IN DER RS

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IN DER RS
März 2013
Nr. 260
In der rS
5
Editorial
Ach-tung!
Die Folio-Redaktion ist ins Militär eingerückt und hat
die Rekruten während 21 Wochen begleitet.
Auf jeden Kopf passt ein Helm.
Nicht nur wer beim Titel «Ach-tung!» innerlich Haltung angenommen hat, ist hier richtig. Mit diesem Heft nehmen wir auch alle
unsere Leserinnen und Leser mit ins Militär, die den Dienst nur
vom Hörensagen kennen. Und zwar vom ersten Tag an, an dem sich
550 junge Männer in Kapuzenpullis und Jeans in Rekruten verwandeln. Am 12.März 2012 rückte die Folio-Redaktion mit ihnen in der
Kaserne Neuchlen ein. Dort, in der Nähe von Gossau im Kanton
St.Gallen, hat die Infanterie-Rekrutenschule 11 ihren Standort.
Wir wollten wissen, wie die Armee heute Bürger zu Soldaten
macht – Soldatinnen gab es in Neuchlen keine. Frauen, die freiwillig
Dienst leisten, entscheiden sich selten für die körperlich anstrengende Infanterie. Wir hatten sie gewählt, weil sie die Haupttruppengattung der Schweizer Armee ist; die meisten von denen, die für den
Militärdienst tauglich sind, werden Infanteristen.
Während 21 Wochen haben wir «unseren» Zug, den Zug Bivio
der 2.Kompanie, immer wieder besucht. Wir waren mit den Rekruten auf dem Schiessplatz und auf den Märschen, beim Exerzieren
und Biwakieren. Zwei von ihnen haben wir auch im Auge behalten,
als sie nach elf Wochen die RS verliessen, um weiterzumachen – eine
der Neuerungen in der Armee XXI, die 2003 beschlossen wurde.
Altgedienten Wehrmännern wird in unserem Heft einiges unvertraut vorkommen, nicht nur, dass man den Korporal heute Natokonform Wachtmeister nennt und dass Offiziere ECTS-Punkte für
das Bologna-konforme Hochschulstudium sammeln können. Es gibt
aber auch manches, was sich nicht verändert hat: der Geruch von
Schuhwichse und Gewehrfett zum Beispiel und der Jubel am Tag
der Entlassung, wenn es zum letzten Mal heisst: Ruhn!
Daniel Weber
Fürs Folio in der RS waren die Reporter Andreas Heller, Barbara
Klingbacher, Florian Leu, Gudrun Sachse und Daniel Weber sowie
der Berner Fotograf Chris Däppen.
Folio 3 / 2013
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inhalT
1 TiTelblaTT Max Grüter und Patrick Rohner
5 ediTorial Ach-tung! Daniel Weber
8 beim coiffeur «Ich werfe die Haare in die Luft». Francis Müller
10 Vom fach Auf See. Roger Witschi
10 hier schreibT der Koch Das Glück der Veganer. Peter Brunner
11 enTweder oder Vergeben oder vergessen. Luca Turin
11 icon poeT Hat’s geschmeckt?
12 nomade im specK Die Freude an den Draussenrauchenden. Wiglaf Droste
14 binders Vexierbild Wo ist HD Läpplis Karabiner?
14 räTsel Armée dorée. CUS
Thema: In der RS
16 AuFtAkt
18 DAS SCHÖNE DAHER
Die Rekruten fassen ihre Waffe; sie lernen die Feinheiten des Gehens und Stehens
kennen; es zeichnet sich ab, wer weitermachen wird und wer nicht.
36 GENERAtioN EGo-SHootER
Im Ausgang bleiben sie unter sich; in der Militärküche schmoren am Morgen
110 Kilo Kalbshaxen; in der Kirche werden die Obergefreiten zu Wachtmeistern.
50 WiR SiND kÄMPFER. PuNkt.
Noch 48 Tage, 1 Stunde, 32 Minuten bis zur Entlassung; am Besuchstag bewundern
die Mütter die sauber gemachten Betten; der 50-Kilometer-Marsch wird zum Fiasko.
64 EPiloG
Nach 21 Wochen nicht nach Hause: Zwei, die weitermachen.
Von Daniel Weber, Andreas Heller, Barbara Klingbacher,
Florian Leu, Gudrun Sachse (Text)
Chris Däppen (Fotos)
66 wer wohnT da? Gekonnt komponierter Cocktail. Gudrun Sachse
70 das experimenT Schwarzweiss-Denken. Reto U. Schneider
71 meine ZuKunfT «Am liebsten faulenzen». Florian Leu
71 die andere sichT Meine Spuren. Tom Shakespeare
72 leserbriefe
73 folio folies Gerhard Glück
74 Vorschau / impressum
ausserdem
GESuCHt: iHR BEStES RS-BilD!
Für einen Rückblick im Internet, «Die RS im Wandel der Zeit», suchen wir nach
RS-Fotos. Mailen Sie Ihr bestes Bild an [email protected]. Vermerken Sie Jahr,
Ort und was auf dem Bild zu sehen ist. Sie können Ihr Bild auch per Post schicken:
NZZ Folio, Stichwort RS, Postfach, 8021 Zürich. Schreiben Sie in diesem Fall die
Angaben und Ihre Adresse auf die Rückseite des Bildes. Einsendeschluss: 18. März.
