Predigt zu 4

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Predigt zu 4
Predigt zum Thema Segen und Segnen
Liebe Gemeinde, an Gottes Segen ist alles gelegen. Selbst Menschen, die nicht an Gott
glauben, sagen: „Alles Gute kommt von oben“! Segen ist grundsätzlich etwas Gutes. Das
hebräische Wort für Segen „Beraka“ hat die Bedeutung „heilschaffende Kraft“. Gott will, dass
Menschen heil werden und es ihnen gut geht! Wenn jemand nach einer Krankheit wieder
laufen, lachen oder arbeiten kann, dann ist das ein Segen…! Das Leben an sich und alles, was
unser Leben lebenswert macht, kann als Segen bezeichnet werden: Lebensfreude,
Lebenskraft, Glück, Zufriedenheit, Liebe, Heilung, Gesundheit oder auch Wohlstand (vgl. Ex
23,25-27; Dtn 15,4-6). Nun gibt es im Laufe des Lebens gewissermaßen „Tor-Situationen“.
Dabei ist nicht an die Fußball-EM zu denken, sondern an ein Stadttor oder auch das Tor zum
Vorhof des Tempels. Durch ein Tor zu gehen, kann eine Zäsur bedeuten. Auf der Schwelle zu
einem neuen Lebensabschnitt halte ich inne, schaue zurück und gehe nach vorn. Die Geburt
eines Kindes stellt solch eine Zäsur dar. Es gibt noch viele andere denkbare Tor-Situationen:
Eine Hochzeit, die Taufe, der Schulabschluss, die Ausbildung, die neue Arbeitsstelle, der
Eintritt ins Rentenalter, ein Umzug, eine Krankheit und nicht zuletzt der Tod. Immer wenn
etwas geschieht, was unser Leben nachhaltig beeinflusst und Veränderungen mit sich bringt,
sehnen wir uns nach ein bisschen Sicherheit, eben nach Segen. In manchen Häusern hängt
ein Segensspruch über der Haustür. Damit verbunden ist der Gedanke, dass sowohl der
Eingang in das Haus als auch der Ausgang aus dem Haus unter dem Segen Gottes stehen soll
(Ps 121,8). Wir können beispielsweise unsere Kinder segnen, wenn sie das Haus verlassen
und sich auf den Schulweg machen…! Ich möchte dazu einladen, diese Tor-Situationen ganz
bewusst zu durchleben und eben auch einander zu segnen. Das geschieht ja auch am Ende
eines jeden Gottesdienstes. Wenn wir aus dem Gottesdienst heraus in eine neue Woche
gehen, handelt es sich dabei ebenfalls um eine Tor-Situation. In diese Situation hinein
spreche ich gerne den aaronitischen oder priesterlichen Segen, wie er im 4. Buch Mose 6,2427 überliefert worden ist: Da sprach der Herr zu Mose: „Sag Aaron und seinen Söhnen
Folgendes: Segnet die Israeliten mit diesem Segen: Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein
Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“
Was bewirken diese Segensworte, die über Jahrtausende tradiert wurden und bis heute
lebendig geblieben sind, sowohl im christlichen als auch im jüdischen Gottesdienst? Zweimal
ist von Gottes Angesicht die Rede – vom leuchtenden und vom erhobenen Angesicht. Sein
Angesicht erheben bedeutet, jemanden freundlich zugewandt sein – mit leuchtenden Augen.
