1. Neue Gedanken zu alten Märchen Der alte Wolf Der Wolf und die

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1. Neue Gedanken zu alten Märchen Der alte Wolf Der Wolf und die
SPRECHEN, SCHREIBEN UND VERSTEHEN
Von Märchen und Fabeln
1. Neue Gedanken zu alten Märchen
1.1 „Rotkäppchen“
Rolf Krenzer
Der Wolf und die
sieben Geißlein
Rotkäppchen sah des Wolfs Gebiss
und stammelte: „Gewiss, gewiss.“
Worauf der Wolf, vieltausendmal
die Oma grüßend, sich empfahl.
Mutter geht.
Wolf steht
auf der Lauer,
ziemlich sauer.
Geißlein sagen: „Nein,
wir lassen dich nicht rein.
Die Mutter hat’s verboten!“
Wolf mit weißen Pfoten
spricht ganz gemein:
„Bin’s Mütterlein!“
So öffnen ihm die Geißenjungen
und werden sogleich
vom Wolf verschlungen.
Großes Geschrei.
Alles vorbei.
Moral:
Ein Wolf bleibt ein Wolf,
denke daran,
hat er auch weiße Handschuhe an.
Quelle: Wolfgang Mieder (Hg.), GRIMMS
MÄRCHEN – MODERN, PROSA, GEDICHTE,
KARIKATUREN, ARBEITSTEXTE FÜR DEN
UNTERRICHT, Reclam, Ditzingen 1986
Quelle: Wolfgang Mieder (Hg.), GRIMMS
MÄRCHEN – MODERN, PROSA, GEDICHTE,
KARIKATUREN, ARBEITSTEXTE FÜR DEN
UNTERRICHT, Reclam, Ditzingen 1986
Rudolf Otto Wiemer
Der alte Wolf
Der Wolf, jetzt altersfromm und brav,
als er Rotkäppchen nochmals traf,
sprach: „Unerhört, mein liebes Kind,
was Fabeln da im Umlauf sind!
Als gäbe es, so geht die Märe,
gar eine dunkle Mordaffäre!
Schuld sind allein die Brüder Grimm.
Gesteh! War es nicht halb so schlimm?“
WORTERKLÄRUNG:
Märe / Mär: Sage, Nachricht; es
geht die Mär um = man erzählt
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Versuche in eigenen Worten den Inhalt
der beiden Gedichte wiederzugeben!
Wie wird der Wolf dargestellt, was
wird über ihn gesagt?
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Wer sind die Brüder Grimm, denen der
Wolf im ersten Gedicht die Schuld an
den bösen Gerüchten gibt?
Schlage im Lexikon oder im Internet
nach und schreibe einen Satz über die
Brüder Grimm auf:
http://gutenberg.spiegel.de//autoren/
grimm.htm
Die Brüder Grimm
Die Märchen der Brüder Grimm nennt man Volksmärchen, weil sie
im Volk entstanden sind. Das heißt, sie wurden an langen
Winterabenden erzählt und von Generation zu Generation weitergegeben,
bis sie im 19. Jahrhundert von den Brüdern Grimm aufgezeichnet wurden.
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Erinnerst du dich noch an die Merkmale eines Märchens?
Kreuze die richtigen Aussagen an:
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
❑
Märchen enthalten manchmal altertümliche Wörter.
Zeit und Ort sind genau angegeben.
Märchen haben lange, schwierige Sätze.
Märchen enthalten oft Wörter, die auf -chen oder -lein enden.
Die handelnden Personen heißen zB Amalia von Schreckenstein.
Märchen haben keine genauen Zeit- und Ortsangaben.
Die Personen haben keine Namen, sondern werden nur König,
Müllerstochter, Prinzessin oder Gänsehirt genannt.
Die Menschen haben typische Eigenschaften: gut oder böse, arm oder reich.
Das Gute wird belohnt und das Böse bestraft.
Märchen gehen meist schlecht aus.
Es gibt wunderbare Ereignisse.
Sprechende Tiere kommen nie vor.
Die Menschen werden genau beschrieben.
Am Anfang und am Ende eines Märchens stehen bestimmte Wendungen.
