Landleben in Eime

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Landleben in Eime
Leben in Eime
Das dörfliche Sozialgefüge von 1850 bis 1950
Von Heiner Mensing
In den Jahren 2007 bis 2011 hat Heiner Mensing mit zahlreichen Bewohnern des Ortes Eime
Gespräche führen dürfen, die ihm das Gefühl
gaben, dass sich mit dem Abschluss der 1950er
Jahre im Dorf neue Sozialstrukturen entwickelten. Der Individualisierungsprozess begann seinen Siegeszug. Die Realität des dörflichen Alltags
zwischen 1850 und 1950 hatte wenig mit der
in Kinderliedern kolportierten Vorstellung vom
ländlichen Arbeitsidyll gemeinsam. Ohne die
Gesprächsbereitschaft zahlreicher Zeitzeugen und
der Ansicht von umfangreichen Fotos aus der Vergangenheit hätte diese Arbeit nicht erfolgen können. Entstanden ist so ein umfangreicher Aufsatz
über die dörfliche Lebenswelt des Flecken Eime
vor dem Hintergrund der wechselnden Zeitläufe
der Jahre 1850 bis 1950. Wir drucken hier neben
der Einleitung auch Teile des Kapitels „Von der
Tradition zum Ritual“ in Auswahl ab.
Heiner Mensing,
Jahrgang 1956, geboren und aufgewachsen
in Eime, wohnhaft
in Burgstemmen.
Studium an den Universitäten Göttingen
und Kiel, Dipl.-Ing.
und Dipl.-Ing. agr.
Bis in die Gegenwart
im Dorfleben Eime
integriert.
Gemeinsam mit
dem Nachbarn
verbrachte man
im Jahr 1926 den
sonntäglichen
Nachmittag auf
der Bank vor dem
Haus ➤
Die Ortschaft Eime hat in den letzten 150
Jahren Daseinsformen durchlaufen, die aufgrund ihrer Einschnitte in den Dorfalltag
einem Quantensprung gleichkommend jetzt
gewaltige Veränderungen bewirkten. Mit Vollzug der Agrarreformen im Jahr 1860 setzte im
Dorf eine stille Revolution der Veränderung
ein. Die vormalige vermeindliche Dorf-Idylle
ist im Bewusstsein der Bewohner zwischenzeitlich zerstört, das Leben wird in der Gegenwart
städtisch bestimmt als von den alten Traditionen und Kulturformen. Am Anfang des 21.
Jahrhunderts ist es kaum vorstellbar, dass die
Landwirtschaft vor ca. 160 Jahren im Dorf etwas
über 90 Prozent der Erwerbstätigen stellte. Die
landwirtschaftlichen Flächen in der Feldmark
Eime wurden mit Pferden und Kühen anstatt
mit Pferdestärken bewirtschaftet.
Was ist eigentlich ein Dorf? Wie kam es zu
dieser Revolution? Was stellt das Dorf auf den
Kopf? Nahezu jeder Einwohner des Ortes hat
seine eigenen Vorstellungen vom Begriff Dorf.
Es fallen Erklärungen wie: „Das Dorf ist mein
Wohnort“; „Das Dorf besteht aus Landwirt-
schaft“; Im Dorf besteht eine enge Beziehung
zwischen Siedlung und Landschaft“; „Es bestehen enge soziale verkrustete Beziehungen“;
„Das Dorf ist Heimat“.
Zunächst ist schon einmal zu beachten,
dass Dorf und Bauer historisch untrennbar
miteinander verbunden sind. Blättere ich im
Brockhaus unter Dorf, so stoße ich auf die
Erklärung: „Ländliche Siedlung hauptsächlich
aus Bauernhöfen“. Dieses Dorf – der Flecken
Eime – ist nicht mehr vorhanden, es gehört der
Vergangenheit an.
Zwischen 1850 bis 1900 ist die Ortschaft
Eime vollständig durch Landwirtschaft geprägt. Das ansässige dörfliche Handwerk war
in seiner Wirtschaftskraft fast gänzlich von den
Bauern abhängig, die Schmiede, der Wagner,
die Stellmacher – sie sorgten für das landwirtschaftliche Arbeitsgerät, für die Zugtiere.
Die Tischler, Färber, Schuster und Schneider
belieferten die Bauern mit Gegenständen des
alltäglichen Bedarfs. Ohne Bauern war ein
dörfliches Wirtschaftsleben undenkbar. Entsprechend war das Ansehen der Bauern im
Dorf und ihr Einfluss. Wer Boden besaß, der
galt was, wer viel Boden und Tier besaß, der
galt noch mehr. Die Bauern hatten dann auch
politisches Mitspracherecht. Der Bürgermeister war in der Regel ein Bauer, der Gemeinderat bestand meist aus Bauern, der Kirchenvorstand wurde von Bauern geleitet. Nicht nur das
wirtschaftliche und politische Leben, auch das
kulturelle Leben waren bäuerlich geprägt. Das
dörfliche Sozialgefüge entsprach noch weitgehend traditionellen Mustern.
Eime entwickelte sich seit 1854 von einem
geschlossenen Agrar- und AgrarhandwerkerDorf zu einem halbgeschlossenen Agrardorf
(Arbeitspendler) und seit 1896, mit dem
Aufbau der Kolonie Schacht, zu einem industrialisierten Arbeiter- und Bauerndorf. Der
lange Abschied vom Agrardorf begann spätestens mit der Abteufung des Kalis durch die
Bohrgesellschaft Eime-Neu Hohenzollern am
19. Juni 1900. Bereits 1902, nach dem Bau
des Schachtes I „Kaiser Wilhelm der Große“,
wurde das erste Steinsalz verkauft. Die Bohrgesellschaft hat sich zwischenzeitlich zur Gewerkschaft „Fürst Heinrich zu Gera“ in die Gewerkschaft Frisch-Glück umgewandelt. Parallel mit
dem Schachtausbau wurden die obererdigen
Tagesanlagen im Jahr 1904 fertiggestellt.
Ohne ein familiäres Produktionssystem,
ohne generationsübergreifende Denkhaltungen, ohne feste jahres- und tageszeitliche Arbeitsrhythmen und ohne nach­bar­schaft­liche
Systeme war das dörfliche Überleben praktisch
bis in die Jahre 1950 –1960 schwerlich möglich. Die landwirtschaftliche Lebensader des
Dorfes erzeugte eine allen Schichten übergreifende Geistes- und Lebenshaltung, welches die
Herausbildung eines gemeinsamen dörflichen
„Wir“ entscheidend begünstigte. An den Bewohnern der Nachbarorte haftete immer der
Makel des Fremden; sie waren nicht selten eine
beliebte Zielscheibe berüchtigter dörflicher
Spottlust. Man zog mit Neckversen über das
Nachbardorf her. Dieses kommt in der Strophe des Liedes von Wilhelm Köllner gut zum
Ausdruck:
In Eime wird ein Haus gebaut, das ist die
Molkerei.
