Pressident

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Pressident
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Bekannt durch
Schülerzeitung der THS Pinneberg | 02/2013 | www.ths-pressident.de
Inklusion
Hirngespinst oder Jahrhundertidee?
02/2013 Pressident | 1
2 | Pressident 02/2013
Liebe Leser,
man könnte den Reichtum unserer Gesellschaft in Wirtschaftsleistungen messen. Man
könnte sagen, dass sein Wert durch PISA-Rankings oder BIP-Statistiken angegeben
werden kann. Man könnte allerdings auch sagen, dass das Wichtigste eigentlich die Gemeinschaft und der Zusammenhalt der Menschen untereinander ist.
Was sich theoretisch anhört, hat einen ganz starken Praxisbezug. In immer mehr Regelschulen werden Kinder und Jugendliche mit körperlicher oder geistiger Behinderung
eingeschult. Für die Lehrkräfte und die Mitschüler stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Spätestens jetzt sind damit auch die Zeiten vorbei, in denen man Unterricht "für alle" machen konnte. Er muss zwangsläufig stark individualisiert werden,
damit den Schülern mit Behinderung die Teilnahme am Unterricht ermöglicht wird.
Diese Eingliederung nennt sich Inklusion - ein Thema, mit dem wir uns in dieser Ausgabe beschäftigen (S.22). Im Schulalltag bedeutet Inklusion, dass zum Beispiel in Klassen mit einem hörgeschädigten Schüler Teppichboden ausgelegt wird oder dass in der
Klasse eines Schülers mit geistiger Behinderung ein zusätzlicher Sonderpädagoge den
Unterricht unterstützt. Die Inklusion hat enthusiastische Befürworter gleichermaßen
wie scharfe Kritiker. Wir als Schülerzeitung haben uns unsere eigene Meinung gebildet
und recherchierten in einer Schule, die Inklusion seit vielen Jahren praktiziert und viele
Preise gewonnen hat (S.36). Da Bildungspolitik Ländersache ist, besuchten wir in Kiel
die Schleswig-Holsteinische Bildungsministerin (S.24) und aufgrund der sich in den
kommenden Jahren stark ändernden Lehrerprofile porträtieren wir den Beruf des Sonderpädagogen (S.40).
Knapp vier Jahre engagierte ich mich für Pressident in leitender Funktion. Damit
die Schülerzeitung auch noch nach
meiner eigenen Schulzeit der THS
erhalten bleibt, wird es Zeit für einen Führungswechsel! Deswegen
freue ich mich sehr, euch die neue
Pressident-Chefredaktion vorzustellen, die ab dem kommenden
Schuljahr alle administrativen Aufgaben übernimmt: Jonas, David,
Sabrina, Lina, Nick (v.l.n.r.) und
Sania. Ich danke allen Lesern und
Unterstützern, die es uns in den
letzten Jahren möglich gemacht
haben, diese kleine journalistische
Insel inmitten der THS zu kreieren!
Viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe!
Das Impressum ist dieses Mal auf S. 47.
Chefredakteur
02/2013 Pressident | 3
Inhalt
S. 8
Titelthema
Abgeordnetenwatch
Politik auf Mausklick
S. 12 Das schwere Los der
indischen Frauen
Frauen in Indien führen
ein von Ungerechtigkeit
geprägtes Leben
S. 18 Lernen von der Natur
Wie ein Architekt von der
Natur beeinflusst wird
Wiederkehrendes
S. 46 Schule im Überblick
S. 74 Dir ist langweilig?
S. 76 Gewinnspiel
S. 78 Lehrersteckbrief
4 | Pressident 02/2013
S. 22 Inklusion
Was ist Inklusion?
S. 24 Vorreiterland
Interview mit SchleswigHolsteins Bildungsministerin Wende
S. 31 Entdecke "GOLD" in Dir
Die Paralympics waren
- paradoxerweise - ein
Großereignis der Inklusion
S. 36 Hier sind alle
Willkommen
Inklusion an einer Hamburger "Vorbildsschule"
S. 40 Berufsporträt
Wie arbeitet ein Sonderpädagoge?
Inklusives Klassenzimmer
So sieht heute ein
Klassenzimmer aus
F: Lukas Gruenke, jugendmedien.de
Leben
Schule
Pressidentchen (5.-7. Klasse)
S. 48 Unbekannte Räume
Fotoreportage
S. 64 90 Minuten blind sein
Dialog im Dunkeln
S. 56 Eine tolle Einrichtung,
ganz ohne die Inklusion
Erfahrungsbericht vom
Betriebspraktikum der 9.
Klassen
S. 66 Die digitale Wende
Haben gedruckte Bücher eine Zukunft?
S. 58 Nach Pinneberg
Musical-Aufführung des
Wahlpflichtkurses
S. 60 Schülerische Lehrer
Wenn Lehrer bloggen,
kann das mitunter sogar
ganz spannend sein
S. 69 Basketball-AG
Dunkings bei der Basketball-AG der THS
S. 70 Boxen gegen Gewalt
Der Verein "Gewaltfrei"
betreut verhaltensauffällige Jugendliche
S. 71 Polizei Pinneberg
Zu Besuch bei der Pinneberger Polizei
S. 72 Das Leben eines fast
ausgeschiedenen Menschen der Welt
Taubstumme können
weder sehen noch hören
02/2013 Pressident | 5
Wir studieren an einem
experimentellen Ort
Kunst und Design Architektur
Medien Bauingenieurwesen
•
•
Wer sich für einen unserer über 30 Studiengänge entscheidet, ist eingeladen, an der Konzeption,
Konstruktion und Gestaltung gegenwärtiger und zukünftiger Lebensräume mitzuarbeiten –
analytisch, kreativ und innovationsfreudig.
Besuchen Sie uns in Weimar und erleben Sie mit unseren Bauhaus.Botschaftern vor Ort, wie es
sich hier lebt und studiert:
www.uni-weimar.de/einblick.bauhaus
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Leben
S. 8
Abgeordnetenwatch
Politik auf Mausklick
S. 12 Das schwere Los der
indischen Frauen
Frauen in Indien führen
ein von Ungerechtigkeit
geprägtes Leben
S. 18 Lernen von der Natur
Wie ein Architekt von der
Natur beeinflusst wird
02/2013 Pressident | 7
Gregor Hackmack, Gründer der
Webseite Abgeordnetenwatch.de
Politik auf Mausklick
Seit 2004 kämpfen Gregor Hackmack und Boris
Hekele mit ihrem Portal Abgeordnetenwatch
gegen Politikverdrossenheit, falsche Versprechen und Lobbyismus.
Text S.H. und E.A.
Seit 2004 kämpfen Gregor Hackmack und
Boris Hekele mit ihrem Portal Abgeordnetenwatch gegen Politikverdrossenheit,
falsche Versprechen und Lobbyismus.
Ursprünglich nur für den Hamburger
Landtag bestimmt, ist aus der ehrenamtlichen Initiative mittlerweile eine ständig
8 | Pressident 02/2013
wachsende Offensive auf nationaler und
internationaler Ebene geworden.
Als Gregor Hackmack sich im Jahr 2004
an der Hamburger Wahlrechtskampagne beteiligte, erkannte er schnell, dass
ein personalisiertes Wahlrecht nur dann
sinnvoll ist, wenn die Bürger ihre Abge-
ordneten auch kennen. Daher stellte er
innerhalb von zwei Monaten zusammen
mit Boris Hekele ehrenamtlich die Internetplattform Abgeordnetenwatch auf die
Beine, auf der die Hamburger den für das
Landesparlament kandidierenden Politikern Fragen stellen konnten. Noch ahnte
der damals in der Marktforschung beschäftigte Hackmack nicht, dass aus dieser einst spontanen Idee keine zehn Jahre
später eine internationale Organisation
werden sollte.
Mit der Absicht „ein Instrument zu schaffen, damit Bürger ihre Abgeordneten
besser kennen lernen können“ stießen
die beiden Initiatoren nicht nur in der
politisch interessierten Bevölkerung auf
breite Zustimmung: „Die Abgeordneten
haben auch gleich mitgemacht“, berichtet
der Mitgründer der Organisation.
Am 1.1.2007 trugen die beiden Begründer von Abgeordnetenwatch die Organisation als Verein ein. Seitdem arbeiten
Hackmack und Hekele in Vollzeit an dem
politischen Dialogportal und werden von
einer stetig wachsenden Zahl an Fördermitgliedern unterstützt. Außerdem
mieteten die beiden Jungunternehmer
damals ein Büro an und stellten Personal
ein. Heute sind neben den beiden Gründern noch vier weitere Angestellte in Vollzeit mit dem Projekt beschäftigt. Zudem
gehört ein breiter Kreis von freien Mitarbeitern, ungefähr 15 Moderatoren sowie
Grafiker und Techniker, zu dem Team.
Ursprünglich beschränkte sich die Organisation auf das Hamburger Landesparlament. In den folgenden Jahren wurde
sie jedoch ständig ausgeweitet, berichtet
Gregor Hackmack: „Mittlerweile gibt es
Abgeordnetenwatch nicht nur auf Bundes-, Europa-, Landtags- und Kommunalebene, sondern auch in 4 Partnerländern.“ Diese sind zur Zeit Tunesien,
Irland, Luxemburg und Österreich. „Aktuell bereiten wir den Start in Frankreich
vor“, so Hackmack. Des Weiteren wird
eventuell noch in diesem Jahr ein ver-
gleichbares Projekt in Afghanistan umgesetzt. In Deutschland ist die Webseite
Abgeordnetenwatch mit monatlich fast
400.000 Besuchern und rund 4 Millionen
Seitenabrufen das bundesweit größte Online-Portal dieser Art.
Auf die Frage nach den typischen Nutzern
des Dialogportals antwortet Hackmack
lachend, dass dies eine „bunte Mischung“
sei. Allerdings variiere die tatsächlich
aktive Gruppe je nach aktuellem Thema.
Generell sei das Interesse der Bevölkerung vor Wahlen jedoch am größten.
Auf der Internetseite der Organisation
sind neben Ergebnissen von Abstimmungen auch alle Abgeordneten in den
jeweiligen Parlamenten und Informationen über die Aufgaben und Mitglieder
von Ausschüssen für jeden Besucher einsehbar. In Deutschland sind derzeit 10
Bundesländer und 54 Kommunen online.
Die Betreiber hoffen, dass irgendwann
alle Landtage und Kommunen auf Abgeordnetenwatch vertreten sein werden.
Hierfür sind jedoch noch viele weitere
Spenden notwendig: Das Internetportal
wird nämlich ausschließlich durch Förderkreise, Beiträge von Partnerprojekten
aus dem Ausland und Spenden von Privatpersonen, welche über den seit 2007
bestehenden Trägerverein eingehen, finanziert. Außerdem werden vor Wahlen
alle kandidierenden Politiker um eine
einmalige Projektkostenbeteiligung in
Höhe von 179€ auf Landesebene, bzw.
200€ auf Bundesebene gebeten.
Obwohl es natürlich vereinzelt auch kritische Politiker gibt, beantworten laut
Abgeordnetenwatch mehr als 90% der
Abgeordneten ihre Fragen. Hackmack
bestätigt: „Die Mehrzahl der Abgeordneten ist offen und positiv eingestimmt und
macht fleißig mit.“
Im Hinblick auf die Antwortquote und die
Anzahl der gestellten Fragen nimmt auf
Bundesebene Gregor Gysi von den Linken
den Spitzenplatz ein: Er beantwortete 871
von 912 Fragen. Abgeschlagen auf dem
02/2013 Pressident | 9
letzten Platz liegt hier die Bundeskanzlerin Angela Merkel, welche keine ihrer
846 Fragen beantwortete. Generell sei die
Antwortquote unabhängig von Alter und
Partei der Abgeordneten, so der Gründer
der Initiative. Die Bereitschaft der Beteiligung hänge ausschließlich vom Politikstil
der Abgeordneten ab, da die im Netz gestellten Fragen auf Wunsch des jeweiligen
Nutzers häufig öffentlich einsehbar sind
und auch nicht gelöscht werden, erläutert
Hackmack. Aus diesem Grund bedeutet
eine Antwort auf Abgeordnetenwatch das
Festlegen auf eine Position und die klare
Argumentation für den jeweiligen Standpunkt, was nicht jedem Politiker zusagt.
Ablehnend eingestellte Politiker wollten
häufig keine verbindlichen Aussagen
machen und scheuten Versprechungen.
„Meistens haben sie selber keine klare politische Position“, so Hackmack.
Ob das seit 2004 bestehende Dialogportal
die deutsche Politik verändert habe, weiß
Gregor Hackmack nicht: „Wir sind nur
ein Faktor unter vielen.“ Allerdings ist
der Jungunternehmer der Meinung, dass
die von ihm mitgegründete Organisation
den Abgeordneten verstärkt die Gewissheit gibt, von den Bürgern überwacht zu
werden. Zudem sei auch die Aufmerksamkeit für die Arbeit der Politiker, insbesondere im Bundestag, gestiegen.
Doch neben mehr Interesse für Politik in
der Bevölkerung und persönlichen Kontakt zwischen Bürgern und ihren politischen Vertretern, wollen die Betreiber
von Abgeordnetenwatch eine vollkommen transparente Demokratie schaffen.
Aber hat nicht jeder Abgeordneter das
Recht auf eine gewisse Verschwiegenheit,
sozusagen auf Betriebsgeheimnisse? Und
behindert zu viel Transparenz nicht sogar
die Arbeit der Politik? „Nein“, lautet hier
die klare Antwort von Gregor Hackmack,
denn Demokratie sei, anders als ein wirtschaftlicher Betrieb, kein Privatgeschäft
und stehe auch nicht in Konkurrenz
zu anderen Unternehmen. Demokra10 | Pressident 02/2013
tie funktioniere nur durch eine ständige
Kontrolle durch die Öffentlichkeit und
die Abgeordneten sollten die Wähler
schließlich repräsentieren, so Hackmack:
„Wie soll ich darüber entscheiden, ob jemand gute Arbeit macht, wenn ich nicht
weiß, was er oder sie tatsächlich macht?“
Ein weiteres Problem der deutschen Demokratie stellt Lobbyismus dar: In Berlin
gibt es laut Hackmack 4000-5000 Lobbyisten. Das ergibt im Durchschnitt etwa
8 pro Bundestagsabgeordneten. Zudem
kritisiert er, dass Deutschland eines der
wenigen Länder ist, in dem Bestechung
von Politikern in vielen Fällen, zum Beispiel sofern die Übergabe der Vorteile
(z.B. Geld) erst nach der betreffenden Abstimmung erfolgt, nicht strafbar ist. Vor
diesen Hintergründen kämpft das Team
von Abgeordnetenwatch aktiv gegen Lobbyismus in der deutschen Demokratie:
„Unser Hauptmittel gegen Lobbyismus
ist es, völlige Transparenz zu schaffen“, so
Hackmack. Im Zuge dieser Transparenz
fordern die politisch engagierten Jungunternehmer auch die Offenlegung aller
Nebeneinkünfte von Politikern. ■
Wie stelle ich einem Abgeordneten
auf www.abgeordnetenwatch.de eine
Frage?
Grundsätzlich kann jeder Bürger unter Angabe von Vor- und Zuname den
auf www.abgeordnetenwatch.de aufgeführten Abgeordneten eine Frage
stellen. Hierzu sucht man sich lediglich den gewünschten Abgeordneten
(durch Eingabe der Postleitzahlen auf
der Startseite kommt man z.B. zu allen
Mitgliedern des Bundestages aus dem
eigenen Wahlkreis) heraus und kann
diesen schließlich zu jedem Thema in
der Politik befragen. Die beantworteten Fragen erscheinen dann in dem
Profil des befragten Politikers.
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Die Bahn macht mobil.
02/2013 Pressident | 11
Regio Schleswig-Holstein
Ein indisches Mädchen auf dem
Arm ihrer Mutter. Sie hatte Glück,
viele indische Mädchen werden sofort nach ihrer Geburt ausgesetzt
oder getötet.
12 | Pressident 02/2013
Das schwere Los der
indischen Frauen
Frauen in Indien führen ein Leben, das nirgendwo anders auf der Welt so von Ungerechtigkeit
und Gewalt geprägt ist wie in ihrem Land. Daran Schuld ist das Gesetz – und die veralteten
Ansichten der indischen Bevölkerung.
Bunte Saris, scharfes Essen, Bollywood –
das ist Indien. Jedenfalls war es das, bevor
es durch Vergewaltigungen und Proteste
das Interesse weltweiter Medien auf sich
zog. „Indien, dieses Land ist eine Hölle
für Frauen", „Heile Welt gibt es nur in
Bollywood“ titeln die Zeitungen und werfen einen dunklen Schatten auf das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Nie
war die Wertlosigkeit der Frau in Indien
so offensichtlich und publik wie jetzt.
Dass diese Problematik jedoch schon jahrelang existiert, ist vielen überhaupt nicht
bewusst.
Wie alles begann
16. Dezember 2012: Die 23-jährige Inderin Jyoti Singh Pandey steigt mit einem
Freund in einen privaten Schulbus ein, in
dem sich bereits sechs Männer befinden.
Einer von ihnen ist als Busfahrer einer
Privatschule tätig und hat daher Zugriff
auf den Bus. Was die junge Medizinstudentin und ihr Begleiter jedoch nicht
wissen: Die sechs Männer haben Stunden
vorher beim gemeinsamen Abendessen
den Plan gefasst, eine Frau auszuerwählen und sich an dieser zu vergehen. Laut
der Nachrichtenagentur Reuters stand zu
diesem Zeitpunkt sogar bereits fest, dass
diese anschließend getötet werden soll.