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SPRECHEN, SCHREIBEN UND VERSTEHEN
Von Märchen und Fabeln
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An den beiden Gedichten über den Wolf siehst du, dass man Märchen bearbeiten kann. Man verwendet ein altes Motiv und verändert es, man formt es um,
findet einen anderen Schluss, schreibt die Geschichte weiter oder versetzt sie in
die Gegenwart.
… und der Prinz öffnete die Türe
zu einer kleinen Stube, in welcher
Dornröschen schlief. Da lag es
und war so schön, dass er die
Augen nicht abwenden konnte,
und er bückte sich und gab ihr
einen Kuss. Da schlug
Dornröschen die Augen auf, erwachte und sah ihn ganz freundlich an. Sie gingen zusammen herab und der König, die Königin
und der ganze Hofstaat erwachten
und sahen einander mit großen
Augen an. Und die Pferde im Hof
standen und rüttelten sich, die
Jagdhunde sprangen und wedelten, die Tauben auf dem Dache
zogen die Köpfchen unter den
Flügeln hervor, sahen umher und
flogen ins Feld; das Feuer in der
Küche erhob sich, flackerte und
kochte das Essen, der Braten fing
an zu brutzeln und der Koch gab
dem Küchenjungen …
Aber was war mit dem Küchenjungen los? Der schlief und schlief
und war nicht wach zu kriegen!
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Erzähle das Märchen weiter! Warum ist der Küchenjunge nicht aufgewacht?
Wer hilft ihm? Bedenke, dass Dornröschen ein warmherziges und freundliches
Mädchen ist, dem das Schicksal seiner Untergebenen nicht gleichgültig ist. –
Und was wohl der Prinz zu dieser Situation sagt?
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Im Märchenland treffen einander berühmte Märchenfiguren. Welche fallen dir ein?
Erfinde eine Geschichte und lass sie miteinander sprechen:
Vielleicht treffen sich
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●
die böse Stiefmutter und der Wolf – die beiden unterhalten sich über ihre
bösen Taten. Vielleicht verteidigen sie sich auch?
●
Rotkäppchen und die Geiß –
die beiden unterhalten sich
vielleicht über ihre
Erfahrungen mit dem Wolf.
Was halten sie von ihm?
●
Schneewittchen und
Aschenputtel –
die beiden unterhalten
sich vielleicht über ihre
bösen Stiefmütter.
1.2 Wenn uns Märchen zum Nachdenken bringen
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Märchen haben meist ein glückliches Ende. Was bedeutet das für die Menschen?
Lies die folgenden Textstellen – du erkennst in ihnen, was die meisten Menschen
gerne hätten:
„Ach Gott, wo bin ich?“, rief das
Mädchen. Der Königssohn sagte voll
Freude: „Du bist bei mir“, und erzählte,
was sich zugetragen hatte, und sprach:
„Ich habe dich lieber als alles auf der Welt:
komm mit mir in meines Vaters Schloss, du
sollst meine Gemahlin werden.“ Da ward
ihm Schneewittchen gut und ging mit ihm
und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht
und Herrlichkeit angeordnet.
„Aber wo sind meine Schwestern?“, fragte
das Mädchen.
„Die habe ich in den Keller gesperrt und
morgen sollen sie in den Wald geführt
werden und sollen bei einem Köhler so
lange als Mägde dienen, bis sie sich
gebessert haben und auch die armen
Tiere nicht hungern lassen.“
Und wie es so stand und gar nichts mehr
hatte, fielen auf einmal die Sterne vom
Himmel und waren lauter harte, blanke
Taler, und obgleich es sein Hemdlein
weggegeben, so hatte es ein neues an
und das war vom allerfeinsten Leinen.
Da sammelte es sich die Taler hinein
und war reich für sein Lebtag.
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Und was hättest du gerne? Stell dir vor, deine Wünsche und Träume würden in
Erfüllung gehen. Sprich mit deinen Mitschülerinnen und Mitschülern darüber!
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Schreibe drei Wünsche auf! Welcher steht an erster, zweiter und dritter Stelle?
1. Stelle
2. Stelle
3. Stelle
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Von Märchen und Fabeln
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Die Menschen, die Märchen anhörten, waren oft sehr arm. Sie träumten wohl
davon, dass sich auch in ihrem Leben so wunderbare Dinge ereigneten, wie sie
in den Märchen vorkamen.