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Wenn ein Vater oder eine Mutter ihr Kind liebevoll anschauen, weiß es sich geliebt. Auf diese
Weise entwickelt sich Urvertrauen und eben auch ein gesundes Selbstwertgefühl. Wer diese
Erfahrung nicht gemacht hat, wird es im Leben ungleich schwerer haben. Wenn zwei
Menschen sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersitzen und sich tief in die Augen
schauen, entsteht Beziehung. Genau genommen ist Segen ein Beziehungsbegriff. Wir
beziehen die heilsame Kraft göttlichen Segens aus der Beziehung zu unserem Schöpfer, wenn
da dieses Urvertrauen ist, dass Gott mir Gutes und Barmherzigkeit folgen lässt mein Leben
lang! Doch was ist, wenn nicht alles gut wird? Könnte es sein, dass Gott sein Angesicht von
uns abwendet? Diese Sorge schwingt zumindest im Alten Testament immer mit. Das war ja
das Problem der Israeliten, die den aaronitischen Segen bei jeder gottesdienstlichen Feier im
Tempel zugesprochen bekamen. Unzählige Tiere wurden geopfert, um Gott gnädig zu
stimmen. Im 4. Buch Mose werden all diese Opfervorschriften genauestens ausgeführt. Man
wundert sich, was da so alles auf den Opferaltar kam: Nicht nur junge Lämmer, sondern auch
Kuchen, ungesäuerte Brote, ja sogar das Haar, das sich der Priester selbst scheren sollte…!
Das mag für die Menschen zu ihrer Zeit einen symbolischen Gehalt und Sinn gehabt haben.
Doch ich glaube, Segen können wir erst in dem Moment empfangen, wenn wir endlich damit
aufhören, Gott gnädig stimmen zu wollen. Dahinter steht ja nichts anderes als die Angst, dass
Gott sein Angesicht doch abwenden könnte. Das aber brauchen wir nicht zu befürchten,
wenn wir nur Jesus Christus vor Augen haben. In Angesicht des leidenden Christus können
wir sehen, wie gnädig Gott ist und dass es keinen Sinn macht, das Opfer, das Jesus Christus
für uns gebracht hat, in irgendeiner Form überbieten zu wollen. Selbst wenn wir uns von Gott
abwenden und anderen Dingen zuwenden, wird das nichts daran ändern, dass uns das
leuchtende Angesicht Gottes zugewandt bleibt. So gesehen können wir uns nur selbst den
Segen nehmen. Wie gesagt, es geht um Beziehung.
Segen empfangen wir, indem uns aus der Beziehung zu Gott heilschaffende Kraft zuströmt.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass Gott alle unsere Wünsche erfüllt. Es kann auch sein, dass
nicht alles gut wird. Trotzdem oder gerade deshalb wende ich mich Gott zu und vertraue
darauf, dass mir Gutes und Barmherzig folgen werden mein Leben lang. Natürlich spielt sich
das Leben nicht nur auf grünen Auen ab…! Das finstere Tal gehört auch zum Leben. In Psalm
23 ist außerdem von Feinden die Rede. Da sind Menschen, die einem angst machen. Doch im
Angesicht dieser Feinde deckt Gott mir den Tisch. Es kommt darauf an, worauf ich meine
Gedanken lenke – auf den gedeckten Tisch oder auf die Feinde, also auf das, was mir angst
macht. Wenn ich mich bewusst meinem Gott zuwende, wird er mein Haupt mit Öl salben,
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heißt es auch. Die Salbung mit Öl ist eine Segenshandlung, durch die man sogar körperlich
und sinnlich die gnädige Zuwendung Gottes wohltuend erlebt. Segen hat demnach auch
etwas mit Wellness zu tun. Eine Massage mit wohlriechenden Ölen kann ein Segen sein. Im
Alten Testament gibt es viele Beispiele dafür, dass Öle und Salben für die Körper- und
Schönheitspflege verwendet wurden (Ex 30,32; Dtn 28,40; Hes 16,9; Hohelied 1,3; 40,10; Mt
6,17; Lk 7,46). Was zu heutiger Zeit im Wellness-Bereich geschieht, spiegelt im Grunde etwas
von den religiösen Bedürfnissen der Menschen unser Zeit wider. Was Sinnlichkeit betrifft, ist
uns als Bibelbewegung da leider etwas verloren gegangen. Sicher, der entscheidende
biblische Gedanke ist der, dass Christus der Gesalbte ist. „Christus“ leitet sich von dem Verb
„“ (chrio) ab, was einmassieren, einbalsamieren oder eben salben bedeutet.