Für die Fahrt werden von beiden Fahrgäs-
ten 10 Rupien, was ungefähr 14 Cent entspricht, verlangt. Daraufhin setzt sich der
Bus in Bewegung. Das Fahrzeug schlägt
jedoch einen unerwarteten Weg ein, der
Begleiter der Studentin wird misstrauisch. Als die Männer daraufhin die Tür
verriegeln, beginnt er zu protestieren. Der
jüngste der Männer, ein gerade einmal
17-Jähriger, reagiert lediglich mit einem
lüsternen Kommentar. Es folgt eine Auseinandersetzung, die schnell ausartet: Es
kommt zur Prügelei zwischen dem Begleiter und drei der Männer. Jyoti Singh
Pandey versucht mit ihrem Handy die
Polizei zu alarmieren, doch die Männer
kommen ihr zuvor, entreißen ihr das
Handy. Nachdem ihr Begleiter mit einer
Eisenstange niedergeschlagen worden ist,
wird sie auf die Rücksitze des Busses gezerrt und von den Männern abwechselnd
vergewaltigt und mit der Eisenstange
traktiert. Die Tortur dauert fast eine Stunde, die Frau ist inzwischen bewusstlos
und schwer verletzt. Nackt und blutend
werden sie und ihr Begleiter aus dem fahrenden Bus geworfen. Doch Hilfe scheint
nicht zu nahen: Vorbeifahrende Rikschaund Autofahrer sehen sie schwer verletzt
auf der Straße liegen, fahren weiter. Nach
20 Minuten treffen dann letztendlich Polizeiwagen ein. Mit einer schweren Hirnverletzung und einer Infektion an der
02/2013 Pressident | 13
F:flickr.com/mckaysavage
Text M.S.
"Hängt die Vergewaltiger!"
Jyoti Singh Pandey wurde zur Symbolfigur
der Protestbewegung in Indien. Durch
sie wurde die wachsende Gewalt gegenüber Frauen zum öffentlichen Thema,
das Schweigen gebrochen. Die Menschen
gehen zu Tausenden auf die Straße, Frauen und Männer, fordern mehr Sicherheit
und Gerechtigkeit. „Hängt die Vergewaltiger!“, „Kastration für Vergewaltiger!“
oder „Keine Gewalt gegenüber Frauen“
sind ihre Forderungen, die sie auf Plakaten zum Ausdruck bringen. „Der Fall in
Delhi ist ein Symbol für das, was Frauen
jeden Tag in diesem Land erleiden“, so
eine Demonstrantin. Damit hat sie es auf
den Punkt gebracht. Denn so schockierend der Fall der 23-jährigen Studentin
auch sein mag, Vergewaltigungen stehen
in Indien leider auf der Tagesordnung. In
keinem Land der Welt ist ein Frauenleben
so wenig Wert wie in Indien. Weder in
Afghanistan noch in Saudi-Arabien werden so viele weibliche Föten abgetrieben,
so viele Frauen aufgrund ihrer Mitgift ermordet oder brutal vergewaltigt. Das besagt zumindest eine Studie der Thomson
Reuters Foundation aus dem Jahre 2012.
Objekte der Männer
Doch woran liegt das? Indiens Bevölkerung lebt größtenteils noch nach dem
„Normenkontrollkatalog“ des alten Indiens, so Dagmar Hellmann-Rajanayagam,
Professorin für Südostasienkunde an der
Universität Passau. Darin steht geschrieben, dass eine Frau nie unabhängig sein
darf. Von Geburt an ist sie ihrem Vater
unterlegen, als Jugendliche passen ihre
14 | Pressident 02/2013
Eine Frau ist in Indien oft nur dazu
da, die Hausarbeit zu verrichten
und ihrem Ehemann zu gehorchen.
F:flickr.com/ Bioversity International
Lunge und inneren Organen wird sie in
ein Krankenhaus in Neu-Delhi gebracht
und behandelt. Acht Tage später wird sie
nach Singapur, in eine Spezialklinik für
Organtransplantationen geflogen, erleidet
trotz den Bemühungen eines Speziallistenteams einen Herzstillstand- und löst
eine Protestwelle aus.
Brüder auf sie auf, danach bestimmt ihr
Ehemann über sie und sobald sie verwitwet, hat ihr Sohn das Sagen. Nach diesen
Vorstellungen werden die meisten indischen Mädchen auch heute noch erzogen.
So leben 52 Prozent der heranwachsenden Inderinnen in dem Glauben, es sei
gerechtfertigt, wenn der Ehemann seine
Frau schlägt. Mit der weiteren Auffassung, erst dann etwas Wert zu sein, wenn
sie einen Jungen gebären, wachsen sie auf
und arbeiten ihm familiären Haushalt.
Bildung bleibt ihnen dabei oft vollständig
verwehrt, 62 Prozent der indischen Mädchen sind Analphabeten. Die Familien
sehen oft einfach keinen Sinn, sie in die
Schule zu schicken, da sie nach ihrer Heirat eh das Haus verlassen. So sorgen die
indischen Mädchen für den Haushalt, bis
ein Ehemann für sie gefunden ist.
Laut der Patenschaft für Hungernde Kinder e.V. werden 95 Prozent der Ehen in
Indien von den Eltern arrangiert. Dieser Brauch zieht sich durch sämtliche
Bildungs- und Bevölkerungsschichten,
selbst westlich orientierte Familien halten
daran fest. Nach Kastenzugehörigkeit und
Horoskop werden Heiratsanwärter und
-anwärterinnen ausgewählt, ob im eigenen Bekanntenkreis oder per Zeitungs-
02/2013 Pressident | 15
annonce. Vor der Hochzeit sieht sich
das Brautpaar im Normalfall nur wenige
Male. Eine Heirat aus Liebe? In Indien
leider eine Seltenheit. Hochzeiten haben
oft nur einen finanziellen Hintergrund:
die Mitgift. Traditionell erhält das junge
Paar nämlich von der Familie der Braut
eine finanzielle Starthilfe. Dieser Brauch
ist zwar seit 1961 in Indien offiziell verboten, wird aber trotzdem häufig fortgeführt. Das führt dazu, dass die Familien in
einer Tochter oft lediglich eine finanzielle
Belastung sehen. Dazu kommt, dass die
Forderungen des Bräutigams teilweise so
hoch sind, dass die Familien in den Ruin
getrieben werden, oft werden sogar noch
nach der Vermählung hohe Geldsummen verlangt. Werden diese Forderungen
nicht erfüllt, kommt es nicht selten zur
Ermordung der ungeliebten Ehefrau. Ein
beliebter Weg, sich dieser zu entledigen,
ist eine moderne Form der Sati (Witwenverbrennung). Vor der Kolonialisierung
durch England war es in Indien Brauch,
dass eine Witwe ihrem Mann bis in den
Tod folgt- durch die Verbrennung bei
lebendigen Leib auf dem Scheiterhaufen. Zwar werden die Frauen heutzutage
nicht mehr öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch da die Saris der
Frauen leicht Feuer fangen, kann man
einen derartigen Mord leicht nach einem
Haushaltsunfall aussehen lassen. Dann
heißt es, der Sari habe durch das offene
Herdfeuer Feuer gefangen- und im Haus
ist Platz für eine neue Ehefrau.
Singh, Leiter einer Stiftung, die sich für
den Schutz von Mädchen einsetzt. Indien ist sich also dieser Schieflage bewusst.
Dagegen angekämpft wird unter anderem
mit einem Gesetz, das Ultraschalluntersuchungen zur Geschlechterbestimmung
verbietet. Die Umsetzung dieses Gesetzes
ist wiederum ein anderes Thema. Korrupte Arztpraxen gibt es in Indien quasi
an jeder Straßenecke. Für umgerechnet
17 Euro wird das Geschlecht des ungeborenen Kindes bestimmt, inklusive der
illegalen Abtreibung im Falle eines weiblichen Fötus. Nach Schätzungen werden
monatlich rund 50.000 weibliche Föten
abgetrieben, hinzu kommen noch Tausende Mädchen, die nach der Geburt ausgesetzt oder ermordet werden. Ein werdender Vater erklärt: „Jeder weiß, dass es
Frauen geben muss, doch niemand will
sie in seinem Haus haben.“
Dies sind alles Tatsachen, die die hohe
Zahl an Vergewaltigungen in Indien begründen. Problematisch ist dabei vor allem die allgemein geltende Wertlosigkeit
der Frauen: „Frauen sind nur wie ein Paar
Schuhe“, so ein indischer Mann. Und wer
behandelt ein Paar Schuhe schon mit Respekt und Liebe? Hinzu kommt, dass es
schon jetzt einen Überschuss an männlichen Indern gibt. Da es folglich auch zu
wenig potentielle Ehefrauen gibt, kommt
es bei vielen Männern zu Unzufriedenheit
und Frust. Natürlich ist nicht jeder unverheiratete Inder ein potentieller Vergewaltiger, aber eine Gefahr besteht.
Wo sind die Frauen?
Doch es wird in Zukunft immer schwieriger werden, eine Frau im heiratsfähigen
Alter zu finden, immer größer wird der
Männerüberschuss. Nach einer Schätzung aus dem Jahre 2012 gibt es bereits
jetzt 40 Millionen mehr männliche als
weibliche Inder. “Einigen Studien zufolge wird es bis 2025 rund 20 Millionen
Männer im heiratsfähigen Alter geben,
die keine Partnerin finden”, warnt Harpal
Sicherheit - Ein Fremdwort
Durch diese Gefahr verunsichert, trauen sich viele indische Frauen nicht mehr
auf die Straße. Öffentliche Verkehrsmittel
gelten grundsätzlich als gefährlich, viele
Frauen wagen es nicht einmal mehr, alleine mit der Metro zu fahren, geschweige
denn alleine in ein Taxi oder eine Rikscha
zu steigen.
Auch die indische Polizei sorgt nicht für
Sicherheit, sondern eher für Verunsi-
16 | Pressident 02/2013
F:flickr.com/mckaysavage(2)
Gedenken an Jyoti Singh Pandey
cherung. Die Ordnungshüter kommen
oft zu spät oder gar nicht an den Tatort,
Anklagen auf Vergewaltigungen wurden
teilweise erst nachgegangen, wenn das
Opfer bereits tot war. Nicht selten ist es
auch, dass sich Vergewaltigungsopfer auf
dem Revier noch hämische Kommentare
der Polizisten anhören müssen. Ein schockierendes Beispiel, das die Inkompetenz
der Polizei unter Beweis stellt, ist der Fall
eines 17- jährigen Mädchens, die am 13.
November 2012 von zwei Männern vergewaltigt wurde. Als sie nach der Tat zur
Polizei ging, schlugen ihr die Beamten
vor, einen ihrer Peiniger zu heiraten oder
über eine finanzielle Wiedergutmachung
zu verhandeln. Ermittlungen wurden
nicht aufgenommen, das Mädchen beging
kurz darauf Selbstmord. Solche Fälle sorgen nicht nur bei Inderinnen für Unruhe.
Auch Touristinnen meiden inzwischen
das Land. Nach der Gruppenvergewaltigung einer Schweizer Touristin, die genau
wie der Fall aus Delhi das Interesse weltweiter Medien auf sich zog, gilt Indien für
viele Reisende als zu gefährlich. In den
ersten drei Monaten dieses Jahres seien
35 Prozent weniger Frauen nach Indien
gekommen, so die Vereinigten Kammern
von Handel und Industrie Indien. Insgesamt seien rund 25 Prozent weniger Touristen gewesen, die im ersten Jahresquartal das Land bereist haben. Zahlen, die
eine eindeutige Sprache sprechen: Indiens
Ruf ist zerstört.
Das Hoffen auf Veränderungen
Doch lassen die derzeitigen Proteste auf
Änderung hoffen? „Es ist einfach so, dass
in Indien zurzeit ganz starke Veränderungen stattfinden, und es ist unglaublich
tragisch, dass diese junge Frau gestorben
ist. Es wird aber dazu führen, dass es Veränderungen geben wird in der indischen
Gesellschaft, und diese Veränderungen
werden stattfinden“, äußerte der leitende Redakteur der Tageszeitung “Indian
Express”, Raj Kamal Jha, in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur.
Immerhin wurde bisher schon ein neues
Gesetz eingeführt, das besagt, dass Vergewaltiger lebenslange Haft bekommen,
Wiederholungstäter und solche, bei denen das Opfer stirbt, sollen mit dem Tod
bestraft werden. Außerdem bekommen
Polizisten und Krankenschwestern im
Falle von verweigerter Hilfe zwei Jahre Haft. Ob Änderungen dieser Art den
gewünschten Effekt bringen? Das Land
sicherer für Frauen wird? Neue Gesetze
sollen für Sicherheit sorgen und in vielerlei Hinsicht tun sie das bestimmt auch.
Doch die eigentliche Problematik liegt
auch in den veralteten Ansichten und
Traditionen der indischen Bevölkerung.
Denn die Gleichberechtigung von Frauen
und Männern ist in der indischen Verfassung schon seit langem vorgegeben. Umsetzung? Mangelhaft. Die Rolle der Frau
sollte von einem Großteil der indischen
Bevölkerung noch einmal überdacht werden. Sonst wird sich an der Gewalt, den
Vergewaltigungen und der Ungerechtigkeit in Indien gegenüber Frauen und
Mädchen auch in Zukunft wenig ändern.
■
02/2013 Pressident | 17
Lernen von der Natur
Alle Gebäude werden einzig und allein von
Menschen entworfen – denkt man! In Wirklichkeit gucken sich die Architekten viel von der
Natur und den Tieren ab.
Text L.M.
Design der Räume reagiert und im Einklang mit den geometrischen Strukturen
des Lebens stehen. Mit Hilfe ihrer Beobachtungen konnten die Architekten auch
beispielsweise das "Clyde Auditorium",
welches ein Konzertsaal ist, der in der
Stadt Glasgow steht, errichten. Es gleicht
dem Körperbau eines Gürteltieres. Innerhalb dieses Gebäudes sind keine nervenden Stützen in den Innenräumen zu finden, da die Gürtelkonstruktion die Kraft
in den Boden umleitet. Ein ähnliches
Beispiel, was bei vielen Fußballfans sicherlich bekannt ist, ist die Allianz-Arena
in München. Deren Außenwände werden
nämlich ständig mit neuer Luft gefüllt.
Der Vorteil ist, dass sich bei Schneefall die
2760 Kissen der Außenwände stärker mit
Luft auffüllen, um die Schneelasten besser tragen zu können. Diese geniale Idee
Clyde Auditorium in Glasgow
18 | Pressident 02/2013
flickr, wojtekgurak
Architektur verändert unser Leben und
kann unser Wohlbefinden beeinflussen.
Die Häuser und Gebäude werden weltweit immer größer, schöner, atemberaubender und vor allem umweltfreundlicher
und praktischer, denn die Architekten
lernen von der Natur – den Tieren und
den Pflanzen, weil diese mehrere Millionen Jahren Zeit hatten, um sich ihren
individuellen Lebensräumen mit wenig
Aufwand und Material anzupassen. Eine
solch lange Zeit haben die Architekten
beim Planen und Gestalten neuer Gebäude nicht. Deshalb beobachten sie die
Lebensweisen und den Aufbau von Pflanzen und Tieren, um von ihnen zu lernen.
Das Beobachten der Natur gehört zu dem
Bereich der Bio-Architektur, in diesem
Zweig der Architektur wird sehr darauf
geachtet, dass alles Leben positiv auf das
419
hat sich kein Architekt selber ausgedacht,
sondern es wurde wieder einmal von einem Tier gespickt – dem Regenwurm.
Dessen Außenhülle ist mit Flüssigkeit
gefüllt. Diese verhilft dem Regenwurm
zu seiner extremen Gelenkigkeit, denn
er kann diese Flüssigkeit so verschieben,
dass er auch durch die schmalsten Ritzen
hindurch passt. Ein weiteres Beispiel der
Bio-Architektur bilden die Bodenplatten
eines Flugzeuges, die die Struktur von
Bienenwaben haben. Auf diese Idee kamen die Architekten, da die Wabenkonstruktion wenig Material benötigt, sehr
viel Platz bietet und diese Platten extrem
leicht sind, was für Flugzeuge von Vorteil
ist.
Alles konnten die Architekten allerdings
bislang noch nicht aus der Natur auf den
Bau übertragen. Gerne hätte man zum
Beispiel ein Seil, das so reißfest wie die
Fäden eines Spinnennetzes ist. Mit diesem könnten die Architekten extrem
stabile Hängebrücken errichten. Zum Erbauen von Häusern bedarf es allerdings
EBC HH_halbe S_210x149_4c:1 30.04.2013 10:55 Uhr Seite
nicht nur der Beobachtung der Natur,
sondern auch die planmäßige Stabilität
von Häusern. Diese gehört zwar schon
in den Bereich der Ingenieure, allerdings
haben viele Architekten während ihres
mindestens vierjährigen Studiums auch
Erfahrungen mit dem Ingenieurfaches
gemacht, so dass viele zusätzlich den Beruf eines Ingenieurs erlernt haben. In ihrem Studium erlernen die Architekten das
Verständnis dafür, in welcher Anordnung
Krankheiten oder Gesundheit entstehen
können, so dass „lebendige“ Räume für
ein gutes Bewusstsein entstehen, da nur
vollausgeschöpfte Harmonie in der technischen Zweck-Funktion und in den Proportionen der Formen die Schönheit der
Räume hervorrufen kann. Dieses macht
den Beruf der Architektur so kompliziert,
aber auch vielseitig (Walter Gropius).
Folgendes Zitat von Louis Hellman gibt
ziemlich gut wieder, was unter dem Begriff der Architektur zu verstehen ist: „Architektur kombiniert Kunst und Wissenschaft oder Technologie, um die Umwelt
nach den Bedürfnissen des Menschen zu
1
ordnen.“ ■
Internationales Managementstudium
Ein internationales und praxisorientiertes Studium inkl. Auslandssemester und zwei Praktika. Das bietet die staatlich anerkannte,
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Bachelor-Studiengängen:
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02/2013 Pressident | 19
Studieren am Niederrhein –
denn wir haben einiges zu bieten!