Die folgende Geschichte will uns etwas ganz anderes sagen:
Gina Ruck-Pauquèt
Eine glückliche Nacht
E
inmal, in einer Nacht voller Blütenduft
und Sternengeflimmer, ging der kleine
Nachtwächter mit seiner Laterne am
Rande der Wiesen entlang. Da sah er
plötzlich, genau vor seinem rechten Fuß,
ein vierblättriges Kleeblatt.
„Oh“, sagte der kleine Nachtwächter erfreut. Er bückte sich und pflückte es ab.
Weil ein vierblättriges Kleeblatt Glück
bringt, beschloss er, die Leute zu wecken.
Denn das Glück ist schöner, wenn man es
mit anderen teilt.
„Steht auf!“, rief er. „Ich habe ein vierblättriges Kleeblatt gefunden!“
Da kamen die Leute zu ihm heraus: die
Blumenfrau, der Dichter, der Drehorgelmann, das Luftballonmädchen und der
Bauer. Sie setzten sich vor ihre Häuser und
hielten Ausschau nach dem Glück. Ob es
von links kommen würde, von rechts oder
gar von oben? Sie ließen die Blicke wandern
und lauschten in die Nacht. Am Waldrand
spielten die Rehe und die Fuchsmutter balgte
sich mit ihren Kindern herum. Ganz in der
Nähe geigte eine Grille und der sanfte
Nachtwind pflückte Blütenflocken von den
Bäumen und ließ sie über die Dächer rieseln.
Da spazierten fünfzehn Mäuschen die
Dorfstraße entlang. Immer eines ein bisschen kleiner als das andere.
Der Mond spiegelte sich im Dorfteich. Das
sah so hübsch aus, dass die Frösche einen
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Kreis um ihn bildeten und ihm ein
Froschlied sangen.
Das Bächlein murmelte. In der uralten
Kastanie saßen die Eulen und träumten
mit leuchtenden Augen in die Nacht.
Die Leute waren ganz still. Sie schauten den
Hasen zu, die auf der Wiese Männchen machten, und hörten die Glockenblumen läuten.
„Wann kommt endlich das Glück?“, fragte
da plötzlich das Luftballonmädchen.
„Pst!“, antwortete der kleine Nachtwächter
und legte den Finger an den Mund. „Es ist
längst da. Die ganze Nacht ist angefüllt mit
Glück. Spürt ihr es nicht?“
Da horchten die Leute in sich hinein und
sie fanden das Glück. Sie sahen es ringsumher. In den Tautropfen, in denen sich die
Sterne spiegelten, im Tanz der Fledermäuse
und im Wolkenspiel.
Die ganze Nacht saßen sie so. Gegen
Morgen, als das vierblättrige Kleeblatt
verwelkte, schliefen sie ein: der Dichter, die
Blumenfrau, der Bauer, der Drehorgelmann, das Luftballonmädchen und zuletzt
der kleine Nachtwächter.
Quelle: Gina Ruck-Pauquèt, WENN DER MOND
AUF DEM DACH SITZT, Paulus, Recklinghausen
1968
Überlege: Was erwarten die Menschen von einem vierblättrigen Kleeblatt?
Was bedeutet Glück für dich?
Was wäre für viele Menschen auf dieser Erde Glück? Denke zB an Kinder in
deinem Alter, die in Entwicklungsländern leben!
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Schreibe eine Geschichte über einen Augenblick, in dem du richtig glücklich
warst!
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In Joanne K. Rowlings erstem Harry-Potter-Roman kommt ein Spiegel vor, der
dem, der hineinsieht, seine Wünsche zeigt.
Stell dir vor, du stehst vor diesem Spiegel. Was würdest du sehen?
Schreibe eine Geschichte: Was ich im Zauberspiegel sah.
Beginne mit: „Als ich heute …“
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Schreibe ein Märchen von jemandem, dem der Zauberspiegel seine Wünsche zeigt!
Beginne mit: „Es war einmal …“
Märchen, die jemand geschrieben hat, dessen Name bekannt ist,
nennt man Kunstmärchen.
Sie enthalten wie die Volksmärchen wunderbare Elemente. Sprache und
Inhalt sind aber oft sehr anspruchsvoll. Sie haben manchmal ein trauriges
Ende.
Kunstmärchen sind zB die Märchen von Hans Christian Andersen, Wilhelm
Hauff oder auch die von Astrid Lindgren.
