Klassische Moderne-Schwellen

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Klassische Moderne-Schwellen
Sektion 34: Klassische Moderne-Schwellen
(Stand: 18.06.2010)
Leitung: Liebrand, Claudia (Köln, Deutschland)
Ko-Leitung: Mein, Georg (Luxemburg); Börnchen, Stefan (Luxemburg); Goebel, Eckart
(New York, USA)
Gliederung:
1. Theorien der (Klassischen) Moderne (Nr. 1-8)
2. Gattungen und Ästhetik der Klassischen Moderne (Nr. 9-17)
3. Medien und Diskurse der Klassischen Moderne (Nr. 18-28)
4. Studien zu Thomas Mann und zu anderen Autoren (Nr. 29-35)
Freitag, den 30. 7., 15.00-16.30 Uhr
1.
PD Dr. Bernd Hamacher (Universität Hamburg, Deutschland)
Modernisierungsschwellen der Literaturwissenschaft und die Konstruktion der
‚Klassischen Moderne‘
Die beiden Jahrzehnte von Canettis Geburt bis zu Kafkas Tod, die die Autoren der
‚Klassischen Moderne‘ gemeinsam erlebten, bezeichnen gleichzeitig die erste
entscheidende Modernisierungsschwelle der Neueren deutschen Literaturwissenschaft,
nämlich vom ‚Positivismus‘ zur ‚Geistesgeschichte‘. Die Neuausrichtung des Faches
erfolgte in doppelter Optik: einerseits im Blick auf die unverändert geltende, aber neu
interpretierte Orientierungsgröße Goethe, andererseits in Auseinandersetzung mit der
Gegenwartsliteratur und -kultur. Der Sache nach bildete daher ein (erst zu
konstituierender) Gegenstandsbereich ‚Klassische Moderne‘ eine Art ‚Meisterdiskurs‘
für das Selbstverständnis des Faches.
2.
Henriett Lindner, Ph.D. (Katholische Péter-Pázmány-Universität, Budapest,
Ungarn)
Problematisierung des Normalitätsbegriffs im Vorfeld der Moderne
Ausgangspunkt ist die Idee, dass Modernität sich u.a. durch die Problematisierung des
Subjekts und damit des Normalitätsbegriffs definieren lässt, die sich auch in Freuds
programmatischen Satz, das ‚Ich sei nicht mehr Herr im eigenen Hause‘, äußert.
Ausgehend von Theorien E. Friedells und P. Sloterdijks wird die Moderne als ein
Prozess angesehen und der Anfang in der Vormoderne gesucht. Wir richten den Blick
auf jene kulturhistorischen Momente, die die Erschütterung der geistigen Integrität
markieren und vorantreiben: literarisch-psychologische Diskurse vom Narrenschiff
über die Nachtwachen bis hin zu Topoi der deutschen Romantik.
3.
Prof. Dr. Rolf Parr (Universität Bielefeld, Deutschland)
Die Auseinandersetzung mit flexiblem Normalismus als Charakteristikum der
›Klassischen Moderne‹
1
Moderne Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie ›normalistisch‹ orientiert
sind. Sie setzen statt auf Normen oder sehr eng gezogene Spannbreiten des Verhaltens
(›Proto-Normalismus‹) auf die flexible Selbstadjustierung der Subjekte, was
Selbstwahrnehmung impliziert. Dieser flexible Normalismus erfährt in der als
‚klassische Moderne’ bezeichneten Epoche zwischen 1900 und 1925 zwar einen
Entwicklungsschub, sieht sich jedoch während des Ersten Weltkrieg auch mit
gegenläufigen proto-normalistischen Tendenzen konfrontiert. Viele Schriftsteller der
›klassischen Moderne‹ reagieren auf diese Situation, indem sie in ihren Texten mal
Normalitätsgrenzen zu expandieren suchen (nicht zuletzt mit Blick auf Sexualität),
sich mal an Denormalisierungsszenarien und -ängsten abarbeiten, mal spezifische, an
flexiblem Normalismus orientierte Erzählverfahren entwickeln. Dem geht der Vortrag
nach.
Freitag, den 30. 7., 17.00-18.30 Uhr
4.