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Wirtschaftsingenieurwesen und Gesundheitswesen bieten wir eines der
vielfältigsten Studienangebote unter den deutschen Fachhochschulen.
Standorte: Krefeld und Mönchengladbach
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Hochschule Niederrhein –
in unserer Region die Nummer 1
20 | Pressident 02/2013
Hochschule Niederrhein
University of Applied Sciences
F: Lukas Gruenke, jugendmedien.de
Titelthema
S. 22 Inklusion
Was ist Inklusion?
S. 24 Vorreiterland
Interview mit SchleswigHolsteins Bildungsministerin Wende
S. 31 Entdecke "GOLD" in Dir
Die Paralympics waren
- paradoxerweise - ein
Großereignis der Inklusion
S. 36 Hier sind alle
Willkommen
Inklusion an einer Hamburger "Vorbildsschule"
S. 40 Berufsporträt
Wie arbeitet ein Sonderpädagoge?
Inklusives Klassenzimmer
So sieht heute ein
Klassenzimmer aus
02/2013 Pressident | 21
Was ist eigentlich
Inklusion?
In dieser Ausgabe behandeln wir vielseitig das
Thema „Inklusion“. Doch was bedeutet das
überhaupt?
Text S.W.
Inklusion ist der Begriff dafür, dass behinderte Menschen genauso behandelt
werden wie gesunde. Das heißt zum Beispiel, dass behinderte Schüler nicht in
Sonderschulen gesteckt werden, sondern
auf die gleichen Schulen gehen wie alle
anderen auch. Hierbei geht es vor allem
darum, dass die Gehandicapten nicht
ausgeschlossen werden. Jeder sollte sie so
akzeptieren, wie sie sind.
Um die Inklusion durchzuführen, müssen
allerdings alle mithelfen - ohne Ausnahme. Ob und wie das funktioniert und wo
die Vor- und Nachteile liegen, erfährst du
auf den folgenden Seiten.
Zu beachten ist die Abgrenzung des Wortes "Inklusion" von "Integration". Während die Integration die Eingliederung in
ein bestehendes System bezeichnet, ist es
Ziel der Inklusion, dass ein neues System
der Gemeinschaft entsteht, in der die Unterschiede der Menschen untereinander
unbedeutend sind.
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Videoumfrage "Was ist
Inklusion?"
Quiz Teste dein Wissen
zur Inklusion:
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22 | Pressident 02/2013
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Inklusion in Schulen
Alle Bundesländer sind verpflichtet, dass sie behinderten Schülern die Möglichkeit
geben, in Regelschulen eingeschult zu werden. Während Länder wie Bremen und
Schleswig-Holstein das fast 60% der betroffenen Schüler ermöglichen, wird in den
Schulen anderer Länder nur wenig inkludiert.
Anteil der Schüler mit Förderbedarf
in Regelschulen in Prozent
Quelle: Aktion Mensch
54,1
30,4
36,3
55,5
11,1
47,3
20,5
19,2
17,3
27,1
40
23,7
23
39,1
27,7
22,4
02/2013 Pressident | 23
Waltraud 'Wara' Wende, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein
Vorreiterland?
Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud
‘Wara’ Wende erzählt im Interview, dass die Inklusionsquote in Schulen nur die eine Seite der
Medaille ist und es vor allem auf die Qualität
des Unterrichts ankommt.
Interview V.K., D.H., T.H.
Pressident: Wir möchten über Inklusion reden. Inklusion, das hört sich fast
so an wie Illusion.
Waltraud ‘Wara’ Wende: Ist aber keine.
Zunächst kann Schleswig-Holstein stolz
darauf sein, dass wir eine hohe Inklusionsrate im Vergleich zu den anderen Bundesländern haben.
Pressident: Schleswig-Holstein hat eine
Inklusionsquote von knapp 60% und
belegt damit einen Spitzenplatz im bundesweiten Vergleich. Möchten Sie diese
Zahl weiter erhöhen?
24 | Pressident 02/2013
Wende: Erst einmal nicht. Meine Auffassung ist, dass wir quantitativ gut da stehen, aber qualitativ noch einiges geschehen muss. Andererseits gilt: Wenn wir
die Situation in Schleswig-Holstein mit
der Situation in anderen Bundesländern
vergleichen, dann brauchen wir uns auch
auf der qualitativen Ebene mit unseren
Leistungen nicht verstecken, wir sind auf
einem guten Weg.
Pressident: Andere Bundesländer gehen
den Weg, dass sie diese Quote nicht exorbitant steigern, sondern versuchen,
für weniger Inklusionsschüler einen
qualitativeren Unterricht anbieten.
Wende: Dass wir Inklusion umsetzen
wollen, war immer klar. Hätte man mich
aber zu Beginn der Entwicklung gefragt,
dann wäre ich die Situation intelligenter
angegangen (Anm. der Red.: Wende ist
seit 12. Juni 2012 im Amt). Das bedeutet,
dass ich erst einmal die Rahmenbedingungen geschaffen hätte – zum Beispiel
durch die entsprechende Qualifizierung
der Lehramtsstudenten – um dann nach
und nach in den Schulen mit der Inklusion zu beginnen. Ein Problem, das wir
aktuell haben, ist nämlich, dass sich viele
Lehrer und Lehrerinnen mit der Thematik alleingelassen und überfordert fühlen.
Pressident: Die jetzigen Lehrkräfte hört
man darüber klagen, dass sie überfordert seien.
Wende: Ja, und weil dem so ist, benötigen
wir nicht nur eine Reform des Lehramtsstudiums, sondern auch gute Weiterbildungsangebote für die Lehrerinnen und
Lehrer, die bereits an unseren Schulen arbeiten. Wir können, weil die Situation so
ist wie sie ist, nicht mehr darauf warten,
bis die zukünftig anders ausgebildeten
Lehrkräfte an unseren Schulen ankommen. Es muss schnell etwas geschehen.
Das sind wir nicht nur unseren Lehrkräften, sondern auch und vor allem unseren
Schülern und Schülerinnen mit und ohne
Behinderung schuldig.
Pressident: Also ist die Inklusionsquote
eher der falsche Messwert, um erfolgreiche Inklusion zu messen.
Wende: Es ist ein Balanceakt. Ich treffe
mich regelmäßig mit "Praktikern", Schulleitern und Schulleiterinnen, Lehrkräften
und Schülerinnen und Schülern, um die
Stimmung vor Ort aufzunehmen. Generell finde ich jedoch, dass die Qualität der
Inklusion wichtiger ist als die Quantität.
Pressident: Um die Qualität zu verbessern, bedarf es eine bessere Ausstattung
der Schulen, zusätzliche Sozialpädagogen, mehr Lehrpersonal und kleinere
Klassen. Das ist mit Geld verbunden,
welches bekanntlich nicht gerne für Bildung ausgegeben wird.
Wende: Wir würden es sehr gerne ausgeben, aber wir haben es nicht. Einerseits
stimme ich der Aussage zu, dass es finanzielle Mittel braucht, um die Situation an
unseren Schulen zu verbessern, andererseits fehlt aber auch schlicht das KnowHow. Ein Beispiel: Wir wollen zukünftig
die Sonderpädagogen so ausbilden, dass
sie nicht nur über sonderpädagogisches
Fachwissen verfügen, sondern auch in
einem Schulfach – beispielsweise in
Deutsch, Englisch oder Mathe – Expertise erhalten. Dann hätten wir die Möglichkeit, so ausgebildete junge Menschen
sowohl als Sonderpädagogen und Sonderpädagoginnen an den Förderzentren
wie auch als Fachlehrer und Fachlehrerinnen an den Regelschulen einzusetzen.
Damit wäre viel gewonnen.
Pressident: Sie behaupten aber im
Gegensatz zu anderen Befürwortern
schon, dass Inklusion auch sehr viel
Geld kostet?
Wende: Inklusion kostet Geld, benötigt
gute Rahmenbedingungen, und dazu gehört selbstredend mehr als lediglich die
zuvor angesprochene Inklusionskompetenz auf Seiten der Lehrkräfte. Insbesondere dort, wo Inklusion gut läuft, sehen
wir, dass durch die Schaffung von Barrierefreiheit und die Einstellung von Assistenzkräften zusätzliches Geld in die Hand
genommen wurde.
Pressident: Kennen Sie überhaupt die
Probleme der Schulen vor Ort?
Wende: Ich denke schon! Ich rede mit
02/2013 Pressident | 25
ganz vielen Betroffenen, mit Lehrkräften,
Schülern und Schülerinnen und natürlich
auch mit Eltern. Das beginnt bei der Barrierefreiheit der Schulgebäude, aber das
beinhaltet natürlich auch die Rahmenbedingungen von Unterricht, der natürlich
viel anstrengender ist, wenn man z.B. einen geistig behinderten Schüler in einer
Klasse hat.
Pressident: Inklusion ist ein gesellschaftliches Thema. Es braucht eine
allgemeine Akzeptanz und ein Bewusstsein der Mehrheit der Bürger, die ein
solches Zusammenleben befürworten
und anstreben. Inwieweit herrscht hier
noch Nachholbedarf?
Wende: Zum Teil ja, zum Teil müssen wir
aber den Menschen auch die Ängste vor
der Inklusion nehmen. Ich war zehn Jahre
in den Niederlanden und dort geht man
anders mit der gleichen Thematik um.
In Deutschland hat man jahrelang separiert und deshalb ist es für viele Deutsche
schlichtweg ungewohnt, dass man es auch
anders machen kann.
Pressident: Müssen den Menschen Berührungsängste genommen werden?
Wende: Ganz genau! Es gab vor vielen
Jahren in meinem Leben eine Situation,
wo ich meine eigenen Defizite in Bezug
auf den Umgang mit Menschen mit Behinderung hautnah erlebt habe. Als ich
zu Besuch in einem Krankenhaus war
und dieses wieder verließ, kam mir ein
Rollstuhlfahrer entgegen. Und ich wusste
nicht, ob ich ihm jetzt helfen soll. Total
unter Stress wollte ich freundlich sein, ihn
aber auch nicht bevormunden – ich bin
damals nicht auf die simple Idee gekommen, ihn einfach zu fragen, ob er meine
Hilfe wünsche. Dafür habe ich mich anschließend ziemlich geschämt.
Pressident: Es gibt Menschen, die das
26 | Pressident 02/2013
ganze System in Frage stellen. Auch der
ARD-Film “Inklusion: Gemeinsam anders” kommt zu dem Schluss, dass Inklusion nicht immer praktizierbar ist.
Wende: Ich bin der Meinung, dass in einigen, sehr schweren Fällen, Inklusion
nicht möglich ist. Wenn ich in Förderzentren unterwegs bin und auf Schüler mit
erheblichen Behinderungen treffe, kann
ich mir nur schwer vorstellen, dass wir irgendwann einmal eine Inklusionsrate von
100% haben – zumindest nicht unter den
jetzigen finanziellen Rahmenbedingungen.
Pressident: Zumal die meisten Lehrkräfte bereits jetzt überfordert sind.
Wende: Ich höre viel von Lehrkräften, die
sich überfordert fühlen, und zwar unabhängig vom Thema Inklusion. Schulklassen sind nicht homogen, jeder Schüler
und jede Schülerin ist anders – und darauf müssen sich die Lehrkräfte einstellen,
sie müssen in der Lage sein, jede Schülerin
und jeden Schüler individuell zu fördern
und zu fordern, sie müssen in der Lage
sein, eine Unterrichtsstunde binnendifferenziert anzulegen, nur dann ist Unterricht wirklich gut.
Pressident: Erzählen Sie das einem
50-jährigen Lehrer, der seit 20 Jahren
denselben Unterricht macht.
Wende: Es wird schwer. Deswegen ist Inklusion ein Thema, dass sozusagen "anwächst" oder man könnte auch sagen, dass
sich mit der Zeit "auswächst".
Pressident: Wo liegen die Vorteile einer
inklusiven Schule für die Schüler?
Wende: Zum einen nehmen die Berührungsängste ab. Zum anderen glaube ich,
dass der Toleranzgedanke größer wird.
Damit wir in die Köpfe bekommen, dass
Ministerin Wende mit den Pressident-Redakteuren
jeder Mensch anders ist und dass dies
auch gut so ist. Aber auch die Hilfsbereitschaft ist ein wichtiger Faktor. Denn Schule ist nicht nur ein Ort, an dem Schüler intellektuell lernen, sondern an dem sie sich
auch sozial entwickeln. Es geht immer um
den ganzen Menschen, um seine intellektuellen genauso wie um seine sozialen und
auch seine kreativen Potenziale.
Pressident: Ein Nachteil könnte sein,
dass das Unterrichtsniveau sinkt.
Wende: Nur, weil man inklusiv arbeitet,
heißt es nicht, dass das Unterrichtsniveau
sinkt. Dieser Zusammenhang stimmt
nicht.
Pressident: Es geht Zeit verloren, wenn
Aussagen für hörgeschädigte Schüler
wiederholt werden müssen. Dinge können nicht für die ganze Klasse erklärt
werden.
Wende: Die Frage ist doch, ob Quantität
das Wichtigste ist. In einer Lerngemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Schülern profitieren die Leistungsschwachen
von den Leistungsstarken, indem sie
Lernstoff von ihnen vermittelt bekommen
und es profitieren die Leistungsstarken
von den Leistungsschwachen, indem sie
lernen, Lernstoff zu vermitteln. Und nun
könnte man sagen, die Schlauen verlieren
doch Zeit, wenn sie den weniger Schlauen
Dinge erklären, aber genau das ist zu kurz
gedacht, denn auch die Schlauen profitieren vom Erklären: Man muss nämlich
ein Thema schon sehr gut verstanden und
durchdrungen haben, um es einem anderen Schüler näher zu bringen. Damit haben also beide etwas davon, die, die erklären und die, die etwas erklärt bekommen.
Pressident: Den Forderungen, dass die
fachlichen Anforderungen des Unterrichts steigen sollten, damit Deutschland z.B. die PISA-Defizite aufholt, würden sie also nicht zustimmen?
Wende: Dem würde ich nicht zustimmen.
Schauen Sie sich die Selbstmordrate in Japan an! Wir brauchen in der Schullandschaft mehr Gelassenheit und wir sollten
den Schülern und Schülerinnen mehr Zeit
lassen. Kreativität, Einfühlungsvermögen
und Sozialkompetenzen sind mindestens
genauso wichtig wie die Frage, ob jemand
höhere Mathematik beherrscht.
Pressident: Würden Sie einem Lehrer
jemals sagen: “Lassen Sie doch das letz02/2013 Pressident | 27
te Thema, das im Lehrplan steht, weg.
Wichtiger ist, dass die Schüler Sozialkompetenz lernen!”
Wende: Als ich noch Professorin war,
habe ich zu Beginn eines jeden Semesters
einen Seminarplan erstellt. Und ich bin
fast immer von diesem Plan abgewichen,
wenn ich z.B. gemerkt habe, dass der Kurs
eine Thematik noch nicht richtig verstanden hatte. Gegenfalls bin ich dann mit den
Inhalten nicht durchgekommen, aber ich
wusste: Das, was wir gemacht haben, haben die Studierenden tatsächlich verstanden!
Pressident: Ist die Fortsetzung des Inklusionsgedanken eine Einheitsschule?
Wende: Einheitsschule würde ich so nicht
sagen wollen. Der Begriff unterstellt, dass
Schüler und Schülerinnen als uniform
und entindividualisiert gedacht werden.
Genau das aber darf nicht unser Ziel sein:
Schüler und Schüler sind individuell, jeder ist anders als der andere, und es ist
gleichwohl möglich, dass alle miteinander
lernen. Aus diesem Grund bin ich für den
Begriff Gemeinschaftsschule, hier wird
das soziale Element, das Miteinander in
der Schule betont.
Pressident: Was ist mit der Abschaffung
der Gymnasien?
Wende: Viele Schüler und Lehrer wünschen sich die Gymnasien und schon deswegen möchte ich sie nicht abschaffen.
Aber ich möchte die zweite Schulform,
die Gemeinschaftsschule, zu einer ebenso
leistungsstarken Schule entwickeln. Auch
als Schüler oder Schülerin einer Gemeinschaftsschule kann man Abitur machen,
nur eben auf einem anderen Weg, der deswegen aber kein schlechterer Weg ist, er
ist nur eben anders. Beide Schulformen,
Gymnasien und Gemeinschaftsschulen,
sollen nebeneinander bestehen, päda28 | Pressident 02/2013
gogisch unterschiedlich arbeiten, aber
gleichwertig sein.
Pressident: Auch wenn die finanziellen
Mittel nicht vorhanden sind, werden Sie
vermutlich nicht einfach herumsitzen
und nichts tun. Was machen Sie als Bildungsministerin, um die inklusive Situation zu verbessern?
Wende: Zum einen nehme ich – wie bereits
erwähnt – großen Einfluss auf die Lehrerausbildung. Zum anderen werde ich mich
in Kürze mit der Sozialministerin (Anm.
d. Red.: Kristin Alheit, ehemalige Pinneberger Bürgermeisterin) zusammensetzen, um über Qualifizierungsmaßnahmen
für Inklusionshelfer zu sprechen. Bislang
kann jeder Inklusionshelfer werden, ohne
jedwede Vorabschulung. Das sollten wir
ändern. Gleichzeitig bemühe ich mich,
gemeinsam mit den Schulministerinnen
und Schulministerinnen der übrigen 15
Bundesländer um finanzielle Mittel vom
Bund.
Pressident: Würden Sie sich wünschen,
wenn Inklusion bundesweit von allen
Ländern gemeinsam angegangen werden würde?