NEuE Folio-WEBSitE
Ende Februar haben wir die neue Folio-Website aufgeschaltet. Wir hoffen, unseren
Online-Leserinnen und -Lesern gefallen die Neuerungen, das luftigere Layout und
die grosszügigeren Bilder. So wie bei der NZZ ist auch beim Folio online nicht
mehr alles gratis zu haben. Einige Schwerpunktartikel und Kolumnen bleiben frei
zugänglich. Wer alles lesen oder auf das vollständige Archiv (seit 1991) zugreifen
möchte, muss sich als NZZ- oder als Folio-Abonnent auf der Site einloggen.
«NoMADE iM SPECk»
In diesem Heft erscheint die erste Folge der Kolumne «Nomade im Speck». Der
in Berlin lebende Schriftsteller Wiglaf Droste ist in Europa unterwegs. Wie es zu
dieser Kolumne kam, kann man online auf unserer neuen Website lesen.
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21 Wochen unter Männern
DAS SCHÖNE DAHER
GENERATION EGO-SHOOTER
WIR SIND KÄMPFER. PUNKT.
EPILOG
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Das schöne Daher
Die Rekruten fassen ihre Waffe – sie lernen die Feinheiten
des Gehens und Stehens kennen – es zeichnet sich ab, wer weitermachen
wird und wer nicht – einer meint, es gebe zu viele Simulanten.
Der erste Tag ist der letzte, an dem die Rekruten ihre private Uniform tragen.
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Einrücken – 15! 16! 17! 17! 16! 17! 18! 18!
Montag, 12.März 2012, 10 Uhr morgens: In einem Zwölferschlag
der Unterkunft 3 sitzen fünf junge Männer im Kampfanzug auf
schmalen Betten und üben den bösen Blick. Sie sind nervös. Vermutlich nicht weniger nervös als die 550 Rekruten, die an diesem Tag
in der Kaserne Neuchlen in der Nähe von Gossau einrücken. «Du
musst strenger schauen», sagt Ramadani zu Guci, dem schon wieder
ein gutmütiges Lächeln ins Gesicht zu schleichen droht. Ramadani
macht es vor: der Ausdruck starr, die Augen kalt, kein Blinzeln.
Die Abzeichen mit den drei dünnen diagonalen Strichen am
Kämpfer verraten den militärischen Grad: Die fünf sind Obergefreite, angehende Wachtmeister (im alten System der Armee 95 wären
sie Korporale gewesen). 17 Wochen ist es her, seit sie selber mit der
Rekrutenschule begonnen haben, in gut einer Stunde werden sie
Vorgesetzte sein: Der gutmütige Guci, Detailhandelsverkäufer; der
selbstsichere Sherifi, Profiboxer; der zackige Ramadani, Kaufmann,
mit 19 Jahren der Jüngste; der ruhige Collorafi, ebenfalls Kaufmann;
und der glatzköpfige Zumbach, Strassenbauer. Sie sind die Gruppenführer des Zugs Bivio der 2.Kompanie der Infanterie-RS 11.
Heute werden sie auf dem Kasernenhof erstmals den jungen Männern gegenüberstehen, die sie 21 Wochen lang «führen, ausbilden
und erziehen» sollen, so lautet der Auftrag.
Doch wie sollen sie sich den Rekruten überhaupt vorstellen?
Den Vornamen nennen oder nicht? Etwas Persönliches erwähnen,
das Alter vielleicht oder den Beruf? Sherifi, der Profiboxer, schlägt
vor, ein paar Hobbies anzugeben, die die Neulinge einschüchtern
werden, «Marschieren» oder «Seckle» zum Beispiel, denn der erste
Eindruck, da sind sich alle einig, entscheidet, ob die Rekruten sie
als Chefs respektieren oder nicht.
Ihre direkten Vorgesetzten, die Zugführer Giovanoli und Brügger, haben die fünf Obergefreiten im Kadervorbereitungskurs in der
Woche zuvor kennengelernt, und um den einen rankt sich bereits
ein Mythos: Oberwachtmeister Giovanoli sei nämlich der einzige
Zugführer gewesen, der sich den Zug Bivio zugetraut habe. Als die
Namen der Gruppenführer, also Collorafi, Guci, Ramadani, Sherifi,
Zumbach, bekannt wurden, wollte keiner einen Zug, in dem nur
ein einziger Obergefreiter Schweizer ist – obwohl natürlich alle
Obergefreiten Schweizer sind, sonst wären sie ja nicht beim Militär.
Aber vier von fünf haben einen «Migrationshintergrund», wie es
offiziell heisst – inoffiziell sind sie «keine Eidgenossen». Ramadani
und Sherifi kommen aus Kosovo, Guci ist Albaner, Collorafi hat
arabische und italienische Wurzeln. Und so war es still im Saal,
als es um den Zug Bivio ging, bis schliesslich Oberwachtmeister
Giovanoli vortrat, der keineswegs als Freund alles Multikulturellen aufgefallen war, und sagte, er übernehme den «Balkanzug». So
berichten es die Obergefreiten, voller Stolz und Anerkennung für
ihren Zugführer. Giovanoli selbst wird die Geschichte später ein
bisschen anders erzählen.
In diesem Moment aber hat der Oberwachtmeister keine Zeit für
Erklärungen. Giovanoli nimmt die neuen Rekruten in Empfang.
Der gelernte Koch steht in der Turnhalle der Kaserne Neuchlen, die
sich ab zehn Uhr mit jungen Männern füllt. Die meisten sind mit
dem Zug angereist und dann im Shuttlebus vom Bahnhof Gossau
hinauf zur Kaserne gefahren, manche sind mit dem eigenen Auto
da, einige wurden von der Freundin gebracht, ein paar von Mami
oder Papi. In den Sporttaschen, die sie über der Schulter tragen, oder
im Rollköfferchen, das sie hinter sich herziehen, müssten sich laut
Merkliste 2 Waschlappen, 2 Handtücher, 2 Paar wollene feldgraue,
dunkelblaue oder schwarze Socken und 1 Paar unauffällige zivile
Schaft- oder Halbschuhe befinden.
