Stromausfall mit politischer Brisanz Menem

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Stromausfall mit politischer Brisanz Menem
Sonnabend, 30. Nobember 2002
112. Jahrgang Nr. 31.383
Stromausfall mit politischer Brisanz
13 Millionen Menschen bei 36 Grad ohne Klimaanlage und Ventilator
Am Sonntagnachmittag kam das
Unheil. Durch die Explosion einer
Unterverteilstation in Ezeiza wurde in fast der Hälfte der argentinischen Haushalte die Stromlieferung
unterbrochen. Als Folge davon fiel
in zahlreichen Stadtteilen von Buenos Aires auch die Wasserversorgung buchstäblich ins Wasser.
Rund dreizehn Millionen Menschen in weiten Teilen des Landes
wie etwa Bahía Blanca, Mar del
Plata, Córdoba, La Pampa, Santa Fe
und besonders in Buenos Aires und
Groß-Buenos Aires mussten bei einer thermischen Sensation von 36
Grad vier Stunden lang leiden. Entsprechend stellten Klimaanlagen,
Ventilatoren und Kühlschränke ihren Betrieb ein. Zudem konnten
viele Menschen nicht das vorentscheidende Spiel um die FußballMeisterschaft zwischen den Clubs
Independiente und Boca Juniors sehen. In der Hauptstadt fiel für 80
Prozent der Bürger der Strom aus.
Die Stromverteiler bezeichnete
den Ausfall als den „zweiten großen“ seit der Konzessionierung.
Bei dem schwerwiegendsten
Stromausfall im Februar 1999 wurden zwar nur einige hunderttausend
Bewohner der Hauptstadt betroffen. Doch dauerte es damals elf
Tage bis zur Behebung des Schadens. Diesmal war es eine Frage
von Stunden, betraf aber 13 Millionen Menschen. Allein im Großraum Buenos Aires waren rund 3,7
Millionen Klienten von Edenor und
Edesur betroffen. In La Plata und
Umgebung fiel für 275.000 Klienten von Edelap der Strom aus.
Schuld war laut Stromversorger
eine Sicherung, die gerade einmal
5.000 Dollar kostet.
Der Stromausfall hatte jedoch
auch politische Folgen. Fast unmittelbar nach Ausfall von Klimaanlagen, Ventilatoren und Aufzügen
begann in der Hauptstadt die Gerüchteküche auf Hochtouren zu
laufen. Wie Umfragen ergaben,
glaubten 52 Prozent der Befragten,
der Stromausfall sei ein Druckmittel der Unternehmer, um die von
ihnen geforderten Tarifsteigerungen durch-zusetzen.
Ausgangspunkt dieses Verdachtes waren die Erklärungen der Unternehmen selbst, die seit Monaten
versichert hatten, ohne Tariferhöhungen werde es Stromabschaltungen geben. Am Montag verlautete
dazu von Unternehmerseite, in dem
Maße, in dem derartiges im Zusammenhang mit Wartungs- und Erhaltungsproblemen passiert, sei es
wahrscheinlich, dass in den näch-
sten Monaten Engpässe in der
Stromversorgung auftreten. Tatsächlich haben die Unternehmer
immer wieder darauf hingewiesen,
dass seit der Pesoabwertung nur die
Mindestkosten gedeckt werden
könnten, jedoch kaum die Erhaltungsarbeiten und Investitionen.
„Die Leute glauben, dass der
Stromausfall ein Druckmittel war,
damit Präsident Eduardo Duhalde
das Dekret über die Erhöhungen
unterschreibt“, sagte am Montag
ein ranghoher Funktionär in der
Casa Rosada. „Wir glauben das
nicht, aber unter diesen Voraussetzungen kann das Dekret nicht unterzeichnet werden, da dies den
Eindruck erweckt, wir hätten einem
solchen Druck stattgegeben“. Kabinettschef Alfredo Atanasof versicherte zudem, es sei „kein Tarifdekret unterwegs“.
Menem-Provokateure unter der Lupe
CCC-Chef D’Elía warnt vor Ausschreitungen am 20. Dezember / Regierung besorgt
Zum Jahrestag des Rücktritts von Ex-Präsident Fer-nando de la Rúa
drohen Argentinien erneute Ausschreitungen. Wie der Bezirkschef der
Wahltermin gebilligt
Buenos Aires (dpa/AT) - Das argentische Parlament hat die Verschiebung der Präsidentenwahl auf den 27. April 2003 endgültig gebilligt. Der Kongress verabschiedete in der Nacht auf Freitag in Buenos Aires ein entsprechendes Gesetz. Die Regierung von Präsident Eduardo Duhalde hatte den Wahltermin nach einem Abkommen mit der
Mehrheit der Provinzgouverneure und der Fraktionschefs im Parlament um 28 Tage verschoben. Zunächst war der 30. März als Wahltermin vorgesehen gewesen.
Eine eventuell nötige Stichwahl soll dem Abkommen zufolge am
18. Mai stattfinden. Die Übergabe der Präsidentschaft durch Duhalde
ist weiterhin für den Feiertag am 25. Mai geplant.
Duhalde war nach den Unruhen vom vergangenen Dezember und
dem Rücktritt von Präsident Fernando de la Rúa zum Interims-Staatschef ernannt worden. Er sollte das Land nach einer Entscheidung des
Parlaments eigentlich bis Dezember 2003 regieren, wenn die Amtszeit
von de la Rúa ausgelaufen wäre.
Um die Wahlen vorziehen zu können, billigte der Senat am Freitag
eigens ein entsprechendes Gesetz. Demnach wird der neu gewählte
Präsident die Monate bis Dezember als Interims-Staatschef regieren
müssen, erst dann beginnt die offizielle Amtszeit.
Duhalde hatte sich für möglichst baldige Wahlen eingesetzt, um die
schwere Finanzkrise zu entschärfen. Der Internationale Währungsfods
(IWF) hatte auf eine zügige Umsetzung des vor zwei Wochen mit den
Provinzgouverneuren unterzeichneten Abkommens gedrängt.
Duhalde Rücktrittsantrag für den 25. Mai wurde vom Parlament
mit 176 Stimmen gebilligt, darunter auch den Gefolgsleuten von ExPräsident Carlos Menem. Um an diesem Wochenende pünktlich in die
Sommerpause gehen zu können, verabschiedete der Senat parallel zum
Wahlchronogramm binnen 90 Minuten weitere 600 Gesetze.
Klassenkämpferischen Strömung (CCC) für die Vorstadt La Matanza, Luis
D’Elía, am Freitag erklärte, hätten Demonstranten in dem Bezirk bereits
mehrfach Plünderungen für den 20. Dezember angekündigt. Dabei soll es
sich um gewaltbereite Anhänger des ehemaligen Präsidenten Carlos Menem handeln. D’Elía kündigte eine Anzeige gegen die Provokateure an.
Die Regierung von Übergangspräsident Eduardo Duhalde zeigte sich besorgt über die Hinweise.De la Rúa war im vergangenen Dezember vor
dem Hintergrund der Wirtschaftskrise inmitten eines Chaos aus Plünderungen, Demonstrationen und Polizeirepression zurückgetreten. Landesweit starben damals mindestens 27 Menschen. Am Vortag des 20. Dezember 2001 sollen peronistische Strömungen Demonstranten mit dem
Auftrag auf die Straße geschickt haben, Geschäfte entlang der Avenida
Corrientes in Buenos Aires zu plündern. Auch in anderen Landesteilen
waren zahlreiche Supermärkte gestürmt worden.
„Verbrecherische Elemente bedrohen die Händler“, sagte D’Elía am
Freitag gegenüber der Presse. Geschäftsleute im Zentrum von La Matanza seien von den „Provokateuren“ aufgefordert worden, zu kollaborieren
und im Vorfeld des 20. Dezember freiwillig Waren abzuliefern. Bei Weigerung hätten die Menem-Anhänger Plünderungen für den Jahrestag des
de la Rúa-Rücktritts angedroht. Zugleich beschuldigte der CCC-Chef ExPräsident Menem, angesichts eines „Klimas der Instabilität und schlechten Laune“ Arbeitslose im Großraum Buenos Aires für seine Zwecke zu
missbrauchen.
In Regierungskreisen zeigte man sich besorgt über die zunehmenden
Hinweise auf bevorstehende Plünderungen. „Wir werden die Augen davor nicht verschließen“, sagte Kabinettschef Alfredo Atanasof am Freitag. Sicherheitskräfte gingen den Informationen bereits nach. Zugleich
warnte Atanasof Demonstranten und Autonome jeglicher Couleur davor,
„den sozialen Frieden auf’s Spiel zu setzen“. Seit langem hat die CCC
sowie weitere Straßenblockierer-Verbände eine Demonstration vor der
Casa Rosada angekündigt. Atanasof erinnerte zugleich daran, dass vor
einem Jahr „nicht nur Geschäfte geplündert wurden, sondern auch Menschen zu Tode kamen“.
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ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Vorkandidaten wählen Transparenz
Carrió, Terragno, de la Sota legen Vermögen offen
Wie immer in Vorwahlzeiten
steht auch diesmal die Tranzparenz hinsichtlich des Vermögens
der Politiker zur Debatte. Im vorliegenden Fall sind es Einkommen
und Ausgaben der Vorkandidaten
für die Präsidentschaft. Acht von
15 Kandidaten akzeptierten bereits
die Veröffentlichung ihrer beeideten Vermögenserklärungen. An
der Spitze stehen jene mit den zahlenmäßig stärksten Wahlpräferenzen.
Die Vorkandidaten übermitteln
bei dem Prozedere ihre Vermögenserklärungen an die regierungsunabhängige Organisation
„Poder Ciudadano“ (Bürgerkraft),
wo jeder Bürger Einsicht in die
Unterlagen nehmen kann. Die Vermögenserklärungen ermöglichen
einen Vergleich mit später abgegebenen. „Poder Ciudadano“ obliegt die Kontrolle der Stichhaltigkeit der jeweiligen Angaben. Ein
eventueller ungerechtfertigter Vermögenszuwachs ist so unschwer
festzustellen. Die Informationen
sind
im
Internet
unter
„www.poderciudadano.org“ einzusehen, enthalten einen Lebenslauf der Kandidaten und informieren darüber, ob etwa gegen die Bewerber Justizverfahren anhängig
sind.
Beispielhaft sich dort auch die
Vermögenserklärungen der drei
Präsidentschaftsvorkandidaten mit
den meisten Wahlpräferenzen, Elisa Carrió, Rodolfo Terragno und
José Manuel de la Sota einzusehen. Carrió, in Resistencia im Chaco geboren, schloss ihre Anwaltskanzlei, eine der Grössten der Provinz, 1996, und lebt seitdem von
ihren Einkünften als Abgeordnete, die brutto 7.608 Pesos ausmachen. Dazu bezieht Carrió 1.500
Pesos Alimente von ihrem geschiedenen Mann. Sie besitzt eine
Wohnung (70.000 Pesos), ein
Grundstück in Corrientes (5.000
Pesos) sowie eine Friedhofsparzelle im Chaco (4.000 Pesos), zudem
zahlreiche Kunstgegenstände.
Terragno, 1943 in Buenos Aires
geboren, war Präsident einer Chemiefirma und hatte ebenfalls ein
Anwaltsbüro. Er war Herausgeber
einer Zeitschrift und begann seine
politische Karriere als Minister für
öffentliche Bauten in der Regierung Alfonsín und war danach Abgeordneter und Kabinettschef in
der Regierung Fernando de la
Rúas. Heute ist Terragno Senator.
Sein Gehalt geht an gemeinnützige Organisationen. Er besitzt ein
Haus (270.000 Pesos), ein Büro in
der Innenstadt (30.000 Pesos), eine
Wohnung (86.000 Pesos) und eine
weitere (90.000 Pesos), Land in
Chubut (87.500 Pesos), zwei Autos (16.000 Pesos) und Aktien
(290.000 Pesos) - alles Familien-
eigentum. Terragno hat weitere
Einkünfte aus Dozenten- und Profes-sorentätigkeiten.
De la Sota, 1949 in Córdoba geboren, ist ebenfalls Jurist, war als
Firmenberater tätig und betrieb danach ein Anwaltsbüro. Er besitzt
ein Haus in Villa Carlos Paz, einen 50-Prozentanteil an einer
Wohnung in San Juan und ein
Landhaus mit 15,4 Hektar Grund.
Zusammen mit seiner Frau Olga
Riutort hat der Gouverneur von
Córdoba zwei Fahrzeuge, ein Segelboot sowie Kunstgegenstände
im Wert von 148.366 Pesos.
De la Sota verfügt außerdem
über ein Bankkonto mit 150.000
Pesos. Sein Einkommen beziffert
er mit 7.005 Pesos Gehalt als Gouverneur, dass er aber derzeit wegen der Freistellung für die Wahlkampagne nicht beziehe. Aus dem
Verkauf von Aktien kommen weitere 103.730 Pesos hinzu.
