frankfurter Konkurrenz. Die Notentypen Breitkopfs, des
ältesten Musikverlages der Welt, wurden bis nach Amerika exportiert. In der Zeit des frühen 18. Jahrhunderts, der
Zeit von August dem Starken, wurde Johann Sebastian
Bach Thomaskantor und verbrachte hier sein halbes
Leben. In Leipzig erschien die erste gedruckte Zeitung
Deutschlands, hielt Gellert Vorlesungen über deutsche
Dichtkunst, begründete der Literat Johann Christoph
Gottsched die deutsche Schauspieltradition. Wieland,
Klopstock, Lessing weilten in der Pleiße-Stadt – Leipzig
mit seiner 1409 gegründeten Universität als intellektuelles Zentrum. Goethe kam hierher 1765 als 16-jähriger
Jurastudent und fiel prompt auf: Für die feine Stadt war
der Frankfurter Bürgersohn nicht „geputzt“ genug.
Nach Goethes Zeit in Leipzig, später dann, im 19. Jahrhundert, war Leipzig eine Stadt der Verleger, Arbeitervereine und Fabrikanten. Um 1830 sind die Anfänge
der Industrialisierung im Leipziger Raum zu beobachten. Zwischen Leipzig und Dresden wurde 1839 die erste deutsche Eisenbahnfernverbindung eröffnet, weitere
Eisenbahnlinien ließen schon bald einen Eisenbahnkno-
tenpunkt entstehen. Damit konnte Leipzig seine Rolle als
deutsches Handelszentrum mit internationaler Bedeutung
für viele Jahrzehnte sichern und wesentliche Voraussetzungen für den industriellen Aufschwung schaffen.
1863 rief der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, aus
dem später die SPD wurde, zu seiner Gründungsversammlung auf.
In Leipzig ist die Musik zu Hause. Das spürt man auf
Schritt und Tritt. Im Stadtzentrum streben die jungen
Schüler mit ihren Instrumenten in die städtische Musikschule, im Musikviertel hört man durch die offenen
Fenster die Studierenden der Hochschule für Musik und
Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ üben. Neben den
regelmäßigen Konzerten in der Hochschule, im Gewandhaus, in den Kirchen und an vielen anderen Orten haben
sich zahlreiche Musikfestivals etabliert.
Die Lebensläufe von Musikern wie Johann Sebastian
Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann,
Gustav Mahler und Richard Wagner sind eng mit der
Geschichte Leipzigs verknüpft: Mehr noch, alle großen
Komponisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts haben
hier studiert oder komponiert, gastiert oder referiert. Kein
Wunder: In Leipzig gab es das erste deutsche Konservatorium – gegründet von Mendelssohn Bartholdy. Gewandhaus und Oper waren wichtige Spielstätten, dazu kamen
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die Musikverlage, die Pianofabriken. Diese Tradition ist
für alle Musiker bis heute eine große Inspiration, und das
Publikum profitiert von dem reichen Angebot von Konzerten unterschiedlicher Genres. Leipzig verfügt damit
europaweit über eine einzigartige Dichte an Komponistenhäusern und eine Vielzahl klassischer Musikstätten.
23 dieser Orte sind seit Mai 2012 im Stadtzentrum durch
die fünf Kilometer lange „Leipziger Notenspur“ verbunden. Dieses „musikalische“ Wegeleitsystem ist gekennzeichnet durch im Boden verankerte Edelstahl-Intarsien.
Hörszenen entlang der Notenspur bringen dem Spaziergänger Musik und Musikgeschichte der Stadt Leipzig
näher. An zwölf der 23 Stationen gibt es auch kindgerechte Einspielungen.
Wer aus dem Leipziger Bahnhof tritt, kann die Musik schon förmlich sehen: St. Thomas und St. Nicolai,
die Wirkungsstätten Bachs, der 27 Jahre in der Stadt
blieb, grüßen mit ihren Türmen. In Leipzig komponierte er seine größten Werke, Matthäuspassion, h-MollMesse, Kunst der Fuge. Im Bach-Museum am Thomaskirchhof und beim jährlichen Internationalen Bachfest,
einem der herausragenden kulturellen Ereignisse, wird
jene Zeit wieder lebendig. Der Stiftung Bach-Archiv –
Museum, Forschungsinsitut und Bibliothek – und dem
Bachmuseum gelang es in den letzten Jahren, Leipzig als
international anerkanntes Bach-Zentrum zu etablieren.
In der Thomaskirche erklingen noch heute freitags und
sonnabends die Motetten- und Kantatenaufführungen
der Thomaner. In 800 Jahren Chorgeschichte hat der
Knabenchor dazu beigetragen, dass sich Leipzig zu einem Zentrum protestantischer Kirchenmusikpflege auf
höchstem Niveau entwickelte. Jenseits der Thomaner halten heute Ensembles wie das Neue Bachische Collegium
Musicum und die Capella Fidicinia diese Traditionen
lebendig.
Leipzigs internationaler Ruf als Musikstadt ist eng mit
dem Wirken des Gewandhausorchesters verbunden. Als
Leipzigs Kaufleute einen Konzertverein ins Leben riefen,
dessen erstes Konzert am 11. März 1743 stattfand, begründeten sie damit das älteste bürgerliche deutsche
Konzertorchester. Mit dem Umzug in das Messehaus der
Tuchwarenhändler im Jahre 1781 erhielt es den Namen
„Gewandhausorchester“, der ihm bis heute erhalten blieb.
Seit 1840 spielt das Gewandhausorchester außerdem zu
Aufführungen im Opernhaus und garantiert bis heute
höchstes musikalisches Niveau. Die Mendelssohn-Festtage, in Erinnerung an den einstigen Gewandhaus-Kapell46 |
Thomaskantor Johann Sebastian Bach
Thomanerchor, Leipzig
Neo Rauch Saal, Museum der bildenden Künste, Leipzig
meister Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), sind
in jedem Jahr ein besonderer Höhepunkt im Leipziger
Musikleben.
Neben ihm wirkten zu dieser Zeit Albert Lortzing, Robert
und Clara Schumann, geborene Wieck, in der Stadt. Die
Geburtsstunde der Leipziger Oper schlug bereits 1693.
Bekannte Komponisten und Musiker wie Georg Philipp
Telemann und E.T.A. Hoffmann haben hier gewirkt. Im
Foyer des Schauspielhauses erinnert heute eine Reliefplatte an die Schauspielerin und Theaterreformerin Caroline Neuber, genannt Neuberin, die mit ihrer Theatertruppe im Großen Blumenberg am Brühl auftrat. Das Theater
der Jungen Welt ist das älteste Kinder- und Jugendtheater im deutschsprachigen Raum. Musikalisch eng mit der
Stadt und dem Hörfunk verbunden ist heute das Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks, welches gemeinsam mit dem MDR-Rundfunkchor im In- und Ausland vielbeachtete Konzerte gibt.
Seit 1991 mauserte sich „Leipzig liest“, das einzigartige
Lesefest der Buchmesse, mit etwa 2.000 Veranstaltungen
an vier Tagen überall in der Stadt und auf dem Messegelände zum Markenzeichen Leipzigs. „Leipzig liest“ ist
Europas größtes Lesefest.
Mit dem ebenso spektakulären wie kontrovers diskutierten Neubau für das Museum der bildenden Künste erhielten die Gemälde- und Skulpturensammlung und die
Graphische Sammlung wieder ein eigenes Domizil. Um
1858 hatten Leipziger Kaufleute, Verleger, Händler und
Bankiers das Museum der bildenden Künste Leipzig gegründet. Seitdem sind zahlreiche Sammler ihrem Beispiel gefolgt und haben das Museum mit Schenkungen
und Stiftungen bedacht. Maximilian Speck von Sternburg war einer der großen Kunstliebhaber des 19. Jahrhunderts; Marion Bühler-Brockhaus hat mit ihrem Mann
eine bedeutende Sammlung französischer Malerei des 19.
Jahrhunderts zusammengetragen; Harald Falckenberg
aus Hamburg ist einer der profiliertesten Sammler der
Gegenwart. Sie – und viele andere – reihen sich mit ihrem Engagement in eine über 150-jährige Tradition ein.
Im Alten Rathaus, einem der schönsten Gebäude der
Stadt, hat das Stadtgeschichtliche Museum sein Quartier. Ihm zugeordnet ist das Völkerschlachtdenkmal. Das
umfassend sanierte Grassi-Museum beherbergt mit dem
Museum für Völkerkunde, das zu den Staatlichen Kunstsammlungen gehört, eines der bedeutendsten Völkerkundesammlungen der Welt. Untergebracht sind im
Grassi auch das europaweit bekannte Museum für Angewandte Kunst und das Museum für Musikinstrumente
der Universität Leipzig.
Die Galerie für Zeitgenössische Kunst, 1998 als Labor
der Gegenwartskunst eröffnet, fördert internationale
zeitgenössische Kunst. Das Spektrum der gezeigten Werke
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Zeitgeschichtliches Forum in Leipzig
reicht von Gemälden, Grafiken, Fotografien, Collagen
und Skulpturen bis zu Installationen sowie Video- und
Medienkunst. Acht bis zehn Wechselausstellungen pro
Jahr und weitere ausstellungsübergreifende Projekte befassen sich mit der gesellschaftlichen Rolle von Kunst
und Ästhetik, dem Erbe der DDR sowie Kunst aus Ostund Südosteuropa im internationalen Kontext.
Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig ist das
weltweit älteste Fachmuseum seiner Art. Das Museum,
1884 als Deutsches Buchgewerbe-Museum gegründet,
sammelt, bewahrt und erschließt wertvolle Zeugnisse der
Buch-, Schrift- und Papierkultur. Im Fokus der heutigen
Arbeit steht das Buch mit seinen zahllosen Gesichtern:
als geniale Formfindung und als Produkt wirtschaftlicher und technischer Prozesse, als gesellschaftliche Ikone
und wichtigster Kulturträger, ebenso das Buch als Kunstwerk und als zensierter und verbrannter Ideenspeicher.
Im 4. Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek
in Leipzig hat für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum eine neue Ära begonnen. Klimatisierte Depots, erweiterte Arbeitsflächen und großzügige öffentliche Bereiche
bieten optimale Bedingungen für die Langzeitbewahrung
und Nutzung des Bestandes.
Das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig erinnert an die
Geschichte von politischer Repression, von Opposition sowie von Widerstand und an die Friedliche Revolution vor dem Hintergrund der deutschen Teilung und
dem Alltagsleben in der kommunistischen Diktatur. Dazu
kommt die Darstellung des Wiedervereinigungsprozesses in den vergangenen zwanzig Jahren. Es bietet einen
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Ort für die engagierte Auseinandersetzung mit deutscher
Zeitgeschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in
die Gegenwart.
