Erich Petschauer DAS JAHRHUNDERTBUCH DER GOTTSCHEER

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Erich Petschauer DAS JAHRHUNDERTBUCH DER GOTTSCHEER
Gottscheer Schriften digital
DAS JAHRHUNDERTBUCH
DER GOTTSCHEER
Erich Petschauer
1980
Herausgeber: Hermann Leustik
Ein Service von http://www.gottschee.at
Mit freundlicher Genehmigung des
Wilhelm Braumüller Verlages – Wien
http://www.braumueller.at
Neubearbeitung:
Mag.Ing. Hermann Leustik, Klagenfurt
© 2005 Leustik
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Erich Petschauer
DAS JAHRHUNDERTBUCH
DER GOTTSCHEER
Bearbeitet von
Hermann Petschauer
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Umschlagentwurf: Ulrike Dietmayer
Umschlagphoto: W. Verderber
Alle Rechte vorbehalten
© 1980 by Wilhelm Braumüller, Universitäts-Verlagsbuchhandlung Ges. m. b. H.,
A-1092 Wien
ISBN: 3 7003 0243 6
Satz: Friedrich Jasper, Tongasse 12, A-1030 Wien
Druck: Adolf Holzhausens Nfg., A-1070 Wien
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Dr. Erich Petschauer
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort .............................................................................................................. 7
Einführung ........................................................................................................ 10
Kleine Landeskunde............................................................................................ 14
11 bis 13. Jahrhundert ........................................................................................ 16
Das 14. Jahrhundert ........................................................................................... 23
Das 15. Jahrhundert ........................................................................................... 46
Das 16. Jahrhundert ........................................................................................... 51
Das 17. Jahrhundert ........................................................................................... 60
Das 18. Jahrhundert ........................................................................................... 62
Das 19. Jahrhundert ........................................................................................... 63
Das 20. Jahrhundert - Teil 1 ................................................................................ 87
Das 20. Jahrhundert - Teil 2 - Der Tragödie letzter Akt ............................................ 98
Das 20. Jahrhundert - Teil 3 - Schlussakkord in Moll.............................................. 128
Verein der Deutschen aus Gottschee, Wien................................................. 149
"Gottscheerland", Graz ............................................................................. 150
"Gottscheerland", Klagenfurt ..................................................................... 151
Gottscheer in Deutschland ........................................................................ 152
Gottscheer Zeitung .................................................................................. 154
Der Gottscheer in aller Welt ...................................................................... 156
Gottscheer Kulturwoche............................................................................ 159
Der Gottscheer Waldbauer wird zum Städter ............................................... 164
Gottscheer Fluggäste ............................................................................... 166
Gottscheer und Slowenen ......................................................................... 171
Der Kreis schließt sich....................................................................................... 175
Anhang........................................................................................................... 178
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Vorwort
Im Jahre 1969 mußte Dr. Erich Petschauer vorzeitig in den Ruhestand gehen, weil er infolge eines Augenleidens Schriften in normaler Größe nicht mehr lesen konnte. Fortan
benutzte er seine Zeit, um die Geschichte seiner Heimat Gottschee zu erforschen mit
dem Ziel, das Werden und Vergehen dieses Völkchens in den letzten 600 Jahren aufzuzeigen. 1971 erhielt er von der Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften
den Auftrag, das Ergebnis seiner Arbeiten in einem Buch zusammenzufassen und der
Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ein Auftrag, der ihm Ansporn war und Lebensinhalt
wurde.
Am 6. September 1977 ist Dr. Erich Petschauer, kurz vor Erreichung seines 70. Lebensjahres, in Hirschau am Chiemsee in Bayern, gestorben. Ein langjähriger Diabetes hatte
zu seiner völligen Erblindung geführt. Schreiben konnte er daher sein Buch nicht mehr
selbst. In mühevoller Kleinarbeit besprach er 23 Tonbänder, die dann zu Papier gebracht
wurden. Sein Bruder hat nach den Anweisungen des Autors das Manuskript geordnet
und, soweit dies die Kapitel der jüngsten Geschichte betrifft, ergänzt.
Noch am 5. August 1977 ersuchte mich Erich Petschauer, das Vorwort zu schreiben: „...
Was meiner Meinung nach unbedingt in Deinen Ausführungen enthalten sein sollte, ist
die Feststellung, daß dieses Buch eben noch zurechtkommt, um der letzten, in der alten
Heimat geborenen Generation von Gottscheern das Gesamtschicksal ihres Völkchens vor
Augen zu führen. Nicht verschweigen sollte man meiner Meinung nach außerdem, daß
dieses Buch in die Hände der noch Gottscheebewußten Jugend gehört ...”
Wir sind Dr. Erich Petschauer zu großem Dank verpflichtet, ist es doch die einzige Arbeit
eines Gottscheers, die sich intensiv mit der Geschichte dieses Völkleins von seinem Anbeginn bis 1977 befaßt. Als Student in Leipzig hat Dr. Petschauer schon an Grothes Werk
„Die deutsche Sprachinsel Gottschee” maßgeblich mitgearbeitet. Der gelernte Journalist
hatte sein Ohr immer am Puls des Lebens und des Schicksals seiner Landsleute. Dazu
kam sein Erleben als Gottscheer: Er hat seine Jugend im „Ländchen” verbracht, kannte
so Freude und Not der Menschen. Geschichte ist hier also selbst erlebtes, erlittenes
Schicksal.
In diesem Buch — das weiß ich aus Gesprächen mit dem Autor — hat Doktor Petschauer
versucht, eine genaue Schilderung des Landes zu geben. Der Leser wird feststellen können, daß der Verfasser die Vielgestaltigkeit des Gottscheer Ländchens, die Weite seiner
Wälder und die fast unirdische Ruhe geliebt hat, die Stille, die für das menschliche Ohr
oft absolut zu sein scheint, jene Stille, die einen mitten in der Nacht aufwecken kann,
wenn das Rauschen des Waldes plötzlich verklungen ist oder wenn der Chor der Grillen
auf einmal verstummt.
Mancher Leser wird das Gottscheerland nicht mehr sehen oder gar erleben können. So
bleibt zu hoffen, daß ihm dieses Buch einen annähernden Eindruck von seiner Schönheit
und Vielgestaltigkeit, von seiner wechselhaften Geschichte zu vermitteln vermag, vor
allem aber, daß es ihn zurückführt in die Jugendzeit, in die Besinnlichkeit und Vertrautheit, in das Erlebte, in die Geschichte und wieder in die Gegenwart.
Wer den Forschungsdrang Dr. Petschauers kannte, der weiß, daß ihm die Leidenschaft,
Sachverhalte objektiv zu beschreiben, über alles ging. Der wird auch dieses Buch als einen rein um der Sache willen geschriebenen historischen Beitrag zur Erhellung wichtiger
Probleme des Gottscheerlandes vom Anfang seines Bestehens an bis zum Ende zu würdi-
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gen wissen. Ich bin auch überzeugt, daß das „Jahrhundertbuch der Gottscheer” das umfangreichste historische Dokument ist, das je über unser Völklein geschrieben wurde.
Der Autor hat unendlich viel Material gesammelt, nach Quellen geforscht, dann alles systematisch geordnet, was bei seiner Sorgfalt und Genauigkeit Jahre gedauert hat. Zunächst entstanden Fragmente, Skizzen, kurze Abhandlungen, die zum Teil in der „Gottscheer Zeitung” veröffentlicht wurden. Es gehört schließlich Mut dazu, ein „Geschichtebuch” über ein 650 Jahre altes Völklein, das im Vergehen begriffen ist, zu schreiben, damit der Nachwelt ein objektives Bild des Landes und des Volkes gegeben wird.
Dr. Petschauer war bemüht, von vornherein jeder Kritik zu begegnen und das Werk nach
objektiven Maßstäben auf historischen Gegebenheiten aufzubauen. Er scheut aber auch
keine Kritik, wenn er Fragen, die ins Volkspolitische gehen, nicht ausweicht, vielmehr
dazu als Gottscheer leidenschaftslos Stellung nimmt und die geschichtlichen Vorgänge,
die Umstände und Fakten, die von allem Anfang an vorhanden waren und den Gottscheer
nicht nur berührt, sondern auch in Bedrängnis geführt haben, objektiv beurteilt. Der Autor weicht auch der teilweise noch immer umstrittenen Frage der Herkunft der Gottscheer
nicht aus. Mit wissenschaftlicher Akribie verfolgt er jede Spur, um dann die Ergebnisse
der Forschungen von Universitätsprofessor Dr. Eberhard Kranzmayer, Universitätsprofessor Dr. Maria Hornung sowie Dr. Walter Tschinkel, die diese auf dialektgeographischem
Gebiet durchführten, zu bestätigen.
So erleben wir das Schicksal des Gottscheers, hören von der Urheimat, der Ansiedlung,
der Aufbauarbeit, der Wirtschaft, den Türkeneinfällen, von Besatzung, Leid und Erdulden,
von völkischer Not, Krieg, Umsiedlung und Vertreibung .. .
So bleibt — im Sinne des Autors — zu hoffen und zu wünschen, daß dem „Jahrhundertbuch der Gottscheer” jene Beachtung zukommt, die es verdient.
Dr. Viktor Michitsch
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Mein Mann hatte selbstverständlich die Absicht, sich an dieser Stelle bei allen zu bedanken, die ihm durch ihre Hilfe dieses Buch ermöglicht haben. Leider war ihm die Zeit nicht
mehr geschenkt, um diese Absicht zu verwirklichen. Aus vielen Gesprächen mit ihm sind
mir zwar eine Anzahl von Namen bekannt, Menschen, die ihm ihre Augen geliehen und
für ihn gelesen haben, die ihm ihre Kenntnisse und ihr Wissen um Einzelheiten zur Verfügung stellten. Es ist mir aber sicher nicht möglich, all diese Persönlichkeiten lückenlos
aufzuführen. Um die Gefahr auszuschließen, daß ich den einen oder anderen Namen nicht
weiß, bitte ich, in dieser Form den großen Dank meines Mannes entgegenzunehmen. Der
Dank schließt auch das Innenministerium Baden-Württemberg und die Patenstadt der
Jugoslawiendeutschen, Sindelfingen, ein, die auf die Initiative der Gottscheer Landsmannschaften in Deutschland hin dieses Buch gefördert haben.
Emmy Petschauer
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Einführung
Am Anfang war der Wald.
Rotbuche und Tanne beherrschen das Hochland, das in steilen Felsbrüchen in das Kulpatal niederstürzt. Ahorn, Fichte, Ulme, verstreute Eichen- und Birkenhaine ergänzen das
malerische Bild des riesigen Urwaldes in Unterkrain. Die reichsfreien Grafen von Ortenburg, ein altes Kärntner Adelsgeschlecht, tragen ihn aus den Händen der Patriarchen von
Aquileja zu Lehen. Niemand darf sich ohne Erlaubnis der Grafen siedelnd darin niederlassen. Selbst aber zögern sie seit geraumer Zeit mit der Besiedlung, obwohl sich das Land
ringsum mit Dörfern, Marktflecken und kleinen Städten gefüllt hat.
Wir stehen im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, vor Beginn der deutschen Besiedlung
der späteren Sprachinsel Gottschee.
Ortenburg? Aquileja? Lehen? Wo liegt Unterkrain? Was heißt „Gottschee”?
Seien Sie unbesorgt, verehrte Leser, Sie werden in diesem Buch nicht in eine langatmige
Geschichte aus der Geschichte mit langatmigen Sätzen und unübersehbaren Fußnoten
hineingezogen. Bitte, schließen Sie außerdem nicht aus dem Buchtitel, daß Ihnen mehr
geschichtlicher Nationalismus unterbreitet wird, als man heutzutage davon vertragen
kann. Ganz ausweichen können wir ihm freilich nicht, denn er war da und ist noch vorhanden. Das eigentliche Thema dieses Buches ist das Schicksal weniger tausend Menschen, die im Laufe des 14. Jahrhunderts im südlichen Hochland der damals zu Kärnten
gehörenden Mark Krain angesiedelt wurden und deren letzte Nachkommen noch heute
unter uns leben. Es geht darum, geschichtlich getreu, doch in einer flüssigen, stilistischen
Gangart das geringe Glück und das gehäufte Unglück ihrer 22 Menschenalter darzustellen. Wie ihr „Lantle”, ihr „Ländchen”, entstanden ist, soll gezeigt werden.
Ein historischer Roman also! Keineswegs. Es erwartet uns vielmehr die Tragödie einer
Gemeinschaft, in der nichts erfunden und nichts hinzugesetzt ist. Sie beginnt, verläuft
und endet so beklemmend folgerichtig, daß man geneigt ist, die Maßstäbe der klassischen Schicksalsdramen anzulegen. Und so begann sie:
In einer Art Vorspiel forscht das „Jahrhundertbuch der Gottscheer” nach den geschichtlichen Voraussetzungen des Entstehens der ehemaligen Sprachinsel Gottschee. Zum erstenmal wird in Buchform dargestellt, was geschehen mußte und was nicht unterbleiben
durfte, bis Graf Otto V. von Ortenburg in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts darangehen konnte, sein Urwaldlehen zwischen Reifnitz und Kulpa zu erschließen und wie
bedeutsam die Rolle der Patriarchen von Aquileja in diesem Zusammenhang war.
Otto entnahm die Kolonisten seiner angestammten Grafschaft in Oberkärnten und Teilen
des angrenzenden Osttirols. Sie sprachen eine bairisch-österreichische Mundart, die sie
zugleich mit der Hoffnung auf ein freieres, besseres Leben in ihre neue Heimat verpflanzten. In Abgeschiedenheit entwickelte sich dann die gottscheerische Mundart, deren bairischer Kern sich bis auf den heutigen Tag nicht abgeschliffen hat. Dieser sprachwissenschaftliche Tatbestand veranlaßte den in Klagenfurt geborenen Dialektgeographen an der
Universität in Wien, Prof. Dr. Eberhard Kranzmayer, die ehemalige Volksinsel sprachlich
als „bairischen Außenposten” zu bezeichnen.
Das Angebot der Ortenburger an ihre siedlungswilligen Untertanen lautete für die damalige Zeit außerordentlich günstig: Grund und Boden wurden ihnen im Umfange einer bairischen Hube, das entspricht etwa 20 ha, überlassen und dazu volle persönliche BeweGedruckt von http://www.gottschee.at
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gungsfreiheit zugesichert. Eigentümer des Bodens im lehensrechtlichen Sinne blieb der
Grundherr von Ortenburg.
Mit der Übernahme von Grund und Boden aus seinem Lehensbesitz war es jedoch nicht
getan. Der Rodungsbauer unterwarf sich und seine Nachkommen freiwillig, doch weitgehend unwissentlich, einer Anzahl von naturgegebenen Gesetzmäßigkeiten und kommenden, vom Menschen aufgerichteten Abhängigkeiten, die sein Schicksal bestimmen sollten
und an denen er selbst nichts ändern konnte.
Von Natur aus unveränderbar war vor allem die geographische Lage auf dem Karsthochland in Unterkrain, der heutigen Teilrepublik Slowenien der Volksrepublik Jugoslawien.
Das bedeutete für die Urahnen der Gottscheer in alle Zukunft wasserdurchlässigen
(Kalk), daher stellenweise ertragsarmen, aber nicht beliebig verfügbaren Boden. Trotz
dichten Urwaldbestandes trafen die ersten Siedler auf Wasserarmut und auf ein Klima mit
normalerweise kalten, schneereichen Wintern und heißen, trockenen Sommern.
Der Wald, gemeint ist der den Bauern zugewiesene Nutzwald, war ihr Freund, solange sie
ihm pfleglich entgegentraten. Gemeinsam mit den nicht gerodeten Herrschaftswäldern
milderte er das Klima, legte er sich schützend wie ein weiter, dunkler Mantel um die
Blockhütten der Kolonisten und später um die schmucken Dörfer und Weiler. Er speicherte das notwendigste Wasser und blieb der ständig sich erneuernde Vorratshalter des Holzes, der einzigen Energie, die sich damals scheinbar in unbegrenzten Mengen anbot. Mit
ihr rang eine andere Energie, die menschliche Arbeitskraft. Ließ sie nach, wurde der Wald
den Gottscheern zum Feind. Er ließ sich willig von jeder neuen Generation erobern, sobald aber eine von ihnen das Roden vergaß oder unterlassen mußte, rückte er unerbittlich in das Kulturland vor, um es zurückzuerobern. Er war am Anfang, er wird am Ende
stehen.
Die Enge des Lebensraumes, die Ohnmacht der geringen Zahl und die Verkehrsferne waren weitere, den Gottscheern auferlegte Daseinsgrundgesetze. Die Hochlandlage und die
Abgeschiedenheit, wie die sprachliche Einheit des Siedlungsgebietes waren die entscheidenden Voraussetzungen für die Ausprägung einer außerordentlich charakteristischen
Kleinkultur und deren Sicherung über mehr als 600 Jahre hinweg.
200 Jahre Ausbeutung und zehn räuberische Türkenüberfälle mit schwersten wirtschaftlichen und bevölkerungspolitischen Folgen im Laufe von 125 Jahren folgten dem Aussterben der männlichen Erblinie der Grafen von Ortenburg im Jahre 1418.
Als die stärkste und vernichtende Abhängigkeit erwies sich schließlich die Sprachinsellage
inmitten des slowenischen Volkstums in Unterkrain. Das „Gottscheer-Land”, wie die Gottscheer ihr Siedlungsgebiet gern nannten, war weder von den Kolonisatoren, den Ortenburgern, noch von ihren Kolonisten als eine völkische En klave geplant oder empfunden
worden. Der Geschichtsschreiber kann, wenn er bei der historischen Wahrheit bleiben
will, auch nicht den Patriarchen von Aquileja, ebensowenig den Habsburgern oder irgendeiner anderen Instanz des mittelalterlichen Reiches unterstellen, daß sie in Unterkrain eine machtpolitische Station mit deutschen Menschen errichten wollten. Ohne Zweifel fielen dem Süd- und Südostrand Krains bzw. dem Kulpatal eine bestimmte Verteidigungsaufgabe zu — die Burgenreihe Kostel, Pölland, Tschernembl und Möttling zeugen
davon — die Besiedlung des Ortenburgischen Urwaldlehens geschah jedoch nicht aus
militärischen Gründen. Sie war vielmehr die letzte kolonisatorische Großtat eines alten
Kärntner Adelsgeschlechts im südlichen Ostalpenvorland. Sie verfolgte rein privatwirtschaftliche Ziele. Andernfalls wären an den strategisch wichtigen Punkten des Gottscheerlandes Burgen entstanden.
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Krain war um die Mitte des 14. Jahrhunderts noch gemischtsprachig. An der Ansiedlung
des deutschsprachigen Elements waren die Bistümer Freising, Brixen, Gurk, Stift Seckau,
eine Anzahl von Adelsgeschlechtern und der deutsche Ritterorden beteiligt. Unter den
Grafengeschlechtern befand sich auch jenes der Andechs-Meranier aus Bayern. Besondere Beachtung werden im „Jahrhundertbuch” die Hochfreien, Freien, Grafen und Fürsten
von Auersperg finden. Von einem Nationalbewußtsein im Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts konnte noch keine Rede sein. Es gab nur Grundherren und mehr oder minder hart
gehaltene Untertanen, die allmählich dazu ansetzten, sich als Bauern und Stadtbürger
einen Freiheitsraum zu erobern. Deshalb ergab das Nebeneinander von bairischösterreichischen und windisch-slowenischen Mundarten keine nennenswerten Spannungen. Solche gab es nur in der Adelsschicht, der vor allem die Bauern bei Fehden und
Kriegen zur Waffentreue verpflichtet waren. Die slowenisch-windische Grundbevölkerung
empfand daher die Besiedlung des menschenleeren Urwalds nicht als Eingriff in ihre Lebensrechte oder ihren Lebensraum, zumal niemand aus seiner angestammten Heimat
vertrieben wurde.
Das ungefähre Gleichgewicht zwischen den beiden Bevölkerungsteilen verschob sich während des 15. und 16. Jahrhunderts immer mehr zugunsten der Slowenen. Ihr aktives
Kulturbewußtsein nahm feste Gestalt jedoch erst nach der Schaffung der slowenischen
Schriftsprache durch Primus Truber (1508 bis 1586) an. In eine kämpferische Einstellung
gegeneinander wurden sie jedoch erst von der Romantik und dem aus ihr erwachsenen
Nationalismus gedrängt. An ihm ging Gottschee zugrunde — eine kleine Variante der Nöte und Drangsale, die der Mensch dem Menschen seit Menschengedenken auferlegt und
die er anspruchsvoll als „Politik” hinstellt. Im Schicksalsablauf der Gottscheer finden wir
einige hochpolitische Pointen, die dieses Wort erläutern, etwa die folgende:
Die frühere Sprachinsel Gottschee entstand am Rande der Italienpolitik des Ersten Reiches, des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation”. Während des Dritten Reiches
aber wurde sie der Italienpolitik Hitlers geopfert und „Heim-ins-Reich” umgesiedelt. —
Oder ein anderer Widerspruch in sich:
Die slowenische Führung war nach dem Zusammenbruch österreich-Ungarns im Jahre
1918 nicht bereit, trotz Unterschrift des Vertrages von St. Germain (Minderheitenschutz!)
den Gottscheern dieselben Rechte zuzubilligen, wie sie selbst diese während des 19.
Jahrhunderts und nach dem Zusammenbruch von 1918 für die Slowenen in Kärnten gefordert und erhalten hatte. Sie ging dabei einfach über die geschichtliche Tatsache hinweg, daß sich in Krain das slowenische und in Kärnten das deutsche Element in jahrhundertelangen Entwicklungsreihen durchgesetzt hatte. Nicht nur das. Unmittelbar nach der
Errichtung des Jugoslawischen Staates, der sich bei seiner Gründung zunächst „Staat der
Serben, Kroaten und Slowenen” (SHS) nannte, setzte dieselbe slowenische Führung einen erbarmungslosen Umvolkungsprozeß an den Gottscheern in Gang.
In dem Kapitel „Das 19. Jahrhundert” baut das „Jahrhundertbuch” das historische Geschehen ein in den Gesamtablauf der Veränderungen des Denkens und Lebens in der
Kulturwelt während dieses Zeitraumes und berichtet über die Auswirkungen des Fortschrittglaubens, der Verkehrsentwicklung, der technischen und zivilisatorischen Errungenschaften und dem tiefgreifenden Einfluß der Anziehungskraft der Vereinigten Staaten
von Nordamerika. Weil das eben auch Gottscheer Geschichte ist, geht dieses Buch Folgeerscheinungen nach, die sich für die eigentümlichen Kulturtraditionen der Gottscheer aus
der ständig enger werdenden Berührung mit dem Gesamtvolk ergaben.
Wenn man also der Literatur über Gottschee eine alle Jahrhunderte der Gottscheer Geschichte umfassende und somit abschließende Arbeit hinzufügte, so beginge man eine
bewußte Geschichtsverfälschung, würde man den letzten Akt der Tragödie, nämlich die
Umsiedlung aus dem geschichtlich gewachsenen Siedlungsgebiet in die Untersteiermark,
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in die Flucht und die Verstreuung über zwei Kontinente ungeschrieben lassen, beschönigen oder zurechtbiegen. Trotz der politischen Sprengkraft geht das „Jahrhundertbuch”
auch auf das Verhalten der Gottscheer Jugend in den Jahren 1933 bis 1945 ein, verschweigt allerdings auch nicht die Untaten der slowenischen Partisanenjugend an den
fliehenden Gottscheern. Ebensowenig ist verschwiegen, daß das Dritte Reich rund 37.000
Slowenen aus der Untersteiermark „evakuiert” hat, um für die Gottscheer und für Umsiedler aus anderen deutschen Volksgruppen Platz zu schaffen. Die Gottscheer und ihre
Leidensgefährten haben das nicht gewollt, auch nicht herausgefordert.
Schließlich wird derselbe Leser, der mit einer gewissen inneren Beteiligung die Jahrhunderte der Gottscheer Geschichte durchwandert hat, wissen wollen, was im einzelnen aus
den Gottscheern und aus ihrer alten Kulturlandschaft, aus dem „Länchen” geworden ist.
Mit der Flucht ihrer letzten Nachkommen aus der Untersteiermark ging die Suche der
Ortenburgischen Kolonisten nach einem freieren, besseren Leben scheinbar im Chaos zu
Ende. Sie, die Urgottscheer, waren im 14. Jahrhundert ausgezogen, wie man schlicht zu
sagen pflegt, um ihr Glück zu suchen. Sie waren freilich keine abenteuernden Schatzsucher im landläufigen Sinn gewesen, als sie aus dem kärntnerisch-tirolischen Grenzgebiet
auswanderten. Sie erhofften sich in der neuen Heimat etwas, was zu ihrer Zeit schwerer
wog als Gold: Die volle persönliche Bewegungsfreiheit und Heimat auf eigenem Grund
und Boden. Gewiß fanden sie beides, doch eingeschränkt durch die harten Lebensbedingungen des Karstlandes. Haben vielleicht ihre letzten Nachkommen freiwillig das Erbe
aufgegeben oder mutwillig verspielt? Sicher nicht! Sie waren vielmehr selbst Spielball der
Politik.
Die Schicksalstragödie der Gottscheer klingt nun in der Republik Österreich, in der Bundesrepublik Deutschland und in den Weiten Nordamerikas, Südamerikas sowie Australiens still und unauffällig aus. Vielleicht sind es noch 25.000, jetzt, in den siebziger Jahren
des 20. Jahrhunderts, da ihr „Jahrhundertbuch” entsteht, buchstäblich die letzten ihres
Stammes. Sie haben endlich das freiere, bessere Leben, von dem ihre Urahnen träumten, gefunden — in der Verstreuung! Der Preis war das Gottscheerland, ihr Heimatland.
***
Noch ein Wort zur Gottschee-Literatur: Das „Jahrhundertbuch” wird dazu einiges zu ergänzen und richtigzustellen haben. Vor allem soll der Gottscheerin Gerechtigkeit widerfahren. Wenn wir heute noch von dem einzigartigen Gottscheer Kulturgut sprechen und
schreiben können, so ist das überwiegend ihr zu danken. Mit der Fähigkeit der Frau ausgestattet, das in ihrem Lebenskreis Ererbte und Erworbene zu besitzen, zu mehren und
weiterzugeben, war sie doch als Mädchen Erbin, als Mutter und Großmutter aber Erblasserin des Gottscheer Volkstumsgutes. Die durchgehend männlich betonte Geschichtsschreibung hat diese Tatsache nicht entsprechend gewürdigt.
Das „Jahrhundertbuch der Gottscheer” will zugleich eine Art Abschlußbericht an die
Kärntner und Tiroler sein, denn die Gottscheer Geschichte ist in ihrem Ursprung Kärntner
und Tiroler Geschichte. Verfaßt hat ihn ein gebürtiger Gottscheer außerdem in der Absicht, seinen Landsleuten gleichsam eine Gedächtnisstütze zu geben für die Erinnerung
an das Geschehen während langer Zeiten, das unbewußt in ihnen weiterlebt und das bewußte Erleben der letzten Jahrzehnte erneuern und ordnen hilft. Das Buch soll aber auch
eine Gabe sein an jene Österreicher und Deutschen, namentlich unter den Bayern und
Württembergern, die es zur Kenntnis nehmen wollen, weil sie das Gottscheerland kannten, als es noch bestand.
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Kleine Landeskunde
Für Leser, die mit dem Wort Gottschee noch keine politisch-geographischen Begriffe verbinden, folgt nun eine kleine Landeskunde des „Ländchens”. Bitte orientieren Sie sich an
Hand der im Anhang beigefügten Kartenskizze über seine Lage zum Adriatischen Meer,
zu den Ostalpen und der Republik Österreich, sowie innerhalb der Teilrepublik Slowenien
und der Volksrepublik Jugoslawien. Im damaligen Königreich Jugoslawien lebten bis 1941
rund 600.000 Volksdeutsche. Sie waren in ihrer Masse im jugoslawischen Teil des Donauraumes, genauer im Banat und in der Batschka beheimatet. Sie bezeichneten sich als
„Donauschwaben”, weil ihre Vorfahren während der Regierungszeit Maria Theresias
(1740 bis 1780) in den Sumpfniederungen Südungarns angesiedelt worden waren.
Die jugoslawische Teilrepublik „Slowenien” besteht in ihrer heutigen Verfassung erst seit
1945. Ihre Vorläuferin war die „Drau-Banovina” (Dravska-Banovina), die 1918/19 aus
dem habsburgischen Kronland und Herzogtum Krain und der Untersteiermark gebildet
worden war. Das alte Krain mit der Landeshauptstadt Laibach, slowenisch Ljubljana genannt, zerfiel in der deutschen Ausdrucksweise in Ober- und Unterkrain Die Grenze bildete die Save. Weitere Landschaftsbezeichnungen, die in dem vorliegenden Buch vorkommen, sind im Westen Innerkrain, im Osten die „Windische Mark”.
Landesgeschichtlich rufen wir uns in Erinnerung, daß im April 1941 das Königreich Jugoslawien von der Deutschen Wehrmacht mit einem Blitzkrieg militärisch niedergerungen
und am 20. April 1941 politisch aufgeteilt wurde. Unterkrain mit der Sprachinsel Gottschee und die Region Laibach fielen an Italien, Oberkrain wurde zum Gau Kärnten geschlagen und die Untersteiermark dem Gau Steiermark an- bzw. zurückgegliedert. Verwaltungssitz der Untersteiermark war MVlarburg an der Drau (slowenisch Maribor) von
Oberkrain aber Radmannsdorf.
Diese Neuordnung des südlichen Voralpenlandes bis zur Kulpa brachte den Gottscheern
— und nicht nur ihnen — eine starke moralische Belastung und viel politischen Zündstoff.
Als sie im Winter 1941/42 unter denkbar schwierigen klimatischen und verkehrsmäßigen
Umständen ihr „Ländchen” aufgeben mußten, hinterließen sie eine ungemein reizvolle
Landschaft. Ihr Siedlungsgebiet umfaßte etwa 840 bis 860 km2. Dies entspricht dem Gesamtareal der fünf Kleinststaaten Europas: Andorra, Liechtenstein, Monaco, San Marino
und Vatikanstaat oder Groß-Berlin, als es noch Reichshauptstadt war, oder der zehnfachen Oberfläche des Chiem¬sees in Oberbayern, oder es war rund ein Drittel größer als
der Bodensee und entsprach etwa ein Zwölftel des österreichischen Bundeslandes Kärnten.
Das frühere Siedlungsgebiet der Gottscheer besitzt ausgesprochenen Hochlandcharakter
und gliedert sich in mehrere charakteristische Teillandschaften unterschiedlicher Größe.
Sie treten auf der beigefügten Karte deutlich hervor:
Das westlichste, das „Suchener Hochtal”, ist durch das Rieg-Göttenitzer Bergland (höchste Erhebung ist der „Schneewitz” mit 1289 m) gegen das breit hingelagerte, anmutige
Hinterland abgeriegelt. Das „Suchener Hochtal”, auch Suchener Becken oder Mulde genannt, liegt im Durchschnitt 760 m über dem Meer. Der Hauptort des Hinterlandes, Rieg,
trug marktähnliche Züge. Er gehörte zu den alten Besiedlungsmittelpunkten. Den nächsten, in der Hauptrichtung der Hochlandgliederung verstreichenden Riegel, bildet der
Friedrichsteiner Wald, höchste Erhebung 1068 m. Er fällt gegen das Hauptbecken, das
„Oberland”, steil ab. Dieses bildet eine breite, flache Wanne, von der sich das Unterland
durch eine vielgestaltige Ausformung der Landschaft stark unterscheidet. Infolge seiner
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verkehrsmäßigen Durchlässigkeit und guter Böden war das Oberland als Hauptbesiedlungsgebiet von der Natur geradezu vorbestimmt. Es beherbergte gleich drei Besiedlungsmittelpunkte: Vom Norden nach Süden Mitterdorf, Gottschee-Stadt und Obermösel.
Entwässert wird es von dem einzigen Fluß im Hochlandinnern, der „Rinse”, ein typisches
Karstgewässer, das unterhalb des Schweineberges an der Sprachinselgrenze entspringt
und nach ihrem oberirdischen Lauf in Sauglöchern unterhalb von Obermösel im Boden
verschwindet.
Das „Unterland” setzt sich zusammen aus einer Unzahl von Bergrücken und Plateaus mit
Höhenunterschieden von 0 bis 400 m über der durchschnittlichen Seehöhe des Hochlandes. Sein Mittelpunkt war seit dem 14. Jahrhundert Nesseltal als Besiedlungsmittelpunkt,
Pfarrdorf, später als Gemeinde- und Schulort. Wie Rieg und Obermösel verfügte es über
mehrere Geschäfte, Handwerksbetriebe und Gasthöfe.
Die östliche, kleinere Hälfte des Hochlandes von Gottschee wird beherrscht vom Hornwald-Massiv (1100 m Seehöhe). Dieser Wald, dessen höhere Region sich bis zur Enteignung im Besitz der Fürsten von Auersperg befand, zählte und zählt heute noch bzw. wieder zu den in Europa noch vorhandenen Urwäldern, in denen Bär und Luchs, zu Zeiten
auch der Wolf, noch paradiesisch leben.
Um den inneren Gebirgsstock des Hornwaldes lagen — von tiefen Wäldern umgeben —
die Dörfer und Weiler der früheren drei Gemeinden Pöllandl, Tschermoschnitz und Stokkendorf, die der Volksmund seit jeher mit der Landschaftsbezeichnung „Moschnitze”,
mundartlich abgekürzt „Moscha” zusammengefaßt hat. Tschermoschnitz war der Mittelpunkt der größten Gemeinde des Gottscheerlandes, mit Pöllandl eine der ältesten Siedlungen und Besiedlungsmittelpunkt. — Die östliche Grenze des Gottscheerlandes bildete
der „Wildbach”, der, ganzjährig fließend, sein Tal zur Gurk entwässert. Das deutsche
Siedlungsgebiet griff nur an einer Stelle, bei Reuter, über den Bachlauf hinaus.
An seinem Südostrand hatte das „Ländchen” noch Anteil an dem Weinbaugebiet, das für
den Binnen-Gottscheer mit dem Ortsnamen Maierle umschrieben war. Bis zu einer verkehrsmäßig noch tragbaren Entfernung kelterten dort neben der ortsansässigen Bevölkerung auch Bauern des Unterlandes und der Moschnitze ihren „Maierler”, einen bekömmlichen, leicht säuerlich-fruchtigen Rotwein.
Insgesamt bestand das Siedlungsgebiet der Gottscheer bei ihrer Umsiedlung aus 171
deutschen Dörfern und Weilern, sowie aus der Stadt Gottschee. Diese wies bereits 1921
über 50% slowenische Einwohner auf. Die kleineren Dörfer waren meistens rein deutsch.
In den größeren hatten sich im Laufe der Zeit einige Slowenen niedergelassen (siehe
Ortsnamenverzeichnis). Sie wurden bis zur Gründung des jugoslawischen Staates im Jahre 1918 im Allgemeinen problemlos in die Dorfgemeinschaft eingefügt.
Die Anlage der Dörfer richtete sich nach dem Gelände. In den Tallagen herrschten die
Straßen- und Haufendörfer vor. Der größte Teil der früheren Gottscheer Siedlungen ist
den Kämpfen zwischen den jugoslawischen Partisanen und der italienischen
Besatzungstruppe in den Jahren 1941 bis 1943 zum Opfer gefallen. Die von den
Gottscheern in Jahrhunderten aufgebaute und gepflegte Kulturlandschaft existiert nicht
mehr. Was aus ihr geworden ist, behandelt das Schlußkapitel.
Am Ende steht der Wald.
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11. bis 13. Jahrhundert
Die Geschichte des Gottscheerlandes ist zwar nicht bedeutend, in ihrem Ursprung jedoch
eindeutig ein Kapitel Kärntner und Tiroler Geschichte. Das feine historische Wurzelgeflecht, aus dem die ehemalige Sprachinsel Gottschee in den dreißiger Jahren des 14.
Jahrhunderts erwachsen sollte, gedieh vor allem auf dem Boden des mittelalterlichen
Reichslehens und Herzogtums Kärnten. Zu ihm gehörte die Krainische Mark, das spätere
Herzogtum und Kronland Krain der österreichisch-ungarischen Monarchie. Niemand vermochte im 11. Jahrhundert vorauszusagen oder auch nur zu ahnen, daß es sie einmal
geben würde, das Herzogtum Krain und die vom sloweni-schen Volkstum umschlossene
deutsche Volksinsel Gottschee.Die spätere Sprachinsel im Karst entstand vielmehr am
Ende einer schier unübersehbaren Kette von Zuständen und Zufällen, Entwicklungen und
Entscheidungen auf der politischen Ebene. Sie verflochten sich, wiederum zufällig, während eines bestimmten und kurzen Zeitraumes zu einem Knoten: zu dem größten, aber
auch letzten Siedlungsunternehmen eines Kärntner Adelsgeschlechts im südlichen Ostalpenvorland. Wäre auch nur ein einziges Glied nicht in diese Kette eingefügt worden, hätte das Wort "Gottschee" nie auf einer krainischen Landkarte gestanden. Versuchen wir
nun, die teilweise verschütteten Kettenglieder an das Tageslicht der Geschichtsschreibung zu heben und sie in der richtigen Reihenfolge neu zusammenzufügen.
Um das Jahr 1070 erschien auf der politischen Bühne Kärntens ein Adelsgeschlecht, das
sich "von Ortenburg" nannte und den Titel reichsfreier Grafen führte. Seine Abstammung
war bis tief in das 20. Jahrhundert umstritten. Die Genealogen glaubten, daß die Ortenburger gleichen Ursprungs seien wie die Kärntner Herzöge aus dem Hause der Spanheimer, die von 1122 bis 1269 den Herzogshut trugen. Sie mußten nach dieser Theorie
nicht nur die gleiche Ahnenreihe besitzen wie die Grafen von Ortenburg in Kärnten, sondern auch wie das Geschlecht gleichen Namens in Bayern. Diese aus dem 19. Jahrhundert stammende Ansicht ist durch die Forschungen des Genealogen Dr. Camillo Trottar
überholt. Auf ihn beruft sich auch der ehemalige Regensburger Domkapitular Dr. E. Graf
von Ortenburg-Trambach in seinem zweibändigen Werk:"Geschichte des herzoglichen,
reichsständischen und gräflichen Gesamthauses Ortenburg", das sich auf die bayerischen
Ortenburger bezieht. In einem Anhang führt er jedoch zur Abstammung der Grafen von
Ortenburg in Kärnten unter anderem aus: "Die Herkunft dieser Ortenburger, die nach
Jaksch (Geschichte Kärntens) im Jahre 1142 als Grafen erschienen, deren Anfänge sich
aber bis in das Jahr 1070 zurückführen lassen, lag bis in die neueste Zeit im Dunkeln.
Huschberg hält diese Ortenburger für nachgeborene Söhne Spanheimer Herzöge, was
schon deshalb nicht richtig sein kann, weil dieses Geschlecht, noch bevor die Spanheimer
die Herzogwürde in Kärnten erhielten, urkundlich erscheint. Andere Autoren, wie Tangi in
seiner "Geschichte der Grafen von Ortenburg in Kärnten", sehen in dem urkundlich 1058
erscheinenden "Friderikus, filius comites epponis" den Stammvater der Grafen von Ortenburg in Kärnten und Bayern. Erst den Forschungen des anerkannten, gewiegten und
gründlichen Genealogen, Dr. Camillo Trottar, verdanken wir volle Klarheit über die Abstammung der Grafen von Ortenburg in Karaten sowie den unumstößlichen Nachweis,
daß von einer Stammesgleichheit der im 15. Jahrhundert ausgestorbenen Grafen von
Ortenburg in Kärnten mit den von Spanheimer Herzögen abstammenden Grafen von Ortenburg (richtiger: "Ortenberg") in Bayern keine Rede sein kann.
Dr. Graf von Ortenburg-Trambach teilt ferner mit, daß im Traditionsbuch des Stiftes St.
Castulus in Moosburg/Oberbayern, wenige Kilometer von dem 739 gegründeten Bischofsitz Freising entfernt, ein "Dominus Adalbertus de Carinthiae, also ein Herr Adalbert aus
Kärnten, Sohn des Freisinger Vogtes", erscheint. Der Vogt, im damaligen SprachgeGedruckt von http://www.gottschee.at
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brauch auch "Vizedom" und "Vizedominus" genannt, verwaltete die Lehen des Bistums
Freising am Lurnfeld als Freisinger Vizedom. "Da nun überdies dieser Adalbert von Ortenburg in einem Privileg Kaiser Heinrichs IV. für das Stift St. Lambrecht, dd. Verone
1096 als Freisinger Vogt bezeichnet wird, kann kein Zweifel sein, daß der in den Urkunden von 1093 und 1096 als Adalbert de Hortenburg (Ortenburg) Genannte, mit dem im
Traditionsbuch des Stiftes von St. Castulus genannten Freisinger Vizedom Adalbert ein
und dieselbe Person ist. Dank der Feststellungen Trotters wissen wir nun auch, daß dieser Vizedom, d. i. Vogt, zwei Söhne hatte, Adalbert und Otto. Wir haben in diesem Otto,
der zweifellos bayerischer Herkunft ist, den Stammvater der Grafen von Ortenburg zu
sehen."
Wir brechen daher nichts über das Knie, wenn wir die Abstammung der Grafen von Ortenburg auf folgende Kurzformel bringen: Die Grafen von Ortenburg in Kärnten stammen
aus Bayern und die bayerischen Grafen von Ortenburg aus Kärnten.
Diese kleine genealogische Studie war zweckmäßig, um Verwechslungen vorzubeugen.
Damit ist klargestellt, daß nur die Grafen von Ortenburg in Kärnten die spätere Sprachinsel Gottschee kolonisiert haben konnten. Obwohl sie reichsfreie Grafen waren, konnten
auch sie nicht irgendwo nach Belieben über bebaubares Land verfügen. Aller Grund und
Boden gehörte ja dem gewählten deutschen König. Dieser gab ihn dem Adel, den Bischöfen, Klöstern, Abteien und Stiften "zu Lehen". Allgemein gesagt befand sich demgemäß
aller Grund und Boden samt den darauf lebenden Untertanen in den Händen des Adels
und der Kirche.
Die unmittelbaren Lehensträger des Königs waren berechtigt, ihre Lehen an niedere Adelsgeschlechter weiterzugeben. "Lehen" bedeutete in jedem Fall Abgaben. "Zu Lehen"
konnten auch andere abgabenträchtige Einkünfte vergeben werden, wie Mauten, Zölle,
das Münzrecht usw.
Wie wir bereits in der Einführung feststellten, hatten die Grafen von Ortenburg in Kärnten
ihre Lehenschaften in Unterkrain aus den Händen der Patriarchen von Aquileja empfangen. Diese selbst waren unmittelbare Lehensempfänger des Königs, der zugleich ja Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war. Wir könnten es bei dieser
Feststellung bewenden lassen, und sogleich mit dem Siedlungsunternehmen beginnen.
Das hat auch die bisherige Geschichtsschreibung über Gottschee getan. Deshalb wissen
die Gottscheer immer noch nicht genau, wann und von welchem Patriarchen die Ortenburger ihre Lehenschaften in Unterkrain erhielten und ob der Urwald, auf dem ihre Vorfahren angesiedelt wurden, schon damals dazugehörte. Die Belehnung der Grafen aus
Kärnten durch die Patriarchen, ihr 350 Jahre andauerndes Schutz- und Trutzbündnis und
das auf den menschlichen und moralischen Qualitäten Ortenburgs fußende Treueverhältnis zu dem hohen Kirchenfürsten waren die unabdingbaren Voraussetzungen für das Entstehen des Gottscheerlandes.
Bevor wir dem ersten Ortenburger nach Unterkrain folgen, empfiehlt es sich, einen
Streifzug durch die Geschichte des Patriarchats von Aquileja zu unternehmen. Das Bistum Aquileja wurde wahrscheinlich bereits im zweiten nachchristlichen Jahrhundert
durch den hl. Hermagoras gegründet. Die Stadt Aquileja, damals noch Hafenstadt, an der
oberen Adria zwischen Triest und Venedig gelegen, war ursprünglich ein militärischer
Stützpunkt der Römer. Die Bischöfe von Aquileja legten sich aus eigener Machtvollkommenheit im Jahre 568 den Patriarchentitel zu. Als zu Beginn des 6. Jahrhunderts - nach
dem Abzug der Römer - slawische Stämme in den Ostalpenraum und in das Gebiet des
heutigen Slowenien einzusickern begannen, erhielt Aquileja den Auftrag, sie zu christianisieren. Damit wurde die an diesen Namen gebundene Kirchenprovinz beträchtlich nach
Osten erweitert und erstreckte sich unter anderem nun über weite Teile des Ostalpenraumes und seines Vorgeländes, auch des späteren Herzogtums Krain und der "WindiGedruckt von http://www.gottschee.at
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schen Mark". Der Patriarch, zum Erzbischof erhoben, war zugleich Landesherr eines
Staatswesens, des "Patriarchenstaates". Als solcher führte er von Reichs wegen den Titel
eines Herzogs von Friaul und eines Reichsfürsten in Italien. Seine Machtposition war verknüpft mit dem jeweiligen Stand der Auseinandersetzungen zwischen den Kaisern und
den Päpsten.
Er nahm in Oberitalien eine Schlüsselstellung ein. Beide Parteien waren daran interessiert, auf dem Stuhl des heiligen Hermagoras Männer zu wissen, deren sie sicher sein
konnten. Nach vorausgegangenen Abmachungen zwischen Kaisern und Päpsten berief
der Kaiser den Patriarchen, während der Papst ihm die "Konfirmation", d. h. die Bestätigung als Erzbischof, erteilte. Solange der Kaiser das Recht besaß, die Bischöfe allenthalten in Deutschland einzusetzen, regierten in Aquileja deutsche Grafen.
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang für unser Thema das Jahr 811. Im Jahre
739 hatte der hl. Bonifazius die Bistümer Freising/Oberbayern und Salzburg gegründet.
789 setzte Karl der Große beim Vatikan die Erhebung des Bistums Salzburg zum Erzbistum durch. Salzburg begann im großen Stil den Ostalpenraum zu kolonisieren. Der Erzbischof - Patriarch in Aquileja - sah dadurch seine Interessensphäre angegriffen. Es kam
zu Streitigkeiten, Eifersüchteleien und kriegerischen Auseinandersetzungen. Karl der
Große machte dem 811 ein Ende, indem er die Drau als Demarkationslinie zwischen den
beiden streithaften Erzbistümern bestimmte. Die Drau wurde dadurch auch zur Sprachgrenze.
1075 brach der "Investiturstreit", der Streit um die Einsetzung der Bischöfe, offen aus.
Papst Gregor VII. verbot die Einsetzung von Bischöfen durch Laien. Damit wollte er in
erster Linie Kaiser Heinrich IV. (1056 bis 1106) treffen, denn dieser war, kirchenrechtlich
gesehen, ja Laie. Heinrich IV. stattete im Gegenzug die Bischöfe durch Lehenshergabe
mit noch größerer, weltlicher Macht aus, um sie stärker an das Reich und an seine Person
zu binden. Insbesondere stattete er den Patriarchen von Aquileja mit weltlichen Lehen in
Krain aus. Die Mark Krain gehörte inzwischen als weitgehend selbständige Verwaltungseinheit zu Karaten. Da eben eine sedisvacanz bestand, tat der Kaiser ein übriges und
ernannte 1077 einen Mann seines persönlichen Vertrauens, seinen Kanzler Sieghard, zum
Patriarchen.
Inzwischen hatte auch das Bistum Freising im östlichen Krain zu siedeln begonnen und
sich durch die Gewinnung des Klosters Innichen als Eigenkloster im Pustertal einen kolonisatorischen Mittelpunkt geschaffen, von dem aus die Bischöfe immer neue Kolonisten in
ihre Krainischen Lehensgebiete entsandten.
Zurück zu den Grafen von Ortenburg.
Ihre enge Anlehnung an die Patriarchen von Aquileja muß bereits im letzten Drittel des
11. Jahrhunderts erfolgt sein. Dafür spricht unter anderem die Mitteilung von Türk auf
Seite 9 seines Buches über die Stadt Spittal an der Drau, daß die Stammburg der Grafen
von Ortenburg im Jahre 1093 bereits fertiggestellt war. Sie stand, was heute noch die
Ruinen bezeugen, südlich der Drau bei Baldramsdorf, also eindeutig auf aquilejischem
Interessensgebiet. Wann die Belehnung der Ortenburger mit den Lehenschaften am Lurnfeld, bzw. wann ihre Erhebung in den Grafenstand erfolgt ist, läßt sich beim heutigen
Stand der Forschung nicht eindeutig feststellen. Jedenfalls findet man in den Regesten
der Regierungszeit Kaiser Heinrichs IV. darüber keine Anhaltspunkte. - Wir sind damit
auch zu der Frage zurückgekehrt, wann welcher Patriarch den Grafen von Ortenburg die
Lehen in Unterkrain übertragen hat. Die Antwort gibt das Patriarchenverzeichnis von Kle-
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bel (siehe Carinthia I, Jahrgang 153, Seite 325). Es führt in dem oben abgegrenzten
Zeitraum folgende Patriarchennamen auf:
1086 bis 1121 Ulrich I., vermutlich ein Graf von Treffen,
1130 bis 1132 Ulrich Graf von Ortenburg, erwählt "vor dem 30. Mai 1130",
vom Papst als Patriarch bzw. Erzbischof jedoch nicht konfirmiert,
1132 bis 1161 Peregrin I., Herzogsohn aus dem Hause Spanheim,
1161 bis 1182 Ulrich II., Graf von Treffen,
1191 bis 1204 Peregrin II., nach Klebel vielleicht ein Neffe Peregrins I.
Die Schlüsselfigur in dieser Reihe ist ohne jeden Zweifel Graf Ulrich von Ortenburg. Er
wurde von dem zuständigen Gremium rechtens zum Staatsoberhaupt des Patriarchenstaates gewählt und war damit zum Patriarchen vorgeschlagen. Da ihm jedoch der Heilige Stuhl, d. h. das Kardinalskollegium, die Konformation versagte, mußte er gemäß der
Verfassung auch als Landesherr zurücktreten. Die eigentlichen Gründe für das Verhalten
des Vatikans sind nicht mehr ganz aufzuhellen. Vermutlich war Ulrich den alten Herren in
Rom an Jahren zu jung und in den priesterlichen Weihen noch nicht fortgeschritten genug. Dennoch blieb er als Staatsoberhaupt bis zur Wahl seines Nachfolgers voll handlungsfähig und konnte Entscheidungen nach seinem Dafürhalten treffen. Ulrich von Ortenburg hatte demgemäß annähernd zwei Jahre Zeit, den Wohlstand seines Hauses
durch die Verleihung neuer Güter in Unterkrain zu mehren. Zwar existiert in der bisher
zugänglichen Literatur keine Urkunde, wann er die Belehnung ausgesprochen hat, doch
ein späteres familiäres Ereignis unterstützt die eben festgelegte logische Folgerung und
läßt die Fixierung auf das Jahr 1131 zu:
Im Jahre 1140 heiratete der uns bereits bekannte Graf Otto I. von Ortenburg die Auersperg-Tochter Agnes. Wir nehmen das Jahr 1140 zunächst nur zur Kenntnis, um rasch
die nähere Bekanntschaft mit dem Hause Auersperg nachzuholen. Umfassende Auskünfte
über dieses Geschlecht gibt der in der Gottscheer Literatur bisher kaum bekannte Bibliothekar Franz Xaver Richter, der 1830 in dem Wiener "Neuen Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst" eine 19 Beiträge umfassende Arbeit über die Fürsten und
Grafen von Auersperg veröffentlichte. Er stützt sich dabei laut Untertitel auf die bis dahin
noch nicht publizierten Unterlagen. Die Auersperger tauchten, aus Schwaben kommend,
als "Freie" aller Wahrscheinlichkeit nach bereits im 10. Jahrhundert in Krain auf. Sie
nannten sich "Ursperg". Gesichert ist der Name des Stammvaters Adolph. Er starb um
1060. Eine zweite Linie der Auersperg ließ sich etwa zur gleichen Zeit in Friaul nieder.
Dort brachten sie mehrere neue Geschlechter, die sich italienische Namen zulegten, hervor. Trotzdem blieb die Familienbindung mit der krainischen Linie erhalten. Beide Gruppen traten in der Landespolitik hervor. In Friaul gewann den größten Einfluß am Patriarchenhof bzw. im Parlament des Patriarchenstaates die Familie Cucagna. In Krain gelangten die Auersperger durch enge Anlehnung an das Kärntner Herzoghaus rasch zu Ansehen und Einfluß. Sie wirkten vor allem als Ministerialen, d. h. als Beamte am herzoglichen
Hof. Sie wurden sehr bald Erblandkämmerer und Erblandmarschälle. Adolfs Söhne Konrad I. und Peregrin I. - nicht zu verwechseln mit dem Patriarchen Peregrin II. - bauten
die Stammveste ihres Hauses in der Nähe von Reifnitz, die unter der Bezeichnung "Oberhaus" in die krainische Geschichte eingehen sollte.
In der Zeit, in der wir uns eben bewegen, waren die Auersperger erst "Hochfreie", obwohl
sie bereits die aufgeführten hohen Ämter ausübten. Trotzdem gelang es ihnen nicht, in
den höheren Geburtsadel aufzusteigen. Hingegen verstanden sie es ausgezeichnet, sich
mit hohen und höchsten Adelsgeschlechtern zu verschwägern - so auch mit den Grafen
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von Ortenburg. Beide Geschlechter hatten nüchterne Gründe für das Zustandekommen
der Ehe, die dann nicht ganz glücklich verlief. Die Ortenburger waren bei der Inbesitznahme ihrer Lehen in Unterkrain unvermittelt Nachbarn der Auersperger geworden. Die
Nachbarschaft bedeutete in jener Zeit jedoch keineswegs ein friedfertiges risikoloses Nebeneinander. Man trug selbst kleine Meinungsverschiedenheiten mit Privatkriegen, den
"Fehden", aus. Verwandtschaft schloß diese oft sehr blutig verlaufenden Auseinanderetzungen nicht aus. Die klugen Ortenburger wollten sich mit Agnes ein Stück krainische
Bodenständigkeit erheiraten, denn in den Augen des altansässigen Adels waren sie ja
"Zugereiste". Die Auersperger aber sahen in dieser Heirat einen weiteren Gewinn an
Standesehre, also eine Prestigeangelegenheit.
Der Ehe zwischen Otto und Agnes entsprossen drei Söhne und zwei Töchter. Der Zweitgeborene, Otto II., wurde zum Fortpflanzer seines Geschlechts. Er war es auch, der etwa
um 1165 die erste, hitzige Fehde mit seiner Verwandtschaft, den Auerspergern, vom
Zaune brach. 1160 war der Vater seiner Mutter Agnes gestorben. Eben diese Agnes verlangte nun von ihrer Sippe die Herausgabe des väterlichen Erbes. Es wurde ihr verweigert. Da friedliche Verhandlungen ergebnislos blieben, überfiel Otto das "Oberhaus" und
zerstörte es teilweise. (Siehe F. X. Richter, Seite 618.) Otto von Ortenburg stützte sich
bei diesem Privatkrieg auf Burg Ortenegg. Sie stand wenige Kilometer südlich des "Oberhauses" und ebenfalls unweit von Reifnitz, wo die für ganz Unterkrain zuständige Großpfarre der Patriarchen von Aquileja untergebracht war. Die Veste der Grafen aus Karaten
lag auf einem leicht zu verteidigenden Bergrücken. Jene Mauerreste waren zu Beginn der
siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch zu sehen. Die Bezeichnung Ortenegg schließt
von vornherein aus, daß ein anderer als ein Ortenburger die befestigte Anlage gebaut
oder - was auszuschließen ist - eine bereits vorhandene Burg mit diesem Namen versehen haben könnte. In beiden Fällen ist erwiesen, daß die Grafen von Ortenburg nach dem
damaligen Lehensrecht über Burg Ortenegg verfügen konnten. Niemand durfte jedoch
auf Grund und Boden, der ihm nicht gehörte, bzw. zu Lehen gegeben war, Bauwerke errichten oder eigenmächtig in Besitz nehmen. Tat er es dennoch, so gehörte schon damals
das errichtete Bauwerk dem Besitzer des Bodens. Niemand durfte auch auf Grund und
Boden siedeln, der ihm nicht zustand. Außerdem: Da die Errichtung eines Bauwerkes
dieser Größenordnung Jahre beanspruchte, mußten die Grafen von Orten-burg die Rechte
auf das Baugelände von Ortenegg bereits Jahre vorher empfangen haben.
Wenn man ausschließt, daß Graf Ulrich von Ortenburg nach seiner Wahl zum Oberhaupt
des Patriarchenstaates zum Lehensherrn seiner Verwandten wurde, kann dies nur sein
Nachfolger Peregrin I., der Herzogsohn aus Karaten, gewesen sein. Der Zeitpunkt der
Lehensvergabe hätte sich dadurch nur geringfügig verschoben. Ein Umstand läßt sich
mangels urkundlichen Nachweises allerdings nicht schlüssig klären: Befand sich der Urwald zwischen Reifnitz und Kulpa, das spätere Siedlungsgebiet der Gottscheer, bereits
bei den ursprünglichen Lehenschaften der Ortenburger In Unterkrain? Wahrscheinlich
nicht. Sicher wissen wir nur soviel, daß er eine "Zugehörung" von Reifnitz war. Darüber
wird noch in weiterer Behandlung des 13. Jahrhunderts zu sprechen sein.
Das 12. Jahrhundert können wir nicht verlassen, ohne einer ortenburgischen Stadtgründung, die allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Gottscheer
Bedeutung erlangte, zu gedenken: Spittal an der Drau, Mittelpunkt Oberkärntens. Sie
erfolgte mit der Stiftung eines "Spittels" für die Armen und Hilfsbedürftigen. Türk überliefert das Ereignis wie folgt:
"Am Gründungstag, dem 11. April, hat Erzbischof Albert (von Salzburg, Anmerkung des
Verfassers) in Gegenwart vieler hervorragender weltlicher und geistlicher Personen eine
Urkunde ausgestellt, worin verkündet wird, daß die Grafen von Ortenburg, Erzpriester
Hermann und Otto II. (Söhne Ottos I.), zu ihrem Seelenheile eine Kapelle mit einem Spi-
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tale auf eigenem Grund, in proprio fundo, erbaut und dieses mit Gütern zum Besten der
Armen ausgestattet haben." - Das Schlüsselwort dieser Urkunde lautet: Seelenheil:
Das 13. Jahrhundert, dem wir uns nun zuwenden, ist ein Zeitraum weiteren Niederganges des Reiches nach innen und außen, der Selbstzerflelschung des Adels, des Heranwachsens der Städte, in denen die Bürger regieren und neue Maßstäbe setzen. Handel
und Wandel blühen und die Raubritter schmarotzen an den Erfolgen des Bürgerfleißes.
Die Kirche richtet das Denken der Gläubigen vollends auf das Jenseits. Sie verspricht allen Schichten des Volkes alle Freuden des Ewigen Lebens, wenn sie nur auf Erden gute
Werke tun. Dome, Pfarrkirchen, Stifte und Stiftungen entstehen in großer Zahl, der himmelanstrebende gotische Kirchturm ist der beredtste Ausdruck der inneren Haltung. Die
Klöster füllen sich mit Adeligen, Mönchen und Nonnen, die Kreuzzüge verzeichnen stärksten Zulauf. Die allgemeine Frömmigkeit wächst ins Ungemessene. Dennoch überwiegen
die schlechten Werke auf Erden.
Die Grafen von Ortenburg sind allerdings in dieser Hinsicht nicht ganz Kinder ihrer Zeit.
Auch sie stiften zwar zahlreiche sakrale Einrichtungen, namentlich in Krain, sie beteiligen
sich jedoch kaum an Fehden. Die beiden hervorragendsten Gestalten des 13. Jahrhunderts aus dem Hause Ortenburg, Friedrich I. und Friedrich II., genießen vielmehr den Ruf
erfolgreicher und uneigennütziger Friedensstifter.
Die schweren inneren Zerwürfnisse innerhalb der Adelsschicht führen schließlich zum
"Interregnum", der "kaiserlosen, schrecklichen Zeit". Sie dauert von 1254 bis 1273. In
diesen knapp 20 Jahren gab es zwar deutsche Könige, aber keine wirkliche Führung des
Reiches. Gesetzlosigkeit und Geistesverwirrung beherrschten das Land.
Mit dem Niedergang des Adels und seiner Feudalherrschaft gewinnt der Bauer in doppeltem Sinn an Boden. Zwar mußte jedermann auch noch gegen Ende des Jahrhunderts
einen Herrn haben, aber das Verhältnis der Landbevölkerung zu den Grundherren hat
sich gewandelt. Der Bauer ist aus der bedingungslosen Abhängigkeit herausgetreten,
vertragsfähig, also Vertragspartner seines Herrn geworden. Der Ausdruck "Holde" für den
Bauern wird gebräuchlich und in die Wirklichkeit übertragen. In seinem tiefsten Sinn bedeutet dieses Wort das gegenseitige Holdsein, das heißt, das bis dahin nur in der Adelsschicht übliche Schutz- und Trutzbündnis wird abgewandelt auf das Verhältnis zwischen
Herr und Untertan übertragen. Der Grundherr ist verpflichtet, seine Bauern zu schützen,
diese hingegen haben bestimmte Abgaben und Leistungen zu erbringen, insbesondere
den Kriegsdienst, sobald sie dazu aufgerufen werden. Die Schollenflucht, die zeitweilig
mit dem Anwachsen der Städte geradezu einer Landflucht gleichkam, wird nicht mehr mit
der früheren Strenge geahndet zumal es immer schwieriger geworden war, die Flüchtigen
aufzuspüren. Mit der Anhebung ihres Standes auf die Ebene der Vertragsfähigkeit stieg
begreiflicherweise das Selbstbewußtsein der Bauern. Da und dort erhob sich Widerstand
gegen Grundherren, die ihren Bauern noch mit der überlieferten Strenge begegneten.
Doch holen wir nun aus der Fülle der Ereignisse des 13. Jahrhunderts gleichsam die Kettenglieder heraus, die für das Entstehen des Gottscheerlandes unerläßlich waren: Mit
dem Niedergang des Reiches sank auch der Stern Aquilejas. Venedig war zur wirtschaftlichen und militärischen Großmacht emporgewachsen, und die Patriarchen fühlten sich
bedrängt und wichen zu Beginn des Jahrhunderts nach Udine aus, wo ihr Palais heute
noch zu sehen ist. Kaiser Friedrich II. (er regierte von 1212 bis 1250) verzichtete für sich
und seine Nachfolger endgültig auf die Mitwirkung bei der Einsetzung von Bischöfen.
Schon 1251, nach dem Tode des letzten deutschstämmigen Patriarchen, Berthold von
Andechs-Meran (1208 bis 1251), setzte der Papst einen Italiener zu dessen Nachfolger
ein.
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Mit dem Namen des vorläufig letzten deutschen Patriarchen ist ein entscheidendes Ereignis verbunden: Patriarch Berthold belehnte die Grafen von Ortenburg 1247 mit Reifnitz
und seinen Zugehörungen, zu denen auch der Urwald, das spätere Siedlungsgebiet der
Gottscheer, zählte. Die Auersperger hatten aus hier unwesentlichen Gründen darauf verzichtet. Im gleichen Zuge wurde den Ortenburgern Schloß Zobelsberg als Feudallehen
zugesprochen. Reifnitz taucht als Lehen der Ortenburger im übrigen in dem Teilungsvertrag zwischen Graf Friedrich II. und seinem Bruder Heinrich erneut auf. Damit ist erwiesen, daß die Kärntner Grafen von Ortenburg spätestens 1247 wußten, daß ihnen von seiten der Patriarchen die Erschließung des Urwaldes in Unterkrain durch Besiedlung zugedacht war. Es sollte aber immer noch fast drei Menschenalter dauern, bis seine deutsche
Kolonisation energisch in Angriff genommen wurde.
Die lange Verzögerung entstand hauptsächlich durch die Entwicklung der großen Politik.
Erst Ende September 1273 einigten sich die Kurfürsten auf die Wahl des Schweizer Grafen Rudolf von Habsburg zum Deutschen König. Mit überraschender Tatkraft setzte er
sich gegenüber dem Adel, dem Raubrittertum und dem jungen Eroberer Ottokar II., König von Böhmen, durch. Im Rahmen seiner politischen Konzeption ernannte er den Grafen Fiedrich II. von Ortenburg zum Landeshauptmann in Krain. Friedrich hatte drei Söhne: Meinhart I., Otto V. und Albrecht II. Der alternde Graf war nach dem Tode seines
Bruders Heinrich alleiniger Herr über die Besitzungen der Ortenburger in Kärnten und
Krain. Es liegt nahe und ist sicher kein Wunschdenken der Gottscheer, wenn sie annehmen, daß Graf Friedrich sich bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts mit Plänen für die
Besiedlung des Urwaldes beschäftigte. Daß sie nur langsam reiften, lag nicht allein an der
allgemeinen politischen Situation im Reich und in Kärnten, sondern das Unternehmen
mußte wohl überlegt sein. Friedrich von Ortenburg war nicht der Mann, der etwas überstürzte. Er residierte in Laibach und überließ bereits vor der Jahrhundertwende seinem
ältesten Sohn weitgehend die Verwaltung der Liegenschaften in Unterkrain.
Keine Urkunde kündet davon, wann die Planung des "Siedlungsunternehmens Urwald"
konkrete Formen angenommen hat. Insbesondere fehlt jeder Nachweis, ob noch Friedrich
II. oder erst sein Sohn Meinhart den unmittelbaren Anstoß zum Beginn gegeben hat.
Welcher Ortenburger immer es auch war, er wußte, daß ein kolonisatorisches Unternehmen dieses Ausmaßes nicht ohne gründliche Vorbereitung gelingen konnte. Wer hat sie
durchgeführt?
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Das 14. Jahrhundert
Die Grafschaft Ortenburg verfügte seit geraumer Zeit über ein Verwaltungszentrum, das
den jeweils regierenden Grafen bei der geordneten Wirtschaftsführung zur Verfügung
stand. Der Sitz des "Lehenhofs" ist unbekannt. Sinngemäß wäre es jedoch gewesen,
Zweigstellen in Spittal an der Dräu und in Reifnitz einzurichten. Ebenso zweckmäßig und
organisatorisch vernünftig wäre es gewesen, den "Lehenhof" unter der Leitung eines Mitgliedes des Hauses Ortenburg zunächst mit der Prüfung der grundlegenden Voraussetzungen für das Siedlungsvorhaben zu beauftragen. War der ältere Sohn Meinharts I.,
Hermann III., der hierfür geeignete Mann? Allem Anschein nach, ja. Begründung: Laut
gesetzlicher Vorschrift mußte jede Urkunde von mehreren Zeugen beglaubigt sein. Begreiflicherweise war die Zeugenschaft der Grafen von Ortenburg infolge ihres hohen Ansehens beim Adel in Kärnten und Krain gefragt. Nun verschwand ab 1301 die Unterschrift
des Junggrafen Hermann aus den Urkunden (jene seines Bruders Meinhart II. blieb). Von
Hermann III. wußte man, daß er jung heiratete. Seine Gemahlin war eine geborene Gräfin Hohenlohe. Gewiß wäre es denkbar, daß er ihr in einen anderen Teil des Reiches folgte, ebensogut konnte er jedoch mit Zustimmung seines Großvaters vom Vater den Auftrag zur Vorbereitung der Kolonisation des noch namenlosen Urwaldes erhalten haben.
An diesem Auftrag, an dessen Erteilung der Buchautor nicht zweifelt, änderte der Tod des
Großvaters (1304 in Laibach) kaum etwas. Hingegen hatte er vermögensrechtlich für die
Grafschaft Ortenburg tiefgreifende Folgen: Die Söhne und Erben Friedrich II., Meinhart I.,
Otto V. und Albrecht II., teilten die Grafschaft unter sich auf. Meinhart, der außerordentlich tatkräftige Erstgeborene, fertigte seine Brüder mit den Lehensgütern in Kärnten und
Steiermark ab und behielt die Lehenschaften in Unterkrain für sich. Meinhart war seinem
Wesen nach ein Kriegsmann. Er hatte von seiner Mutter, einer Gräfin von Görz, das heftige görzische Temperament und betätigte sich mit Vorliebe als "Schwert Aquilejas".
Trotzdem würde man ihm Unrecht tun, wollte man ihn außerhalb des Gesamtbundes der
Ortenburger, das Türk auf Seite 13 entwirft, stellen: "Stolze Ritter, Kirchenfürsten, kluge
Rechner und Ratgeber, wohl auch zeitweilig Verschwender, kühne Degen, dem höchsten
Adel verwandt und verschwägert, Beschützer des Patriarchats Aquileja und gefürchtete
Condottieri gegen die Republik Venedig".
Mit diesem großartigen Kärntner Adelsgeschlecht haben wir nun bereits den Vorhof der
Besiedlungsgeschichte des Gottscheerlandes betreten: Es ist Absicht, daß noch nicht von
einer deutschen Besiedlung die Rede ist.
Im Weiterschreiten treffen wir auf die erste Urkunde, die indirekt bestätigt, daß das Siedlungsunternehmen begonnen hat. Die Geschichtsschreibung über Gottschee hat sie lediglich registriert, ohne sie in die Gesamtsituation Kärntens und Krains am Beginn des 14.
Jahrhunderts zu stellen und dadurch zum Reden zu bringen. Diese ist gekennzeichnet
durch zahlreiche Neugründungen von Dörfern, Märkten und Städten, womit eine weitgehende Umschichtung der Bevölkerung Unterkrains eintrat. Modern ausgedrückt: Die Arbeitsmarktlage war angespannt. Die Anziehungskraft der Städte mit ihrem Lockruf:
"Stadtluft macht frei!" wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und mit ihr die Abneigung gegen Schwerstarbeiten, wie etwa das Roden eines Urwaldes. Die Bauernbefreiung war unendlich langsam vor sich gegangen, aber hundert Jahre vorher hätte ein Grundherr seine
Bauern noch zwingen können, die Tortur des Rodens einer solchen Wildnis auf sich zu
nehmen. Nun nicht mehr!
Bei der besagten Urkunde handelt es sich um den sogenannten Friedensschluß von Laibach zwischen den Grafen von Ortenburg und den Herren von Auersperg im Jahre 1320.
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Herzog Heinrich II. von Kärnten aus dem Hause Görz, Tirol, hatte die beiden verfeindeten
Geschlechter wegen Landfriedensbruchs vor ein adeliges Schiedsgericht gestellt. Aus dem
Schiedsspruch gehören nur die Punkte 1, 3 und 4, zitiert nach Tangl, Band 1, Seite 113,
hierher:
1.
Aller Krieg soll aufhören.
3. Alle Gefangenen sollen endlich ledig sein. Wer aber vor dem Frieden für seine
Freilassung eine Geldsumme versprochen hat, soll diese bezahlen.
4. Leute, die von den Gütern der Herren von Auersperg auf Güter der Grafen gezogen sind, sollen wir (die Grafen von Ortenburg, ziehen lassen.
Die sorgfältige, zeitbezogene Auslegung der Urkunde von 1320 fördert eine Anzahl bisher
unbeachteter, doch außerordentlich wichtiger Gesichtspunkte zur Besiedlung des Gottscheerlandes zutage: Schon der Vorspruch stellt eindeutig klar, wer der Angreifer war. Er
beginnt mit den Worten: "Graf Meinhart von Ortenburg bekennt, daß er unter Beistimmung seiner Söhne Hermann und Meinhart zur Beilegung der Fehde zwischen ihnen und
Volker und Herbard von Auersperg ... den Schiedsspruch der einzeln aufgeführten adeligen Richter anerkennt." Ferner ist festzustellen, daß Graf Hermann III. von Ortenburg 19
Jahre nach seinem Verschwinden aus den Urkunden zum erstenmal wieder auftaucht.
Dies könnte nicht der Fall sein, wenn er sich nicht in Krain befunden hätte. Wir sehen
darin eine Bestätigung für die Annahme, daß er mit der Vorbereitung des Siedlungsunternehmens beauftragt war. Im einzelnen läßt sich die Urkunde von 1320 dazu folgendermaßen in Beziehung setzen:
Zu Punkt 1.: Ortenburg und Auersperg hatten in Fehde gelegen. Sie war so heftig und so
ausgreifend, daß der Herzog gezwungen war, sich einzuschalten. Die ersten Scharmützel
fanden spätestens 1316 statt. Aus anderen Quellen wissen wir, daß der Görzer Graf Heinrich II. den Auerspergern zu Hilfe gekommen war, was den Schluß zuläßt, daß die Ortenburger sich in der Übermacht befanden.
Zu Punkt 3.: Ortenburg hatte Auersperg'sche Kriegsgefangene nicht zurückgegeben.
Zu Punkt 4.: Ortenburg hatte von Auersperg'schen Gütern Leute unter Versprechungen
weggelockt, also "abgeworben", wie man heute sagen würde und auf eigenen Gütern
eingesetzt. Um welche ortenburgische Güter konnte es sich dabei nur handeln? Wohl
kaum um die Lehenschaften in Unterkrain, die von den Grafen bereits seit bald 200 Jahren bewirtschaftet wurden. Das landwirtschaftliche Arbeitsvolk auf ihren Gütern ergänzte
sich von Generation zu Generation auf ganz natürliche Weise. Woher aber kam der so
beträchtliche Mangel an Arbeitskräften, daß sich Graf Meinhart diese auf seine Weise
beim Nachbarn holte, nämlich mit Gewalt? Er mußte seinerseits unter so starkem Druck
gestanden haben, daß er das Risiko einer unabsehbaren Fehde einging. In der Tat stand
der wilde Graf aus Oberkärnten vor ernsthaften, finanziellen Problemen. Gewiß, er war
kein armer Mann, doch alles, was er unternahm, kostete sehr viel Geld, seine aufwendige
Lebensführung, seine Feldzüge mit einer kleinen Privatarmee zum Schutz des Patriarchenstaates. Sein Amt als Landeshauptmann in Krain, das er seit 1307 innehatte, erforderte ebenfalls einen nicht unerheblichen Aufwand. Vor allem aber erwies sich die Kolonisation des Urwaldes als ein außerordentlich kostspieliges Unternehmen, das zunächst
nichts einbrachte, dem er aber nicht ausweichen konnte.
Die Urkunde von 1320 berichtet uns also, daß Meinhart bereits vor 1315 das Siedlungswerk in Unterkrain begonnen haben muß und daß sein Sohn Hermann III. die langwierige
Planung und siedlungstechnische Vorbereitung durchgeführt hat. Sie gibt jedoch auch
über die Herkunft der ersten Siedler eine einwandfreie Auskunft: Sie stammten zu Beginn
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von den Lehenschaften der Ortenburger selbst, und als ihr eigenes Menschenreservoir
erschöpft war, griffen sie auf Leute des Nachbarn zurück. Im übrigen hielt sich Graf
Meinhart nicht an den Schiedsspruch von 1320. Am Dreikönigstag des Jahres 1326 erging von einem neuen Schiedsgericht ein ähnlicher Spruch wie sechs Jahre zuvor.
Schließlich klärt die Laibacher Urkunde von 1320 auch noch die oft gestellte, aber nie
befriedigend beantwortete Frage nach der Herkunft der slowenischen bzw. slowenisch
klingenden Ortsnamen in den Randgebieten der Sprachinsel: Sie stammten in der Hauptsache von den Kolonisten aus den ortenburgischen und auerspergischen Lehensgebieten,
vor allem von den Zugehörungen der Lehen Reifnitz, Ortenegg, Zobelsberg und Hohenwarth, die den Ortenburgern gehörten, und der auersperg'schen Schlösser Oberhaus und
Unterhaus. Die erwähnten Güter lagen dem Urwald - wie gesagt, eine Zugehörung von
Reifnitz - am nächsten. Bei dem Mangel an Menschen, die für das überaus schwere Rodungswerk zur Verfügung standen, blieben die ersten Siedlungen am Rande des Waldes,
namentlich am Ostrand, klein. Sie besaßen offensichtlich infolge ihrer ungünstigen Lage
keine Anziehungskraft und erhielten keinen weiteren Zuzug. Das Hauptgewicht des Siedlungsunternehmens verlagerte sich sehr bald an den Nordrand des Urwalds. Was ging
hier vor?
Diese Frage läßt sich allerdings mit logischen Schlußfolgerungen aus dem Laibacher Friedensschluß von 1320 zwischen Ortenburg und Auersperg nicht mehr beantworten. Die
bisherige Geschichtsschreibung hat sich ohnehin nicht auf die Besiedlungsgeschichte des
Gottscheerlandes bezogen, sondern sie für eine aus Unverträglichkeit entstandene Fehde
gehalten. Alle Autoren ließen die Besiedlungsgeschichte des ortenburgischen Urwaldes im
Jahre 1339 beginnen. Es bestehen keine aussagefähigen Urkunden für die Zeit zwischen
1320 und 1339 zur Verfügung. Um diesen für das Entstehen der späteren Sprachinsel
ungemein wichtigen "stillen Zeitraum" zu überbrücken, muß man nach einer anderen
stichhaltigen Lösung suchen. Die ergab sich aus der folgenden nüchternen Überlegung:
Schon der gesunde Hausverstand sagt uns heute noch, daß es undenkbar war, planlos
Menschen in die Wildnis zu schicken und dann von ihnen zu erwarten, daß sie, allein auf
sich gestellt, die ungeheure körperliche und seelische Belastung der Urwaldrodung durchstehen. Die Ortenburger bereiteten das Unternehmen vielmehr so vor, wie es die natürlichen Voraussetzungen geboten. Da es sich um ein rein wirtschaftliches Unternehmen
handelte, erwarteten sie selbstverständlich mit der Zeit einen Ertrag. Er war nur zu erreichen, wenn man der menschlichen Arbeitskraft diese Voraussetzungen in der entsprechenden Aufbereitung anbot. Das heißt, es mußte Übereinstimmung bestehen zwischen
der Geländeform für die Anlage von Dörfern bei gleichzeitig entsprechender Humusschicht für den Anbau von Feldfrüchten und die Ausbildung von Wiesenanteilen, sowie
das Vorhandensein natürlicher, möglichst ganzjährig fließender Quellen, die durch das
Abholzen großer Waldflächen voraussichtlich nicht versiegten. Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Menschen damals nicht an diese Dinge dachten.
Man mußte sich also erst einmal wenigstens einen ungefähren Überblick verschaffen, wo
und in welcher Größe Ansiedlungen Erfolg versprachen. Natürlich dürfen wir uns diese
Vorbereitungsarbeiten nicht so vorstellen, daß einige Geometer an Hand von Kartenskizzen, begleitet von Gehilfen und ausgerüstet mit Kompassen und anderen technischen
Hilfsmitteln, das Land durchstreiften. Das gab es noch nicht. Die einzigen Hilfsmittel für
die Orientierung waren das Auge und der gesunde Hausverstand.
Bevor sich Graf Hermann und seine Helfer ein Gesamtbild des Besiedlungsgebiets machen konnten, mußten sie es vor allem anderen verkehrsmäßig erschließen. Nicht so, daß
sie Straßen im heutigen Sinn anlegten, sondern mehrere Bautrupps schlugen primitive
Steige in die Wildnis, um den Bodenprüfern und Wassersuchern buchstäblich den Weg zu
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bahnen. Die Vermutung liegt nahe, daß sie sich dabei eines bereits vorhandenen, durch
das Haupttal laufenden Saumpfades bedienen konnten. Er taucht bei mehreren Autoren
auf. Betrachtet man die Oberflächengestalt des Gottscheer Hochlandes und berücksichtigt man seine geographische Lage zwischen dem mittleren und nördlichen Krain - ja,
auch Kärnten muß man einbeziehen - und dem Kulpatal mit den großen Siedlungen
Tschernembl und Möttling, so kann es keinen Zweifel mehr geben, daß der mittelalterliche Handel den Urwald auf seine verkehrsmäßige Durchlässigkeit überprüft und eine
Nord-Süd-Abkürzung hindurchgelegt hat. Diese Bemerkung ist wiederum nicht so zu verstehen, daß sich einige interessierte Städte oder Einzelgeschlechter zusammentaten, um
diesen Saumweg gemeinsam anzulegen. Irgendwann einmal haben einzelne begonnen,
einen Weg durch das Dickicht zu finden. Führen wir den Gedanken zu Ende: Der Saumpfad, der sicher nicht zuletzt dem Salztransport diente, kann nur von Reifnitz über die
späteren Ortschaften Gottschee, Obermösel, Graflinden und Unterdeutschau gelaufen
sein, womit bereits Richtung und Verlauf der späteren Hauptverkehrsader des Gottscheerlandes festgelegt war.
Die Oberflächengestalt des vorzubereitenden Siedlungsgebietes erzwang noch zwei weitere unerläßliche Maßnahmen: Die Besiedlung mußte sich wegen der äußerst verkehrsungünstigen Lage der östlichen Hälfte des Urwaldlehens auf den Westteil der späteren
Sprachinsel konzentrieren. Zum anderen war es organisatorisch notwendig, Besiedlungsmittelpunkte zu schaffen, von denen aus die weiteren Dörfer strahlenförmig entwikkelt wurden, keinesfalls alle auf einmal, sondern je nach der Verfügbarkeit von Kolonisten, Vorräten an Lebensmitteln, Saatgut und Vieh. Eines ist ganz sicher: Die Siedler
haben keineswegs ihre Erstausstattung in Hülle und Fülle erhalten.
Die Besiedlungsmittelpunkte sind heute noch erkennbar. Sie waren sorgfältig ausgewählt
und echte Mittelpunkte der Teillandschaften des Gottscheerlandes. Sie lagen so verkehrsgünstig wie möglich. Würde man heutzutage einem Landschaftsplaner die Aufgabe
stellen, sie zu setzen, könnte er sie nicht günstiger einordnen als die Planer der Grafen
von Ortenburg. Es wird sich zeigen, daß sie aus der Rolle der Besiedlungsmittelpunkte
hineinwuchsen in die Aufgaben von Verwaltungs- und Wirtschaftszentren, im 19. Jahrhundert aber der ersten Schulorte. Jeder Gottscheer, der seine alte Heimat einigermaßen
kennt, ist ohne weiteres in der Lage, sie nun aufzuzählen. Sie heißen von West nach Ost:
Rieg, Gottschee-Stadt, Mitterdorf, Altlag, Obermösel, Nesseltal und Tschermoschnitz.
Um den ortenburgischen Urwald gewissermaßen aufzubrechen, bedurfte es besonderer
Menschen. Man konnte dazu nur junge, gesunde und mit der Landwirtschaft vertraute
Bauernsöhne gebrauchen. Solche Leute aber liefen nicht scharenweise herum, zumal die
Städte und Märkte lockten. Die ersten, mit Ochsengespannen befahrbaren, Wege mußten
zwangsläufig zu den Besiedlungsmittelpunkten angelegt werden.
Mit den geschilderten Maßnahmen allein war es jedoch nicht getan. Das größte organisatorische und finanzielle Problem muß die Verpflegung und Unterbringung der Erstkolonisten und ihrer Familien gewesen sein, bis sie sich aus eigener Ernte ernähren und die
Kältemonate in einer eigenen Behausung überstehen konnten. Auszugehen ist davon,
daß eine Siedlerfamilie oder -gruppe bestenfalls in dem dritten Sommer nach der Landzuweisung mit einer ausreichenden Ernte auf den Feldern und Wiesen rechnen konnte.
Der nicht geringe Anfangsbedarf an Nahrungs- und Futtermitteln, Saatgut und Wohnraum war für die Grafen, bzw. ihre Mitarbeiter, schon im Stadium des Planens und Überlegens voraussehbar. Sie standen vor der Wahl, ihn aus den eigenen Lehensgebieten in
Unterkrain zu decken, d. h. mit Ochsengespannen heranzukarren, oder den Besiedlungsvorgang dergestalt zu organisieren, daß das Unternehmen sich unter ständiger Kontrolle
des Zuzugs an Kolonisten ernährungsmäßig soweit wie möglich selbst versorgte. Aber
wie?
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Man benötigte im Anfangsstadium des Siedlungswerks also eine ständig verfügbare, den
Bedürfnissen der Kolonisten angepaßte Versorgungsbasis, bestehend aus lagerfähigen
landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Der erste organisatorische Arbeitsgang mußte daher
die Schaffung entsprechender landwirtschaftlicher Betriebe sein, anders ausgedrückt,
man mußte zuerst Versorgungsdörfer anlegen, die jedoch zugleich bereits Bestandteil des
Siedlungsunternehmens waren. Als hierfür am besten geeignet bot sich das spätere
Oberland an. Hier war der geringste Widerstand des Waldes und der Geländeform zu
überwinden, die Rinse aber stellte den Wasserbedarf für Mensch und Tier während des
ganzen Jahres sicher.
All das bedeutet: Die Besiedlung des Gottscheerlandes in größerem Stil begann am Nordrand des ortenburgischen Urwaldlehens. An dieser Stelle wird auch erkennbar, wozu Graf
Meinhart auf unlautere Weise Arbeitskräfte, sprich: Siedler, an sich zog. Im späteren
"Oberland" lagen "die Güter der Grafen", von denen in der Laibacher Urkunde aus dem
Jahre 1320 die Rede ist, und die beiden Urkunden von 1320 und 1326 erlauben uns nun
die weitgehend sinnvolle, zeitliche Eingrenzung des Siedlungsbeginns im Oberland. Mithin
ist nicht mehr und nicht weniger gesagt, als daß die Rodung, Besiedlung und landwirtschaftliche Aufbereitung des Oberlandes in der Hauptsache zwischen 1315 und 1325 - es
mögen einige Jahre vorher und nachher dazugekommen sein - stattgefunden haben. Die
notdürftige planerische und verkehrsmäßige Erschließung des Urwaldinnern dürfte gleichzeitig erfolgt sein.
Ein Wort noch zur Stamm- bzw. Volkszugehörigkeit der in diesem Anfangsstadium der
Hauptbesiedlung eingesetzten ortenburgischen Kolonisten. Sie entstammten in ihrer großen Mehrzahl der unterkrainischen Grundbevölkerung. Diese aber war zu Beginn des 14.
Jahrhunderts noch gemischtsprachig, das slowenische Element herrschte jedoch vor. Von
einem "Nationalbewußtsein" im Sinne des 19. und 20. Jahrhunderts kann jedoch noch
keine Rede sein. Die Slowenen verfügten ebensogut über die wenigen, für den Alltag erforderlichen deutschen Ausdrücke, wie die Deutschen umgekehrt. Eine der Landbevölkerung zugängliche Schriftsprache gab es weder auf der einen noch auf der anderen Seite.
Wenn wir nun versuchen, die im genannten Zeitraum gegründeten Ortschaften aufzuspüren, so kommt uns der Umstand zu Hilfe, daß die Kolonisten schon damals ihre Siedlungen des öfteren mit Ortsnamen aus der Heimat, auf jeden Fall aber in ihrer Muttersprache, belegten. Welche Dörfer können das gewesen sein? Eindeutig erkennbar sind heute
noch Windischdorf (die Erläuterung dazu erfolgt an anderer Stelle), von slowenischer
Seite wird Mitterdorf genannt (siehe Simonie, Seite 8), ferner ist Malgern mit aller Wahrscheinlichkeit von "Mala Gora" = kleiner Berg, abgeleitet, Kletsch ist zweifelsfrei slawischen Ursprungs, der Ortsname Seele stammt mit ziemlicher Sicherheit vom slowenischen Sela = Dorf. In diese Reihe gehört schließlich die Ortsbezeichnung "Gottschee".
Wir werden uns damit noch ausführlich zu beschäftigen haben.
Hier sei nur noch angefügt, daß die Grafen von Ortenburg an der Ostflanke des Urwalds
wenig Glück mit den kleinen Randsiedlungen hatten. Zu einem Besiedlungszentrum, insbesondere bei der späteren Binnenkolonisation, entwickelte sich lediglich Tschermoschnitz. Ein weiterer Vorstoß in das Innere des Waldes erfolgte im westlichen Teil mit
Göttenitz, ursprünglich wahrscheinlich Gotenica. Über die Besiedlung der westlichsten
Hochtalfurche, des Suchener Beckens, wird zu gegebener Zeit ein eigenes Kapitel berichten.
Schlußfolgerung aus der Urkunde von 1320: Der eigentlichen, deutschen Besiedlung des
Gottscheerlandes geht eine vorbereitende Kolonisationsphase mit gemischtsprachigen,
überwiegend slowenischen Siedlern voraus. Sie litt unter Menschenmangel. Der Verfasser
des „Jahrhundertbuches der Gottscheer“ ist sich dessen bewußt, daß er mit der Einführung von zwei unterschiedlichen Besiedlungsphasen in die Geschichtsschreibung des
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„Ländchens“ nicht allenthalben Verständnis finden wird. Diese Erwartung durfte ihn jedoch nicht daran hindern, seine Gedankengänge konsequent weiterzuführen.Gerade der
Ortsnamenvergleich ergab, daß die erste Besiedlungsphase nicht unvermittelt abbrach,
etwa weil plötzlich große Siedlerscharen aus Oberkärnten und Osttirol nach Unterkrain
strömten, um den ortenburgischen Urwald in Besitz zu nehmen, oder weil nach ihnen 300
fränkisch-thüringische Familien mit dem gleichen Ziel im Auge angereist kamen. In
mehrjähriger intensiver Beschäftigung mit dem Stoff Gottschee hat sich beim Autor vielmehr die Meinung herausgebildet, daß die beiden Phasen organisatorisch und weitgehend
auch menschlich ohne Bruch ineinander übergingen, bis die Beteiligung unterkrainischer
Kolonisten ganz aufhörte. Er glaubt vielmehr, den fließenden Übergang durch die neuartige Auslegung von Urkunden, Heranziehung von Ereignissen und Entwicklungen sowie
die Skizzierung eines Zeitbildes belegen zu können.
Der zweite Schiedsspruch gegen Meinhart und seine Söhne von 1326 beweist, daß Ortenburg beim Kärntner Herzog in Ungnade gefallen war. Dieser konnte wohl auch beim
besten Willen nicht dulden, daß sich der Landeshauptmann in Krain persönlich des wiederholten Landfriedensbruchs schuldig machte. Die unmittelbar betroffenen Auersperger,
die ja am herzoglichen Hof in St. Veit an der Glan als Ministerialen tätig waren, dürften
nachgeholfen haben. Meinhart mußte daher, wollte er sich die Gunst des Herzogs nicht
vollends verscherzen, seine Fehden einstellen. Andererseits mußte die nun einmal begonnene Urwaldbesiedlung weitergehen, sollte der bis dahin entstandene Aufwand nicht
umsonst gewesen sein. Mithin mußte Meinhart versuchen, auf friedliche Weise Kolonisten
heranzuschaffen. Der nächstliegende Gedanke war, seinen jüngeren Bruder Otto um die
Beistellung von Siedlungswilligen zu ersuchen. Otto hatte ja bei dem Teilungsvertrag
nach dem Tode des Vaters die ursprüngliche ortenburgische Grafschaft in Oberkärnten
erhalten. Der Teilungsvertrag, dessen genaues Datum unbekannt ist, war nicht etwa der
Ausgangspunkt zu einem schweren familiären Zerwürfnis, trotzdem dürfte Otto von dem
Angebot Meinhards nicht begeistert gewesen sein. Wie die weitere Entwicklung zeigte,
stimmte er jedoch schließlich zu.
Die ortenburgischen Werber trafen in der Oberkärntner Landschaft, vor allem im Möllund Lesachtal, aber auch im Pustertal und in den Osttiroler Seitentälern nördlich der
Drau, auf eine bedeutend wachere Bereitschaft, in einer anderen Landschaft des Herzogtums Kärnten neu anzufangen, zumal die in Aussicht gestellten Ansiedlungsbedingungen
außerordentlich günstig zu sein schienen. Die letzten Wanderzüge zur Besiedlung noch
unerschlossener Gebiete lagen bereits ziemlich weit zurück. So waren vor allem Menschen aus dem weiteren Spannungsbereich des Freisinger Eigenklosters Innichen unter
anderem an der Gründung der Sprachinsel Deutsch-Ruth und Zarz in Oberkrain beteiligt.
Seine endgültige Ausdehnung erfuhr Zarz allerdings erst durch weiteren Zuzug in der
zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Volksinsel, zahlenmäßig kleiner als Gottschee,
verschwand im Laufe des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die
Mundart, dem Gottscheer Dialekt nicht zufällig nahverwandt, hielt sich als Haussprache
bis ins 20. Jahrhundert, ist aber nun ausgestorben. Ihr Wortschatz und ihre Grammatik
konnten glücklicherwelse für die Wissenschaft noch gerettet werden.
Um 1280 tauchen die Namen zweier weiterer, aus dem Pustertal besiedelter Sprachinseln
auf: Zähre und Pladen. Sie liegen in der Landschaft Karnien auf heute italienischem
Staatsgebiet und stellen ebenso wie Tischlwang unter dem Plöckenpaß nur noch Reste
ihrer ehemaligen Ausdehnung dar. Die vorstehenden Angaben entstammen dem Buch:
"Historische Lautgeographie des gesamtbairischen Dialektraumes" von Universitätsprofessor Dr. Eberhard Kranzmayer, Wien, 1956. An gleicher Stelle (Einleitung, 13 bis 15,
Seite 5) schreibt er wörtlich:
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"Um 1325 wurde schließlich vom tirolerisch-kärntnerischen Grenzgebiet aus das große
Bauernland Gottschee mit seiner gleichnamigen Hauptstadt kolonisiert. Gottschee wurde
vor eineinhalb Jahrzehnten ausgesiedelt".
Hier stehen wir nun am Beginn der deutschen Besiedlung des Gottscheerlandes.
Bei der ungefähren Zeitangabe "um 1325" befindet sich Professor Kranzmayer in Übereinstimmung mit Hugo Grothe, der ohne Zuhilfenahme der Laibacher Urkunde von 1320
bzw. 1326 durch eine plausible Schätzung zu dem gleichen Ergebnis kam. Wir würden
jedoch das tatsächliche Geschehen um die Werbung von Siedlern für Gottschee grundlegend falsch beurteilen, nähmen wir an, daß "um 1325" in dem "tirolerisch-kärntnerischen
Grenzgebiet" ein großer Aufbruch von Siedlungswilligen in Richtung Krain erfolgte. Historisch ebenso fehlerhaft, weil rein spekulativ, wäre die in das 14. Jahrhundert zurückprojizierte Erwartung, daß ganze Dörfer dem Ruf ihres Grundherrn, des Grafen von Ortenburg, gefolgt sind.
Logisch ist vielmehr die Überlegung, daß nicht jedermann für die Urwaldrodung in Betracht kam. Von vornherein schieden die Alten aus. Die "Holden", das heißt, die mit dem
Grundherrn traditionell und in bewährter Weise verbundenen Bauern, hatten in der Regel
keine Veranlassung, sich nach einer anderen Heimat umzusehen. Angesprochen wurden
in erster Linie nicht erbberechtigte Bauernsöhne und -töchter, für die wenig Aussicht bestand, einmal einen eigenen Hof bewirtschaften zu können. Auch Knechte und Mägde
wurden sicher nicht abgewiesen, sofern sie den Anforderungen in gesundheitlicher und
arbeitsmäßiger Hinsicht entsprachen. Alle Siedlungswilligen, die natürlicherweise eine
gewisse Auslese darstellen mußten, verband eine gemeinsame Hoffnung: ein freieres,
besseres Leben zu finden.
Wir müssen uns auch von der Vorstellung freimachen, daß die angeworbenen Siedler die
Vorbereitungen für die große Fahrt nach Süden binnen kürzester Zeit trafen. Sie können
auch hinsichtlich ihrer geistigen Beweglichkeit mit Bauern des 19. und 20. Jahrhunderts
nicht verglichen werden. Sie waren arm, das Auswanderungsangebot kam überraschend.
Die Reise nach Unterkrain war bei den schlechten Wegen des Mittelalters überaus beschwerlich, überhaupt nur gruppenweise durchführbar und nur in den Sommermonaten
möglich. Nicht jeder der künftigen Kolonisten besaß einen Planwagen. Man tat sich jeweils zu mehreren zusammen, um den geringen Hausrat auf einem Gemeinschaftsgefährt
zu verladen. Es würde uns nicht schwerfallen, die wochenlange Fahrt über Pässe und
Flüsse weiter auszumalen, um darüber nachzudenken, welche Marschroute allein gangbar
gewesen sein kann. Wir begnügen uns hier jedoch mit der Feststellung, daß die neuen
Kolonisten über weite Teile des Oberlandes verstreut angesiedelt wurden. Vermutlich
haben diese ersten Gruppen von Oberkärntner Ansiedlern mit Zustimmung des Ansiedlungsstabes bereits außerhalb des späteren "Ländchens" haltgemacht und unter anderem
die Ortschaften Treffen und Deutschdorf gegründet. Der Ortsname "Treffen" kann gut
und gerne auf Burg und Dorf Treffen bei Villach zurückgehen. Dieser Platz war den Ortenburgern als Privatbesitz des jeweils regierenden Patriarchen wohlvertraut. Schon Ulrich I. (1086 bis 1121) hatte dem Stuhl von Aquileja "Treffen" geschenkt. Den Namen
"Deutschdorf" dürften die slowenischen Bewohner der Umgebung gefunden haben, denn
dieses Wort ist eine Rückübersetzung aus dem slowenischen "Nemska vas". Genau umgekehrt scheint die Ortsbezeichnung von Windischdorf entstanden zu sein: Vermutlich
waren Kärntner Siedler zur Erweiterung eines bereits bestehenden, mangels Zuzugs jedoch nicht lebensfähigen Weilers angesetzt. Seine darin lebenden Bewohner waren "windisch", weil es die Kärntner schon damals gewohnt waren und heute noch sind, die einen
alten slowenischen Dialekt sprechenden Einwohner Südkärntens als "Windische" zu bezeichnen. Während sich "Deutschdorf", ebenso wie "Treffen", zu einer slowenischen Gemeinde entwickelte, wurde "Windisch"-Dorf zu einer rein gottscheerischen Ansiedlung. Ohne Zweifel sind in der Übergangszeit zwischen den beiden Besiedlungsphasen noch
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weitere, mit Kärntner Kolonisten besetzte Dörfer entstanden. Vor allem scheinen dies
Schalkendorf und Koflern gewesen zu sein. Gründungsurkunden dieser Ortschaften besitzen wir allerdings keine.
Es dauerte noch Jahre, bis die erste deutsche Ortschaft urkundlich erscheint: Mooswald,
das in einem Brief des Patriarchen Bertrand vom l. September 1339 erwähnt wird. In
dieser Urkunde genehmigt der Patriarch dem Grafen die Einsetzung eines Kaplans in der
neu erbauten Kapelle des hl. Bartholomäus bei Mooswald.
Mit der Erwähnung des Briefes vom l. September 1339 sind wir der allgemeinen politischen Entwicklung in Kärnten und Krain weit vorausgeeilt. Wir werden den Namen Mooswald erst wieder aufgreifen, nachdem wir auf die Katastrophe, die menschlich über das
Haus Ortenburg hereingebrochen war, eingegangen sind.
Der Tod hielt reiche Ernte im Hause Ortenburg: Innerhalb eines Jahrzehnts starben fünf
Grafen. Als erster verschied Meinhart 1332 - nicht etwa im Kampfgetümmel, sondern auf
der Stammburg seiner Vorfahren in Oberkärnten. Sein Ableben wirkte offenbar lähmend
auf das Siedlungsunternehmen in Unterkrain. Man darf nämlich nicht ausschließen, daß
es zwischen den Brüdern Meinharts, Otto und Albrecht, und den Söhnen des verstorbenen Grafen, Hermann und Meinhart II., zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten wegen der Weiterführung der Urwaldkolonisation kam, namentlich über die Finanzierung
des Unternehmens. Nicht von der Hand zu weisen ist ferner, daß Graf Otto V., der ja bis
1332 sicherlich bereits einige hundert Kolonisten abgestellt hatte, angesichts seiner bereits erfolgten und zu erwartenden personellen und finanziellen Leistungen von den Neffen das Recht auf Mitentscheidung am Siedlungswerk verlangte. Die rechtmäßigen Erben
Meinharts I. waren nach dem Tode ihres Vaters ja Hermann III. und Meinhart II. Mit diesem Verlangen stieß der kinderlose Otto insbesondere bei dem ebenfalls recht kämpferischen Hermann auf Widerstand. Nur wenn wir diese Entwicklung innerhalb der Familie
Ortenburg voraussetzen, erklärt sich der Inhalt zweier weiterer Urkunden vom 24. Juni
1336 über die Neubelehnung des Grafen Otto mit Schlössern und deren Zugehörung in
Unterkrain durch den Patriarchen Bertrand von Aquileja. Sie stellen einen Schiedsspruch,
besser einen Machtspruch des Kirchenfürsten in seiner Eigenschaft als Lehensherr der
Ortenburger dar.
Die Geschichtstreue, zu der das „Jahrhundertbuch“ verpflichtet ist, gebietet es, die Umstände näher zu untersuchen, die den Patriarchen zwangen, die Entscheidung von Villach
zu treffen: Wie wir wissen, setzte der Papst seit 1251 ohne Zustimmung des Kaisers die
Patriarchen von Aquileja ein. Sie residierten bereits seit 1208 nicht mehr in Aquileja,
sondern in Udine.
Mit dem Niedergang der kaiserlichen Macht in Italien ging auch der Stern des Patriarchenstaates unter. Korruption der Verwaltung, andauernde Aufstände der Städte und des
Adels ruinierten die innere Ordnung und die Finanzen. Der Staat konnte seinen finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem Vatikan nicht mehr nachkommen. Als 1332 durch
den Tod des Patriarchen die Einsetzung eines Nachfolgers erforderlich wurde, ließ sich
Papst Johannes XXII. mit der Ernennung Zeit, um die Verwaltung in Udine zur Zahlung
der Schulden zu zwingen. Die Sedisvacanz dauerte bis in den Sommer 1334. Während
dieser Zeitspanne ereignete sich in Udine der wohl seltsamste Vorfall in der Geschichte
des Patriarchenstaates: An der Spitze der staatlichen Verwaltung und der militärischen
Führung stand als verfassungsmäßiger Schutzvogt und Generalkapitän - eine Frau namens Beatrix. Sie konnte noch keine 23 Jahre zählen, genoß aber allgemeine Verehrung.
Das Volk nannte sie "fanciulla belissima", zu deutsch ungefähr "wunderschönes Mädchen". Das Parlament von Friaul lag ihr zu Füßen und wählte sie einstimmig in die beiden
hohen Ämter. Monatsgehalt: 160 Mark in Silber. Beatrix hätte in diesem Buch keine Beachtung gefunden, wäre sie nicht eine bayerische Prinzessin gewesen, eine WittelsbacheGedruckt von http://www.gottschee.at
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rin aus der niederbayerischen Seitenlinie. Sie war an sich keine reiche Partie - ihre Brüder hatten beim niederbayerischen Volk sogar für ihre Aussteuer gesammelt - aber immerhin, der 1263 geborene Graf Heinrich II. von Görz konnte es sich leisten, sie wegen
ihrer Schönheit zu heiraten.
Heinrich von Görz starb 1323 und hinterließ einen eben geborenen Sohn. Wiederum verfassungsgemäß gingen die im Hause Görz erblichen Ämter des Schutzvogtes und des
Generalkapitäns auf diesen über. Gemeinsam mit dem Herzog von Kärnten wurde Beatrix
zur Vormünderin für das Kind eingesetzt und gelangte auf diese Weise vorübergehend an
die Spitze des Patriarchenstaates. Beatrix heiratete nicht wieder und litt unter der
Herrschsucht ihrer drei Schwäger, lebte - völlig dem Aberglauben verfallen - eine Zeitlang in Cividale und kehrte dann nach Landshut zurück, wo sie im Alter von 60 Jahren
starb.