Wende: Das hört sich für manche Ohren
möglicherweise sinnvoll an, alle Länder
machen es so, wie Berlin es vorgibt, doch
wer sagt uns, dass über zentrale Steuerung
die besseren Lösungen gefunden werden?
Jedes Land muss seinen Weg gehen und
wir in Schleswig-Holstein müssen uns bei
dieser Thematik nicht verstecken.
Pressident: Was ist mit einem Schüler,
der von Schleswig-Holstein nach Niedersachsen umzieht? Kann er dort keine
Regelschule mehr besuchen – Niedersachsen hat eine der schlechtesten Inklusionsquoten?
Wende: Sollen wir in Schleswig-Holstein
deswegen weniger inkludieren? Das ist
ein sehr gutes Beispiel, wir in SchleswigHolstein müssen unseren eigenen Weg
gehen, und sollten uns nicht durch andere
Länder ausbremsen lassen.
Pressident: Man könnte einen gemeinsamen Konsens finden.
Wende: Nehmen wir das Bundesland Bayern als Beispiel. Dieses ist laut UN-Konvention genauso zur Inklusion verpflichtet wie wir und trotzdem findet Inklusion
dort lediglich in Ansätzen statt. Gleichschritt im Konsens würde häufig Stillstand bedeuten, oder aber Gleichschritt in
einem sehr, sehr langsamen Tempo.
Pressident: Welche Gründe haben solche Länder, das Thema Inklusion nicht
voranschreiten zu lassen?
Wende: Bedenkenträger haben immer
und überall Hochkonjunktur, und die
Angst davor, Dinge anders zu tun als man
sie immer getan hat, ist meistens größer
als der Mut, den es braucht, um Neuland
zu betreten.
Pressident: Seit der UN-Konvention ist
Kritik an der Inklusion ein Tabu geworden. Umso härter wird dafür das Inklusionskonzept in den Foren im Internet
oder auf Stammtischen auseinandergenommen. Verfolgen Sie solche Debatten?
Wende: Ich will sie gar nicht hören! Solche
Schimpftiraden sind unter der Gürtellinie.
Pressident: Und wenn die Kritik sachlich ist?
Wende: Dann kommt sie mir auch zu Ohren. Und sie ist mir so wichtig, dass wir
in den ersten Wochen unserer Regierung
300 Stellen an die Schulen zurückgegeben
haben, die die Vorgängerregierung ge-
kürzt hat, davon haben wir 120 Stellen für
die Verbesserung der Inklusion eingesetzt.
Das ist zu wenig, aber man merkt: Inklusion ist eine Herausforderung, der ich mich
stelle, ich setze mich dafür ein, dass die
Rahmenbedingungen Schritt für Schritt
besser werden.
Pressident: Wir reden die ganze Zeit
über Inklusion, dabei wissen viele überhaupt nicht, was Inklusion ist. Braucht
es noch mehr aufklärerische Arbeit?
Wende: Da muss man in der Tat genauer
darüber nachdenken. Das Wort Integration werden die meisten Menschen kennen.
Das Thema ist ähnlich, aber der Begriff
hat sich geändert.
Pressident: Alles in allem: Sind Sie stolz
auf das Inklusionskonzept in SchleswigHolstein, auch wenn Sie sagen, dass
noch Nachbesserungen von Nöten sind?
Wende: Ich bin in der Tat stolz darauf! Inklusion ist ein Thema, wo wir den anderen Ländern zeigen können, dass Inklusion funktionieren kann, ich bin der festen
Überzeugung: Wo ein Wille ist, findet sich
ein Weg.
Pressident: Wie sieht bei Ihnen die inklusive Schule in vier Jahren aus?
Wende: In vier Jahren sind die ersten Lehrer, die nach meinem Modell studieren,
kurz davor, ihre Ausbildung zu beenden.
Ich wünsche mir für die Zukunft, dass
wir alle miteinander darüber schmunzeln,
wenn wir uns daran zurückerinnern, dass
wir einmal Angst davor hatten, die Inklusion könne misslingen.
Pressident: Dann brauchen Sie auch keine Interviews mehr zu diesem Thema zu
geben. Vielen Dank für das Gespräch! ■
02/2013 Pressident | 29
Kurt Fearnley, Rennrollstuhlfahrer
aus Australien
30 | Pressident 02/2013
Entdecke „GOLD“ in
Dir - und mache
etwas daraus!
Bei den Paralympics kämpfen ausschließlich
behinderte Menschen um Gold-Medaillen und erleben dennoch ein vorbildhaftes Großereignis der Inklusion!
Text D.H.
Der Hangar 6 der Lufthansa in Hamburg
bot am Abend des 26. Februars ein mehr
als ungewohntes Bild. Statt Flugzeugarbeiten stand eine außergewöhnliche
Filmpremiere mit außergewöhnlich vielen verschiedenen Gästen auf dem Programm: Der Film "GOLD - Du kannst
mehr als Du denkst!" zog 1.300 Personen
aus Politik, Sport und Showbusiness in
den "größten Kinosaal Deutschlands",
wie es Tom Buhrow einleitend formulierte. Dabei war es nicht nur der größte,
sondern auch der inklusivste: Durch die
Barrierefreiheit konnten auch zahlreiche
Rollstuhlfahrer an diesem einzigartigen
Event teilnehmen. Und von einer lapidaren und gleichzeitig tiefsinnigen Botschaft ergriffen werden.
Du kannst mehr als Du denkst! Diese
Aussage prägt den Film. Sie wird durch
drei Ausnahmesportler personifiziert, die
sich dieses Motto in ihr Herz geschrieben
haben. Kurt Fearnley, Rennrollstuhlfahrer
aus Australien. Kirsten Bruhn, Schwimmerin aus Neumünster. Und Henry Wanyoike, Läufer aus Kenia. Alle drei haben
Gold-Medaillen gewonnen, Rekorde aufgestellt. Ihre Biografie zeigt einen Weg des
Siegens auf, der sie zu glücklichen Sportlern und Menschen gemacht hat. Doch
die Wurzeln ihrer eigenen Geschichte ha-
ben das nicht vorhersehen lassen und die
Bedingungen zu ihrem jetzigen Erfolg erheblich erschwert: Sie musste Schicksalsschläge hinnehmen, die sie zu körperlich
behinderten Menschen gemacht haben.
"Ich wünschte mich auf die Wolken, die
ich durch das Krankenhausfenster sah!"
Wenn Kirsten Bruhn beginnt, über ihren Unfall zu sprechen, kommt einiges in
ihr hoch. Halbweinend berichtet sie von
dem Vorfall, der aus ihr, einer attraktiven,
jungen Frau, welche die Flexibilität ihres
Lebens genossen hat, eine im Rollstuhl
sitzende Patientin hat werden lassen. Sie
war mit ihrem Freund im Urlaub auf der
griechischen Insel Kos gewesen, er überredete sie zu einer Motorrad-Spritztour
über die Serpentinen.
Gegenverkehr in der Kurve, Abkommen
von der Straße. Kirsten merkte aus dem
Liegen, dass sie ihre Beine nicht mehr
bewegen konnte. Nach unendlichen
vierzig Stunden gelangte sie mit einem
Hubschrauber schließlich in eine deutsche Klinik. "Das mit dem Laufen, das
können sie vergessen!" An diesen Satz,
den ihr ein Arzt ziemlich teilnahmslos
entgegenbrachte, erinnert sich Kirsten
heute noch. Es war wie ein Schlag ins Gesicht! Die damals Anfang Zwanzigjährige
fühlte sich durch diese unvorhersehbare
02/2013 Pressident | 31
Kirsten Bruhn, Schwimmerin aus
Neumünster
Querschnittlähmung ihrem schönen, unkomplizierten, normalen und vor allem
selbständigen Leben beraubt. Wie sollte
sie mit einem Rollstuhl den Tritt ins Leben zurückschaffen? Wie sollte sie ihren
Alltag meistern können? Doch am wichtigsten, was an ihrem neuen Leben, das
nach der Krankenhausentlassung, wäre
für sie ein Grund, dem alten, jenem vor
dem Unfall, nicht für immer nachzutrauern? Kirsten Bruhn hat über ein Jahrzehnt
gebraucht, um solche Gründe zu finden
und zu fixieren.
Auf eine ganz andere Weise ging es Henry Wanyoike sehr ähnlich. Er verlor mit
20 Jahren über Nacht sein Augenlicht.
Ein junger Kerl, der in der Schule der
schnellste Läufer gewesen war, musste
sich auf einmal in einer deutlich ungeordneteren Infrastruktur, als wir sie kennen,
zurechtfinden, ohne dabei vor Augen zu
haben, was wirklich passiert.
Der Australier kommt auch ohne Roll32 | Pressident 02/2013
stuhl vorwärts. Es war schwer für ihn,
einen festen Standpunkt im sozialen
Umfeld zu finden. Die Mitmenschen
behaupteten sogar, die Familie müsste
durch einen Fluch belastet sein, auf den
die Erblindung zurückzuführen wäre.
Henry wurde orientierungslos, verfiel in
Depressionen. Erst eine 1997 entstandene
Augenklinik half ihm allmählich aus seiner Mutlosigkeit.
Kurt Fearnley, der dritte Protagonist,
durchlitt eine solch radikale Lebensveränderung nicht. Er lebt von Geburt an
anders. Selbst bemerkt, so sagt der Australier, habe er das zum ersten Mal erst mit
dreizehn Jahren auf dem Gymnasium.
Ihm fehlen Teile seiner Lendenwirbelsäule, der Arzt im Krankenhaus prognostizierte Kurts Leben damals ein frühes
Ende. Ein Wahnsinn, wenn man sich den
heute über 30-Jährigen ansieht, der meist
ein ehrliches und ansteckendes Lachen
versprüht. Der Australier ist anders, ohne
Frage. Aber sein Umfeld hat ihn das nie
spüren lassen.
Im Gegenteil: seinen Brüdern krabbelte
er als Kind durch die Landschaft seiner
landschaftlich geprägten, großstadtfernen Heimat hinterher, er kämpfte sich
durch Bachläufe, durch Dornen. Seine
Brüder ließen das zu, anstatt ihn zu tragen. Nicht weil sie herzlos waren. Nein,
da Kurt selbst kein Mitleid, sondern sich
selbst durchsetzen und stark werden wollte. Das ist ihm gelungen. Auf dem Gymnasium machte ihn eine Lehrerin auf den
Rennrollstuhlsport aufmerksam. Kurt ist
sofort begeistert, er trifft auf andere Rollstuhlfahrer und ist sofort in der Gruppe
integriert. Von nun an gehört eisernes
Training zu seinem Alltag und durch sein
offensichtliches Talent rücken bald große
Ziele näher.
Bei Kirsten war es ebenfalls der Sport,
der ihnen die verlorene Lebenslust Stück
für Stück zurückgegeben und ihren Blick
von dem lebensverändernden Einschnitt
auf lebenswertere Möglichkeiten gerichtet
hat. "Ich wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass der schlimmste Tag meines Lebens Anlass für den schönsten sein sollte!"
Kirsten Bruhn ist in ihrem ganzen Leben
begeisterte Schwimmerin gewesen, auch
früh im Leistungsbereich aktiv. Für internationale Wettbewerbe hätte es aber wohl
nicht gelangt. Nach ihrem Unfall war es
das Schwimmen, das sie merken ließ, was
sie immer noch, auch nach all den Veränderungen, gut kann. Mit ihren Eltern im
Trainerteam ist Kirsten Bruhn zu einer
ambitionierten Schwimmerin geworden,
die inzwischen mehrmals "den schönsten
Tag" ihres Lebens erlebte, bei einem ganz
besonderen Wettbewerb.
Auch Henry entdeckte irgendwann wieder Ziele für sich, die meisten bezog er
dabei aufs Laufen. Seiner Therapeutin
verrät er seinen geheimen Lebenstraum:
Medaillen wolle er gewinnen, dabei Weltrekorde aufstellen. Bald hat er einen Laufpartner gefunden, mit dem er durch ein
Band am Arm verbunden ist. Sie laufen
synchron, Langstrecken bis zur Marathonlänge. Einzig das symbolisiert schon
ihr wunderbares Vertrauensverhältnis.
Und auf einmal geht es für den Kenianer
mit seinem Partner ganz schnell: 1999
darf er in Nairobi als Ersatzläufer ran und qualifiziert sich für nichts Geringe-
Henry Wanyoike, blinder Läufer
aus Kenia mit Begleitung
02/2013 Pressident | 33
res als die Paralympischen Spiele 2000 in
Sydney. Dort passiert Unglaubliches: im
Finallauf über 5000 Meter läuft sich das
Zweier-Team um Henry konkurrenzlos,
umrundet das gesamte Läuferfeld zweimal. Am Ende ist sein Guide erschöpft
und kann nicht mehr weiterlaufen, Henry
muss ihn unter tosenden Anfeuerungen
über die Ziellinie ziehen. Durch diese
fantastische Leistung wird jedoch seine
Erblindung angezweifelt. Das Komitee
erkennt den Sieg erst Tage später an. Von
unten nach ganz oben! Das Phänomen
dieses Sportereignisses lässt Henry nie
wieder los.
Kirsten, Kurt und Henry haben den Sport
in einer bestimmten Disziplin als eine
Möglichkeit kennengelernt, ihre Beeinträchtigungen zu vergessen und über
ihre körperlichen Grenzen hinauszugehen. Kurt sitzt in einem für ihn vollkommen perfekten Rollstuhl und gibt Gas,
Kirsten krault mit ihrer unglaublichen
Armmuskulatur ungehindert durch das
Schwimmbecken und Henry rennt durch
eine Umgebung, die er sich durch die Beschreibungen seines Partners so genau
vorstellen kann, als nähme er sie durch
seine Augen tatsächlich wahr. Sie spüren kein Handicap, dafür einen uneingeschränkten Willen. Durchhalten. Schneller werden. Nach der Goldmedaille ist vor
dem nächsten großen Turnier.
Die Paralympischen Spiele haben durch
die vielen außergewöhnlichen Geschichten, die dort geschrieben werden, eine
ungeheure Faszination. Die zahlreichen
Athleten, von denen jeder einzelne ein
eigenes, mutmachendes Zeugnis ist, trotz
bestimmter Schwächen leistungsstark zu
sein, kämpfen vier Jahre lang um Teilnahme- und Medaillenambitionen. Doch
diesen "Spirit", wie es viele Teilnehmer beschreiben, spüren nicht nur die Sportler
selbst, sondern auch die Zuschauer. Mit
am besten nachempfinden kann das Andreas F. Schneider, Produzent des "GOLD"Films. Er sitzt selbst im Rollstuhl und ist
34 | Pressident 02/2013
seit einigen Spielen immer live dabei. Vor
vier Jahren kam ihm mit Hendrik Flügge, dem zweiten Produzenten, die Idee,
diese so besondere Stimmung, wie er sie
im zunehmenden Maße erlebt hat, an
Menschen zu transportieren, die davon
bislang wenig oder gar nichts mitbekommen haben. Gemeinsam wollten sie die
Spiele 2012 filmreif werden lassen. Ein
abendfüllender Dokumentarfilm sollte
es werden. Ziele waren von beiden früh
formuliert. Der Film soll drei Personen
auf ihrem eigenen Weg zu den Spielen in
London begleiten. Das Ergebnis würde
in den Kinos erscheinen, allgemein einen möglichst hohen gesellschaftlichen,
sportlichen und politischen Stellenwert
erhalten. Doch auf dem Weg zum terminlich anvisierten Erscheinen war anders als bei gewöhnlichen Dreharbeiten
Vieles nicht planbar. Die porträtierten
Akteure, die es auch erst einmal zu finden und festzulegen galt, spielten nicht
etwas aus einem vorab geschriebenen
Drehbuch vor. Die Aufnahmen spielten
von ihrem Leben, zeigten ihre Geschichten und drückten ihre Erwartungen auf
die Krönung im Sommer 2012 in London
aus. Die Herausforderung war also, durch
authentisches Verhalten, welches Planung
im Vorfeld ausschließt, der Grundidee
und -botschaft, welche sehr wohl schon
im Vorfeld Bestand hatte, glaubhafte Wirkung zu verleihen. Und für beide ist dies
aus heutiger Perspektive die eigentliche
Kunst des Endergebnisses.
Womit man vorher bereits rechnete, war,
dass die Paralympics in London ein Erfolg
würden. Die unglaublichen Ausmaße der
Ereignisse, von denen Hendrik Flügge
und Andreas Schneider stundenlang erzählen können, übertrafen jedoch jegliche Vorstellungen: "Ich komme aus dem
Sport, habe schon viele Turniere wie zum
Beispiel die Fußballeuropameisterschaft
in England erlebt. Das war nichts gegen
die Atmosphäre im letzten Sommer. Dieser Enthusiasmus und die Anerkennung,
welche die Zuschauer den sportlichen
Leistungen der Athleten entgegengebracht haben, egal ob sie die Sprintstrecke
in 16 oder 20 Sekunden gelaufen sind, war
unfassbar! Es war gelebte Solidarität, die
für jeden nachvollziehbar war", beschreibt
Hendrik Flügge, der zutiefst dankbar ist,
diese Spiele miterlebt haben zu dürfen.
Damit begründet er außerdem, warum
ein Wettkampf, an dem ausschließlich
behinderte Menschen teilnehmen, dem
Gedanken der Inklusion dennoch entspricht. "Harter Wettkampfsport hat, was
Inklusion angeht, sicherlich Grenzen. Die
Paralympischen Spiele sind auf eine andere Art und Weise inklusiv: Zwischen den
vielen Freiwilligen, die den Athleten die
Teilnahme durch ihre Hilfsbereitschaft
praktisch ermöglichen, und den Behinderten entstehen häufig ganz besondere
Beziehungen. Außerdem finden Wettkämpfe nicht vor leeren Tribünen statt!"
