Produktionsstandort Deutschland – quo vadis?

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Produktionsstandort Deutschland – quo vadis?
BCG
The Boston Consulting Group
Produktionsstandort Deutschland –
quo vadis?
Oktober
2004
Fertigungsverlagerungen – warum es sie gibt, wie sie
sich entwickeln werden und was wir dagegen tun können
Als weltweit führende strategische Unternehmensberatung entwickeln wir mit unseren
K u n d e n i n n o v a t i v e S t r a t e g i e n , d i e i h n e n s p ü r b a r e We t t b e w e r b s v o r t e i l e v e r s c h a f f e n u n d
das Unternehmensergebnis nachhaltig verbessern. Unser Beratungsansatz basiert auf
m a ß g e s c h n e i d e r t e n K o n z e p t e n , d i e w i r i n s i c h t b a r e Ve r ä n d e r u n g u m s e t z e n . 1 9 6 3 i n d e n
USA gegründet, arbeiten heute mehr als 2.600 Berater weltweit für uns – 550 davon in
d e n s i e b e n d e u t s c h e n B ü r o s u n d i n W i e n . M e h r ü b e r u n s e r f a h r e n S i e u n t e r : w w w. b c g . d e
© 2 0 0 4 T h e B o s t o n C o n s u l t i n g G r o u p G m b H. A l l e R e c h t e v o r b e h a l t e n .
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INHALTSVERZEICHNIS
VOR WORT
3
FERTIGUNGSVERLAGERUNGEN
7
Warum es sie gibt, wie sie sich entwickeln werden und was wir dagegen tun können
Die verarbeitende Industrie ist immer noch ein wichtiger Pfeiler der deutschen Wirtschaft
7
Schwache Nachfrage und vermehrte Importe setzen die verarbeitende Industrie unter Druck
7
Abwanderungsrisiko hängt vom Produkt ab – flexible Antworten sind notwendig
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Die Struktur einzelner Branchen wird sich grundlegend verändern
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Deutschlands industrielle Basis wird schrumpfen – ein bis zwei Millionen Arbeitsplätze direkt betroffen
21
Der Strukturwandel muss und kann bewältigt werden
23
Die Gegenmaßnahmen – das Programm für Deutschland
24
1
VORWORT
Die Sorge über den Standort Deutschland bestimmt die öffentliche Diskussion. Vielfältige Reformen sind auf
den Weg gebracht. Die Richtung stimmt, die Konsequenz muss sicherlich verstärkt werden. Die Bevölkerung
spürt zwar den Handlungsdruck, das Ziel ist ihr aber unklar, zumindest jedoch nicht konkret genug. Eine besondere Rolle spielt dabei die Verlagerung von Industriearbeitsplätzen ins Ausland. Die Bevölkerung nimmt sie zwar
als ernstes Problem wahr, kann sie aber kaum in ihrer Komplexität verstehen oder gar Gegenmaßnahmen sehen.
Die Konsequenzen sind bekannt: Verunsicherung, Kaufzurückhaltung, Unternehmenskrisen (die meist jedoch
von anderen Ursachen geprägt werden) und eine polarisierende Diskussion um längere Arbeitszeiten und
Lohnverzicht. Dieser Diskussion, die verständlicherweise eine stark emotionale Komponente hat, wollten wir
eine analytische Basis geben – sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Unternehmen und Betrieben.
Die Ergebnisse:
■
Die Industrieproduktion wird sich in Deutschland zunehmend von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung abkoppeln, weil die Nachfrage aus dem Inland und aus Europa nur noch langsam steigt, gleichzeitig aber die Importe aus Niedriglohnländern überproportional wachsen. Gekoppelt mit einem
erwarteten branchenabhängigen Produktivitätsgewinn von zwei bis drei Prozent pro Jahr wird die
Beschäftigung im Fertigungsbereich in den heutigen Industrien in Deutschland zwangsläufig sinken.
Werden keine Gegenmaßnahmen ergriffen, sind zwischen ein und zwei Millionen Arbeitsplätze über
die nächsten zehn Jahre in der Industrie gefährdet. Ob und inwieweit Arbeitsplätze ins Ausland abwandern, hängt von den Kostenunterschieden zum Ausland und der prinzipiellen "Verlagerungsfähigkeit"
der Produkte ab. Diese Faktoren lassen sich nur begrenzt auf Branchenebene bestimmen, sie sind in
hohem Maße produktspezifisch.
■
Dies setzt zukünftig eine noch höhere Flexibilität auf Unternehmens- und Betriebsebene voraus, als dies
bisher notwendig und denkbar war – bei den Entlohnungssystemen genauso wie in der Produktionstechnik und bei Arbeitszeitmodellen.
3
■
Es ist die gemeinsame Verantwortung von Politik und Unternehmen, einerseits die Abwanderung von
Arbeitsplätzen zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen und andererseits neue Stellen in wachsenden Branchen bzw. die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Dies kann nur im Dienstleistungsbereich und
über Innovationen geschehen. Andere Volkswirtschaften liefern den Beweis für die Machbarkeit: Der
Anteil der Dienstleistungen an der gesamten Wirtschaftsleistung liegt in Deutschland immer noch erheblich niedriger als in vergleichbaren hoch entwickelten Ländern. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Wirtschaft und Politik gemeinsam handeln; notwendige Reformen dürfen nicht nur konzipiert, sondern müssen der Bevölkerung auch vermittelt und in die Praxis umgesetzt werden.
Wir brauchen wieder "Lust auf Zukunft". Noch verfügt Deutschland über eine vom Ausland bewunderte Basis
für diese Veränderungen. Wir müssen die Zeit nutzen, um den notwendigen Umbau Deutschland gemeinsam zu
schaffen.
Hintergrund für diese Studie war ein konkretes Projekt für die BASF, für die wir die Verlagerungstrends der relevanten Kundenindustrien untersucht haben. Da die chemische Industrie eine Vielzahl von Abnehmerindustrien
mit Produkten versorgt, lag es nahe, die Untersuchung auf die gesamte Volkswirtschaft auszudehnen. Basis dieser Überlegungen waren neben einer Vielzahl von Kostenanalysen mehr als 100 Gespräche mit Industrievertretern aller Branchen in Deutschland, Europa, den USA und Asien. Unser Dank gilt neben der BASF, die uns
erlaubt hat, die gewonnenen Kenntnisse zu veröffentlichen, auch den Mitarbeitern von BCG, die diese Studie
inhaltlich mit gestaltet haben – insbesondere Martin Koehler, Dr. Alexander Hauenschild, Dr. Dierk Beyer, Karin
Fleschutz, Isabel de Paoli, Tassilo Krug von Nidda, Heidi Polke und Gaby Mayer.
München, im Oktober 2004
Dr. Peter Strüven
Geschäftsführer
4
Ralf A. Spettmann
Geschäftsführer
FERTIGUNGSVERLAGERUNGEN
Warum es sie gibt, wie sie sich entwickeln werden und was wir dagegen tun können
Die verarbeitende Industrie ist immer noch ein wichtiger Pfeiler der deutschen Wirtschaft
Die Industrie hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in Deutschland: Auch wenn Dienstleistungen in der Vergangenheit einen stetig steigenden Anteil am Bruttosozialprodukt eingenommen haben, sind immer noch 7,8
Millionen der 38 Millionen Erwerbstätigen in der Industrie beschäftigt. Sie erbringen 24 Prozent der deutschen
Wirtschaftsleistung und den überwiegenden Teil der Exporte. Allein an diesen Zahlen lässt sich ermessen, wie
wichtig eine solide industrielle Basis für Deutschland ist.