Ursprünglich wurden Könige bei der Inthronisation mit Öl gesalbt. Verbunden mit der
Salbung wurde dem König göttliche Macht und Kraft übertragen. Der Gesalbte stand also in
einem unmittelbaren Kontakt zu Gott und galt als unantastbar. Dass dieses Denken nicht
ganz unproblematisch war, hat sich in der Geschichte gezeigt, weil viele Könige ihre Macht im
Namen Gottes missbraucht haben. Nach dem Niedergang des Königtums in Israel wurden
vermehrt Priester (Ex 29,7; 40,15) und auch Propheten gesalbt (vgl. Jes 11,2; Hes 16,9).
Christus ist schließlich König, Priester und Prophet in einer Person. Er ist der Gesalbte
schlechthin. Da Jesus in der Taufe den Heiligen Geist empfing, wurden übrigens zu
frühchristlicher Zeit vermutlich alle, die sich zu Jesus Christus bekannten und in seinem
Namen getauft wurden, anschließend auch mit Öl gesalbt. Denn die Salbung mit Öl
versinnbildlicht die Salbung mit dem Heiligen Geist. Warum praktizieren wir das eigentlich
heute nicht mehr? Zumindest bei dem Gebet um Heilung verwenden wir nach Jakobus 5 in
manchen Fällen noch Salböl. Die Ältesten haben so ein schönes Fläschchen mit Öl aus
Jerusalem. Ich habe hier den Duft „Lily of the valley“ (Die Lilie aus dem Tal). Ich mag diesen
Duft sehr gern…! Sicherlich darf man von einer Salbung nichts Magisches erwarten. Es geht
vielmehr auch bei der Salbung darum, den Beziehungscharakter des Segens, der von Gott
ausgeht, zu verstärken. Darum schaue ich jemand freundlich an, wenn ich ihn segne. Ich
zeichne gerne ein Kreuz in die Handflächen desjenigen, der um den besonderen Segen Gottes
bittet. (Demo) Neben der Salbung mit Öl stellt auch die Handauflegung eine Beziehung her
zwischen der Person, die segnet, dem Menschen, der gesegnet wird und Gott, von dem allein
der Segen ausgeht. Die Berührung soll die Nähe, die Zuwendung und den Schutz Gottes
spürbar werden lassen. Die Handauflegung und auch die Salbung bekräftigen also nur
Segensworte.
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Interessant in dem Zusammenhang ist noch, dass das griechische Wort im Neuen Testament
für „segnen“ () „gut reden“ bedeutet. Gott spricht uns zu, dass er uns gnädig ist,
dass er es gut meint und uns seinen Schalom schenken möchte. Schalom beinhaltet dabei
alles, was man sich nur wünschen kann. Glück, Heil, Frieden – Zufriedenheit im besten Sinne.
Wer das erlebt, wird Gott loben und preisen. Segnen im Sinne von gut-reden hat
interessanterweise eine Wechselwirkung. Wenn Gott mir Gutes zuspricht, möchte ich ihm
sagen, wie gut mir das tut. Dann kann „segnen“ auch „loben“ und „preisen“ bedeuten. Dann
lobe und preise ich meinen Gott und natürlich rede ich gut von dem, was er mir Gutes getan
hat. Und weil ich mich gesegnet fühle, möchte ich für andere zum Segen sein. Das beginnt
damit, dass sich auf meinem Angesicht etwas von dem spiegelt, was ich auf dem Angesicht
Gottes sehe. Das können kleine Gesten sein…! Das müssen keine großen Worte sein…! Es ist
biblisch gut begründet, Menschen in verschiedenen Situationen zu segnen. Wir dürfen uns
als gläubige Christen tatsächlich als auserwählte Priesterschaft (vgl. 1.Pt 2,9) verstehen.
Christus hat uns zu Königen und Priestern gemacht (Offb 1,6). Wir reden gerne vom
allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. Jeder von uns ist also gefragt, den priesterlichen
Dienst des Segnens auszuüben. Achtet auf die Tor-Situationen! In solchen Situationen dürfen
wir damit rechnen, dass Gott uns seine heilschaffende Kraft zufließen lässt und wir seinen
Schalom empfangen. Ich wünsche mir, dass wir Menschen mit Gott in Beziehung bringen –
und das gelingt am besten, wenn wir uns anderen freundlich zuwenden, Tor-Situationen
erkennen, Menschen Gutes tun und sie segnen.
AMEN
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