Dr. Marcel Lepper (Deutsches Literaturarchiv Marbach, Deutschland)
Klassische Moderne. Zur Konstituierung eines Epochenbegriffs
„Make your next event a modern classic”, so wirbt das Museum of Modern Art, NY,
im Herbst 2008 für sein Veranstaltungs- und Dienstleistungsangebot. Klassische
Moderne kann als Erfolgsbegriff der Literaturgeschichtsschreibung gelten. Die
Tendenz zum Oxymoron, vermittelnder gefasst, die Schwellenhaftigkeit des Begriffs
selbst, hat zu diesem Erfolg nicht unwesentlich beigetragen. In einem
wissenschaftsgeschichtlichen Beitrag wäre zu entwickeln, auf welchen Wegen der
Begriff konstituiert wurde, inwiefern er selbst für die Beschreibung literarischer
Phänomene konstitutive Macht entfalten konnte, wie seine Festigung und Fragilität
veranlagt sind – dies pointiert und thesenhaft aufgrund sorgfältiger Untersuchungen
am Archivmaterial.
5.
Anna Sandberg-Rasmussen, Ph.D. (Universität Kopenhagen, Dänemark)
Die deutsche Klassische Moderne und der moderne Durchbruch Skandinaviens. Eine
Epochendiskussion
Dieser Vortrag wird Vorläufer der deutschen Moderne um 1900 in der
skandinavischen Moderne mit Autoren wie Ibsen, Strindberg, Herman Bang und J.P.
Jacobsen zu etablieren versuchen. Gerade dieser nordische Durchbruch (u.a. initiiert
von Georg Brandes’ Vorlesungen 1871) ist eine einmalige und grosse Anregung für
die deutsche Klassische Moderne und übt Einfluss auf Autoren wie Thomas Mann und
Rilke. Im Zentrum wird die Frage nach dem Verhältnis von sozialer und ästhetischer
Moderne in dieser doppelten und zeitverschobenen deutsch-skandinavischen
Epochenschwelle stehen, die aus einer komparatistischen Perspektive gut beleuchtet
werden kann
6.
Dr. Stefan Hajduk (University of Limerick, Ireland)
Auf der Schwelle zum Anderen – Zur Überschreitung von Selbstreflexivität als
Kriterium der Moderne
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In meinem Vortrag möchte ich das in der Sektionsbeschreibung als möglicher
„gemeinsamer Nenner“ anvisierte Kriterium problematisieren, nach welchem sich
Literatur als zur klassischen Moderne zugehörig identifizieren lassen könnte:
Selbstreflexivität. Mein Interesse richtet sich dabei auf die heterogenen Formen der
thematischen Gestaltung und textuellen Organisation von Selbstreflexivität als einer
ästhetischen Figur, in der Denken und Darstellen miteinander verbunden sind. Und
zwar mit der Ausrichtung auf die Frage, ob die Art dieser Verbindung Auskunft gibt
über die (Post-)Klassizität, (Post-)Modernität, und nicht zuletzt die Qualität von
Literatur.
Samstag, den 31. 7., 11.30-13.00 Uhr
7.
Prof. Dr. Stefan Scherer (Karlsruher Institut für Technologie, Deutschland)
‚Synthetische Moderne‘. Eine Epochenschwelle um 1925
Spätestens um 1925 findet in der deutschen Literatur eine Abkehr vom
Expressionismus statt, die üblicherweise unter dem Rubrum Neue Sachlichkeit
verbucht wird. Genauer besehen werden hier die bis dahin etablierten Stiloptionen (‚ismen‘) synchronisiert, so dass sie reflexiv und kombinatorisch verfügbar werden, um
damit Phänomene des ‚modernen‘ Alltags und seiner neuen Populärkultur auf
literarische Weise zu vermitteln. Zugleich will diese Literatur ihren Leser über die
‚modernen Zeiten‘ orientieren, d.h. zur Trost- und Sinnstiftung gegenüber ihrer
Komplexität beitragen. Mit diesem Synthese-Anspruch setzt eine Phase in der
deutschen Literatur ein, die bis etwa 1955 reicht.
8.
Christoph Kleinschmidt, M.A. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster,
Deutschland)
Zwischen Tradition und Innovation. Strategien der Abgrenzung in den Kunsttheorien
der Literarischen Moderne
Die Literaturgeschichte kennt seit jeher Programmatiken, die den eigenen Status im
Diskurs der Literatur versichern wollen, nie aber waren sie so radikal wie in der
Literarischen Moderne. In einer Rhetorik der Revolte versuchen sich gerade jene
Strömungen, die unter dem Signum der ‚Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen‘
stehen, auf radikale Weise voneinander abzugrenzen. Ziel des Vortrages ist es, die
Strategien dieser Delimitation anhand ausgewählter Manifeste und Programmatiken
der Moderne zu untersuchen.
9.