UCR-Zersplitterung
Das Regierungsdebakel der Allianz der UCR und des Frepaso vor
Jahresfrist bewirkte verheerende Konsequenzen für die Mehrheits-partei der damaligen Koalition. Die Allianz zerfiel nach der Demission des
radikalen Präsidenten Fernando de la Rúa am 20. Dezember 2001, indem die Parteienkoalition, die auf das Kürzel Frepaso hörte, auseinanderging und ihre Allianz mit der UCR verschwand. Geblieben sind einige Provinzgouverneure der UCR, der Regierungschef der Stadt Buenos Aires des Frepaso und zahlreiche Bürgermeister sowie Parlamentarier beider Parteien.
Die Radikale Bürgerunion UCR („Unión Cívica Radical“), gegründet 1891, ist die älteste landesweite Volkspartei Argentiniens. Sie zerfällt derweil in Einzelteile als Folge des Austritts namhafter Parteipolitiker. Ricardo López Murphy, Parteiradikaler und nacheinander Verteidigungs- sowie Wirtschaftsminister de la Rúas, trat aus der UCR aus
und bildete eine eigene Partei in Allianz mit mehreren Provinz- und
regionalen Parteien. Ihm werden sicherlich zahllose Parteiradikale mit
der Stimme folgen, die nicht mit der Parteiführung einig gehen, seit sie
von Expräsident Raúl Alfonsín direkt oder wie jetzt indirekt geleitet
wird.
Die Parteiradikale Elisa „Lilita“ Carrió, Nationaldeputierte aus Chaco, gründete ebenfalls eine neue Partei, die auf das Kürzel ARI (neuerdings als Partei PARI) hört und Allianzen mit Sozialisten, Exjustizialisten und anderen Abtrünnigen des Frepaso eingegangen ist, um sich als
das Gegenstück zu den Landespolitikern für die kommenden Wahlen
vorzustellen. Inzwischen hat sie sich mit den Sozialisten verfeindet, so
dass ihre Allianz bereits brüchig geworden ist. Sie zieht auf jeden Fall
viele Stimmen der Parteiradikalen an sich, die im linken Lager beheimatet sind.
Der mehrmalige Bürgermeister von San Isidro, Melchor Posse, mit
de la Rúa vorübergehend Verwalter der Sozialstelle Anses, hat sich mit
dem justizialistischen Anwärter auf die Präsidentschaftskandidatur Adolfo Rodríguez Saá als Formelpartner bereit gestellt. Posse kehrte 1958
mit Frondizi der Partei den Rücken und kam nachher zum UCR-Stamm
heim. Ihm folgen sicherlich ebenfalls zahlreiche Parteistimmen, die möglicherweise Mühe haben werden, ihre Dezennien alte Gegnerschaft zum
Peronismus zu überwinden. Auch Horacio Massaccessi, Exgouverneur
von Río Negro und 1995 gescheiterter Präsidentschaftskandidat, hat mit
Rodríguez Saá angebandelt. Mehrere andere weniger prominente Radikale suchen unterdessen ihr politisches Heil ebenfalls ausserhalb der
Partei.
Die UCR beharrt unterdessen auf ihrer Tradition und bereitet sich
aufdie kommenden Wahlen vor. Traditionell wurden die Spitzenkandidaten durch den Parteivorstand („Comité nacional“) und den Parteitag
(„Convención nacional“) ernannt. Jetzt bereitet sich die Partei auf offene Internwahlen vor, die am 15. Dezember die Präsidentschaftsformel
aufstellen sollen.
Für diese Wahlen haben sich bereits drei Formeln vorgestellt. Rodolfo Terragno, seines Zeichens politischer Journalist, Bautenminister
unter Alfonsín und Kabinettschef unter de la Rúa, zieht mit dem Bürgermeister von Bahía Blanca, Jaime Linares, in den Wahlkampf. Terragno entstammt der damaligen Abzweigung der UCR unter Präsident
Frondizi (1958-1962), dessen entwicklungsfreudige Ideen er vertritt. In
der Partei selber geniesst Terragno geringe Unterstützung, darf aber mit
Anklang bei Wechselwählern rechnen, die ihm seine konsequente Kritik der Konvertibilität Cavallos honorieren. Linares ist als Bürgermeister angesehen, weil er die Hafenstadt Bahía Blanca ordentlich verwaltet.
Gegen Terragno tritt Senator Leopoldo Moreau aus San Isidro, Provinz Buenos Aires, mit Senator Mario Losada aus Misiones an. Moreau
ist gestandener Berufspolitiker, der seine Laufbahn als Journalist begann und seit 1983 im Kongress als Deputierter und gegenwärtig als
Senator für die Minderheit in seiner Heimatprovinz absolviert hat. Er
ist treuer Anhänger des Expräsidenten Alfonsín, der sich bereits öffentlich für ihn eingesetzt hat. Bei Wechselwählern dürfte Moreau kaum
gut ankommen. Losada hat ebenfalls eine Laufbahn als Berufspolitiker
im Kongress hinter sich gelegt und war auch vorübergehend Vorsitzender des Parteivorstands, als Alfonsín laut Statuten nicht kandidieren
durfte.
Als Dritter im Kandidatenbund stellt sich Osvaldo Alvarez Guerrero
aus Río Negro mit Gustavo Callejas aus der Bundeshauptstadt vor. Alvarez Guerrero war Gouverneur seiner Heimatprovinz ohne nationale Resonanz. Callejas war Unterstaatssekretär für Brennstoffe mit Alfonsín.
Beide stehen für staatsinterventionistische Postulate ein.
Bei zersplitterter Allianz UCR-Frepaso und mehreren Kandidaten
anderer Parteien für die kommenden Wahlen hat die UCR-Formel keine Chance, die Wahlen zu gewinnen. Laut bisherigen Umfragen geniessen die Kandidaten je weniger als ein Prozent der Stimmen.
Die Partei darf nach dem letzten Regierungsdebakel nur hoffen, eine
Überlebensstrategie einzuschlagen, bis bessere politische Zeiten kommen mögen. Schon 1995 bei Menems Wiederwahl schwanden die Stimmen für die UCR-Kandidaten auf Platz drei nach Menem und Bordón.
Regierungsdebakel stellen ein deutlich schlechtes Omen für die Kandidaten der Partei dar, die die politische Verantwortung am Debakel trägt.
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ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Sonnabend, 30. Nobember 2002
WOCHENÜBERSICHT
Besuch Lulas
Der gewählte brasilianische
Preäsident Luiz Inácio Lula da Silva wird am Montag zu einem
Kurzbesuch in Buenos Aires erwartet. Der brasilianische Gast will
sich mit Präsident Eduardo Duhalde zu einer Aussprache in Olivos
treffen. Außenminister Carlos
Ruckauf kündete den Besuch auf
einer Pressekonferenz in der Casa
Rosada an und lobte Lulas Ankündigungen, den Mercosur neu beleben zu wollen: „Die Türen der
Welt könnten sich für den Mercosur Dank der Priorität, die der gewählte brasilianische Präsident der
Zollunion des Südens beimisst,
öffnen.“
Bürgerpessimismus
Im Gegesatz zu dem von Präsident Eduardo Duhalde zur Schau
getragenen Optimismus, wonach
die Rezession praktisch zu Ende
ist, glaubt die Mehrheit der Bürger nicht an den Beginn einer Neubelebung der argentinischen Wirtschaft. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes CEOP
hat jetzt ergeben, dass 72 Prozent
der Befragten nicht an ein Anspringen der Wirtschaft glaubt. Am
skeptischsten sind Frauen zwischen 35 und 49 Jahren, insbesondere die der unteren Schichten.
Marín-Kritik
Der Gouverneur der Provinz La
Pampa, Rubén Marín, hat die Regierung von Präsident Eduardo
Duhalde aufgefordert, sich „dem
Regieren zu widmen“. Sie solle
sich nicht mit dem „Festsetzen von
Fristen und anderen Dingen, die
nicht Sache der Regierung sind“
aufhalten. In Erklärungen gegenüber dem Radiosender FM Aspen
sprach sich der Gefolgsmann von
Carlos Menem auch gegen eine
Änderung des Datums 19. Januar
für die Indernwahlen aus.
Kirchner-Versprechen
Der Gouverneur der Provinz
Santa Cruz, Néstor Kirchner, hat
am Dienstag versichert, Santa
Cruz werde Rentnern und Provinzangestellten noch vor Jahresende
ihre Dezembergehälter und den
Aguinaldo (halbes 13. Gehalt) bezahlen. Die Zahlung werde zudem
eine „Prämie in Anerkennung der
im Jahre 2002 von den Bürgern geleisteten
Anstrengungen“
enthalten.
Bullrich-Murphy
Die Präsidentschaftskandidatin
für die „Unión por Todos!“ (Vereinigung für Alle), Patricia Bullrich, hat sich von Ricardo López
Randglossen
Ein überraschender Rücktritt des mit nahezu 70 Prozent der Stimmen gewählten Gouverneurs Carlos Díaz von Santiago del Estero nach
nur 23tägiger Amtszeit enthüllte einen Machtkampf im regierenden
Justizialismus, wie er selten vorkommt. Seit einem halben Jahrhundert dominiert der fünfmalige Gouverneur und mehrmalige Senator
Carlos Juárez die politische Szene seiner Heimatprovinz, die er im
Amt sorgfältig verwaltet hat, ohne Falschgeld wie die meisten seiner
Kollegen auszugeben. Seine Gattin Mercedes „Nina“ Aragonés beherrscht die peronistischen Frauenbewegung und wurde als Vizegouverneurin gewählt, leistete aber angeblich aus Gesundheitsgründen
keinen Amtseid, so dass der Parlamentspräsident Darío Moreno die
Nachfolge von Díaz antrat und möglicherweise Neuwahlen einberuft.
Offenbar hat sich Díaz nicht zum politischen Wohlgefallen von Juárez
verhalten, der Präsident Duhalde unterstützt, wogegen Díaz Sympathien für dessen Widersacher Menem nachgesagt werden und die Konsequenzen ziehen musste.
Nach geschlagenen vierzig Tagen haben die Studentenaktivisten der Fakultät für Sozialwissenschaften den Sitzungssaal im Rektorat der Universität von Buenos Aires geräumt. Über siebzig Prozent der befragten Studenten empfahlen die Räumung, nachdem die Öffentlichkeit durch das
Schauspiel im Rektorat schockiert wurde. Die Aktivisten wurden beim
Ping-Pong-Spiel auf dem Sitzungstisch des Universitätsrats photographiert und ein anderes Mal griffen sie den Rektor Jaim Etcheverry tätlich
an, als er durch eine Seitentür entfloh. Nach der Räumung muss der Universitätsrat entscheiden, ob er die gewalttätigen Aktivisten laut Reglement bestraft oder weiter zusieht, als ob nichts passiert wäre, damit demnächst neue Gewalttätigkeiten ausbrechen. Die Besetzung des Sitzungssaales erreichte ihr Ziel nicht, ein neues Fakultätsgebäude mit Staatsgeldern einzurichten.
Murphy differenziert. Auf einer
Wahlkampfreise in Tierra del Fuego versicherte Bullrich, sie sei
„nicht von der Rechten, sondern im
Begriff, eine Volkspartei aufzubauen“. López Murphy forderte unterdessen für die Präsidentschaftswahlen im April 2003 ein elektronisches Stimmabgabesystem. Dieses sei „vertrauenswürdiger“ als
die bisherigen Wahlzettel.
Politische Leibwächter
Der Peronist Jorge Obeid hat
am Montag erklärt, „unumgängliche Verpflichtung aller Bürger von
Santa Fe“ sei es, Gouverneur Carlos Reutemann zu schützen. Obeid
hob in diesem Zusammenhang hervor, Reutemann sei „die große
Reserve des Peronismus und der
zukünftige Präsidentschaftskandidat der Nation“.
storben. Damit erhöhte sich die
Zahl der unlängst verhungerten
Kinder auf 13. Zudem wurde bekannt, dass rund 30 Prozent der
Kindesmütter in Tucumámn zwischen 12 und 18 Jahre alt und
selbst unterernährt ist.
Miranda im
Fadenkreuz
Der Gouverneur der Provinz
Tucumán, Julio Miranda, soll über
seinen Rücktritt nachdenken. Wie
lokale Medien berichteten, hatte
zuvor der Untersuchungsrichter
Víctor Pérez bei der Provinzlegislative die Amtsenthebung mittels
eines politischen Prozesses beantragt. Der Antrag des Richters erfolgt vor dem Hintergrund der politischen Schwäche Mirandas.
Pérez untersucht derzeit Bestechungsgeldzahlungen an 27 Provinzparlamentarier.