Nachdem die Rekruten Dienstbüchlein und Marschbefehl vorgelegt haben, sitzen sie geordnet nach vier Zügen und in Sechserreihen auf dem Turnhallenboden. Die Züge, die zusammen eine
Kompanie bilden, heissen Amboss, Bivio, Canale und Dimitri. Das
Zivilleben ist vorbei. Wer jetzt noch einmal hinauswill, ob zum
Rauchen oder Pinkeln, muss sich beim Zugführer abmelden. Doch
noch sind sie alle in ihre private Uniform gekleidet, Kapuzenpulli,
tiefsitzende Jeans, Turnschuhe, und noch tragen sie einen Vornamen: Der grossgewachsene Brillenträger etwa heisst Levi Zehnder,
ein Maturand aus Wädenswil. Im Herbst, wenn die RS vorbei sei,
werde er mit dem Medizinstudium beginnen, sagt er, deshalb wollte
er zuerst zu den Sanitätstruppen, aber: «Ich dachte mir, wenn schon
Militär, dann richtig.» Levi Zehnder wird noch überragt von Robin
Brasch, einem jungen Mann mit auffallend langen Haaren unter
all den vorsorglich kurzgeschorenen Köpfen. Brasch arbeitet als
Maurer auf dem Bau und hat: «Null Erwartungen, null Gefühle,
null Hoffnungen für die RS.»
Es ist zehn nach elf, als ein Bär von einem Mann ans Rednerpult auf
der Galerie tritt: Der Kommandant der Infanterie-Rekrutenschule
11, Oberst im Generalstab Ronald Drexel, begrüsst die Rekruten.
«Verständlicherweise», ruft er über das Heer strammstehender
Männer, «ist das Einrücken mit gemischten Gefühlen verbunden.»
Oberst Drexel wählt markige Worte, um zu begründen, warum die
persönliche Freiheit des Einzelnen ab sofort eingeschränkt sei, er
verkündet die drei wichtigsten Regeln, erstens: Die Armee solle
ein positives Erlebnis sein, zweitens: Kameradschaft und Respekt
seien wichtig, drittens: Der Dienstbetrieb sei klar geregelt. Und als
er mit «hiermit ist die Inf RS eröffnet!» schliesst, brandet Applaus
auf. «Das ist heute halt so», sagt er danach schulterzuckend, «sobald
einer etwas sagt, wird geklatscht.» Oberst Drexel befehligt eine von
sieben Infanterie-Rekrutenschulen in der Schweiz, in denen jährlich
über 6000 Rekruten und 1000 Unteroffiziere und Offiziere ausgebildet werden.
Was die Rekruten am ersten Nachmittag auf dem Kasernenhof an
«formeller Ausbildung» lernen, ist Folgendes: Die Achtungsstellung
mit den Füssen in einem 60-Grad-Winkel. Das korrekte An- und
Abmelden. Das gleichmässig schöne Daher: die Aufstellung im
Halbkreis um den Vorgesetzten. Die 24 militärischen Dienstgrade:
Soldat, Obergefreiter, Wachtmeister, Oberwachtmeister, Leutnant,
Oberleutnant, Hauptmann – bis hoch zum General. Ausserdem
lernen die Rekruten, dass im Militär zwei immer zwo heisst und
dass das Dezimalsystem nicht gilt, sobald es um Liegestütze geht.
«14! 15! 16! 16!» brüllt der Obergefreite Zumbach, der mitmacht
und sich locker auf und ab stemmt, während den Männern um ihn
herum bereits die Arme zittern. «17! 18! 16! 17! 18! 18!»
Die 33 Rekruten, die im Moment den Zug Bivio bilden, sind auf
die fünf Gruppenführer aufgeteilt worden. Als die sich vorstellten,
war nichts mehr von der Nervosität vom Morgen zu spüren. Für den
Satz «Ramadani, Obergefreiter, von Buchs, mehr müssen Sie nicht
wissen», entschied sich der eine, der andere sagte: «Sherifi, Profiboxer, Hobbies Sport, Kampfsport. Ich verlange Teamgeist, Willen,
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Oberst im Generalstab Drexel: «Manne, Sie haben Ja gesagt zur Armee!»
Zuverlässigkeit. Fertig.» Stundenlang hallen die Kommandos über
den Kasernenhof, hinter jedem Wort steht nun ein Ausrufezeichen.
«Seckle!» ruft der eine Obergefreite, und sein Trüppchen trabt quer
über den Platz, «Daher!» schreit der zweite, und die Rekruten strömen zu ihm, als sei er ein Magnet, «Achtung!» brüllt der dritte, und
die Gruppe steht stramm.
Zwischendurch wird jeder Rekrut in die Unterkunft 3 geschickt,
wo Zugführer Giovanoli seine Leute kennenlernen will, im Erdgeschoss neben dem Trog, in dem die Kampfstiefel gewaschen
werden. Name, Wohnort, Hobbies, Einstellung zum Militär und
für den Notfall die Telefonnummer der Angehörigen: All das fragt
der Oberwachtmeister jeden und korrigiert freundlich, wenn einer
beim An- oder Abmelden einen Fehler macht. Rekrut Sanchez zum
Beispiel, der vor lauter Nervosität eine Gefechtsmeldung durchgibt,
statt sich anzumelden.