Das Museum für Druckkunst Leipzig hat sich der Bewahrung eines bedeutenden Stücks Industriekultur
verschrieben und setzt weit über Leipzig hinaus auf
lebendige Vermittlung der handwerklichen und industriellen Herstellung von Druckerzeugnissen, von der
Letter über das Bild bis zum Buch. Durch die Kombination einer produzierenden Werkstatt und eines Museums ist es möglich, 500 Jahre Druckgeschichte hautnah
zu erleben.
Die ehemalige Baumwollspinnerei im Westen Leipzigs ist
längst für viele Künstler und Galerien zu einer wichtigen
Plattform geworden. Vor hundert Jahren tanzten hier
Garnspulen auf den riesigen Spinnmaschinen. Die zahlreichen Backsteingebäude der ehemals größten Baumwollspinnerei Europas in Leipzig-Plagwitz prägen noch
heute das Stadtumfeld. Ruhiger geworden ist es jedoch
nicht auf dem weitläufigen Gelände, das Industriegeschichte geschrieben hat. In die verlassenen, zum Abriss bestimmten Gebäude zogen nach der Wende junge
Künstler ein. Die Idee des kreativen Miteinanders fand
Anklang, immer mehr Künstler und Architekten, Maler
und Galeriebesitzer ließen sich hier nieder.
Als Inbegriff der „Neuen Leipziger Schule“ stehen die
gegenständlichen Bilder von Malern aus Leipzig bei Liebhabern und Sammlern auf dem internationalen Kunstmarkt hoch im Kurs. Namhafte internationale Künstler
wie Neo Rauch, Tilo Baumgärtel, Christiane Baumgartner,
Tim Eitel, Michael Triegel, der Performancekünstler Jim
Whiting und andere finden sich hier mit ihren Studios
und Ateliers genauso wie junge aufsteigende Talente,
Architekturbüros und zahlreiche Galerien. Die Malerei
stützt sich in Leipzig auf eine lange Tradition. Den guten
Ruf begründet vor allem die 1764 eröffnete Hochschule
für Grafik und Buchkunst, an der auch die so genannte
„Leipziger Schule“ mit ihrem Dreigestirn Werner Tübke,
Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig ihre Wurzeln
hat.
Leipzig ist eine pulsierende, urbane Stadt. Die zahlreichen
Festivals prägen diese Vielfalt entscheidend mit. Dazu
gehören zum Beispiel das Wave-Gotik-Treffen, ein Musik- und Kulturfestival, das jedes Jahr zu Pfingsten über
die ganze Stadt verteilt stattfindet, oder DOK Leipzig, das
Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und
Animationsfilm.
Das Festival euro-scene Leipzig, gegründet 1991, ist das
einzige Festival für zeitgenössisches Theater und moder-
nen Tanz in den neuen Bundesländern. Es gehört heute
zu den wichtigsten Avantgarde-Festivals zwischen Westund Osteuropa. Individuelle künstlerische Handschriften
und Mut zum künstlerischen Experiment sind gefragt.
Die euro-scene Leipzig bekennt sich zu zeitbezogenen
und sozial engagierten Themen, überschreitet Genregrenzen und bezieht neue Medien ein.
Seit 1997 gibt es in Leipzig das LOFFT als Produktionszentrum und Spielstätte für Freie Darstellende Kunst in
Leipzig. Es präsentiert Schauspiel, Tanz und Performance
und ist Schaufenster und Arbeitsraum für die Leipziger
Szene und überregionale Produzenten. Im Mittelpunkt
stehen Ko-Produktionen mit Partnern aus Leipzig und
dem gesamten deutschsprachigen Raum. Wichtig ist es
dabei, die Leipziger Szene mit nationalen und internationalen Entwicklungen in Kontakt zu bringen.
Leipzigs agile freie Kulturszene mit ihren eigenen Kulturzentren und künstlerischen Projekten ist ein Anziehungspunkt, besonders für die Jugend der Stadt.
Werbung für „Leipzig liest“
euro-scene Leipzig: „Empty moves“, Ballet Preljocaj/Angelin Preljocaj, Aix-en-Provence
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CHEMNITZ, die „Stadt der Moderne“, denkt, entwirft und baut sich neu. Geprägt von Industrie, als
sozialistische Musterstadt von dem übermächtigen
Appell „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
des Karl-Marx-Monuments tief gezeichnet, stand
Chemnitz 1990 vor einem radikalen Umbruch.
Die westsächsische Stadt hat ihn für sich genutzt,
um sich neu zu definieren: als InnovationsWerkStadt. Symbolisiert wird dies durch die neu
entstandene Stadtmitte mit ihren Kulturbauten.
Stadtzentrum Chemnitz
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Kinderfilmfest Schlingel,
Chemnitz
KULTURSTADT
CHEMNITZ.
Das Kulturkaufhaus DAStietz vereint unter einem Dach
Volkshochschule und Stadtbibliothek, das Museum für
Naturkunde mit dem einzigartigen Sterzeleanum, einer Sammlung versteinerter Baumstämme, gewidmet
dem Naturforscher und Paläontologen Johann Traugott
Sterzel, sowie die Neue Sächsische Galerie, die städtische
Sammlung sächsischer Kunst nach 1945. Aus dem alten
Konsumtempel Tietz ist ein einzigartiges Haus für
Aktionen und Kreativität, für Kultur, Bildung und generationenübergreifende Begegnung entstanden – ein neuer
kultureller Knotenpunkt für Chemnitz.
Der berühmte halbrunde Kaufhaus-Bau in der Brückenstraße in Chemnitz – ein Werk des bedeutenden Architekten Erich Mendelsohn, entworfen 1927 und drei
Jahre später eröffnet – zeigt ab 2014 im Staatlichen
Museum für Archäologie auf fünf Etagen eine Dauerausstellung und wechselnde Sonderausstellungen. Die sanierte Fassade des Kaufhauses Schocken bereichert inzwischen attraktiv das Stadtbild. Auch der erste Neubau einer
Synagoge in Ostdeutschland – neben Berlin – setzte nicht
nur architektonisch ein Zeichen.
Oder das Industriemuseum: 200 Jahre sächsische Industriegeschichte auf über 4.000 Quadratmetern, in kürzester
Zeit geplant, gebaut und fertig gestellt und mit funktionstüchtiger Dampfmaschine dazu.
Eine Stadt denkt sich neu. Chemnitz schließt mit dieser
Entwicklung an die Aufbruchphase in Industrie, Künsten
und Architektur des frühen 20. Jahrhunderts an – als Textil- und Werkzeugmaschinenbau zu „Arbeit, Wohlstand,
Schönheit“ führten, wie es Max Klinger 1918 in seinem
Wandbild für den Stadtverordnetensaal darstellte. Später folgte die Kraftfahrzeug-Industrie. Seit dem 14. Jahrhundert hatte sich Chemnitz, ausgestattet mit dem Privileg zur Errichtung einer Landesbleiche, zum Zentrum der
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Neue Synagoge
Kunstsammlungen Chemnitz
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obersächsischen Leinenweberei und später der textilen
Produktion entwickelt. Georgius Agricola (1494–1555),
einer der bedeutendsten sächsischen Humanisten, lebte
von 1531 bis 1555 in der Stadt, wirkte als Bürgermeister
und verfasste hier sein montanwissenschaftliches Hauptwerk „De re metallica“. Zu dieser Zeit entfaltete sich in
Chemnitz ein reges geistiges Leben.
1799 wurde in Chemnitz die erste Spinnerei errichtet; eineinhalb Jahrzehnte später liefen in Kursachsen
225.000 Spindeln. Den englischen Maschinen folgten
sächsische Konstruktionen, den Spinnereien die Maschinenbaubetriebe, die selbstverständlich erzgebirgisches
Eisen verwendeten, das mit Zwickauer Kohle geschmolzen wurde. Chemnitz stieg zum „deutschen Manchester“
auf.
Und auch die Kultur setzte Zeichen. Als am 1. September 1909 das Neue Stadttheater seinen Spielbetrieb festlich eröffnet hatte, machte in den folgenden Jahren mit
Richard Tauber eine bekannte Persönlichkeit die Chemnitzer Bühnen im Land bekannt. Auch heute lässt sich
über die städtischen Theater Chemnitz mit der RobertSchumann-Philharmonie über die Stadtgrenzen hinaus
vortrefflich reden, vor allem über zahlreiche Uraufführungen und bemerkenswerte Inszenierungen. Richard
Strauss- und Richard Wagner-Aufführungen gelten als
Markenzeichen.
Die Kunstsammlungen Chemnitz reihen sich ein in die
Spitzengruppe der Kunstmuseen in Deutschland. Sie beherbergen zum Beispiel die zweitgrößte Sammlung von
Gemälden Karl Schmidt-Rottluffs, des in Chemnitz geborenen Malers des Expressionismus und Mitbegründers
der Künstlergruppe „Brücke“. Unter Leitung der Kunstsammlungen arbeiten das Henry van de Velde-Museum
in der Villa Esche sowie das Schlossbergmuseum Chemnitz als Museum für Stadtgeschichte. 2007 öffnete das
DAStietz, Kulturzentrum, Chemnitz
Museum Gunzenhauser mit einer Dauerausstellung zur
Kunst der klassischen Moderne und der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts mit Künstlern wie Edvard Munch,
Otto Dix, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff.
Das Deutsche SPIELEmuseum Chemnitz, in seiner Art einzigartig in Deutschland, sammelt historische, aktuelle
und interaktive Spiele.
Im Sächsischen Eisenbahnmuseum bekommen die Besucher neben der größten ursprünglich erhaltenen, funktionsfähigen Bahnbetriebsanlage über 40 Lokomotiven zu
sehen.
Verein wie der Kraftwerk e. V. mit seinen soziokulturellen
Angeboten für jedes Alter sind inzwischen aus Chemnitz
nicht mehr wegzudenken. Rund 120 Vereine, Gruppen
und Einzelkünstler der freien Szene gestalten das vielseitige kulturelle Leben in Chemnitz mit.
Das sächsische Mozartfest hat sich seit 1990 einen guten
Ruf als eines der bedeutendsten Klassikfestivals im Sachsendreieck Dresden-Leipzig-Chemnitz erarbeitet. Zwei
Wochen lang treffen sich alljährlich im Herbst Künstler aus aller Welt zum Kulturfestival BEGEGNUNGEN
in Chemnitz. Hochkarätige Solisten und Ensembles bie-
ten ein breites Programm von Klassik bis Jazz, moderner
Kunst und der Kombination verschiedener Künste, jedes
Jahr unter einem neuen Motto. Beide Festivals bemühen
sich besonders um junges Publikum.