Notstand in Tucumán
Die am Montag im Zusammenhang mit der Operation „Rescate“
(Rettung) in der Provinzhauptstadt
Tucumán eingetroffenen Beamten
der Nationalregierung sehen sich
einer hochbrisanten sozialen Situation gegenüber. Insgesamt 434.000
Menschen der 1,34 Millionen Bürger der Provinz leben unter der Armutsgrenze. Neuesten Daten zufolge sind rund 12.000 Kinder zum
Teil hochgradig unterernährt.
Erneut Hungertod
Während sich „First Lady“ Hilda „Chiche“ González de Duhalde in der Provinz Tucumán über
Nahrungsmittelprogramme der
Regierung informierte, sind am
Mittwoch und Donnerstag erneut
zwei Babys an Unterernährung ge-
Schulgesetz
Der Senat hat am Donnerstag
einstimmig einer Gesetzesvorlage
zugestimmt, die pro Schuljahr ein
Minimum von 180 Schultagen vorsieht.
Politisches Asyl
Der von Uruguay an Argentinien ausgelieferte Jesús María Lariz Iriondo, der unter dem dringenden Verdacht steht, ein durch Interpol gesuchter ETA-Terrorist zu
sein, hat in Buenos Aires um politisches Asyl gebeten. Bei seiner
ersten Einvernahme durch Bundesrichterin María Servini de Cubría
erklärte Lariz Iriondo, er sei en
„politisch Verfolgter“ und er wolle nicht an Spanien ausgeliefert
werden.
Polit-Posse in
Santiago del Estero
Der Rücktritt des ehemaligen Schützlings des Altcaudillos Carlos
Juárez in Santiago del Estero, Gouverneur Carlos Díaz, ist am Dienstag mit überwältigender Mehrheit von der Provinzlegislative angenommen worden - trotz der Einwände des Radikalismus. Zudem wurde
in einer Blitzentscheidung ohne Debatte die gewählte Vizegouverneurin ermächtigt, ihren Amtsantritt aus Gesundheitsgründen um weitere 30 Tage zu verschieben. Die 35 Abgeordneten der Provinzlegislative mit 50 Mitgliedern folgten damit den Wünschen von Juárez
und dessen Gattin Mercedes „Nina“ Aragonés.
Die Sitzung war gekennzeichnet durch lautstarke Auseinandersetzungen. Die Radikalen forderten Aufklärung, auf welche „Demütigungen“ sich Díaz in seinem Rücktrittsgesuch bezogen habe. Der
UCR-Fraktionschef Eduardo Abadovich forderte zudem Informationen über die „Ränke“ hinter den Kulissen und erinnerte daran, dass
Díaz vor 23 Tagen bei seiner Amtsübernahme von den Peronisten
noch „in den Himmel gelobt“ worden sei. Außerdem forderte Abadovich, über eine vermeintliche Krankheit der gewählten Vizegouverneurin aufgeklärt zu werden.
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ARGENTINISCHES TAGEBLATT
AUSFLÜGE UND REISEN
AUTO UND MOTOR
Neuer Nationalpark Monte León
Nostalgierennen Recoleta - Tigre
Vor kurzem wurde an der südatlantischen Küste, Provinz Santa Cruz,
ein neuer Nationalpark geschaffen.
Monte León, früher eine private Estancia, trägt diesen Namen, weil
ein flacher Berg, aus einem gewissen Blickwinkel betrachtet, wie ein
ruhender Puma (hier zu Lande „león“) aussieht. Diese ehemalige Schaffarm liegt etwa 200 Kilometer nördlich von Río Gallegos und 45 Kilometer südlich von Comandante Luis Piedrabuena. Hier soll eine sehr artenreiche Fauna und Flora, einzigartig in ihrer Zusammensetzung, beschützt
werden. Die Organisation, die sich darum besondere Verdienste erworben hat, ist die Vida Silvestre Argentina-Stiftung (FVSA). Sie hat das
62.000 Hektar grosse Areal mit einem 40 Kilometer langen Küstenstreifen bisher treuhänderisch verwaltet und nun der Administración de Parques Nacionales (APN) übereignet.
Viel ausführlicher und eindringlicher, als es hier in wenigen Zeilen
getan werden könnte, wird das Naturschutzreservat in der jüngsten Ausgabe (Nummer 82) der Zeitschrift Vida Silvestre in Wort und Bild
beschrieben.
Deshalb ist es für Interessenten angebracht, nicht nur diese Publikation zu erwerben, sondern den Verein zu unterstützen, indem man Mitglied wird.
Die neueste Nummer, farbig illustriert und fachmännisch redigiert,
enthält neben Details über Monte León auch Beiträge über die Seelöwen
im Hafen von Mar del Plata, der Schwertwal (Orca) des in Auflösung
befindlichen Aquaparks von Mar del Plata, Erinnerungen an archäologische Ausgrabungen in der Cueva de las Manos von Carlos Gradin und
einen Überblick der argentinischen Wasservögel.
Die Büros von Vida Silvestre befinden sich in der Defensa 251, 6.
Stock, Fernruf 4331-3631. Info im Internet
www.parquesnacionales.gov.ar.
Der Mann im
Overall muss
mehrmals kurbeln, bis der kalte Motor endlich
kommt. Die vier
Zylinder, jeder
von rund einem
Liter Hubraum,
beginnen
zu
blubbern.
Es ist Sonntagvormittag, der
27. Oktober, in
der
Avenida
Quintana zwischen Callao und
Junín, und in weDer AT-Motorredakteur als Beifahrer
nigen Minuten
auf dem 1912er Mercedes.
beginnt das sechste Schnauferlrennen Recoleta - Tigre. An derselben Stelle wurde fast
ein Jahrhundert zuvor, am 6. Dezember 1906, das erste Strassenrennen
Südamerikas gestartet, auf Erdstrassen entlang der heutigen Avenida del
Libertador und den Camino del Bajo bis zum damals noch existierenden
Tigre Hotel.
Gewonnen wurde seinerzeit das Rennen von Miguel A. Marín auf De
Dietrich gefolgt von Daniel Mackinlay auf Spyker. Wer von den beiden
wirklich Erster wurde, darüber wird noch immer diskutiert, denn die
Zeitnahme funktioniert damals noch nicht so perfekt wie heutzutage.
Der silberne Siegespokal wurde jedenfalls Marín zugesprochen, der vermutlich schon deshalb der Schnellste gewesen sein dürfte, weil er laut
einer Zeitungschronik auf der Hin- und der Rückfahrt fünf Hunde ins
Jenseits beförderte.
Knapp 40 Autoveteranen sind angetreten, die Besatzungen in zeitgenössischen Aufzügen, um die historische, rund 28 Kilometer lange Strekke, heute fast durchgehend auf Asphalt, kurz aber auch (in San Isidro)
über Kopfsteinpflaster, wieder abzufahren.
Im Vergaser unseres Mercedes Modell 1912 mit Kettenantrieb, von
seinem Besitzer Alberto Lichtenstein gefahren, scheint sich ein Wassertröpfchen eingenistet zu haben, denn im Leerlauf stottert der Motor. Also
müssen wir schnell fahren, 70, 80, vielleicht sogar 90. Fast als letzte
startend, kommen wir in Tigre als Dritte an. Da der Beifahrersitz sehr
schmal ist und auch keinerlei Haltegriffe vorhanden sind, muss der Motorredakteur sich an den schmalen Wulst der Sitzlehne klammern. Und
damit der Fahrtwind (kein Verdeck, keine Windschutzscheibe) mir die
Schirmmütze nicht wegweht, muss ich sie ganz verwegen verkehrt
aufsetzen.
Da Sonntagvormittag, erlaubt
sich Alberto, an einigen Ampeln
ohne Halt durchzufahren. Die Strassen säumen begeisterte MenFußball
schen und winken den Schnauferln
Copa Sudamericana
und ihren Besatzungen zu. Nach
Finale, Hinspiel
knapp 35 Minuten (inklusive zwei
Atlético Nacional (Kol) - San LoStempelkontrollen) sind wir am
renzo 0:4.
Rückspiel am 11.12.
Ziel - zweifellos schneller, als
Torneo Apertura
wenn man wochentags mit einem
18. Spieltag: Independiente normalen, modernen Auto auf dieBoca Juniors 1:1, River Plate - Olser Strecke von Recoleta nach Tigimpo BB 2:1, Chacarita - Racing
re fahren würde.
Neueröffnung Correntoso
Praktisch das älteste Hotel in der viel gerühmten „argentinischen
Schweiz“, ist das Correntoso am Nordufer des Nahuel Huapi. Es wurde
schon 1910 gebaut, um die Nachfrage der aus aller Welt herbeiströmenden Sportangler zu befriedigen, die im Correntoso - mit 800 Meter der
kürzeste Flusslauf Argentiniens - Forellen und Lachse fischten.
Nunmehr generalrenoviert, werden die ersten l5, neu eingerichteten
Zimmer nebst sechs Suiten im Dezember dem Betrieb übergeben, Sonderangebote winken. Auskunft: www.correntoso.com sowie E-Mail
[email protected].
Luftfahrtneuigkeiten
TAM Mercosur wird in den Sommermonaten Mar del Plata mit
Asunción del Paraguay, Santa Cruz de la Sierra, Cochabamba und Sao
Paulo non stop verbinden.
United Airlines bietet Direktflüge von Ezeiza nach Washington.
Die internationalen Flughafengebühren sollen für argentinische Fluggäste um 30 Prozent (in Dollarwerten) gesenkt werden.
Marlú
Espíndola tot
Buenos Aires (AT) - Der argentinische Boxer Daniel Espíndola
ist tot. Der 25-Jährige starb am Sonntag auf der Intensivstation eines
Krankenhauses in der Provinzhauptstadt Catamarca, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Espíndola war am vorvergangenen Freitag im Anschluss an einen Kampf in Catamarca gegen Fabio
Oliva noch im Ring bewusstlos zusammen gebrochen und später ins
Koma gefallen. Der Boxer aus Missiones hatte in dem 10-RundenKampf schwere Kopftreffer einstecken müssen, die ein Blutgerinsel
im Gehirn verursachten.
Seit Beginn der Aufzeichnungen vor 110 Jahren verzeichnet der
argentinische Boxsport damit 18 Todesopfer, das zweite in diesem
Jahr. Im Juli war der aus Salta stammende Boxer Hugo Guzmán nach
harten Kopftreffern seines Gegners César Romero gestorben. Der
erste Boxer, der in einem argentinischen Ring sein Leben ließ, war
1924 Luis Taki. Dem Sohn japanischer Einwanderer wurden bei dem
Kampf in Gualeguaychú (Entre Ríos) die Wucht der Schläge Francisco Giuppones zum Verhängnis.
TABELLEN
Club 0:3, Talleres - San Lorenzo
1:1, Huracán - Gimnasia LP 0:0,
Estudiantes - Vélez 1:2, Rosario
Central - Banfield 1:0, Nueva
Chicago - Unión 2:2, Colón Newell’s 3:1, Arsenal - Lanús 2:2.
Tabellenspitze: 1. Indepeandiente 40 Punkte, 2. Boca 37, 3. River
33.
KAUFEN VERSCH.
COMPRAS VARIAS
IVES Compra adornos, cristalería, porcelanas, antigüedades, muebles, objetos varios, 4791-4287.
Sonnabend, 30. Nobember 2002
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ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Argentiniens sieben Weltwunder
Natur- und Kulturdenkmäler auf der Unesco-Liste des Welterbes
Von Lucía Alfonso
Ein Reiseland mit vielen Reichtümern, verschiedenen Kulturen und
unzähligen Naturschätzen. Unterschiedliche wunderbare Landschaften
breiten sich auf dem argentinischen Staatsgebiet aus. Zauber, Geheimnisse, Geschichte und Schönheit verstecken sich in jeder Ecke Argentiniens. Sieben der schönsten Natur- und Kulturdenkmäler sind auf der
Unesco-Liste des Welterbes.
Die UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung und
Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation) hat sich dem Schutz
des Kultur- und Naturerbes der Welt verschrieben. „Kulturerbe“ sind
Monumente, Gebäude und Orte, die historischen, ästhetischen, archäologischen, wissenschaftlichen, ethnologischen und anthropologischen
Wert haben. Unter „Naturerbe“ fallen physikalische, biologische und
ausserordentliche Formationen; Habitats von Flora und Fauna, die vom
Aussterben bedroht sind, und alle Gebiete, die ästhetischen, wissenschaftlichen Wert haben. (http://whc.unesco.org/nwhc/pages,
www.turismo.gov.ar)
Tierparadies
Península Valdés
Die Península de Valdés liegt
im Osten von Chubut (Patagonien) nur 17 km, von Puerto Madryn
(Flughafen) entfernt, an der Atlantik-Küste und ist mit dem Festland
durch den Isthmus von Ameghino
verbunden. Die Halbinsel gehört
seit 1999 zur Unesco-Liste des
Weltkulturerbes.