Dr. Dirk Werle (Universität Leipzig, Deutschland)
Moderne und Antimoderne. Übergänge in Ruhm-Gedichten um 1900
Die Autoren, die unter dem Label ‚klassische Moderne‘ geführt werden, sind vor
allem als Autoren von Prosatexten bekannt. Die Definition von ‚Moderne‘ als Periode
eines verstärkten Aufkommens form- wie inhaltsinnovativer Entwicklungen umfasst
besonders aber auch die Lyrik, an der sich die als moderne-typisch aufgefasste
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Ausdifferenzierung von Strömungen und Stilen gut beobachten lässt. Am Beispiel
dreier Gedichte, die alle eine genuin unmoderne Kategorie, den Ruhm, zum Thema
haben, wird untersucht, wie verschiedene Aspekte der epochalen ‚Moderne-Schwelle‘
um 1900 in den Texten selbst thematisiert werden. Die untersuchten Texte sind Der
Ruhm? (1886) von Arno Holz, Die Illusion (1893) von Richard Dehmel und Was ist
der Ruhm? (~1902) von Ernst Stadler.
Samstag, den 31. 7., 14.30-16.00 Uhr
10.
Marie-Christin Wilm, M.A. (Freie Universität Berlin, Deutschland)
Wann beginnt die moderne Tragödie?
Anhand der Frage: „Wann beginnt die moderne Tragödie?“ lassen sich die
Schwierigkeiten einer Bestimmung der Epochenbezeichnungen Klassische Moderne
(um 1900) und Erste Moderne (um 1800) im Hinblick auf einen gemeinsamen
Moderne-Begriff aufzeigen. Einerseits verweist die Tragödie immer auf ihren
klassischen Ursprung und scheint ohne Rückbezug auf jenen ihre
Gattungszugehörigkeit zu verlieren. Andererseits beansprucht nicht nur der
tragödientheoretische Diskurs um 1800 bzw. um 1900 eine spezifisch moderne
Tragödie zu generieren, vielmehr ist dieser Anspruch jedem Versuch einer
Transformation der antiken Gattung in die Moderne inhärent, ganz gleich ob es sich
um Shakespeare, Racine, Schiller, Hofmannsthal, Brecht oder Heiner Müller handelt.
11.
Dr. Fabian Lampart (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland)
Eine Schwelle zur ‚Klassischen Moderne‘: Europäische Romanexperimente um 1910
Joyces Ulysses (1922), Manns Zauberberg (1924) oder Gides Les Faux-Monnayeurs
(1925) gelten als kanonische Beispiele für das Erzählen der ‚Klassischen Moderne‘.
Dort präsentierte Erzählkonzepte wurden aber bereits im vorangehenden Jahrzehnt
erprobt. Das geschah meist in Romanen, die beim Versuch, narrative Formationen für
als ‚neu‘ verstandene Problemzusammenhänge zu entwickeln, einen Übergangsraum
umreißen, der für das Erzählen um 1910 charakteristisch zu sein scheint. – Im Beitrag
werden vier europäische Romanexperimente konfrontiert, um die Koordinaten der
Schwelle zur ‚Klassischen Moderne‘ zu präzisieren: Luigi Pirandellos Il fu Mattia
Pascal (1904); Thomas Manns Königliche Hoheit (1909); André Gides Les Caves du
Vatican (1914); und James Joyces A Portrait of the Artist as a Young Man (1914/15).
12.
Dr. Anja Gerigk (LMU München, Deutschland)
Die Schwelle zur Überschreitung – der transgressive Roman der Moderne
Romane der Klassischen Moderne, ihre Motivik und Erzählweise erschließen eine
kulturtheoretische Zentralfigur: Transgression. Kultur wird als paradoxer
Wechselbezug von Grenzziehung und Überschreitung (Neumann/Warning 2003)
reflektiert. Der Übergang zum transgressiven Roman soll anhand von
Schwellenphänomenen beobachtet werden. Döblins Die drei Sprünge des Wang-lun
und Jahnns Perrudja lassen die Gattungsmuster Bildungsroman und Utopie hinter
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sich. In solchen liminalen Zonen wird erkennbar, dass sich nicht nur Subjekte und
Kulturen erst durch Transgression konstituieren, sondern auch das Erzählen und der
individuelle Text.
Samstag, den 31. 7., 16.30-18.00 Uhr
13.