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Was weißt du über Hans Christian Andersen, Wilhelm Hauff und Astrid Lindgren?
Kennst du einige ihrer Märchen?
Schlag nach in einem Lexikon! Vielleicht kannst du auch im Internet suchen:
Gib die drei Namen in die Suchmaschine www.blinde-kuh.de ein oder schau auf
der Seite http://gutenberg.spiegel.de/autoren/andersen.htm nach!
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Mach dir zu den drei Personen im Übungsheft Notizen!
Schreibe unter den Bildern jeweils das Geburts- und Sterbejahr auf:
Astrid Lindgren
Hans Christian Andersen
Wilhelm Hauff
/
/
/
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Von Märchen und Fabeln
2. Fabeln: Wenn Tiere sprechen
Äsop
Rabe und Fuchs
Ein Rabe hatte Käse gestohlen, flog damit
auf einen Baum und wollte dort seine Beute
in Ruhe verzehren. Da es aber der Raben
Art ist, beim Essen nicht schweigen zu
können, hörte ein vorbeikommender Fuchs
den Raben über dem Käse krächzen. Er lief
hinzu und begann den Raben zu loben:
„O Rabe, was bist du für ein wunderbarer
Vogel! Wenn dein Gesang ebenso schön ist
wie dein Gefieder, dann sollte man dich
zum König aller Vögel krönen!“
Dem Raben taten diese Schmeicheleien so
wohl, dass er seinen Schnabel weit auf-
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sperrte, um dem Fuchs etwas vorzusingen.
Dabei entfiel ihm der Käse. Den nahm der
Fuchs behänd, fraß ihn und lachte über
den törichten Raben.
Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/
aesop.htm (Stand: 1.10.2012)
Was erfährst du in verschiedenen Lexika oder im Internet über den Dichter
Äsop? Informationen findest du auch unter http://gutenberg.spiegel.de/autoren/
aesop.htm. Mach dir hier ein paar Notizen:
Fabeln haben einen bestimmten inhaltlichen Aufbau:
1. Die Ausgangssituation stellt die Tiere kurz vor und lenkt auf die
Konfliktlage hin.
2. Die Konfliktsituation ergibt sich aus der Gegenüberstellung zweier
gegensätzlicher Tiere. Eines ist das unterlegene. In Rede und Gegenrede,
Handlung und Gegenhandlung läuft ein Geschehen ab, das sich auf
einen Höhepunkt zuspitzt und in einer überraschenden Pointe endet.
3. Am Ende der Fabel wird das Ergebnis berichtet.
4. Einigen Fabeln wird ein Lehrsatz (Lehre) hinzugefügt.
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2
Ergänze die richtigen Textstellen, die im Kästchen stehen! Sie sind jedoch nicht
in der richtigen Reihenfolge angeordnet:
LÖ
Schnabel – vorsingen – Fuchs – verliert – Schmeichler – Käse – frisst – schmeichelt
Rabe – schwarzes – hereingelegt – geschmeichelt – krächzt – List – Baum – Käse
Ausgangssituation:
Ein ___________ sitzt mit einem Stück ___________ auf einem ____________.
Ein _____________ kommt vorbei und bemerkt den Raben. Er möchte das Stück
___________ haben. Mit Gewalt lässt sich jedoch nichts erreichen.
Handlung:
Also versucht es der Fuchs mit einer _________. Der Rabe hat im Gegensatz zu den
bunten Singvögeln ein _________________ Gefieder. Wenn jemand heiser ist und
nicht singen kann, sagen wir: Er ______________ wie ein Rabe. Der Fuchs sagt
aber das Gegenteil und ______________________ dem Raben.
Gegenhandlung:
Der eitle Rabe fühlt sich ____________________ und will dem Fuchs etwas
____________________. Der törichte Rabe denkt aber nicht daran, dass er den
Käse _________________, wenn er den _______________ öffnet.
Ergebnis:
Der Fuchs hat sein Ziel mit List erreicht und ________________ den Käse. Jetzt erst
merkt der Rabe, dass ihn der Fuchs ______________________ hat.
Lehre:
Traue keinem __________________, denn er will nur einen Vorteil für sich.
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Von Märchen und Fabeln
Äsop
Die Krähe und andere
Vögel
E
ine eitle Krähe wollte schöner sein, als
sie wirklich war, und zierte sich mit allerlei
bunten Federn von anderen Vögeln, hauptsächlich von Pfauen.