Mit 360.000 Hektar gilt die
Valdés-Halbinsel als das Gebiet
mit der grössten Seefauna-Konzentration des Landes und eines
der interessantesten Tierreservate
der Welt überhaupt. Die Artenvielfalt ist fazinierend: Man sieht Seeelefanten, Seehunde, Guanacos,
Ñandus (südamerikanischer
Strauss) sowie typische Fische und
Vögel.
Am Winteranfang im Juni beginnt in Golfo Nuevo und Golfo
San José eines der schönsten Naturschauspiele überhaupt. Unzählige Wale kommen in die Küstenregion, um ihre Jungen zur Welt
zu bringen. Manchmal, wenn sie
spielen, sieht man ihre Schwanzflossen aus dem Wasser winken. In
September kommen ungefähr 600
Wale an die Küste. Rund 80 Kilometer von Puerto Madryn entfernt
liegt das Centro de Interpretación
Carlos Ameghino, das über die Naturwunder der Halbinsel aufklärt.
Ein Museum informiert weiter
über den Ort.
(www.enpeninsulavaldes.com)
Geheimnisvolle
Wüste - Talampaya
Der Naturpark Ischigualasto, in
der Inka-Sprache Ketschua „dort,
wo der Mond ruht“, liegt im Nord-
westen der Provinz von San Juan.
Er gehört seit 2000 zum Weltkulturerbe.
Vor Millionen Jahren war die
Region von Wasser bedeckt und
besaß eine üppige Vegetation.
Heutzutage ist das wüstenartige
Klima eine ihrer charakteristischen
Eigenschaften. Ischigualasto ist
auch als „Valle de la Luna“ (Tal
des Mondes) bekannt. Es umfasst
60.000 Hektar und ist eine der
wichtigsten paläontologischen
Ausgrabungsstätten der Welt.
Die Vielfalt von Farben, Formen, Schatten und Licht macht einen Besuch des Naturparks zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die
bizarren Felsformationen sind Produkte der Wind-Erosion. Die Felsen geben auch Zeugnisse über frühes kulturelles Leben in der Region preis. Zeichnungen und Zeichen
sowie verschiedene aus Stein gemachte Elemente zeugen von einer frühen Besie-delung.
Der rötliche Cañon in Talampaya ist eines der schönsten Naturwunder Argentiniens. Wind und
Wasser haben die Felswände der
Schlucht des Talampaya-Flusses
erodiert und ihnen seltsame Formen gegeben. Die verschiedenen
Gestalten sind unter phantasievollen Namen bekannt: „Der Heilige
König“, „die Katedrale“, „die Türme“, „die fliegende Untertasse“
und „der Mönch“ unter anderen.
Die Seitenwände sind 143 Meter
hoch und liegen an der engsten
Stelle nur 80 Meter auseinander.
(www.ischigualasto.com)
Iguazú - Subtropisches Paradies
Im Nordosten Argentiniens, in
Ischigualasto - „Dort, wo der Mond ruht“
der Provinz Misiones an der Grenze zu Brasilien und Paraguay, liegt
der 1934 gegründete Nationalpark
Iguazú. Die etwa 70.000 Quadratkilometer umfassende Region, ist
durch ihre subtropische Vielfalt bekannt. Der feuchte Regenwald ist
Habitat für eine reichhaltige Fauna und Flora. Es wachsen Begonien, Orchideen, Farne und Palmen.
Man findet Tukane, Papageien,
Amphibien, Reptilien, Raubtiere,
unzählige Schmetterlinge und Affen. Der Natur-Park beschützt die
weltbekannten Iguazú-Wasserfälle. Die Fälle wurden 1541 vom
spanischen Kolonisten Alvar
Nuñez Cabeza de Vaca entdeckt.
„Iguazú“ bedeutet auf Guaraní
„das grosse Wasser“, und gross ist
das Wasser in der Tat. Es umfasst,
je nach Wassermenge, mehrere
hundert einzelne Wasser-fälle.
Der Natur-Park Iguazú bietet
eine Vielzahl an touristischen Aktivitäten. In Safaris, Tages- und
Nachtwanderungen in den
Dschungel, Reitausflügen kann
man sich in dieses subtropische
Paradies einschmiegen. Aber egal,
was man unternimmt, das Tosen
der Garganta del Diablo, des „Teufelsschlund“ genannten grössten
Wasserfalls, der aufsteigende
Dampf und der Regebogen, der
entsteht, wenn die Gischt mit den
Sonnenstrahlen in Kontakt kommt,
bleiben unvergesslich. Die Provinz
Misiones hat ihren Namen von den
Jesuiten-Missionen, die bei der
Missionierung der Guaraní-Indianer entstanden sind. Einige Reste
dieser festungsartigen Landgüter
findet man noch. So auch die Ruine von San Ignacio, die Teil des
Natur-Parks ist.
Der Natur-Park und die Ruine
wurden 1984 zum Kulturerbe der
Menschheit erklärt.
(www.cataratasdeliguazu.net)
Cueva de las Manos Höhlenmalerei
In der Provinz Santa Cruz findet man die Cueva de las Manos,
eine Höhle mit Felsbildern, die vor
9300 Jahren entstanden sind. Wenn
man das enge Tal des Río Pinturas
und die Höhle besucht, kann man
etwas vom Geist der Ureinwohner
Patagoniens verstehen. Ausser den
729 Händen an den Felswänden,
findet man verschiedene Zeichnungen, in denen man Menschen
sowie Tiere erkennen kann. Wie
auch bei Höhlenmalereien in Europa steht die Jagd im Mittelpunkt
der Darstellungen. Dennoch dominieren die Hände, ihre Symbolkraft
und schlichte Schönheit sind einzigartig. Ein Besuch lohnt sich
aber nicht nur „künstlerisch“, das
Naturerlebnis ist einmalig: der
Fluss, die Pflanzen, die Früchte,
die Kondore am Himmel machen
daraus einen geheimnisvollen Ort.
Wenn man sich hier einfühl, kann
man das Leben der verschwundenen Kultur fast nachvollziehen.
1999 wurde die Cueva de las Manos wegen ihrer archäologischen
Bedeutung zum Kulturerbe der
Menschheit erklärt.
(www.ruta0.com)
Los Glaciares - Eisiges Naturwunder
Der Naturpark Los Glaciares,
386 Kilometer von der Stadt Comodoro Rivadavia (Flughafen)
entfernt, wurde 1937 gegründet,
um den riesigen Gletscher zu
schützen. Die Stadt Calafate besitzt
Sonnabend, 30. Nobember 2002
die wichtigste touristische Infrastruktur der Region. Von dort aus
erreicht man den Gletscher per
Schiff. Das Kontinentaleis und die
schneebedeckten Berge der Anden
geben ein einzigartiges Landschaftsbild. Im Lago Argentino,
zwischen dem Brazo Rico und dem
Canal de los Témpanos, findet man
den bekanntesten und beeindrukkendsten der Eisfelsen, den Perito
Moreno. Seine bläulich gefärbte
Frontseite erhebt sich 60 Meter
über den Meeresspiegel. Wenn der
Gletscher „kalbt“, lärmend Eisstücke abfallen, entsteht ein Schauspiel, das man kaum mit Worten
beschreiben kann. Der Moreno ist
der einzige Gletscher, der immer
noch wächst, ungefähr 100 Meter
pro Jahr. Der Naturpark rund um
die Gletscher schützt auch verschiedenene Arten patagonischer
Bäume, wie Coihue, Guindo und
Ñire. Pumas, rote Füchse und
Huemuls (patagonische Hirsche),
charakteristische Vertreter der südpatagonischen Fauna, findet man
ebenfalls. Wegen seiner ausserordentlichen landschaftlichen und
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ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Ruine von San Ignacio - Reste der Jesuiten-Missionen.
natürlichen Eigenschaften, wurde
der Naturpark 1981 in die UnescoListe aufgenommen.
(www.losglaciares.com)
Estanzias von Córdoba - Spuren der
Jesuiten
Die vom Spanier Ignatius von
Loyola gegründete „Gesellschaft
Jesu“ spielte im 17. und 18. Jahrhundert eine grosse Rolle in Argentinien. Es entstand die Provincia Jesuítica del Paraguay. Die Jesuiten missionierten die indianische Urbevölkerung auf sanfte
Weise und bauten wirtschaftllich
florierende Modellbetriebe auf.
Ausser in Misiones waren die Je-
suiten auch in der Region des heutigen Córdoba aktiv. Die Companía de Jesús baute Schulen auf.
Jede Schule hatte selbst zu ihrer
wirtschaftlichen Erhaltung beizutragen. Um die Schulen entstanden
Landwirtschaftsbetriebe, Mühlen
und Betriebe zur Weiterverabeitung landwirtschaftlicher Güter.
Einige dieser Estanzien sind noch
erhalten: Santa Catalina, Jesús
María und Alta Gracia in der Provinz Córdoba. Man kann sie heute
besichtigen. Die Tradition wird
dort immer noch hochgehalten. Die
Estanzien und der „jesuitische
Häuserblock“ in der Provinzhauptstadt Córdoba wurden im Jahr
2000 zum Weltkulturerbe erklärt.
Der Häuserblock besteht aus den
traditionsreichen Gebäuden des
Colegio Nacional Monserrat, der
Universidad Nacional de Córdoba,
der jesuitischen Bibliothek und der
Ordens-Kirche.
(www.estanciasjesuiticas.org,
www.argentinaxplora.com/news/
patrim/patrim.htm)
Künstler, TV-Moderator und Mäzen
Federico Klemm gestorben
Am Mittwoch ist der 1942 in der ehemaligen
Tschechoslowakei (Böhmen) als Kind deutscher
Eltern geborene Federico Jorge Klemm gestorben.
Er war in Argentinien als Künstler, TV-Moderator
einer Sendung über Kunst und Leiter einer Stiftung, die seinen Namen trägt, bekannt und berühmt.
Die „Fundación Federico Jorge Klemm“ wurde
1995 gegründet, sie ging aus der Kunstgalerie hervor, die Federico Klemm zuvor betrieben hatte. Die
Stiftung beherbergt Klemms exquisite Sammlung
moderner Kunst, zu der Werke von Pablo Picasso,
Dalí, Joseph Beuys, Robert Mapplethorpe, Christo, etc. gehören, sie wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In einem der Räume befindet
sich auch eine Ausstellung mit einem Ausschnitt aus Klemms eigenem,
visionären Werk, über das verschiedene Bücher veröffentlicht worden
sind. Mit seiner Stiftung verschrieb sich Klemm der Förderung junger
Talente, indem er unbekannte Künstler gemeinsam mit renommierten
Meistern ausstellte.
Klemm war eine schillernde Persönlichkeit des öffentlichen Lebens
in Argentinien und hinterlässt eine große Lücke. Er liebte es, ausgefallene Kleidung zu tragen (u.a. Kostüme des von ihm verehrten Tänzers
Rudolf Nurejev, die er ersteigert hatte) und fühlte sich wohl im Rum-
mel und grellen Licht der Medien.
Seine TV-Sendung „El Ban-quete Telemático“
präsentierte er in einem bewusst gewählten übersteigerten Stil, um so ein Publikum zu fesseln und
für Kunst zu interessieren, das sonst keine Annäherung an die Kunst finden würde - und er hatte
Erfolg mit dem von ihm und dem Kritiker Charly
Espartaco erdachten Programm.
Klemm, der sich seit seinem 14. Lebensjahr der
bildenden Kunst widmete (in den 60-er Jahren war
er im berühmten Di Tella-Institut aktiv), und auch
als Opernsänger und Schauspieler ausgebildet war,
lag vor seinem Tod 40 Tage lang auf der Intensivstation des Deutschen Hospitals. Er erlag einer
Lungenentzündung. Am Donnerstag wurde er auf dem Deutschen Friedhof beigesetzt.
SF
ARGENTINISCHE WIRTSCHAFT
Der frei benannte Dollarkurs betrug Freitag nachmittags $ 3,66. Die
Terminkurse betrugen zum 31.12. $
3.66, zm 31.1. $3,75, zum 28.2. $ 3,83
und zum 31.3. $ 3,90.
***
Der Mervalindex stieg in der Berichtswoche zum Donnerstag um
1% auf 491,99, der Burcapindex um
1,4% auf 1.646,46 und der Börsenindex fiel um 0,3% auf 24.991,11.
***
Der durchschnittliche Rindfleischpreis (kg Lebendgewicht in
Liniers) stieg in der Berichtswoche um
1,1% auf $ 1,9448.
***
Die Gold-, Devisen- und Anla-
genreserven der ZB betrugen am
25.11.02 U$S 9,91 Mrd., der Banknotenumlauf $ 15,79 Mrd. Eine Woche zuvor waren es U$S 9,82 Mrd.
bzw. $ 15,90 Mrd., einen Monat zuvor
U$S 9,75 Mrd. bzw. $ 15,12 Mrd. und
ein Jahr zuvor $ 17,412 Mrd. bzw. $
10,17 Mrd.