Sport erwähnt jeder der 33 jungen Männer als Hobby, dem Militär stehen sie «normal» bis «positiv» gegenüber. Einer schleppt sich
hinkend vor den Oberwachtmeister, ein klarer Fall für die Arztvisite.
Im schweizerischen Schnitt wird ungefähr jeder zehnte, der am
ersten Tag zur Arztvisite geht, wieder nach Hause geschickt. Auch
Rekrut von Niederhäusern, Fussballprofi aus Winterthur, bereitet
seinen Abgang vor. Er habe eine gute Einstellung zum Militär, versichert er. «Aber ich weiss nicht, ob ich die RS mit meinem Rücken
durchziehen kann.» Zum Arztbesuch hat er sich schon angemeldet.
Etwa fünfzig Rekruten sind mit einem Umschlag eingerückt. Darin
stecken Atteste, Röntgenbilder, Zweitmeinungen. Es sind Tickets in
die Freiheit. Für diese Männer ist Oberwachtmeister Wipfli zuständig. Ein Kamerad von Wipfli führt die Männer aus der Turnhalle.
Der Himmel ist wolkenverhangen. Wipfli stapft den Rekruten breitbeinig hinterher und schaut, dass keiner verloren geht. In einem
Nebengebäude reihen sie sich auf zu einer Galerie der Leidensmienen. Einer hat beim Eishockey den Kiefer gebrochen, einer hat beim
Snowboarden eine Drehung versucht. Einer ist vom Dach gestürzt,
einer hat Augenringe wie ein Trinker und spricht von «psychischen
Problemen». Einer hat eine krumme Wirbelsäule, und einer war
auf Sauftour im Niederdorf, da kreuzten ein paar Typen auf, und er
kriegte ein paar Fäuste ins Gesicht.
Tauglich ist, gemäss Artikel 2 der Verordnung aus dem Jahr 2004,
wer «körperlich, geistig und psychisch den Anforderungen des Militär- beziehungsweise Schutzdienstes genügt und bei der Erfüllung
dieser Anforderungen weder die eigene Gesundheit noch diejenige
Dritter gefährdet». Tauglich waren in den letzten fünf Jahren konstant um die 65 Prozent für den Militärdienst, weitere 15 Prozent
für den Zivilschutz. Aber nicht alle Militärdiensttauglichen rücken
auch ein: Etwa 10 Prozent entscheiden sich für den Zivildienst, der
anderthalbmal so lang dauert. Seit 2009 müssen Gewissenskonflikte
nicht mehr ausführlich begründet werden. Am höchsten ist die
Tauglichkeitsquote in den ländlichen Kantonen der Zentral- und
Ostschweiz, am niedrigsten in der Stadt Zürich: Da sind nur gut
die Hälfte der jungen Männer fit fürs Militär.
Erstaunlich oft sind es Sportler, die bei der Rekrutierung untauglich geschrieben werden. Roger Federer wurde ebenso wenig
zugetraut, einen Rucksack zu tragen, wie Stéphane Lambiel, dem
Weltmeister im Eiskunstlauf. Rekrut von Niederhäusern, der Fussballer mit dem empfindlichen Rücken, wird es ebenfalls schaffen,
wegzukommen – wenn auch erst in der fünften RS-Woche. Nach
der Konsultation beim Truppenarzt verabschieden sich etwa die
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Oberwachtmeister Brügger und Giovanoli: «Der Zug Bivio ist der beste Zug.»
Hälfte vom Militär, sie ziehen munter ihr Rollköfferchen über den
Exerzierplatz und wirken wie Touristen auf Abwegen. Jene, die nicht
abgeholt werden, dürfen in einen Militärwagen steigen und dort
noch eine halbe Stunde frieren, dann werden auch sie zum Bahn­
hof in Gossau chauffiert. Wer in die Gesichter im Halbdunkel des
Wagens schaut, weiss, wie Erleichterung aussieht. Aber der mit dem
Asthma, der mit der Lungenentzündung, der mit der krummen
Wirbelsäule: Sie alle müssen – zumindest vorerst – bleiben.
Am späten Nachmittag sitzen die Rekruten im Kasernenaudito­
rium und erholen sich vom Herumgerenne und den endlosen Lie­
gestützen auf dem Kasernenplatz. Oberst Drexel hat vorne in seiner
ganzen Körperlänge von 1 Meter 94 Position bezogen, während
Hauptadjutant Hösli sich noch am Laptop zu schaffen macht. Doch
der Oberst mag nicht warten und legt los, lautstark, in urchigem
Appenzellerdialekt: «Sie haben Ja gesagt zur Armee. Sie haben sich
entschieden, Infanterist zu werden. Dazu gratuliere ich Ihnen. Man­
ne, das war ein guter Entscheid!» Oberst Drexel spricht die Rekruten
vorzugsweise als «Manne» an, manchmal als «Herre». In seiner lau­
nigen, von Hauptadjutant Hösli mit Grafiken und Fotos begleiteten
Rede skizziert er, was die Rekruten erwartet: «Manne, die nächsten
21 Wochen werden kein Zuckerschlecken.»
In den ersten sieben Wochen geht es um die allgemeine Grund­
ausbildung: das Exerzieren, das Marschieren im Verband, das Salu­
tieren, den ABC­Schutz, die erste Hilfe am Kameraden. Vor allem
aber werden die Rekruten den Gebrauch des Sturmgewehrs erler­
nen. Jetzt wird der Oberst pathetisch: «Manne, das ist die Waffe, die
Sie dank dem Vertrauen des Volkes nach Hause nehmen dürfen.