Die Diskussion um den Erhalt Deutschlands als Fertigungsstandort wird vor dem Hintergrund einer sich globalisierenden Wirtschaft, der Osterweiterung der EU und des starken Wirtschaftswachstums in den "Emerging
Markets" – insbesondere in China – geführt. Dadurch werden auch deutsche Unternehmen globale Produktionsmöglichkeiten verstärkt nutzen und nutzen müssen. Es stellt sich die Frage, wie stark die deutsche Industriebasis durch Verlagerungen in Niedriglohnländer gefährdet ist, welche Branchen oder Produkte davon
betroffen sind und was dagegen getan werden kann.
Schwache Nachfrage und vermehrte Importe setzen die verarbeitende Industrie unter Druck
Die Nachfrage nach Industrieprodukten steigt in Europa (EU-15) bis zum Jahr 2015 mit ca. 2,2 Prozent pro Jahr.
Während des letzten Jahrzehnts betrug dieser Wert noch durchschnittlich ca. 2,7 Prozent. Weshalb hat sich der
Anstieg verlangsamt?
■
Die Märkte im Inland sind zunehmend gesättigt, allerdings existieren große Unterschiede (Abbildung 1).
■
Die Investitionstätigkeit deutscher und/oder ausländischer Unternehmen in Deutschland hat sich aufgrund
unsicherer und abnehmender Umsatz- und Gewinnerwartungen der Unternehmen im Inland abgeschwächt.
■
Um Wachstumsmärkte besser und schneller bedienen zu können, werden Investitionen ins außereuropäische Ausland verlagert.
7
■
Um Kostenvorteile zu nutzen, wurden Investitionen in osteuropäische und asiatische Länder verlagert.
■
Der Staat (Bund, Länder und Gemeinden) reduziert wegen der zunehmenden Staatsverschuldung seinen
Konsum und seine Investitionen.
DIE NACHFRAGE STEIGT NUR NOCH MODERAT
Prognostiziertes Nachfragewachstum je Industrie in Europa bis 2015 (EU-15, in % p. a.)
4,0
3,5
3,5
3,0
3,0
2,5
2,5
2,4
2,1
2,0
2,0
2,0
1,9
1,9
2,0
2,2
1,8
1,7
1,5
1,5
1,0
1,0
0,5
0,5
0,0
Elektronik
Haus- Pharma VerMöbel
haltspackung
geräte
(klein)
Haushaltsgeräte
(groß)
Fernseher
Chemie Papier
Sportartikel
Automobil
Teppich Lebens- Büroaus- Textilien
mittel stattung
Quellen: OECD; Weltbank
Abbildung 1
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Deutschland in den nächsten zehn Jahren stärker als der europäische
Durchschnitt wachsen wird. Gleichzeitig steigen Importe aus Niedriglohnländern (insbesondere Osteuropa
und China). Allein zwischen 1997 und 2003 haben sich diese Importe verdoppelt – aus den neuen Beitrittsländern, aus Asien und dort vor allem aus China (Abbildung 2).
8
IMPORTE AUS NIEDRIGLOHNLÄNDERN STEIGEN MIT HOHER GESCHWINDIGKEIT
Verdoppelung der Importe von 1997 bis 2003
Wachstum der Importe nach Deutschland
( in % p. a. 1997 – 2003)
Importquote (in % des Bruttosozialprodukts)
30
30
15
25
25
25
21
18
20
20
17
15
3
Sonstige
2
USA/
Kanada
14
EU-15
6
Niedriglohnländer
3
2
14
14
15
15
8
10
5
10
13
5
3
0 Tschechien Ungarn
Mexiko
China
Polen
Russland
0
1997
2003
Quellen: Eurostat; BCG-Analyse
Abbildung 2
Regional haben sich in den letzten Jahren deutliche Verschiebungen bei den Importen ergeben:
■
Osteuropa ersetzt Importe aus den anderen Ländern der Europäischen Union. Dieser Trend wird sich
weiterhin verstärken, da langfristig Lohnkostenunterschiede bestehen bleiben, die Strukturkosten der
Beitrittsstaaten teilweise deutlich geringer sind und Investitionen aus den Strukturfonds der EU die Infrastruktur deutlich verbessern werden. Damit wird sich eine ähnliche Entwicklung ergeben, wie sie nach dem
Beitritt von Spanien und Portugal 1986 zur EU zu beobachten war.
■
China ersetzt Importe aus Japan und Südostasien. Neben europäischen Unternehmen verlagern insbesondere japanische, koreanische und taiwanesische Hersteller ihre Produktion nach China und setzen
damit alle anderen Unternehmen in der Welt durch eine günstigere Kostenposition unter Druck. Auch
hier sind die signifikant geringeren Lohnkosten die entscheidende Ursache; hinzu kommen noch der
attraktive und rasant wachsende chinesische Binnenmarkt und die Tatsache, dass zahlreiche qualifizierbare Mitarbeiter verfügbar sind.
Durch diese Zunahme der Importe in den letzten Jahren spielen Niedriglohnländer bereits in vielen Branchen
eine wichtige Rolle. Die höchste Durchdringungsrate gibt es in der Textil-, Leder- und Bekleidungsindustrie
sowie in der Elektronikbranche. Das ist bekannt. Viele wissen jedoch nicht, dass selbst in solchen Branchen
immer noch ein signifikanter Anteil der Wertschöpfung in Deutschland bzw. in klassischen Industrieländern
angesiedelt ist. Gleichzeitig sind bisher viele, gerade für Deutschland wichtige Industrien wie der Maschinenbau,
die Chemie oder die Automobilindustrie weitgehend von Importen aus diesen Ländern verschont geblieben.
9
NIEDRIGLOHNLÄNDER MIT ERHEBLICHEM ANTEIL IN WESENTLICHEN BRANCHEN
Branche (Gesamtwert der in Deutschland produzierten und
importierten Waren in Mio. €)
Bekleidung
Lederindustrie
DV-Geräte und -Anlagen
Möbel, Schmuck, Spielwaren
Elektronik
Textilien
Holzindustrie
Eisen- und Stahlerzeugnisse
Automobilindustrie
Mess- und Regeltechnik, Feinmechanik
Gummi- und Kunststoffwaren
Glas, Keramik
Nahrungsmittel
Metallerzeugnisse
Sonstige Fahrzeuge
Maschinenbau
Papierindustrie
Chemie und Pharma
Druckerzeugnisse
(20.759)
(7.589)
(34.210)
(26.021)
(47.213)
(18.875)
(48.788)
(10.927)
(136.354)
(33.472)
(24.321)
(39.670)
(78.317)
(51.020)
(33.168)
(116.723)
(27.039)
(125.477)
(26.957)
Anteil der Importe aus Niedriglohnländern am Gesamtwert der in
Deutschland produzierten und importierten Waren (in %)
61
55
42
34
33
29
16
16
12
11
10
10
9
9
9
8
5
4
3
Quellen: Statistisches Jahrbuch 2003 Deutschland; Comext-Datenbank; BCG-Analyse
Abbildung 3
Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind unterschiedlich zu bewerten. Zum einen gibt es positive Effekte:
■
Durch den Kostenvorteil der importierten Produkte werden diese in Deutschland günstiger angeboten.
Somit steigt das verfügbare Einkommen und kann beispielsweise für heimische Dienstleistungen verwendet werden. So sind – ausstattungsbereinigt – Autos in den letzten zehn Jahren günstiger geworden; auch
die Preise für Unterhaltungselektronik sinken seit Jahren.
■
Durch Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland steigt die internationale Wettbewerbsfähigkeit
der heimischen Hersteller und damit die Sicherheit aller Arbeitsplätze.
■
Durch die hohe Investitionstätigkeit im Ausland steigt – wie der derzeitige Exportboom belegt – insbesondere die Nachfrage nach Ausrüstungsgütern, die oft in Deutschland hergestellt werden. Dies trägt ebenfalls zur Sicherung verschiedener Branchen in Deutschland bei.