Dr. Raluca-Mihaela Hergheligiu (‚Stefan cel Mare‘ Universität Suceava,
Rumänien)
Le modernisme... à travers le postmodernisme: Mittel zur Objektivierung der Zeit bei
Thomas Mann und Marcel Proust
Trotz der oft signalisierten Inkompatibilität zwischen Thomas Mann und Proust
erweist sich eine ausführliche Analyse der in ihren literarischen Werken verwendeten
Mittel zur Stilisierung der Zeit als sinnvoll, um den Vergleichbarkeitsgrad der zwei
Autoren zu bestimmen. Nicht selten gehen sie auf typische Objektivierungsverfahren
ein, die die Selbstreferentialität des Schreib- oder Erzählaktes als Voraussetzung
haben. Allerdings ist diese ‚postmoderne‘ Neigung, die Zeit anhand der
Ausdrucksmittel zu objektivieren, bei Thomas Mann nicht zuletzt in bezug auf seine
Proust-Rezeption zu interpretieren, die jedwede konsequente Auseinandersetzung mit
seiner Biographie ans Licht bringt.
14.
Dr. Martin Roussel (Universität zu Köln, Deutschland)
Schrift/en. Singularität und Pluralität der Literatur (Baudelaire, Nietzsche)
Am Beispiel von Autographen Baudelaires und Nietzsches soll das Verhältnis von
Singularität und Pluralität der Literatur in der Moderne diskutiert werden. Mit der
Schrift als Handlungsraum von Literatur interessiert mich weniger die materielle
Dimension der Schriftbildlichkeit, sondern die Singularisierung des Schreibens als
Bedingung für Pluralität: Literatur in diesem Sinn eröffnet ein ‚Singulär-Plural-Sein‘
(Jean-Luc Nancy), das der klassischen Moderne in der Doppelfigur von Schreiben und
Lesen ein paradoxes Spannungsmoment vorgibt. Zugleich verweigert diese
gewissermaßen programmierte wie programmatische Schwellenfunktion eine
einheitliche Konstitution als Kulturpoetik der Moderne.
Montag, den 2. 8., 11.30-13.00 Uhr
15.
Dr. des. Thomas Ernst (Université du Luxembourg, Luxemburg)
Das Altern des Neuen.
Die klassische Moderne als Avantgarde in der Ästhetik Theodor W. Adornos
Kein Kunstwerk, so Theodor W. Adorno apodiktisch, sei seit der Mitte des
19. Jahrhunderts „mehr gelungen, das gegen den wie immer auch schwebenden
Begriff von Moderne sich spröde machte”. Die von ihm postulierte Hinwendung zum
Neuen und Experimentellen, sein dialektisches Denken sowie seine Behauptung, in
der modernen Kunst sei „Humor selbst [...] albern: lächerlich geworden”, wären
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jedoch zu problematisieren – gerade auch am Beispiel von Kafkas Prosa und Becketts
Dramen, die Adorno immer wieder als Paradebeispiele für seine Theoreme heranzieht.
16.
Daniel Ulbrich, M.A. (Universität Jena, Deutschland)
Der spezifisch extremistische Charakter. Hermann Brochs Schlafwandler zwischen
ästhetischer und politischer Moderne
Mit ihrer narrativen Binnenstruktur, erhebt Hermann Brochs Trilogie Die
Schlafwandler keinen geringeren Anspruch, als eine literarische Reflexion der Genese
und Genealogie der Gegenwart zu leisten – und gibt sich so als Roman der ModerneSchwellen im Wortsinne zu erkennen. Er bezieht poetisch-poetologisch Stellung zu
einer zweiten zentralen Errungenschaft dieser ersten Moderne: der dezidiert
politischen Literatur. Es wird versucht, das Spektrum an ästhetisierenden und
politisierenden Schreibweisen aufzufächern, das der Roman gebraucht, anzitiert und
kommentiert, um in der Konfrontation von intertextuellen Bezugnahmen mit ihrer
jeweiligen narrativen Einbettung genaueren Aufschluss über die Selbstverortung der
Schlafwandler im Raum der Moderne(n) mit ihrem „spezifisch extremistischen
Charakter“ (Broch) zu erhalten.
17.