Um das Zustandekommen und den Inhalt der Villacher Urkunden und die Zeit ihres Erscheinens richtig einzuordnen und aus ihr deuten zu können, empfiehlt es sich, auch
noch ein Bild der allgemein-politischen Lage in Kärnten/Krain in der Mitte der dreißiger
Jahre des 14. Jahrhunderts zu skizzieren. Sie spitzte sich durch den Tod des Kärntner
Herzogs Heinrich II. aus dem Hause Görz/Tirol am 4. April 1335 dramatisch zu: Herzog
Heinrich hinterließ keinen männlichen Leibeserben. Seine Tochter Margarethe, genannt
"die Maultasch", war nicht erbberechtigt. Aber die Habsburger hatten vorgesorgt. Bereits
1330, auf dem Reichstag zu Augsburg, hatten sie Kaiser Ludwig den Bayern dazu überredet, ihnen das Herzogtum Kärnten zu Lehen zu geben, falls Heinrich ohne männlichen
Leibeserben stürbe. In der erstaunlich kurzen Frist von vier Wochen hatten sie die Belehnung in Händen. Ludwig der Bayer vollzog - sicherlich auf Vorschlag der Habsburger sogar eine Doppelbelehnung, indem er die Brüder Otto und Albrecht von Habsburg zu
Herzögen von Kärnten ernannte. Otto wurde mit der überlieferten Zeremonie auf dem
Zollfeld als Herzog bestätigt, während sich Albrecht von den krainischen Ständen und
dem Adel huldigen ließ. Dies tat auch Otto. Seine Huldigung sollte jedoch wohl die Absicht der Habsburger verdecken, Krain von Kärnten abzutrennen, was dann im Laufe von
anderthalb bis zwei Jahrzehnten ohne Aufsehen geschah. Ein neues Herzogtum war geboren.
Für den Patriarchen von Aquileja, mithin auch für das Siedlungsunternehmen der Ortenburger, bedeutete die Machtübernahme der Habsburger in Kärnten/Krain eine Gefahrenzone erster Ordnung. Der Papst, den das französische Königshaus Anjou 1309 nach Avignon in Südfrankreich entführt hatte, begegnete den Habsburgern gleich seinen Vorgängern mit einem gewissen Mißtrauen. Patriarch Bertrand, ein ungewöhnlich begabter Politiker und Diplomat, gebürtiger Südfranzose, hatte vom Papst ganz sicher den Auftrag in
sein Amt mitbekommen, den Habsburgera überall da, wo die Interessen der Kirche beeinträchtigt schienen, mit den jeweils geeignetsten Mitteln entgegenzutreten. Bei dem
guten Verhältnis der Habsburger zu Kaiser Ludwig dem Bayern war es nicht auszuschließen, daß sich die Lehenslandschaft in Krain unvermittelt änderte. Ein Anlaß ließ sich
leicht finden. Verlor aber der Patriarch von Aquileja seine seit dem Jahre 1077 bestehenden Lehen in Krain, waren sie auch für die Grafen von Ortenburg verloren. Damit fiel
auch das Urwaldlehen in andere Hände. Durch den Verlust der krainischen Lehen wäre
das Haus Ortenburg auf seine ursprüngliche Grafschaft in Oberkärnten zurückgeworfen
und wirtschaftlich wie hinsichtlich der militärischen Stärke entscheidend geschwächt worden. Das heißt, das "Schwert Aquilejas", dessen Schlagkraft durch den Tod des Grafen
Meinhart I. ohnehin schon gelitten hatte, wäre gegenüber der Republik Venedig und den
zerstörerischen Kräften im Patriarchenstaat stumpf geworden. Hinzu kam, daß schon
unter dem Patriarchen Pagano II. zwischen den Grafen von Ortenburg und dem Patriarchat ein ernsthafter Streit um das Schloß Laas mit seinen Zugehörungen in Westkrain
entbrannt war. Er drohte das 240jährige Treueverhältnis zu sprengen. Nun auch noch der
Familienzwist im Hause Ortenburg!
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Patriarch Bertrand hatte unter den geschilderten Umständen keine andere Wahl, als das
Gesetz des Handelns an sich zu ziehen. Sein erster Schritt: Er belehnte, das heißt, er
beschenkte das Haus Habsburg mit Schloß Laas in Innerkrain, das Graf Hermann III. von
Ortenburg kurz vorher unüberlegt mit Handstreich abermals in seinen Besitz gebracht
hatte. Damit bewies der Patriarch dreierlei:
1. Er dokumentierte gegenüber Habsburg, vielleicht auch Auersperg, daß er sich durchaus noch im Besitze der alten Lehen Aquilejas fühlte und demgemäß darüber nach seinem Gutdünken verfügte. Die Belehnten konnten indessen das Geschenk schlecht ablehnen, obwohl sie dadurch zu Lehensnehmern des Patriarchen geworden waren.
2. Mit der Neubelehnung der Habsburger war das Streitobjekt aus dem Schußfeld entfernt, weil die Ortenburger nunmehr keine Ansprüche erheben konnten.
3. Die Grafen mußten außerdem zur Kenntnis nehmen, daß der Patriarch notfalls auf sie
keine Rücksicht nahm.
Aus den weiteren politischen Maßnahmen Bertrands ragt für uns seine angekündigte Villacher Besprechung vom 24. Juni 1336 mit dem Grafen Otto V. und dessen Neffen heraus. Es bestehen beträchtliche Zweifel, ob sie nicht auf Burg Treffen bei Villach, dem Privatbesitz des jeweils regierenden Patriarchen, stattgefunden hat. Graf Albrecht II., der
jüngste der drei Ortenburg-Brüder, war im Frühjahr gestorben. Sein Tod erleichterte dem
Patriarchen die Neuordnung der Spitze des Kärntner Grafenhauses. Er ging auch hier
energisch vor.
Über die Villacher Zusammenkunft liegen, wie bereits angekündigt, zwei fast gleichlautende Urkunden vor. Die Geschichtsschreibung über das Gottscheerland hat auch diese
beiden Dokumente lediglich registriert und nicht näher untersucht, bzw. mit dem Siedlungsvorhaben der Ortenburger in Beziehung gesetzt. Zugegeben, der sichtbar gemachte
Inhalt scheint nebensächlicher Natur zu sein, weil er lediglich einen Verwaltungsakt bestätigt, der ebensogut mit der Unterschrift des Patriarchen von Udine aus hätte erlassen
werden können. Es geht um die Wiederbelehnung eines Lehensträgers, die immer vorgenommen wurde, wenn entweder dieser selbst oder der Lehensherr starb. In diesem Falle
jedoch ging es für die Gottscheer Geschichtsschreibung um viel mehr: Bertrand stellte
die personelle Einheit der Führung des Hauses Ortenburg wieder her, indem er Otto mit
den wichtigsten ortenburgischen Lehenschaften in Krain belehnte. Er setzte sich damit
über den wenigstens 25 Jahre zurückliegenden Teilungsvertrag zwischen Meinhart, Otto
und Albrecht ebenso hinweg wie über die Erbfolge nach dem Tode Meinharts I. An sich
hätten Meinharts Söhne Hermann und Meinhart II. gemäß dem Erbrecht die Lehen in
Unterkrain erhalten müssen. Sie hatten im übrigen das Erbe bereits angetreten.
Nun zu den beiden Urkunden: Selbst Tangl, der Kärntner Ortenburg-Autor schlechthin,
bemüht sich nicht um ihre geschichtliche Wertigkeit und Auslegung. Er verzichtet auch
darauf, die lateinisch abgefaßten Urkunden im vollen deutschen Text wiederzugeben und
schreibt auf Seite 161 des II. Bandes seiner Dokumentation über die Kärntner Ortenburger:
"1336 Juni Villach. Bertrand, Patriarch von Aquileja, belehnt den Grafen Otto von Ortenburg, seinen Vasallen, und dessen Neffen, die Söhne der Grafen Meinhart und Albrecht
selig, (gemeint ist Albrecht II.), der Brüder Ottos, mit den Schlössern Ortenegg, Zobelsberg und Grafenwarth mit allen Zugehörungen, Gerichtsbarkeiten, Rechten und Nutzungen derselben wie die Grafen von Ortenburg dieselben von altersher von der Kirche von
Aquileja zu Lehen getragen haben."
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Professor Grothe zitiert auf Seite 212 den lateinischen Urtext der zweiten Urkunde wie
folgt: "Nr. 2 Urkunde des Patriarchen Ludwig von Aquileja vom l. Mai 1336.
Nos Ludoicus dei gratia sanctae sedis Aquilegensis patriarcha ad memoriam aeternam
esse uolumus quod ad nostram deducta notitiam, quod in quibisdam nemoribus seu siluis
infra confines curatae ecciesiae sancti Stephan! in Reiffniz nostrae aquilegiensis dioecesis, et in eius cora seu parochia, quae inhabitabiles erant et incultae, multae hominum
habitationes factae sint et nemora huiusmodi ac siluae ad agriculturum reducta et non
modici populi congregatio ad habkandum conuenit in quibus quidem locis per habitantes
ibidem, ad honorem dei, et gloriosae virginis matris et ad consolationem dicti populi et
subsequentium atque deuotionis augmentum, de nouo quaedam ecciesiae construtae
sunt videlicet, in Gotsche, Pölan, Costel, Ossiwniz et Goteniz et una infra confines curatae
ecciesiae sancti Petri in Tatmansdorff, videlicet, in Chrainau etiam dictae nostrae dioecesis de nouo facta, consentiente, et concedente filio nostro in Christo carissimo spectabili
comite domino Ottone de Ortenburg, in cuius dominio et jurisdictione territoria esse et
consistrere huiusmodi dinoscontur. Nos deuotionem dicti populi ibidem congregati ut suarum manuum labores manducent paternis affectibus aduertentes et cupientes animarum
ipsorum proudidere saluti, ut per huiusmodi prouisionem ad deuotionis et charitatis opera
feruertius animentur, supradictio comiti eiusque haeredibus concedimus nostro et successorum patriarcharum nomine instituendi et ordinandi in dictis ecciesis sacerdotes ydoneos, per quos celebrentur diuina, cura animarum exerceatur salubriter, sacramenta administrentur ecclesiastica et seruiatur laudabiliter in diuinis. Quorum sacerdotum praesentationen ad dictos comitem sousque haeredes pro eo, quod in ipsius domino et jurisdictione praedicia consistunt, spectare decreuimus et uolumus et opsorum confirmationem in ecciesiis praedictis videlicet Gotsche, Pölan, Costel, Ossiwniz et Goteniz ad plebanum seu rectorem in Reiffniz et ecciesiae in Chrainau, ad plebanum seu rectorem in
Rattmanstorff, sub quorum curis et parochiis esse noscuntur, qui quidem sacerdotes,
plebanis praedictis et ipsorum plebibus in omnibus subsint, obediant et Intendant, ac
ipsis reuerentiam debitam exhibeant et honorem quodque contradictores et rebelles auctoritate nostra ecciesiastica censura compellant. In quorum omnium testimomum praesentes fieri jussimus nostri sigilli appensione muniri. Datae in Castro nostro Vtim prima
die mensis Maij sub anno dominicae natiuitatis millesimo trecentesimo, sexage-simo tertio, indictione prima."
Bemerkenswert ist, daß in beiden Urkunden Reifnitz nicht erwähnt ist, obwohl ja der Urwald zu seinen Zugehörungen zählte. Eine Erklärung hierfür ist in der Literatur zur Zeit
nicht auffindbar. Möglicherweise war das Lehen Reifnitz inzwischen Ortenegg zugeschlagen worden, wo sich zum Zeitpunkt der Belehnung Ottos die ortenburgische Schlösserverwaltung befand.
Ist es indessen nicht merkwürdig, daß sich der Patriarch nach Villach bzw. Treffen bei
Villach begab, anstatt seinen Vasallen Otto und dessen Neffen nach Udine kommen zu
lassen? Vergab sich der höchste Kirchenfürst nach dem Papst nicht etwas durch diese
Reise? Kaum! Es scheint, daß er vielmehr ihre Bedeutung durch sein persönliches Erscheinen auch gegenüber den Ortenburgern unterstreichen wollte. Für den in schwersten
Geldnöten befindlichen Landesherrn Bertrand - der Patriarchenstaat war nicht nur gegenüber dem Vatikan, sondern auch den Bankiers in Padua hoch verschuldet - war es nicht
zuletzt aus finanziellen Erwägungen von Bedeutung, daß der Urwald besiedelt wurde. Nur
wenn er besiedelt war, brachte er der Kirche Geld und vermehrte er die den Ortenburgern zu Gebote stehende Wirtschaftskraft, Menschenzahl wie ihr politisches Ansehen.
Diese nicht wiederkehrenden Möglichkeiten blieben ungenutzt, wenn das Siedlungsunternehmen nicht fortgesetzt und vollendet wurde.
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Unter diesen Umständen können wir uns gut vorstellen, daß Patriarch Bertrand seinen
Vasallen und Lehensträger nachdrücklich angewiesen hat, die Kolonisation des Urwaldes
unverzüglich wieder aufzunehmen.
Graf Otto hatte nun gegenüber seinem Neffen einen wesentlich leichteren Stand. Wir wissen im einzelnen nicht, wie sich das Verhältnis zu Hermann III. und Meinhart II. entwikkelt hatte und weitergestaltet hätte, in jedem Falle war es ein schwerer Schlag für das
Haus Ortenburg, daß beide hintereinander in den Jahren 1337 (Hermann III.) und 1338 (
Meinhart II.) kinderlos starben. Von den Neffen Ottos, die in den Villacher Urkunden andeutungsweise genannt sind, waren nun noch die Söhne Albrechts II., Ottos VI. und Rudolfs zurückgeblieben. Ob sie ihrem Onkel bei der Fortsetzung des Siedlungsunternehmens zur Verfügung gestanden sind, ist urkundlich nicht belegbar. Es dürfte jedoch außer Zweifel stehen, daß sie dies als seine dekretierten Erben taten. Vor allem mußte sich
Otto VI. auf die Seite seines Onkels geschlagen haben, da er infolge des frühzeitigen Todes seiner Vettern vom Schicksal zum Fortpflanzer des Grafengeschlechts Ortenburg
ausersehen war.
Patriarch Bertrand aber hatte durch sein Drängen erreicht, daß die Kolonisation des Urwaldes zwischen Reifnitz und Kulpa mit vollem Schwung einsetzte. - Dies beweist der
Brief des Patriarchen vom l. September 1339 an den Grafen Otto V. Für die Geschichtsschreibung über Gottschee begann das Besiedlungsvorhaben der Grafen von Ortenburg
an diesem l. September 1339. Die Patriarchen von Aquileja traten in den Hintergrund.
Man ging voraussetzungslos ans Werk und so konnte es nicht ausbleiben, daß Ungereimtheiten und ausgesprochene Irrtümer wie Fehlschlüsse eintraten. Wir wollen im folgenden versuchen, sie soweit wie möglich auszuräumen.
In dem lateinisch abgefaßten Dokument vom l. September 1339 genehmigt Patriarch
Bertrand dem Grafen Otto die Anstellung eines Kaplans an der neu erbauten und dem hl.
Bartholomäus geweihten Kapelle bei der " villa Mooswald". Als Begründung für die Sanktionierung dieser Expositur der Pfarre Reifnitz wird angeführt, daß man den in großer
Zahl zusammengeströmten Gläubigen den weiten Weg zur Pfarrkirche in Reifnitz ersparen wolle. Auch sollten sie an Ort und Stelle die Sakramente empfangen und ihre Toten
in einem eigenen Friedhof begraben können. Eine deutsche Übersetzung des Patriarchenbriefes steht bei Grothe auf Seite 211.
Wie der kurzgefaßte Inhalt der Urkunde lehrt, haben wir es dabei nicht mit einer siedlungsgeschichtlichen Urkunde, sondern mit einem kirchlichen Erlaß zu tun, worin begreiflicherweise das Kirchliche im Vordergrund steht. Man darf darin also keine greifbaren und
genauen Belege über den Stand der Besiedlung, die Herkunft und die Zahl der Kolonisten
bzw. ihre Verbreitung über die Ausdehnung des Siedlungsgebietes sehen. All das interessierte die Sekretäre des Patriarchen eben nur am Rande. Insbesondere hätten wir gerne
Näheres über Umfang, Gründungsjahr und Belegschaftszahl der "villa Mooswald" erfahren. Selbst ein Hinweis auf das Fassungsvermögen der Kapelle hätte uns bereits einen
Anhaltspunkt für Schätzungen geben können.
Bei aller Achtung vor der Ehrwürdigkeit des obigen Dokumentes dürfen wir nicht davon
absehen, es an Hand unserer Forschungsergebnisse neu zu deuten und zu beurteilen. Wir
wollen auch versuchen, es mit der rauhen Wirklichkeit des 14. Jahrhunderts in Einklang
zu bringen.
Woher kommt der Ortsname Mooswald?
Obwohl der Brief vom l. September 1339 auch darüber nichts aussagt, bewegen wir uns
mit der Antwort auf festem Boden. Er kommt ohne jeden Zweifel aus Kärnten, wo es zwei
"Mooswald" gibt, von denen jedoch nur eines als Patenort für das Mooswald im GottGedruckt von http://www.gottschee.at
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scheerland in Betracht kommt. Sie liegen in der Umgebung von Paternion und Spittal an
der Dräu. Die Verbindung zum Siedlungsunternehmen in Unterkrain ist rasch hergestellt:
Paternion und Spittal an der Drau waren im 14. Jahrhundert noch sogenannte Schutzmärkte der Grafen von Ortenburg. Die direkten Namensüberträger waren mit Sicherheit
die Kolonisten aus dem Mooswald bei Paternion. Begründung: Im Sichtbereich dieser
Ortschaft gibt es die Bergbezeichnung "Nock", die sonst im deutschsprachigen Alpenraum
nur selten zu finden ist, jedoch - und eben nicht zufällig! - auch in Sichtweite des gottscheerischen Mooswald auftaucht.
In dem Augenblick aber, da wir fragen, wann dieses Mooswald im Gottscheer Oberland
angelegt worden war, betreten wir geschichtliches Halbdunkel. Was heißt in diesem Falle
"villa"? Übte Mooswald eine besondere Funktion aus, weil es als einziger Ortsname auftaucht? Nur eines ist sicher: Es kann nicht erst 1339 entstanden sein. Dies läßt sich aus
der Bemerkung in der Urkunde, daß man den zahlreichen Gläubigen den weiten Weg
nach Reifnitz zum Gottesdienst und zu den Sakramenten nicht mehr zumuten wolle,
schließen. Mithin waren so viele Menschen zusammengeströmt, daß sie eine neu erbaute
Kapelle tatsächlich füllten. Aber mehr auch nicht, denn der fromme Otto von Ortenburg
hätte das Opfer nicht gescheut, eine Kirche zu errichten. Der Bau der Kapelle des hl. Bartholomäus bei Mooswald deutet andererseits darauf hin, daß die "villa" in seinen Plänen
noch eine Zeitlang von Bedeutung sein würde. Keinesfalls jedoch wären die Kolonisten
aus Kärnten in der Lage gewesen, innerhalb weniger Sommermonate einmal die Übersiedlung aus der alten Heimat in die neue zu bewerkstelligen, dann den Wald zu roden,
das Saatgut auszulegen, winterfeste Unterkünfte zu bauen und auch noch eine Kirche zu
errichten. Denn das alles mußte bereits geschehen sein, als die Zustimmung des Patriarchen für die Anstellung eines Kaplans eintraf. Das ist undenkbar, die "villa" mußte also
schon längere Zeit vor dem September 1339 angelegt worden sein. Der späteste Zeitpunkt, an dem Mooswald hätte errichtet werden können und müssen, um im Patriarchenbrief genannt werden zu können, wäre 1337 gewesen. Dabei ist es fraglich, ob es in
zwei Sommern möglich gewesen wäre, die unerläßlichen Vorbereitungsarbeiten zu leisten
und um 1339 zur Selbstversorgung übergehen zu können. Wenn nicht, wann hätte
Mooswald bzw. die "villa" - dieses Wort bedeutete im Mittellateinischen etwa "Landgut"
oder "Dorf" - zum frühesten Termin errichtet werden müssen, um im Sommer 1339 bereits eine offenbar wichtige Funktion ausüben zu können?
Wir kommen dem Zeltpunkt der Gründung Mooswalds näher, wenn wir ihn mit dem Todesjahr des Grafen Meinart I., 1332, in Beziehung setzen. Wie wir wissen, starb Ottos
älterer Bruder auf der Stammburg ihrer Vorfahren, wo Otto lebte. Was wollte Meinhart
auf der Ortenburg? Unterhielt er sich mit seinem Bruder wegen des Fortganges der Urwaldkolonisation? Was sie vielleicht vereinbarten, können wir nur ahnen. Wenn wir jedoch annehmen, daß sie das für den weiteren Vorstoß in den Urwald unerläßliche Durchgangs- und Vorratslager anzulegen beschlossen, dürften wir ganz gewiß nicht einer billigen Spekulation anheimfallen. Von 1333 bis 1339 war dann genügend Zeit zum Ausbau
des siedlungstechnischen Stützpunktes Mooswald. Wenn man seine Gründung so frühzeitig ansetzt, wie eben geschehen, war er imstande, nach Erweiterung des Fassungsvermögens auch den wachsenden Zustrom seit der Konferenz von Villach aufzufangen und zu verteilen.
Stehen denn die Ausdrücke wie Auffanglager, Durchgangslager, Vorratslager oder gar
siedlungstechnischer Stützpunkt nicht im Gegensatz zur Urkunde von 1339, das heißt,
zur Bezeichnung "villa"?
Gewiß, die Frage ist berechtigt. Andererseits ist dieses Wort verschieden übersetzt worden. Neben "Landgut" trifft man auf Dorf, Ortschaft, größeres Gehöft. Für uns ist die Übersetzung von "villa" jedoch nicht das Entscheidende. Wir suchen vielmehr den Platz
oder besser gesagt den Rang, den die "villa Mooswald" im Rahmen der DeutschbesiedGedruckt von http://www.gottschee.at
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lung des Gottscheerlandes einnimmt. Die oben verwendeten Ausdrücke sind mit vollem
Bedacht gewählt, denn in Mooswald muß sich der Lenkungsstab befunden haben. Mit ihm
gekoppelt war das Durchgangslager, das die ankommenden Kolonisten bis zu ihrer Einweisung beherbergte, wozu primitive Unterkunftsräume erforderlich waren. Zu dem
"Landgut" gehörten folglich auch Vorratsräume für Saatgut und den technischen Verpflegungsbedarf. Ferner mußte wenigstens notdürftig für das eintreffende Vieh gesorgt sein.
Schließlich gehörte zu dem "Landgut", nicht etwa wahrscheinlich, sondern bestimmt, eine
Landwirtschaft, die von einer Anzahl Bauern betrieben wurde - gleichsam den Pionieren
des späteren Ortes Mooswald. Ihre geringen Überschüsse dürften jedoch kaum ausgereicht haben, um außer der ständigen Belegschaft des Durchgangslagers, bestehend aus
Beamten für die planmäßige Verteilung des Siedlungslandes, Schreibern, Begleit- und
Aufsichtspersonal, auch noch die abzufertigenden Siedlergruppen in Mooswald selbst und
bis zur ersten eigenen Ernte am Einsatzort zu ernähren. Aufsicht war übrigens zur Vermeidung eigenmächtiger Landsuche und Landnahme etwaiger unzufriedener Kolonisten
wohl unerläßlich. Nach dem Stufenplan, den wir bereits bei der Darstellung der ersten
Besiedlungsphase nachzuzeichnen versuchten, mußten nun die bereits länger bestehenden Dörfer des Oberlandes einen Teil ihrer Ernten an das Hauptlager in Mooswald abliefern. Es kann jedoch durchaus sein, daß die Ortenburger auch die Zugehörungen der alten Lehenschaften Reifnitz und Ortenegg nach 1336 für diesen Zweck herangezogen haben.
Der Autor des „Jahrhundertbuches” ist durchaus dem Einwand zugänglich, er habe sich
einen Zeit- und Stufenplan der Besiedlung des Gottscheerlandes ausgedacht, den es vielleicht gar nicht gegeben hat. Es scheint jedoch nur so. Er beruft sich wiederum auf den
gesunden Hausverstand und auf ganz bestimmte, organisatorische Grundsätze, ohne
deren Anwendung das Wachstum einer menschlichen Gemeinschaft nicht möglich ist.
Was damit gesagt sein soll, wird an folgender Frage klar: Was wäre geschehen, wenn die
Grafen von Ortenburg ihr Urwaldlehen zur regel- und planlosen Besiedlung hätten freigeben dürfen? Nichts. Es wäre nicht etwa dazu gekommen, daß von allen Seiten Rodungsbauern herbeigeströmt wären, daß ein großes Geraufe um die besten Böden und Felder,
um die ergiebigsten Quellen eingesetzt hätte, sondern, abgesehen davon, daß auch im
14. Jahrhundert für eine Kolonisation Geld und nochmals Geld erforderlich war, das die
siedlungswilligen Bauernsöhne nicht besaßen, waren die Bauern des 14. Jahrhunderts
noch zu unbeholfen, um ohne Führung und Anleitung an ein schwieriges Werk wie dieses
heranzugehen. Der einzelne aber hatte überhaupt keine Chance, sein Leben in der Wildnis zu fristen. Er hätte sich und seine Familie ohne Nachbarschaft nicht durchbringen
können, sofern er überhaupt den Mut aufgebracht hätte, sich schutzlos den bösen Geistern auszuliefern. Der Aberglaube besaß zur damaligen Zeit noch einen unvorstellbaren
Einfluß auf die Gemüter.
Selbst wenn die Grafen von Ortenburg einen mittleren Weg gegangen wären und die
Siedlungswilligen gewissermaßen mit lockerer Hand im Urwald angesetzt hätten, wäre
das Gottscheerland, wie wir es nun kennen, nie entstanden. Natürlicherweise waren die
Menschen des Mittelalters nicht weniger egoistisch, als wir es heute sind. Die Rücksichtslosesten und Stärksten hätten sich die besten Plätze gesichert und wer später kam, hätte
nehmen müssen, was übrigblieb. Wer aber wäre gerne und freiwillig hinaufgezogen auf
die höher gelegenen Plateaus mit ihren ungünstigen Böden und Wasserverhältnissen?
Den besten Beweis, daß die Grafen von Ortenburg ihr Siedlungswerk im Karsthochland
Unterkrains sorgfältig geplant und durchgeführt haben, erbringt ein Blick auf die Landkarte. Mit staunenswerter Anpassung an die Oberflächengestalt der Landschaft und an
die Wasservorkommen verteilen sich die Dörfer und Weiler über das "Ländchen", sammeln sich die kleineren Ortschaften um die Besiedlungsmittelpunkte. Wenn an keiner
anderen Stelle, hier ist der Plan erkennbar.
Die Grafen von Ortenburg haben weder das eine noch das andere Verfahren angewendet,
sondern haben für das außerordentlich günstige Angebot an die Siedlungswilligen von
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diesen Ordnung und ein vernünftig zweckmäßiges Mitgehen verlangt und - erhalten. Für
die Rodungsbauern war es nicht immer leicht. Drei Ortsnamen drücken dies unüberhörbar aus: Verdreng und Verderb in der Gemeinde Obermösel und Kummerdorf in der Gemeinde Nesseltal. Eine Erläuterung dazu erübrigt sich. Aber die in diese Ansiedlungen
eingewiesenen Bauern blieben! Ihre Dörfer zählten zu den bekanntesten in der Sprachinsel. Der Verdrengerberg und der Kummerdorferberg trugen Wallfahrtskirchen.
Die "villa Mooswald" war 1339 die am weitesten nach Süden vorgeschobene Ansiedlung
mit Kärntner und Osttiroler Kolonisten. Ob schon ein wesentlicher Teil der Siedler Osttiroler Herkunft war, wird noch zu untersuchen sein. Mooswalds Bedeutung schwand mit jeder lebensfähig werdenden neuen Ortschaft bzw. dem Weiterwachsen der Funktionsfähigkeit der Besiedlungsmittelpunkte. Wann es aufhörte, Hauptlager zu sein, wird sich
ungefähr noch feststellen lassen, hingegen erscheint es ausgeschlossen, auch nur beiläufig die Zahl der Kolonisten, die durch das Durchgangslager geschleust wurden, bzw. das
Verwaltungs- und Versorgungspersonal der "villa" zu schätzen oder gar zu errechnen. Die
Urkunde vom l. September 1339 sagt nur soviel aus, daß immerhin eine Kapelle gebaut
werden mußte und ein Friedhof in Aussicht genommen war. Also lebten in der "villa
Mooswald" bereits so viele Menschen, daß ein Geistlicher mit ihrer seelsorgerischen Betreuung annähernd ausgefüllt war, daß Todesfälle vorkamen, vor allem wohl durch Unfälle bei der Rodungsarbeit und durch die hohe Säuglingssterblichkeit, aber eine Zahl kristallisiert sich nicht heraus. Die Tatsache, daß Graf Otto eine Kapelle und keine Kirche
gebaut hat, spricht eigentlich dagegen, daß diese Zahl "groß" gewesen sein kann. Eine
slowenische Quelle vermutet das Gegenteil. So lesen wir bei Simonie auf Seite 8 unter
anderem: " ... weil Gottschee nur in den Randgebieten mit slowenischen Bauern besiedelt
war, begannen im 14. Jahrhundert die Ortenburger, Siedler von ihren Besitzungen in
Kärnten hierherzubringen. Der Ortenburger Graf Otto, der Kolonisator des Gottscheerlandes, siedelte in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts schon so viele Kolonisten an,
daß er in Mooswald ..." Es folgt ein Hinweis auf die Kapelle von Sankt Bartholomäus. Auf
Seite 9 heißt es bei Simonic weiter:
"Die Ortenburger haben Gottschee aus wirtschaftlichen Gründen mit einer größeren Zahl
von Bauern zu kolonisieren begonnen, um mit einem dichter besiedelten und bearbeiteten Land ihre Einkünfte zu vergrößern. Auf das Gut brachten sie auch deutsche Beamte
und Handwerker. Die Zahl der deutschen Bauern, die Graf Otto in den dreißiger Jahren
des 14. Jahrhunderts von seinen Besitzungen in Oberkärnten nach Gottschee gebracht
hatte, war sehr groß."
Es wäre eine reine Zahlenspielerei, würde man diesen weit auseinanderliegenden Vermutungen eine konkrete Schätzung gegenüberstellen. Die Unbestimmtheit wandelt sich allerdings bis zur Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Zahl, wenn man folgende Überlegungen in das vermutete Geschehen der Kolonisation einführt. Da ist vor allem ein privatwirtschaftliches Argument heranzuziehen: Türk schreibt in seiner kurzen Charakteristik der Grafen von Ortenburg, daß sie auch "kühle Rechner" waren. Meinhart I. war dies
zweifellos nicht, aber der sparsamere Otto hatte die Beamten des "Lehenhofes" sicherlich
angewiesen, dafür zu sorgen, daß sich der unumgängliche finanzielle Aufwand möglichst
bald in steigende Erträge verwandelte. Außerdem dürfte er darauf geachtet haben, daß
die Zeitspanne zwischen der Zuschuß- und der Selbstversorgung der "Holden" nicht zu
lang ausfiel. Das heißt, der Zuzug der Siedler wurde gesteuert und es war nicht möglich,
daß beliebig viele Interessenten ungerufen anreisten. Dieses Verfahren war mit ein
Grund, warum bis zum Ende des 14. Jahrhunderts noch Nachzügler in Gottschee eintrafen. Darüber hinaus ist zu bedenken, daß ja auch in Kärnten und Osttirol nicht unbegrenzt viele Siedlungswillige, die den Anforderungen der Urwaldrodung entsprachen, zur
Verfügung standen. Völlig ausgeschlossen, weil Verkehrs- und siedlungstechnisch sowie
klimaabhängig undurchführbar, war die gleichzeitige Besiedlung aller Teillandschaften
des Hochlandes oder auch nur eines Teiles, des Hinterlandes oder des Unterlandes. Die
Vernunft gebietet uns die Annahme, daß jeweils Gruppen zusammengestellt wurden, die
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auf einem vorher bestimmten und abgegrenzten Gelände ein Dorf, ihr Dorf, aufbauten.
Die ersten Dorfanlagen des 14. Jahrhunderts wurden bewußt klein gehalten und dürften,
außer den Besiedlungsmittelpunkten, zehn bis zwölf Herdstellen kaum überschritten haben. Dieser Größenordnung würde eine Einwohnerzahl von 40, höchstens 50 Personen
entsprechen. Ihre körperlichen Strapazen müssen ungeheuer gewesen sein. Damals wurde die Nachbarschaft, von der die Gottscheer heute noch reden und schreiben, geboren.
Alle Arbeiten, die dem Kolonisten unausweichlich auferlegt sind, der Blockhüttenbau, die
Rodung und Säuberung der Feldflur von den Steinen und das Herrichten der Weideplätze,
wurden gemeinschaftlich geleistet.
Die vorstehend dargelegten finanziellen, wirtschaftlichen, organisatorischen und landschafts-strukturellen Hindernisse für eine Massensiedlung vermögen wohl kaum die These bei Simonic zu stützen, daß die Zahl der Siedler in den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts "sehr groß" gewesen sei, selbst wenn man in Rechnung stellt, daß sie seit der
Villacher Konferenz erheblich anstieg. Wie kommt die von Simonic herausgegebene slowenische Festbroschüre anläßlich des Gedenkens an die Stadterhebung von Gottschee
vor 500 Jahren auf diese großzügige Mengenangabe?
Sie ist nur so zu erklären, daß man den Ausdruck "multae hominum" aus der nächsten
bedeutsamen Urkunde aus dem Jahre 1363 bereits auf jene von 1339 angewendet hat.
Im übrigen ist zu berücksichtigen, daß man im Mittelalter mit wesentlich anderen Maßstäben rechnete als heute. Uns stellen sich 80 oder 100 Menschen als eine Handvoll Leute dar, in einem Gebiet, in dem bis zum Siedlungsbeginn null Menschen lebten, war das
"viel". Einige hundert Menschen gar mußten daher als eine große Menge erscheinen.
Ob sehr viele oder wenige Kolonisten: Wie lautete das Angebot der Ortenburger an die
Siedlungswilligen? Es ist auch heute noch interessant. Sie erhielten eine ganze "Hube",
bayrisches Maß, das waren ungefähr 20 ha, auf folgender Rechtsgrundlage: Grund und
Boden wurden dem Rodungsbauern in unkündbarer Erbpacht übergeben. Mithin waren
sie "Besitzer", ein Wort, das noch öfter auftauchen wird. Zwei weitere Gesichtspunkte
übten eine beträchtliche Anziehungskraft aus, die Bauern konnten ihren Besitz vererben,
teilen, tauschen und verkaufen. Die Pachtzinsverpflichtung blieb auch auf Teilen des ursprünglichen Grundstückes. Den vielleicht stärksten Antrieb zur Annahme des Angebotes
übte die Zusage der vollen persönlichen Bewegungsfreiheit aus. Bei all dem wissen wir
jedoch nicht, ob den Siedlungswilligen von Anbeginn die Ungunst des Bodens mitgeteilt
wurde.
Wie die Kolonisten im einzelnen in ihre Parzellen eingesetzt wurden, entzieht sich unserer
Kenntnis. Es wäre auch zwecklos, die Frage aufzuwerfen, ob anfänglich die Feldflur eines
Dorfes gemeinschaftlich bearbeitet wurde. Wir können sie nicht beantworten.
Die Siedler erhielten vermutlich keine schriftlichen Zusagen, Belehnungsbriefe, Eigentumsurkunden oder dergleichen. Sie hätten sie ja nicht lesen können. Wir gehen sicherlich nicht fehl in der Annahme, daß sie mit Handschlag vor Zeugen in ihre Grundstücke
eingewiesen wurden. Ob diese ein zusammenhängendes Stück Land bildeten, ist zweifelhaft. Man hat sicher darauf geachtet, daß das bebaubare Land, die Wiesen, Felder und
die Waldanteile einigermaßen gerecht verteilt wurden. Daraus ergibt sich zwangsläufig,
daß bei der Aufgliederung einer Ortsflur ein entscheidungsbefugter Beamter des Grundherrn anwesend war, wie hätte dieser sonst den Überblick behalten sollen? Es dauerte
außerdem gewiß nicht lange, bis jeder Besitzer Zeugenschaft dafür ablegen konnte, welches Grundstück wem in seinem Dorfe gehörte. Das Setzen der Grenzsteine wird eine der
unangenehmsten Arbeiten gewesen sein.
Wir verlassen nun den geschichtlichen Nachrichtenraum des Patriarchenbriefes von 1339.
24 Jahre vergehen bis zum Auftauchen einer weiteren Urkunde aus Patriarchenhand. In
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der Zwischenzeit, da siedlungsgeschichtlich viel geschehen sein muß, fehlt jede Nachricht
über das Weiterwachsen des "Ländchens". Wir erfahren lediglich, daß Graf Otto V. im
Jahre 1342 gestorben war. Welcher von seinen Neffen, es können nur Otto VI. oder Rudolf oder beide gewesen sein, das Siedlungswerk in Unterkrain weiterführte, ist unbekannt. Sie müssen in finanzielle Schwierigkeiten geraten sein, denn wir lesen bei Professor Saria, daß "die Ortenburger" zwischen 1351 und 1364 insgesamt viermal Geld bei
Laibacher Juden aufgenommen haben ("Die mittelalterliche deutsche Besiedlung von
Krain"). Was war geschehen?
1348 war ein Pest- und Erdbebenjahr. Laibach wurde weitgehend zerstört. Vom Dobratsch bei Villach stürzte eine riesige Felswand in das Gailtal nieder und verschüttete
angeblich sieben Dörfer. - Die Pest aber raffte - wie verlautet - etwa die Hälfte der
Kärntner Bevölkerung dahin. Daraus können wir schließen, daß die Zahl der Siedlungswilligen so entscheidend abgenommen hatte, daß die Grafen gezwungen waren, den Anreiz
für die Auswanderung nach Unterkrain durch ein weiteres Zugeständnis zu erhöhen,
nämlich, eine Geldprämie, anders ausgedrückt, ein Handgeld, anzubieten. Noch eine andere Folge zog die Seuche nach sich. Die Grafen befanden sich durch die Menschenverluste in einer ähnlichen Lage wie ihr Onkel Meinhart I. Das Menschenpotential in der eigenen Grafschaft reichte nicht mehr aus, um die Besiedlung des Urwaldes in absehbarer
Zeit fortzuführen und zu vollenden. Sie mußten daher versuchen, anderswo Auswanderungswillige zu finden. Sie fanden diese im östlichen Teil der benachbarten Grafschaft
Tirol. Natürlich konnten die Grafen von Ortenburg auf dem Gebiete Osttirols nicht einfach
Kolonisten werben. Sie bedurften dazu der Genehmigung des Grafen von Tirol und der
Grafen von Görz, die dort umfangreiche Lehenschaften besaßen. Auch das Kloster Admont und das Stift Dießen am Ammersee in Oberbayern waren dort begütert. Hübsch
hätte sich die historische Pointe in diesem Buch ausgenommen, hätte man einen Zusammenhang zwischen dem Vorhaben der Ortenburger und der Gräfin Beatrix, geborene
Prinzessin von Wittelsbach, herstellen können. Wenn sie zu diesem Zeitpunkt überhaupt
noch in Friaul lebte, so hätte sie keinen Einfluß auf die Freigabe von Kolonisten für Unterkrain nehmen können, denn ihr Sohn war volljährig und ihre Schwäger, die in Lienz in
Saus und Braus lebten, hätten ihr gewiß kein Mitspracherecht zugestanden. Es spricht
viel mehr dafür als dagegen, daß sich die drei Görzer Grafen die Freigabe von Untertanen
durch die Ortenburger abkaufen ließen.
Wie dem auch sei, der Zuzug von Osttirolern in die spätere Sprachinsel Gottschee scheint
richtig erst nach 1348 eingesetzt zu haben und nicht unbeträchtlich gewesen zu sein.
Dafür sprechen zahlreiche mundartliche Einflüsse aus Osttirol im Gottscheer Dialekt. Die
lapidare Feststellung Prof. Kranzmayers, daß die Vorfahren der Gottscheer aus dem tirolerisch-kärntnerischen Grenzgebiet stammen, läßt sich, wie wir gesehen haben, nicht nur
sprachwissenschaftlich, sondern - mit einigem Anspruch auf Wahrscheinlichkeit - auch
historisch belegen. Bevor wir jedoch auf die Feststellung des Kärntner Gelehrten näher
eingehen, werfen wir noch einen Blick auf andere Auffassungen zu diesem Thema. Sie
trieben die seltsamsten Blüten, auch hinsichtlich der Deutung des Ortsnamens Gottschee,
der dem ganzen "Ländchen" seinen Namen gegeben hat.
Da waren viel laienhaftes Historisieren und mancher geschichtliche Wunschtraum unterwegs. Die Abstammungstheorien reichten von der Annahme, die Vorfahren der Gottscheer seien Nachkommen der letzten Goten, die sich in die Wälder des Karsthochlandes
zurückgezogen hatten, gewesen, bis "Gottes Segen" und "Gottes See" oder "Gatschen"
und Kocevje, ein sloweniches Wort, das der historischen Wirklichkeit noch am nächsten
kommt. Es ist abgeleitet von "koca" = Hütte und bedeutet soviel wie "Ansammlung von
Hütten". Mit dem aufkommenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts träumten manche
Gottscheer von einer Abstammung ihrer Urahnen aus allen deutschen Stämmen, und
hielten das "Ländchen" für ein Klein-Deutschland. Am hartnäckigsten hielt sich die "Thüringer-Franken-Theorie". Sie ging davon aus, daß Kaiser Karl IV. (er regierte von 1346
bis 1378) einem Grafen Friedrich von Ortenburg auf dessen Bitte 300 Männer samt ihren
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Familien als Kolonisten in den Wäldern von Gottschee überlassen habe. Es handelte sich
angeblich um Rebellen aus Thüringen und Franken, die an sich ihr Leben verwirkt haben
sollten. Als Quelle für diese Mär wurde Valvasor herangezogen. Er schreibt auf Seite 194
des XI. Bandes seines Hauptwerkes: "Die Ehre des Herzogtums Crain", der Laibacher
Bischof Chroen habe in dem Archiv von Bischoflak bei Laibach eine Notiz gefunden, aus
der hervorging, es seien "300 Männer samt ihren Weibern und Kindern durchgekommen". Sie sollen nach Gottschee weitergereist sein, um dort die Wälder zu roden. Nichts
gegen den Bischof, nichts gegen den Verfasser der Notiz, aber alles gegen die Zahl 300
und gegen den Grafen Friedrich von Ortenburg, der um diese billige Belegschaft für das
Siedlungsunternehmen Urwald in Unterkrain gebeten haben soll. Die Zahl 300 ist einfach
zu glatt und - zu hoch. Sie stellt ohne jeden Zweifel eine Schätzung dar, und was man
von den Maßstäben der mittelalterlichen Schätzer im Vergleich zu den heutigen und in
bezug auf Menschenmengen halten kann, haben wir bereits erörtert. Aber der Historiker
und der Sprachwissenschaftler haben unwiderlegbare Argumente gegen die "ThüringerFranken"-Theorie:
"300 Männer samt ihren Weibern und Kindern" bedeuteten, selbst wenn man nur vier
Familienmitglieder als Durchschnitt nimmt, 1200 Personen, wahrscheinlich wären es aber
1400 bis 1500 gewesen. Was es bedeutet hätte, diese mehrere hundert Meter lange
Menschenschlange samt einem entsprechenden Troß von Ochsengespannen von Thüringen und Oberfranken durch teilweise unbesiedeltes Gebiet über Bäche und Flüsse, Berg
und Tal, bei schlechtester Verpflegung nach Gottschee zu lotsen, können wir uns mit etwas Phantasie heute noch ausmalen. In Sonderheit können wir uns vorstellen, daß diese
Menschenmasse nicht an allen Orten, durch die sie bettelnd zog, willkommen gewesen
wäre, denn sie war wohl mit Kindern, kaum jedoch mit barem Geld gesegnet.
Doch gesetzt den Fall, alle Strapazen wurden überwunden und die "300 Männer samt
ihren Weibern und Kindern" waren in Gottschee eingetroffen. Was dann? Die Organisatoren des ortenburgischen Siedlungswerks hätten sie ja nicht in Mooswald oder anderswo
lagermäßig unterbringen können. Der Elendszug wäre ja erst mit dem Sommer zu Ende
gegangen. Wohin mit ihnen? In die bereits bestehenden Dörfer hineinzwängen? Es ist
außerdem schlicht und einfach unrealistisch und ein Wunschtraum, zu erwarten, daß die
bereits angesiedelten Kolonisten aus Oberkärnten und Osttirol die Überflutung ihrer Ansiedlung mit Thüringern und Franken widerspruchslos hingenommen hätten. Der weitere
Verlauf der Gottscheer Geschichte läßt vermuten, daß die ersten Gottscheer in diesem
Falle ihrerseits erstmals zu Rebellen geworden wären.
Die Verfechter der "Thüringer-Franken-Theorie" mögen dieser Argumentation entgegenhalten, daß die Grafen von Ortenburg als Grundherren dann eben durchgegriffen und für
Ordnung gesorgt hätten. Zu einfach! Wer sich durch die obigen Einwände nicht überzeugen ließ, wird sich dem unwiderlegbaren wissenschaftlichen Hauptargument beugen müssen: Es findet sich in der Gottscheer Mundart kein nennenswerter Anhaltspunkt dafür,
daß in diesem frühen Stadium der Besiedlung des "Ländchens" 1200 bis 1500 Thüringer
und Franken eingesetzt wurden. Die dem Sächsischen nahverwandte thüringische Mundart hätte sich auf jeden Fall zumindest in dem bereits erschlossenen Siedlungsraum niedergeschlagen. Hätten die Ortenburger aber einige Dörfer ausschließlich mit Thüringern
und Franken angelegt, so hätten sich deren Dialekte erst recht erhalten. - Im übrigen
war schon Valvasor nicht sicher, daß die von Chroen aufgefundene Notiz der Wirklichkeit
entsprach. Und nebenbei bemerkt: Wir brauchen ja gar nicht auszuschließen, daß Karl
IV. oder jemand anderer den Ortenburgern eine Anzahl Bauernfamilien aus Thüringen
und Franken zur Verfügung gestellt hat. Es wäre. durchaus denkbar, daß sie dann in kleinen Gruppen auf die bereits bestehenden Ansiedlungen aufgeteilt wurden. Die Formulierung; "300 Männer samt ihren Frauen und Kindern" ist historisch falsch. Kein Beleg existiert auch für die Behauptung, ein Graf Friedrich von Ortenburg habe um die Überlassung von Kolonisten beim Kaiser nachgesucht. In dem fraglichen Zeitraum zwischen
1346 und 1363 gab es keinen ortenburgischen Grafen Friedrich, hingegen einen krainiGedruckt von http://www.gottschee.at
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schen Landeshauptmann namens Friedrich von Sanneck. Einen Grafen Friedrich von Ortenburg konnte es deshalb nicht geben, weil die beiden Söhne Meinharts I. kinderlos
starben und sich unter den 9 Kindern des Grafen Albrecht II. kein Friedrich befand. Außerdem befinden sich unter den Regesten, das sind Kurzfassungen von Anordnungen und
Erlässen der Regierungszeit Karls IV. - 1346 bis 1378 -, keine kaiserliche Verfügung über
die Freigabe von 300 Rebellen samt ihren Weibern und Kindern.
Wir verlassen die urkundlich unergiebige Zeit von 24 Jahren zwischen der Urkunde vom l.
September 1339 und vom l. Mai 1363 nicht ohne die Gewißheit, daß die finanziellen Aufwendungen der Grafen von Ortenburg offenbar weitaus größer waren als ursprünglich
veranschlagt. 1363 also stoßen wir auf die nächste bedeutsame Urkunde aus der Besiedlungsgeschichte des Gottscheerlandes: Wieder handelt es sich um einen Patriarchenbrief,
diesmal aus den Händen Ludwig I. de la Torre, datiert vom l. Mai. Aus dem Inhalt des,
kirchlichen Obliegenheiten gewidmeten, Dokuments interessiert uns hauptsächlich, was
Professor Grothe aus dem lateinisch abgefaßten Text auf Seite 26 seines Buches über
Gottschee ins Deutsche überträgt:
"Es gelangte zur Kenntnis des Patriarchen Ludwig auf dem Heiligen Sitz zu Aquileja, daß
innerhalb der Grenzen der zu unserer aquilejischen Diözese gehörigen Seelsorgestation
des hl. Stefan von Reifnitz, und zwar in dessen Seelsorge oder Pfarre in gewissen Hainen
und Wäldern, die unbewohnbar und unbebaut waren, viele menschliche Wohnungen errichtet, diese Haine und Wälder dem Ackerbau zugeführt worden sind und daß eine nicht
geringe Menge Volkes darin zu wohnen kam."
Zur seelsorgerischen Betreuung dieser "nicht geringen Menge Volkes" genehmigte Aquileja die Errichtung von fünf Pfarrstellen, und zwar: "Gotsche, Pölan, Costel, Ossiwnitz et
Goteniz." Das sind in der späteren Schreibweise: Gottschee, Pölland, Kostel, Ossilnitz und
Göttenitz. Der lateinische Wortlaut der Urkunde steht bei Grothe auf Seite 212. Bemerkenswert ist, daß die Urkunde auch einen Grafen Otto von Ortenburg anspricht. Es handelt sich mit Sicherheit um Otto VI., Sohn des Grafen Albrecht II. und Fortpflanzer seines
Geschlechts.
Vor uns liegt abermals das schwierige Unterfangen, eine von ihren Schreibern ungenau
angefertigte Urkunde aus ihrer Zeit heraus zurück in die Vergangenheit und vorwärts in
die Zukunft möglichst richtig einzuordnen und auszudeuten. Zunächst stellen wir fest,
was sie direkt aussagt:
Zum erstenmal ist der Ortsname Gottschee in der Schreibweise "Gotsche" urkundlich
genannt. Gleichzeitig taucht in der nördlichen Hälfte der Sprachinsel Göttenitz auf Mooswald hingegen wird nicht mehr erwähnt. Stark in den Vordergrund tritt die Süd- und
Südostflanke des Siedlungsgebiets mit der Erwähnung der Schlösser Pölland und Kostel,
sowie des Ortes Ossilnitz an der Einmündung der Cabranka in die Kulpa. Die Urkunde
bestätigt ferner, daß das Urwaldlehen der Ortenburger unbewohnbar und unbebaut war,
daß nun aber eine "nicht geringe Menge Volkes" hier seßhaft geworden sei und Landwirtschaft betreibe.
Auf Grund der Vorarbeit des „Jahrhundertbuches“sind wir in der Lage, uns indirekt Zugang zu weiteren historischen Tatbeständen zu verschaffen:
Erstens: Alle fünf neu geschaffenen Pfarrstellen liegen im Bereich der ersten Besiedlungsphase. Natürlicherweise waren sie hinsichtlich der Bevölkerungszahl schon wesentlich weiter als die Kolonistendörfer der Oberkärntner und Osttiroler. Deren Besiedlungsmittelpunkte waren noch nicht zu Pfarrdörfern herangereift. Sie hatten jedoch bestimmt
einen gewissen Anteil an der nicht geringen Menge Volkes, von der die Urkunde des Patriarchen Ludwig spricht. Auch die Ostflanke des Siedlungsgebiets, die Moschnitze, ist
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kirchenorganisatorisch noch uninteressant. Woraus zu schließen ist, daß sie kolonisatorisch ebenfalls noch abseits lag.
Zweitens: Mooswald hat offensichtlich seine Bedeutung als Vorort des Siedlungsunternehmens an "Gotsche" abgegeben. In Gottschee taucht laut Urkunde auch der Kirchenpatron der Mooswalder Kapelle, der hl. Bartholomäus, auf. Das muß nicht heißen, daß
1363 die "villa" bereits aufgelassen war und besiedlungstechnisch keine Rolle mehr spielte. Hingegen hat sich "Gotsche" bevölkerungsmäßig so weit entwickelt, daß eine Pfarrstelle und die dazugehörige Kirche erforderlich geworden waren.
Die vorstehende Überlegung des Verfassers betreffend den Übergang siedlungsgeschichtlicher Funktionen von Mooswald auf Gottschee deckt sich nicht mit den slowenischen Vorstellungen zu diesem Punkt. So heißt es bei Simonic auf Seite 8: "Weil in der ersten folgenden Urkunde aus dem Jahre 1363 die Kapelle des hl. Bartholomäus nicht mehr erwähnt wird, sondern nur die Kirche des hl. Bartholomäus in Gottschee, die inzwischen
vergrößert wurde, daß mit dem Namen Mooswald ursprünglich Gottschee bezeichnet
wurde, das eine blühende Ansiedlung auf dem ortenburgischen Gut war. Der Name Gottschee war vordem im Amtsgebrauch noch nicht bekannt."
Drei tragfähige Argumente sprechen gegen die Annahme, Gottschee habe ursprünglich
Mooswald geheißen:
a. Gotsche ist älter als Mooswald.
b. Mooswald wäre aus dem Ortsnamensverzeichnis des Gottscheerlandes verschwunden, wenn an seine Stelle die Bezeichnung Gotsche getreten wäre.
c. Der Ortsname Gottschee durchlief eine eigenständige sprachliche Entwicklung, die
siedlungsgeschichtlich gebunden ist, jedoch mit der Herkunft der Urahnen der
Gottscheer aus Oberkärnten und Osttirol nichts zu tun hat.
Woher aber kommt die Orts- und Landschaftsbezeichnung "Gottschee"?
Wir können es uns leisten, auf die Deutungstheorien des 19. Jahrhunderts zu verzichten,
weil wir eine wissenschaftlich fundierte Alternative vorzuweisen haben. Wir wiederholen:
Graf Meinhart I. und sein Sohn Hermann III. haben bereits vor 1315 die Ansiedlung von
überwiegend slowenischsprechenden Kolonisten aus ihren unterkrainischen Lehenschaften begonnen. Sie erschlossen zunächst das Oberland und drangen vom Norden her in
das Waldinnere bis zu dem späteren Gottschee und dem Hinterland, bis Göttenitz als
südlichste Punkte vor. Bis in unsere Zeit herein galt die These, der Name Gottschee
komme aus dem slowenischen "Kocevje", als ganz realistisch, denn mit einer "Anzahl von
Hütten" hat es ja sicher angefangen. Mühelos ließ sich außerdem von "Kocevje" ein lautlicher Entwicklungsgang zu "Gottschee" konstruieren. Das ist auch geschehen und man
gab sich wohl auf slowenischer, weniger jedoch auf gottscheerischer Seite damit zufrieden. Nichts und niemand zwingt uns jedoch aber anzunehmen, daß "Kocevje" das Ausgangswort sein muß. In der Tat kann es ein fast gleichlautendes Wort gewesen sein: Dabei fällt einem die Ortsbezeichnung "Hocevje" östlich von Reifnitz auf (das Anfangs-"H"
ist wie "CH" zu sprechen). Die erste urkundliche Erwähnung war laut Grothe (Karte Nr. 5)
im Jahre 1145. Weder der Leipziger Professor noch der Autor vermuteten einen Zusammenhang mit der Ortsbezeichnung "Gottschee". Erst später stieß er bei Professor Saria,
einem der besten Kenner der Kolonisationsgeschichte Krains, in seiner Arbeit (Seite 96)
auf den tieferen Sinn des Wortes "Hocevje". Der 1974 in Graz verstorbene Gelehrte
kommt zu der Erkenntnis, daß "Gotsche" nicht von "Kocevje" stamme, sondern von "Hocevje" herrühre. "Hocevje" bedeute "der Tann" oder "Tannwald". Saria bezog seine
sprachliche Entdeckung noch nicht auf die Siedlungsgeschichte des Gottscheerlandes. Für
uns, die wir über deren Uranfänge unterrichtet sind, ist nur ein kurzer Gedankensprung
nötig, um in die unmittelbare Nähe der geschichtlichen Wirklichkeit vorzudringen:
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Das ursprüngliche "Hocevje" lag auf dem Boden entweder der auersperg'schen oder der
ortenburgischen Lehenschaften in Unterkrain. In beiden Fällen können die Ortenburger
Siedler aus diesem Ort an die mittlere Rinse verpflanzt haben. Es bedarf keiner besonderen Begründung, daß diese Kolonisten mit slowenischer Umgangssprache der neuen Heimat die Bezeichnung ihrer alten gegeben haben. Wie wir außerdem wissen, hat Graf Otto
V. seinem Bruder Meinhart bzw. dessen Sohn Hermann III. mit Kärntner Siedlern ausgeholfen. Keinem der damaligen Ortenburger wurde es bewußt, daß sie Angehörige zweier
verschiedener Völker ansiedelten. Deshalb mischten sie diese völlig unbefangen. Wie das
rasche Wachstum des Ortes beweist, belegten sie namentlich "Hocevje", das spätere
"Gotschee", mit Siedlungswilligen aus dem fernen Kärnten, weil das kleine Dorf an der
mittleren Rinse verkehrsmäßig und wasserwirtschaftlich besonders günstig war, und das muß den Kolonisatoren schon vor 1363 aufgegangen sein - sich als Mittelpunkt des
gesamten Siedlungsgebiets zu eignen schien.
Da nun nur noch deutsche Kolonisten in dichter Folge nachrückten, überwog mit gleicher
Geschwindigkeit ihre bairisch-österreichische Mundart. Der vorgefundene Ortsname "Hocevje" lag den neuen Siedlern nicht. Der Deutsche meidet allgemein das "CH" als Wortbeginn. Er weicht, wo er es antrifft, gerne auf "K" oder "G" aus. Im Gegensatz dazu
schätzen die Slowenen und andere slawische Völker das gehauchte anlautende "H" wiederum nicht. Die Entwicklung von "Hocevje" zu "Gottschee" wird jedoch erst ganz verständlich, wenn man die mundartliche Bezeichnung für Stadt und Land Gottschee heranzieht.
Die Umwandlung des "H" zu "G" war die erste Stufe. Unter dem Einfluß des "G" verschob
sich das "o" zu einem kurzen, gestoßenen "a". Das "tsch" blieb erhalten, während sich
das "e" unter dem Druck der Betonung in "e" und "a" spaltete. Das "v" aber verschob
sich zu "b". Die Schlußsilbe "je" aber wurde fallengelassen. Das Endergebnis war - und
das kann kaum mehr als ein Menschenalter gedauert haben - das heute noch gebräuchliche "Gatscheab". Nicht zuletzt wird der Kindermund an dieser Ausformung beteiligt gewesen sein. Der Gottscheer nennt sich heute noch "Gattscheabar", das "r" wird nur angedeutet. Die Gottscheerin aber heißt "Gattscheabarin".
Drittens: Die Verfasser der Urkunde vom l. Mai 1363 - der Patriarch hat sie gewiß nur
unterschrieben - beschränkten sich ebenfalls auf eine unbestimmte und für den Betrachter nach 650 Jahren numerisch nicht bestimmbare Angabe: "... eine nicht geringe Menge
Volkes..." Trotzdem nähern wir uns der tatsächlichen Zahl, wenn wir die nächste Urkunde
ins Auge fassen: 1377 wurde das Dorf "Gotsche" zum Markt erhoben. "Markt" bedeutete
das Zusammenkommen von Erzeugern und Verbrauchern sowie Handel zwischen ihnen.
Die Markterhebung erfolgte zweifelsfrei auf Betreiben der Grafen von Ortenburg, die damit das mit der fortschreitenden Besiedlung wachsende Wirtschaftsleben in Gang setzen
wollten. Gotsche und Mooswald allein hätten aber einen Markt nicht gelohnt. Also mußten
bereits weitere Ortschaften in einer Zahl entstanden sein, daß die Errichtung eines wirtschaftlichen Mittelpunktes nützlich erschien, sowohl für die Bauern als auch für den
Grundherrn, dessen Einnahmen wuchsen. Die Ortenburger wären eben keine "kühlen
Rechner" gewesen, hätten sie nicht dafür gesorgt, daß ihre Neubauern die Erbpacht bezahlten, aber auch bezahlen konnten.
In unsere Überlegungen müssen wir auch die Tatsache einbeziehen, daß seit dem Beginn
der Kolonisation etwa zwei Menschenalter vergangen waren. Das heißt, daß bereits 60
Jahrgänge an Gottscheern geboren waren und jeder wurde durch natürliche Vermehrung
und weiterfließenden Zuzug stärker als der andere. Logische Folgerung: Diese stetig zunehmende Bevölkerung konnte nicht mehr im Oberland oder im Raum des Neumarktes
untergebracht sein, zumal es ja nicht der Zweck des ortenburgischen Siedlungswerkes
war, die Menschen an einer Stelle zusammenzuballen. Dazu wird es unter völlig veränderten Umständen erst später, in rund 600 Jahren, kommen.
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Die Verteilung der Kolonisten über die westliche Hälfte des Siedlungsgebietes muß sich
bereits um 1377 dem Abschluß genähert haben. Dafür spricht insbesondere die Mitteilung bei Simonic (siehe Seite 23), daß das erste Urbarium des Siedlungsgebietes von
Gottschee schon im Jahre 1398 erstellt wurde. Leider ist davon nur die Aufstellung der
Ansiedlung und ihrer Abgaben im Amte Rieg erhalten geblieben. Sie wird im Staatsarchiv
zu Ljubljana (Laibach) aufbewahrt. Leider war dieses Urbarium dem Verfasser beim Abschluß seiner Arbeit noch nicht zugänglich. Immerhin wissen wir aber, daß 1398 bereits
ein Amt Rieg bestanden hat und im Großen und Ganzen die Kolonisation des Gottscheerlandes abgeschlossen war. Diese Feststellung deckt sich mit der Ansicht von Professor
Saria, daß der Zuzug von Kolonisten mit dem 14. Jahrhundert zu Ende ging. Wenn wir
nun auch noch auf das vollständig erhaltene Urbarium aus dem Jahre 1574 vorgreifen, so
treffen wir auf eine Schätzung von 9000 Gottscheern. Wenn wir schließlich berücksichtigen, daß die Kindersterblichkeit sehr hoch war, und die durchschnittliche Lebenserwartung rund 42 Jahre betrug, so bleiben wir wirklichkeitsnah, wenn wir die Zahl der Gottscheer im Jahre 1363 auf etwa 2500 bis 2600 und 35 Jahre später, 1398, auf rund 3500
schätzen.
Das Siedlungswerk der Grafen von Ortenburg in dem Urwald zwischen Reifnitz und Kulpa
schien am Ende des 14. Jahrhunderts geglückt zu sein. Waren aber ihre Kolonisten und
deren erste und zweite im Lande geborene Nachfolgegeneration glücklich? Wir wissen es
nicht. Wir wissen nur, daß sie den unabänderlichen Lebensgesetzen und Abhängigkeiten
der Gottscheer unterworfen waren: Klima und Boden, Wald und Wasser, Enge des Lebensraumes und kleine Zahl, Politik und Religion. - 1393 war die Pfarrstelle Gottschee
von der Großpfarre Reifnitz abgetrennt und als eigene Pfarre bestätigt worden. Ihre Aufgabe als Mittelpunkt des "Ländchens" war urkundlich bereits 30 Jahre zuvor in Erscheinung getreten.
Bevor wir auf das weitere Schicksal der Grafen von Ortenburg eingehen, verzeichnen wir
kurz das tragische Ende des Patriarchen Bertrand von Aquileja. Vom Volk des Patriarchenstaates geliebt und verehrt, vom friaulischen Adel und den Städten wegen seiner
ordnungsgebietenden Regierung als Landesherr gehaßt und bekämpft, starb er 1350 unter den Schwerthieben einer Verschwörergruppe. Er, der persönlich tapfere Mann, der
unter dem Chorhemd stets den Kettenpanzer trug, hatte die Warnungen seiner Umgebung vor dem Überfall während einer Reise von Padua nach Udine in den Wind geschlagen.
Mehr Raum als dieser bemerkenswerten Persönlichkeit auf dem Stuhl des hl. Hermagoras
widmen wir nach dem Ausklang des 14. Jahrhunderts den Vasallen der Patriarchen von
Aquileja, den Grafen von Ortenburg. Daß Otto V. 1342 gestorben war und sein Neffe,
Otto VI., der Fortpflanzer des Geschlechts, die Führung der Grafschaft übernommen hatte, wissen wir bereits. In seinem Sohn Friedrich III. tritt uns abermals eine jener ortenburgischen Gestalten entgegen, die dem Hause Ortenburg weit über Kärnten hinaus Einfluß und Ansehen verschafften. Begabt, überlegen, tapfer und - treu als "Schwert Aquilejas". Er stieg in die höchsten politischen Ämter auf, die je einem Ortenburger zuteil wurden, ohne freilich in den politischen Geschäften eine besonders glückliche Hand zu besitzen. Bereits in verhältnismäßig jungen Jahren schloß er mit dem Grafenhaus von Cilli,
seine Mutter war eine geborene Gräfin von Cilli, einen Erbvertrag auf Gegenseitigkeit für
den Fall, daß einer der regierenden Grafen ohne männlichen Leibeserben bliebe. Verheiratet war Friedrich mit Margaretha, einer Tochter des Herzogs von Teck im württembergischen Schwaben. Ihr einziger Sohn starb im Kindesalter. Der Graf genoß die besondere
Förderung des Kaisers Sigismund (er regierte von 1407 bis 1437). Der Herrscher war,
wie Friedrichs Vater, mit einer geborenen Gräfin von Cilli vermählt.
Weil die Zuverlässigkeit des Ortenburgers bereits vor dem Regierungsantritt Sigismunds
erprobt war, übertrug er ihm zeitweilig das Amt des Generalvikars in Norditalien und erGedruckt von http://www.gottschee.at
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teilte ihm Sonderaufträge im Kampf mit der Republik Venedig, der Friedrich mit seiner
kleinen Privatarmee nicht unbeträchtliche Verluste zufügte. Dank seiner Eitelkeit und
Stellung fiel es ihm nicht sonderlich schwer, die Erwählung seines Schwagers, Herzog
Ludwigs von Teck, zum Patriarchen durchzusetzen. Doch damit stehen wir bereits im 15.
Jahrhundert.
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Das 15. Jahrhundert
Graf Friedrich III. von Ortenburg verlor sich jedoch nicht vollends in der Politik. Daß er
dies nicht tun konnte, dafür sorgten unter anderem seine Gottscheer. Die dritte im Lande
geborene Generation, die von der Herkunft ihrer Groß- und Urgroßväter kaum noch etwas wußte, war herangewachsen. Sie versuchte mit den mageren Daseinsbedingungen
des "Ländchens" zu leben. Es gelang ihr zwar in der Landwirtschaft, das Existenzminimum zu erreichen, aber nur durch übermäßige Schlägerung der den Siedlern ursprünglich zugemessenen Waldanteile. Diese reichten deshalb nicht mehr für die Versorgung mit
Bau- und Brennholz aus. Der Engpaß war natürlich mit der gestiegenen Bevölkerungszahl
entstanden. Eigennutz mag dabei mitgesprochen haben. Die Bauern begannen in den
Wäldern des Grundherrn zu Schlägern. Über die Berechtigung und den Umfang der Holzentnahme aus dem Herrschaftswald gerieten sie in so heftigen Streit, daß Blut floß.
Die Reaktion des Grundherrn auf diese Vorgänge war typisch ortenburgisch. Er antwortete nicht mit Unterdrückung und Gewalt, weil er einsah, daß der Bauernwald den gestiegenen Bedürfnissen nicht mehr entsprach. Um außerdem einen ständigen Herd der Unzufriedenheit zu beseitigen, erließ er im Jahre 1406 ein "Waldgesetz", die Waldgerechtsame". Es räumte den Bauern in einem bestimmten Rahmen Nutzungsrechte am Herrschaftswald ein. Die Gottscheer haben sich noch Jahrhunderte später auf die "alten Rechte und Waldgerechtsame" berufen, wenn sie von weniger menschenfreundlichen Grundherren drangsaliert wurden.
Bemerkenswert ist, daß Graf Friedrich das Waldgesetz von Reifnitz und nicht von Gottschee aus erließ. Offenbar war bereits vor der Jahrhundertwende die zentrale Verwaltung
der ortenburgischen Lehenschaften in Unterkrain nach Reifnitz verlegt worden. Darauf
läßt namentlich die "Chronik" des Burkard Zink schließen, daß Graf Friedrich III. dem
Baumeister Hans Schwab um 1409 Bauaufträge erteilte. (Siehe Grothe, Seite 213.) Aus
der gleichen Quelle erfahren wir, daß sich auch die Gräfin Margaretha um Gottschee
kümmerte. So entsandte sie laut Zink ihren Schrei-ber, den sie dazu hatte ausbilden lassen, nach Rieg, wo er an die 30 Jahre als Pfarrer amtierte. Zink wußte das so genau, weil
dieser Pfarrer sein Onkel war.
Leider wird Margaretha auch mit dem Tode ihres Gemahls in Verbindung gebracht: Sie
soll ihn nach einer unbestätigten Legende - es muß 1418 gewesen sein - bei einem
Festmahl vergiftet haben. Angeblich hatte sie ein Tischmesser einseitig mit Gift bestrichen, damit einen Apfel zerteilt und ihrem ahnungslosen Gemahl die vergiftete Hälfte
gereicht (siehe Huschberg). Wer möchte dieser frommen Schwäbin Unrecht tun? In der
Tat, schon bei dem Versuch, die Hintergründe dieses vermeintlichen Gattenmordes aufzuklären, drängt sich der Schluß auf, daß Margaretha kein einleuchtendes Motiv haben
konnte. Daß sie ihrem Mann keinen zweiten männlichen Leibeserben bringen konnte, war
nicht ihre Schuld, sondern ein menschliches Unglück, und kein Grund, ihn, an dessen
Seite sie das Leben einer Fürstin führte, umzubringen. Sie hatte auch kein bedeutendes
Erbe aus seinem Vermögen zu erwarten, denn es bestand doch der Erbvertrag zwischen
Ortenburg und Cilli. Und die Grafen von Cilli selbst - hatten sie ein Motiv? Als einziges
könnte man vielleicht den Wunsch heranziehen, möglichst rasch in den Besitz des ortenburgischen Erbes zu gelangen. Da aber Friedrich über das Haus Cilli mit Kaiser Sigismund
ebenfalls verwandt war, dürften die Cillier den Verwandtenmord nicht erst ins Auge gefaßt haben.
Wem aber konnte der Tod Friedrichs III. von Ortenburg soviel nützen, daß das Bekanntwerden des Mordanschlags an ihm in der Öffentlichkeit weniger schwer wog als sein WeiGedruckt von http://www.gottschee.at
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terleben? Erst wenn wir das politische Kraftfeld, in dem sich der Schwertträger Aquilejas
bewegte, genau ausleuchten, finden wir ein glaubwürdiges Motiv - es ist allerdings kaum
mehr als ein schlüssiger Verdacht, ohne daß dafür Belege beigebracht werden können.
Der ungemein tapfere und schnell operierende "Condottiere" aus Kärnten/Krain war der
Republik Venedig ein Dorn im Auge. Er nahm in den unaufhörlichen Auseinandersetzungen zwischen dem Kaiser und ihr eine Schlüsselstellung ein. Freilich gelang es ihm nicht,
die Lagunenstadt an der oberen Adria militärisch zu bezwingen, wozu selbst der Kaiser
aus Geldmangel nicht imstande war, aber er fügte ihr schwere Verluste zu. Aus Geldmangel sah sich der Kaiser auch gezwungen, am 17. April 1413 mit Venedig einen auf
fünf Jahre befristeten Waffenstillstand abzuschließen. Er wurde von beiden Seiten vielfach gebrochen, geriet jedoch nicht in Vergessenheit. Der Ortenburger aber verschwand
von der politisch-militärischen Bühne. Er zog sich auf seine Güter in Krain zurück. Großräumige Kämpfe zwischen den Venezianern und dem Kaiser begannen erst wieder genau
fünf Jahre nach dem Abschluß des Waffenstillstandes, nämlich am 18. April 1418.
Und hier das Motiv der Republik Venedig, wie es der Verfasser sieht:
Setzte man des Kaisers tüchtigsten Kriegsmann rechtzeitig außer Gefecht, sparte man
viel Zeit, viel Geld und - venezianisches Blut. Wie der Mord im einzelnen ausgeführt wurde, ist mit der umstrittenen Legende vom vergifteten Apfel gewiß nicht belegt. Daß er
geschehen ist, ist unzweifelhaft. Es kann auch so gewesen sein, daß Venedig einen gedungenen Mörder unter das Gesinde der Hofhaltung des Grafen geschmuggelt hat, mit
dem Auftrag, noch vor dem 18. April 1418 zuzuschlagen. Die Politiker der landhungrigen
Seemacht an der oberen Adria aber besaßen genug Phantasie, um der Gräfin Margaretha
den Gattenmord gerüchtweise zuzuschieben.
1420 eroberte Venedig den Patriarchenstaat und zwang den Patriarchen, seinen Sitz von
Udine in die Lagunenstadt zu verlegen. Dies scheint die obige Gedankenreihe zu bestätigen. - 1420 starb die Gräfin Margaretha und im gleichen Jahre belehnte der Kaiser die
Grafen von Cilli mit den Grafschaften Ortenburg und Sternberg. Sie durften sich fortan
"Grafen von Cilli und Ortenburg" nennen. Das noch unbefestigte und hilfsbedürftige Gottscheerland aber hatte seinen gütigen Schirmherrn verloren. Die Ära der Grafen von Ortenburg war leidvoll zu Ende gegangen.
Und leidvoll begann die Herrschaft der Cillier. Sofort setzte eine brutale Ausbeutung ein.
Die Abgaben wurden drastisch erhöht. Die Cillier trugen selbst ihre Familienangelegenheiten zum Teil auf Gottscheer Boden aus. Oberhaupt des Hauses war damals Graf Hermann II. Sein Sohn Friedrich verliebte sich in ein Edelfräulein, Veronika von Dreschnitz.
Sie gehörte zu dem kleinen Hofstaat seiner Frau Elisabeth. In höchster Eile ließ er durch
die Gottscheer Bauern auf dem Bergzug, der das Oberland vom Hinterland trennt, eine
uneinnehmbare "Veste" errichten und nannte sie: Friedrichstein. Für die geplagten Bauern des Ober- und Unterlandes wurde das steinerne Liebesnest des landfremden Grafen
zu einem neuen Stein des Anstoßes. Nicht nur mußten sie es auftürmen, sondern sie
wurden auch gezwungen, es in Fronarbeit auf unabsehbare Zeit instandzuhalten. Unglück
brachte es auch den beiden Liebenden. Das Liebesglück war nur von kurzer Dauer, denn
Altgraf Hermann II. ruhte nicht, bis er das Paar getrennt hatte. Er ließ Friedrich gefangennehmen und auf Schloß Osterwitz (Ojstrica) festsetzen. Veronika jedoch gelang es zu
fliehen. Ihr erstes Versteck fand sie in dem Dorf Kuntschen im Gottscheerland. Als sie
sich dort nicht mehr sicher fühlte, eilte sie weiter zu Freunden auf ein Schloß bei Pettau
in der Untersteiermark. Dort stöberten sie die Häscher Hermanns auf. Er machte ihr einen Scheinprozeß. Die Richter verurteilten sie wunschgemäß zum Tode. Das Urteil wurde
- sinnigerweise - auf Schloß Osterwitz (Ojstrica) von zwei Rittern in einem großen
Waschbottich vollstreckt. Friedrich indessen, der in einem Zwischenspiel seine Frau Elisabeth hatte ermorden lassen, söhnte sich mit seinem Vater aus und wurde nach weiteren
hier bedeutungslosen Ereignissen sogar noch sein Nachfolger.
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Friedrichs mit Elisabeth gezeugter Sohn Ulrich war dann der letzte Cillier Graf. Er wurde
1456 auf Veranlassung des Königs Ladislaus Hunyady bei Graz hinterrücks ermordet. Im
alten ortenburgischen Schutzmarkt Spittal an der Drau wurde ihm ein fürstliches Begräbnis gerichtet. Die 36 Jahre Cillier-Herrschaft hatten aber genügt, um die Gottscheer wirtschaftlich zugrunde zu richten. Neuer Grundherr wurde, abermals durch Erbvertrag, das
Haus Habsburg.
Die unmittelbare Verfügung über die Herrschaft Gottschee übte der deutsche König und
römische Kaiser Friedrich III. aus. Er war zugleich nämlich Herzog von Krain. Seine Regierungszeit: 1440 bis 1493. Auch die Habsburger brachten in dem nun beginnenden
Abschnitt seiner Geschichte dem Gottscheer Bauernvolk kein Glück. Friedrich verzichtete
darauf, die Herrschaft Gottschee selbst zu bewirtschaften. Vielmehr führte er eine neue
Form der Ausbeutung ein, die Verpfändung. Damit war der Willkür des Pfandinhabers Tür
und Tor geöffnet. Gleichwohl wäre es ungerecht, würde man ihm und den Habsburgern
allein die Schuld für die weitere Ausplünderung und Verarmung des "Ländchens" zumessen. Dafür trugen 125 Jahre lang die Türken die Verantwortung. Mordend und brennend,
plündernd und Geiseln nehmend, brachen sie zehnmal in das Gottscheerland ein. Schon
beim ersten Raubzug im Jahre 1469 legten sie den Markt Gottschee in Schutt und Asche.
Das gleiche Schicksal sollte dem Mittelpunkt des Siedlungsgebiets noch sechsmal widerfahren.
Die Bewohner des niedergebrannten Marktes gingen unverzüglich an den Wiederaufbau,
mit dem sie, in der Erwartung weiterer Türkeneinfälle, Verteidigungsmaßnahmen verbanden. Die ursprüngliche Ortschaft Gotsche hatte auf dem Gelände gestanden, auf dem
Jahrhunderte später die Kirche zu Corpus Christi errichtet wurde. Sie verlegten den neuen Standort unmittelbar an die Rinse. Ob der Fluß dort einen natürlichen und fast kreisrunden Bogen gebildet hatte, oder ob die Bevölkerung die Rinse als künstlichen Wassergraben um das Baugelände herumleitete, ist nicht bekannt. Das letztere sollten wir jedoch nicht von der Hand weisen. Zugleich baten sie ihren Grundherrn, den Herzog und
Kaiser Friedrich III., um die Gunst der Stadterhebung. Sie wurde gewährt - kurz nach
Ostern des Jahres 1471 unterzeichnete der Monarch in Graz das Dokument (siehe
Grothe, Seite 215).
Das Wappen der neuen Stadt in Krain trägt einige in der Urkunde nicht auftauchende,
geschichtliche Merkmale. Wir wollen jedoch davon absehen, mehr in das Wappen hineinzulesen oder aus ihm herauszuforschen, als zum Zeitpunkt seiner Verleihung darin enthalten sein konnte:
In der linken Hälfte des Innenschildes steht der Kirchenpatron der Pfarrkirche, St. Bartholomäus. Wir haben keinen Grund zu bezweifeln, daß es sich um den Apostel dieses
Namens handelt. Früher galt er, wesentlich mehr als heute, als der Schutzheilige und
Fürbitter der Wandernden. Er hatte weite Reisen bis nach Indien zur Verbreitung des
Evangeliums unternommen. Kein Zufall also, daß gerade die Kapelle von Mooswald und
die darin versammelten Gläubigen unter seinen Schutz gestellt wurden. Irgendwann zwischen 1339 und 1363 ist er selbst dann von der "villa Mooswald" als Kirchenpatron nach
"Gotsche" weitergewandert, um die Gottscheer auf dem Weg durch ihre sechs Jahrhunderte zu begleiten.
Der Heilige tritt im Wappen der Stadt Gottschee mit Kurzschwert und Buch als Kämpfer
und Denker in Erscheinung. Die Waffe in der rechten Hand sollte wohl die Verteidigungsbereitschaft der jungen Stadt gegenüber dem Angreifer aus dem Südosten Europas versinnbildlichen; das Buch in der Linken des Missionsbeflissenen bedeutet die Hl. Schrift.
Schwieriger ist die Deutung des wehrhaften Baues im Innenteil des Wappens. Er kann
ebensogut die Wehrhaftigkeit der Stadt selbst symbolisieren wie Burg Friedrichstein, die
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tatsächlich nie von den Türken bezwungen wurde, oder aber ein Bausymbol für die Befestigung, die der Kaiser zur Bedingung für die Stadterhebung gemacht hatte, darstellen.
Mundartgeschichtlich interessant ist der Ortsname "Kotschew" im Randkreis des Wappens. Er kommt dem mundartlichen "Gattscheab" sehr nahe. Verblüfft stellen wir jedoch
fest, daß in der Stadterhebungsurkunde selbst die Schreibweise "in der Gottschee" verwendet ist. Der Heraldiker und der zuständige Sekretär in der kaiserlichen Hofkanzlei
haben sich hinsichtlich der Schreibweise also nicht miteinander abgestimmt. Und woher
kommt "Gottschee"? Das Wort ist sicherlich eine Weiterentwicklung jenes "Gotsche" aus
der Urkunde von 1363, von der eine Abschrift ebenso zweifelsfrei im Archiv der Hofkanzlei zu Wien vorlag.
Hinsichtlich der Einwohnerzahl des jungen Städtchens sind wir wiederum auf Vermutung
angewiesen. Sie dürfte mit 350 bis 400 Seelen eher zu hoch als zu niedrig eingeschätzt
sein. In der Hauptsache beherbergte es wohl Bauern, deren landwirtschaftliche Arbeit
nach dem Wiederaufbau durch die Stadtbefestigung überaus erschwert wurde. Obgleich
schon damals jeder Bauer zwangsläufig ein Handwerker sein mußte, dürften sich bereits
einige Spezialisten der Grundhandwerksarten dazugesellt haben, wie Schneider, Schuster, Schmiede, Wagner, Faßbinder, namentlich aber Zimmerleute, denn festgemauerte
Wohnhäuser waren höchst selten.
Was taten die Gottscheer außerdem, um sich gegen den unerbittlichen Feind zu wappnen? Der Wald wurde ihr Verbündeter, Bannwälder entstanden, dichte Dornenhecken
wurden an den leicht durchgängigen Stellen der Landschaft angelegt. Zum Schutz der
Bevölkerung errichteten die Bauern "Tabore", zu deutsch: Burg, burgähnlicher Bau, indem sie Ringmauern um die Kirche zogen. In den Mauern waren kleinere und größere
Vorratskammern ausgespart.
Als dritte Dauermaßnahme richteten die Gottscheer eine Warnfeuerkette ein. Zwangsläufig bemerkten sie den auf Unterkrain losstürmenden Feind zuerst. Diese sogenannten
Kreitfeuer bestanden aus Tag und Nacht besetzten Holzstößen, die jederzeit entflammt
werden konnten. Das erste Signal hatte das Kreitfeuer in der Gemarkung des Schlosses
Pölland zu geben. Als nächste Station nahm es wahrscheinlich der Unterlager Berg auf,
von diesem sicher der Späher (838 m) bei Preriegel, von dort übernahmen weitere Wachen das lebenswichtige Lichtsignal und pflanzten es bis Gottschee bzw. von dort bis
Reifnitz und Laibach fort.
Der Türke erkannte bald die für ihn ungünstigen Auswirkungen der Feuerkette und versuchte sie auszuschalten, indem er die Wachen auskundschaftete, überfiel und niedermachte.
Die Verteidigungsmaßnahmen der Gottscheer vermochten die von den Türken angerichteten Schäden nur um ein Geringes zu mildern. Beträchtliche Menschenverluste traten
ein. Gemäß seiner Gewohnheit entführte der Feind auch in Gottschee Knaben für die Elitetruppe, die Janitscharen, und Mädchen als Sklavinnen. - Angesichts der rasch fortschreitenden Verarmung und der bleibenden Bedrohung erdachten die Gottscheer eine
Art Entwicklungshilfe, wie man heute sagen würde. Wer den Vorschlag, ihnen ein Handelsprivileg außerhalb ihres "Ländchens" zuzubilligen, an den Kaiser und Herzog herangebracht hat, ist nicht überliefert. Jedenfalls unterschrieb Friedrich III. am 23. Oktober
1492 ein Dekret, mit dem er seinen Gottscheern gestattete, "in Ansehen des erlittenen
Türkenruins..." mit bestimmten Waren innerhalb der Reichslande im Umherziehen Handel
zu treiben. Friedrich ging in die Geschichte als politischer Zauberer ein. Manche Historiker
halten die Vermählung seines Sohnes Maximilians I. mit Maria von Burgund für seine
bedeutendste politische Tat. Er galt jedoch als Finanzfachmann. Sehen wir davon ab, daß
sich dieser "Nachruhm" auch auf die Erschließung neuer Steuerquellen bezieht, so müsGedruckt von http://www.gottschee.at
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sen wir hier sein Verständnis für die Notlage der Gottscheer hervorheben. Er erkannte
wohl, daß diese, seine Untertanen, sich auf einem ungewöhnlichen, aber vielleicht erfolgreichen Wege Bargeld verschaffen konnten. Verdienten die Bauern mehr, konnte sie der
Pfandinhaber höher besteuern, und auf diese Weise konnte auch der Inhaber der Herrschaft Vorteile aus dem Handelsprivileg ziehen. In den folgenden Jahrhunderten erwies
sich das Hausierpatent bzw. der Hausierhandel, wie das Umherziehen mit Waren etwas
abwertend genannt wurde, tatsächlich als der Bargeldbringer schlechthin. Das Patent,
das sich ursprünglich auf die gesamte Reifnitzer Zugehörung bezog, wurde nämlich vielfach erneuert. Allein Kaiserin Maria Theresia (Regierungszeit: 1740 bis 1780) tat dies
dreimal und Josef II. (1780 bis 1790) folgte ihrem Beispiel. Die letzte, bis zum Ersten
Weltkrieg wirksame, Wiederzulassung wurde 1841 erteilt. Sie wird - anscheinend völlig
unorganisch - im 20. Jahrhundert wieder auftauchen.
Womit sind die Gottscheer anfänglich "gereist"? Das Privileg Friedrichs III. spricht von
"Vieh, Leinewand und anderem, so sie erarbeitet." Das "so sie erarbeitet" bezieht sich auf
die Holzschnitzerei. Die Gottscheer müssen notgedrungen bereits in den ersten zwei bis
drei Menschenaltern eine besondere Geschicklichkeit bei der Herstellung von Haushaltsgegenständen aus Holz entwickelt haben. Allerdings, nicht jeder war für das Schnitzen
begabt und nicht jeder besaß die Fähigkeit, mit den Schnitzwaren auf Handelswanderschaft zu gehen. Es muß daher schon frühzeitig eine gewisse Arbeitsteilung eingetreten
sein, dergestalt, daß die Frauen die "Leinewand" für den eigenen Hausgebrauch wie für
den Vertrieb durch die Hausierer erarbeiteten. Sie beherrschten den gesamten Herstellungsprozeß vom Flachsanbau über das Rösten, das Brecheln und Spinnen bis zum Weben. Die Leinwandweberei blieb durch alle Jahrhunderte erhalten und wurde im 20. Jahrhundert noch da und dort betrieben. Die Spinnstube war der traditionelle Raum für das
Entstehen und Weitergeben von Erzeugnissen der Volksphantasie, wie Liedern, Teufelsund Hexengeschichten, Legenden und Erzählungen.
Der Wanderhandel scheint ziemlich ertragreich gewesen zu sein, sonst wäre es nicht erklärlich, daß die Gottscheer immer wieder auf die Erneuerung ihres Hausierpatents
drängten. Das taten sie gewiß nicht nur, damit es nicht in Vergessenheit geriet, sondern
wohl auch, weil sie unberechtigte Nachahmer fanden. Der Hausierhandel wurde im Normalfall in den Wintermonaten betrieben, der wandernde Bauer kehrte im Frühjahr auf
seinen Hof zurück. Immer wieder gab es, insbesondere in den letzten 250 Jahren, Hausierer, die sich in der Fremde niederließen und als Geschäftsleute irgendwo selbständig
machten. Über die Zahl der am Wanderhandel beteiligten Bauern herrschen falsche Vorstellungen. Nicht alle Gottscheer Männer zogen seit 1492 im Spätherbst als Hausierer in
die österreichischen Alpenländer. Die Natur traf auch hierbei eine Auslese. Man wird geradezu an die Frühzeit der Besiedlung des Gottscheerlandes erinnert: Nur die gesündesten, kräftigsten und standfestesten Siedlungswilligen hatten die Chance, die unsagbar
harten Prüfungen der Urwaldrodung zu bestehen. Auch das Hausieren war bis in das 19.
Jahrhundert heran ein hartes Geschäft. Wer es unternahm, hatte eine bis hoch über den
Kopf beladene "Kraxn", mit Holzwaren und Leinwand beladen, von Ort zu Ort zu schleppen. Hier taucht die Frage auf, was die Männer aus Gottschee unternahmen, wenn sie die
heimatliche Ware abgesetzt hatten. Sicher hatten sie dann Waren in ihrem Revier eingekauft, was zugleich ein Anreiz für die Eröffnung eines Geschäftsunternehmens mit festem
Wohnsitz war.
Über die Zahl dieser Saisonwanderer hat natürlich niemand eine Statistik angefertigt. Die
vorliegenden Schätzungen bewegen sich nur zwischen 500 und 700 Mann. In deren Gesamtheit übten sie jedoch in der Kulturgeschichte des deutschen Völkchens im Karst eine
bedeutende Funktion aus. Sie bildeten eine lebendige Brücke aus dem Gottscheerland
zum geschlossenen deutschen Sprachgebiet.
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Das 16. Jahrhundert
Außer den lebensgestaltenden und -bedrohenden Gesetzmäßigkeiten, zu denen wir auch
den Hausierhandel zählen konnten, folgen den Gottscheern drei ereignisträchtige Entwicklungen in das neue Jahrhundert: Die Türkennot, die Ausbeutung durch den Grundherrn bzw. seine Vollstrecker und der Haß auf die darin verkörperte "Obrigkeit". Diesen
Bedrängnissen von außen und innen setzten die Bauern Trotz und Widerstand entgegen.
Sie drückten sich jedoch nicht nur in einer Rebellion aus, sondern in einem erstaunlichen
Beweis von Lebenskraft, einer umfangreichen Binnenkolonisation.
Kaiser Friedrich III. (gestorben 1493) schien das Pfandsystem nicht rasch und nicht genügend Geld eingebracht zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, daß er noch kurz vor
seinem Tode vom Südrand der Herrschaft Gottschee die sogenannte Herrschaft "Pölland"
für 2000 Gulden an einen gewissen Hohenwarth verkaufte. Das Gebiet war gemischtsprachig besiedelt. Gottscheer Familiennamen wurden durch Josef Obergföll noch im 20.
Jahrhundert festgestellt.
Das Gebiet war durch die Türken noch schwerer geschädigt als das übrige Gottscheerland. Die dezimierte Bevölkerung war schließlich nicht mehr in der Lage, ihren Lebensraum aus eigener Kraft mit Menschen zu füllen. Aus dem Hauptsiedlungsgebiet aber wagte kaum jemand, sich dort niederzulassen. Die krainische Landesverwaltung versuchte,
den im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts bereits fast ganz entvölkerten Raum mit
Uskoken wieder zu besiedeln. Die Uskoken waren ein kroatisch sprechender slawischer
Volksstamm in Bosnien, der seinerseits bereits schwer unter der Herrschaft der Türken
zu leiden hatte. Laut Simonic (Seite 18/19) begannen sie zögernd in den Zugehörungen
von Pölland und Kostel Fuß zu fassen. Da sich jedoch die Behörden und die krainischen
Landstände in Laibach nicht über ihre Besteuerung einigen konnten, fehlte die unerläßliche Förderung von Boden und ihr Ansiedlungsvorhaben blieb ein Provisorium. Nach längerem Zuwarten ahmten die Uskoken die Türken nach und unternahmen Raubzüge, unter anderem auch in das übrige Gottscheer Siedlungsgebiet. Vor allem hatten sie es auf
Vieh und Pferde abgesehen. Noch 1613 und 1615 beschwerten sich die Bauern bei der
Obrigkeit über die gewalttätige Nachbarschaft im Süden. Viele uskokische Familien wanderten weiter und versickerten irgendwo im Kroatischen. - Nach dem Aufhören der Türkeneinfälle dauerte es ziemlich lange, bis die natürliche Bevölkerungsdichte erreicht war.
Die Gottscheer allerdings waren an der Wiederbesiedlung der Herrschaft Pölland nur in
sehr geringem Umfange beteiligt. Bei einer späteren Gebietsreform wurden die von Gottscheern bewohnten Ortschaften Unterlag und Saderz an die Sprachinsel zurückgegliedert.
Die Herrschaft Gottschee aber wurde 1507 durch Kaiser Maximilian I. an den Grafen Jörg
von Thurn verpfändet. Eigentlich handelte es sich auch hier bereits um eine Art Verkauf
auf Zelt, denn Maximilian behielt sich das Recht des Rückkaufs innerhalb von 16 Jahren
vor. Anstatt der notleidenden Bauernschaft eine Erholungspause zu gönnen, häufte der
neue Pfandinhaber Forderung auf Forderung. Thurns Pfleger Stersen war wegen seiner
Unbarmherzigkeit bei der Eintreibung des Zinses und der anderen Abgaben bald der
meistgehaßte Mann im "Ländchen". Im Jahre 1515 war das Maß des Erträglichen überschritten. Eines Tages rotteten sich die Bauern, auf das äußerste erbost, in der Stadt zusammen und stellten den Pfleger. Als er sie wegen ihrer Forderungen jedoch verhöhnte,
erschlugen sie ihn. Über diesen hochdramatischen Geschichtsabschnitt schrieb der in
Oberdeutschau geborene Arzt Dr. Karl Rom den Roman: "Rebellion in der Gottschee",
den einzigen historischen Roman eines Gottscheers über die Vergangenheit seiner Heimat.
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An der Willkür des Jörg von Thurn änderte sich trotz des Aufstandes so gut wie nichts.
Die Habsburger übersahen im Jahre 1523 zunächst den Rückkauftermin der Herrschaft
Gottschee, die sie ein Jahr später jedoch unter Druck wieder erwarben. Sie wurde jedoch
unverzüglich an Hans Ungnad weiterverkauft. Dieser mußte sich mit dem Rückkauf innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, der 1537 auf ewig "verlängert" wurde, einverstanden erklären. Hinter dieser Maßnahme steckte die Erwartung, daß die Herrschaft
Gottschee in absehbarer Zeit einen beträchtlichen Wertzuwachs erfahren könnte. Er trat
tatsächlich ein, allerdings erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, durch die dritte
Besiedlungsphase, die Binnenkolonisation. In der Literatur ist die Rede von 25 neuen
Dörfern, ohne Angabe ihrer geographischen Lage, Größe und genaueren Gründungsdaten. Hier bleibt also eine Lücke der Gottscheer Besiedlungsgeschichte zu schließen.
Eine einfache Überlegung weist uns den Weg, wo wir diese neuen Siedlungen hauptsächlich zu suchen haben. Rekapitulieren wir: Die Gottscheer haben also bald nach dem Beginn der Türkenstürme Bannwälder angelegt, Dornenhecken gepflanzt, Tabore gebaut
und mit Feuerzeichen das Herannahen des Todfeindes angezeigt. Valvasor würdigte diese
Leistungen der Gottscheer zusammenfassend in Bandreihen seines Werkes über das Herzogtum Krain mit der Feststellung, Gottschee sei "... des Landes Chrain Warnung und
gleichsam Schildwacht" gewesen. All diese Maßnahmen vermochten das Zerstörungswerk
der asiatischen Horden nicht zu verhindern.
Das Gottscheer Völkchen suchte nach neuen Möglichkeiten des Selbstschutzes. Wie wäre
es, so mögen sich vor allem junge Leute gefragt haben, wenn wir den Türken aus dem
Wege gingen? Seine Stoßrichtungen waren ja bekannt. Wo kam der Feind also nicht hin?
In die unwegsamen Westhänge des Hornwaldes mit ihren dichten, noch nie geschlagenen
Herrschaftswäldern, eine Urwaldzone, die zur Zeit des Herrn von Ungnad etwa mit den
größeren Ortschaften Altlag, Nesseltal, Stockendorf, Tschermoschnitz und Pöllandl abgesteckt ist.
Es ist nicht nachweisbar, aber ebenso nicht auszuschließen, daß bereits Herr von Ungnad
begonnen hat, Herrschaftswald im Ostteil des "Ländchens" für weitere Ansiedlungen freizugeben. In größerem Stil entstanden neue Ortschaften allerdings erst unter den kroatischen Grafen von Blagay, die die Herrschaft Gottschee 1547 von Ungnad wiederum als
Pfandinhaber übernahmen. Die Grafen von Blagay hatten infolge der Türkenüberfälle ihren Besitz in der Nähe von Karlstadt (Karlovac) verlassen müssen. Durch ihren Widerstand gegen die Türken hatten sie sich um das Haus Habsburg verdient gemacht. Während der rund 70 Jahre der Pfandinhaberschaft in den Händen der Grafen von Blagay
treten für die Geschichtsschreibung, neben den Fortschritten in der Weiterbesiedlung der
Sprachinsel, zwei wichtige Fakten zutage:
a. der erste Versuch, die Gottscheer zu slawisieren und
b. das Erscheinen des Urbariums von 1574 mit genauen Angaben über die geographische Ausdehnung, die Bodenverteilung, die Zahl der Dörfer und "Besitzer" sowie ihre Lasten und Abgaben.
Unter den Blagay wurden sich die Gottscheer allmählich des Lebensgesetzes bewußt,
dem sie seit mehr als sechs Menschenaltern ausgeliefert waren, ohne es recht zu wissen,
daß sie anders sprachen und anders waren als ihre Umgebung. Allerdings wurden sie
förmlich darauf hingestoßen. Die kroatischen Pfandinhaber beschäftigten Schreiber, die
das Gottscheerische nicht verstanden, auch das damalige Deutsch nur mangelhaft beherrschten, und die bei ihrer Tätigkeit im "Ländchen" bereits eine Art aktives Nationalgefühl mitsprechen ließen. Ohne die Betroffenen zu fragen, ob sie damit einverstanden waren, begannen sie, deutsche Namen zu slawisieren. So hängten sie an die gebräuchlichen
Namen Jaki, Michl oder Gaspar die Silbe "itsch" an, was in den slawischen Sprachen "der
Sohn des..." bedeutet. Die Bauern wehrten sich dagegen, daß sie nun Jaklitsch, Michitsch
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oder Michelitsch oder Miklitsch und Gasparitsch heißen sollten. Sie hatten anscheinend
auch Erfolg, es kamen keine weiteren Namensveränderungen dazu, doch die bereits vorgenommenen Slawisierungen blieben.
Zur Sprachinsel im engeren Sinn war Gottschee auch in einem anderen Zusammenhang
geworden, der Bauernbefreiung in Krain. Gleich den Gottscheern lehnten sich auch die
slowenischen Bauern gegen ihre Grundherren auf. Das waren aber - bis auf wenige Ausnahmen - deutsche Adelige. Es bestanden zeitweilig sogar Querver-bindungen zwischen
den Gottscheern und den rebellierenden slowenischen Bauern in der Untersteiermark. Bei
der slowenisch sprechenden Grundbevölkerung in Krain ging es jedoch nicht mehr um die
Auflehnung gegen Unterdrückung und Ausbeutung allein, sondern sie identifizierten den
Unterdrücker mit dem Deutschsein. Andererseits vollzog sich um die Wende des 14. zum
15. Jahrhundert das geradezu epidemisch anmutende Aussterben des deutschen Adels in
Krain. Die Gründe dafür sind hier nicht näher zu untersuchen, sie liegen zum großen Teil
an der vergangenen Weltabgewandheit der Adelsschicht. Die feudalen Geschlechter überboten sich förmlich, den männlichen und weiblichen Nachwuchs geistlichen Berufen
zuzuführen.
Bei den slowenischen Bauern liefen demgemäß zwei Entwicklungen parallel, die Selbstbefreiung und das Entstehen einer genau abgrenzbaren slowenischen Bewußtseinslage. Die
über das ganze Land verteilten deutschen Einsprengsel und das deutsche Bürgertum in
den Städten und Märkten verloren von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an Zahl und Bedeutung.
So war Reifnitz, die ehemalige Residenz der Grafen von Ortenburg, Sitz ihrer Lateinschule, zu ihrer Zeit weit überwiegend von Deutschen bewohnt, um 1500 bereits eine slowenische Stadt. Das bedeutet, daß bei den Slowenen - mit jeder neuen Generation steigend
- die Gottscheer als anders, fremd empfunden wurden. Das soll jedoch nicht heißen, daß
die überlieferte gute Nachbarschaft zwischen den beiden unterschiedlichen völkischen
Elementen sich in Abwehr oder womöglich in Feindschaft verwandelt hätte. - Ein Adelsgeschlecht überdauerte diese Entwicklung: Auersperg.
Andererseits hatten die Slowenen zu lange im Schatten der deutschen Kultur gestanden,
als daß sie sich mit ihrer noch dünnen Oberschicht plötzlich daraus hätten lösen können.
Das änderte sich, doch ebenfalls nicht unvermittelt, nachdem ihnen Primus Truber (slowenisch Primoz Trubar - 1508 bis 1586) die slowenische Schriftsprache geschenkt hatte.
Er hing der Lehre Martin Luthers an und übersetzte als erster die Bibel ins Slowenische.
Die krainische Linie der Herren von Auersperg war inzwischen in den Freiherrnstand erhoben worden. Der erste Freiherr war Trajan, der sich ebenfalls zum protestantischen
Glauben bekannte. Er förderte Primus Truber. Er erzog die eigenen Kinder in der neuen
Lehre und gab die Schloßkapelle für evangelische Gottesdienste frei. Im Laufe der Gegenreformation floh Primus Truber nach Deutschland und ließ sich in der Nähe von Tübingen als evangelischer Pfarrer nieder. In Tübingen wurden auch seine slowenische Bibel
und andere Veröffentlichungen gedruckt.
In der Sprachinsel Gottschee erlangte der Protestantismus keine Bedeutung. Versuche,
ihn zu verbreiten, schlugen fehl. Trajan blieb nichts anderes übrig, als zum Glauben seiner Väter zurückzukehren.
Die Auersperger verloren auch als Freiherrn das Gottscheerland nicht aus den Augen. Um
eine familiäre Verbindung zwischen dem Pfandinhaber und ihrer eigenen Familie herzustellen, auf der man vielleicht einmal weiterbauen konnte, verheirateten sie - nach bewährtem Muster - die Freiin Elisabeth mit dem Junggrafen Ursin von Blagay. Elisabeth
scheint für die Gottscheer Bauern viel Verständnis aufgebracht zu haben.
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Bevor wir mit der Darstellung der Binnenkolonisation fortfahren, ist es zweckmäßig, bereits an dieser Stelle das Urbarium von 1574 einzuschalten. Am ehesten würden wir dem
wichtigen Dokument gerecht, wenn wir es als eine Momentaufnahme des Zustandes der
Herrschaft Gottschee betrachten. Die umfangreiche Urkunde entstand nicht etwa aus
geschichtlicher Verantwortungsfreude, um der Nachwelt ein getreues Abbild des Gottscheerlandes zu überliefern, sondern aus purem Eigennutz.
Die Herrschaft Gottschee unterstand im Jahre 1574 dem habsburgischen Erzherzog Carl
in Graz. Seine Verwaltungsbeamten hatten ihm berichtet, daß die Herrschaft seit der
letzten Einschätzung bedeutend ertragreicher geworden sei. Carl befahl 1573 die schleunige Anfertigung eines Urbariums, das bereits ein Jahr später vorlag. Der Erzherzog freute sich über den Wertzugewinn und glaubte sich berechtigt, die Pfandsumme um rund
26.000 Florin zu erhöhen. (Die Abkürzung von "Florin" = fl. wurde bereits im 16. Jahrhundert auch auf den rheinischen Gulden übertragen.) Protest über Protest des Hauses
Blagay!
Nun zum Inhalt des Urbars, das der Gymnasiallehrer und spätere Direktor des Gymnasiums in Gottschee, Peter Wolsegger, geboren in Matrei/Osttirol, bei Archivarbeiten in der
Bezirkshauptmannschaft wiederentdeckte, bearbeitete und in den "Mitteilungen des Musealvereines von Krain", Jahrgang 1890/91, veröffentlichte. Zunächst stoßen wir auf eine
Umgrenzung der Herrschaft. Ihre kartographische Fixierung war schon zur Zeit Wolseggers nicht mehr möglich, weil sie sich auf Flur- und Gegendnamen stützte, die sich verändert hatten, oder ganz verlorengegangen waren. Grothe druckt sie auf Seite 213 ab.