Auf der anderen Seite gibt es negative Effekte, die sich insbesondere auf die Beschäftigung im Produktionsbereich in Deutschland auswirken:
10
■
Durch starke internationale Konkurrenz schrumpfen die Absatzchancen deutscher Unternehmen, wenn sie
nicht zu den gleichen Bedingungen produzieren können wie ihre globalen Wettbewerber. Dadurch werden
deutsche Unternehmen gezwungen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
■
Schaffen es Unternehmen nicht, sich entsprechend anzupassen, drohen Übernahmen aus dem Ausland
(z. B. Thomson, durch TCL), oder es kommt zu einem Verdrängungswettbewerb in Deutschland, bei dem
ausländische Unternehmen (z. B. Haier) oft die Oberhand gewinnen und dann Arbeitsplätze noch schneller in Niedriglohnländer verlagern.
Abwanderungsrisiko hängt vom Produkt ab – flexible Antworten sind notwendig
Der Verlagerungsumfang, die Verlagerungsgeschwindigkeit und damit auch die zu bewältigenden Herausforderungen unterscheiden sich signifikant nach Branche und Produkt.
Vor allem zwei Treiber entscheiden darüber, ob Arbeitsplätze verlagert werden, nämlich:
■
■
die Gesamtkosten (inklusive Transport nach Deutschland) und
die prinzipielle Verlagerungsfähigkeit des Produkts.
Die unmittelbar einsichtige Ursache für Verlagerungen sind Kostenvorteile. Um fundierte Aussagen über das
Abwanderungsrisiko treffen zu können, haben wir die wesentlichen Kostenelemente ausgewählter Produkte
untersucht. Demnach existieren signifikante Kostenunterschiede vor allem in den folgenden Bereichen:
■
Lohnkosten: Einer der wichtigsten Treiber für die Verschiebung der Warenströme sind die Lohnkostenunterschiede – sie betragen heute pro Stunde zwischen € 15 (im Vergleich zu Osteuropa) und € 18 (zu
China). Wir gehen davon aus, dass dieser Unterschied auch in zehn Jahren ähnlich hoch sein wird, da die
absoluten Zuwächse in Deutschland ähnlich hoch sein werden wie die in den Niedriglohnländern (Abbildung 4). Deswegen ist auch zu erwarten, dass die Importquote aus Niedriglohnländern weiter ansteigen
wird.
LOHNKOSTENUNTERSCHIED HEUTE CA. € 15 BIS € 18
Absoluter Unterschied wird erhalten bleiben
Erwartete Entwicklung der Lohnkosten
Vergleich historischer Lohnkosten
35
Standardisierte
Lohnkostenkurve
€ pro
Stunde
40
30
30
25
25
20
20
15
10
5
0
USA (1975 – 2002)
Korea (1980 – 2002)
Ungarn (1990 – 2002)
China (1994 – 2002)
Zeit (in Jahren)
D Lohnkosten in
Hochlohnländern
2002 – 2015
35
15
10
Erwarteter Lohnunterschied
40
Heutiger Lohnunterschied
€ pro
Stunde
2002 – 2015
D Lohnkosten in
Niedriglohnländern
2002 – 2015
5
2002 – 2015
0
Zeit (in Jahren)
Quellen: U.S. Bureau of Labor Statistics; Chinese Statistical Yearbook; BCG-Analyse
Abbildung 4
11
■
Rohmaterialien und Energie: Beide Kostenarten bewegen sich in allen Weltregionen in etwa auf dem gleichen Niveau. Teilweise kann es jedoch zu der – auf den ersten Blick paradoxen – Situation kommen, dass
gerade in China sowohl Rohstoffe als auch Energie teurer sind als in Deutschland. Ursächlich dafür ist, dass
die chinesische Volkswirtschaft unter einem chronischen Energiemangel leidet und das Wachstum so
rasant ist, dass es zu Engpässen in der Rohstoffversorgung kommt. Auf lange Sicht ist jedoch davon auszugehen, dass sich – von kleineren Differenzen abgesehen – überall Weltmarktpreise etablieren werden, dass
also diesbezüglich kein Standort über ausgesprochene Vor- oder Nachteile verfügen wird.
■
Investitionskosten: Die Niedriglohnländer beschaffen einen Teil der Fertigungsmaschinen aus den klassischen Industrieländern – zu relativ hohen Preisen. Einen großen Kostenvorteil hingegen haben Niedriglohnländer wegen der geringen Löhne der heimischen Ingenieure und Handwerker bei der Konstruktion
und beim Bau gesamter Industrieanlagen. Zum anderen sind die Investitionen in den Maschinenpark oft
geringer, da Kapital wieder durch manuelle Arbeit ersetzt wird. Dies führt zu kuriosen Situationen: So wird
beispielsweise in China oft mit der drei- bis fünffachen Personalstärke gearbeitet wie in Deutschland, und
trotzdem (bzw. gerade deswegen) besteht ein Kostenvorteil. Neben den Kostenvorteilen ergeben sich
dadurch auch Vorteile hinsichtlich der Flexibilität des gesamten Produktionssystems.
■
Logistik und Zölle: Logistikkosten wiegen einen Teil der Kostenvorteile wieder auf und sprechen damit
grundsätzlich gegen eine Verlagerung. Allerdings ist festzustellen, dass insbesondere bei hochwertigen
Produkten mit geringem Gewicht und/oder Volumen die anderen Kostenvorteile typischerweise überwiegen. Zölle spielen heute noch eine große Rolle und verhindern die Verlagerung einiger Teile und
Komponenten (z. B. in der Automobilindustrie). Mit der Einbindung Chinas in die WTO und der geplanten Aufnahme Russlands in die WTO sowie der Erweiterung der EU sinken allerdings weltweit die
Handelsbarrieren, sodass Zölle in Zukunft die Gesamtkosten deutlich geringer belasten werden. Gleichzeitig ist nicht davon auszugehen, dass eine politisch motivierte Abkehr vom Prinzip des freien Welthandels
den WTO-Prozess wieder rückgängig machen wird; dennoch werden – sporadisch aufgebaute – Handelsbarrieren auch in Zukunft nicht grundsätzlich auszuschließen sein.
Mangelnde Qualität – so eine häufig geäußerte Meinung – steht den Kostenvorteilen entgegen und kann diese
zunichte machen. Unsere Analysen zeigen allerdings ein anderes Bild: Zwar gibt es auch in den Niedriglohnländern qualitativ minderwertige Anbieter – wie übrigens in den Hochlohnländern auch –, aber es ist genauso möglich, eine vergleichbare bzw. sogar höhere Qualität in Niedriglohnländern zu produzieren. Beleg dafür ist beispielsweise, dass die qualitativ beste Fabrik von Valeo (Automobilzulieferer) in Mexiko steht und dass das
türkische Werk von Bosch-Siemens qualitativ zu den besten der Welt zählt. adidas lässt die anspruchsvollsten
Outdoorjacken in China fertigen, wohingegen einfache T-Shirts in Westeuropa bezogen werden. Einer unserer
Gesprächspartner hat seine Erfahrung mit der Verlagerung von Aufgaben in Niedriglohnländer prägnant in
einem Satz zusammengefasst: "We came for cost and we stayed for quality."
Nicht überraschend ist daher, dass bei den meisten Produkten Gesamtkostenvorteile von Niedriglohnländern
gegenüber Deutschland bestehen. In Einzelfällen können diese Vorteile durchaus 50 Prozent betragen, jedoch
ist langfristig eher davon auszugehen, dass sich im Durchschnitt aller für eine Verlagerung geeigneten Teile etwa
15 bis 20 Prozent ergeben. Nicht jeder Kostenvorteil führt allerdings zu einer Verlagerung: Beträgt der Kostenvorsprung dauerhaft weniger als zehn Prozent, ist es für die meisten Unternehmen nicht lohnenswert, die Produktion zu verlagern.