Prof. Dr. Sabine Kyora (Universität Oldenburg, Deutschland)
Dekonstruktion und Rekonstruktion : Zur Spezifik modernen Erzählens
Charakterisieren könnte man das moderne Erzählen der 20er und 30er Jahre des
20. Jahrhunderts als Rekonstruktion des Erzählens auf unsicherem Boden. Unsicher,
weil die Diskurse des Essentiellen, die auch die Erzählbarkeit garantieren, um 1900 an
Geltung verlieren. Verarbeitet werden in den deutschsprachigen Romanen der
klassischen Moderne die Subjektdarstellung der Romantik, Nietzsches Philosophie
und die Sprachskepsis des Symbolismus, insofern wäre die Zeit seit 1800 als
Schwellenraum zu verstehen, dessen Elemente sich bis 1900 entwickeln. Mit der
Dekonstruktion ihrer wichtigsten Kategorien konfrontiert, rekonstruieren
deutschsprachige Romane der 20er und 30er Jahre Erzählbarkeit, ohne wieder die
Essentialität ihrer Kategorien zu behaupten.
Montag, den 2. 8., 15.00-16.30 Uhr
18.
Prof. Dr. Annette Simonis (Justus-Liebig-Universität Gießen, Deutschland)
Bedeutungspluralisierung und produktive ästhetische Störungen in der klassischen
Moderne zwischen den Künsten und Medien – Hugo von Hofmannsthal, Oscar Wilde
u. a.
Die klassische Moderne ist eine Epoche intensiver Medienreflexion. In literarischen
Texten haben um und nach 1900 Kunst- und Medienzitate Hochkonjunktur. Autoren
wie Hugo von Hofmannsthal und Oscar Wilde beziehen nicht nur vielfältige
Anregungen aus dem Bereich der bildenden Kunst, sondern sie integrieren ihren
Werken darüber hinaus auch subtile Zitatstrukturen und ein intermediales Profil
eigener Art. Zu analysieren wäre – im Anschluss an die neuere Forschung, inwiefern
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jenes intermediale Gestaltungs- und Bedeutungspotential gezielt zu einer spezifisch
modernen Profilgebung der betreffenden Werke genutzt wird.
19.
Dr. des. Martin Doll (ICI Kulturlabor Berlin, Deutschland)
„[D]as war ein kosmisches Erdbeben. Das war die Dummheit!“ – Karl Kraus’
Medienpolemik als praktische Kritik am „klassischen Humanismus“
Am 22. Februar 1908 erscheint in der Wiener Neuen Freien Presse ein Leserbrief des
Zivilingenieurs J. Berdach. Dort wird eine Erdbebenerfahrung geschildert mit
Hinweisen etwa auf ein „Zittern in der Hand“ oder mit einer fachwissenschaftlichen
Differenzierung in tellurische und kosmische Erdbeben. Kaum eine Woche später
folgt ein Artikel in der Fackel, in dem Karl Kraus – verbunden mit einer scharfen
Verurteilung des Journalismus – offenlegt, dass die Zuschrift von ihm gestammt habe.
Ich möchte diese Fake-Strategie von Kraus, die später von Arthur Schütz in seinen
Grubenhunden wieder aufgenommen und wiederum von Kraus entsprechend
kommentiert wurde, als praktische Kritik verstehen.
20.
Robert Hodoyni, M.A. (TU Dresden, Deutschland)
Die expressionistische Moderne als neue Renaissance? Adolf Behnes Zur neuen Kunst
(1915) und die Ästhetik des Berliner Sturm-Kreises
Die 1910 von Herwarth Walden gegründete Zeitschrift Der Sturm gehörte zu den
wichtigsten Kommunikationsorganen der Berliner Moderne. Neben Mitarbeitern wie
Alfred Döblin, Gottfried Benn, oder Else Lasker-Schüler war es vor allem der Kritiker
Adolf Behne, der in seinen Beiträgen Kunst der expressionistischen Moderne in einem
entwicklungsgeschichtlichen Modell positionierte. Hintergrund der Ausführungen in
Behnes Buch Zur neuen Kunst (1915) bilden dabei bestimmte Denkfiguren, welche
die kulturellen Umbrüche um 1900 mit den epochalen Umwälzungen und
Transformationsprozessen der Künste in der frühen Antike und dem beginnenden
Quattrocento parallelisieren. Es wird analysiert, inwieweit diese kairologische
Schwellenerfahrung die ästhetische Produktion beeinflußt hat, und welcher Umgang
mit dem ‚humanistischen Erbe‘ daraus resultiert.
Montag, den 2. 8., 17.00-18.30 Uhr
21.