Jedes Jahr im Herbst heißt es für Kinder „Film ab“.
Das Internationale Filmfestival für Kinder und junges
Publikum „Schlingel“ ist eine feste Größe in Chemnitz.
Etwa 10.000 Besucher sehen innerhalb einer Woche über
100 Filme aus bis zu 40 Ländern. Neun Jurys vergeben Preise im Gesamtwert von 25.000 Euro. In der Europäischen Kinderjury treffen seit 2003 auch die Kleinen ganz große Entscheidungen. 16 junge Filmkritiker
acht verschiedener europäischer Nationalitäten (u. a. aus
Dänemark, Frankreich, Griechenland, Polen, Tschechien
und Ungarn) vergeben den „Europäischen Kinderfilmpreis“, der vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gestiftet und mit 5.000 Euro dotiert
ist.
Die Chemnitzer Filmwerkstatt belebt den Film für alle,
die unabhängig bewegte Bilder produzieren wollen. Interkulturelle Begegnungen und europäischer Austausch
sind dem Verein dabei ein besonderes Anliegen.
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In Markneukirchen hängt der Himmel voller Geigen.
Geigenbauer aus Böhmen hatten sich im 17. Jahrhundert
aus Glaubensgründen im Elstertal niedergelassen
und 1677 die erste Geigenmacherinnung gegründet.
Sie legten damit den Grundstein für den
Instrumentenbau im Oberen Vogtland.
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ALTE TRADITION
UND GEGENWARTSKUNST.
Kulturraum Vogtland-Zwickau.
Musikinstrumente aus Markneukirchen und Klingenthal
wurden und werden als klang- und formschön gerühmt.
Der „Vogtländische Musikwinkel“ gehört zu den Weltzentren des Instrumentenbaus. Hier wird immer noch
alles gefertigt, was bläst, zupft, schlägt und streicht.
Das Geigenmacherdenkmal vor dem Paulus-Schlössel,
dem Musikinstrumentenmuseum Markneukirchens, erinnert an die große Tradition des Instrumentenbaus. Wo
Meisterhände wertvolle Instrumente fertigen, wird auch
musiziert. Junge Instrumentalisten aus der ganzen Welt
treffen sich alljährlich zu Musikwettbewerben im Vogtland. Der Internationale Akkordeonwettbewerb Klingenthal und der Internationale Instrumentalwettbewerb
Markneukirchen leben auch von der einmaligen Atmosphäre des Instrumentenbaus.
Die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach versteht
sich als „Musikalischer Botschafter der Region“. Die Freistaaten Sachsen und Thüringen, die Landkreise Vogtland
und Greiz sowie die Städte Reichenbach und Greiz teilen sich seit 1992 die Kosten für das Orchester. Seitdem
verbindet es mit seinen Konzerten die beiden Freistaaten
musikalisch. Darüber hinaus kooperiert das Orchester seit
1998 mit der Chursächsischen Philharmonie Bad Elster/
Bad Brambach.
Dass die Kultur- und Festspielstadt Bad Elster auf eine
lange Theatertradition zurück blicken kann, hat vor allem mit Wasser zu tun. Die Heilquellen vulkanischen
Ursprungs im sächsischen Dreiländereck zwischen Tschechien, Bayern und Sachsen machten Ende des 19. Jahrhunderts Bad Elster und Bad Brambach für Badegäste
beliebt. Die Kurgäste vertrauten nicht nur der heilenden
Wirkung der Quellen: Musik und Theater taten das Ihrige
dazu. Die Orchester der Kurorte des Vogtlands knüpfen
heutzutage mit ihren Konzerten im König Albert Theater,
im Königlichen Kurhaus und im Naturtheater Bad Elster an diese Tradition an. Dann heißt es in den Sächsischen Staatsbädern wieder: „königlich genießen“ mit den
Chursächsischen Festspielen.
Als großes Musikfestival mit überregionaler Ausstrahlung
lädt jedes Jahr im Sommer das Festival Mitte Europa zu
Veranstaltungen in 65 Städte und Gemeinden nach Böhmen, Bayern und Sachsen ein. Unter dem Motto „Neue
Nachbarschaften – Dialog der Kulturen“ finden Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Theateraufführungen und
Foren statt. Das Festival beweist mit seinem vielfältigen
Programm, internationalen Künstlern und den Veranstaltungsorten über die Grenzen hinweg jedes Jahr aufs
Neue, dass Kultur verbindet.
Die Theater Plauen-Zwickau gGmbH, hervorgegangen aus
der Fusion des Vogtland Theaters Plauen mit dem Theater Zwickau, nimmt das Publikum nicht nur in ihren
traditionsreichen Stammhäusern in die Welt des Theaters mit, sondern bringt diese auch über die Grenzen des
jeweils anderen Kulturraumes hinaus an viele Orte wie
Greiz, Glauchau, Meerane, Markneukirchen, Crimmitschau, Werdau, Limbach-Oberfrohna.
Plauen ist Spitze – das gilt natürlich für die besondere handwerkliche Kunst der vogtländischen Metropole, eben der Plauener Spitze. Plauen ist aber auch spitze in der Folkmusik. Jedes Jahr wird hier zum Folkherbst
von Jury und Publikum der einzige Europäische Folkmusikpreis Deutschlands, der Eiserne Eversteiner, verliehen.
Sein Name stammt vom Grafengeschlecht der Eversteiner, deren Wehranlage einst an der Stelle des Malzhauses gestanden haben soll. Dieses Malzhaus, eines der ältesten Häuser Plauens, ist seit 1989 soziokulturelles Zentrum und damit fest in der Hand der Kultur. Konzerte
von Rock bis Jazz, Blues und Folk, Kino, Kabarett und
Kleinkunst finden sich neben einer Galerie mit Ausstellungen und Veranstaltungen zur Bildenden Kunst.
Das Vogtlandmuseum Plauen zeigt unter anderem eine
Dauerausstellung zur vogtländischen Ur- und Frühgeschichte bis zur Stadtwerdung Plauens und vogtländische Malerei. Zum Museum gehören auch das HermannVogel-Haus in Krebes (deutscher Illustrator des 19. Jahrhunderts) und die Galerie e.o.plauen (Pseudonym des
berühmten Karikaturisten Erich Ohser). Die Miniaturschauanlage „Klein-Vogtland“ stellt in originalgetreuen
Modellen die Sehenswürdigkeiten und typischen Gebäude
der Region dar.
Das Neuberin-Haus in Reichenbach ist Kunst- und Kulturhaus, das jährlich etwa vier bis fünf Kunstausstellungen im Foyer zeigt. Der Name der Kulturstätte geht
auf Friederike Caroline Neuber zurück, die 1725 ihre
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Horch-Museum, Zwickau
eigene Theatertruppe gründete, mit der sie in ganz
Europa berühmt wurde. Nach den Vorbildern der französischen Schauspielkunst schlüpfte sie selbst in Rollen
von der Soubrette bis zur Heroine. In Zusammenarbeit
mit Gottsched setzte sie im deutschen Theater den hohen Stil des französischen Dramas durch und prägte damit die deutsche Theatergeschichte. Die Einrichtung wird
durch den Kulturraum Vogtland und den Vogtlandkreis
gefördert.
Das Museum Adorf überrascht mit der deutschlandweit
größten Sammlung zum Thema „Perlmutter“. Die Geschichte der Flussperlmuschel in Sachsen reicht bis ins 15.
Jahrhundert zurück, als die Vogtländer begannen, nach
Perlen zu fischen. Kurfürst Johann Georg I. erhob 1621 die
Perlenfischerei zum landesherrlichen Hoheitsrecht. Zwischen 1719 und 1879 wurden im Vogtland 22.000 Perlen
gefunden. Eine Perle braucht 25 Jahre, um einen Durchmesser von vier Millimetern zu erreichen. 177 der schönsten vogtländischen Perlen wurden im Jahr 1805 zu einer
Perlenkette für Kurfürstin Amalie zusammengefügt. Sie
zählt heute zu den besonderen Kostbarkeiten im Dresd56 |
ner „Grünen Gewölbe“. Mit dem Vormarsch der Industrie
stieg die Flussverschmutzung und die Perlenfischerei im
Vogtland endete im Jahr 1927. Mittlerweile werden wieder
vereinzelt Flussperlen gefunden.
Die Deutsche Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz, dem Geburtsort des ersten deutschen Weltraumfahrers, Sigmund Jähn, vermittelt durch einzigartige Zeitdokumente, Modelle und Originale anschauliche
Einblicke in die Entwicklungen der Weltraumforschung.
Silberbergbau und Tuchmacherei haben die Zwickauer Bürger reich gemacht. Im 19. Jahrhundert war es die
Steinkohle und ihre Industrie. Sie wurde dann Anfang
des 20. Jahrhunderts vom Automobilbau abgelöst. 2004,
zum 100-jährigen Jubiläum seiner Gründung, eröffnete
in den sanierten Gebäuden des ehemaligen Audi-Werkes
das „Automobilmuseum August Horch“ seine neu konzipierte Ausstellung. Jetzt stehen hier Horch, Phaeton und
Trabant nebeneinander.
Die prächtigen Fassaden der Bürgerhäuser aus sechs
Jahrhunderten leuchten wieder. Sie erzählen die Geschichte der frühen wirtschaftlichen Blüte von Zwickau.
Die Priesterhäuser aus dem 13. Jahrhundert beherbergen
als ältestes erhaltenes Wohnhausensemble in Deutschland inzwischen die Ausstellung zur Stadtgeschichte von
Zwickau.
Das Gewandhaus, einst Zunfthaus der Tuchmacherinnung
und architektonisches Juwel am Hauptmarkt, wird seit
1823 als Theater genutzt. Heute ist es neben dem Vogtlandtheater in Plauen Hauptspielstätte des Theaters PlauenZwickau, eines der wenigen Mehrspartentheater (Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Puppentheater) in Sachsen.
Der „Alte Gasometer“, 1875 erbaut und im Jahr 2000 saniertes Industriedenkmal, ist heute der Stadt bedeutendstes Zentrum der Soziokultur. Mit seinem generationsübergreifenden Spektrum alternativer Kultur von Kleinkunst, Theater, Kino und Musik von Jazz bis Rock hat es
überregionale Ausstrahlungskraft.