Diese Waffe müssen Sie beherrschen! An dieser Waffe werden wir
Sie drillen! Da werden wir Sie plagen!» In der funktionsbezogenen
Grundausbildung von der 8. bis zur 13.Woche werden die Rekruten
mit der Panzerfaust, dem leichten Maschinengewehr, dem Sprengen
mit Trotyl und Plastit vertraut gemacht. Im letzten Drittel der RS
soll es dann in Übungseinsätzen richtig zur Sache gehen. Als Hö­
hepunkt nennt Drexel die Durchhalteübung in der 19.Woche. Viel
Leistung, viel Erlebnis und wenig Schlaf, verspricht er.
«Sitzen Sie bequem?» fährt der Oberst mitten in seinem Vortrag
einen Rekruten an. «Hier kann man sich nicht hinlümmeln wie in
der Schule!» Der Rekrut zuckt zusammen, läuft rot an und richtet
sich auf, als hätte er einen Bolzen im Rücken. Drexel mag es nicht,
wenn einer krumm dasitzt. Loyalität, Treue, Wille – das erwarte er
von allen, sagt der Kommandant. «Es soll ja Leute geben, die ab
und zu eins kiffen», fährt er fort und schaut leicht bekümmert in
die Runde. «Ich sage es Ihnen ein für alle Mal: Das ist hier verboten.
Da herrscht bei uns Nulltoleranz!» Beim Alkohol gelte während
der Arbeitszeit die 0,0­Promille­Regelung. Es habe jedoch niemand
etwas dagegen, wenn einer im Ausgang ein «Alpenbitterli» zu viel
erwische, er müsse nur darauf achten, dass er sauber nach Hause
komme. Die Verhaltens­ und Tenueregeln gelten im übrigen auch
im Ausgang und im Urlaub. «Morgen erhalten Sie die Uniform.
Egal, welches Tenue Sie tragen, es muss korrekt sein.»
Im Zeughaus – Hosen in 120 Grössen (W 1)
Rekrut Brasch trägt ein letztes Mal seine Daunenjacke mit dem Pelz­
kragen, als er sich am frühen Nachmittag des zweiten Tages in die
lange Reihe auf dem Platz vor dem Zeughaus von St.Gallen stellt.
Brasch, der Maurer, hat ein Flair für modische Klamotten. Aber auch
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Kopf hoch, Brust raus, die Hände auf dem Rücken: Der Zug Bivio im Daher.
dem Tarnanzug kann er etwas abgewinnen: «Sieht irgendwie cool
aus.» Vor vier Wochen ist aus Hinwil das persönliche Material für
über 600 Rekruten ins Zeughaus geliefert worden. Vier Bahnwagen
mit je 30 Paletten, Tonnen von Material: Tarnanzüge, Ausgangsanzüge, Schutzanzüge, Unterwäsche, Schuhe, Kopfbedeckungen,
Handschuhe. Dazu kommen die Gepäckstücke, in denen man sie
verstaut: Taschen, Rucksäcke, Rollkoffer.
Um alles effizient zu verteilen, hat der Chef der Materialverwaltung im Zeughaus einen Parcours eingerichtet. An verschiedenen
Posten «fassen» die Rekruten ihre Ausrüstung, wie es im Militärjargon heisst. Am ersten Posten wird jeder vermessen: Bundweite,
Schrittlänge, Kragen- und Oberweite, Kopfumfang. Ein Zeughausmitarbeiter schreibt die Zahlen auf einen Zettel und reicht ihn
weiter zum zweiten Posten, wo Jacke und Hose des Tenues B ausgehändigt werden. Rekrut Brasch ist gross und kräftig, mit den üblichen Proportionen. Die Uniform sitzt ihm perfekt. Er geht weiter
und fasst Kälteschutzjacke, Tricothemden, Funktionsunterwäsche,
Béret, Schirmmütze, Rollmütze, Regenschutzhut; zuletzt erhält er
das Tenue A, die Ausgangsuniform mit Veston, hellgrauem Hemd
und Krawatte.
Es gibt die Kleider in allen Kombinationen von Bundweiten und
Schrittlängen, Taillierungen und Ärmellängen – allein bei den Hosen 120 Anfertigungen, Hosen für Lange und Dicke, für Lange und
Dünne, Kurze und Dicke, Kurze und Dünne. «Wenn einer nicht
grösser ist als 1 Meter 95 und nicht schwerer als 130 Kilo, haben
wir etwas für ihn auf Lager», sagt der Materialverwalter. Andernfalls
seien Massanfertigungen möglich. Dafür steht im Zeughaus ein
Body-Scanner. Die Massuniform wird von einer Firma in Aarburg
genäht und kann innert weniger Tage geliefert werden. Doch bei
dieser RS bewegen sich alle im physischen Normalbereich.
In der Schweiz wird nur noch ein kleiner Teil der Armeeausrüstung hergestellt. Die Bekleidung kommt aus Osteuropa, aus der
Türkei, aus China. Bei den «Packungen» ist der Selbstversorgungsgrad höher. Die Firma Pfäffli produziert einen wesentlichen Teil
der Gepäckstücke, die Effektentaschen werden im Kanton Uri in
Heimarbeit hergestellt. Am letzten Posten erhalten die Rekruten
die Transporttasche mit Rollen, in der sie erst einmal das ganze
Material verstauen können. Die graue Fleecejacke, die Boxershorts
und die Long Pants, die Fingerhandschuhe, die Regenschutzjacke,
die Regenschutzhose, die Kapuze. Und dann bekommt jeder noch
sein Namensschild, das mit einem Klettverschluss auf der linken
Brust befestigt wird.