***
Der lange angekündigte San
Luis, der Geldersatz-Bond der
gleichnamigen Provinz, ist in Umlauf. Er ist durch einen Währungskorb
aus augentinischen und chilenischen
Pesos, brasilianischen Real, Euro und
Dollar kursgesichert, wird in 2,5,10
und 50 Pesoscheinen ausgegeben und
kann für die Zahlung von Stromrech-
Sonnabend, 30. Nobember 2002
nungen sowie Steuern, Gebühren und
Beiträge, an die Provinz verwendet
werden.
***
Die Bicebank (Banco de Inversión y Comercio) hat der Wertschriftenkommission und der Börse ihr
„Globales Finanztreuhandprogramm für den Aussenhandel“ von
U$S 500 Mio. vorgelegt. Mit einer
ersten U$S 30 Mio. Tranche von „Exporta Argentina“ Bonds, der bedeutendsten argentinischen Auflage seit
dem Default, sollen auf dem Kapitalmarkt Mittel für die Finanzierung von
Aussenhandelsgeschäften argentinischer Unternehmen aufgenommen
werden, denen Kredite von bis zu U$S
5 Mio. gewährt werden sollen.
***
Zu der Wiederaufnahme chilenischer Fleischeinfuhren aus Argentinien verlautete, dass die ersten Lkw
mit argentinischem Rindfleisch zwischen dem 15. und 20. Dezember erwartet werden. Argentinien könnte bis
zu 60% der chilenischen Fleischeinfuhren für rd. U$S 200 Mio. im kommenden Jahr bestreiten, vorausgesetzt, dass
es sich gegen die Konkurrenz Brasiliens durchsetzt.
***
Der Umlauf der Patacon Ersatzgeld-Provinzbonds von Buenos
Aires ist nach Rücknahme der ASerie deselben erstmals geringer geworden. Seit Juli wurden die ausgegebenen $ 615 Mio. bis auf $ 77 Mio.
zurückgekauft. Auch in Córdoba konnte der Lecop-Bondsumlauf verringert
werden.
***
Die Felfort-Schokoladefabrik
wird in ihrem Werk in Buenos Aires
Stadt 2003/05 U$S 5,5 Mio. in die
Produktionserweiterung investieren. Die Belegschaft soll von 400 auf
480 erhöht werden.
***
Die Zahl der eingetragenen Arbeitnehmer in Unternehmen mit 10
und mehr Mitarbeitern hat im September, nach Ermittlungen des Arbeitsamtes, leicht zugenommen. Im
Raum Gross Buenos Aires wurde zum
ersten Mal in 16 Monaten eine Zunahme, 0,3%, verzeichnet. Gross Rosario
ergab sogar +0,5%. Hingegen wurde
in Gross Cór-doba und Gross Mendoza je 0,2% Abnahme ermittelt. Für das
kommende Quartal rechnen 85% der
Unternehmen mit dem gleichen
Beschäftigtenstand.
***
Das Amt für Öffentiche Einnahmen (AFIP) rechnet für November
im Vorjahresvergleich mit um rd.
40% höheren Steuereinnahmen.
Statt $ 3,47 Mrd. sollen $ 4,85 erwirtschaftet werden.
***
Die privaten AFJP Rentenkassen
haben Schuldscheine der Treuhandgesellschaft zur Finanzierung der
Landwirtschaft für U$S 6,1 Mio. gezeichnet. In der Vorwoche wurden aus
Einlagen der Beitragspflichtigen bereits U$S 12,5 Mio. für ErdölausfuhrFinanzierungen verpflichtet. Die Treuhand für die Erdölausfuhren wurde von
7
ARGENTINISCHES TAGEBLATT
der Deutschen Bank, die für die Landwirtschaft von der HSBC Bank geschaffen. Weitere diesbezügliche Projekte für insgesamt U$S 30 Mio. befinden sich noch in Arbeit. Das System
gestattet, den Devisenwert der Einlagen zu erhalten und bei der Deutschen
Bank eine Jahresrendite von 5,5%, bei
der HSBC von 7% zu erwirtschaften.
Die AFJP Rentenkassen verwalten rd.
$ 38 Mrd. von 9 Mio. Mitgliedern.
Über 76% der Beiträge wurden
zwangsweise in Staatspapieren angelegt, die dann zu $ 1,40 pro Dollar pesifiziert wurden, worüber die AFJP den
Rechtsweg beschreiten werden.
***
Das Inarss (Instituto Nacional de
Seguridad Social) gab bekannt, dass
dem argentinischen Sozialsystem
über $ 10,18 Mrd. durch Schwarzarbeit und andere Nichterfüllungen
der Beitragspflichten vorenthalten
bleiben. An erster Stelle des Hinterzieherliste stehen Hausangestellte mit
92,7% Schwarzarbeit und das Baugewerbe mit 74,6%. Dem Statistikamt
Indec zufolge werden für 4,35 Mio.
Arbeitnehmer keine Sozialbeiträge
geleistet. Monatlich werden an Arbeitnehmerbeiträgen $ 482 Mio. hinterzogen, von Selbstständigen für $ 327
Mio.
***
Im Oktober wurden um 5,1%
mehr Neubauten-Bewilligungen gewährt als im gleichen Vorjahresmonat. Wie das Statistikamt Indec bekanntgab, wird damit eine seit Juni 01
rückläufige Tendenz unterbrochen. In
42 im ganzen Land ermittelten Gemeindebezirken betrug die Zunahme
gegenüber September 20,4%. Der IsacIndex für das Baugewerbe ergab für
Oktober um 4,6% mehr als im Vormonat und um 13,1% weniger als im Vorjahresoktober. Im Juli hatte der Vorjahresvergleich noch -37% ergeben.
Für die ersten 10 Monate ergab der
Vorjahresvergleich -32,8%. Die Zunahmen seien vorwiegend auf kleine
Vorhaben zurückzuführen, für die im
Einzelhandel eingekauft wird, während bei grösseren Vorhaben kaum eine
Besserung verzeichnet wurde.
***
Der provinzeigene Wasserverund -entsorger Aguas Bonaerenses
wird die Versorgung säumiger Abnehmer von Handel und Industrie
unterbrechen. Wie amtlich mitgeteilt
wurde, betrifft die Massnahme Kunden, die mehr als $ 5 Mio. schulden.
***
In Moratorien Eingetragene, die
bis November mehr als 2 aufeinenderfolgende Raten nicht bezahlt haben, können die Lage bis zum 20.12.
in Ordnung bringen. Der AFIP-Beschluss Nr. 1.377 bietet die Möglichkeit für Säumige der Steuer- und Sozialwerkmoratorien sowie des sogenannten Minimoratoriums. Es sei die letzte
Glegenheit, da durch das neue Gesetz
Moratorien nur mehr vom Parlament
verfügt werden können.
***
Das INTI (Instituto Nacional de
Tecnología Industrial) hat ein Messund Wägungssystem ausgearbeitet,
Wohnungsbau mit Boden 2012
Mittels Beschluss Nr. 670 (Amtsblatt vom 26.11.02) gibt die Wirtschaftsführung Anweisungen für den Einsatz von 2012 Boden-Bonds
zum Bau von Wohnungen. Gleichzeitig wurde das Amt für Wohnungsbauvorhaben mit Bonds laut Dekret Nr. 905/02 geschaffen. Mit dem
Gegenwert von $ 300 Mio. sollen zu gleichen Teilen Einzelwohnungen
und Wohnungsgruppen errichtet werden.
Die Bonds werden vom Staat zu $ 1,40 plus CER-Indexierung pro
Dollar Nennwert entgegen genommen. Das Schatzamt ist beauftragt,
die Annahmetermine festzulegen und den technischen Preis der Bodenbonds täglich bekannt zu geben. Die Bondsfinanzierng schliesst zu beginnende Neubauten ein, sowie die Fertigstellung begonnener Vorhaben, vorausgesetzt dass es sich um Wohnungsbauten handelt und der
bereits fertiggestellte Teil, ohne Einbeziehung des Grundstückwertes,
nicht grösser als 30% des endgültigen Baues ist. Auf keinen Fall darf
die Qualität des Baues, die bedeckte Fläche oder andere Eigenschaften
der Wohnung geringer sein, als die in dem jeweiligen Baugebieten mit
Fonavi-Mitteln hergestellten Wohngelegenheiten.
Den Vorschriften gemäss müssen die Interessenten die Bonds innerhalb von sieben Bankarbeitstagen nach der Annahme ihres Angebotes
der Wirtschaftsführung übertragen. Sie erhalten dafür die Bestätigung,
dass dieselben auf dem Schatzamtkonto bei der ZB hinterlegt worden
sind.
Dem Amt für Wohnungsbauvorhaben mit Bonds obliegt es, die Mindestanforderungen für die Annahme eingereichter Vorhaben feastzulegen und sie innerhalb von 45 aufeinanderfolgenden Tagen zu überprüfen.
durch das Machenschaften bei Einund Ausfuhren ein Riegel vorgeschoben werden soll. Das System gestattet, lose Mengen zu messen, Produkte zu identifizieren und die Informatikdaten aufzunehmen und weiter
zu leiten. Das System für den Aussenhandel mit unverpackten Waren kann
an allen Stellen des Landes eingerichtet werden, an denen feste, flüssige
oder gasförmige Waren ohne Einzelverpackung ein- oder ausgeführt
werden.
***
Finning International, wichtigster Caterpillar-Vertriebsagent in
Kanada, Grossbritannien und Chile, hat 100% von Macrosa del Plata,
Gecomsa und Matreq, den Caterpillar-Vertretern in Argentinien, Uruguay und Bolivien, für U$S 64,7 Mio.
übernommen. Für die Hälfte des Betrages werden Aktien vergeben, für die
andere Schulden übernommen. Finning mit Stammsitz in Vancouver notiert an der Börse von Toronto und hat
im Vorjahr U$S 2,03 Mrsd. umgesetztt.
***
Die Banken ausländischen Kapitals Rio, Boston und Francés haben
vereinbart, in 15 Städten mit weniger als 100.000 Einwohneren in 8
Provinzen einen gegenseitigen Kundentausch vorzunehmen, so dass je
eine Bankfiliale verbleibt. Damit soll
ihre Präsenz in Ortschaften, deren
Umsätze nicht mehr als eine Niederlassung rechtfertigen, eingeschränkt
werden.
***
Ledesma SA investiert unmittelbar U$S 40 Mio. in die Kapazitätserhöhung von 75.000 auf 90.000 Jato
in ihrer Papierfabrik in Jujuy. Es ist
die 2. ihrer 5 Erweiterungsetappen mit
insgesamt U$S 100 Mio. Investition
und 120.000 Jato Endziel. Die Investition schliesst 2 Zelluloseöfen für
U$S 20 Mio. und wesentliche Verbesserungen des Maschinenparks ein.
***
Die spanische Codorniu Weinkellerei, die bisher alle ihre als Cavas
bekannten Schaumweine aus Europa brachte, beginnt ihre Herstellung
in Mendoza. Ihre Konkurrentin Freixenet gab beinahe gleichzeitig Investitionen von E 2 bis 3 Mio. in die Winzerei in Argentinien bekannt. Die
Schaumweine werden mit europäischen Reben und Methoden hergestellt,
dürfen jedoch die Frankreich und Spanien vorbehaltenen Namen Champagne und Cava nicht tragen. In Argentinien werden sie indessen weiter als
champagne oder champán bezeichnet
***
Rd. 20.000 Pkw die bis Jahresende nicht abgesetzt werden können,
dürfen als Baujahr 2003 veräussert
werden, wie das Staatssekretariat
für Industrie, Handel und Bergbau
auf Ansuchen der Industriekammern verfügt hat. Die Massnahme
bezieht sich auf alle fabrikneuen Kfz,
die ab dem 1.4.01 hergestellt wurden.
Bei Importwagen gilt die Zollabfertigung ab dem 1.4.01.
***
Die Deutsche Bank hat als 3. Finanzinstitut die Lastenhefte erworben, um Finanzberater Argentiniens
für die Schuldumstrukturierung zu
werden. Die anderen Banken sind
ING und die Bank of America. Die
Frist läuft am 9.12.02 ab.
***
Die argentinischen Niederlassungen der Citigroup, FleetBoston und
HSBC in Miami wurden angeklagt,
ungerechtfertigt Einlagen ihrer
Kunden in Argentinien einbehalten
zu haben. Dabei werden mindestens
U$S 60 Mio. Schadenersatz gefordert.
Es ist die erste Klage in den USA gegen
die
argentinische
Absatzrückgang bei Supermärkten
Im Oktober ist der Gesamtabsatz der Supermarktketten im Vergleich
zum selben Vorjahresmonat um 31,6% geringer gewesen. Wie das Statistikamt Indec bekanntgab, ist seit Juni ein stetiger Rückgang der Absätze der Supermärkte zu verzeichnen. Im Vormonatsvergleich war der
Absatz um 2% geringer. Die Flaute auf den Supermärkten hält bereits
seit 21 Monaten an.