PD Dr. Harald Neumeyer (Universität Bayreuth, Deutschland)
Psychen-Narration um 1900. Zur wissenschaftlichen und literarischen Gestaltung
pathologischer Fälle
Der Vortrag möchte anhand einer Erörterung literarischer Texte von Hugo von
Hofmannsthal, Georg Heym und Gottfried Benn auf der einen und psychologischer
bzw. psychoanalytischer Texte von Sigmund Freud bis Eugen Bleuler auf der anderen
Seite nachweisen, wie im Parallellauf von wissenschaftlichen und literarischen
Geschichten über pathologische Fälle es zu einer schrittweisen Modifikation der
Wahrnehmungsmodi wie Darstellungsweisen pathologischer Zustände kommt und wie
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dadurch eine Binnendifferenzierung innerhalb der klassischen Moderne vorgenommen
werden kann.
22.
Andrew Webber, Ph.D. (Churchill College, Cambridge, UK)
Stelle und Schwelle. Zur Psychotopographie der Moderne nach Benjamin
Neben der Passage gehört die Schwelle als Grundfigur zu Benjamins Erörterung der
Topographie der Moderne und ihren psychischen Besetzungen. An solchen
Übergangsstellen gerät der dialektisch bewegliche Wisstrieb des Topographen in
Stillstand. Dabei wird die Stelle als Topos der Bestimmung von persönlicher und
räumlicher Befindung in die buchstäblich geschwollene Form der Schwelle entstellt.
Ziel dieses Referats ist es, anhand von Schwellenerlebnissen – bzw.
Schwellenerfahrungen – in Texten von Benjamin diese Entstellung als Muster für die
psychotopographische Raumauffassung der klassischen Moderne darzulegen.
23.
Dr. habil. Christine Kanz (Philipps-Universität Marburg, Deutschland)
Zwischen Kultur und Wissenschaft: Männliche Gebärphantasien in Literatur, Kunst
und Film (1890-1933)
Dass Männer davon träumen, Kinder zu gebären, ist nicht wirklich neu. Zwischen
1890 und 1933 wurden ‚männliche‘ Gebärphantasien allerdings zu einem kulturellen
Massenphänomen: Der Vortrag wird einige der Geburtsphantasien in Literatur, Film
und Kunst der Kulturellen Moderne vorstellen und sie in ihren kulturellen und
wissenschaftlichen Kontexten situieren. Der Fokus wird sich dabei insbesondere auf
einen der Schlüsseltexte der Kulturellen Moderne richten: F. T. Marinettis
‚afrikanischen‘ Roman Mafarka der Futurist (1909).
Dienstag, den 3. 8., 11.30-13.00 Uhr
24.
Dr. Nicola Gess (Freie Universität Berlin, Deutschland)
Moderne im Zeichen eines literarischen Primitivismus
Ich möchte den Modernebegriff über die Frage nach einem literarischen Primitivismus
neu konturieren, und zwar am Leitfaden des so genannten ‚magischen Denkens‘, das
die Ethnologie und andere Humanwissenschaften ebenso wie die Sprachtheorie und
Literatur des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigt und motivisch wie strukturell
inspiriert. Literarische Beispiele werde ich Texten von Benjamin, Benn und Musil
entnehmen.
25.
Dr. Oliver Kohns (Universität zu Köln, Deutschland)
Nichts denken, nichts sein. Dummheit und Zerstreuung als telos der Modernität in
Robert Walsers Jakob von Gunten
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Jakob von Gunten irritiert durch Paradoxien: Die wesentlich in einer Ausbildungsstätte spielende Handlung führt keinen Entwicklungsgang vor. Stattdessen verkündet
der Protagonist bereits auf den ersten Seiten des Romans seine Ziellosigkeit: „Ich
werde eine reizende, kugelrunde Null im späteren Leben sein“. Jakob von Gunten ist
weniger ein Roman der „Moderne-Schwelle“ als vielmehr ein Text, der Moderne als
Epoche der Schwelle – ohne jede dahinter liegende Substanz – lesbar macht. Mein
Vortrag möchte die paradoxen Figuren dieser Modernitätslogik in Walsers Roman,
insbesondere den Zusammenhang von Dummheit, Zerstreuung und Modernität, nachzeichnen.
26.
Björn Moll, Master of Arts (USA) (Universität zu Köln, Deutschland)
Das Menschenexperiment bei Mann, Musil und Canetti
Der Zauberberg umfasst mit seiner Entstehungszeit einen Großteil des Zeitraums der
‚Klassischen Moderne und spannt unterschiedliche Wissensbereiche des
20. Jahrhunderts in ein enzyklopädisches Netzwerk ein. Das Wissen wird in
Verhältnis zu einem phantasmatischen Menschenbild gesetzt, das sich anhand der
Koordinaten eines Menschenversuchs buchstabiert. Der Vortrag will Perspektiven
einer Betrachtung des Romans anhand der Elemente ‚Isolieren‘, ‚Irritieren‘,
‚Observieren‘, ‚Protokollieren‘ und ‚Interpretieren‘ eröffnen und im Vergleich zu den
Menschenexperimenten in Elias Canettis Blendung und Robert Musils Mann ohne
Eigenschaften konzeptualisieren.