Es sind also nicht die Spiele der Behinderten - bei diesem Wettbewerb feiern behinderte Menschen mit den Nichtbehinderten als Organisatoren, freiwilligen Helfern
mitfiebernden Zuschauern ein großes,
inklusives Fest. Und es geht damit sogar
noch einen Schritt weiter: Diese Spiele
bieten den behinderten Menschen nicht
nur ein Recht auf Teilhabe, wie es die UNKonvention von 2008 vorsieht. Sie ermöglichen ihnen Respekt und Anerkennung,
indem sie im Fokus der Öffentlichkeit als
herausragende Sportler und nicht als behinderte Personen angesehen werden.
Hendrik Flügge und Andreas Schneider
würden gerne, dass sich möglichst viele
Leute den Film ansehen, an dem sie und
viele andere über die letzten vier Jahre
so intensiv gearbeitet haben. "Doch vielleicht", gesteht Andreas Schneider ein, "ist
das auch nur mein sportlicher Ehrgeiz!
Die wichtigste Frage ist wahrscheinlich
gar nicht, wie viele diese Dokumentation
letztendlich geguckt haben. Viel wichtiger
ist doch, wie die Aussage auf diejenigen,
die sich das Ganze angeschaut haben,
nachhaltig wirkt." Und so macht jeder, der
nach dem Kinofilm von seinen eigenen
Stärken und denen anderer überzeugt ist,
die Produzenten ein Stück glücklicher. ■
Britische Fans bei den Paralympics
in London 2012
02/2013 Pressident | 35
Hier sind alle
Willkommen
Die Inklusion an der Hamburger Schule Langbargheide ist ein Geschenk für jeden - sowohl
für behinderte als auch für nichtbehinderte
Menschen.
Text S.W., S.W.
Eine Grundschule im Herzen Lurups.
Von außen betrachtet scheint sie eine
ganz gewöhnliche Schule zu sein. Doch
diese Schule ist einen Tick anders als die
meisten anderen Schulen in Hamburg,
denn an dieser Schule werden alle Kinder aufgenommen, egal ob mit oder ohne
Behinderung. Die Kinder kommen in
gemeinsame Klassen und lernen zusammen. Aber vor allem lernen sie voneinander - egal, ob sie gesund sind, ein Sprachproblem, eine Lernschwierigkeit oder das
Downsyndrom haben.
So gewinnen die Kinder ohne Handicap an Sozialkompetenz. Die Kinder mit
Handycap lernen von den anderen ganz
alltägliche Dinge, aber auch den normalen Schulstoff.
Auch die Klassenverbände sind anders,
als wir sie kennen: Die Tierklassen, z.B.
Frösche und Zebras, bestehen aus der
Vorschule, der ersten Klasse und der
zweiten Klasse, die Baumklassen sind die
Dritt- und Viertklässler.
Von außen sieht das Gebäude ganz normal aus, wie jede andere Grundschule
eben auch, doch wir beide besuchten diesen Ort, und merkten, dass es hier um viel
mehr geht als nur um Schule.
Schon als wir ankommen, spüren wir,
dass diese Schule ein besonderer Ort ist.
Erst fühlen wir uns noch ein wenig fehl
am Platz, als die ersten Grundschüler von
36 | Pressident 02/2013
ihren Eltern gebracht werden, und uns ein
wenig erstaunt mustern. Doch wenig später werden wir ins Lehrerzimmer geholt,
wo wir herzlich begrüßt werden. Kaum
einer wusste überhaupt, dass wir kommen
würden, und doch ernten wir von fast jedem ein herzliches Lächeln. Nach kurzem
Hin und Her nimmt uns Annika Janssen,
eine junge Lehrerin, mit zu den Fröschen,
damit wir uns für zwei Stunden den Unterricht anschauen können. Die Klasse besteht aus 15 Schülern im Alter von
fünf bis acht Jahren, die in drei „Gruppen“ aufgeteilt sind: Die Mondkinder, die
Sternenkinder und die Wolkenkinder.
Diese Gruppen werden nicht nach Alter
gewählt, sondern nach dem Lernstand:
Die Mondkinder sind die, die schon am
meisten können, die Wolkenkinder müssen noch am meisten lernen. Und schon
beginnt der Unterricht. Als erstes setzten
wir uns alle in dem gemütlichen Klassenzimmer in einen Erzählkreis, und jeder,
der möchte, berichtet von einem Ereignis.
Kurz bevor wir uns erheben wollen, um
den eigentlichen Unterricht zu beginnen,
klopft es an der Tür. Es ist ein im Rollstuhl sitzender Junge, der herein kommt,
zusammen mit seiner Begleitperson, die
immer an seiner Seite ist. Die anderen
Kinder begrüßen ihren Mitschüler ganz
normal, und nehmen ihn in den Kreis auf.
Wenig später beginnt dann der richtige
Der Schulhund mag es gerne leise,
deswegen sollten alle Schüler ruhig
sein.
Unterricht und jeder Schüler sitzt wieder
auf seinem Platz. Schon als wir uns die
Aufgabenblätter anschauen, die hinten
ausliegen, merken wir, dass irgendetwas
anders ist als in anderen Schulen. Später
erfahren wir dann, dass jeder Schüler andere Aufgaben bekommt, seinem Lernstand entsprechend. „Jedes einzelne Kind
wird beachtet, bei jedem überlegen wir,
wie wir es am besten fördern können“,
sagt uns Susanne Matzen-Krüger, die
Leiterin der Tierklassen, später in einem
Interview. Das sieht so aus, dass sich die
Lehrer mit Sonderpädagogen und Heilerziehern jede Woche zusammensetzen
und sich über jeden Schüler und den Unterricht Gedanken machen. Außerdem,
so erfahren wir, gibt es von Beginn an
im Kindergarten und in allen Klassen die
gleichen Rituale, damit die Kinder keinen
Bruch zwischen Kindergarten und Schule
erleben. Dies scheint vor allem für geistig behinderte Schüler wichtig zu sein, tut
aber jedem Kind gut.
Während des Unterrichtes laufen wir ein
wenig durch die Klasse und helfen einer
siebenjährigen Schülerin beim Schreibenlernen. Sie hat noch Schwierigkeiten beim
Buchstabieren, doch es stört keinen. Sie
wird so akzeptiert, wie sie ist. Allgemein
sind Hänseleien fremd an dieser Schule:
Die Kinder lernen von Anfang an, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat.
Sie lernen, sich nicht zu vergleichen, so
wird einem Kind, das noch große Schwierigkeiten hat, einfach geholfen, anstatt
dass jemand darüber lacht.
Ein besonders großes Ziel dieser Schule
ist es, die Kinder zur Selbstständigkeit
zu erziehen. So klebt auf jedem Tisch, an
dem ein Schüler sitzt, ein kleiner Zettel,
auf dem steht, was das Kind noch lernen muss. Hierbei geht es nicht nur um
schulische Leistungen, sondern auch um
Verhaltensweisen. „Wenn ein Kind besonders schüchtern ist, und nicht aus sich
herauskommt, so steht das auf dem Zettel, damit sich der Schüler und die Lehrer immer daran erinnern können“, sagt
Susanne Matzen-Krüger. Auf die Frage,
02/2013 Pressident | 37
Klassenraum der "Frösche"
ob jedes Kind die gleichen Ziele hat und
sie auch erreicht, sagt sie, dass jeder Schüler ein anderes Ziel braucht, um es auch
erreichen zu können. Dem stimmt auch
Annika Janssen zu, als sie uns erklärt, dass
sie dem Jungen aus dem Rollstuhl, den wir
kurz vorher kennengelernt haben, nicht
das Schreiben beibringen kann, er aber
trotzdem ein großes Ziel an der Schule
hat: Aufgenommen zu werden, und einfach glücklich zu sein, so, wie es sich für
Kinder gehört.
Um den Schülern ein angenehmes Leben
zu bereiten, gibt es an der Schule nicht
nur Grundschullehrer und Sozialpädagogen, sondern auch Heilerzieher, Kinderkrankenschwestern und Therapeuten.
Dies klingt für uns erst mal ein wenig
merkwürdig, doch schon nach kurzer
Zeit leuchtet uns ein, dass es sowohl für
gehandicapte Kinder als auch für ihre Eltern leichter ist, wenn sie schon während
der Schulzeit Therapien bekommen, und
nicht noch nachmittags zu einem Therapeuten fahren müssen. Und es gibt noch
weitere "Helfer", die allerdings Vierbeiner
sind: die drei Schulhunde Ida, Mimo und
Nala. Sie sind Perro de Aguas, spanische
Wasserhunde, die durch ihre Fellstruktur
keine Allergien auslösen. Die drei Hunde
kommen mit in den Unterricht und helfen
38 | Pressident 02/2013
so den Kindern beim Lernen. Vor allem
wird es durch die Hunde leiser im Klassenzimmer, da sich die Hunde nur dann
wohlfühlen, wenn es nicht zu laut ist und
die Kinder wollen, dass es den Hunden
gut geht. So wird der Unterricht für alle
entspannter.
Für ihre Mühe und Arbeit hat die Schule
auch schon viele Preise und Auszeichnungen bekommen, unter anderen den KarlKübel-Preis und den Jakob Muth-Preis
in Berlin. Hierbei geht es nicht nur um
das Geld, welches die Schule als Sieger
bekommt, sondern vor allem um die Anerkennung dafür, wie sehr den Kindern
auf dieser Schule geholfen wird. Diese
Hilfe sieht man anhand des Beispiels eines kleinen Mädchens, über die zuvor
gesagt wurde, dass sie niemals lesen können würde, weil sie dazu nicht in der Lage
sei. Inzwischen geht das kleine Mädchen
in die dritte Klasse, und kann prima lesen
und schreiben.
Als wir beide die Schule nach drei Stunden verlassen und zu Fuß zum Bahnhof
gehen, schauen wir uns glücklich an. Wir
sind begeistert von dieser Schule, in der
man so viel mehr lernt als Mathe und
Deutsch. Nämlich, dass sich jedes Leben
zu leben lohnt. ■
02/2013 Pressident | 39
Täglich neue
Herausforderungen
Berufsporträt Der Beruf des Sonderpädagogen
ist anstrengend, gibt aber gleichzeitig eine
Menge zurück.
Text N.N.,W.M.
Kinder mit einer Behinderung oder einer
Krankheit, psychischen Problemen oder
einem kritischen sozialen Hintergrund,
sind häufig auf gezielte Förderung angewiesen, um Lernschwierigkeiten zu lindern. Ein Sonderpädagoge arbeitet mit
diesen Kindern und Jugendlichen und
hilft ihnen, die Schwierigkeiten zu überwinden.
In der Sonderpädagogik wird in „Heilpädagogische Früherziehung“ und „Schulische Heilpädagogik“ unterschieden und
während der Ausbildung spezialisieren
sich die Fachkräfte auf jeweils einen dieser
beiden Bereiche.
Die heilpädagogische Früherziehung beschäftigt sich mit Klein- und Vorschulkindern, die Auffälligkeiten und Besonderheiten bei der Entwicklung zeigen.
Hierbei ist es wichtig, dass die Sonderpädagogen eng mit den Familien der Kinder
zusammenarbeiten und diese beraten und
unterstützen. Die Kinder können somit
gezielt individuell in Einzel- oder Gruppenstunden gefördert werden.
Sonderpädagogen, die im Bereich der
schulischen Heilpädagogik tätig sind,
arbeiten als spezialisierte Lehrkräfte an
Schulen, oder aber im Bildungsbereich in
Kinderheimen. Durch eine spezielle Schulung und individuelle Förderung der Kinder wird versucht, Lernschwierigkeiten zu
bewältigen. Um eine möglichst passende
Lernmethode für jedes Kind zu finden,
werden die Lernprozesse gründlich be40 | Pressident 02/2013
obachtet und studiert und die Vorgehensweisen an die Bedürfnisse der Kinder angepasst.
Außerdem gehört es zu den Aufgaben
des Sonderpädagogen, die Eltern, andere
Lehrkräfte und die Schulleitung zu beraten.
Höchstes Ziel ist immer, nicht nur die
schulischen Leistungen zu verbessern und
somit spätere berufliche Chancen für die
Kinder und Jugendlichen zu schaffen,
sondern diese auch erfolgreich in ein soziales Umfeld zu integrieren.
Das Förderzentrum Pinneberg unterstützt
Regelschulen bei der Beschulung und im
Umgang mit Schülerinnen und Schülern
mit sonderpädagogischem Förderbedarf,
damit alle Kinder und Jugendliche erfolgreich in ihrer Schule lernen können und
gut mit ihren Mitschülern auskommen.
Interview mit Sonderpädagogin Petra
Blanke
Im Zuge unseres Titelthemas „Inklusion“
erhielten wir die Chance, Petra Blanke,
Sonderpädagogin am Förderzentrum
Pinneberg, zum Gespräch zu treffen, um
hautnah Einblicke in ihren Beruf zu erhalten.
Pressident: Wie lange arbeiten Sie schon
als Sonderpädagogin und seit wann sind
Sie am Förderzentrum Pinneberg tätig?
Petra Blanke: An der Heinrich-Hanse-
mann-Schule arbeite ich nun insgesamt
schon 23 Jahre, das Förderzentrum an sich
gibt es erst seit einem Jahr. Ich hatte zuvor
Sonderpädagogik in Hamburg studiert
und dort auch mein Examen gemacht.
Pressident: Welche Tätigkeiten gehören
zu Ihrem Aufgabenbereich?
Blanke: Hauptsächlich arbeite ich an der
Sprachförderung für Deutsch als erste
Muttersprache. Da ich ganztags arbeite, kommen am Nachmittag Kinder aus
Grundschulen und Kindergärten hier her,
die kostenlose Kurse zur Verbesserung
ihrer Sprache und zur Bekämpfung von
Sprachfehlern belegen können. Nebenbei
führe ich noch Tests in Kitas durch, um
bei den Fünfjährigen zu testen, ob ihre
Sprache sich normal weit entwickelt hat.
Seit letztem Jahr bin nun auch noch Mentorin für neue Auszubildende und Studenten und arbeite bei InPrax mit. Dort
gehe ich an Schulen, die Fragen zum Thema der Schulentwicklung im Bezug auf
Inklusion haben.
Pressident: Wie können wir uns einen
typischen Arbeitstag von Ihnen vorstellen? Gibt es so einen überhaupt?
Blanke: Einen typischen Arbeitstag im
Förderzentrum gibt es nicht mehr. Ich
kann allerdings etwas zum Berufsbild des
Sonderpädagogen sagen, das sich vor allem noch einmal durch die Inklusion verändert hat. Wir sind jetzt, was diese Schule
angeht, nicht mehr in einer Sonderschule
tätig, sondern an Regelschulen und in der
veränderten Eingangsphase in den Klassen Eins und Drei, im sogenannten Präventiven Unterricht, um Lernstörungen
und Lernbehinderungen zu vermeiden.
Sonderpädagogen haben unterschiedliche
behindertenspezifische Fachrichtungen
studiert, das ist sehr breit gestreut, beginnt
zum Beispiel bei der Blindenpädagogik,
Sonderpädagogin Blanke am Förderzentrum Pinneberg
der Sehbehindertenpädagogik, der Gehörlosenpädagogik, der Körperbehindertenpädagogik, der Geistesbehindertenpädagogik, der Lernbehindertenpädagogik
und der Sprachbehindertenpädagogik.
Früher gab es auch noch die sogenannte
Verhaltensgestörtenpädagogik. Das gibt
es heute weitgehend nicht mehr und alles
nennt sich heutzutage ein bisschen anders, Menschen mit Problemen dieser Art
gibt es natürlich immer noch.
Nehmen wir meine Person als Beispiel
(lacht): Ich habe die beiden behindertenspezifischen Fachrichtungen Geistesbehindertenpädagogik und Sprachbehindertenpädagogik studiert. Ich arbeite in
Vollzeit, mit der Hälfte meiner Stunden
an der Helene-Lange-Schule, der benachbarten und eigentlich größten Grundschule hier in Pinneberg. Dort arbeite
ich in den Klassen Eins und Zwei in der
Prävention und zwar mit dem Schwerpunkt Sprachförderung, aber nicht im
02/2013 Pressident | 41
Sinne von Sprachförderung für Kinder
mit Migrationshintergrund, die Deutsch
als Zweitsprache erlernen, sondern für
Kinder, bei denen Deutsch die Erst- oder
die Muttersprache ist. Mit weiteren Teilen meiner Unterrichtsverpflichtung bin
ich am Nachmittag hier tätig, dann kommen auch Kinder aus Grundschulen und
Kindergärten und haben die Möglichkeit
eine Sprachförderung zu erhalten, die
kostenlos ist. Mit einem weiteren kleinen
Teil meiner Arbeitszeit gehe ich in Kindergärten und biete dort bei Bedarf an,
alle fünfjährigen Kinder einmal auf die
Entwicklung ihrer Lautsprache zu testen.
Fünfjährige deshalb, weil dort noch die
Chance besteht, dass sie vor der Einschulung Hilfe bei der Logopädie bekommen.
Dann bin ich zum Beispiel in diesem
Schuljahr auch Mentorin gewesen, das
heißt Ausbilderin für Anwärterinnen und
Referendarinnen für diesen Beruf. Dies
erfordert eine Menge an Kooperation mit
der Grundschule, denn die Kollegin, die
jetzt ausgebildet wird, muss dort drüben
in den Klassen arbeiten und ich leite sie in
ihrer behindertenspezifischen Fachrichtung im Regelunterricht an. Und da wir
immer zwei Sonderpädagogische Fachrichtungen haben, wird man auch immer
doppelt angeleitet. Das heißt, man hat
zwei Mentoren und die entsprechenden
Ausbilder vom IQSH, also vom Lehrerausbildungsinstitut und die Kollegen, die
in den Klassen tätig sind. Somit ist immer
eine ganze Menge an Absprache nötig.