Allein um die Eitelkeit zu bestrafen und ihr
Eigentumsrecht auszuüben, fielen diese
über sie her und entrissen ihr nicht nur die
geraubten Federn, sondern auch einen Teil
ihrer eigenen.
Armseliger als vorher stand sie nun wieder
da und hatte den Spott der ihrigen.
Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/
aesop.htm (Stand: 1.10.2012)
Äsop
Der Fuchs und die
Trauben
Eine Maus und ein Spatz saßen an einem
Herbstabend unter einem Weinstock und
plauderten miteinander. Auf einmal zirpte der
Spatz seiner Freundin zu: „Versteck dich, der
Fuchs kommt“, und flog rasch hinauf ins Laub.
Der Fuchs schlich sich an den Weinstock
heran, seine Blicke hingen sehnsüchtig an den
dicken, blauen, überreifen Trauben.
Vorsichtig spähte er nach allen Seiten. Dann
stützte er sich mit seinen Vorderpfoten gegen
den Stamm, reckte kräftig seinen Körper
empor und wollte mit der Schnauze ein paar
Trauben erwischen. Aber sie hingen zu hoch.
Etwas verärgert versuchte er sein Glück noch
einmal. Diesmal tat er einen gewaltigen Satz,
doch er schnappte wieder nur ins Leere. Ein
drittes Mal bemühte er sich und sprang aus
Leibeskräften. Voller Gier haschte er nach
den üppigen Trauben und streckte sich so
lange, bis er auf den Rücken kollerte.
Nicht ein Blatt hatte sich bewegt. Der Spatz,
der schweigend zugesehen hatte, konnte
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sich nicht länger beherrschen und zwitscherte belustigt: „Herr Fuchs, Ihr wollt zu
hoch hinaus!“ Die Maus äugte aus ihrem
Versteck und piepste vorwitzig: „Gib dir
keine Mühe, die Trauben bekommst du
nie!“ Und wie ein Pfeil schoss sie in ihr
Loch zurück.
Der Fuchs biss die Zähne zusammen, rümpfte
die Nase und meinte hochmütig: „Sie sind
mir noch nicht reif genug, ich mag keine
sauren Trauben.“ Mit erhobenem Haupt
stolzierte er in den Wald zurück.
Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/autoren/
aesop.htm (Stand: 1.10.2012)
Welche Lehren will Äsop mit den beiden Fabeln zum Ausdruck bringen?
Kennzeichen der Fabel
4
5
6
Welche Tiere treten in Fabeln häufig auf? Ergänze die fehlenden Buchstaben:
Lö __ __
F __ __ __ s
B __ r
Ra __ e
Es __ l
M __ __ s
Wo __ f
Hu __ d
Ha __ e
Pf __ u
G __ __ s
Ad __ __ r
Bestimmte Tiere
haben auch eigene
Fabelnamen.
Ordne die nebenstehenden Tiere
den richtigen
Fabelnamen zu!
Verbinde sie
durch Linien:
Storch
Reineke
Wolf
Adelheid
Gans
Petz
Bär
Adebar
Hase
Isegrim
Fuchs
Lampe
Die Verhaltensweisen der Fabeltiere entsprechen menschlichen Eigenschaften.
Sie stehen stellvertretend für einen bestimmten Menschentyp.
Setze wieder die fehlenden Buchstaben ein:
So erscheint der Fuchs in der Fabel als hinterl __ __ __ __ g und schl __ __ ,
der Esel als d __ __ m oder st __ r, der Löwe als st __ __ k und mäch __ __ __ ,
der Pfau als st __ __ z oder ei __ __ l, die Krähe als eingebil __ __ __ , die Maus
als schw __ __ h und der Wolf als bösar __ __ __ .
In der Fabel sprechen und handeln die Tiere wie Menschen.
Meistens stehen sich zwei gegensätzliche Tiere gegenüber: Fuchs und Hahn,
Krähe und Pfau, Löwe und Maus, Wolf und Kranich ...
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Von Märchen und Fabeln
Versfabeln
Wilhelm Busch
Die Teilung
Es hat einmal, so wird gesagt,
Der Löwe mit dem Wolf gejagt.