Das Urbar verzeichnet laut der Wolseggerschen Bearbeitung 136 Dörfer und Weiler. Neben jedem Dorfnamen steht die Zahl der dazugehörigen Hüben bzw. Teil-Huben und deren "Besitzer". Ihnen folgen die Abgaben der einzelnen Ansiedlungen in Naturalien bzw.
in Bargeld.
Zwingend drängt sich uns der Gedanke an das Lebensgesetz der Gottscheer von der Enge des Lebensraumes auf. Sie äußert sich in der auffallend starken Zersplitterung des
land- und forstwirtschaftlich nutzbaren Bodens. 498 halbe "Urbar-Huben" sind verzeichnet. In dieser Angabe ist natürlich der Herrschaftswald nicht enthalten. Die Bodenaufsplitterung durch Erbteilung und Teilverkauf war 1574 schon so weit fortgeschritten, daß
nur noch 27 ganze Huben aufgeführt sind. Im Übrigen herrscht die halbe Hube mit 904
Einheiten vor. Die weitere Aufsplitterung kündigt sich mit vier Dreiviertelhuben, drei Drittelhuben, 32 Viertelhuben und acht Achtelhuben an. Insgesamt sind es 1002 Besitzanteile von der ganzen Hube bis zur kleinsten und darum unwirtschaftlichen Kulturfläche.
"Besitzer" weist das Urbarium um 1300 aus. Daß diese Angabe nicht identisch ist mit
jener der ganzen Huben und Teilhuben, dürfte daran liegen, daß man damals auch Unterpächter als "Besitzer" bezeichnete. Bleiben wir aber bei der Zahl 1300. Vielleicht hilft
sie uns, zu einer brauchbaren, wirklichkeitsnahen Berechnung der Einwohner des "Ländchens" zu gelangen:
Grothe und Otterstädt schätzen sie auf rund 9000 Personen. Leider geben sie dazu keine
Aufschlüsselung. Um die Schätzung jedoch nachprüfen zu können, bedarf es einer solchen. Wie war in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Gottscheer Völkchen sozial
gegliedert? Aus dem Urbar erfahren wir lediglich eine etwaige Stellung der dem Grundherrn gegenüber verantwortlichen Erbpächter bzw. ihrer Unterpächter. Es waren zusammen etwa 1300. Nun waren die meisten Besitzer Halbhübler, was bedeutet, daß sie mit
ihrer Familie rund 10 ha = etwa 40 Tagwerk zu bearbeiten hatten. Dazu waren sie, wenn
ihnen nicht eine einsatzfähige, größere Kinderschar zur Verfügung stand, allein nicht imstande. Der Ackerboden wurde nur mit der Haue - mundartlich "Haga" - umgebrochen
und entlüftet. Daß das Getreide mit der Sichel geerntet wurde, ist selbstverständlich. Es
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gab also außerdem noch eine Anzahl von besitzlosen Taglöhnern, Knechten und Mägden.
Hinzu kamen nach menschlichem Ermessen auch damals schon einige hundert, auf das
gesamte Areal des "Ländchens" verteilte, alte Frauen und Männer, die von kleinen Gelegenheitsarbeiten, wenn es hoch kam, von einer Kuh, ein paar Hühnern und Almosen lebten. Diesen aus dem aktiven Wirtschaftsleben ausgeschiedenen Typ fand man in fast allen Dörfern bis in die neueste Zeit.
Fassen wir zusammen:
1. Nehmen wir die normale Gottscheer Familie der friedlichen Zeit mit einem Durchschnitt von 5,0 bis 5,5 Köpfen einschließlich der Großeltern, bzw. eines Großelternteils, so ergibt dies 1300 mal 5,0 bzw. 5,5 =
6500 bis 7150
2. Dienstboten und Taglöhner, zum Teil mit Familie =
1800 bis 2000
3. Alleinstehende Alte und Arme = 300 bis 400
Zusammen etwa
8600 bis 9550
Ganz abwegig ist die Schätzung von Prof. Grothe also nicht, obwohl dem Verfasser alle
drei Zahlenangaben, auch die Alternativzahlen, etwas zu niedrig gegriffen erscheinen, er
meint daher, daß man die Grothesche Schätzung ruhig auf 10.000 bis 10.500 erhöhen
dürfte, ohne an der historischen Wahrscheinlichkeit weit vorbeizuschießen.
Die unterschiedliche Größe der Ortschaften lag schon 1574 fest. Das größte Dorf war
Rieg mit einer Ortsflur von 14 Huben, die von 32 Besitzern bebaut wurden. Rieg, das ja
schon 1398 Sitz eines Amtes, das heißt, eines Verwalters oder eines Vogtes war, muß
sehr schnell gewachsen sein. Es bestätigte damit aber nur seine Rolle als ursprünglicher
Siedlungsmittelpunkt und Zentrum des Hinterlandes. Der Ortsname stammt aus Kärnten.
In der Nähe von Kolbnitz/Oberkärnten gibt es heute noch einen Flurnamen "An der
Rieggn" und einen "Rieg"-Bach (siehe Kranzmayr, Ortsnamenverzeichnis von Kärnten).
Diese Bezeichnung wurde von den Kolonisten auf Rieg übertragen, das bis auf den heutigen Tag noch "An dar Riaggan" genannt wird. "In da Riagga gean" war ebenso durch alle
Jahrhunderte ein feststehender Begriff. Rieg überflügelte wahrscheinlich schon zu Beginn
des 15. Jahrhunderts das Nachbardorf Göttenitz, das bereits in den ersten Siedlungsphasen entstanden war. Allerdings mußte es zu Beginn des 15. Jahrhunderts den Pfarrsitz an
Rieg abgeben, denn in der Chronik des Burkard Zink ist um 1409 bereits der erste Pfarrer
in Rieg erwähnt.
Ein typisches Ursprungsdorf war weiter Obermösel. Auch die Bezeichnung "Mösel"
stammt aus Kärnten. Im Urbar erscheint es mit 10 Huben und 28 Besitzern. Im weiteren
Ausstrahlungsbereich Obermösels liegen die bereits erwähnten Dörfer Verdreng und Verderb. Mit einem etwas galligen Humor lassen sich diese beiden seltsamsten Ortsbezeichnungen des Gottscheerlandes so erklären, daß sich nachgewanderte Kolonisten aus Kärnten oder Osttirol aus dem schönen Mösel hinter den späteren Verdrenger Berg ins Verderben verdrängt fühlten.
Je 10 Huben gehörten auch zu den Dörfern Nesseltal und Reichenau. Nesseltal zählte 30
Besitzer, Reichenau indessen 33, was auf eine bereits weitergehende Aufsplitterung der
Ortsflur hinweist. Nesseltal, eine der schönsten Ortschaften der Sprachinsel, war das
Zentrum des Unterlandes und wies - gleich Rieg - mit seinem lebhaften wirtschaftlichen
und kulturellen Leben marktähnliche Züge auf. - Der Ortsname Reichenau kommt aus
Kärnten. Das Dorf genoß wegen seiner altüberlieferten und erfolgreichen Ochsenmast
sowie der kunstvollen Siebeflechterei einen besonderen Ruf.
Ähnliche, siedlungsgeschichtliche Funktionen wie Rieg, Obermösel und Nesseltal übernahmen im Oberland - wahrscheinlich schon im frühen 14. Jahrhundert - die Ortschaften
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Mitterdorf und Altlag. Beide weisen allerdings im Urbar keine herausragenden Hubenund Besitzerzahlen auf: Mitterdorf zählte 6 Huben und 12 Besitzer, Altlag 7 Huben und
18 Besitzer. Der alte Name für Mitterdorf, "Altenkirchen", (slowenisch "Stara cerkev"),
taucht 1574 nicht mehr auf.
Die großen Gottscheer Dörfer - "groß" ist natürlich bezogen auf die Größenordnung des
"Ländchens" - liegen ausnahmslos in der westlichen Hälfte des Siedlungsgebietes, jenem
Abschnitt, den noch die Grafen von Ortenburg kolonisatorisch vorgeplant und durchdacht
und zur Besiedlung freigegeben hatten. Die bis ins 19. Jahrhundert feststellbaren Neugründungen - es mögen rund drei Dutzend gewesen sein - blieben durchwegs klein. Dies
gilt namentlich für die Ortschaften des Waldlandes um das Hornwaldmassiv, mit dem wir
uns nun zu beschäftigen haben.
Im 14. Jahrhundert erfuhren wir, daß während der ersten Besiedlungsphase der Urwald
von den Rändern her gewissermaßen aufgebrochen wurde, insbesondere im Südosten
und im Osten. Die Besiedlung des Suchener Beckens gehört in diesen zeitlichen Zusammenhang. Während im Kulpatal bzw. in der späteren Herrschaft Pölland die Orte bekannt
sind, wissen wir über die damaligen Ansiedlungen an der Ostflanke des Siedlungsgebiets
wenig. Zwar liegt uns eine Anzahl slowenischer bzw. slowenisch klingender Ortsnamen
vor, es ist jedoch mit Sicherheit nicht zu unterscheiden, wann die dazugehörigen Dörfer
angelegt wurden, im 14. oder im 16. Jahrhundert. Mit Sicherheit stammen nur die Ortschaften Tschermoschnitz und Pöllandl aus der Ära Meinharts I. und Hermanns III. Aber
schon Stockendorf ist eine Dorfanlage mit Kärntner Siedlern. Abgesehen vom Ortsnamen, der sich leicht von "Stock", dem Wurzelstock, ableiten läßt, befindet sich in der
Umgebung des Ortes ein Flurname "in der Wiederschwing", der auch in Kärnten vorkommt. Ihre Nachfolger als Kolonisatoren konzentrierten sich auf den leichter zu erschließenden westlichen Teil des Urwaldlehens und vernachlässigten die "Moschnitze". Da
sie keinen Zuzug mehr erhielten und keine Förderung erfuhren, entwickelten sich die
Ortschaften Pöllandl und Tschermoschnitz nicht annähernd so schnell und umfangreich
wie die Besiedlungsmittelpunkte der Westhälfte des "Ländchens". Wie ungünstig die Lebensbedingungen in den drei eben genannten Dörfern waren und blieben, ist aus dem
Urbar von 1574 ersichtlich: Sie zählen mit ihren 3 halben Huben und 11 Besitzern
(Tschermoschnitz), 3 Huben und 9 Besitzern (Stockendorf) und 3 Huben und 7 Besitzern
(Pöllandl) zu den Nachzüglern des kolonisatorischen Reifeprozesses.
Ungünstige Voraussetzungen für ein wirtschaftliches Weiterwachsen herrschten auch im
Suchener Hochtal, dessen siedlungsgeschichtliche Sonderentwicklung wir uns hier in Erinnerung rufen. Sie ist allerdings 1574 noch nicht abgeschlossen. Im Urbar sind lediglich
die Dörfer Ossiunitz mit 4 Huben (l ganze, 6 halbe) und 10 Besitzern, Obergras und Mittergras mit 4 Huben (3 ganze, 2 halbe) und 6 Besitzern, sowie Untergras mit 3 1/2 Huben (2 ganze, 3 halbe) und 5 Besitzern vermerkt.
Ein ziemlich klares Bild der sozialgeschichtlichen Entwicklungshilfe der Gottscheer läßt
sich aus dem Urbar herauslesen, als da sind: der Herrendienst (Robot und Fron), wie die
Abgaben in natura und in barer Münze. Allerdings geht aus der von Peter Wolsegger wiederentdeckten Handschrift des Urbars nicht hervor, ob es sich um die bis dorthin gültigen
Belastungen der Bauern handelt oder bereits um deren neue Festsetzung nach der
Pfandpreiserhöhung. Im Übrigen hatte jener Graf von Blagay eine schriftliche Erklärung
dahingehend abgegeben, daß er die Bauern hinsichtlich ihrer Abgaben nicht überfordern
und in ihren alten Rechten nicht schmälern würde. Wie illusorisch diese Erklärung in
Wirklichkeit war, ersehen wir aus der jedes vernünftige Maß überschreitenden Erhöhung
der Pfandsumme durch den Erzherzog Karl.
Die zu erbringenden Leistungen waren dorfweise festgelegt. Abzuliefern waren an Feldfrüchten Weizen, Roggen und Hirse. Die Gerste wird nicht erwähnt, ebensowenig wie der
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Buchweizen. Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, daß im 16. Jahrhundert die Kartoffel
und der Mais als Volksnahrungsmittel noch unbekannt waren. An tierischen Produkten
wurden Hühner, Eier und Käse verlangt, Schweine und Rinder bzw. deren Fleisch sind in
diesem Urbar nicht gefordert. Dagegen hatten die Bauern Wein, viel Wein und Most zu
erbringen. Dabei bestätigt sich, daß die geographische Grenze der Weinabgabepflicht bei
Obermösel lag. Sie traf im Unterland jene Besitzer, die neben ihrer eigentlichen Landwirtschaft in Maierle Weingärten besaßen und bearbeiteten. Wir sehen daraus, daß das
Weinbaugebiet im Südosten der Sprachinsel im 16. Jahrhundert längst erschlossen war,
daß aber, wegen der großen Entfernung dorthin, die zusätzliche Bewirtschaftung eines
Weingartens nicht mehr lohnte. Körnerfrüchte sowie Wein und Most wurden den Bauern
in so großen Mengen abverlangt, daß sie wohl die Haupteinnahmequelle des Pfandinhabers darstellten. Sie wurden nach Abzug des Eigenbedarfs für die Hofhaltung auf Burg
Friedrichstein zunächst im "Maierhof" gelagert und dann verkauft.
Der "Herrendienst" bestand hauptsächlich in Hand- und Spanndiensten für den Pfandinhaber, im Roboten am Maierhof, am "Stadthaus" und an der Burg. Der Maierhof war, weil
die Türkennot nicht aufhörte, sicher in die Stadt verlegt worden. Ein paar Beispiele für
den Herrendienst und die Abgaben:
Die Oberloschiner hatten Getreide zur Mühle zu fahren. Daraus entnehmen wir, daß bereits vor 1574 an der Rinse eine Mühle betrieben wurde. - Den Koflern war aufgegeben:
"... tragen zwei Fuhren Zehentmost." Wohin wohl? Auf die Burg Friedrichstein?! - Eine
Sonderaufgabe fiel den Windischdorfern neben dem "Fahren von zwei Fuhren Zehentmost" zu: "Wenn das Wasser Gotsche gefischt wird, müssen das Schaff führen." Ferner
mußten sie "für das Heurechen den Maiergarten zäunen." - Auch Malgern hatte eine Fuhre Most zu fahren. Außerdem, so hieß es; "... tragen vier Besitzer Briefe nach Reifnitz
und Seisenberg."
Die Schalkendorfer haben, wie andere Dörfer, Hofgetreide zum Maierhof zu bringen und
"... müssen diesen ausbessern und säubern". Darüber hinaus hatten die Schalkendorfer
das "Stadthaus" und "das Schloß" vom Schnee zu reinigen.
Als Sonderleistung einzelner Dörfer erscheint sogar die ständige Betreuung der Kreitfeuer
im Urbar, so Prerigel, Graflinden, Unterdeutschau und Nesseltal. Unterdeutschau hatte
außerdem am Schloß zu roboten und Briefe nach Pölland wie "in die Gotsche" zu tragen.
Nesseltal mußte ferner vier Fuhren Wein stellen und je Kopf der Bevölkerung 25 Dachschindeln abliefern. Drei Fuhren Wein und "die nötigen Dachschindeln für Schloß Friedrichstein und das Amtshaus in der Stadt" hatte Obermösel beizutragen.
Immerhin waren einige wenige Siedlungen von allen Abgaben befreit, so Fliegendorf, mit
der Begründung: ". .. weil sie gar unsicher und ihre Gütlein in dem Staudach und nah der
Kulp".
Die drückendste Fron muß wohl in den schweren Wintern das Freischaufeln des Weges
bis hinauf zur Burg Friedrichstein gewesen sein.
Überwacht wurden die Abgaben und Bauernleistungen durch einen Pfleger, der seinen
Sitz in dem wiederholt erwähnten "Amtshaus" in der Stadt hatte. Wer das "Amtshaus",
auch "Stadthaus" genannt, und wann erbaut hat, ist urkundlich nicht belegt. Es muß jedoch schon einige Zeit vor der Erstellung des Urbariums von 1574 bestanden haben,
denn, wie wir aus der Ablieferungspflicht von Schindeln folgern können, war es reparaturbedürftig.
Die Neubewertung der Herrschaft Gottschee durch den Habsburger in Graz erwies sich in
der Tat als wirklichkeitsfremd. Der Pfandinhaber hätte lediglich erreicht, daß sich die
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Bauern wie im Jahre 1515 erhoben, hätte er die Pfandsumme von über 26.000 fl. auf das
"Ländchen" umlegen wollen. Graf Franz von Blagay, zur Zeit der Erstellung des Urbariums Pfandinhaber, setzte schließlich durch, daß man in Graz die Unerfüllbarkeit der
Überforderung einsah. Es blieb von ihr erstaunlich wenig übrig. Otterstädt berichtet dazu
auf Seite 21 seines Bildbandes, daß man zuerst die 26.160 fl. auf 15.000 fl. ermäßigte,
von denen 5000 für bauliche Bedürfnisse der "Burg im Städtl" und der Tabore abgezweigt
werden sollten. Hier bestätigt sich, daß das Stadthaus recht reparaturbedürftig war. Die
restlichen 10.000 fl. sollten in Teilbeträgen während der folgenden acht Jahre fällig sein.
Aber auch dieser Rest der ursprünglichen Summe überstieg den Leistungswillen des Grafen und die Leistungsfähigkeit der Bauern, die gegen Ende der siebziger Jahre wieder
gefährlich aufbegehrten. Laut Otterstädt betrug die endgültige Erhöhung 1589, nach einem neuerlichen Türkenüberfall, bei dem die Stadt niedergebrannt wurde, ganze 5000
fl., zahlbar in drei Jahresraten. Otterstädt wirklich: "Damit lag auf der Herrschaft Gottschee die Pfandsumme von 12.000 fl. in Gold, 10.500 fl. in Münze und 900 fl. als Bargeld, eine gewaltige Summe."
In den neunziger Jahren des 16. Jahrhunderts wurde die finanzielle Lage der Grafen von
Blagay immer kritischer. Sie versuchten, weitere Abgabelasten aus den Bauern herauszupressen. Die Unruhe unter diesen wuchs. Sie suchten in ihrer Not bzw. aus ihrer Not
einen Ausweg. In Versammlungen entstand der Plan, dem Erzherzog Carl die Ablösung
des Hauses Blagay mit der einmaligen Zahlung der 1574 geforderten Erhöhung der
Pfandsumme vorzuschlagen. Sie wollten künftighin die Herrschaft Gottschee selbst verwalten. Die 16.160 fl. aber sollten unter größten Opfern von der Bevölkerung durch
Sammlungen aufgebracht werden. Der Blagay erfuhr davon und verhinderte in Graz die
Ausführung des Planes.
Unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg dieses Vorhabens stellen wir bei den Gottscheern
einen gewissen politischen Reifeprozeß fest, der hier den ersten Höhepunkt erreichte. Sie
erstrebten nicht mehr und nicht weniger als die Selbstverwaltung. Vergleichen wir dazu
ihr Verhalten am Beginn des 15. Jahrhunderts, als sie sich am Waldbesitz ihres Grundherrn Friedrich III. schadlos hielten oder am Beginn des 16. Jahrhunderts, wo sie den
Stersen erschlugen, so taucht hier eine durchaus politische Konzeption auf. Aus ihr erkennen wir darüber hinaus, daß sich die Gottscheer am Ende des 16. Jahrhunderts ihrer
Sprachinsellage in vollem Umfange bewußt geworden waren.
Zum Abschluß des Kapitels Urbarium 1574 noch die Frage: Was hat Beamte des Erzherzogs Karl veranlaßt, anzunehmen, daß die Herrschaft Gottschee bedeutend an Wert gewonnen habe? Auch in Graz war nicht unbekannt, daß seit 1559 kein Türkenüberfall
mehr stattgefunden hatte, woraus man schloß, daß die landwirtschaftlichen Erträge gestiegen sein mußten. Zudem war den Schreibern Karls nicht verborgen geblieben, daß
sich die Zahl der Dörfer vermehrt hatte. Darin sahen die stets mit den Geldsorgen ihrer
Herren ringenden Staatsdiener eine Wertsteigerung, die es möglichst umgehend abzuschöpfen galt. Beide Annahmen erwiesen sich als Irrtümer.
Die kurze Erholungspause nach 1559 reichte nicht aus, die vorher von den Osmanen angerichteten Schäden auszugleichen, zumal der Pfandinhaber hinsichtlich der Naturalabgaben und der Zinsung keineswegs nachgiebiger verfuhr als vorher. Allerdings zeigte
Franz von Blagay Verständnis für das Bestreben der Bauern, neue Dörfer anzulegen,
womit wir wieder bei der Binnenkolonisation angelangt sind. Nicht zuletzt dachte der Graf
dabei an seinen eigenen Vorteil, der freilich erst in Jahren greifbar wurde. Die Neukolonisten vollzogen andererseits unbewußt das natürliche Gesetz des Wanderungsausgleiches
zwischen dicht und dünn besiedelten Zonen. Im Gottscheerland bewegte sich der Haupttrend zur Erschließung neuer Urwaldgebiete in westöstlicher Richtung. Warum, ist uns
bekannt. Wir wissen jedoch nur in zwei Fällen genau, wer, wann und wo Siedlungsland
bereitgestellt hat: Die Gräfin Elisabeth von Blagay, geborene Freiin von Auersperg. Es
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sind dies die Dörfer Langenton (1605) und Masereben (1613). Ob die Gräfin Elisabeth
weitere Ansiedlungen ermöglicht hat, ist nicht zu ermitteln. Die Historiker geben leider
nur eine pauschale Zahl der Neugründungen an, nämlich 25. Zugegeben, die frühe Geschichte des Gottscheerlandes ist arm an Urkunden, doch wurden bedauerlicherweise
nicht einmal die vorhandenen voll ausgeschöpft, wie das Urbarium von 1574, das bezüglich der dünnen Kolonisation sehr wohl Auskunft gibt. Man muß es allerdings mit einer
anderen, wenig beachteten Urkunde kombinieren:
Wir brauchen nur davon auszugehen, daß Ortschaften, die im Urbar nicht erwähnt sind,
auch noch nicht existiert haben. Das nächste, ebenfalls sehr genau geführte Dokument
ist das Rekrutierungsregister Maria Theresias aus dem Jahre 1770. Darin sind alle Städte,
Märkte und Dörfer der gesamten Monarchie aufgezeichnet worden. Logische Schlußfolgerung: Alle Gottscheer Dörfer, die 1574 nicht genannt sind, hingegen 1770 zum ersten
Mal auftauchen, müssen zur Binnenkolonisation gehören. Freilich hat die nun folgende
Liste dieser Gottscheer Ortschaften einen Schönheitsfehler. Aus ihr ist nicht ersichtlich,
welche Dörfer tatsächlich im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen wurden. Das wird sich
nie mehr feststellen lassen. Seien wir also mit der nun folgenden Liste zufrieden:
Gemeinde
Tschermoschnitz:
Alttabor
Maschel
Neutabor
Plösch
Widerzug
Wretzen
Gemeinde
Stockendorf:
Roßbüchel
Skrill
Töplitzel
Gemeinde
Nesseltal
(östlicher Teil):
Schäflein
Schlechtbüchel
Suchen
Gemeinde
Pöllandl:
Steinwand
Gemeinde Döblitsch:
Maierle
In der von den Ortenburgern besiedelten westlichen Hälfte des "Ländchens" scheinen
1770 folgende Ortschaften zum ersten Mal urkundlich auf:
Gemeinde
Obermösel:
Suchen
Unterskrill
Gemeinde
Graflinden:
Ramsriegel
Thura
Gemeinde
Niederdorf:
Masereben
(siehe oben)
Gemeinde
Langenthon:
Langenthon
Gemeinde
Hinterberg:
Hornberg
Gemeinde Suchen
(im Hochtal):
Merleinsrauth
Gemeinde
Unterlag:
Unterpockstein
Die rund um das Hornwaldmassiv entstandenen Spätgründungen weisen typische Gemeinsamkeiten auf: Sie liegen verkehrsungünstig, sind klein, offensichtlich nicht nach
einem Plan angelegt, und es gelang keinem von ihnen, sich zu einem Mittelpunkt zu entwickeln. Interessant ist ferner, dass sich darin bei der Volkszählung im Jahre 1910 kein
Einwohner als Slowene bekannte. Die Slowenen versprachen sich offenbar in dieser Gegend wirtschaftlich keinen Erfolg.
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Das 17. Jahrhundert
Der Steuerdruck stieg ins Ungemessene. Als Folge seiner aufwendigen Lebenshaltung
geriet Graf Stephan von Blagay gegen Ende des 16. Jahrhunderts in immer größere finanzielle Bedrängnis. Um sie zu überwinden, führte er 1599 ein teuflisches System der
Ausbeutung ein: Er verpachtete die Gottscheer Dörfer weiter und forderte von seinen
Unterpächtern untragbare Summen. Er begann mit den Dörfern Koflern, Schwarzenbach
und Prerigel. 1613 waren ihm 35 Unterpächter zinspflichtig, neben Kroaten und Slowenen
auch einzelne Gottscheer, Frauen und ein Geistlicher. Die Bauern sandten immer neue
Beschwerden und Bittschriften nach Laibach und Graz. Erst 1613 erschien aus Laibach
eine "Kommission", um die angeprangerten Zustände zu untersuchen. Sie fügte diesem
einen neuen Skandal hinzu. Sie erwies sich als bestechlich und zögerte den Bericht hinaus. Des Treibens müde, verkaufte das Haus Habsburg die Herrschaft Gottschee 1618 an
den Freiherrn Hans Jakob von Khysel. Wie schlimm es um das ausgeplünderte Ländchen
bestellt war, geht aus dem Ausspruch des Freiherrn hervor, man habe während der letzten zehn Jahre in den Wäldern von Gottschee weder einen Hirsch noch ein Wildschwein
gesehen. In den 22 Jahren seiner Grundherrschaft erfahren wir nichts über Willkür und
maßlosen Steuerdruck. Eine nicht unwichtige Jahreszahl ist anzumerken: 1623 wurde der
Freiherr von Khysel in den Grafenstand erhoben und die "Herrschaft" Gottschee durfte
sich fortan "Grafschaft" nennen.
Die Hälfte der Schicksalsuhr der Gottscheer war abgelaufen: Das Geschlecht Auersperg
erschien endgültig auf der Gottscheer Szene und blieb genau 300 Jahre.
Die Familie Auersperg hatte jahrhundertelang traditionsgemäß die Erblandkämmerer und
Erblandmarschälle, mehrfach auch den Landeshauptmann und den Landesverweser, in
Krain gestellt. Natürlicherweise besaßen sie in diesen hohen Ämtern stets den Überblick
über das ganze Land und hatten auch das ortenburgische Siedlungswerk nicht aus den
Augen verloren. Dafür hatte bereits Meinhart I. von Ortenburg zu Beginn seiner Besiedlung gesorgt. Was war nun geschehen?
1641 kaufte Wolf Engelbrecht von Auersperg die Grafschaft Gottschee.
Diesem bedeutsamsten Ereignis seit dem Beginn der deutschen Besiedlung und der
Stadterhebung war folgendes vorausgegangen: Der Freiherr Johann Weikard von Auersperg hatte sich am Hof in Wien zum persönlichen Vertrauten des Kaisers Ferdinand II.
(1619 bis 1637) - ein Sohn des Erzherzogs Karl in Graz - emporgearbeitet. Er war kaiserlicher Rat, Kabinettsminister, also Ministerpräsident, und stand persönlich beim Monarchen in höchster Huld und Gnade. Er wurde zum Fürsten erhoben und erhielt später auch
noch den Titel eines Herzogs von Münsterberg in österreichisch-Schlesien. Wolf Engelbrecht war sein älterer Bruder. Der entscheidende Einfluß Johann Weikards bei Hofe hatte ohne Zweifel mitgewirkt, als Wolf die Grafschaft im Karst erwarb. Damit war er Graf
von Gottschee geworden.
Graf Wolf Engelbrecht besaß, wie viele Auersperger vor und nach ihm, eine ausgesprochene Begabung und Neigung zur Menschenführung. Er ging sofort daran, im "Ländchen"
Ruhe und Ordnung herzustellen und - Arbeit zu schaffen. Energiegeladen, wie er war,
muß er noch im Kaufjahr an die Planung und unmittelbar darauf an den Bau des "Schlosses" gegangen sein. Mit der Errichtung dieses für die kleine Stadt überdimensionalen
Bauwerks beschäftigte er jahrelang eine größere Zahl von Handwerkern und Arbeitern.
Ob er es am Standort des im Urbar von 1574 erwähnten "Stadthauses" errichten ließ, ist
nicht nachgewiesen, jedoch wahrscheinlich, sonst wäre das Stadthaus irgendwann in den
nächsten Jahrhunderten urkundlich noch einmal aufgetaucht.
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Bereits 1642 legte der Graf dem Kaiser und Herzog von Krain ein "Privilegienbuch der
Stadt Gottschee" zur Unterschrift vor. Darin waren alle Privilegien und Rechte, die Habsburg der Stadt Gottschee seit ihrer Erhebung gewährt hatte, zusammengetragen. Mit der
kaiserlichen Unterschrift wurden sie neu bestätigt. Die zu den Rechten gehörenden vier
Markttage und die zwei Kirchweihtage tauchten selbstverständlich wiederum auf. Sie bildeten seit 1471 einen wesentlichen Bestandteil des Wirtschaftslebens in der Sprachinsel.
Die Gottscheer waren es nicht gewohnt, regiert zu werden. Sie kannten lediglich die Ausbeutung und Unterdrückung - und den Protest. Nun wollten sie offenbar wissen, wie weit
sie bei dem neuen Herrn mit dem Protestieren gehen konnten. So rebellierten sie 1661
gegen die in ihren Augen immer noch zu hohen Abgaben. Wolf Engelbrecht reagierte zunächst gelassen, zog aber auch niemand zur Verantwortung. Als jedoch kurz darauf ein
katastrophales Hochwasser der Rinse weite Teile des Oberlandes verheerte und 1668 ein
zündelndes Kind die Stadt einäscherte, kam er den Betroffenen mit deutlich spürbaren
Steuererleichterungen entgegen. Diese Maßnahmen entsprachen durchaus seinem Wesen.
Graf Wolf war ein außergewöhnlich gebildeter Mann, ein bei den Jesuiten in Graz geschulter Renaissance-Mensch. Zunächst ohne rechten Erfolg versuchte er, auf die rauhen Sitten des krainischen Adels einen glättenden Einfluß zu nehmen. Besser wurde es erst, als
er die traditionellen Landesämter der Familie Auersperg übernahm. Das Beispiel, Künstler
und Gelehrte in seinem Palais in Laibach einzuladen, bewirkte eine Anhebung des Kulturniveaus. - Das Schloß in der Stadt Gottschee diente ihm nicht als Repräsentationsbau,
sondern war von vornherein als Verwaltungsgebäude geplant.
Graf Wolf starb 1673. Sein Bruder Johann Weikard beerbte ihn. Dadurch kam die fürstliche Linie des Hauses Auersperg in den Besitz der Grafschaft Gottschee. Der Fürst war
bereits vor dem Tode seines älteren Bruders selbstverschuldet beim kaiserlichen Hof in
Ungnade gefallen. Er mußte seine Ämter niederlegen, weil er hinter dem Rücken des Kaisers in Rom versucht hatte, vom Papst zum Kardinal ernannt zu werden. Er zog sich zunächst nach Wels, dann nach Unterkrain zurück - nicht nach Gottschee! - wo er verbittert
und vereinsamt mit 63 Jahren auf Schloß Seisenberg verstarb. Seinen Erben hinterließ er
nicht nur ein geordnetes und wirtschaftlich erholtes Gottscheerland, sondern auch eine
dynastische Verpflichtung, die nur ein gereifter, ja, noch mehr, ein weiser Menschenkenner aussprechen konnte: Er bestimmte, daß die Grafschaft Gottschee auch bei Erbstreitigkeiten nicht geteilt werden durfte, womit er sie zum Fidei-Kommiß erhob. Die Familie
Auersperg hielt sich bis an das Ende aller Gottscheer Tage getreulich an den Auftrag ihres
großen Vorfahren.
Im Jahre 1690 wurde in der Stadt die erste deutschsprachige Schule auf Gottscheer Boden ins Leben gerufen.
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Das 18. Jahrhundert
Der vom Grafen Wolf Engelbrecht eingeleitete neue Aufbau des Gottscheerlandes setzte
sich im 18. Jahrhundert geradlinig fort. Während der fünf Jahrzehnte dauernden Regierungszeit Maria Theresias (1740 bis 1780) und ihres Sohnes Josef II., des ReformerKaisers (1780 bis 1790), gedieh das "Ländchen" sogar zu einem kleinen Wohlstand, zu
dem der ergiebiger gewordene Hausierhandel das Seine beitrug. Insbesondere erfuhr die
Landwirtschaft in der gesamten Monarchie eine bis dahin unbekannte Förderung. In den
achtziger Jahren entstand auch in Gottschee eine Filiale der "landwirtschaftlichen Gesellschaft für Krain", der erste Versuch, verbesserte landwirtschaftliche Erzeugungsmethoden einzuführen.
Tiefergehende Ereignisse, die das Schicksal der Gottscheer wieder zum Schlechteren gewendet hätten, sind uns nicht bekannt. Hingegen muß man die Einführung und Verbreitung von Mais und Kartoffel als entscheidenden wirtschaftlichen und ernährungsmäßigen
Fortschritt für ganz Europa hervorheben.
Von geschichtlicher Bedeutung sind zwei Jahreszahlen des 18. Jahrhunderts: 1770 und
1791. Das Jahr 1770 haben wir bereits bei der Binnenkolonisation angesprochen. In diesem Jahre ordnete Maria Theresia die Erfassung aller männlichen Jahrgänge und der
Wohnstätten in Stadt und Land an. Wir verfügen damit über genaue Zahlen der Häuser in
den Gottscheer Dörfern und Weilern, leider jedoch nicht über die Einwohner (siehe Ortsnamenverzeichnis am Ende des Buches).
Durch die Einziehung der meisten jungen Männer zum Militärdienst entstand für das
"Ländchen" eine weitere Brücke nach draußen, die von weitaus mehr Rekruten und Soldaten beschritten wurde als je von Hausierern. Dazu kam, daß sie während ihrer Dienstzeit wenigstens notdürftig lesen und schreiben lernten. Nur wenige von ihnen hatten bis
zum Einzug in die Kaserne eine größere Stadt erlebt. Normalerweise war dies Laibach.
Ihr Weltbild weitete sich nicht wenig. Die Militärzeit hallte bei allen - wie bei allen Soldaten anderer Völker auch - ein Leben lang nach. Die junge Gottscheerin aber hatte nur in
Einzelfällen Gelegenheit, über ihr Städtchen und Ländchen hinauszublicken.
Wir erinnern uns, daß dem Fürsten Johann Weikard von Auersperg auf der Höhe seiner
Macht der Titel eines Herzogs von Münsterberg in Österreich-Schlesien verliehen worden
war. Durch den Sieg Friedrichs des Großen über Maria Theresia im Siebenjährigen Krieg
(1756 bis 1763) fiel das kleine Herzogtum an Preußen. Der Herzogtitel von Auersperg
war damit verloren. 25 Jahre lang bemühten sich die Fürsten von Auersperg, ihn wiederzugewinnen. Sie verhandelten sogar mit Friedrich dem Großen. Dieser wäre unter Umständen sogar bereit gewesen, ihnen den Ehrentitel neu zu verleihen. Schließlich verzichteten die Auersperger darauf, weil sie diese Gnade nicht dem Preußenkönig verdanken
wollten. Endergebnis: Es gelang ihnen, Kaiser Leopold II. (1790 bis 1792) zu bewegen,
daß er den Titel "Herzog von Gottschee" schuf und mit dem Fürstentitel von Auersperg
erblich verband. Erster Titelträger war der Fürst und Majoratsherr Carl Joseph Anton von
Auersperg (1820 bis 1900). Der Titel vererbte sich jeweils auf den ältesten Sohn seines
Trägers.
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Das 19. Jahrhundert
Zu Beginn des Zeitraumes schien es, als sollte sich die Blütezeit des "Ländchens" fortsetzen und vollenden, seine kulturelle Eigenart und das Charakteristische seines Menschenschlages unberührt bleiben. Hundert Jahre später wird jedoch das Gottscheerland in allen
seinen Erscheinungsformen, wie wir sie im Augenblick der Jahrhundertwende vor uns
sehen, nicht mehr bestehen. Zwar werden es die Gottscheer noch bewohnen, allein die
kulturellen Veränderungen, die zivilisatorischen und technischen Fortschritte, der verkehrsmäßige Anschluß an das Land Krain und dadurch die weitgehende Aufhebung der
geographischen Abgeschiedenheit und - das nicht zuletzt - der zweischneidige Nationalismus werden die Riegel, hinter denen die Gottscheer ihre Traditionen hüteten, aufgebrochen haben.
Versuchen wir, Gang und Wandlung dieses Jahrhunderts, das mit der ganzen Welt auch
das Gottscheer Völkchen von Grund auf verändert hat, in großen Zügen nachzuzeichnen.
Zuerst bemerken wir im "Ländchen" einen einzigartigen psychologischen Vorgang: Seine
Bewohner, namentlich die Gottscheerinnen, verlieren allmählich ungewollt und unwissentlich die Mitte zwischen dem Neuschöpfen und Nachschaffen ihrer eigenen Volkskultur
und den steigenden kulturellen Einflüssen ihres Gesamtvolkes. Dieses hat es im begrenzten Umfang immer gegeben, doch nun greift es auch auf das soziale Denken über. Das
ganz langsame Durchsickern der städtischen Zivilisation durch die Außenhaut der landschaftlich gebundenen Überlieferungen bewirkt eine heimliche innere Abkehr, fast eine
Mißachtung des Bäuerlichen. Was von außen kommt, beginnt als schöner, vornehmer
und "besser" zu gelten. Übrigens, nicht nur in Gottschee.
Durch 14, 15 Menschenalter war es der Gottscheerin gelungen, jene angedeutete kulturschöpferische Mitte, gleichsam auf der Schwelle ihres Hauses stehend, auszubalancieren.
In wenigen Jahrzehnten kamen ihr nun in bedenklichem Maße Freude und Fähigkeit abhanden, als junges Mädchen Erbin, als reife Frau und Großmutter aber Erblasserin der
überlieferten Volkstumsgüter zu sein. Es wird sich allerdings zeigen, daß man ihr dieserhalb keine Schuld zumessen und keinen Vorwurf machen kann, ebensowenig, wie sie
für die fast fluchtartige Auswanderung der Gottscheer in den achtziger Jahren nach den
Vereinigten Staaten von Amerika verantwortlich ist.
Das 19. Jahrhundert begann noch durchaus "männlich". Napoleon legte sich weite Teile
Europas zu Füßen, auch das "Ländchen" wurde von seinen Truppen erobert und der neu
gebildeten Provinz Illyrien eingegliedert. Die Gottscheer leisteten 1809 Widerstand und
protestierten heftig gegen die unmenschlich hohen Steuern. Da sie kein Verständnis fanden, erschlugen sie in ihrem gerechten Zorn den Stadtkommandanten. Sie waren so
erbost, daß sie dem französischen Offizier nicht einmal ein Friedhofsbegräbnis gönnten,
sondern seinen Leichnam in eines der Rinse-Sauglöcher unterhalb von Obermösel warfen. Mit der Erschießung mehrerer Geiseln und der Freigabe der Stadt zu einer dreitägigen Plünderung durch die Soldaten waren sie mehr als hart bestraft. - Die Franzosenzeit
blieb glücklicherweise eine Episode.
In unabsehbaren Zeiträumen und weltverändernd lebte jedoch die "Romantik". Die zunächst rein geistige Bewegung wurde im Wesentlichen durch den deutschen Dichter und
kulturellen Anreger Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) konzipiert. Was später daraus wurde, steht auf einem anderen Blatt. Sie löste bei den europäischen Völkern eine
stürmische Begeisterung für die eigenen Kulturleistungen und -werte aus, die jedoch auf
dem politischen Antriebsfeld durch Selbstüberschätzung und Machtmißbrauch ungleich
mehr, ganze Kulturen und Kulturnationen, zertrümmerte und heute noch vernichtet.
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Neue Gegensätze wurden aufgerissen, alte vertieft. Dazu gehörte vor allem der überlieferte Hang zum Mißtrauen zwischen den Deutschen und den Slawen. In der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts bekam es in zwei streitbetonten Bewegungen, dem "Pangermanismus" und dem "Panslawismus", Gestalt. Das politische Fernziel war in beiden Fällen die
Errichtung je eines Großstaates, in dem einmal alle Germanen und das andere Mal alle
Slawen vereinigt sein sollten. Die West- und Südslawen strebten darüber hinaus die vollständige geistige und gesamtkulturelle Loslösung vom Deutschtum an. Sie waren überzeugt, daß sie dies nur durch die Zerstörung der österreichisch-ungarischen Monarchie zu
erreichen vermochten. Wer das Schicksal der Gottscheer anders als unter dieser Zuspitzung sieht, verzeichnet es.
Im weitesten Sinn gehört es zu den Auswirkungen der Romantik, daß die Sprachinsel
Gottschee im 19. Jahrhundert von drei Seiten entdeckt wurde:
1. von den Gottscheern selbst,
2. von Sprachwissenschaftlern und Volkskundeforschern Alpen-Österreichs und
3. von der politischen und kulturellen Führung des slowenischen Volkes.
Entdeckt von sich selbst: Das im Entstehen begriffene, noch unfertige Selbstverständnis
der Gottscheer war bis in die Romantik herauf politisch nicht kämpferisch. Etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat es jedoch ebenfalls in eine "Sturm- und Drangperiode" ein
und begann mit der Selbstbewertung und der genauen Standortbestimmung zum deutschen Volk. Diese Entwicklung setzte bei den Bürgern der Stadt ein und erzeugte das
Bestreben, das Deutsch-Sein auch zu beweisen. Dem Zug der Zeit folgend, geschah dies
durch die Gründung von Privatschulen mit deutscher Unterrichtssprache. Man nannte sie
auch "Notschulen". Als Lehrkräfte gewannen die Gründer Idealisten, die als frühere Beamte oder länger dienende Soldaten tätig waren, wie Personen mit eigener Schulbildung
und Begabung.
Von der ersten auf Gottscheer Boden errichteten Volksschule wissen wir bereits 1690. Es
dauerte 128 Jahre, bis in Altlag 1818 die erste private Landschule eröffnet wurde. 1819
folgte Mitterdorf, 1820 schloß sich Obermösel an. 1822 trat - überraschend früh Tschermoschnitz dazu, noch vor Nesseltal und Rieg, die 1829 nachzogen. Verwundert
hätte es den aufmerksamen Leser nur, wenn der Aufbau des Gottscheer Schulwesens
nicht in den aufgeführten Mittelpunktsiedlungen begonnen hätte. 1836 bzw. 1839 begannen Stockendorf und Unterdeutschau den Unterricht. In den fünfziger Jahren entstanden
vier weitere Privatschulen: 1852 Pöllandl, 1854 Göttenitz und Unterlag und 1856 war die
Bauerninitiative auch in Morobitz erfolgreich. Dann stockte für längere Zeit der Gründungseifer. Die Lehrer fehlten.
Der Schulbesuch war natürlich noch freiwillig, jedoch nicht unentgeltlich. Der Lehrer und
die Lehrmittel mußte von den Eltern der Schüler bezahlt werden. Ihre Zahl hielt sich vor
allem wegen der weiten Schulwege in Grenzen. Sie stieg ganz allmählich an. Auf dem
Lande hatte man es praktisch mit reinen Knabenschulen zu tun.
Das änderte sich schlagartig, als 1869 mit dem "Reichsvolksschulgesetz" die allgemeine
Schulpflicht eingeführt wurde. Die Gottscheer Privatschulen wurden anerkannt. Das Herzogtum besaß daher plötzlich 15 vom Staat getragene, öffentliche Volksschulen, jedoch
keine dem neuen Gesetz entsprechend ausgebildeten Lehrer. Da die Schulanfänger die
Gottscheer Mundart als Muttersprache verwendeten und das Hochdeutsche nur mangelhaft beherrschten, sollten die Lehrer nun nach Möglichkeit geborene Gottscheer sein und
eine Lehrerausbildung erfahren haben. Die Sorge der angesehenen Stadtbürger um den
schulischen Fortschritt des Gottscheerlandes war groß. Sie diskutierten bereits seit Jahren das angekündigte Schulpflichtgesetz, ohne eine andere Lösung zu finden, als daß
Gottscheer Junglehrer außerhalb der Heimat ausgebildet werden mußten. Sie besprachen
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es auch mit dem Wiener Germanisten, Universitätsprofessor Dr. K. J. Schröer, der
schließlich eine Teillösung vorschlug. Eine Lehrerbildungsanstalt mit einer Vorschule
konnte man begreiflicherweise in Gottschee nicht einrichten, doch die Gründung eines
vierklassigen Untergymnasiums war denkbar. Professor Schröer hielt sich 1867 und 1869
zu sprachwissenschaftlichen Studien in der Sprachinsel auf. Sein wichtigster Gesprächspartner war Apotheker Robert Braune, ein Mann mit hoher humanistischer Bildung und
Führungsgabe. Braune sorgte für die begeisterte Zustimmung zu dem Plan des Wiener
Gelehrten und dieser gab im Unterrichtsministerium die erforderliche Starthilfe. Am 28.
Oktober 1872 wurde das Untergymnasium mit einem Festakt und einem Festessen aus
der Taufe gehoben und der erste Jahrgang eröffnet. Die Anstalt mußte allerdings zunächst in einem Privathaus untergebracht werden. Zum Direktor wurde der Lehrer am
Obergymnasium in Laibach, Benedikt Knapp, ernannt.
Dem ersten Jahrgang gehörten 17 Schüler an, davon neun aus der Stadt, deren Bürger
den hilfsbedürftigen auswärtigen "Studenten" mit kostenlosen Mittagstischen und Quartieren weiterhalfen. 1873 gründete die Bürgerschaft sogar einen "Unterstützungsfonds". Außer Benedikt Knapp (1872 bis 1894) wurde das Gottscheer Gymnasium in den 46 Jahren seines Bestehens von zwei weiteren Direktoren geleitet: Peter Wolsegger (1894 bis
1908) und Dr. Franz Riedl (1908 bis 1918). 1907 wurde die Anstalt auf Betreiben des
damaligen Bürgermeisters Alois Loy und mit politischer Unterstützung des Fürsten Karl
von Auersperg (1859 bis 1927) zum Obergymnasium erweitert.
Von ausschlaggebender Bedeutung, insbesondere für das Untergymnasium, wurden die
achtziger Jahre. In Wien entstand 1880 der "Deutsche Schulverein", der ein Jahr später
auch in Gottschee seine Tätigkeit als Schulgründer aufnahm. In kurzer Zeit entstanden
24 Ortsgruppen, die erste in Gottschee/Stadt. Zum Vorsitzenden wählten die Mitglieder
Robert Braune, zum Schriftführer Peter Wolsegger. 1881 wurde außerdem die Begabtenauslese für das Gymnasium auf eine neue Grundlage gestellt:
Der in Prag lebende Großkaufmann Johann Stampfl aus der Gemeinde Morobitz errichtete
die "Johann Stampfelsche Stipendienstiftung" in Höhe von 100.000 (einhunderttausend!)
Gulden. Aus ihren Zinsgewinnen wurden jährlich 22 Stipendien zu 50, 13 zu 100 und 8
Stipendien zu 200 Gulden an bedürftige und begabte Gottscheer Buben vergeben. Johann Stampfl, der großherzige Stifter, 1805 geboren, starb nach einem ungewöhnlich
erfolgreichen Kaufmannsleben 1890 in Prag.
Seit der Gründung des "deutschen Schulvereins" wuchs das Gottscheer Volksschulwesen
rasch weiter. Allein in den Jahren 1881 bis 1888 entstanden neun einklassige Volksschulen. Eine Vergleichszahl: von 1856 bis 1881 wurde lediglich eine einzige Schule gegründet, jene in Stalzern (1874). Aus den verhältnismäßig zahlreichen Gründungen der achtziger Jahre läßt sich nicht nur entnehmen, daß die Gottscheer mit großem Eifer am Werke waren, sondern es werden auch die Auswirkungen des Untergymnasiums sichtbar:
Jahr für Jahr wächst die Zahl der Junglehrer, die alten Schulmeister können abgelöst, die
neuen Schulgründungen besetzt werden. Solche wurden in folgenden Dörfern bzw.
Schulsprengeln errichtet:
Warmberg 1881, Maierle und Langenthon 1882, Masern und Schäflein 1883, Hohenegg
1884, Lichtenbach 1885, sowie Steinwand und Unterskrill 1888. Damit war jedoch der
Nachholbedarf der Sprachinsel an schulischen Einrichtungen noch nicht gedeckt. Dies
geschah erst mit den nachfolgenden Gründungen:
Lienfeld 1892, Altbacher 1898, Verdreng und Reichenau 1905, Reuter 1908, Stalldorf
1909 und Suchen (im Hochtal) 1910. In der Sprachinsel Gottschee bestanden also 1910
bzw. 1918 beim Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie insgesamt 33
Volksschulen. Jene in den alten Siedlungsmittelpunkten waren inzwischen um eine Klasse
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aufgestockt worden. Die Schule in der Stadt wurde auf fünf Klassen erweitert. Die 1932
entstandene Schule in Tiefenbach war keine deutsche Gründung mehr, wurde aber natürlich von deutschen Kindern besucht.
90 Jahre hat es also gedauert, bis das Schulwesen des Gottscheerlandes so dichtmaschig
ausgebaut war, daß jedes Kind unter möglichst geringen Schwierigkeiten in den Genuß
des deutschen Schulunterrichts kam. Wir dürfen jedoch nicht bei der organisatorischen
Seite der schulischen Entwicklung stehenbleiben. Diese lief parallel mit den gleichartigen
Vorgängen in der ganzen Donau-Monarchie, so, wie das Reichsvolksschulgesetz von 1869
es angeordnet hatte. In unserer Sprachinsel vollzog sich mit der Stillung des Bildungshungers jedoch ein kultureller und sozialer Wandlungsprozeß, der in die Tiefe der Volksseele reichte: Das Eintreten des jungen Mädchens in die Welt der gesamtdeutschen Kultur und das Heraustreten der Gottscheerin aus ihren überlieferten sozialen Bindungen als
einseitig ausgerichtete und verpflichtete Bäuerin, Ehefrau und Mutter.
Wie wir hörten, hatten die Gottscheer in die allgemeine Schulpflicht ihre zwischen 1818
und 1856 ins Leben gerufenen 15 Privatschulen eingebracht. Die meisten, an sich schulreifen Mädchen hatten zusehen müssen, wie ihnen die gleichaltrigen Buben vorgezogen
wurden. Das Einrücken in die Schulbank, das gleichberechtigte Lernen-dürfen und müssen, das Messen mit den Knaben war für die plötzlich zu Schülerinnen ernannten
Dorfkinder ein elementares Ereignis. Es zählte nicht nur in der noch eng begrenzten kindlichen Menschlichkeit, sondern auch ihnen erschloß sich nun die geheimnisvolle Welt des
deutschen Lesebuches. Am Sonntag verstanden sie von Jahr zu Jahr mehr von der Predigt des Pfarrers. Wir vermögen uns heute wohl nicht mehr die richtige Vorstellung zu
machen, welchen Stolz etwa ein zehnjähriges Mädchen in der Kirche erfüllte, wenn es
neben der vielleicht fünfunddreißigjährigen Mutter saß und in seinem ersten Gebetbuch
las. Es war zwar erst beim Sanktus angelagt, wenn der Geistliche bereits die Wandlung
zelebrierte, aber es las. Die Mutter ließ, die Lippen unhörbar bewegend, den Rosenkranz
durch die Finger gleiten, nur manchmal blickte sie fast scheu auf ihr Kind und das Buch.
Die Schule gewann die Oberhand über die gottscheerischen Sagen und Märchen, Lieder
und Geschichten - nicht über die Mundart, nicht über die Kinderspiele. Die bunte Welt der
deutschsprachigen Sagen und Märchen tat sich auf, überstrahlte bald das heimische Erzählgut. Rotkäppchen, Scheewittchen und die sieben Zwerge, das tapfere Schneiderlein,
der Wolf und die sieben Geißlein und viele andere Kindermärchen eroberten den Platz der
Hexen- und Teufelssagen. Große Heldengestalten, wie Hermann der Cherusker, Kaiser
Rotbart im Untersberg, Kaiser Maximilian in der Martinswand und später die Rittergeschichten in der Schulbücherei - das war alles ungeheuer spannend, und das konnte man
lesen und immer wieder lesen. Die Gottscheer Geschichten, Märchen und Erzählungen
waren nirgends aufgeschrieben, ebensowenig wie die Volkslieder. In der Schule sangen
sie nur die hochdeutschen Kinderlieder: Kommt ein Vogel geflogen, ein Männlein steht im
Walde oder sah ein Knab ein Röslein stehn ...
Und die Mütter dieser ersten zehn- bis fünfzehn Schulmädchen-Jahrgänge? Sie waren
keineswegs unbefangen in die Fußstapfen ihrer Großmutter getreten, das 19. Jahrhundert hatte auch noch andere fortschrittliche Dinge anzubieten als nur die Schule. Schon
lange bevor das Mädchen in die Volksschule gehen durfte, war über die älteren Mädchen
und die jungen Frauen der Sprachinsel der "Zeitgeist" gekommen. Die Vermittlerin zwischen ihm und der ländlichen Frauenwelt war die Stadt Gottschee. Dort zeichnete sich
zuerst das "moderne Leben" ab. Dort bauten immer mehr Bürger bei steigenden Lebenserfolgen und einer liberaleren Handhabung der Wirtschaft die Aufgabe der Stadt als Mittelpunkt des Gottscheerlandes weiter aus. Ihr Selbstbewußtsein stieg. Gewiß, es senkte
sich nicht etwa ein ungewohnter Reichtum auf die kleine Stadt nieder, doch der Lohn der
Emsigkeit ihrer Bürger reichte aus, um den gestiegenen Lebensstandard im Bau von angemessenen Geschäfts- und Wohnhäusern Ausdruck zu verleihen. Zunächst gaben nur
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einzelne Bauherren, Bürgerfrauen und -mädchen Beispiele für den neuen Lebensstil. Man
eiferte ihnen nach, "die Mode kam nach Gottschee". Die Männer lasen Grazer und Wiener
Zeitungen.
Die Mädchen und jungen Frauen auf dem Lande, namentlich in den alten Siedlungsmittelpunkten, bemerkten die Veränderung an ihrem "Stadtle" sehr wohl. Wie überall und zu
allen Zeiten suchten und fanden auch sie ihre Leitbilder. Wie sie sich trugen und anzogen, war nachahmenswert, bald sogar verbindlich, wollte man nicht als rückständig gelten. Die feineren Tuche und modischen Schnitte verdrängten das grobe Leinen der
Tracht. Das geschah natürlich nicht mit der Geschwindigkeit des Modewechsels unserer
Jahre, und die alten Frauen hielten an der überlieferten Tracht fest. Hüte à la mode trugen natürlich nur die Bürgersfrauen in der Stadt, aber auch dort konnte man noch im 20.
Jahrhundert beim einfacheren Volk das unter dem Kinn geschlungene Kopftuch sehen.
Auch dieses war feiner geworden. Die Männer hatten schon vor den Frauen auf die Tracht
verzichtet.
Der relative Wohlstand, der nicht mit Wohlleben verwechselt werden darf, und die kulturelle Umstimmung der Jugend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, schufen einen
weitergehenden Abstand zwischen den Generationen als früher üblich. Anders ausgedrückt: Die Aufnahmebereitschaft für das Neue und die Hinneigung zum Überlieferten
hielten sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weniger die Waage. Die Mundart blieb allerdings
uneingeschränkt das Verständigungsmittel der bäuerlichen Bevölkerung. In den Bürgerkreisen der Stadt gewann allmählich eine Mischung zwischen Gottscheer und Wiener Dialekt die Oberhand.
Der allgemeinen Feststellung über den wirtschaftlichen Fortschritt im "Ländchen" sei
gleich das Entstehen und die zeitweilige Blüte eines für Gottschee typischen Industriezweiges angefügt: Ein Hausierer aus Lichtenbach hatte in Böhmen mehrere Jahre gut
verdient. Er beobachtete die Lodenweber und rechnete sich aus, daß man daheim in dieser Branche noch mehr verdienen könnte. 1843 ließ er von dort einige Webstühle und
mehrere Weber nach Lichtenbach kommen. Das Werk gelang über Erwarten gut. Der
geschäftliche Erfolg sprach sich herum, fand Nachahmer und damit Konkurrenz. In den
Nachbarorten Kummerdorf und Altfriesach, bis nach Reichenau und Nesseltal, Hohenegg
und Obermösel, versuchten sich mit ähnlichem Erfolg weitere unternehmungslustige
Bauern-Fabrikanten. Allein die Lichtenbacher-Gruppe beschäftigte zur Zeit der Hochkonjunktur bis zu 80 Weber und Hilfskräfte.
Die Schafwolle wurde zunächst nur aus Kärnten bezogen. Steigender Bedarf zwang die
Gottscheer Lodenhersteller, auch auf ungarische und albanische Lieferanten zurückzugreifen. Die Wolle der albanischen Bergschafe ergab eine besonders hochwertige und
begehrte Qualität des Gottscheer Lodens. Die Erzeuger vertrieben den Loden meistens
selbst und vorwiegend auf kroatischen Märkten. Die Beförderung der Ware ging jedoch
nicht mit der "Kraxn" vor sich, wie bei den Hausierern bis ins 19. Jahrhundert, sondern
auf Pferdefuhrwerken.
Übertriebene Konkurrenz unter den eigenen Landsleuten und die Industrialisierung der
Lodenerzeugung (automatischer Webstuhl) in anderen Ländern verdrängten gegen Ende
des 19. Jahrhunderts den Gottscheer Loden vom Markt. Seine Herstellung war zu kostspielig geworden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lief auch in Lichtenbach kein Webstuhl
mehr. Die meisten Weber hatten das "Ländchen" verlassen. Dennoch war es in Lichtenbach nicht still. Das Dorf hatte 1885 eine einklassige Volksschule erhalten und war damit
Schulsprengelort geworden.
Nur geringe volkswirtschaftliche Bedeutung gewann der Versuch, eine Glasindustrie aufzubauen. Aus Wien kommend errichteten die Brüder Ranzinger 1835 bei Masern im HinGedruckt von http://www.gottschee.at
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terland eine Glashütte und nannten sie "Karlshütten". Der dazu nötige Energieträger Holz
war reichlich vorhanden, doch der Rohstoff Kies mußte aus Kroatien herangeführt werden. Der Abtransport der Erzeugnisse mußte wegen der Bruchgefahr ebenso umständlich
wie kostspielig mit Saumtieren erfolgen. 1856 verlegten die Betriebsinhaber das unwirtschaftlich arbeitende Unternehmen in die Stadt Gottschee und bauten es auf dem Gelände des dortigen Braunkohlenvorkommens auf. Der Erfolg blieb der Familie Ranzinger
auch in der neuen Umgebung versagt. 1888 gab sie endgültig auf.
Das eben erwähnte Braunkohlenflöz in unmittelbarer Stadtnähe wurde bis 1892 nicht
systematisch abgebaut. In diesem Jahre erwarb es die "Trifailer Bergwerks-Gesellschaft"
und nahm den Tagbau in größerem Stil auf. Der Kauf erfolgte nicht zufällig 1892. Der
Käuferin war bekannt, daß die Eröffnung der Stichbahn Laibach-Gottschee bevorstand.
Nicht zu Unrecht rechnete sie sich bei wesentlich günstigeren Transportbedingungen
nennenswerte Erträge aus. Da die Gottscheer Bauern bzw. ihre zweiten und dritten Söhne nur geringes Interesse am Bergbau zeigten, holte die Gesellschaft Knappen aus Krain
und Kroatien heran. Um sie zu halten, baute ihnen die "Trifailer" bescheidene Werkswohnungen. Zeitweilig wurden bis zu 500 Arbeiter beschäftigt. Diese verhältnismäßig große
Zahl slowenisch und kroatisch sprechender Einwohner veränderte das Nationalitätenverhältnis in der Stadt Gottschee erheblich.
Nicht nur die "Trifailer" hatte die Eisenbahn in ihre Kalkulationen einbezogen. Dies tat
auch Fürst Karl von Auersperg. Er war schon an der Planung und dem Bau der Stichbahn
Laibach-Gottschee nicht unbeteiligt gewesen, setzte darüber hinaus aber noch durch, daß
von der Station Großlupp (Grosuplje) ein Schienenstrang nach Rudolfswerth (Novo mesto) und Straza abgezweigt wurde. Diese Nebenstrecke sicherte dem Fürsten von Auersperg den Abtransport seiner im großen Stil geplanten Holzindustrie im auerspergischen Revier "Hornwald".
Herzog Karl hatte beim Bahnbau nicht nur an sich gedacht. Er und Bürgermeister Alois
Loy in Gottschee/Stadt fanden die persönliche Unterstützung des Kaisers Franz Joseph I.
Der Monarch wußte um die enge Verbindung des Hauses Habsburg mit dem uralten
Adelsgeschlecht der Auersperg. Sie hatten der Monarchie eine unabsehbare Reihe von
Politikern, Militärs und Diplomaten gestellt. Diese Verbindung war so familiär, daß beispielsweise der junge Prinz Karl von Auersperg zum Spielgefährten des unglücklichen
Kronprinzen Rudolf von Habsburg ausgewählt wurde. Trotz seiner jungen Jahre war er
bestrebt, mit diesem Bahnbau den Gottscheern den Anschluß an das Eisenbahnnetz Krain
und der österreichischen Alpenländer zu schaffen.
Die Stichbahn war jedoch nicht die erste "fahrende" Verbindung des "Ländchens" zur
großen Welt. Schon 1856 richtete der organisatorisch begabte Gottscheer Bürger Anton
Hauff eine wöchentlich verkehrende Pferdepostlinie nach Laibach ein. Wenige Jahre darauf wurde sie in eine sechsmal wöchentlich trabende Schnellpost umgewandelt. Anton
Hauff wurde der erste Postmeister im Gottscheerland.
Selbst der Hausierhandel bekam unter dem Druck der alles verändernden Kräfte des 19.
Jahrhunderts ein anderes Gesicht. Schon die Postverbindung nach Laibach hatte für die
Hausierer die mühevolle Anreise zum Hausierrevier beträchtlich abgekürzt. Sie zogen
auch nicht mehr mit der vollbepackten "Kraxn" von Ort zu Ort, sondern waren in die kleinen und mittleren Städte umgezogen. Dort ging der "Hausierer" in die Lokale und spielte
mit einem kleinen Lotto Südfrüchte, Süßwaren und allerlei Delikatessen aus. Sein Warenangebot führte er in einem Bauchladen mit. Nun konnte er ein Lager halten und den Korb
des Abends mehrfach füllen. Warenverkauf war ihm jedoch nicht mehr gestattet. Wollte
der Gast mit dem Gottscheer ein Spielchen machen, so hielt ihm dieser ein mit 90 holzgeschnitzten Nummern gefülltes Leinen- oder Ledersäckchen hin. Der Gast setzte, je
nach dem Preis seines Gewinnwunsches, einen bestimmten Betrag ein und zog drei
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Nummern aus dem kräftig durchgeschüttelten Beutel. Bevor dies geschah, wurde bereits
vereinbart, welches Spiel gelten sollte: "Drei unter Hundert" oder "Drei - fünf - sieben".
Das bedeutete: Lag die Quersumme der gezogenen Nummern unter hundert, hatte der
Spieler gewonnen, lag sie darüber, kassierte der Gottscheer den Einsatz. Die andere
Spielart: Befanden sich bei den gezogenen Nummernköpfen eine Drei und eine Fünf und
eine Sieben, war das Glück auf Seiten des Gastes. - Neben dieser neuen Art des Wanderhandels auf Grund des alten Privilegs bürgerte sich im 19. Jahrhundert auch das Maronibraten als Winterbeschäftigung in den Großstädten ein. Wann die Umstellung des Hausierens genau erfolgte, läßt sich begreiflicherweise nicht mehr ermitteln. Es besteht jedoch
ohne Zweifel ein Zusammenhang mit einer anderen Entwicklung, die bereits gegen Ende
des 18. Jahrhunderts eingesetzt hatte. Kaufmännisch besonders begabte Hausierer waren allmählich in das Südfrüchte-Geschäft hineingewachsen. Sie kontrollierten schließlich
über einen längeren Zeitraum des 19. Jahrhunderts von den Großstädten der Monarchie
aus fast den gesamten Import dieser Branche in Mitteleuropa.
Die neue Art des Hausierens der Gottscheer Bauern ließ sich durch sie selbst auch leichter überwachen und vor Nachahmung schützen. Daraus ist zu erklären, daß zwischen
1841 und 1914 keine Bestätigung des uralten Hausierpatents von 1492 erfolgte.
War die Umstellung auf ein anderes Warensortiment eingetreten, weil in Gottschee niemand mehr schnitzte. Leinewand herstellte? Vollständig vergessen war die Holzschnitzerei nicht, doch konnten die Könner auf diesem Gebiet mit der billigen und scheinbar auch
praktischeren Industrieproduktion nicht konkurrieren. Es verriet daher durchaus Erfindungsgabe, daß der Gottscheer Wandersmann nun leckere Genußmittel zu einer Tageszeit an seinen Kunden heranbrachte, da er sie sonst nicht angeboten erhielt, schon gar
nicht über ein lustiges Glücksspielchen, an dem sich jeden Abend die Stammtischrunden
ergötzten. Andererseits ließ ein findiger Kopf in der Stadt Gottschee es nicht dabei bewenden, daß das Schnitztalent seiner Landsleute nun brachliegen sollte. Die Holzwarenvertriebsfirma Loy entstand und regte die Herstellung von Schnitzereien an, die dem Bedarf und dem Geschmack der Zeit angepaßt waren. Die Holzschnitzerei nahm Ausmaße
an, daß man 1882 eine Fachschule für Holzbearbeitung errichtete. Auch hier stand Johann Stampfel Pate. Die Firma Loy baute ihr Sortiment ständig weiter aus und sie beschickte Ausstellungen, und schließlich ging ihr Angebot weit über die Haushaltsgegenstände allein hinaus und reichte - nach einem Inserat im "Deutschen Kalender von Krain"
- vom Spazierstock bis zu Kleinmöbeln.
Da aber, wo ein Fortschritt am notwendigsten gewesen wäre, in der Landwirtschaft, änderte sich in den wesentlichsten Punkten so gut wie nichts in der Bodenverfassung. Zwar
wurde den Bauern 1847 durch die sogenannten Servitutsrechte eine weitergehende Mitnutzung der Auerspergschen Wälder zugestanden, wuchs der Umsatz des Holzhandels,
griff die eiserne Pflugschar tiefer in den Humus als die Hacke und der Holzpflug, schafften
die etwas vermögenderen Bauern Bodenentlüftungsgeräte an, tauchten gegen Ende des
Jahrhunderts die handgetriebenen Dreschmaschinen auf, fand auch die Getreidereinigungsmaschine auf genossenschaftlicher Basis im Gottscheerland Eingang, wurde im 20.
Jahrhundert mehr und mehr Kunstdünger gestreut - jedoch die Dreifelderwirtschaft und
die Zersplitterung der ohnehin dünnen Ackerkrume in kleine und kleinste Gevierte rührten sich nicht von der Stelle. Jeder Bauer pflanzte außerdem alles an, was er zur Ernährung von Mensch und Tier benötigte. Die Zeitverluste bei der Bestellung und Ernte waren
infolge der weiten Verstreuung des Bodenbesitzes eines Hofes und der Langsamkeit der
Zugtiere noch größer als anderswo, und noch im 20. Jahrhundert waren in kleineren,
abgelegenen Dörfern das Ochsen- und Kühegespann keine Seltenheit. In den größeren,
stadtnahen Dörfern herrschte bereits das Pferd vor. Zudem war der Boden nicht nur wegen seines hohen Kalkgehalts, sondern auch wegen unzureichender Düngung, namentlich
der Wiesen, ausgelaugt.
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Andererseits lösten die romantischen Impulse von außen, die seit Jahrzehnten bereits
gewohnte Erweiterung der Ernährungsbasis durch Mais und Kartoffel wie der Glaube, daß
eine bessere Zukunft bevorstehe, im "Ländchen" bereits zu Beginn des Jahrhunderts eine
steigende Geburtenfreudigkeit aus. Der Kindersegen bedeutete aber auch eine ungeahnte
Steigerung der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, freilich auch mehr Esser. Es mußte
mehr Feldfrucht angebaut und mehr Vieh gehalten werden. Zwar begann die Bauernschaft sich danach zu richten, doch in den siebziger Jahren war der noch bebaubare Boden so gut wie erschöpft, das heißt, das "Ländchen" quoll von Bewohnern über. Das Diktat der beiden Lebensgesetze von der Enge des Lebensraumes und der geringen Ergiebigkeit des Bodens war voll in Kraft. Zwei Zahlen sollen die Lage der Sprachinsel zu diesem Zeitpunkt veranschaulichen, da sich das übervölkerte "Ländchen" anschickte, wie ein
Kessel an seinem inneren Überdruck zu explodieren. Professor Grothe verweist auf Seite
46 seines Buches über Gottschee ohne nähere Quellenangabe auf eine Zählung der Gottscheer aus dem Jahre 1745. Sie wurde angeblich von den damaligen fünf Pfarren vorgenommen und ergab 9000 "betraute Seelen". Wir lesen diese Zahl nicht ohne Mißtrauen,
denn sie scheint zu niedrig zu sein. Wenn sie stimmte, hätte sich seit 1574 die ebenfalls
geschätzte Einwohnerzahl nicht verändert. Das aber ist so gut wie ausgeschlossen, denn
die Türkeneinfälle lagen 150 Jahre zurück und die wirtschaftliche Erholung der Sprachinsel unter den Auersperg dauerte bereits über hundert Jahre. Aber selbst wenn man die
Grotheschen 9000 um ein Drittel auf 12.000 Seelen steigert, sind die Angaben des Wiener Statistikers C. Czoernig für das Jahr 1852 mit rund 22.000 und um 1875 mit 25.000
bis 26.000 Personen noch erstaunlich genug (zitiert nach Maria Hornung, "Mundartkunde
Osttirols", Seite 145).
Zugespitzt ausgedrückt: Am rapiden Bevölkerungswachstum der Gottscheer erweist sich,
daß sich das Völkchen im Karst biologisch trotz seiner völkischen Insellage keineswegs
mehr isoliert entwickelte, sondern - wiederum, ohne es recht zu wissen -, die allgemeine
europäische Bevölkerungsexplosion des 19. Jahrhunderts mitvollzog. Und noch mehr:
Als der Sog des menschenarmen nordamerikanischen Kontinents namentlich das deutsche Volk zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert überfiel, riß er auch aus dem Gottscheerland Tausende und Abertausende junge Menschen fort. Für den einzelnen Auswanderer scheinbar zum Glück, für die Gesamtheit der Gottscheer letzten Endes aber zum
Verhängnis, öffnete er das breite Schleusentor zum Abfließen des Bevölkerungsüberschusses. Doch der Strom wollte nicht aufhören. Im ersten Halbjahr 1914 erteilte die
Bezirkshauptmannschaft in Gottschee etwa 700 Reisepässe für die USA.
Das Wandern und Geldverdienen in der Fremde war den Gottscheern nichts Neues. Es
war jedoch stets Männersache gewesen. Diesmal war es anders. Diesmal hatte der "Zeitgeist" vorgearbeitet, war das innere Feld aufbereitet für die große Unruhe, die nun auch
die jungen Frauen und Mädchen erfaßte. Sie begannen dem Mann, dem Bruder, dem Verlobten oder dem heimlich Geliebten zu folgen - in ein Land, das von sich sagte, es biete
unbegrenzte Möglichkeiten.
Und was bot Gottschee?
Folgte die Gottscheerin wirklich nur dem Manne nach oder war es auch die berufliche
Aussichtslosigkeit daheim oder die Aussicht, den Angehörigen auf diesem weltweiten
Umweg besser helfen zu können, die sie bewog, in dieses Land aufzubrechen? War es
Abenteuerlust, die den viel Mut erfordernden Entschluß zur Auswanderung hervorrief?
Vielleicht war es der auch in ihr aufgestaute ewige Wandertrieb, das Wandernmüssen der
Gottscheer? Ihr winkte doch gutes und rasches Verdienen, zugleich ein freieres, besseres
Leben, war es das? Man muß wohl das ganze Bündel nüchterner und zweckmäßiger
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Überlegungen, familiärer und freundschaftlicher Bindungen und die im tiefsten Menschentum wartende Neugier auf das geheimnisvolle Unbekannte zusammennehmen, will
man die Verhaltensweise einer damals jungen Gottscheerin aus ihrer Zeit heraus ganz
begreifen.
s'Lantle" ließ sie trotzdem nicht los, auch dann nicht, nachdem sie, von der grauenhaften
Ozeanüberquerung auf dem Auswandererschiff arg mitgenommen, amerikanischen Boden
betreten hatten. Auf der einen Seite war sie der Enge entronnen, andererseits suchte und
fand sie in der Endlosigkeit des unbekannten und drohenden Raumes Halt und Geborgenheit bei ihren Landsleuten. Doch nicht nur Schutz suchte sie, sondern auch die Wärme des "Hoimischn", des "Heimischen", des Gewohnten. Nicht wenige der Einwanderer
brauchten viel Trost und guten Zuspruch, um das Heimweh ertragen zu können. Hier
begegnen wir einem bemerkenswerten, seelischen Phänomen: Als ob sie einem Naturgesetz gehorchte, wehrte sie sich dagegen, auf dem Lande Arbeit zu suchen - nicht nur,
weil "er", der Landsmann oder ein bestimmter Landsmann die Stadt nicht verließ, sondern weil es ihr seit Jahrhunderten förmlich eingeboren war, daß der Boden auch die härteste Mühe nicht recht lohnte.
Beim Einleben in die völlig anders gearteten Daseinsumstände kam der Gottscheerin, wie
übrigens auch ihrem Landsmann, ein Umstand zustatten:
Die bäuerlichen Menschen im Gottscheerland wurden von Kindheit an täglich gezwungen,
zu improvisieren. Deshalb fanden sie sich in dem Land, dessen "way of life" auch heute
noch eine zum System gewordene Improvisation darstellt, schnell zurecht.
Die ersten Gottscheer Einwanderungsgruppen blieben jedoch nicht in dem überfüllten
New York, sondern zogen in ihrer Mehrzahl nach Cleveland/Ohio weiter, wo sie verhältnismäßig rasch Arbeit fanden. Schon in den achtziger Jahren waren es ihrer so viele und der Zuzug hielt an - daß soziale Probleme entstanden. Um sie aufzufangen, gründeten einige beherzte Männer die erste landsmannschaftliche Hilfsorganisation der Gottscheer in den Vereinigten Staaten und nannten sie: "Erster österreichischer Unterstützungsverein". Die äußeren Umstände ihres Entstehens sind zum Teil noch bekannt. Das
"Gottscheer Gedenkbuch" beschreibt sie auf Seite 48: "Die erste Idee zur Gründung eines
Unterstützungsvereines entstand Anfang Juni 1889, als sich verschiedene Gottscheer an
der Hochzeit des Herrn Josef Perz aus Malgern trafen. Das Resultat dieser Privatbesprechung war, daß schon am 7. Juli desselben Jahres vierzehn wackere Gottscheer den
,Ersten österreichischen Unterstützungsverein' gründeten. Herr Josef Kump aus Schalkendorf hatte das Vergnügen, als der erste Präsident dieses ersten Gottscheer Vereins in
Amerika gewählt zu werden. Die monatlichen Beiträge waren auf 50 Cents festgesetzt."
Die Menschenverluste des kleinen Gottscheer Volkskörpers in den achtziger und neunziger Jahren bzw. bis zum Ersten Weltkrieg waren nicht mehr aufzuholen. Dabei ging es
jedoch nicht nur um die Zahl der unmittelbaren Auswanderer, sondern auch darum, daß
es sich um die tatkräftigsten, wagemutigsten und arbeitsmäßig Tüchtigsten handelte.
Zwar kam es bis 1914 vor, daß junge Paare, vom Heimweh getrieben, in die alte Heimat
zurückkehrten und dort entweder neu begannen oder das Werk ihrer Eltern und Schwiegereltern mit den ersparten Dollars fortführten. Diese Rückwanderung wirkte gegenüber
dem breiten Strom in der Gegenrichtung wie ein dünnes Rinnsal. Für Gottschee verloren
waren vor allem aber die Kinder und Kindeskinder der Auswanderer.
Die Massenauswanderung zeitigte eine weitere psychologische Rückwirkung: Die Ausgewanderten schickten, sobald sie dazu in der Lage waren, Geld nach Hause. Jeder ins
"Ländchen" gelangte Dollar bedeutete eine echte Hilfe, gleichzeitig aber auch eine intensive Werbung für Amerika. Was mußte der Empfänger alles tun, um den Gegenwert eines
US-Dollars in mehr als vier österreichisch-ungarischen Kronen zu ersparen?!
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Nach der Jahrhundertwende mehrten sich, zunächst in den abgelegeneren Dörfern, die
Bauernhausruinen. Die früheren Besitzer oder ihre Erben lebten in Amerika. Niemand
hielt den Verfall auf.
Und nicht wiedergutzumachender Schaden entstand an den Traditionen der Gottscheer
durch die Abwanderung der volkstumsgestaltenden jungen Kräfte aus 30 Geburtsjahrgängen. Unter ihnen zählten manche Mädchen und junge Frauen doppelt, die Vorsängerinnen in der singenden Dorfgemeinschaft, in den Pfarrkirchenchören, die Erzählerinnen
bei abendlichen Gemeinschaftsarbeiten, überhaupt die jungen weiblichen und männlichen
Persönlichkeiten, nach denen man sich richtete. Das soll nicht heißen, daß diese jungen
Gottscheer moralisch verantwortlich zu machen wären für die Lücke, die sich nun nicht
mehr schließen ließ. - Wie vordem die Tracht beim Kirchgang, verschwand allmählich das
mundartliche Kirchenlied aus den Gottesdiensten.
Von zwei Seiten also war all das, was das Gottscheertum ausmachte, bedroht; Durch den
unaufhaltsamen Rückgang der Menschenzahl und das allmähliche Schwinden der Traditionen formenden und erwerbenden Kraft.
War die Sprachinsel überhaupt noch zu retten?
Kaum etwas von dem eigentümlichen Gottscheer Kulturgut war um die Mitte des 19.
Jahrhunderts aufgezeichnet. Zwar konnten die jüngeren Erinnerungsträger des Volkstumsgutes nun lesen und schreiben, doch ihre Schicht war bereits vor der großen Auswanderungswelle dünner und dünner geworden. Nur alte Frauen und Männer beherrschten noch die Volkslieder, das Erzählgut und die unverfälschte Mundart. Aber wie sollte
eine alte Bäuerin, die ohnehin nicht schreiben und lesen konnte, etwa ein Volkslied oder
eine Sage, Sprichwörter oder dergleichen aufzeichnen?
Entdeckt durch sprachwissenschaftliche und volkskundliche Forscher AlpenÖsterreichs
Was hielten denn die Männer der Wissenschaft für gefährdet? Was wollten sie von dem
Gottscheer wissen? Mehr und anderes, als diesen wichtig erschien. Seitdem die Sprachinsel Gottschee vereinzelt für Geographen und Nationalitätenforscher interessant geworden
war, begannen und endeten ihre Untersuchungen mit der Frage nach der Herkunft der
Vorfahren dieses eigentümlichen Völkchens. Die Gottscheer selbst mußten die Antwort
schuldig bleiben, sie hatten keinerlei Beziehung mehr zur Herkunft der Ur-Gottscheer.
Deshalb hatten sie den Herkunftstheorien, die in einem wissenschaftlichen Aufputz einherstolzierten, nichts geschichtlich Echtes entgegenzusetzen. Erst jetzt, ein halbes Jahrtausend nach der Besiedlung des Gottscheerlandes, kann man die Forschungsmethoden
und deren Ergebnisse ernst nehmen. Und noch einmal hundert Jahre mußten vergehen,
bis die Gottscheer endgültig erfuhren, woher ihre Urahnen stammten. Doch bleiben wir
im 19. Jahrhundert und blicken wir den Forschern über die Schulter, wie sie den Weg für
das Endergebnis bereiteten:
Die ersten Tastversuche, über die Mundart auf die Antwort zu der Frage nach der Herkunft zu gelangen, fielen in die frühe, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1861 erschien
aus der Feder des damaligen evangelischen Pfarrers in Laibach, Theodor Elze, eine Arbeit: "Gottschee und die Gottscheer". Sein Interesse für die Sprachinsel hatten persönliche Begegnungen mit Gottscheern geweckt. Sie waren nun öfter in der krainischen Landeshauptstadt zu sehen, bestand doch eine Postverbindung von Gottschee nach Laibach.
Er schrieb unter anderem über ihren Dialekt: "Die Gottscheer Mundart ist eine äußerst
wertvolle und noch unbenutzte Quelle für germanistische Studien, aus welcher nicht allein eine bedeutende Bereicherung der Kunde der deutschen Mundarten, sondern selbst
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mancher nicht verachtenswerte Beitrag zum Verständnis unserer altdeutschen Sprache
geschöpft werden kann." (Zit. nach Grothe S. 129.)
Tiefer als Elze schürfte der uns bereits bekannte Wiener Universitätsprofessor Dr. K. J.
Schröer in der Mundart nach Herkunftsmerkmalen. Noch etwas unsicher, doch mit klarem
Blick steuerte er auf das engere Herkunftsgebiet zu: "Die Gottscheer sind im ganzen
Markomannen, die Mundart hat den Charakter der bairisch-österreichischen Lechmundarten, aber mit einem alten Zusatz von Schwaben und Franken her, durch den sie, bei großer Verwandtschaft mit der Mundart der Zimbri und der Kärntner, sich von diesen in vielen Wortformen und gewissen Lauten unterscheidet " (Zit. nach Grothe, S. 129.)
Die Frucht seines an sich kurzen Aufenthaltes in Gottschee war eine Abhandlung über die
Mundart, die nur noch historischen Wert besitzt. Ihm verdanken wir auch ein Verzeichnis
der Ortschaften des "Ländchens".
Die geistige Nachfolge Schröers trat der in Prag lehrende Prof. Dr. Adolf Hauffen, ein geborener Laibacher, an. Er veröffentlichte die bereits als klassisch angesehene Monographie: "Die Sprachinsel Gottschee", erschienen in Graz 1895. Bei ihm herrscht kein Zweifel mehr über die Herkunft der Vorfahren der Gottscheer aus dem bairischösterreichischen Dialektraum, wenn auch dieser Fachausdruck zu seiner Zeit noch nicht
gebräuchlich war. Er fand in ihr die wesentlichsten Eigentümlichkeiten des Bairischen in
Wortschatz und Wortbildung, Flexionsform und Vokalismus wieder. Einen erheblichen
Einfluß alemannisch-schwäbischer Dialektformen läßt Häuften nicht gelten. Seine übrigen
Ansichten über die Herkunft der Gottscheer erfahren wir bei Grothe auf Seite 129 unten,
wo der Leipziger Forscher schreibt: "Einfluß und Einwanderung bairisch-österreichischen
Schlages ist aus dem benachbar-ten Kärnten und Steiermark im Gottscheerland unstreitig sehr stark gewesen. Der Wortvorrat der Gottscheer Mundart hat wohl zu 60% diesen
Ursprung. Merkwürdig aber ist, daß trotz dem ansehnlichen bairisch-österreichischen
Wortvorrat mehrere Eigentümlichkeiten des Bajuwarischen im Gottscheerischen sich
nicht finden, so die Dualformen "ös" und "enk", sowie das Verschlucken des e in den Vorsilben der Worte. Der Gottscheer spricht deutlich "gamochat", "Geschwister", "pahent",
nicht gmacht, Gschwister und phent. (Zit. nach Grothe, S. 129-130.)
Bis zu Hauffen veröffentlichten ausschließlich Nicht-Gottscheer die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeiten über das "Ländchen" und ihre Ansichten. Der erste Gottscheer, der ein
einwandfrei wissenschaftliches Werk über die Mundart seiner Heimat beisteuerte, war ein
Schüler Hauffens: Dr. Hans Tschinkel aus Lichtenbach, Gymnasialdirektor in Prag. Er
schrieb "Die Grammatik der Gottscheer Mundart", erschienen in Halle 1908. Sie sollte
überleiten zu einem Wörterbuch der Gottscheer Mundart, doch die Strapazen des Ersten
Weltkriegs und seine rastlose Forschertätigkeit, in die er auch das Gottscheer Volsklied
einbezog, hatten seine Lebenskraft frühzeitig aufgezehrt. Viel zu früh starb er 1926 und
hinterließ eine einzigartige Ernte, weit über tausend Mundartlieder aus der Sprachinsel
Gottschee. Sie sollten als Band I eines mehrbändigen Werkes über das Volkslied in der
österreichisch-ungarischen Monarchie erscheinen. Der Zusammenbruch des Donaustaates im Jahre 1918 zerstörte auch diesen Plan. Hans Tschinkel hinterließ darüber hinaus
zahlreiche vorbereitende Aufzeichnungen für das Mundartwörterbuch. Keiner der Eingeweihten wagte zu hoffen, daß es jemals erscheinen würde. Dennoch: Ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode erschien im Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien der II. Band des "Wörterbuches der Gottscheer Mundart", von Dr. Walter Tschinkel aus Morobitz, dem Neffen des Forschers. Walter Tschinkel hatte seine pädagogische Ausbildung an der Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt erfahren und studierte
als junger Lehrer, um dem großen Werk fachlich-sprachwissenschaftlich gewachsen zu
sein, Germanistik. Wieder schien es, als sollten durch einen weiteren Krieg und die gesundheitliche Gefährdung Dr. Tschinkels alle Bemühungen um die Erfassung des bedeutendsten wissenschaftlichen Werkes über die Sprachinsel Gottschee umsonst gewesen
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sein. Es gelang ihm jedoch, den ersten Band 1974 und den zweiten Band 1976 bis auf die
letzten Korrekturen noch selbst zu vollenden. Im Oktober 1975 starb er in St. Georgen
am Längsee, der Stätte seines langjährigen Wirkens, noch nicht 70 Jahre alt. Sein Tod
versetzte die letzte Gottscheer Generation in tiefe Trauer. Seine persöhnlichen Freunde,
zu denen sich auch der Verfasser des "Jahrhundertbuches" zählen durfte, hatten sich mit
ihm gefreut, als er wenige Monate vor seinem Ableben in Wien den Theodor-Körner-Preis
erhielt. Seine Landsleute zeichnenten ihn mit dem "Gottscheer Ehrenring" aus und die
Gemeinde St. Georgen ernannte ihn posthum zum Ehrenbürger.
Mit seinem "Wörterbuch der Gottscheer Mundart" hat Dr. Walter Tschinkel der deutschen
Sprachwissenschaft, namentlich der bairisch-österreichischen Dialektgeographie, einen
unschätzbaren Dienst erwiesen. Frühzeitig nahm er die Verbindung mit der "Bairischösterreichischen Wörterbuchkanzlei" in Wien auf, früh erkannte die Kanzlei die Bedeutung seiner Arbeit. - Walter Tschinkels Werk erschien als Band VII der Schriftenreihe:
"Studien zur österreichisch-bairischen Dialektkunde" und setzte damit die Tradition der
"kaiserlichen", ab 1867 k. u. k. Akademie der Wissenschaften in der Förderung von Gottschee-Forschern fort. K. J. Schröer war der erste Walter Tschinkel - so hoffen die Gottscheer - wird nicht der letzte Geförderte sein.
Das Wörterbuch der Gottscheer Mundart fand außer der ideellen und verlegerischen Unterstützung seitens der Akademie der Wissenschaften in Wien jene weitere Förderung in
der Repuplik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland, welche die Herausgabe des
zweibändigen Werkes überhaupt erst ermöglichte. Tschinkel dankt den beteiligten Stellen
und Organisationen auf Seite VI des ersten Bandes mit folgenden Worten:
„Aufrichtigen Dank schulde ich dem Bundesminister für Unterricht für einen
sechsmonatigen Forschungsurlaub im Jahre 1968 und dem Amt der Kärntner Landesreigerung für einen solchen von vier Monaten im Jahre 1970. Herzlich gedankt
sei in dieser Verbindung auch dem Abgeordneten zum Nationalrat Dr. O. Scrinzi,
dem Obmann der Gottscheer Landsmannschaft, Dr. V. Michitsch und OSR. Dir. H.
Petschauer als landsmannschaftlichem Betreuer des Gottscheer Wörterbuches, die
die beiden Urlaube beantragten und auch erwirkten.
Die höchste Anerkennung erfuhr meine Arbeit durch die österreichische Akademie
der Wissenschaften am 10. März 1972, als sie mein Manuskript „Wörterbuch der
Gottscheer Mundart“ zum Druck im Rahmen der Studien zur österreichischbairischen Dialektkunde` Nr. 7 annahm. Ich weiß auch den Platz zu schätzen, der
dem Werk eingeräumt wurde: es wird neben dem „Pladner Wörterbuch“ von Maria
Hornung stehen. Die Gottscheer und Pladner Mundart, einstige Nachbarmundarten
aus dem tirolisch-kärntnerischen Raum, haben nach einer etwa 700jährigen Trennung wieder zueinander gefunden.
Ich danke herzlich allen jenen Stellen und Persönlichkeiten, die durch finanzielle
Mittel das Erscheinen des Gottscheer Wörterbuches ermöglichten. An erster Stelle
der österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Fonds zur Förderung
der wissenschaftlichen Forschung. Dann dem Innenministerium der Bundesregierung in Bonn, dem Innenministerium der Landesregierung Baden-Württemberg in
Stuttgart, den Kulturabteilungen der Landesregierungen in Klagenfurt, Graz und
Innsbruck, den Städten Sindelfingen und Klagenfurt und der Kärntner Landeshypothekenanstalt. Schließlich der Kärntner Landsmannschaft und ihrem Obmann
Hofrat Dr. Franz Kosthier und den Gottscheer Landsmannschaften und ihren Obmännern in Ulm, Klagenfurt, Wien, Graz und Linz. Und nicht zuletzt den Gottscheer Hilfsvereinen in New York und Toronto ...”
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Für die Breite des wissenschaftlichen Stoffes und seine detaillierte Vertiefung war es gewiß von großem Vorteil, daß Tschinkel die Gottscheer Mundart als Muttersprache in den
Arbeitsbereich der modernen österreichisch-bairischen Dialektgeographie einbrachte.
Diesen Umstand wußten besonders zwei führende Experten auf diesem Gebiet zu schätzen, die Wiener Universitätsprofessoren Dr. Eberhard Kranzmayer und Frau Dr. Maria
Hornung. Sie führten das Lebenswerk Walter Tschinkels wieder richtungweisend und vergleichend behutsam zu seinem Platz auf der akademischen Ebene Österreichs.
In den Jahren vor dem Erscheinen des "Wörterbuches der Gottscheer Mundart" fand ein
ständiger Gedankenaustausch, vor allem zwischen Walter Tschinkel und Frau Maria Hornung, statt. Auf zahlreichen Kundfahrten durchforschten sie die Teillandschaften des von
Prof. Kranzmayer allgemein als "tirolisch-kärntnerisches Grenzgebiet" umrissenen Herkunftsraumes der Gottscheer. Es glückte ihnen mehrfach, durch Vergleich ausgefallener
Ausdrücke des bäuerlichen Lebens, Auswanderungsorte bis auf das Dorf genau festzulegen. Über die allgemeinen Übereinstimmungen zwischen dem Osttiroler und Gottscheer
Dialekt schreibt Prof. Hornung in ihrem Buch "Mundartkunde Osttirols" auf Seite 147 das
Folgende:
"Nach Ausschaltung der für eine Wortvergleichung des Gottscheerischen mit den
Mundarten des tirolisch-kärntnerischen Grenzbereiches nicht brauchbaren Wortgruppen ergibt sich folgendes dialektgeographisches Bild: Zu einem erheblichen
Teil sind die Gottscheer Eigentümlichkeiten denen des Pustertales bzw. des Lesachtales zuzuordnen."
Einer besonderen Erörterung bedarf hinsichtlich seiner Mundart und Herkunftsfrage das
"Suchener Hochtal", die westliche Randlandschaft des Gottscheerlandes. Sie hat ihre eigene Besiedlungsgeschichte. Es gibt Gründe für die Annahme, daß diese bereits mit der
ersten Besiedlungsphase einsetzte. Wenig spricht jedoch dafür, daß das Hochtal aus dem
Hinterland, etwa von Göttenitz aus, besiedelt wurde, weil es durch den Rieg-Göttenitzer
Wald geradezu verkehrsfeindlich abgeriegelt war. Hingegen war es aus dem Raum Altenmarkt, Laas, Zirknitz, Idria ohne große Mühe zu erreichen. Diese Tatsache haben wohl
auch die Siedlungsplaner der Grafen von Ortenburg vor der Kolonisierung des Tales ermittelt. Das Schloß Laas und seine Zugehörungen waren altes Lehen der Patriarchen von
Aquileja. Über diese hinaus wies die eben kurz umschriebene Landschaft mehrere
sprachinselartige Einflüsse mit deutscher Bevölkerung auf. Das Zustandekommen dieser
kleinen Siedlungen beschäftigte bereits den Schulrat Josef Obergföll, der uns im 20.
Jahrhundert wieder begegnen wird. Grothe geht auf Seite 202 auf die diesbezüglichen
Anmerkungen ein und schreibt: "... die Bewohner des Suchener Hochtales, einer alten
Aufzeichnung gemäß, von Idria und der Wochein, also von den dort eingepflanzten Kolonien des Freisinger Hochstiftes gekommen."
Grothe bedauert zunächst, daß Obergföll seine Quelle nicht angibt und wir sind heute
darauf nicht unbedingt angewiesen, weil wir in der Lage sind, der Obergföllschen Mitteilung zur Herkunft der Suchener eine bisher nirgends erörterte, geschichtliche Komponente hinzuzufügen: Schloß Laas und seine Zugehörungen waren - ein Ausnahmefall! - jahrelang zwischen Aquileja und Ortenburg strittig. Die Angelegenheit ist heute nicht mehr
ganz durchsichtig, doch ist soviel bekannt, daß die Grafen behaupteten, das Schloß gehöre ihnen zu eigen, während die Patriarchen diesen Anspruch ablehnten. Jedenfalls hielten
die Ortenburger Laas über längere Zeit besetzt, bis Patriarch Pagano II. 1327 die Geduld
verlor und es zum "ledigen Lehen" erklärte. Die Ortenburger aber waren durch diesen
Spruch zum Abzug gezwungen, wollten sie nicht der "Felonie" geziehen werden und damit alle ihre Lehen aus Patriarchenhand verlieren. Trotzdem versuchte der ungebärdige
Graf Hermann III. 1335 noch einmal. Schloß Laas mit Handstreich zu gewinnen. Der damals bereits regierende Patriarch Bertrand (siehe Villacher Konferenz von 1336) griff hart
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durch, vertrieb Hermann und belehnte die in Kärnten eben zu Herzögen eingesetzten
Habsburger Otto und Albrecht mit dem Streitobjekt.
Schlußfolgerung: Die Grafen von Ortenburg verfügten lange genug über Schloß Laas,
weil sie in den Zugehörungen und im Umkreis von Altenmarkt, Idria usw., Kolonisten für
die Ansiedlung im Suchener Becken fanden. Sie ersparten sich damit viel Weg, Zeit und
Geld, zumal in ihren eigenen Lehensgebieten Unterkrains Siedlungswillige ohnehin nicht
mehr in beliebiger Zahl zur Verfügung standen.
Unter diesen durchaus glaubhaften Voraussetzungen klärt sich wie von selbst auch die
Frage nach den Unterschieden zwischen der Suchener Haussprache und der übrigen
Gottscheer Mundart. Man war lange geneigt, anzunehmen, daß sich diese Unterschiede in
der Abgeschiedenheit des Suchener Hochtales "entwickelt" haben und gewachsen sind,
nun aber besteht kaum noch ein Zweifel, daß die Bevölkerung dort von Anbeginn nicht
anders gesprochen hat als bis zur Umsiedlung. Die Vorfahren der Suchener Bevölkerung
kamen, wie wir gesehen haben, andererseits ebenfalls aus dem Kolonisationsstreubereich
des Freisinger Eigenklosters Innichen im Pustertal, doch offensichtlich nicht unmittelbar
aus dem Herkunftsgebiet der Urgottscheer. Wir sind der Zeit etwas vorausgeeilt, um die
Einheitlichkeit des Herkunftsnachweises durch die Mundart zu wahren. Das ist uns hinsichtlich des Suchener Hochtales zunächst nur mit Hilfe einer geschichtlichen Gedankenreihe gelungen. Der eigentliche sprachwissen-schaftliche Nachweis steht zugegebenermaßen noch aus. Es wäre daher sicher ein reizvolles Thema für einen angehenden Dialektgeographen der Wiener Schule, solange es noch gewissermaßen Original-Suchener
gibt, die obige geschichtliche These sprachwissenschaftlich zu untermauern.
Wir haben nun noch die Frage zu beantworten, welche spezifisch gottscheerischen Kulturgüter die Männer der Wissenschaft außer der reinen Sprechsprache im 19. Jahrhundert gefährdet sahen. Das waren die mundartlich gebundenen liedhaften und erzählenden Inhalte als Zeugnisse der Volksphantasie und -poesie, als da waren: das Volkslied,
die Sagen und Märchen, Mythen und Legenden, Erwachsenen- und Kinderspiele, heitere
und ernste Erzählungen, Brauchtum und Aberglauben, teilweise aus heidnischer Wurzel.
Die Forscher und die Gottscheer selbst waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
noch überzeugt, daß viel von dem ungehobenen Volkstumsschatz des "Ländchens" bereits endgültig untergegangen sei. Mag sein, daß Lieder und Erzählgut aufgegeben wurden, weil sie dem Volk nicht mehr gefielen. Als aber Schröer und vor allem Hauffen auf
Entdeckungsreise gingen, standen sie bei den alten Menschen vor einer schier unerschöpflichen Fundgrube. Hauffen war es auch, der das Gottscheer Volkslied als erster in
die noch junge deutsche Volkslied-Systematik einband. Er charakterisiert es auf Seite
130 seines Werkes unter anderem wie folgt: "Manches harrt noch verborgen des Finders.
Doch der moderne Volksliederschatz anderer deutscher Landschaften vermittelt nicht
diesen Eindruck des Altertümlichen und Eigenartigen. Keiner weicht in der Form so von
allem übrigen ab, nur wenige bieten in den Einzelheiten so viel des Neuen dar, wie der
Gottscheer Liederschatz." - Hauffen zieht dann einen Vergleich zwischen dem Volksliedschaffen der Siebenbürger und der Gottscheer: "In beiden Sprachinseln werden die
Volkslieder völlig in der Mundart gesungen. Das Volkslied abgelegener Gegenden ist
überhaupt in der Regel mundartlich, in beiden wird die Ballade bevorzugt, in beiden gewähren die Lieder durch die Form meist dreiteiliger Strophen, durch Auffassung und Darstellung einen altertümlicheren Eindruck als die entsprechenden deutschen Parallelen."
Hauffen verneint auch nicht einen gewissen Einfluß der anders-völkischen Umgebung.
Das Gottscheer Volkslied erscheint dem Nicht-Gottscheer Hauffen beim ersten Lesen ungewöhnlich, ja fremdartig, und der Text ist ihm, auch ohne Melodie, zunächst unverständlich. Dies lag größtenteils an der behelfsmäßigen Aufzeichnung der Lieder durch die
Sammler, deren eifrigste die jungen Lehrer waren. Unter ihnen befanden sich Namen,
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wie Wilhelm Tschinkel, der Vater Dr. Walter Tschinkels, Josef Perz, Mathias Petschauer u.
a., ihre Namen sind im Hauffischen Werk zu finden. Der Volksliedforscher aus Prag hatte
es daher ungleich schwerer als sein Schüler und Mitarbeiter Hans Tschinkel, das musikalische Gewand der Gottscheer Volsklieder auszumachen und zu ihrem innersten Wesenskern vorzudringen. Aber auch Hans Tschinkels Aufzeichnungen vermochten niemandem
die eigentümliche Klangfarbe der Vokale, überhaupt die Melodik der Mundart so eindeutig
zu vermitteln, daß ein hochmusikalischer, landfremder Deutscher imstande gewesen wäre, ein Gottscheer Volkslied sozusagen vom Blatt zu singen. Erst die modernen technischen Hilfsmittel erschließen dem persönlich oder wissenschaftlich interessierten NichtGottscheer lautgetreu die Lieder des "Ländchens". Ihrer bediente sich Universitätsprofessor Dr. Johannes Künzig, FreiburgJBreisgau, der 1954 bis 1966 gemeinsam mit Frau Dr.
Waltraut Werner (inzwischen seine Ehefrau) drei Langspielplatten unter dem Titel: „Gottscheer Volkslieder, aus mündlicher Überlieferung”, herausbrachte. Auf den Seiten 6 und
7 des beigefügten Textheftes äußert sich Professor Künzig dazu wie folgt:
„Wenn ich als Volkskundler gewiß in erster Linie daran dachte, welchen Gewinn eine größere Auswahl authentischer Tonbandaufnahmen Gottscheer Volkslieder für die Volksliedforschung bedeuten würde, auch für die akademische Lehre, so strebte ich doch zugleich
an, die Schallplatten so zu gestalten, daß darauf enthaltene Lieder bei den Gottscheern
eine starke Wirkung zur bewußten Pflege solch kostbaren Heimaterbes haben können.
Ich mußte also an zwei recht verschiedene Aufnahmekreise denken — ohne jeden Kompromiß bezüglich der Echtheit der mündlichen Überlieferung. Auch die binnendeutschen
Freunde alten Liedgutes werden aufhorchen: seither mag die Schranke der schwer zu
lesenden Gottscheer Mundart das Haupthindernis gewesen sein, daß kaum Gottscheer
Weisen in das gemeindeutsche Liedgut aufgenommen wurden. Das originale Hören wird
auch den Nicht-Gottscheer zunächst faszinieren, bei wiederholtem Hören aber werden
ihm die so eigenartigen und andersartigen Weisen nicht mehr „aus dem Ohr gehen”. Wissenschaftliche Probleme werden, wie ich wünsche und hoffe, auf Grund dieser drei authentischen Gottscheer Volksliedplatten erneut erörtert und geklärt werden können, so z.
B. das Problem der Langzeile, das ja von seiten der Germanisten (Professor Dr. Friedrich
Maurer) wie von der vergleichenden Musikwissenschaft aus seit Jahren erörtert wird. Bei
welchen Liedern eine Langzeile zu setzen ist, kann nur von der Melodie und dem Vortragsstil aus entschieden werden — darum ist es von großer Bedeutung, daß wir nicht
mehr von den mehr oder weniger unzureichenden, manchmal auch falschen Notierungen
— wenn man gewaltsam für alle Melodien das herkömmliche Taktschema anwenden sollte — abhängig sind. Wir haben uns entschlossen, eine Reihe von Liedtexten — nach gemeinsamem Abhören in einem Kreis von Volkskundlern, Germanisten und Musikwissenschaftlern — in Langzeilenform abzudrucken, um die Diskussion anzuregen. Auch wenn
andere Auffassungen dabei zur Sprache kommen sollten, wird das für die wissenschaftliche Klärung nur förderlich sein können.”
Der Verfasser des „Jahrhundertbuchs”, der selbst noch eine Anzahl von Gottscheer Volksliedern beherrscht, sieht das Liedgut seiner alten Heimat, für sich allein betrachtet, so:
Das Gottscheer Volkslied ist empfindungsbetont und gibt sich gern erzählerisch, auch da,
wo es fromm wirkt, in den Kirchenliedern. Liebe und Leid, Tod und Auferstehung, Heiteres und trauriges Sichversenken, hintergründiger Humor und derber Spott bilden den
Inhalt. Wenn sehr oft die geradezu melancholische, getragene Weise vorherrscht, so ist
sie leicht aus der Geschichte des Gottscheer Völkchens zu erklären. War sie nicht ernst
genug? — Seit der großen Auswanderung in die Vereinigten Staaten und erst recht seit
der Umsiedlung im Jahre 1941 gewann das tief gemütvolle Heimatlied die Oberhand.