Da guckt die schöne Anna raus und sing
ein Lied dabei,
Vivat, o Eime, wie schwingst du dich
empor,
und ganz Esbeck ärgert sich und kratzt sich
hinterm Ohr.
Die Abfolge der dörflichen Festtage war über
das ganze Jahr verteilt. Vom Ausbringen der
Saat, der Reife der Ernte, den Winterarbeiten
waren sie von der Landwirtschaft bestimmt.
Daraus entstand ein eigenständiges kulturelles
Dorfleben aus der Gemeinschaft von Sitte und
Brauchtum. Traditionen wurden gepflegt und
man war stolz auf sie: das Singen von gemeinsamem Liedgut im dörflichen Gesangverein
seit 1851, das Weitergeben von besonderen
Bauernweisheiten und Bauernregeln, das Erlernen von Tänzen, die Ausgestaltung von
Festen, bei Ernte, Hochzeiten, Weihnachten,
Ostern und so weiter. Letztendlich war das
gesamte Dorf durch Lebenselemente verbunden. Daraus ergab sich dann auch eine
dörfliche Abgeschlossenheit nach außen, eine
bestimmte dörfliche Identität, ein „Wir-Gefühl“ aus der dörflichen Gemeinschaft heraus.
Man war zum Beispiel ein „Eimer Bauer“, und
die Eimer hielten gegenüber anderen Dörfern
zusammen. Das Heiratsverhalten war davon
wesentlich gekennzeichnet. Die Abgeschlossenheit des Dorflebens brachte es mit sich,
dass in aller Regel innerhalb des Dorfes oder
in die Nachbargemeinde geheiratet wurde. Wi
trampen unse Höehner sülmst, so die Sprache
der Dorfjugend.
Das Miteinander bei der alltäglichen
Lebensgestaltung und bei gravierenden Lebensherausforderungen bewirkte ein Zusammenschweißen über die unmittelbare
Nachbarschaft hinaus, auch mit den anderen
Dorfbewohnern. Die Nachbarschaft war ein
wichtiger Faktor in der dörflichen Gemeinschaftsstruktur. Diese zeichnete sich dadurch
aus, dass das ohnehin enge dörfliche Verhältnis
durch die dichte Angrenzung der Häuser sich
vertiefte. Mit seinen Nachbarn pflegte man
in der Regel eine über dem Normalmaß hinausgehende Beziehung. Selbst wenn das persönliche Verhältnis zwischen zwei Nachbarn
ausgesprochen kühl war, bedeutete es in der
Regel eine blanke Selbstverständlichkeit, auch
den wenig geliebten Nachbarn in Notfällen zur
Seite zu stehen. Besonders ausgeprägt waren
diese Nachbarschaftsverhältnisse dort, wo
sich die Dorfbewohner aus sozial weitgehend
Gleichgestellten rekrutierten. Die arbeitsfreie
Zeit verbrachte man häufig bei den Nachbarn.
Es wäre einem schroffen Affront gleichgekommen,
erklärte Hans Schmull, wenn man den Nachbarn unter Verweis auf die knapp bemessene
Leben in Eime
eigene Zeit die Tür gewiesen hätte. Die Nachbarn waren wichtige Nachrichtenübermittler
und Kundschafter; sie sorgten dafür, dass der
an allen interessierten Dorföffentlichkeit der
Gesprächsstoff nicht ausging.
Natürlich war die „Enge“, die ständige
Überschaubarkeit im Dorf, nicht nur angenehm: Man war einer permanenten Kontrolle
ausgesetzt. Man verhielt sich so, wie es das
Dorf von einem erwartete. „Selbstfindung
oder Selbstverwirklichung“ – wie es in der Gegenwart heißt – fand da natürlich keinen Freiraum. Nachbarn konnten sehr lästig werden,
wenn sie zu neugierig waren und ständig versuchten einem in die Kochtöpfe zu gucken.
Die Arbeit zum Überleben und der Besitzerhaltung standen im Mittelpunkt jedes Familienverbandes. Die Erhaltung und Vermehrungen
des Eigentums galten mehr als ein Leben. Die
meisten Dorfbewohner waren abhängig von der
Landbewirtschaftung und hatten ein Interesse
an ihrem Wachstum. Wer viel Land hatte, dessen Einfluss war entsprechend hoch. Damit war
eine gewisse Hierarchie im Dorf vorgegeben.
Aber auch die Bauern waren angewiesen auf die
Anderen, jede Hand wurde gebraucht. Insofern
war ein guter Zusammenhalt notwendig. So
musste man sich anpassen und sich einfügen
in den vorgegebenen Rahmen. Tugenden wie
Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft waren
gefragt. Konflikten ging man lieber aus dem
Wege. Ein Ausscheren aus dieser strengen Ordnung war kaum möglich.
Wenn ein Bewohner des Ortes leichtfertigen Umgang mit seinem Besitz pflegte, wenn
er der Arbeit aus dem Weg ging, dann verstieß
er gegen den dörflichen Verhaltenskodex. Der
hieß: Fleiß, Zuverlässigkeit und Ordnung,
Sparsamkeit und Vorsorge. Setzte sich jemand
über das Arbeitsgebot in geradezu aufreizender
Weise hinweg, dann begab er sich in das soziale Abseits, ja verfiel im schlimmsten Fall sogar
der gemeinschaftlichen Ächtung. Nur ja nicht
unliebsam auffallen – wer die Maxime beherzigte, der konnte sein Leben unbehelligt in Eime
verbringen.
Von der Tradition zum Ritual1
Unter dem Einfluss der evangelischen Religion
bildeten sich zu verschiedenen Zeitpunkten im
dörflichen Leben einzelne Gebräuche heraus.
Leben in Eime
Diese verfestigten sich im Laufe von Jahrhunderten in ihrer Form, wurden durch Tradition
zum Ritual. Für das Lebensgefühl der Bindung
hatten kirchliche Feste und Rituale ihre besondere Bedeutung. Die Kirche wurde den Ortsbewohnern schon rein lebensgeschichtlich zu
einem heimatlichen Ort: Hier wurde man getauft, konfirmiert, getraut, vielleicht sogar zur
„Goldenen Hochzeit“ gesegnet. Für den überwiegende Teil der Dorfbevölkerung begann
und endete die Biographie im Dorf.
Kirche, Schule und Kindheit
Wenn ein evangelischer Einwohner aus Eime
von seiner Kirche sprach, so meinte er in der
Regel seine örtliche Kirchengemeinde. Für das
evangelisch-lutherische Kirchenverständnis
ist die gottesdienstliche Gemeinde, die sich
jeden Sonntagmorgen um Wort und Sakrament trifft, „die ganze Kirche“. Hier findet der
evangelische Christ alles, was seines Seelenheils
bedarf. Der katholische Mitbürger dagegen
meint mit seiner Kirche seine Institution und
denkt dabei an das Bistum Hildesheim, und
schließt auch Rom mit ein.