12
Die prinzipielle Verlagerungsfähigkeit haben wir anhand von 24 Faktoren untersucht und bei zahlreichen Unternehmen getestet. Demnach sind die wesentlichen Treiber für Verlagerungen:
■
Risikoüberlegungen: Viele Unternehmen setzen sich Obergrenzen für die Konzentration der Produktion
in einzelnen Regionen und Standorten. So wird Intel nach eigenen Aussagen nie alle Produkte in China
fertigen lassen, auch wenn dies ökonomisch sinnvoll wäre, genauso wie adidas und Nike immer noch Produktionsstätten in Europa und den USA unterhalten. Dahinter stehen die langfristige Stabilität der gesamten Lieferkette, eine gewisse Unabhängigkeit von Wechselkursschwankungen und teilweise auch politische
Überlegungen. Darüber hinaus sehen zahlreiche Unternehmen den Schutz ihres Wissens als nicht ausreichend gesichert an und zögern deswegen mit einer Verlagerung. Diese zögerliche Haltung wird sicherlich
noch eine gewisse Zeit die Entscheidungen zur Verlagerung bremsen. Es ist jedoch bereits absehbar, dass
insbesondere China den Beitritt zur WTO ernst nimmt und in Zukunft auch aufgrund des in China entstehenden Wissens Schutzmechanismen stärker respektieren wird.
■
Kundenanforderungen: Kunden sind teilweise bereit, für eine schnelle Lieferung oder kundenspezifische
Produkte einen höheren Preis zu zahlen. Eine schnelle Lieferfähigkeit spielt z. B. in der Textilbranche eine
entscheidende Rolle, wo es mehr darauf ankommt, Saisonartikel schnell in der richtigen Größe (nach)liefern zu können, als nur Standardware zu den geringsten Kosten zu fertigen. Daher verlagern einige Hersteller (z. B. ZARA, H&M) zwischen 10 und 30 Prozent der Produktion wieder nach Europa, um schneller
lieferfähig zu sein.
■
Reifegrad der Zuliefermärkte: Die meisten Zulieferbranchen in Deutschland können als "reif" bezeichnet
werden (z. B. die Automobilzulieferindustrie). Nur dieser Zuliefermarkt macht es heute möglich, Fahrzeuge ohne großen Kostennachteil in Deutschland zu produzieren. Dagegen muss für Autos chinesischer
Produktion oft mehr als die Hälfte der Teile aus dem Ausland importiert werden. Verlagert sich allerdings
die Zulieferindustrie in Niedriglohnländer, so folgt oft auch mit zeitlichem Abstand die Endmontage. Dies
ist wohl der Weg, den die Autoindustrie in Teilen gehen wird.
■
Produktionstechnologien und Arbeitskräfte: In vielen Niedriglohnländern – von China, Indien und einigen anderen Ländern abgesehen – sind qualifizierte Arbeitskräfte rar. Daher muss einer Verlagerung oft
eine langwierige Qualifikation der Arbeitnehmer vorausgehen. Diese Hürde schreckt anfänglich zwar einige Unternehmen ab, doch meist nicht lange, denn oft gründen sie eigene Ausbildungseinrichtungen im
Ausland, um für den eigenen Nachwuchs zu sorgen. Deutsche Großunternehmen wie Siemens machen
dies seit Jahren – auch als gelebte Entwicklungshilfe.
Am stärksten von der Verlagerung betroffen sind weitgehend standardisierbare, lohnintensive, gut zu transportierende Produkte, bei denen Lieferzeiten und Risiken beherrschbar sind. Dazu gehören viele Elektro- und
Elektronikprodukte und auch eher klassische Verlagerungsprodukte wie Schuhe und Sofas. Wesentlich schwieriger zu verlagern sind Produkte,
■
die in der Wertschöpfungskette eine besonders wichtige Rolle spielen und eine hohe Variantenvielfalt aufweisen (z. B. Autositze),
■
die transportempfindlich sind (z. B. Auslegeware verformt sich unter ihrem eigenen Gewicht beim Überseetransport) oder
■
die kapitalintensiv hergestellt werden, sodass eine Verlagerung hohe Schließungskosten nach sich ziehen
würde (z. B. Papierindustrie).
13
DER PRODUKTBLICK – UNTERSCHIEDLICHE VERLAGERUNGSLOGIK
Waschmittel
Auslegeware/
Teppichrollen
<5%
Kostenvorteile
gegenüber
(1)
Deutschland
Kühlschränke
(> 300 l)
Kunststoffverpackungen
Auto (2003)
Auto (2015)
Papier
Autositze
5 – 15 %
Schuhe
Fernseher
> 15 %
Autolenkräder
Memory-Chips
Sofas
Geringes
Verlagerungsrisiko
Hohes
Verlagerungsrisiko
Hoch
Gering
(2)
Verlagerungsfähigkeit in Niedriglohnländer
(1) Basierend auf 7 Kostenkategorien
(2) Basierend auf 24 Faktoren
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 5
Aus diesen Erkenntnissen lässt sich eine Prognose über die Intensität der Verlagerung ableiten: Auch im Jahr
2015 wird es immer noch Produkte geben, die überwiegend in Deutschland gefertigt werden können (z. B.
Autos, Papier, Verpackungen, Teppiche). Gleichzeitig werden aber die Importe aus Niedriglohnländern zunehmen, und auch in diesen Branchen wird ein großer Teil des Wachstums außerhalb Deutschlands stattfinden
(Abbildung 6).
14
SEHR UNTERSCHIEDLICHES ABWANDERUNGSRISIKO NACH PRODUKTEN
Anteil der Importe in Deutschland aus Niedriglohnländern
98
% 100
90
2015
2004
80 – 90
80
60
60
50
50
77
40
21
48
20
35
20
15
8
15
MemoryChips
Sofas
35 %
Kühlschränke
(> 300 l)
90 %
2
Autolenkräder
10 %
60 %
50 %
75 %
Auslegeware und
Teppichrollen
5%
65 %
10 %
90 %
40 %
50 %
25 %
95 %
0
Schuhe
Fernseher
Davon Osteuropa
(1)
Sonstige NLL
(vornehml. Asien)
0%
100 %
Autos
15
5
Papier
65 %
35 %
12
10
3
2
Kunststoff- Autositze
verpackungen
35 %
85 %
65 %
15 %
(1) NLL = Niedriglohnländer
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 6
Regional wird sich ein beträchtlicher Teil der Produktion nach Osteuropa verschieben. Aufgrund der vorhandenen Infrastruktur, des hohen Bildungsstandes und der Nähe zu den westeuropäischen Märkten bevorzugen viele
Unternehmen den einfacheren und risikoloseren Weg, als gleich nach Asien zu gehen. Insbesondere kleinere
und mittlere Unternehmen bevorzugen die Verlagerung der Produktion (oder von Teilen der Fertigung) nach
Osteuropa. Nur in der Elektronik, bei der Asien – historisch bedingt – einen unschlagbaren Produktionsvorsprung hat, wird Osteuropa lediglich eine untergeordnete Rolle spielen.
Diese differenzierte Betrachtung auf Produktebene macht deutlich, dass es keine pauschale Antwort auf die
Frage gibt, wie der Verlagerung von Arbeitsplätzen entgegengewirkt werden kann. Damit ist auch evident: Nur
eine höhere Flexibilität auf betrieblicher Ebene, und zwar hinsichtlich der Tages-, Wochen- und Lebensarbeitszeiten, der Lohngestaltung und -höhe sowie betrieblicher Fortbildungsmaßnahmen, kann helfen, wirkungsvolle
Gegenmaßnahmen einzuleiten.
15
Die Struktur einzelner Branchen wird sich grundlegend verändern
Überträgt man die Erkenntnisse einzelner Produktkategorien auf gesamte Branchen, so wird offensichtlich, dass
sich viele Branchen tiefgreifend in ihrer Struktur verändern werden.