Noch vor der Jahrhundertwende entstand beispielsweise das wirklichkeitsnahe, liebevoll
schildernde „Mein Wuatrhaüsch” (mein Vaterhaus) von Georg Ostermann aus Mooswald,
der in Wien lebte und mehrere Mundartgedichte verfaßte. Das „Vaterhaus” ist heute noch
vielen Gottscheern geläufig. Es lautet in der Mundart und in der hochdeutschen Übertragung:
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Ens Haüsch, bu i gəpoarən ünt aüfgəbokschən pin,
Bu miər an jedr Moarn lai Lüscht hot prucht in Shin,
Bu i də Muətrliebə shö wöll gənösən hon,
An bels i guər niə triəbə, lai hoitr denkən kon,
Ens Haüsch liəb i pəschtendig, kon's guər et shugən biə,
Shö innig, shö lebendig, Iər gläbəts guər et biə!
A trücknai woadrai Schtübə, a Schtible nebən uən,
Drüntr an Eardepflgrüəbə, dər Schtol würt hintən druən.
A Kaudr güət gəmaüərt, a weschtəs Pretrdoch,
Bes longai Jarlain taüərt ünt woar a Koschtə nöch.
Unt nüe wr's Hai ünt Grüəmöt a Schtuədl hoach biə's Haüsch.
Shö ischt main liəbai Hoimöt, shö ischt main Wuətrhaüsch.
Es gait in Koishərsch Lantn guər scheanai Haishr wil,
Wirschtn ünt hoachə Mandr hont' guər Gəshlesər wil.
„Də hetain raichən Laitə hent gliklich”, hear i shügn,
„Shai prachənt nisch af Paitə, shai tüənt shi a net plügn.
'S müg shain ünt döch dos oinə ischt gonz a buərai Mär,
As i, ben i ahoimə, nöch mear zəwridən bär.
Jo bärlain! i tüən binschən woar olai miər lai dos,
Mein Härzə tət miər glinschn, ben i'n Gədonken wos:
I mecht in autən Tügən ahoimə shain in Rüə,
Af Wuətrsch Haüshə labən, shö gliklich biə as Püə;
Mecht in Gətscheabar Pargən nöch wrischai Lüft gəniəsn,
Mecht in dər Hoimöt schtarbən, mecht dört main Shain pəshliəsn.
Jenes Haus, wo ich geboren und aufgewachsen bin,
wo mir ein jeder Morgen nur Lust gebracht in den Sinn,
wo ich die Mutterliebe so voll genossen hab',
an die ich gar nie trübe, nur heiter denken kann,
jenes Haus liebe ich beständig, kann's gar nicht sagen wie —
So innig, so lebendig, ihr glaubt es gar nicht wie!
Eine trockene vordere Stube, ein Stübchen nebenan;
darunter eine Erdäpfeigrube, der Stall gleich hinten dran.
Ein Keller gut gemauert, ein festes Bretterdach,
welches lange Jährchen dauert und vorne ein Kasten (Getreidekasten) noch.
Und nun fürs Heu und Grummet einen Stadel hoch wie das Haus.
So ist meine liebe Heimat, so ist mein Vaterhaus.
Es gibt in Kaisers Landen gar schöne Häuser viel,
Fürsten und hohe Männer haben gar Schlösser viel.
Die solch reichen Leute sind glücklich, hör' ich sagen,
sie brauchen nichts auf Pump, sie plagen sich auch nicht.
Es mag sein und doch, das Eine ist eine ganz wahre Mär',
daß ich, wenn ich zu Hause — noch mehr zufrieden wär.
Ja, wahrlich, ich wünsche mir vor allem nur das,
mein Herz glüht mir, wenn ich den Gedanken faß:
Ich möcht' in alten Tagen daheim sein in Ruh,
auf Vaters Hause leben, so glücklich wie als Bub.
Möcht in Gottscheer Bergen noch frische Luft genießen,
möchte in der Heimat sterben und dort mein Sein beschließen.
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Um 1904 schrieb der größte Gottscheer Volkstumsforscher, Wilhelm Tschinkel, das Lied,
das in der Verstreuung zum Heimatlied aller seiner Landsleute geworden ist:
Dü hoscht lai oin Attain, oin Ammain dətsüə,
dü hoscht lai oin Hoimöt, gotscheabaschər Püə.
Avoar in dər Barlt gait's Laitə gənüəkh,
döch liəbar ahoimə ischt dar gətscheabasche Püə.
Də gətscheabaschn Laitə hent ollə shö güət,
shai hent ollə biə Priədrə, shai hent ollə oin Plüət.
A rachter Gətscheabar, ob uərm ödər raich,
ar liəbət shain Hoimöt grüst biə's Himmlraich.
Gött Vuətər in Himmel, biər pätn guər schean,
shö luəß insch inshər Lantle in Wridn pəschtean.
Du hast nur einen Vater, eine Mutter dazu.
Du hast nur eine Heimat, Gottscheer Bub.
Draußen in der Welt gibt es Menschen genug,
doch lieber zu Hause ist der Gottscheer Bub.
Die Gottscheer Menschen sind alle so gut,
sie sind alle wie Brüder, sie sind alle ein Blut.
Ein rechter Gottscheer, ob arm oder reich,
er liebt seine Heimat gerade wie's Himmelreich.
Gottvater im Himmel, wir bitten gar schön,
so laß uns unser Ländchen in Frieden bestehen.
Die Mehrzahl der Gottscheer Volsklieder dürfte nicht außerhalb der gesamtdeutschen
Entwicklung auf diesem Kultursektor entstanden sein. Schon Hauffen sagte, daß die
Deutschen im 15. und 16. Jahrhundert besonders sanges- und wanderfreudig waren.
Wenn wir nun bedenken, daß in diesen beiden Jahrhunderten Tausende von Gottscheer
Hausierern im österreichisch-bairischen Dialektraum, im musikalisch ungemein begabten
Böhmen, auch in den deutschsprachigen Enklaven Krains herumkamen, so ist nicht von
der Hand zu weisen, daß sie eine unübersehbare Zahl von Anregungen zur Weitergabe an
die Leute daheim mitbrachten. Der Hausierer lebte in seinem Handelsrevier ja nicht von
der ansässigen Bevölkerung isoliert. Er verbrachte die Abende am liebsten doch dort, wo
es unterhaltsam war, in den Herbergen, Gasthäusern oder bei gastfreundlichen Bauern.
Soweit die Ansicht des Buchautors.
Des Gottscheers liebstes Lied ist und war, solange es ihn gibt, „Da Merarin” (Die Merarin,
die Frau am Meer). Noch heute sind die Gottscheerinnen und Gottscheer andächtig und
ganz gesammelt, wenn sie es singen. Ein merkwürdiger Zusammenhang tut sich hier auf:
Ausgesprochene Bergbewohner überlieferten eine Ballade von der Küste, vom Meer, von
der See. Der Weg zu ihrem literarischen Ursprung ist jedoch nicht weit, „Da Merarin” ist
ein Rest des „Gudrun-Liedes”, das in der Literatur vielfach als „Kudrun-Epos” bezeichnet
wird. Es stammt ungefähr aus der gleichen Zeit wie das Nibelungenlied, d. h., etwa aus
der Zeit um 1230. Man hält es für eine höfische Dichtung. Auf die Gottscheer übte es
einen eigentümlichen Zauber aus. Zu allen Zeiten ging das Schicksal der Frau am Meer
namentlich den Mädchen und Frauen nahe.
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Die Forschung hat sich angesichts dieser inneren Beteiligung des Gottscheer Völkchens
an dieser Ballade intensiv mit der „Merarin” beschäftigt. Als Professor Schröer auf sie
stieß, war er freudig überrascht, es gelang ihm jedoch nicht, von den Sängerinnen und
Sängern eine Auskunft zu erhalten, woher sie Text und Melodie kannten. Er selbst war
von Anbeginn überzeugt, daß es sich um den letzten Gesang des Gudrun-Liedes handelte, das Gesamtepos jedoch war der Erinnerung des Volkes entschwunden. „Da Merarin”
enthält lediglich die Waschszene am Meeresufer und das Wiedersehen mit dem Bruder
und dem Geliebten sowie die glückliche Heimkehr. Wie alle Volksballaden war auch diese
dauernden Veränderungen unterworfen. Bei der „Merarin” gesellten sich im Gottscheerland zu den eigenen Formungen des Textes Einflüsse aus der slowenischen Balladenwelt.
Schröers Entdeckung löste bei den Literaturhistorikern ein lebhaftes Für und Wider aus.
Aus der Fülle der Gedankengänge wollen wir versuchen, den folgenden Fragenkomplex
zu beantworten: Haben die Vorfahren der Gottscheer das „Gudrun-Lied” in seinen wesentlichen Zügen gekannt? Haben sie es nach Gottschee verpflanzt, wenn ja, wie weit hat
es sich dort verändert? Schon Hauffen ging diesen Fragen nach und fand im „Ländchen”
neun Variationen der Ballade. Er bestätigt, daß die am meisten gesungene Variante, die
er auf Seite 245 seiner Monographie über Gottschee unter der Lied-Nummer 44 abdruckt,
zweifelsfrei auf das „Kudrun-Epos” zurück-geht. Auf Seite 404 seines Buches begründete
Hauffen diese Erkenntnis: Die Ballade 44 von der Meererin erzählt in überaus schlichter
und knapper Form den Kern der Sage. Die schöne, junge Meererin geht am frühen Morgen zum Meeresstrande und wäscht weiße Wäsche. Da kommt ein Schifflein heran mit
zwei jungen Herren. Sie rufen ihr zu: „Guten Morgen, du schöne Meererin.” Sie erwidert:
„Schönen Dank, gute Morgen hab' ich nicht.” Einer der Herren überreicht ihr einen Ring:
„Nimm hin, du schöne Meererin.” (Er muß also zu ihr in näheren Beziehungen stehen,
was in dieser Fassung verwischt ist, während in Nr. 50 und 51 ausdrücklich gesagt wird,
daß die beiden Ankömmlinge Bruder und Geliebter der Meererin sind.) Sie erwidert: „Ich
bin nicht die schöne Meererin, ich bin nur eine Wäscherin.” Das heißt: Sie schämt sich
ihrer Lage und will sich nicht zu erkennen geben. Sie setzen sie ins Schifflein und sagen:
„Du bist gleichwohl die schöne Meererin.” Das heißt: Wir erkennen dich trotzdem. Sie
nimmt ein Tüchlein in die Hand. (Das zeigt uns an, daß sie reisefertig ist; denn die Gottscheerinnen, wie die Krainerinnen, pflegen ein Taschentuch in die Hand zu nehmen,
wenn sie sich zu einem längeren Ausgang rüsten.) Dann fährt sie übers Meer. Und wie
sie endlich hinkommt, da grüßen sie und halsen sie und küssen sie die Meererin. Dieser
Schluß zeigt deutlich: Sie ist den Ihrigen wiedergegeben, sie wurde aus der Fremde
heimgebracht. — Zug um Zug stimmt somit die Ballade mit der Erzählung im KudrunEpos, besonders mit der 25. Aventiure. Auch Kudrun geht mit ihrer Freundin am Tage
des Wiedersehens schon am frühen Morgen zum Meeresufer waschen (Strophe 12001204). Da sehen sie auf dem Meer herankommen „zwene in einer barken” (1207); Herwig „in guoten morgen bot”, aber auch hier paßt der Gruß nicht für die traurige Lage der
Angerufenen: „guoten morgen und guoten abent, was den minniclichen meiden tiure”
(1220). Auch Kudrun schämt sich, so vor den Helden zu stehen, und gibt sich nicht zu
erkennen, „ir suochet Kudrunen, diu ist in arbeiten tot (1242); vgl. auch „ich bin ein armiu wesche”` (1294, 3). Herwig aber reicht ihr seinen Ring und sie erkennt nun den Geliebten und den Bruder (1247 ff). Die beiden bringen sie auch in die Heimat, wo Kudrun
von der Mutter geküßt wird (1576).”
Dr. Hans Tschinkel aber fand in abgelegenen Dörfern noch sieben weitere Abwandlungen
der „Merarin”. Ob und wie diese 16 Variationen untereinander zusammenhängen, darüber berichtet Frau Dr. Martha Kübel in ihrer 1929 erschienenen Dissertation: „Das Kudrun-Epos”.
Martha Kübel geht davon aus, daß die von beiden Gelehrten aufgezeichneten „Merarin"Texte stets nur die Eingangsformel gemeinsam haben, im übrigen aber in drei Gruppen
eingeteilt werden können. Die erste Gruppe besteht lediglich aus der auf Seite 245 abgedruckten Nummer 44 der Hauffenischen Einteilung. Die zweite umfaßt fünf, die dritte
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zehn Abwandlungen. Ihre Inhalte haben mit der „Gudrun-Sage” im Grunde genommen
nichts zu tun. Sie erhielten in der Gottscheer Volksphantasie also lediglich dieselbe Eingangsformel: „Wie früh ist auf die Merarin . . .”. Sie sind zu einer Zeit, als die sprachlichen Unterschiede zwischen den Gottscheern und den sie umgebenden Slowenen noch
kaum eine Rolle spielten, vom Rande her in die Sprachinsel eingesickert, wurden jedoch
gottscheerisch gesungen. Die Erinnerungen an diese 15 Balladen ist den Gottscheern im
19. Jahrhundert abhanden gekommen, die letzte Generation singt nur noch die von Hauffen unter Nr. 44 veröffentlichte Variante.
Auch Martha Kübel sagt darüber auf Seite 27 ihrer Arbeit, sie stamme ohne jeden Zweifel
vom „Kudrun-Epos”.
Die Frage, ob die Urahnen der Gottscheer das „Kudrun-Epos” gekannt haben können,
darf man getrost bejahen. Es wurde, wie man weiß, gleich dem Nibelungenlied auch im
deutschsprachigen Alpenraum unter das Volk gebracht. Wir haben keinen Grund zu zweifeln, daß auch das Bauernvolk in Kärnten und Tirol die Sage von der unglücklichen Kudrun nachsang und daß sie mit den Kolonisten in das Gottscheerland gelangte. Dort
schliff sie sich schon während der Kolonisationszeit und während der Türkennot mehr und
mehr ab. Zu berücksichtigen ist ferner, daß es für einen einfachen Menschen so gut wie
unmöglich war, sich ein so langes Heldenlied zu merken. Es ist daher nicht auszuschließen, daß sich im Laufe von 200 bis 300 Jahren eine Kurzfassung herausgebildet hat, von
der dann in Gottschee der letzte Gesang bruchstückhaft übriggeblieben ist. Da er in seiner nun überlieferten Form für sich allein keinen eigentlichen Sinn mehr ergibt, ist die
Annahme gewiß nicht abwegig, daß das singende Volk weniger auf den Text achtete, als
auf die Melodie, denn besonders der immer wiederkehrende Refrain: „dei scheana, dei
jünga Merarin” lud dazu ein. Diese Kurzzeile gibt für den Gottscheer sängerisch ungemein
viel her. „Bia wria ischt auf, da Merarin, dai scheana, dei junga Merarin.” (Wie früh ist auf
die Merarin, die schöne, die junge Merarin.)
Die gleiche Thematik wie bei den Volksliedern und den gesungenen Balladen trafen die
Forscher in Gottschee beim Erzählgut an. Drei menschlich, allzumenschliche Hintergründe
beherrschten das Feld. Die Angst vor Teufeln und Hexen und anderen bösen Geistern,
der Aberglaube und der Drang, schnell reich zu werden, der am liebsten im Sagen- und
Märchengewand auftrat. Besonders zugetan war der Gottscheer den Schlangenmärchen.
Vergeblich suchte man jedoch nach den großen Stoffen der deutschen Sagenwelt. Im
traditionsgebundenen Erzähigut der Gottscheer stehen König und Königin, Prinz und Prinzessin völlig im Hintergrund, ebenso der gute und der böse Ritter. Dafür fehlten Burgen
und Schlösser, Ruinen oder anderes geheimnisvolles altes Gemäuer als Anregung für die
Volksphantasie.
Die Grafen von Ortenburg haben wohl gewußt, warum sie das Siedlungsgebiet in Unterkrain nicht in mehrere Lehensgüter aufteilten, sondern es von Reifnitz aus selbst verwalteten. An sich wären ja das Hinterland, das Unterland oder das Oberland hübsche kleine
Grafschaften gewesen. — Die einzige feste Burg im Gottscheerland war die Veste Friedrichstein. Obwohl sie als Frucht einer schmerzlichen Liebesgeschichte entstanden war,
umrahmte sie die Volksphantasie nicht etwa mit weiteren romantischen Erzählungen dieser Art, sondern mit einer Kombination von Schlangenmärchen und Schatzsuchersagen.
Sie gipfelten immer darin, daß eine Schlange, die einen goldenen Schlüssel im Maul trug,
den Glücksucher an die unterirdischen Schätze des Schlosses heranführte.
Hier erhebt sich wiederum die Frage, ob das Erzähigut der Gottscheer zu dem Zeitpunkt,
als es aufgezeichnet wurde, noch verwandte Züge mit jenem in Kärnten aufwies. Die völlig unabhängig voneinander entstandenen Sammlungen von Wilhelm Tschinkel: „Gottscheer Volkstum” und Dr. Georg Graber: „Volksleben in Kärnten” decken Zusammenhänge auf, vor allem hinsichtlich der Teufelssagen und Schlangenmärchen.
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Hier wie dort treten die Schlangen jedoch nicht als Kreuzottern, Ringelnattern oder
Sandvipern auf, sondern — märchengerecht — als verwunschene Schlangen. Besonders
beliebt war in Gottschee die „große, weiße Schlange”. Wer sich mit ihr einließ, geriet in
Gefahr. Die Schlange war dann Glücksbringerin, wenn sie ein goldenes Krönlein auf dem
Kopf trug. Lebenslanges Glück und unermeßlicher Reichtum erwartete denjenigen, dem
es gelang, der Schlange mit dem „Siedelstein” (mundartlich: Shiedlstoain) ihrem außerordentlich wertvollen Kopfschmuck abzunehmen. Der Wert des Siedelsteins wurde im
Märchen dadurch unterstrichen, daß die anderen Schlangen den Räuber verfolgten und
zu töten versuchten.
Eine ausgefallene Gruppe des Gottscheer Erzählguts stellen die Teufelssagen dar. Sie
fächern sich in drei Gruppen auf: Der Teufel als böser Feind im kirchlichen Sinne, dann
als Ziel überlegenen Spottes, und schließlich als plumper Mittelsmann zur Erreichung bedeutender irdischer Güter. Letzterer ist die Gottscheer Version des in allen deutschen
Stämmen bekannten Seelenkäufers und -fängers. Im „Ländchen” hieß er „Schratl”. Er
mußte nach dem Abschluß des Handels um die Seele des Bauern in dessen Haus ziehen
und alles verrichten, was man von ihm verlangte, solange, bis der Seeleninhaber starb.
Nur in einem Punkt besaß der „Schratl” ein Vorrecht: Wenn die Bäuerin ihm das Essen
nicht pünktlich brachte, oder wenn das Mahl nicht seinen genießerischen Ansprüchen
nachkam, dann durfte er poltern, mit den Türen schlagen und schreien.
Natürlich ist es keine Eigentümlichkeit der Gottscheer, daß ihre Phantasie dieser Welt des
Teufels fromm-freundliche Legenden gegenüberstellte. Wilhelm Tschinkel sammelte eine
ganze Anzahl solcher anekdotischer Erzählungen, die im Gottscheerland unter der Überschrift „Jeshisch und Gött shain Peatər” (Jesus und Gottes St. Peter) verbreitet waren
und in denen sich ein köstlicher Volkshumor tummelte. Ein kleines Beispiel steht bei Wilhelm Tschinkel, Seite 159:
Jesus und Petrus treffen einen Knecht am Feldrande liegend. Sie fragen ihn nach dem
Wege ins nächste Dorf. Zu faul, aufzustehen, zeigt der Knecht nur mit dem Fuß hin und
sagt: „Dört, bu br veartn ruəbn hübn gəhot” (wo wir im vergangenen Jahre Rüben gehabt
haben). Mit diesem ungenügenden Bescheide ziehen sie weiter und fragen ein Mädchen,
das sie am Felde arbeiten sehen, nochmals nach dem Wege. Das Mädchen läuft gleich
mit und zeigt ihnen den rechten Weg. Da sagte der Herr zu Petrus: „Dü, Peatr, diə poidai
babr (werden wir) wrhairotn.” Petrus erwiderte: „Lai dos et, 's bär ju schuədə (schade)
um dos wlaißigə diərndle, ben shi dan waülən knacht pəkämeit.” Jesus aber meint: „Gruət
deschbägn: buəs hewət dar waülə knacht uənin a wlaißigəs baip uən? (Gerade deswegen,
was würde der faule Knecht ohne ein fleißiges Weib anheben.) Ar misseit ju wrkäm.” (Er
müßte ja verkommen.)
Das „Jahrhundertbuch der Gottscheer” wäre nicht nur fehlgeplant, sondern ausgesprochen einseitig und historisch unwahrhaftig, würde es die Funktion der Kirche und der von
ihr wachgehaltenen Gläubigkeit und Frömmigkeit der Bewohner des "Ländchens". Die
Betreuung durch die kirchliche Organisation und die religiöse Betätigung der Gläubigen
waren von Anbeginn der Kolonisation entscheidende Faktoren für das Weiterbestehen der
Schicksalsgemeinschaft im Karst. Bedingungslose Gläubigkeit und die durch das Kirchenjahr klar gegliederte Brauchtumskette bildeten eine übergeordnete geistige Kraft, die
ihrer Seelenlage entgegenkam. Das Verharren der Kirche in ihren Überlieferungen und
der Hang der Gottscheer zum Leben im Althergebrachten verbanden sich zu einer psychologisch äußerst wirksamen Einheit. Dazu kam, daß die bäuerliche Bevölkerung im
Pfarrer jahrhundertelang die einzige, stets vorhandene Autorität sah, die auch die weltliche Ordnung beeinflußte. Und diese Autorität sprach gottscheerisch, zumindest verstand
sie deutsch. Schon die Grafen von Ortenburg hatten zur Heranbildung seelsorgerischen
Nachwuchses in ihren krainischen Lehensgebieten zu Reifnitz eine Lateinschule eröffnet.
Mit der Gründung des Bistums Laibach im jähre 1461 wurde die Priesterausbildung nach
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Laibach verlegt. Das Bistum Laibach nahm die Sprachinsel Gottschee, soweit sich dies
zurückverfolgen läßt, als völkische Besonderheit zur Kenntnis und versorgte sie mit
Geistlichen aus dem "Ländchen" selbst, mit deutschsprachigen Geistlichen. Der Bedarf an
solchen war gering. Um 1745 waren erst fünf Pfarreien zu betreuen.
Ihre Zahl stieg mit der Bevölkerung im 19. Jahrhundert auf elf Pfarrgemeinden mit rein
gottscheerischer Bevölkerung: Göttenitz, Rieg, Morobitz, Gottschee-Stadt, Mitterdorf,
Altlag, Obermösel, Nesseltal, Stockendorf, Tschermoschnitz und Pöllandl. Pfarren mit
gemischtsprachiger Bevölkerung in den Randgebieten wurden grundsätzlich mit slowenischen Pfarrern besetzt. Seltsamerweise erhielt aber auch das Suchener Hochtal seit
Menschengedenken nur slowenische Priester. Kirchenorganisatorisch waren die Pfarren
des Gottscheerlandes einem Dekanat mit dem Sitz in der Stadt unterstellt.
Die stärksten Priester-Persönlichkeiten brachten die Gottscheer - nicht zufällig - in der 2.
Hälfte des 19. Jahrhunderts hervor. Ihr Wirken ragte in den meisten Fällen noch in das
20. Jahrhundert hinein: Das höchste kirchliche Amt, in das ein Gottscheer Priester berufen wurde, trug von 1898 bis zu seiner Pensionierung der Domherr und Kanonikus Josef
Erker in Laibach. Er stammte aus Mitterdorf, wo er 1851 zur Welt kam, und starb 1924 in
der Stadt Gottschee, der er mit großem Idealismus und Beharrungsvermögen das "Waisenhaus" vermittelt hatte. Es unterhielt eine dreiklassige Bürgerschule für Mädchen unter
Leitung von katholischen Schulschwestern. Diese Anstalt besaß für die weibliche Jugend
des "Ländchens" ungefähr die gleiche Bedeutung wie das Untergymnasium für die Knaben. Noch als Domkaplan gründete Josef Erker gemeinsam mit seinem Schwager Franz
Jonke den "Waisenhaus-Verein", dem es unter seiner tatkräftigen Leitung gelang, rund
90.000 Gulden für die gemeinnützige Einrichtung zu sammeln. Sein Bruder Ferdinand
Erker, geboren 1866 in Mitterdorf, gestorben am 13. Oktober 1939 in Gottschee, war der
letzte deutsche Dechant in Gottschee und Ehrendomherr in Laibach.
Ein weiterer Geistlicher namens Josef Erker aus Mitterdorf (1873 bis 1939) amtierte jahrzehntelang in der Pfarre Obermösel, deren Geschichte er in der "Gottscheer Zeitung" in
zahlreichen Fortsetzungen veröffentlichte. In Mitterdorf selbst wirkte der Geistliche Rat
Josef Eppich, geboren 1874 in Malgern, gestorben unter tragischen Umständen 1942, als
geachteter Seelsorger. Er war derjenige Gottscheer Geistliche, der sich in der Öffentlichkeitsarbeit, bzw. politisch, unter schwierigsten Umständen für seine Heimat am meisten
exponierte. Er war Eigentümer und Herausgeber der "Gottscheer Zeitung" seit 1919,
wurde 1927 in den Landtag Sloweniens gewählt, ohne dort für das Weiterbestehen des
Gottscheer Schulwesens, das ihm sehr am Herzen lag, mehr tun zu können, als beschwörende Worte zu verlieren.
Als hervorragender Prediger und Herausgeber des "Gottscheer Kalenders" bekannt war
der Geistliche Rat August Schauer, geboren 1872 in Pöllandl, gestorben 1941 in Nesseltal, wo er jahrzehntelang das Pfarramt innehatte und kraft seiner überragenden Persönlichkeit Gesicht und Gewicht seiner Gemeinde prägte.
Ungewöhnlich volksverbunden war der Geistliche Rat Alois Krisch, geboren 1893 in Rieg,
gestorben 1966 in Brandenberg/Tirol, der zuletzt das Seelsorgeamt daheim in Altlag ausübte. In unserem Andenken auch Herrn Pfarrer Heinrich Wittine, geboren 1891 in Lichtenbach, gestorben 1977 in Graz. Außerhalb des eigentlichen Bereiches der Verstreuung
treffen wir zwei Gottscheer Ordensgeistliche in maßgeblichen Stellungen an: Julius Josef
Gliebe, 1891 in Langenton geboren, war 65 Jahre an der Kirche St. Mary of Assumtion in
Kalifornien als Pfarrer tätig, wo er im Jahre 1974 starb. Pater Anton Fink, geboren am 27.
November 1915 in Altlag, war seit 1955 Generalprokurator der Missionskongregation der
Brüder vom Heiligsten Herzen Jesu in Rom (Vatikan).
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Ein weiterer Ordensgeistlicher ("Gesellschaft des Göttlichen Wortes") Pater Mathias
Schager, geboren 1935 in Maierle, lebt in Wien. Nach seinem Theologiestudium in Wien,
Bonn und München wirkte er als Kinder- und Jugendseelsorger in Wien, wo er dann eine
Stelle als Pfarrer übernommen hat.
In Niklasdorf bei Leoben amtiert als Pfarrer ferner Josef Seitz, geboren 1932 in Malgern.
Bevor wir uns aus dem 19. Jahrhundert entfernen, gebührt einer außerordentlichen Lehrerpersönlichkeit des Gottscheerlandes die ehrende Erwähnung: Die Rede ist von dem
"Alten Lehrer" Josef Erker, geboren 1824 in Mitterdorf, gestorben 1906 in Gottschee. Er
wurde nach der Neuordnung des österreichischen Schulwesens durch das Reichsvolksschulgesetz von 1869 in den staatlichen Schuldienst übernommen. Als Erzieher und
Mensch war er gleich erfolgreich. Durch seine Hände gingen zahlreiche Talente des weiten Schulsprengels Mitterdorf, die ihrerseits wiederum - auf seiner pädagogischen Leistung und dem Untergymnasium in Gottschee aufbauend - im Leben vielfach Überdurchschnittliches erreichten. Zu ihnen zählten seine beiden Söhne, Dompfarrer und Kanonikus
Josef und Dechant Ferdinand Erker.
Wenn die Zahl der Kirchen in einem Bereich als Maßstab für die Religiosität der darin lebenden Menschen gelten soll, so waren die Gottscheer in der Tat sehr fromm. Auf dem
ihnen unmittelbar gehörenden Siedlungsgebiet - der Auerspergsche Herrschaftwald kann
hier abgezogen werden - standen rund hundert Pfarr- und Filialkirchen sowie kirchenähnliche Kapellen. Und keine von ihnen war ohne Glocke. Nach dem Ersten Weltkrieg wetteiferten die Amerika-Gottscheer geradezu dorfweise, um die zwischen 1914 bis 1918 für
militärische Zwecke eingeschmolzenen Glocken zu ersetzen.
Entdeckt durch die politische und kulturelle Führung der Slowenen
In der Einleitung zur Beschreibung des 19. Jahrhunderts stellten wir fest, daß das Gottscheerland hundert Jahre später zwar von den Gottscheern noch bewohnt, in seinem Gesamtbild jedoch völlig verändert sein würde. Der Wandlungsprozeß spielte sich jedoch
nicht unbeachtet und unbeobachtet von der anderssprachigen Umgebung ab. Der slowenische Nationalismus hatte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiter verdichtet und am Widerstand gegen das Deutschtum in Krain formiert. Dies gilt weniger für die
unmittelbare gottscheerisch-slowenische Nachbarschaft an den Randgebieten der Sprachinsel. Dort verstand und verständigte man sich wie eh und je - vor allem über wirtschaftliche Dinge. Der steigende politische Druck auf die Gottscheer ging vielmehr von einer
ständig wachsenden, panslawistisch orientierten Beamtenschaft aus. In ihren Augen wies
die Landkarte des slowenischen Lebensraumes, der ja nicht identisch war mit Krain, einige Schönheitsfehler auf, die es zu beseitigen galt: Das städtisch-bürgerliche Deutschtum
in der Landeshauptstadt Laibach sowie in den Städten der Untersteiermark, Marburg an
der Drau, Cilli und Pettau. Namentlich aber störten sie die beiden ländlichen Sprachinseln
Zarz in Oberkrain und Gottschee in Unterkrain. Zarz wurde im Laufe des Jahrhunderts
systematisch aufgerieben, was verhältnismäßig leicht fiel, weil es sich - im Gegensatz zu
Gottschee - um ein kleines, nicht geschlossenes Siedlungsgebiet handelte.
Eine Periode erbitterter Kampfstimmung gegen das krainische Deutschtum erreichte ihren Höhepunkt in den vierziger Jahren, genauer im Jahre 1848. Das krainische Deutschtum befand sich zur gleichen Zeit in erwartungsvoller politischer Unruhe, weil scheinbar
die Gründung eines Reiches unter Einfluß der österreichischen Kronländer bevorstand.
Alle Hoffnung klammerte sich an die Nationalversammlung in Frankfurt am Main, die endlich die deutsche Kleinstaaterei beseitigen sollte. Auch Krain sollte Abgeordnete wählen,
das heißt, nicht nur die deutschsprachige, sondern ebenso die slowenische Bevölkerung.
Aus der damaligen Zeit heraus wird es daher verständlich, wenn sich auch die Gottscheer
die Lösung aller ihrer Probleme von einer deutschen Einheit erwarteten. Kein Wunder,
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daß auch sie die Stimme des Freiheitsdichters Anastasius Grün gerne vernahmen, wie
wohl nicht anzunehmen ist, daß man von Anbeginn in Gottschee wußte, wer sich hinter
diesem Decknamen verbarg, nämlich: Graf Anton Alexander von Auersperg, geboren
1830 in Laibach, gestorben 1876 in Graz. Er gehörte der Gräflich-Auerspergischen Linie
in Krain an und hatte somit keine unmittelbare Beziehung zu Gottschee. Deshalb ist es
auch fraglich, ob Gottschee im besonderen für ihn ein Anliegen war. Sein Gut lag in
Thurn am Hart im mittleren Krain. - Der Dichter, der gesamtdeutsch dachte, empfand
dennoch für Krain ein Heimatgefühl, ohne den Slowenen in seinem Inneren ablehnend
gegenüberzustehen. Er glaubte sogar, daß sie sich erst im Rahmen eines größeren deutschen Staates richtig würden entfalten können. Das war es aber gerade, was die national
überaus erregte slowenische Führung ablehnte. Ebenso verwarf sie die Ansicht des Dichters Anastasius Grün, daß die deutsche Eiche und die slawische Linde nebeneinander
wachsen könnten.
Im Februar 1848 wandte sich der dichtende Graf Auersperg mit dem flammenden Appell:
"An meine slowenischen Brüder!" an die Krainer und forderte sie auf, Abgeordnete zum
Frankfurter Parlament zu wählen. Sie selbst standen vor einer Alternative, die ihnen ihre
noch von Wien aus agierende und agitierende Führung auferlegte: Für ihre Zugehörigkeit
zu einer slawischen Großmacht zu kämpfen. Der in dem Verein "Slovenija" zusammengeschlossene Führungskreis verlangte von ihr, daß sie die Wahl ablehnte und sich diesen
offenen Widerstand mit amtlichen Protokollen bescheinigen ließe. Es kam zur Wahl. Die
Gottscheer gaben ihre Stimme einem Abgeordneten, den sie nicht kannten und zu dem
sie weder eine politische noch menschliche Beziehung besaßen, weil er kein Gottscheer
war.
Das Schicksal der deutschen Nationalversammlung von Frankfurt ist bekannt, sie zerfiel,
ohne ihre Ziele erreicht zu haben. Tiefe Depression auch bei den Deutschen in Krain, Triumph bei den Slowenen, die den Mißerfolg in Frankfurt wie einen eigenen Sieg feierten.
Mit verstärkter Energie verfolgten sie die Verwirklichung ihrer Ideale. In der Sprachinsel
kam es 1854 zum ersten gezielten Eingriff der Landesregierung in die mittlere Verwaltungsebene, die Bezirkshauptmannschaft: Die Moschnitze wurde der rein slowenischen
Bezirkshauptmannschaft Rudolfswert (Novo mesto), Stockendorf, und das Weinbaugebiet
von Maierle dem ebenfalls rein slowenischen Bezirk Tschernembl (Crnomelj) einverleibt.
Die Absicht, die gewachsene innere Einheit des Gottscheer Völkchens zu zerstören, mißlang.
Wie man auf slowenischer Seite in der gegenwärtig lebenden, vom jugoslawischen Sozialismus geprägten Generation, die damalige Gegenüberstellung slowenisch-deutsch sieht,
dafür liegt ein literarischer Nachweis vor, das Buch: "Anastasius Grün in Slovenci" (Anastasius Grün und die Slowenen). Es erschien 1970 in Marburg an der Drau und stammt
aus der Feder von Dr. Breda Pozar. Bei der stark polemisch gefärbten Arbeit handelt es
sich offenbar um eine Dissertation. Der Inhalt wird dem des Slowenischen unkundigen
Leser in einer deutsch geschriebenen "Zusammenfassung" nahegebracht. Die Autorin legt
an die Symbolfigur Anastasius Grün uneingeschränkt den slowenischen Maßstab an. Er
lautet, auf die eifachste Formel zugespitzt: Slowenisch = gut, Deutsch = böse. Auf Seite
270 findet sich demgemäß folgende Charakteristik des bösen Deutschen: "Die Einstellung
Grüns gegen die Slowenen in politischer und sozialer Hinsicht war die des deutschen Aristokraten und Grundherrn. Er war im Grunde gegen jede Gleichberechtigung von Slowenen mit den Deutschen. Er war überzeugt, daß dem deutschen Volk die führende Rolle
gebührt gegenüber den kulturell und wirtschaftlich rückständigen Slowenen. Er wollte die
Lebensinteressen des Volkes nicht anerkennen und hatte den revolutionären Kampf seiner slowenischen Untertanen nie verstanden. So wirkten seine Gesinnungen als Schriftsteller, die begeisterte Liebe für Freiheit und Aufopferung für die Menschheit als eine Affektation."
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Anastasius Grün wird jedoch in dem Augenblick zum "guten" Deutschen, da er sich mit
dem slowenischen Volkstum befaßt. Es heißt auf Seite 270 nämlich weiter: "Wenn sich
Grün auch als überzeugter Deutscher nach dem Jahre 1848 in seinem politischen Wirken
immer für die Interessen der Deutschen und Grundbesitzer einsetzte, war er in seinem
ganzen Leben dem slowenischen literarischen Schaffen freundlich gesinnt." Zum besseren Verständnis dieses Satzes sei angefügt, daß Anastasius Grün mit dem größten slowenischen Dichter, France Preseren, der seinerseits auch noch in deutscher Sprache dichtete, eng befreundet war. Auf Seite 271 bescheinigt die Autorin dann dem deutschen Freiheitsdichter: "Grün befaßte sich mit der slowenischen Literatur, indem er slowenische
Volkslieder in die deutsche Sprache übersetzte. Seine gedruckte Sammlung erschien im
Jahre 1850. Sein großes Verdienst war, daß er damit die slowenische Poesie in die deutsche Literatur einführte."
Das politische Fazit für die Gottscheer im 19. Jahrhundert: Um die Mitte des Zeitraumes
wurden sie um ihre bis dahin größte Hoffnung ärmer. Die slowenische Führung indessen
machte ihnen ihr Dasein in Unterkrain streitig. Dennoch fühlten sie sich an der Wende
zum 20. Jahrhundert in der österreichisch-ungarischen Monarchie noch geborgen. Im
Übrigen aber haben die Gottscheer nunmehr den Anschluß an das Zeitalter der modernen
Zivilisation und Technik weitgehend gefunden. Es wird sich bald zeigen, was sie dafür
eingehandelt haben.
Und das war um die Jahrhundertwende ihre wirtschaftliche Grundlage: Der landwirtschaftlich genutzte Boden belief sich auf rund 70.000 ha. Er befand sich in den Händen
von etwas mehr als 8000 Besitzern. 8,6 % waren Ackerland, 20,6 % Wiese, 34,4 % Hutweide, 34,7 % Wald und 1,7 % andere Kulturarten (nach Dr. Podlipnig, Kulturbeilage der
Gottscheer Zeitung Nr. 46/1973).
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Das 20. Jahrhundert
Die Feststellung, daß nun in unserer Gottscheer Geschichtsschreibung das 20. Jahrhundert beginnt, ist eigentlich nur eine kalendarische Pflichtübung, kerne Zeitenwende, kein
tiefer Einschnitt, die beiden Jahrhunderte liefen in Gottschee ebenfalls glatt ineinander
über. Die gravierenden Veränderungen waren bereits im 19 Jahrhundert geschehen. Die
ungehemmte Auswanderung lief weiter - immer weniger Amerika-Fahrer kehrten zurück.
Die Zahl der Hausierer nimmt ab. Ihre Wandergewerbescheine sind doppelsprachig geworden, Deutsch steht noch an erster Stelle. Olga Spreitzer aus Pöllandl fand unter den
alten Papieren ihres Vaterhauses ein solches Dokument.
Die Stadt Gottschee wächst und modernisiert sich weiter. In allen ihren Lebensbereichen
ist die energisch führende Hand des Bürgermeisters Alois Loy zu spüren. Er lebte von
1860 bis 1923. Er war einer der bedeutendsten Persönlichkeiten, die das Gottscheerland
hervorgebracht hat. Seine ungewöhnliche Begabung für die Kommunalpolitik und seine
Überlegenheit als Mensch und Charakter wurden frühzeitig erkannt. Bereits mit 21 Jahren
gehörte er dem leitenden Ausschuß der Stadtsparkasse an und mit 29 Jahren wurde er
zum Bürgermeister gewählt. 33 Jahre blieb er, von keiner Seite angefochten, erst nach
1918 von der neuen Staatsgewalt aus dem Amt vertrieben, seiner Stadt treu. Die Gottscheer Zeitung vom September 1962 widmete ihm ein Gedenkblatt folgenden Inhalts:
"Unter ihm wurde aus dem dorf- und marktähnlichen Ort ein schmuckes Städtchen.
Überall hatte er seine ordnende und betriebsame Hand im Spiele. Daß beim Bau der Unterkrainer Bahn die Interessen Gottschees ausreichend Berücksichtigung fanden, war mit
sein Verdienst. Unter seiner tatkräftigen Initiative entstand der imponierende Bau der
Volksschule, wurden das städtische Wasser- und Elektrizitätswerk und die untere Brücke
errichtet. Ein besonderes Verdienst Loys ist der Ausbau des Gymnasialgebäudes. Er
verstand es auch durchzusetzen, daß die Anstalt ein Obergymnasium erhielt und daß die
Holzfachschule vom Staat übernommen wurde. Der Verein Studentenheim kam durch ihn
zu Haus und Besitz. Als Obmann des Kirchenbauausschusses verstand er es tatkraftig,
den Bau der Stadtpfarrkirche - noch heute eine Zierde der Stadt - voranzutreiben. Für
seine Verdienste erhielt Loy das "Goldene Verdienstkreuz mit der Krone und den Titel
eines kaiserlichen Rates." - Die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit befruchtete das ganze
"Ländchen".
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchten in der Stadt Gottschee zum erstenmal PresseErzeugnisse auf: Die "Gottscheer Nachrichten", der "Gottscheer Bote" und Der Landwirt".
Alle drei Blätter erschienen 14tägig und wurden in der eben gegründeten Druckerei des J.
Pavlicek gedruckt. Sie wendeten sich in erster Linie an die Bauern. 1905 entstand der
"Gottscheer Bauernbund".
Eine lebhafte Diskussion über Fragen der österreichisch-ungarischen Monarchie und die
eigenen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Belange beschäftigte die Gemüter.
Die Abonnentenzahlen von Grazer und Wiener Zeitungen stiegen im Gottscheerland.
1907 dürfen die Gottscheer - zum erstenmal als eigener Wahlkreis organisiert - einen
Abgeordneten zum Wiener "Reichsrat" wählen. Zwei Parteien stellen ihren Kandidaten
auf, die "Liberalen" - von ihren politischen Gegnern als "die Roten" bezeichnet - und die
"Christlich-Sozialen", von der Gegenseite als "die Schwarzen" abgestempelt. Der Kandidat der Liberalen heißt Fürst Karl von Auersperg, Herzog von Gottschee (1859 bis 1927).
Sein Gegenkandidat: Schulrat Josef Obergföll, Gymnasiallehrer in Gottschee. Der Wahlkampf wurde mit einer bis dahin unbekannten Heftigkeit geführt und artete vielfach zu
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Schlägereien aus. Einer der eifrigsten Wahlredner war der Student Peter Jonke aus Obermösel, ein Liberaler.
Der Fürst gewann die Wahl. Er konnte kraft seiner vielseitigen Beziehungen in Wien, die
bis ins Kaiserhaus und in die Ministerien reichten, für die Bewohner seines Wahlkreises
natürlich mehr tun, als sein unterlegener Gegner.
1910 erhielten dann die Gottscheer gewissermaßen die Quittung für das 19. Jahrhundert,
das Ergebnis der letzten und damit authentischen Volkszählung in der österreichischungarischen Monarchie: Nur noch 17.350 Menschen bekannten sich im Gottscheerland
zur deutschen Muttersprache (Grothe, Seite 80). Die Differenz von rund 8600 auf die
geschätzte Bevölkerung des Jahres 1875 (25.000-26.000) gibt nicht einmal den wirklichen Wanderungsverlust wieder, er ist tatsächlich wesentlich höher. Seit der Mitte der
siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren ja 35 Jahrgänge zur Welt gekommen. Davon
waren die ersten sieben noch in voller Stärke geboren worden, weil in der Regel keine
Ehepaare, sondern nur ledige, aber heiratsfähige junge Leute fortzogen. Sie heirateten
erst in den USA. In der Bevölkerungsbilanz des "Ländchens" fehlten daher nicht nur sie
selbst, sondern auch ihre "drüben" geborenen Nachkommen. Daheim wurde Jahrgang für
Jahrgang schwächer. Trotzdem gab es noch einen, wenn auch bescheidenen. Geburtenzuwachs. Setzen wir ihn vorsichtigerweise für die Zeit von 1875 bis 1910 mit rund 3500
Köpfen an.
Diese Zahl überdeckt den Verlust durch die Auswanderer, sie muß daher den rechnerisch
ermittelten 8600 zugezählt werden. Dadurch erhöht sich der wirkliche Bevölkerungsverlust auf 12.000 bis 12.500 Seelen. Soweit die nüchternen Zahlen, in denen auch die Angehörigen von Intelligenzberufen, die außerhalb der engeren Heimat ein Unterkommen
suchen mußten, und deren Zahl auch nicht annähernd angegeben werden kann, mit inbegriffen sind. Der Bedarf an Lehrern und Geistlichen war begrenzt, die Stadt Gottschee
bot nur ganz wenigen Juristen, Ärzten und Beamten oder Unternehmern mit höherer
Schulbildung berufliche Chancen. Auf dem Lande bestand für die aufgezählten Berufsgruppen kein Bedarf.
Die natürliche Bevölkerungsbewegung innerhalb der Gottscheer Bauern war durch den
schweren Aderlaß seit den achtziger Jahren empfindlich gestört. Der kleine Volkskörper
hatte so viel biologische Substanz abgegeben, daß es nicht nur nicht mehr möglich war,
sondern auch nicht mehr nötig war, die ein Menschenalter zuvor erforderliche Kulturfläche weiterhin in vollem Umfange zu bewirtschaften. Die Folge war eine Vernachlässigung
des Weidelandes und der höher gelegenen Wiesen, die wiederum das Absinken des Viehbestandes nach sich zog. Der Wald aber trieb unverzüglich sein niederes Fußvolk, Gestrüpp und Stauden, in das ihm überlassene Gelände vor.
Kulturell war die Sprachinsel Gottschee zu Beginn des 20. Jahrhunderts infolge des voll
ausgebauten Schulwesens und der ausschließlichen Verwendung der deutschen Hochsprache in den Kirchen, im Umgang mit den Ämtern, im Geschäftsleben, in der Presse
und im Buch bis hinein in die privateste Sphäre des Gebetbuches und des Tischgebets ein
Bestandteil jenes Lebensraumes in Mitteleuropa geworden, in dem alles Schriftliche
deutsch ausgedrückt wurde. Als alltägliche Umgangssprache hatten die Gottscheer jedoch ihren mittelalterlichen bairisch-österreichischen Dialekt behalten. Freilich war noch
ein anderer Gedanke in die Dörfer des Siedlungsgebiets eingezogen, die Sorge um das
Gottscheerland. Sie steigerte sich zur Befürchtung, als am 28. Juni 1914 der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand einem Attentat zum Opfer fiel. Mit dem
Instinkt der gefährdeten Kreatur ahnten die Gottscheer das kommende Unheil, den Zerfall der Donaumonarchie unter der Zentrifugalkraft des west-südslawischen Nationalismus. Das Völkchen im Karst hatte, wie auf das Jahr genau ein halbes Jahrtausend vorher, seine Schutzmacht verloren …
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Am 21. November 1916 starb "der alte Kaiser" Franz Josef I., in seinem 86. Lebens- und
68. Regierungsjahr, schon zu Lebzeiten eine legendäre Erscheinung, auch und besonders
für die Gottscheer. Gottschee war dem Monarchen ein fester Begriff, vor allem durch den
Fürsten Karl von Auersperg. Wiederholt hatte der Kaiser Bittgesuche aus der Sprachinsel
mit Geldspenden aus seiner Privatschatulle beantwortet.
Ganz Wien trug in jenen trüben Novembertagen nicht nur die sterbliche Hülle des alten
Kaisers zu Grabe, sondern auch die Staatsidee und die Tradition des Hauses Habsburg.
Der Zusammenbruch ihres geschichtlich gewachsenen Nationalitätenstaates war nur noch
eine Frage der Zeit. Franz Josefs Nachfolger, Kaiser Karl I. von Habsburg-Lothringen,
hatte der vorandrängenden Katastrophe nichts entgegenzusetzen, auch Franz Ferdinand
hätte sie nicht aufhalten können. Ende November, Anfang Dezember 1918 konstituierte
sich das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) unter König Petar I. Karadjordjevic. Das frühere Kronland Krain wurde mit der Untersteiermark zu der neuen Provinz Slowenien zusammengelegt. Ihre Nachbarn waren im Westen Italien, im Norden die
Republik Österreich und im Osten das verkleinerte Ungarn.
Die Gottscheer waren zunächst ratlos. An einen Widerstand wie zu Zeiten Napoleons war
nicht zu denken. Alles war plötzlich anders. Bis auf jene in russischer Kriegsgefangenschaft kehrten die Krieger bald heim. Zunächst zaghaft setzte eine Diskussion, wie der
neuen Lage zu begegnen wäre, ein. Eines Tages war ein faszinierender Plan aufgetaucht.
Es läßt sich nicht mehr rekonstruieren, wer als erster den Gedanken aussprach, aus dem
Gottscheerland eine kleine Republik, ähnlich wie Andorra, zu machen und sie dem Protektorat der Vereinigten Staaten anzuvertrauen. Man erhoffte sich für diesen Vorschlag
eine wirksame Unterstützung von selten der Amerika-Gottscheer. Vielleicht gelang es
ihnen, einen Machtspruch des Präsidenten Wilson herbeizuführen. Wilson, damals der
mächtigste Mann der Welt, hatte mit seinen 14 Punkten bei allen neu entstandenen Minderheiten Europas Hoffnungen auf das Selbstbestimmungsrecht ausgelöst. Eine Denkschrift mit allen wesentlichen Angaben über Land und Leute von Gottschee wurde erarbeitet und ein Flugblatt herausgegeben. Eine Delegation für eine Vorsprache bei der Pariser Friedenskonferenz wurde gebildet.
Der Plan schlug fehl, wie jener im 16. Jahrhundert, als die Gottscheer beschlossen, den
Grafen von Blagay finanziell abzulösen und sich selbst zu verwalten. Die Gottscheer fanden allenthalben verschlossene Türen. Der Weg zur Beseitigung des Gottscheerlandes
aber war nun frei. Eine Schutzmacht USA? Selbstbestimmungsrecht? Lächerlich!
Es ist schwer zu verstehen, und noch schwerer begreiflich zu machen, warum die slowenische Intelligenz diese Handvoll deutscher Menschen so sehr haßte, betrug doch die
Zahl der Gottscheer 1918 ein knappes Hundertstel des slowenischen Volkes. Sie stellten
also schon zahlenmäßig keine Gefahr dar. Außerdem hatte, und das wird auch von slowenischer Seite zugegeben, zwischen ihnen und ihrer slowenischen Umgebung jahrhundertelang eine gute Nachbarschaft bestanden. Die Gottscheer haben nie versucht, siedlungs- oder gar machtpolitisch über das alte Ortenburgische Urwaldlehen hinauszugreifen. Warum also dieser Haß? Nur deshalb, weil sie sich zum Deutschtum bekannten? Nur
deshalb.
Und nur, wenn man den Komplex Deutschtum-Slowenentum völkerpsychologisch angeht,
kann man mit historischen Mitteln wenigstens etwa das Verhalten der slowenischen Führung gegenüber den Gottscheern zwischen 1918 und 1941 verständlich machen. Es ist
nicht Aufgabe zu untersuchen, auf welchen geschichtlichen Wegen die slowenischen Romantiker des 19. und 20. Jahrhunderts im Rahmen ihrer Eigenbewertung zu der bei Dr.
Pozar vorgefundenen Konfrontation gegenüber dem Deutschtum gekommen sind, die
darin gipfelt, daß der Deutsche stets und überall der Unterdrücker war, der sich der Entwicklung des slowenischen Volkstums entgegenstellte. Der Habsburger Monarchie warf
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man darüber hinaus vor, daß sie slowenische Menschen unter politischem und wirtschaftlichem Druck germanisiert habe und verstieg sich zeitweilig unter Ableugnung der geschichtlichen Tatbestände zu der Behauptung, die Gottscheer seien germanisierte Slowenen. Der slowenischen Führungsschicht wurde es schon im 19. Jahrhundert unerträglich,
daß sie, wollte sie sich politisch, kulturell und gesellschaftlich durchsetzen, deutsch sprechen mußte. Vom Panslawismus gelenkt, übertrug sie schließlich ihre Antipathie gegen
alles, was deutsch war, auf das deutsche Wesen, auf die gesamte deutsche Kultur, wo
immer sie auch in Erscheinung trat.
Wenn nun im folgenden Kapitel die staatlichen Maßnahmen zur Slawisierung der Gottscheer aufgezeigt werden, so geschieht dies nicht, um alte Wunden aufzureißen. Die
Gottscheer haben sich mit dem Verlust ihrer alten Heimat politisch abgefunden. Die Aufzählung der Unterdrückungsmaßnahmen nach 1918 geschieht auch nicht, um beschwerdeführend vor die Geschichte hinzutreten: Sie sind jedoch ebenfalls Gottscheer Geschichte und werden ausgesprochen, weil sonst das Verhalten der Gottscheer in den dreißiger
Jahren unverständlich bliebe. Schließlich ging seit dem Ende des Jahres 1918 eine Flut
von Gesetzen des Staates, Verordnungen der Landesregierung, Verfügungen der Bezirkshauptmannschaft und der Sicherheitsorgane mit entsprechenden Strafandrohungen auf
die wehrlosen Gottscheer nieder.
Zum slowenischen Führer hatte sich bereits bis 1918 Dr. Anton Korosec kraft seiner politischen Erfahrung als Volkstumskämpfer und Parlamentarier emporgearbeitet. Die Ironie
des Schicksals: "Korosec" heißt zu deutsch "der Kärntner".
Noch bevor der eben gegründete Staat der Serben, Kroaten und Slowenen vollends zur
Ruhe gekommen war, forderte ein Komitee in Laibach, das sich "Narodna vlada" nannte,
etwa gleichbedeutend mit "nationale Regierung", die Schließung aller deutschen Schulen
und die Beschlagnahme aller Schulvereinshäuser in Gottschee. Daraus war bereits die
Hauptstoßrichtung gegen das Gottscheerland erkennbar. Im Gegensatz zu den eigenen
Erfahrungen im Volkstumskampf verweigerte die slowenische Führung den Gottscheern
die politische Selbstbestimmung, ja, sie gewährte ihnen nicht einmal die kulturelle
Selbstverwaltung. Ihre Art der "Selbstbestimmung" sah so aus: Sie stellte den Deutschen
in Slowenien frei, sich um die Staatsbürgerschaft Österreichs zu bewerben. Da jedoch
nur die Intelligenz bezüglich des Wohnortes beweglich genug war, um nach Österreich
wirklich umzuziehen, zielte dieser Lockruf in erster Linie auf die Gottscheer Lehrer und
die Beamtenschaft. Schon im Laufe des Jahres 1919 wurde erkennbar, daß das "Ländchen" führungslos gemacht werden sollte, um dann nach dem Beispiel der Sprachinsel
Zarz in Oberkrain innerhalb von zwei, drei Menschenaltern als deutsche Enklave verschwunden zu sein. Um bei diesem Vorhaben nicht durch internationale Bindungen von
außen gestört zu werden, unterschrieb der SHS-Staat im Jahre 1919 zwar den Vertrag
von St-Germain mit Österreich sowie jenen von Trianon mit Ungarn. In beiden Verträgen
hat sich Jugoslawien zum Schütze seiner Minderheiten verpflichtet, diesen jedoch nicht in
seine Verfassung eingebaut. Der Völkerbund hat ebenfalls den Minderheitenschutz in Jugoslawien garantiert, eingehalten wurde er nie.
Außer dem deutschen Schulwesen sollten aber auch alle anderen tragenden Elemente
des Gottscheertums zu Fall gebracht werden. Diese waren das Hochdeutsche als Verwaltungs- und Geschäftssprache, die Mundart als Umgangssprache der Landbevölkerung und
unverwechselbare Trägerin der Gottscheer Traditionen. Zu brechen waren außerdem der
Widerstandswille im Volkstumskampf und die wirtschaftliche Standfestigkeit. Die deutsche Schriftsprache ließ sich aus dem ländlichen Leben ohne Schwierigkeiten entfernen.
Bei der familiengebundenen Mundart war das schwieriger, aber auch da fand man einen
Weg. In seiner Dokumentation: "Warum sind die Gottscheer umgesiedelt?" stellt der in
Villach lebende Rechtsanwalt Dr. Viktor Michitsch aus Göttenitz die wesentlichsten Maßnahmen zur Entvolkung der alten Sprachinsel zusammen:
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Die erste einschneidende Maßnahme war die Absetzung der deutschen Landbürgermeister zum 31. Dezember 1918. Wenige Monate später wurde der Bezirkshauptmann Otto
Merk vom Dienst suspendiert. Das Slowenische wurde an den Volksschulen als Pflichtfach
eingeführt. Der Bezirksschulinspektor Mathias Primosch wurde seines Amtes, das seit
1891 bestand, enthoben. Mit dem Schuljahr 1919/20 begann die vollständige Slowenisierung des Gymnasiums. Deutsch war nicht einmal mehr als Wahlfach zugelassen. Das
dem Gymnasium angegliederte Studentenheim wurde entschädigungslos beschlagnahmt
und einem slowenischen Verein übereignet. Das Waisenhaus mit der MädchenBürgerschule wurde unter slowenische Leitung gestellt, der deutsche Schulunterricht verboten. Die Fachschule für Holzbearbeitung wurde geschlossen. Die beiden deutschen Kindergärten in der Stadt mußten ihre Tätigkeit einstellen. Der Gottscheer Lehrerverein
wurde nach 41 jährigem Bestehen verboten, sein Vermögen eingezogen, seine Korrespondenz beschlagnahmt.
Parallel zur Zurückdrängung des deutschen Schulunterrichts wurde die Zahl der Lehrer
dezimiert. Von den 71 im Jahre 1918 unterrichtenden deutschen Lehrpersonen wurden
von 1919 bis 1922 nicht weniger als 33 über das zweifelhafte Optionsverfahren für Österreich aus dem Lande gedrängt. Sie hatten keine Möglichkeit zu bleiben, auch nicht, außerhalb ihres Berufs. Unter ihnen befanden sich geistig führende Männer, wie der Gymnasialprofessor Peter Jonke und sein Kollege Josef Obergföll, der bedeutende Volkstumsforscher Wilhelm Tschinkel, Bezirksschulinspektor Mathias Primosch u. a. ältere Lehrer,
die des Slowenischen nicht mächtig waren, wurden vorzeitig pensioniert.
Die Dezimierung der bäuerlichen Bevölkerung der Sprachinsel wurde in Etappen durchgeführt. Nach der weitgehenden Entfernung der Lehrer wurde das Slowenische als Unterrichtssprache eingeführt. Gleichzeitig wurden die "deutschen Abteilungen" erfunden.
1926 gab es davon nur 16. Von einem zusammenhängenden deutschen Unterricht war
dabei keine Rede mehr, weil bestimmte Fächer nur in slowenischer Sprache unterrichtet
werden durften und weil kaum noch Lehrer, die den deutschen Restunterricht hätten erteilen können, zur Verfügung standen. - Die nächste Stufe waren die sogenannte Grundschule und die "National-Schule". Die letztere umfaßte die 5. bis 8. Klasse. Der Besuch
der "National-Schule" wurde auch für die Schüler der deutschen Abteilungen verbindlich.
Die nächste Stufe: Um die Zahl der deutschen Schüler weiter zurückzudrängen, führte
die Schulverwaltung eine "Namensanalyse" ein. Kinder, deren Familiengeschichte auch
nur einen einzigen Großelternteil mit einem slowenisch klingenden oder slowenischen
Namen aufwies, wurden in die slowenische Volksschule eingereiht. Auf Wünsche der Eltern wurde keine Rücksicht genommen. Dazu berichtet Dr. Michitsch ein eindrucksvolles
Beispiel: Bereits 1922 ging die Schulleitung in Stockendorf dazu über, die dortige Volksschule vollständig zu slowenisieren. Sie behauptete, zum Schulbeginn würden 22 slowenische und nur 10 deutsche Schulpflichtige erscheinen. Die Nachprüfung dieser Angabe
durch Gottscheer Eltern ergab, daß die Schule von 46 deutschen und nur von 6 slowenischen Kindern besucht wurde. Bei den letzteren sprachen drei mit Vater und Mutter slowenisch und drei nur mit der Mutter.
Dem flüchtigen Betrachter mögen die angeführten Schikanen als eine leichtfertige Ausdeutung guter slowenischer Absichten erscheinen. Von bestimmter Seite wird man diesem Buch ohnehin die Absicht unterschieben, mehr als ein halbes jahrhundert nach den
Geschnissen billige Hezte zu betreiben. Es geht jedoch dem Verfasser lediglich darum,
das Ungleichgewicht in dem slowenischen Vorgehen herauszustellen. Wiederum drängt
sich der Vergleich mit Kärnten auf. Dort verlangte man für die eigene Minderheit Kulturautonomie, und mehr, die Gottscheer aber wurden gleichzeitig im Eiltempo slawisiert.
Man bediente sich dabei raffinierter psychologischer Mittel: Man drängte zwischen Mutter
und Kind, die innigste Bindung zwischen Individuen, eine Sprache, die die Mutter nicht
verstand und zwang gleichzeitig das Kind, diese Sprache zu erlernen und anzuwenden.
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Der Lehrer aber sah seine Hauptaufgabe nicht darin, dem Gottscheer Kind Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, sondern ihm alles Deutsche, ja sogar das Denken in der
Mundart, auszutreiben. Schließlich verbot man den Kindern, auf dem Schulweg gottscheerisch zu sprechen. Gleich einem dichtmaschigen Netz lag die slowenische Schulpolitik über dem "Ländchen". Es gab kein Entrinnen. Blieb man im Lande, und das war die
Regel, mußte man slowenisch lernen. 1924 wurde auch die letzte deutsche Ausbildungsmöglichkeit so gut wie unterbunden. 1919/20 war es üblich geworden, daß vielleicht zwei
bis drei Dutzend schulentlassene Lehrer- und Bürgerkinder bzw. Gymnasiasten, ihre Ausbildung an Gymnasien, Lehrerbildungsanstalten, Handelsakademien, Staatsrealschulen
und anderen Fachschulen in Österreich, namentlich in Kärnten, fortsetzten oder vollendeten. Einige wenige nahmen ihre Studien an Universitäten auf. 1924 erhielten die Eltern
dieser Schüler und Studenten die amtliche Mitteilung, daß sie von 1925 an nicht mehr
mit Reisepässen für die Ausbildung ihrer Kinder im Ausland rechnen dürften.
Die Auswirkungen dieser Schulpolitik auf die Gottscheer Jugend zeigte sich - in der ganzen Breite sichtbar - bereits nach einem Jahrzehnt. Die Buben und Mädchen waren bei
ihrem Schulabgang sozusagen zweieinhalbsprachig. Als Mutter- und Haussprache verwendeten sie die Mundart, konnten leidlich slowenisch lesen und schreiben, waren aber
des Deutschen nur sehr mangelhaft mächtig. Mit der Gottscheer Mundart konnten sie
außerhalb der Sprachinsel nichts anfangen, ihr Deutsch war so schlecht, daß sie im Normalfall kaum einen Brief schreiben konnten, blieb also das Slowenische, wollte man außerhalb des bäuerlichen Wirtschaftssektors eine berufliche Laufbahn anstreben. Diese
jungen Menschen standen gleichsam im Niemandsland zwischen den beiden Völkern. Da
ihnen aber das Deutsche dennoch näher lag, die Wirtschaftslage sich zunehmend verschlechterte, reifte auch bei ihnen der Entschluß zur Auswanderung, die in bescheidenem
Umfange 1920 wieder eingesetzt hatte. Dazu bekam man allerdings mühelos einen Reisepaß.
So wie der Jugend der Zugang zum Deutschtum und seiner Schriftsprache verbaut wurde, so tat die Landesregierung in Laibach alles, um den erwachsenen Gottscheern die
Organisationsformen, die das Gemeinschaftsgefühl stärkten, und in denen hochdeutsch
die offizielle Sprache war, wegzunehmen oder zumindest zu verleiden. Zuerst wurde der
Bauernbund aufgelöst und die beiden politischen Parteien des "Ländchens" aus dem Vereinsregister gestrichen. Von den drei oben genannten Blättern überlebte nur der 1903
gegründete "Gottscheer Bote". Er durfte, ab 1919 in "Gottscheer Zeitung" umbenannt,
weitergeführt werden. Selbstverständlich verschwanden sogleich nach der Gründung des
neuen Staates die Schulvereinsortsgruppen. Die zu einem eigenen Gau zusammengeschlossenen freiwilligen Feuerwehren mußten die slowenische Kommandosprache einführen. 1925 durfte der verbotene Gesangsverein, ein gemischter Chor, wiedergegründet
werden. Da er sich aber rasch zu einem neuen Kulturzentrum entwickelte, suchte man
abermals nach einem Verbotsgrund. Man fand ihn in einer politisch harmlosen Sängerreise nach Kärnten. 17 Vereinsmitglieder, Frauen und Männer, besuchten am 5./6. Juni
1926 den von allen hoch verehrten Volkstumsforscher Wilhelm Tschinkel, um ihm zu seinem 50. Geburtstag die Grüße und Glückwünsche der alten Heimat zu überbringen. Der
Gefeierte hatte in Rosegg eine neue Heimat gefunden. Nach ihrer Heimkehr wurde die
Sängergruppe wegen Hochverrats angezeigt. Wahrheitswidrige Begründung: Die Sänger
hätten in Kärnten an einem nationalen Sängerfest teilgenommen. Hier kann man nur
noch von National-Hysterie sprechen. Zu einer Gerichtsverhandlung kam es jedoch nicht,
weil ein einsichtiger Richter am zuständigen Amtsgericht in Rudolfswert (Novo mesto)
das Verfahren wegen Nichtigkeit niederschlug. Die örtliche Sicherheitsbehörde in Gottschee/Stadt gab sich jedoch lieber der Lächerlichkeit preis, als einen deutschen Vogelschutzverein zu dulden. Ein Jahr nach der Gründung wurde er unter dem Vorwand verboten, daß die im Freien aufgestellten Futterkästen die Aufschrift "Vogelschutzverein" trugen. Dieselbe Behörde machte auch vor dem deutschen Leseverein nicht halt, er wurde
verboten, seine 2500 Bücher beschlagnahmt und vernichtet.
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Die Amtssprache bei den Behörden war selbstverständlich längst das Slowenische. Wer
diese Sprache nicht beherrschte, mußte auf eigene Kosten einen Dolmetscher mitbringen. Die Ortstafeln durften nach einer kurzen Übergangszeit auch in den rein deutschen
Dörfern nur slowenische Aufschrift tragen. Die oft willkürlich ins Slowenische übersetzten
Ortsnamen der Gottscheer durften in der Gottscheer Zeitung nicht mehr deutsch gedruckt werden. Das 14tägig erscheinende Blatt war im übrigen einer scharfen Zensur
unterworfen, das heißt, die fertig umbrochenen Seiten mußten der Bezirkshauptmannschaft vor dem Druck vorgelegt werden. Anfänglich nahm die Redaktion die gestrichenen
Artikel und Notizen einfach heraus und ließ die weißen Flächen offen. Dadurch war die
Zensur für jedermann sichtbar. Um dies zu verhindern, erhielt die Redaktion den Auftrag,
für gestrichene Artikel Stehsatz bereitzuhalten.
In aller Stille wurde die Ablösung der Geistlichkeit vollzogen. An sich ließ das Ordinariat
in Laibach die noch amtierenden Gottscheer Geistlichen gewähren. Es versetzte auch
keinen Geistlichen in rein slowenisches Gebiet, wie die Schulbehörde dies mit einigen
Lehrern tat. Wenn jedoch ein Mitglied des Gottscheer Klerus durch Tod oder Pensionierung ausfiel, trat an seine Stelle ein nationalbewußter Slowene im Priesterrock.
Verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit widmete man anfänglich dem Bodenbesitz im
"Ländchen", obwohl der slowenische Anteil äußerst gering war. Herbert Otterstädt nennt
in seinem Bildband auf Seite 37 dazu folgende Zahlen: "Im Jahre 1940 waren nach einer
sehr gewissenhaften privaten Besitzzählung von den insgesamt 840 Quadratkilometern
der Volksinsel 547 Quadratkilometer in den Händen der Gottscheer Waldbauern, 63 Quadratkilometer waren Gottscheer Gemeindebesitz, 176 Quadratkilometer enteigneter
deutscher Waldbesitz und lediglich 53 Quadratkilometer, also keine 8 der Gesamtfläche,
waren slowenischer Zwergbauernbesitz".
Der einzelne Gottscheer Bauernhof interessierte die slowenische Führung noch in den
zwanziger Jahren kaum. Erheblich störte es sie jedoch, daß der aller Titel entkleidete
Fürst Auersperg bei der Staatsgründung noch 229 Quadratkilometer herrlichen Mischwaldes besaß und nach modernen forstwirtschaftlichen Methoden nutzte. Die Beschlagnahme dieses Rests der ursprünglichen Herrschaft Ortenburg begann 1921 mit einer schlichten "Agrarverordnung". Zehn Jahre später wurde diese zum Gesetz ausgestattet und damit endgültig gemacht. 176 Quadratkilometer wurden damals der Familie Auersperg genommen. Der konfiszierte Waldbesitz wurde jedoch nicht etwa den Gottscheern zugeteilt,
die als uralt eingesessene Bewohner des Gottscheerlandes wohl als erste Anspruch hätten erheben können. Die Nutzung des Baumbestandes wurde vielmehr slowenischen Dörfern außerhalb der Sprachinsel überlassen. Die Gottscheer Mitarbeiter der Auerspergschen Forstverwaltung wurden entlassen.
Wie wenig die abseits liegenden neuen Nutzungsberechtigten bzw. die Landesforstbehörde mit den beschlagnahmten Wäldern anfingen, bewies unter anderem der Verfall des
größten Auerspergischen Sägewerks samt den Arbeiterwohnhäusern im Revier Hornwald.
Was der vordringende Urwald sowie Wind und Wetter übriggelassen hatten, wurde 1938
gesprengt. Nicht einmal die 50 Kilometer lange Waldschmalspurbahn durfte bestehen
bleiben. Sie wurde im gleichen Jahr verschrottet.
Der Gottscheer Landwirtschaft rückte man als Ganzes dergestalt zu Leibe, daß man alles
beseitigte, was geeignet war, sie zu fördern und zu befruchten. So wurde gleich nach
dem Kriege die aus der Zeit Kaiser Joseph II. stammende Filiale der "landwirtschaftlichen
Gesellschaft von Krain" verboten, der Bauernbund eingestellt, 12 ländliche Raiffeisenkassen erlitten dasselbe Schicksal. Die Stadtsparkasse wurde finanziell ruiniert, und die Einleger verloren ihr Geld. Sie sollten auf diese Weise gezwungen werden, mit der Filiale der
Laibacher "Merkantil Bank" zusammenzuarbeiten. Auf Anordnung ihres Chefs durfte in
den Geschäftsräumen nur slowenisch gesprochen werden.
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Die Geschäftsleute und Handwerker in Stadt und Land, aber auch die Bauern, ruhten
nicht eher, bis sie wieder über ein eigenes Geldinstitut verfügten: 1926 wurde die "Sparund Darlehenskasse", eine Gesellschaft mit unbeschränkter Haftung, ins Leben gerufen.
Zum Obmann wählten die Mitglieder den Mitbegründer Alois Kresse, angesehener Kaufmann in Gottschee/Stadt. Kresse besaß große wirtschaftliche Erfahrung und war im ganzen "Ländchen" bekannt. Von 1912 bis 1925 war er Obmann des Gottscheer Handelsgremiums. Von 1928 bis 1930 war er als Vizebürgermeister Obmann der Städtischen
Vermögensverwaltung. Nach 1930 durften die Bewohner des Städtchens keine Vertreter
mehr in den Stadtrat entsenden. 1945 gelang es Alois Kresse nicht mehr, rechtzeitig aus
der Untersteiermark, wo er sich in Cilli eine neue Existenz geschaffen hatte, zu fliehen. Er
wurde mit seiner Gattin von Partisanen umgebracht.
All diese kulturellen und wirtschaftlichen Maßnahmen zur Beseitigung der Sprachinsel
Gottschee zeigten in den ersten dreißiger Jahren die beabsichtigte Wirkung - nicht bei
den vor 1914 geborenen Jahrgängen, wohl aber bei den im Jahre 1933 etwa Sieben- bis
Siebzehnjährigen. Slowenische Worte mischten sich in den heimatlichen Dialekt, slowenische Lieder klangen da und dort außerhalb der Schule auf, die eigenen Mundartlieder
traten noch stärker in den Hintergrund. Das Fundament des nationalen Selbstverständnisses als Deutsche stand bei diesen jungen Leuten nicht mehr auf sicherem Boden.
Gleichgeblieben war indessen das Interesse von Wissenschaftlern für die Sprachinsel
Gottschee. Namentlich aus Österreich, immer öfter aber aus dem Deutschen Reich, erschienen um die Wende der zwanziger zu den dreißiger Jahren Sprachforscher, Historiker, Volkskundler, Volskliedforscher sowie landschaftsbegeisterte Touristen, einzeln und
in Gruppen. Die Besucher fanden in den abgelegenen Dörfern im großen und ganzen
noch das urwüchsige Gottscheer Bauernleben, wie es Sepp König in seinem Beitrag: "Das
Dorf in der Einschicht" (Gottscheer Zeitung, März 1973) etwa für die Zeit der Jahrhundertwende schildert:
"Jedes Dorf hatte seine Eigentümlichkeiten in seiner schaffenden Arbeit. Die Menschen in
der Einschicht waren daher Alleskönner: Korbflechter, Schaufelmacher, Faßbinder und
Schnapsbrenner, sie besorgten Zimmermannsarbeiten ebenso mit Geschick wie bäuerliche Verrichtungen. Ihre Geschicklichkeit reichte über die bescheidene Heimat hinaus und
war als nachbarliche Hilfe bei einem Unglück im Stall geschätzt. Der Bau eines Kalkofens
war ihnen nicht unbekannt, und daß das Weib in der Einschicht im Krankheitsfalle Hilfe
zu geben wußte, war keine Seltenheit."
Den Besuchern aus dem geschlossenen, deutschen Lebensraum entging allerdings auch
nicht der wirtschaftliche Zusammenbruch der Gottscheer und ihre Mutlosigkeit. Helfen
konnten sie ihnen nicht. - Unter den Gästen aus dem Deutschen Reich befand sich der
Leipziger Orientologe und Volkstumsexperte Prof. Dr. jur. et. phil. Hugo Grothe. Seine
wiederholten Aufenthalte im "Ländchen" führten in der Monografie "Die deutsche Sprachinsel Gottschee in Slowenien" zu einem freudig begrüßten Erfolg, waren doch seit dem
Erscheinen des letzten repräsentativen Werks über das Gottscheerland (Hauffen 1895)
immerhin 35 Jahre verstrichen. Man sagte ihm nach, er habe der damaligen Gottscheer
Führung geraten, mit einer weithin wirkenden 600-Jahr-Feier der deutschen Kolonisation
ihres Siedlungsgebiets die breite Öffentlichkeit auf die aktuelle, nationale Bedrängnis und
die schier ausweglose wirtschaftliche Notlage der Gottscheer zu lenken. Mit diesem Ereignis sollte ihr Selbstbewußtsein gestärkt, neuer Lebensmut geweckt werden.
Der Grothesche Gedanke wurde mit Freuden und sofort aufgegriffen. 1929 bildete sich
unter dem Vorsitz des Rechtsanwaltes Dr. Hans Arko ein Festausschuß, der die 600-JahrFeier auf den 1. bis 4. August 1930 festsetzte. Dr. Arko, ein vielseitig begabter Mann,
war in den zwanziger Jahren in die Rolle des Sprechers der Gottscheer hineingewachsen.
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Unter anderem dirigierte er den gemischten Chor und führte als Gauhauptmann die Feuerwehr. Seit 1917 unterhielt er in der Stadt eine Rechtsanwaltskanzlei.
Die organisatorisch wohl vorbereitete 600-Jahr-Feier wurde zum größten Fest, das die
Gottscheer jemals auf ihrem Heimatboden veranstalteten.
Seit dem Bestehen des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen, das sich nunmehr als "Jugoslawien" bezeichnete, hatten die Gottscheer keinen Zweifel über ihre - von
der Vernunft diktierte - loyale Einstellung zum Staat, aber auch ihre innere Bindung an
ihr Volk gelassen. Konsequent und mutig lud der Festausschuß daher den König, damals
Alexander I., die Staatsregierung in Belgrad, die Landesregierung in Laibach, künftig
"Banschaftsverwaltung" genannt, mit dem "Banus" an der Spitze, sowie die Republik
Österreich und das Deutsche Reich offiziell ein. Der König entsandte einen Minister und
hohe Militärs als seine Vertreter. Von der Banschaftsverwaltung in Laibach erschien der
Banus, das Deutsche Reich und die Republik Österreich ließen sich durch ihre Missionschefs bei der jugoslawischen Regierung vertreten. Deutscher Gesandter in Belgrad war
dazumal Ulrich von Hassel. Erschienen waren unter anderem auch die beiden Spitzenpolitiker der deutschen Gesamtvolksgruppe in Jugoslawien, der Abgeordnete in der Skupstina, Dr. Stefan Kraft, und der Senator Dr. Georg Graßl, ferner der Präsident des "Schwäbisch-deutschen Kulturbundes" in Neusatz, Johann Keks, und der Hauptschriftleiter des
"Deutschen Volksblattes", ebenfalls in Neusatz, ein gebürtiger Gottscheer aus Mitterndorf, Dr. Franz Perz. Viele Gottscheer in Österreich und in den USA benutzten das große
Fest zu einem Besuch der alten Heimat.
Erster Höhepunkt der Feierlichkeiten war der Festgottesdienst in der Stadtpfarrkirche.
Nur ein Bruchteil der riesigen Menschenmasse fand im Dekanatsgotteshaus Platz. Selbst
tiefergriffen, hielt der geistliche Rat August Schauer, Nesseltal, eine politisch wie
menschlich und historisch ausgewogene Predigt von imponierender Sprachgewalt. - Die
hohen Gäste vereinigte ein offizielles Bankett, auf dem Ulrich von Hassel diplomatisch
geschickt und geistvoll die Beziehung zwischen dem Stadtwappen der Stadt Gottschee
aus dem Jahre 1471 und dem aktuellen Anlaß herstellte. - Der öffentliche Festakt zur
Erinnerung an die Besiedlung des Gottscheerlandes vor 600 Jahren fand in einem Großzelt statt, das an der Allee für diesen Zweck aufgestellt worden war. - Durch ein staunendes, glückseliges Spalier ritt und fuhr und schritt der selbst Geschichte gewordene
historische Festzug von einem Ende der Stadt zum anderen. Es schien, als ob außer den
Ältesten und den Jüngsten kein Gottscheer daheimgeblieben war, um sein Bekenntnis zu
den sechs Jahrhunderten der Geschichte des "Ländchens" abzulegen. - Ein Festbuch mit
Beiträgen zur Vergangenheit, Landes- und Volkskunde des Gottscheerlandes war Bestandteil der bewegten Woche. Presse, Rundfunk und Wochenschauen berichteten über die festlichen Tage von Gottschee. Der politische Erfolg blieb jedoch aus. Die Hochstimmung der Gottscheer klang
wieder ab. Nur allzubald stellte sich der Alltag des Volkstumskampfes und der zermürbenden, wirtschaftlichen Erfolglosigkeit wieder ein. Nichts hatte es den Gottscheern genützt, ihre Staatstreue in den Vordergrund zu stellen. 1931 wurde beispielsweise das
Minderheitenschulwesen in Jugoslawien "neu geordnet". Es richtete sich vor allem gegen
die deutsche Minderheit und verfügte, daß in Orten, in denen "Staatsbürger mit anderer
Muttersprache" lebten, Schulabteilungen mit 30, in Ausnahmefällen 25 Schulkindern errichtet werden durften. Die Entscheidung darüber behielt sich der Unterrichtsminister
vor. Woher der Schuß kam, ließ sich leicht daran ermitteln, daß der Innenminister in der
damaligen Regierung Dr. Milan Stojadinovic Dr. Anton Korocec hieß. Als Kabinettsmitglied hatte er keine Schwierigkeit, seinen Kollegen, den Unterrichtsminister, zu diesem
Erlaß zu bewegen. Er traf die Gottscheer doppelt hart. Die "deutschen Abteilungen" waren nun zahlenmäßig nach oben begrenzt. In den größeren Dörfern war es trotz der Namensanalyse noch möglich, 30 Kinder für eine deutsche Abteilung aufzubringen. Die kleiGedruckt von http://www.gottschee.at
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neren Schulsprengel aber brachten als Folge der Auswanderung und der Namensanalyse
vielfach nicht einmal die 25 Schulkinder auf.
Zu der entmutigenden und entwürdigenden nationalen Unterdrückung kommt die fortschreitende wirtschaftliche Not. Die Weltwirtschaftskrise von 1929/30 trug direkt und
indirekt wesentlich dazu bei. Nicht nur sanken die ohnehin geringer gewordenen eigenen
Umsätze weiter, sondern auch der Dollarsegen ebbte ab. - Der Wald ergriff vom weiteren
Kulturland Besitz. Der Viehbestand sank katastrophal. Selbst die stark zurückgegangene
Milchproduktion war nicht mehr verwertbar. Die Milch wurde an die Schweine verfüttert.
Die Obsternten blieben liegen. Der Holzhandel stockte. Nur noch wenige Männer gingen
hausieren. Kleinhöfe und Keuschler unterschritten vielfach das Existenzminimum.
Der kleinste, deutsche Stamm, wie sich die Gottscheer gerne nannten, fand sich nicht
mehr im Gleichgewicht. Manche Anzeichen schienen darauf hinzuweisen, daß er sich
selbst aufzugeben begann. Einer der damals Jungen, Richard Lackner aus der Stadt, hat
das bitterste Wort jener Tage nicht vergessen: "Hier zahlt sichs nicht mehr aus!"
Dr. Josef Krauland erinnert sich in seinem Beitrag "Ein Arzt erzählt..." (Gottscheer Zeitung, August 1970) noch gut an ein Gespräch mit einem Gottscheer Bauern über die
Auswanderung: "Ich befand mich auf der Rückfahrt von Ebental. Mein Kutscher, ein intelligenter Bauer, mit dem man sich über alles Mögliche unterhalten konnte. Endlich kamen
wir auf seine Familienverhältnisse und seinen Besitz zu sprechen. Auf meine Frage, welches von seinen Kindern einmal den Hof übernehmen werde, antwortete er: Keines, alle
wollen nach Amerika, und ich will es ihnen nicht verwehren. Als ich dagegen einwandte,
daß doch wenigstens eines in der Heimat bleiben sollte, meinte er: Ich kann es von keinem verlangen. Sie sehen doch selbst, wie man sich hier auf einem Bauernhof abrackern
muß und dabei kann man nicht einmal die Substanz erhalten. Wenn die Kinder in Amerika fleißig sind und etwas Glück haben, bringen sie es in einigen Jahren weiter als hier ihr
ganzes Leben."
Die Gottscheerin hat es verlernt, zu singen und zu fabulieren. Die Lebensschule, in der
sie die Lehrerin ihrer Kinder und in der die Unterrichtssprache das Gottscheerische war,
entgleitet ihr …
30. Januar 1933, Berlin. Hitler ist an der Macht.
Kommen nun eine bessere Zeit?
Wie alle deutschen Volksgruppen in Südosteuropa und in der deutsch-slawischen Mischzone zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer blickten auch die Gottscheer nach
Berlin. Wer will ihnen dies angesichts der geschilderten Lebensumstände verdenken?! Sie
blieben ruhig, wurden jedoch von den jugoslawischen Sicherheitsorganen noch mißtrauischer beobachtet als zuvor. Nicht minder mißtrauisch - aufmerksam registrierte die slowenische Führung alle Vorgänge in der Reichshauptstadt. Die Machtergreifung Hitlers
löste bei ihr etwa folgenden Gedankengang aus: Hitler war Altösterreicher. Sein politischer Werdegang wies ihn als extremen Nationalisten aus. Zu seinen obersten erklärten
Zielen gehörte der Anschluß der Republik Österreich an das Deutsche Reich. Krain war
jahrhundertelang ein Kronland der Habsburger gewesen. Konnte man sicher sein, daß er
beim "Anschluß" nicht auch ganz Slowenien dem Reich einverleibte? Wer konnte ein
hochgerüstetes Deutschland daran hindern, darüber hinaus in den Donauraum - oder und
- an die Adria vorzustoßen?
In beiden Fällen bot sich Gottschee als machtpolitischer
Brückenpfeiler an. Schon aus diesen Gründen mußte Gottschee nun erst recht verschwinden …
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Dieses völkische Eiland aber wollte weiterleben, aus eigener Kraft, nur für sich selbst,
ohne Machtanspruch, ohne politische Ambitionen. Die Slowenen standen dem in ihrem
Nationalstolz entgegen. Sie bedachten allerdings dabei nicht, daß es bereits im 6. Jahrhundert nach Christi eine Art italienische Ostpolitik gab, dargestellt durch die Patriarchen
von Aquileja und später durch die Republik Venedig. In Rom erinnerten sich die Nationalisten indessen seit längerer Zeit der Tatsache, daß der Patriarch von Aquileja die Mark
Krain viele Jahrhunderte lang zu seiner Kirchenprovinz zählte und von 1077 an bis 1420
ausgedehnte Reichslehenschaften besaß.
Das Völkchen im Karst aber geriet wiederum, diesmal endgültig, zwischen die Mühlsteine
der "großen Politik". Mit dem Urwald wäre es durch Modernisierung der Land- und Forstwirtschaft fertiggeworden, auch dem Wassermangel wäre durch noch sorgsamere Pflege
und Nutzung der natürlichen Bestände beizukommen gewesen. Vielleicht hätten sich die
Bauern unter dem Druck der Wirtschaftslage zu einer Neuordnung der Bodenverfassung,
einer Flurbereinigung bewegen lassen. Das alles hätte dazu beigetragen, das "Ländchen"
attraktiver zu gestalten. Gegen die Diktaturen in Berlin, Rom und Laibach wuchs im Gottscheerland jedoch kein Kraut.
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Der Tragödie letzter Akt
Was nun kam, trieb die Gottscheer in ein Dickicht kaum verhüllter Gewalt und unverschleierten Terrors. Ein Jahrhundertbericht kann über ihre letzten Jahre auf dem Boden
des alten ortenburgischen Urwaldlehens nicht hinweggehen, etwa weil man irgendwo nur
ungern an die Anschläge auf die Freiheit, die Menschenwürde und -rechte im Gottscheerland erinnert wird oder weil sie mit dem Nationalsozialismus zusammenhängen. Sie spielten sich auf drei Ebenen ab. Ebensowenig steht der gewissenhafte Historiker vor der Frage, ob er das, was die Slowenen den Gottscheern antaten, was den Slowenen von Seiten
des Deutschen Reiches geschah und was schließlich die Gottscheer selbst unternahmen,
um zu überleben, verschweigen, beschönigen oder manipulieren wolle. Ihm ist vielmehr
aufgegeben, den Untergang der Sprachinsel Gottschee nach Möglichkeit leidenschaftslos,
wenn auch nicht kritiklos, darzustellen.
Wie man die Entwicklungen, Ereignisse und Entscheidungen der beteiligten Persönlichkeiten und Institutionen auch dreht und wendet, das Gottscheerland gerät unaufhaltsam in
die tragische Verstrickung, aus der kein Weg herausführt. Alles, was die Gottscheer fortan tun, ist falsch.
Die Banschaftsverwaltung in Laibach zog die Zügel bald straffer an. Der "Schwäbischdeutsche Kulturbund", die kulturelle Organisation der Deutschen in Jugoslawien, hatte
auch in Gottschee mehrere Ortsgruppen gegründet. Er wurde verboten. Damit war auch
der Gottscheer Jugend die legale Grundlage für ihre Kulturarbeit entzogen. Das Verbot
war auf die Beobachtung der Sicherheitsbehörden zurückzuführen, daß junge Gottscheer
mit jungen Reichsdeutschen Verbindung aufnahmen und hielten. Unter diesen befand
sich im Sommer 1933 ein Philologie-Student namens Volker Dick, ein Pfarrerssohn aus
Freiburg im Breisgau. Er widmete sich zunächst der Mundart und durchwanderte das
"Ländchen" zu Studienzwecken. Er unterhielt sich vielfach mit Bäuerinnen und Bauern,
auch mit jungen Leuten, und sammelte Material für seine Arbeit. Dabei fiel ihm auf, daß
hier weniger die sprachwissenschaftliche Diskussion, als vielmehr ein neues, wirtschaftliches Denken not tat. Ohne dazu von einer Dienststelle oder Organisation in Deutschland
aufgefordert oder beauftragt worden zu sein, machte er es sich zu seiner persönlichen
Aufgabe, in der Jugendbewegung das Interesse dafür zu wecken.
Bereits bei seinem nächsten Besuch stellte er einen "Aufbauplan" zur Diskussion. Er sollte
den weiteren wirtschaftlichen und kulturellen Verfall als Folge der Auswanderung, Unterdrückung und Entmutigung der Bevölkerung aufhalten. Dick fand damit bei der ländlichen
Jugend viel, bei der Volksgruppenführung in der Stadt einiges Verständnis.
Die Volksgruppenführung war keine öffentliche Einrichtung, die durch Wahlen oder Berufung zustandegekommen war, sondern sie bestand in der Spitze aus zwei Männern, auf
die man kraft ihrer Persönlichkeit allgemein hörte und die vorübergehend auch amtliche
Funktionen ausübten; Rechtsanwalt Dr. Hans Arko aus der Stadt Gottschee und Geistlicher Rat Josef Eppich, Pfarrer in Mitterdorf. Pfarrer Eppich gehörte durch Wahl seit 1927
dem "Gebietsausschuß" - entsprach etwa einem Landtag in Österreich - als Vertreter der
Gottscheer Wähler an. Die realen Möglichkeiten, für seinen "Wahlkreis" etwas zu tun,
waren gleich Null. Dr. Arko war vorübergehend stellvertretender Bezirksvorsitzender der
1929 von König Alexander I. verordneten "Staatspartei". Auf das Parteigefüge in der
Bundesrepublik Deutschland bzw. in der Republik Österreich übertragen, wäre sie heute
den Christlich-Sozialen, der Österreichischen Volkspartei bzw. einer liberaldemokratischen Richtung zuzuordnen.
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Die beiden Männer befürchteten angesichts der Versteifung des slowenischen Kurses gegenüber der Sprachinsel, daß die Jugend in ihrer Kulturarbeit Äußerlichkeiten der Hitlerjugend nachahme. Die ersten Zeichen deuteten sich 1934 bereits an. Arko und Eppich
hielten, trotz der schlechten Erfahrungen seit 1918, immer noch an dem Grundsatz der
Staats- und Volkstreue fest. Die erwartete Aktivität der Jugend kam und war anscheinend nicht aufzuhalten. Allerdings blieb sie ihrem Wesen nach und hinsichtlich der Inhalte der Kulturarbeit gottscheerisch. Die Heimabende, die Gesprächs- und Diskussionsstoffe, selbst das Singen waren auf die Traditionen der Heimat gerichtet. Bei Zeltlagern und
Wanderungen wurden zwar bekannte, deutsche Wanderlieder, auch zackige Lieder der
deutschen Staatsjugend gesungen, es wurden aber auch mehr und mehr Mundartlieder
ausgegraben, ja, einige neue Mundartlieder breiteten sich rasch über das ganze Siedlungsgebiet aus, weil sie den echten gottscheerischen Volksliedcharakter besitzen und
nicht der Hektik der dreißiger Jahre entsprangen. Der junge Bauernsohn Peter Wittine
aus Rieg war der Verfasser.
1935 geschah etwas scheinbar Bedeutungsloses. Ein Gymnasiast namens Willi Lampeter
aus Mitterdorf wurde vom Gymnasium in Gottschee verwiesen. Sein Direktor war der
Ansicht, er habe sich als Schüler eines slowenischen Gymnasiums doch etwas zu sehr für
nationale deutsche Belange eingesetzt, auch wenn er seiner Abstammung nach Gottscheer sei. Für Lampeter war die Relegierung eine Aufforderung, sich nun erst recht national-politisch hervorzutun. Innerhalb weniger Monate galt er als der Exponent der Gottscheer Jugend, die allmählich zu erkennen gab, daß sie sich allein für die Zukunft des
Gottscheerlandes verantwortlich fühlte und die Ablösung der alten Führung zum gegebenen Zeitpunkt anstrebte. Gerechterweise muß hervorgehoben werden, daß der Ruf nach
einer geistigen und wirtschaftlichen Neuorientierung im Rahmen der Traditionen des
Gottscheerlandes nicht erst von der Jugend, die auf die mächtigen Anstöße von außen
reagierte, gefordert wurde. 1931 schrieb der "Gottscheer Kalender", den Pfarrer August
Schauer in Nesseltal herausgab und inhaltlich gestaltete: "Der Gottscheer Bauer muß
seinen Blick wieder der Heimat zuwenden. Er muß wieder Vertrauen zu seiner Scholle
bekommen und aus seiner Lethargie gerissen werden, indem die Gottscheer Landwirtschaft aus ihrer bisherigen Isolierung herausgeführt und Produktion wie Absatz auf genossenschaftlicher Basis organisiert werden." Klare Vorstellungen, wie dies vonstatten
gehen sollte, brachte allerdings erst der "Aufbauplan".
Das Projekt, das Volker Dick mit der Jugend diskutierte, ging folgerichtig davon aus, daß
aus den uns bekannten Gründen zu wenig Arbeitskräfte zurückgeblieben waren, um bei
gleichbleibenden landwirtschaftlichen Produktionsmethoden den stark abgesunkenen Lebensstandard den gestiegenen Ansprüchen anzupassen. Darüber hinaus sollte der "Aufbauplan" - und dieses Ziel wurde immer wieder stark betont - einen auch materiell begründeten Anreiz zum Bleiben in der Heimat bewirken.
Führen wir uns noch einmal den verhängnisvollen Kreislauf, der zu der katastrophalen,
durch die Weltwirtschaftskrise verstärkten Notlage geführt hatte, vor Augen: Der Gottscheer Bauer hatte wegen des Arbeitskräftemangels das fortwährende Roden vernachlässigt und vor allem auf den Hutweiden und höher gelegenen Hügeln dem Wald den Vortritt
gelassen. Das Futterangebot sank, als weitere Folge ging der Viehbestand entscheidend
zurück. Weniger Milch und Dünger waren das Ergebnis. Weniger Dünger bedeutet weniger Feldertrag und Verminderung der Anbaufläche. Schlußfolgerung: Die Abwanderung
stieg weiter.
Der "Aufbauplan" kehrte diese rückläufige Entwicklung einfach um: Neurodung der Hutweiden und Wiesen = mehr Vieh = mehr Milch und Kälber = mehr Dünger = mehr Anbaufläche = insgesamt Steigerung des Umsatzes auf dem Bauernhof. Der Plan sah ferner
die Hereinnahme ertragreicherer Obstsorten und die konsequentere Pflege der Obstbäume, wie die Verwertung der Obsternten durch Süßmosterei vor. Fachleute zum Ausbau
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dieses Wirtschaftszweiges wurden aus Deutschland geholt. Systematisch sollte außerdem
der Fremdenverkehr ausgebaut werden. Zu diesem Zweck wurden aussichtsreiche Verhandlungen mit einem deutschen Reisebüro aufgenommen. Als ersten bemerkenswerten
Anziehungspunkt für die Fremden baute die Jugend in dem idyllisch gelegenen Walddorf
Pogorelz einen befestigten Weg. Als weitere Leistung im freiwilligen Arbeitsdienst befestigte sie den Wanderweg von Morobitz auf die Krempe, den schönsten Aussichtspunkt
des Gottscheerlandes in das schluchtartig eingeschnittene Kulpatal und die Berglandschaft Kroatiens, dann in der Nähe von Altfriesach eine Skihütte, und als Krönung baute
die Jugend des Oberlandes ein Kulturheim in Mitterdorf. Da gab es eine herbe Enttäuschung. Am Vorabend der Einweihung dieses Heimes wurde ein bei der Behörde angemeldeter Fackelzug durch Mitterdorf veranstaltet. Dieser wurde von auswärts herbeigeholten slowenischen Jugendlichen brutal beendet. Mit Schlagstöcken, Zaunlatten, Prügeln
und anderen "Geräten" bewaffnet, brachen sie aus der Finsternis und schlugen Frauen
und Kinder nieder. Die anwesenden Gendarmen schritten nicht ein. Die Gottscheer, auf
eine solche Tat nicht gefaßt, konnten sich gar nicht verteidigen, denn bevor die männlichen Teilnehmer auch nur ihre Fäuste gebrauchen konnten, waren die Spukgestalten
wieder im Dunkeln verschwunden. Ein ständig fließendes und sicheres Einkommen sollten zwei genossenschaftliche Einrichtungen, die für das "Ländchen" neu waren, den Bauern bringen: Koppelweiden und eine
moderne Molkerei. Die Musteranlage einer Koppelweide wurde, wiederum als freiwillige
Gemeinschaftsleistung der Jugend, im Ortsbereich von Hohenegg/Katzendorf angelegt.
Eine auf die Maße des Gottscheers zugeschnittene Molkerei ging in die Planung. - Um
auch den Mädchen und Frauen einen dauernden Nebenverdienst zu verschaffen, griff
man auf alte Formen der Heimarbeit zurück. Das farbenfrohe Besticken von Taschenund Trachtenkopftüchern wie das Weben von Gürteln wurde organisiert. Selbstverständlich wurde auch die Holzschnitzerei, die älteste Form der Gottscheer Heimarbeit, neu belebt. Auch für diese Wirtschaftszweige stand ein Fachmann aus Deutschland zur Verfügung. Um einen Markt für diese Erzeugnisse zu öffnen, wurde 1936 in Gottschee-Stadt
eine Genossenschaft gegründet, die den Vertrieb in Deutschland übernahm. In der
Sprachinsel selbst kümmerten sich um das Heimwerken besonders die Geschwister Hilde
und Herbert Erker aus Mitterdorf, Sophie Kren aus Ort sowie die Geschwister Olga und
Hans Spreitzer aus Pöllandl. Außerdem haben Herbert und Hilde Erker in unzähligen
Heimabenden alte deutsche und gottscheerische Lieder wieder zum Klingen gebracht.
Die Voraussetzung für das Gedeihen der teilweise völlig neuen Wirtschaftslage war jedoch das Funktionieren der Landwirtschaft. Hier war es mit Diskussionen und guten
Ratschlägen allein nicht getan. Man benötigte praktische Beispiele, das betriebswirtschaftliche Vormachen und - Geld! Woher nehmen? Nur eines war sicher: vom jugoslawischen Staat war kaum eine finanzielle Unterstützung zu erwarten.
Da hatte Dr. Hans Arko eine rettende, wiederum traditionsgebundene Idee: Er schlug
vor, die Reichsregierung zu bitten, das Hausierpatent Kaiser Friedrichs III. aus dem Jahre
1492 zu erneuern und den überlieferten Wanderhandel der Gottscheer in zeitgemäßer
Form und Zahl wieder aufleben zu lassen. Auf Dicks Betreiben erklärte sich das Reichswirtschaftsministerium dazu bereit, und veranlaßte bei der inneren Verwaltung das Nötige. Probeweise wurden in den Wintermonaten 1934/35 einige Dutzend ausgesuchte Bauern nach Deutschland entsandt, um das Hausieren erst einmal einzuführen. Der Versuch
glückte im Großen und Ganzen. Das Hausieren lief in der Form ab, wie es in diesem Buch
bei der Behandlung des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben ist. In den drei Wintern
von 1935/36 bis 1937/38 wurden dann jeweils rund 300 Männer zugelassen. Sie wurden
einzeln und in unterschiedlich großen Gruppen auf die für das außergewöhnliche Unternehmen geeignet erscheinenden Städte verteilt. In München arbeiteten beispielsweise 15
Mann, in Dessau/Anhalt waren es zwei, oder in Schwäbisch-Gmünd einer. Die Männer
übten ihr Geschäft in der überlieferten Tracht aus (siehe Abbildung im Buch). Sie wurden
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zuerst von Studenten und, von der Saison 1935/36 an, von Mitgliedern des VDA (Volksbund für das Deutschtum im Ausland) beraten und betreut.
Organisatorisch erfaßt waren die Männer aus der Sprachinsel im "Gottschee-Hilfswerk",
das in Gottschee-Stadt und in Dessau/Anhalt je eine Geschäftsstelle unterhielt. Die letztere wurde 1938 nach Berlin verlegt. In der Heimat richtete Dr. Arko in seiner Anwaltskanzlei ein Büro ein und besetzte es mit einer Fachkraft für Korrespondenz und Buchhaltung. Seltsam genug für Gottschee, daß in einer rein den Männern vorbehaltenen Einrichtung eine Frau die Geschäfte führte, Frau Paula Suchadobnik aus der Stadt.
Die Wanderhändler aus Gottschee hatten von ihrem Reingewinn einen bestimmten Prozentsatz für die Organisation des Hausierwerkes und für einen Härtefond, aus dem Fehlschläge finanziell ausgeglichen werden sollten, abzuliefern. Der Antragsteller mußte sich
bereits daheim verpflichten, seine Überschüsse gezielt in der eigenen Landwirtschaft einzusetzen. Außerdem mußte er schriftlich versprechen, nach Ablauf der Saison heimzukehren und nicht in Deutschland zu bleiben. Der Reingewinn bewegte sich in der Regel
zwischen wenigen hundert und mehreren tausend Mark. Wegen der Devisenbewirtschaftung durften die Hausierer ihren Verdienst nicht unmittelbar über Post oder Bank überweisen, sondern die Auszahlung erfolgte über die Spar- und Darlehenskasse in Gottschee.
Die Überschüsse des "Härtefonds", der kaum einmal in Anspruch genommen werden
mußte, waren als Grundstock für den Bau der Molkerei bestimmt. Die Pläne für den Bau
und das Netz von 22 Abrahmstationen waren 1938 fertig. Mit ihrer Ausführung sollte
1943 begonnen werden.
Wie aber stand es mit den praktischen Beispielen? Dick schlug vor, Jungbauern bzw.
Bauernsöhne zur landwirtschaftlichen Ausbildung nach Deutschland zu schicken. Willie
Lampeter aus Mitterdorf und Martin Sturm aus Loschin setzten diesen Gedanken in die
Tat um. Die beiden jungen Männer hatten sich bis 1937 als unumstrittene Führer der
bäuerlichen Jugend durchgesetzt. Wer genauer hinsah, konnte beobachten, daß sich
Lampeter eine disziplinierte Gefolgschaft herangezogen hatte. Die jungen Männer, die er
nun zur landwirtschaftlichen Ausbildung nach Deutschland schickte, gehörten diesem
Kreis an. Volker Dick bereitete auch ihnen die Wege. Die Ausbildung in den modernen
landwirtschaftlichen Betriebsmethoden geschah auf der Rauhen Alb, wo sie ähnliche klimatische und bodenqualitative Voraussetzungen wie in der Heimat antrafen. Sie arbeiteten im Sommer 1937 auf hierfür ausgewählten Höfen. Danach faßte Willi Lampeter die
rund 60 Mann zu einer "Winterschule" zusammen. Sie hatte den Zweck, den künftigen
Musterbauern das theoretische Rüstzeug für ihre wirtschaftlichen Führungsaufgaben zu
vermitteln.
Dr. Arko und Pfarrer Eppich befanden sich angesichts dieser Aktivitäten - auf das Gottscheerland bezogen - in einer innenpolitisch schwierigen Lage. Auf der einen Seite sahen
sie mit Genugtuung den Bemühungen der Jugend um die Sicherung der Zukunft des
Gottscheerlandes zu, zum anderen sahen sie aber auf Grund ihrer Erfahrungen voraus,
daß die jugoslawischen Behörden sie keinesfalls gewähren lassen würden. Da sich, zum
Dritten, die Jugend nichts mehr dreinreden ließ, versuchten die beiden "Alten" wenigstens auf dem kulturellen Sektor gegenzusteuern und - vielleicht! - noch etwas zu retten.