Dienstag, den 3. 8., 15.00-16.30 Uhr
27.
Mag. Yasuyuki Miyagi (Universität Wien, Österreich)
Die Bedeutung der Kritik der Säkularisierung in der Literatur an den Klassischen
Moderne-Schwellen
In meinem Vortrag wird erläutert, welche Rolle die Kritik der Säkularisierung an den
Klassischen Moderne-Schwellen spielt. Hier bedeutet die Säkularisierung einen
Prozess bzw. Versuch, die Kultur in Substitute der Religion umzuformen, der schon
seit der Reformation ständig durchgeführt wurde. Die Selbstreflexivität der Literatur,
nämlich die in Werken verinnerlichte Kritik, kann z.B. in dieser Hinsicht als Ausdruck
des Zerbruchs dieser Surrogate und zugleich des Durchbruchs der Transzendenz
verstanden werden. Die Bedeutung dieser Kritik ist v. a. theoretisch bei Benjamin und
Tillich, praktisch bei Kafka und Expressionisten erneut zu untersuchen.
28.
Eun Ju Suh (LMU München, Deutschland)
Die Topologie der Klassischen Moderne: Seiltanz zwischen Moderne und
Postmoderne
Zwischen dem der Moderne der Postmoderne kritisiert die Klassische Moderne die
Ideologie der Moderne, die in der Verbergung des Mangels des Symbolischen besteht.
Die Literatur der Klassischen Moderne enthüllt die unterdrückte Wahrheit der Illusion
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der Vollständigkeit und der Vollkommenheit, der Konsistenz und der Kohärenz der
Moderne.
Das theoretische Fundament dieses Thema zugrundegelegt bilden Jacques Lacans
zentrale Kategorien. Für eine literaturhistorische Analyse der Klassischen Moderne ist
allerdings eine Modifikation von Lacans theoretischen Bezugsrahmen nötig. Sie
besteht in einer Abwandlung von Lacans Theoriekonzept in ein analytisches
Instrument, in dem Historizität und Transhistorizität eine methodologische
Verbindung eingehen.
29.
PD Dr. Michael Niehaus (Universität Bielefeld, Deutschland)
Die Stellung des Erzählsubjekts in den Sanatoriumsromanen Der Zauberberg von
Thomas Mann und Das letzte Kapitel von Knut Hamsun
Thomas Manns Der Zauberberg und Knut Hamsuns Das letzte Kapitel schon
mehrfach zum Vergleich aufgefordert. Beide Romane rüsten den von ihnen gewählten
Schauplatz zu einer Laborsituation auf: Die von ihrem ‚Sitz im Leben‘ abgekoppelten
menschlichen Beziehungen werfen einerseits letzte Fragen der menschlichen
Gemeinschaft auf, andererseits werden diese Verhältnisse selbst als Effekte einer
degenerierten Scheinwelt betrachtet. Angesichts einer solchen Ambivalenz steht auch
die Stellung des Erzählsubjekts zur ‚erzählten Welt‘ zur Disposition. Dass die erzählte
Welt auf der einen Seite ‚intakt‘ bleibt, auf der anderen Seite jedoch auch
erzähltechnisch gleichsam ‚angekränkelt‘ ist, lässt diese beiden Romane in besonderer
Weise als Elaborate der – stets ‚lesbaren‘ – klassischen Moderne erscheinen.
Mittwoch, den 4. 8., 11.30-13.00 Uhr
30.
Dr. Gabriele von Bassermann-Jordan (LMU München, Deutschland)
Kafkas Bericht für eine Akademie als Spiel mit dem Konzept des Erhabenen
Das Stichwort des „Erhabenen“ fällt in einem Satz der Erzählung zweimal: „Und so
wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende
Täuschung zu den erhabensten.“ Der Affe Rotpeter beschreibt mit diesen Worten
seine Situation, die sich als klassischer Ausgangspunkt für den Aufschwung zum
Erhabenen begreifen läßt: Er ist gefangen in einem Käfig und „ohne Ausweg“.
Nach Kant und Schiller muß das Subjekt in einer solchen Situation den vernünftigen
Teil seiner Natur aktivieren, der ihm darüber hinweghilft, daß der sinnliche Teil der
Natur eine Niederlage erfährt. Eben dies tut Rotpeter.