DER INDUSTRIEBLICK – KOSTEN UND VERLAGERUNGSFÄHIGKEIT BESTIMMEN ABWANDERUNGSRISIKO
Waschmittelindustrie
Bauzulieferindustrie
Lebensmittelindustrie
<5%
Kostenvorteile
gegenüber
(1)
Deutschland
Glas- und Keramikindustrie
Holzindustrie
Verpackungsindustrie
Maschinenbau
Automobilindustrie
Chemieindustrie
5 – 15 %
Möbelindustrie
> 15 %
Halbleiterindustrie
Bekleidungsindustrie
Geringes
Verlagerungsrisiko
Papierindustrie
Unterhaltungselektronikindustrie
Hohes
Verlagerungsrisiko
Hoch
Gering
Verlagerungsfähigkeit in Niedriglohnländer
(2)
(1) Basierend auf 7 Kostenkategorien
(2) Basierend auf 24 Faktoren
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 7
Die positive Nachricht zuerst: Einige Branchen sind nur sehr wenig von der "Verlagerungsgefahr" betroffen, wie
z. B. die Lebensmittel- oder die Pharmaindustrie. In der Lebensmittelindustrie spielen regional unterschiedliche
Kundenanforderungen, Haltbarkeitsdauer und Hygienestandards eine überragende Rolle. Und die Pharmaindustrie verlagert kaum Arbeitsplätze, weil die Produktion nicht der entscheidende Kostentreiber ist und
zudem die Zulassungsverfahren in den Niedrigkostenländern häufig sehr komplex sind.
Andere Branchen hingegen sind massiv von der Verlagerung betroffen. Diese Industrien werden zu einem
beträchtlichen Teil Deutschland verlassen, so z. B. die Möbelindustrie und die Unterhaltungselektronik. Dabei
sind europäische Unternehmen in der Regel eher konservativ und verlagern ihre Produktion langsamer als
andere. So haben Philips und Nokia erst einen geringeren Anteil der Gesamtproduktion nach China verlagert,
als dies beispielsweise bei Motorola der Fall war (Abbildung 8). Das birgt mittelfristig die Gefahr, bei der Marktund Kostenposition ins Hintertreffen zu geraten und damit die Position auch im Heimatmarkt zu gefährden.
Gleichzeitig müssen sich alle europäischen Elektronikhersteller in Zukunft immer stärker mit TCL/Thomson
messen, die zum größten Fernsehproduzenten der Welt geworden sind und ca. 20 Prozent aller im Westen verkauften Produkte bereits in China fertigen. Dieser Anteil wird durch die chinesischen Kapitalgeber in Zukunft
noch deutlich ansteigen.
16
UNTERHALTUNGSELEKTRONIK – EINE ASIATISCHE INDUSTRIE
Beispiel 1
Anteil chinesischer Exporte je Firma in %
Kostensituation Deutschland vs. China
€ 300
250
200
30
251
49
Sonstige
190
23
Teile
100
67
0
Deutschland
75
14
15
112
50
21
20
Lohn
150
25
(1)
Material
13
12
4
51
10
60
5
China
0 TCL-Thomson
8
Motorola
Philips
Samsung
Nokia
(1) Logistik, Zölle, Verwaltungs-, Forschungs- und Entwicklungskosten
Abbildung 8
Aber es gibt nicht nur "Stay-or-go"-Entscheidungen. Das beste Beispiel dafür ist die Automobilindustrie. Die heutige Struktur ist geprägt von einer relativ lokalen Produktion und lokalen Zulieferern. So werden die meisten in
Deutschland verkauften Autos immer noch in Europa – und zu einem sehr großen Teil in Deutschland – gefertigt. Dies liegt vor allem daran, dass die Kostenvorteile in Niedriglohnländern in der Automobilindustrie heute
noch nicht so signifikant sind, dass sich eine Verlagerung – vor allem in Anbetracht der damit verbundenen
Kosten – in großem Stil lohnt (Abbildung 9). Neuinvestitionen werden hingegen bereits in großem Maß in Osteuropa getätigt. Da viele Automobilhersteller (z. B. VW, Audi, Opel) in Osteuropa bereits Fertigungsbetriebe
besitzen, werden Entscheidungen für die Produktion neuer Typen vermehrt zugunsten osteuropäischer Standorte getroffen. Damit entgeht Deutschland auch die Möglichkeit, seine Produktionsbasis in der Automobilindustrie weiter auszubauen. Durch den Produktivitätsfortschritt hat diese Entwicklung zwangsläufig einen negativen
Effekt auf die Beschäftigung. In Zukunft wird sich der Kostenabstand jedoch weiter zugunsten der Niedriglohnländer vergrößern. Dies liegt im Wesentlichen an sinkenden Zöllen (im Falle Chinas), einer sich dynamisch entwickelnden Zulieferstruktur und den größeren Serien, die in Zukunft in Niedriglohnländern gefertigt werden.
Dies wiederum wird sich in einer zunehmenden Abwanderungsgeschwindigkeit ab ca. 2010 niederschlagen. Dieser sich selbst verstärkende Netzwerkeffekt von Zulieferern und Montagekapazitäten zeigt, dass gerade in der
Automobilindustrie viel in unserer eigenen Hand liegt. Wenn deutsche Unternehmen es schaffen, durch geeignete Maßnahmen die Endmontage weiterhin in Deutschland zu halten, kann dieser Netzwerkeffekt mittelfristig
gebremst werden.
17
AUTOMOBILINDUSTRIE – KURZFRISTIG KEINE MASSIVE VERLAGERUNG VON WERKEN, WOHL ABER VON NEUINVESTITIONEN
Beispiel 2
Kostenvorteil gegenüber Deutschland für Automobilproduktion
(1)
(pro Fahrzeug)
€ 6.000
Ungarn
China
Zuliefermarkt entwickelt sich langsam
5.000
4.100
3.500
4.000
Heute noch viele Produktionsstätten mit Betriebsgrößeneffekten im
Westen
3.000
2.000
Lange Lieferzeiten bei Auftragsfertigung teilweise problematisch bei
Importen aus Übersee
1.500
Aber: Neue Investitionen (Kia, Hyundai, aber auch VW/Audi) finden
bevorzugt in Osteuropa statt
1.000
Langfristig erhöhte Verlagerungstendenz
0
0
2004
2015
2004
2015
Netzwerkeffekt treibt Verlagerung
(1) Mittelklassewagen
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 9
Gleichzeitig verändert sich heute schon die Zulieferstruktur der Automobilindustrie: Bisher beziehen die meisten deutschen Automobilhersteller den Großteil ihrer Zukaufteile aus Deutschland bzw. Westeuropa. In der
Regel werden weniger als 10 bis 20 Prozent der Güter außerhalb Europas eingekauft, vor allem, um die Transportwege so kurz wie möglich zu halten und damit Lager- und Kapitalkosten zu sparen. Dadurch hat sich über
Jahrzehnte eine wettbewerbsfähige Wertschöpfungskette – bestehend aus mittelständischen und großen Unternehmen – etabliert. Allerdings beginnt sich die Situation deutlich zu verändern. Mit der zunehmenden Entwicklung von leistungsfähigen Zulieferern in Niedriglohnländern überwiegen die Kostenvorteile in einigen
Bereichen die Nachteile der langen Lieferwege. Daher beschaffen die Automobilhersteller immer mehr in
Niedriglohnländern.