Am 13. August 1935 überreichte Dr. Arko dem neuen jugoslawischen Ministerpräsidenten
Dr. Milan Stojadinavic eine Denkschrift mit der Bitte, wenigstens die restlichen deutschen
Schulabteilungen bestehen zu lassen und dafür die erforderlichen deutschen Lehrkräfte
zu genehmigen. Die gleiche Denkschrift übermittelte er im Oktober 1935 der Banschaftsverwaltung in Laibach. Diese gab erst im Herbst 1936 eine Antwort dahingehend, sie
könne so lange für Gottschee nichts tun, wie in Kärnten Slowenen entnationalisiert würden. Pfarrer Eppich unternahm darauf in Wien und Klagenfurt Vorstöße mit dem Ziel, die
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paritätische Behandlung der slowenischen Minderheit in Kärnten und in der Gottschee zu
erreichen. Den Kärntner Slowenen wurde volle Kulturautonomie angeboten, der Chef der
Banschaftsverwaltung in Laibach aber war nicht einmal bereit, eine Vertretung der Gottscheer anzuhören. Er begründete seine ablehnende Haltung mit der Bemerkung, die Banschaftsverwaltung sei hierfür nicht zuständig. Hier trat das slowenische Gesamtkonzept
in Sachen Gottschee abermals zutage. Der Banus erklärte sich für die Minderheitenrechte
der Gottscheer für nicht zuständig, wohl aber für jene der Slowenen in Kärnten. Im eigenen Land fühlte er sich demgemäß nur für die Ausrottung der Gottscheer zuständig.
Von Seiten des Ministerpräsidenten Stojadinovic erging überhaupt keine Antwort an Dr.
Arko. In der großen Politik galt er jedoch als deutschfreundlich. Möglicherweise war daher
seine Hand im Spiel, als im Sommer 1935 die Zügel, die man dem "Schwäbischdeutschen Kulturbund" angelegt hatte, gelockert wurden.
Daß man in Laibach das Gesamtkonzept zur Beseitigung der Sprachinsel Gottschee
schließlich auch auf den wirtschaftlichen Sektor ausdehnte, bewies im Juni 1936 der Erlaß eines "Grundverkehrsgesetzes". Es bestimmte, daß jeder Besitzwechsel innerhalb
einer 50-km-Zone entlang der Staatsgrenze vom Kriegs- bzw. Innenministerium genehmigt sein müsse. Dieses Gesetz bedeutete, obwohl Gottschee innerhalb der 50-kmSperrzone lag, noch keinen lebensbedrohenden Eingriff. Dieser wurde allerdings bereits
im Dezember im Rahmen der Durchführungsbestimmungen nachgeholt. Darin wurde eine
Kommission eingesetzt, die von Fall zu Fall zu prüfen hatte, ob der jeweilige Besitzwechsel im Interesse des Staates lag oder nicht. Mit anderen Worten: Ein Besitzwechsel der
Gottscheer untereinander war nunmehr ausgeschlossen. Was beabsichtigt war, zeigte die
Praxis sehr bald. Frei gewordene Besitze von Gottscheern konnten von Slowenen für ein
Spottgeld erworben werden. Die slowenischen Jugendorganisationen "Sokol" und "Orjuna" unterstrichen die Maßnahmen der Behörden mit verbalen Drohungen, deren geschmackloseste lautete: "Wir werden den Hauptplatz in Gottschee mit euren Köpfen pflastern."
Die rechtliche Unsicherheit erreichte immer neue Höhepunkte. Dr. Michitsch umreißt sie
in der Kulturbeilage Nr. 58 der "Gottscheer Zeitung" wie folgt:
"Rechtsunsicherheit, mangelnder Rechtsschutz gegen Ermessensmißbrauch, Fehlen einer
innerstaatlichen Instanz, die bei einer Verletzung des Minderheitenschutzes hätte befaßt
werden können, die Völker- und staatsrechtlich völlig unzulässige Diskriminierung der
nationalen Minderheit durch Verordnungen und Dekrete behördlicher Willkür."
Die Praxis dieser "Rechtslage", der Widerstand gegen dieses System der Unterdrückung,
wuchs namentlich bei der Jugend. Sie hatte einen Weg gesucht und gefunden, den weiteren wirtschaftlichen Verfall aufzuhalten, weil sie es als ihr legitimes Menschenrecht ansah, nicht tatenlos zuzusehen, wie die Heimat von politischen Mächten zugrundegerichtet
wurde. Sie fand auch einen Weg, um wenigstens notdürftig einen kulturellen Ausgleich zu
schaffen. Ein unsichtbares Ringen um die Mundart und die Schriftsprache hatte eingesetzt. Wo dies möglich war, erteilten die wenigen Geistlichen jungen und älteren Menschen deutschen Sprachunterricht. Hunderte von Fibeln tauchten auf und gingen von
Hand zu Hand.
Immer lauter erhob sich in den Jahren 1936 und 1937 der Vorwurf gegen die alte Führung, sie tue zu wenig zur Durchsetzung der Lebensrechte und der kulturellen Forderungen der Gottscheer. Die Jugend meinte, sie selbst könne durch energischeres Auftreten
eine Änderung der staatlichen jugoslawischen Minderheitenpolitik in Gottschee erzwingen. 1938 hielt Lampeter dann die Zeit für gekommen, die Volksgruppenführung zu übernehmen. Er ging allerdings von einem entscheidenden Trugschluß aus: Ohne daß es
ausgesprochen wurde, erwartete er, das Deutsche Reich werde das betont zielstrebige
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Auftreten einer jungen Volksgruppenführung gegenüber dem jugoslawischen Staat offiziell abdecken. In einem Punkt schien es freilich so zu sein. Im November 1938 erhielt Dr.
Hans Arko von der "Arbeitsstelle" Gottschee im VDA, Berlin, die Mitteilung, er sei als
Volksgruppenführer abgesetzt. Woher die Initiative zu diesem Brief kam, war leicht zu
erraten. Daheim warf man dem Abgesetzten unter anderem noch Vetternwirtschaft bei
der Auswahl der Hausierer vor. Verbittert resignierte der Rechtsanwalt. Er hatte nicht
einmal die Möglichkeit erhalten, in angemessener Form freiwillig abzutreten. Der geistliche Rat in Mitterdorf aber wartete nicht erst ab, bis die Reihe an ihm war. Er übergab
zum 1. Jänner 1939 die Schriftleitung der "Gottscheer Zeitung" an einen jungen Mann,
den Berufsjournalisten Herbert Erker. Seine journalistische Ausbildung hatte er beim
"Deutschen Volksblatt", der Tageszeitung der Deutschen in Jugoslawien, in Neusatz (Novi
sad) erhalten, deren Hauptschriftleiter war ja der Gottscheer Dr. Franz Perz aus Mitterdorf.
Ein dreiköpfiges Gremium, bestehend aus Kaufmann Josef Schober (Stadt Gottschee),
Willi Lampeter und Martin Sturm, wurde geschaffen. Schober übernahm den Vorsitz und
wurde künftig als "Volksgruppenführer" bezeichnet. Er war bis dahin im öffentlichen Leben kaum hervorgetreten. Die Tatsachen sollten auch bald beweisen, daß der noch jugendliche Lampeter (Geburtsjahr 1919) den wesentlich Älteren lediglich als Aushängeschild benutzte. Die zahlreiche Anhängerschaft Lampeters aber fühlte sich durch die neue
Entwicklung in ihren Ansichten, Absichten und Leistungen bestätigt.
Eine der ersten Maßnahmen des neuen Führungsgremiums war die Überreichung einer
Ergebenheitsadresse an den deutschen Konsul in Laibach. Darin hieß es unter anderem,
die Gottscheer seien bereit, Weisungen aus dem Reich entgegenzunehmen. In die politische Wirklichkeit übertragen sollte das jedoch nicht bedeuten, daß sie auf ihre gewachsene Traditionen verzichten wollten. Sie sympathisierten zwar mit den "Erneuerern" im
donau-schwäbischen Raum, ohne jedoch auf ihr politisches Konzept bedingungslos einzugehen. "Die Gottscheer Führung hatte ganz klare, politische Vorstellungen", erläuterte
der damals 19jährige Jugendführer in Gottschee, Richard Lackner, Erich Petschauer 1973
in einem Gespräch über die dreißiger Jahre und fuhr fort: "Wir wußten, daß wir auf keinen Fall Einfluß auf allgemein politische und staatspolitische Veränderungen nehmen
konnten, und unsere ganze Konzeption war auf der Tatsache aufgebaut, daß wir uns als
Sprachinsel im jugoslawischen Königreich befinden, daß wir aus dieser Situation heraus
tätig sein müssen, um den Untergang, die Vernichtung von Gottschee zu verhindern."
Trotz der Ergebenheitsadresse und der vordergründigen programmatischen Einordnung
in die Zwänge des großen politischen Kraftfeldes bewahrte sich die neue Führung innerlich einen gewissen Vorbehalt hinsichtlich der Handlungsfreiheit der Gottscheer. Er klingt
auch bei Richard Lackner 1973 noch nach: "... weil wir aus einem sehr eigenständigen
Denken und eigenständiger Sicht unsere Sache selbst machen wollten. Wir wollten den
Typ des Gottscheers schaffen, der bereit war, die Erneuerung seiner Heimat mitzumachen."
Berlin, 1. September 1939. Hitler greift Polen an. Drei Wochen später: Die Republik Polen
existiert nicht mehr.
Berlin, 6. Oktober 1939. Hitler gibt in einer Reichstagsrede bekannt, er halte es für notwendig, die Nationalitäten in Europa umzusiedeln, damit die Grenzen zwischen den Völkern genauer gezogen werden könnten. Das deutsche Volk werde seine Vorposten zurückziehen. Daß ihm damit ernst zu sein schien, wurde tags darauf deutlich. Er ernannte
den Reichsführer SS, Heinrich Himmler, zum "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums". Die neue Aufgabenstellung Himmlers war so neu nicht mehr, wie sich
an der von langer Hand vorbereiteten Südtiroler Umsiedlung erwies. Der mit den Italienern ausgehandelte Umsiedlungsvertrag war im Juni 1939 in Kraft getreten, die VerhandGedruckt von http://www.gottschee.at
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lungen mußten also bereits Monate vorher begonnen haben. Im August und September
1939 richteten sich die italienischen und deutschen Umsiedlungsdienststellen in Südtirol
ein.
Die deutschen Volksgruppen in Ost- und Südosteuropa gerieten in Panik. Sie nahm auch
in Jugoslawien Ausmaße an, daß sich der deutsche Gesandte in Belgrad genötigt sah, im
"Deutschen Volksblatt" die wenig glücklich formulierte Erklärung abzugeben, die Umsiedlung der Deutschen aus Jugoslawien sei "nicht aktuell".
Heinrich Himmler hatte durch die Ernennung zum "Reichskommissar für die Festigung
deutschen Volkstums" erheblichen Machtzuwachs erfahren. Zur Steuerung des neuen
Arbeitsgebiets errichtete er in Berlin das "Stabshauptamt" und unterstellte es dem damaligen Brigadeführer Ulrich Greifelt. Dem Reichskommissar wurden auch die volkspolitisch
tätigen Organisationen im deutschen Reich unterstellt, vor allem die "Volksdeutsche Mittelstelle" (VOMI), die dem "Stab des Stellvertreters des Führers" angehört hatte, und der
"Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA)", der sich trotz Unterstellung unter die
VOMI noch eine gewisse Selbständigkeit als kultureller Betreuer deutscher Menschen mit
fremder Staatsangehörigkeit bewahrt hatte. Die Festigung dieses Volkstums war nun
nicht mehr gefragt.
Begreiflicherweise waren auch die Gottscheer von der Ankündigung Hitlers tief betroffen.
Gerüchte liefen von Dorf zu Dorf, niemand wußte etwas Genaues. Die Führung der
Sprachinsel schwieg. Sie handelte nach außen so, als ob es keine Umsiedlung geben
würde. Die überraschend vorgenommene und uneingeschränkte Zulassung des Kulturbundes schien ihr recht zu geben. Die jugoslawische Regierung sprach die Genehmigung
mit dem Hinweis aus, man sei in Kärnten den Slowenen entgegengekommen. Innerhalb
weniger Wochen entstanden 25 Ortsgruppen des Kulturbundes, auch in Dörfern, in denen
noch keine bestanden hatte.
Die Neuzulassung der Kulturbundorganisation gestattete es Willi Lampeter, einen schon
länger gehegten Plan zu verwirklichen: Im Herbst 1939 stellte er die "Gottscheer Mannschaft" auf. Die Kulturbundsatzung wurde zu diesem Zweck dergestalt umgebaut, daß
jedes Bundesmitglied zwischen 18 und 50 Jahren der "Mannschaft" automatisch angehörte. Lampeter trat als "Mannschaftsführer" an ihre Spitze. In den Ortsgruppen hießen die
Leiter der Mannschaftsabteilung "Sturmführer". Eine lebhafte kulturelle Tätigkeit kam
rasch in Gang. Sie war verbunden mit disziplinären Pflichtübungen nach dem Muster
reichsdeutscher Organisationen.
Die zur Schau getragene, fast hektische Geschäftigkeit - bei gleichzeitigem Schweigen
über die Umsiedlung - bedeutete jedoch nicht, daß der innere Führungskreis der Volksgruppe intern der Diskussion über die Frage, umsiedeln oder nicht, auswich. Er war sich
durchaus bewußt, daß die Gottscheer nun nicht nur zwischen zwei, sondern zwischen drei
Feuern standen. Einmal waren sie immer noch mit dem Vernichtungsfeldzug der Slowenen konfrontiert, zum anderen glaubten sie, einen Weg gefunden zu haben, um den Lebens- und Volkstumskampf auf dem eigenen Boden so lange bestehen zu können, bis,
auf die Dauer gesehen, eine gütliche Lösung des Gottschee-Problems erfolgte. Jedoch
drittens, just jene politische Macht, die allein imstande gewesen wäre, eine solche zu
erzielen, wollte sie irgendwohin verpflanzen. Was konnten die Gottscheer tun, was durften sie tun?
Die jungen Männer an der Spitze, die ja noch keine politische Erfahrung besitzen konnten, waren ratlos.
Alle Diskussionen endeten in derselben Sackgasse: Es gab keinen Ausweg, als umzusiedeln. Der Kreis um Lampeter glaubte, wenn die Umsiedlung schon nicht zu umgehen war,
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daß er dann wenigstens auf deren Zielsetzung würde Einfluß nehmen können. Er beschloß, die diesbezüglichen Wünsche und Vorstellungen der nächsten, erreichbaren deutschen Instanz, dem deutschen Konsul in Laibach, vorzutragen. Dies geschah am 6. November 1939, vier Wochen nach der Hitlerrede. Frensing berichtet über das Gespräch
und kommentiert es auf Seite 25 seines Buches über die Umsiedlung der Gottscheer wie
folgt:
"Im ersten Punkt machten sie schon die entscheidende Konzession. Auch in der Frage der
Umsiedlung habe das Interesse der Volksgruppe hinter dem Interesse des gesamten Volkes zu stehen. Von dieser Basis aus waren die folgenden Überlegungen der Gottscheer
entscheidend relativiert und, zugespitzt formuliert, fast bis zur Belanglosigkeit degradiert.
Die Gottscheer gaben sich einer gefährlichen Illusion hin, wenn sie meinten, man müsse
sie erst einmal zu dem Problem hören und sie könnten dann in einer konkreten, geschichtlichen Situation an den Grundsätzen Hitlerscher Außen-und Umsiedlungspolitik
nach ihren Vorstellungen Korrekturen anbringen. Aus dem Blickwinkel nationalsozialistischen Denkens mußte es daher als geradezu ketzerhaft empfunden werden, daß die
Gottscheer eine vom "Führer" unumstößlich festgelegte Entscheidung als nicht ausreichend für eine eventuelle Umsiedlung betrachteten. Die Tatsache, daß die Gottschee in
die italienische Interessenssphäre fällt, ist für die Volksgruppenführung kein Argument,
das die Absiedlung in genügendem Maße begründen kann. Der Gottscheer Hinweis auf
den deutsch-russischen Pakt als Beweis dafür, daß sehr plötzlich ein völliger Umschwung
im Verhältnis verschiedener Mächte eintreten kann, entbehrte gewiß nicht der peinlichen
Pikanterie."
Frensing fährt weiter unten fort: "Es war der Wille der Gottscheer Führung, bei einem
Zerfall des südslawischen Staates, ans Reich "angeschlossen" zu werden. Das hatte sich
bereits 1939 während der Märzunruhen unter den Volksdeutschen Sloweniens gezeigt,
als diese nach der Okkupation der "Resttschechoslowakei" offen den Anschluß forderten.
Ein Mitglied der Gottscheer Führung hatte sogar am 13. April 1939 von Graz aus ein Telegramm an Hitler mit der Bitte um "Anschluß" geschickt, in dem die Sorge vor einer Einverleibung der Gottschee durch Italien, das gerade Albanien angegriffen hatte, anklang."
Die Gottscheer Bauern und Bürger erfuhren auch über diese Laibacher Besprechung
nichts. Der politische Innendruck in der Sprachinsel stieg unaufhaltsam. Jedes andere
Thema als die möglicherweise unausweichliche Umsiedlung war in den Hintergrund getreten. Indessen wuchs aber auch die Zahl der Umsiedlungsgegner.
Die "Stürme" wurden ausgebaut. Die Gendarmerie und slowenische Nationalisten nahmen bei Veranstaltungen der Gottscheer wiederholt eine drohende Haltung ein. In dieser
spannungsgeladenen Atmosphäre erschien 1940 ein schmales Bändchen unter dem Titel
"Die Wirtschaftsfragen des Gottscheer Bauern" aus der Feder von Willi Lampeter und
Martin Sturm. Es wirkte wie ein kleines, tröstliches Versprechen auf die Zukunft, denn es
enthielt manchen guten Ratschlag für den Gottscheer Bauernhof.
Nichts erfuhren die Gottscheer, diesmal einschließlich der Führung, über das Spiel hinter
den Kulissen in der Reichshauptstadt. Der Chef der Volksdeutschen Mittelstelle, SSObergruppenführer Werner Lorenz, hielt beispielsweise in einem Vermerk vom 27. Juni
1940 fest, daß "im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland
und Jugoslawien zwar die Annexion von Teilen der Südsteiermark und Oberkrains an das
"Deutsche Reich" vorgesehen war, nicht aber die der Gottschee". Auch Lorenz betrachtete selbstverständlich das Gottscheerland als zur italienischen Interessenssphäre gehörig
und forderte konsequenterweise die Umsiedlung seiner Bewohner (Frensing, S. 26). Er
gab damit sicher nicht seinen eigenen Gedankengang wieder. Und noch eines ist in dem
Vermerk beachtenswert: Der Obergruppenführer wußte bereits im Juni 1940 von einer
militärischen Auseinandersetzung mit Jugoslawien.
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Inzwischen war die "Heim-ins-Reich-Bewegung" proklamiert worden und angelaufen.
Über die eigentlichen Hintergründe erfuhren die betroffenen Volksgruppen ebensowenig
wie das deutsche Gesamtvolk. Nicht um die europäischen Grenzen neu ordnen zu können, sondern aus rein macht- und volkspolitischen Erwägungen hatte Hitler am 6. Oktober 1939 die Zurücknahme der deutschen "Außenposten" angekündigt. Er und Himmler
wollten vielmehr das biologische Defizit, das auf den deutschen Volkskörper zukam, ausgleichen. Bevölkerungsstatistiker, so vor allem der damalige Präsident des Bayerischen
statistischen Landesamtes, Prof. Dr. Friedrich Burgdörfer, hatten bereits in den zwanziger
Jahren exakt voraus berechnet, daß das deutsche Volk in den siebziger Jahren des 20.
Jahrhunderts sichtbar abnehmen würde, weil in der deutschen Bevölkerungspyramide die
annähernd zwei Millionen Gefallenen des ersten Weltkriegs sowie ihre ungeborenen
Nachkommen fehlen, die beiden mächtigsten Männer des Dritten Reiches kalkulierten
auch ein, daß der zweite Weltkrieg weitere schwere Opfer fordern und das Defizit von
1914 bis 1918 beträchtlich erhöhen würde. Andererseits stand auf dem Territorium der
früheren Habsburger Monarchie - einschließlich der Sudetendeutschen - ein wertvolles
Menschenpotential von rund 10 Millionen zur Verfügung. Die Sudetendeutschen waren
1940 bereits in den Reichsverband eingegliedert, die Balten-Deutschen ebenfalls ins
Reich eingeholt, es harrten also noch die Jugoslawien-, Ungarn- und RumänienDeutschen, zusammen wiederum etwa 2,5 Millionen, der Umsiedlung ins Reich. Im wesentlichen handelte es sich bei diesem Diaspora-Deutschtum um die Nachkommenschaft
von Siedlern, die in zeitlich weit auseinanderliegenden Kolonisationsphasen in ihren Siedlungsgebieten angesetzt worden waren, die Siebenbürger (1140 bis 1160) und die Donauschwaben in der südungarischen Tiefebene während der Regierungszeit Maria Theresias (1740 bis 1780).
Daß es den Machthabern des Dritten Reichs wirklich auf die Hereinnahme auch dieser
südosteuropäischen Volksdeutschen zur Auffüllung des biologischen Defizits ankam, läßt
sich mühelos aus ihrem Verhalten beziehungsweise der volkspolitischen Befehlslage in
der Umgebung Himmlers herausfiltern: Auf der einen Seite hieß es, man wolle diese
Deutschen nicht als Kulturdünger für andere Völker verkommen lassen. Welch ein Widerspruch zum Machtbewußtsein in der Reichskanzlei zu Berlin! Als ob das "Großdeutsche
Reich", das sich auf unabsehbare Zeit als die größte Militärmacht Europas verstand, irgendeine andere Regierung hätte fragen müssen, wenn es die Volksdeutschen in ihrem
Lande hätte fördern wollen. Und zum anderen: 1939/40 entstand im Stabshauptamt in
der Hauptabteilung "Menscheneinsatz" unter der Regie des SS-Obersturmbannführers Dr.
Fähndrich eine streng vertrauliche Sammlung aller bis dahin erlassenen Befehle und Anordnungen zur "Festigung Deutschen Volkstums".
Der Herausgeber schrieb in der Einleitung unter anderem:
1. Die "außerhalb der Interessenssphäre des großdeutschen Reiches" lebenden
Deutschen seien "nach Maßgabe der Dringlichkeit und Notwendigkeit" umzusiedeln. Sie würden dadurch "von ihrer Rolle als Kulturdünger fremder Staaten" befreit.
2. Dieser Ruf des "Führers" bedeute eine "völlige Revolutionierung der früheren
deutschen Volkstumspolitik", denn die bisherige "vielfach romantisch gefärbte
Schwärmerei, die sich an der Verstreutheit der Deutschen ... begeisterte", sei
nach dem Grundsatz umgeformt worden: "Hereinnahme des wertvollen deutschen
Blutes zur Stärkung des Reiches selbst."
3. Das "Gefühl der blutlichen Verbundenheit zum deutschen Gesamtvolk", das die
Volksdeutschen bewiesen hätten, sichere ihnen "zumindest ein moralisches Anrecht auf eine gute Aufnahme im Reich . .. und auf die Bereitstellung einer gesunden Existenzgrundlage".
4. Trotz des Verlustes der alten Heimat sei das Reich gegenüber dem Volksdeutschen in "viel größerem Maße .. der gebende Teil".
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Dies verpflichte die "heimgekehrten Deutschen, sich in die Disziplin, die Zucht und die
Ordnung des Großdeutschen Reichs organisch einzufügen". Dazu stellte Dr. Fähndrich
zwei konkrete Forderungen auf:
"Mit der Hereinnahme einer Volksgruppe in das Reich hört die frühere Volksgruppenorganisation auf zu bestehen, denn über der Volksgruppe steht das Reich."
und
"Die Begriffe des Baltendeutschen, des Wolhynien- und Bessarabien-deutschen
usw. müssen vielmehr in kürzester Frist ausgetilgt sein."
Auch die Gottscheer sollten sehr schnell mit dem obigen Konzept des "Reichskommissars
für die Festigung Deutschen Volkstums" Bekanntschaft machen. Wie wir aus dem oben
zitierten Aktenvermerk des SS-Obergruppenführers Lorenz wissen, trug sich Hitler spätestens schon in der ersten Hälfte des Jahres 1940 mit dem Gedanken, Jugoslawien militärisch niederzuringen und aufzuteilen. Der Belgrader Staatsstreich vom 27. März 1941,
der eine allgemeine Verheerung im Lande nach sich zog, erschien ihm als eine günstige
Gelegenheit zur Ausführung dieses Plans. Am 6. April 1941 rückten die deutschen Truppen in das Königreich Jugoslawien ein und schalteten in wenigen Tagen seine nicht sehr
schlagkräftige Armee aus. Der deutsche Angriff war für sie völlig überraschend gekommen. Auch für die Gottscheer! Was sie befürchtet hatten, trat ein: Am 20. April 1941
wurden in Wien die Trümmer des Südslawenstaates "neu geordnet". Mussolini hatte seinen Außenminister-Schwiegersohn, Graf Galeazzo Ciano, zu der Konferenz entsandt. Die
Italiener erhielten Unterkrain mit der Region Laibach, das Reich behielt Oberkrain als
neuen Bestandteil des Gaues Kärnten, sowie die Untersteiermark, die dem Gau Steiermark angegliedert und von Marburg an der Drau aus verwaltet wurde. Den Kroaten wurde ein eigener Staat zugestanden und Altserbien selbständig belassen.
Der Verfasser des vorliegenden Buches ist der Ansicht, dass es keineswegs Hittlers
Hauptziel war, Jugoslawien aufzuteilen, um es dabei bewenden zu lassen. Gewiß war die
Zerschlagung Jugoslawiens die Voraussetzung für die Eroberung Rumäniens, womit er
sich den Weg zur Schwarzmeerküste freischlug und die Aufmarschbasis zu Lande gegen
die Sowjetunion vervollständigte. Die Eroberung Albaniens und Griechenlands war ein
unübersehbares Signal, daß Mussolini den italienischen Anspruch auf das "mare nostrum"
zu verwirklichen gedachte. Innerhalb dieses Zwischenspiels der sogenannten großen Politik sieht plötzlich der Verzicht Hitlers auf Südtirol ganz anders aus, erhält selbst das kleine Gottscheerland für das deutsch-italienische Verhältnis ein neues Gesicht: Der Diktator
in Berlin opferte in seiner kontinentalen Schachpartie zwei Bauern, um von dem Diktator
in Rom bei dem großen Zug mit der Dame nicht gestört zu werden. Als der Letztere aber
merkte, daß ihn sein Freund jenseits der Alpen überfahren hatte, war es zu spät.
Die Gottscheer aber mußten seit der Zerschlagung Jugoslawiens einen Nervenkrieg ohnegleichen durchstehen. Sie waren tagelang überzeugt, daß die deutsche Wehrmacht das
"Ländchen" besetzen würde. Die Dörfer, durch welche die Panzerkolonnen in die Stadt
fahren mußten, legten Girlandenschmuck an. Lampeters "Mannschaft" handelte so, als ob
die Wehrmacht ihre Tätigkeit als vernünftig und zweckmäßig gutheißen würde. Die jungen Männer übernahmen den Sicherheits- und Ordnungsdienst im Siedlungsgebiet. Der
noch amtierende Bezirkshauptmann wurde vom "Mannschaftsführer" beauftragt, der
Gendarmerie zu befehlen, daß sie ihre Waffen an die "Stürme" abliefere. (Persönliche
Mitteilung von Richard Lackner). Außerdem erhielten die Gottscheer die ihnen vorher
abgenommenen Waffen, auch die Jagdgewehre, zurück. Am 13. April 1941 übernahm
dann Willi Lampeter aus eigener Machtvollkommenheit die Leitung der Bezirkshauptmannschaft Gottschee. Auf die bundesdeutsche Verwaltungsebene übertragen, hieß das,
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er hatte sich selbst zum kommissarischen Landrat ernannt. Sein Amtssitz war das Schloß
Auersperg in der Stadt Gottschee.
Die Hoffnung und Erwartung steigerten sich zu fieberhafter Unruhe, als sich der Einmarsch der Wehrmacht immer weiter verzögerte. Eine Delegation von Gottscheern eilte
nach Rudolfswerth, wo die Truppen Hitlers angeblich haltgemacht hatten. Der deutsche
Abschnittskommandeur empfing sie freundlich, erklärte aber, er besitze keinen Befehl,
die erreichte Linie zu überschreiten. Der Delegation wurde damit klar, daß sie an der
Demarkationslinie zwischen den deutschen und italienischen Interessengebieten stand.
Anstelle einer Vorausabteilung der deutschen Wehrmacht traf ausgerechnet am 20. April
1941, dem Konferenztag von Wien, in Gottschee die Mitteilung des "Reichskommissars
für die Festigung deutschen Volkstums" ein, daß die "Volksgruppe Gottschee" umgesiedelt werde. Drei Tage später bestätigte Adolf Hitler persönlich einer Abordnung der
Sprachinsel, daß er den Gottscheern eine "historische Aufgabe als "Wehr- und Grenzbauern" stelle. Lampeter und sein Kreis aber hielten die Mitteilung Himmlers über die Umsiedlung und den Inhalt des Gesprächs mit Hitler vorläufig geheim. Und während der
"Führer" in Marburg an der Drau die Delegation aus Gottschee empfing, rückte eine italienische Vorausabteilung in der Stadt ein. Ihre erste Maßnahme war die Absetzung Willi
Lampeters als Bezirkshauptmann. Nur zehn Tage hatte er sein Amt ausgeübt. Der Traum
der kleinen Volksinsel im Karst von der Selbständigkeit war zum dritten- und letztenmal
ausgeträumt.
Das Gottscheer Völkchen erstarrte vor Angst. Die Führung wurde mit Fragen bestürmt.
Sie wich mit ablenkenden Erklärungen aus. Nichts verlautete weiter über Marburg, nichts
über die eigenen Ansichten, nicht einmal das, was sich jedermann nach dem Einmarsch
der Italiener ausrechnen konnte, nämlich die Umsiedlung, wurde bestätigt.
Wann? Wohin?
Die Jugend und politisch Einsichtige fanden sich mit dem voraussehbaren Schicksal ab.
Manche der Hausierer der Jahre 1934 bis 1938 dachten an Deutschland als Umsiedlungsziel, dachten an "ihre" Städte - vielleicht ließen sie einen nach dem Krieg ein paar Winter
hausieren, damit man sich ein neues Zuhause aufbauen konnte?
Nun, nach mehreren Jahrzehnten, ist es leichter als unter dem Druck der Ereignisse des
Frühjahrs 1941 zu beurteilen, ob die Führung der Gottscheer verantwortungsbewußt
handelte oder nicht. Aus ihrer eigenen Sicht tat sie dies, heutzutage aber ist man geneigt, zu sagen, daß sich diese Frage überhaupt nicht stellt, denn sie hätte gar nicht anders handeln können, als sie es tat. Eines freilich ist sicher, sie vergriff sich im Ton. Dieser aber war zeitbedingt. Teile der Bevölkerung hielten sich durch die jungen Leute für
gegängelt. Andererseits war der Führungskreis selbst ja noch nicht über alle Details des
Wann und Wohin unterrichtet. Unter diesen Umständen kann man es bis zu einem gewissen Grade verstehen, daß die Führung nervös wurde. Wenn sie auch keine großen Massen zu leiten hatte, so war es, vor allem menschlich, gewiß keine leichte Aufgabe, die
Konkursverwalter eines jahrhundertealten Familienunternehmens sein zu müssen, das
ohne direktes, eigenes Verschulden von einem Großkonzern in "Existenznot" gebracht
wurde. Aber gerade weil die Führung glaubte, schweigen zu sollen, wurden das Für und
Wider der Umsiedlung erst recht immer leidenschaftlicher erörtert. Als dann der Führung
bewußt wurde, daß das "Wider" zu überwiegen begann, reagierte sie mit einem grellen
Mißton: In der "Gottscheer Zeitung" vom 1. Mai 1941 - es sind, wohlgemerkt, noch keine
vier Wochen seit dem Zusammenbruch Jugoslawiens vergangen - griff sie "die Miesmacher" mit außerordentlich gefährlich klingenden Drohungen an. Doch nicht nur den eigenen Landsleuten, sondern auch der italienischen Besatzung gegenüber glaubte der Führungskreis die Selbständigkeit seiner Entschlüsse dokumentieren zu müssen. Am 2. Mai
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1941 erschien der Volksgruppenführer Josef Schober beim italienischen Hohen Kommissar Emilio Grazioli in Laibach, überreichte ihm eine Ergebenheitsadresse an Mussolini und
trug die Wünsche und Vorschläge der Gottscheer an die faschistische Zivilverwaltung der
Provinz Laibach vor. Signor Grazioli sagte zu, alle Fragen einvernehmlich mit der Volksgruppe zu behandeln. Es sollte sich jedoch sehr bald zeigen, daß der Hohe Kommissar
nicht im entferntesten daran dachte, die Volksgruppenführung nach ihrer Meinung zu
fragen oder sich vielleicht sogar nach dieser zu richten. Das galt insbesondere für die
italienische Auffassung von den Slowenen.
In dem Bestreben, nach allen Seiten unabhängig zu erscheinen, gab sich das Führungsgremium Schober - Lampeter - Sturm auch in Berlin betont selbstbewußt. Das Stabshauptamt hatte es für Mitte Mai zu einer Besprechung "eingeladen". Man wollte in der
Reichshauptstadt wissen, ob sich die Volksgruppenführung personell und organisatorisch
der Umsiedlungsaufgabe gewachsen fühle. Durch Vorlegen der "Gottscheer Zeitung" vom
8. Mai 1941 - das Blatt erschien zum damaligen Zeitpunkt einmal wöchentlich - bewies
sie, daß ein eigener Führungsstab aus eigener Initiative bereits aufgestellt war. Und dort
hieß es:
"Der Volksgruppenführer hat angeordnet, folgende Ämter zu bilden:
a. Volksgruppenführung, Amtsleiter der Volksgruppenführer (Josef Schober),
b. Der Stab der Mannschaft, Amtsleiter der Mannschaftsführer Willi Lampeter, zugeteilt für die
Wirtschaft der Stabsführer Martin Sturm, für das Ernährungswesen Johann Schemitsch.
c. Jugendführung, Amtsleiter der Jugendführer Richard Lackner,
d. Dienststelle für Organisation und Propaganda, Amtsleiter der Stabsführer Altred
Busbach, zugeteilt der Schriftleiter Herbert Erker."
Von der Umsiedlung ist allerdings in dieser Anordnung des Volksgruppenführers noch
keine Rede. Aus der Sicht des Dreier-Gremiums war die Berliner Reise ein voller Erfolg,
hatte doch das "Stabshauptamt" seinen Vorschlag, die Umsiedlung möglichst bald durchzuführen, und die Gottscheer wieder geschlossen anzusiedeln, gutgeheißen. Keine Bedenken bestanden außerdem gegen die Absicht, die Umsiedlungswilligen nach Mischehen
mit Slowenen und Besitzlosen bzw. Bauernunfähigen und Kleinstbesitzern (später auch
nach "politisch Unzuverlässigen") einzuteilen und bei der Ansiedlung anders zu behandeln
als das große Ganze. Greifelt war auch damit einverstanden, daß die Volksgruppenführung die Umsiedlung allein durchführte. Die Volksgruppenleitung durfte sich somit legitimiert fühlen, den Auszug der Gottscheer nach ihrem Ermessen vorzubereiten und in die
Wege zu leiten. Das tat sie denn auch. Und jetzt erst, da sie in ihren Augen die ganze
Handlungsfreiheit besaß, bestätigte sie in vollem Umfang das über die Gottscheer hereingebrochene Unglück. In der Ausgabe Nr. 21 der "Gottscheer Zeitung" vom 22. Juni 1941
erschien der folgende, von Schober und Lampeter unterzeichnete Aufruf an alle Gottscheer:
"Gottscheer Volksgenossen und Volksgenossinnen! Der Führer ruft uns heim ins
Reich Erwartet in eiserner Disziplin seinen Befehl! Zeigt durch Arbeit und Fleiß
noch in letzter Stunde, daß Ihr würdig seid. Deutsche Adolf Hitlers zu sein! Die
Arbeit des Jahres 1941 in der alten Heimat soll aller Welt beweisen, daß wir, wie
durch 600 Jahre, auch im letzten Jahr unserer Volksdeutschen Prüfungszeit den
Karst bewohnen und ihm unser karges Brot abringen konnten. Bietet unserem italienischen Bundesgenossen ein einmaliges Bild deutscher Manneszucht als Ausdruck unserer unerschütterlichen Treue zur ehernen Politik der Achse!"
Wenn noch eine Steigerung der Gefühle möglich war, so trat sie nun, da die Umsiedlung
nicht mehr aufzuhalten war, ein: Bestürzung und Verzweiflung, Verbitterung und Enttäuschung gingen durch die Gemüter der älteren Gottscheer. Begreiflicherweise wagten nur
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wenige, ihren wirklichen Empfindungen offen Ausdruck zu geben. Nun lauerte die Gewißheit vor der Haustüre, daß hinter dem Vorhang aus flammenden Worten der Abschied
ohne Wiederkehr stand.
Während die junge Generation überwiegend die Umsiedlung als einen Hilter-Befehl, der
auszuführen war, widerspruchslos hinnahm, verfestigte sich der Widerstandswille eines
Teils der älteren Jahrgänge im Laufe des Sommers 1941 bis zur offenen Ablehnung. Auch
der Klerus - es amtierten nur noch sechs Geistliche - war sich nicht einig. Die Geistlichen
Räte Josef Eppich in Mitterdorf und August Schauer in Nesseltal und ihre Amtskollegen
Josef Kraker in Rieg und Josef Gliebe in Göttenitz standen gegen die Umsiedlung. Heinrich Wittine in Morobitz trat dafür ein und Alois Krisch in Altlag wollte sich für das Gehen
oder Bleiben erst entscheiden, wenn seine Gemeinde sich entschieden hatte. Zum Wortführer der offenen Opposition im Hinterland machte sich Pfarrer Kraker.
Immer noch wußte die Bevölkerung des "Ländchens" nicht, wohin man sie umsiedeln
wollte. Obwohl sie damit jeglicher Spekulation Tür und Tor offen ließ, sah die Volksgruppenführung davon ab, das neue Siedlungsgebiet näher zu bezeichnen. Hingegen ging sie
mit aller Intensität daran, die personellen Voraussetzungen für eine geordnete Umsiedlung zu schaffen. Als organisatorisches Gerüst bot sich die "Mannschaft" an. Um ihre Belastbarkeit zu überprüfen bzw. notfalls zu stärken, faßte Lampeter die 25 Sturmführer zu
einem Schulungslager zusammen. Das "Stabshauptamt" sah indessen, nachdem die Würfel gefallen waren, die politische Betätigung der Gottscheer nicht gerne. Es kannte die
Empfindlichkeit der Italiener in diesen Dingen von Südtirol her. Daher strich es den Posten "Schulung und Propaganda" in dem eingereichten Etat der Volksgruppenführung auf
ein Viertel zusammen. Das hinderte jedoch den tatsächlichen Volksgruppenführer, Willi
Lampeter, nicht, das Lager durchzuführen. Dabei machte er unter anderem den Teilnehmern klar, daß die Umsiedlungsgegner spätestens bis zu dem Augenblick, da der einzelne
Gottscheer und die einzelne Gottscheerin vor der endgültigen Entscheidung über Bleiben
oder Gehen stand, mundtot gemacht sein mußten. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde
jedes Mittel gutgeheißen, auch psychologischer Druck. Insbesondere war es nach Lampeters Meinung unerläßlich, die Gottscheer aus den bisherigen geistigen und seelischen
Bindungen zu lösen. Dazu zählte vor allem das vielfach verflochtene Band der Zusammengehörigkeit mit den Amerika-Gottscheern, die daraus entstandene Abhängigkeit vom
Dollar, die Sendung von modisch abgestempelter Kleidung, die nicht nach Gottschee paßte, das Auftrumpfen mit Photos über die Lebensverhältnisse in den USA - alles an sich
keine aktuellen Einflüsse von Bedeutung.
Wesentlich schwerer wog ein anderer, erst nachträglich begreifbarer Vorstoß in den unterschwelligen seelischen Bereich des Gottscheers: Allem Gerede, auch prominenter Autoren, über die "negative Auslese" der Gottscheer infolge der Massenauswanderung zum
Trotz, hing der Rest des Völkchens im Karst an seiner Heimat. So gesehen war es eine
positive Auslese. Und diese seelische Bindung an Heimat und Tradition sollte nun durch
ein fanatisches Bekenntnis zum Reich verdrängt werden. Lampeter eröffnete in der Ausgabe Nr. 25 der "Gottscheer Zeitung" vom 17. Juli 1941 dazu eine Propagandawelle und
stellte zunächst fest, von verschiedenen Seiten werde "Stimmung gegen die Umsiedlung"
gemacht. Dabei werde eine übergroße Heimatliebe vorgetäuscht. Noch weiter geht das
Blatt an einer anderen Stelle: "Das Entscheidende, das die Gottscheer sechs Jahrhunderte deutsch bleiben ließ, war nicht eine nun plötzlich aufgegangene Liebe zur Heimat, die
ja nie eigentlich Heimat war, sondern eben das Bewußtsein, Vorposten zu sein, das Bewußtsein, verantwortlich zu sein für etwas ganz Großes, Einmaliges, für das lebendige
Deutschtum auf Erden, das Reich."
Das war die völlige Umkehrung des Heimatgedankens. Heimatliebe und Heimatbewußtsein hatte es also bei den Gottscheern in allen 600 Jahren ihrer Geschichte nie gegeben.
Sie waren "Vorposten", aber nicht sprachlich im Sinne von Professor Kranzmayer, sonGedruckt von http://www.gottschee.at
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dern politisch. Daß die Rolle, die man dem Gottscheerland auf diese Weise zudiktierte,
mit den geschichtlichen Tatsachen nicht in Einklang zu bringen war, wurde wunschgemäß
übersehen. Nicht "Das Reich" hat im 14. Jahrhundert die spätere Sprachinsel Gottschee
gegründet, sondern das Kärntner Grafengeschlecht von Ortenburg als wirtschaftlich
zweckbestimmtes Siedlungsunternehmen. Die Stelle, "... das Bewußtsein, Vorposten zu
sein", ist sehr schnell ihres propagandistischen Aufputzes entkleidet, wenn man ihr nüchtern die unbestreitbare Tatsache entgegenhält, daß die Gottscheer nicht einmal die Erinnerung an das Herkunftsgebiet ihrer Ahnen bewahrt hatten. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert neu erweckt. Den Verfassern des bewußten Artikels ist auch nicht der Widespruch in sich im Zusammenhang mit dem "Vorposten-Bewußtsein" aufgegangen: Hätte es ein solches tatsächlich gegeben, dann hätte es erst recht der Heimatliebe, der Bodenverbundenheit und des Gottvertrauens bedurft, um unter den schwierigen Lebensbedingungen so lange auszuharren, denn 600 Jahre sind immerhin fast ein Drittel des Zeitraumes, der seit Christi Geburt verstrichen ist.
Bis hierher kann man noch den Eindruck haben, daß die Propagandisten aus eigenem
Antrieb gegen die Heimatliebe anstürmten, und man möchte ihnen beinahe zugestehen,
daß sie dies taten, um ihren Landsleuten den Abschied zu erleichtern. Aber so weit dachten sie wohl kaum. Erinnern wir uns vielmehr an die Dokumentation "Der Menscheneinsatz" des SS-Obersturmbannführers Dr. Fähndrich im "Stabshauptamt" zu Berlin und des
Besuchs der Volksgruppenführung Schober-Lampeter-Sturm in dieser Führungsstelle des
"Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums" Mitte Mai 1941. Ohne jeden
Zweifel empfingen sie damals die geheime Anweisung, im geeigneten Augenblick mit der
Sentimentalität des Heimatgedankens und der Bodenverwurzelung aufzuräumen. Die drei
Männer befanden sich, soll man ihre völlige Abwendung vom "Aufbau-Plan" Volker Dicks
begreifen, in einer Art Befehlsnotstand. Mit der Zerstörung des Heimatgefühls sollte auch
das Gefühl der Zusammengehörigkeit der Gottscheer untereinander zerfallen, womit auch
die Zusage des Stabshauptamtes, daß die Gottscheer wieder geschlossen angesiedelt
würden, automatisch entfiel.
Die gequälten Bewohner des "Ländchens" hörten in Versammlungen und lasen in ihrer
Zeitung nur noch Variationen über das Thema "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Irgendwann im Sommer 1941 wurde Willi Lampeter zum SS-Sturmbannführer ernannt.
Die Gottscheerinnen waren, obwohl sie sich lebhaft an der Kulturarbeit beteiligten, letzten Endes doch wieder dazu verurteilt, das zu tun, was die Männer über ihr und ihrer
Kinder Schicksal beschlossen hatten. Mehr noch als die Männer bedrückte sie die Ungewißheit, wohin die Umsiedlung gehen sollte. Darüber herrschte Anfang Juli 1941 noch
Unklarheit. Aber selbst, wenn sich die Volksgruppenführung entschlossen hätte, das
Siedlungsgebiet bekanntzugeben, hätte sie nicht verhindern können, daß die Erläuterung
dazu von einer anderen Seite kam. In der ersten Juli-Hälfte tauchte in der Sprachinsel
ein deutsch abgefaßtes Flugblatt der kommunistischen Partei Jugoslawiens auf. Sein wesentlicher Inhalt:
"Die nationalsozialistischen Führer und ihre Gottscheer Führerlein wollen ... Euch
auf der Erde und auf den Höfen ansiedeln, die die nationalsozialistischen Führer
dem slowenischen Bauer und Arbeiter gestohlen und sie ohne Hab und Gut in die
Fremde verjagt haben. Die ganze Umsiedlung ist ein Verbrechen gegen das Gottscheer Volk! Mit Recht werden Euch die Einheimischen als aufgedrängte Hergewanderte betrachten, als die Verbündeten der faschistischen Räuber, als Diebe
des fremden Bodens und der Früchte fremder Arbeit. Sie werden Euch die Häuser,
in denen Ihr Euch ansiedeln werdet, anzünden, auf jeden Schritt werden Sie Euch
erschlagen und stets werden sie Euch verfolgen …"
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Ein neuer Höhepunkt der Panik war die Folge dieser unerbetenen "Information". Die
Volksgruppenführung hatte dem propagandistischen Frontalangriff der slowenischen Untergrundkämpfer keine durchschlagenden Argumente entgegenzusetzen. Sie mußte sich
notgedrungen auf starke Worte beschränken, die der verstörten Bevölkerung nicht darüber hinweghalfen, daß sie das Reich in einer Gegend anzusiedeln gedachte, aus der man
Slowenen vertrieben hatte.
Zwei Gottscheer Persönlichkeiten traten in der verworrenen Zeitspanne bis zum immer
noch unbekannten Umsiedlungstermin in den Vordergrund, Oberlehrer i. R. Josef Perz in
Lienfeld bei Gottschee und Studienrat Peter Jonke in Klagenfurt. In einer Reihe mit den
geistlichen Gegnern der Umsiedlung stehend, riet Perz seiner Umgebung, zu bleiben. Er
selbst konnte sich ebenfalls nicht zum Fortgehen entschließen, weil er glaubte, auch die
letzte Konsequenz aus seinem, dem Gottscheer Volkstum geweihten Leben ziehen zu
müssen. Er war ein Mann, auf den das Volk hörte. Sein Wirken für die Sprachinsel hatte
1885 an der eben gegründeten Volksschule in Lichtenbach begonnen. Er wurde Mitarbeiter von Professor Hauffen, Wilhelm Tschinkel war sein Freund. Jahrzehnte seines Lebens
widmete er dem Volkslied, den Sagen und Märchen und dem Brauchtum. Wie Tschinkel
stand er 1920 vor der Entscheidung, für Österreich zu optieren oder sich vorzeitig pensionieren zu lassen. Damals blieb er. Wilhelm Tschinkel aber war noch zu jung, um seinen Beruf aufzugeben.
Peter Jonke aus Obermösel war der letzte gebürtige Gottscheer Lehrer am Gymnasium in
der Stadt. Er wurde fristlos entlassen, optierte für die Republik Österreich und übersiedelte nach Klagenfurt. Dort fand er an einem Gymnasium eine neue Lehrstelle, so daß er
für seine Familie und sich selbst ein neues Zuhause aufbauen konnte. In seinem privaten
Denken und Fühlen aber blieb Gottschee im Mittelpunkt. In zahlreichen Vorträgen und
Aufsätzen warb er für und um sein Heimatland. Er hat in schwierige historische Fragen
hineingeleuchtet, altes Brauchtum ausgegraben und nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich am Zusammenschluß der Gottscheer in Kärnten mitgewirkt. Auch Peter Jonke
setzte sich für das Bleiben seiner Landsleute in der alten Heimat ein, aber er sah in der
Sprachinsel mehr einen kulturellen als einen politischen Faktor.
Im Juli 1941 wurde der Umsiedlungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Italien
ausgehandelt. Er trug die Überschrift: "Vereinbarungen zwischen der deutschen Reichsregierung und der italienischen Regierung vom 31. August 1941 über die Umsiedlung der
deutschen Staatsangehörigen und Volksdeutschen aus der Provinz Laibach." Den Gottscheern kam er erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein Londoner Archiv zur Kenntnis. Leiter der deutschen Verhandlungsdelegation war nicht etwa ein Diplomat, sondern
der inzwischen zum SS-Obergruppenführer beförderte Chef des "Stabshauptamtes", Ulrich Greifelt. Die Vereinbarungen sahen unter anderem vor, die Umsiedler für das zurückgelassene Vermögen zu entschädigen.
Zur organisatorischen Spitze der Umsiedlung aus der Provinz Laibach ernannte Himmler
einen "deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten" (DUB) mit dem Sitz in Laibach. Er hieß
Dr. Heinrich Wollert. Die italienische Dienststelle leitete derselbe "Hohe Kommissar" Emili
Grazioli, den wir bereits erwähnten.
Trotz der strengen Geheimhaltung sickerte schließlich gerüchteweise durch, wo das neue
Siedlungsgebiet liegen sollte. Daß es sich um eine slowenisch besiedelte Landschaft handeln würde, war dem kommunistischen Flugblatt zu entnehmen gewesen. Die Gerüchte
verdichteten sich um das "Ranner Dreieck", das diesem und jenem Gottscheer persönlich
bekannt war. Für einen tüchtigen Marschierer lag es eine Tagesreise in nordöstlicher
Richtung vom Gottscheerland entfernt, 35 bis 40 km, im südöstlichen Zipfel der Untersteiermark. Es erstreckte sich zwischen dem Bergzug Orlica und den kroatischen Uskokenteilen. Klimatisch liegt es so günstig, daß Wein angebaut wird. Dr. Wollert schilderte
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das Gebiet aus einem noch zu behandelnden Anlaß in der Ausgabe Nr. 47 der "Gottscheer Zeitung" vom 17. November 1941 folgendermaßen:
"Wie sieht das neue Ansiedlungsgebiet der Gottscheer Volksgruppe aus?" Durch
Befehl des Reichsführers SS ... ist auf Vorschlag des Gauleiters ... der Steiermark
das sogenannte Ranner Dreieck, ein Streifen an der unteren Save, der Gurk und
des Sattelbachs, für die Ansiedlung bestimmt worden. Es ist ein zusammenhängendes, in sich geschlossenes Siedlungsgebiet, das durch ein fruchtbares Flußtal
gebildet wird. Berge und Hügel, auf denen der Weinbau betrieben wird, umgeben
dieses Gebiet und schützen es vor kalten Witterungseinflüssen. Der Mittelpunkt
dieses Gebiets ist die Stadt Rann (Brezice)..."
Die Gegner der Umsiedlung verbreiteten warnend die beklemmende Nachricht, die Gottscheer würden also ein neues Siedlungsgebiet erhalten, aus dem man die Slowenen mit
Gewalt vertrieben hatte. Aber auch jene Gottscheer, die sich innerlich bereits mit dem
Abschied von der alten Heimat abgefunden hatten, litten unter einem Alptraum bei der
Vorstellung, daß sie auf die Höfe ziehen sollten, die man anderen weggenommen hatte.
Daß es nun ernst wurde, bemerkten die Bewohner des "Ländchens" an den Vorbereitungen zur Einrichtung von Umsiedlungsdienststellen in der Stadt. Nun konnten sie sich auch
ausrechnen, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis sie den Marsch in die Ungewisse
Zukunft anzutreten hatten. Der DUB ging an den Aufbau seiner Nebenstelle, ebenso die
DUT (Deutsche Umsiedlungs-Treuhand-Gesellschaft), die mit der Erfassung und Übernahme des Umsiedlungsvermögens beauftragt war. In Marburg an der Drau entstand
eine Dienststelle des Gauleiters der Steiermark in seiner Eigenschaft als Gaubeauftragter
des Reichskommissars. Sie hatte den Auftrag, die Slowenen aus dem Ranner-Dreieck
auszusiedeln und die Gottscheer - auch andere Volksdeutsche - in ihre Besitze einzuweisen. Im Einzelnen geschah dies durch Angestellte der DAG (Deutsche AnsiedlungsGesellschaft), die in die Marburger Dienststelle des Gauleiters eingebaut war. In Gottschee-Stadt fuhr eines Tages der "Sonderzug Heinrich" der EWZ (EinwanderungsZentrale) ein, eine ausgeklügelte fahrbare Dienststelle zur "Durchschleusung" der Umsiedler und Erfassung nach den verschiedensten Gesichtspunkten. Der Sonderzug mit
dem sinnigen Namen "Heinrich" tauchte überall da auf, wo Volksdeutsche ihre Heimat
räumten.
Indessen traten bedeutende Schwierigkeiten bei der Aussiedlung der Slowenen aus dem
Ranner-Dreieck auf. Die diesbezüglichen Besprechungen hatten bereits im Mai 1941 begonnen. Die Aussiedlung sollte in drei Wellen vor sich gehen. Die beiden ersten hatten
mit der Ansiedlung der Gottscheer nichts zu tun. - Der eben erst gegründete kroatische
Staat hatte sich der deutschen Reichsregierung gegenüber bereit erklärt, die ausgesiedelten Slowenen zu übernehmen, unter der Bedingung, daß die kroatische Regierung
jene Serben, die sich nach dem Ersten Weltkrieg in Kroatien angesiedelt hatten, nach
Restserbien ausweist. Am 18. Mai 1941 gab Hitler seine Zustimmung zu diesem Plan. Er
konnte jedoch nicht in Angriff genommen werden, weil die Partisanen in der italienisch
besetzten Provinz Laibach, in der Untersteiermark und in Kroatien ihre Kampftätigkeit
aufnahmen. Darauf war man auf deutscher Seite nicht gefaßt. Himmler stoppte sofort die
Slowenenaussiedlung. Die Kroaten aber zogen ihr Angebot zu deren Übernahme zurück.
Der steirische Gauleiter Uiberreither ließ andererseits erkennen, daß er nicht nur gegen
die Aussiedlung der Slowenen, sondern auch gegen die Ansiedlung der Gottscheer auf
ihrem Territorium sei, ohne freilich eine andere, gerechtere Lösung anbieten zu können.
Das "Stabshauptamt" überspielte ihn mit dem Vorschlag, die auszusiedelnden Slowenen
in das Altreich zu verbringen. Damit war das außenpolitische Problem gelöst und man
behielt das Heft in der Hand.
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Am 10. Oktober 1941 - einundzwanzig Jahre zuvor hatte die Volksabstimmung in Kärnten
stattgefunden - beendete Heinrich Himmler ein endloses Hin und Her zwischen dem
"Stabshauptamt" und der Gauleitung in Graz mit dem kategorischen Befehl, die Gottscheer seien unverzüglich umzusiedeln.
Den Bewohnern des Gottscheerlandes blieb nichts erspart. Gauleiter Uiberreither hatte
während des Gerangels mit dem "Stabshauptamt" die Aussiedlung der Slowenen absichtlich verzögert. Wohin nun mit den Gottscheern? Der Befehl Himmlers war nicht einfach
wegzuwischen. Die Lage am 10. Oktober: Es stand nicht annähernd genug Platz zur Verfügung, um die Gottscheer von Hof zu Hof umzusiedeln. Der Winter stand vor der Tür.
Die Zeitnot schien jedes geordnete Umsiedeln unmöglich zu machen. Trotz der zu erwartenden menschlichen und organisatorischen Schwierigkeiten setzte das "Stabshauptamt"
die Räumung des "Ländchens" in Gang und beschleunigte gleichzeitig die Aussiedlung der
Slowenen. Mit der Koordinierung beider Wanderungsbewegungen beauftragte Stabshauptamt-Chef Ulrich Greifelt den SS-Oberführer Hintze. Ab 8. November 1941 hieß der
Hintzsche Auftrag allerdings "Gleichschaltung".
Der letzte Hoffnungsschimmer versank. Als Optionsfrist der Gottscheer für das Deutsche
Reich wurde die Zeit vom 20. Oktober bis zum 20. November 1941 festgesetzt. Keiner
konnte sich der Entscheidung, zu bleiben oder zu gehen, entziehen. Die Auseinandersetzungen der Gottscheer untereinander wurden mit ähnlicher Verbissenheit wie im Jahre
1907 geführt. Diesmal galt es aber nicht, einen Abgeordneten zu wählen, und dann blieb
alles wie es war. Der jetzt zu treffende Entschluß war auch nicht vergleichbar mit jenem
zur Auswanderung nach Österreich oder in die USA. Der Auswanderer früherer Zeiten
entschied sich frei und nur für sich selbst. Er konnte auch bleiben, wenn er die Existenzsorgen auf sich nahm. So lange Gottscheer bis zu diesem Zeitpunkt ihre Heimat verlassen hatten, blieb diese bestehen.
Nun entscheide dich, Gottscheer!
Wie du dich auch entscheidest, immer bist du gegen dein "Lantle"!
Um auch den letzten Landsmann in seiner Gewissensnot zu bezwingen, griff die Volksgruppenführung zu dem wirksamsten Mittel politischer Propaganda neueren Stils, dem
Massenaufmarsch. Unter dem Titel "Der letzte Appell!" marschierten am 19. Oktober
1941 rund 900 Mannschaftsangehörige und mehr als 1000 Jungen und Mädel vor der
Volksgruppenführung und dem deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten, Dr. Heinrich
Wollert, auf, ein in der Sprachinsel noch nie gesehenes Bild - eine andere, makabere
Sechshundertjahr-Schlußfeier.
Mit schicksalhafter Pünktlichkeit begann am 20. Oktober 1941 die Option der Gottscheer
für Deutschland.
Das Stabshauptamt erhielt noch vor dem Beginn der "Durchschleusung" Meldung über
Unstimmigkeiten in der Volksgruppe. Es forderte beim DUB in Laibach einen Tatsachenbericht an. Insbesondere ging es um die Person Dr. Arkos. Die Volksgruppenführung hatte offenbar nach Berlin mitgeteilt, er betätige sich als Gegner der Umsiedlung und gedenke seinerseits nicht umzusiedeln. Von anderer Seite war das Gegenteil zu hören, Dr.
Arko gemahne nicht wenige seiner Landsleute an ihre Pflicht gegenüber Deutschland. Der
jungen Volksgruppenführung warf er allerdings in einer Denkschrift an den Chef des
EWZ-Sonderzuges im November 1941 vor, sie habe die Propaganda für die Umsiedlung
zu wenig "seelisch" betrieben. Gemeint hatte er damit wohl die harte, allzu harte Sprache, mit der sie ihren Landsleuten die alte Heimat verleiden wollte. Mit dem Ausdruck "zu
wenig seelisch" wollte der verbitterte Volkstumspolitiker offensichtlich den Mangel an
Behutsamkeit des Herzens anprangern. Dr. Hans Arko ist übrigens umgesiedelt, ließ sich
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in Rann/Sawe und nach der Vertreibung in Völkermarkt als Rechtsanwalt nieder und
starb 1953 in Klagenfurt.
Die Option schien klaglos abzulaufen. Geduldig, doch nicht ohne eine gewisse Neugier,
ließen die Optanten die bürokratische Prozedur der "Durchschleusung" über sich ergehen.
Außer den ehemaligen Hausierern der Winter von 1934 bis 1938 hatte ja kaum jemand
aus der bäuerlichen Bevölkerung vor einer deutschen Behörde gestanden. Das sehr präzise, aber freundliche Fragen der Beamten und Beamtinnen war ihnen nicht unangenehm. Das schien ihnen gut deutsch zu sein.
Voraussetzung für alles weitere war der Optionsantrag. Der "Sturmführer" hatte das leere Antragsformular ins Haus gebracht, ausgefüllt wieder abgeholt, vom italienischen Bürgermeister bestätigen lassen, dann dem Gebietsbevollmächtigten des DUB übergeben.
Die gemeinsam mit der DUT erstellten Listen der Optionswilligen wurden anschließend an
den EWZ-Sonderzug weitergereicht. Das Personal des Sonderzuges begab sich übrigens
zweimal in abgelegene Gegenden, um bei der schlechten Witterung den Umsiedlungswilligen den Weg in die Stadt zu ersparen.
Die Antragsteller wurden nach ihren persönlichen Daten, dem Wohnort, der Gemeinde,
der Bezirkshauptmannschaft, ja sogar nach ihrer persönlichen Einstellung zur Volksgruppe befragt. Anschließend wurden sie photographiert, ärztlich untersucht, geröntgt, "rassisch" beurteilt, zugelassen und in das Deutsche Reich eingebürgert. Die Einbürgerungsurkunde könne allerdings, so hieß es, erst im "neuen Siedlungsgebiet" ausgehändigt
werden. Auf diese Weise sollte verhindert werden, daß sich einzelne Eingebürgerte mit
diesem Dokument in der Hand einfach ins Reich absetzten.
Anschließend wurde für den Ansiedlungsstab in Marburg a. d. Drau eine ausführliche Arbeitsunterlage erstellt. Sie diente der Einsatzplanung in der Untersteiermark hinsichtlich
Beruf und Besitz des Umsiedlers, der eine Transportnummer zugewiesen erhielt, um die
Stürme, Ortschaften und Herde auseinanderhalten zu können. Der Umsiedler hatte außerdem eine "Vermögenserklärung" abzugeben. Kommissionen überprüften an Ort und
Stelle den Stand und taxierten den Wert des einzelnen Besitztums. Unter den zahlreichen
Papieren, die den Gottscheer aus seinem "Ländchen" hinausbegleiteten, befanden sich
zwei von geradezu erregender Gleichnishaftigkeit: der Umsiedlerausweis und eine Erklärung, daß er all seinen Besitz - Haus, Hof, Grund und Boden und Wald - an die "Deutsche
Umsiedlungs-Treuhand-Gesellschaft" übergeben habe.
Natürlich war der Umsiedlerausweis eine administrative Notwendigkeit, denn sein Inhaber stand ja im staatsbürgerrechtlichen Niemandsland. Die österreichisch-ungarische
Staatsbürgerschaft hatte er verloren oder nicht erlebt, die italienische gab man ihm
nicht, die jugoslawische besaß er nicht mehr und die deutsche war ihm lediglich versprochen, nachweisen konnte er sie im Ernstfall noch nicht. Bis er sie endgültig erhielt, durchlitt er die schier endlose seelische Not über den Verlust jenes Fleckchens Erde, worauf
der Mensch ohne Ausweis gestellt wird, der Heimat.
Gewiß wurde im deutsch-italienischen Umsiedlungsvertrag den Gottscheern zugesichert,
daß sie für die zurückgelassenen Vermögenswerte entschädigt würden und sie glaubten
daran, wenn sie ihre Vermögenserklärungen ablieferten. Ebenso gewiß darf man ihnen
jedoch keinen Vorwurf machen, daß sie bei diesem Vorgang nicht an historische Zusammenhänge dachten, etwa zwischen dem Handschlag, mit dem ihre Ahnen Urwaldboden
aus der Hand ihres Grundherrn übernahmen und dem Handschlag, mit dem der Beamte
des deutschen Reiches den schriftlichen Verzicht auf die Heimat entgegennahm. - Wir
Menschen des 20. Jahrhunderts denken kaum noch in Symbolen und Sinnbildern. Das
entbindet jedoch den Historiker nicht, solche aufzuzeigen, wenn bei Völkern oder Stämmen und gewachsenen menschlichen Gemeinschaften sich ihr Ende ankündigt. Hier ist
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ein solches Ende. Mit jeder Unterschrift eines Gottscheer Bauern versank ein winziger Teil
des Gottscheerlandes für immer in der Geschichte, wurde eine Tür, zu der es weder
Schlüssel noch Klinke gab, zugeschlagen.
Im Sonderzug "Heinrich" funktionierte die "Durchschleusung" also klaglos, nicht jedoch
draußen in den Dörfern. Dr. Günther Stier, der zuständige Abteilungsleiter im "Stabshauptamt", ahnte, daß die Option nicht wie vorgesehen verlief, obwohl ihn ein Zwischenbericht Lampeters hätte beruhigen können. Erst wenige Tage vor dem Ende der Optionsfrist berichtete ihm die EWZ das bis dahin vorliegende, katastrophale Ergebnis: Namentlich in der östlichen und westlichen Randzone hatte sich die Gegenpropaganda ausgewirkt. Sie ging vor allem von den Gottscheerinnen und Gottscheern aus, die mit Slowenen verheiratet waren und lief darauf hinaus, den Umsiedlungswilligen Angst um ihr Leben, wie um ihr Hab und Gut einzujagen. Bis zu 25% der Optionsberechtigten waren
nicht vor der EWZ erschienen. Ähnlich enttäuschende Prozentzahlen mußten jedoch auch
in den zentraler gelegenen "Stürmen" verzeichnet werden. In Rieg und Umgebung (Pfarrer Josef Kraker) und Mitterdorf (Pfarrer Josef Eppich) waren ebenfalls ein Viertel der
Bevölkerung nicht zur Registrierung erschienen. Selbst der Sturm Nesseltal wies noch ein
Minus von 12% auf obwohl Pfarrer August Schauer bereits am 1. Juli 1941 gestorben
war. Daß in Lienfeld die Verweigerung der Option ebenfalls bei 20% lag, war zweifelsfrei
auf die Einstellung des Oberlehrers i. R. Josef Perz zur Umsiedlung zurückzuführen. Da
aber die "Stürme" Gottschee/Stadt, Mitterdorf, Rieg und Nesseltal die volkreichsten des
gesamten Siedlungsgebiets waren, handelte es sich bei den Unentschlossenen um mehr
als ein Viertel der Bevölkerung des Siedlungsgebiets.
In Berlin rechnete man sich die Folgen aus, wenn es nicht gelang, im Verlauf der verbliebenen Tage der Optionsfrist eine Korrektur nahe an 100% herbeizuführen. Sonst geriet
die Reichsregierung in Vertragsverzug gegenüber den Italienern. Der Feindpropaganda
aber lieferte man das nur schlecht widerlegbare Argument, daß das Reich trotz aller
Wehrmachtssiege die Anziehungskraft für die Volksdeutschen eingebüßt habe.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt, als dem "Stabshauptamt", dem DUB und der Volksgruppenführung der Ernst der Lage bewußt geworden war, verließ am 14. November 1941
der erste Umsiedlertransport den Bahnhof in Gottschee/Stadt.
Der DUB erhielt aus Berlin den dringenden Befehl, das Problem der UmsiedlungsUnwilligen auf schnellstem Wege zu lösen. Dr. Wollert veröffentlichte daraufhin am 17.
November, also ganze drei Tage vor Ablauf der Optionsfrist, eine Sondernummer der
"Gottscheer Zeitung" mit einer "Aufklärung", die in fliegender Hast über das "Ländchen"
gestreut wurde. In dem Hauptartikel wurden Versprechungen abgegeben, die nie gehalten werden konnten, und Behauptungen aufgestellt, die einfach nicht stimmten. So hieß
es da unter anderem:
"Was erwartet Euch in der neuen Heimat? Dies ist nun die Frage all derer, die ihre
Freunde und Verwandten abfahren sehen, ohne selbst schon mitreisen zu können.
Grundsatz jeder Umsiedlung ist: Der Umsiedler erhält für seinen zurückgelassenen
Besitz im Umsiedlungsgebiet einen Besitz von gleichem Wert. Das bedeutet, daß
ein Gottscheer Bauer, der hier einen Hof hinterläßt, auf dem er gut und auskömmlich leben konnte, im neuen Umsiedlungsgebiet einen Hof bekommen wird, auf
dem er sein gutes Auskommen findet. Es bedeutet aber auch, daß ein Bauer, der
hier durch die Ungunst der Verhältnisse gezwungen war, auf einem Hofe zu leben,
der für ihn und seine Familie keine auskömmlichen Lebensgrundlagen bot, diese
im neuen Siedlungsgebiet finden wird. Ziel der Umsiedlung ist, gesundes Bauerntum auch auf auskömmlicher Ackergrundlage zu schaffen. Wer fähig ist, einen
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Bauernhof zu bewirtschaften, wird also die Möglichkeit haben, sich den Hof zu
schaffen, der ihm und seiner Familie bessere Lebensbedingungen ermöglicht."
Der oder die Verfasser dieser "Aufklärung" hatten anscheinend noch während der Niederschrift dann doch Bedenken gegen das Zuviel an Versprechungen und schränkten sie
gleich wieder folgendermaßen ein:
"Die Auswahl der neuen Höfe erfordert sorgfältigste Vorbereitung. Hierbei wird
von den Ansiedlungsstäben angestrebt, auch weitgehendst die besonderen Wünsche der Umsiedler zu berücksichtigen. Bei der Bedeutung dieser Aufgaben, deren
Auswirkung sich auf Jahrzehnte und Jahrhunderte erstrecken wird, ist es nicht
möglich, dem Umsiedler die fertige Lösung bereits bei seiner Ankunft vorzulegen.
Es wird also zunächst nicht immer möglich sein, den Umsiedler sofort bei seiner
Ankunft auf dem Besitz unterzubringen, der seinen Fähigkeiten und seinem hinterlassenen Vermögen entspricht. Andererseits ist im Interesse der Umsiedler, wie
auch zur Vermeidung von Arbeitskraft- und Zeitvergeudung, ein Lageraufenthalt
nicht vorgesehen. Demzufolge wird ein Teil der Umsiedler zunächst einen Betrieb
zugewiesen erhalten, der dem bisherigen nur etwa entspricht. Hier kann der Umsiedler sofort mit der Arbeit beginnen. Stellt sich dann im Laufe des Winters heraus, daß dieser vorläufig angewiesene Hof den Fähigkeiten und dem Wert des hinterlassenen Vermögens des Umsiedlers nicht entspricht, so erfolgt eine Umbesetzung derart, daß der Bauer im Frühjahr seinen neuen Acker bestellen und seinen
Hof endgültig übernehmen und bewirtschaften kann. Die in Aussicht genommene
Zwischenbewirtschaftung und zwischenzeitliche Unterbringung erfolgt also ausschließlich im Interesse der Umsiedler, um Fehlentscheidungen, die sich für die
Dauer ungünstig auswirken müßten, unter allen Umständen zu vermeiden."
Dem Herausgeber waren außerdem die Besorgnisse der Gottscheer wegen der Vertreibung von Slowenen aus ihren Wohngebieten sehr gut bekannt, denn er versuchte, die
Bedenken mit Worten, unter denen keine einzige glaubhafte Angabe stand, zu zerstreuen, indem er schrieb:
"Die früheren Bewohner dieses Gebietes sind in aller Ordnung umgesiedelt und
werden ebenfalls vom Deutschen Reich betreut. Abgesehen davon, daß diesen
Bewohnern volle Entschädigung ihres hinterlassenen Vermögens zugesichert ist,
beweisen Briefe und Berichte dieser Menschen, daß sie in ihrem neuen Siedlungsgebiet gut untergebracht sind und hoffnungsfroh ihrer Zukunft entgegensehen."
Das war reiner Hohn auf die Vertrauensseligkeit der Gottscheer. Weder war die Umsiedlung dieser "Bewohner" im Zeitpunkt des Erscheinens der "Aufklärung" abgeschlossen
noch konnte von einem "Siedlungsgebiet" der Slowenen im deutschen Reich die Rede
sein. Sie saßen vielmehr in Lagern der "Volksdeutschen Mittelstelle", wurden zum Teil als
"Fremdarbeiter" in Rüstungsbetrieben eingesetzt und erhielten dann auch Wohnungen
zugeteilt. Kein Wort auch darüber, daß rund 37.000 Slowenen aus dem "Sawe-SotlaStreifen", wie das Ranner Dreieck im Amtsgebrauch auch genannt wurde, ausgesiedelt
werden sollten und wurden.
Die Volksgruppenführung und die "Stürme" rangen in diesen entscheidenden drei Tagen
verzweifelt um die letzten Prozente der Unentschlossenen. Sie hatten eine neue, unerwartete Barriere zu überwinden: Kaum waren die Umsiedlertransporte in der Untersteiermark eingetroffen, als im "Ländchen" schon unkontrollierbare Gerüchte und Berichte
auftauchten, die Einweisung der Umgesiedelten in ihre neuen Objekte sei schlecht organisiert, Möbel stünden entlang der Straße ungeschützt im Schnee, die ausgesiedelten
Slowenen hätten ihre Häuser und Wohnungen zum Teil vor dem Abzug demoliert, und die
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den Gottscheern zugewiesenen Höfe entsprächen auch nicht annähernd den in der Heimat zurückgelassenen Anlagen.
Am 20. November 1941 lief die Optionsfrist ohne Verlängerung ab. Die EWZ hatte die
Optionsanträge von 11.747 in der Sprachinsel Gottschee wohnhaften Personen entgegengenommen. Nach Dr. Wollert waren es 12.104 (siehe seinen Bericht über die Gottscheer Umsiedlung, Literaturverzeichnis). In nüchternen Zahlen aufgegliedert, registrierte die EWZ:
"8624 über vierzehn und 3123 Personen unter vierzehn Jahren. Darunter befanden sich 93 Personen mit deutscher, bereits vor der Umsiedlung erworbener
Staatsangehörigkeit."
Eine Statistik außerhalb der EWZ erfaßte 11.756 Personen: 5850 männliche und 5906
weibliche, die zusammen 2951 Herdhaltungen-Haushalten angehörten.
Die EWZ bescheinigte in ihrem Abschlußbericht den Gottscheern einen guten Gesundheitszustand und zählte sie zu den besten Umsiedlern, die sie bis dahin durchschleust
hatte (Frensing, Seite 166 und 168).
Alles, aber auch alles schien sich gegen die 12.000 Gottscheer verschworen zu haben.
Selbst die Natur trumpfte noch einmal auf und ließ sie die ganze Härte des kontinentalen
Klimas spüren. Gegen Ende November - es war noch der größere Teil der Umsiedler abzutransportieren - setzten heftiger Dauerschneefall und klirrende Kälte ein. Sie erschwerten den Transport der Menschen und des Umsiedlungsgutes, wie des Viehs, zu den Zügen da und dort bis zur Unbeweglichkeit. Die vom DUB bewerkstelligten 70 Lastkraftwagen konnten nur noch auf wenigen Straßen eingesetzt werden, weil es unmöglich war,
die höher gelegenen Wege schneefrei zu halten. Ferner weigerten sich die dienstverpflichteten holländischen Lkw-Fahrer, überhaupt noch ans Steuer zu gehen, weil sie befürchten mußten, bei Walddurchfahrten von Partisanen abgeschossen zu werden.
Schließlich blieben auch die letzten Lastkraftwagen stehen, weil der zugesagte Benzinnachschub ausblieb. Die Gottscheer aber wurden dank ihrer gelernten Improvisationskunst mit dem Verkehrsproblem im Aussiedlungsgebiet fertig: Die Volksgruppenführung
stellte den gesamten Transport auf den Schlitten um.
Das ging noch. Da konnte man mit den Händen zupacken. Wehrlos aber fühlte sich der
Umsiedler gegenüber den Tatbeständen, die in immer neuen Hiobsbotschaften aus der
Untersteiermark berichtet wurden. Sie bestätigten, daß die Wiederansiedlung schlecht
organisiert war. Die versprochene Von-Hof-zu-Hof-Unterbringung und die Von-Dorf-zuDorf-Umsiedlung wurden nicht eingehalten, weil sie nicht eingehalten werden konnten!
Die Höfe und Dörfer der abgesiedelten Slowenen wiesen eine völlig andere Struktur auf
als jene in Gottschee. Kein Hof und kein Dorf von drüben ließen sich mit solchen von hüben vergleichen. Wohl als Folge der negativen Einstellung des Gauleiters Uiberreither zur
Ansiedlung der Gottscheer im Ranner Dreieck arbeitete der Ansiedlungsstab in Marburg
verdrossen und nachlässig. Es standen wirklich Möbel im Schnee, wenn auch nicht in allen Straßen. Und es konnte tatsächlich wenige Tage vor dem Heiligen Abend ein Umsiedlertransport nicht abgefertigt werden, weil der zuständige Sachbearbeiter vergessen hatte, einen Stellvertreter einzuteilen, bevor er selbst in den Weihnachtsurlaub fuhr.
Die Italiener behandelten die Gottscheer nicht wie Angehörige jenes Volkes, mit dem sie
eine "eherne Achse" verband, sondern wie ein lästiges Element, das, je eher desto besser, verschwinden sollte. Beschlagnahmungen waren an der Tagesordnung.
Die Volksgruppenführung befand sich diesen von ihr nicht verschuldeten Schwierigkeiten
gegenüber in einer begreiflicherweise komplizierten Lage. Bei aller Kritik an ihrer VerhalGedruckt von http://www.gottschee.at
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tensweise im Sommer 1941 kann man ihr nicht nachsagen, sie habe sich vor den Umsiedlungsproblemen drücken wollen oder habe überhaupt nicht erkannt, worin sie bestanden. Sie handelte weiterhin so, als ob ihr niemand die Verantwortung für das weitere
Schicksal der Gottscheer abnehmen könnte. Das war menschlich gewiß ein Plus für sie.
Ob es unter den gegebenen Umständen politisch klug war, wird sich zeigen.
Am 29. Dezember 1941 unternahm Willi Lampeter einen gewagten Schritt. Er entsandte
einen Stellvertreter, den Jugendführer Richard Lackner, ausgestattet mit einem persönlichen Geschenk an Heinrich Himmler nach Berlin. Lackner wollte diesem, dem "Reichskommissar für die Festigung Deutschen Volkstums", die unhaltbaren Zustände in der
Untersteiermark schildern und um die nötigen Befehle zu ihrer Beseitigung bitten. Lampeter, der die Spielregeln der Mächtigen des Dritten Reiches nicht kannte, erhoffte sich
von der Berlin-Reise den spektakulären persönlichen Erfolg, den er gegenüber den
"Miesmachern" auf einer Versammlung am 3. Jänner 1942 in Gottschee-Stadt ausspielen
wollte. Lackner traf den Reichsführer-SS nicht an, er befand sich angeblich im FührerHauptquartier. Auch beim Chef des "Stabshauptamtes" erhielt er erst am 5. Jänner einen
Besprechungstermin. Greifelt gab dem Jugendführer aus Gottschee zu verstehen, er wisse bereits alles, was er ihm berichten wolle, und er habe schon am Vormittag des 5. Jänner den SS-Oberführer Hintze beauftragt, "die Dinge unten" in Ordnung zu bringen.
Willi Lampeter fühlte sich auf der Versammlung vom 3. Jänner durch das unfreiwillige
Schweigen Lackners in die Enge getrieben. Man konnte diese Zusammenkunft von etwa
hundert Stadtbürgern mit Fug und Recht als Protestaktion bezeichnen. Sie forderten von
dem Mannschaftsführer verbindliche Aufklärung darüber, was nun an seiner Schilderung
der Zustände im Ansiedlungsgebiet wahr sei und drohten mit dem Widerruf der Option.
Ein ebenfalls anwesender Vertreter des Ansiedlungsstabes in Marburg warf dem Gottscheer Mannschaftsführer in heftigen Ausfällen vor, er verbreite Unwahrheit, die er nie
verantworten könne. In der sich entwickelnden, hitzigen Debatte bestand der junge SSSturmbannführer auf der vollen Wahrhaftigkeit seiner Angaben.
Am 6. Jänner 1942 kehrte Richard Lackner aus Berlin zurück. Lampeter sah keine andere
Möglichkeit mehr, als sich direkt schriftlich an Heinrich Himmler zu wenden. Er schickte
dem Reichsführer-SS am 9. Jänner einen Bericht über die verheerenden Zustände im
Ansiedlungsgebiet und das Versagen des Ansiedlungsstabes. Im Interesse der Umgesiedelten bat er dringend um Abhilfe. Einen Durchschlag des Briefes an Himmler schickte
Lampeter jedoch erst am 10. Jänner an das "Stabshauptamt". Schon diese Verzögerung
um einen Tag brachte Ulrich Greifelt gegenüber seinem obersten Chef Heinrich Himmler
in eine schiefe Lage. Der persönliche Stab des Reichsführers-SS verlangte nämlich umgehend eine Stellungnahme des "Stabshauptamtes" zu dem alarmierenden Brief aus der
Untersteiermark. Da aber Greifelt von Lampeters Bericht nichts wußte, glaubte er sich
von diesem überspielt und unterschob ihm außerdem die Absicht, seine Dienststelle im
Bereich Gottschee auszuschalten. Hintze erhielt augenblicklich den Befehl, Lampeter zur
Verantwortung zu ziehen. Der Gottscheer "Mannschaftsführer" hatte an Himmler unter
anderem folgendes geschrieben:
Erstens: Er habe wochenlang versucht, gegen das Versagen der Betreuung im Umsiedlungsgebiet zu wirken und bemängelte die unhygienische Unterbringung von werdenden
und stillenden Müttern in Massenquartieren.
Zweitens: Der Abtransport der Umsiedler von den Bahnhöfen zu ihren Winterquartieren
sei mangelhaft organisiert. So habe zum Beispiel Umsiedlergut wochenlang entlang der
Straße im Schnee gelegen.
Drittens: Die Zwischenbewirtschaftung von landwirtschaftlichen Anwesen mit slowenischen Knechten durch die DAG habe das Anwachsen der Viehdiebstähle begünstigt.
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Viertens: Die im Umsiedlungsgebiet eingesetzten slowenischen Hilfsgendarmen seien
noch nicht gegen deutsche Beamte ausgetauscht worden. (In diesem Punkt gab Hintze
Lampeter recht und bemängelte seinerseits die Versäumnisse der zuständigen steirischen
Behörden.)
Fünftens: Phrophezeihungen der ärgsten Hetzer der Gegenpropaganda seien durch die
Wirklichkeit übertroffen worden. (Vergl. Frensing, Seite 133.)
Sechstens: Es habe sich ein großer Mangel an Quartieren gezeigt.
Der SS-Oberführer Hintze berief für den 16. Januar 1942 eine Besprechung aller beteiligten Dienststellen einschließlich der Gottscheer Volksgruppenführung nach Marburg an der
Drau ein. Er wies die Anschuldigungen Lampeters gegen den Ansiedlungsstab pauschal
zurück, wiewohl er kleinere Zugeständnisse einräumte. Aber darum ging es eigentlich gar
nicht mehr. Den Gottscheern, namentlich Lampeter, sollte vor Augen geführt werden,
daß der Nationalsozialist, in welcher Lage immer, zu gehorchen habe. Außerdem verhärtet sich hier der Eindruck, daß Greifelt und Hintze die Gelegenheit gerne benutzten, um
den renitenten Sturmbannführer aus Gottschee aus dem Sattel zu werfen. - Hintze warf
Lampeter insbesondere sein Verhalten in der Versammlung vom 3. Januar 1942 vor und
bezichtigte ihn, er habe bewußt Öl ins Feuer gegossen, anstatt seine Landsleute zur Umsiedlung zu bewegen. Er habe die Verhältnisse in der Untersteiermark völlig unzutreffend
dargestellt. Der Angegriffene verteidigte sich mit dem Hinweis, er habe die unbestreitbaren Tatbestände aufzeigen wollen, um die Hintergründe der Beschwerden der Umsiedler
ins rechte Licht zu rücken. Für Hintze war das lediglich eine schlechte Ausrede.
Doch nicht nur von oben, auch von unten her wurde Willi Lampeter um eine bittere Erfahrung bereichert, von den eigenen Leuten. Er hatte am 11. Januar 1942 seine Unterführer bei einem "Appell" in Rann aufgefordert, sich wieder enger um die frühere Volksgruppenführung, sollte wohl heißen, um ihn, zu scharen und hatte ihnen seine nächsten
Pläne erläutert. Er ließ keine Zweifel aufkommen, daß er dabei durchaus selbständig vorzugehen gedachte. Nun mußte er in der eben laufenden Sitzung, die mehr einer Vernehmung als einer Besprechung glich, aus dem Munde Hintzes erfahren, daß ihm über den
Ranner "Appell" genaue Unterlagen zur Verfügung stünden. Der "Mannschaftsführer"
mußte also zur Kenntnis nehmen, daß auf seine daheim erprobte Gefolgschaft kein Verlaß mehr war. Und in seiner Enttäuschung stolperte er unbedacht über den Fallstrick, den
ihm der routiniertere Hintze mit den Worten legte:
"Zu den Sturmführern haben Sie u. a. gesagt … über den Kopf des Gauleiters hinweg und durch Übergehen der übergeordneten Dienststellen wollten Sie in Berlin
Ihre Belange vertreten."
Lampeter darauf:
"Vorläufig war es so, daß ich keine vorgesetzte Dienststelle habe."
Über die Folgerungen, die aus dem Verhalten Lampeters zu ziehen waren, berichtete der
SS-Oberführer Hintze am 19. Januar 1942 an Greifelt: "Aus dem Ergebnis meiner eingehenden Besprechungen mit Lampeter habe ich den Eindruck gewonnen, daß er für die
ihm übertragenen Aufgaben wie für die Ernennung zum SS-Sturmbannführer zu jung und
unerfahren ist und daß es ihm auch an der für ein solches Amt erforderlichen Einsicht
und Selbstdisziplin fehlt. Ich habe ihm daher eröffnet, daß ich nun selbst die Führung der
Gottscheer Wehrmannschaft übernehme und ihn bitten müsse, sich im Ansiedlungsgebiet
jeder Tätigkeit zu enthalten und daß ich diese Maßnahme auch auf seinen Stabsführer
Lackner ausdehnen müsse." Abschließend schlug der Berichterstatter dem "Stabshaupt-
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amt" vor, Lampeter unverzüglich in das Alt-Reich abzuberufen. Ein weitergehendes
Dienstverfahren gegen ihn schloß er nicht aus.
Der gemaßregelte Willi Lampeter aus Mitterdorf bei Gottschee war nun ein schlichter Umsiedler mit Ausweis und Transportnummer, ins Altreich abgeschoben. In den Augen seiner prestigesüchtigen SS-Oberen hatte er sich als unfähig und zuwenig nationalsozialistisch erwiesen. Ein Held? Eine tragische Figur? Eher das Letztere. Seine Schuld: Er war
so naiv und vermessen, anzunehmen, er könne, mit den 600 Jahren Gottscheer Geschichte im Rücken, im Einsatz für das Schicksal seiner Landsleute direkt an die Großen
des Dritten Reiches herantreten. Er hatte mit seinem Vorgehen nicht nur deren Überempfindlichkeit verletzt, sondern auch gegen das Lebensgesetz der Gottscheer verstoßen: die
Enge des Raumes und die Ohnmacht der geringen Zahl.
Was nun die sachliche Richtigkeit der von Willi Lampeter vorgetragenen Beschwerden
angeht, so wurden diese von mehreren glaubwürdigen Beobachtern nachträglich nicht
nur bestätigt, sondern einschlägig ergänzt. So erhielt der inzwischen beförderte SSBrigadeführer Hintze am 17. Februar 1942 vom Chef des SD-Abschnittes Untersteiermark, SS-Standartenführer Lurkner, einen Bericht mit zum Teil haarsträubenden Einzelheiten. Im Juni 1942 faßte der Leiter der Kulturkommission beim DUB in Laibach, Professor Dr. Hans Schwalm, seine Eindrücke im Ansiedlungs-gebiet der Gottscheer wie folgt
zusammen: "Es ist erschütternd zu beobachten, welche Mißstimmung sich unter den
Gottscheern breitgemacht hat. Als Ursachen für diesen katastrophalen Zustand sind anzusprechen: Die schlechte Organisation bei der Ankunft der Gottscheer im Ranner Ansiedlungsgebiet, der wirklich trostlose Zustand der Häuser im Ansiedlungsgebiet, das
Fehlen einer selbstverantwortlichen Tätigkeit ... das Mitansehenmüssen der zum Teil
schon verbrecherischen Mißwirtschaft einzelner Funktionäre der DAG ... das Fehlen einer
eigenen politischen Führung und mannschaftlichen Lenkung, ein Mangel, der nicht durch
den Aufbau einer entsprechenden Organisation des "Steirischen Heimatbundes" ersetzt
werden konnte". (Nach Frensing, Seite 149/50). Auch von Gottscheern liegen Berichte
vor. Lassen wir zuerst den früheren Altlager Pfarrer Alois Krisch zu Worte kommen. Er
beklagt sich nicht direkt darüber, daß er nun sein Seelenhirtenamt nicht mehr inmitten
des ihm ans Herz gewachsenen Volkes ausüben konnte, doch liest man zwischen den
Zeilen seines Berichtes, wie sehr er die Zersplitterung der in Jahrhunderten zusammengewachsenen Familien seiner Pfarre bedauerte. Er schreibt auf Seite 20 der "Dokumentation des Bundesministers für Vertriebene und Flüchtlinge", Band Nr. V:
"In den Ortschaften angekommen, wurden die einzelnen Familien in Häuser, gute
und schlechte, auch in ganz erbärmliche Keuschen (kleine Wohnhäuser von Taglöhnern), alles sogenannte provisorische Winterwohnungen, eingewiesen Da gab
es nun vielzuviel Enttäuschungen, viel Leid und Tränen, viel Zorn und schimpfen,
und das sehr oft mit gutem Recht und gutem Grund, aber auch nicht selten ohne
Ursache. Zum (wenigstens teilweisen) Verständnis alles dessen möge folgendes
dienen:
... Als wir in Rann angekommen sind, bevor wir noch aus dem Zuge ausstiegen,
kam einer von den Unsrigen, der zwei Tage vorher mit den Langentonern hergekommen war, und erzählte weinend, wie schlecht es hier sei, wie schlimm er
drangekommen sei, was für eine Keusche er bekommen habe usw. Ich nahm mich
fest zusammen, um nicht auf ihn zu schimpfen, denn ich ärgerte mich sehr über
ihn, da ich wußte, daß dieser Mann gar nichts hatte, gar nichts. Er wohnte in einer
fremden Keusche. Da war es also gar nicht möglich, daß er es schlechter bekommen hatte als daheim, wo er doch nichts hatte. Der hatte wahrhaftig keinen
Grund, so zu reden - besser als nichts ist alles -; darüber braucht ein junger Mann
nicht zu weinen! Darauf machte ich die Leute aufmerksam, als er wieder draußen
war, und sie waren beruhigt, sie kannten seine Verhältnisse von daheim. ...
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Viel Schuld an der Unzufriedenheit hatte die im vergangenen Sommer so unvernünftig übertriebene Propaganda von großartigen Höfen und Stallungen (in Wirklichkeit war der allgemeine Stand der Häuser und Ställe weit unter dem von uns
daheim; im allgemeinen waren die Wohnungen im Gottscheerlande viel besser
und geräumiger), wie die Umsiedlung bequem von Hof zu Hof gehen werde; es
hieß: Ihr verlaßt hier Euren Hof, und dort fahrt Ihr von der Bahn mit dem Auto in
Euren neuen, eingerichteten Hof usw. - und nun finden sie so viele Elendskeuschen! Gar mancher gute Bauer von daheim mußte mit einer armseligen Keusche
vorlieb nehmen und mit der ganzen Familie, mit 4,5 bis 6 Kindern in einem einzigen, oft auch noch feuchten Zimmer hausen! Es ist unbegreiflich, wie die Propaganda solche Gegensätze zur Wirklichkeit vorbringen konnte.
Diese Wirkung wurde noch gesteigert dadurch, daß die Leute sahen, es waren
sehr wenig gute Häuser und Bauernhöfe vorhanden. Sie wußten daher, es könne
doch nur ein kleiner Teil unseres Volkes ordentlich beteilt werden - im Sinne der
Propaganda überhaupt nicht. Deswegen half das Vertrösten, im Frühjahr werde alles in Ordnung gebracht, nicht viel, auch nicht die Versprechungen von Neubauten.
Noch unvernünftiger als diese Propaganda waren die unglaublichen Erwartungen
mancher Leute. Das will ich nicht genauer beschreiben, will nur anführen, daß ich
einige Monate vor der Umsiedlung solchen, die so phantasierten, einmal sagte.
Wenn Sie glauben, daß dort, wo Sie hinkommen, ein gut eingerichtetes Haus, alles auf den Glanz geputzt, Speisezimmer, Extrazimmer und Wohnzimmer alles
warm geheizt, ein Stall voller Vieh wartet, und vielleicht auch noch das festlich
gekleidete Dienstpersonal Sie vor dem Hause freudig begrüßen werde, daß Sie
nun endlich einmal gekommen sind, und Sie dann ins Speisezimmer führt, Sie sollen sich setzen, und dann gleich Braten und Pobolitzen (eine Art Rosinenstrudel)
auftragen werde - dann werden Sie furchtbare Enttäuschungen erleben, da kann
Ihnen niemand helfen.
Einige von den Unzufriedenen übersiedelten mehrmals, zogen bald daher, bald
dorthin, waren aber nirgends zufrieden. Auch gab es solche, die nur jammerten,
weil sie von anderen angesteckt waren; es sah aus wie eine ansteckende Krankheit, anders war es bei einigen nicht zu erklären.
Das ganze erklärte ich einmal beim Landrat gelegentlich eines diesbezüglichen
Gesprächs mit einem Vergleich, indem ich sagte: Versuchen Sie einmal einen
Obstgarten mit älteren Bäumen auch nur einige Meter weit zu übertragen. Es wird
nicht gut tun. Unsere Gottscheer waren aber auch fest verwurzelte Bäume und
zwar seit Jahrhunderten. Er gab mir recht.
... Trotz dieser angeführten Dinge muß aber gesagt werden, daß viel Zorn, viel
Schimpfen, viel Jammer, viel Leid und sehr viel Tränen nur allzu berechtigt waren.
Viele Familien, auch solche mit vielen Kindern, die daheim ein schönes und geräumiges Haus hatten, waren in wahren Elendswohnungen untergebracht; das
nicht nur einige Wochen und Monate, sie hausten auch den zweiten, manche auch
den dritten und vierten Winter noch darinnen. Sie mußten aushalten, obwohl sie
sich viel Mühe gaben und viele Wege machten, um eine Änderung zu erreichen.
Bei diesen Einweisungen kamen viele Ungerechtigkeiten vor. Einigen Leuten, die
daheim große und sehr gut bewirtschaftete Bauernhöfe gehabt haben, wurde entsprechend gegeben; anderen ebenso guten Bauern und Besitzern wurden aber
Sachen angeboten, die kaum den vierten Teil des ihrigen in der Heimat erreichten.
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Viele von diesen nahmen natürlich nicht an. Anderen wurden Angebote gemacht,
die ihren Besitz in der Heimat um das Zehnfache und mehr überstiegen. Manche
nahmen an, andere weigerten sich mit Recht, Verpflichtungen einzugehen, für die
sie Jahrzehnte lang zahlen müßten (es wurde dreißigjährige Abzahlung angeboten) ...
Viele unserer Leute wurden weit weg angesiedelt, bei Marburg, Pettau und anderswo, so daß sie ganz getrennt von unserem Volke 100 und mehr km entfernt
waren. Auch wurden durch ungerechte Angebote absichtlich sogenannte "O-Fälle"
geschaffen. Man bot den Siedlern solche Sachen an, die sie selbstverständlich
nicht annehmen konnten. Das zweite und dritte Angebot war nicht besser. Da sie
auch nicht annahmen, hieß es: es seien Leute, die trotz mehrerer Angebote nicht
zufrieden sein wollen, und daher nach Osten (O-Fälle), nämlich nach Polen, geschickt werden sollen. Ich kenne einen Fall, in dem ein junger Gottscheer Bauer,
dem dies angedroht wurde, sagte: Herr St;, bieten Sie mir einmal etwas an, was
auch nur die Hälfte oder wenigstens ein Drittel dessen wäre, was ich daheim hatte, und ich werde annehmen!
... Außer den O-Fällen gab es auch "A-Fälle". Diese wurden schon daheim bei der
sogenannten Durchschleusung als solche bezeichnet, sie bekamen in ihren Umsiedlerausweis" ein A hinein. Es waren jene, die man als nicht vollwertig (scheinbar nach dem Rassen-Gesetz) betrachtete. Sie sollen von den anderen Gottscheern getrennt werden und ins Altreich (daher A-Falle) kommen. Sie, nämlich
die ganze Familie, wurden dann auch hinausgebracht und dort wieder getrennt
von allen anderen in verschiedene Fabriken als Arbeiter gesteckt, obwohl sie daheim Bauern waren und Besitz hatten.
Alte und arbeitsunfähige Leute wurden fürsorglich in ein Versorgungsheim gebracht Von mehreren wissen wir, daß sie nach Passau kamen. Von einigen auch,
daß sie dort bald gestorben sind. Von den anderen? War es wirklich Fürsorge oder
?"
Der Zusammenhang und Zusammenhalt, welche die typische Ausprägung des Gottscheer
Volkstums überhaupt erst ermöglicht hatten, wurden bereits in der Untersteiermark planlos zerstört. Neues Gottscheer Volkstum konnte auf diesem zerfahrenen Boden nicht
mehr entstehen. Vom "Stabshauptamt" war an sich vorgesehen gewesen, noch vor dem
Auszug aus dem Gottscheerland eine querschnittartige Bestandsaufnahme des vorhandenen Volkstumsgutes festzuhalten. Doch die beim DUB in Laibach vorgesehen Kulturkommission kam nicht zum Zuge. Die Italiener verhinderten ihre Einreise in die Provinz Laibach absichtlich durch Verzögerung der Visa-Erteilung so lange, bis die klimatischen
Schwierigkeiten die Aufnahme der Forschungstätigkeit unmöglich machten. Einem glücklichen Zufall ist es zu danken, daß der Wiener Brauchtumsforscher, Universitätsprofessor
Dr. Richard Wolfram, noch vor dem Jugoslawien-Feldzug in der älteren Generation der
Gottscheer den Brauchtumsbestand im Jahresablauf abfragen konnte. In fünf Beiträgen
im "Jahrbuch für Ostdeutsche Volkskunde" und in mehreren Vorträgen steckte Prof. Wolfram das etwas vernachlässigt gewesene Sachgebiet "Brauchtum der Gottscheer" neu ab wohl wissend, daß es in der Wärme familiärer Überlieferung gewachsen, doch in der eisigen Luft der Neuansiedlung seiner Träger zum Verwelken verurteilt war.
Das Heimweh ging unter den Gottscheer Bauern um. Daheim standen die Höfe leer.
Standen sie noch? Niemand war auf den Gedanken gekommen, wenigstens die größeren
Dörfer mit den guten Böden den hier ausgesiedelten Slowenen anzubieten. Ihre Ansiedlung freilich hätte der "Hohe Kommissar" in Laibach mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Nun waren sie heimatlos, die einen, wie die anderen, Gefangene ihres Schicksals.
Die wenigsten Gottscheer betrachteten die Erde, die sie nun bebauten als ihr eigentliches
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und endgültiges Eigentum. "Nach dem Krieg sieht alles wieder anders und besser aus",
so schloß kaum noch ein Gespräch von Gottscheern untereinander. Sie lebten nicht besser und nicht schlechter als alle, und wie es die Kriegszeit erlaubte. Nur die Sicherheit
verschlechterte sich von Jahr zu Jahr, denn dort, wo die Gottscheer als "Wehr- und
Grenzbauern" angesetzt worden waren, bestand für die Partisanen keine Reichsgrenze.
Für sie war dort Slowenien. Sie betrachteten die Umsiedler aus "Kocevje" als Freiwild. Mit
Kommandos bis zu zwanzig Mann überfielen sie, manchmal geradezu generalstabsmäßig
vorbereitet, ihre Siedlungen beschlagnahmten, raubten, plünderten und mordeten. Ein
krasses Beispiel dafür schildert Herbert Otterstädt auf Seite 20 seines Bildbandes: "Ein
Partisanentrupp überfiel einen jungen Gottscheer Lehrer namens Franz Hönigmann am
hellichten Tage und zwang ihn, vor den Augen seiner Schüler, ein Grab zu schaufeln,
dann erschlugen sie ihn und warfen ihn in die Grube." - Von den entführten Gottscheern
hat man nie wieder etwas gehört.
Über das Leben der Gottscheer in der Untersteiermark nach Abschluß der "Ansiedlung
hegen nur wenige Einzelberichte vor. Wenig war auch zu erfahren über das Schicksal der
Optionsverweigerer nach dem Abzug der Zwölftausend. Ihre genaue Zahl ist unbekannt
geblieben. Es mögen 400 bis 500 gewesen sein. Das von den Gottscheern verlassene
Siedlungsgebiet war praktisch militärisches Niemandsland. Noch im Winter 1941/42 setzten sich die Partisanen in den zuerst geräumten Randdörfern fest, verheizten die Obstbäume, Ställe und Scheunen. Von diesen abgelegenen Stützpunkten aus überfielen sie
immer öfter die größeren Dörfer in den Haupttälern wo sich die italienische Besatzungstruppe hauptsächlich aufhielt. In diesem, fast wie ein Dschungelkrieg geführten Kampf
brannten sich die Gegner die Stützpunkte nieder. Ob die Italiener oder die Partisanen
mehr Gottscheer Dörfer dem Erdboden gleichgemacht haben, wird niemand ergründen.
Bis auf wenige, ganz oder teilweise erhaltene Dörfer gingen fast alle Siedlungen in Flammen auf. Wir wundern uns nicht, daß die alten Besiedlungsmittelpunkte noch am besten
die chaotische Zeit überstanden haben. Pfarrer Josef Eppich in Mitterdorf, der aus seiner
ablehnenden Einstellung zur Umsiedlung die letzte Konsequenz gezogen hatte und geblieben war, wurde im Juni 1942 angeblich von einer verirrten Kugel während eines Gefechts zwischen Italienern und Partisanen tödlich getroffen. Der geistliche Herr hatte sich
gerade im Freien aufgehalten. Vermutlich!
Die Geistlichen Josef Kraker, Rieg, und Josef Gliebe, Göttenitz, waren ebenfalls nicht umgesiedelt. Kraker, in Rieg seines Bleibens nicht mehr sicher, gelang es, sich nach Laibach
und bis Veldes durchzuschlagen, wo ihm dann der Rieger Ferdl Wittine Hilfe bot. Durch
seine Vermittlung erhielt Pfarrer Kraker eine Pfarre in der Nähe von Veldes, wo er als von
den Slowenen geachteter Priester im Jahre 1949 starb. Dieser so volksbewußte Gottscheer konnte nicht mehr zu seinen in alle Welt verstreuten Landsleuten finden und mußte seine Predigten in einer fremden Sprache halten.
Gliebe blieb zunächst in Göttenitz, wurde mehrfach ausgeraubt, bis 1949 der Befehl kam,
die ganze Ortschaft zu räumen. - Auch die unmittelbar nach dem Krieg nach Göttenitz
gekommenen Laserbacher verließen das Dorf wieder. Josef Gliebe blieb in Niederdorf, wo
er auch die ewige Ruhe fand. Die älteste Monstranz des Gottscheerlandes, um die sich
eine Sage rankt, wurde durch ihn bzw. seine Nichte gerettet. Dieses Kleinod befindet sich
leider niczht bei den Gottscheern.
Das Gebiet um Göttenitz ist - "verbotene Zone".