Frisch eingekleidet versammeln sich die Rekruten hinter dem
Zeughaus. Es ist ein sonniger Frühlingstag, aber die Luft ist noch
frisch. Rekrut Parisi, ein Secondo aus Apulien, zieht sich die Rollmütze über, Rekrut Brasch setzt sich die Schiebermütze auf. Vor
der Rückfahrt in die Kaserne studieren die Rekruten das Reglement 51.009 d mit den Tenuevorschriften: «Beim Tenue A leicht
darf ohne Krawatte nur das Kurzarmhemd getragen werden.» «Es
ist zu beachten, dass beim Tragen von Kampfstiefeln das Beinelastic
immer verwendet wird. Das Tragen der Hosen ‹lang› ist nicht gestattet.» Nicht befohlen, bloss empfohlen wird, was man in welcher
Tasche verstauen soll: Karten und Reglemente in die linke Beintasche, reflektierende Beinstulpe und Notizmaterial in die rechte,
Taschenmesser und Gehörschutzpfropfen in die Oberarmtasche
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Die Obergefreiten Sherifi, Zumbach, Guci und Ramadani bei der Befehlsausgabe des Zugführers.
rechts. Am intensivsten werden sich die Rekruten in den nächsten
Tagen mit dem Kapitel «Instandhaltung» beschäftigen, in dem es
darum geht, wie man den Tarnanzug mit der Kleiderbürste reinigt
und die Kampfstiefel putzt, eincremt und poliert. Denn die werden
sie schon bald schmutzig machen.
Das Gewehr – eine Freundin fürs Leben (W 1)
Seit vier Tagen sind sie hier, doch bereits fällt es schwer, sie auseinanderzuhalten, man sieht fast nur noch Igelfrisuren. Die Sonne scheint
warm auf den Kasernenhof. Es ist ein schöner Tag, ein besonderer
Tag: Heute bekommen die Rekruten ihr Gewehr. Vor der Kaserne
stehen zwei Panzer, an der Kaserne hängen zwei Schweizer Fahnen, am Eingang warten der Kompaniekommandant Oberleutnant
Dubois-dit-Bonclaude und der Fähnrich.
Auf dem Exerzierplatz stehen die Rekruten in Einerkolonne wie
ein Tatzelwurm in Tarnfarben. Im Hintergrund sind Handlanger am
Werk und reichen die Gewehre nach vorn, in der Soldatensprache
auch bekannt als Guuge, Flöte, Föhn oder Speuzi. Manche Rekruten schreiten entschlossen nach vorn, andere watscheln unbeholfen
zwischen den Panzern hindurch. Der Kompaniekommandant blickt
unter seinem Béret jeden gleich streng an und scheint seinen Torso
aufzuplustern, während er jedem mit dem gleichen Satz das Gewehr
aushändigt: «Ich überreiche Ihnen (Pause) Ihre persönliche Waffe!»
Zigarettenpause. Wegen der Bise stehen die Raucher eng beisammen. Einer sagt: «Ich habe mich in diesen vier Tagen sicher schon
dreihundert Mal gefragt, was ich hier mache. Mindestens.» Antwort:
«Das darfst du eben nicht.» Dann brüllt jemand ein Kommando.
Die Rekruten laufen zu ihren Obergefreiten, die ihnen den Umgang
mit der Dienstwaffe erklären. Obergefreiter Sherifi, breite Schultern, breites Lächeln, sagt seinen Schützlingen: «Dieses Gewehr ist
in den nächsten zwanzig Wochen Ihre Freundin. Seien Sie gut zu
ihr!» Nach der RS werden die Soldaten ihre Freundin mit nach
Hause nehmen – ein Unikum, mit dem die Volksinitiative «Für den
Schutz vor Waffengewalt» Schluss machen wollte. Ausserhalb der
Dienstzeit hätten die Armeewaffen im Zeughaus deponiert werden
sollen. Das Stimmvolk wollte das nicht, die Initiative wurde 2011
abgelehnt.
Kernkompetenzen – Marschieren, Exerzieren (W 2)
Wie eine Erscheinung tauchen sie in dieser sternenlosen Märznacht
plötzlich aus der Kurve auf: in Einerkolonne, stumm, die Gesichter
unter der Tarnfarbe nicht zu erkennen, sie marschieren diszipliniert
und schnell, nur das Trappeln der Gummisohlen ihrer Kampfstiefel
ist zu hören, dann verschluckt sie die Dunkelheit wieder. Hauptmann Hofmann wendet sich ab. «Der Zug Bivio ist gut unterwegs»,
sagt er; ausser dass einer seine Leuchtgamasche nicht trug, hat er
nichts auszusetzen. Hofmann ist Berufsoffizier und verantwortlich
für die 2.Kompanie, als Vorgesetzter von Oberleutnant Dubois-ditBonclaude.
Hofmann steigt in seinen Skoda und fährt zum nächsten Kontrollpunkt. Es ist eine milde Nacht, eine Nacht, in der die Frösche
wandern. Zu Dutzenden überqueren sie die schmalen Strassen auf
dem Gelände des Waffenplatzes, Hofmann fährt Slalom, um ihnen
auszuweichen. «Die Frösche kommen nur raus, wenn es wärmer ist
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Nur in den Pausen dürfen sie rauchen und SMS schreiben.
als fünf Grad», sagt er. Es ist die zweite RS-Woche. Der erste Marsch
der Rekruten führt über sieben Kilometer, weitere, längere Märsche
werden folgen, als Krönung wartet jener über fünfzig Kilometer. Bei
dem der Zug Bivio weniger gut abschneiden wird.