18
In Zukunft werden Lieferanten, die komplexe und individualisierte Systeme herstellen, weiterhin vor Ort, d. h.
am Ort der Endmontage des Automobils (OEMs), produzieren. Kostenvorteile sind zwar vorhanden, aber eine
Beschaffung aus fernen Regionen würde eine komplette Umstellung des heutigen Just-in-time-Prinzips erfordern. Auch "Einfachteile" werden vermutlich weiterhin aus der Region bezogen werden, da diese Teile meist vollautomatisch erstellt werden (z. B. Spritzgussteile für den Innenausbau) und der Kostenvorteil durch eine Verlagerung in der Regel sehr gering ausfallen würde. Am meisten gefährdet sind so genannte standardisierbare
Systeme und Module, wie z. B. Lenkräder, Autoradios und Leuchtensysteme (Abbildung 10). Diese können in
Massenfertigung hergestellt werden, beinhalten aber teilweise noch einen hohen Lohnkostenanteil. Wir erwarten daher insbesondere in diesen Kategorien eine deutliche und schnellere Veränderung der Zulieferstruktur.
Verstärkt wird diese Entwicklung dadurch, dass alle großen Automobilhersteller eigene Einkaufsorganisationen
im Ausland – insbesondere in China – aufbauen und aktiv nach geeigneten Lieferanten suchen. Vor allem aber
der Riesenmarkt China selbst, der sich im Wesentlichen aus heimischer Produktion bedient, sorgt dafür, dass
große Werke mit Betriebsgrößeneffekten im Weltmaßstab entstehen werden.
ZULIEFERLANDSCHAFT IM AUTOMOBILBAU WIRD SICH VERÄNDERN
Teile,
z. B. Spritzgussteile
Komponenten,
z. B. Lenkräder
und Airbags
Systeme,
z. B. Sitze und
Armaturenbretter
Automobilhersteller
2015e
2004
40 – 50
Import aus
Niedriglohnländern
(in %)
22
21
10
11
Nur geringer Lohnanteil
2
2
8
Hoher Lohnanteil
Lohnkostenvorteil wird durch
Just-in-time-Vorgaben zum
Teil überkompensiert
Montagekosten und
Lieferkettenmanagement
Standardisiertes Produkt
Haupttreiber
Kostenvorteil ist erst ab
ca. 2010 signifikant
Hohe Schließungskosten
im Westen
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 10
Übertragen auf die gesamte Zulieferbranche gehen wir davon aus, dass bis zu 50 Prozent der Teile für Autos in
Zukunft (ca. 2015) aus dem Ausland kommen könnten (Abbildung 11). Dieser Prozess hat weitreichende Auswirkungen auf die betroffenen Arbeitsplätze.
19
AUTOMOBILINDUSTRIE MIT GROSSEN UNTERSCHIEDEN – HOHER DRUCK AUF TEILE DER ZULIEFERINDUSTRIE
Beispiel 2
Kunststoffkleinteile
Dachhimmel
<5%
Kostenvorteile
gegenüber
(1)
Deutschland
Sonnenschutzblenden
Batterie
Motorteile
5 – 15 %
Kopfstützen
Autoradio
Klimaanlage
Airbags
Kabelbäume
> 15 %
Bremsen
Autoteppiche
Kühlersystem
Auto (2003)
Stoßstangen
Motor
Türsystem
Automobilindustrie
Autolenkrad
Außenspiegel
Innenspiegel
Rücklichter
Reifen
Sitzpolster
Auto (2015)
Frontscheinwerfer
Gering
(2)
Verlagerungsfähigkeit in Niedriglohnländer
Abbildung 11
20
Geringes
Verlagerungsrisiko
Hohes
Verlagerungsrisiko
Hoch
(1) Basierend auf 7 Kostenkategorien
(2) Basierend auf 24 Faktoren
Quelle: BCG-Analyse
Autositze
Instrumententafel
Karosserieteile
Deutschlands industrielle Basis wird schrumpfen – ein bis zwei Millionen Arbeitsplätze direkt betroffen
Die beschriebenen Veränderungen werden dazu führen, dass das produzierende Gewerbe in Deutschland seinen Importanteil weiter erhöhen wird; die Importe aus Niedriglohnländern werden sich zwischen 2003 und 2015
verdoppeln(Abbildung 12).
IMPORTE AUS NIEDRIGLOHNLÄNDERN WERDEN STEIGEN
Importquote (in % des Bruttosozialprodukts)
35
29 – 31
30
25
25
21
20
3
2
15
10
Sonstige
USA/Kanada
12
EU-15
3
2
14
13
5
3
0
3
2
1997
7–8
Osteuropa
6
5–6
Asien und
sonstige
NLL
2003
2015e
Niedriglohnländer:
ca. 12 – 14
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 12
Dieser Anstieg der Importe wird bei gegebenem Wirtschaftswachstum zu einer Veränderung der Beschäftigung
in der Industrie bis 2015 führen. Die Ausgangsbasis im Jahr 2003 von ca. 7,8 Millionen Erwerbstätigen (ohne Bauindustrie und Handwerk) wird sich durch drei Faktoren verändern (Abbildung 13):
■
Das prognostizierte Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent würde bei unveränderten Rahmenbedingungen
2,1 Millionen Arbeitsplätze zusätzlich schaffen.
■
Ein erwarteter Produktivitätszuwachs von zwei bis drei Prozent p. a. wird die Beschäftigungsbasis – dies ist
historisch nachweisbar – um etwa 2,5 Millionen Arbeitsplätze reduzieren.
■
Die beschriebene Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer verringert die Beschäftigungsbasis
um ca. 1,4 Millionen Arbeitsplätze.
In der Konsequenz bedeutet dies eine Gefährdung von netto knapp zwei Millionen Arbeitsplätzen.
21
ERGEBNIS: DEUTSCHLANDS INDUSTRIELLE BASIS WIRD SICH VERRINGERN
Anzahl
Arbeitnehmer
(in Mio.)
+2,1
-2,5
7,8
-1,4
6,0e
Arbeitnehmer im
produzierenden Gewerbe
2004(1)
Hebel
Zusätzliche Arbeitsplätze
durch Wirtschaftswachs(2)
tum (2,2 % p. a.)
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen
Industrie
Binnennachfrage
Wettbewerbsfähige
Industriecluster
fördern
Arbeitsplatzverlust durch
steigende Produktivität
(2 – 3 % p. a.(3)
^
= 2,5 Mio.)
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen
Industrie
Arbeitsplatzverlust durch
Verlagerung
(ca. 1,5 % p. a.)
Arbeitnehmer im
produzierenden Gewerbe
2015e
Strukturreformen
(1) Ohne Bauindustrie und Handwerk
(2) OECD; Weltbank
(3) Prognos
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 13
Daraus lassen sich drei wesentliche Handlungsfelder für das produzierende Gewerbe ableiten:
■
Verringerung der Verlagerung durch strukturelle Maßnahmen: Hier ist insbesondere die Politik gefordert,
die entsprechenden Rahmenbedingungen zu setzen, was vor allem die Flexibilität bei der Ausgestaltung
der Arbeitsbedingungen sowie die Absenkung der Struktur- und Lohnnebenkosten betrifft.
■
Höheres Wachstum: Wenn wir davon ausgehen, dass eine weitere Staatsverschuldung oder Verschuldung der
privaten Haushalte nicht gewünscht ist, bleibt nur Innovation als Wachstumsmotor in der Industrie. Dieser
Hebel kann nur von den Unternehmen angesetzt werden, wobei der Staat auch hier adäquate Rahmenbedingungen sicherstellen muss (z. B. Förderung der Akzeptanz von Innovation und Investition in Bildung).
■
Erhöhung der Produktivität: Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Die Erhöhung der Produktivität
(= Kostenführerschaft) führt langfristig zwar zu Wachstum, verstärkt allerdings kurzfristig das Problem
steigender Arbeitslosigkeit. Trotzdem wird die Steigerung der Produktivität ein notwendiger Schritt
sein, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, da es sonst zu einer Entkoppelung von Innovation
(= Forschung und Entwicklung) und Produktion kommen wird und damit das Problem der Arbeitslosigkeit verschärft werden würde.