Bei hinhaltender Kampftätigkeit zog sich die italienische Besatzungstruppe schließlich auf
die Stadt und das nördliche Oberland zurück. Durch Einschlagen breiter Schneisen in die
Bergwälder glaubte sie, die Partisanen besser überwachen zu können. Dies erwies sich
als Irrtum. Die slowenischen Untergrundkämpfer machten dem faschistischen Militär das
Leben auch in den neuen Stellungen durch kleinkalibriges Artilleriefeuer schwer. BeschäGedruckt von http://www.gottschee.at
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digungen erlitt vor allem das Auerspergische Schloß in der Stadt, Sitz der Bezirkshauptmannschaft und anderer Behörden. Vor allem wurde es während des Schlußkampfes um
die Stadt schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Angeblich würde sich der Wiederaufbau nicht gelohnen haben, hieß es in den führenden
Partisanenkreisen. Aber darum ging es ja nicht, vielmehr lag ihnen daran, dieses Mahnmal an die sechshundertjährige Anwensenheit der Gottscheer in Unterkrain zu beseitigen.
Da, wo einst das Schloß gestanden hatte, wurde ein modernes Kaufhaus und ein Partisanendenkmal errichtet.
Nach der Landung der Alliierten in Süditalien und dem darauf folgenden Zusammenbruch
des Mussolini-Staates wurde die Provinz Laibach deutsches Okkupationsgebiet. Der DUB
in Laibach, Dr. Wollert, berichtet auf Seite 8 des V. Bandes der Dokumentation des Vertriebenen-Ministeriums in Bonn über die dadurch entstandene, neue Situation:
"... Außerdem verließen die Italiener Ende 1943/Anfang 1944 das slowenische
Gebiet. Das Gebiet wurde Okkupationsgebiet und den deutschen Militärbehörden
unterstellt. Demzufolge wurde der deutsche Umsiedlungsbevollmächtigte im Einvernehmen mit der Emona (Gesellschaft zur Vermögensabwicklung) und unter Bestätigung durch die deutschen Militärbehörden wieder zum Verwalter des Vermögens, und zwar dieses Mal treuhänderisch eingesetzt. Da eine Verwaltung der
ländlichen Gebiete im Bereich der Gottschee nicht mehr möglich war, erstreckte
sich die Verwaltungstätigkeit des deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten nach
dieser Zeit im wesentlichen noch auf die Bereinigung von Schulden und Forderungen, die die Umsiedler hinterlassen hatten. Hierauf legten die örtlichen Stellen begreiflicherweise Wert.
Der deutsche Umsiedlungsbevollmächtigte liquidierte etwa im Februar 1945 seine
Dienststelle, indem er die slowenischen Angestellten in aller Ordnung entließ, die
Akten nach Veldes/Wörthersee verbrachte und für das in Laibach verbleibende
Vermögen, insbesondere Bargeld und Bankguthaben, einen örtlichen Treuhänder
in der Person eines dortigen Rechtsanwaltes einsetzte, der den Auftrag erhielt,
diese Werte der Stelle zu übergeben, die sich hierfür als rechtmäßig auswies. Diese Maßnahme war damals notwendig, weil die Stadt Laibach unmittelbar vor der
Besetzung durch die Partisanen stand."
1944: Die Kette der Frontabschnitte zieht sich immer enger um das deutsche Reich zusammen. Der Gottscheer Bauer pflügt zum drittenmal den Boden, der ihm vor seinem
Gewissen nicht gehört. Die im "neuen Ansiedlungsgebiet" zurückgebliebenen Slowenen
tragen ihre Köpfe höher, schauen mit triumphierendem Lächeln an den Gottscheern vorbei oder durch sie hindurch. Manche Umsiedler aus dem "Ländchen" glauben jedoch immer noch an den Sieg, weil sie sich davor fürchten, die Folgen einer Niederlage des Reiches zu Ende zu denken. Kaum einer verschließt sich allerdings der Frage ob es denn
keinen anderen Weg gab, als umzusiedeln. Diese Frage verfolgt sie überall hin, bis in die
Kirche, wenn sie zu beten versuchten. Erinnerung und Hoffnung, die noch im ersten Jahr
nach der Umsiedlung die Gespräche verklärt hatten verlieren den Glanz. Der Inhalt wandelt sich. Die Gedanken verlassen die Landschaft, zu der kein Heimatgefühl aufkommt.
Die einfachste Lösung wäre, so drängt den in die Enge getriebenen Gottscheer das Gesetz des Wanderns in ihm, nach dem Krieg die Heimkehr nicht erst zu versuchen, sondern irgendwo in der Welt einen Platz zu finden, am liebsten in Amerika, bei den eigenen
Leuten. Endlich zur Ruhe kommen. Nicht noch einmal in der Gefahr leben. Nicht immer
nur den Stärkeren gehorchen!
1945: Die Gottscheer Bauern bestellen die Felder zum vierten und letzten Mal. Die Arbeit
im Freien ist lebensgefährlich geworden. Tagsüber nehmen Tiefflieger alles was sich beGedruckt von http://www.gottschee.at
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wegt, unter Bordwaffenfeuer. Nachts kommen die Partisanen. Das Reich ist fast vollständig von den Alliierten besetzt. Der Endkampf um Berlin hat begon-nen. Hitler operiert mit
Divisionen, die nicht mehr bestehen. Tito aber kontrolliert mit seinen Partisanen, sichtbar
und unsichtbar, das gesamte jugoslawische Staatsgebiet.
Es gibt keine Hoffnung mehr. Die Gottscheer und ihre Schicksalsgenossen aus Sudtirol
und Bessarabien, die man ebenfalls im Ranner Dreieck anzusiedeln versucht hatte, sind
hilflos, schutzlos und bewegungslos. Niemand darf ohne Bewilligung der NSDAPKreisleitung Arbeitsplatz und Wohnsitz verlassen. Die Kreisleitung aber tauscht vor, es sei
noch Zeit. Die Gauleitung in Graz würde rechtzeitig die nötigen Befehle erteilen. Andererseits war bereits im Februar angeordnet worden, Pferde und Ochsen zu beschlagen und
das Fuhrwerk bereitzumachen. Graz aber schwieg. Endlich aber erst zwischen dem 5.
und 7. Mai 1945, wurden einige hundert Frauen und Kinder per Bahn nach Österreich in
Sicherheit gebracht.
Und auf den Tag genau mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945,
traf der Befehl des Gauleiters der NSDAP zum Abmarsch ein.
Nun rette dich, Gottscheer!
In höchster Eile sammelten sich die zu Flüchtlingen gewordenen "Umsiedler" in Gurkfeld
und Rann. Umständlich wurden Trecks zusammengestellt, schwerfällig setzten sie sich
nach Norden in Bewegung. Kaum hatten sie die Sammelplätze verlassen tauchten die
ersten Partisanen auf. "Partisanen"? Tatsächlich waren es Halbwüchsige, die mit umgehängten Maschinenpistolen und durch Ausplünderung der Wehrlosen ihre Männlichkeit
erproben und unter Beweis stellen wollten. Otterstädt berichtet über diese Begleitumstände der Flucht auf Seite 52 seines Bildbandes:
"In Lichtenwald, dem von Flüchtenden erfüllten, durch englische Luftangriffe angeschlagenen, an sich bedeutungslosen Orte, verbrachten sie, in Häusern, Ruinen
und im Freien lagernd, die erste Nacht. Die Partisanen hielten sich zur Bewachtung am Ortsrande auf. Da flog mitten in der Nacht aus unbekannten Gründen ein
im Bahnhof zurückgelassener deutscher Munitionszug in die Luft und verursachte
ein Chaos unter den Flüchtenden. Die ersten Verwundeten mußten mitgenommen
werden. Am Morgen ging es aus dem brennenden Lichtenwald unter Eskortierung
durch vielfach bewaffnete Halbwüchsige in Richtung Steinbrück hinaus. Unterwegs
sorgten wiederholte Gepäckskontrollen' dafür, daß die Gottscheer zuerst ihre
Fahrzeuge, dann ihre Bündel, schließlich ihre Handtaschen und bis sie ins Lager
Sterntal eingeliefert wurden, auch ihr Geld, Schmuck, Fingerringe und Ausweispapiere los wurden. Nach Tagen des Mordens, grausamen Quälens, Ausplünderns
und unmenschlichen Sadismus trafen die Überlebenden über Tüffer, Cilli wieder
zurück nach Tüffer und wieder Cilli im berüchtigten Todeslager Sterntal bei Pettau
ein."
Dieses Lager Sterntal bei Pettau, in dem ein wesentlicher Teil der flüchtenden Gottscheer
zusammengepfercht wurde, war eine Hölle. Die sanitären Verhältnisse auf dem Gelände
der früheren Munitionsfabrik waren für die Abertausenden völlig unzureichend und spotteten jeder Beschreibung. Reihenweise starben die Insassen an Seuchen, Hunger, Mißhandlungen und Mord. Kein Gottscheer Kind unter zwei Jahren überlebte. Die jüngeren
Frauen und Mädchen waren Freiwild für die Wachmannschaften. Erst durch das Eingreifen
des Roten Kreuzes fand die Qual ein Ende.
Aus persönlichen Erlebnisberichten geht hervor, daß es außerhalb der Trecks einer größeren, statistisch nicht erfaßbaren Zahl von flüchtenden Gottscheern gelang, an unübersichtlichen Grenzabschnitten nach Österreich durchzukommen - auch sie Überlebende der
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Tragödie ihres kleinen Stammes. Sie waren, als sie österreichischen Boden betraten,
nicht zuerst Gottscheer oder die Nachkommen von Alt-Österreichern oder Flüchtlinge vor
brutaler Gewalt oder "Um-Siedler", sondern, wie ungezählte Opfer dieses Krieges, bettelarme Menschen, glücklich, noch zu leben ... Heimkehr? Doch! Allerdings in einem anderen Sinne, als er in der Dokumentation "Der Menscheneinsatz" des "Stabshauptamtes" zu
lesen stand. Das war nun eine Heimkehr in die Menschlichkeit. Hier empfingen sie Hilfsbereitschaft, Verständnis für ihre Lage und Vertrauen. Gewiß mußten auch sie mit Lagern
vorlieb nehmen, allein, welch ein Unterschied zu Sterntal! Gleich ihren Schicksalsgenossen aus anderen "Vorposten"-Gebieten wurden auch die Gottscheer hauptsächlich in den
Lagern Kapfenberg und Wagna bei Leibnitz in der Steiermark untergebracht. In Kärnten
wurden sie im Lager Feffernitz bei Feistritz/Drau in der Nähe von Spittal an der Drau aufgenommen. Hier kamen sie nach der zermürbenden Irrfahrt aus der Untersteiermark zur
Ruhe, fanden sie wieder zu sich selbst. Für viele von ihnen sollte das Lager allerdings
zehn Jahre und mehr Ersatzheimat sein. Das Leben ging weiter, auf Schmalspur. Ehen
wurden geschlossen, Kinder geboren, der Tod hielt seine Ernte.
War es den Gottscheer Lagerinsassen in Feffernitz bei Spittal an der Drau bewußt, daß
das Schicksal sie in die unmittelbare Nähe der Ortenburger-Stadt gelenkt hatte? Sie
empfanden kaum das Symbolhafte ihrer Lage. Nach Feffernitz hatte die Flucht auch jene
Frau geführt, die in den dreißiger Jahren in der Anwaltskanzlei Dr. Arkos das Hausierwesen organisierte, Frau Paula Suchadobnik aus der Stadt. Auch hier betreute sie Menschen. Sie schrieb Briefe für die Alten, füllte Fragebogen für sie aus, beriet und half, wo
sie konnte. Den Jungen aber erteilte sie englischen Sprachunterricht. Warum gerade englisch? Weil das Lager zufällig in der englischen Besatzungszone lag? Vielleicht taten dies
junge Kärntner, doch wenn ein Gottscheer beginnt, englisch zu lernen, dann denkt er
zuerst an Amerika.
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Schlußakkord in Moll
Einige Wochen des Lagerlebens waren vergangen und des Suchens, Fragens und Schreibens nach den engsten Verwandten, Freunden und Nachbarn war kein Ende. Endlich trafen die ersten Briefe aus den Vereinigten Staaten ein, familiäre Freudensbotschaften und
Trauernachrichten, aber auch die Ankündigung, daß Hilfe vorbereitet werde.
Im Jahre 1946 bewiesen die Amerika-Gottscheer, daß der in Jahrhunderten gewachsene
Geist der Nachbarschaftshilfe in den Steinwüsten der Millionenstädte nicht erloschen war.
Nach umfangreichen Vorbereitungen wurde 1946 das "Gottscheer-Hilfswerk" mit dem
Ziel ins Leben gerufen, den schwer geprüften Landsleuten in Europa so rasch und so umfangreich wie möglich beizustehen. Über das Zustandekommen der Hilfsorganisation berichtet das Festbuch anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens das Folgende:
"Bei den Hauptversammlungen der Gottscheer Vereine in Ridgewood wurden bereits
im Januar 1945 provisorische Komitees erstellt, die sich mit dem Problem einer Hilfsaktion befassen sollten. Das Ende des Krieges, mit seinen chaotischen und grausamen Folgen für unsere Landsleute in Europa, drängte zur Tat. Um dem an den Folgen
einer tragischen Politik der Kriegsmächte, im Elend gestrandeten Gottscheer Völklein
zu helfen, war eine großzügige und koordinierte Hilfsaktion notwendig. Da die Satzungen der bestehenden Gottscheer Vereine für ein solches Unternehmen nicht geeignet waren, wurde am 23. Mal 1945 eine Versammlung ins Gottscheer Klubhaus
einberufen, an welcher sich folgende Vereine beteiligten:
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Gottscheer Kranken-Unterstützungsverein
Österreichischer Männer-Kranken-Unterstützungs-Verein
Gottscheer Central Holding Company
Gottscheer Männerchor
Gottscheer Damenchor
Deutsch-Gottscheer Gesang-Verein
Gottscheer Vereinigung.
Später traten noch der Gottscheer Kranken-Unterstützungs-Verein von New York, der
Gottscheer Kegelklub und der Fisch- und Jagdklub bei, und nach seiner Gründung im
jähre 1951 auch der Fußballklub Blau-Weiß Gottschee.
Aus deren Reihen wurden dann 19 Vertreter als provisorischer Beamtenstab für das
Hilfswerk erwählt. Sogleich wurde mit Geld- und Kleidersammlungen begonnen. Leider gab es noch keinen Postverkehr nach Europa, und außerdem waren Sendungen
an Privatpersonen oder Gruppen nicht erlaubt. Nur kirchlichen Organisationen war es
gestattet, Medikamente an Lazarette und Flüchtlingslager zu senden.
Im März 1946 schloß sich das Gottscheer Hilfswerk der "Katholischen Kriegshilfe Konferenz' (N. C. W. C.) an und steuerte 6000 Dollar bei, mit der Erwartung, daß die notleidenden Gottscheer in Europa wenigstens teilweise bei der Verteilung in den verschiedenen Ländern berücksichtigt werden.
Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten gelang dann am 15. April 1946 endlich die
gesetzliche Eintragung des Gottscheer Hilfswerkes (Gottscheer Relief Association,
Inc.). Zu betonen wäre hierzu, daß damit das Gottscheer Hilfswerk als erste Organisation in Amerika befugt war, für die eigenen Landsleute zu arbeiten. Jetzt lief die Arbeit mit großem Schwung an. Aus jeder Ortschaft wurde ein Vertrauensmann beauftragt, die Anschriften der Landsleute einzubringen und in kurzer Zeit wurden mehr als
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2000 Gottscheer Familien erfaßt. Die Relief News, nach Bedarf erscheinend, sorgten
laufend für die nötige Aufklärung unter den Landsleuten, und die darin enthaltene
Spalte "Verwandte und Freunde gesucht", stellte für Hunderte die seit Jahren unterbrochene Verbindung wieder her. Durch die enge Verbindung zum N. C. W. C. konnten wichtige Informationen eingeholt und veröffentlicht werden. Ein Appell im Gottscheer Dialekt wurde zwei Monate lang, eine halbe Stunde wöchentlich, über den
Sender WWRL ausgestrahlt. Korrespondenzen, Drucksachen, Radiosendungen die vielen Reisen, besonders späterhin Transportkosten usw., wurden von den betreffenden
Amtierenden aus privaten Geldern bestritten und alle gesetzlichen und sonstigen Arbeiten vollkommen kostenlos erledigt.
Als dann die noch heute bestehende Hilfsorganisation "Care" entstand, wurde sofort
Verbindung aufgenommen und bald darauf wurden die ersten 1000 Care-Pakete zum
Preis von 15.000 Dollar abgeschickt. Zu dieser Sendung steuerte auch die ClevelandGruppe 5000 Dollar bei. In den nächsten Jahren folgten dann noch weitere 3000 Care-Pakete. Tonnen von Kleidern sowie Milch- und Eierpulver.
Zunehmend wurde es schwieriger, die finanziellen Mittel aufzutreiben. Wohl deckten
die Spenden im ersten Jahr alle Ausgaben mit einem Überschuß, auch die oben angeführten landsmännischen Vereine stellten zwei Jahre alle Einnahmen ihrer Vereinsveranstaltungen dem Hilfswerk zur Verfügung, jedoch mußte für neue Einnahmsquellen gesorgt werden, sollte die Hilfsaktion nicht ins Stocken geraten. So wurde am 29.
Juni 1947 das erste Picknick und Wohltätigkeitsfest in Franklin Square abgehalten,
welches nicht nur ein ausschlaggebender finanzieller Erfolg war, sondern das größte
aller Feste der Gottscheer wurde. Niemand ahnte damals, daß dieses Picknick fortan
der Treffpunkt der Gottscheer aus aller Welt sein sollte. Nach 25jähriger ununterbrochener Folge ist dieses Fest mit seinen großen und kleinen Begebenheiten und Aktivitäten zum festen Bestandteil der Volkstradition geworden.
Am 26. Oktober wurde das Gottscheer Gedenkbuch herausgegeben. Außer dem finanziellen Beitrag, den dieses Buch damals leistete, wird es allen Verantwortlichen
und Mitarbeitern immer zur Ehre gereichen, daß sie mit dieser Publikation ein historisches Werk für die nachfolgende Generation geschaffen haben.
In diesen Monaten erreichte die Sammel- und Hilfsaktivität ihren Höhepunkt und die
Sendungen an die bedürftigen Landsleute gingen regelmäßig nach Europa. Hunderte
von freiwilligen Mitarbeitern zählte damals das Hilfswerk; alle steuerten Zeit und Geld
bei; die Opferbereitschaft kannte keine Unterschiede; es galt alles nur den in Not und
Elend befindlichen Landsleuten. Die Verteilung überließ man vertrauensvoll den in den
Nachkriegsjahren in Österreich und Deutschland organisierten Hilfsvereinen und Vertrauensleuten. Die Zukunft unserer Heimatlosen in Europa war in eine Wolke der
Trostlosigkeit und Verzweiflung gehüllt, notdürftig in Lagern untergebracht, teilweise
zur Untätigkeit verdammt und auf fremde Hilfe angewiesen, oder als Land- oder
Hilfsarbeiter um den Lebensunterhalt der Familie kämpfend. Auf die Dauer waren diese Zustände nicht tragbar. Wegen dem nicht endenden Zustrom von Flüchtlingen war
auf eine Hilfe von staatlicher Seite in Deutschland und Österreich zur Seßhaftmachung der Gottscheer Flüchtlinge damals nicht zu rechnen. Der einheimischen Bevölkerung der österreichischen Länder aber sei an dieser Stelle nochmals herzlichst gedankt. Das damals nicht reichlich vorhandene brüderlich geteilte Brot hat zahllose unserer Flüchtlinge vom Hungertode bewahrt. Einen Ausweg aus dieser Notlage zu finden, war lebenswichtig. Seit Jahrhunderten waren es die Gottscheer gewohnt, sich
das Brot in aller Welt zu verdienen, also mußte wieder eine Auswanderung in Betracht
gezogen werden. Auch eine Einwanderung in die USA war damals nicht möglich, so
wurden andere Möglichkeiten erwogen, wie Südamerika oder Kanada. Die Verhandlungen mit dem Vizekonsul in Venezuela ergaben kein befriedigendes Resultat. LänGedruckt von http://www.gottschee.at
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gere Verhandlungen wurden mit kanadischen Stellen geführt, wo sich wohl eine Möglichkeit der Einzeleinwanderung, aber nicht die einer geschlossenen Ansiedlung ergab.
In der Zwischenzeit bewilligten die USA die Einwanderungsquote für Deutschland und
Österreich für zwei Jahre. Nach vielen Verhandlungen und Überwindung starker Opposition wurde erwirkt, daß die Hälfte dieser Quoten für Volksdeutsche erlaubt wurde.
Auf diese Weise sollten in diesen zwei Jahren 23.000 Volksdeutsche Flüchtlinge zur
Einwanderung zugelassen sein. Laut Schätzungen der kirchlichen Organisationen gab
es damals in Europa mehr als 11 Millionen Volksdeutsche Flüchtlinge. Das Gottscheer
Hilfswerk, das in dieser Angelegenheit schon viel vorgearbeitet hatte, war bereits im
Besitz einer Liste mit 11.000 Namen von Gottscheern, die von unseren Vertretern in
den verschiedenen Lagern für eine eventuelle Auswanderung erfaßt worden waren.
Durch die Verbindung mit dem N. C. W. C., der damalige Präsident des Gottscheer
Hilfswerkes Adolf Schauer war persönlich Mitglied dieser Organisation, und durch unzählige Vorsprachen und Verhandlungen dieses Vertreters, war es möglich, sofort mit
der Arbeit für unsere Einwanderer zu beginnen.
Das zur gleichen Zeit laufende "Displaced Persons-Gesetz", worin jedoch keine Volksdeutschen einbegriffen waren, wirkte sich leider sehr störend auf die Bearbeitung der
Einwanderungsgesuche bei den betreffenden Behörden aus. So kam es, daß nach Ablauf der zwei Jahre von der bewilligten Zahl nur 10.400 Volksdeutsche einwanderten,
darunter noch viele Unberechtigte. Immerhin waren unter diesen Einwanderern auch
2000 Gottscheer, also beachtliche 20 Prozent anstatt ein Zehntel Prozent des gesamten Flüchtlingsverhältnisses. Leider mußten damals viele unserer Landsleute, die bereits in Salzburg auf ein Visum warteten, enttäuscht wieder umkehren.
Erst als am 16. Juni 1950 Präsident Truman ein Gesetz unterzeichnete, welches die
einwanderungsunterschiede (Discrimination) abschaffte, kam wieder Leben in die
Volksdeutsche Einwanderung. Bei den nun folgenden Konferenzen der N. C. W. C.
und D. P. C. (Displaced Persons Commission) wurde aber das Problem der Volksdeutschen immer zuletzt behandelt. Unter diesem Gesetz benötigte jeder Einwanderer eine Arbeits- und Wohnungszusicherung (Assurance), die wiederum in großzügiger
Weise und Zahl von den Gottscheer Unternehmern hier gestellt wurden. Es war dies
keine leichte Angelegenheit, denn die Wohnungen waren damals knapp und die finanziellen Mittel bemessen, und außerdem war sich niemand darüber klar, in welchem
Maße der Zusicherungsgeber im Notfalle zur Verantwortung gezogen werden könnte.
Bei einer Konferenz in Bellville, III., versprach auch Father Zurin von Missouri Zusicherungen für 50 Gottscheer Familien. Zwei Monate später fand in Milwaukee eine
zweitägige Konferenz statt, bei der Bischof Swanstrom vor den D. P. C. und N. C. W.
C. - Vertretern sehr stark für das Problem der Volksdeutschen eintrat. Dies belebte
die Sache der Einwanderung wieder. Trotz der Schwierigkeiten, genügend Arbeitsplätze und Wohnungen zu beschaffen - unsere Landsleute gingen nur ungern auf
"Farmen" - ging einigermaßen alles glatt..."
Die vorstehenden Ausführungen vermitteln uns nicht nur die Gründungsgeschichte des
Hilfswerks, sondern auch ein knappes Bild des Lebens der Gottscheer in New York. Wir
erfahren vor allem, daß sie über eine ganze Reihe von Organisationen verfügten mit denen wir uns noch beschäftigen werden. Zunächst bedürfen jedoch zwei Punkte aus dem
obigen Zitat einer Erläuterung:
Die elftausend, von der "Relief Association" ermittelten, hilfsbedürftigen Gottscheer sind
nicht gleichzusetzen mit den 1941 von der EWZ durchleuchteten Umsiedungsberechtigten. Natürlich handelt es sich bei dieser Zahl hauptsächlich um Flüchtlinge aus der Untersteiermark, jedoch befanden sich darunter auch Landsleute die unter Umständen bereits
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Jahrzehnte vorher nach Österreich ausgewandert und nun durch den Kriegsausgang in
materielle Not geraten waren.
Hingegen sind andererseits Flüchtlinge aus irgendwelchen Gründen nicht erfaßt worden.
Ferner verdient, festgehalten zu werden, daß die Amerika-Gottscheer nicht nur über ihr
Hilfswerk, sondern auch privat noch Unmengen von Paketen nach Europa sandten. Es
dürfte schwer sein, in Österreich und Deutschland einen damals bereits erwachsenen
Gottscheer zu finden, der dieser großartigen menschlichen Leistung nicht teilhaftig geworden wäre.
Eine ergiebige Geldquelle wurde dem "Gottschee-Hilfswerk" mit einer ergreifenden Dokumentation der Nächstenliebe erschlossen, dem "Gedenkbuch 1330 - 1947". Unter der
redaktionellen Leitung des Rechtsanwalts und Notars John Kikel erarbeitete ein Ausschuß
binnen kürzester Zeit ein reich bebildertes Buch mit geschichtlichen Ausführungen über
die einzelnen Gottscheer Dörfer und Gemeinden, wie sie bis 1933 bestanden. Sinn und
Zweck dieses in der Gottscheer Literatur einmaligen Werkes waren jedoch Inserate unterschiedlicher Größe, für welche die Auftraggeber erhebliche Beträge aufwandten. Die
weiteren Spender sind unter Angabe ihrer Namen und Herkunftsorte, samt Hausnummer,
aufgeführt. Die meisten von ihnen waren schon jahrzehntelang in den USA ansässig.
Rund 2300 Namen finden wir dort.
Es wäre ein unverzeihliches Versäumnis in den Augen der Empfänger von Liebesgabensendungen, würde man die Namen der Männer und Frauen aus dem Gottscheerland, die
das "Gottschee-Hilfswerk" gemeinsam ins Leben gerufen haben verschweigen. Neben
ihren Namen sollen auch die Herkunftsorte stehen, denn daheim war es alter Brauch,
wenn zwei einander fremde Landsleute sich trafen, lautete die erste Frage: "Won bu
sheitər ?" (Von wo seid Ihr?)
Dem Gründungsausschuß gehörten laut Festbuch von 1971 am 23. Mai 1945 die folgenden Persönlichkeiten an:
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Frank Deutschmann aus Suchen bei Nesseltal
Alois Fink aus Klindorf
John Kikel als Altlag
Mary Gregoritsch aus Stockendorf
Maria Högler aus Göttenitz
Mary Hönigmann aus Windischdorf
Rudolf Kump aus Buchberg
Mathias Lackner aus Preriegl - Frank Meditz aus Nesseltal
Hilda Meditz aus Nesseltal
Josef Meditz aus Nesseltal
John Petschauer aus Tschermoschnitz
Ferdinand Sbaschnig aus Masereben
Adolf Schauer aus Oberwarmberg
Viktor Schauer aus Niedermösel
Josef Schneller aus Nesseltal
Karl Stalzer aus Büchel
Fanny Staudacher aus Büchel
Ferdinand Stimpfel aus Mooswald
In ebenso dankbarer Würdigung seien die Namen der bis zum Erscheinen dieses Werkes
wirkenden Präsidenten des "Gottschee-Hilfswerkes" bzw. der "Relief Association, Incorporation" genannt:
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Adolf Schauer aus Oberwarmberg (1946-1950)
John Kikel aus Altlag (1951-1953)
Josef Hoge aus Altlag (1954/55)
Karl Stalzer aus Büchel (1956-1965)
Ernst Eppich aus Unterdeutschau (seit 1966)
Nicht nur in den Vereinigten Staaten finden große Veranstaltungen der Gottscheer statt,
sondern auch in Europa. Die größte Zahl an Besuchern weist jedoch das "Volksfest" im
Plattdeutschen Park zu New York auf. Je nach Witterung erscheinen vier- bis fünftausend
Besucher. Das "Gottscheer Volksfest" gehört zu den größten landsmannschaftlichen Veranstaltungen der Deutsch-Amerikaner in New York. Der äußere Rahmen und Ablauf entsprechen am ehesten einem überdimensionalen Kirchweihfest daheim, einem "Kirtog".
Lange Tische unter alten Bäumen erinnern an irgendein Wirtshaus im "Ländchen". Eine
riesige Schallmuschel verrät, daß dieser Park für Volksfeste mit Blechmusik angelegt
wurde. Den Gottscheern dient sie jedoch als Rednertribüne. Farbenfrohe Dirndltrachten
beleben das heitere Bild.
Überlagert ist die festliche Kulisse von einem hochgestimmten Schwirren gottscheerischer Laute und dem immer neu aufklingenden Lachen der fröhlichen Festbesucher. In
den ersten Jahren des "Volksfestes" wurde das Stimmengewirr vielfach unterbrochen von
lauten Zurufen, Menschen stürzten aufeinander zu und hielten sich minutenlang mit den
Händen und den Augen fest. Manche hatten sich dreißig, vierzig, andere fünfzig Jahre
nicht mehr gesehen. Nachbarskinder, die fast geschwisterlich miteinander aufgewachsen
waren, Jugendfreunde und -freundinnen, alte Kameraden aus gemeinsamer Militär- und
Kriegszeit hatten sich wieder.
Und doch besteht ein tiefgreifender Unterschied zwischen dem "Gottscheer Volksfest" in
New York und einem "Kirtog" daheim. Wenn sie so beieinander stehen, forscht heimlich
jeder im Antlitz seines Gegenübers nach den Gesichtszügen der Kinderzeit - und findet
sie, verborgen unter der Erinnerung an das Wunderland der Jugendtage. Alles blüht auf,
was damals allein wichtig war, das Elternhaus, das Dorf, seine Kapelle, die unvergessenen Wege vorbei an den Bildstöcken und Feldkreuzen in die Wiesen und Wälder, die oft
geheimnisvoll drohenden, dunklen Gottscheer Wälder. Die Spielplätze, die Schule, die
Kirche und der Friedhof drängen sich in das Bild, durch das spielende Kinder toben, die
Mutter ernst und schweigsam schreitet. Alles kommt ihnen viel größer und reicher vor,
als es in Wirklichkeit war, denn die Enge und das Entbehrenmüssen sind vergessen. Viele, viele alte Gottscheer kommen aus der Tiefe des nordamerikanischen Raumes, plötzlich müde geworden des Übermaßes an Fremde, zu diesem Rastplatz der Heimatliebe, die
nur noch das versunkene Traumland des Lebensfrühlings gelten läßt.
Vor dem eingefriedeten Festplatz aber stehen Hunderte jener Zeugen dafür, wie sich harte Arbeit lohnt, Automobile, von denen manche mehr kosten, als ein kleiner oder mittlerer Gottscheer Bauer in seinem ganzen Leben eingenommen hat.
Ein weiterer Unterschied zu einem heimischen "Kirtog" sind die offiziellen Ansprachen.
Zuhause stand die Predigt des Pfarrers im Mittelpunkt. Im "Plattdeutschen Park" werden
die Gäste von der Festleitung und dem Präsidenten des "Gottschee-Hilfswerkes" feierlich
begrüßt, namentlich jene aus Europa. Unter ihnen befindet sich immer wieder Pater Mathias Schager aus Meierle. Er ist als Pfarrer in Wien tätig. So oft der Pater das "Volksfest"
besucht, liest er einige Wochen später in Neu-Gottschee eine Feldmesse. "NeuGottschee" ist ein Gelände in der Landschaft Walden, 60 Meilen westlich von New York,
das der Gottscheer "Country-Club" erworben und mit weit auseinanderstehenden Landhäusern im gängigen amerikanischen Stil bebaut hat. Trotz der beträchtlichen Entfernung
wohnen jedesmal mehrere hundert Gottscheerinnen und Gottscheer dem Gottesdienst
bei, um sich von diesem Ereignis mit seinem eigentümlichen Stimmungsgehalt erneut in
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der Abstammung bestätigt zu fühlen. An der Rückseite des Clubhauses ist, reich mit Grün
geschmückt, der Feldaltar aufgebaut. In wenigen Metern Entfernung scharen sich die
Gläubigen tief gestaffelt in einem weiten Bogen um den Altar. In ihrer Mitte steht eine
Gruppe von Frauen. Sie singen ohne einen Dirigenten die "Deutsche Messe" von Franz
Schubert.
Eine zweite, ländliche Ansiedlung von Gottscheer Landsleuten in aufgelockerter Form befindet sich in Hawley, Staat Pennsylvania. Sie ist in einem Raum von etwa 5 Quadratkilometern verstreut, dort stehen bereits 52 in moderner Art gebaute Einfamilienhäuser auf
Grundstücken im Ausmaß von jeweils 5000 bis 50.000 Quadratmetern. Die meisten davon sind direkte Nachbarn. Etwa 20 Gottscheer sind bereits Eigentümer von weiteren
Baugrundstücken in diesem Gebiet. Die Gegend liegt zweihundert Kilometer von New
York entfernt in der Pocono-Gebirgsregion (eine bekannte und gern aufgesuchte Sommerfrische). Sie ist der Landschaft sowie auch der Seehöhe nach unserer ehemaligen
Heimat Gottschee ähnlich. In diesem Raum liegt auch die beliebte Gaststätte "Lukans
Farm" der Familie Lukan aus dem Gottscheer Unterland.
Um das Hilfswerk aufzubauen und mit Leben zu erfüllen und um eine Veranstaltung wie
das "Volksfest" aufzuziehen, bedurfte und bedarf es zahlreicher freiwilliger Helfer und
einer Anzahl von Männern und Frauen, die organisieren können und bereit sind, sich unter erheblichen, persönlichen Opfern an die Spitze zu stellen.
Die Präsidenten des Volksfestes waren:
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1947
1948
1954
1956
1960
1961
1964
Anton Gliebe
- 1952, 1959 Ignaz Kreuzmayer
/ 55 Karl Stalzer
Fred Sumperer
Albert Belay
- 1963, 1966 bis heute Richard Eisenzopf
/ 65 Ernst Eppich
Besonders hervorzuheben ist hier die Leistung von Richard Eisenzopf aus Hohenegg, dem
die Festleitung schon 15 Jahre anvertraut wurde. Für seine Verdienste wurde er zum "Ehrenrat" des "Gottscheer Hilfswerks" ernannt und ist Ehrenmitglied der Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt.
Die Kraft für ihre Opferbereitschaft erwuchs ihnen allen aus einem Aufruf des Gewissens,
den eine Hinterbergerin in ihrem Inserat in die schlichten Worte kleidete: "Vergeßt den
Gottscheer nicht in seiner Not!"
Die materielle Gesamtleistung der Gottscheer in USA und Kanada ist statistisch nicht erfaßt und wohl auch nicht erfaßbar. Wenn allein schon das "Gottscheer Hilfswerk" den
Wert der Liebesgabenpakete, die über seine Organisation abgefertigt wurden, mit rund
100.000 Dollar beziffert, so sind darin die ungezählten Einzelsendungen an Verwandte,
Freunde und Unbekannte noch nicht Inbegriffen. Nicht bewertbar ist auch das ideelle Kapital dieser einzigartigen Nachbarschaftshilfe, weil sie sich in Geld nicht ausdrücken läßt.
Man kann ihr Vorhandensein bestenfalls erklären und zwar aus der Geschichte des Gottscheerlandes und aus den zahlreichen Vereinigungen zur Pflege gemeinsamer Erinnerung
an das ferne "Ländchen".
Bei der Wahl des Vorstandes des Gottscheer Hilfswerks wurde 1966 Ernst Eppich zum
Präsidenten erwählt. Er ist am 10. April 1920 in Unterdeutschau geboren und wanderte
1952 in die USA aus. Der gesamte Vorstand setzte sich damals aus Neueinwanderern
zusammen. Diese jungen Leute sind mit aller Kraft und auch einem gewissen Ehrgeiz an
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die Arbeit gegangen, um zu beweisen, daß sie aus Dankbarkeit für die früher empfangenen Hilfesendungen bereit sind, weiterhin Hilfe an die noch immer in Not befindlichen
Landsleute in Europa zu bieten.
Damals wurde auch das heute noch funktionierende Kulturkomitee gebildet. Sofie
Moschner, die Leiterin dieser Vereinigung, hat durch ihre persönliche Hingabe und Bereitschaft den größten Anteil an den Erfolgen. Sie bildete die Gottscheer Trachtengruppe, die
bei allen größeren Anlässen und Festlichkeiten in Erscheinung tritt. Alle Gottscheer Vereine mit dem Gottscheer Hilfswerk an der Spitze unterstützten auch den Deutschen Schulverein von New York. Sie erachten es als sehr wichtig, daß die Kinder von Gottscheer
Eltern die Deutsche Schule besuchen.
Der jetzige Leiter des genannten Kulturausschusses, Albert Belay, veranstaltet alljährlich
für jung und alt Weihnachtsfeiern im Gottscheer Klubhaus.
Die alten Weihnachtsbräuche aus der verlorenen Heimat werden erneuert, Gedichte und
bekannte Weihnachtslieder werden von Kindern und den Gottscheer Chören vorgetragen.
Kinder und betagte Landsleute werden durch Weihnachtsgaben erfreut.
Seit dem Jahre 1965 beteiligen sich die Gottscheer von New York auch an der großen
Steuben-Parade der Deutsch-Amerikaner, die jedes Jahr in der 5th Avenue in New York
abgehalten wird. Eine große Anzahl der Mitglieder der angeschlossenen Vereine nehmen
daran teil. Die jeweilige Miß Gottschee mit ihren Prinzessinnen, die Gottscheer Trachtengruppe, die alljährlich Aufsehen erregt, sowie eine große Gruppe der jungen Fußballer
von "Blau-Weiß Gottschee" marschieren mit.
In der Vermögensentschädigung hat sich das Gottscheer Hilfswerk mit großer Energie
eingesetzt, um die Wiedergutmachung für unsere Landsleute in den USA zu erlangen. Es
wäre falsch, einen Mann zu vergessen, der sich voll und ganz für die Entschädigung des
Vermögens verwendet hat: Sein Name ist Josef Novak aus der Stadt Gottschee. Schon
1970 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste vom Gottscheer Hilfswerk zum "Ehrenrat" ernannt.
Heute besteht eine reibungslose Zusammenarbeit unter den Gottscheer Organisationen
von New York. Diese Tatsache ist nicht zuletzt der umsichtigen Arbeit des Präsidenten
des Gottscheer Hilfswerks, Ernst Eppich, und seiner 12 jährigen Amtszeit zuzuschreiben.
Die erste Vereinsgründung zur gegenseitigen Hilfeleistung in Cleveland/Ohio (1889) wurde bereits dargestellt. Alle Vereinigungen entstanden und bestehen aus Idealismus und
dienen kulturellen, sozialen und sportlichen oder rein gesellschaftlichen Zielen. Organisationen mit politischen oder wirtschaftlichen Zielen haben die Gottscheer in der Neuen
Welt auf landsmannschaftlicher Basis nicht hervorgebracht.
Nachstehend verzeichnen wir die in der "Gottscheer Relief Association" zusammengeschlossenen Organisationen, auch jene, die sich nach jahrzehntelangem Bestehen und
Wirken aufgelöst haben. Als Quellen dazu dienten das "Gedenkbuch" 1330 bis 1947, die
"Jubiläumsschrift" anläßlich des 25jährigen Bestehens des Gottschee-Hilfswerks 1971
und Berichte eines Arbeitskreises des Hilfswerkes.
Der "Gottscheer Männerchor" ist der älteste Gottscheer Verein ganz Nordamerikas, der
eine besondere kulturelle Tätigkeit entfaltet. Er wurde am 1. April 1900 gegründet, und
hat sich in den nun fast acht Jahrzehnten seines Bestehens den Ruf eines hochstehenden
Klangkörpers erworben. Er erfüllt heute noch die bei seiner Gründung gestellte Aufgabe,
wie die Pflege des deutschen und des Gottscheer Liedes sowie hilfsbereiter Nachbarschaft
bei frohgemuter Geselligkeit nach Gottscheer Art. Der erste Präsident hieß Peter StoGedruckt von http://www.gottschee.at
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nitsch aus Unterdeutschau. Zum ersten Dirigenten wurde Julius Drück, ein zu jener Zeit
sehr bekannter Musiklehrer, gewählt. Jetziger Dirigent ist Peter Freund, ein Donauschwabe, der nicht nur hohe musikalische Fähigkeiten besitzt, sondern auch viel Verständnis
für das Gottscheer Liedgut mitbringt. Ihm vor allem verdankt der Gottscheer Männerchor
seine anerkannten sängerischen Qualitäten. Die Seele des Vereins ist jedoch seit dem
Jahre 1937 sein Präsident Karl J. Stalzer aus Büchel, Gemeinde Nesseltal. Er wurde 1905
in Newark/USA in jene Gottscheer Generation hineingeboren, die in Scharen in die Vereinigten Staaten auswanderte, aber nur in geringer Zahl wieder heimkehrte, um mit den
ersparten Dollars neu zu beginnen. Dies taten auch noch seine Eltern. 1923 zog der 18
jährige seinerseits die Auswanderung in die Vereinigten Staaten, seinem Geburtsland,
den immer schwieriger werdenden Lebensumständen in der Heimat vor. Er ließ sich in
New York nieder und begründete seine Existenz als Bautischler, wurde Baumeister und
Unternehmer. Unmittelbar nach seinem Eintreffen tat er im Gottscheer Vereinsleben mit.
Die Landsleute erkannten seine Fähigkeiten und übertrugen ihm zahlreiche Arbeitsposten
in den Organisationen, denen nun schon fast 52 Jahre seine Freizeit gehört. Mit ungewöhnlicher Arbeitskraft ausgestattet, gelang es ihm, Ämter wie das des Männerchorpräsidenten mit jenem des ersten Vizepräsidenten der "Relief Association" und Präsidenten
derselben Organisation (1956 bis 1965) zu vereinen. Das Gottschee-Hilfswerk verlieh ihm
für seine große Leistung den Titel eines Ehrenpräsidenten. Die "Arbeitsgemeinschaft der
Gottscheer Landsmannschaften" (Sitz Klagenfurt) zeichnete ihn durch die einstimmige
Verleihung des Gottscheer Ehrenringes 1977 aus. Der Ring wurde ihm in einer Feierstunde in New York überreicht.
1923 erhielt der "Männerchor" ein Gegenstück in dem "Gottscheer Damenchor". Es wurde
Brauch, daß die beiden Chöre in jeder Saison als gemischter Chor mit einem umfangreichen Konzertprogramm vor die Öffentlichkeit traten. Der "Gottscheer Damenchor" löste
sich 1957 auf. Ein weiteres Beispiel für die Sangesfreudigkeit der Gottscheerinnen in New
York stellt der 1937 gegründete "Deutsch-Gottscheer Gesangsverein" dar. Derzeitige Präsidentin ist Sofie Moschner, geborene König aus Hohenberg. Ihre Vorgängerinnen waren
Elsa Tscherne, Netti Wittmann, Luise Högler und Maria Stampfel-Graf, die vom Verein zu
Ehrenpräsidentinnen ernannt wurden. Sofie Moschner, geboren 1922, wanderte 1955
nach New York aus, wo sie sofort eine tatkräftige Mitarbeiterin im Vereinswesen wurde.
Große Verdienste hat sie sich, wie schon erwähnt, durch die Gründung einer Trachtengruppe innerhalb des Hilfswerks erworben. Auch ist es ihrem Einsatz zu verdanken, daß
das Gottscheer Mundartlied zu einem Mittelpunkt in der Arbeit der "Gottscheer Chöre"
(wie der Männerchor und der "Deutsch-Gottscheer Gesangsverein" auch genannt werden)
geworden ist. Im Jahre 1967 erbrachte die enge Zusammenarbeit der Chöre eine Schallplatte mit 16 Gottscheer Volksliedern, eine Leistung, die damals einzig dastand und die
sich würdig in die verdienstvollen Beiträge zur Erhaltung unseres Kulturgutes einreiht.
Dieser Frauenchor stützt sich heute nicht mehr allein auf die eingewanderten Gottscheerinnen, sondern auf ihre heranwachsenden Töchter, die bereits ein Drittel der Sängerinnen ausmachen. Sie liefern somit den Beweis, daß die Blütezeit des Chores noch nicht zu
Ende ist.
War schon das Entstehen des "Gottscheer Männerchores" ein Zeichen dafür, daß die Zahl
der Einwanderer aus der Sprachinsel bedeutend gestiegen war, wurde diese Tatsache am
24. April 1901 mit der Gründung des "Gottscheer Krankenunterstützungsvereines" unterstrichen. Er ist einer der ältesten Arbeiter-Selbsthilfe-Organisationen Amerikas. Der Mangel an sozialer Fürsorge und das Bedürfnis nach geselligen Zusammenkünften der Gottscheer Landsleute trugen wesentlich zu der Gründung dieses Vereins bei, die Unterstützung der Mitglieder in Krankheits- und Sterbefällen blieben jedoch bis heute der Hauptzweck. Erster Präsident wurde John Krisch. Man erkannte bald, daß der geringe Mitgliedsbeitrag nicht ausreichen würde, die Erfordernisse erfüllen zu können. So entschloß
man sich, den inzwischen zur Tradition gewordenen Bauernball ins Leben zu rufen. Dies
ergab nicht nur eine Stärkung der Vereinskasse, sondern bot gleichzeitig auch den MitGedruckt von http://www.gottschee.at
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gliedern und Angehörigen Gelegenheit zu geselligen Zusammenkünften. Dazu fehlte den
Gottscheern ein eigener Raum. So war der Ruf nach einem eigenen Clubhaus sehr groß.
Der damalige Präsident des Vereines, Gottfried M. Tittmann, wurde der Urheber und
Gründer des Gottscheer Clubhauses und der bald darauf folgenden KinderWeihnachtsbescherung. Diese leitete durch viele Jahre Adolf Schauer.
Ein weiterer Verein entstand am 4. Juni 1904 mit dem Namen "ÖsterreichischUngarischer Reservistenbund". Er wurde im Jahre 1907 als "österreichischer MännerKrankenunterstützungsverein" bekannt. Erster Präsident war Alois Duffek, später zum
Ehrenpräsidenten ernannt. Das Motto dieses Vereines war ebenfalls, den in Not geratenen Landsleuten bei Krankheits- und Sterbefällen behilflich zu sein. Am 18. Dezember
1955 vereinigten sich die beiden gleichen Zielen dienenden Vereine. Verdienstvolle Präsidenten des österreichischen M. K. U. V. waren Andreas Stontisch, Adolf Schauer, Ferdinand Matzele, Alois Fink, Hermann Koch und Ferdinand Novak. Wie bereits nach dem
Ersten Weltkrieg der Gottscheer K. U. V. die treibende Kraft für Hilfsaktionen war, so kamen auch diesmal aus seinen Reihen die ersten Stimmen, den notleidenden Landsleuten
in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Tatkräftig wurde das Vorhaben der
Gründung des Gottscheer Hilfsvereines unterstützt. Den Höhepunkt im Hinblick auf die
Mitgliederzahl erreichte der Verein wohl im Dezember 1956 mit 530 Mitgliedern. Auch
beim Umbau des Gottscheer Clubhauses im Jahre 1962 tat der Verein durch finanzielle
Unterstützung ausgiebig mit. Alles wurde getan, um das Heim der Gottscheer in Ridgewood zu vergrößern.
Den großen Erfolg dieses Vereines kann man auch daran erkennen, daß er bis heute eine
halbe Million Dollar an Kranken- und Sterbegeld nebst vielen anderen Unterstützungen
auszahlte. Dabei wird nicht nur für die alten Mitglieder gesorgt, sondern auch der Jugend
wird durch Errichtung von Stipendien geholfen. Für besondere Verdienste wurden im Laufe der Zeit mehrere Präsidenten zu Ehrenpräsidenten ernannt. Dies sind:
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Mathias Kump aus Kummerdorf 1903-1906 und 1931-1937
Gottfried M. Tittmann aus Steyr 1910, 1912-1922, 1924-1927
Adolf Schauer aus Oberwarmberg 1924-1930 Präsident im Ö. M. K. V.
Josef Eppich aus Altlag 1962-1969.
Der jetzige Präsident ist Alois Eppich aus Kukendorf, der diesen Posten bereits elf Jahre
bekleidet (1958/59 und seit 1970). Wiederum mit fast gleichem Namen und Programm
wurde 1919 eine dritte Wohlfahrtsorganisation ins Leben gerufen, der Gottscheer Kranken-Unterstützungsverein von New York.
"Gottscheer Vereinigung" nennt sich eine vierte Organisation, die gegenseitige Hilfsbereitschaft und Pflege gottscheerischer Sitte und Art seit 1935 auf ihre Fahne geschrieben
hat. Der Gründungspräsident war John E. Loser aus Rieg, der den Verein (mit kurzer Unterbrechung) auch heute noch führt. Loser ist ein tüchtiger Mitarbeiter in der Gottscheer
Volksgruppe in New York und seine Leistungen werden hoch bewertet und voll anerkannt.
Der mitgliederstärkste und in der deutsch-amerikanischen Öffentlichkeit bekannteste
Verband ist ein Sportclub, der sich nach den Landesfarben der früheren Sprachinsel den
Namen "Blau-Weiß Gottschee" gegeben hat. Der erste Präsident war der Zivilingenieur
Albert Belay aus Lienfeld. Er ist 1925 geboren, wanderte 1950 in die Vereinigten Staaten
aus und fügte sich sogleich durch die Übernahme bleibender Ämter in das organisatorische Leben der Gottscheer in New York ein. Unter anderem führt er zehn Jahre das Kultur-Komitee der "Relief Association".
Die Gründung "Blau-Weiß Gottschee" machte den Landsleuten von Anbeginn viel Freude.
Der Klub entwickelte sich zeitweilig über längere Strecken zum erfolgreichsten SportverGedruckt von http://www.gottschee.at
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ein des "Deutsch-amerikanischen Fußballbundes". So stieg er 1963 in die Oberliga dieses
Verbandes auf. Die bedeutendsten Siege errangen jedoch die Nachwuchsmannschaften,
besonders die Knabenmannschaft. Sie erreichte in den Jahren von 1963 bis 1968 und
1970 die DAFB-Meisterschaft (Deutsch-amerikanischer Fußballbund) in ihrer Klasse und
(eine herausragende Leistung) verlor von 1963 bis jetzt kein einziges Spiel.
Seit Jahren bestreitet "Blau-Weiß" jede Spielsaison mit zehn oder mehr Mannschaften,
ein Unternehmen, welches die Freizeit vieler Mitarbeiter und Betreuer voll in Anspruch
nimmt. Seine Präsidenten waren bisher:
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1951 Albert Belay (Lienfeld)
1952, 1953, Erwin Hönigmann (Altlag)
1954 bis 1961 Josef Hoge (Weißenstein)
1962 bis 1965 Albert Belay
1966 bis 1969 Louis Hocevar (Brunnwirt/Gottschee Stadt)
1970,1971 Albert Petsche (Hinterberg)
1972 bis 1974 Erwin Jonke (Gottschee Stadt)
1975 Willy Stalzer (Reichenau)
seit 1976 Ernst Kresse (Ort)
Neben "Blau-Weiß Gottschee" haben sich viele Gottscheer zu anderen Sport- und naturverbundenen Clubs zusammengeschlossen. Vom Gottscheer Country-Club wird der
Wunsch, möglichst oft und lange in einem eigenen Heim unter Gottscheern weilen zu
können, organisiert. Die von den Clubmitgliedern entwickelte ziemlich weitläufige Siedlung nennt sich "Neu-Gottschee". Auf dem Gelände steht ein gut ausgestattetes Clubhaus, das seit seiner Errichtung ein viel besuchtes, sommerliches Ausflugsziel der New
Yorker Gottscheer darstellt.
Jagdfreuden verwirklicht der "Green Mountain Hunting Club". Er wurde 1954 gegründet.
Sein erster Präsident hieß Hermann Ostermann. Das Jahresprogramm sieht einschlägige
sportliche Veranstaltungen sowie die Pflege waidmännischer Traditionen vor. Gegenwärtiger Präsident ist Josef Kofler aus Katzendorf.
Ein ähnliches jagdsportliches Vereinsleben entfaltet der "Gottscheer Rod and Gun Club".
Gegründet 1950, war sein erster Präsident John Köstner. Er besitzt ein ausgedehntes
Jagdrevier, dessen Baum- und Wildbestand sich freilich nicht mit jenem in den Gottscheer Wäldern vergleichen läßt. Mit um so größerer Anhänglichkeit pflegt der Club die
Erinnerung an die alte, heimatliche "Jagerei". Gegenwärtiger Präsident ist Adolf Petsche
aus Unterskrill.
Besonders ist noch der "Gottscheer-Kegelclub" zu erwähnen. Auch seine Zielsetzung endet nicht im sportlichen Tun, sondern vereinigt die Mitglieder oft und oft zu altgottscheerischer Unterhaltung in froher Runde. Erster Präsident war John Kropf, jetziger
Präsident: Robert Schlinderer aus Rieg. Dieser Club hat eine beachtliche Zahl von Mitgliedern und ist ein treuer Mitarbeiter in der Gottscheer Gemeinschaft.
Das Vereinsleben der Gottscheer in New York hätte seine nun bald achtzig Jahre andauernde Regsamkeit mit den zahlreichen geselligen und gesellschaftlichen Veranstaltungen
und Versammlungen nicht fortführen können, wäre nicht am 15. März 1924 der erste
Schritt zur Gründung der "Gottscheer Central Holding Corporation" getan worden. Die
damals bereits bestehenden Vereine beriefen eine Massenversammlung ein. Noch an Ort
und Stelle erklärten sich mehr als hundert Personen bereit, der vorgeschlagenen Neugründung, deren Hauptziel die Errichtung eines Clubhauses war, als Aktionäre beizutreten. Bereits im Juni wird die Gesellschaft bei der zuständigen New Yorker Behörde eingetragen. Die Mitgliederzahl war inzwischen auf mehr als 400 angewachsen, das AktienkaGedruckt von http://www.gottschee.at
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pital auf rund 10.000 Dollar gestiegen. Es wurde zum Ankauf des Grundstückes Nr. 657
in der Fairview Avenue im Stadtteil Ridgewood und für die dringendsten Reparaturen am
Gebäude verwendet. Die größten Verdienste um das Entstehen der "Gottscheer Central
Holding Corporation" erwarb sich Gottfried M. Tittmann, Sohn von Gottscheer Eltern, geboren 1888 in der Stadt Steyr, ist er im Jahre 1902 mit Vater und Mutter in die Vereinigten Staaten eingewandert. Er ist gelernter Goldschmied, gründete vor mehr als sechs
Jahrzehnten ein eigenes Unternehmen, in dem er noch heute mit seinen Söhnen arbeitet.
Aus seiner Lebensleistung für das Gottscheertum sei hervorgehoben: Er war der Gründer
der "Central Holding Corporation" und sein erster Präsident. 16 Jahre war er Präsident
und 70 Jahre Mitglied des "Gottscheer Kranken-Unterstützungsvereines". In beiden Fällen
wurde er von den Mitgliedern zum Ehrenpräsidenten gewählt.
Im Laufe der Jahrzehnte erfüllte das Clubhaus nach mehreren Ausbauten seine Zweckbestimmung immer besser. Der Durchbruch zum großräumigen repräsentativen Mittelpunkt
der Gottscheer in New York wurde jedoch erst 1960 mit dem Ankauf des Nachbargrundstückes möglich. Die Umbauplanung und die erforderlichen Arbeiten leitete der verstorbene Präsident Ferdinand Sbaschnig aus Masereben (1905-1970), dem ein arbeitswilliges
Komitee zur Seite stand. Sbaschnig war für diese Aufgabe als Inhaber eines Eisen- und
Stahlkonstruktionsunternehmens besonders geeignet. Die feierliche Eröffnung fand am 1.
Dezember 1962 unter großer Beteiligung der Gottscheer statt.
Auch der gegenwärtige Präsident Arthur Tramposch aus Nesseltal betrachtet es als persönliches Anliegen, das Clubhaus in einem ausgezeichneten Zustand nicht nur zu erhalten, sondern noch weiter auszubauen. Arthur Tramposch ist 1904 in Chicago geboren,
lebte mit seinen Eltern von 1911 bis 1922 in Nesseltal und kehrte in diesem Jahr in die
USA zurück. Er blickt auf ein erfolgreiches Leben als Fachmann der Holzbearbeitung im
Rahmen einer Großtischlerei zurück.
So wie das Gottscheer Clubhaus heute dasteht, legt es beredtes Zeugnis ab für die Opferbereitschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl seiner Gesellschafter und Besucher.
Seine Anziehungskraft endet nicht an der Stadtgrenze von Groß-New York. Alle Gottscheer wissen, daß dort ein Heimathaus steht, Heimat durch die Menschen, die dort Tag
für Tag und Jahr für Jahr aus und ein gehen. Das klingt ein wenig sentimental, aber - es
soll kein Vorwurf sein - ein dem materialistischen Zeitgeist verhafteter Zeitgenosse kann
sich eben kaum vorstellen, was diese Menschen bewegt, wenn sie manchmal nach langer
Zeit wieder mit einem Landsmann in der alten Mundart gatscheabarisch reden können.
Am ehesten begreift das noch ein Schwabe, der sich ungemein freut, wenn er in einer
anderssprachigen Umgebung auf einen Landsmann trifft, mit dem er schwäbisch
"schwätze" kann. Nicht zufällig steht das "Haus der Gottscheer", wie man es auch nennen
könnte, in Ridgewood. Von diesem Stadtteil sagt man, daß dort jedes zweite Haus einem
Gottscheer gehöre. Die Stadtverwaltung hat wiederholt die auffallende Sauberkeit der
Straßen und Häuser in diesem Viertel anerkannt. Dies ist die Repräsentation der Wohngesinnung nach außen.Die große Bedeutung des in New York entstandenen Gottscheer Hilfswerks für alle lebenden Gottscheer rechtfertigt eine eingehende Behandlung seines Entstehens und Bestehens. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es außerhalb New Yorks keine oder keine so hilfsbereiten Gottscheer Organisationen gibt und gab wie dort. Es gibt auch noch weitere
Stätten der Begegnung mit dem Landsmann, von denen man ebenfalls sagen kann, daß
die Vereine darin ein Zuhause haben. Wie in New York finden dort Gemeinschaftsveranstaltungen, Familienfeiern, Konzerte und Bälle statt. Man sieht und wird gesehen, junge
Leute finden sich hier fürs Leben, feiern hier Hochzeit und Taufe. - Nicht zufällig entstand
fast gleichzeitig mit der "Gottscheer Relief Association Incorporation" in New York das
"Relief Comity" in Cleveland/Ohio. Es wurde von folgenden Vereinen aufgebaut: "Erster
österreichischer Krankenunterstützungsverein", dem wir hier zum zweitenmal begegnen.
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Er darf für sich in Anspruch nehmen, der erste Gottscheer Hilfsverein, überhaupt die erste, von Gottscheern gebildete Organisation auf amerikanischem Boden gewesen zu sein.
Dazu kamen der "Deutsch-Österreicher Unterstützungsverein" und der "DeutschÖsterreicher Frauenbund". Alle drei sind Gottscheer Gründungen vor 1918. Sie verwendeten das Wort Österreich in ihren Namen, weil sie aus diesem Lande kamen und weil
sich unter dem Begriff "Gottschee" selbst die Deutsch-Amerikaner zur damaligen Zeit
nichts vorstellen konnten. Je drei Beauftragte dieser drei Organisationen trafen sich mit
Vorstandsmitgliedern und nicht organisierten Gottscheern im März 1946 zu einer Vorbesprechung. Schon bei dieser Gelegenheit wurde beschlossen, mit dem "GottscheeHilfswerk" in New York zusammenzuarbeiten. Der Beschluß zur Gründung des "Relief
Comity" wurde kurz darauf gefaßt. Die Gottscheer Volksgruppe von Cleveland/Ohio dürfte in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch 6000 bis 6500 Gottscheer
umfaßt haben. Auch sie erbauten für ihr Gemeinschaftsleben ein Clubhaus. Bereits seit
Jahrzehnten verfügen sie aber auch über eine eigene Kirchengemeinde, die von Geistlichen aus Gottscheer Familien geführt und betreut wird. Sie amtieren in der gemeindeeigenen Kirche zur "Heiligen Dreifaltigkeit". Als letzte Vereinigung von Gottscheern entstand 1970 eine Blaskapelle.
In Milwaukee am Michigansee, wo ebenfalls ein Gottscheer Verein existiert, gründeten
sangesfreudige Frauen einen gemischten Damen-Kinder-Chor.
Eine größere Zahl von Gottscheern ist auch in Chicago seßhaft geworden. Wie viele es
sind, ist schwer zu sagen, immerhin genug, um einen Verein mit einem stattlichen Jahresprogramm zu haben.
Die Gottscheer in Kanada stellen zahlenmäßig lediglich einen Bruchteil ihrer Landsleute in
Amerika dar. Außerdem sind sie außerordentlich dünn über das Riesenland verteilt. Ihre
Einwanderung lag zeitlich wesentlich später als jene in die USA, hauptsächlich zwischen
den beiden Weltkriegen und nach dem Zweiten Weltkrieg. Die größte Gruppe lebt in Toronto, eine etwas kleinere Gruppe in Kitchener und einige Dutzend Familien haben in
Montreal und Vancouver Heimat und Existenz gefunden. Sie und andere kleine, über das
ganze Land verteilte Gruppen sind im allgemeinen deutschen und österreichischen Vereinen angeschlossen.
Gottscheer Vereine haben sich nur in Toronto und in Kitchener entwickelt. Beide Vereine
besitzen Clubhäuser. Jenes in Kitchener wurde 1953 unter dem Präsidenten Richard
Mausser gegründet. Es nennt sich "Alpen-Club" und gehört den Gottscheern, steht aber
auch anderen deutsch-kanadischen Vereinigungen zur Verfügung. Der "Alpen-Club" in
Kitchener gilt bei Besuchern als die umfangreichste, von Gottscheern erbaute Anlage dieser Art.
Wenn von Kitchener die Rede ist, so sollte man auch Josef Mausser, den Bruder von Richard Mausser, erwähnen. Er wurde von der Stadt mit der Benennung einer Straße und
eines Parks nach seinem Namen dafür ausgezeichnet, daß er nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als achtzig Gottscheern die Einwanderung nach Kanada ermöglicht hat.
Der Verein der Gottscheer in Toronto wurde 1955 ins Leben gerufen. Seine Gründer waren Rudolf Muchitsch aus Obergras und Heinrich Lobe aus Zwischlern. Seit 1965 steht
Norbert Lackner an der Spitze des Vereines, der 1967 den "Gottscheer Park" kaufte und
auszustatten begann. Lackner stammt aus Hohenegg und wurde 1924 geboren. Er absolvierte die Private deutsche Lehrerbildungsanstalt in Neuwerbaß/Batschka, Jugoslawien.
Wegen einer besonderen, sportlichen Leistung verdient Josef Schleimer aus Zwischlern
hervorgehoben zu werden: Er errang - für Kanada startend - bei den Olympischen Som-
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merspielen 1936 in Berlin eine Bronzemedaille im Ringen. Sein Name ist in der "Hall of
Fame", der höchsten Auszeichnung für kanadische Sportler, eingetragen.
Kehren wir zurück in die USA. Wir haben das Bild des Gottscheer Clubs in den Vereinigten Staaten von Nordamerika noch hinsichtlich seiner wirtschaftlichen und sozialen Lage
in seiner Gesamtzahl und Verbreitung zu vervollständigen. Glücklicherweise hat John Kikel in dem Gedenkbuch 1330 bis 1947 dazu eine prägnante Abhandlung hinterlassen. Er
schreibt auf den Seiten 22/23 unter anderem:
"Im Vergleich zu anderen in Amerika eingewanderten Stämmen stehen die Gottscheer in wirtschaftlicher Hinsicht an der Spitze und das Durchschnittsvermögen
wird auf mehr als 10.000 Dollar geschätzt. Die Mehrzahl der Gottscheer ist in einem gelernten Beruf beschäftigt und ein großer Teil davon als Zimmerleute und
Tischler. Als Geschäftsleute finden wir sie fast in jeder Branche, vorwiegend aber
in Delikatessengeschäften und Gasthäusern. Fast alle Gottscheer sind Hausbesitzer. In Cleveland, welches größere Ausdehnungsmöglichkeiten hat als New York,
eignen die meisten Ein- oder Zweifamilienhäuser.
Wir haben keine genauen statistischen Belege über die in Amerika lebenden Gottscheer und ihre Angehörigen, können aber mit ziemlicher Sicherheit annehmen,
daß in Cleveland und anderen Städten in Ohio etwa 7000 ansässig sind und in
Ridgewood, New York und Umgebung etwa 6000. Wenn man die Anzahl der in den
anderen Staaten Amerikas und Kanadas lebenden Gottscheer und ihrer Angehörigen, die man in jedem Staat von New York bis San Franzisco findet, auf 6000
schätzt, so haben wir heute in Amerika 19.000 Gottscheer und mag diese Zahl
größer, aber sicher nicht kleiner sein."
Die vorstehenden Ausführungen John Kikels treffen heute nur noch bedingt zu. Seit ihrer
Niederschrift sind 3 Jahrzehnte vergangen. In dieser Zeit hat sich das Durchschnittsvermögen der Gottscheer nominell zweifellos vergrößert, aber der Wert des Dollars ist inzwischen stark abgesunken. Auch in den USA ist die Inflation sehr wohl bekannt.
Pauschal kann man sagen, daß es in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts
dem Amerika-Gottscheer besser geht, denn je.
Weitaus weniger erfreulich stellt sich uns jedoch die Bevölkerungsbilanz der Gottscheer in
Amerika und Kanada dar. Ohne Aufsehen, in ihr Schicksal ergeben, vollstrecken auch die
Gottscheer in den USA und Kanada das Lebensgesetz ihres Stammes, denn: Echte Gottscheer werden nicht mehr geboren, sie sterben nur noch.
Mit "echt" - man könnte dafür auch das Wort "gebürtig" setzen - sind die im "Ländchen"
geborenen Gottscheer und ihre unmittelbaren Nachkommen, die ebenso gut in den USA
und Kanada oder in Österreich und Deutschland oder nach 1941 in einem Flüchtlingslager
geboren sein können, gemeint. Die meisten von ihnen beherrschen noch den Gottscheer
Dialekt oder verstehen ihn zumindest gut.
Vor dem Versuch, die Gesamtzahl der Gottscheer in der Mitte der siebziger Jahre des 20.
Jahrhunderts zu ermitteln, erhebt sich für manche Leser sicher die Frage, wozu es gut
sein soll, den Schlußakt der Tragödie Gottschee, das langsame Dahinschwinden der letzten Generation, bis zum bitteren Ende auszuspielen. Wer so fragt, stellt dieses gesamte
Werk in Frage, denn auch der Untergang ist Gottscheer Geschichte. Außerdem verfügen
nur die Letzten dieses kleinen Völkchens aus dem Karst nach ihren sechs Jahrhunderten
Geschichte über eine politische und menschliche Reife, der man weite Verbreitung
wünschte. Zwar widerstrebend, doch endgültig haben sie sich mit der Unabänderlichkeit
ihres Schicksals abgefunden und sich die Erkenntnis zu eigen gemacht, daß sie in allen
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Machtzentren bestenfalls ein mitleidiges Lächeln geerntet hätten, wären sie nach 1945
auf die Idee verfallen, ihr altes Siedlungsgebiet zurückzuverlangen.
Wenn man das „Jahrhundertbuch“ nun im einzelnen zu prüfen versucht, wie weit die Angabe John Kikels, daß 1947 im nordamerikanischen Raum rund 19.000 Gottscheer und
ihre Angehörigen lebten, zutrifft, so hält es in großen Zügen nicht nur die Geschichte der
Einwanderung der Gottscheer in die USA fest, sondern auch die statistischen Voraussetzungen für die Gesamtzahl der Gottscheer in der Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhundert.
Hat John Kikel recht? Wir müssen davon ausgehen, daß seine 19.000 eine Schätzung
sind. Uns stehen heute folgende Zahlen, an die wir gebunden sind, zur Verfügung:
1876: Der Wiener Bevölkerungswissenschafter C. Czoernig schätzt die Zahl der
Gottscheer auf rund 25.000 bis 26.000. Wir nehmen die obere Grenze,
26.000.
1910: Die letzte Volkszählung in der österreichisch-ungarischen Monarchie ergibt
17.400.
1930: Eine private Zählung mit Hilfe der Pfarreien ermittelt rund 14.500.
1941: Ergebnis der Durchschleusung im EWZ-Zug rund 12.000.
Wir überblicken daher die Bevölkerungs- und Wanderbewegung von genau hundert Jahren, von 1876 bis 1976. Führen wir uns noch einmal vor Augen, daß das Gottscheerland
in diesen drei stürmischen Menschenaltern zwei epochalen Entwicklungen zum Opfer fiel,
dem Wanderungsausgleich zwischen der dicht bevölkerten alten und der dünn besiedelten neuen Welt auf der einen und den chauvinistischen Auswüchsen des mitteleuropäischen Nationalismus auf der anderen Seite. Die Gottscheer sind von ihrem Fleckchen
Erdboden verschwunden, aber ihre Lebenskraft ist vorerst noch ungebrochen. Wenn wir
nämlich die etwa 19.000 Gottscheer John Kikels, die etwa 12.000 Umsiedler von 1941
und die rund 700 (Schätzung des Verfassers) echten Gottscheer in der Ersten Republik
Österreich zusammenzählen, stehen plötzlich rund 32.000 Gottscheer vor uns. Man kann
hier mit John Kikel sagen: ".. .und mag diese Zahl größer, aber sicher nicht kleiner sein."
Sie illustriert außerdem das Übergewicht der Amerika-Kanada-Gottscheer: 60 der Menschen gottscheerischer Abstammung lebten 1947 in Nordamerika!
Nehmen wir also zur Überprüfung der Kikelschen Zahl von 1947 die erste Auswanderungsphase der Gottscheer von 1880 bis 1914 unter die Lupe. Dabei unterscheiden wir
genau zwischen Geburtenjahrgängen und Auswanderungsjahrgängen. Zunächst interessiert es uns, welche Altersgruppen in diesem Zeitraum in Bewegung gerieten und nach
Übersee auswanderten. Zwangsläufig mußten sie am Beginn ihrer persönlichen zwanziger
Jahre stehen und, wenn sie schon verheiratet waren, kinderlos sein. Bereits ein einzelnes
Kleinkind konnte die Seßhaftmachung in Amerika entscheidend behindern, abgesehen
davon, daß die Überfahrt hygienisch und ernährungsmäßig für das gesundheitlich empfindliche Wesen Lebensgefahr bedeutet hätte. Obwohl es Ausnahmefälle gegeben hat,
schieden also Familien mit mehreren Kleinkindern von vornherein aus. Wir dürfen daher
das Durchschnittsalter der ersten Auswanderergeneration ruhig mit 23 Jahren ansetzen.
Die Burschen waren etwas älter, weil sie ja ihre Militärzeit abzuleisten hatten, die Mädchen etwas jünger, einundzwanzig bis zweiundzwanzig Jahre. Danach waren die fünfunddreißig Jahrgänge der ersten Auswanderungsphase zwischen 1857 und 1891 geboren.
Zur Gesamtzahl der in dieser Zeit aus dem "Ländchen" ausgewanderten Gottscheer und
Gottscheerinnen ziehen wir zunächst die Rückgangszahl zwischen der Schätzung von
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Czoernig (1876: 26.000) und dem Ergebnis der Volkszählung von 1910 (17.400) heran.
Die Differenz beträgt 8600. Diese 8600 Personen sind der Wanderungsverlust zwischen
1876 und 1910. Er muß jedoch hinsichtlich der Jahre 1911 bis 1914 und hinsichtlich des
Geburtenüberschusses seit 1876 bereinigt werden. Von Czoernig weiß man, daß er seine
Schätzung als die Höchstzahl der Gottscheer in ihrer Geschichte betrachtet. Das bedeutete, daß ihre Geburtenfreudigkeit 1876 nicht plötzlich abbrach, sondern anhielt, was einen
weiteren Geburtenüberschuß zur Folge haben mußte. Zweifellos nahm er als Folge des
Bevölkerungsüberdruckes in der Volksinsel ab. Wir tun daher gut, wenn wir eine bescheidene Vorhersage treffen, denn von 1881 an fielen ja die Geburten der ausgewanderten
Mädchen und der jungen Frauen aus. Wir dürften der Wirklichkeit ganz nahe kommen,
wenn wir lediglich 60 bis 70 Kinder pro Jahr als Geburtenüberschuß annehmen. Auch
dann kommen wir immer noch auf etwa 2500. Diese Zahl überdeckt die tatsächliche Zahl
der Auswanderung, wir müssen sie daher den 8600 hinzufügen, womit wir bei 11.100
angelangt sind.
Zu den vermutlichen Auswandererzahlen der Jahre 1911 bis einschließlich 1914 ist zunächst zu sagen, daß es sich um politische und militärische Krisenjahre handelte. Die
Balkankriege von 1912/13 förderten die Auswanderung ganz beträchtlich, fanden sie
doch gewissermaßen vor der Haustüre der Habsburger Monarchie statt. Wie hoch sie anstieg, dafür gibt uns Dr. Podlipnig in der Kulturbeilage Nr. 54 der "Gottscheer Zeitung"
vom September 1973 einen verbürgten Anhaltspunkt. Die Bezirkshauptmannschaft Gottschee gab in den ersten sechs Monaten des Jahres 1914 noch 700 Reisepässe für Amerika aus. Da die Sprachinsel Gottschee bekanntlich aber mit wesentlich kleineren Anteilen
den Bezirkshauptmannschaften Rudolfswerth und Tschernembl angegliedert war, müssen
wir weitere rund 200 Reisepässe für die USA hinzuzählen, mithin mit einer Auswanderung
von 900 Personen in der ersten Jahreshälfte 1914 rechnen. Eine Auswanderung nach
Kanada fand in dieser Zeit noch kaum statt. Die Auswanderungszahlen in den Jahren
1911 bis 1913 stellen wir zumindest annähernd mit Hilfe folgender Rechnung fest: Die
durchschnittliche Auswandererzahl betrug zwischen 1880 und 1910 rund 360 (11.100 :
30). Wenn wir diesen Durchschnitt in die drei Jahre von 1911 bis 1913 weiterlaufen lassen, kämen wir auf 1080. Bei einer Steigerungsrate infolge der gespannten Lage von
rund 30 greifen wir bestimmt nicht zu hoch und gelangen auf rund 1350. Mithin können
wir folgende Schlußrechnung der Auswandererzahl in den Jahren von 1880 bis 1914 aufmachen:
Statistischer Wanderungsverlust zwischen 1876 bis 1910
8.600
Geschätzter Geburtenüberschuß
2.600
Vermutliche Auswandererzahl 1911 bis 1913
1.350
1914 mit großer Wahrscheinlichkeit rund
900
Summe 13.350
Wenn wir nun diese für jeden Kenner der Gottscheer Verhältnisse durchaus wahrscheinliche Zahl wiederum durch fünfunddreißig - das ist die Zeit von 1880 bis 1914 - teilen,
erhalten wir einen Jahresdurchschnitt von 380.
Nun greifen wir auf die Geburtenjahrgänge von 1858 bis 1892 zurück und fragen, wie
viele Auswanderer aus diesem Zeitraum 1947 nach menschlichem Ermessen noch am
Leben gewesen sein konnten. Um das Verfahren abzukürzen, legen wir jeweils fünf Geburtenjahrgänge zusammen, das macht 5 mal 380 = 1900.
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1. Die Geburtenjahrgänge 1858 bis 1862 wären 1947 - 89 bis 85 Jahre alt geworden.
Weil die eingewanderten Männer und Frauen unter außerordentlich erschwerten Arbeitsbedingungen gelebt hatten, erreichten sie kein so hohes Alter.
2. Die Geburtenjahrgänge von 1863 bis 1867 wurden 1947 - 84 bis 80 Jahre alt. Vermutlich lebte auch von ihnen niemand mehr.
3. Die Geburtenjahrgänge 1868 bis 1872 wurden 1947 - 79 bis 75 Jahre alt. Von ihnen
könnten noch 8 bis 10 gelebt haben, also etwa 175.
4. Die Geburtenjahrgänge von 1873 bis 1877 wurden 1947 - 74 bis 70 Jahre alt. Von
ihnen lebten möglicherweise noch 15 bis 17, vor allem Frauen, also etwa 315.
5. Die Geburtenjahrgänge 1878 bis 1882 wurden 1947 - 69 bis 65 Jahre alt. Von ihnen
lebten höchstwahrscheinlich noch 34 bis 36, demnach 690.
6. Die Geburtenjahrgänge 1883 bis 1887 wurden 1947 - 64 bis 60 Jahre alt. Von ihnen
lebten mindestens noch 85, also rund 1650.
7. Die Geburtenjahrgänge von 1888 bis 1892 wurden 1947 - rund 59 bis 55 Jahre alt.
Von ihnen lebten höchstwahrscheinlich noch 98, das heißt rund 1850.
Zusammen 4680.
Auf 4700 aufgerundet sind das demgemäß im Jahre 1947 die vermutlich noch lebenden
Alteinwanderer aus dem Gottscheerland. Darin sind die Rückwanderer, die während des
gleichen Zeitraumes heimkehrten, um eine neue landwirtschaftliche Existenz aufzubauen,
nicht enthalten. Wir besitzen nicht den geringsten Anhaltspunkt, wie viele es gewesen
sein könnten, zumal ein Teil von ihnen nach dem Zweiten Weltkrieg doch wieder in die
USA zurückgewandert ist.
Zu den restlichen 4700 Alteinwanderern kommen nun deren in den USA geborene Kinder,
die wir ja noch als echte Gottscheer ansprechen würden. Ihre Geburtenzahl wird in den
ersten achtziger Jahren sicher niedrig gewesen sein, stieg jedoch infolge der wachsenden
Einwanderung und der Existenzfestigung von Jahr zu Jahr. Sie selbst befanden sich etwa
1906 ebenfalls im Alter der Heiratsfähigkeit und Familiengründung. Ihre Kinder kann man
freilich nicht mehr als "echte Gottscheer" bezeichnen, denn sie sprachen auch mit ihren
Eltern nur noch englisch, hörten nur selten oder gar nicht ein gottscheerisches Wort oder
eine Schilderung des Herkunftslandes der Großeltern.
Wie aber gelangen wir zu einer wenigstens ungefähren Zahl der Nachkommen der Ureinwanderer aus dem Gottscheerland, damit wir sie mit den oben ermittelten 4700 zusammenziehen können? Als einfachster Weg scheint sich anzubieten, daß man die Zahl der
13.350 Alteinwanderer halbiert, weil es ja etwa gleichviel Männer und Frauen auf der
Welt gibt. In diesem Falle nicht. Es sind in der ersten Auswanderungsphase mehr Männer
als Frauen in die USA gezogen. Gewiß war es die Regel, daß der Gottscheer eine Gottscheerin heiratete, doch dürften infolge der ungünstigen Verteilung der Einwanderer bzw.
der überwiegenden Zahl der Männer kaum mehr als 5500 Ehen zustandegekommen sein.
Die hier nicht berücksichtigten 2350 Gottscheerinnen und Gottscheer heirateten entweder nicht oder verbanden sich mit Partnern außerhalb der Gottscheer Gruppe. Schreiben
wir nun jeder dieser 5500 Ehen durchschnittlich zwei bis drei Kinder zu - womit wir der
Wirklichkeit vermutlich sehr nahe kommen - so dürfte die Zahl der "Nachkommen" im
Kikelschen Sinne 11.000 plus 2750 = 13.750 betragen haben. Die Ältesten von ihnen
waren 1947 dann 60 bis 65 Jahre alt. Zählen wir nun die 4700 Alteinwanderer und die
Nachkommen aus den 5500 Gottscheer Ehen zusammen, so stehen wir bereits an dieser
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Stelle bei rund 18.500! Dabei haben wir erst noch die zweite Auswanderungsphase zu
berechnen. Sie setzte, wie gesagt, 1920/21 ein und lief in den dreißiger Jahren allmählich
aus. In der zweiten Phase haben wir auch die Auswanderung in die Republik Österreich
statistisch heranzuziehen. Sie setzt sich zusammen aus den Optanten für Österreich, den
auf diese Weise vertriebenen Lehrern und Beamten, den Schülern und Studenten, die
1919 bis 1925 in Österreich die Schulen besuchten und nicht mehr heimkehrten sowie
dem ständig fließenden Rinnsal arbeitsuchender Gottscheer aus handwerklichen und
Dienstleistungsberufen. Wir unterschätzen die Gesamtzahl dieser Personengruppe mit
700 gewiß nicht.
Zu einer ungefären Berechnung der zweiten Auswanderungsphase ziehen wir die oben
bereits aufgeführten, amtlichen bzw. halbamtlichen Zahlen heran:
1. Die Volkszählung von 1910 17.400
2. Die 1930 durchgeführte Zählung mit Hilfe der Pfarreien 14.500
3. Die aufgerundete Umsiedlerzahl von 1941 12.000
Die offizielle jugoslawische Volkszählung aus dem Jahre 1921 ist für unsere Zwecke unbrauchbar, denn sie manipulierte die Ergebnisse im Gottscheerland zu einer statistischen
Farce, wie einige Gegenüberstellungen der österreichisch-ungarischen Volkszählung von
1910 und der jugoslawischen von 1921 beweisen. Wir zitieren Dr. Podlipnig (Kulturbeilage Nr. 54 der "Gottscheer Zeitung" vom September 1973):
Deutsche = D
Slowenen = S
Altlag
1910 - D 828; S 5
1921 - D 694; S 53
Gottschee / Stadt
1910 - D 2025; S 255
1921 - D 1226; S 1799
Göttenitz
1910 - D 359; S 13
1921 - D 337; S 13
Mitterdorf
1910 - D 1223; S 119
1921 - D 996; S 321
Morobitz
1910 - D 291; S -
1921 - D 222; S 1
Rieg
1910 - D 426; S 20
1921 - D 340; S 85
Obermösel
1910 - D 1056; S 17
1921 - D 762; S 299
Die Manipulation der angeblichen Zählergebnisse ist zu augenscheinig, als daß man dazu
viel erläutern müßte. Nur so viel sei gesagt, daß man einfach eine bestimmte Zahl von
Gottscheern aus den Zählungslisten strich und dafür eine etwa entsprechende Zahl von
Slowenen einsetzte. Auch das war eine Art Slawisierung des Gottscheerlandes. Da aber in
der Zeit von 1919 bis 1921 niemand im "Ländchen" das Geld hatte, um Wohnhäuser zu
bauen - insbesondere nicht der junge SHS-Staat - ist unerfindlich, auf welche Weise man
plötzlich in Mösel rund 280 Menschen unterbringen sollte. Zwangseinquartierungen sind
nicht erfolgt. Es wurde auch keine slowenische Schule errichtet. Außerdem: wohin sollten
die verschwundenen Gottscheer gekommen sein? Die Auswanderung in die USA und Kanada lief mit geringen Zahlen eben erst wieder an. Die Option für Österreich wurde vom
Gottscheer Bauern kaum wahrgenommen. Um den Schein zu wahren, ließ man jedoch in
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Morobitz und Göttenitz die Zahl der Slowenen gegenüber 1910 bestehen. Warum aber in
Göttenitz nur 22, in dem wesentlich kleineren Morobitz hingegen rund 70 Gottscheer das
Weite gesucht haben sollen, während in dem benachbarten Rieg 85 Slowenen zugezogen
sind, wird stets das Geheimnis der Laibacher Statistiker von 1921 bleiben.
Doch nun zurück zur zweiten Auswanderungsphase.
Bevor wir fortfahren, noch ein Wort zu der Umsiedlerzahl von 12.000: Die EWZ durchschleuste nach ihrem Schlußbericht 11.747 Gottscheer und Gottscheerinnen, Dr. Wollert
spricht von 12.000. In beiden Zahlen sind die Nichtoptanten und die aus zivilen oder militärischen Gründen außerhalb des "Ländchens" weilenden, aber noch dort zuständigen
Personen natürlich nicht enthalten. Wenn wir jedoch auf die Gesamtzahl der 1941 lebenden Gottscheer zusteuern, dürfen wir sie nicht fehlen lassen, denn die Verweigerer der
Option für Deutschland waren ja nicht plötzlich keine Gottscheer mehr, wurden dadurch
auch nicht plötzlich zu Slowenen. Sie hatten letzten Endes für das Gottscheerland optiert.
Wenn wir ihre Zahl nur mit 3% ansetzen, kommen wir bereits auf rund 360. Mit der abwesenden Gruppe zusammen dürften sie etwa 400 bis 500 Köpfe erreicht haben. Wir
haben daher eine den Tatsachen nahekommende Differenz zwischen 1910 und 1941 von
rund 5000 Personen (17.400 minus 12.500). Die im alten Siedlungsgebiet seßhafte Bevölkerung schrumpfte also in den fünfundsechzig Jahren seit 1876 um mehr als die Hälfte
etwa um 57%.
Der rein zahlenmäßige Menschen Verlust zwischen 1911 und 1941 bedarf ebenfalls einer
Bereinigung. Der Verfasser hat dies unter Berücksichtigung aller in Frage stehenden Faktoren vorgenommen und ermittelte auf die gleiche Weise wie für die erste Auswanderungsphase einen Abzug von rund 1600 Personen nach den USA und Kanada. Der nördliche Nachbar der Vereinigten Staaten, ein Land von sehr großer Ausdehnung, aber geringer Bevölkerungsdichte, wurde nach dem ersten Weltkrieg für die Gottscheer deshalb
interessant, weil sie von dort aus die strengen Einwanderungsbestimmungen Amerikas
über die "Grüne Grenze" oder durch ein entsprechend langes Verweilen in Kanada umgehen konnten. Das taten natürlich auch andere. Wie viele Auswanderer aus dem "Ländchen" diesen Weg gegangen sind, läßt sich nicht rekonstruieren.
Daß zwischen 1920/21 und etwa 1935 nur rund 1600 Gottscheer in die USA ausgewandert sein sollen, erscheint auf den ersten Blick völlig unwahrscheinlich. Man muß jedoch
berücksichtigen, daß die Einwanderungspolitik Washingtons gegenüber dem Nachfolgestaat der österreichisch-ungarischen Monarchie keine bedeutenden Quoten zuließ, und
daß ferner ab 1929 die Weltwirtschaftskrise mit ihrer Arbeitslosigkeit die AmerikaGottscheer nicht dazu veranlaßte, Landsleute in das Land der nunmehr begrenzten Möglichkeiten hinüberzuziehen.
Setzen wir, wiederum rein rechnerisch, die Zahlen der aus den 1600 bei Gottscheern und
Gottscheerinnen entstandenen Ehen mit 560 bis 600 fest und nehmen wir an, daß aus
jeder im Durchschnitt zwei Kinder hervorgingen. Nur zwei und nicht zwei bis drei deshalb, weil sich die Gottscheer auch in diesem Punkt der abgesunkenen amerikanischen
Geburtenfreudigkeit anpaßten. Jedenfalls erhöht sich die Zahl der 1947 in Nordamerika
lebenden Gottscheer um rund 1600 Einwanderer und ihre etwa 1200 Nachkommen auf
die Endsumme von etwa 21.000. Damit haben wir John Kikels Bemerkung, 19.000 seien
niedrig geschätzt, vollauf bestätigt. Wir nehmen allerdings an, daß auch er die Enkelkinder der Alteinwanderer aus der Sprachinsel nicht mehr zu den echten Gottscheern zählte.
Was nun die Gesamtzahl der Gottscheer zu diesem Zeitpunkt angeht, so mag sie zwischen 1941 und 1947 - einschließlich der in der alten Heimat zurückgebliebenen Nichtoptanten - vermutlich um 32.000 bis 34.000 gelegen sein.
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Wir schreiben das Jahr 1950. Die dritte Auswanderungsphase der Gottscheer nach Nordamerika setzt ganz langsam ein. Nur ein geringer Teil der aus der Untersteiermark geflohenen Umsiedler hat bisher die Flüchtlingslager verlassen können. Er hat unter manchmal ungünstigsten Voraussetzungen wenigstens Anhaltspunkte für den Aufbau einer neuen Existenz gefunden. Die jüngeren, unverheirateten Umsiedler träumen von Amerika.
Längst haben sie wieder die Verbindung mit den Verwandten und Freunden in den USA
und Kanada aufgenommen. Die Lagerinsassen können es kaum erwarten, daß die Hoffnungen, die ihnen aus den Briefen entgegenschlagen, in Erfüllung gehen. Sie erfahren,
daß alles getan werde, um ihnen möglichst bald die Auswanderung nach Amerika zu ermöglichen. Es war außerordentlich schwierig, in dem ungeheuren Wirrwarr der Flüchtlingsströme in den Nachkriegsjahren gleichsam ein kleines Rettungsboot für die Gottscheer zu finden, die zu ihren Leuten in Amerika drängten. Es gab doch noch ungezählte
Nichtdeutsche, die der unselige Krieg und die Gewaltherrschaft entwurzelt hatten und die
nun in geordneten Bahnen ihren alten oder neuen Lebenszielen zustrebten. Das Festbuch
zum 25jährigen Bestehen des "Gottschee-Hilfswerks Relief Association Incorporation"
schreibt unter anderem über die Anstrengungen, deren es bedurfte, um den Gottscheern
gewissermaßen ein Mauertürchen in das Land der nun scheinbar wieder unbegrenzten
Möglichkeiten zu öffnen:
"In der zweiten Hälfte des Jahres 1951 kam die Einwanderung jedoch vollständig
ins Stocken. Dies bedingte eine Reise des Vertreters des Hilfswerks nach Europa,
besonders nach Deutschland und Österreich. In dieser Zeit fand eine Konferenz
für Flüchtlinge in Brüssel und eine Untersuchung in Frankfurt am Main statt, welche mit einer Milderung der bestehenden Verschärfungen endeten und somit wieder vielen Landsleuten die Einwanderung ermöglichten. Die Zusicherungen aus
unseren Kreisen waren aber bereits erschöpft. Doch war unserer Vertretung bekannt, daß die N. C. W. C. bereit war, für 5000 Familien Zusicherungen zu garantieren. Ein Besuch bei Msgr. Bernas, dem Vertreter des Katholischen Hilfswerks,
und ein dringendes Ersuchen ermöglichte es den Gottscheern, 500 von diesen Zusicherungen zu erhalten. Auch wurde unserem Vertreter gesagt, daß auf diese Zusicherungen bis 2000 Personen einwandern könnten. Dieser, von der D. P. C. und
N. C. W. C. befürwortete Besuch hatte ferner den Vorteil, daß die Gottscheer anerkannt und die schon lange vorliegenden Einwanderungsgesuche endlich bearbeitet wurden. Daraus ergab sich, daß im Jahre 1952 dann die größte Zahl an Gottscheer Einwanderern zu verzeichnen war. Am 31. August 1952 wurde die D. P. C.
aufgelöst und nur vereinzelt kamen 1953 und in den nachfolgenden Jahren noch
Gottscheer Einwanderer in die USA. Der Großteil der Neueinwanderer ließ sich in
jenen Städten Amerikas nieder, wo bereits Landsleute aus früheren Jahren ansässig waren. Die auf Bemühung des "Gottscheer Hilfswerks" unter der N. C. W. C. Quote berücksichtigten Einwanderer landeten oft in entlegenen Gegenden. Jedoch
auch diese fanden bald den Weg in die "Gottscheer Gemeinden". Allen war wieder
Hilfe bereit und dankbar erinnert man sich noch jener Landsleute, die dem Neueinwanderer zum ersten "Job" verhalfen."
Die Gottscheer hatten das Glück, in jenen Jahren, deren unmenschlichen und materiellen
Nöte nur mit systematisch eingesetzter Tatkraft zu bewältigen waren, eine Persönlichkeit
von Format zu besitzen. Hinter dem Wort "unser Vertreter" versteckt sich niemand anderer als Adolf Schauer, die führende Kraft bei der Gründung des "Gottschee-Hilfswerks"
und dessen erster Präsident. Er führte die im obigen Bericht angegebenen Verhandlungen
und Besprechungen und ließ sich durch keine Widerstände beirren. Und er war es, der die
Europareise nicht scheute, um möglichst vielen seiner Landsleute die Einwanderung in
die USA zu ermöglichen. Adolf Schauer ist 1901 in Oberwarmberg geboren. Er wanderte
1920 in die Vereinigten Staaten aus und gründete in Ridgewood das heute noch bestehende Versicherungsunternehmen "Schauer Agency". Er gilt als der große, weise Mann
der Amerika-Gottscheer. Seine Verdienste um sie und das gesamte Völkchen der Gottscheer besitzen innerhalb ihres Rahmens geschichtlichen Rang. Seine Landsleute wissen
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sie zu schätzen. Er ist Träger des Ehrenringes der Gottscheer Landsmannschaften und
Ehrenpräsident der "Relief Association". Von amerikanischer Seite wurde ihm die "Bürger-Medaille" verliehen. In seiner Person wurde aber auch das kleine Heer der Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen des Hilfswerks geehrt. Gewiß haben die Alteinwanderer ihren nachrückenden Landsleuten geholfen, sich in dem Riesenland zurechtzufinden, gewiß haben
sich in den hundert Jahren seit dem Beginn der ersten Auswanderungsphase die beruflichen, sozialen und menschlichen Verhältnisse in den USA zum Besseren gewendet, doch
den letzten Einwanderern aus der früheren Sprachinsel Gottschee wurde die wohlorganisierte Starthilfe der großen Gemeinschaft der Amerika-Gottscheer zuteil. Sie aber waren
nur deshalb imstande, den plötzlichen, umfangreichen Zugang an zumeist erwachsenen
Menschen seelisch, wirtschaftlich und sozial zu verkraften, weil sie sich selbst auf diesen
Lebensgebieten im Gleichgewicht befanden. Nur deshalb vermochten sie auch, tätige
Aufnahmebereitschaft und nachbarschaftliches Entgegenkommen - beides ist wörtlich
gemeint - zu üben. Weit mehr als 2000 schuldlos zerbrochene Schicksale unter eigenen
Opfern zum Guten zu wenden, war ein menschlich imponierendes weiteres Hilfswerk,
dessen tiefere menschliche Beweggründe nicht einfach zufällig vorlagen, sondern in Jahrhunderten gewachsen waren. Zweitausend sind für amerikanische Verhältnisse wenig, für
die Gottscheer viel.
Inzwischen haben auch diese letzten aus dem "Ländchen" stammenden Einwanderer auf
nordamerikanischem Boden endgültig Fuß gefaßt und sich in den "Way of Life" Amerikas
eingefügt, sich aber auch in die Organisationen der Gottscheer eingegliedert. Allerdings
haben auch sie erfahren, daß die USA zwar von den Einwanderern in ihr Land beim Betreten des amerikanischen Bodens nicht die Ablieferung des ererbten Volkstums verlangen, daß man sich aber nur durchsetzt, wenn man sich von der ersten Stunde an anpaßt.
Als die Reisedauer über den Atlantik auf Stunden zusammenzuschrumpfen begann, setzte bei den Amerika-Gottscheern eine neue, die allerletzte Wanderung ein: Sie flogen in
den Sommermonaten zu Hunderten nach Europa, mit Linienflugzeugen und mit Chartermaschinen. Zuerst kamen die Auswanderer zwischen den beiden Weltkriegen. Sie überzeugten sich mit Genugtuung, welchen Segen das "Gottschee-Hilfswerk" und alle seine
Mitarbeiter gestiftet hatten und daß sie nicht vergessen waren. Aber Ende der sechziger
und Anfang der siebziger Jahre mehrten sich die Europafahrer aus der Gruppe der Auswanderer der beginnenden fünfziger Jahre. Die Lager waren längst geräumt. In den europäischen, namentlich in deutschen Städten zeugten nur noch wenige Baulücken von
der überwundenen Katastrophe. Gewiß hatten nicht alle ihre Landsleute Anteil am Wirtschaftswunder Deutschlands und Österreichs, doch es war von Staats wegen für alle gesorgt, die Vermögenserstattung war im Gange, die Alten erhielten ihre Renten, der Prozentsatz der Autobesitzer war auch unter den Gottscheern schon damals beträchtlich. Die
arbeitsfähigen Gottscheer und Gottscheerinnen hatten sich gleich den Balten, den ostdeutschen Vertriebenen, den Sudetendeutschen, den Südtirolern, den Deutschen aus
dem Donau-Karpaten-Raum in den Wiederaufbau der Volkswirtschaften in Österreich und
Deutschland eingegliedert. - Eine scheinbar nebensächliche Beobachtung am Rande: Die
Amerika-Gottscheer flogen und fliegen zumeist mit einer weltweit bekannten deutschen
Fluggesellschaft.
Die Europa-Reisenden aus der früheren Sprachinsel Gottschee haben für europäische
Begriffe lange Strecken zu überwinden bis sie die Verwandten, Jugendfreunde und Nachbarn besucht haben, denen die lange See- und Luftreise hauptsächlich gilt. Doch die
"Amerikaner", wie die Gottscheer ihre Landsleute von "drüben" nennen, sind ja lange
Reisestrecken gewöhnt. In der Republik Österreich decken sich die aus menschlichen
Gründen angesteuerten Reiseziele sehr oft mit dem Wunsch, eine bestimmte Stadt zum
ersten oder zum wiederholten Male zu sehen, etwa Wien oder Graz, die für die Gottscheer - das gilt natürlich nicht nur für sie - schon in der Zeit der alten Monarchie eine
magische Anziehungskraft besaßen. Dort gab es schon im 19. Jahrhundert seßhafte Gottscheer, doch eine allgemeine Gottscheer Vereinigung entstand trotzdem nicht. Erst 1891
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wurde der "Verein der Deutschen aus Gottschee in Wien" ins Leben gerufen. Das heißt,
die erste, jedermann zugängliche Organisation von Gottscheern außerhalb des "Ländchens" wurde in den Vereinigten Staaten gegründet, eben der erwähnte "Erste österreichische Unterstützungsverein" in Cleveland/Ohio. Sein Gründungsjahr ist 1889. –
Wenn Klagenfurt in den Reiseplänen auftaucht, so nicht einmal so sehr wegen persönlicher Besuche, sondern, weil diese Stadt zum Zentrum der Exilkultur der Gottscheer geworden ist. Davon wird noch ausführlich zu sprechen sein. Linz und Salzburg, weniger
Innsbruck, weisen seit den fünfziger Jahren ebenfalls nicht unbeträchtliche Gruppen von
Gottscheern auf, die naturgemäß jedes Jahr eine Anzahl von "Amerikaner" an sich ziehen.
Als die ersten, vereinsgewohnten Amerika-Gottscheer in Europa eintrafen, fanden sie nur
Ansätze organisatorischer Zusammenschlüsse ihrer Landsleute in Österreich und
Deutschland. Während in Wien, Graz und Klagenfurt nur die alten Vereine wiederbelebt
wurden, war in Deutschland nirgends ein Ansatz aus früherer Zeit gegeben.
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Verein der Deutschen aus Gottschee, Wien
Die Wiener Gruppe nannte sich nun "Verein der Gottscheer in Wien", nachdem sie als
"Verein der Deutschen aus Gottschee" von vier beherzten Männern (Franz Obermann,
Josef Springer, Andreas und Georg Roschitsch) am 30. März 1891 gegründet worden
war. Als Zweck des Vereines wird unter § 2 der Satzungen nach dem "Jubiläumsbuch der
Gottscheer 600-Jahr-Feier 1930" angeführt;
a. die moralische und materielle Unterstützung von bedürftigen Vereinsmitgliedern
und unterstützungswürdigen Landsleuten.
b. die Unterstützung von Wohltätigkeits- und patriotischen Unternehmungen in Gottschee, das ist im Gebiete des ehemaligen Herzogtums Gottschee.
c. die Förderung des geselligen Verkehrs zur Hebung der engeren Landsmannschaft."
Ein Jahr später zählte der Verein bereits 252 Mitglieder und entwickelte bis zum Ersten
Weltkrieg eine segensreiche Tätigkeit. Darüber berichtet der Obmann wieder im "Jubiläumsbuch 1930" auf Seite 242 folgendes: "Die Mittel des Vereines ergaben sich aus den
Mitgliedsbeiträgen, allfälligen Spenden von Förderern und aus den Erträgnissen von Veranstaltungen. Stets hilfsbereit wurden im Laufe von nahezu vier Jahrzehnten jeweilig
nach Maßgabe der vorhandenen Kassabestände an verschiedene hilfsbedürftige Landsleute Unterstützungen gewährt. Gemeinden und Vereine erhielten Beiträge, sei es nun,
wenn es galt, ein Kirchlein zu reparieren, Feuerlöschgeräte anzuschaffen, von Naturgewalten angerichtete Schäden zu lindern oder Veranstaltungen und dergleichen zu fördern.
Es sei noch gestattet, die an der Spitze des Vereines gestandenen Männer mit Namen
anzuführen: Franz Obermann, Kaufmann Josef Edler von Rom, k. k. Major; Georg Roschitsch, Kaufmann; Andreas Schuster sen., Kaufmann; Josef Wuchse, Kaufmann; Andreas Schuster jun., Kaufmann; Oberveterinär Dr. Adolf Wenzel."
Im Krieg (1914 bis 1918) verlor der Verein fast seinen gesamten Besitzstand und mußte
von vorne beginnen. Im Zweiten Weltkrieg stellte er seine Tätigkeit ein und konnte sie
erst nach Überwindung gewisser Schwierigkeiten 1951 unter dem Namen "Verein der
Gottscheer in Wien" wieder aufnehmen. Professor Franz Kraus, der keine Mühe scheute,
hat sich in dieser Zeit als Obmann große Verdienste erworben. Ihm wurde für seinen Idealismus und seine Opferbereitschaft durch die Ernennung zum Ehrenobmann gedankt.
Wegen seines hohen Alters legte er 1966 sein Amt zurück, und über seinen Vorschlag
wurde Dipl.-Ing. Karl Skoupil einstimmig zum Obmann gewählt. Unter seiner Leitung
wurde auch in Wien der Verein in "Gottscheer Landsmannschaft" umbenannt. Dies gelang
erst nach Überwindung von Bedenken der Behörden. Der Verein setzt seine bewährte
Tätigkeit unter dem agilen Obmann für die Gemeinschaft der Gottscheer in der Hauptstadt Österreichs fort.
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"Gottscheerland", Graz
In Graz und Klagenfurt führten die Vereine nach dem Zweiten Weltkrieg die Bezeichnung
"Hilfsverein für die Gottscheer und Deutsch-Krainer". Damit wurde die Zielsetzung in den
Vordergrund gestellt.
1919 gründete Josef Ramor, geboren in der Stadt Gottschee, den Verein "Gottscheerland" in Graz und war sein erster Obmann. Oberstleutnant Paul Eppich schreibt über ihn
im Jubiläumsbuch auf Seite 243: "Das Wirken des ersten Obmannes, den die edelsten
Motive geleitet haben, war beispielgebend. Seine Arbeit, heute mit prüfendem Auge beschaut, verdient höchste Anerkennung und Dank.
Erfolgreich arbeitete der Verein für die geistige und wirtschaftliche Wohlfahrt des Gottscheer Volkes sowie des geselligen Verkehrs zur Hebung der Heimatliebe. Nach Kräften
wurden auch die Bestrebungen des Gottscheer Volkes zur Erhaltung seines Volkstums
unterstützt."
In den ersten zehn Jahren seines Bestandes hatte der Verein folgende Obmänner: Bahnrat Josef Ramor, Dr. Hans Petsche, Medizinalrat Dr. Walter Linhart und Professor Dr.
Othmar Herbst. Ehrenmitglieder für besondere Verdienste waren: Medizinalrat Dr. Linhart
und Landesbeamter Michitsch. Zum Ehrenobmann wurde Bahnrat Ramor gewählt.
Am 18. Mai 1929 übernahm Studienrat Prof. Dr. Othmar Herbst die Obmannstelle. Sein
Stellvertreter wurde Oberstleutnant Paul Eppich, ein geborener Ebentaler. Die Vereinsarbeit war in den dreißiger Jahren nicht leicht, denn es gab in Österreich innere Unruhen.