Der bekannteste Sohn von Zwickau wurde 1810 geboren:
Robert Schumann. Ihn ehrt die Stadt mit einem Museum
und einem internationalen Wettbewerb. In seinem Geburtshaus wird die weltweit größte geschlossene Schumann-Sammlung mit mehr als 4.000 Originalhandschriften des berühmten Komponisten der Romantik und seiner
Frau, der Pianistin Clara Wieck, aufbewahrt. Alljährlich
im Juni findet in Zwickau der Internationale RobertSchumann-Wettbewerb für Klavier und Gesang statt. Im
Kleinen Robert Schumann-Wettbewerb stellen junge Pianisten bis 19 Jahre ihr Können unter Beweis. „Ehre das
Alte hoch, bringe aber auch dem Neuen ein warmes Herz
entgegen“. Ganz im Sinne dieser musikalischen Hausund Lebensregel Robert Schumanns präsentiert sich das
Musikleben im Tal an der Mulde. Wohl nicht ganz zufällig findet die SAXONIADE, das internationale Festival der Jugendblasorchester, in Zwickau statt. Zwickauer
Musiktage, Glauchauer Jazz-Open-Air und das internationale Swing-Festival Swinging Saxonia komplettieren
den vielstimmigen musikalischen Reigen.
Die internationale Orgelwoche: Zwickau entdeckt in jedem Jahr neue Facetten des Reichtums sächsischer Orgelbaukunst und belebt mit Kursen und Konzerten jahrhundertealte kirchenmusikalische Traditionen.
Bildende Kunst hat in Zwickau Tradition. 1858 wurde die
erste Zeichenschule gegründet und 1864 der Kunstverein. Beide gibt es heute noch. Die Galerie am Domhof
Zwickau, die art gluchowe in Glauchau und die ART IN
Meerane sind mit Ausstellungen und der Förderung jun-
Stadtansicht Zwickau
Raumfahrtausstellung, Morgenröthe-Rautenkranz
ger Künstler die Zentren zeitgenössischen bildnerischen
Schaffens. Internationalen Ruf genießen Museum und
Kunstsammlung Schloss Hinterglauchau, vor allem mit
ihrer Grafiksammlung deutscher, französischer und niederländischer Meister und einer umfangreichen Gemäldesammlung.
2001 wurde im Schlosspalais von Lichtenstein mit dem
Daetz-Centrum das weltweit erste Zentrum für internationale Holzbildhauerkunst eingeweiht. Im Museum,
zu dem eine Begegnungs- und Weiterbildungsstätte für
Künstler und Kunsthandwerker gehört, werden mehr als
600 Exponate aus fünf Kontinenten präsentiert.
Das Naturalienkabinett im Museum Waldenburg zählt
mit seinen weit über 8.000 Exponaten zu den ältesten
naturwissenschaftlichen Sammlungen in Deutschland.
Das Agrar- und Freilichtmuseum Schloss Blankenhain
in der Nähe von Crimmitschau erhielt im Jahr 2005
den Titel „Deutsches Landwirtschaftsmuseum“. Diese in
Deutschland einmalige Museumsanlage präsentiert auf
einer Fläche von elf Hektar die ländliche Kultur, Technik
sowie Lebens- und Arbeitswelt Mitteldeutschlands.
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Das Jahr 1168 war das Schicksalsjahr für Sachsen.
Damals wurden hier reiche Silberfunde gemacht.
Daraufhin berief Markgraf Otto von Meißen erfahrene
Bergleute aus dem Harz zum „freien Berg“. Mit ihrer
Ansiedlung entstand FREIBERG, das sogleich Stadtrecht erhielt und im hohen Mittelalter die größte
Stadt in der Mark Meißen blieb. Damit hatte Markgraf
Otto die Grundlagen für den Jahrhunderte andauernden
Erfolg des Bergbaus und den Wohlstand des Landes
geschaffen. Auf dem Freiberger Markt wurde ihm
im 19. Jahrhundert ein Standbild errichtet, auf dem
auch sein alter sächsischer Zuname zu lesen ist:
Otto der Reiche.
Blick auf Johanngeorgenstadt/Erzgebirge
(Szenenfoto aus dem Dokumentarfilm
„Vugelbeerbaam, eija“, D. 2007)
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VON BERGMANN, ENGEL
& DEM MEISTER DES ORGELBAUS.
Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen.
Die Marienkirche mit ihrer romanischen Goldenen Pforte
(1230–1235) und der Freiberger Dom mit seiner Tulpenkanzel (1508–1510) sind steinerne Zeugen einer mächtigen und prächtigen Zeit. Sie sind auch heute Kulturdenkmäler von europäischem Rang. In zahlreichen
Schaubergwerken um Freiberg kann man mit Untertage-Führungen im Silberbergwerk heute besichtigen, wo
einst der Reichtum Sachsens dem Fels abgetrotzt wurde.
Die durch Handel und Bergbau blühenden Städte wetteiferten auch in der Kunst miteinander: Während Kurfürst
Moritz in der Residenz Dresden 1548 die „Hofcantorey“
gründete, stellten Städte wie Döbeln „Stadtpfeifer“ an.
Daraus wurde das städtische Orchester; aus dem Marstall
der „Comödiensaal“. Freiberger Bürger gaben das Schauspielhaus Ende des 18. Jahrhunderts in städtische Hand.
Noch um 1900 bestanden allein im Erzgebirge nicht
weniger als fünf städtische Sinfonieorchester. Auf solch
einem Fundament lässt sich gut bauen – und Theater
machen: 1993 schlossen sich die Theater Döbeln und
Freiberg zur Mittelsächsischen Theater Philharmonie
gGmbH zusammen und bespielen nunmehr den gesamten Kulturraum.
Sachsen, ganz besonders das Osterzgebirge, ist eine
Hochburg für Orgelfreunde aus aller Welt. Die Orgeln
von Gottfried Silbermann, der 1683 im erzgebirgischen
Kleinbobritzsch, heute Ortsteil von Frauenstein, geboren
wurde, stehen für außergewöhnliche Klangschönheit und
handwerkliche Qualität. Schon Mozart befand: „Es sind
über die Maßen herrliche Instrumente.“ Trotz verheerender Kriege und Brände sind von 46 Orgeln noch 31 erhalten. Die bekannteste erklingt im Dom der Bergstadt zu
Freiberg, viele kleinere in den Dörfern des Umlandes wie
Frankenstein, Oederan oder Großhartmannsdorf.
Alle zwei Jahre finden zu Ehren des großen sächsischen
Orgelbaumeisters in Freiberg die Gottfried-Silbermann-
Tage mit einem Internationalen Gottfried-SilbermannWettbewerb statt.
In Mittelsachsen haben glanzvolle Zeiten ihre Spuren hinterlassen. Malerische Burgen und Schlösser bezeugen eine bewegte Vergangenheit. Dicke Mauern erzählen vom
Herrschen und Kämpfen, von Jagd und Waldeslust. Heute bieten gotische Wehrbauten, geschwungene Renaissancegiebel und gepflegte Barockgärten die Kulisse für
ein abwechslungsreiches Kulturleben: Schloss Rochlitz
über dem Muldental thronend, die trutzige Ritterburg
Kriebstein auf hohem Felssporn über der wilden Zschopau, Schloss Lichtenwalde, die Rochsburg sowie das
Jagd- und Lustschloss Augustusburg, die Krone des Erzgebirges mit Blick über das hügelige Land.
Die Akteure in Sachen Kultur in Mittelsachsen bauen
nicht nur auf die historischen Schätze. Sie haben eigene
Höhepunkte des kulturellen Lebens angestoßen und befördert, wie die Mittelsächsischen Kinder- und Jugendtheatertage, die Mittelsächsische Kunstausstellung, die
Mittelsächsischen Literaturtage und die Kunstpreisverleihung. Dazu gehört auch ein Kulturfestival, welches
inzwischen zu den vielseitigsten und bedeutendsten in
Sachsen zählt. Alljährlich von Juni bis September atmet
Mittelsachsen Kultur. Auf Burgen und Plätzen, in Kirchen, Klöstern, Parks und Schlössern, zu Lande, zu Wasser – der Mittelsächsische Kultursommer liegt in der Luft.
Burgfeste, Stadtfeste, Sängertreffen. Marktfeste, Parkfeste, Ritterspiele. Es gibt kein Entrinnen! Auf den Spuren
von Baumeistern und Rittern, Herrschern, Dichtern und
Denkern. Blasmusik und Männerchor. Klassik und Rock.
Tanz und Akrobatik. Kinder, Kasper und Märchen.
Jedes Jahr besuchen mehr als 250.000 Gäste die über
50 Veranstaltungen in den Städten und Gemeinden
Mittelsachsens. Tausende freiwillige Helfer tragen zum
Gelingen dieses großen Kulturfestes bei.
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Die Legende sagt, ein Engel
habe dem Propheten Daniel
im Schlaf einen Schatz versprochen, der in einem Baum
verborgen sei. Als Daniel ihn
in der Krone nicht fand,
empfahl der Engel, zwischen
den Wurzeln zu suchen:
Dies sei der Anfang des
BERGBAUS gewesen.
Hier, in den engen und dunklen Stollen, liegen die Wurzeln der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Größe Sachsens. In Jahrzehnten wurde Mine auf Mine ergraben. Auf Bergmannsschultern wuchs Stadt auf
Stadt in jenem Gebirge, welches das Erzgebirge heißen sollte. Die Bergleute erhielten vom Markgrafen als
oberstem Bergherrn gegen Zahlung von einem Zehntel der Ausbeute das Schürfrecht. Neben dem Silber
entdeckten sie „Zinn, Kupfer, Eisen, Wismut, Kobalt,
Marmor, Kohle, Jaspis, Achat und Granatvorkommen,
sie bauten Schmelzhütten, Hammer- und Sägewerke,
Stauseen, Wassergräben, Aquädukte und Pumpanlagen,
Straßen, Handelshäuser, Werkstätten, Rathäuser, Kirchen und Stadtmauern über Jahrhunderte hin bis in die
Gegenwart. Freiheit und Bergbau bildeten die Grundlage des neuen Landes, der Mark Meißen, der sächsischen
Kultur überhaupt“ (Joachim Menzhausen: Kulturlandschaft Sachsen, 1999).
terra mineralia, Freiberg
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Die Zunft der Bergleute brachte ein eigenes Selbstverständnis hervor. Es entsprach der hohen Qualifikation
und der Verantwortung im Umgang mit dem Erz. Und
es zeugte vom Respekt gegenüber der besonderen Arbeit unter Tage. Es gab wohl nur wenige Berufsgruppen, die ihr Tagwerk mit einem Gebet und einem Lied
begannen. Die eigenen Riten der Bergleute und ihre
religiös-kulturelle Haltung fanden ihr Abbild in den
erzgebirgischen Hallenkirchen und ihren Bildwerken.
Die Standesvereinigungen der Bergleute, die Bergbrüderschaften und Knappschaften, pflegen die bergmännischen Traditionen bis heute: die großen Bergaufzüge, Bergparaden und Bergfeste in den Bergstädten
des Erzgebirges.