Die Supermärkte haben im Oktober $ 1,31 Mrd. umgesetzt. Mit der
Inflation von 40% haben sie in den ersten 10 Monaten um 8,3% mehr
umgesetzt als im gleichen Vorjahreszeitraum, der mengenmässige Absatz war jedoch um 25,6% geringer.
Das Statistikamt führt den ständigen Absatzrückgang bei den Supermärkten auf den Übergang der Kundschaft auf die herkömmlichen Lebensmittelgeschäfte in ihren Wohnbezirken zurück. In diesen Geschäften liegt das gewohnte Notizbuch auf, in dem die Käufe an Zahlungs
Statt eingetragen und, wenn Bargeld vorhanden ist, beglichen werden.
Ausserdem sei die Preisspanne zugunsten der Supermärkte geringer
geworden.
Shopping-Center
Bei den weniger vom Inlandsbedarf als vom Fremdenverkehr abhängigen Shoppings wurde im Oktober für $ 155,1 Mio. verkauft. Das
war umsatzmässig um 19% mehr als im Vormonat und um 31% mehr
als im Vorjahresoktober. Doch trotz der Geldentwertung liegt der Umsatz der ersten 10 Monate um 4,2% unter dem des Vorjahres-Vergleichszeitraumes. Die Absätze waren, den Angaben des Statistikamtes zufolge, gegenüber dem Vorjahresoktober um 14,9%, geringer. Gegenüber
dem Vormonat hingegen, verzeichneten sie im dritten Monat in Folge,
eine durch den entwerteten Peso stark vom Fremdenverkehr bedingte
Zunahme, diesmal von 1,7%.
Depositeneinfrierung.
***
Den Bankbilanzen zum 30.6.
kann entnommen werden, dass die
Finanzinstitute angesichts der neuen Wirtschaftslage ihre Betriebskosten um beinahe 40% verringert
haben. Bei den privaten Banken wurden die Kosten besonders durch die
Schliessung von Filialen und Beamtenabbau verringert. Gehälter und ihre
Zusatzkosten machen 50% bis 60% der
Bankspesen aus. Bei den offiziellen
Banken wurden vorwiegend Verwaltungsspesen gedrosselt. Die Zunahme
ihrer Depositen um 10% seit Dezember 01 hat den Banken Nación und
Ciudad sogar gestattet, in den letzten
Monaten 15 neue Filialen zu eröffnen.
***
Obwohl Bodenbonds seit dem
25.9.02 an der Börse und dem Elektronischen Wertschriftenmarkt gehandelt werden können, ist das nur
mit 20% davon möglich. Von den
knapp 12 Mrd. die ausgegeben wurden, sind nur 2,41 Mrd. auf Namen von
Kontoinhabern hinterlegt. Die Banken,
die etwa 8 Mrd. erhalten haben, können über sie noch nicht verfügen. Der
Bondswert von $ 170 wird als durch
die Einsatzmöglichkeiten überhöht angesehen. Die Möglichkeit, mit ihen
Kfz zu erwerben, hat ihre Notierung
um 12% erhöht. Der Nennwert von $
1,40 steigt durch den CER-Index auf
$ 1,97, so dass hier ein etwa 10%iger
Gewinn entsteht.
***
Der CVS-Index (Coeficiente de
Variación Salarial), mit dem pesifizierte Bankschulden berichtigt werden sollen, wird, wenn er zur Anwendung kommt, weniger als 5%
betragen. Dieser Index wird bei Hypothekenkrediten, bei Krediten für
8
ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Sonnabend, 30. Nobember 2002
ständig besetzte einzige Eigenwohnungen, Pfandkrediten bis zu $ 30.000 und
Personalkrediten bis zu $ 12.000 angewendet, d.h. für alle Kreditschulden
die von der CER-Indexierung ausgenommen wurden.
***
Die Bice-Bank (Banco de Inversión y Comercio Exterior) bietet eine
neue Kreditlinie von U$S 100 Mio.
an. Sie soll vorwiegend der Ausfuhrfinanzierung von Regionalwirtschaften
dienen. Die Vorfinanzierungen sollen
Ausfuhren von Honig, Pflanzenölen,
Geflügel und technischen Erzeugnissen fördern.
***
Der Senat hat überraschend die
Gesetzesvorlage über CER-Indexierungen geändert, die nun von den
Abgeordneten bestätigt werden
muss. Dollarkredite, die Provinzen zur
Wohnbaufinanzierung aufgenommen
haben, werden nicht CER-indexiert.
Personen, die die Kredite über Banken,
Genossenschaften oder gemeinnützige
Körperschaften für die eigene Einzelwohnung aufgenommen haben, zahlen
die Indexierung für die Pesifizierung
nicht, wenn die Wohnungshypothek
U$S 250.000 nicht übersteigt. Desgleichen bei Pfandkrediten bis U$S 30.000
oder Personalkrediten bis U$S 12.000.
***
Der Senat hat einen Bundesrat
der Verbraucher und Benützer geschaffen, der weitgehende Ermächtigungen zum Schutz der Rechte der
Bevölkerung haben soll. Er wird dem
Produktionsministerium unterstellt. Zu
seinen Aufgaben gehört der „Eingriff
in Notstandslagen durch Preise, Versorgung oder andere aussergewöhnliche Situationen“.
***
Die Dollarwerte von Immobilien
Das Gerichtsverfahren über ein
Informatiksystem des Steueramtes
Die Bundeskammer hat die Prozessierung des ehemaligen Vorstehenden des Steueramtes (DGI), Ricardo Cossio, sowie des damaligen
IBM-Präsidenten Ricardo Martorana u.a. ehemaliger IBM-Beamten
verfügt. Es handelt sich um einen alten Prozess, der am 29.5.96 durch
eine Klage der damaligen Deputierten des linkslastigen Frepaso, Carlos „Chacho“ Alvarez, Horacio Viqueira y Alfredo Bravo eingeleitet
worden war, die sich auf den Vertrag des Steueramtes mit IBM und
Banelco bezog, durch den diese ein Informatiksystem einführten und
vier Jahre lang betrieben, durch das die Einzahlungen auf das Konto
des Steueramtes an das Amt selber, sowie an die ANSeS, die privaten
Rentenkassen und die Sozialwerke der Gewerkschaften vollzogen wurden. Das System funktionierte reibungslos. Dies war notwendig, nachdem Cavallo 1994 verfügt hatte, dass das Steueramt für all diese Zahlungen verantwortlich sei.
Die Klage bezieht sich nur darauf, dass der Betrag von U$S 521
Mio. angeblich zu hoch sei, ohne dies zu begründen. Cossio konnten in
seiner Verteidigung nachweisen, dass der Betrag, umgerechnet auf den
Prozensatz der Beträge, um die es dabei geht, während der vier Jahre
Vertragsdauer im Vergleich zu ähnlichen Fällen niedrig war. Das ganze
System wurde 1998 vom Steueramt übernommen und funktioniert seither mangelhaft. Das Gerichtsverfahren umfasst inzwischen über 7.000
Seiten und ist für die Richter, die von Informatik nichts verstehen, schwer
verständlich, so dass sie sich ihrer Verantortung entledigen und das Verfahren weiterführen, statt ein Urteil zu fällen. Dass die Prozessierung
nach sechs ein halb Jahren erfolgt, ist an sich schon eine Unregelmässigkeit des Prozesses.
Die schlimme Konsequenz dieses Gerichtsverfahrens ist, dass die
Beamten, die Informatiksysteme verpflichten müssen, gehemmt werden, so dass der Staat weiterhim im Rückstand auf diesem Gebiet bleiben wird, wobei die Verpflichtung von Informatikprogrammen, die von
Privatunternehmen durchgeführt werden, ein wesentlicher Beitrag zur
Rationalisierung und Effizienzgewinnung des Staates ist. Wenn der Staat
die Informatik in eigener Regie vorantreibt, scheitert er, weil in der
Regel die falschen Anlagen gekauft wurden und der Staat die Gehälter,
die für Informatikspezialisten am Platz, gelten, nicht entfernt bezahlen
kann. Somit verfplichtet der Staat dann Lehrlinge und Abfallpersonal.
Das „Outsourcing“ der Informatik, so dass ein Privatunternehmen die
Anlagen („hardware“), die Systeme („software“) bereitstellt, das System betreibt und dem Staat das Ergebnis liefert, ist die einzig vernünftige Lösung. Aber der Beamte, der diese Entscheidung trifft, riskiert
einen langwierigen Prozess, dessen Ausgang wegen der Ignoranz der
Richter stark zufallsbedingt ist, wobei er für die Anwaltskosten selber
aufkommen muss. Der argentinische Staat ist bei Informatik stark im
Rückstand.
im Raum Gross Buenos Aires fallen
weiter. Obwohl der Immobilienhandel
vor einem Monat festgestellt hat, dass
die Preise die Talsohle erreicht haben,
gingen sie zwischen August und November um weitere 2,5% und damit in
einem Jahr um 52,31% zurück. Die
Daten wurden von Tasaciones Argentinias, einer Firma von Branchemitgliedern, ermittelt.
***
Der Wirtschaftsminister hat in
Berlin die Strom- und Gaspreiserhöhungen ab nächster Woche bestätigt. Auch Ferngespräche würden teurer werden. Das Dekret sei bereits unterschrieben. Gas wird um 7% teurer,
Strom um 9% und Telefongebühren
um 12%. Die Erhöhungen würden in
einigen Fällen in Kraft treten und in
anderen Null betragen.
***
Die ZB hat die Pflichtreserven
der Banken vereinheitlicht. Bisher
galten für eingefrorene Fristeinlagen
40% und 5% bis 9% für frei verfügba-
re. Nun gelten für alle 26%. Die Umstellung hat in den Monaten Dezember/Januar zu erfolgen. Für Banken, die
ihre Rückstellungen erhöhen müssen,
werden eigene Zeitpläne ausgearbeitet.
***
Der Gouverneur der Provinz Buenos Aires gab bekannt, dass er zum
Jahresende mit einem um $ 1,55
Mrd. geringerem Defizit als dem von
seinem Vorgänger Ruckauf erhaltenen abschliessen wird. Er habe die
Provinz mit einem Defizit von $ 3,05
Mrd. übernommen. Hauptgrund der
Defizitverringerung sei die Verbesserung der Steuereintreibung der Provinz
um über 30% gewesen.
***
Die Steuereingänge werden im
November mit $ 5 Mrd. Rekord und
im Vorjahresvergleich um 44%
grösser. Ursache sei die Erhöhung der
Gewinnsteuer-Einnahmen, die über $
1 Mrd. eingebracht haben sollen. Das
Verbot der Inflatinsanpassung in den
Unternehmensbilanzen hat die Steuer-
ARGENTINISCHES TAGEBLATT
Sonnabend, 30. Nobember 2002
behörde begünstigt, da im November
die Frist für die Vorlage der Bilanzen
zum 30.6.02 abläuft. Im 1. Halbjahr
musste für die 30,4%ige Preiserhöhungen die volle Gewinnsteuer entrichtet
werden.
***
Nach seinen Besprechungen mit
den europäischen Mitgliedern der
G7 erwartet Wirtschaftsminister
Lavagna, noch in diesem Jahr das
Abkommen mit dem IWF zu unterzeichnen. Nach Frankreich, Deutschland und Italien verhandelt der Minister mit Spanien, dem einziger dieser
Staaten ohne Sitz im IWF-Vorstand. In
Rom erhielt der Minister Zusagen, aber
auch Beschwerden über die Lage italienischer Sparer, die in argentinischen
Bonds angelegt haben, die nun von
dem Default betroffen ssind.
***
Der Regierung liegt der Entwurf
eines Notstandsdekretes zur Unterzeichnung vor, das Schuldnern des
Finanzsystems durch 90 Tage gestatten soll, Verpflichtungen mit Bodenund Cedro-Bonds nachzukommen.
Diese Bonds wurden Inhabern umprogrammierter Bankeinlagen übergeben.
Andere Staatspapiere sollen nicht zugelassen werden, da sie durch das Default unter ihrem Nennwert notieren.
Das neue Dekret soll den Paragraphen
20 des Dekretes Nr. 902/02 ersetzen,
der Banken verpflichtete, Bodenbonds
für alle Arten von Zahlungen entgegen zu nehmen, der jedoch von der ZB
nie reglementiert wurde. Nun müssten
die Banken Boden 2012 in Dollar,
Boden 2007 in Pesos und Boden 2005
in Dollar ohne Einschränkung des Betrages entgegennehmen.