Struktureller Wandel, Erhöhung der Produktivität und Steigerung der Innovationskraft sind die entscheidenden
Komponenten des Wandels in Deutschland. Unsere Analysen zeigen aber auch, dass sich die Produktionsbasis
trotz aller Maßnahmen nicht auf dem heutigen Niveau wird halten lassen. Aus diesem Grund dürfen sich die
Überlegungen zum Erhalt von Arbeitsplätzen nicht nur auf den Fertigungssektor beschränken, sondern müssen
vor allem auch die Schaffung von Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich einschließen.
22
Der Strukturwandel muss und kann bewältigt werden
Diese Prognose – der zusätzliche Verlust von zwei Millionen Arbeitsplätzen ohne Gegenmaßnahmen – stellt
Deutschland vor eine große Herausforderung, die noch bedeutender ist als alle vergleichbaren Situationen, wie
etwa die Konkurrenz japanischer Produkte in den 70ern und 80ern sowie die Bedrohung in den 80ern und 90ern
durch die Tigerstaaten. Das liegt in erster Linie an der Rolle Chinas:
■
Die chinesische Volkswirtschaft stellt potenziell den größten Binnenmarkt der Welt dar und kann damit
durch Größenvorteile auf Dauer günstiger produzieren als die meisten anderen Volkswirtschaften der Welt.
■
Es herrscht ein hohes Bildungsniveau bei gleichzeitig sehr geringen Lohnkosten; China besitzt das größte
Reservoir an qualifiziertem und qualifizierbarem Personal.
■
Der Entwicklungsstand Chinas liegt immer noch so weit hinter den Tigerstaaten zurück – dort beträgt das
BSP ca. 10.000 US-Dollar pro Person –, dass auf absehbare Zeit keine natürliche Wachstumsgrenze zu
erkennen ist.
■
Der Zugang zu Technologie ist freier als vor 20 Jahren – damit wird sich der Wandel von einem präindustriell
geprägten Staat hin zu einer Industrienation noch schneller vollziehen als ursprünglich angenommen.
■
Japan hat selbst zu Beginn der "japanischen Gefahr" nur für eine kurze Zeit einen Lohnkostenvorteil
gehabt und hat danach durch bessere Organisation der Produktion die Kosten gesenkt. In China kommen
beide Vorteile zusammen.
■
Mit einer Landbevölkerung von etwa 800 Millionen Menschen steht so viel Potenzial bereit, dass nicht mit
einem Mangel an Arbeitskräften in den Produktionszentren zu rechnen ist, sodass die Lohnkosten auf
absehbare Zeit im Weltmaßstab sehr niedrig bleiben werden.
Zur Entwicklung in Asien kommt die Öffnung nach Osteuropa durch die EU-Erweiterung. Auch in den Beitrittsländern finden wir ungesättigte Märkte (wenn auch wesentlich kleiner als in China), günstige Lohnkosten
im Fertigungsbereich und bei Ingenieurstätigkeiten sowie gut ausgebildete Fachkräfte vor. Diese Staaten haben
zusätzlich den Vorteil der größeren Nähe, was die Verbindung verschiedener Produktionsbetriebe und die
Anbindung der Produktion an die Märkte im Westen vereinfacht.
Wir gehen deshalb davon aus, dass es sich um eine neue Qualität der Globalisierung handelt und dass dementsprechend auch anders reagiert werden muss. Die Herausforderung besteht darin, bei einer – vorläufig – weitgehend stabilen Zahl von Erwerbsfähigen die Abwanderung im Produktionsbereich zu verzögern bzw. zu verhindern und gleichzeitig neue Arbeitsplätze, insbesondere im Dienstleistungsbereich, zu schaffen. Dass dies
möglich ist, zeigt ein Blick über die Grenzen: Wenn in Deutschland in den nächsten zehn Jahren zwei Millionen
zusätzliche Dienstleistungsjobs geschaffen werden könnten und gleichzeitig die Abwanderung von produktionsnahen und dazugehörigen Dienstleistungsjobs auf ca. zwei Millionen begrenzt würde, wäre Deutschland immer
noch weit von der heutigen amerikanischen Beschäftigungsstruktur entfernt (Abbildung 14). Dennoch muss es
das Minimalziel sein, die Abwanderung der gefährdeten zwei Millionen Arbeitsplätze zu verlangsamen, um ein
Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Parallel dazu muss die Schaf fung von Dienstleistungsarbeitsplätzen beschleunigt werden. Trotz aller Reformen und der Diskussionen darüber ist festzustellen, dass seit dem
Jahr 2000 bis heute netto keine zusätzlichen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor entstanden sind, sondern die
Zahl bei knapp 28 Millionen Arbeitnehmern verharrt.
23
STRUKTURANPASSUNG IST MÖGLICH
Mehr Beschäftigung im Dienstleistungssektor notwendig
Beschäftigte je Sektor in %
2
100
2
20
2
15
13
83
85
-2 Mio. Arbeitsplätze
in der Produktion
80
60
40
78
+2 Mio.
Dienstleistungsarbeitsplätze
Landwirtschaftliche
Arbeitsplätze
Industrielle
Arbeitsplätze
20
Dienstleistungsarbeitsplätze
0
Deutschland 2003
Deutschland 2015e
USA 2003
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 14
Die Gegenmaßnahmen – das Programm für Deutschland
Politik und Unternehmen sind geforder t, die notwendigen Veränderungen gemeinsam und konsequent in
ihrer Verantwor tung für den Standor t Deutschland voranzutreiben.
Aus Sicht der Politik und der Sozialpartner gibt es eine Reihe von sinnvollen Maßnahmen:
1. Die erste Pflichtaufgabe ist es, die globale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen durch ein Höchstmaß an
Lohn- und Arbeitszeitflexibilität zu steigern, um so die Abwanderung von Fertigungsarbeitsplätzen zu verlangsamen, in Teilbereichen vielleicht sogar ganz aufzuhalten. Flexibilität muss das oberste Ziel sein, da die
Situation in den Betrieben große Unterschiede aufweist.
24
■
In einigen Branchen kann Lohnflexibilität die Abwanderung verlangsamen. Wichtig ist, dass es keine
flächendeckenden Lohnanpassungen geben sollte, sondern nur situationsspezifisch in den Betrieben.
■
Andere Industriezweige können auch mit den heutigen Kostenstrukturen zumindest im nationalen
Markt konkurrieren. Dies trifft auf einige kapitalintensive Branchen zu, meist verbunden mit einem vergleichsweise hohen Rohstoffeinsatz, der zu Weltmarktpreisen bezogen werden kann. Die Lohnkosten
spielen eine geringere Rolle. Diese Branchen sind darüber hinaus jedoch mittelbar durch die Abwanderung ihrer Kundenindustrien betroffen.
■
Es gibt allerdings auch Branchen, in denen die Abwanderung nicht aufzuhalten sein wird (Teile der
Autozulieferer und große Teile der Elektronikindustrie), so wie dies bei der Textil- und Spielzeugindustrie der Fall war. Hier muss die Internationalisierung der Unternehmen so schnell wie möglich vorangetrieben werden, um die globale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und damit zumindest die
Existenz der Unternehmenszentralen in Deutschland zu sichern.