Das große „Berggeschrey“, die sich schnell verbreitende
Kunde reicher Erzfunde im 15. Jahrhundert, blieb nicht
ohne Folgen für die Wissenschaft. Unter den zahlreichen
Spezialisten, die der Bergbau nach Annaberg lockte,
war 1523 auch Adam Ries. Jahrelang war er Bergschreiber und Leiter der renommierten Rechenschule, die er
im heutigen Adam-Ries-Museum in Annaberg-Buchholz
eingerichtet hatte, um „dem gemeynen man“ die Rechenkunst zu erschließen. Die Qualität seiner Rechenbücher
sicherten ihm über seinen Tod im Jahr 1559 hinaus bleibende Anerkennung. Die Originalhandschrift der „Coß“,
eines mehr als 500 Seiten umfassenden Lehrbuches der
Silbermannorgel im Freiberger Dom
Algebra, wird heute im Erzgebirgsmuseum in AnnabergBuchholz aufbewahrt.
Nachdem der Bergbau durch nachlassende Vorkommen
im 17. Jahrhundert an Bedeutung verlor, suchten die
Bergleute ihr Auskommen in der Textilproduktion und
der Holzwaren- und Spielzeugherstellung. In den Holzarbeiten vereinten sich altes bergmännisches Gedankengut
und die Sehnsucht des Bergmannes nach Licht. Der Engel als Beschützer und Lichtträger auf dem dunklen und
beschwerlichen Weg in den Berg wurde zur Symbolfigur
der frommen Bergleute des Erzgebirges.
Wie in alten Zeiten wird im Erzgebirge noch heute geschnitzt und geklöppelt, sitzen Frauen und Männer beim
„Hutznohmd“ zusammen, ziehen die Kurrende-Sänger
mit ihren schwarzen Mänteln mit weißen Kragen in der
Weihnachtszeit von Haus zu Haus.
Das Erzgebirge ist eine der museenreichsten Regionen
Deutschlands. Bergbauliche Anlagen über und unter Tage, Besucherbergwerke, Bergbaulehrpfade und technische
Museen wie das Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge
spiegeln die Leistungen, den Mut und Erfindungsreichtum seiner Bewohner. Das Stadt- und Bergbaumuseum
Freiberg, das Spielzeugmuseum Seiffen oder das Erzgebirgsmuseum Annaberg-Buchholz erzählen von ihrem
handwerklichen Geschick.
Die „artmontan-Kulturtage“ laden ein zu künstlerischen
und musikalischen Experimenten, Neukompositionen
und Inszenierungen, die ausschließlich in bergbaulichen
und Industrieanlagen stattfinden. Raum, Atmosphäre
und Akustik ergänzen sich mit der Experimentierfreude der Künstler, so dass eine außergewöhnliche Wirkung
von Klang und Farbe entsteht. Die Besucher der „art-
montan-Kulturtage“ erleben seltene künstlerische Begegnungen innerhalb der gewachsenen Architektur des unterirdischen Gesteins sowie in technischen Anlagen.
Nicht nur für die Annaberger ist die Erzgebirgische Theater- und Orchester gGmbH – sie besteht aus dem Eduardvon-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz und dem
Erzgebirgischen Sinfonieorchester Aue – ein kultureller
Mittelpunkt. Die besondere Ausstrahlung und der Wirkungskreis von Theater und Orchester reichen von Aue
bis Olbernhau, von Stollberg über Marienberg bis in die
Granitklippen der Greifensteine, der beliebten Naturbühne. Und das soll auch so bleiben.
Widmen sich auch das Erzgebirgsensemble Aue und die
Erzgebirgischen Jugendkulturtage besonders der Pflege von
heimatlichen Traditionen, so führen der Literaturpreis
„Kammerweg“, die Arbeit des Kulturzentrums Schloss
Schwarzenberg und die Kinder- und Jugendtheaterarbeit des Theaterpädagogischen Zentrums Stollberg eine
lebendige Kultur vor Augen, in der das zeitgenössische
Schaffen breiten Raum einnimmt.
Das Musikfest Erzgebirge, 2010 ins Leben gerufen, gilt
mit seinem Slogan „Hohe Kunst, tief verwurzelt“ als eine
der jüngsten Kulturinstitutionen der Region und ist noch
ein Geheimtipp. Im jährlichen Wechsel mit den GottfriedSilbermann-Tagen bereichern diese zwei kooperierenden Festivals die Region. Alle zwei Jahre kommen zum
Musikfest Erzgebirge nationale und internationale
Musiker sowie berühmte Dirigenten und Chöre von Weltruf zusammen, um in den schönsten Sakralbauten Sachsens wie in Marienberg, Zschopau, Schneeberg, Lößnitz,
Freiberg, Annaberg, Schwarzenberg einen Dreiklang aus
Landschaft, Architektur und Musik anzustimmen.
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Im Mai 1532 fand auf der Burg des Heidestädtchens
Bad Düben der Prozess des Rosshändlers Hans Kohlhase
aus Cölln an der Spree gegen Günter von Zaschwitz statt.
Der adlige Strauchdieb hatte dem Händler bei Wellaune
an der Mulde zwei Pferde gestohlen. Im Kampf um sein
Recht wurde aus dem friedlichen Bürger ein Rebell.
1540 wurde der Zeitgenosse Martin Luthers in Berlin
hingerichtet.
Heinrich von Kleist setzte ihm mit der Novelle „Michael Kohlhaas“ ein literarisches Denkmal.
Kalkmalereien im Turm der Burg Düben erinnern noch heute an den „Kämpfer für das Recht“.
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VON REBELLION
& REFORMATION.
Kulturraum Leipziger Raum.
„Wittenberg ist die Mutter,
Torgau die Amme der Reformation.“
Dieses „geflügelte“ Wort hat durchaus seine Berechtigung. Martin Luther weilte über vierzigmal in Torgau.
Torgaus Bürgertum, durch Brauerei und Tuchgewerbe
zu Reichtum gekommen, stand der Reformation aufgeschlossen gegenüber. Unter dem Schutz der sächsischen
Kurfürsten und Herzöge konnte Luther seine Reform der
Kirche in Sachsen vorantreiben. Diese Entwicklung führte zu einer Spaltung der Kirche und mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 zur Anerkennung zweier
christlicher Bekenntnisse. Zeichen der engen Verbindung
von Glaube und Macht in Sachsen ist die von Martin Luther am 5. Oktober 1544 geweihte Torgauer Schlosskapelle, die als erster protestantischer Kirchenbau in die
Geschichte eingegangen ist. Die Gassen der Altstadt und
das Schloss Hartenfels lassen noch heute den Charakter
der Residenzstadt der ernestinischen sächsischen Kurfürsten während der Renaissance erleben.
Vom Zisterzienserinnenkloster Marienthron, welches sich
seit dem 13. Jahrhundert in Nimbschen, nahe Grimma,
befand, sind lediglich einige Mauerreste übrig geblieben.
Hier lebte Martin Luthers spätere Frau Katharina von
Bora, bis der Kaufmann Koppe die Edelfrau und weitere acht ihrer Gelübde überdrüssige Nonnen in leeren Heringsfässern zu Ostern 1523 aus dem Kloster nach Torgau schmuggelte.
Das Gebiet mit seinen Burgen und Schlössern entlang
der Mulde gehört zur Ferienlandschaft „Tal der Burgen“,
die sich bis in die Dübener Heide erstreckt. Wo manch
einer nur Industrielandschaften des 19. Jahrhunderts
vermutet, präsentieren historische Altstadtkerne sowie
Schlösser und Parkanlagen Spuren sächsischer Geschichte
in beeindruckender Vielfalt und von hohem kulturhistorischem Wert.
Hinter alten Mauern entfalten heute zahlreiche Initiativen ein munteres kulturelles Leben. So entwickelte sich
Schloss Colditz neben seinen historischen Schauwerk| 63
stätten mit Theateraufführungen, Konzerten, Kammermusik, Chorsingen, Ausstellungen und Workshops zu
einem Kulturzentrum von überregionaler Bedeutung,
das mit vielen Vereinen zusammenarbeitet. Das Museum
Schloss Frohburg richtet mit einem „Museum zum
Anfassen“ seine pädagogische Arbeit und die kulturellen
Angebote verstärkt auf Kinder aus; eine „historische
Schulstunde“ vermittelt Einblicke in das Schulwesen um
die Jahrhundertwende.
Mühlenland Nordsachsen
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In der Landesmusikakademie Sachsen im Schloss Colditz,
vom Freistaat umfangreich saniert und 2010 in Betrieb
genommen, finden Amateurmusiker aller Altersgruppen,
freie Projekt-Ensembles, Schulensembles und die Sächsischen Landesjugendensembles eine musikalische Heimat.
Vielfältige Initiativen wie das soziokulturelle Zentrum KuHstall Großpösna, das Kulturelle Aktionsprojekt
Torgau (KAP) – Kulturbastion oder das soziokulturelle
Zentrum E-Werk Oschatz und auch die Kulturszene in
Kloster Marienthron
Grimma bieten in diesem Kulturraum ein breites Spektrum an Kunst und Kultur. Das Künstlergut Prösitz fühlt
sich besonders der Förderung junger Künstlerinnen mit
Kindern verpflichtet.
Das Leipziger Symphonieorchester prägt mit weit über
hundert Konzerten im Jahr das Musikleben im Kulturraum Leipziger Raum entscheidend mit und setzt sich
aktiv für das Kulturleben seiner Heimatregion ein. Sowohl Laienensembles der Region als auch international
renommierte Künstler spielen mit dem Orchester. Darüber
hinaus haben junge Musiker im Rahmen der umfangreichen Nachwuchsförderung die Möglichkeit, sich in Konzerten zu bewähren. Vor allem mit der Hochschule für
Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in
Leipzig besteht seit vielen Jahren eine intensive Kooperation. Das 1963 gegründete Orchester begeistert nicht
nur im Leipziger Kulturraum mit anspruchsvollen und
attraktiven Programmen, sondern auch bei Gastauftritten
im In- und Ausland.
Die Sächsische Bläserphilharmonie ist das bis heute einzige Kulturorchester in ausschließlicher Bläserbesetzung.
1950 wurde es unter dem Namen „Rundfunk Blasorchester Leipzig“ gegründet und war insgesamt 41 Jahre für
den Rundfunksender in Leipzig tätig. Unzählige Rundfunk- und Fernsehsendungen machten das Orchester mit
dem unverwechselbaren Klang über die Landesgrenzen
hinaus bekannt und beliebt. In all den Jahren hat die
Philharmonie mit vielen namhaften Instrumentalisten,
Sängern sowie Dirigenten aus aller Welt zusammenge-
arbeitet. Neben Konzertreihen in der Region um Leipzig
ist die Sächsische Bläserphilharmonie in ganz Deutschland und im Ausland ein gefragtes Gastspielorchester.