Nach der Reformation wuchs die Bedeutung der Predigt. Vom Wirken Gottes sollen
die Gläubigen durch das gesprochene und
geschriebene Wort erfahren. So wurde beim
Neubau der Kirche ein Kanzelaltar installiert.
Die Kanzel ist über dem Altar an der inneren
Stirnwand der Kirche angebracht. Sie symbolisiert seitdem die Gleichwertigkeit des Wortes
mit den beiden Sakramenten, Abendmahl und
Taufe. Der Altar nimmt in der Kirche eine zentrale Stellung ein, da hier das heilige Abendmahl gefeiert wird und die Kommunikanten
hier nach lutherischer Auffassung Christi wahren Leib und sein wahres Blut zur Vergebung
der Sünden empfangen wird. Die zentrale Bedeutung des Altarsakramentes wird in Eime
auch dadurch deutlich, dass sich um den Altar
Kniekissen an den Stufen befinden. Im Knien
bittet hier die Gemeinde noch einmal um das
Erbarmen Christi, der sich am Kreuz geopfert
hat. Auch das Taufbecken, das zweite Sakrament, befindet sich in Eime vor den Sitzbänken der Kirchengemeinde. Es ist hier nicht in
ein Seitenschiff gedrängt oder unmittelbar am
Eingang aufgestellt. Hier bekennen Eltern bzw.
Taufpaten vor der Kirchengemeinde – entweder
Seit dem Neubau
der St.-Jakobi Kirche nimmt der
Kanzelaltar bis in
die Gegenwart die
zentrale Stelle ein.
Hier ein Bild aus
dem Jahr 1910. ➤
als Stellvertreter des Täuflings oder im eigenen
Namen – den Glauben an Jesus Christus und
versprechen eine christliche Erziehung des Kindes. In protestantischen Kirchen sollen die als
Kinder Getauften ihre Taufe in der Konfirmation selbst bestätigen, indem sie ein Bekenntnis zu Jesus Christus ablegen. Altar, Kanzel und
Taufbecken symbolisieren in der Jacobus Kirche einen harmonischen Dreiklang, eingefügt
in einen Kirchenraum, der in dieser Weise die
Glaubens- und Kirchengeschichte des Dorfes
Eime als urevangelisch dokumentiert.
Im evangelischen Ort dominierte eine
passive Frömmigkeit, welche den Pastor als
Vermittler zwischen Gott und den Menschen
betrachtete und damit der katholischen Auffassung nahekam. Die Hochzeit war dorföffentlich ebenso wie Taufe, Konfirmation und das
Begräbnis. Das heißt, man ging zu Fuß zur Kirche oder zum Friedhof, unter den neugierigen
Blicken aller. Die Kirchlichkeit begann sich
erst nach dem 1. Weltkrieg aus der dörflichen
Sitte zu lösen, das heißt die Nachfrage nach
Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung,
Besuch des Gottesdienstes und die Teilnahme
am Abendmahl ließ nach. Ab 1912 kam es zu
Kirchenaustritten vor allem von einigen Baptisten und Neuapostolischen. Bis in die 1930er
Jahre fand das Tischgebet in einigen Familien
statt auch das stille Gebet beim Abendläuten
war nicht außergewöhnlich. Einige Mitglieder
der Hitlerjugend ließen sich am Ende der 30er
nicht mehr konfirmieren. Mit Einführung des
automatischen Abzuges der Kirchensteuer von
der Lohnsteuer erfolgte im Jahr 1948 eine
zweite Welle von Kirchenaustritten.
Unter der Voraussetzung, dass Religion und
Kirche im Dorf etwas galten, erwuchs dem Pastor auf diese Weise eine Sonderstellung, mit der
zugleich eine soziale Führungsposition verknüpft
war. Als religiöse Leitfigur fiel dem Geistlichen
die Aufgabe und Verpflichtung zu, auch in den
öffentlichen Angelegenheiten Verantwortung
zu übernehmen. Im Umgang mit dorffremden
Mächten und Behörden, schätzte man insbesondere Pastor Georg Bauer als eine unverzichtbare
Auskunftsperson, von der man Rat in allen Lebenslagen erhoffte. 32 Jahre versah Georg Bauer
das Pastorenamt in Eime. Er gehörte in diesem
langen Zeitraum zu den Dorfhonoratioren. Also
eine Person mit ausübendem informellem Einfluss. Diesen Ruf erwarb er sich in erster Linie
durch seine akademische Bildung. Mit seiner
Besonderheit einer universitären Ausbildung
umgab den Dorfpastor eine Aura allumfassender Kompetenz, die ihn für die Bewältigung
auch nichtkirchlicher Probleme als qualifiziert
erscheinen ließ. Seine Familienabende, gehalten
in Sehlde und Eime, trugen die Mitglieder der
Gemeinden in eine andere Welt. Ihnen wurden
die großen geschichtlichen Zusammenhänge mit
seinen Ergebnissen der dörflichen Geschichtsforschung näher gebracht. Für die Familien Gecius und Pape stellte er den Familenstammbaum
mit Hilfe der vorhandenen Kirchenbücher bis
ins 14. Jahrhundert zusammen. Die Familie
Nagel führt ihren Stammbaum bis ins Jahr 1430
zurück. Von einer solchen dörflichen Respektsperson verlangte man, dass er sein Amt zwar in
einer gewissen Volksverbundenheit, aber doch
immer mit einer gewissen Würde versah.
Auch der aus Schlesien stammende und
als Flüchtling in Eime 1949 „ Fuß gefasste“
Pastor Adolf Hosemann vermittelte seiner Gemeinde in den Ortschaften Sehlde und Eime
das Gefühl einer religiösen Leitfigur. Aber in
öffentlichen Angelegenheiten des Dorfes hielt
er sich zurück. Seine Seelsorgepraxis versuchte
sich inhaltlich an der biblischen Lebensordnung zu orientieren. Also im weitesten Sinne
mit Begleitung, Ermutigung und Tröstung.
Dieses geschah im persönlichen Gespräch oder
im Gebet. Er verstand auch zu feiern und war
bei Familienereignissen seiner Gemeindemitglieder gern gesehen.
Leben in Eime
Geburt und Taufe
Leben in Eime
Die Kindererziehung lief nebenher. Kleinkinder konnten mit Mohn- und Most-Schnullern ruhig gestellt werden. Waren sie aus dem
Säuglingsalter heraus, wurden sie überall hin
mitgeschleppt. Im „Bollerwagen“ ging es mit
aufs Feld oder die älteren Geschwister mussten
beim Spiel auf der Straße auf die „ungeliebten
Kleinen“ aufpassen. Ziel der Kinderziehung
auf dem Lande war es, aus einem „Mitesser“
möglichst bald einen „Mithelfer“ zu machen.