VERLAGERUNGSDRUCK KANN TEILWEISE DURCH LOHNFLEXIBILITÄT VERRINGERT WERDEN
Kostendifferenz Deutschland zu Niedriglohnland (in % 2015)
30 Keine signifikante Migration
Verlangsamte Migration
Migration unvermeidbar
25
23
25
Migration
unvermeidbar
21
20
21
17
15
Verlangsamte
Migration
15
13
11
18
10
Keine
signifikante
Migration
14
5
0
Quelle: BCG-Analyse
9
Kunststoffkleinteile
9
10
Kunststoff- Kühlschränke
verpackungen (> 300 l)
Papier
18
15
12
Sofas
Mit heutigen Lohnstückkosten
MemoryChips
Fernseher
Autolenkräder
Mit 20 % geringeren Lohnstückkosten
Abbildung 15
Dies bedeutet, dass durch Verzicht auf Lohnerhöhungen und durch Stückkostensenkungen aufgrund längerer Arbeitszeiten einerseits die Abwanderungsgeschwindigkeit in einigen gefährdeten Industrien verlangsamt
bzw. gestoppt werden kann. Andererseits können in Branchen ohne signifikante Abwanderungstendenzen die
Lohnkosten abhängig vom Unternehmenserfolg auch weiterhin steigen. Dazu ist eine möglichst dezentrale
Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen notwendig. Innovative Beispiele gibt es bereits: BMW hat inzwischen
300 verschiedene Arbeitszeitmodelle im Einsatz, um Maschinenlauf- und Arbeitszeiten zu entkoppeln, und
VW hat das 5000-×-5000-Modell erfolgreich implementiert.
2. Weitere Öffnung des Niedriglohnsektors für lokale Dienstleistungen zur Erhöhung der Beschäftigung.
Erste Ansätze sind vorhanden. So sind durch die Novellierung der 400-Euro-Jobs ca. eine Million neuer
Beschäftigungsverhältnisse geschaffen/gemeldet worden. Gleichzeitig bedarf es aber auch der Förderung
der Akzeptanz solcher Tätigkeiten innerhalb der Gesellschaft.
25
3. Bildungsoffensive zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bei globalen Dienstleistungen (z. B. Financial Services, Forschung). Die Steigerung der Beschäftigung kann nur durch Differenzierung in der Leistung gegenüber Niedriglohnstandorten erreicht werden. Maßnahmen sind z. B. die Fokussierung der öffentlichen Fördergelder, mehr Autonomie für die Bildungseinrichtungen und Verstärkung der Wettbewerbselemente zur
Erhöhung des Leistungsniveaus. Beispiele hierfür sind die anvisierte Zusammenlegung der Münchner Universitäten und die "Befreiung" der TU Darmstadt.
4. Höhere und gezieltere Forschungsausgaben zum Aufbau gezielter Industriecluster. Es ist unbestritten, dass die
größten Industriecluster in Deutschland (Maschinenbau, Automobil, Chemie, Energie und Medizintechnik)
zwar eine gute Basis für Innovationen bieten, aber durch neue Plattformen ergänzt werden müssen. Es gibt nur
wenige Technologien, die in den nächsten Jahrzehnten einen großen Durchbruch erzielen werden. Dazu
gehören die Gentechnologie in all ihren Ausprägungen, die Materialforschung im weiteren Sinn, alternative
Energieformen und die Medizintechnik. Es gilt die Anstrengungen daher auf die vom Marktpotenzial attraktivsten Möglichkeiten zu konzentrieren, statt zu viele Projekte, Standorte und Themen zu fördern.
Ein Teil dieser Technologien ist mit unbestreitbaren Risiken verbunden. Eine ausgewogene Bewertung zwischen den Risiken neuer Technologien und den ökonomischen Chancen kann eine positive Grundeinstellung gegenüber Innovation fördern und so zu einer höheren Akzeptanz von Innovationen führen.
5. Absenkung der nationalen Strukturkosten (Gesundheitswesen, Rentensystem, Bürokratie) zur Entlastung des
Faktors Arbeit. Hier gibt es viele Ansätze, die im Wesentlichen konsequent(er) umgesetzt werden müssen.
Aber die Politik ist nur für die Rahmenbedingungen zuständig. Verantwortlich sind nach wie vor die Unternehmen – und das aus eigenen Interessen. Daher können und müssen sich die Unternehmen an dem Umbau aktiv
beteiligen, und zwar durch
26
■
konsequente Investitionen in Wachstumsmärkte zur Stärkung der Unternehmen und der Zentralen in
Deutschland,
■
dauerhafte Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Kostenposition im Weltmaßstab durch den Aufbau
globaler Produktions- und Serviceplattformen sowie die dauerhaft notwendige Steigerung der Produktivität am Standort Deutschland,
■
Stärkung der Innovationsfähigkeit und der Fähigkeit, Innovationen auch zu vermarkten,
■
Steigerung der Anstrengungen in der betrieblichen und außerbetrieblichen Ausbildung (z. B. Verzahnung
von Betrieben und Universitäten) sowie
■
Anbieten innovativer Dienstleistungen über neue Geschäftsmodelle, die noch gezielter auf die spezifischen
Bedürfnisse der Kunden eingehen.
LUST AUF ZUKUNFT DURCH GEMEINSAME VERANTWORTUNG
Unternehmen – Innovation und
Unternehmertum fördern
Gemeinsame Vision für den
emotionalen Turnaround
Flexibilität am Arbeitsmarkt und Deregulierung
Kostenposition im Weltmaßstab stärken
Innovation stärken und Ideen besser vermarkten
Industrielle
Beschäftigung
Lokale
Dienstleistungen
Investition in Wachstumsmärkte
Betriebliche und außerbetriebliche Ausbildung
verzahnen und stärken
Akzeptanz von Innovation fördern
Wettbewerbsfähige Industriecluster fördern
Innovative und servicebasierte Geschäftsmodelle
fördern
Innovative Dienstleistungen anbieten
Politik – Flexibilität und Bildung fördern
Öffnung des Niedriglohnsektors
Höhere und gezieltere Forschungsausgaben
Globale
Dienstleistungen
Bildungsoffensive
Qualifizierte Zuwanderung
Abbau von Strukturkosten
Quelle: BCG-Analyse
Abbildung 16
Eine Reihe notwendiger Reformen sind auf den Weg gebracht worden, und es zeigen sich erste Erfolge. Trotzdem müssen Politik und Wirtschaft diesen Prozess weiter konsequent vorantreiben und zu einem emotionalen
Turnaround in Deutschland kommen.
Deutschland ist nicht das einzige Land, das diese Strukturreformen angehen muss. Auch unsere europäischen
Nachbarn müssen diesen Weg gehen. Es gibt allerdings Unterschiede. Deutschland befindet sich in einer vergleichsweise guten Ausgangssituation: Unser Land hat eine der besten Infrastrukturen der Welt, unsere geographische Lage im Zentrum des neuen Europa ist hervorragend und vorteilhaft; wir haben nach wie vor eine effiziente Wirtschaft, ebenso wie erstklassig ausgebildete Arbeitnehmer. Wir müssen nur unsere "PS auch in Zukunft
auf die Straße bringen – dazu muss der Wagen zur Generalüberholung in die Werkstatt". Das Ausland traut es uns
durchaus zu. Nach Ansicht ausländischer Manager, die wir befragt haben, muss sich Deutschland wieder mehr
zutrauen und optimistisch in die Zukunft blicken, ohne den schmerzhaften Reformprozess zu stoppen. Wir müssen es schaffen, unsere übertriebene Selbstkritik zu überwinden: Das Glas ist eben noch halb voll und nicht schon
halb leer.
Eine gemeinsame konkrete Vision von Politik und Wirtschaft (Unternehmen und Gewerkschaften) und die
gemeinsam getragene Verantwortung für deren Umsetzung ist der entscheidende Baustein für eine erfolgreiche
Zukunft.
Wir brauchen wieder "Lust auf die Zukunft"! Es ist unsere gemeinsame Verantwortung.
27
BCG Deutschland
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Dircksenstraße 41
10178 Berlin
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Stadttor 1
40219 Düsseldorf
Te l . : 0 3 0 2 8 8 7 - 1 0
Te l . : 0 2 1 1 3 0 1 1 - 3 0
The Boston Consulting Group
K ö l n Tu r m
Im Mediapark 8
50670 Köln
The Boston Consulting Group
Chilehaus A
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Te l . : 0 2 2 1 5 5 0 0 - 5 0
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6 0 3 2 2 Fr a n k f u r t a m M a i n
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