Südlich von Leipzig taucht eine einzigartige Kulturlandschaft auf, genannt „Leipziger Neuseenland“. Seit der
Stilllegung der meisten Tagebaue nach dem Jahr 1990
füllen sich die Gruben. Für den Braunkohletagebau, der
sich auf bis zu 250 Quadratkilometern ausdehnte, mussten 80 Dörfer weichen. Mit den neuen Seen wie dem
Kulkwitzer, Cospudener, Markkleeberger, Schladitzer See
oder dem Großen Goitzschsee ist eine attraktive Freizeitund Erholungslandschaft entstanden.
Nordsachsen ist Mühlenland. Durch die Muldenaue führt
der 25 Kilometer lange Mühlen-Radweg allein an über
20 romantisch gelegenen Mühlen vorbei. Inhaber und
Müller laden ein, die fachgerecht und liebevoll sanierten Bockwindmühlen, Sächsische Turmwindmühlen oder
Paltrockwindmühlen zu besichtigen. Wissenswertes und
Kurioses begegnet hierbei dem Besucher: Mühlen, die als
Aussichtsturm im Siebenjährigen Krieg genutzt wurden,
die höchste Mühle Sachsens und Mühlen, die an einen
anderen Ort versetzt wurden oder bereits in fünfter Generation in Familienbesitz sind. Zum Deutschen Mühlentag stellt Nordsachsen diese wichtigen Zeitzeugen
der Energieerzeugung und -nutzung vergangener Jahrhunderte vor und bietet zugleich vielfältige Rahmenprogramme mit Ausstellungen, Bauern-, Öko- und Kunsthandwerkermärkten und Konzerten unterschiedlicher
Couleur.
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INSPIRATION NATUR.
Schluchten und Klammen,
schattige Buchenwälder,
schroffe Steilwände,
Tafelberge – dazwischen
eingesenkt das Elbtal:
die SÄCHSISCHE SCHWEIZ.
Sie erstreckt sich vom
Erzgebirge bis zu den
Sudeten.
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Kulturraum MeißenSächsische SchweizOsterzgebirge.
Über Jahrmillionen hat das Wasser der Elbe und ihrer
Zuflüsse diese bizarre Felslandschaft aus dem Sandstein
gewaschen, ein Paradies für Wanderer und Kletterer. Der
bekannteste Aussichtspunkt ist zweifellos der berühmte
Basteifelsen mit seinem einmaligen Ausblick auf die 200
Meter tiefer fließende Elbe.
Seit dem 18. Jahrhundert haben sich Maler, beginnend
mit dem Dresdner Hofmaler Johann Alexander Thiele,
Literaten und Komponisten immer wieder vom unvergleichlichen Formenreichtum des Elbsandsteingebirges
anregen lassen. Die Künstler der Romantik fanden
hier alles, was sie für ihre idealistischen Landschaften
brauchten: Felsentor und Abgründe, Wasserfall und mittelalterliche Burgen, Mondschein, aus den Schluchten
steigender Nebel. Caspar David Friedrich, Ludwig Richter
und Carl Friedrich Carus, alle kamen. Und malten. Seitdem gehörte es zur Tradition der Dresdner Kunstakademie, dass Studenten zum Naturstudium elbaufwärts in
die Sächsische Schweiz wanderten. So findet sich im
Lebenswerk fast jedes mit der sächsischen Landschaft
verbundenen Künstlers ein von der Sächsischen Schweiz
inspiriertes Werk.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet der
historische „Malerweg“ in Vergessenheit. Heute kann er
wieder erwandert werden. Dichter wie Heinrich von
Kleist, Clemens Brentano oder Hans Christian Andersen
schwärmten vom Elbsandsteingebirge in ihren Tagebüchern.
Carl Maria von Weber schuf hier seine Oper „Der Freischütz“. Wohl keine Bühne kann ein besserer Schauplatz
für die „Wolfsschluchtszene“ sein als eines der schönsten Naturtheater Europas, die Felsenbühne Rathen – am
besten zu erreichen von Dresden per Elbedampfer und
dann noch eine Viertelstunde zu Fuß den Amselgrund
hinauf. Auch das Festival „Sandstein und Musik“ bezieht seine Inspiration und seinen Namen von der Kulisse des Elbsandsteingebirges. Alljährlich von März bis
Dezember bringen sächsische Künstler in den Konzertsälen aus Sandstein, den Kirchen und Burgen, Schlössern
und Gärten bis ins Osterzgebirge und nach Nordböhmen
den Zauber der Landschaft zum Klingen.
1990 erhielt diese einzigartige Naturlandschaft mit ihrer
artenreichen Pflanzen- und Tierwelt den Status „Nationalpark“. Mit dem Nationalparkhaus in Bad Schandau
betreibt die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt eines der modernsten Naturschutzinformationszentren Deutschlands. Der Elberadweg führt am Fluss entlang
bis an die Grenze von Tschechien, von dort weiter bis
Mĕlník und die Moldau hinauf bis Prag.
Vom Tal der Elbe bis hin zu den Kammlagen des Osterzgebirges künden Burgen und Schlösser von einer wechselvollen sächsischen Geschichte. Ob als Festung gebaut, wie Burg Stolpen und die mächtige Anlage auf dem
Königstein oberhalb der Elbschleife gegenüber des Liliensteins. Ob als Raubritterburg, wie Hohnstein oder als
Familiensitz einflussreicher sächsischer Adelshäuser, wie
die Schlösser Kuckuckstein und Weesenstein am Hang
des Müglitztals. Heute werden die Burgen und Schlösser meist als Museen genutzt und bewahren hinter ihren
dicken Mauern die Sachzeugen einer bewegten Vergangenheit.
Das Osterzgebirgsmuseum im Renaissanceschloss Lauenstein im schmalen Müglitztal präsentiert neben verschiedenen Ausstellungen zur Regionalgeschichte, Naturund Volkskunde eine ständige Ausstellung zu Leben
und Werk des berühmten Baumeisters der Dresdner
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Im Tal funkelt die Elbe,
am Hang reifen die Trauben.
Vor über 800 Jahren begannen
Mönche, Rebstöcke in die lieblichen Hänge an der Elbe zu
setzen. Die Weinberge zwischen
den ELBWEINDÖRFERN von
Diesbar-Seußlitz den Fluss
hinauf bis hin nach Pillnitz
zählen heute zu den nördlichsten in Europa.
Moritzburg Festival
Frauenkirche, George Bähr. Er wurde 1666 in Fürstenwalde bei Lauenstein geboren und verbrachte hier
seine Kindheit. Alljährlich findet im Schloss Lauenstein
ein deutsch-tschechisches Künstlersymposium statt.
Die Botanischen Sammlungen gehören zur jüngsten Geschichte von Schloss Pirna-Zuschendorf. Das Kunstblumenmuseum in Sebnitz und das Stuhlbaumuseum in
Rabenau erzählen von den regionalen Besonderheiten
der kleinen und mittleren Städte. Das Lohgerber-, Stadtund Kreismuseum Dippoldiswalde zeigt in seinem aus
dem 18. Jahrhundert originalgetreu rekonstruierten Lohgerberhaus, wie Tierhaut zu Leder verarbeitet wurde. In
einer eigenen Galerie des Museums wurden über 1.800
Werke mit Motiven und Landschaften der bedeutendsten
Künstler des Osterzgebirges gesammelt.
Silberbergwerke aus dem 12. Jahrhundert fanden Archäologen erst in den letzten Jahren in Dippoldiswalde. Im
besonderen Klima der verborgenen Stollen haben zahllose Artefakte die Jahrhunderte überdauert – und es
wurde sichtbar, wie die Bergmänner in den engen Stollen
vor 800 Jahren gearbeitet haben. Mit einem 3D-Scanner
vermessen Forscher die gefundenen Fragmente im Landesamt für Archäologie in Dresden. Die Bilder des Scanners lassen sich am Computer wie ein Puzzle zusammensetzen. So entstehen die Arbeitsgeräte von einst virtuell
wieder.
Im Bergbaumuseum Altenberg finden sich mit der Erzwäsche und einem Schaustollen viele Zeugnisse des seit
1440 betriebenen Bergbaus im Osterzgebirge.
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Über die Jahrhunderte wuchs an den Hängen der „Sonnenstube“ Sachsens der Weinbau zu einem bedeutenden
Wirtschaftszweig heran, der die Kultur prägte wie auch
das Aussehen der Dörfer und Städte entlang des Elbtals.
In Sandstein gefasste Brunnen, Fachwerkhäuser, die sich
über Jahrhunderte geneigt haben, Sitznischen an Renaissanceportalen und weinumrankte Laubengänge in lauschigen Höfen, über allem die Türme des Domes: So wie
der Maler Ludwig Richter die tausendjährige Stadt sah,
ist Meißen heute wieder zu erleben. Über Jahrzehnte verfiel die Altstadt, inzwischen ist sie restauriert. Ihre Gründung verdankt Meißen dem deutschen König Heinrich I.,
der während eines Heerzuges gegen die Slawen im Jahre
929 nahe der Elbe eine Burg anlegen ließ. Die Wettiner
Fürsten wurden mit der Mark Meißen belehnt und somit
erhielt Meißen den Zusatz, die historische Wiege Sachsens zu sein. Auf der heutigen Albrechtsburg wurde von
1710 an Europas erstes Porzellan hergestellt. Es hat den
Namen der Stadt in der Welt berühmt gemacht. Seit 1863
wird es in der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen im Triebischtal gefertigt, wo eine Schauwerkstatt die
Handarbeit erleben lässt.
Stadtmuseum und Theater Meißen, die Musikschule des
Landkreises Meißen, der Kunstverein Meißen e. V., das
soziokulturelle Zentrum Hafenstraße e. V. und viele Vereine tragen heute zu einem lebendigen kulturellen Leben
bei.
Per Fahrrad oder mit dem Dampfschiff – reizvoller lässt
sich das Elbtal kaum entdecken. Von Meißen aus stromab
am Fluss liegt Riesa. Die frühere „Stahlstadt“ hat sich zu
einem modernen Wirtschafts-, Sport- und Kulturzentrum
entwickelt und mit sportlichen Höhepunkten in der neu
gebauten Erdgasarena einen Namen weit über die Region hinaus erarbeitet. Als Glanzlicht des kulturellen Lebens präsentiert sich die Neue Elblandphilharmonie, die
mit einem vielfältigen musikalischen Angebot bis in die
Sächsische Schweiz und das Osterzgebirge unterwegs ist.