Das Kind lernte viel durch Nachahmung
der Erwachsenen und älteren Kinder und
durch das Mitmachen bei der häuslichen Arbeit. Wichtige Erziehungsziele, wie Respekt
und Gehorsam, Genügsamkeit, Fleiß und
Achtung vor der Arbeit, wurden autoritär vermittelt. Wenn Kinder die Autorität der Eltern
angriffen, ihnen den Respekt verweigerten,
ungehorsam und unordentlich waren, folgten
strenge Strafen auf dem Fuße. Körperliche
Züchtigungen lernten die Kinder zur Genüge
kennen. Die Strenge der Eltern erstreckte sich
auch auf die jungen Erwachsenen. Solange sie
noch im gemeinsamen Haushalt lebten, hatten sie sich an die von den Eltern bestimmten
Regeln zu halten. Auch die Lehrer forderten
absoluten Gehorsam und Unterwürfigkeit der
Kinder. „Stille sitzen, Ohren spitzen, Hände
falten, Klappe halten“ war angesagt. Zu den
strengen Strafen kam als Erfahrung für die
Schüler hinzu, dass der Unterrichtstoff durch
mechanisches Wiederholen beigebracht werden sollte: Lesen lernten die Kinder durch Auswendiglernen und Vorlesen unverständlicher
Texte, Schreiben durch Abschreiben allgemeiner Lebensweisheiten und das Abmalen von
Kinder mussten
von früh auf mitarbeiten. Hier im
„Deilmisser Feld“
beim Rübenziehen
im Jahr 1920. Die
Kleinkinder wurden
während der Arbeitszeit in die
Obhut von älteren
Geschwistern
gegeben.
➤
Am unmittelbarsten prägte die Familie das
menschliche Miteinander. Das Zusammenleben brachte das Gefühl von Geborgenheit
und Zusammengehörigkeit mit sich. Auch innerhalb der Verwandtschaft bestand ein enger
Zusammenhalt. Die Familie war Wohngemeinschaft, denn Kinder, Eltern und auch Großeltern lebten zusammen unter einem Dach. So
wurde eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die
all das, was zum Überleben gehörte, im Rahmen der Familie produzierte. Der Zwang,
den Lebensunterhalt zu sichern, Kleidung,
Essen und Wohnung bereitzustellen, führte
dazu, dass alle Familienmitglieder mitarbeiten
mussten. Die Arbeit auf dem Feld oder in der
häuslichen Werkstatt war ohne Wenn und Aber
nötig.
Hochschwangere Frauen standen in der
Regel bis zur Niederkunft auf dem Feld oder
verrichteten in Haus und Hof ihre Alltagsarbeit. Für die Entbindung gab es nur eine
geringe Auszeit. Die Fortpflanzung wurde in
den vergangenen Jahrhunderten nicht nur
als natürlicher Bestandteil der Gemeinschaft
von Frau und Mann angesehen, sondern als
Lebensziel verstanden. Der Tod wurde leichter akzeptiert, wenn man die Hoffnung hatte,
in seinen Kindern fortzuleben. War das Kind
schließlich glücklich geboren, wurde die Geburt den Nachbarn angesagt, die zum Wöchnerinnenbesuch eingeladen wurden. Hierzu
wurden Geschenke wie Kaffee, Zucker und
Butter, auch Kleider für das Kind überbracht.
Der Vater des Kindes spendierte Getränke:
„Er ließ das Kind pinkeln“. Es galt als Muss,
neugeborene Kinder innerhalb kürzester Zeit
taufen zu lassen. Erst durch die Taufe galt das
Neugeborene als aufgenommen, nicht nur in
die kirchliche Gemeinde, sondern auch in die
Familie und in der Verwandtschaft. Die Spendung des Taufsakraments als göttliche Heilsvermittlung war ein kirchlicher Akt. Die Eltern
wurden vom Pastor im Taufgespräch darauf
hingewiesen, dass das Kind religiös erzogen
und angehalten werden muss, an den Gottesdiensten teilzunehmen. Die Besonderheit der
Feier bestand auch darin, dass das Kind das
familiäre Taufkleid trug, in dem bereits Generationen vorher das Taufsakrament empfangen
hatten. Die Wahl der Paten verdichtete nochmals die familiären Beziehungen.
Buchstaben im Rahmen des Schönschreibens.
Die Angst vor Strafe und vor dem „Sitzenbleiben“ bildete den hauptsächlichen Lernanreiz.
Die schulischen Leistungen fanden ihrem
Ausdruck in der Rangordnung der Sitzplätze.
Der Klassenbeste saß entweder in der hintersten Reihe oder in der vordersten Reihe, der
schlechteste Schüler dementsprechend in der
ersten oder letzten Reihe. Jeder Schüler wusste
demzufolge genau, wie gut oder wie schlecht
es um ihn stand, wie es im Vergleich zu den
anderen um ihn stand. Auch außerhalb der
Schule war die Autorität für die Schüler noch
bestimmend. Wenn ein Lehrer durchs Dorf ging,
dann haben wir schon von Weitem gegrüßt. Oder
wir wechselten die Straßenseite, verschwanden
auf den Höfen. So ein Mitbewohner, der die
Schule in Eime acht Jahre besuchte.
Besondere Merkmale der Kindheit und
Jugendzeit in der Weimarer Zeit war der
ständige Zwang zur Mithilfe in der Familie,
die dauerhafte soziale Kontrolle durch Eltern, Nachbarn und gemeindliche Aufpasser
(Lehrer, Pastor, Dorfpolizist, auch Landjäger
genannt). Für viele Eimer Kinder gab es aber
oft keine „Kinderzeit“, denn sie mussten von
früh auf mitarbeiten: Die Geschwister hüten,
die Wohnung schrubben, Futter für die Kleintiere holen, Beeren, Pilze und Holz im Wald
suchen, bei der Ernte helfen, Kartoffeln lesen,
Rüben ziehen, Steine auf dem Feld aufklauben, Engerlinge, Kartoffelkäfer und andere
Schädlinge sammeln, Unkrautjäten und vieles
andere mehr.
Dorfrivalitäten wurden durch jugendliche
Trupps aus beiden Lagern mit einer Schlägerei
ausgetragen. In den 20er und 30er Jahren des
20. Jahrhunderts gab es Jugendliche – von der
Kolonie Schacht – die im Dorf ihre Pubertät
auslebten. Ehrfürchtig wurde dann erzählt:
„Gott behüte mich vor Sturm und Wind und
den Bengels die vom Schachte sind“.