***
Regierung und Parlament arbeiten an Lösungen für Schulden, die
vor der Abtwertung gemacht wurden. Es gehe um mit der einzigen, vesteigerungsfähigen Eigenwohnung garantierte und nun übefällige Schulden
an Nichtbanken und um CER-indexierte Hypotheken-, Pfand- oder Personalkredite. Bei Hypothekenschulden einziger Eigenwohnungen ordnet ein Dekret vor jeder Versteigerung ein gerichtliches Schlichtungsverfahren an.
Innerhalb von 30 Arbeitstagen, praktisch 2 Monaten, müssen sich die Teile eingen. Die Entscheidung des Richters ist dabei unberufbar. So kann der
Richter entscheiden, dass dem Inhaber
von den Versteigerungserlös Geld verbleiben muss, damit er sich eine andere Wohung kaufen kann.
***
Die Internetsurfer haben in Argentinien 02 um 15% auf 4 Mio. zugenommen, wie die Beraterfirma
Carrier & Asoc. bekanntgab. Damit
betrage die Anschlussquote 11,1%,
doppelt soviel wie vor 3 Jahren. Den
grössten Zuwachs hatten Publikumsdiensten wie Ciberkaffees usw. Gratisdienste, an erster Stelle Fullzero, AlternativaGratis und Uyuyuy haben ihre
Anschlüsse verdoppelt und verzeichnen nun 30% aller Anschlusszeiten.
26% surfen von öffentlichen Dienstleistern und 21% sind bei ihren Wohnungen an einen Gebührenfreidienst
angeschlossen.
***
Zum 3. Mal in diesem Jahr wechseln Aktienpakete des offenen Fernsehsenders Kanal 9 die Besitzer. F.
Sokolowicz, Herausgeber der Zeitung
Página 12, und B. Vijnovsky, dritter
Partner von HFS Media, der zu Jahresmitte die Lizenz des Senders von
Telefónica für U$S 12 Mio. plus U$S
20 Mio. Schuldenübernahme erworben
hatte, treten ihre Anteile an D. Hadad,
der nun 88% hält, ab. Die restlichen
12% gehören C. Belocopitt von der
Swiss Medical Group. Angeblich wird
Hadad 30% bis 38% seiner Anteile
dem Atlántida Verlag abtreten.
***
Das Staatssekretariat für Technik und Wissenschaft, das Amt für
technische und wissenschftliche Erziehung Conicet, die Atomenergiekommission Cnea, das Conae und
die Technologieagenturen Inti und
Inta haben sich in einer Mitteilung
für die Zusammenarbeit zwischen
Argentinien und Australien für
friedliche Kernenergieanwendungen ausgesprochen. Die staatliche
Invap baut derzeit für Australien einen
Atommeiler für medizinische und technische Forschungen. Die Experten versichern, dass es sich um den bedeutendsten Technologieexport in der Geschichte des Landes handle. Den Partnern sei untersagt, radioaktives Abfallmaterial zu verarbeiten und Australien
müsse sich ergebende Materialen in
seinem Hoheitsgebiet unterbringen.
***
Die Columbia Bank hat den Zuschlag der Banco Edificadora de
Olavarría, seine Aktiven, Vorzugspassiven wie Kontoeinlagen und
Cedrobonds, mit 9 Filialen in der
Intensive Parlamentstätigkeit im Dezember
Die Regierung hat das Parlament zu ausserodentlichen Sitzungen,
nach Ablauf der normalen Sitzungsperiode, ermächtigt. U.a. soll über
eine Regierungsvorlage debattiert werden, mit der die unter dem Namen Schecksteuer bekannte Belastung aller Kontenbewegungen mit
sechs Promille des jeweiligen Betrages um zwei Jahre verlängert werden soll.
Auch der Haushaltsplan für das kommende Jahr soll während der
aussergewöhnlichen Sitzungen behandelt werden. Es wird erwartet, dass
das Abgeordnetenhaus die Vorlage erst am 17.12. in Angriff nehmen
wird und dass sie der Senat knapp vor Weichnachten zur Weiterbehandlung erhalten kann.
Ausserdem muss in dem vorgesehenen Zeitraum die Rückerstattung
der den Beamten, Rentnern und Pensionären einbehaltenen 13% ihrer
Bezüge beschlossen werden. Ein weiteres Diskussionsthema ist der, der
Präsidentengattin persönlich nahestehende Landesweite Ernährungsplan,
der im Parlament ebenfalls vor Jahresende seine endgültige Durchführungsform finden muss. Auch muss beschlossen werden, dass die Möglichkeit, Steuern mit Staatsschuldscheinen zu bezahlen, um 90 Tage verschoben wird. Das Gesetz über Indexierungen mit dem CER-Index
(Coeficiente de Estabilización de Referencia) muss ebenfalls vor Ende
der aussergewöhnlichen Sitzungen funktionstüchtig sein.
Insgesamt hat die Regierung für die aussergewöhnlichen Sitzungen
22 Gesetzesvorlagen eingebracht. Darunter befinden sich Änderungen
des Strafrechtes, wie Straferhöhungen bei Entführungen. Auch Förderungsgesetze wie der Fonds für die Produktionsentwicklung, die Förderung von Regionalentwicklungen, Arbeitsbeschaffungen und Mittel
für kleine und mittelständische Betriebe warten auf positive Abstimmungsergebnisse.
Provinz Buenos Aires, erhalten. Columbia hat sich verpflichtet, alle Arbeitsplätze zu den bisherigen Bedingungen zu erhalten.
***
Die Regierung Italiens hat Argentinien die Schenkung von E
800.000 bestätigt. Damit soll die Sozialkrise in den provinzen Tucumán,
San Juan und Jujuy gemildert werden.
***
WIRTSCHAFTSÜBERSICHT
„Corralito“-Aus
Völlig überraschend verkündete Wirtschaftsminister Roberto Lavagna am vergangenen Wochenende, dass das Verbot, Bargeld für mehr als $ 500 je Woche
von Girokonten der Banken
(Kontokorrent und Sparkonten)
abzuheben, ab 2. Dezember entfällt. Die Mitteilung erfolgte in einer Pressekonferenz im Wirtschaftsministeriun, ohne dass der
Präsident der Zentralbank, Aldo
Pignanelli, oder andere Vertreter
der Notenbank dabei waren. Offenbar sind die persönlichen Beziehungen zwischen dem Minister und dem ZB-Chef nicht die
besten.
Die Zentralbank hatte schon
vor Monaten die Abschaffung des
im spanischen Jargon als „corralito“ (kleiner Hof) genannten Barabhebungsverbots empfohlen.
Die Beamten des Internationalen
Währungsfonds traten in Verhandlungen mit dem Minister und
9
seinen Mitarbeitern für die Rückkehr zur finanziellen Normalität
ein, die ab kommenden Montag
gilt.
Das Verbot, Bargeld abzuheben, wurde vom damaligen Wirtschaftsminister Cavallo Ende November 2001 erlassen. Zeitgleich
wurde die Devisenbewirtschaftung, Spanisch „control de cambios“, nach über einem Jahrzehnt
freien Zahlungsverkehrs wieder
eingeführt. Diese Transferkontrolle wirkte beim damals vorherrschenden Devisenabfluss
gleich Kapitalflucht, ungleich
schwerwiegender als das Verbot,
Bargeld abzuheben. Nebenbei
sollte dieses Verbot einen vermehrten Zahlungsverkehr über
Girokonten mit entsprechender
Zunahme der Depositen auf diesen Konten, genannt Bankarisierung, bewirken, indem mit Kredit- und Zahlkarten vermehrt
Zahlungen elektronisch abgewik-
kelt werden. Bei Zahlkarten wurde zudem eine 5prozentige Gutschrift der geleisteten Merhwertsteuer eingeführt.
Anfangs bewirkte das Verbot,
Bargeld abzuheben und statt dessen Zahlkarten einzusetzen, bürokratische Mühewaltungen, die
zu Wutausbrüchen der Bevölkerung, insbesondere des zahlungskräftigen Mittelstandes, führten
und auch mit dem spontanen
Kochtopfklopfen, Spanisch genannt „cacelorazo“, zur Gewalt
führte. Am 20. Dezember demissionierten Präsident de la Rúa und
Wirtschaftsministger Cavallo,
nachdem es Tote, Verwundete
und Schaufensterbrüche, gefolgt
von Diebstahl, gegeben hatte.
Die Devisenbewirtschaftung
gilt immer noch, wiewohl sie
langsam aufgeweicht wird. Bei
Importen, für die Zahlungsziele
gelten, wurden die Kontrollen wie
früher auf die Banken dezentralisiert. Einige Barzahlungen bei
Maschinenimporten wurden dieser Tage wieder zugelassen. Dollarscheine dürfen mit Höchstbeträgen am Markt erworben werden. Transfers sind nur bis U$S
100.000 zugelassen. Der
Schwarzmarkt erledigt freilich
gegen eine Gebühr alle gewünschten Geldgeschäfte.
Die Aufhebung des Verbotes,
Bargeld abzuheben, begünstigt
Kontokorrent- und Sparkassendepositen für $ 21,6 Mrd., weniger
als ein Drittel sämtlicher Depo-
Sonnabend, 30. Nobember 2002
siten von über $ 68 Mrd. Da diese Gelder vorwiegend für laufende Zahlungen eingesetzt werden,
wird nicht befürchtet, dass sie
nach der Freigabe umgehend in
Dollarscheine umgewechselt
werden, nachdem sie abgehoben
worden sind. Das wird zumal bei
Festgeldanlagen befürchtet, die
reine Geldersparnisse sind und
nicht den laufenden Geldgeschäften dienen. Minister Lavagna vertraut dem Sparpublikum, das seit
mehreren Monaten wieder zu den
Banken zurückgekehrt ist und
Geld deponiert, anstatt gleichsam
in Finanzpanik in Devisen zu
flüchten wie weiland seit Anfang
2001 bis Mitte 2002. Die Zentralbank hat vor Monaten einen Leitzins in Gestalt eigener Wechsel
eingeführt, deren Sätze fühlbar
gefallen sind. Neuerdings haben
einige Banken sogar Dollarwechsel der Zentralbank mit Negativzins erworben, um sich gegen
mögliche Abwertungen schadlos
zu halten, was so viel wie eine
Kursprämie ist.
Gegen Jahresende besteht jeweils eine gewisse Neigung, Bargeld zu halten, weil das halbe Monatsgehalt (Spanisch „aguinaldo“) ausbezahlt wird, Weihnachtseinkäufe getätigt werden und die
Sommerferien finanziert werden
müssen. Insofern stellt die Freigabe der Barabhebungen ein
freundliches Weihnachts- bzw.
Neujahresgeschenk dar, das Unannehmlichkeiten wie im Vorjahr
verhindert.
Die zwangsmässig induzierte
„Bankarisierung“ im Vorjahr
ARGENTINISCHES TAGEBLATT
steht im Widerspruch zur Steuer
auf Girokonten, genannt
Schecksteuer, die automatisch
von den Banken belastet wird,
kaum dass eine Gutschrift oder
eine Belastung auf Konto erfolgt.
Diese Steuer wird vielfach umgangen, indem Schecks weiter
gegeben werden, anstatt sie zu deponieren, und Barzahlungen vorgezogen werden, die nicht besteuert werden können.
Wirtschaftspolitisch standen
die „Bankarisierung“, lies Zahlkarten, und die Schecksteuer im
Widerspruch. Beide Ziele kann
man nicht gleichzeitig verwirklichen. Minister Lavagna hat mit
der Aufhebung des Barabhebungsverbots anerkannt, dass die
gewünschte „Bankarisierung“
nur freiwillig erfolgt, wenn sie als
vorteilhaft empfunden wird.
Barabhebungen sind künftig
wieder zugelassen, auch wenn
Schecks am Schalter in Bar einkassiert werden, was bisher verboten war. Zahllose Schwarzhändler, die nur mit Geldscheinen
zahlen und kassieren, werden sich
freilich freuen, dass ihnen künftig keine Hindernisse für die Abwicklung ihrer steuerhinterziehenden Geschäfte im Wege stehen.
Die Regierung nähert sich mit
dem „corralito“-Aus um einen gewichtigen Schritt der Normalisierung der Zahlungen. Ungleich
schwieriger stellt sich freilich die
Freigabe der in Dollar nominierten und vorerst eingefrorenen
Festgelder.