Von Meißen stromauf geht es mit dem historischen Raddampfer weiter gen Radebeul. Herrliche Weingüter,
Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen
prunkvolle Adelssitze und stilvolle Bürgerhäuser ziehen die Blicke auf sich. Eine malerische Silhouette mit
Wettinhöhe, Wasserturm, Friedensburg, Minckwitzschem
Weingut, Bismarck-Turm und Spitzhaus, zu dem eine
schnurgerade Treppe mit 365 Stufen auf 52 Absätzen
vom Tal hinauf führt. Die farbschönen Steine alter Weinbergmauern speichern die Sonne. Rebenhügel in sanftwelligem Grün. Rhapsodie in Farbe und Wein. Süden.
Hier entdeckte der jugendliche Gerhart Hauptmann im
„Eden von Hohenhaus“ das Paradies. Hier fand Karl
May, der „Abenteurer im Geiste“, einen Platz zum Träumen und Schreiben. Sein Domizil, die große Villa Shatterhand, ist heute Karl-May-Museum. Gleich nebenan im
Garten steht das Blockhaus Villa Bärenfett und beherbergt ein Indianermuseum. Hier in Radebeul verwirklichte der Naturheilkundler Friedrich Eduard Bilz seine Reformideen. Er baute das erste Wellenbad Deutschlands
und seine Sanatorien auf, deren Naturheilempfehlungen
Gäste aus aller Herren Länder anzogen.
Hier steht heute das Stammhaus der Landesbühnen Sachsen GmbH, des zweitgrößten Reisetheaters Deutschlands.
Neben seinem reizvollsten Spielort, der Rathener Felsenbühne in der Sächsischen Schweiz, gastiert das Ensemble
an zahlreichen anderen Orten wie Meißen, Großenhain,
Bad Elster bis hin nach Sachsen-Anhalt.
Hier produziert das Sächsische Staatsweingut Schloss
Wackerbarth im barocken Ambiente von Wackerbarths
Ruh Wein und Sekt. Das Weinbaumuseum im ehemaligen kurfürstlichen Weinschlösschen Hoflößnitz belegt
mit verschiedenen Exponaten die Geschichte der Weinwirtschaft im Elbtal.
Rauchschwaden und Gebimmel locken von den Höhen der
Weinberge herab ins Lößnitztal. Der Lößnitzdackel, eine
der letzten Schmalspurbahnen Deutschlands, schlängelt
sich entlang des Lößnitzbaches den Berg hinauf in Richtung Moritzburg. Schloss Moritzburg, benannt nach seinem Erbauer Herzog Moritz und ab 1723 von Kurfürst
August dem Starken zu einem repräsentativen Jagd- und
Lustschloss umgebaut, liegt inmitten des Moritzburger
Teichgebietes. In den ehemaligen Königlichen Stallungen
gleich nebenan wird bis heute erfolgreich Pferdezucht
betrieben. Alljährlich finden in dem idyllischen Ort die
Hengstparade des Sächsischen Landesgestütes und der
Moritzburger Fischzug statt. Kenner und Liebhaber hochkarätiger Kammermusik besuchen Moritzburg jedes Jahr
im August, wenn renommierte Solisten und Nachwuchsmusiker aus der ganzen Welt beim Moritzburg Festival
im unverwechselbaren Ambiente von Jagdschloss und
Moritzburger Kirche zu hören sind.
In Moritzburg verbrachte Käthe Kollwitz, eine der bedeutendsten deutschen Grafikerinnen und Bildhauerinnen
des 20. Jahrhunderts, vom Sommer 1944 an ihr letztes
Lebensjahr. In ihrem Sterbehaus mit Blick auf Schloss
und Teich gibt heute die Käthe-Kollwitz-Gedenkstätte
mit einer kleinen grafischen Sammlung Einblick in mehr
als 50 Jahre ihres künstlerischen Schaffens und fördert
mit Veranstaltungen und Ausstellungen die zeitgenössische Kunst.
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Die mittelalterlichen Türme und
Basteien von BAUTZEN erheben
sich weithin sichtbar auf einem
Granitplateau, zu dessen Füßen
sich die Spree durch das Tal
schlängelt. Die zum Teil sehr gut
erhaltenen Wehranlagen zeigen
einstige Geltung als Grenzfeste
und politisches Zentrum, die
Sakral- und Bürgerbauten
wirtschaftliche Macht.
Alte Wasserkunst und
historische Altstadt, Bautzen
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HIER HAT EUROPA
TRADITION.
Kulturraum OberlausitzNiederschlesien.
In der Kleinstadt Kamenz am Rande der Oberlausitz wurde
1729 Gotthold Ephraim Lessing geboren, der große
Dichter der Aufklärung, dessen „Nathan der Weise“
und „Emilia Galotti“ Literatur- und Theatergeschichte
schrieben. Das Lessing-Museum berichtet von seinem
Leben und Wirken – alljährlich finden hier die Kamenzer
Lessing-Tage statt, zu deren Eröffnung aller zwei Jahre
der Lessing-Preis des Freistaates Sachsen verliehen wird.
Hoyerswerda war über viele Jahre der Lebensmittelpunkt
der Schriftstellerin Brigitte Reimann. Zwischen 1960 und
1968 entstanden in Hoyerswerda Werke, mit denen sie
sich einen Namen machte.
Die Städte Kamenz, Görlitz, Bautzen, Lauban, Zittau und
Löbau schlossen sich 1346 zum Sechsstädtebund zusammen. Löbau ist noch heute bekannt als Amts- und
Konventssitz des Städtebundes. In Zittau finden Besucher zwei außergewöhnliche Fastentücher als Zeugnisse
sakraler Kunst der Oberlausitz. Das in der Stadt ansässige
Zentrum für oberlausitzer Heimatpflege widmet sich der
Erhaltung von Mundart und regionalen Traditionen der
vielfältigen Oberlausitzer Volkskultur.
Soziokulturelle Zentren wie die Turmvilla in Bad Muskau,
das Steinhaus in Bautzen, das Begegnungszentrum im
Dreieck in Großhennersdorf, die Kulturfabrik Hoyerswerda
und das multikulturelle Zentrum in Zittau haben sich mit
ihrem vielfältigen und generationenübergreifenden Angebot einen festen Platz im Kulturleben der Oberlausitz
erarbeitet.
An wichtigen Fernhandelsstraßen wie der Via Regia von
Frankfurt am Main über Schlesien nach Krakau günstig
gelegen, waren die Oberlausitzer Handelsstädte reich und
mit Sachsens Wirtschaft traditionell verflochten. Straßen
verbinden, sie ebnen Wege für den Austausch von Waren
und Gütern, von Ideen, Sprachen und Traditionen in und
zwischen Städten und Ländern. Diese Verbindungen sind
lebenswichtig, sie schaffen neue Kommunikationswege,
neue Formen und Entwicklungen in allen Lebensbereichen. Mit ihnen entstehen neue Horizonte. Im Jahr 2005
wurde die „Via Regia“ vom Europarat zur Europäischen
Kulturstraße ernannt.
„800 Jahre Bewegung und Begegnung“ lautete das Motto der 3. Sächsischen Landesausstellung „via regia“,
die von Mai bis Oktober 2011 in Görlitz stattfand. Den
Fokus auf Görlitz und die Region gerichtet, thematisierte die Ausstellung im sanierten Kaisertrutz und weiteren
Museen der Stadt das Leben an und auf der Straße zwischen Frankfurt am Main und Krakau. Sie ging dabei den
Motivationen der Menschen nach, die sich auf der Suche
nach Veränderung, Arbeit, Wissen und Wohlstand auf
den Weg gemacht haben – sie erzählte von Handel und
Güterverkehr und dem Austausch von Kunst und Kultur.
Einheimischen und Gästen aus ganz Europa hat die Ausstellung das historische Erbe und das Besondere dieser
Region vermittelt.
Das Schlesische Museum Görlitz trägt mit seiner Arbeit
an der Nahtstelle Europas zum europäischen Brückenschlag über die Neiße bei. Es organisiert Ausstellungen
mit deutschen und polnischen Partnern und für ein Publikum beiderseits der Grenze, knüpft wissenschaftliche
und menschliche Kontakte, führt das Gespräch über die
Vergangenheit und Zukunft Schlesiens. Das Schlesische
Musikfest nahm die bereits im 19. Jahrhundert gepflegte Tradition des musikalischen Austausches der Regionen
wieder auf und findet alle zwei Jahre im Wechsel mit
dem Lausitzer Musiksommer statt. Dieses grenzüberschreitende Klassikfestival widmet sich der regionalen
Musikpflege aus sorbischer, mitteldeutscher und europäischer Tradition. Eine lebendige Begegnung mit anderen
Nationalitäten und Kulturen praktizieren auch die Schülerinnen und Schüler der Musikschulen der Euroregion
Neiße, wenn sie im „Europera Jugendorchester“ miteinander musizieren.
Die zwischen Deutschland und Polen geteilte Doppel-Stadt
Görlitz-Zgorzelec versteht sich als eine Europastadt. Dazu zählt auch, dass das nahe Tschechien ebenfalls in die
Theaterarbeit eingebunden wird. So entstehen gemeinsame Inszenierungen mit dem Theater im tschechischen
Liberec; auch mit dem Theater und der Philharmonie
des polnischen Jelenia Góra wird intensiv zusammengearbeitet. Darüber hinaus tauscht das Görlitzer Theater
seine Inszenierungen mit denen der Schauspielbühnen in
Bautzen und Zittau aus, so dass in allen drei Städten neben den Philharmonischen Konzerten auch ein komplettes Dreispartenprogramm mit Musiktheater, Ballett und
Schauspiel angeboten wird. Begleitet wird es dabei von
der in Görlitz ansässigen Neuen Lausitzer Philharmonie.
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In der Lausitz lebt das kleinste slawische Volk: die OBERSORBEN
der sächsischen Oberlausitz und die NIEDERSORBEN der brandenburgischen Niederlausitz. Das wesentliche Merkmal sorbischer
Volkszugehörigkeit und Identität ist die sorbische Sprache.
Europa ist Musik – mit diesem Leitmotiv baut der Meetingpoint Music Messiaen e. V. auf dem geschichtsträchtigen Terrain des ehemaligen Strafgefangenenlagers StaLag VIII A Görlitz eine Jugend-Kultur-Begegnungsstätte
auf. Etwa neun Monate seines kreativen Lebens verbrachte Olivier Messiaen als Gefangener hier und komponierte eines seiner wichtigsten Werke: das „Quartett für
das Ende der Zeit“, das im Lager am 15. Januar 1941 vor
Mitgefangenen uraufgeführt wurde. Im Jahr 2008 hatte Olivier Messiaen seinen 100. Geburtstag. Seit diesem
Zeitpunkt – mit diesem visionären Komponisten als Impulsgeber – treffen sich im Meetingpoint Music Messiaen
Jugendliche und Künstler aus ganz Europa zu Kompositionswettbewerben, Lernwochen für Schulklassen, Instrumenten-Workshops, musikalischen Aufführungen und
multimedialen Veranstaltungen.