Die Jugendzeit war kurz und endete mit
der Konfirmation und Schulentlassung mit
14 Jahren. In diesem Alter begann dann der
lange vorbereitete „Ernst des Lebens“, ein
langes Arbeitsleben. Den Grundstein für
die „Alterskameradschaft“ wurde in der gemeinsamen Schulzeit gelegt, die sich auf alle
Gleichaltrigen im Dorf erstreckte. Denn die
Schule beherbergte nahezu sämtliche Kinder
eines Altersjahrganges, da der Besuch einer
weiterführenden Schule nur in Ausnahmefäl
len eintrat. Solche Schulen waren in den 20er
Jahren in Gronau (Realschule) und in Alfeld
(Gymnasium) angesiedelt. Die schlechten Verkehrsverhältnisse nach Alfeld wurden mit einer
auswärtigen Unterbringung ersetzt. So nahm
die örtliche Schule in Eime fast alle Dorfkinder
auf. Wer seinen Mitbewohner seit den Schulzeiten kannte, mit ihm 8 Jahre lang in derselben
Schulbank gesessen und in seiner Begleitung
als Jugendlicher den Sonntagnachmittag verbrachte, der stand ihm auch nach Gründung
einer eigenen Familie nicht als Fremder gegenüber. Die Kameradschaft endete nicht mit der
Schule, sie endete mit dem Tod.
Für das spätere Leben wichtige Dorfqualifikationen (wie der Umgang mit Tieren, die
Kenntnis über die Lage der Grundstücke, der
Umgang mit Eigentum) galten eben so viel wie
„abstraktes“ Bildungswissen der Dorfschule.
Nicht von ungefähr gibt es daher Schilderungen des Schullebens die von säumigen oder
im Unterricht eingeschlafener Kinder gibt. Im
Kaiserreich hatten Kirche und Schule in diesem hierarchisch gegliederten System ihren
festen Platz. Lange Zeit war Kirche und Schule
Vertreter der Obrigkeit, zuständig für die Vermittlung von Werten und die Einhaltung von
Normen. Die Verantwortung des örtlichen
Schulwesens lag bis 1920 bei der Kirche, also
beim residierenden Pastor auch.
Martinssingen
Das Martinisingen – auch im Dorf unter den
Namen Martinssingen und Mattenherrn bekannt – ist ein alter protestantischer Brauch
im lutherisch geprägten Ort. Das Martinsfest,
das ursprünglich zum Andenken an den heiliggesprochenen Bischof Martin von Tours
am 11. November begangen wurde, bekam
nach der Reformation 1517 einen neuen Inhalt. Von da an wurde nur noch Martin Luther gefeiert. So wurde der Martinstag mit
dem Martinisingen auf dem 10. November,
den Geburtstag des Reformators, vorverlegt.
Somit wird in den evangelisch geprägten Ort
der Martinstag am 10. November gefeiert! In
diesem Brauch mischt sich noch ein weiteres
Ursprungselement. Am Martinstag endete das
Wirtschaftsjahr der Bauern, an das Gesinde
wurden die Löhne ausbezahlt, Pachtverträge
aufgelöst oder geschlossen, Steuern und AbLeben in Eime
gaben an den Grundherren abgeführt. Für
Landarbeiter und Dienstpersonal endeten die
Arbeitsverträge. Für diese weitgehend besitzlosen Bevölkerungsschichten galt es nun, die
kalte Jahreszeit ohne eigenes Einkommen zu
überstehen. Einen Beitrag dazu leisteten dann
die Kinder, die an diesem Tag von Haus zu
Haus zogen und um Gaben bettelten. Nach
der Reformation wurde dieser Brauch mit
Luthers Geburtstag und dem Bettelmotiv der
Mönchsorden erklärt.
Hauptlehrer Hans Duckstein schrieb im
Jahr 1927 die traditionellen Lieder, die zum
Martinitag in Eime gesungen wurden, nieder:
Als Martin noch ein Knabe war,
hat er gesungen manches Jahr vor fremder
Leute Türen,
er sang so schön, er sang so zart, so recht
nach frommer Kinder Art,
das mag ein Herz wohl rühren.
Wir bitten, liebe Leute Euch,
nach guter Sitt' und altem Brauch,
so wollt Ihr uns was schenken.
Und wenn ihr reichlich uns beschenkt,
mit schönen Äpfeln uns bedenkt,
wird Gott es euch vergelten.
Drum hört auf unsern Bittgesang
und nehmt von uns den schönsten Dank für
eure milden Gaben.
Wir wünschen Luthers Glauben euch,
so werdet ihr im Himmelreich
das ew’ge Leben haben.
Bei ihrem Bitt-Rundgang sangen die Kinder
eine Kurzform:
Matten-, Mattenherrn,
die Äppel un de Beern,
de hebbt wi ja so geern.
Maak op de Döör, maak op de Döör,
staat paar lüttje Kinner vöör.
Giff se wat, giff se wat,
laat se nich so lange staan,
mött noch paar Huus widder gaan.
Als Martin noch ein Knabe war,
hat er gesungen so manches Jahr
vor allen Türen weit und breit.
Gott sei gelobt in Ewigkeit!
Matten-, Mattenmähren,
die Äpfel und die Beeren,
lasst uns nicht so lange stehen!
Wir müssen noch nach Bremen gehen!
Leben in Eime
Bremen ist ne große Stadt,
da kriegen alle Kinder was.
Kriegen se nen Stückchen Kuchen,
können se gut nach suchen.
Kriegen se nen Stückchen Speck,
dann gehen se wieder weg.
Beim katholischen Martinisingen am 11. November, dem Namenstag von Sankt Martin,
folgen singende Kinder mit Laternen dem
Sankt Martin und feiern so seine gute Tat.
Hervorgerufen durch Kommerzialisierung
und Amerikanisierung verbreitete sich seit Ende
der 1990er Jahre Halloween im Dorf. Es hat
sich zur Konkurrenz zum Martinisingen entwickelt. Die Kinder und auch die Begeisterung
einiger Erzieher und Eltern an Halloween nehmen an diesem Tag die neuen Strömungen des
Zeitgeistes auf. Einige Kinder verwechseln in
der Gegenwart das traditionelle Martinisingen
mit Halloween. Traditionelle Lieder wie am
Martinstag werden bei Halloween nicht mehr
vor den Haustüren gesungen. Beim Halloween
wird die Drohung „Süßes oder Saures“ vor der
Haustür ausgestoßen und dafür eine Belohnung
eingefordert. Manche evangelische Christen
bedauern das zeitliche Zusammentreffen von
Halloween mit dem Reformationstag, der am
gleichen Tag an die Reformation erinnern soll.
Hochzeit
Der Gedanke der Liebesheirat war früheren
Generationen weitgehend fremd. Die Ehe
diente der Lebensabsicherung, wenngleich
ein emotionales Solidaritätsgefühl der beiden
Ehepartner dazugehörte. In erster Linie war es
jedoch wichtig, dass die zukünftigen Eheleute
standesgemäß und wirtschaftlich zusammenpassten. Dieses scheinbar hartherzige Prinzip
war an den herrschenden Lebensbedingungen
orientiert. Die Hofstelle, der Laden oder die
Werkstatt war die unverzichtbare materielle
Grundlage für die Eheleute, den Altenteilern
und zukünftige Generationen. Die Wirtschaftskraft einer Hofstelle zu schwächen,
indem ein Vollmeier die Tochter eines Häuslings heiratete, war daher undenkbar.