Zurück auf dem Kasernenhof, lobt Giovanoli seinen Zug – «Ich
bin stolz auf Sie!» –, und dann geht es gleich ans Putzen des Gewehrs
und der Schuhe. Mit dem Holzschaber kratzen die Rekruten den
Dreck aus dem Sohlenprofil und schmieren Wichse auf die Stiefel
– bei manchen ist die Tube nach einer Woche schon fast leer. Nach
dem Duschen bekommen sie im Esssaal noch Doughnuts und Tee.
Was die Rekruten beklagen, sind nicht die müden Füsse, sondern
dass sie zu wenig Schlaf haben. Heute werden sie gegen Mitternacht
ins Bett kommen, morgen ist um 5 Uhr 15 schon wieder Tagwache,
so wie jeden Tag. Im Arbeitsplan ist Ausschlafen nicht vorgesehen.
Für Mittag- und Abendessen wird je eine halbe Stunde veranschlagt,
in der Regel einmal pro Woche gibt es für die Rekruten einen langen Ausgang von 19 bis 23 Uhr.
Laut einer Untersuchung des psychologisch-pädagogischen Diensts
der Armee ist Müdigkeit in den ersten RS-Wochen der zweithäufigste Stressfaktor, nach der Abwesenheit von Partnerin oder Familie. Auf Platz 3 und 4 folgen das Einrücken nach dem Urlaub
am Wochenende und das Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten. «Es
ist alles bloss Kopfsache», sagt Oberwachtmeister Brügger, der mit
Giovanoli zusammen den Zug Bivio führt. «Mit der richtigen Einstellung erträgt jeder die körperlichen Strapazen.» Aber auch er
kennt Momente, in denen er sich fragt: «Wieso machst du das?»
Jeder Rekrut stellt sich im Verlauf der 21 Wochen die Sinnfrage.
Wer sie kategorisch verneint, hat bestimmt einen Weg gefunden,
nicht hier sein zu müssen. Jene 50 bis 60 Prozent der jungen Männer, die überhaupt Dienst leisten, beantworten sie meist mit einem
Schulterzucken: Es brauche halt eine Armee. In den Theoriestunden
bestätigen ihnen die Berufsoffiziere, was sie sowieso schon wissen:
Ein militärischer Angriff auf die Schweiz ist sehr unwahrscheinlich.
Aber wie jedes Land hat die Schweiz ein Sicherheitssystem, und die
Armee ist das Instrument, das in Krisen und Notlagen einsatzbereit
ist, sei es bei Anschlägen von Terroristen oder bei Naturkatastrophen. Bei den Überschwemmungen in Brig 1993 sorgte die Armee
unter anderem dafür, dass es nicht zu Plünderungen kam. Mit Beispielen wie diesem erklärt Hauptmann Hofmann seinen Rekruten,
warum sie hier sind. Grundsätzlichen Widerspruch erntet er kaum
je. «Ideologie», sagt er, «ist kein Thema mehr.»
Aber auch wenn sich die Bedrohungen verändert haben: Kernkompetenz des Infanteristen bleibt das Schiessen und Marschieren. Und
zum Beispiel dies: Vorsichtig bewegt sich ein Rekrut über eine Wiese, das Gewehr in beiden Händen, sein Blick sucht allfällige Feinde
(Schützenschritt). «Kontakt vorne!» brüllt plötzlich der Obergefreite
Sherifi, «Kontakt vorne!» Der Rekrut hechtet ins Gras (Schützensprung), rollt einen halben Meter zur Seite und robbt dann, das
Gewehr immer noch in beiden Händen, auf Ellbogen und Knien
(Kriechen) zur nächsten Deckung – «Los, los! Beissen, beissen!»
schreit Sherifi – und gibt imaginäre Schüsse auf den imaginären
Feind ab: «Bämbämbäm!»
Oder zum Beispiel das: Auf einer Blache schleift ein Rekrut einen
verwundeten Kameraden in Deckung. Der Kleinste der Gruppe
versucht es mit dem Schwersten und bleibt prompt an einem Abhang stecken. Der Obergefreite Zumbach übernimmt, mit einem
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In der rS
Festessen beim Biwak: Forelle im WC-Papiermantel.
ruckartigen Kraftakt zerrt er den Brocken ins Ziel und schreit: «Was
haben denn Sie heute gefressen!»
Und was der Infanterist natürlich auch lernen muss: in der
Zugschule exerzieren, im Gleichschritt marschieren, Viererkolonne, Richtung: rechts, zwomal Richtung: links. Oberwachtmeister
Giovanoli zeigt mit seinem Zug das Programm, das der Oberst an
der Inspektion verlangen wird, Hauptmann Hofmann bemängelt
anschliessend, dass es an der Besammlungsübung auf zwo Gliedern
eine Banane gab, dass die Daumenposition bei der Achtungsstellung
nicht bei allen korrekt war. Gut gefallen haben ihm Kadenz und
Schrittlänge beim Marschieren. Und für jene, die nicht wissen, wozu
das Ganze gut sein soll, erklärt es Hofmann noch mal: «Mit der
Zugschule können wir die drei Ureigenschaften des Infanteristen
überprüfen. Erstens: Der Infanterist muss zu sich selber schauen
können, das Tenue ist korrekt, der Fusswinkel stimmt, ich bin mental bereit. Zwotens: Er muss auf die Kameraden links und rechts
und vorne schauen, ich bin sauber ausgerichtet. Drittens: Er muss
auf den Chef hören, die Anweisungen befolgen.»