Während der Kriegszeit von 1938 bis 1945 wurden keine Versammlungen durchgeführt,
und die Tätigkeit war vollkommen eingestellt. Sie wurde jedoch bereits 1945 vom Obmann und seinem Stellvertreter wieder aufgenommen. Dabei wurden sie durch Dr. Franz
Perz aus Mitterdorf und den Laibacher Dr. Plautz außerordentlich tatkräftig unterstützt.
Diese beiden bemühten sich besonders, das Schicksal der Flüchtlinge zu erleichtern.
Den "Hilfsverein" führten in weiterer Folge 1949 Schuldirektor Hans Eppich aus Altlag,
1950 Primarius Dr. Walter Linhart, 1958 Notar Helmut Karnitschnig. Unter seiner Obmannschaft bekam der Verein 1960 die Bezeichnung "Gottscheer Landsmannschaft
Graz". Durch Beschluß der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften"
führen heute alle offiziellen Gottscheer Vereinigungen in Österreich und Deutschland die
Bezeichnung "Landsmannschaft".
1963 übernahm Josef Petsche aus Grafenfeld die Obmannstelle und führte die Landsmannschaft mit großer Umsicht bis 1968. Helmut Bartelme war der nächste Obmann, der
dieses Amt 1973 krankheitshalber aufgeben mußte. Nach ihm wurde der heutige Obmann Friedrich Petsche einstimmig gewählt. Der Verein der Gottscheer in Graz zählte
nach der Flucht die meisten Mitglieder aller Gottscheer Vereinigungen in Europa.
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"Gottscheerland", Klagenfurt
Obwohl der Verein "Gottscheerland" in Klagenfurt bis 1928 eine Zweigstelle des Vereines
in Graz war und erst dann selbständig wurde, entwickelte er bereits als Zweigverein seit
1919 unter Leitung von Prof. Peter Jonke eine rege Tätigkeit. Es gab landsmannschaftliche Versammlungen, die "Gottscheer Zeitung" sowie der "Gottscheer Kalender" wurden
von uneigennützigen Landsleuten für Bezieher in Kärnten adressiert und verschickt.
Zu Pfingsten 1926 kam auf Einladung des Vereines der Männerchor aus Gottschee unter
Führung des Chorleiters Dr. Hans Arko auf Besuch nach Klagenfurt. Von hier aus wurde
per Schiff über den Wörther See der in Rosegg unweit von Velden lebende Heimatforscher, Schuldirektor Wilhelm Tschinkel, besucht. Er ist der Dichter und Komponist unseres so innigen Heimatliedes "Dü hoscht lai oin Attain, oin Ammain dazua ..." Tschinkel
hatte die Sänger aus Gottschee zu sich eingeladen, damit sie zusammen mit dem von
ihm geleiteten örtlichen Gesangsverein eine Liedertafel unter der Devise "KärntenGottschee" durchführen sollten. Es wurde ein glänzend gelungenes Fest, zu dem viele
Einheimische und in Kärnten lebende Landsleute mit Freuden gekommen waren. Freilich
mußten die Gottscheer Sänger sich nach ihrer Heimkehr für dieses "Verbrechen" vor der
Bezirkshauptmannschaft in Gottschee verantworten. Der Verein "Gottscheerland" stellte
seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg ebenfalls ein, wurde jedoch durch Professor Peter
Jonke und Regierungsrat Sepp König 1948 wieder aktiviert. Wie schon ausgeführt, nannte sich die Neugründung "Hilfsverein der Gottscheer und Deutsch-Krainer" und erhielt
1952 eine neue Führung unter dem Obmann Amtsrat Walter Samide. Die größte Leistung
für das Gottscheertum vollbrachte dieser Verein durch die Wiederherausgabe der "Gottscheer Zeitung" im Jahre 1955. Das Bemühen um das verlorene Vermögen und vor allem
die kulturelle Tätigkeit der Gottscheer Vereinigung in Klagenfurt nach fast drei Jahrzehnten ist vom Autor in diesem Werk ausführlich dargestellt. Regierungsrat Walter Samide
wurde 1971 zum Dank für sein langjähriges, aufopferndes Bemühen um den von ihm
geführten Verein zum Ehrenobmann bestellt. Von ihm übernahm im gleichen Jahr, einstimmig gewählt, der Rechtsanwalt Dr. Viktor Michitsch den Vorsitz.
In Österreich hat
Wien ist zuständig
Steiermark, OberSalzburg, Tirol und
sich folgendes organisatorische Betreuungssystem herausgebildet:
für die Landsleute in Wien und dem Burgenland, Graz für jene von
und Niederösterreich, Klagenfurt erfaßt die Landsleute in Kärnten,
Vorarlberg.
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Gottscheer in Deutschland
In der Bundesrepublik Deutschland ballten sich die Flüchtlinge aus der ehemaligen
Sprachinsel hauptsächlich in den Großräumen von München, Stuttgart und Köln. In der
Deutschen Demokratischen Republik leben, so weit sich dies durch den Autor feststellen
ließ, nur wenige Gottscheer. Das Fehlen einer engeren dauerhaften Bindung der so weit
auseinandergeworfenen Gruppen untereinander wurde bald als schmerzlich empfunden.
Es ging nicht nur darum, das Flüchtlingsschicksal gemeinsam zu tragen, Kulturarbeit aus
den Traditionen des Gottscheer Völkchens zu formen sondern auch um ganz praktische
Aufgaben, wie das alle betreffende Vorbringen der materiellen Forderungen an die Nachfolgestaaten des ehemaligen Deutschen Reiches. Die Gottscheer verlangten und benötigten wie in Österreich auch in Deutschland und in anderen Ländern eine offizielle Vertretung.
In der Bundesrepublik Deutschland wurde am 17. August 1952 in Adelgund a. d. Mosel
die "Landsmannschaft der deutschen Umsiedler aus der Gottschee in Deutschland e. V."
gegründet. Die Anmeldung beim Amtsgericht Zell/ Mosel vom 27. Februar 1953 ist von
den Gründungsmitgliedern Johann Pangretitsch, Josef Frank Ferdinand Röthel, Johann
Matzele, Robert Schmuck, Josef Weiß und Adolf Grill unterzeichnet. Der erste Obmann
war Johann Pangretitsch aus Obermösel.
Den Initiatoren Ferdi Wittine aus Rieg und Sepp Frank aus Tschermoschnitz ging es darum, die in die Bundesrepublik gekommenen, weit verstreut lebenden Gottscheer ausfindig zu machen, ihnen in der Not nach Möglichkeit zu helfen und ihre Entschädigungsansprüche im Rahmen des Lastenausgleichs zu vertreten. Besonders wurde versucht, die
Anerkennung als Umsiedler von Seiten der Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches zu
erhalten und entsprechend dem Umsiedlungsvertrag entschädigt zu werden. Es ging aber
auch darum, sich nach langer Zeit wieder zu gut nachbarlichem Beisammensein zu finden. Zu Pfingsten 1956 war dann das erste größere Gottscheer Treffen in Köln mit mehr
als 400 Teilnehmern.
Am 26. April 1958 war es dann so weit, daß in München der "Gottscheer Arbeitskreis"
gegründet werden konnte. Vorsitzender wurde Alois Stalzer, Niedermösel, sein Stellvertreter Max Jaklitsch, Reintal. Zu den Gründungsmitgliedern zählen: Josef Janesch, Ernst
Stalzer, Rudolf Jonke, Georg Brändle, Franz Schaffer, Johann Fmk, Adolf Kikel, Friedrich
und Franz Kresse und andere. Damit war der erste Zusammenschluß der Gottscheer in
Deutschland vollzogen.
Bei allen Zusammenkünften wurde der Wunsch laut, die Gottscheer in Deutschland und
Österreich zusammenzuschließen. Weitere Vereine wurden gebildet. Doktor Viktor Michitsch arbeitete einheitliche Satzungen aus. Auf der Hauptversammlung in Köln am 17.
Mai 1959 wurden diese einstimmig angenommen und die Umbenennung in "Gottscheer
Landsmannschaft" vollzogen. Der Vorstand blieb unverändert (Alois Stalzer und Max
Jaklitsch). Auf dieser Tagung beschloß man einhellig, drei Landesgruppen zu bilden und
so entstanden dann im Laufe des Novembers 1959 die Landesgruppe Nord-West in Köln
(Vorsitzender Franz Nelles), die Landesgruppe Baden-Württemberg in Stuttgart (Vorsitzender Karl Bartelme) und die Landesgruppe Bayern in München (Vorsitzender Max
Jaklitsch).
Eine wichtige Maßnahme für die überregionale, weltweite Zusammenarbeit in der Volksgruppe war die Gründung der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften"
am 14. August 1960 in Ulm/Donau. Sie wählte in den Vorstand als Vorsitzenden Dr. VikGedruckt von http://www.gottschee.at
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tor Michitsch, als dessen Stellvertreter Amtmann Ferdl Wittine und als Schriftführer
Schuldirektor Fritz Högler. Mit der Bildung dieser Dachorganisation wurde der Zusammenschluß der Gottscheer in Österreich und Deutschland konsequent zu Ende geführt. In
Nordamerika haben sich das "Gottschee-Hilfswerk" in New York, Ridgewood und die Gottscheer Organisation in Toronto/Kanada der Arbeitsgemeinschaft angeschlossen. Damit
besitzen nun die Gottscheer in aller Welt eine gemeinsame Interessenvertretung.
Im "Südostdeutschen Rat", einem Zusammenschluß der Vertriebenenorganisationen aus
Südosteuropa, hat ein Delgierter der Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland Sitz
und Stimme. In Ulm/Donau wird die Hauptgeschäftsstelle der Landsmannschaft errichtet
und von Alois Michitsch aus Rieg (+ 1976) geleitet.
Ein weiterer Abschnitt in der Geschichte dieser Landsmannschaft entwickelt sich 1968 mit
dem Auftritt der "Gottscheer Sing- und Trachtengruppe Klagenfurt" beim Volkstumsabend der Donauschwaben in Sindelfingen, der Patenstadt der Volksdeutschen aus Jugoslawien. Die Gottscheer Volkslieder, die Mundart- und Brauchtumstradition (dargestellt
vom 1. Vorsitzenden und Kulturreferenten Richard Lackner) erhielten nicht nur spontanen Beifall im voll besetzten großen Saal der Stadthalle, sondern es war, als ob sich Geist
und Leben der 600jährigen Sprachinselgemeinschaft vorgestellt hätten. Eine Welle der
Zuneigung schlug den Gottscheern entgegen. Die Stadt Sindelfingen, vertreten durch den
Oberbürgermeister Arthur Gruber, die Vertreter der Landesregierung von BadenWürttemberg und des Bundesministers des Inneren in Bonn äußerten die Bereitschaft,
die Kulturpflege des Gottscheertums zu unterstützen.
Danach konnten die Gottscheer Landsmannschaften eine verstärkte Breitenarbeit auf
kulturellem Gebiet unter der Führung Richard Lackners, dem Vorsitzenden der "Gottscheer Landsmannschaft" in Ulm, entwickeln. Zur Zeit führt er mit Max Jaklitsch die Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland.
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Gottscheer Zeitung
Der 1928 in Göttenitz als Sohn eines Land- und Gastwirtes (Gruabarsch) geborene
Rechtsanwalt Dr. Viktor Michtisch gehörte schon frühzeitig zu den Männern in Kärnten,
die nach Wegen suchten, um den Zusammenhalt der letzten Gottscheer Generation zu
finden und zu sichern. Als wirksamstes Bindeglied wurde die Wiedergründung der "Gottscheer Zeitung" erachtet. Die ersten Gespräche dazu fanden bereits 1953 zwischen Oberstudienrat Peter Jonke, Obermösel, Regierungsrat Sepp König, Altlag, Volksschuldirektor
Fritz Högler, Altlag, Dr. Viktor Michitsch, Göttenitz, und Pfarrer Heinrich Wittine, Lichtenbach, statt. Die Vorausberechnung der Herstellungskosten bestätigte die Vermutung, daß
die selbstständige Herausgabe finanziell nicht tragbar war. 1954 wurde dann ein Zeitungsausschuß mit folgenden Mitgliedern eingesetzt:
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Sepp König, Altlag (Obmann)
Fritz Högler, Altlag
Peter Jonke, Obermösel
Albert Loser, Grafenfeld
Dr. Viktor Michitsch, Göttenitz
Walter Samide, Langenton
Viktor Stalzer, Reichenau
Erich Sterbens, Obermösel
Hubert Truger, Gottschee/Stadt
Am Rande sei bemerkt, daß Albert Loser bald nach der Gründung des Ausschusses in die
USA auswanderte und seit geraumer Zeit in New York die redaktionelle Vertretung der
"Gottscheer Zeitung" wahrnimmt. Viktor Stalzer folgte dem am 4. Juli 1969 verstorbenen
Hubert Truger als Verantwortlicher für Inhalt und Aufmachung.
Nach der finanziellen Absicherung durch die beiden Gottscheer Vereine in Klagenfurt und
Graz stand dem Erscheinen der neuen "Gottscheer Zeitung" nun nichts mehr im Wege.
Zum ersten Schriftleiter wurde durch den Besitzer und Herausgeber, also die Landsmannschaft, Fritz Högler, berufen. Die erste Nummer erschien im Juni 1955. Das Impressum weist die "Gottscheer Landsmannschaft" in Klagenfurt als Eigentümerin, Verlegerin
und Herausgeberin aus. Das einmal im Monat erscheinende Blatt wurde einige Jahre in
Wolfsberg-Lavanttal und wird nun bei der Großdruckerei Carinthia in Klagenfurt gedruckt.
Die alte-neue "Gottscheer Zeitung" wurde von ihrer Leserschaft begeistert begrüßt. Flugs
erhielt sie den Kosenamen "da Gatscheabarin", die Gottscheerin. Sie erreichte nach einer
kurzen Anlauf- und Werbezeit eine Auflage, die sie daheim nie erzielt hatte: rund 3300
Exemplare. Von ihrer Aufgabe her, Bindeglied und Sprachrohr der Gottscheer zu sein,
stellt sie eigentlich einen regelmäßig erscheinenden, überdimensionalen gedruckten Familienbrief dar. Sie nennt sich jedoch mit Recht Zeitung. Sie ist es nicht nur in ihrer äußeren Aufmachung, sondern auch inhaltlich, denn sie erstattet bis in alle Einzelheiten
Bericht für die Öffentlichkeit aus der Öffentlichkeit der letzten Gottscheer Generation. Wie
bei einer Tageszeitung beträgt die Zahl der Leser ein Mehrfaches der Bezieher. Ein wesentlicher Unterschied gegenüber der Tageszeitung ist allerdings anzumerken: Die große
Tagespolitik schlägt sich nur selten in ihren Spalten nieder. Ihr Durchschnittsleser sucht
darin ja auch keine Politik, trägt sie doch als Leitspruch: "Mit der Heimat im Herzen über
Land und Meer verbunden!"
Wenige Zeitungen dürften ein solch passioniertes Leserpublikum aufzuweisen haben, wie
die "Gottscheer Zeitung". Sie wird buchstäblich von vorne bis hinten und umgekehrt geGedruckt von http://www.gottschee.at
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lesen, oft wiederholt, aufgehoben und wieder gelesen. Und nicht wenige alte Gottscheer
lassen, wenn sie eintrifft, alles liegen und stehen, weil sie erst einmal "da Gatscheabarin"
lesen müssen. Das Um und Auf jeglicher Berichterstattung, - nämlich das Wer? Was?
Wo? Wann? Wie? und Warum? - liest sich in der Heimatzeitung viel fesselnder und persönlicher als in der Lokalzeitung des neuen Wohnortes. Schon der Leitartikel befaßt sich
mit einzelnen, alle Leser interessierenden, aktuellen oder jahreszeitlich bedingten Themen. Darauf folgen Berichte über die Tätigkeiten der Landsmannschaften und Vereine,
Erinnerungen an bemerkenswerte Persönlichkeiten oder Einrichtungen des "Ländchens",
ernste und heitere Geschichten aus alter Zeit.
Die nächste Spalte, "Aus dem Leben unserer Landsleute", bringt in bunter Fülle Einzelnachrichten und -berichte, vor allem über die Lebensstationen, die allen Menschen gemeinsam sind, Geburt und Tod, Hochzeiten und persönliche Ehrentage, Besuche hüben
und drüben sowie Briefe. Außerordentlich zahlreich sind die Photos aus der Gegenwart
und der jüngeren Vergangenheit, mit denen die Schriftleitung die beiden Hauptthemen
variiert, die den gesamten Lesestoff überlagern, Familie und verlorene Heimat. Eine
ständige Kulturbeilage veröffentlicht Aufsatzreihen über geschichtliche, kulturelle, volkskundliche, auch wirtschaftliche Themen, ferner Erzählungen in hochdeutscher und mundartlicher Darstellung, neue Gedichte, sprachwissenschaftliche Aufsätze, und anderes
mehr.
Die Auflage ist inzwischen unter dreitausend gesunken und sinkt weiter. Die Todesnachrichten und -anzeigen auf der letzten Seite sagen uns, warum. Die umfangreichste Ankündigung und Berichterstattung widmet die "Gottscheer Zeitung"
dem Volksfest in New York, den Feiern in Cleveland, den Wallfahrten in Klagenfurt und
Maria Trost, den Treffen in Aichelberg (Schwarzwald), in Kanada und Australien sowie der
alljährlichen "Gottscheer Kulturwoche", den Weihnachtsfeiern und sonstigen Zusammenkünften der Landsleute in aller Welt. Alle diese Veranstaltungen stehen zahlenmäßig weit
hinter dem Jahrestreffen etwa der Sudetendeutschen, Siebenbürger oder Donauschwaben zurück, vermögen jedoch in ihrer Absicht, Anlage und Durchführung auch den NichtGottscheer zu beeindrucken. Wenn wir die Veranstaltungen außerhalb der USA als Gegenstück zu der Großveranstaltung in Nordamerika betrachten, so ersehen wir allein
schon aus den Teilnehmer-Zahlen, wo heutzutage die meisten Gottscheer leben. Niemals
könnten wir in Europa solche Besucherzahlen erreichen (5000 und mehr!). Hier können
wir mit Hilfe von drüben bestenfalls 2000 zählen, ob dies nun in Österreich oder in
Deutschland wäre.
Zum Schriftleiter der neuen "Gottscheer Zeitung" wurde, wie schon angeführt, der Volksschuldirektor Fritz Högler von der Landsmannschaft in Klagenfurt bestellt. Sein Nachfolger wurde 1962 Landsmann Herbert Erker aus Mitterdorf. Von ihm übernahm Hauptschuldirektor Ludwig Kren aus Mitterdorf 1971 diese mühevolle aber auch schöne Aufgabe.
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Der Gottscheer in aller Welt
Das Leben war weiter gegangen. In den fünfziger Jahren hatten sich die Flüchtlingslager
geleert, in den sechziger Jahren kamen dann auch die Gottscheer in Österreich und
Deutschland zur Ruhe. Alle besaßen nun den politischen Frieden in ihren neuen Heimatländern und erholten sich auch wirtschaftlich. An harte Arbeit gewöhnt, schufen sie sich
nicht nur in Übersee, sondern auch in Europa ihre schmucken Eigenheime und Eigentumswohnungen. Der Gottscheer war wieder seßhaft, aber leider nicht in geschlossenen
Siedlungen. Dies gelang nur teilweise in den USA (Walden und Hawley, Pa.), wo etliche
Gottscheer in einer Dorfgemeinschaft leben. Umsomehr hatte er das Bedürfnis, sich
Treffpunkte zu schaffen, wo er dem einstigen Nachbarn in die Augen sehen konnte. Auch
die Toten wollte er nicht vergessen. So entstanden in Österreich und Deutschland in den
sechziger und siebziger Jahren drei Gedenkstätten, und zwar in Krastowitz bei Klagenfurt, Maria Trost bei Graz und Aichelberg im Schwarzwald.
Das Symbol der "Gottscheer Gedächtnisstätte" bei Klagenfurt ist die Schloßkirche von
Krastowitz, einem alten Herrensitz in unmittelbarer Nähe des Flughafens in Klagenfurt/Annabichl. Sie wurde von der Landsmannschaft Klagenfurt unter mehreren Möglichkeiten deshalb ausgewählt, weil sie auf Kärntner Boden steht, vom bischöflichen Ordinariat Klagenfurt/Gurk kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, und, nach Größe und Baustil
beurteilt, gut eine Filialkirche im Gottscheerland hätte sein können. Das Gotteshaus wurde nach gründlicher Renovierung den Gottscheern mit der Aushändigung des Schlüssels
an den beliebten Geistlichen Rat Alois Krisch im September 1962 übergeben. Die Renovierung war durch zahlreiche Spenden, insbesondere von Amerika-Gottscheern, ermöglicht worden. An der linken Innenseite des Kirchenschiffes kündet eine Granittafel nachstehenden Inhalts von seiner besonderen Zweckbestimmung:
GÖTT WUTR IN HIMML, BIR PATN GUAR SCHEAN
SHÖ LUESS INSHR HOIMOT IN HARZN PESCHTEAN
1330 - 1918
1941 - 1945
GEWEIHT DEM GEDENKEN AN DIE HEIMAT
GOTTSCHEE
WIR GEDENKEN ALLER, DIE IN DER HEIMAT
RUHEN + IN DEN KRIEGEN IHR LEBEN GABEN +
DURCH DIE DRANGSAL DER ZEIT GESTORBEN ODER
VERSCHOLLEN SIND + IN VIELEN LÄNDERN DER ERDE
DEN EWIGEN FRIEDEN GEFUNDEN HABEN.
Die Schloßkirche von Krastowitz birgt außerdem zwei Kostbarkeiten, ein "Gedenkbuch"
mit den Namen der gefallenen Gottscheer beider Weltkriege und der Todesopfer der Vertreibung und Flucht aus der Untersteiermark. Das Buch wurde von Richard Lackner graphisch gestaltet. Im Turm aber hängt seit 1966 die kleine Glocke der Franziskuskirche in
der Nähe von Rieg im Hinterland.
Die "Gottscheer Landsmannschaft Klagenfurt" kaufte das Gelände um die Schloßkirche im
Ausmaß von 7600 Quadratmeter. Die Landeshauptstadt verlieh diesem Treffpunkt durch
Senatsbeschluß die Bezeichnung "Gottscheer Gedächtnisstätte" und gab der dorthin führenden Straße den Namen "Gottscheer Straße".
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In Leoben, Steiermark, gründeten 1964 die Landsleute Fritz Högler, Alois Kresse, Alois
Krauland, Johann Schemitsch und andere den Verein "Gottscheer Gedenkstätte", der den
Zweck hatte, in Steiermark aus eigener Kraft einen Erinnerungsbau an Gottschee zu errichten. So entstand nach eifrigem Sammeln von Spenden, die besonders reichlich aus
den USA flössen, in der Nähe der weithin bekannten Wallfahrtskirche "Maria Trost" bei
Graz ein moderner Kirchenbau, welcher der Heimat Gottschee gewidmet ist. Auf Marmortafeln sind das Gottscheerland sowie jene Landsleute verzeichnet, die durch die Wirren
beider Weltkriege umgekommen sind.
Am letzten Sonntag im Juli jeden Jahres finden sich die Vereinsmitglieder und viele andere Landsleute in Maria Trost zum Gedenken an die Heimat und der Verstorbenen ein. Der
Samstag ist einem Festabend gewidmet und der Sonntag der Totenmesse und der Wiedersehensfreude.
Mitten im Schwarzwald nahe der Ortschaft Aichelberg (Baden-Württemberg) steht seit
dem Sommer 1975 die dritte Gedenkstätte der Gottscheer in Europa. Es ist dem Landsmann Richard Lipowitz aus Suchen nach mehrjährigen Bemühungen mit Hilfe der Stadtgemeinde Bad Einöd und durch Spenden von Landsleuten gelungen, hier eine Erinnerungsstätte an unsere verlorene Heimat Gottschee zu errichten. Dieser Gottscheer Brunnen besteht aus einem riesigen Stein (es ist ein Findling mit zwölf Tonnen), der mit dem
Wappen der Stadt Gottschee geschmückt ist. Auf einem weiteren Stein befindet sich eine
Gedenktafel mit folgendem Inhalt:
DIESER BRUNNEN WURDE 1975 GEBAUT
ZUR ERINNERUNG AN DIE SPRACHINSEL
GOTTSCHEE IN KRAIN-JUGOSLAWIEN.
UM 1330 HABEN DEUTSCHE WALDBAUERN
GOTTSCHEE GEGRÜNDET.
1941 VERLOREN DIE GOTTSCHEER IHR
LAND DURCH DIE UMSIEDLUNG DER
VOLKSGRUPPE. 1945 MUSSTEN SIE DAS
ANSIEDLUNGSGEBIET IN DER UNTERSTEIERMARK VERLASSEN UND IN VIELEN
LÄNDERN EINE NEUE HEIMAT SUCHEN.
Ein liegender Stein (drei Tonnen) trägt die Brunnenschale. Am 17. Juli 1977 wurde unter
Teilnahme von offiziellen Vertretern der Regierung in Bonn, der Landesregierung in
Stuttgart, der örtlichen Gemeindevertretung sowie des Gottscheer Trachtenchors Klagenfurt und die Vertreter der Gottscheer Organisationen in Deutschland und Österreich diese
Gedenkstätte feierlich eingeweiht. Sie dient nun dem Treffen der Gottscheer in Deutschland.
An allen Stätten landsmannschaftlicher Begegnungen, der Erinnerungen und Gefühle,
finden wir sie wieder, die leuchtenden Augen, die freudigen Zurufe, das sinnende Lauschen, gelöstes Lachen und melancholisches Singen wie bei allen Treffen von Gottscheern.
Die Feiern in Klagenfurt und Graz werden verschönt durch die "Sing- und Trachtengruppe
der Gottscheer Landsmannschaft in Klagenfurt". Sie entstand bereits aus kleinen Anfängen 1952. Ins Leben gerufen wurde sie vom damaligen Hauptschullehrer Bruno Jonke,
später führte sie Frau Mitzi Verderber. Lange Zeit wurde die Gruppe aber von Frau Schuldirektorin Amalia Erker, die selbst eine Anzahl von Mundartliedern schuf, und später von
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Hans Brugger betreut. Die Mundartliederwerden in den siebziger Jahren von Volksschuldirektor Walter J. Siegmund aus Altbacher dirigiert, während die vom Chor gesungenen
Kärntnerlieder vom Kärntner Volksschuldirektor Stefan Slamanig betreut werden, dessen
Gattin die Gottscheerin Berta Tscherne ist. Slamanig hat auch mehrere Gedichte in gottscheerischer Mundart vertont und durch den Chor zu Gehör gebracht.
Die Gruppe tritt bei allen wichtigen Veranstaltungen der Gottscheer Landsmannschaften
in Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland auf. Dabei erntet sie freudigen Beifall, bei den Gottscheern verständlicherweise aber stürmischen Dank.
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Gottscheer Kulturwoche
In der Geschichte der Gottscheer waren wenig glückliche Ereignisse zu verzeichnen. Die
"Gottscheer Kulturwoche" scheint ein solches zu sein. Sie ist in der Idee und Gestaltung
das Werk eines einzelnen Mannes, des Oberschulrates Hermann Petschauer aus Lichtenbach. Er gründete sie 1966 und leitet sie seither ohne Unterbrechung. Sie bildet das geistige Forum, auf dem Forschungsergebnisse über die ehemalige Sprachinsel Gottschee in
wissenschaftlichen Vorträgen und Lichtbildreihen sowie Lesungen dargestellt werden.
Diese Veranstaltungen finden im Vortragssaal der im Schloß Krastowitz untergebrachten
"Bäuerlichen Volkshochschule Dr. Arthur Lemisch" des Landes Kärnten statt. Das Schloß
Krastowitz wurde für ihre Zwecke stark erweitert. Diese Anstalt stellt den Gottscheern die
Unterrichts- und Unterkunftsräume Ende Juli bis Anfang August für sieben hochgestimmte Tage zur Verfügung. Die Schloßkirche von Krastowitz, die keine hundert Meter von der
"Bäuerlichen Volkshochschule entfernt steht, aber ist das Endziel der "Gottscheer Wallfahrt".
So nahe beieinander liegen die Stätten der Begegnung mit der Gottscheer Geschichte
und mit der letzten Gottscheer Generation. Ein Zufall? Ja und nein, denn Hermann Petschauer erkannte als Teilnehmer der ersten Wallfahrten die günstigen Voraussetzungen
für die Abhaltung eines historischen Seminars, das ihm schon länger vorschwebte. Als er
dann bei der Landwirtschaftskammer von Kärnten beantragte, auf Schloß Krastowitz
während der Ferien einen Kurs für Gottscheer Geschichte abhalten zu dürfen, fand er viel
Verständnis und die Zustimmung. Ein reiner Zufall aber ist es, daß der gegenwärtige Direktor der "Bäuerlichen Volkshochschule Krastowitz“, Dipl.-Ing. Dr. Kurt Erker, von Gottscheer Eltern aus Mitterdorf abstammt Er selbst ist in Kärnten geboren, sein Vater war
als Regierungsrat bei der Landesregierung tatig."
Zielstrebig hat Hermann Petschauer aus der Reihe der Wissenschaftler, denen Gottschee
zu einer Herzensangelegenheit geworden ist, sowie aus der Volksgruppe selbst eine Anzahl von vortragenden Damen und Herren verpflichtet. Die Mundart allgemeine und kulturelle Geschichte, die Volkskunde und das Erzählgut, aber auch die Mundartdichtung der
letzten Jahrzehnte, stehen bei ihren Vorträgen im Mittelpunkt.
Die Mundart wurde vom Verfasser des "Wörterbuchs der Gottscheer Mundart", Dr. Walter
Tschinkel, und von Frau Univ.-Prof. Dr. Maria Hornung vertreten Sie wird es künftig allein
tun, weil Walter Tschinkel im Oktober 1975 allzu früh starb. Die beiden Wissenschaftler
arbeiteten unter der Ägide des kurz vor Tschinkel verstorbenen Universitätsprofessors Dr.
Eberhard Kranzmayer viele Jahre eng zusammen, so daß Maria Hornung in der Lage war,
dem dahingeschiedenen Gottscheer Gelehrten einen letzten Freundschaftsdienst zu erweisen: An seiner Stelle las sie die Schlußkorrekturen des zweiten Bandes seines Mundart-Wörterbuches.
Während Dr. Tschinkel die sprachgeschichtliche Substanz seiner Heimatsprache betonte,
beschäftigt sich die Wiener Univ.-Professorin überwiegend mit der Bedeutung des Gottscheer Dialektes für die deutsche Sprachforschung überhaupt und für die tirolerischkärntnerischen Mundarten im Herkunftsgebiet der Gottscheer und stellt Vergleiche mit
den Sprachinseln in Oberitalien an. Sie ist überdies Gründerin und Leiterin eines Arbeitskreises, der sich mit der Vertiefung der Kenntnisse über diese von Österreich her kolonisierten Siedlungsgebiete befaßt.
Die Gottscheer Volkskunde ist bei Frau Dr. Maria Kundegraber, Kustos des "Bäuerlichen
Museums" in Stainz bei Graz, und bei dem emeritierten Wiener Universitätsprofessor Dr.
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Richard Wolfram in den besten Händen. Maria Kundegraber beschäftigt sich hauptsächlich mit den Gegenständen des täglichen Hantierens im gesamten Lebensbereich des
Bauern in der ehemaligen Sprachinsel, Gegenständen, welche die Gottscheer daheim
noch selbst hergestellt haben. Ferner hat sie sich mit Lichtbildvorträgen der von der Zerstörung durch Mensch und Natur verschonten Kirchenmalerei zugewandt. Außerdem ist
sie den alten Wallfahrtswegen der Gottscheerinnen und Gottscheer zu entlegenen und
nahen Gnadenorten nachgegangen.
Die Forscherin kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der ehemaligen Sprachinsel in
Berührung. Glücklicherweise gelang es ihr noch rechtzeitig, bei Nichtumsiedlern zahlreiche volkskundlich interessante Gegenstände zu erfassen und für das Wiener Volkskundemuseum sicherzustellen. Außer ihren Vorträgen auf der "Gottscheer Kulturwoche" und
anderen Orten veröffentlichte sie eine größere Zahl von Aufsätzen zu ihren Spezialthemen, von denen hier einige genannt seien:
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"Eine Reise nach Gottschee", "Donau- und Karpatenraum", Wien 1961.
"Die Wallfahrten der Gottscheer". österreichische Zeitschrift für Volkskunde 65
(1962)233-260.
"Bibliographie zur Gottscheer Volkskunde", Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde
7 (1962/63), 233-272.
"Gottscheer Ochsenjoche". Ein Kapitel aus der Gottscheer Gerätekunde. Jahrbuch
für ostdeutsche Volkskunde.
"Heutragen und Heuziehen in Gottschee", Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde.
"Das Schicksal der Gottscheer Volksliedsammlung" (1906-1912). Jahrbuch des österreichischen Volksliedwerkes 13 (1964) 143-148.
"Zwei Andreas-Lieder aus Pöllandl in Gottschee". Jahrbuch des österreichischen
Volksliedwerkes 13 (1964) 131-133.
"Entstehung und Bedeutung der Gottschee-Sammlung des österreichischen Museums für Volkskunde". Carinthia I 155 (1966) 799-834.
"Die Kosmas- und Damian-Wallfahrt nach Oberburg". In: Festschrift für Leopold
Kretzenbacher, München, 1972.
"Gottscheer Putscherlein und mittelalterliches Pilgerfäßchen". In: Festschrift für
Leopold Schmidt, Wien, 1972.
"Die Gottscheer Frauen-Festtracht - ein Relikt mittelalterlicher Mode". In: Festschrift für Hanns Koren, Graz, 1966.
"Das Gottscheer Hemdkleid". In: Zs. für historische Waffen- und Kostümkunde
1971 (München).
"Die Frauenjoppe in Pöllandl, Gottschee". In: Slovenski etnograf, etwa 1970.
Der beste Kenner des Gottscheer Brauchtums ist zweifelsfrei Universitätsprofessor Dr.
Richard Wolfram. Seine tiefschürfenden Kenntnisse aus diesem etwas vernachlässigt gewesenen Gebiet sind umso höher einzuschätzen, als es der Kulturkommission beim deutschen Umsiedlungsbeauftragten in Laibach dank einer italienischen Schikane nicht mehr
möglich war, ihre volkskundliche Forschungsarbeit rechtzeitig vor der Umsiedlung in Angriff zu nehmen. Nicht nur für einen Gottscheer ist es fesselnd, Wolframs Schilderungen
der Brauchtumsgeschehnisse zur Weihnacht und beim Jahreswechsel, der Sommer- und
der Wintersonnenwende und des Osterfestes, wie bei Hochzeit und Taufe zu lauschen
und mitzuerleben, was an Hand tätigen Brauchtums in der Phantasie der Menschen in der
alten Sprachinsel vor sich ging. Vieles davon ist von der Ansiedlung her noch überliefert
und heidnischen Ursprungs, manches hat sich nur in Gottschee erhalten und wenig wurde
von der slawischen Umgebung übernommen. - Prof. Wolfram begann seine Forschungsarbeit noch in dem bewohnten Gottscheerland und brachte sie in den Flüchtlingslagern zu
Ende. Bisher veröffentlichte er sechs längere Aufsätze über das Brauchtum der Gottscheer in dem "Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde", N. G. Elwert-Verlag, Marburg. Er
beabsichtigt, sie in einem Band zusammenzufassen.
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Mehrere Vorträge steuerte der Verfasser zur "Gottscheer Kulturwoche" bei. Er behandelte
unter anderem die Entstehungsgeschichte der ehemaligen Sprachinsel, die Genealogie
der Häuser Ortenburg und Auersperg sowie die Sagen und Märchen der Gottscheer.
Daß die Gottscheer Mundart auch für die reine, insbesondere lyrische Poesie verwendbar
ist, legte Richard Lackner in mehreren Lesungen zahlreicher Gedichte aus jüngster Zeit
dar. Er selbst erwies sich dabei als stilsicherer und begabter Poet, der ein feines Gespür
dafür besitzt, was man der Gottscheer Mundart als dichterisches Ausdrucksmittel zumuten kann und was nicht. Einige ähnliche Begabungen brachte die letzte Gottscheer Generation hervor. Lackner rezitierte beispielsweise aus dem Sammelbändchen "Spätherbst"
(Dər schpuətə Herbischt), worin außer ihm Bernhard Hönigmann, Ludwig Kren, Hilde Otterstädt geb. Erker und Karl Schemitsch zu Worte kommen.
Naturgemäß widmeten sich die Gottscheer Mundartlyriker nach der Vertreibung kaum
einem anderen Thema als der verlorenen Heimat. Zwei Beispiele sollen belegen, welch
herbe Melodik dieser Mundart innewohnen kann:
Dər Pflüəkh
Der Pflug
„Dər Pflüəkh, dos ischt main Boffə,
dər Pflüəkh, dar gait mir's Proat.
I bərt in Pflüəkh et luəßn,
pis hölət mi dər Toat.
Der Pflug ist meine Waffe,
der Pflug, der gibt mir das Brot.
Ich werde den Pflug nicht lassen,
bis mich holt der Tod.
Dər Toat, ar khonn di trennən
von inshrər Eardn et,
dü Pflüəkh, dü paüəscht baitər,
bai's Völkh, dos schtirbət et.
Der Tod, er kann dich trennen
von unserer Erde nicht.
Du Pflug, du ackerst weiter,
denn das Volk, das stirbt nicht.
Bernhard Hönigmann
Ammö
Mutter
Nocht ischt nöch in' Doarfə,
Münnə schainət draüf,
dü ünt hant a Liəchtle:
Ammö ischt schon aüf.
Nacht ist noch im Dorfe,
Mond scheint darauf,
da und dort ein Lichtlein:
Mutter ist schon auf.
Khöchn, Bossər trügn,
's Haüsch, də Akkhrə, 's Güət,
khronkhə Khindər shboign Ammö khon dos güət.
Kochen, Wasser tragen,
das Haus, die Acker, das Vieh,
kranke Kinder besänftigen Mutter kann das gut.
Män ünt baschn, höltsn ...
Ischt ä Galt pain Haüsch?
Atte ischt in Pemmən,
Ammö mochət aus.
Mähen und waschen, Holz machen …
Ist auch Geld beim Haus?
Vater ist in Böhmen,
Mutter macht alles.
Khriekh ünt Loidn, Ünracht,
aus varloaərn! Begnbai
hot's grut insch gətröffn?
Ammö treaschtət lai.
Krieg und Leiden, Unrecht,
alles verloren! Warum
hat es gerade uns getroffen?
Mutter tröstet nur.
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Ammö, scheandər Nümə!
Ibəroll gämət shi!
Ammö, liəbai, güətai,
ollə prächnt di!
Mutter, schöner Name!
Überall schützt sie!
Mutter, liebe gute,
alle brauchen dich!
Ludwig Kren
Ein Tag der Kulturwoche gehört einer Art Pilgerfahrt. "Pilgerfahrt" deshalb, weil die Reise
von Klagenfurt nach Spittal eine gleichnishafte Heimkehr in das Herkunftsgebiet der Urahnen darstellt. Ihr eigentliches Ziel ist der bauliche Mittelpunkt der Draustadt, Schloß
Porcia, das Gabriel Salamanca um 1527 erbauen ließ. Der vielbewunderte RenaissanceBau steht aus Gründen, die hier nicht zu erörtern sind, mit dem Namen Ortenburg in
Verbindung.
Wiewohl das Schicksal die Gottscheer und ihr "Ländchen" mit viel Unglück überschüttete,
gönnte es ihnen gleichsam einige mildernde Umstände. Nicht so, als ob die Geschichte
über sie zu Gericht gesessen und ihnen ein paar Erleichterungen zugestanden hätte - sie
hat ihnen vielmehr einige Sternstunden gegönnt, damit ihr Los nicht ganz und gar unerträglich würde. Bis zum Jahre 1918 waren es eigentlich nur vier, sie waren jedoch für
den Fortbestand des Gottscheerlandes von ausschlaggebender Bedeutung:
Das Waldgesetz des letzten Ortenburger Grafen Friedrich III. aus dem Jahre 1406 griff
nicht weniger tief in die Grundlagen des Bestehens der Sprachinsel ein, als der Kauf der
Grafschaft Gottschees durch den Grafen Wolf Engelbrecht von Auersperg 1641 oder die
Erhebung der Grafschaft zum Fidei-Kommiß durch den Fürsten Johann Weikhart von Auersperg, dessen überaus erfolgreiches, dennoch unglückliches Leben 1677 zu Ende ging.
Den wissenschaftlichen Meilenstein auf dem Wege zu einer Gottschee-Kunde aber setzte
Adolf Hauffen 1895 mit der Herausgabe seines Werkes "Die deutsche Sprachinsel Gottschee". - Nach 1918 blieben den Gottscheern weitere geschichtliche Lichtpunkte versagt,
es sei denn, man bezeichnet die Sechshundertjahrfeier als solchen. Das Völkchen aus
dem Karst und sein "Ländchen" schienen für immer in die Geschichtslosigkeit zurückgeworfen zu sein, gleichsam nicht mehr teilnahmeberechtigt am Völkerleben, gewogen und
zu leicht befunden. Das erste Signal, daß es trotzdem noch lebt, gab 1946 die Gründung
des "Gottschee-Hilfswerks" in New York. Und daß es nicht daran dachte, seine Traditionen und Erinnerungen aufzugeben, beweisen drei Stationen, die fast wie Informationsstände auf dem Weg in die absehbar kurze Zukunft des Gottscheer Völkchens wirken: Die
Idee der "Kulturwoche", das "Wörterbuch der Gottscheer Mundart" und - die "GottscheeSchau" im Schloß Porcia.
Die "Gottschee-Schau" verdankt ihr Entstehen dem Gründer und Kustos des "Bezirksheimatmuseums für Oberkärnten", Prof. Helmut Prasch. Wie fast alle Kenner und Förderer
des Gottscheertums, gehört auch er dem Lehrstande an. Die Symbolkraft des Vorhandenseins der "Gottschee-Schau" in Spittal an der Drau im Oberkärntner Heimatmuseum
und im Schloß Porcia bedarf keiner weiteren Sinndeutung, sie liegt auf der Hand. Ergänzend sei jedoch soviel gesagt, daß diese ständige Gottschee-Ausstellung in der bestehenden Form kaum oder gar besser anderswo entstanden wäre, hätte nicht auch hier der
Zufall mitgewirkt. Helmut Prasch und Walter Tschinkel waren vor dem Zweiten Weltkrieg
im Bezirk St. Veit an der Glan Lehrer an zwei benachbarten Volksschulen. Prasch hatte
das Gottscheerland bereits lange vor der Umsiedlung kennengelernt. Sein Wissen über
die Abstammung, Geschichte und Kultur der Gottscheer vertiefte sich in zahlreichen Gesprächen mit Tschinkel soweit, daß er nach der Einrichtung des Bezirksheimatmuseums
beschloß diesem eine Gottschee-Abteilung anzugliedern. Sie sollte das 1921 von Pfarrer
Josef Eppich gegründete Heimatmuseum in Gottschee, aber auch den sechshundertjähriGedruckt von http://www.gottschee.at
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gen Lebenskreis Kärnten und Osttirol - Gottschee - Kärnten sichtbar machen und schließen.
Breitet die "Kulturwoche" im Vortragssaal des Schlosses Krastowitz die geistige Schau
der sechshundertjährigen Geschichte der Gottscheer aus, so betrachtet der Besucher der
"Gottschee-Schau" im Schloß Porcia viel Gegenständliches, das den alten Bauern im
"Ländchen" täglich umgab und das, von modernem Zeug verdrängt in irgendeinem Winkel auf dem Dachboden neuerlicher Betrachtung entgegenschlummerte. Vom einfachsten
Haushaltsgerät bis zur Tracht, vom "Pütschale" bis zum Ochsenjoch von der ersten
Nummer des "Gottscheer Boten" bis zum Wörterbuch Walter Tschinkels ist vieles von
dem ausgelegt, was Umsiedlung und Flucht überstanden hat. Allmählich schließen sich
die in der damaligen Hast entstandenen Lücken. Dann und wann bringt die neue "Gottscheer Zeitung" Listen mit weiteren Schaustükken, unter denen sich wiederholt Schenkungen des Prinzen Carl von Auersperg befinden. Prinz Carl, der letzte Sohn des letzten
Herzogs von Gottschee, Fürst Carl von Auersperg, lebt auf Schloß Wald bei St. Pölten, wo
immer wieder Gottscheer zu einem Gedankenaustausch einkehren. Der derzeitige nominelle Träger des Herzogtitels von Gottschee, Carl Adolf, lebt in Uruguay, Südamerika.
Die "Kulturwoche" und die "Wallfahrt" finden bei Presse, Funk und Fernsehen in Kärnten
ein lebhaftes Echo. Offizielle Vertreter des Landtags, der Landesregierung und des Senats
sowie der Bürgermeister der Landeshauptstadt Klagenfurt nehmen an der Eröffnung der
"Kulturwoche", die durch den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer
Landsmannschaften, Dr. Viktor Michitsch, vorgenommen wird und an dem Empfangsabend vor dem Wallfahrtssonntag teil.
Der frühere Bürgermeister, Hofrat Dr. Hans Ausserwinkler, ging noch einen Schritt weiter. Er besuchte im Jahre 1973, begleitet von Dr. Michitsch und Dr. Herbert Krauland,
dem Schriftführer der "Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften", das
frühere Siedlungsgebiet der Gottscheer. Das gleiche tat - das sei hier vorweggenommen
- der langjährige Oberbürgermeister der württembergischen Industriestadt Sindelfingen,
Arthur Gruber. In seiner Begleitung befanden sich außer den beiden genannten Herren
Hermann Petschauer und für die "Gottscheer Zeitung" Viktor Stolzer. Oberbürgermeister
Gruber wurde auf der Hinfahrt in Laibach (Ljubljana) samt seiner Begleitung vom dortigen Bürgermeister und von Regierungsmitgliedern der Teilrepublik Slowenien zu einem
Freundschaftsbesuch empfangen. – Das „Jahrhundertbuch“ verzeichnet diese Geste nur
ungern, denn der zweck der Reise des deutschen Oberbürgermeisters und die Herkunft
seiner Begleiter waren den Gastgebern bekannt.
Während der Amtszeit Arthur Grubers wurde Sindelfingen im übrigen zur Patenstadt der
Deutschen aus Jugoslawien erklärt. Hier entstand mit großzügiger Unterstützung der
Stadt das "Haus der Donauschwaben", das in Erinnerung an die ehemalige Schicksalsgemeinschaft in Jugoslawien auch den Gottscheern jederzeit offensteht. In seinem kultivierten Rahmen machten sie beispielsweise im April 1974 eine größere Öffentlichkeit mit
dem "Wörterbuch der Gottscheer Mundart" bekannt, wie dies auch in Wien und Klagenfurt vorher geschehen war. Die Festansprache hielt jeweils sein Verfasser, Dr. Walter
Tschinkel.
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Der Gottscheer Waldbauer wird zum Städter
Alle Gottscheer der letzten Generation entstammen, mit geringen Ausnahmen, durch
Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern, einem Bauernhaus. Und jeder aus ihrer Mitte lebt
nun in einer Stadt. Ein oberflächlicher Beobachter mag in dieser soziologischen Verhaltensweise, nämlich der totalen Landflucht, nach der Umsiedlung und der Abkehr vom
Hausierwesen bei den sogenannten Umsiedlern von 1941 eine negative Auslese und sozusagen den biologischen Bodensatz der sechshundert Jahre Gottscheer Geschichte sehen wollen. Wer so denkt, ist nicht bis ans Ende des Gottschee-Problems vorgestoßen. Es
ist doch nicht so, daß es in deutschen Landen und im übrigen Europa keine Landsleute
gegeben hätte. Er mag auch von Entwurzelung reden. Doch Entwurzelung und Entwurzelung kann zweierlei sein. Die Vertreibung bäuerlicher Menschen von Haus und Hof bedeutet nicht, jedenfalls nicht bei den Gottscheern, zwangsläufig den Verlust der das Leben
bestimmenden moralischen, sittlichen und geistigen Werte. Ebensowenig wie Gottscheer
in den Slums von New York, Cleveland und Chicago verkamen, darf man den Umsiedlern
des Jahres 1941 entgegenhalten, sie seien von vornherein entwurzelt gewesen, weil sie
nicht einmal den Versuch unternahmen, wieder in der Landwirtschaft Fuß zu fassen. Wo
hätten sie das auch tun sollen? Die Rückkehr in die alte Heimat, wie dies den vertriebenen Slowenen in der Untersteiermark gegönnt wurde, war ausgeschlossen. Ihnen blieb
keine Wahl, als aus den Lagern weiter zu wandern, und wenn sie Glück hatten, war der
Weg zum nächsten Verwandten oder Freund nicht weit. So wie die Landsleute drüben,
jenseits des Ozeans, bewiesen die Umsiedler in Österreich und Deutschland, daß sie Halt
und Haltung besaßen und vor keiner zumutbaren Aufgabe kapitulierten. Man trifft die
unternehmungsfreudigen Söhne und Töchter der letzten "Besitzer" in Gottschee als kleine
und mittlere Unternehmer, Handwerker, Inhaber von Dienstleistungsbetrieben, Geschäften und Restaurants, man findet sie in geistigen Berufen, als Juristen, Ärzte und Beamte,
vor allem aber als Lehrer und Lehrerinnen. Der verhältnismäßig hohe Prozentsatz an geistig Berufstätigen ist weiter nicht erstaunlich, denn das alpenländische Österreich war ja,
besonders seit der Gründung des Gymnasiums in Gottschee, für die überschüssige Gottscheer Intelligenz einschließlich der gehobenen Handwerksberufe das natürliche Ausweichfeld. Auch hier ist noch das Lebensgesetz von der Enge des Raumes zu spüren.
Mancher Nicht-Gottscheer unter den Lesern wundert sich vermutlich über die große Zahl
an Familiennamen in diesem Buch, die er mit dem anderen Lesestoff mitschleppen muß.
Wenn er jedoch bedenkt, daß es vor allem in die Hände der Gottscheer geschrieben ist,
begreift er plöztlich ihre starke menschliche Aussage und geschichtliche Erinnerungskraft.
War es bisher schon nicht einfach, die in der Gottscheer Öffentlichkeitsarbeit stehenden
bzw. in der Pflege des Heimatgedankens tätig gewesenen Männer und Frauen auszuwählen, so ist es nun doppelt schwer, jene Gottscheer herauszustellen, die im allgemeinen
Berufsleben und als Menschen hervorragende Leistungen erbracht haben. Eine Sonderleistung für das gesamte Gottscheertum oder eine hervorragende Einzelleistung außerhalb
des "Ländchens" waren für die Hereinnahme von Namen in den Bericht maßgebend. Begreiflicherweise war auch eine zeitliche Abgrenzung nach rückwärts erforderlich. Der
Zeitraum, der mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert begann, erhielt den Vorzug.
Mit weiter zurückliegenden Lebensläufen verbinden die noch lebenden Gottscheer in den
wenigsten Fällen eine Vorstellung. Zu den herausragenden Gesamtleistungen einer Familie des Gottscheerlandes gehört vor allem jene des Oberlehrers Franz Höfler, der durch
lange Jahre die Volksschule in Stalzern leitete. Aus seiner Ehe mit der aus Rieg stammenden Maria Ostermann gingen elf Kinder hervor, die alle eine höhere Schulbildung
genossen. Drei Söhne wurden Ärzte, der vierte Sohn Lehrer, vier Töchter Lehrerinnen,
zwei übten ebenfalls geistige Berufe aus und eine Tochter starb als Lehramtskandidatin.
Die bedeutendste Lebensleistung erzielte der älteste Sohn Dr. Franz Högler in Wien als
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Universitätsprofessor der Internen Medizin und Verfasser von rund 20 Büchern und
Schriften auf seinem Fachgebiet, darunter ein grundlegendes Werk über den Diabetes. Er
wurde oft von hochgestellten Persönlichkeiten des In- und Auslandes zu ärztlichen Konsultationen gebeten. Prof. Högler fühlte sich lebenslang als Gottscheer und pflegte hilfesuchende Landsleute kostenlos zu behandeln.
Unvollendet blieb das Leben eines Sprachgenies aus Lichtenbach: Dozent Dr. Josef Stalzer, geboren 1880, gefallen 1914 in Galizien. Stalzer beherrschte 15 Sprachen, darunter
das Aramäische. Selbst nicht mehr in Gottschee geboren, doch eindeutig gottscheerischer Abstammung,
ist der weltbekannt gewordene Prof. Dr. Hermann Knaus (geboren 1892, gestorben
1971), der gemeinsam mit dem japanischen Gynäkologen Ogino die Gesetzmäßigkeit des
weiblichen Fruchtbarkeitszyklus entdeckte. Seine Vorfahren waren in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts aus dem Suchener Hochtal (Merleinsraut) nach Sankt Veit an der
Glan in Kärnten ausgewandert, wo der Forscher zur Welt kam.
Ebenfalls internationalen Ruf erwarb ein weiterer Forscher aus dem Gottscheerland, Dr.
med. vet. Hans Ganslmayer aus Inlauf. Dort entwickelte er für die Tiermedizin das "Antiseptom", das nach dem Tode seines Erfinders unter anderem Namen auch in die Humanmedizin Eingang fand. Dr. Ganslmayer wirkte an hervorragenden Stellen am Aufbau
des Veterinärwesens in der Türkei. - Sein Bruder, Dr. med. vet. Rudolf Ganslmayer, Hofrat, stieg nach einer ungewöhnlich erfolgreichen Berufslaufbahn zum Landesveterinär der
Steiermark auf.
Zweier Ärzte sei noch gedacht: Obermedizinalrat Dr. Karl Rom aus Oberdeutschau
(1902-1963) machte sich durch den Aufbau der kassenärztlichen Organisation im Bundesland Niederösterreich einen Namen. Karl Rom, der seine ärztliche Laufbahn in Ferlach
im Rosental begonnen hatte, ist auch als Verfasser des historischen Romans "Rebellion in
der Gottschee" bekannt geworden.
Medizinalrat Dr. Josef Krauland aus Gschwend (geboren 1897, gestorben 1973) ordinierte bis zur Umsiedlung in Gottschee/Stadt und baute sich nach der Vertreibung in Villach
eine neue Existenz in einem zahntechnischen Labor auf. Mit bemerkenswerter persönlicher Hingabe führte er seit ihrer Gründung im Jahre 1960 das Amt des Schriftführers der
"Arbeitsgemeinschaft der Gottscheer Landsmannschaften" aus. Zu seinem Nachfolger in
diesem Ehrenamt wurde der Finanzrat, Dr. Herbert Krauland, geboren in Klagenfurt, ernannt. Sein Vater war der Landesfinanzinspektor, Hofrat Dr. Josef Krauland aus Koflern,
geboren 1894, gestorben 1960 in Klagenfurt.
Als großer und anerkannter Künstler, Maler und Holzschneider, ist Suitbert Lobisser in
Kärnten und darüber hinaus bekannt. Seine Holzschnitte und Fresken finden noch heute
Bewunderung. Der Vater Lobissers war Lehrer an mehreren Dienstorten in Kärnten, war
in Mitterdorf bei Gottschee geboren und erkannte frühzeitig die zeichnerische Begabung
seines Sohnes. Der Künstler hielt sich oft im Gottscheerland auf, war doch seine Schwester mit dem tüchtigen Tischlermeister Meditz in Nesseltal verheiratet und der Geistl. Rat,
Pfarrer August Schauer sein bester Freund.
In den zwanziger- und dreißiger Jahren hatte die Stadt Baden bei Wien einen Bürgermeister, dem die Badener heute noch für seine Leistungen dankbar sind. Sie haben dem
Gottscheer aus Grafenfeld, Josef Kollmann, ein Denkmal gesetzt, ebenso wie die Weinbauern der Umgebung für seinen wertvollen Rat. Unter dem Bundeskanzler Schober war
Kollmann auch österreichischer Finanzminister.
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Wie bereits ausgeführt war die Gottscheer Lehrerschaft insbesondere in Kärnten und
Steiermark, aber auch in Niederösterreich, zahlreich vertreten. Allein in Kärnten wären
ab 1919/20 wenigstens 60 Namen von Lehrern und Lehrerinnen zu nennen. Eine beachtenswert große Zahl von ihnen erreichte die Stellung eines Volksschul- und Hauptschuldirektors, dem in der Republik Österreich bei besonderer Leistung vom Bundespräsidenten
der Titel "Oberschulrat" verliehen wird. Zwei, Dr. Walter Tschinkel und Hermann Petschauer, traten auf dem Felde der Mundartforschung bzw. dem kulturellorganisatorischen Gebiet besonders hervor.
Auf dem erzieherischen Sektor des Landes Kärnten erwarb sich die Gottscheerin Mater
Alfonsa am Ursulinenkloster zu Klagenfurt außergewöhnliches Ansehen. Sie war von 1918
bis 1938 Direktor der Lehrerinnen-Bildungsanstalt, der Hauptschule (früher Bürgerschule), und der Volksschule des Klosters. Sie genoß auch außerhalb ihrer Wirkungsstätte
großes Vertrauen als Helferin bedrängter Menschen. Sie trug, vermutlich als einzige Gottscheerin, den Titel "Regierungsrat". Geboren wurde sie unter dem bürgerlichen Namen
Josefa Samide in Koflern 1878 und starb 1968 hochbetagt in Klagenfurt.
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Gottscheer Fluggäste
Wir begleiten die Flugwanderer zwischen den beiden so ungleichen Hälften des Gottscheer Völkchens in seinem österreichischen und deutschen Exil weiter und sehen mit
ihren Augen auch noch einen anderen Tatbestand: Verständlicherweise haben die älteren
Umsiedler nicht in dem Maße an dem ausklingenden Wirtschaftswunder ihrer neuen Heimatländer Anteil wie die Geburtenjahrgänge, die in unserer Gegenwart voll in der Verantwortung stehen, einmal in den ihnen zugefallenen, beruflichen Aufgaben und zum
anderen als Ehepartner für das gedeihliche Fortkommen der Familie. Doch auch für sie,
die Alten, ist durch Renten und Pensionen, öffentliche Wohnungsbeschaffung und private
Initiativen auf diesem Sektor gesorgt worden. Und sie erfahren, daß um die Weihnachtszeit vom "Gottscheer-Hilfswerk" in Amerika Spenden eintreffen und dorthin gelangen, wo
sie als Hilfe angebracht sind.
Jeder, aber auch wirklich jeder der "Amerikaner" steht in seinen Gedanken vor einem
anderen Reiseziel. Nicht Paris oder Rom, Rothenburg ob der Tauber und Salzburg oder
die Romantische Straße, obwohl auch sehr viele von ihnen ihre Schritte zu diesen Zentren des internationalen Tourismus lenken, das heimliche Reiseziel aller ist vielmehr das
Gottscheer-Land bzw. das, was davon übriggeblieben ist. Doch nur ein Teil trifft dort ein.
Die anderen zögern, den endgültigen Entschluß zur Fahrt nach Gottschee zu verwirklichen. Sie wollen den goldenen Erinnerungsschatz an das "Ländchen" als Ganzes, das
Dorf, ihr Elternhaus, die Nachbarn so bewahren, wie sie ihn daheim jung und emsig aufgehäuft haben. Jene aber, die die Reise in das südliche Slowenien antreten, obwohl sie
aus der Zeitung, aus Briefen und Erzählungen wissen, was sie erwartet, nähern sich von
Reifnitz her bange und erfüllt von einem Gemisch aus Trauer, doch auch Neugier, der
Stadt. Schon nach dem Überschreiten der früheren Sprachinsel-Grenze stellen sie fest:
Der Wald erobert sich das "Ländchen" zurück. Die Stadt hat sich sehr stark verändert
und bietet nur noch wenige der früher so vertrauten An- und Ausblicke. Die Doppeltürme
der Stadtpfarrkirche beherrschen nicht mehr allein weithin das Landschaftsbild und die
Stadt, sondern es sind mehrere Betonwohntürme dazugekommen. Sie könnten ebensogut am Rande einer westeuropäischen Kleinstadt stehen, zweckmäßig, modern, doch
geschmacklos. Dafür vermißt der Besucher auf seiner kurzen Wanderschaft durch die
Vergangenheit das Schloß der Grafen von Auersperg. Ihm ist zumute, als begegne er
einem Denkmal, dem man den Kopf vom Rumpf geschlagen hat. Ein weiteres Stück Vergangenheit wurde beseitigt. Die Stichbahn Laibach-Gottschee, 1893 eröffnet, wurde wegen Unrentabilität aufgelassen. Der Personenverkehr wird auf der modernen, ausgebauten Staatsstraße mit Omnibussen, der Warenverkehr mit Lastwagen abgewickelt. Die
beiden noch aus der Ansiedlungszeit stammenden Straßenzüge Gottschee-ObermöselGraflinden-Unterdeutschau und Gottschee - Hohenegg - Nesseltal - Unterdeutschau dienen nur noch der Holzbringung.
Neu gebaut wurden eine hauptsächlich für den Reise- und Lastenverkehr bestimmte
Straße von Gottschee/Stadt in südlicher Richtung nach Fiume (Rijeka), womit der alte
Traum von der direkten Verbindung an die Adria in Erfüllung ging, und eine Waldstraße
von Gottschee/Stadt in südöstlicher Richtung über den südlichen Ausläufer des Kummerdorfer Berges bis Brunnsee. Das Hinterland ist den Besuchern der früheren Sprachinsel
Gottschee nach wie vor verschlossen. Die eigentlichen Gründe für diese Regierungsmaßnahme sind nicht erkennbar. Gleich nach dem Krieg ging das Gerücht, im Raum Göttenitz
befänden sich Konzentrationslager. Später behauptete sich hartnäckig die Mär, in der
Nähe von Göttenitz seien in achthundert Meter Tiefe Uranlagerstätten gefunden worden,
zu denen jedermann der Zutritt verweigert wird. Ebenso sind die Gebiete von VerdrengHornberg und seit 1977 auch von Lichtenbach gesperrt.
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Man könnte die im "Ländchen" geborenen Gottschee-Fahrer sicher auch als eine Art
Heimkehrer bezeichnen, das wäre aber sehr symbolisch, denn das ursprünglich Gegenständliche der Heimat existiert nur noch in der Erinnerung. Lediglich die alten Besiedlungspunkte - wir haben sie wiederholt aufgezählt - und einige größere Siedlungen haben
die Kampfhandlungen zwischen den Partisanen und der italienischen Besatzungstruppe
einigermaßen heil überstanden. Die kleineren Dörfer abseits der aufgeführten Verkehrswege sind verschwunden. Die "Heimkehr" sieht in den meisten Fällen so aus: Hat man
sich durch eine Wildnis durchgeschlagen und die ungefähre frühere Lage seines Geburtsortes ausgemacht, steht man fassungslos vor nur noch sehr kleinen Hügeln, überwuchert
von Brennesseln, Unkraut, Gestrüpp, mächtigen Stauden, fünfundreißig-, dreißig- und
zehnjährigen Bäumen, die Hügel-Gräber früherer Bauernhöfe, ehemaliger Elternhäuser.
Einige Augenblicke lang schwebt einem plötzlich das Dorf vor, wie es war, die Häuser, die
Scheunen, die Obstbäume, der Dorfweiher - doch das Bild ist seltsam leblos, wie eine
gemalte Bühnenlandschaft. Die Menschen fehlen darin … "Gehen wir?"
Die meisten Kirchen sind Ruinen, die Bergkirchen verfallen. Aus manchem Ort verschwanden die Kirchenmauern und Grabsteine in Kalkbrennöfen. Nur wenige Gotteshäuser überstanden das Chaos, so jene in Mitterdorf und die Stadtpfarrkirche. Darin erinnert
ein deutschsprachiges Bibelwort um den Hochaltar heute noch an ihre Erbauer, und die
Betbank der Familie Auersperg an der Spitze der linken Bankreihe des Kirchenschiffes ist
erhalten geblieben.
In geringer Zahl treffen die Besucher ihrer alten Heimat auch auf ehemalige, slowenische
Dorfgenossen. Diese wissen ebensogut wie die älteren Slowenen in der Berührungszone
zwischen dem gottscheerisch-deutschen und dem slowenischen Siedlungsgebiet, daß mit
den vertriebenen Gottscheern bis in die Krisenjahre vor der Umsiedlung ein gutes Auskommen war. Die Treffen zwischen alten Gottscheern und alten Slowenen verlaufen wie
bei guten Bekannten, die sich lange nicht gesehen haben. Fünfunddreißig Jahre danach,
ein Beispiel für mehrere: Der in München lebende, aus Nesselthal stammende Schreinermeister Ernst Stalzer berichtete dem Autor von einer solchen Begegnung. Nach längerem Fragen hin und her in der Gottscheer Mundart, sagte der Slowene unvermittelt: "Bei
sheit'r gəgean?" (Warum seid Ihr gegangen?) Leider wusste derselbe Berichterstatter
auch um eine andere, eine hässliche Szene, die sich jahre vorher in Nesseltal ereigent
hatte: Als dort ein Reisebus mit Gottscheerinnen und Gotscheern eintraf und die Reisenden das Fahrzeug verließen, spuckten vorüberkommende Sloweninnen vor ihnen aus.
Was hat sie dzu bewogen? Wahrscheinlich ein Rest jenes Hasses, der sich in den Solwenen während des Zweiten Weltkrieges aufgestaut hatte. Eine ähnliche Szene ist heutzutage kaum noch denkbar. Anderseits gibt es genung Gottscheer – der Verfasser dieses
Buches zählt sich zu ihnen - die bedauern, daß das slowenische Volk von 1941 bis 1945
seitens des kriegführenden deutschen Reiches schwer zu leiden hatte. Die Gottscheer
hatten daran keinen Anteil. Die Zeit vermochte manches zu heilen. Auch in Slowenien
wurden inzwischen dreißig und mehr Jahrgänge geboren.
Auch bei der politischen, das heißt staatlichen Führung der Slowenen ist eine Wandlung
gegenüber den Gottscheern eingetreten. Sie dürfen das frühere Gottscheerland ohne
Schwierigkeiten betreten und sich darin mit Ausnahme des Hinterlandes und der bereits
vorher erwähnten Sperrgebiete frei bewegen. Die Abschirmung dieser Landschaften gilt
für alle Fremden. Die Toleranz gegenüber den Gottscheern aber sieht die Regierung in
jedem Sommer neu gerechtfertigt, denn sie bringen keine Unruhe ins Land und sie verhalten sich so, wie es ihnen die eigene Erkenntnis erlaubt: Das Gottscheer-Land ist keine
politische Frage mehr.
Wenn daher die letzte, auf seinem Boden geborene Generation außerhalb Jugoslawiens
und unpolitisch ihr kulturelles Erbe pflegt und historisch getreu zu bewahren trachtet, so
geschieht dies aus den gleichen Beweggründen, wie auch andere Völker und VolksgrupGedruckt von http://www.gottschee.at
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pen ihr überliefertes Kulturgut zu erhalten suchen. Das slowenische Volk selbst ist dafür
ein beredtes Beispiel. Und wenn dieses Bericht geschrieben wurde, so unter anderem
deshalb, damit in der Diskussion über die Geschichte des "Ländchens" auch die Stimme
eines Gottscheers für alle seine Landsleute zu Worte kommt und von der menschlichtragischen Zwangsläufigkeit des Untergangs seiner Heimat kündet.
Wir wissen, daß für das Völkchen im Karst diese Heimat unwiederbringlich verloren ist.
Um so mehr interessiert uns schließlich noch, ob und wieweit die Gottscheer in der Republik Österreich und in der Bundesrepublik Deutschland in die staatliche Vermögensentschädigung einbezogen wurden. Erst nach hartem Ringen mit verständlicherweise auf
Sparsamkeit bedachten Behörden gelang in der Bundesrepublik die vollständige und in
der Republik Österreich die teilweise Einordnung der Gottscheer Flüchtlinge und anderer
Entschädigungsberechtigter in die betreffende Gesetzgebung. In der Bundesrepublik gelang es den Gottscheern nach dem Lastenausgleichsgesetz, in den USA, Kanada und
Südamerika aber nach dem Reparationsschädengesetz, eine Vermögensentschädigung zu
erhalten. In der Republik Österreich sah der Gesetzgeber davon ab, für die Berechnung
und Auszahlung von Kriegsfolgeentschädigung einen eigenen juristischen Komplex zu
schaffen. Vielmehr wurde er in das bereits vorhandene Paket der Sozialgesetzgebung
eingebaut. Gemessen an den Entschädigungen, die in der Bundesrepublik Deutschland
vergütet wurden, kamen die Flüchtlinge in Österreich vergleichsweise sehr schlecht weg.
Trotz aller Bemühungen der Gottscheer Landsmannschaften und des Verbandes der
Volksdeutschen Landsmannschaften in Österreich, in die sich der "Südostdeutsche Rat"
tatkräftig einschaltete, war nicht mehr als eine Entschädigung für die Haushaltseinrichtung und für die Gegenstände der Berufsausübung durchzusetzen. Die österreichische
Bundesregierung vermochte mit Hilfe eines durchaus tragfähigen Arguments die Entschädigungsansprüche aus land-und forstwirtschaftlichem Besitz abzulehnen: Österreich
war ja nicht kriegführender Staat gewesen und hatte durch die Kriegführung auf seinem
Territorium außerdem selbst sehr erhebliche Schäden erlitten.
In der Bundesrepublik wurde auch der Verlust von Betriebsvermögen in den Sparten
Handel, Handwerk und Gewerbe zu einem gesetzlich festgelegten Teil entschädigt.
Selbstverständlich unterlagen die Gottscheer, wie der gesamte in Frage kommende Personenkreis, dem unumgänglichen, wenn auch umständlichen Prüfungsverfahren, das mit
einer Antragstellung begann. Sie verfügten dabei im Verhältnis zu den Flüchtlingen aus
den deutschen Ostgebieten über den Vorteil, daß ihr in der alten Sprachinsel zurückgelassenes Besitztum aus zwei Gründen überschaubar geblieben war: Einmal wegen der
verhältnismäßig geringen Ausdehnung des fraglichen Gebietes und zum anderen, weil die
Gottscheer Schätzleute, bzw. Gutachter, für alle erdenklichen Fragen noch verfügbar waren. Sie wurden entsprechend den 1933 in der Sprachinsel geschaffenen Großgemeinden
zu Arbeitsgruppen zusammengefaßt, also Altlag, Gottschee-Stadt und -Land (in der Bewertung wurden die beiden Großgemeinden Gottschee als Einheit behandelt), Rieg,
Obermösel, Nesselthal, Tschermoschnitz (Bestandteil des Bezirks Rudolfswerth), Großgemeinde Tschernembl-Land (dazu gehörten die Gemeinde Stockendorf und das Weinbaugebiet von Meierle und Umgebung), und die Großgemeinde Cabar, zu der das Suchener Hochtal zählte. In unzähligen Sitzungen rekonstruierten die Schätzer den früheren
Besitzstand der Antragsteller. Die Namen dieser verdienten Männer jedoch durften und
dürfen nicht bekanntgegeben werden. - Eine gewiß kluge Maßnahme.
Ein Name muß jedoch in diesem Zusammenhang herausgegriffen werden: Regierungsamtmann Ferdinand Wittine. Wir haben diesen Namen bereits in der Bundesrepublik kennengelernt. Auf ungewöhnlich weiten Umwegen führte ihn das Schicksal an diesen Arbeitsplatz heran, von dem aus er seinen Landsleuten am meisten nützen konnte. Ferdinand Wittine wurde 1906 in Rieg geboren. Mit seiner Ausbildung geriet er in das Ende der
äußerst schwierigen Nachfolgezeit des Ersten Weltkrieges. Lassen wir ihn selbst sprechen:
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"Im September 1918 trat ich in das achtklassige Gymnasium in Gottschee ein. Der Krieg
war kaum zu Ende, da wurde das Obergymnasium (ab der 5. Klasse) aufgelöst, die 1.
Klasse aber nur mehr slowenisch geführt. Ich hatte damit das Glück, die letzte deutsch
geführte Klasse besuchen zu dürfen. Nach Abschluß der 4. Klasse kam ich ins StaatsObergymnasium nach Laibach. Hier konnte ein Gottscheer in jener Zeit nur unter größten
Schwierigkeiten bestehen." - Ferdl Wittine war dann durch Jahre Amtsleiter der Großgemeinde Rieg. Damit blieb er mit seinen Landsleuten in ständigem Kontakt und konnte
dadurch manchen staatlichen Übergriff mildern.
Während und nach dem Krieg war er in mehreren Berufen tätig - wie andere Landsleute
auch - und landete nach großen Umwegen 1954 als Sachbearbeiter beim Ministerium für
Flüchtlinge und Vertriebene in Stuttgart. Hier konnte er durch zwölf Jahre in der Vermögensfrage der Gottscheer helfend eingreifen. Die Hebung der Hektarsätze an die Wirklichkeit in der verlorenen Heimat war sein besonderes Verdienst. Er verstand es, sich
gegen die Unwissenheit in seiner Umgebung durchzusetzen.
Ferdinand Wittine war, wie bereits erwähnt, Mitbegründer der Gottscheer Landsmannschaft in Deutschland und deren eifriger, langjähriger Vorsitzender. Für seine Verdienste
wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Auch ist er Ehrenmitglied der Gottscheer
Landsmannschaft in Klagenfurt. Vom deutschen Bundespräsidenten wurde ihm für seine
Leistungen das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Die Vermögensrückerstattung an die Gottscheer ist - soweit sie überhaupt beantragt
wurde - im Großen und Ganzen abgeschlossen. Schwierigere Einzelfälle hinken bei der
Abfassung des Berichts immer noch nach. Regierungsamtmann Ferdinand Wittine stellte
dem Verfasser seine Aufzeichnungen über die Zahl der eingereichten Anträge und die
darin angegebene landwirtschaftliche Nutzfläche zur Verfügung, soweit sie über das Lastenausgleichs- und das Reparationsschädengesetz erstattet wurden. Insgesamt sind
über den Lastenausgleich 578 und über das Reparationsschädengesetz 953, zusammen
1531 Erstattungsfälle bearbeitet und abgeschlossen worden. Dabei wurden insgesamt
rund 26.000 Hektar erfaßt.
Die Erstattungsfälle in Übersee bestanden vielfach in Erbansprüchen. Die auffallend hohe
Differenz zwischen den Erstattungsfällen über den Lastenausgleich und das Reparationsschädengesetz und der Gesamtfläche der früheren Sprachinsel von rund 85.000 Hektar
(auf etwa 850 Quadratkilometer) läßt sich leichter erklären, als es zunächst den Anschein
hat. Vor allem entfallen für die Entschädigung die 34% Weide- und Ödland. Ungefähr die
gleiche Bodenfläche bedeckte der Wald. Auf das gesamte Weide- und Ödland bestand
kein Anspruch. Von der Waldfläche ist der bereits seit 1930 von Jugoslawien beschlagnahmte Auerspergsche Anteil wegzulassen. Von der Gesamtfläche der ehemaligen
Sprachinsel sind weiter die 8% des slowenischen Kleinbesitzes abzuziehen. Außerdem fiel
der in seinem Umfang unbekannte Gemeindebesitz an den jugoslawischen Staat. Nicht in
die Berechnung fällt auch der in keiner Statistik auftauchende kirchliche Grundbesitz. Für
Schätzungen der beiden letztgenannten Areale liegen keinerlei Anhaltspunkte vor. Ferner
abzuziehen sind die Bodenansprüche jener Umsiedler, die in Österreich ansässig geworden waren, da - wie gesagt - die Republik Österreich solche Ansprüche nicht gelten ließ.
Auch dieser Bereich verschließt sich vollends einer Schätzung. Nicht wenige anspruchsberechtigte Gottscheer in der Bundesrepublik haben, teils aus Unkenntnis, teils aus Furcht
vor Scherereien, ihre Ansprüche nicht angemeldet. Das Völkchen der Gottscheer wird
also nie erfahren, was sein kleines Heimatland sechshundert Jahre nach der Besiedlung
in Mark und Pfennig, Schilling und Groschen, Dollar und Cent wert gewesen ist. Dennoch
gebührt den Männern, die viel Zeit und Kraft für diese Ermittlungsarbeiten aufwendeten,
der Dank der lebenden Gottscheer.
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170
Gottscheer und Slowenen
Das Verhältnis zwischen Gottscheern und Slowenen war durch Jahrhunderte ein gut
nachbarliches. Von der ehemaligen Monarchie her gab es ebenfalls keine Trübung. Erst
im 19. Jahrhundert bahnte sich eine solche durch den aurbrechenden Nationalismus an.
Wie groß die Toleranz auf deutscher Seite schon im 16. Jahrhundert war, kann man im
Großen Brockhaus, Band XIX, Ausgabe 1934, Seite 116, über den von den Slowenen
hochverehrten Primoz Trüber nachlesen:
"Truber, Primoz (Primus Trüber), slowen. Geistlicher und Schriftsteller, geb. Rascica (Krain), 8. Juni 1508, gest. Derendingen (Württemberg) 25. Juli 1586, war Kanonikus in Laibach und Vikar in Krain und Kärnten. T. widmete sich besonders der
Ausbreitung der Reformation unter den Slowenen und wurde zum Begründer der
slowenischen Schriftsprache. 1547 ausgewiesen, ging er nach Deutschland, wo er
den "Catechismus in der windischen Sprache' 1550 und 1556, ein Abededarium
(1559, 1555) das Neue Testament (1557-1582) den Psalter (1556) u. a. ins Slowenische übersetzte und (bei Ungnad in Urach in Tübingen) drucken ließ. 1561
wurde er von den Krainischen Ständen nach Laibach zurückgerufen, mußte aber
1565 das Land wieder verlassen. Er war kurze Zeit Pfarrer in Lauffen (Neckar),
seit 1566 in Deringen. Trubers Briefe erschienen 1897, hg. v. Th. Elze."
Wie schwer es allerdings einem slowenischen Intellektuellen selbst noch in jüngster Vergangenheit fiel, den Gottscheern gegenüber einen Mittelweg zwischen Vernunft, gesteuerter Toleranz und gefühlsüberfrachtetem Nationalismus zu finden, zeigt ein im Juni 1970
gehaltener Vortrag von Dipl.-Ing. Milan Ciglar. Der genannte Forstfachmann war zur damaligen Zeit Chef des slowenischen Instituts für Forst-und Holzwirtschaft in Laibach
(Ljubljana). Er sprach in Gottschee zu Tiroler Forstfachleuten über das Thema "Zerfall
und Neuaufbau einer Landschaft, dargestellt am Beispiel des Gottscheerlandes". Seine
Ausführungen sind für die Gottscheer von hohem Informationswert. Man wird es ihnen
jedoch hoffentlich nicht verübeln, wenn sie ihrem Inhalt zunächst einmal kritisch gegenüberstehen, obwohl Dipl.-Ing. Ciglar ein gewisses Streben nach Objektivität nicht abgesprochen werden kann.
Der Vortrag wurde in deutscher Sprache gehalten und wird wahrscheinlich hier im „Jahrhundertbuch der Gottscheer“ zum ersten Mal besprochen.
Bemerkenswert ist vor allem anderen die Offenheit, mit der Milan Ciglar darlegt, was seine Landsleute aus der von den Gottscheern verlassenen Kulturlandschaft gemacht oder
nicht gemacht haben. Er, der Forstmann, stellt ganz natürlich den Wald als eine mit den
Menschen ringende Lebensgemeinschaft in den Mittelpunkt. Nach seiner Meinung hat sich
von allen Teillandschaften Sloweniens jene des Gottscheerlandes am wenigsten verändert. Rotbuche und Tanne sind die am weitesten verbreiteten Baumarten, aber auch
Fichte und Ahorn sind überall anzutreffen. Auf Seite 9 des in Maschinenschrift vorliegenden Manuskriptes schreibt Ciglar: "Die Natur des Gottscheerlandes ist also durch einen
vitalen, unzerstörbaren Wald gekennzeichnet."
Die deutsche Besiedlung der ehemaligen Sprachinsel setzt der Vortragende, historisch
richtig, mit den dreißiger Jahren des 14. Jahrhunderts an. Als Herkunftsgebiete der Kolonisten bezeichnete er Oberkärnten und Osttirol, womit er die Forschungsergebnisse der
Wiener Professoren Dr. Kranzmayr und Dr. Maria Hornung anerkennt. Von Thüringen und
Franken ist allerdings nicht die Rede. Die deutschen Siedler seien in ein praktisch unbesiedeltes Gebiet eingezogen, führt er weiter aus.
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171
Das sind bekannte, historische Fakten. Die Gottscheer horchen erst auf, wenn Ciglar auf
die Frage nach den Hintergründen ihres Umsiedlungsentschlusses eingeht und sich mit
dem Verhalten seiner eigenen Landsleute nach der Wiederherstellung Jugoslawiens beschäftigt.
Den Umsiedlungsentschluß beurteilt Ciglar auf Seite 15 seines Vertrages wie folgt:
"Ein entsetzliches Verbrechen brach über die Gottscheer im Jahr 1941 herein, als
die gesamte deutschsprechende Bevölkerung auf Grund eines deutschitalienischen Vertrages in das Grenzgebiet des ehemaligen deutschen Reiches in
die Nähe von Brezice (Rann) und Krsko (Gurkfeld) ausgewandert ist, wo wiederum
dort die einheimische slowenische Bevölkerung vertrieben worden ist. Im Fall der
Auswanderung der Gottscheer Bauern ist jedermann erstaunt, daß sie, obwohl sie
600 Jahre lang an Ort und Stelle lebten, doch nicht fest wurzelten und sich offenbar nicht genügend an den Heimatboden gebunden fühlten, wobei man sich die
Frage vorlegen muß, ob sie sich vielleicht schon immer als Fremde fühlten und zu
kleine innere Beziehungen zu den Vorfahren hatten oder ob sie einer augenblicklichen Verblendung anheim fielen, als sie auswanderten, ob sie schon längere Zeit
den Gedanken der Auswanderung in sich trugen. Für die Auswanderung gibt es sicher mehrere Ursachen, die man hier nicht im Einzelnen analysieren kann."
Die vorstehend zitierte Stellungnahme Ciglars zur Umsiedlung der Gottscheer ist nach
Ansicht des Autors unsachlich und ungenau. Dem Verfasser ist beim Überlesen seines
Vertrages nicht aufgefallen, daß die Einleitung und der Schluß den Inhalt des Mittelteiles
aufheben.
Eingang spricht der Vortragende von einem "Verbrechen", das mit einem deutschitalienischen Vertrag über die Gottscheer gekommen sei. Das heißt nicht mehr und nicht
weniger, als daß die Gottscheer nicht freiwillig "ausgewandert" sind. Ciglar ist in Gottscheer Fragen viel zu gut bewandert, als daß er diese Tatsache nicht gewußt hätte. Die
durch nichts begründeten Unterstellungen, die Gottscheer hätten sich vielleicht schon
immer als Fremde auf ihrem Boden gefühlt bzw. dazu keine rechte Bindung gewonnen
und gegenüber ihren Vorfahren eine zu kleine Anhänglichkeit bewiesen, daß sie sich womöglich auch schon länger mit dem Gedanken der Auswanderung getragen hätten, sind
daher falsch. Es wird damit versucht, die ganze Verantwortung für die Auflösung der
ehemaligen Sprachinsel Gottschee ihren Bewohnern und dem Deutschen Reich zuzuschieben, während der slowenische Anteil an dem desolaten seelischen Zustand der Gottscheer von 1918 bis in das "Verbrechens"-Jahr 1941 zugedeckt wird. Ganz wohl fühlt sich
der Vortragende allerdings in seiner Richterrolle über die Gottscheer nicht, sonst hätte er
die Bemerkung, daß es "sicher mehrere Gründe für die Auswanderung" gegeben habe,
unterlassen. Er hat sie gegeben! Sie sind in dem vorliegenden Buch nachzulesen.
Wer ist ferner dieser "Jedermann", der über die "Auswanderung" der Gottscheer erstaunt
gewesen sein soll? Etwa der Slowene, der Österreicher oder der Reichsdeutsche
schlechthin? In allen drei Fällen beschäftigte sich nur ein ganz kleiner Kreis von politischen Experten bzw. organisatorisch Beauftragten mit der Problematik, die sich aus dem
Vorhandensein des Gottscheerlandes ergeben hatte. Jeder dieser Kreise wußte, daß die
Gottscheer, oder besser der Rest des Gottscheer Völkchens, nicht ausgewandert war,
sondern umgesiedelt wurde. Die Art und Weise, wie dies geschah, ist nur aus der damaligen Zeit heraus begreifbar. Es ist unkorrekt, durch Verschweigen des Widerstandes vorzutäuschen, die Bevölkerung sei freiwillig gegangen. Die Behauptung aber, die Gottscheer hätten keine Bindung an ihren Boden besessen, ist so absurd, daß das „Jahrhundertbuch“ verzichten kann, darauf einzugehen. Sein Autor erlaubt sich lediglich die Gegenfrage, wie lange die Gottscheer noch auf ihrem Boden hätten verbleiben müssen, um
ein Heimatgefühl zu entwickeln, wenn 600 Jahre dafür nicht genügten? Und wenn sie
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172
nicht genügt haben, warum dann die slowenische Ausrottungspolitik nach dem Zusammenbuch der österreichisch-ungarischen Monarchie?
Zu den Plänen für den Wiederaufbau der zerstörten Gottscheer Kulturlandschaft fand der
Chronist Ciglar nichts zu berichten, was der Leistung der deutschen Kolonisten des 14.
Jahrhunderts vergleichbar gewesen wäre. Er stellte lediglich folgendes fest: "Man (gemeint sind die slowenischen Planer nach der Errichtung des sozialistischen jugoslawischen Staates, Anmerkung des Verfassers) baute ein großes, ideales Modell einer großzügig angelegten sozialistischen Landwirtschaft, in der Neusiedlung weder erwünscht
noch erlaubt war.
Es leuchtet ein, daß es wenig sinnvoll gewesen wäre, die jahrhundertealte Gottscheer
Wirtschafts- und Siedlungsform mit der starken Bodenzersplitterung da wieder aufzunehmen, wo die Umgesiedelten aufgehört hatten, zumal die meisten Siedlungen ja dem
Erdboden gleichgemacht waren. Auch die Gottscheer hätten sich umgestellt, wenn sie
nicht vertrieben worden wären. Dies war in den dreißiger Jahren bereits deutlich zu spüren. Dies war in den dreißiger Jahren bereits deutlich zu spüren. Doch mutet es wie ein
Ausweichen vor der Urgewalt des Waldes an, dass die junge, sozialistische Gesellschaft
Sloweniens Boden preisgab, den sie als Ernährungsbasis künftiger Generationen hätte
freihalten sollen. Aber dqas ist Sache des slowenischen Volkes selbst. Die Gottscheer interessiert in diesem zusammenhang mehr, dass laut Ciglar“manche Planungen misslungen sind“. Indirekt gibt er sogar zu, dass versäumt worden ist, „alle naturfaktoren, Bevölkerungsfaktoren und Wirtschaftsfaktoren“ zu berücksichtigen. An anderer Stelle der
Seite 17 des Manuskriptes heißt es wörtlich: "In späterer Zeit kamen die Saisonarbeiter
in das Land, von denen nur ein kleiner Teil geblieben war. Sie lebten mehr von Versprechungen und Erwartungen, als vom Resultat ihrer eigenen Arbeit und Anstrengung. So
wechselte in jener Zeit häufig die Bevölkerung, und diejenigen, die geblieben sind, sind
wohl solche, von denen man nicht immer sagen kann, daß sie sich mit dem Land verbunden fühlten". (Hat man ihnen denn nicht gesagt, dass es für jeden Slowenen ein persönlicher, nationaler Auftrag sei, im Namen des ganzen Volkes den von den Gottscheern geräumten Boden mit einer energischen Neukolonisation in Besitz zu nehmen?)
Über die Stadt Gottschee sagte Ciglar, man habe sie modern aufgebaut, habe Straßen
wie in Laibach angelegt, sowie eine Holz- Chemie- und Metallindustrie aufgebaut und
damit neue Elemente in die Landschaft getragen.
Über die Zerstörung der Gottscheer Kulturlandschaften und der zurückgelassenen baulichen Eigenheiten sagte der Redner andererseits wörtlich: "Doch das Land um die Stadt
Gottschee herum blieb tot, wie ein verlassener Friedhof. Die Zeit zerstörte angeblich alle
Gebäulichkeiten, Dächer, Glockentürme aller Kirchlein, die alten Dorrbrunnen versiegten,
die Obstbäume blieben ungeerntet, verwilderten jahraus, jahrein, mehr und mehr. Die
Kapellchen und Dorflinden gerieten in völlige Vergessenheit. Die Bauherren, die alleinstehende Wald- und Jagdhäuser bauten, holten ihr Baumaterial von den alten Siedlungen
und zerstörten damit die letzten Zeugen der alten Zeit. In späterer Zeit ging man dazu
über, die Heiligenfiguren in Privathäuser, Kirchen und Antiquitätensammlungen zu bringen. Wer sich in den ersten Nachkriegsjahren in Gottschee einigermaßen zurecht fand,
der vermochte sich allein aus den überall zugänglichen Kirchenschätzen ein ansehnliches
Vermögen zu erwerben, ohne der Staats- oder Kirchenbehörde eine Rechnung zu bezahlen." Für diese Entwicklung macht der Referent den „Snob“ und nicht die slowenische
Allgemeinheit verantwortlich.
Den "vorstürmenden Wald" schildert Milan Ciglar seinen Tiroler Fachkollegen folgendermaßen: "Aber die gewaltigste Veränderung hatte nach dem Kriege niemand bemerkt,
sondern erst zehn Jahre darnach, die unaufhaltsame Zurückeroberung der landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die Uranfänge dieser Zurückeroberung gingen schon auf
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die Zeit vor hundert Jahren zurück, auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ... Selbst für
den flüchtigen Kenner der Gottscheer Verhältnisse ist dieses Vordringen von Wald ein
Vorgang von geradezu phantastischem Ausmaß. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß
der Wald inzwischen etwa 30.000 Hektar, rund 300 Quadratkilometer, also ein Drittel der
Gottscheer Gesamtfläche erobert hat." Seit dieser Schätzung aus dem Jahre 1970 dürften mindestens 36.000 bis 37.000 Hektar geworden sein. Der Laibacher Diplomingenieur
fährt fort: "Angesichts dieser Tatsache muß man sich nun vorstellen, wie dieses Gebiet in
weiteren dreißig Jahren aussehen wird, nichts als Wald, Wald, überall Wald."
Bis hierher reichte die Lebenskraft des Autors. Erich Petschauer starb am 6. September 1977. Er wußte um dieses Schicksal und hat seinen Bruder gebeten, das
Schlußkapitel "Der Kreis schließt sich" nach seinen Angaben und in seinem Sinne
zu Ende zu bringen. Hermann Petschauer hat ihm seine letzte Bitte erfüllt.
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174
Der Kreis schließt sich
Zur letzten Frage, die sich der Autor selbst stellt, der Suche nach der Urheimat:
Die Sprachwissenschaft weist uns dazu den Weg. Heute erscheint Gottschee als ein bedeutender Teil einer im Mittelalter von Österreich aus in friedlicher Form gegründeten
Sprachinselkette am Südrand der Alpen inmitten Europas. Sie befanden sich alle im
Machtbereich der Patriarchen von Aquileija. Es sind dies in Italien: Pladen (Sappada),
Zahre (Sauris), Tischlwang (Timau) und weiter südlich die Sieben und Dreizehn Gemeinden im Norden von Vicenza und Verona. Im Süden der Karawanken, im ehemaligen Herzogtum Krain, heute Jugoslawien (1980), erhielten sich bis ins 19. und 20. Jahrhundert
die Inseln Deutsch Ruth, Zarz und Gottschee. Erstere verschwanden durch planmäßige
Assimilierung, Gottschee aber durch Auflösung bzw. Umsiedlung 1941 bis 1942. Gottschee entging dadurch dem Schicksal des einst blühenden Deutschtums in Krain.
Schon im vorigen Jahrhundert entdeckte die Wissenschaft Gottschee und zeigte sich am
Brauchtum, an den Liedern und besonders an der altertümlichen Mundart interessiert.
Abgesehen von dem Laibacher Elze, dann dem Professor Dr. Schröer, den die k. u. k.
Akademie der Wissenschaften in Wien 1867 zu Forschungszwecken nach Gottschee
schickte, befaßte sich Professor Dr. Hauffen, ebenfalls ein Laibacher, eingehend mit Gottschee und brachte 1895 sein grundlegendes Werk über diese deutsche Sprachinsel heraus. Seine Mitarbeiter waren Gottscheer Lehrer, wie Josef Perz, Hans und Wilhelm
Tschinkel, Matthias Petschauer und andere.
Wie der Autor an anderer Stelle bereits berichtete, brach das Interesse der Wissenschaft
trotz Auflösung der Sprachinsel nach dem Zweiten Weltkrieg nicht ab. Universitätsprofessor Dr. Eberhard Kranzmayer, der an der Universität in Wien wirkte und selbst gottscheerisch sprechen konnte, stellte auf Grund seiner Forschungen fest: "Die Gottscheer stammen aus dem kärntnerisch-tirolischen Grenzraum." Bei der Eröffnung der GottscheeSchau im Schloß Porcia in Spittal sagte er 1965 wörtlich: "Die Gottscheer sind die besseren Kärntner als wir selbst, denn sie sprechen noch jene Mundart, welche unsere Ahnen
vor 600 Jahren in Oberkärnten gesprochen haben."
Frau Universitätsprofessor Dr. Maria Hornung, ehemalige Schülerin und Assistentin des
großen Kärntner Sprachforschers Kranzmayer, setzte mit Walter Tschinkel die Forschungsarbeit auf dem Gebiet der Mundart fort. Sie führte allein und gemeinsam mit
Walter Tschinkel viele Kundfahrten ins Möll-, Lesach- und Pustertal durch. Eine besondere Fundgrube waren natürlich die beiden Sprachinseln Pladen und Zahre. Das Ergebnis
ihrer auch für uns so wertvollen Arbeit hat Frau Hornung in den Werken "Mundartkunde
Osttirols" sowie im "Wörterbuch der deutschen Sprachinselmundart von Pladen in Karnien" festgehalten. Zwangsweise kam sie bei ihren Forschungsarbeiten auf Gottschee.
Stellte doch schon vor Jahrzehnten Professor Peter Jonke fest, daß in der Gegend von
Tilliach (Osttirol) ähnlich wie in Gottschee gesprochen wird. Zum Beispiel: "Nachtn hont
də Waklein noch gəlakkn und gəwrassn biəs racht ischt gəban und schmuargeinsch hent
shei toat in Schtollə gəlagn".
Frau Dr. Hornung führt in ihrem Buche "Mundartkunde Osttirols" unter dem Titel "Das
Verhältnis der Sprachinsel Gottschee zu Osttirol" auf den Selten 145 bis 149 eine Menge
Wörter an, die in Osttirol und Oberkärnten gleich oder ähnlich gesprochen werden wie in
Gottschee.
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175
Ein Teil ihrer Ausführungen seien hier wörtlich verzeichnet: "Auf Grund von Wortschatzund Lautstanduntersuchungen hat Kranzmayer die Herkunft der Gottscheer aus dem tirolisch-kärntnerischen Grenzgebiet erschlossen. Es scheint darum angebracht, im Zusammenhang mit der Behandlung des Lienzer Beckens und des Kärntner Tores auf dieses
Thema einzugehen. Kranzmayer denkt allerdings bei seiner Herkunftstheorie der Gottscheer nicht nur an das Lienzer Becken und das mdal. eng verwandte Mittermölltal bzw.
vielleicht das oberste Drautal, sondern auch an die südlichere Berührungsfläche Osttirols
mit Kärnten im Raum von Obertilliach und im obersten Lesachtal. Die Sprachinsel Gottschee war ja so ausgedehnt und menschenreich, daß man nicht anzunehmen genötigt ist,
daß sie von einem einzigen Ort aus besiedelt wurde. Ihre wenn auch in den Grundzügen
einheitlichen Mundarten zeigen doch Verschiedenheiten, die zum Teil schon auf die Zeit
der Besiedlung zurückgehen können. Darum gestaltet sich die Untersuchung der Herkunftsfrage dieser relativ spät besiedelten Sprachinsel weitaus schwieriger als bei Pladen,
Zahre oder Zarz ...
Nichts lag näher, als daß die Ortenburger aus ihrem ureigensten Raum bzw. aus dessen
Nachbarschaft, vielleicht aus hochgelegenen Gebirgsorten, deren Boden der sich vermehrenden Bevölkerung nicht mehr genügend Nahrung bot und deren Menschen zugleich den
härtesten Anforderungen gewachsen waren, Siedler für ihre urbar zu machenden Gebiete
in Krain kommen ließen ...
Wenn uns auch die eigentlichen Herkunftsorte der Siedler nie genannt werden, weil sie
unter den Gesichtspunkten der Urkundenersteller unwichtig waren, so sind doch die Tatsache der Kolonisierung durch die Kärntner Grafen von Ortenburg und der auf das osttirolisch-kärntnerische Grenzgebiet verweisende linguistische Befund Grund genug, um
jene phantasievollen Theorien über die Herkunft der Gottscheer, die seit Wolfgang Lazius'
Sueventheorie (1561) im Umlauf sind und von den Goten bis zu den Thüringern und
Franken alle möglichen germanischen und deutschen Stämme als Ahnherren der Gottscheer glaubhaft machen wollen, endgültig zu entkräften. Es hat keinen Sinn, sich auf
Grund der gegenwärtigen Erkenntnisse noch weiter mit diesen hartnäckig kursierenden
pseudowissenschaftlichen Lehrmeinungen zu beschäftigen. Gleich den Theorien von der
schlesischen Abkunft der Tilliacher oder jener der Abstammung der Bewohner der Sieben
und Dreizehn Gemeinden von den Zimbern und Teutonen sind sie aus phantasievoller, in
die Irre gehender Gelehrsamkeit entsprungen, die einfachen Gebirgsbewohnern wegen
ihrer besonders altertümlichen und daher auffälligen Sprache und Lebensform geheimnisvolle Herkunft andichten zu müssen glaubte."
Frau Hornung und Walter Tschinkel gelang es auf Grund ihrer sprachwissenschaftlichen
Kenntnisse, das alleinmögliche Herkunftsgebiet der Gottscheer nach Eberhard Kranzmayer genau abzugrenzen. Damit ist wohl diese Frage als abgeschlossen zu betrachten.
Sie besuchten auch gemeinsam die verlorenen drei Sprachinseln in Slowenien. Konnte
Tschinkel 1941 bis 1942 in Zarz noch mit wenigen, ganz alten Leuten "huəmnarisch" reden, so gibt es heute dort nur noch slowenische Antworten wie "mi smo Tirolerce". Das
heißt "wir sind Tiroler". Das wissen die umgevolkten Leute also noch. Auch in Deutsch
Ruth war es nicht anders, während heute in Gottschee noch einzelne Gottscheer zu treffen sind, die überlebten.
Verschiedene Zeitschriften, wie auch die "Gottscheer Zeitung", besonders aber die "Gottscheer Kulturwoche", gaben den Wissenschaftlern Gelegenheit, über die Ergebnisse ihrer
Forschungen zu berichten. Sie stellten fest - und das kann jeder überprüfen - daß die
Oberkärntner, Osttiroler, Pladner, zahrerische, zarzerische (Wörterbuch von Kranzmayer)
und gottscheerische Mundart eines Stammes sind. Damit hat die Sprachwissenschaft ein
Band geknüpft, und das Finden von Mensch zu Mensch war nur noch eine Frage der Zeit
und Organisation. Nach entsprechender Vorbereitung und mit Hilfe des SprachinselvereiGedruckt von http://www.gottschee.at
176
nes in Wien fuhren über ein Wochenende im August 1974 rund 80 Gottscheer, darunter
die Sing- und Trachtengruppe von Klagenfurt, nach Pladen (Sappada) und Innervillgraten
in Osttirol. In beiden Orten wurden sie durch die Bürgermeister und die Bevölkerung
freundlich empfangen. In je einer Feierstunde hielt Hermann Petschauer einen Vortrag
über das Gottscheerland in unserer Mundart. Er wurde dabei von den Gastgebern gut
verstanden. Frau Universitätsprofessor Dr. Maria Hornung, unter deren Patronanz das
gesamte Unternehmen stand, führte in weit ausholender, geschichtlicher und sprachwissenschaftlicher Sicht die Einheit der genannten Sprachinseln vor Augen und damit symbolisch nach Jahrhunderten Gottscheer in die Urheimat zurück. Ein Jahr später (1975)
kamen die Pladener sowie eine große Anzahl Tiroler aus Innervillgraten mit ihrem Bürgermeister an der Spitze zur Wallfahrt nach Klagenfurt. Der Bürgermeister der Landeshauptstadt von Kärnten begrüßte die symbolisch vereinigten Osttiroler, Pladener und
Gottscheer in feierlicher Form. Jeder empfand tief ergriffen den geschichtlichen Vorgang.
Damit ist der Kreis geschlossen. Menschen gleicher Abstammung haben sich nach mehr
als 600 Jahren als "Verwandte" getroffen und der gemeinsamen Ahnen gedacht. Es sind
jene Ahnen, die vor mehr als sechs Jahrhunderten als Pioniere an Rinse und Kulpa im
Süden Krains unter unvorstellbaren Mühen aus Urwald Kulturland geschaffen haben, das
heute zum großen Teil verkommt.
Der Wald nimmt es sich von Jahr zu Jahr mehr und mehr zurück. Wo noch vor weniger
als vierzig Jahren die Gottscheer Dörfer mit ihren Kirchen in voller Schönheit standen, ist
heute nichts als Wald.
AM ANFANG WAR DER WALD.
AM ENDE IST WIEDER WALD.
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177
ANHANG
Literaturverzeichnis
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Elze, Theodor: Gottschee und die Gottscheer, 3-Jahresheft des Vereins des krain. Landesmuseums, Laibach 1861.
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Hornung, Maria: Mundartkunde Osttirols, Österr. Akademie der Wissenschaften, Wien
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Huschberg, Joh. Ferd.: Geschichte des herzoglichen und gräflichen Gesamthauses Ortenburg, aus den Quellen bearbeitet, J. E. von Seidel'sche Kunst- und Buchhandlung,
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Michitsch, Viktor: Dokumentation „Warum sind die Gottscheer umgesiedelt?” Gottscheer
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Pozar, Breda: Anastasius Grün in Slovenci, erschienen 1970 in Marburg/Drau.
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Tschinkel, Walter: Wörterbuch der Gottscheer Mundart, Verlag d. Österr. Akademie der
Wissenschaften, Wien (1974, Bd. I; 1976, Bd. II).
Tschinkel, Wilhelm: Gottscheer Volkstum, Gottschee 1931.
Türk: Buch über die Stadt Spittal an der Drau.
Valvasor, Joh. W. v.: Ehre des Herzogtums Krain, Nürnberg 1689.
Wolfram, Richard: Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde, N. G. Elwert-Verlag, Marburg.
Wolsegger, Peter: Mitteilungen des Musealvereins von Krain, Jahrgang 1890/91, Urbarium von 1574.
Zink, Burkard: Die Chronik des Burkard Zink 1368-1468.
Bildnachweis
Schwarzweißbogen
Jos. Dornig: Abb. 3, 4
Ottilie Jonke (Gottscheer Zeitung): Abb. 20
Ferdinand Novak: Abb. 8
H. Otterstädt: Abb. 18, 19, 26, 27
Hilde Otterstädt: Abb. 15, 17, 21
Hermann Petschauer: Abb. 9, 14
Konrad Rom: Abb. 2, 7, 11
Anni Tschinkel: Abb. 5, 16
Rudolf Verderber: Abb. 13
W. Verderber: Abb. 10, 22, 23, 24, 25, 28
Ferd. Wittine: Abb. 12
Farbbogen
H. Petschauer: Abb. 3, 5, 6, 8, 10
Werner Verderber: Abb. 1, 2, 4, 7, 9
Hans Weiß: Abb. 11
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179
Ortsnamenverzeichnis
Abkürzungen zum O r ts nam e n v er z e ich nis
Bes.
G
Pf
PB
H
=
=
=
=
=
E
= Einwohnerzahl deutschen Bekenntnisses. Die in ( ) stehende Ziffer bedeutet die Zahl der ansässigen Slowenen.