Eine besondere Bedeutung hatte die Aussteuer, also der Besitz, den Braut und Bräutigam in die Ehe einbrachten. Umfang und Bestandteile der Aussteuer waren abhängig vom
Vermögen und von der sozialen Stellung. Üblicherweise wurden im Anschluss an die Verlobung alle Absprachen bezüglich der Aussteuer
in einem Ehevertrag schriftlich festgehalten.
Die Eheverträge enthielten auch Regelungen
über die Erbfolge, was wichtig war, wenn ein
Partner bereits Kinder aus einer früheren Ehe
hatte. Bei Ehepartnern aus bäuerlichem Milieu
wurde, wenn es sich um den künftigen Hoferben handelte, oft auch das Altenteil für den
bisherigen Hofbesitzer und die Abfindungen
für die Geschwister vereinbart. Nach protestantischer Auffassung ist die Ehe der weltlichen Ordnung unterworfen, aber zugleich
ein heiliger Stand. Im Dorf bedeute die Ehe
die Übernahme einer Hofstelle, das Weichen
des Elternpaares auf das Altenteil und damit
eine Veränderung.
Zum Hochzeitsbrauchtum gehörte auch
das Schmücken des Aufgebotskastens mit grünen Zweigen, der seit 1928 vor dem Sitz der
Gemeindeverwaltung an der Turnhalle stand.
Wenn vom Brautpaar voreheliche Beziehungen
bekannt waren, so wurde statt grünen Zweigen
Stroh verwendet. Der Polterabend war als Feier
zum Abschied aus dem Kreis der jungen Dorfleute eingefordert und hauptsächlich für junge
Leute ausgerichtet. Bis in die Gegenwart wird
an diesem Abend Geschirr zerschlagen, um
der neuen Ehe Glück zu bringen. Das eigent-
Goldene Hochzeit
des Ehepaares
Heinrich Schwarze
und Karoline geb.
Winkel im Jahr
1928. ➤
10
liche Hochzeitsfest begann nach Rückkehr der
Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche. Zum
Brauchtum vor der Kirche gehörte es, dass
nach der Trauung der Weg aus dem Kirchhof durch einen von Jugendlichen gespanntes
Band versperrt wurde. Der Bräutigam musste
nun „Pfennige schmeißen“, um sich den Weg
freizukaufen. Noch vor dem Taschengeld, war
dies eine wichtige „Einnahmequelle“ für die
Kinder. Dieser Brauch hat seine Ursache darin,
dass man an diesem Festtage auch den Armen
im Dorf etwas zukommen lassen wollte. Auch
die Wegsperrung in Form eines Sägebockes,
mit deren Hilfe ein Baumstamm durch das
Brautpaar durchgesägt werden musste, hat sich
bis in die Gegenwart überliefert.
Die Hochzeitsfeier wurde in der Regel
im Elternhaus der Braut ausgerichtet. Die
Vorbereitungen waren sehr umfangreich und
zeitaufwendig. Nachbarn halfen bei der Hochzeitsvorbereitung (Sitte). Sie brachten Hühner
für die Hochzeitssuppe als Gastgeschenk mit.
Frauen kochten und backten, putzten Haus
und Hof. Männer reinigten Ställe, stellten
Tische und Stühle auf. Waren diese nicht vorhanden, reichten auch Holzbretter und prall
gefüllte Strohsäcke. Die Männer räumten
Zimmer aus und stellten Möbel um. Männer
und Frauen dekorierten das Haus oder den
Hof gemeinsam, denn man war in der Regel
arm und konnte keine fremde Hilfe bezahlen.
Die Hochzeit sollte trotzdem ein unvergessenes Ereignis werden. Geladen waren immer
die Nachbarn, die Familien von Braut und
Bräutigam und Freunde. Das Geschirr für die
Festtafel konnte man sich bei den Kolonialwarenhändler Mönkemeyer ausleihen. Dem Essen
folgte der Tanz. Den Höhepunkt erreichte das
Hochzeitsfest um Mitternacht, wenn mit der
Brautkrone die Braut symbolisch in den Kreis
der Frauen aufgenommen wurde. Die Kosten
einer solchen Hochzeit waren gewiss nicht
unerheblich, mussten aber von den Eltern der
Braut getragen werden. Sachgeschenke wurden bis in die 1930er Jahre nicht überreicht.
Stattdessen gab es Geld.
Bevor man sich niederließ, war es üblich,
dass sich Brautpaar und Gäste fotografieren
ließ. Die Möglichkeit, Ereignisse auf Fotografien festzuhalten, besteht erst seit der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts; doch die Kosten
für ein Foto waren immens hoch. Damit ist
auch klar, warum kaum Fotografien aus dem
Leben in Eime
Leben in Eime
Zum Gedenken
an eine im Jahr
1896 stattgefundene Goldene Hochzeit wird der getragene Myrtenkranz
in einer Glasvitrine
aufbewahrt
➤
19. Jahrhundert – so jedenfalls in den meisten
Familien – vorzufinden sind, denn das Fotografieren war teuer und die Mehrheit der Bevölkerung war so arm, dass sie sich keine teuren
Fotografien leisten konnten. Dies ist auch der
Grund, weshalb wir ebenso selten Bilder aus
der Zeit von 1900 bis 1915 finden und wenn
wir welche vorfinden, dann könnte es sein,
dass diese „gestellt“ sind. Was heißt „gestellt“?
Im späten 19. und im frühen 20.Jahrhundert
kamen Fotografen ins Dorf. Sie waren mit ihrer
Kamera, einem künstlichen Blumenstrauß,
eventuell einem weißen und / oder schwarzen
Brautkleid und einem weißen Brautschleier
unterwegs und so konnten auch arme Leute
aus dem Dorf sich – anlässlich ihrer bereits
stattgefundenen Hochzeit – fotografieren lassen. Ähnlich war es in Gronau und Elze: In den
Fotoateliers befanden sich ebenfalls Requisiten,
die für ein gutes Hochzeitsfoto vom Fotografen zur Verfügung gestellt wurden. Manchmal entstand ein Hochzeitsfoto erst viele Jahre
nach der eigentlichen Hochzeit. Für uns heute
nicht mehr vorstellbar! Erst in den Jahren
nach 1920 gehörte das zeitnahe Hochzeitsfoto
zu jeder Hochzeit dazu. Nach 1960 wurden
viele Fotos von dem Brautpaar und der Hochzeitsgesellschaft – teils mit dem eigenen Fotoapparat, teils vom Fotografen Friedrich
Peters – erstellt. Seit dieser Zeit gibt es in fast
jeder Familie ein Familienfotoalbum, in dem
die wichtigsten Ereignisse im Leben der Familie festgehalten wurden.