Nördlich von Görlitz durchfließt die Neiße die Landschaftsanlage „Fürst-Pückler-Park“ Bad Muskau. Sein Schöpfer, Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871),
Kulturhistorisches Museum Görlitz, Kaisertrutz
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ließ sich von der idyllischen Tallandschaft inspirieren
und schuf hier ab 1815 ein Gartenreich beachtlichen
Ausmaßes. Der etwa 598 Hektar große Park liegt heute
zu zwei Dritteln auf polnischem Staatsgebiet. Seit Oktober 2004 verbindet eine Fußgängerbrücke beide Parkteile wieder miteinander. Die gemeinsame Arbeit über
die Grenzen hinweg steht im Dienst der Aussöhnung des
deutschen und polnischen Volkes. Der Landschaftspark
wurde im Juli 2004 als polnisch-deutsches Welterbe in
die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen.
Das Leben der alten Hauptstadt der Oberlausitz, Bautzen,
wird seit Jahrhunderten vom Miteinander von Deutschen
und Sorben bestimmt, und noch heute befinden sich hier
die wichtigsten kulturellen sorbischen Institutionen. Das
Deutsch-Sorbische Volkstheater bietet als einziges zweisprachiges Theater in Deutschland seine Inszenierungen auch in sorbischer Sprache. Zum Publikumsmagneten nicht nur für Bautzen, sondern für die gesamte Oberlausitz hat sich der Bautzener Theatersommer entwickelt.
Sorbische Osterreiter in der Lausitz
Das Freilichtspektakel findet im Hof der Ortenburg statt,
die über Jahrhunderte die Hauptfeste der Oberlausitz gewesen ist.
Neben dem Deutsch-Sorbischen Volkstheater befindet sich in Bautzen das „Haus der Sorben“, und die
Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. hat hier ihren Sitz. In der im Jahr 1912 als Dachverband sorbischer Vereine gegründeten Domowina haben sich Ortsgruppen und Kreisverbände, nahezu alle sorbischen
Vereine und Einzelpersonen zusammengeschlossen.
Die Domowina – Bund Lausitzer Sorben e. V. vertritt
die Interessen des sorbischen Volkes in der Öffentlichkeit. Zu ihren Zielen gehören die Erhaltung und
Entwicklung von Sprache, Kultur und Traditionen
des sorbischen Volkes ebenso wie die Förderung von
Toleranz und Verständigung zwischen dem deutschen
und dem sorbischen Volk. Die Domowina unterhält und
erweitert ihre Beziehungen zu slawischen Völkern, zu
anderen nationalen Minderheiten und Volksgruppen in
Europa.
Der Domowina-Verlag Bautzen – Ludowe nakładnistwo
Domowina – gibt Bücher, Zeitungen und Zeitschriften
in obersorbischer, niedersorbischer und deutscher Sprache heraus. Das WITAJ-Sprachzentrum, eine eigenständige Abteilung der Domowina, im Jahre 2001 gegründet,
entwickelt Aktivitäten, welche die sorbische Sprache erhalten und ihre breite Anwendung fördern helfen. Dazu
gehört, dass sorbische Kinder ihre Muttersprache auf hohem Niveau lernen und sprechen können und die sorbische Sprache in Kindergarten und Schule lebendig und
authentisch vermittelt wird.
Die Stiftung für das sorbische Volk unterstützt als gemeinsames Instrument des Bundes sowie der beiden Länder Brandenburg und Sachsen die Bewahrung, Entwicklung, Förderung und Verbreitung der sorbischen Sprache, Kultur und Traditionen als Ausdruck der Identität
des sorbischen Volkes. Alle zwei Jahr vergibt sie den
Ćišinski-Preis für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der sorbischen Kultur, Kunst und Wissenschaft. Sie
fördert selbst vielfältige kulturelle Aktivitäten wie die
Pflege des sorbischen Volkstanzes und Liedgutes durch
sorbische Chöre bzw. Volkskunstensembles, Ausstellungen bildender Kunst und Lesungen. Mit der Wanderausstellung „Serbja w Němskej – Die Sorben in Deutschland“ informiert die Stiftung über Leben und Geschichte
des sorbischen Volkes.
Das Sorbische Institut – Serbski institut – mit Sitz in
Bautzen und einer Arbeitsstelle in Cottbus erforscht
Sprache, Geschichte und Kultur der Sorben in der Oberund Niederlausitz in Vergangenheit und Gegenwart.
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Sorbisches National-Ensemble Bautzen
Das Sorbische National-Ensemble Bautzen – Serbski ludowy ansambl – pflegt mit den drei professionellen
Sparten Ballett, Chor und Orchester die kulturelle Tradition der Sorben. Tanztheater und musikalische Märchen
für Kinder gehören ebenso dazu wie Chorprogramme und
Konzerte. Dabei verstehen sich die Mitglieder des Ensembles auch als kulturelle Botschafter in einem vereinten Europa. Jährlich bestreitet das Sorbische NationalEnsemble mehr als 200 nationale und internationale
Gastspiele.
Das Sorbische Museum Bautzen – Serbski muzej – gibt
mit seiner Ausstellung im Salzhaus der Ortenburg einen
Überblick über die Geschichte der Sorben von den Anfängen bis zur Gegenwart, über ihre Kultur und Lebensweise, zur Sprach- und Literaturentwicklung sowie zur
sorbischen bildenden Kunst.
Im Sorbischen Künstlerbund, der 1990 gegründet wurde,
sind fast 100 Schriftsteller, Komponisten, Schauspieler,
Tänzer, Musiker und Maler vereint. Das Landesfunkhaus Sachsen des MDR sendet monatlich muttersprachliche Fernsehbeiträge. Darüber hinaus bietet MDR 1 Radio
Sachsen täglich ein sorbisches Hörfunkprogramm, das im
Regionalstudio Bautzen produziert wird.
Obersorbisch wird heute in der Oberlausitz und Niedersorbisch in der Niederlausitz gesprochen. Die Volkskunst
in Lied, Tanz, Poesie und Bildender Kunst leistet neben
der Sprache und dem kirchlichen Leben einen wertvollen
Beitrag zur Wahrung der kulturellen Identität der Sorben. Zur Volkskultur der Sorben gehören auch Bräuche
wie das Osterreiten, der Zapust (ein Fastnachtsbrauch)
oder die Vogelhochzeit.
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„Die Sächsische Staatsregierung geht davon aus, dass die
Zukunft des sorbischen Volkes durch den Willen der Sorben als Minderheit und den Willen der Mehrheitsbevölkerung gemeinsam entschieden wird. Die Angehörigen
des sorbischen Volkes benötigen für den Fortbestand ihrer eigenen Identität im Alltag Verständnis und Hilfe von
der sie umgebenden Mehrheitsbevölkerung. Die staatlichen Rahmenbedingungen in Verbindung mit der Förderung und der zweisprachigen schulischen Bildung gestatten es den Angehörigen des sorbischen Volkes, sich frei
als Sorbe zu bekennen, die sorbische Sprache, die Kultur und Traditionen zu pflegen und dies der heranwachsenden Generation weiterzuvermitteln“, heißt es im dritten Bericht der Sächsischen Staatsregierung zur Lage des
sorbischen Volkes.
Im Frühjahr 2012 hat die Sächsische Staatsregierung einen Plan zur Ermutigung und zur Belebung des
Gebrauchs der sorbischen Sprache beschlossen. Der Erwerb der sorbischen Sprache soll gefördert sowie Kenntnisse über die Sprache und Kultur vermittelt werden.
Dazu gehört, das Wissen über die sorbische Sprache und
Kultur mit Broschüren der Sächsischen Staatsregierung, die in das Sorbische übersetzt werden, oder mit
Ausstellungen und Veranstaltungen zu verbreiten.
Mit dem Ziel „Sorbisch für alle“ soll zum Erlernen
und Anwenden der sorbischen Sprache ermutigt werden. Auch sind Maßnahmen, wie beispielsweise die
Stärkung der Ausbildung von sorbisch sprachigen
Lehrerinnen und Lehrern sowie Erzieherinnen und Erziehern in Zusammenarbeit mit sächsischen Bildungseinrichtungen geplant.
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Herausgeber:
Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst
Wigardstraße 17, 01097 Dresden
www.smwk.sachsen.de
Redaktion:
Pressestelle Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst;
Annette Therese Jäger
Redaktionsschluss:
1.12.2012
Gestaltung und Satz:
Blaurock & Nuglisch, Werbeagentur Dresden
Fotos:
Stephan Floss; außer S. 1 Feliz Vazquez; S. 6, 14, 37, 70 Blaurock & Nuglisch;
S. 8 Landesamt für Archäologie; S. 10 www.schloesserland-sachsen.de; S. 11
Estel/Klut; S. 12, S. 48 Andreas Schmidt; S. 13, S. 20 unten, S. 39 David Brandt;
S. 15 Dirk Brzoska; S. 17, S. 46 unten Gert Mothes; S. 18 oben Dominik Mentzos;
S. 18 unten Bettina Stöß; S. 19 oben, S. 40 Matthias Creutziger; S. 19 unten
Siegfried Duryn; S. 20 oben Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig;
S. 21 Holger Schneider/Internationales Festival für Vokalmusik Leipzig;
S. 22–25 Michael Lange; S. 27 Fritz Arendt; S. 28, 29 Veit Schagow/fotolia.com;
S. 33 David Baltzer; S. 34 Jerome Faria; S. 35 Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad
Muskau“/Astrid Roscher; S. 41, S. 43 Oliver Killig; S. 42 oben Archiv SFV/
Dr. Grunert; S. 42 unten Jürgen Frohse; S. 46 oben Stadtgeschichtliches Museum
Leipzig; S. 49 links Leipziger Messe GmbH; S. 49 rechts JC Carbonne, Aix-enProvence; S. 64 Verein Mühlenregion Nordsachsen e. V.; S. 68 Moritzburg
Festival; S. 72 Kulturhistorisches Museum Görlitz; S. 73 Jens-Michael Bierke;
S. 74 Matthias Hultsch
Druck:
Druckfabrik Dresden GmbH
Auflage:
4.000 Stück
Bezug:
Diese Druckschrift kann kostenfrei bezogen werden bei:
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