Da haben sie vereint erlegt
Ein Wildschwein, stark und gut gepflegt.
Doch als es ans Verteilen ging,
Dünkt das dem Wolf ein misslich Ding.
Der Löwe sprach: „Was grübelst du?
Glaubst du, es geht nicht redlich zu?
Dort kommt der Fuchs, er mag entscheiden,
Was jedem zukommt von uns beiden.“
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Wer war Wilhelm Busch?
8
Welche Lehre können wir aus
dieser Fabel ziehen?
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Lest den Text mit verteilten Rollen!
Eine Sprecherin oder ein Sprecher
übernimmt die erzählenden Teile.
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Spielt den Inhalt der Versfabel im
Rollenspiel!
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Schreibe das Gedicht in einen
erzählenden Text um und baue,
wo dies passend ist, Redeteile ein!
Vergiss nicht auf die Anführungszeichen!
WORTERKLÄRUNG:
Finte: List, Trick
mit Fug und Recht:
mit vollem Recht
3
Großvezier: hoher
orientalischer
Beamter (Großwesir)
„Gut“, sagt der Wolf, dem solch ein Freund
Als Richter gar nicht übel scheint.
Der Löwe winkt dem Fuchs sogleich:
„Herr Doktor, da ist was für Euch.
Hier dieses jüngst erlegte Schwein,
Bedenkt es wohl, ist mein und sein.
Ich fasst’ es vorn, er griff es hinten,
Jetzt teilt es uns, doch ohne Finten1.“
Der Fuchs war ein Jurist von Fach.
„Sehr einfach“, spricht er, „liegt die Sach.
Das Vorderteil, ob viel ob wenig,
Erhält mit Fug und Recht2 der König.
Dir aber, Vetter Isegrim,
Gebührt das Hinterteil. Da nimm!“
Bei diesem Wort trennt er genau
Das Schwänzlein hinten von der Sau.
Indes der Wolf verschmäht die Beute,
Verneigt sich kurz und geht beiseite.
„Fuchs“, sprach der Löwe,
„bleibt bei mir.
Von heut ab seid Ihr Großvezier3.“
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Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/wbusch/
gedichte/teilung.htm (Stand: 1.10.2012)
Gereimtes von Wilhelm Hey
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Lest die beiden Texte mit verteilten Rollen! Achtet auf Betonung, Mimik und
Gestik der Tiere und des Erzählers:
Fuchs und Gans
Fuchs: Frau Gans, das Wetter ist so schön,
wir können zusammen spazieren geh’n.
Gans: Herr Fuchs, ich bleibe doch lieber zuhaus’,
erst sah es mir auch ganz heiter aus,
doch seit du da stehest vor dem Tor,
da kommt mir’s wie böses Wetter vor.
Erzähler: Nicht draußen war böses Wetter eben,
nicht Sturm und Regen hat’s gegeben.
Der Gans war es nicht wohl zumut’,
sie kannte den Herrn Fuchs recht gut.
Hätte der sie einmal mitgenommen,
sie wäre wohl niemals wiedergekommen.
Fuchs und Hahn
Aus: Walter Heichen (Hg.), DAS GROSSE FABELBUCH, Weichert,
Berlin o. J.
Fuchs: Wer rät mir ein Rätsel? Wer ist so klug?
Hahn: Komm, sag mir’s, ich habe Verstand genug.
Fuchs: Einen Kopf hat er voll Hinterlist,
eine Schnauze, die gern was Gutes frisst,
jetzt kommt er gesprungen und packet dich.
Hahn: O weh, ich Armer, jetzt frisst er mich.
ERZÄHLER: Der arme Hahn, er sollte sich wahren,
das Gar-zu-gescheit-Sein bringt Gefahren.
Er kannte den Fuchs, er hätte nicht sollen
ihm sein Rätsel raten wollen.
Nun hat’s ihn gereut zu tausend Malen,
nun muss er’s mit seiner Haut bezahlen.
Aus: Walter Heichen (Hg.), DAS GROSSE FABELBUCH, Weichert,
Berlin o. J.
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Wähle eines der beiden Gedichte! Trage es gemeinsam mit deiner Sitznachbarin oder mit deinem Sitznachbarn vor!
Stell dir vor, du wärst auf einer Bühne und die Zuschauerinnen und Zuschauer
erwarten von dir das Beste.
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