Gemäß Personenstandsgesetz 2 für das
Deutsche Reich und dem Bürgerlichen Gesetzbuch3 wurden die Eheleute verpflichtet ein
Standesamt aufzusuchen. Der Staat verlangte,
dass kein kirchlicher Eheschluss durchgeführt
wurde, wenn nicht die Ziviltrauung voraufgegangen war.
Mit dem Eheschließungsrecht von 1875
änderte sich auch die Kleiderordnung, denn
von nun an erwartete die evangelische Kirche,
dass die Braut ihre Keuschheit mindestens
mit einem Kranz oder einem weißen Schleier
dokumentierte. So etablierte sich der weiße
Brautschleier; der sowohl zu einem schwarzen
wie auch einem weißen Brautkleid getragen
wurde. Der Brautschleier erfüllte nicht nur die
kirchlichen Anforderungen, sondern diente
der Braut auch als schmückendes Element.
Zahlreiche Fotografien zeigen den Brautschleier, der zur einfachen Kirchgangskleidung oder
zu einem Brautkleid getragen wurde. Der
Brautschleier wurde von einem künstlichen
Myrtenkranz gehalten und nach dem zweiten
Weltkrieg von einem künstlichen Brautkranz
abgelöst. In zwei Familien des Ortes wurde der
liebevoll gerahmte Myrtenkranz hinter Glas
versteckt. Aufwendigen Stickereien; der Name,
das Hochzeitsdatum und ein Hochzeitsspruch
des damaligen Brautpaares bilden den Untergrund für den Myrtenkranz. Er dient, zusammen mit dem Hochzeitsfoto und/ oder
einer anderen späteren Fotografie des Paares,
den nachfolgenden Generationen als Wandschmuck.
Bis ca. 1930 erschienen die Männer im
schwarzen Anzug, die Frauen im schwarzen
Kleid (Kirchgangskleidung) und Mädchen
trugen ihre Sonntags- oder Schulschürzen zur
Hochzeit. Hierzu gibt es zahlreiche Fotografien in unterschiedlichen Archiven. Die Mädchen trugen ihre Haare zu Zöpfen geflochten
und die Jungen ihr Haar seitlich gescheitelt.
Die Schürzen der Mädchen waren an den Seiten mit gerüschtem Stoff eingefasst. Nach etwa
1930 erschienen die Männer im Gehrock und
mit Zylinder und die Frauen mit mittig gescheiteltem Haar zur Hochzeit. Der Zylinder
war aus der Männermode nicht mehr wegzudenken. Erst in den Jahren ab 1950 bis 1975
kleideten sich die Gäste modisch und festlich.
Die Frauen richteten sich bei der Kleiderwahl
nach der Kleidung der Braut. Trug die Braut
ein langes Kleid, so versuchten die geladenen
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weibliche Gäste ebenfalls, in langen Kleidern
zu erscheinen. Ob kurze oder lange Kleider,
der Stoff war festlich und farbig. Weiße Kleider
waren ausgeschlossen, denn es sollte keine Verwechslung mit der Braut geben. Blumenkinder
trugen ebenfalls Kleider, die der Länge des
Brautkleides entsprachen. Lange pastellfarbige
Kleider waren üblich (kleine Prinzessinnen)
oder kurze dunkelfarbige Samtkleider. Jungen
trugen zur dunklen Hose ein helles Hemd und
bekamen eine Fliege um.
In allen Generationen war der Tag der
kirchlichen Trauung der größte und schönste.
Von Glanz und Glimmer umgeben zu sein,
war ein Traum und Herzenswunsch, der sich
mit der eigenen Hochzeit erfüllte. Kirchliche
Feste sind immer auch sinnliche Feste und
jedes Fest ist anders. Diese Andersartigkeit
verleiht der Hochzeit den ganz besonderen
Aspekt der Einzigartigkeit. Es spielt also keine
Rolle, ob das Brautpaar im Reichtum oder in
Armut lebt, die Bedürfnisse nach dem Besonderen sind in allen sozialen Kreisen gleich. Die
Hochzeit wird gefeiert und als bedeutender gesellschaftlicher Anlass gesehen.
Wenn der Tod kommt
Der Tod ist ein Ärgernis. Zu sein und gleichzeitig zu wissen, dass man so, wie man ist,
nicht sein wird, das ist ein Problem, das jeden
irgendwie beschäftigt, ja bedrängt, bedrückt
und auf jeden Fall eine Lösung verlangt. Ohne
kirchliche Begleitung und Sinndeutung war
der Tod nicht zu verstehen. Das Sterben fand
noch im Familienkreis statt. Der Tod war kein
Nach der Predigt
wurde der Verstorbene aus dem Haus
zum Leichenwagen
getragen. Der ca.
2,5 km lange Weg
von der Kolonie
Schacht zum Friedhof wurde von der
Trauergemeinde
hinter dem Leichenwagen zu Fuß
zurückgelegt ➤
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einsames Ereignis. Trat der Tod ein, so fühlten
sich die Nachbarn verpflichtet, der Trauerfamilie zur Hand zu gehen, ihr die wichtigsten
Besorgungen abzunehmen. Das gehörte sich so,
man half sich in Freud und in Leid, so die Erinnerung von Herbert Lambrecht. Von daher
waren Sterben und Tod eingebunden in das
dichte Netz sozialer Beziehungen. Nachbarn
und Familie kümmerten sich nach Eintritt des
Todes darum, dass die Leiche zu Hause aufgebahrt werden konnte. Die Nachbarschaft half
bei der Waschung und bei der Ankleidung des
Verstorbenen. Nach dem 1. Weltkrieg bis in
die 1960er Jahre wurde diese Tätigkeit von
einer Totenfrau erledigt.
In den meisten Fällen erhielten die Toten
ihre besten Kleidungsgegenstände, womit sie in
den Sarg, welcher einer der seit 1830 praktizierenden fünf Tischler (Gecius, Struckmann,
Ortlieb, Meyer, Drawe) des Ortes lieferte, gelegt wurden. Hans Schmull berichtete ferner: In
dem Zeitraum nach dem Ersten Weltkrieg bis zu
Beginn der 30er Jahre legten sich einige Familien,
die sich keinen Sarg vom Tischler leisten konnten,
„Notdielen“ zu, aus denen ein Sarg gezimmert
wurde. Verwandte, Freunde und Nachbarn besuchten während dieser Tage die Trauerfamilie,
nicht nur um Trost zu spenden, sondern sich
vom Toten zu verabschieden. Das war eine
Geste der Zusammengehörigkeit in solchen
Lebenslagen. Die unmittelbare Nachbarschaft
bzw. gute Freunde stellten sich als Sargträger
zu Verfügung, die sich vorher bei der Familie
für diesen Dienst gemeldet hatten. Die Häuser
besaßen noch Möglichkeiten, die Leiche aufzubahren und wo nicht, wurde Platz geschaffen.