Die Rückdollarisierung der
pesifizierten Depositen
Die Meldung, dass Carlos
Fayt, Mitglied des Obersten Gerichtshofes, sich für die Rückdollarisierung der ursprünglich in
Dollar getätigten Depositen ausgesprochen hat, die dann zum
Kurs von 1,40 in Pesos umgewandelt und gleichzeitig eingefroren
und umgeschuldet wurden (also in
Raten auf mehrere Jahre gezahlt
werden sollten), schlug wie ein
Blitz ein. Denn nun sind es fünf
Richter, die diese Einstellung haben: der Präsident des Gerichtshofes, Julio Nazareno und die
Richter Eduardo Moliné
O’Connor, Guillermo López,
Adolfo Vázquez und der besagte
Fayt. Der neunte Richter, Gustavo Bossert, ist vor kurzem zurückgetreten, zwei weitere, nämlich
Augusto Belluscio und Enrique
Petracchi, haben sich in dieser
Angelegenheit entschuldigt, weil
sie selber eingefrorene Depositen
haben, und Antonio Boggiano
wünscht offensichtlich keinen
Konlfikt mit der Regierung, nachdem diese ihn als Mitglied des internationalen Strafgerichtshofes
in Den Haag vorgeschlagen hat,
ein Amt, das er seit langem anstrebt. Der Oberste Gerichtshof
soll angeblich am 10. Dezember
eine Sitzung abhalten und in dieser Frage ein Urteil fällen, das
schon redigiert sein soll, wobei es
mehrere Fassungen geben soll,
über die die Richter jetzt verhandeln.
Sofort gab es Kontakte zwischen Regierungsmitgliedern und
Richtern des Obersten Gerichtshofes. ZB-Präsident Aldo Pignanelli erklärte im Senat, dass die
Rückdollarisierung der ursprüng-
lich fast U$S 60 Mrd., die pesifiziert, eingefroren und umgeschuldet wurden, eine Notenemission
von etwa $ 80 Mrd. bedeuten und
Hyperinflation mit sich bringen
würde. Der Chefökonom der ZB,
Alejandro Henke, wies darauf hin,
dass der Kurs in diezem Fall auf
$ 10 pro Dollar springen könnte.
Indessen liegt der Fall nicht so
tragisch. Es wird auf alle Fälle angenommen, dass die Rückdollarisierung nur die Saldi betrifft, die
jetzt $ 16 Mrd. ausmachen, was
bei Rückdollarisierung U$S 12,4
Mrd. ausmacht. Der Rest ist entweder in bar ausgezahlt worden,
oder zur Zahlung von Steuern,
Zeichnung von Boden-Bonds
oder Tilgung von Schulden eingesetzt worden. Ebenfalls wurde ein
Betrag von etwa $ 7 Mrd. schon
auf Anweisung von Richtern
ausgezahlt.
Theoretisch müsste die Rückdollarisierung auch für die Kredite
gelten. Dies erscheint jedoch faktisch nicht möglich, wobei in diesem Fall der Oberste Gerichsthof
angeblich die Pesifizierung mit
dem Hinweis begründen würde,
dass es sich im Wesen um eine
Subvention handelt, wobei der
Staat eben berechtigt ist, sie zu
erteilen. Als Grund dafür wird ein
allgemeiner Notzustand angeführt, also eine generelle Pleite
von Unternehmen, wenn sie ihre
Schulden in Dollar oder im Gegenwert in Pesos zum freien
Marktkurs zahlen müssen.
Somit wird davon ausgegangen, dass der Staat für den Verlust aufkommt, der den Banken
durch die Rückdollarisierung entsteht. Der reine Kursverlust betrüge somit $ 28,6 Mrd. Aber dabei
muss man berücksichtigen, dass
das Schatzamt ohnehin für die
Differenz zwischen eins und $
1,40 aufkommt, was $ 4,6 Mrd.
ausmachen würde. Wenn man die
CER-Indexierung hinzuzählt, für
die angeblich die Schuldner der
Banken aufkommen, und diese
bei 40% einschätzt (nachdem es
sich um eine hinausgeschobene
Indexierung nach dem Index der
Konsumentenpreise handelt),
muss man noch einmal $ 6,4 Mrd.
abziehen, was dann insgesamt $
10 Mrd. ausmacht. Somit verbleiben $ 18,6 Mrd., die das Schatzamt zusätzlich belasten und die
Staatschuld erhöhen. Ob gelegentlich auch bei diesen Titeln ein
Schnitt erfolgt, wie er allgemein
bei der Staatsschuld angenommen
wird, sei dahingestellt. Für die
Banken ist dies immerhin auch
eine Sorge.
Hier wird vorweggenommen,
10
dass dieser Betrag den Banken in
Form von Staatspapieren übergeben wird, die laut Pignanelli auf
5 bis 10 Jahre laufen. Voraussichtlich wird von den Banken nicht
gefordert werden, dass sie den
vollen Betrag der Depositen in bar
auszahlen. Das würde zum Zusammenbruch des Bankensystems
führen, was ein Faktum von so
grosser Bedeutung wäre, dass angenommen wird, dass der Oberste Gerichtshof den Banken entweder die Möglichkeit gibt, die
Bonds weiterzugeben, oder eine
Zahlung in Raten festsetzt. Es
wird angenommen, dass geringere Beträge in bar ausgezahlt werden müssen.
Rein juristisch hat die Pesifizierung überhaupt keine Grundlage. Es handelt sich um eine klare
Verletzung des in der Verfassung
verbrieften Eigentumsrechtes. Die
Möglichkeit, Argumente für die
Pesifizierung zu finden, wird noch
dadurch gesperrt, dass der Kongress im Oktober ein Gesetz verabschiedet hat, das den Sparern
eine Garantie für die Unantastbarkeit ihrer Depositen gewährt, also
all das verbietet, was die Regierung auf diesem Gebiet getan hat.
Das Gesetz wurde zwar Ende Dezember aufgehoben, aber nicht
ausser Kraft gesetzt. Auf alle Fälle
muss dies juristisch so ausgelegt
werden, dass das Gesetz für diejenigen weiter gilt, die ihr Geld
vorher deponiert hatten, da ihnen
die Alternative, das Geld abzuheben, nicht geboten wurde, so dass
ihnen neue ungünstigere Bedingungen nicht aufgezwungen werden können.
Es ist gewiss positiv, wenn der
Oberste Gerichtshof in einer prinzipiellen Frage, bei der es um das
Eigentumsrecht geht, juristisch
strikt urteilt und die Konfiskation
der Regierung nicht gutheisst. Das
ist eine gute Basis für einen Neubeginn des Finanzsystems. Ausserdem zeigt dies der ganzen Welt,
dass Argentinien eine unabhängige Justiz hat. Am Platz wurde damit spekuliert, dass der Oberste
Gerichtshof als Gegenleistung für
die Aufhebung des politischen
Prozesses der Regierung den Gefallen tun würde, die Pesifizierung
gutzuheissen. Indessen liegt der
Fall so, dass diese obersten Richter gerade deswegen der Regierung diesen Gefallen nicht tun
können. Denn dann wären sie von
vorne herein suspekt und es würde einen Skandal um dieses
„Schmutzgeschäft“ geben.
Dieser Oberste Gerichtshof hat
stets ein grosses Verständnis für
die politische Problematik ge-
Sonnabend, 30. Nobember 2002
zeigt. Er ist sich bewusst, dass er
gleichzeitig letzte Instanz bei Justizverfahren und eine der drei
Staatsgewalten ist. In seiner ersten, formellen Funktion, muss er
sich darauf beschränken, die Verfassung und die Gesetze so treu
wie möglich anzuwenden; in seiner zweiten hingegen, muss er für
die Wahrung der Interessen der
Gesellschaft als Ganzes sorgen,
also die sogenannte „Staatsraison“
berücksichtigen. Die Richter, um
die es hier geht, von denen manche seit 1984 im Amt sind, andere seit 1989 und andere erst 1994
und auch später ernannt wurden,
haben eine grosse Erfahrung gesammelt, um die Staatsproblematik zu begreifen. Sie wurden deshalb sehr kritisiert, wobei die Kritiker allgemein Staat und Regierung verwechseln. Es mag sein,
dass einige Richter Menem gelegentlich Gefallen erwiesen haben,
weshalb von der „automatischen
Mehrheit“ und von einem „menemistischen Gerichtshof“ die
Rede war. In der Regel hat der
Oberste Gerichthof jedoch nicht
die Menem-Regierung, sondern
die Staatsinteressen verteidigt.
Das hat er auch unter der De la
Rua-Regierung getan.
Es ist schwer zu verstehen,
warum Präsident Duhalde die ko-
ARGENTINISCHES TAGEBLATT
lossale Dummeheit begangen hat,
sich mit diesen Richtern zu verfeinden. Zunächst wollte er sie
brutal hinausschmeissen, wozu er
Radaubrüder verpflichtete, die
Lärm vor dem Gerichtsgebäude in
der Talcahuano und auch vor den
Wohnungen der einzelnen Richter machten. Auch besteht der
Verdacht, dass bestimmte Journalisten links-gelber Prägung bezahlt wurden, damit sie den Obersten Gerichtshof madig machen.
Als Duhalde mit dieser Methode
keinen Erfolg hatte, führte er einen politischen Prozess in die
Wege, der schliesslich versandete und aufgehoben wurde, nachdem sich herausstellte, dass kein
juristisch gültiger Grund dafür bestand. Die Richter dürfen nicht
wegen des Inhalts ihrer Urteile angeklagt werden. Es müssen wirklich grobe Unregelmässigkeit festgestellt werden, was hier keineswegs der Fall war. Abgesehen
davon, wäre die Absetzung dieser
Richter und deren Ersetzung
durch andere ein Pyrrussieg gewesen; denn dann hätte alle Welt dies
dahingehend interpretiert, dass die
Justiz dem Präsidenten hörig ist,
womit das Ansehen Argentiniens
noch tiefer gesunken wäre. Auch
hätten bestimmte neue Richter,
ohne Erfahrung auf diesem Ge-
Das monetäre Programm für 2003
Änderungen in Mio. Pesos
1.Quart. 2.Quart. 3.Quart. 4.Quart.
2003
1. Monetäre Basis
11.373 13.384 11.835 10.158 46.750
a.Zentralregierung
300
300 300
300 1.200
b.ZB-Beiträge ans Finanzsystem 303
321 337
356 1.317
c.U$S-Ausfuhrerlöse
3.077 3.682 3.271 2.815 12.845
2. Geldbedarf
525
815 2.287 2.561 6.189
a.Geldumlauf
-109 -605 398 1.492 1.176
b.Bankrücklagen
634 1.419 1.890 1.070 5.013
3. Finanzierungsbedarf (1-2) 10.848 12.569 9.548 7.596 40.561
a.Devisenerlöse
10.547 12.169 9.048 7.346 39.111
b.Lebac-Wechsel
300
400 500
250 1.450
Quelle: ZB
biet, der Regierung grosse Sorgen
bereitet, umso mehr, wenn sie davon ausgehen, dass ihre Vorgänger gerügt worden sind, weil sie
der Staatsräson Vorrang gegeben
haben.
Hätte sich Duhalde mit dem
Obersten Gerichtshof von Anfang
an verständigt, so hätte er erreichen können, dass dieser ihm hilft,
die komplexe Lage, die er geschaffen hat, zu glätten. Ein Urteil über die Pesifizierung im Februar oder März hätte viele Probleme vermieden und auch die
Verhandlung mit dem IWF erleichtert. Das bedeutet nicht, dass
das oberste Landesgericht dann
die Pesifizierung gutgeheissen
hätte, wohl aber die Auszahlung
in Raten oder mit Staatspapieren,
womit auch die unzähligen Prozesse von Sparern („amparos“)
hinfällig geworden wären. Es
wäre alles viel einfacher gewesen.
Aber eben, warum soll man es einfach machen, wenn es auch kompliziert sein kann.
Die Rückdollarisierung der
Bankdepositen wird noch weitere Konsequenzen haben. Einmal
müssen dann, mit den gleichen
Argumenten, auch die Reserven
der Lebens- und Ruhestandsversicherungsgesellschaften und die
Rentenfonds, die von den soge-
11
nannten AFJP verwaltet werden,
wieder dollarisiert werden, die
zunächst in Staatspapiern in Dollar und dann in einem Dollarkredit an die Regierung angelegt
worden waren. Dies wurde den
Gesellschaften im Prinzip schon
zugesagt, und ist auf alle Fälle unerlässlich für das Überleben der
lokalen Gesellschaften, die sonst
nicht mit den Firmen konkurrieren können, die Gesellschaften
vertreten, die ihren Sitz im Ausland haben, so dass es sich um sogenannte „off shore- Verträge“
handelt. Diese sind zwar verboten, werden aber munter weiter
getätigt.
Schliesslich stellt sich auch die
Frage bei privaten Dollarkrediten.
In diesem Fall ist der Sparer mit
dem Kreditgeber identisch. Wenn
nun auch diese Ersparnisse rückdollarisiert werden, dann muss
auch der Kredit wieder in Dollar
ausgedruckt werden. Das würde
jedoch die gleichen Probleme
schaffen, wie wenn die Bankkredite wieder dollarisiert würden. Es
ist nicht anzunehmen, dass der
Staat hier mit Subventionen einspringt, einfach, weil dies seine
Finanzkraft übersteigt. Es wird interessant sein, wie die Prozesse in
diesen Fällen ausgehen.