U
Tab
Nd
Gro
dt
sl
Kr
0
S
V
= Urbar von 1574
= Standort eines Tabors
= Namensdeutung
= Grothe, Hugo: „Die deutsche Sprachinsel Gottschee in Slowenien”
= deutsch
= slowenisch
= Vergleich mit Kranzmayer
Besitzer einer Hube oder von Teilhuben
Gemeinde
Pfarre
Politischer Bezirk
Zahl der Häuser eines Dorfes zur Zeit der jeweiligen Zählung
= Obergföll
= Schröer (Wörterbuch der Gottscheer Mundart, Wien 1870)
= der krainische Geschichtsschreiber Valvasor (1689)
Schu. u. = Gründung einer Volksschule mit deutscher Unterrichtssprache
Jahres
zahl 1770H
= Zahl der Häuser bei der Volkszählung, laut Schröer
Abkürzungen der Gemeinde- bzw. Pfarrnamen
Al
Dö
Eb
Go
Gö
Gr
Hi
Ko
La
Li
Ma
Mi
Mo
Mö
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
=
Altlag
Döblitsch
Ebenthal
Gottschee
Göttenitz
Graflinden
Hinterberg
Kotschen
Langenton
Lienfeld
Malgern
Mitterdorf
Morobitz
Mösel
Ne = Nesseltal
Ni = Niederdorf
Bezirke:
Go = Gottschee
Ru = Rudolfwerth
Tsch = Tschernembl
Og
Ot
Pö
Ri
=
=
=
=
Obergras
Obertiefenbach
Pöllandl
Rieg
Schw= Schwarzenbach
Se
Sr
St
Ti
Su
Tpl
Ts
Ud
U1
=
=
=
=
=
=
=
=
=
Seele
Semitsch
Stockendorf
Tiefenbach
Suchen
Tscheplach
Tschermoschnitz
Unterdeutschau
Unterlag
Uw = Unterwarmberg
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180
Die Gottscheer Siedlungen — Ortsnamenverzeichnis
Alben, Untrdaubə (Podplanina), U (Unter der Alpe), 2 3/4 = 2 ganze u. 3 Viertel-Hu,
3 Bes., ca. 12—15 E, G: Og, Pf: Su, PB: Go, 1920 H: 30, E: 114 (108), also 6 E mit deutscher Umgangssprache, slawisierter Grenzort. — Gro-Nd: Untrdauba läßt auf d. aus
Kärnten mitgebrachte „Unter der Alpe” schließen.
Altbacher, Pachrn (Stari breg), U (Pacher) 3 1/2 = 7 hbl. Hu, 9 Bes., E: 35—40 — S
1770 H: 14 — G: Mg, Pf: Al, PB: Go — H: 23, E: 79 (—), Schu. 1898 — Gro-Nd: ... bacher = Bach.
Altfriesach: Wriəshoch (Stari brezje), U 4 = 8 hlb. Hu, 14 Bes., ca. 60—65 E — S
1770 H: ? — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 24, E: 85 — Gro-Nd: Vermutl. d. gleiche Wortstamm wie Friesach in Kärnten, näml. sl. „breza” = Birke. Kr: Friesach erscheint bereits i.
J. 860 als „Fresach”.
Altlag, Autloag (Stari log), U (Lag) 7 = 14 hlb. Hu, 18 Bes., ca. 75—85 E — Tab. — S
1770 H: 67 — G u. Pf: A1, PB: Go — H: 123, E: 466 (—) — Nd: Grothe schreibt nach
Obergföll, sl. „log” = Wald. Die unterschiedl. Zusätze „Alt” u. „Unter” seien erst später
zur Unterscheidung hinzugefügt worden. In Bayern bedeutet hingegen „die Lag” ein Feld
oder eine Flur. — Schu: 1818 — A. war nach der Stadt G. das größte Dorf des Gottscheerlandes. — Musikkapelle bereits vor d. Ersten Weltkrieg. Siehe auch GZ März 1966.
Altlagbüchel, Autlogpichl, auch Lockpiechl genannt (s. GZ Juni 1972), U 1 = 4 ViertelHu, 6 Bes., ca. 12—15 E — S 1770 H: ? — G u. Pf: Ne, PB: Go — Gro. — In d. 90iger
Jahren d. 19. Jahrhunderts von d. Herrschaft Auersperg z. Wohnungsbeschaffung f. ihre
Waldarbeiter im Hornwald aufgekauft. Das verlassene Dorf brannte schon vor d. Ersten
Weltkrieg ab.
Altsag, Autshug (Stara žaga) — U 1 = 2 hlb. Hu (An der alten Sag), ca. 5—10 E — S
1770 H: ? — G u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 20, E: 103 (2) — Gro-Nd: „Sag” = Säge.
Alttabor, Autrtawr (Staritabor) — U nicht erwähnt, vermutl. handelt es sich uni eine
Gründung unter d. Grafen von Blagay — S 1770 H: 9 — G u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 7, E:
29 (—) — Gro-Nd: Tabor = sl. Befestigung, befest. Lager.
Altwinkel, Autbinkl (Starikot) L 1770 H: 32 — G: Og, Pf: Su, PB: Go — H: 34, E: 1
(156) — Gro.
Aschletz, Aschelitz (Ašelice) — U, 1770 u. bei S. nicht erwähnt, also entweder übersehen od. erst im 19. Jh. gegründet — G u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 11, E: 37 (—) — Gro-Nd:
sl. Ursprungs.
Bistritz, Bistritz (Bistrica) — Weder im U, noch 1770 u. S erwähnt, die ursprüngl. Zugehörigkeit z. Herrschaft Gottschees ist daher zweifelhaft. — G u. Pf: Dö, PB: Tsch — H
25 (?), E: 34 (20) — Gro. — Die Angaben über Häuser- u. Einwohnerzahl entsprechen
einander nicht. 25 Häuser müßten mehr als 34 Einw. entsprechen. Nd: sl. „bister” = klar,
hell (0.).
Bresowitz — Nur im Urbar v. 1574 als Presauitz genannt. Nicht z. verwechseln mit
Breowitz i. d. G u. Pf. Unterdeutschau, PB Tsch. Wahrscheinl. ist das Bresowitz des Urbars identisch mit Wrezen (s. dort). Das Breowitz in d. G. u. Pf. Ud hingegen ist im Urbar
1574 nicht genannt. Daher bezieht sich die Angabe „3 1/2 Hu” auf d. B. in d. Moschen.
Bresowitz (Brezovica) — Im Urbar 1574, sowie 1770 u. bei S. nicht erwähnt — G:
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Tpl, Pf: Ud: PB: Tsch — H: 20, E: 72 (22) — Gro-Nd: sl „breza” = Birke.
Brunn bei Masern — ledigl. im Urbar v. 1574 erwähnt. Später sicher in Masern aufgegangen. — U 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes., 8—12 E — fehlt 1770, daher schon vorher keine eigene Dorfeinheit mehr. Das Urbar 1574 verzeichnet als „Dienstpflicht” Holzführen auf das
Schloß.
Brunnsee, Sheab od. Prunnsheab (Studeno) — U 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes., ca. 8—11 E —
S 1770 H: 4 — G u. Pf: Ne, PB: Go — H: 5, E: 14 (—). — Nd. Vermutl. hat die am Ortsrand gelegene, gefaßte Quelle den Namen geprägt.
Büchel, Piechl (Hrib) — U 6 = 12 hlb. Hu, 24 Bes., ca. 75—85 E — S 1770 H: 32 — G
u. Pf: Ne, PB: Go — H: 46, E: 167 — Gro-Nd: Büchel, Piechl ist kärntnerisch.
Dranbank, Dranponk (Rampoha) — Der Ort ist weder im Urbar 1574, noch 1770 od.
bei S erwähnt, also übersehen worden od. erst im 19. Jh., auf jeden Fall nach 1770 entstan den. — H u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 7, E: 21 (—) — Anm. lt. Sepp Frank in GZ, April
1967, im Moschener Urbar v. 1754 mit Dranbangs bezeichnet. — G u. Pf: Pö, PB: Ru —
H: 7, E: 21 (—). — Gro über Nd: (nach Obgf): Möglicherweise d. Zusammenziehung von
einem sl. u. einem dt. Wort. „Dran” kommt v. sl. „traven” = grasig. „Bank” wäre eine
Lautumbildung von „Bang”, d. i. eine Waldwiese.
Drandul, Trandul (Travni dol) — U: Ledigl. als Traundul erwähnt, keine Angaben üb.
d. Zahl d. Huben. — 1770 u. bei S nicht aufgeführt, möglicherweise übersehen worden.
G u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 15, E: 47 (—). Gro-Nd: sl. „traven” = grasig, „dol” = sl. Tal.
Durnbach, Dürnpoch (Suhi potok) — U 4 = 8 hlb. Hu, ca. 13 Bes., 45—55 E — S
1770 H: 12 — G u. Pf: Mö, PB: Go — H: 14, E: 56 (—) — Gro-Nd: In Kärnten kommt
Dürnfeld u. Dorrenstein vor. „Dürr” = wasserarm, eine Karsteigenschaft.
Eben, Ebn od. Ebnə (Ravne) — U 3 = 6 hlb. Hu, 9 Bes., ca. 35—40 E — S 1770 H:
13 — G u. Pf: Mo, PB: Go — H: 19, E: 46 (—) — Gro-Nd: Bodengestaltung. — Das „Ebener Bild” war eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte.
Ebental, Ebentou, auch Ebntol (Polom) — U 1 1/2 = 2mal 3/8 u. 2mal 1/4 Hu, 10
Bes., ca. 40—45 E — S 1770 H: 26 — G u. Pf: Eb, PB: Go — H: 38, E: 168 (8) — Nd:
Von d. Landschaftsgestaltung abgeleitet.
Feichtbüchel, Waichtpiechl (Smrečnik) — U (Feicht Püchl), 3/4 = 3 Viertel-Hu, 3
Bes., ca. 8—11 E — S 1770 H: 3 — G u. Pf: Ts, PB: Ru — H: 3, E: 13 (—) — Gro-Nd:
Fichtenhügel, v. mdal. „Weichta” = Fichte.
Fliegendorf, s. Oberfliegendorf. Fliegendorf ist im Urbar von 1574 ohne d. nähere Bezeichnung „Ober” ... genannt. Gleichzeitig ist jedoch „Unten`-Fliegendorf erwähnt (s.
dort).
Friedbüchel, nur im U 1574 aufgeführt. — U 1/2 = 4/8 Hu, 4 Bes., ca. 12—14 E —
Wahrscheinl. in einer anderen Ortschaft in d. Moschen aufgegangen.
Gaber, Gabər (Gaber) — Dieser Weiler ist weder im U 1574 aufgeführt, noch 1770
od. b. S erwähnt, also eine Spätgründung. — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 3, E 22 — (—) GroNd: sl. „Gaben` = Steinbuche.
Gatschen, Gatschn (Gača) — Taucht weder um U 1574, noch 1770 od. b. S auf. Zum
erstenmal im Moschener Urbar von 1754 erwähnt. G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 2, E 1 (1) —
Nd. sl. „gaca” = Schlange. Anm. d. Verf: Die Theorie, „Gatschen” sei sprachwissenGedruckt von http://www.gottschee.at
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schaftlich der Ausgangspunkt für den Namen Gottschee, ist unhaltbar. Siehe Text.
Gehack, Gəhack (Seč) — Weder im U 1574, noch 1770 od. bei S erwähnt. Wahrscheinl. Spätgründung. — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 7, E: 39 (—) — Gro-Nd: hac = mhd.
Buschwald.
Gehack, Gəhack (Lazec) — Weder um U 1574, noch 1770 od. b. S, hingegen b. Valvasor (1689) erwähnt. — G u. Pf: Su, PB: Go, H: 24, E: 19 (18) — Gro: Die Einwohnerzahl 19 bei Grothe kann nicht zutreffen, weil bei d. normalen Bevölkerungsverteilung im
Gottscheerland auf 24 (lt. Leustik 1941 25 Häuser) etwa 110—125 Einwohner kommen,
wahrscheinl. Druckfehler. — Nd: s. oben. — E. Leustick führt in seinem Artikel „Das Suchener Hochtal” in GZ Dez.-Nr. 1973 die 25 Hausnamen an.
Göttenitz, Gənize, auch In dr Gənizn (Gotenica) — U (Gottenitz), 12 = 24 hlb. Hu, 27
Bes., ca. 110—120 E — S 1770 — H: 68 — G u. Pf: Gö, PB: Go, H: 108, E: 359 (13) —
Schu: 1854 — Gro-Nd: Möglicherweise abgeleitet vom sl. „kot” = Winkel. — Göttenitz
zählt zu den Ursprungsdörfern d. Gottscheerlandes. Erste Erwähnung i. d. Urkunde von
1363 (Goteniz). Göttenitz dürfte nach Ansicht d. Verf. zu den Siedlungen gehören, die
Graf Meinhard I. von Ortenburg etwa zw. 1315 und 1332 anzulegen begonnen hat. Walter Tschinkel vermutet, daß schon vor d. deutschen Besiedelung Gottschees ein Weg von
Reifnitz über Göttenitz, Rieg und Morobitz zu den Dörfern a. d. Kulpa führte (WGM, S.
XIII). Unterstützt wird diese Annahme v. d. Tatsache, daß an allen drei Orten Tabore
gegen die Türken bestanden. Jener in Göttenitz war bis in die neueste Zeit ruinenhaft
feststellbar. — 20 Jahre lang bestand ein „Geheimnis um Göttenitz”: nämlich eine hermetische Abriegelung ohne Angabe von Gründen. In d. GZ v. April 1967 wird es geklärt:
Es sollte verborgen bleiben, daß in ca. 500 m Tiefe radiumhaltiges Erz gefunden worden
war?
Gottschee, Gətscheab, auch Stott oder Stattle, (Kaevje) U — V — S 1770 -- G: Go —
Pf: Go — PB: Go — H: 260 — E: 1859 (362). Nd: s. Text. Geschichtliches: 1363 erste
Erwähnung des Ortes Go., noch nicht hervorgehoben. — 1377 Markt. — 1418 Fr. III. v.
O. stirbt. Gr. von Cilli erben Spittal u. Go. — 1456 Cillier sterben aus. — 1457 Habsburger übernehmen Herrschaft Go. (Ott.) infolge Erbvertrag mit Cilli. — 1463 Türken erobern Bos. — 1469 Erster Türkenüberfall. Markt Go. wird zerstört. — 1471 Stadterhebung durch Fr. III. (Urkunde b. Grothe). — 1492 (23. 10.) Hausier-Privileg. — 1507 Graf
Jörg v. Thurn verwaltet Go. — 1515 Aufstand d. Bauern gegen Thurn. — 1547 Go. an
Gr. v. Blagay als Pfand. — 1619 Frh. v. Khysel übernahm Go. — 1623 wird Go. z. Grafschaft erhoben. — 1641 verkauft Gr. Khysel Go. an Engelbrecht Gr. Auersperg. — 1650
(?) Bau d. Schlosses. — 1791 Leop. II. erhebt Go. z. Herzogtum. — 1809—1814 Franzosenzeit. — 1848 Aufhebung d. Leibeigenschaft. — 1872 Gymnasium gegründet. — 1893
Stichbahn Laibach — Go. eröffnet. — Holzfachschule — Elektrizitätswerk — Wasserleitung. — 1889 Lory Bgmst. v. Go. — 1930 600-Jahrfeier. — 1935 Hausieren. — 1941
Umsiedlung. — 1945 Go. vertrieben.
Grafenfeld, Kropfnwold (Dolga vas) — U (Khrapfenfeld) 8/16 hlb. Hu, 27 Bes., ca.
110—115 E — S 1770 — H: 52 — G: Li, Pf u. PB: Go, Top. Ber. 1887: E 285 — 1910: H:
86, E: 266 (52) — Schu: 1892 — Gro-Nd: Die erste Siedlerfamilie od. -sippe hieß möglicherweise Kropf.
Graflinden, pei dər Lintən (Knežja lipa) — U 6 1/2 = 13 hlb. Hu, 24 Bes., ca. 90—
100 E — S 1770 — H: 27 — G: Gr, Pf: UI. PB: Go. H: 44, E: 200 (—) — Gro-Nd: Nach
einer Ortssage mit geschichtl. Hintergrund soll hier einmal ein Graf gehaust haben.
Grintowitz, Grintəbitz (Grintovec) — U (Grintewitz), 2 = 4 hlb. Hu, 4 Bes., ca. 15—
20 E — S 1770 — H 7 — G: Mg, Pf: Al, PB: Go. H: 12, E: 44 (—) — Gro-Nd: Prof. S.
Franges leitet den Namen von sl. „grinuti” = losstürzen, stürmen ab u. deutet ihn als
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„Sturmkoppe” (nach 0).
Grodetz, Grodetz (Gradec) — Im U 1574 sowie 1770 u. bei S nicht aufgeführt, Spätgründung — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 6, E: 29 (—) — Gro-Nd: sl. gadec = kleine Burg od.
Befestigung — Aug. Tschinkel vermutet in GZ, Juni 1972, daß Mauerreste nahe b. d.
Ortschaft auf ein römisches Kastell zurückgehen, „das einst zur röm. Provinz Panonia”
gehörte.
Gschwend, Gschwend — Im U 1574, 1770 u. bei S nicht aufgeführt. Spätgründung
(?) — G u. Pf: Mi, PB: Go-Nd: „suendan” = schwinden machen. O. führt den Namen auf
das Weg-räumen v. Gestrüpp u. Bäumen zurück.
Gutenberg Liəlochpargəl (Srbotnik) — Weder im U 1574 noch 1770 od. bei S erwähnt. Spätgründung — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 16, E: 30 (—) — Gro-Nd: „Gutenberg”
drückt eine Hoffnung auf gute Ernten aus, „Lialochpargal” kennzeichnet den Rodungsboden als „Lianenberg”. Viel Ertrag gab er nicht her, denn schon 1910 standen mehrere
Häuser leer.
Handlern, Handlarə (Handlerje) — U 5, 10 hlb. Hu, 16 Bes., ca. 45—55 E — S 1770
H: 20 — G: Ko, Pf: Ri, PB: Go, H: 33, 104 (1) — Gro: Vom Familiennamen „Handler” =
Händler abgeleitet. H. gehört zu den sog. „Fünfzehn Huben” (Wemfzein Huabn). Siehe
auch Kotschen u. Moos.
Hasenfeld, Huəshnbold (Zajčja vas) — U 6 = 12 hlb. Hu, 19 Bes., ca. 90—100 E — S
1770 — H: 22 — G: Schw, Pf u. PB: Go, H: 28, E: 90 — Gro: Wahrscheinlich hieß d. erste Siedler Haas, vermutet O.
Hinterberg, Hintrparg (Novi laze) — U Hinterbach) 10 = 20 hlb. Hu, 26 Bes., ca.
100—110 E — S 1770 — H: 40 — G: Hi, Pf: Ri, PB: Go, H: 67, E: 197 (1) — Gro.
Hirisgruben (Generalstabskarte „Hirschgruben"), Hirisgruəbə (Iskrba) — U 1 = 2 hlb.
Hu, 2 Bes. 7—10 E — S 1770 — H: 3 — G: Hi, Pf: Ri, PB: Go, H: 3, E: 6 (—) — Gro-Nd:
„Hiris” = mundartl. Hirsch.
Hirschgruben (Generalstabskarte „Hirisgruben”, offenbar Verwechslung), Hirisgruəbn
(Jelendol) — G: Ni, Pf: Ma, PB: Go, Sägewerk d. Fürsten Auersperg, H: 1 u. Sägewerk.
Hohenberg, Hoachnparg (Puglarje) — U 2 = 4 hlb. Hu, 4 Bes., ca. 13—17 E — S
1770 — H: 12 — G u. Pf: Al, PB: Go, H: 18, F. 74 (—) — Gro.
Hohenegg, Wrneggə (Onek) — U 8 = 16 hlb. Hu, 23 Bes., ca. 90—100 E — S 1770 —
H: 29 — G: Top. Ber. 1887: 180 E — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 48, E: 180 (—), Schu: 1884
— Gro-Nd: and. bedeutet „ekka” einen steilen Berghang. Die Hanglage des Ortes regte
die kärntnerischen Siedler zu dem „hohen Eck”, zur Wiederverwendung d. heimatl. Ortsnamens an.
Hornberg, Hoarnparg (Rogati hrib) — Im U 1574 nicht erwähnt, jedoch um 1600 sicher schon bestehend — S 1770 — H: ? — G: Hu, Pf: Ri — PB: Go, H: 41, E: 107 (3) —
Gro-Nd: Vermutl. willkürlich.
Hornwald, Hoarnwald (Rog) — Fürstl. Auersperg'sches Sägewerk m. Werkswohnungen, die samt den Feldbahnen u. Werksanlagen nach d. Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. — G u. Pf: Pö, PB: Ru — Nd: Nach dem höchsten Bergzug d. Gottscheerlandes, dem
„Hornwald” benannt.
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Inlauf, Inlaf, auch Enlaf (Inlaf) — U 4 = 2 ganze u. 4 hlb. Hu, 10 Bes., ca. 35—40 E
— G u. Pf: Mo, PB: Go, H: 17, E: 64 (3) — Gro-Nd: Von Einlauf, Eingang, abgeleitet.
Kaltenbrunn, Kaotnprunn (Mrzli potok) — Fürstl. Auersperg'sches Sägewerk. — G u.
Pf: Gö, PB: Go, H: 5, E: wechselnd — Gro.
Karlshütten, Gloschhittn (Glažuta) — G: Og, Pf: Su, PB: Go, H: 5, E: ?. 1835 gegründete, 1856 wegen Unrentabilität aufgelassene Glashütte.
Katzendorf, Kotzndoarf (Mačka vas) — U 4 = 8 hlb. Hu, 10 Bes., ca. 40—50 E — S
1770 — H: 18 — Top-Ber. 1887: 105 E — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 22, E: 97 (1) — GroNd: Vermutl. v. Gottscheer Familiennamen Kotze.
Kerndorf, Kerndoarf (Mlaka) — U (Kerndorf Rain) 5 = 10 hlb. Hu, 14 Bes., 60—65 E
— S 1770 — H: 28 — Top. Ber. 1887 E: 189 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 46, E: 129 (12) —
Gro-Nd: Hieß der erste Siedler Kern? Möglich ist auch d. Deutung: Mhd. „kurn” = Mühle,
mundartl. „kirn” = Handmühle.
Kleinriegel, Riegl (Mali rigelj) — U (Schriegl!) 2 = 3 hlb. u. 2/4 Hu, 9 Bes., ca. 3C—
35 E — S — H: ? — G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 17, E 56 (—) — Gro.
Kletsch, Kletsch (Kleče) — U 2 = 4 hlb. u. 1/8 Hu, 6 Bes., ca. 25—30 E — S 1770 —
H: 11 — G u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 12, E: 35 (—) — Gro-Nd: Nach O. sieht Krones in
Kletsch, Klece, Kletschach d. sl. Grundwort „klet” = dunkel u. „kleta” = schlechtes Bauwerk.
Kletsch, Kletsch (Kleče) — U 4 = 8 hlb. Hu, 8 Bes., ca. 35—40 E — S 1770 — H: 23
— G: Mg, Pf: Al, PB: Go, H: 22, E: 81 (—) — Gro-Nd: s. oben.
Klindorf, Klindoarf (Klinja vas) — U 8 = 16 hlb. Hu, 20 Bes., ca. 80—85 E — S 1770
— 1-i: 33 — Top.-Ber. 1887 E: 195 E — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 50, E: 163 (8) — GroNd: Im U 1574 kommt d. Familienname „Klin” vor.
Koflern, Kowlarn od. auch in de Kowlara gean (Koblerje) — U (Khöflern) 8 = 16 hlb.
Hu, 16 Bes., ca. 58—65 E — S 1770 — H: 39 — Top.-Ber. 1887 E: 251 — G u. Pf: Mi, PB:
Go, H: 53, E: 197 (6) — Gro-Nd: „Kofel” ist in Kärnten ein flacher Hügel. Der Familienname Kofler ist als Namensgeber nicht auszuschließen.
Komutzen, Komüzə (Komolec), Gomülz, auch Prundorf genannt. U 3 = 6 hlb. Hu, 8
Bes., ca. 32—36 E — S 1770 — H: 39 — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H: 34, E: 102 (—) — Nd:
Mölzen = ein Ort, wo viele abgebrochene Aste liegen.
Kotschen, Götschə (Koče) — U 5 = 10 hlb. Hu, 15 Bes., ca. 45—50 E — 1614 „Gätschen” genannt — S 1770 — H: 24 — G: Ko, Pf: Ri, PB: Go, H: 32, E: 102 (—) — GroNd: vom sl. „kola” = Hütte. 2. v. d. Familiennamen „Kotze”, noch im 19. Jh. gebräuchlich
i. d. „Fünfzehn Huben”, zu denen auch Kotschen gehörte. Siehe Handlern.
Krapflern, Kropflarn (Občtice) — U 2 = 4 hlb. Hu, 5 Bes., ca. 20—25 E — S 1770 —
H: ? — G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 32, E 67 (3) — Gro-Nd: Abgeleitet vom Siedlernamen
Krapf od. Kropf.
Küchlern, Kichlarn (Kuhlarji) — U 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes., ca. 10—14 E — S 1770 —
(Kürchlern) H: 4 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 4, E: 19 (—) — Gro-Nd: vom Familiennamen
„Kuche”?
Kukendorf, Kukndoarf (Kukova vas) — Weder im U 1574, noch 1770 od. bei S erGedruckt von http://www.gottschee.at
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wähnt. Spätgründung? G u. Pf: Eb, PB: Go, H: 24, E: 100 (3) — Nd: Die Ableitung von
Kuckuck (0.) wirkt konstruiert.
Kummerdorf, Kümmrdoarf (Kumerdorf) — U 3 = 6 hlb. Hu, 9 Bes., ca. 32—26 E — S
1770 — H: 13 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 11, E: 41 (—) — Gro-Nd: Mundartl. Bedeutet
„Kümar” einen armen, bedauernswerten Menschen, ein Hinweis auf d. „kümmrigen” Voraussetzungen b. d. Besiedlung, kann auch v. d. in Kärnten weit verbreiteten Familiennamen Kummer abgeleitet sein. — Das Dorf hatte im 19. Jh. eine kleine Lodenindustrie.
Kuntschen, Kuntschn (Kunče) — U (Khünschen) — 1 1/2 = 1 ganze u. 1/2 Hu, 2
Bes., ca. 8—11 E — S 1770 — H: 3 — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H: 11, E: 41 (—) — GroNd: Vielleicht von Kunz od. Kuenz, ein Familienname im U 1574.
Laase, s. Reuter.
Lachina, Lachina (Lahina) — U (Lachin) 3 = 6 hlb. Hu, 7 Bes., ca. 25—30 E — S 1770
— H: 2 — G u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 10, E: 29 — Gro-Nd: Vermutl. erklärbar aus d. and.
„Iahha” u. lahhan = Einhauen v. Merkzeichen in Bäume.
Lacknern, nur im U 1574 unter „Lakner” aufgeführt, 1 = 2 hlb. Hu, ca. 7—10 E —
Der Weiler lag vermutl. im Bereich d. G. Altlag u. ging in einer and. Siedlung auf. Nd:
Lakner bedeutet im Zeitraum d. Kolonisation Gottschees „Siedler”. Der Familienname
Lackner steht also in unmittelb. Zusammenhang m. d. Besiedlung.
Langenton, Zmuk (Smuka) — Im U 1574 nicht erwähnt, spätere Gründung. — S
1770 — H: 26 — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H: 71, E: 265 (12) — Gro-Schu: 1882 — Nd: Die
Entstehungsgeschichte v. Langenton beginnt am 1. 6. 1605. An diesem Tage überließ
Gräfin Elisabeth v. Blagay geb. Freiin v. Auersperg einigen Altlager Bauern ein Stück
Land „an den langen Thonen”. L. war die nördlichste Gemeinde d. Sprachinsel. 1890 noch
954 Einw., 1940 nur noch ca. 600.
Laubbüchel, Lapiechl (Deleči vrh) — Im U 1574 sowie 1770 u. bei S nicht erwähnt.
Wahrsch. ursprüngl. schon Einzelhof. — G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 1, E: 7 (—) — Gro.
Lichtenbach, Liəmpoch (Svetli potok) — U 4 — 8 hlb. Hu, 13 Bes., ca. 40—45 E — S
1770 — H: 17 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 23, E: 85 (—) — Gro-Schu: 1885. Der erste
Lehrer war von 1885—1895 d. Volkstumsforscher Josef Perz. Aus Lichtenbach stammt d.
Forscherfamilie Tschinkel, Wilhelm und Dr. Hans Tschinkel sind dort geboren. Wilhelm T.
besuchte noch d. Notschule u. empfing d. ersten Anregungen für seine lebenslange
Schatzgräberarbeit am Gottscheer Volkstum — Gro-Nd: Aug. Tschinkel bringt in GZ, Juni
1972, d. Ortsnamen in Zusammenhang mit Liembach i. d. Untersteiermark. Nach Kranzmayer ist er auf Lindenbach od. Lindbach zurückzuführen. — Wirtschaftl. gewann Li. von
1843 bis zum Ende d. 19. Jh. durch die Lodenindustrie Bedeutung. Der Autor ist ebenfalls
aus Lichtenbach.
Lienfeld, Liəwold (Livold) — U 10 = 20 hlb. Hu, 34 Bes., ca. 120—135 E — S 1770 —
H: 49 — Top.-Ber. 1887 E: 362 — G: Li, Pf u. PB: Go, H: 67, E: 260 (44) — Schu: 1892
— Gro-Nd: Am sinnfälligsten ist d. Ableitg. v. lie = „Lehm”, den es bei Rinseüberschwemrungen auch z. Zt. d. Kolonisation in großen Mengen gab.
Maierle, Maiərle (Maverle) — U nicht erwähnt, wahrsch. damals nicht z. ortenburg.
Herrschaft gehörig. S 1770 — H: ? — G: Dö, Pf u. PB: Tsch, H: 888 (114), also 1910 bereits eine sl. Mehrheit — Schu: 1882 — Gro-Nd: Vermutl. nach d. Kolonisten Maier benannt. Anm. d. Verf.: 1. Maierle war mit Sicherheit auch schon vor 1574 das Weinbaugebiet d. östl. Teils d. Sprachinsel, da bereits im U 1574 von „Weinfuhren” an die Grundherrschaft d. Rede ist. 2. Lt. Jos. Truger, GZ, Juni 1971, war M. nicht nur Orts-, sondern
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auch Gegendname. Zu M. zählten auch Maierler Berg, Straßenberg, Döblitschberg u. Bistritz. 3. In d. 90er Jahren d. 19. Jh. wurden die Weinberge v. d. Reblaus befallen. Der
Lehrer Peter Krauland rettete d. Weinbaugebiete v. Maierle, indem er widerstandsfähige
Reben in den verbliebenen Bestand einzüchtete.
Malgern, Maugrarn (Mala gora) — U 6 = 12 hlb. Hu, 15 Bes., ca. 55—65 E — S 1770
— H: 40 — Top.-Ber. 1887 E: 261 — G: Mg, Pf: Mi, PB: Go, H: 57, R: 221 (2) — Gro-Nd:
Vermutl. v. si. Malagora = kleiner Berg. — Anm. d. Verf.: Der langjährige geistige u. polit. Führer d. Gottscheer, d. Mitterdorfer Pfarrer Josef Eppich, war Ehrenbürger d. Gemeinde Malgern. Er starb 1943 den Märtyrertod.
Maschel, Maschl (Mašelj) — Im U 1574 nicht aufgeführt — S 1770 — Ii: 5 — G u. Pf:
Ts, PB: Ru, H: 8, E: 40 (2) — Gro.
Masereben, Masharebn (Grčarice ravne) — U 1 = 2 hlb. Hu, 2 Bes., ca. 8—11 E — S
1770 — H: 9 — G: Ni, Pf: Ma — PB: Go — H: 12 (?), E: 37 (58) — Gro-Nd: s. Masern.
Masern, Masharə (Grčarice) — U 6 = 12 hlb. Hu, 14 Bes., ca. 50—60 E — S 1770 —
H: 38 — G: Ni, Pf: Ma, PB: Go, H: 61, E: 256 (5) — Schu: 1883 — Tab — Gro-Nd: O hält
die Ableitung v. sI. Wort „maser” = knorriger Baumanwuchs f. mögl., Gro schließt Herkunft v. Familiennamen Maas nicht aus. — Geschichtl. Daten: 1613 gab d. Gräfin Elisabeth v. Blagay, geb. Freiin v. Auersperg, weiteren Boden wegen Übervölkerung d. Ortschaft zur Besiedlung frei. — Der Top.-Ber. stellt 1887 fest, daß die Männer v. M. kaum
dem Hausierhandel nachgingen. — 1883 kaufte d. Großkaufmann Stampfl ein Haus u.
schenkte es d. Schule, die bis 1941 bestand.
Merleinsrauth, Malaschrout (Podpreska) — Im U 1574 nicht erwähnt — S 1770 — H:
23 — G u. Pf: Su, PB: Go, H: 33, E: 162 (43) — Gro-Nd: Ed. Leustik aus Merleinsrauth
leitet d. mundartl. Ortsnamen von d. Namen d. ersten Siedlers Mail ab, nach dem einige
Fluren benannt sind (GZ Febr. 1974). „Merleinsrauth” ist nach seiner Ansicht d. falsch
angewendete Schreibweise eines Verw.-Beamten. — Leustik verzeichnet in GZ, Dez.
1973, die Hausnamen.
Mittenwald, Mittnbold (Sredgora) -- Im Urbar 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 8 —
G u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 10, E: 45 (—) — Gro.
Mitterbuchberg, Mittrpuəchparg (Srednja bukova gora) — U 1 = 4/4 Hu, 6 Bes., ca.
16—20 E — S 1770 — H: 8 — H: 8 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 8, E: 41 (—) — Gro.
Mitterdorf, Mittrdoarf (Stara cerkev) — U 6 = 12 hlb. Hu, ca. 50—55 E — S 1770 —
H: 33 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 46, E: 178 (14) — Top.-Ber. 1887 E: 231 — Schu: 1819
— Gro-Nd: O. führt d. Ortsbezeichnung auf die ungefähre Mittellage zw. Windischdorf,
Koflern, Obrern, Kerndorf usw. zurück. — Der ursprüngl. Ortsname, d. bereits 1574 jedoch amtl. nicht mehr verwendet wurde, war „Altenkirchen”. Ob Mi. mit d. St. Bartholomäus-Kapelle d. Grafen Otto V. von Ortenburg (Brief d. Patr. v. Aquileja v. 1. 9. 1339)
zusammenhängt, ist fraglich, jedoch denkbar. — 1935 errichtete die Jugend ein Kulturheim. — Mi. war die Wirkungsstätte d. langjähr. geistigen und polit. Führers d. Gottscheer, Pfarrer Josef Eppich. S. Malgern.
Mitterdorf, Mittrdoarf (Srednja vas) — U 4 = 8 hlb. Hu, 9 Bes., ca. 35—40 E — S
1770 — H : 31 — G u. Pf: Go, E : 105 (4) Gro.
Mittergras, Hentərdiafle (Srednja vas) — U (Untergras) 3 1/2 = 2 ganze u. 3 hlb. Hu,
5 Bes., ca. 20—25 E — S 1770 — H: 28 — G: Og, Pf: Su, PB: Go, H: 42, E: 166 (12) —
Nd: Ed. Leustik sieht i. d. mundartl. Bezeichnung „Hentardiafle” f. Mittergras u. „Voarderfle” f. Obergras die natürl. gewachsenen eigentlichen Ortsnamen. Ober- u. Mittergras
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sind „amtliche Taufe” (GZ, Febr. 1974).
Moos, Möösch (Mlaka) — U 5, 12 Bes., ca. 45—50 E — S 1770 — H: 22 — G: Ko, Pf:
Ri, PB: Go, H: 33, E: 72 (—) — „Moos” ist in Kärnten allein u. in Zusammensetzung m.
and. Ausdrücken anzutreffen. — Die Ortschaft bildet zus. m. Kotschen u. Handlern die
„Fünfzehn Huben” (Wemfzein Huabn). Tatsächl. haben alle drei 1574 noch je 5 Hu.
Moos bei Kerndorf, kommt nur im U 1574 als selbständige Siedlungseinheit vor. 1 = 2
hlb. Hu, ca. 6—8 E. Vermutl. in Kerndorf aufgegangen.
Mooswald, Mööschbold (Mahovnik) — U 10 = 20 hlb. Hu, 30 Bes., ca. 120—130 E —
S 1770 — H: 39 — Top.-Ber. 1887 E: 180 — G, Pf u. PB: Go, H: 45, E: 289 (7) — GroNd. u. Geschichte: Mooswald ist in d. Urkunde v. 1. 9. 1339 als erste Siedlung d. Gottscheerlandes genannt. Prof. Dr. E. Kranzmayer stellt in seinem „Ortsnamenverzeichnis
von Kärnten” fest, daß es sowohl bei Paternion als auch bei Spittal, beides ortenburgischer Besitz, ein Mooswald gab. Es besteht daher kein Zweifel über die kärntnerische
Herkunft des Namens. Näheres über d. Rolle v. Mooswald in d. Besiedlungsgeschichte
Gottschees s. Text ...
Morobitz, Mröbitz (Borovec) — U 6 = 12 hlb. Hu, 12 Bes., ca. 45—55 E — S 1770 —
H: 25 — G u. Pf: Go, PB: Go, H: 35, E: 103 (5) — Schu: 1856 — Tab-Nd: Nach O. abzuleiten v. sl. „borovec” = Fichtenwald. — In M. ist d. Gottscheer Sprachwissenschaftler Dr.
Walter Tschinkel geboren. Dort wirkte sein Vater Wilhelm Tschinkel als Lehrer.
Mrauen, Mragə (Mrava) — U (Homerau) 6 = 12 hlb. Hu, 9 Bes., ca. 70—80 E — S
1770 — H: 31 — G: Hi, Pf: Ri, PB: Go, H: 53, E: 136 (25) — Gro-Nd: Vom sl. „morava” =
öde Gegend (0). M. wurde v. d. Türken mehrfach zerstört.
Nesseltal, Neßtol, auch Eßtol (Koprivnik) — U 10 = 20 hlb. Hu, 30 Bes., ca. 115—125
E — S 1770 — H: 57 — H u. Pf: Ne, PB: Go, H: 80, E: 252 (21). — Schu: 1829 — Tab —
Gro-Nd. u. Geschichtliches: „Tal der Nesseln”. Aug. Tschinkel vertritt in d. GZ, Juni 1973,
die Ansicht, daß bereits 1361, also während die Besiedlung v. Gottschee im vollen Gange
war, im Mettnitztal (Kärnten) ein Ort Copraunig, später Preining genannt, urkundl. erscheint. Tschinkel wörtl.: „Dieses Tal war zu jener Zeit noch gemischtsprachig u. die Leute, die von dort nach dem Süden zogen, nahmen gleich beide Namen (Nesseltal und Koprivnik) mit.” — Der Verf. meint: Da Ne. bereits um 1400 als selbst. Pfarre unter dem
deutschen Namen erscheint, muß dieser älter sein als die von „kopriva” = Nessel ausgehende wörtliche Obersetzung in d. slowenische Schriftsprache. — Die angebl. Herkunft d.
ehem. Reichskanzlers Graf Caprivi aus Ne. ist wissenschaftl. nicht belegbar. — Ne. war
die Wirkungsstätte d. hochangesehenen Pfarrers August Schauer, glänzender Prediger,
Herausgeb. d. Gottscheer Kalenders bis z. Umsiedlung.
Neubacher, Schupfə (Novi breg) — U 2 = 4 hlb. Hu, 7 Bes., ca. 20—33 E — S 1770 —
H: 8 — G: Mg, Pf: Al, PB: Go, H: 19, E: 45 (—).
Neuberg, Neiəparg (Nova gora) — Im U 1574 sowie 1770 u. b. S nicht erwähnt. Spätgründung? — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 95 (?), E: 153 (—).
Neufriesach, Biedröß (Laze) — U 3 = 6 hlb. Hu, 24—28 E — S 1700 — H: 9 — G u.
Pf: Ne, PB: Go, H: 11, E: 48 (—) — Gro-Nd: s. Altfriesach.
Neugereuth, Lapiechl (Lapinje) — Im U 1574 sowie 1770 u. b. S nicht genannt, 1574
noch z. Herrschaft Pölland gehörig (s. Gro, S. 59, Karte 7). — G u. Pf: Ul, PB: Go, H: 6,
E: 18 (—) — Nd: . . . reuth kommt von roden, also Neurodung. Ursprüngl. ortenburgisch.
Neulag, Shuəchə (Novi log) — U 2 = eine 3/4 u. fünf 1/4 Hu, 7 Bes., ca. 25—30 E —
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S 1770 — H: 17 — G u. Pf: Al, PB: Go, H: 29, E: 97 (—) — Nd. bei Valvasor „Kleinlag”,
sonst s. Altlag. — Gro.
Neuloschin, Küttlar (Nove lozine — Neulosin) — U 1 = 2 hlb. Hu, 2 Bes., ca. 6—10 E
— S 1770 — H: 9 — Top.-Ber. 1887 E: 62 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 14, E: 50 (—) —
Gro-Nd: Zwei Möglichk. 1. Abgel. v. sl...loza" = Wald, 2. dt. „Lose” = Abgaben a. d.
Grundeigentümer (0).
Neutabor, Tawr (Novi tabor) — Im U 1574 nicht erwähnt — S 1770 — 1-I: 8 — G u.
Pf: Ts, PB: Ru, H: 7, E: 41 (—) — Gro-Nd. s. Alttabor.
Neuwinkel, Neibinkl (Novikot) S 1770 — H: 29 — G: Su — Pf: Su — PB: Go — H: 46
— E: — (252) — Gro.
Niederloschin, Niedrloschin (Dolnje lozine) — U (Niederlosin) 2 = 4 hlb. Hu, 5 Bes.,
ca. 18—24 E — S 1770 — H: 12 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 16, E: 103 (3) — Anm. d.
Verf.: Im Ortsnamenverzeichnis v. Grothe liegt offenbar eine Verwechslung mit „Unter"loschin vor, das es im U 1574 nicht gibt.
Niedermösel, Götscharə (Spodnji mozelj) — U 7 = 14 hlb. Hu, 20 Bes., ca. 75—85 E
— S 1770 — H: 26 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 39, E: 158 (—) — Gro-Nd: s. Obermösel.
Niedertiefenbach, Niedertiompoch od. einfach Tiampoch (Dolenja briga) — U 6 = 12
hlb. Hu, 14 Bes., ca. 55—65 E — S 1770 — H: 30 — G: Ot, Pf: Mo, PB: Go, H: 44, E: 139
(7) — Schu: 1932 — Gro.
Oberblaschowitz, Peikous (Zgornji Blasoviče od. auch Pajkež) — Im U 1574 sowie
1770 u. bei S nicht genannt, vermutl. Spätgründung — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 6, E: 23
(—) — Gro-Nd: Abgeleitet v. Blasius (?).
Oberbuchberg, Gailoch (Gorenja bukova gora) — U 1 = vier 114 Hu, 5 Bes., 18—22 E
— S 1770 — H: 5, G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 2, E: 13 (—) — Gro — Anm.: Durch Auswanderung nach 1910 verfallen.
Oberdeutschau, Tearöscht (Gorenja nemška loka) — U 2 = 4 hlb. Hu, 4 Bes., ca. 16—
20 E — S 1770 — H: 9 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 8, E: 34 (—). Nach Aug. Tschinkel, GZ,
Juni 1972, zurückzuführen auf d. sl. „terilZe” = Brechelstätte. Es sei anzunehmen, daß
die Büchler dort schon in früher Zeit eine Brechelstätte eingerichtet haben u. den Namen
aus Kärnten mitbrachten. — Geburtsort d. Obermedizinalrates Dr. med. Karl Rom.
Oberfliegendorf, Wliəgndoarf (Muha vas) — U (Fliegendorf) 2 = 4 hlb. Hu, 8 Bes., ca.
30—35 E — S 1770 — H : 11 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H : 12, E : 36 (—) — Gro.
Obergras, Woarderfle (Trava) — U 4 = 3 ganze u. 2 hlb. Hu, 6 Bes., ca. 22—28 E — S
1770 — H: 31 — G: Og, Pf: Su, PB: Go, H: 38, E: 172 (2) — Schu: 1897 — Gro-Nd: s.
Mittergras.
Oberkatzendorf, Pinugl (Gorenji mačkovec) — U 1 1/2 = 3 hlb. Hu, 3 Bes., ca. 12—15
E — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 4, E: 8 (2) — Gro.
Oberloschin, Öbrloschin (Gornje ložine) — U 4 = 8 hlb. Hu, 8 Bes., ca. 39—36 E — S
1770 — H: 20 — Top.-Ber. 1887 E: 54 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 31, E: 103 (3) — GroNd: s. Neuloschin.
Obermitterdorf, Gritschitzə (Gričice) — U 2 = 4 hlb. Hu, 4 Bes., 15—20 E — S 1770
H: 11 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 11, E: 28 (—) — Gro.
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Obermösel, Öbrmesl od. einf. Mesl (Gornji mozelj) — U 10 = 20 hlb. Hu, 28 Bes., ca.
115—125 E — S 1770 — H: 52 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 89, E: 387 (—) — Schu: 1820
Tab. m. dopp. Ringmauer. Gro: In Mö. bestand eine Musikkapelle — Nd. u. Geschichtliches: „Mösel” = kleines Moos. Das Wort wurde ursprüngl. auch auf d. ganze Gegend
angewendet (0). Kr. bestätigt, daß es in Kärnten bei Feldkirchen ein Mösel gibt. — Mö.
wurde 1509 selbst. Pfarre, vorher z. Pfarre Gottschee gehörig. Einer d. ersten Pfarrer war
Martin Marinzel aus d. Moschnitze (1584—1603). — Bevölk.-Entwicklung seit dem 18.
Jh.: Im Jahre 1787 zählte d. Dorf Obermösel 337 E, in der Pfarre lebten 1740 ca. 900
Seelen, 1787 stieg die Zahl auf 1503 u. erreichte 1822 mit 1814 Bewohn. ihren Höhepunkt (keine Aufteilung auf dt. u. sl. Pfarrkinder). 1890 (nur Gottscheer): 1366, 1900:
1092 (Auswanderung!), 1921: 1135, 1929: 1234.
Oberpockstein, Öbrpöckschtuein (Zgornji pokštajn) — Im U 1574 sowie 1770 u. b. S
nicht erwähnt, späte Aussiedler v. Obermösel? — G u. Pf: Mö, PB: Go — H: 5, E: 23 (—)
— Gro.
Oberskrill, Öbrschkril (Zdihovo) — U 1 1/2 = 3 hlb. Hu, 4 Bes., 14—18 E — S 1770 H:
? — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 11, E: 36 (1) — Gro-Nd: sl. „skrilj” = Schiefer- od. Steinplatte.
Oberstein, Schkibm (Žibenj) — U 1/4 Hu, 1 Bes., ca. 4—5 E — S 1770 — H: 2 — G u.
Pf: Al, PB: Go, H: 5, E: 31 (—) — Gro.
Obertaplwerch, Muckendorf, Muckndoarf (Komarna vas) — U 3 = 6 hlb. Hu, 6 Bes.,
ca. 24—28 E — S 1770 — H: 15 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 19, E: 123 — Gro-Nd: sl. „toplo” — warm, „vrh” = Hügel, also Warmberg (Gro.).
Obertiefenbach, Brigə (Gornja briga) — U 2 = 4 hlb. Hu, 5 Bes., ca. 16—22 E — S
1770 — H: 13 — G: Ot, Pf: Mo, PB: Go, H: 24, E: 56 (3) — Gro.
Oberwarmberg, Öbrbourmparg (Gorenja topla reber), Seehöhe 889 m — U 6 = 12
hlb. Hu, 18 Bes., — 1770 u. b. S nicht als Oberw. erwähnt — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H:
24, E: 71 (4) — Gro. — Anm. d. Verf.: Im U 1574 ist zweimal eine Siedlung „Warmberg”
verzeichnet: 1. Im Raum d. Gern. Altlag u. 2. im Oberamt II zwischen Ortschaften im
Bereich von Schalkendorf u. Obermösel. Die im U 1574 verzeichneten Angaben über Huu. Bes.-Zahlen werden daher mit Vorbehalt wiedergegeben. Die statist. Angaben betr. d.
Dörfer Ober- u. Unterwarmberg f. 1910 treffen jedoch zu. — O. ist d. Geburtsort d. Ehrenpräsidenten d. Relief-Ass. Inc. (Gottscheer Hilfswerk) in New York u. Ehrenringträger
Adolf Schauer.
Oberwetzenbach, Öbrbetznpoch (Gornji Vecenbah) — U 2 = 4 hlb. Hu, 5 Bes., ca.
18—24 E — S 1770 — H: 7 — G u. Pf: Ri, PB: Go, H: 13, E: 41 (3) — Gro-Nd: Vom Familiennamen „Wetz” (?).
Oberwilbach, nur im U 1574 genannt, lag i. Bereich d. Gern. Tschermoschnitz, ident.
mit „Wildbach”, s. dort.
Obrern, Öbrarə (Gorenje) - U (Obrer) 5 = 10 hlb. Hu, 12 Bes., ca. 45—52 E — S 1770
— H: 20 — Top.-Ber. 1887 E: 114 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 35, E: 97 (6) — Gro.
Ort, Oart (Konca) — U 4 = 8 hlb. Hu, 9 Bes., 40—45 E — 1770 u. S: ? — Top.-Ber.
1887 E: 103 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 24, E: 85 (—) — Gro-Nd: Nach o. „Gart” heißt in
diesem Falle, daß das Dorf „am Ende” von Mitterdorf lag.
Otterbach, Öttrpoch (Kačji potok) — U 6 = 12 hlb. Hu, 16 Bes., ca. 60—68 E — S
1770 — H: 18 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 26, E: 93 (—) — O. leitet d. Namen v. d. RinGedruckt von http://www.gottschee.at
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gelnatter ab, . . . bach geht zweifellos auf d. tatsächlich vorh. Bach zurück. Er trieb, aufgestaut, eine Mühle.
Plösch, Plesch (Plěs) — U 1 = 2 hlb. Hu, 2 Bes., 5—10 E — S 1770 — H: 4 — G u. Pf:
Mo, PB: Go, H: 6, E: 33 (—) Gro-Nd: Lt. 0 entw. v. sl. „pleia” = kahler Ort oder dt.
„Blest” u. „Plesse” = abgeholzter Wald, Plesse kommt auch als Familienname vor.
Plösch, Plesch (Ples) — Im U 1574 nicht erwähnt — 1770 — H: 4 — G u. Pf: Ts, PB:
Ru, H: 10, E: 50 (—) — Gro-Nd: s. oben — Anm. d. Verf.: Vermutl. eine d. Dorfgründungen z. Zt. d. Grafen v. Blagay.
Pöllandl, Pelond (Poljane) — U 3 = 6 hlb. Hu, 7 Bes., ca. 30—35 E — S 1770 — H: 29
— G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 64, E: 183 (3) — Schu: 1852 — Gro-Nd: Von sl. „poljana” Ebene, „polje” = Feld. — Dies. Ortsname kommt in lt. Kr. mehrfach vor, z. B. als Pöllan b.
Paternion (ortenburgisch), b. Feistritz i. Rosental od. i. d. Gegend v. St. Stephan im Gailtal als Pölland. Seltsames Zusammentreffen: In d. Gemeinde St. Stephan wirkte d. Gründer d. Gottscheer Kulturwoche, Hermann Petschauer — er ist in Pöllandl geboren —, rd.
40 Jahre als Lehrer u. Schuldirektor.
Pogorelz, Pogrelz (Pogorelc) — U (Pagerelitz) 1/2 = 2/4 Hu, 2 Bes., 5—10 E — S
1770 — H: 4 — G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 4, E: 28 (—) — Gro-Nd: sl. „Pogorelz” = der Abgebrannte. — Kann auch v. „podgora” = unter d. Berg herrühren. — Erwähnt i. Urbar v.
1754. — Lt. P. gab es auch i. d. Gem. Stockendorf ein Pogorelz, das er als „schon verfallen” bezeichnet.
Präsuln, Preshulə (Prežulje) — U (Presul) 1 = 2 hlb. Hu, 4 Bes., 14—18 E — S 1770 —
H: 2 — G: Ot, Pf: Mo, PB: Go, H: 4, E: 12 (4) — Gro-Nd: Vermutl. von sl. „breza” = Birke.
Preriegel, Preariegl (Prerigelj) — U (Prölibel) 4 = 8 hlb. Hu, 12 Bes., ca. 45—53 E — S
1770 — H: 19 — G u. Pf: Ud, PB: Go, H: 22, E: 79 (—) — Nd: Der Name hat sich offensichtl. aus dem alten „Prölibel” entwickelt. Dieser nicht mehr erklärbar. — P. hatte keine
Wassersorgen, in d. Umgegend flossen, z. T. ganzjährig, zahlreiche Quellen. — Während
d. Türkeneinfälle diente d. nahegelegene „Spaher”, ein Bergvorsprung (875 m) als Warnfeuerstation (Kreitfeuer), zu deren ständiger Besetzung und Wartung die Preriegeler,
Graflindener und Unterdeutschauer verpflichtet waren. Dafür blieben sie steuerfrei (Widmar, GZ, Mai 1971).
Pröse, Preashə (Preža) — U Presn) 3 1/2 Hu, 9 Bes., ca. 36—42 E — S 1770 = H: 12
— G: Ot, Pf: Mö, PB: Go, H: 15, E: 57 (5) — Gro-Nd: Wohl von sl. „breza” = Birke.
Rain, Roain (Breg) — U (zusammen mit Kerndorf genannt, s. dort) — S 1770 — H: 7
— Top.-Ber. 1887 E: 58 — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 20, E: 74 (1) — Das mundartl. „Roain”
bedeutet Grenzstreifen zw. Feldern oder Abhang.
Ramsriegel, Ramschriegl (unbekannt) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 4
— Gr, Pf: UI, PB: Go, H: 6, E: 17 — Gro-Nd: Möglicherweise ein Flurname, wie z. B.
„Ramschgruebe”. — In dieser Gegend seit jeher verbreitet der Familienname Ramb,
Ram, Rom.
Rechgruben, ein erstmalig im Moschener Urbar v. 1754 genannter Weiler, möglicherweise aus der Zeit d. Blagay.
Reichenau, Reichnagə (Rajhenau) — U 10 = 20 hlb. Hu, 36 Bes., ca. 135—145 E — S
1770 — H: 46 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 50, E: 199 (—) — Schu: 1905 — Gro-Nd. u.
Geschichtliches: Der Ortsname R. kommt im gesamten dt. Sprachgebiet vor. Kr.: Im Gemeindebereich Winklern, Oberkärnten (Herkunftsgebiet d. Gottscheer Ursiedler) wird ein
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Weiler Reichenau 1252 erstmals erwähnt. — Aug. Tschinkel führt in d. GZ, Juni 1972, u.
a. aus, daß R. nach mündl. Überlieferung noch vor Nesseltal gegründet worden sein soll,
weil die Siedler dort günstigere Lebensbedingungen vorfanden. Die Reichenauer waren
„bis in unsere Tage das Dorf tüchtiger Viehzüchter und „Ossochmochara”. — In GZ, Juni
1970, teilt Math. Stalzer aus Reichenau (wohnhaft in Haseldorf/Stmk.) mit, R. habe einen
Gemeindegrund v. 350 ha umfaßt, d. h., es waren 43 „Rechte” (Berechtigte) vorhanden.
Jedes „Recht” umfaßte seinerzeit 8 ha.
Reintal, Reintol (Rajndol) — U 8 = 16 hlb. Hu, 21 Bes., 85—95 E — S 1770 — 38 — G
u. Pf: Mö, PB: Go, H: 41, E: 150 (—) — Nd: Im Gemeindebereich v. Winklern a. d.
Glocknerstraße (z. T. Herkunftsgebiet d. Gottscheer Ursiedler) befindet sich ein Beintal.
— R. baute d. erste Wasserleitung d. Gottscheerlandes. Sie entstand unter d. Leitg. d.
Hausierers Joh. Köstner 1842/43 nach alpenländ. Muster, war 1500 m lang u. bestand
aus 4 m langen, handgebohrten Holzröhren.
Ressen, Reasn (Resa) — U (Schmückh Püchl bei den Ressen) 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes.,
ca. 12—15 E — S 1770 — H: 4 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 4, E: 25 — Gro-Nd: Pfr. Aug.
Schauer (in Gottsch. Kalender 1930) deutet Ressen, bezugnehmend auf alte Matrikeln,
als „Reaszn”, d. i. eine Lache zum Flachswässern.
Reuther, auch Laase genannt, Reiter (Lazeč) — Im U 1574 nicht genannt, auch 1770
nicht erwähnt — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 22, E: 88 (—) Schu: 1908 — Gro-Nd: Abgeleitet
v. „roden”, reuten.
Ribnik, Rimmnig (Ribnik) — U 2 = 4 Mb. Hu, 4 Bes., ca. 15—20 E — S 1770 — (Rübnig) — H: 10 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 15, E: 56 (—) — Gro-Nd: Vom sl. „Ribnik” =
Fischwasser (0).
Rieg, Riaggə, od. An dr Riəggn (Kočevska reka) — U (Riekh) 14 = 28 hlb. Hu, 32
Bes., ca. 125—149 E — S 1770 — H: 61 — Top.-Ber. 1887 E: 341 — G u. Pf: Ri, PB: Go,
H: 103, E: 338 (6) — Schu: 1829 — Gro-Nd. u. Geschichtliches: Burkard Zink nennt R.
„An der Riegg”. Kr. belegt d. Herkunft d. Ortsnamens mit dem Hinweis auf d. Einschicht
„die Rieggen”, auch „in der Rieggen” im Gemeindebereich Kolbnitz in Oberkärnten (unmittelbares Herkunftsgebiet d. Gottscheer Kolonisten d. 14. Jh.). Dort fließt auch heute
noch d. „Riekenbach”. Das schließt nicht aus, daß Rieg, Riaggə, schon in Kärnten v. d. sl.
Wort „reka” = Fluß oder Bach herstammte. — Burkard Zink berichtet in seiner von
1368—1468 reichenden Chronik, daß Gräfin Margareta von Ortenburg, geb. Herzogstochter von Teck, ihren Schreiber (Name wohl auch Zink, ein Onkel Burkards) zum Pfarrer
„an der Riegg” einsetzte, wo er (etwa ab 1405/06) 30 Jahre amtierte. Fünf Dörfer gehörten bereits zur Pfarre R., darunter auch Göttenitz. — 1929 brannte die Hauptstraße
vollst. nieder. R. besaß ein Hotel, eine Ziegelei, drei Mühlen u. lebhaften Holzhandel. —
Walter Tschinkel vermutet (in s. WGM, S. XIII), daß schon vor d. dt. Besiedlung d. Gottscheerlandes ein Weg von Reifnitz über Göttenitz, Rieg u. Morobitz an die obere Kulpa
führte. Tabore in d. drei Orten bestätigen diese Annahme.
Riegel, Riegl (Rigle) — U 1 = 2 hlb. Hu, 2 Bes., ca. 8—11 E — S 1770 — H: 6 — Mg,
Pf: Al, PB: Go, H: 8, E: 41 (—) Gro-Nd: Riegel = Hügel, Bergrücken.
Römergrund, Remrgründ — U (Tiefenbrunn) 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes., ca. 12—15 E — S
1770 — H: 8 — G: Gr, Pf: U1, PB: Go, H: 13, E: 32 (—) — Gro-Nd: Bei Grothe steht, daß
R. abgeleitet sein kann von d. Mehrzahl d. Dialektwortes „Ram” = Rabe, Räumar, also
Rabengrund. — Das stehende Wasser nahe b. R. könnte einen unterirdischen Zusammenhang (Karst!) haben mit d. gefaßten Quelle d. höher gelegenen Weilers Brunnsee.
Roßbüchel, Röschpiechl (Konjski hrib) — Im U 1574 nicht erwähnt — S 1770 — 5 — G
u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 7, E: 16 (—) — Gro — R. könnte eine Spätsiedlung unter d. BlaGedruckt von http://www.gottschee.at
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gays gewesen sein.
Rotenstein, Roatnstoain (Rdeci kamen) — U (Rattenstein) 3 = 1 ganze, 1 hlb. u. 2
3/4 Hu, ca. 15—20 E — S 1770 — H: 9 — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H: 17, E: 80 — Gro. —
Anm. d. Verf.: Im Hause Nr. 8 wurde d. Geistliche Math. Maußer geboren, der im J. 1818
kurze Zeit in Obermösel wirkte u. später in Laibach lebte, von wo aus er die Lokabe (Vorstufe d. Pfarre) Unterwarmberg gründete.
Rußbach, Rüßpoch (Blatnik) — U 3 = 4 hlb. u. 3 1/3 Hu, 9 Bes., ca. 35—40 E — S
1770 — H: 21 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 119 (—) — Schu: 1910 — Gro.
Saderz, Saderz (Zaderc) — Im U 1574, 1770 u. b. S nicht aufgeführt. 1574 vermutl.
z. Herrsch. Pölland gehörig — G: Tpl, Pf: U1, PB: Tsch, H: 15, E: 33 (2) — Gro-Nd: sl.
Schäflein, Scheflein, auch Schaffle (Ovčjak) — Im U 1574 nicht aufgeführt — S 1770
— H: 11 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 10, E: 36 (—) — Schu: 1883 — Gro-Nd: Eine sl. Herkunft d. Namens entfällt, da „OvZjak” voraussetzt, daß „Schäflein” gleichbed. ist mit
„Schaf”. — Nächstl. Deutung: Althd. „scoph” = öde, wilde Gegend. — Anm. d. Verf.: Vermutl. Spätgründung unter d. Blagay.
Schalkendorf, Schaokndoarf (Salka vas) — U 10 = 20 hlb. Hu, 32 Bes., ca. 125—135
E — S 1770 — H: 38 — Top.-Ber. 1887 E: 395 — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 101, E: 367
(17) — Gro-Nd: Mhd. „schalt” od. „schalch” = Knecht od. Zinsbauer. Dazu Kr.: Ein Schalchendorf „Dorf der Hörigen” findet sich bei Guttaring in Kärnten.
Scherenbrunn, Schernprün, auch Groschparg = Grasberg (Travnik) — U 1 = 1 hlb. u.
2 X 1/4 Hu, 5 Bes., ca. 18—22 E — S 1770 — H: 4 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 2, E: 12 (—
) — Gro-Nd: Die sl. Übersetzung in „Travnik” hält sich an d. mundartl. Groschparg. — Die
Deutung b. Grothe aus dem mhd. „scerne” = Schierling u. d. gotischen „skers” = hell,
rein, sind nicht ganz glaubwürdig.
Schlechtbüchel, Shlachtpiechl (Slaba gorica) — Im U 1574 nicht aufgeführt — S 1770
— H: 4 — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 4, E: 16 (—) — Nd: Die sl. Übersetzung von „Slaba
gorica” bedeutet „Schlechtes Berglein”, ist also wörtlich. — Aug. Tschinkels Deutung in
GZ, Juni 1972, das mundartl. „Shlacht” komme nicht v. „schlecht”, sondern v. and. „slag”
= Schlag, also ein Platz, wo Holz geschlagen wird, leuchtet ein. — Anm. d. Verf.: Das
Nicht-erscheinen Sch's im U 1574 läßt die Annahme zu, daß es sich um eine Spätgründung z. Zt. d. Blagay handelt. Dann könnten es 3 oder 4 Neukolonisten aus Büchel in
ihrer neuen, abgeschiedenen Siedlung „schlechter” getroffen haben als daheim.
Schönberg, Scheanparg (Šenperg) — Im U 1574 sowie 1770 u. b. S nicht erwähnt. —
G u. Pf: Al, PB: Go, H: 20, E: 36 (—) — Nd: Willkürl. Namensgebung. Anm. d. Verf.: Sch.
ist lt. GZ, Nov. 1965, eine Tochtersiedlung Altlags u. d. Sammelname v. drei Weinbergbereichen d. Alt- und Neulager Besitzer. Um die Jahrhundertwende fiel die Reblaus ein
und vernichtete — mit einem schweren Unwetter — die Rebenkulturen.
Schriegl. Kommt nur im U 1574 vor u. ist identisch mit Kleinriegel (s. dort).
Schwarzenbach, Shbourznpoch (Cerni potok) — U 8 = 16 hlb. Hu, 24 Bes., ca. 95—
110 E — S 1770 — H: 29 — Top.-Ber. 1887 E: 179 — G: Schw., Pf u. PB: Go — H: 42, E:
144 (23) — Nd: Kr. schreibt, daß es ein Schw. bei Motzbichl in Kärnten gibt.
Seele, Sheale (Zelnje) — U (Sellen) 8 = 16 hlb. Hu, 23 Bes., ca. 120—135 E — S
1770 — H: 46 — Top.-Ber. 1887 E: 321 — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 78, E: 266 (4) — GroNd: 1. Vom sl. „sela” = Dorf. Dagegen spricht, daß slowenischerseits als amtl. Ortsbezeichnung nicht „Sela”, sondern „Zelnje” gewählt wurde, offensichtl. eine lautliche NachGedruckt von http://www.gottschee.at
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konstruktion von „Seele”. 2. Das mundartl. „Sheale” könnte auf d. kl. See nahe b. d.
„Seeier Grotte” zurückgehen (O.). 3. In alten Matriken kommt „Schelein” vor, zweifellos
eine mißverständl. Schreibweise v. Sheale. — Die sagenumwobene Seeler Grotte diente
während d. Türkenüberfälle als Unterschlupf.
Setsch, Setsch (Seč) — U (Setscha) 1 1/8 = 3 X 1/4 Hu, 4 Bes., ca. 15—20 E — S
1770 — H: 19, G u. Pf: Eb, PB: Go, H: 27, E 102 (2) — Gro-Nd: Von sl. „sekati” = hakken, fällen. Ahnl. Begriff wie d. dt… reut (0.).
Skrill, Schgriel (Škrilj) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 7 — G u. Pf: Sto,
PB: Tsch, H: 7, E: 39 (—) — Gro-Nd: s. Oberskrill (G: Mö). — Ob zw. Ober- u. Unterskrill
siedlungsgeschichtl. ein Zusammenhang besteht, ist nicht beweisbar. Auszuschließen ist
er jedoch, wenn man annimmt, daß es sich um eine Spätgründung unt. d. Blagay handelt
(Anm. d. Verf.).
Sporeben, Schporebm (Ponikva) — U (Payrs-Eben) 2 = 4 hlb. Hu, 5 Bes., ca. 20—25
E — S 1770 — H: 12 — G u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 11, E: 41 (—).
Stalldorf, Schtoll, auch Schtolldoarf (Štale) — U 2 = 1 ganze u. 2 X 1/2 Hu, 4 Bes.,
ca. 15—20 E — S 1770, H: 7 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 11, E: 73 (—) — Schu: 1909 —
Gro-Nd: „Stall” bedeutete lt. O. in älterer Sprache „Statt, Stätte”.
Stalzern, Stauzar (Štalcarji) — U (Steltzendorf) 6 = 12 hlb. Hu, 12 Bes., ca. 50—60 E
S 1770 — H: 24 — G: Hi, Pf: Ri, PB: Go, H: 41, E: 126 (—) — Schu: 1874 — Gro-Nd: Ob
d. Familienname Stalzer d. Ort seinen Namen gegeben hat (aus Kärnten kommend) oder
ob d. Familienname auf d. bereits bestehende Siedlung zurückgeht, läßt sich nicht entscheiden. An sich ist Reichenau das Dorf der „Stalzer”. In einer Urkunde von 1601 (s.
Widmer) taucht die Schreibweise Stelter auf. Möglicherweise war dies d. Name d. ersten
Siedler bzw. d Sippe. — St. ist d. Geburtsort eines d. bedeutendsten Ärzte gottscheererischer Herkunft, Univ.-Prof. Dr. Franz Högler, der Älteste d. als vorbildlich geltenden Lehrerfamilie, deren insgesamt elf Kinder alle studiert haben.
Steinwand, Stuoinbond (Podstenice) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 9 —
G u. Pf: Pö, PB: Ru, H: 17, E: 71 (3) — Schu: 1888 — Gro. — Geschichtliches: Lt. Sepp
Frank (GZ, April 1964) ist St. eine Spätgründung unt. d. Blagay. 1614 z. erstenmal genannt.
Stockendorf, də Aubə, auch Stockendoarf (Planina) — U 3 = 6 hlb. Hu, 9 Bes., ca.
35—40 E — S 1770 — H: 26 — G u. Pf: Sto, PB: Tsch, H: 36, E: 132 (1) — Schu: 1836
— Gro-Nd: Zwei Beweise f. d. Herkunft d. Ortsnamens aus Kärnten liegen vor: 1. Kr. verweist auf eine Einöde „Stockenberg” im Bereich v. Kolbnitz in Oberkärnten. 2. Noch interessanter ist d. Fundstelle d. Verf. b. Hans Wiegele „Kärntner Lieder” (d. Lit.-Verz.), S.
29. Dort ist d. Lied „Wohl in der Wiederschwing” aufgezeichnet u. m. d. Fußnote versehen: „Wiederschwing, eine Ortschaft bei Kleinkirchheim, ebenfalls Herkunftsgebiet d.
Gottscheer Ursiedler, und „Wiederschwing” war ein Flurname v. Stockendorf.
Suchen, Shiugə (Draga) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 34 — G u. Pf:
Su, PB: Go, H: 45 (1941: 48) — E: 187 (34) — Schu: 1910 — Gro-Nd: Mundartl. bedeutet „Shuacha” (suchnerisch „Shiuga”) einen stark bewaldeten Taleinschnitt.
Suchen, Därroch (Sušije) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 5 — G u. Pf:
Ne, PB: Go, H: 2, E: 16 (—) — Gro-Nd: s. Buchen im Suchener Tal — Anm. d. Verf.: Aug.
Tschinkel in GZ, Juni 1972: „... zuletzt nur noch von dem geistig sehr regsamen Bauern
Deutschmann bewohnt.”
Suchen, Shuəchə (Draga) — Im U 1574 nicht erwähnt — S 1770 — H: 2 — G u. Pf:
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Mö, PB: Go, H: 2, E: 6 (5) — Gro-Nd: s. oben — Anm. d. Verf.: Vermutl. Spätgründung
u. Zt. d. Grafen v. Blagay.
Suchenreuther, Ziachnreitər (Urgraja) — U 1 = 2 hlb. Hu, 3 Bes., 10—15 E — S 1770
— H: 5 — G: Hi, Pf: Ri, PB: Go, H: 11, E: 35 — Gro-Nd: Suchen, s. Reuter.
Tanzbüchel, Tonzpiechl (Tancbihelj) — U 1 = 4 X 1/4 Hu, 4 Bes., ca. 15—20 E — S
1770 — 1-1: 5 — G u. Pf: Ne, PB: Ne, PB: Go, H: 4, E: 15 (—) — Gro-Nd: Aug. Tschinkel
leitet den Ortsnamen T. vom Familiennamen „lots” ab, d. sich im Hausnamen „Totscheisch” in Stockendorf erhalten hat.
Taubenbrunn, Taubndaf od. Taubndoarf (Golobinjek) — U (Taubenprün) 1 = 4 X 1/4
Hu, 5 Bes., 18—22 E — S 1770 — H: ? — G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 8, E: 41 (2) — Gro. —
Anm. d. Verf.: Lt. Aug. Tschinkel (GZ, Juni 1972) kaufte d. Fürst Auersperg'sche Herrschaft d. Häuser zur Wohnungsbeschaffung f. Waldarbeiter auf. Die vorher. Besitzer siedelten sich in Büchel u. Nesseltal an.
Tiefenreuter, Trintəbitz (Trnovec) — U 3 = 6 hlb. Hu, 7 Bes., ca. 28—33 E — S 1770
H: 12 — G: Mg, Pf: Al, PB: Go, H: 22, E: 85 (—) — Gro.
Tiefental, Tiəfntou, auch Tiəfntol (Vrbovec) — U 3 = 6 hlb. Hu, 9 Bes., ca. 35—40 E S
1770 — H: 16 — G u. Pf: Eb, PB: Go, H: 23, E: 71 (—) — Gro.
Töplitzel, Teplitzle (Topličice) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: 6 — G u.
Pf: Sto, PB: Tsch, H: 8, E: 24 (—) — Gro-Nd: Vermutl. v. Bad Töplitz hergeleitet, sl. toplo
= warm. Anm. d. Verf.: Nicht auszuschließen i. Spätgründung unt. d. Grafen v. Blagay.
Tschermoschnitz, Moschə, auch Moschnitz (Čermošnjice) — U 3 1/2 = 7 hlb. Hu, 7
Bes., ca. 30—35 E — S 1770 — H: 21 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 26, E: 123 (6) — Schu:
1822 — Tab — Gro-Nd: O. führt T. auf die trogartige Talform (sl. moišnja) zurück, überzeugt aber nicht. Weiter kommt man mit d. Ausdeutung d. mundartl. Namen „Mosch” od.
„Moschni”. „Mosch” = Masch weist nach Kärnten (Gro. verweist auf „Mosche” b. d. Station Mösel), „Moschnitz” nach Friaul. Man kann zwar anzweifeln, aber mit Sicherheit nicht
ab-leugnen, daß b. d. engen Beziehungen zwischen d. Patriarchen v. Aquileja u. d. Grafen v. Ortenburg einige Kolonisten aus Friaul in d. spätere Gottschee gingen. In Friaul,
Staats-gebiet d. Patriarchen, gab es damals noch deutsche Siedlungen. Tatsache ist, daß
es dort ein „Mo"scenizza” gab. — T. war mit 28 Dörfern die größte Gemeinde im Gottscheerland (bis zur Einführung d. Großgemeinden). — T. hatte eine Wasserleitung u. elektr. Strom.
Turn, Türn — Im U 1574 nicht erwähnt — S 1770 — H: 3 — G: Gr, Pf: Ul, PB: Go, H:
3, E: 19 (—) — Gro-Nd: O. leitet d. Namen v. Turmresten ab, die zu seiner Zeit noch
nahe b. d. Ortschaft lagen. Siehe auch d. Sage „Bestrafte Habsucht” bei Wilh. Tschinkel
„Gottscheer Volkstum”, S. 127.
Unterblaschowitz, Untrplaschobitz (Spodnji Blažovic) — Im U 1574, 1770 u. b. S nicht
erwähnt. — G u Pf: Ts, PB: Ru, H: 6, E: 34 (—) — Gro-Nd: s. Oberblaschowitz. — Anm.
d. Verf.: Wie dieses vermutl. Spätgründung z. Zt. d. Blagay.
Unterbuchberg, Untrpuəchparg (Dolenja bukova gora) — U 2 = 4 hlb. Hu, 7 Bes., ca.
25—30 E — S 1770 — H: 9, G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 13, E: 66 (—) — Gro.
Unterdeutschau: Agə (Nemška loka) — U 6 = 12 hlb. Hu, 14 Bes., 55—62 E — S 1770
— H: 37 — G u. Pf: Ud, PB: Go, H: 41, E: 170 (2) — Scho: 1839 — Gro-Nd: „Deutsche”
Au, z. Unterscheidung v. d. anderssprachigen Umgebung. Dies drückt sich auch i. d.
wörtl. sl. Obersetzung aus. — Die doppeltürmige Pfarrkirche v. U., eines d. schönsten
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sakralen Baudenkmäler Gottschees, war das Ziel zahlreicher Wallfahrer.
Unterfliegendorf, Shuəchə, auch Tirknshuəchə od. Peatscharə (Turkova draga) — U 1
1/4 = 1 hlb., 2 X 1/4 u. 2 X 1/8 Hu, 5 Bes., ca. 20—25 E — S 1770 — H: 8 — G u. Pf:
Mö, PB: Go, H: 5 (?), E: 53 (—) — Gro-Nd: Die sl. Obersetzung bedient sich d. mundartl.
Tirknschuacha (Türken . . .). Siehe Oberfliegendorf.
Unterlag, Üntrloag (Spodnji log) — Im U 1574 nicht erwähnt, weil d. Ort damals z.
Herrschaft Pölland gehörte — S 1770 — H: ? — G u. Pf: UI, PB: Go, H: 44, E: 171 (7) —
Schu: 1854 — Gro-Nd: s. Altlag.
Unterpockstein, Üntrpöckstuain (Spodnji pokštajn) — Im U 1574 nicht aufgeführt — S
1770 — H: 5 — G u. Pf: UI, PB: Go, H: 4, E: 23 (—) — Gro. Anm. d. Verf.: Dieser Weiler
könnte eine v. Unterlag aus in d. Wege geleitete Spätgründung z. Zt. d. Blagay gewesen
sein.
Unterskrill, Üntrschkril od. nur Schkril (Škrilj) — U 3 = 6 hlb. Hu, 7 Bes., 28—33 E —
S 1770 — H: 17 — G u. Pf.: Mö, PB: Go, H: 27, E: 81 (—) — Schu: 1888 — Gro-Nd: s.
Oberskrill.
Untersteinwand, Neipiechl, auch Eipiechl (Podstenje) — U (Unter der Steinwandt) 2 =
4 hlb. Hu, 5 Bes., 20—25 E — S 1770 — 1-1: 11 — G u. Pf: Ne, PB: Go, 1-1: 13, E: 45
(—) — Gro. —Anm. d. Verf.: Aug. Tschinkel bezeichnet in d. GZ, Juni 1972, Untersteinwand als „das Dorf der vielen Stalzer”. Um sie unterscheiden zu können, habe man sich
mit den Hausnummern, wie z. B. „dr Elwar” („Elfer"), benannt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Reichenauer „Stalzer” bei d. Gründung beteiligt waren.
Untertaplwerch, Topobach (Taploh) — U 3 = 6 hlb. Hu, 8 Bes., 30—35 E — S 1770 —
H: 15 — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 29, E: 107 (2) — Gro-Nd: s. Obertaplwerch.
Unterwarmberg, Üntrburmparg (Dolenje topla reber) — U (Warmberg) 3 = 6 hlb. Hu,
6 Bes., ca. 24—28 E — S 1770 — H: 14 — G: La, Pf: Uw, PB: Ru, H: 38, E: 112 (4). —
Schu: 1881 — Gro.
Unterwetzenbach, Üntrbetznpoch (Spodnji Vecenbah) — U (Niederw ...) 3 = 1 ganze
4 hlb. Hu, 5 Bes., ca. 20—25 E — S 1770 — H: 9 — G u. Pf: Ri, PB: Go, H: 20, E: 73
— Gro. — Nd: In Kärnten gibt es zwar ein „Wetschenbach”, ein Zusammenhang mit Unter-od. Oberwetzenbach läßt sich jedoch nicht ohne weiteres herstellen. Näher liegt d.
Ableitung d. Familiennamen Wetz.
Verderb, Vrderb (Ferderb) — U (mit Verdreng gemeinsam genannt) 5 1/2 = 11 hlb.
Hu, 12 Bes., ca. 45—55 E — S 1770 (Verderb allein) — H: 10 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H:
6, E: 16 (—) — Gro-Nd: Abgeleit. v. mhd. „verderp” = Verderben, Verderbnis. Offen-bar
Ausdruck f. d. Unzufriedenheit s. Kolonisten mit dem Siedlungsboden. S. auch Verdreng.
Verdreng, Wrdreng (Ferdreng) — U (s. Verderb) — S 1770 (Verdreng allein) — 1-1:
18 — G u. Pf: Mö, PB: Go, H: 16, E: 88 (—) — Schu: 1905 — Gro-Nd: Ähnl. wie Verderb
ein Protestname. — Der „Verdrenger Berg” m. seinem alten Kirchlein war ein beliebtes
Wallfahrerziel. — Die Besiedlung könnte v. Obermösel aus erfolgt sein. Dafür spricht d.
Vor-kommen d. Familiennamens Jonke in beiden Ortschaften.
Warmberg, Buərmparg (Topli vrh) — Im U 1574 sowie 1770 u. b. S nicht erwähnt —
G u. Pf: Ne, PB: Go, H: 10, E: 42 (—) — Gro-Nd: Keine Anhaltspunkte f. eine Deutung.
— W. ist d. Geburtsort d. bedeutendsten Gottscheer Malers Michael Ruppe.
Weißenstein, Beißnstuain (Belikamen) U 1 3/4 = 1 hlb., 1 X 3/8 u. 3 X 1/4 Hu, 7 Bes.,
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ca. 25—39 E — S 1770 — H: 14 — G u. Pf: Al, PB: Go, H: 29, E: 103 (—) — Gro.
Widerzug, Bidrzug (Vimolj) — Im U 1574 nicht genannt — S 1770 — H: ? — G u. Pf:
Ts, PB: Ru, H: 8, E: 33 (—) — Gro-Nd: Vermutl. abzuleiten v. mhd. „widerzuc” = Rückkehr od. Heimkehr.
Wildbach, Bilpoch (Vildpoh) — U (Ober Wilpach) 1/4 Hu, 1 Bes., ca. 4—5 E — 1770 u.
b. S nicht erwähnt — G u. Pf: Ts, PB: Ru, H: 2, E: 13 (—) — Gro. Nd: Sicher abgeleitet v.
Wildbach in der Moschen.
Windischdorf, Bindischdoarf od. -doarf (Slovenska vas) — U 11 = 22 hlb. Hu, 22 Bes.,
ca. 80—90 E — S 1770 — H: 47 — Top.-Ber. 1887 291 E — G u. Pf: Mi, PB: Go, H: 61, E:
203 (3) — Gro-Nd: „windisch” bedeutet hier „slawisch” = sl. Das kolonisatorische Gegenstück ist „Deutschdorf”, sl. „Nemska vas”, sö. v. Reifnitz im früheren gemischtsprach.
Gebiet.
Winkel, Straßle (Cesta) — U (Winckhler) 1 = 4 X 1/4 Hu, 4 Bes., ca. 15—20 E — S
1770 — H: 7 — G u. Pf: Al, H: 11, E: 21 (3) — Gro-Nd: Die sl. Bezeichnung ist aus d.
mundartl. „Straßle” wörtl. übersetzt, „Cesta” = sl. Straße.
Wrezen, Brezə (Brezje) — Im U 1574 nicht erwähnt, aber wahrscheinl. identisch m. d.
dort genannten Bresowitz, d. b. S 17 H aufweist. Das läßt sich vereinbaren mit d. Angabe
v. 3 1/2 = 7 hlb. Hu, 13 Bes., ca. 50—55 E f. d. Bresowitz im U 1574. — Wrezen u. damit
auch Bresowitz: G u. Pf: Ts, PB: Ru, 1-1: 25, E: 95 (—) — Gro-Nd: Vermutl. beide Ortsnamen vom sl. „breza” = Birke. Wann u. durch wen die Umbenennung erfolgte, ist nicht
feststellbar.
Zwischlern, Zwishlarə (Cvišlerje) — U 6 = 12 hlb. Hu, 20 Bes., ca. 80—85 E — S 1770
— H: 32 — G: Se, Pf u. PB: Go, H: 51, E: 182 (—) — Gro-Nd: Die Obergföll'sche Ableitung vom Berg „Wiesler” im Allgäu u. d. Ort „Zwiesel” i. d. Oberpfalz überzeugt nicht.
Glaubhafter ist „Zwiesel” i. d. Bedeutung v. „Gabelung”. — Anm. d. Verf.: Z. ist d. einzige Ortschaft d. Gottscheerlandes, die auf die Person genau ihre Einwohnerzahl von 1887
bis 1910 nicht verändert hat.
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Die Umsiedlung der Deutschen aus der Gottschee und
Laibach 1941/42 und des Streudeutschtums aus Bosnien
und anderen Gebieten 1942/43
Bericht des Dr. Heinrich Wollert, ehemals Deutscher Umsiedlungsbevollmächtigter für die
Provinz Laibach.
Original, 27. März 1958.
Die Umsiedlung der Volksdeutschen aus der Gottschee und Laibach Ende 1941; Vorbereitung, Organisation und technische Durchführung der Aktion.
Durch das Auswärtige Amt in Verbindung mit der Deutschen Umsiedlungs-TreuhandGmbH, Berlin (DUT) bin ich mit der Umsiedlung der Laibacher und Gottscheer Volksdeutschen beauftragt worden. Das Schwergewicht meiner Aufgabe war, das von den Umsiedlern aus den beiden Gebieten zurückgelassene Vermögen zu erfassen, für eine Entschädigung nach dem Wertstand 1. 9. 39, also vor Kriegsbeginn, zu schätzen, dann —
soweit möglich — zu verwalten und zu verwerten. Die zweite Aufgabe war die Entgegennahme der Option für die Umsiedlung, die in Verbindung mit dem Gabinetto Emigrazione
Tedeschi per I'Alto Commissariato per la Provincia di Lubiana durchgeführt wurde. Die
dritte Aufgabe des deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten erstreckte sich darauf, die
rein technische Organisation der Umsiedlung, nämlich den Transport, vor allem der Gottscheer Bauern, in das vorgesehene Ansiedlungsgebiet nach Rann, das sogenannte Ranner Dreieck, vorzubereiten und durchzuführen. Vor diesen eigentlichen Aufgaben hatte
ich an Verhandlungen zur Vorbereitung der Durchführung der Umsiedlung in Rom insoweit teilzunehmen, als es sich um die Klärung und vertragliche Regelung wirtschaftlicher
Fragen handelte. Politische Aufgaben, wie etwa Propaganda für die Umsiedlung, Auswahl
der Umsiedler nach gewissen Gesichtspunkten sowie alle mit der Volkspolitik des 3. Reiches verbundenen Fragen lagen nicht im Aufgabenbereich des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten; diese wurden vielmehr durch die hierfür vorgesehene, völlig getrennt
arbeitende Organisation EWZ (ich glaube „Einwandererzentrale”) besorgt, die mit einem
Stabe und einem als Büro hierfür vorgesehenen Eisenbahnzuge sich in das Umsiedlungsgebiet begab und hier die sogenannte „Vor- und Durchschleusung” der umzusiedelnden
Optanten durchführte.
Nach einigen Angaben über den Verbleib der Akten der Dienststelle des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten fährt der Vf. fort:
Über die Umsiedlung der Gottscheer Volksdeutschen wurde zum ersten Male gesprochen,
nachdem Hitler in Graz in einer Rede im April 1941 einen entsprechenden Aufruf hierzu
erlassen hatte. Der Gedanke war der, die in der Gottschee auf einer Fläche von etwa 800
km2 ansässige volksdeutsche Gruppe aus diesem Gebiet in die südliche Steiermark umzusiedeln. Der Ausgangspunkt für diese Umsiedlung war nach meiner Erinnerung, daß
das slowenische Gebiet, also das Gebiet um Laibach und die Gottschee, zu Beginn des
Jahres 1941 italienisch besetzt war und in irgendeiner Form dem italienischen Einfluß
auch für die Zukunft unterstellt werden sollte. Die italienische Seite ging nach meiner
Erinnerung zunächst sehr zögernd auf die Umsiedlungsabsichten ein. Offenbar, weil sie
erkannt hatte, daß dieses Gebiet stark von Volksdeutschen besiedelt war, und die italienische Seite fürchten mußte, daß durch die Umsiedlung ein Vakuum entstehen könnte. Es
zeigten sich damals schon Ansatzpunkte für eine jugoslawische Partisanenbewegung, und
man fürchtete wohl von italienischer Seite, daß diese Partisanen sich in einem leeren
Raum, wie der Gottschee, festsetzen und damit militärische und politische Schwierigkeiten für die talienische Besatzungsarmee entstehen könnten.
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Die deutsche Volksgruppe war in der Gottschee organisiert; ihre Vertreter unterstützten
den Umsiedlungsgedanken der deutschen Seite und entwickelten auch innerhalb der
Volksgruppe eine gewisse Propaganda für die Umsiedlung. Gegenüber der auch in der
Gottschee hörbaren Kritik an der Umsiedlung waren zwei Argumente durchschlagend,
nämlich: daß 1. ein fruchtbares, bäuerliches Ansiedlungsgebiet festgelegt war und 2. bei
Abwanderung des größeren Teiles der Volksdeutschen die Verbleibenden in einem leeren
Gebiet zurückblieben, für die Zukunft mit einer Neusiedlung des Gebietes mit NichtDeutschen rechnen mußten, somit also als volksdeutsche Gruppe mit den bis dahin respektierten Sonderrechten untergehen würden. — Diesem Argument der politischen Vereinsamung ist es wohl zuzuschreiben, daß die in der Gottschee ansässige Volksgruppe
verhältnismäßig geschlossen optierte und schließlich umsiedelte. — In der Stadt Laibach
war die deutsche Volksgruppe weniger markant, daher war auch in dem Stadtgebiet sehr
viel weniger Propaganda für eine Umsiedlung zu spüren und die Unentschlossenheit zur
Umsiedlung sehr viel größer.
Nach Vorgesprächen zwischen dem deutschen und italienischen Auswärtigen Amt kam es
Mitte Juli 1941 zu Verhandlungen in Rom. Diese Verhandlungen wurden von einem
Staatssekretär des italienischen Außenamtes und einem besonderen Vertreter des deutschen Auswärtigen Amtes geführt. Beide Seiten hatten eine größere Anzahl von Sachverständigen bei sich. So war auf deutscher Seite das Finanzministerium und die DUT vertreten. Die deutsche Volksgruppe war bei diesen Verhandlungen meiner Erinnerung nach
nicht zugegen.
Zweck dieser Verhandlungen in Rom war, die Grundlagen für eine Option festzulegen,
also vor allem die politischen Voraussetzungen über die Auswanderung/Einwanderung zu
regeln und darüber hinaus ein Abkommen über die Verwaltung des hinterlassenen Vermögens zu erreichen. Während die erste Aufgabe dem Grundsatz nach gelöst werden
konnte, blieben die vermögensmäßigen Verhandlungen im Vorfeld stecken. Weder die
deutsche noch die italienische Seite hatten ausreichendes Material über das zu behandelnde Vermögen in der Hand. Man war sich nicht einmal genau im klaren, wieviel Umsiedler in Frage kämen, so daß man auch nicht genau wußte, wieviel landwirtschaftliches,
forstwirtschaftliches oder städtisches Grundvermögen, wieviel und welche Art von Unternehmungen in die Umsiedlung hereingehörten. Die Entsendung von Sachverständigen in
das Umsiedlungsgebiet führte auch keineswegs zu Angaben und Unterlagen, die bei den
Verhandlungen hätten verwertet werden können.
Im Laufe der Verhandlungen schlug dann die italienische Seite vor, daß zu der vorgesehenen vermögensmäßigen Übernahme keine staatliche Organisation der italienischen
Seite aufträte, sondern eine private Gesellschaft. Es stellte sich, durch ihren Direktor,
Herrn Dr. Aldo Samaritani, vertreten, hierzu der Kommission in Rom die Societä Generale
Immobiliare vor.
Die vermögensmäßigen Verhandlungen in Rom endeten dann schließlich im August damit, daß die politischen Fragen wegen der Umsiedlung geklärt wurden und die Durchführung der Option für den Oktober des Jahres 1941 vereinbart wurde, während alle Fragen,
die mit der Abwicklung des Vermögens zusammenhingen, Gegenstand der Unterhandlungen zwischen der Societä Generale Immobiliare und der von ihr für diesen Zweck vorgesehenen Tochtergesellschaft, der EMONA, mit Sitz Laibach, einerseits und dem Deutschen Um-siedlungsbevollmächtigten, mit Sitz Laibach, andererseits sein sollten.
Am 20. 10. 1941 begann sodann die Umsiedlung mit der Durchführung der Option. Sowohl in der Stadt Laibach als auch in der Gottschee wurden Anschläge, und zwar in zwei
Sprachen, deutsch und italienisch, angebracht, die die Volksdeutschen aufforderten, eine
Erklärung zur Umsiedlung, ebenfalls deutsch und italienisch abgefaßt, an hierfür vorgeGedruckt von http://www.gottschee.at
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sehenen Sammelstellen abzugeben. In dieser Optionserklärung sollte der Wille zur Option
bekanntgegeben werden sowie auch das Vermögen — nach Sparten geordnet — aufgeführt werden, das der Umsiedler besaß. Diese Erklärung ging in einer Fassung an die in
Laibach eingerichtete italienische Zentrale, nämlich das oben erwähnte Gabinetto Emigrazione Tedeschi per l'Alto Commissariato per la Provincia di Lubiana, und in einem
zweiten Exemplar an die Dienststelle des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten. Eine
Propaganda für die Umsiedlung war weder für die italienische noch für die deutsche
Dienststelle zugelassen.
Für den Raum Laibach, insbesondere das Stadtgebiet, ergaben sich in der Optionszeit
1844 Optionsmeldungen. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde in der Optionszeit
innerhalb der Volksgruppe die Frage, ob umgesiedelt werden sollte oder nicht, sehr eifrig
diskutiert. Volksdeutsche Optanten kamen auch zur Dienststelle des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten, um sich über die Aussichten der Option zu informieren und allgemein beraten zu lassen. Abgegebene Optionserklärungen wurden vielfach innerhalb
der Optionszeit zurückgezogen und zum Teil erneut gegeben. Da der Vermögensausgleich und auch die Frage der Ansiedlung, speziell der in der Stadt Laibach wohnenden
Volksdeutschen, nicht eindeutig geklärt war, blieben bei den Optanten viele Zweifel offen.
Um auch diese zu klären, wurde mit der italienischen Optionsstelle stillschweigend eine
Nachoptionsfrist vereinbart, innerhalb deren weitere 1013 Optionsmeldungen eingingen.
Hiervon wurden später wiederum 177 Optionen, teils aus Vermögens- teils aus familiären
Gründen, zurückgezogen. Das Gesamtergebnis der Option betrug für die Stadt Laibach
2680 Optanten gegenüber der Schätzung der Zahl der Volksdeutschen in der Volksgruppe Laibach auf 1070.
Als Ansiedlungsgebiet für die volksdeutschen Umsiedler aus Laibach wurde sodann SüdkärntenlKrain bestimmt, welches in unmittelbarer Nachbarschaft von Laibach lag. Aus der
Nähe des Umsiedlungsgebietes ergab sich, daß später auch solche Umsiedler, die optiert
hatten, wieder nach Laibach zurücksiedelten. Diese Bewegung ist aber den offiziellen
Stellen unbekannt geblieben.
Für die Umsiedler aus dem Landgebiet Gottschee ergaben sich aus den eingangs erwähnten Gründen sehr viel klarere Optionsverhältnisse. Hier wurden insgesamt schließlich
12.104 Optanten festgestellt und auch zur Umsiedlung von der EWZ zugelassen.
Der Abtransport der Umsiedler setzte Mitte November 1941 ein und sollte nach den Vereinbarungen mit dem 31. 12. 41 abgeschlossen sein.
Für die in Laibach ansässigen Umsiedler war das Transportproblem nicht besonders groß,
da hier die normalen Eisenbahn- und Auto-Verbindungen ausreichten, um den Transport
der Personen und der beweglichen Habe durchzuführen.
Sehr viel schwieriger war der Abtransport der Volksgruppen aus der Gottschee. Hier war
von den Ansiedlungsstäben in der südlichen Steiermark die Anordnung ergangen, die
Umsiedlungstransporte so durchzuführen, daß gemischte Transporte aus Personen und
ihrer beweglichen Habe einschließlich Vieh zusammengestellt wurden. Dies sollte die Ansiedlung der Betreffenden erleichtern. Der Abtransport wurde durch diese Anweisung
jedoch erschwert, weil von fünf oder sechs Abreise-Stationen in dem Gebiet Züge zusammengestellt werden mußten, die Personenwagen, Viehtransportwagen, Geräte- und
Mobiliarwagen enthalten mußten. Dieses organisatorische Problem wurde durch Vereinbarungen zwischen der deutschen und der italienischen Eisenbahn gelöst. Ein besonderer
Transportstab des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten, der in der Zeit der Hochbeschäftigung 400, meist Volksdeutsche, umfaßte, sorgte für die reibungslose und pünktliche Abfertigung der Züge.
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Sehr viel schwieriger noch als die Zusammenstellung und Abfertigung der Züge war der
Transport der Umsiedler aus den vielfach hoch in den Bergen gelegenen Dörfern zu den
Abtransportbahnhöfen. Dieser Transport sollte nach ursprünglicher Planung mit Lastwagen durchgeführt werden. Hierfür wurden von den Umsiedlungseinrichtungen in Deutschland 70 Lastwagen mit zum Teil holländischen Kraftfahrern bestimmt. Es ergaben sich
gewisse Unzuträglichkeiten, da die holländischen Kraftfahrer in dem Gebiet, das, wie eingangs er-wähnt, schon mit Partisanen durchsetzt war, die Fahrten durch die Wälder nicht
machen wollten. Ende November, als dann die Transporte losgehen sollten, setzte in dem
wald¬reichen, recht hügeligen, teilweise auch bergigen Land sehr starker Schneefall ein,
so daß ein Autotransport nicht möglich gewesen wäre. Außerdem scheiterte diese ursprüngliche Planung auch daran, daß die zugesagten Benzinmengen nicht angeliefert
wurden. Es ergab sich also für den Transportstab die Notwendigkeit, die gesamte Planung vom Auto auf Pferdefuhrwerke und Schlitten umzustellen. Trotz dieser erheblichen
technischen Schwierigkeiten ist es gelungen, den Abtransport der Optanten reibungslos
und ohne erhebliche Verluste termingerecht durchzuführen.
Die Vermögenserfassung stieß in dem ländlichen Gebiet der Gottschee auf erhebliche
Schwierigkeiten. In der Gottschee war eine besondere Dienststelle des Deutschen Umsiedlungsbevollmächtigten, die die Vermögenserklärungen sammelte, kontrollierte und
durch eine Vielzahl von Personen überprüfen ließ. Ortliebe Besichtigungen mußten durchgeführt werden, ggf. mußten auch Verwalter bestellt werden. Da die gesamte bewegliche
Habe und auch das Vieh abtransportiert war, handelte es sich hier nur um die Verwaltung
von leeren Häusern, Stallungen und dazugehörigen Einrichtungen.
Im Bereich der Stadt Laibach, wo es sich im Wesentlichen um städtischen Grund- und
Hausbesitz handelte, war die Erfassung sehr viel leichter. Wirtschaftliche Unternehmungen sind in der Stadt Laibach nur in sehr geringem Umfang in die Verwaltung der Umsiedlungsstelle gekommen. Hier bemühen sich die Umsiedler selbst um die erforderliche
Abwicklung. Schwierigkeiten bestanden im ländlichen Bereich vor allem darin, daß der
Umfang der ländlichen Besitzungen möglichst exakt festgestellt werden mußte. Hierbei
war zu unterscheiden zwischen ländlich genutzten und forstwirtschaftlich genutzten Vermögen. Außerdem gab es die sogenannten Nebenbetriebe, wie Sägereien, Gärtnereien,
Mühlen usw. Neben der Erfassung dieser Vermögenswerte war eine Schätzung erforderlich, die nach einem bestimmten Schätzrahmen nach dem Wertstand vom 1. 9. 1939
durchzuführen war. Außerdem war eine Verwaltung unumgänglich, die zu verhindern
hatte, daß diese Objekte durch natürliche Einflüsse zerstört wurden.
Im Jahre 1942 etablierte sich in Laibach die EMONA, die mit einem relativ großen Stab
italienischer und slowenischer Mitarbeiter nunmehr mit der Dienststelle des Deutschen
Umsiedlungsbevollmächtigten in Verbindung trat, um die Vermögensteile zu übernehmen. In sehr langwierigen Verhandlungen, die in Laibach begannen, dann aber in Rom zu
Ende geführt wurden, wurde festgelegt, daß der landwirtschaftliche Besitz, der dem Umsiedlungsverfahren unterlag, etwa 40.000 ha groß war. Hierfür wurde mit der italienischen Stelle ein Globalpreis von 3000 Lire je ha vereinbart (Kurs etwa RM 1 = 60—70
Lire). Für den städtischen Grundbesitz in Laibach und der Gottschee wurden ebenfalls
durch Vornahme von Einzelschätzungen Globalpreise ausgemacht; desgleichen wurden
die Schulden, die auf dem ländlichen und städtischen Besitz ruhten, geschätzt, so daß
insgesamt im Jahre 1943 ein Vermögen von 150 Millionen Lire für das gesamte Umsiedlungsvermögen durch Pauschalpreise fixiert wurde. Da ursprünglich die sukzessive Übernahme des Vermögens durch die EMONA in einem Zeitraum von 10 Jahren ab 1942 fixiert war, alle Beteiligten aber Wert darauf legten, daß die Zahlung für dieses zu übernehmende Vermögen möglichst umgehend und bar erfolgte, wurde auf diesen Wert von
150 Millionen Lire ein Diskont für Barzahlung gewährt, so daß die Zahlungsverpflichtung
der EMONA Anfang 1943 mit 127,4 Millionen Lire fixiert worden ist. Auf diesen Barkaufpreis hat die EMONA nach meiner Erinnerung auch Teilzahlungen geleistet.
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Durch die politischen Schwierigkeiten im Gebiet der Gottschee, insbesondere hervorgerufen durch die wachsende Tätigkeit der Partisanen, konnte die EMONA sich nicht mehr
in den Besitz der Liegenschaften setzen. Außerdem verließen die Italiener Ende
1943/Anfang 1944 das slowenische Gebiet. Das Gebiet wurde Okkupationsgebiet und den
deutschen Militär¬behörden unterstellt. Demzufolge wurde der Deutsche Umsiedlungsbevollmächtigte im Ein-vernehmen mit der EMONA und unter Bestätigung durch die deutschen Militärbehörden wieder zum Verwalter des Vermögens, und zwar dieses Mal treuhänderisch eingesetzt. Da seine Verwaltung der ländlichen Gebiete im Bereich der Gottschee nicht mehr möglich war, erstreckte sich die Verwaltungstätigkeit des Deutschen
Umsiedlungsbevollmächtigten nach dieser Zeit im wesentlichen noch auf die Bereinigung
von Schulden und Forderungen, die die Umsiedler hinterlassen hatten. Hierauf legten die
örtlichen Stellen begreiflicherweise Wert.
Der Deutsche Umsiedlungsbevollmächtigte liquidierte etwa im Februar 1945 seine
Dienststelle, indem er die slowenischen Angestellten in aller Ordnung entließ, die Akten
nach Velden/Wörthersee verbrachte und für das in Laibach verbleibende Vermögen, insbesondere Bargeld und Bankguthaben, einen örtlichen Treuhänder in der Person eines
dortigen Rechtsanwaltes einsetzte, der den Auftrag erhielt, diese Werte der Stelle übergeben, die sich hierfür als rechtmäßig auswies. Diese Maßnahme war damals notwendig,
weil die Stadt Laibach unmittelbar vor der Besetzung durch die Partisanen stand.
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Da merarin
1. Biə wriə (wie früh) ischt aûf də mêrarin,
Dai scheanə, dai júngə mêrarin.
2. Shi schteanot (steht) schmoaronsch (des Morgens) guer wriə auf,
Shi geanot (geht) baschn dai baisə baschə (Wäsche),
3. Zan proitən mêr, zan tiəfm scheabə (See).
Shi hêwət uən (hebt an), shi baschət schean.
4. Am mêra du shbimət oin schifle kloin,
Atinə (drinnen) du shizənt zbean (zwei) jùnga hearn:
5. „Gûətn moarn, dû scheanai mêrarin,
Dú scheanai, dú júngai mêrarin!”
6. „Schean donk, schean donk iər jûngə hearn,
Wil guətə moargn hon ich a beank (wenig)!”
7. Wom nêgle (Finger) ar ziəchət oin wingərle (Ring):
„Nim hin dû scheanə mêrarin!”
8. „I pins et (nicht) dai scheanə mêrarin,
I pin jo dai bintlbaschərin (Windelwäscherin).”
9. Draf shezənt shai shə afs schifle kloin
Unt wuərənt (fahren) ibr 's proitə mer.
10. „Dú pischt laibər (doch) dai scheanə mêrarin,
Dai scheanə, dai jûngə mêrarin!”
11. Shi namət (nimmt) oin hîdrle (Tüchlein) in də hont
Unt wuərət (fährt) îbrs proitə mêr.
12. Unt biə shi otr (danach) hin ischt kâm (gekommen),
Dort griəsənt shai shə únt haushnt (halsen) shai shə
13. Unt púshənt (küssen) shai shə də mêrarin,
Dai scheanə, dai jungə mêrarin.
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