Insbesondere unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg standen Flüchtlingsfamilien, hervorgerufen durch die Zwangseinquartierung,
vor dem Problem der Platzschaffung.
Am Abend vor der Bestattung kamen die
Leute und brachten Sträuße und Kränze. Bevor
der Sarg am Tag der Beerdigung zugemacht
wurde, verabschiedete sich die ganze Familie.
Wenn der Pastor dann seine Predigt gehalten
hatte, wurde der Sarg aus dem Haus getragen
und zum Leichenwagen gebracht. Die Kränze
hing man an den Leichenwagen bzw. drückte jeden der Anwesenden einen in die Hand.
Der Leichenwagen, welcher sich im Eigentum
der Gemeinde Eime befand, wurde von einem
Pferdegespann gezogen. Die Pferde wurden
mit einen schwarzen Umhang gekleidet und
Leben in Eime
die Hufe mit Wagenfett schwarz gestrichen.
Heinrich Mundhenke, Dunser Str. saß mit
schwarzer Prinz-Heinrich-Mütze und Gehrock auf dem Bock des Leichenwagens bis in
das Jahr 1966, mehr als drei Jahrzehnte. Dann
ging es zum Friedhof. Gehörte der Verstorbene
einem Verein an, so fühlten sich die Vereinsmitglieder verpflichtet, an der Beerdigung teilzunehmen. Die Vereinsmitglieder gingen dem
Trauerzug voraus, dann der Leichenwagen,
gefolgt vom Pastor. Ihm folgten die nächsten
Verwandtschaftsgrade und es war üblich, dass
das ausgefeilte Beerdigungszeremoniell mit der
entsprechenden Rangfolge eingehalten wurde.
Zum Abschluss folgte die Trauergemeinde.
In der Zwischenzeit hatten Nachbarrinnen,
die zu Hause blieben, Kaffee gekocht. Sie
mussten auch, wenn die Leiche aus dem Haus
getragen wurde, sämtliche Fenster und Türen
öffnen, damit sich der Leichengeruch verzog.
Nach der Beerdigung wurde nämlich für die
Teilnehmer der Beerdigung im Hause des Verstorbenen zu Kaffee und Kuchen gebeten. Für
die Vereinsmitglieder endete die Beerdigung im
Ratskeller beim Bier, welches die Hinterbliebenen zahlten. Hans-Joachim Lange berichtete,
dass zu Lebzeiten einige hierfür Rücklagen
bildeten. Insbesondere für die, die eine umfangreiche Vereinsmitgliedschaft pflegten. Das
verstorbene Vereinsmitglied konnte sicher sein,
dass der Verein über den Tod hinaus gedachte.
Bei Mitgliedern der Feuerwehr wurde diese
Versammlung auch zum Gedankenaustausch
genutzt. Dort hat man „das Fell“ versoffen.
Manch einer trank einen über den Durst. Einige sind dann Stunden später aus dem Ratskeller
herausgekommen. Bis Anfang der 1930er Jahre
gaben Mitglieder des Kriegervereins mit sechs
Gewehren Salutsalven als Ehrenbezeugungen
am Grab ihres verstorbenen Vereinsmitgliedes
ab. Die Gewehre wurden unmittelbar am Besatzungstag, den 6. April 1945, vernichtet.
Frauen mit evangelischen Glauben wechselten unmittelbar nach Eintritt des Todes
eines Angehörigen ihre hellen Kleider sofort
in schwarze Kleidung. Beim Ableben der Eltern, des Ehegatten bzw. eines Kindes dauerte
das Anzeigen der Trauer ein Jahr. Beim Tod
eines entfernten Verwandten wurde sechs Wochen in schwarzer Kleidung getrauert. Frauen
der katholischen Minderheit im Dorf trugen
ebenfalls ein Jahr lang Trauerkleidung, jedoch
nur an Sonn- und Feiertagen.
Leben in Eime
An die Stelle nachbarschaftlicher Hilfe sind
in einem längeren Prozess spezialisierte Dienstleistungsunternehmen getreten. Gegenüber den
vergangenen Jahrhunderten ist die Dorfbevölkerung ungeübter im Umgang mit Sterbenden
und dem Tod, zumal die Riten, die in der v.g.
Vergangenheit Todesfall und Trauer begleiteten, außer Gebrauch gekommen sind. In der
Gegenwart finden wir in den veröffentlichten
Traueranzeigen der Leine – Deister- Zeitung
den Passus „ Von Beileidsbekundungen bitten
wir abzusehen“. In diesem Satz kommt zum
Ausdruck, dass Trauernde sich keinen Trost
mehr von ihren Mitmenschen erwarten. Tote,
die spurlos verschwinden, sind pflegeleicht:
Sie fallen niemand mehr zur Last und entbinden die Angehörigen von der Verpflichtung,
das Grab in Ordnung zu halten. Es sind vernünftige Beweggründe, die für eine anonyme
Bestattung angeführt werden. Jedoch ist der
Umgang mit Sterben und Tod eine Angelegenheit, bei der man sich bestenfalls vordergründig
von vernünftigen Überlegungen leiten lässt, so
die Einschätzung der Gesprächsergebnisse mit
Zeitzeugen. Es scheint, dass der Trend zur anonymen Bestattung weniger eine Vernuftentscheidung ist. Menschen haben Angst davor,
vergessen zu werden- wo kein identifizierbares
Grab ist, kann es auch nicht vernachlässigt
werden. Einige Personen im Ort wollen sich in
der Gegenwart mit der Endlichkeit des Lebens
nicht befassen. Sie vermeiden die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Sterben und scheuen sich darüber hinaus, die Beziehung zu ihren
nächsten Angehörigen zu klären.
Anmerkungen
1Der Begriff Tradition kommt aus dem Lateinischen und steht für Überlieferungen von Althergebrachten. Sitte beruht auf sozialen Gewohnheiten und Überlieferungen und stellt innerhalb
bestimmter Grenzen verbindliche Verhaltensregelungen innerhalb einer Gemeinschaft auf.
Mit Sitte kann Gewohnheit, Anstand, Kultur
oder moralisches Verhalten gemeint sein. Ritual
kommt aus dem Lateinischen und steht für die
Ordnung der Bräuche des Gottesdienstes. Rituale kennzeichnen einen religiösen Inhalt, der nach
einem immer gleichen Schema verläuft.
2Reichsgesetz über die Beurkundung des Personenstandes und Eheschließung vom 6. Februar
1875, Reichsgesetzblatt 1875, S. 23.
3Reichsgesetzbuch, Bürgerliches Gesetzbuch für
das Deutschen Reich mit dem Einführungsgesetz,
Berlin 1896, § 1317, S. 160.
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