Konterkariert wird Rotpeters Aufschwung zum Erhabenen aber duch verschiedene
Handlungen. Kafka spielt also mit dem ehrwürdigen Konzept des Erhabenen.
31.
Dr. Wiebke Amthor (Freie Universität Berlin, Deutschland)
„Du stehst vor dem Glanz einer Pfütze […] und wartest“ (Kafka). Figuren und Räume
des Wartens bei Kafka und Walser
In der klassischen Moderne werden vermehrt Zonen und Räume thematisch, die das
Zögern und die doppelte Blickrichtung in Vergangenheit und Zukunft umfassen. In
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solchen Zonen, in denen wie in einem Variétéakt „allemal zugleich etwas und nichts
geschieht“ (Adorno), wird ‚gewartet’. Im Vortrag sollen die topologischen Aspekte
des Wartens in der klassischen Moderne akzentuiert werden. Anhand von Kafkas und
Walsers kleiner Prosa sind Figuren und Räume zu untersuchen, die Epochen
übergreifend dem Warten zugeordnet werden, in ihrer spezifischen Ausgestaltung
jedoch als typisch für die klassische Moderne gelten können.
32.
Irmtraud Hnilica, M.A. (Universität zu Köln, Deutschland)
Else Lasker-Schüler: Eine Moderne auf der Schwelle
Nennt man die Namen der Autoren der Klassischen Moderne, also Schnitzler,
Hofmannsthal, Thomas Mann, Robert Walser, Musil, Kafka, Broch und Canetti, dann
scheint es beinahe, als sei die Epoche der Klassischen Moderne stärker noch als
andere männlich geprägt. Der Vortrag möchte dafür plädieren, Else Lasker-Schüler in
diesen Kontext zu integrieren. Die Materialität der Schrift, Selbstreflexivität und
Prozesse der Bedeutungsverdichtung, Elemente der Klassischen Moderne also, prägen
ihre Lyrik, die zugleich ein Spiel mit anachronistisch erscheinenden
(neo-)romantischen Chiffren betreibt, mithin die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
zelebriert.
Mittwoch, den 4. 8., 15.00-16.30 Uhr
33.
Thomas Wortmann, M.A. (Universität zu Köln, Deutschland)
Avantgarde im Plauderwinkel – Thomas Manns Gefallen
Ziel des Vortrages ist es, Thomas Manns Gefallen nicht als ‚Fingerübung’ zu lesen,
sondern als literarischen Text ernst zu nehmen und auf sein ‚modernes’ Potential hin
zu lesen, sich dem Text also so zu nähern, wie sich die Forschung auch den Texten
Kafkas oder Musils zu nähern bemüht ist.
34.
Prof. Dr. Hye Yang Shin (Sookmyung-Frauen-Universität, Seoul)
Hermann Brochs Bergroman aus der psychoanalytischen Perspektive
Broch hat auf der Basis seiner philosophischen Theorie seine Dichtung selbst
interpretiert. Seine Theorie und Selbsterläuterungen haben deshalb lange die
Rezeption seiner Dichtung beeinflusst. Es bestand aber so die Gefahr, sein Werk zu
sehr von den Intentionen des Autors her zu lesen.
In meinem Referat werde ich deshalb versuchen, Brochs Bergroman mit Hilfe der
Traumdeutung zu kontextualisieren und sowohl den Roman als auch den Autor aus
der psychoanalytischen Perspektive zu verstehen. Dabei wird sich zeigen, dass das
Fragment Bergroman stark autoreflexiv ist.
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35.
Dr. Achim Küpper (Université de Liège, Belgien)
„Die Komödie muss aus werden“. Schwellenbewusstsein und Selbstreflexivität bei
Arthur Schnitzler: Die kleine Komödie von 1895
Der Beitrag weist auf Aspekte selbstreflexiven Schreibens bei Arthur Schnitzler hin
und bezieht diese in einen Epochenkontext ein. Anhand der Erzählung Die kleine
Komödie, einem „intertextuellen Mummenschanz“ (Beßlich), soll deutlich werden,
wie Schnitzler durch gezielte Meta-Kommentare werkintern sein künstlerisches
Selbstverständnis in jener Übergangszeit um die Jahrhundertwende exponiert.
Selbstreflexivität zeugt hier von einem epochalen Schwellenbewusstsein, welches sich
jedoch in mehr als einer Hinsicht als ein Grenzbewusstsein erweist.
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