Pressident: Wie kamen Sie auf die Idee,
Sonderpädagogin zu werden? Wann haben Sie sich dazu entschieden?
Blanke: In den meisten Fällen ist es so,
dass private Begebenheiten einen zu seinem Beruf führen, so war es auch bei mir.
Ich selbst habe einen behinderten Bruder.
Pressident: Welche sind Ihrer Meinung
42 | Pressident 02/2013
nach die wichtigsten Eigenschaften, die
man für Ihren Beruf mitbringen sollte?
Blanke: Man sollte wissen, was einem
selbst beim Lernen geholfen und was einen behindert hat. Wichtig ist vor allem,
dass man ein klares Bild von seinen persönlichen Stärken und Schwächen vor
Augen hat.
Pressident: Was reizt Sie besonders an
Ihrem Beruf? Was ist spannend an Ihrer
Tätigkeit?
Blanke: Die Vielfältigkeit. In so einem
Beruf und Umfeld wird einem nie langweilig, auch nicht nach den 23 Jahren, die
ich hier nun schon arbeite. Jeden Tag stößt
man auf neue Herausforderungen und
neue Problemstellungen.
Pressident: Gehen Sie an manchen Tagen unzufrieden nach Hause, weil etwas
nicht so gut geklappt hat?
Blanke: Ja. Ich kenne solche Situationen
gut, besonders aus der Zeit als ich „nur“
an der Förderschule gearbeitet habe. Gerade die damaligen großen Gruppen mit
sehr vielen Problemfällen haben einen
einzigen Lehrer überfordert. Die Schule war ein Pool für sehr schwerwiegende
Probleme – die einen natürlich auch sehr
belastet haben.
Pressident: Fällt es Ihnen schwer, bestimmte Fälle nicht zu nah an sich ran
zu lassen?
Blanke: Dafür gibt es immer wieder Fortbildungen. Zum einen muss man eine
menschliche Nähe aufbauen, zum anderen aber auch eine professionelle Distanz
bewahren, gerade bei schwerverdaulichen
Situationen und Vorfällen. Hierbei sind
Beratungen mit Kollegen und Therapien
wichtig, da man selbst natürlich stets gesund bleiben muss.
Allerdings muss heute auch ganz neu begonnen werden und es kommt immer wieder zu Druck von Seiten der Regelschulen.
Im Kreis Pinneberg habe ich bis jetzt aber
nur gute Erfahrungen gesammelt.
Pressident: Gab es einen bestimmten
Moment, in dem Sie besonders froh
waren, Sonderpädagogin geworden zu
sein? Eine Geschichte, die Sie besonders
berührt hat?
Blanke: Ja, definitiv, es gibt viele Beispiele. Ich erzähle gerne von einem Erlebnis,
das mir ganz spontan einfällt. Ich spreche
dafür jetzt einmal ganz deutlich gegen die
Sonderschule: Ich hatte mehrere Schüler,
die einen Migrationshintergrund hatten
und eine Schülerin, die hier sehr auffällig
war. Sie klaute, war rotzfrech, nicht angepasst. Das Mädchen stammte aus Ghana.
Sie war an dieser Schule, hatte erhebliche
Probleme mit dem Deutschen, in Mathe
allerdings lief es gut. Diese Schülerin ist
Studentin geworden an der Fachhochschule für Soziale Arbeit in Köln. Solche
Geschichten berühren mich und machen
mich glücklich und stolz. Wenn ich hier
durch Pinneberg gehe, treffe ich häufig
ehemalige Schüler mit Migrationshintergrund, die einen völlig normalen Beruf
ergriffen haben und von denen ich denke,
dass wir hier nicht der richtige Ort für sie
waren und dass wir auf eine falsche Art
und Weise mit ihnen umgegangen sind.
Wir haben hier nie Kinder rekrutiert, sondern sie sind zu uns gekommen, weil sie
woanders nicht aufgenommen wurden.
Das ist eine der Geschichten, die mir ein
wenig die Augen geöffnet hat im Hinblick
auf Selektieren, Auswählen, Zuweisen gerade wo die Sprache so wichtig ist und
wo die Sprache einen enormen Einfluss
darauf hat, welchen Weg man überhaupt
im Leben nehmen kann.
Ich habe selbst viele schöne Rückmeldun-
gen von Schülern bekommen, die mich
wirklich sehr froh gemacht und darin bestärkt haben, dass Sonderpädagogin für
mich der richtige Beruf ist. Diese Schüler
haben dann unter anderem geschrieben,
dass sie es gut fanden, dass ich lustig war,
einige sagten, dass ich fast so etwas wie
eine Freundin war, anstatt nur eine Lehrerin. Ich glaube, das ist mit das größte
Kompliment, das man kriegen kann und
zeigt mir auch, dass ich zu meinen Schülern eine Nähe aufbauen konnte. Inzwischen würde ich sagen, dass dies nicht
unbedingt etwas Spezifisches für Sonderpädagogen ist. Diese Fähigkeit sollte jeder
Lehrer haben.
Pressident: Also haben Sie auch heute
immer noch zu ehemaligen Schülern
Kontakt?
Blanke: Ja, auf jeden Fall. Wir haben regelmäßig Ehemaligen-Treffen und dann
kommen die ehemaligen Schüler und
bringen inzwischen auch schon Kinder
mit oder erzählen ganz glücklich über ihre
Werdegänge, die zum Teil wirklich erfreulich sind. Da sieht man einfach, dass wir
bei Menschen, die wirklich ganz unterschiedliche Schwierigkeiten im Leben haben, mit mehr Zeit rechnen müssen. Diese
kommen teilweise mit 27 und sind dann
das erste Mal alleine mit etwas wirklich
fertig geworden und darüber sehr glücklich. Zum Beispiel erzählen sie dann erfreut, dass sie eine Arbeit oder eine eigene
Wohnung haben – oder sogar eine eigene
Familie. Für uns sind viele dieser Dinge
etwas völlig Normales, doch für diese ehemaligen Schüler bedeuten diese Schritte
meistens die ersten bedeutenden Erfolge
in ihrem Leben und wir sind glücklich,
diese Menschen ein Stück auf den richtigen Weg gebracht zu haben.
Pressident: Vielen Dank für das Gespräch! ■
02/2013 Pressident | 43
44 | Pressident 02/2013
Schule
S. 48 Unbekannte Räume
Fotoreportage
S. 56 Eine tolle Einrichtung,
ganz ohne die Inklusion
Erfahrungsbericht vom
Betriebspraktikum der 9.
Klassen
S. 58 Nach Pinneberg
Musical-Aufführung des
Wahlpflichtkurses
S. 60 Schülerische Lehrer
Wenn Lehrer bloggen,
kann das mitunter sogar
ganz spannend sein
02/2013 Pressident | 45
Schule im Überblick
Rock gegen Rechts
Die Projektgruppe "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" - bestehend
aus Lehrern und Schülern - organisiert am
6. Juni 2013 um 19 Uhr in der THS-Aula
ein Rockkonzert gegen Rechtsextremismus. Der Eintritt kostet 3,-.
Französisch-Austausch
Wie viele von euch vielleicht mitbekommen haben, hatten die 8. Klassen Besuch
- und zwar von Austauschschülern aus
Frankreich.
Zur Freude von vielen konnten Frau
Adams und Frau Lassen einen Austausch
mit einer französischen Schule in Sancerre organisieren. Deshalb sind die deutschen Austauschschüler für eine Woche
nach Sancerre gefahren und die französischen Austauschschüler sind wenig später
eine Woche an die THS gekommen.
Man hatte die Möglichkeit neue Kulturen
kennen zu lernen und viel Französisch zu
sprechen. Doch hauptsächlich hat man einige neue Freunde gefunden. Es wurden
jede Menge Ausflüge gemacht und alle
Schüler hatten eine Menge Spaß zusammen. Am Anfang war es ein wenig schwer
sich einzuleben und auf den anderen zuzugehen, um ein Gespräch anzufangen,
doch am Ende wollte keiner mehr gehen
und es sind viele Tränen geflossen, als es
dann nach einer schönen Abschiedsfeier
zur Abreise kam. Es war ein wirklich einmaliges Erlebnis!
Wer jetzt richtig Lust darauf bekommen
hat, bald in den 8. Jahrgang wechselt und
Französisch als 2. Sprache gewählt hat,
sollte sich einmal umhören, denn so etwas
sollte man nicht verpassen.
Theater-AG präsentiert
"Die Physiker"
Am 11. und 12. Juni 2013 (jeweils um 20
Uhr) präsentiert die Theater-AG der THS
die Komödie "Die Physiker" von Friedrich
Dürrenmatt. Karten werden für 5,- (3,ermäßigt) in den großen Pausen vor der
THS-Aula oder im Bücherwurm verkauft.
+++
46 | Pressident 02/2013
Termine
ohne
Gewähr
6. Juni
21. Juni
Bundesjugendspiele, Fitnesstag
Zeugnisausgabe
7. Juni
24. Juni - 3. August
Entlassung der Abiturienten
Sommerferien
Impressum
S.Print-Ausgabe bzw. Online-Impressum
Titelfoto: motto, fotolia.com
Intern
Redaktionssitzung:
• Mittwochs, 7. Stunde (MiPa) in Raum
206 der THS. Neue Redakteure sind
herzlich eingeladen!
Kontaktmöglichkeiten:
• Mail, Web: www.ths-pressident.de
• Brief: Pressident,
Datumer Chaussee 2,
25421 Pinneberg
• Für THSler: Postfach im Sekretariat
02/2013 Pressident | 47
Unbekannte Räume
Fotoreportage Es ist beeindruckend, wie viele
Räume es in der THS gibt, die man als Schüler
noch nie gesehen hat.
Fotos S.W., T.H.
48 | Pressident 02/2013
Unter dem Flur vor der Aula befindet sich dieser Teil des Kellers der
THS, in dem die Lüftung für Aula
und Chemieräume gemanagt wird.
02/2013 Pressident | 49
Einen Stock über der Mensa befindet sich dieser Raum. Von hier geht
die Warmwasserversorgung für die
Küche aus.
50 | Pressident 02/2013
In der alten Sporthalle geht eine
Treppe in die 1. Etage. Die gleiche
Treppe (nach unten) führt in diesen
Raum, der die Lüftungsanlagen und
die Warmwasseraufbereitung beinhaltet.
02/2013 Pressident | 51
Im Beratungsraum (Oberstufentrakt, 2. Stock) werden Schüler von
der Initiative "Wir sind ganz Ohr"
beraten.
52 | Pressident 02/2013
Direkt neben dem Hausmeisterbüro
haben die Reinigungskräfte einen
Abstellraum (Erdgeschoss). Hier
findet sich alles, was es braucht, um
eine Schule, die von etwa 1000 Schülern besucht wird, zu putzen.
02/2013 Pressident | 53
Chemiesammlung
54 | Pressident 02/2013
Fernwärme-Rohre im Kellersystem
unterhalb der Cafeteria.
02/2013 Pressident | 55
Eine tolle Einrichtung,
ganz ohne die
Inklusion
Vom 15.04 bis zum 26.04 2013 machten die 9.
Klassen ihr erstes Betriebspraktikum. PressidentRedakteurin Sabrina besuchte eine Behindertenwerkstatt in Pinneberg - und lernte dort Dinge, die ihr Leben bereichert haben.
Text S.W.
In dieser Print-Ausgabe geht es um das
Titelthema „Inklusion“. Eine tolle Art
und Weise, mit Behinderten umzugehen,
wie ich finde. Und trotzdem bewarb ich
mich für mein diesjähriges Praktikum im
Lebenshilfewerk Pinneberg, in der Werkstatt Eichenkamp. Sie ist eine staatlich
anerkannte Reha-Einrichtung, die sich
ausschließlich um behinderte Menschen
kümmert. Die Behinderten, oder, wie
man auch häufig sagt, die Gehandicapten, arbeiten hier fünf Tage die Woche
bis 15.00 Uhr. Würde man hier den Inklusionsgedanken durchführen, wie man
es zum Beispiel im Kindergarten der Lebenshilfe macht, würden hier nicht nur
Behinderte arbeiten, sondern auch gesunde Menschen. Vor Beginn meines Praktikums am 15. April 2013 habe ich mich oft
gefragt, wieso das hier nicht der Fall ist.
Jetzt, im Nachhinein, weiß ich, weswegen es manchmal besser ist, die Inklusion
nicht durchzuführen.
An meinem ersten Tag des Praktikums
bin ich schon morgens tierisch nervös.
Ich habe keine Ahnung, was mich erwarten wird, und was ich machen werde. Nur
eines beruhigt mich: Einer meiner Klassenkameraden macht ebenfalls hier Prak56 | Pressident 02/2013
tikum. Doch wir machen das Praktikum
nicht zusammen, er wird in eine völlig andere Gruppe gebracht als ich. „Also muss
ich da wohl doch alleine durch“, denke ich
und gehe langsam in die mir zugeteilte
Gruppe. Entgegen meiner Befürchtungen
sind hier alle wahnsinnig nett, sie nehmen mich sofort in ihre Gemeinschaft auf
und akzeptieren mich so wie ich bin. So
soll es hier immer sein, erfahre ich später.
Nie wird jemand direkt ausgeschlossen,
und trotzdem zeigt man sich gegenseitig,
wenn einem das Verhalten eines Anderen
nicht gefällt. Im Laufe der nächsten Tage
komme ich den gehandicapten Arbeitern
immer näher und wir unterhalten uns
über alles Mögliche. Das ist eine tolle Eigenschaft von vielen Behinderten, man
kann über wirklich alles mit ihnen reden,
und kann sicher sein, dass sie niemals etwas weitererzählen werden. Die Arbeit,
die wir machen, ist hingegen ziemlich
eintönig. Ich habe in den gesamten zwei
Wochen zum Beispiel selten eine andere
Aufgabe als Tee einzupacken. Immer dasselbe: Tee rein, Packung zu, Kleber oben
drauf, Ablaufdatum unten drauf, sechs
Packungen in einen Karton, Karton zukleben, fertig. Oder eine andere Teesor-
te: 15 Tüten abwechselnd stapeln, in die
Schachtel stecken, Nadel rein, Packung zu,
fertig. An zwei Tagen darf ich aber sogar
für Tchibo arbeiten. Das ist dann auch um
einiges anstrengender: Werbezettel richtig
herum (!) hinlegen, Kaffeestick mit zwei
kleinen Punkten bekleben und rauf auf
den Werbezettel. Natürlich im richtigen
Winkel und Abstand. Hierbei komme ich
tatsächlich zwischendurch ins Schwitzen,
das ist nämlich gar nicht so leicht, wie es
klingt. Doch keiner beklagt sich jemals
über die Arbeit. Alle wissen, dass die
Werkstatt dankbar sein kann, dass immer
wieder neue Aufträge kommen. Denn für
viele Unternehmen wäre es günstiger, die
Produkte mit Maschinen fertigstellen zu
lassen. Und doch geben selbst große Unternehmen wie Tchibo ihre Produkte zur
Lebenshilfe, um den Menschen Arbeit zu
geben.
Meine Mittagspausen verbringe ich meistens zusammen mit einigen Auszubildenden. In der Mensa gibt es jeden Tag Essen.
Erst wenn wir schon fast aufgegessen haben, kommen die ersten behinderten Personen in den Saal, aufgeteilt in Gruppen,
damit nicht alle auf einmal kommen.
Danach geht es wieder an die Arbeit. Die
Leute aus meiner Gruppe sind mir inzwischen schon richtig ans Herz gewachsen.
An meinem letzten Tag gehen wir dann
alle zusammen in Hansapark. Gemeinsam
mit den Behinderten habe ich sogar einige
Attraktionen genutzt, obwohl ich normalerweise totale Angst davor habe. Sie nahmen mich einfach ganz fest in die Arme,
sodass ich gar nicht mehr sehen konnte,
wohin wir grade fahren. Gemeinsam mit
all den Leuten wird dieser Tag im Hansapark zu einem der schönsten in meinem
Leben. Ich bin glücklich, diese zwei Wochen erlebt zu haben. Und endlich weiß
ich auch, dass Inklusion nicht immer alles
ist. Denn gesunde, dafür aber manchmal
gefühllose Menschen wie an vielen anderen Arbeitsplätzen passen in die Lebenshilfe einfach nicht hinein. ■
Einige Leute aus meiner Gruppe,
mit denen ich an meinem letzten
Praktikumstag in den Hansapark
ging
02/2013 Pressident | 57
Lisa und Merle singen gemeinsam
Nach Pinneberg
Am 7. und 8. Mai 2013 präsentierte der Wahlpflichtkurs Musical in der THS-Aula die Aufführung "Nach Pinneberg".
Text S.W.
Zwei Jahre bereitete sich das Wahlpflichtfach Musical auf die Vorstellung vor, jetzt
war es endlich so weit: Das Musical "Nach
Pinneberg" wurde am 7. und 8. Mai 2013
in der Aula der THS von Neunt- und
Achtklässlern aufgeführt. In der Hauptrolle stand Kim Bernhardt als Lisa, die gegen
ihren Willen von Bayern nach Pinneberg
zieht. Hierbei stößt sie auf einige Probleme, vor allem aber auf Merle, gespielt
von Melina Pilgenröther. Merle hält sich
selbst für die Tollste, und behandelt die im
Dirndl kommende Lisa dementsprechend
herablassend. Als das bayerische Mädchen
sich dann auch noch in Sasha, den Traum58 | Pressident 02/2013
mann von Merle, verliebt, steht für sie fest:
Ein Plan muss her, um Lisa aus dem Weg
zu räumen. Doch nichts läuft so wie Merle
es plant. Lisa wird immer beliebter, und
Sasha lädt sie sogar zum anstehenden Ball
ein. Doch statt glücklich mit ihm zu sein,
merkt das bayerische Mädchen, dass Sasha ein Idiot ist, dem es nur um sich selbst
geht. Und auch Merle ist plötzlich nicht
mehr so begeistert von Sasha. Am Ende
des beeindruckenden Musicals sieht man
Lisa mit einem Jungen, der sie wirklich
liebt, und mit dem sie glücklich ist. Und
Merle scheint endlich zu merken, dass Beliebtheit nicht alles ist.
Und nicht nur auf der Bühne wurde viel
geprobt, auch hinter den Kulissen mussten Kostüme und andere kreative Dinge
entworfen und hergestellt werden.
Die Musik des Musicals wurde vom Team
selbst geschrieben, auch die Geschichte
dachten sich die Teilnehmer selbst aus. Da
es nicht möglich war, das Stück innerhalb
eines Schuljahres zu planen und zu üben,
wurden zwei Jahre genutzt. Aus diesem
Grund gab es auch einige Achtklässler im
Musical.
Als Zuschauer konnte man das Musical
genießen, es war ein voller Erfolg! ■
BU-Starter Plus:
Voller Berufsunfähigkeitsschutz zum Starterpreis.
Marcus Reikowski e.K.
Thesdorfer Weg 216, 25421 Pinneberg
Tel. 04101/69400
Fax 04101/694020
[email protected]
www.provinzial.de/pinneberg.sued
Alle Sicherheit
für uns im Norden.
1.1.10_148x105_Pinneberg_Reikowski.indd 1
Fotos: Francesca Richter
Merle versteht nicht, weswegen keiner sie mag
25.04.13
02/2013 Pressident
| 09:17
59
Schülerische Lehrer
„Was die Schüler können, können wir schon
lange“, denken sich einige Lehrer und fangen
an, im Internet einen Blog zu errichten.
Text S.L.
„Kollege Z. hat eine Leseecke eingerichtet“, schreibt Thomas Rau, Lehrer an einem Gymnasium in München, in einem
Eintrag vom 21. Januar 2013 auf seinem
Lehrerblog „Lehrerzimmer“ – einem Tagebuch im Internet.
Thomas Rau unterrichtet Englisch,
Deutsch und Informatik an einem Gymnasium in Bayern. 2004 fing er an, seinen
Blog zu schreiben, weil ihm seine Frau
sagte, dass seine vielen Geschichten auch
von anderen Leuten gehört werden sollten. Das viele Rumbasteln am Computer kannte er schon von seiner Webseite
und war daher kein Problem für ihn. Er
schrieb die letzten Jahre zwischen 127
und 210 Einträgen pro Jahr, die man alle
im Archiv nachlesen kann. In ihnen geht
es hauptsächlich um alles Schulische, aber
auch um seine Hobbys, wie z.B. das Fotografieren von Vögeln. Zu der Frage, ob er
sich Sorgen mache, ob Schüler sich lustig
über seinen Blog machen, meinte er, das
ihm so etwas nicht auffiele und fügt hinzu:
„Ich thematisiere mein Blog in der Schule
auch nicht, das sind getrennte Welten.“
Doch sein Blog wird nur von einigen
Schülern und Kollegen gelesen und nur
von einem regelmäßig kommentiert. Er
sagt selber: „Die meisten Leute lesen einfach keine Blogs, und das gilt auch für
Schüler und Lehrer“.
Trotzdem ist er einer der bekanntesten
Lehrerblogger Deutschlands. Und das
wohl auch zu Recht. Thomas Rau schreibt
offen seine Meinung. Ein Problem damit,
sein Leben öffentlich zu machen, hat er
nicht. Auf der rechten Seite seines Blog
60 | Pressident 02/2013
platzierte er einige Bilder von sich. Bei
jedem Neuladen der Seite findet sich ein
anderes. Mal zeigt er sich mit Sonnenbrille, mal am Strand, mal beim Essen. Rau
gibt sich nicht als Lehrer, er gibt sich als
Schüler – modern, furchtlos, alternativ.
In Lehrerblogs wollen insbesondere Lehrer ihr Wissen, ihren Unterrichtsinhalt
und ihre Lehrmethoden mit anderen teilen. Andere Lehrer wiederum wollen bloß
ihrem Alltagstrott entkommen oder mit
anderen ihre Erlebnisberichte teilen. Es
geht nicht darum, andere an einen Pranger zu stellen, sondern zu sagen, was einen
stört, ohne dabei verurteilt zu werden.
Doch dabei müssen sie aufpassen, da das
Lehrerkollegium und Schüler den Blog lesen können. Daher schreiben die meisten
Lehrer anonym, offen und unverblümt,
auch weil viele ihren gesamten Frust herauslassen, und dies von witzigen bis heftigen Geschichten gehen kann.
Ist es also gut, dass die Lehrer moderner
werden und sich nun im Internet „breit
machen“? Nicht immer, da ein Lehrer zum
Beispiel über ein 15-jähriges Mädchen
schrieb, welches einen Schlagring in die
Schule mitbrachte. Einige Lehrer nehmen
es mit der Schweigepflicht nicht ganz so
ernst - und das kann sie den Job kosten.
Lehrerblogs sollten unbedingt mehr gelesen werden, denn einige Blogs sind
echt spannend und verfügen über viele
verschiedene Themen und Inhalte. Außerdem ist es echt interessant, etwas über
den Schulalltag eines Lehrers zu lesen und
nicht nur die eigenen Eindrücke als Schüler vom Thema Schule zu haben. ■
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Ausbildung bei der EDEKA Nord
EDEKA Handelsgesellschaft Nord mbH
02/2013 Pressident | 61
Ines Mittag · Telefon: 04321 9706-17 · [email protected]
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Kurt Fearnley
„Bei der Berlinale gab es
Standing Ovations!
(...) Mitreißend.”
„Dieser Film ist berührend und
mutmachend, Ihr habt mir ein
besonderes Kinoerlebnis ermöglicht.”
Facebook
Der Tagesspiegel
„Ein hochemotionaler Film,
der viel Mut für den Alltag
vermittelt.”
Filmdienst
DU KANNST MEHR ALS DU DENKST
Trailer unter:
62 | Pressident 02/2013
Werde Fan!
/GOLD.derFilm
Pressidentchen (5.-7. Klasse)
S. 64 90 Minuten blind sein
Dialog im Dunkeln
S. 66 Die digitale Wende
Haben gedruckte Bücher eine Zukunft?
S. 69 Basketball-AG
Jede Menge Dunkings
bei der Basketball-AG
der THS
S. 70 Boxen gegen Gewalt
Der Verein "Gewaltfrei"
betreut verhaltensauffällige Jugendliche
S. 71 Polizei Pinneberg
Zu Besuch bei der Pinneberger Polizei
S. 72 Das Leben eines fast
ausgeschiedenen Menschen der Welt
Taubstumme können
weder sehen noch hören
02/2013 Pressident | 63
Der Eingang zur Ausstellung
"Dialog im Dunkeln"
90 Minuten blind sein
Die Idee der Ausstellung "Dialog im
Dunkeln" ist einfach: In völlig abgedunkelten Räumen führt ein sehbehinderter
Mensch die "Sehenden" durch verschiedene Alltagssituationen. Zu sehen gibt
es zwar nichts, dafür kann man aber viel
entdecken. Verschieden Gerüche, Geräusche, Töne und Temperaturen simulieren
beispielsweise einen Park, einen Markt
oder eine viel befahrene Straße. Ich habe
64 | Pressident 02/2013
diese Ausstellung besucht und es hat mir
sehr gut gefallen. Zuerst hat uns eine nette
Frau eingewiesen. Alle mussten ihre Uhren (schließlich haben die meisten Uhren
Leuchtziffern) und geheimen Taschenlampen wegstecken, damit es auch völlig
dunkel ist und die Illusion nicht zerstört
wird. Jeder bekam einen Blindenstock,
der genau zu der jeweiligen Größe passte. Danach sind wir abgetaucht in die
F: flickr, pickade
Was für ein Gefühl ist es, nichts zu sehen und
vollkommen auf seinen Blindenstock und die
Hilfe anderer angewiesen zu sein? Das kann
man bei "Dialog im Dunkeln" in der Speicherstadt Hamburg erfahren.
Welt der Blinden. Am Anfang war es ein
ungewöhnliches Gefühl überhaupt nichts
zu sehen. Im Vorhinein hatte ich erwartet,
dass irgendwo immer ein kleiner Lichtschimmer ist. Doch da hatte ich mich
getäuscht. Etwas später wurden wir von
einer weiteren freundlichen Frau empfangen. Sie heißt Simone und ist blind. Gesehen haben wir sie nicht, schließlich war
alles dunkel. Sie hat uns erzählt, dass sie
nicht von Anfang an blind war, sondern
mit zehn Jahren eine Augenkrankheit bekommen hatte und so erst auf dem einen
Auge und dann auf dem anderen Auge erblindet ist. Sie hat also noch Vorstellungen
von Farben und Gegenständen. Nachdem
wir uns alle persönlich vorgestellt hatten,
sind wir durch eine Tür gegangen, beziehungsweise geirrt, denn niemand wusste
so recht wo er gerade lang ging. Der erste
Raum war ein Park. Hier war es schon die
erste Schwierigkeit über eine Brücke zu
gehen. Schwer vorstellbar. An den Seiten
standen verschiedene Pflanzen, die man
erfühlen konnte und auch der Bodenbelag
bestand teilweise aus Kies und teilweise
aus Rindenmulch. Vor jeder Tür, die in
einen neuen Abschnitt geführt hat, haben wir uns gesammelt und erst einmal
gelauscht, was es hier zu entdecken gibt.
So langsam konnte ich auch mit dem Blindenstock umgehen und hatte mich schon
etwas daran gewöhnt nichts zu sehen. Bald
darauf standen wir an einer dicht befahrenen Straße. Als die Ampel grün geworden
ist (das haben wir natürlich nicht gesehen,
aber sie hat angefangen zu piepen), sollten
wir die Straße überqueren, doch leichter
gesagt als getan. Erst die Bordsteinkante
Mit einem Blindenstock geht es in
die Dunkelheit.
überwinden, dann zügig und vor allem
gerade über die Straße und dann wieder
die Bordsteinkante hoch. Ich habe mich
total verirrt und fand mich plötzlich zwischen zwei Autos wieder. Dann setzte
auch noch so ein Motorengebrumme ein.
Echt gruselig, wenn man noch zwischen
zwei Autos steht. Unsere Gruppe ist noch
durch viele weitere Räume gegangen,
doch ich möchte nicht alles verraten. Am
Ende kamen wir in eine Dunkelbar, in der
wir uns etwas Kleines kaufen konnten.
Gar nicht so leicht im Dunkeln, wo man
das Geld nicht sieht. Doch Simone, unsere Führerin hat das Wechselgeld schnell
erfühlt und wir haben uns alle um einen
Tisch gesetzt und konnten noch ein paar
Fragen stellen. Nachdem jeder mit dem
Essen fertig war, hat Simone uns zum
Ausgang geführt und sich verabschiedet.
Durch einen langsam heller werdenden
Tunnel sind wir wieder ans Tageslicht gekommen. Der Ausflug hat sich auf jeden
Fall gelohnt und ist sehr zu empfehlen. ■
Autor
// F.R.
// Klasse 7a
// Bei Pressident seit 2011
02/2013 Pressident | 65
Die digitale Wende
Haben Printbücher eine Zukunft oder ist es nur
eine Frage der Zeit, bis sich E-Books durchgesetzt haben?
Ich liege gemütlich in meinem LümmelSitzsack und lese gerade ein dickes Buch.
Nebenbei stopfe ich mir meinen Bauch
mit Schokolade voll und höre das neueste
Album von Linkin Park. Da kommt mir
ein Gedanke: Wie lange wird es wohl dauern, bis ich nicht mehr mit einem schweren Wälzer hier sitze, sondern ein leichtes
E-Book nutze?
Ich mache mich daher schlau, woher das
E-Book kommt. 1996 kamen die ersten
PDAs (Personal Digital Assistant – kleine tragbare Computer, vergleichbar mit
einigen Funktionen unserer heutigen
Smartphones) auf den Markt und waren
eigentlich zum Verwalten und Anlegen
von Terminen und Kontakten gedacht,
konnten aber auch Texte anzeigen. Da
diese Erfindung ziemlich teuer war und
wenig Buchtitel zur Auswahl hatte, wurde
der Verkauf 2003 wieder eingestellt.
2007 brachte Amazon die erste Version
des „Kindle“, ein E-Book, das knapp 292
Gramm wog, mit einer erweiterten Anzahl an Büchern heraus. Seitdem läuft das
Duell: Print gegen Digital.
„Seit zwei Jahren bröckeln die Buch-Umsätze – und die Entwicklung wird sich beschleunigen. Der stationäre Buchhandel
verliert weiter, seit fünf Jahren geht es im
Grunde nur bergab“, schreibt der Spiegel
und ergänzt: „Und dann gibt es da noch
das E-Book, das bei den Verlagen lange
verpönt war. Es ist zwar noch ein Minderheitsphänomen, aber die Wachstumsraten sind enorm.
Lasen vor zwei Jahren nur vier Prozent
der Deutschen digitale Bücher auf Geräten wie Kindle und iPad, sind es heute bereits elf Prozent. Und in den USA machen
E-Books bereits mehr als 15 Prozent des
Buchhandelsvolumens aus.“
E-Book:
• Wenn ich bei Regenwetter keine Lust
habe, einzukaufen, ist das kein Problem. Der Kauf ist in Sekundenschnelle
erledigt, sogar weltweit.
• Ich spare Geld, indem ich mir ein
Buch online über eine Bücherei ausleihe.
• Die Bildschirmhelligkeit ist einstellbar, ich muss also nicht mehr meine
Taschenlampe benutzen, wenn ich
nachts heimlich unter der Decke lese.
Auch die Größe und Schriftart wähle
ich nach Belieben aus.
• Die Lesegeräte sind leicht und ich
kann auf manchen Geräten bis zu 1500
Bücher gleichzeitig verwalten. Das ist
66 | Pressident 02/2013
ideal für Bus-und Bahnfahrten und für
den Urlaub.
• Die E-Books sind per Reader oder
App zu lesen. Es wird behauptet, dass
die meisten Bücher (meist illegal) ca.
20% unter dem Ladenpreis liegen.
• Da kein Papier benötigt wird, ist es
gut für die Umwelt.
• Aber es ist auch kalt, flach und anonym.
• Mit Freunden kann ich die Bücher
nicht einfach tauschen.
• Am Strand oder in der Schwimmhalle würde ich kein teures elektrisches
Gerät mitnehmen. Immer wieder muss
ich auf die Batterielaufzeit achten.
Mich hat dieses Thema nicht mehr losgelassen. Also bin ich zum “Bücherwurm”,
einer lokalen Buchhandlung in der Pinneberger Innenstadt, gefahren und habe
mit Antje Schirmer, Geschäftsführerin
des Buchladens, und der Buchhändlerin
Monika Frömming über die Zukunft des
Buches geredet. Dort habe ich erfahren,
dass die Nachfrage nach E-Books größer
wird. Manche Kunden kaufen regelmäßig
digitale Bücher. Leser, die E-Books nutzen, gehen durch alle Altersgruppen, zum
Beispiel Familien, die sich Urlaubslektüren kaufen oder Schüler, die ins Ausland
gehen.
Der Kunde bleibt aber trotzdem dem
Papierbuch treu. Die Buchhändlerinnen
sagten auch, je nachdem, welchen Reader
man sich kauft, ist man abhängig vom
Buchhandel. Das Kindle zum Beispiel ist
eng geknüpft an Amazon. Diese Übermacht wird den Markt verändern. Es gibt
aber auch Reader, die shopunabhängig
sind.
Der Verdienst an E-Books ist im Bücherwurm noch minimal, erklären beide Bücherexperten. Sie sind positiv gestimmt
und Antje Schirmer meint zur Frage, ob
es in Zukunft noch traditionelle Buchlä-
den geben wird, dass Buchhandlungen
nicht aussterben werden. Aber größere
Läden werden sich verkleinern müssen
und sich verändern.
Schon jetzt werden auch andere Produkte
wie Schokolade und Deko (Non-Books)
angeboten. Bei der Leipziger Buchmesse
2013 gab es eine ganze Etage zum Thema „Buchdruckkunst“ (z.B. Bücher mit
besonderen Illustrationen, Bildbände).
Diese speziellen Angebote werden auch
in Zukunft vor allem über Buchhandlungen verkauft werden. Auch Kinderbücher
werden weiter gedruckt. Eine Umfrage
in den USA und in England hat ergeben,
dass 69% der Eltern ihren Kindern noch
Bücher aus Papier kaufen.
Der Kunde wird durch das Netz selbstständiger. Persönliche Beratungen sind
jedoch oft individueller, weil gerade in
kleinen Läden eine Kundenbeziehung
besteht. Im Internet ist dies oft nur durch
eine technische Berechnung wie „Kunden, die diesen Artikel kauften, kauften
auch…“ gegeben.
Die Buchhändler befürchten aber nicht,
dass sich die Kunden, wie in anderen
Branchen üblich, bei ihnen gut beraten lassen und dann bei einem anderen
Printbuch:
• Es riecht nach Abenteuer und Geschichte.
• Ich schalte damit von der übermächtigen, digitalen Welt ab. Es hat Ecken,
Kanten, Eselsohren, ist also mein ganz
persönlicher Schatz.
• Ich blättere immer wieder gern in den
Buchseiten. Manchmal finde ich dann
noch alte Lesezeichen oder den Sand
vom letzten Strandurlaub und komme
darüber ins Träumen.
• Es steht im Bücherregal und ich erfreue mich an den Anblick.
• Aber Bücher sind schwer und im Urlaub brauche ich eine extra Tasche für
meine Reisebibliothek.
• Wenn ich ein bestimmtes Buch sofort
lesen möchte, muss ich warten, bis die
Buchhandlung geöffnet hat oder per
Post geschickt wurde.
• Da Hardcover teurer als Softcover ist
und es nicht alle Bücher im Taschenbuchformat gibt, muss ich genau überlegen, ob ich mir das leisten kann.
02/2013 Pressident | 67
Buchhändlerin Schirmer: “Ich hoffe, dass Kinder noch lange mit Papierbüchern aufwachsen.”
Anbieter im Netz kaufen, da es noch die
Buchpreisbindungen gibt. Der Bücherwurm hat sich der Initiative „Lass den
Klick in deiner Stadt“ angeschlossen, damit die Gewerbesteuern im Ort bleiben
und kleine Läden nicht schließen müssen.
Das Fazit von Antje Schirmer ist: „Ich
hoffe, dass es Buchhandlungen noch lange
gibt und dass Kinder mit Papierbüchern
aufwachsen, denn ein Buch enthält immer
viele Erinnerungen.“
Zu Hause habe ich noch einmal recherchiert. Während der Bücherwurm sich
keine Sorgen um Umsatzeinbußen wegen
des E-Book-Trends macht, klagen andere
Buchhandlungen bereits seit Jahren über
die Ausweitung des Handels im Internet.
So wird zum Beispiel die große ThaliaBuchhandlung Große Bleichen in Hamburg Anfang 2014 schließen.
Im Börsenblatt las ich: „Thalia hat aus
Sicht des Konzerns unter den veränderten Kaufverhalten der Kunden zu leiden.
Auf vergleichbare Basis verzeichnete die
Sparte im Geschäftsjahr 2011/2012 einen
Umsatzrückgang von 2,3% auf 915,2 Millionen Euro.“
Der Buchhandel versucht aber auch, als
weiteres Standbein, ins Internetgeschäft
einzusteigen. Man kann zum Beispiel auf
der Internetseite einiger Buchhandlungen, so auch des Bücherwurms, Bücher
kaufen und sich diese nach Hause liefern
lassen bzw. in digitaler Form erwerben.
Jetzt sitze ich wieder in meinem Zimmer
und lese.
Gerade habe ich mir online ein Buch aus
der Bibliothek ausgeliehen. Auch im Urlaub werde ich aus praktischen Gründen
meinen neu ergatterten E-Book-Reader
mitnehmen.
Eine Geschichte aus Papier werde ich aber
trotzdem nicht zum Tode verurteilen. Bei
manchen Romanen muss ich einfach das
Rascheln der Blätter hören und den Duft
des Papiers riechen.
Ein Zimmer ohne Bücher kann ich mir
auch nicht vorstellen! ■
Autor
// G.J.
// Klasse 7d
// Bei Pressident seit 2011
68 | Pressident 02/2013
Die Basketball-AG trifft sich jeden
Freitag in der neuen Sporthalle.
Basketball-AG
Die Basketball-AG wurde für alle Schüler
der fünften bis zehnten Klassen gegründet. Sie findet Freitagnachmittag von
14:30 bis 16 Uhr in der großen Sporthalle
an der THS statt.
Hier wird nicht nur planlos Basketball
gespielt, sondern es werden euch auch
Statistiken, die Basketballregeln, die verschiedenen Passarten und eine gehörige
Portion Teamgeist beigebracht. Außer-
dem werden mit euch Spiele gespielt, die
das Treffen des Korbes verbessern sollen.
So werdet ihr vielleicht lernen, wie ein
Dunking funktioniert.
Ihr werdet vermutlich auch gegen einen
Teil der Hoppers spielen. Die AG wird
von drei Mädchen aus der 10c geleitet.
Sara, Josephine und Edwina sorgen dafür,
dass die Teilnehmer jederzeit gut betreut
werden. ■
Autor
// J.G.
// Klasse 6a
// Bei Pressident seit 2013
02/2013 Pressident | 69
Boxen gegen Gewalt
Kurt Schoula berichtet über den Verein „Gewaltfrei Pinneberg e. V.“, der verhaltensauffällige Jugendliche betreut.
Kurt Schoula ist einer der sieben Gründungsmitglieder des Vereins „Gewaltfrei“
in Pinneberg. Der Verein, der zurzeit von
Hermann Bührig als Vorstandsvorsitzender geleitet wird, wurde 2006 gegründet
und hat sich zur Aufgabe gemacht, überwiegend auffällig gewordene Jugendliche
zu betreuen. Das Alter spielt keine Rolle,
im Augenblick sind es etwa 30 Mädchen
und Jungen zwischen acht und 18 Jahren,
die vom Verein unterstützt werden. Doch
auch nicht auffällig gewordene Jugendliche können Mitglieder des Vereins werden. Für alle bietet der Verein vielfältige
Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Eingliederung an. Durch ein intensives Boxtraining sollen Jugendliche lernen sich
an Regeln zu halten und fair miteinander
umzugehen. Außerdem hilft Kurt Schoula
schwer vermittelbaren Jugendlichen nach
ihrem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz zu finden. Er hat daher zu einigen
Pinneberger Firmen Kontakt aufgenommen und hatte in der Vergangenheit in
vielen Fällen Erfolg. Immer wieder erhält
er von den Firmen positive Rückmeldungen über das Verhalten der Jugendlichen.
Der Verein "Gewaltfrei Pinneberg" arbeitet im Interesse seiner Mitglieder mit der
Polizei und der Jugendhilfe zusammen.
Mitarbeiter des Vereins nehmen auch an
Gerichtsverhandlungen junger Straftäter
Kurt Schoula vom Verein "Gewaltfrei Pinneberg e. V."
teil, um ihnen Hilfe anzubieten. Manchmal werden straffällig gewordene Jugendliche auch durch den Richter zu "Gewaltfrei Pinneberg" geschickt. „Gewaltfrei
Pinneberg“ ist auch an dem Kontakt mit
Schulen interessiert, leider beruht das
nicht immer auf Gegenseitigkeit. Der
Verein ist momentan dabei, gemeinsam
mit dem Hamburger Projekt „Boxschool“
an die Schulen zu gehen, um auch hier
Boxkurse anzubieten. Da der Verein Mitglied des Kreissportverbandes ist, können
die jungen Boxer sogar an Wettkämpfen
teilnehmen. ■
Autor
// K.R.
// Klasse 6d
// Bei Pressident seit 2011
70 | Pressident 02/2013
Polizei Pinneberg
Wir waren bei der Polizei Pinneberg und haben dort ein Interview durchgeführt.
Die Polizei Pinneberg beschäftigt 60
Mitarbeiter, davon sind 14 weiblich. Damit hat das Polizeirevier Pinneberg den
höchsten Anteil an weiblichen Mitarbeitern bundesweit. Die Arbeitsplätze der
Polizisten werden in mehrere Kategorien
eingeteilt: Schichtdienst (Streife), Telefondienst, Verwaltung.
Ihre Arbeitsbelastung ist durch den anspruchsvollen Schichtdienst sehr hoch.
Die Polizei, die in Pinneberg nur ein Revier hat, steht im ständigen Kontakt mit
Vereinen, die versuchen, die Gewalttätigkeit in Pinneberg zu lindern. Die Vereine
haben ein besseres Verhältnis zu den Jugendlichen (als Beispiel wurde der Verein
"Gewaltfrei Pinneberg" genannt).
Die Jugendkriminalität ist rückläufig (im
Vergleich zu anderen Städten im Umkreis
wie z.B. Quickborn). Mit Alkohol und
Drogen gibt es in Pinneberg laut Polizei
kaum Probleme. Wenn es Probleme mit
kriminellen Jugendlichen gibt, trifft man
häufig auf bereits bekannte Täter.
Auch deswegen hat das Polizeirevier Pin-
neberg die Erfahrung gemacht, dass die
Jugendstrafe häufig nicht ihre gewünschte
Wirkung zeigt.
Das Jugendschutzgesetz ermöglicht eine
große Spannweite an Maßnahmen zu einem Vergehen und häufig wird sehr milde
geurteilt.
Damit die Polizistinnen und Polizisten
ihre Aufgaben gut bewerkstelligen können, müssen sie eine zweieinhalb- bis
dreijährige Ausbildung absolvieren.
Es gibt 2000-3000 Bewerbungen in
Schleswig-Holstein, aber nur die besten
300 bekommen einen Ausbildungsplatz.
Die Bedingungen dafür sind: Bewerber
müssen einen Schulabschluss haben, gutes Deutsch sprechen, sportlich, gesund
und gut in Rechtschreibung sein. Außerdem müssen sie einen guten Vortrag
halten können. Wenn die Bewerberinnen
und Bewerber Abitur gemacht haben,
können sie gleich eine höhere Laufbahn
einschlagen. ■
Eine Zelle von außen...
...und von innen
Autor
// K.R., G.P.
// Klasse 6d
// Bei Pressident seit 2011
02/2013 Pressident | 71
Das Leben eines fast
ausgeschiedenen
Menschen der Welt
Taubstumme können weder sehen noch hören. Wie ist es, mit drei statt fünf Sinnen zu leben?
Stellt euch mal vor, ihr wäret blind. Dann
könntet ihr diesen Artikel gar nicht lesen.
Wenn ihr aber taub wäret, müssten alle
Kinder in eurer Umgebung die Gebärdensprache beherrschen oder immer Zettel schreiben. So etwas wäre schrecklich.
Aber stellt euch jetzt mal vor, ihr wäret
blind und gleichzeitig taub. Ihr könntet
euch weder mit der stimmhaften Sprache noch mit der Gebärdensprache oder
durch Schreiben verstehen und austauschen. So etwas wäre noch viel schlimmer. Zum Glück seid ihr das nicht. Es gibt
aber leider Menschen, die sogenannten
Taubblinden, die taub und blind sind.
Meist wachsen solche Menschen in bestimmten Zentren, wo sie professionell
betreut werden, auf. In Hannover und
Fischbeck gibt es solche Zentren. Um den
Hörsehbehinderten oder Taubblinden in
der Wahrnehmung zu helfen, gibt es z.B.
die tiergestützte Pädagogik. Dabei werden einmal die Woche Hühner, Schafe,
Kaninchen, Meerschweinchen, ein großer und ein kleiner Esel, zwei Hunde und
manchmal auch Schweine oder Ziegen in
das Zentrum gebracht. Diese Tiere dürfen
von den Kindern und Erwachsenen gefüttert, gestreichelt, geritten und geputzt
werden. Dies hilft den Taubblinden zur
Wahrnehmung anderer Lebewesen.
Das Taubblindenzentrum in Hannover
besteht aus einem Bildungszentrum und
einem Wohnheim. Im Wohnheim leben
60 Hörsehbehinderte und Taubblinde.
Jeder verfügt über ein eigenes, wie auf
Wunsch eingerichtetes, Zimmer. Auch
Räume zum Treffen und Austauschen
findet man dort. Doch wie kommuniziert
man eigentlich als Taubblinder?
Ein Taubblinder ohne Hände könnte fast
gar nicht mit anderen kommunizieren.
Denn sie sprechen mit den Händen und
nicht mit Gebärden, wie taube Menschen,
sondern mit sogenannten Lormen. Dabei
wird auf der Hand des Taubblindem an
verschiedenen Stellen leicht gedrückt und
gestrichen. Für jeden einzelnen Buchstaben gibt es eine bestimmte Bewegung, die
der Taubblinde fühlt, übersetzt und tastet. Das Tastalphabet erfand Hieronymus
Lorm (1821-1902) und half damit vielen
Bücher für die ganze Familie
Bücher für die ganze Familie
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 9-19 Uhr
Sonnabend 9-16 Uhr
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 9-19 Uhr
Sonnabend 9-16 Uhr
Dingstätte 24 · 25421 Pinneberg · Telefon (0 41 01) 2 32 11 · Fax 51 22 93
[email protected] · www. buecherwurm-pinneberg.de
Dingstätte 24 · 25421 Pinneberg · Telefon (0 41 01) 2 32 11 · Fax 51 22 93
[email protected] · www. buecherwurm-pinneberg.de
72 | Pressident 02/2013
taubblinden Menschen anderen zuzuhören und Gefühle und Sorgen mitzuteilen.
Diese fantastische Erfindung nutzen noch
heute taubblinde und hörsehbehinderte
Kinder, Erwachsene und ältere Menschen
zum Sprechen. Da sie einen sehr ausge-
prägten Tastsinn haben, gelingt es ihnen
mit etwas Übung so schnell zu tasten und
zu fühlen, wie wir schreiben können. Wenigstens einen kleinen Vorteil hat diese
Sprache: Sie ist viel leichter zu erlernen als
die Sprache aus dem Mund. ■
Autor
F: alf loidl, pixelio
// C.R.
// Klasse 5a
// Bei Pressident seit 2012
02/2013 Pressident | 73
Dir ist langweilig?
Ach, und das
Klassenbuch
nicht vergessen!
So geht jede Schulstunde schnell vorbei!
(Diese Hinweise sind natürlich nur zum Anschauen und
nicht zum Nachmachen gedacht. Dementsprechend
tragen wir keine Verantwortung für die Folgen.)
Hat die Stunde
begonnen? NEIN
JA
Male an der Tafel
Erarbeite 5 neue Möglichkeiten deine Schuhe
zu nutzen:
1)
2)
3)
4)
5)
Spiele Schere-SteinPapier mit dir selber!
Gehe
aus der
Klasse.
Durchwühle
das Lehrerpult
Nimm mal das
Lineal deines
Nachbarn,
vielleicht geht
das besser.
Nein
Macht es
coole Geräusche?
Klatsche mit
dir selber ein,
wenn du gewonnen hast
Wähle einen markanten Lehrer
(Stimme,
Verhalten,
...) und imitiere ihn!
Ja
Renne über den
Flur (auch an deiner Klasse vorbei) und schreie:
Reiße eine Seite aus
Hotdogs! Heiße
diesem Heft und
trockne die Blume
Hotdogs!
Pflücke eine
damit wieder ab!
Blume von
draußen!
Pflanze sie
hier
ein:
74 | Pressident 02/2013
Nimm dein
Lineal, hänge es an die
Tischkante
und schwinge es!
Fange einfach mal an,
ganz laut zu
lachen!
Gehe zum
Waschbecken
und bewässere die Blume!
Werfe deinen
Ranzen zum
Klassenstreber!
Baue eine Pyramide aus...
...Büchern
...Stiften
Was du damit machst,
brauchen wir dir ja
wohl nicht zu sagen.
Versuche mit
Papierfliegern
die ZielscheiStelle Konbe zu treffetti her!
fen!
Ja
Male eine
Hast du
Zielscheibe
einen LoMale
und hänge sie
cher? Nein
an die gegen- 50 Smileys!
überliegende
Wand!
Starre so lange es
geht einen Punkt
an der Tafel an!
Laufe gegen
eine Wand
und entschuldige dich bei
Ja Kaue auf dem
Sage:
ihr!
Bleistift deines
Du bist
Tischnachbarn! Ist
charaker wütend?
terlos
Nein
wie ...
Vervollständige diesen
Satz alle 15 Sekunden
(Bsp: ...eine Tapete aus
den 60ern, ...eine Wachsfigur, ...ein Briefbogenschütze, ...ein Rumpelkammersänger, ...)
Spiele mit ihm Ching,
Chang, Schmerz! Wenn
er einen Zug nicht mitmacht, hast du gewonnen!
Reiße den
Heftrand
Stück für
Stück ab!
Wenn der
Lehrer
etwas sagt:
Frage:
Können Sie
das beweisen?
Nun 25
Strichmännchen
Bemale
deine Finger
und male
mit deinen
Fingern über
diese Seite.
Klaue nach und nach
unbemerkt einen Stift
nach dem anderen aus
der Federtasche deines
Nachbarn!
Glückwunsch.
Die Stunde
ist vorbei!
Nicht? Auf
zur nächsten
Seite!
02/2013 Pressident | 75
Gewinnspiel
Wir möchten Pressident verbessern und euch in dieser Ausgabe fragen, was wir gut und was wir schlecht machen!
Wie findest du die Themenmischung unserer Schülerzeitung?
sehr gut
sehr schlecht
Stört es dich, dass viele Bilder in schwarz-weiß sind?
ja
nein
Bist du Fan von unserer Facebookseite?
ja
nein
Würdest du Pressident auch lesen, wenn er 50ct kosten würde?
ja
nein
Haben wir genügend Bilder auf den Seiten?
ja, genug
nein, viel zu wenige
Welche Themen wünscht du dir für eine nächste Ausgabe?
____________________________________________________________
____________________________________________________________
Sollten die Ausgaben...
...länger sein, und dafür seltener erscheinen
...kürzer sein, und dafür häufiger erscheinen
Was können wir besser machen?
____________________________________________________________
____________________________________________________________
76 | Pressident 02/2013
Teilnahme
Und so nehmt ihr teil:
▶ Füllt den Fragebogen aus, schneidet die Seite heraus
und legt diese in unser Fach (Schülerzeitung) im Sekretariat.
Gebe bitte deine Kontaktmöglichkeiten an (E-Mail, Klasse,
Name).
▶ Natürlich könnt ihr den Fragebogen auch einscannen
und uns per Mail zusenden
▶ Einsendeschluss ist der 16. Juli.
Vielen Dank für eure Mithilfe und viel Glück!
Gewinnen
Wir verlosen:
▶ Einen großen Präsentkorb von Haribo für die Klasse des
Gewinners!
02/2013 Pressident | 77
Lehrersteckbrief - dieses Mal:
78 | Pressident 02/2013
02/2013 Pressident | 79
80 | Pressident 02/2013