Im Wald – Biwakieren geht über Studieren (W 3)
Hauptmann Hofmann, das Béret in perfekter Schräglage, die Rasur
makellos, fährt in den Wald hinter der Kaserne. Mit den meisten Rekruten hat er in seinem Büro bereits über ihre Zukunft bei der Armee gesprochen. Heute befragt er die letzten während einer Übung.
Er will herausfinden, wer als Kaderkandidat in Frage komme. Der
Entscheid fällt dann nach einem vertieften Gespräch in der sechsten RS-Woche. Schon in der elften Woche verlassen die Anwärter
ihren Zug, um in der Infanterie-RS 12 in Chur zum Unteroffizier
ausgebildet zu werden. Dort werden sie danach bald als Vorgesetzte
vor neuen Rekruten stehen. «Lehrlinge bilden Lehrlinge aus» lautet
dieses alte Prinzip in der Armee.
Als Hofmann im Wald eintrifft, versuchen sich die Rekruten gerade im Biwakieren. Die Zelte klappen dauernd zusammen; das Feuer,
das sie in einem Erdloch entfacht haben, will nicht recht brennen.
Ratloses Herumstehen im Rauch. Hofmann gibt Ratschläge und
schickt nach dem ersten Rekruten. Eine Minute später erscheint
ein grosser, dünner Junge und hebt die rechte Hand zur Schläfe.
Hofmann weist darauf hin, dass sich der Rekrut zu nah vor ihm
aufgestellt habe: «Drei Meter Abstand!» Der Rekrut tritt zurück,
salutiert erneut, dann beginnt das Gespräch. Hofmann will wissen,
ob der Rekrut Nachwehen vom gestrigen 10-Kilometer-Marsch verspüre, und gibt ihm einen Tip gegen Blasen: «Die Socken sind ausschlaggebend!» Dann kommt er zur Sache. «Ich will Sie ein bisschen
kennenlernen und stelle Ihnen zu diesem Zweck ein paar Fragen. Die
erste ist die nach Ihrem Jahrgang.» – «Das ist der 20.9.91.» – «Nächste
Frage: Was kommt Ihnen zur Armee und zur Schweiz in den Sinn?
Was haben Sie für eine Einstellung?» – (Schulterzucken) «Neutral.»
Nachdem der Rekrut abgetreten ist, notiert Hofmann in seinem
Ordner, dass bei dem nichts zu machen sei. Erstens, weil seine Firma
ihn gerade befördert hat und er ein berufsbegleitendes Studium
an einer Fachhochschule aufnimmt. Zweitens, weil seine Einstellung zum Militär über «Neutralität» nicht hinausreicht. Hofmann
schickt nach dem nächsten Rekruten. Eigentlich kann er jeden
zwingen, länger als 21 Wochen zu bleiben. Aber er tut es selten.
Viele brauche er nur ein bisschen anzustacheln, ihnen unter anderem die finanziellen Vorteile zu schildern, die der Dienst mit sich
bringe, dann schwenkten sie um.
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In der rS
Um das Weitermachen attraktiver zu machen, wird im Auftrag des
Armeechefs an Ideen gefeilt. Die Vorschläge sind umstritten. Vorgesehen wäre zum Beispiel, für Nachwuchskader ein Bildungskonto
einzurichten, auf das sie nach dem Dienst zugreifen könnten: für die
Studiengebühren, einen Sprachaufenthalt, eine Weiterbildung im
Beruf. Daneben sollen die Hochschulen Leistungen, die im Militär
erbracht werden, als Punkte verbuchen. Die Uni St.Gallen tut das
bereits. Die Zugführer, die hinter Hofmanns Rücken noch immer
die Kunst des Biwaks lehren, sammeln gleichzeitig ECTS-Punkte
für ein allfälliges Studium in Betriebswirtschaft. Biwakieren geht
über Studieren.
Der nächste Rekrut salutiert, steht stramm und wartet, bis Hofmann das Gespräch beginnt. «Eine wichtige Frage ist die zu Ihrer
Einstellung zur Armee und zur Schweiz.» – «Zur Armee? Ja was soll
ich dazu sagen? (Pause) Weiss doch auch nicht, was ich dazu sagen
soll. (Pause) Das ist echt schwierig.» – «Sehen Sie ein, dass es sie
braucht? Oder sagen Sie: Das sehe ich überhaupt nicht ein?» – «Also,
es gibt gute Sachen und schlechte Sachen. Man lernt ein bisschen
Ordnung und so. Aber an einen Marsch zu müssen und dann am
nächsten Morgen so früh geweckt zu werden und der ganze Stress.
Auch heute zum Beispiel, ich meine die ganze Hetzerei. Da habe
ich gedacht: Wofür eigentlich?» – «Okay. Und zur Schweiz?» – «Weiss
auch nicht. (Pause) Ist gut.» Hofmann macht wieder ein paar Notizen in sein Formular und sagt: «Ausgeschlossen.» Der Rekrut hatte,
als Hofmann ihn nach Vorstrafen befragte, ohne Umschweife gesagt,
dass er wegen Erpressung, Nötigung und Morddrohung vorbestraft
sei. Darum wird sein Berufswunsch – Polizist – nicht in Erfüllung
gehen. Und darum sei es natürlich auch unmöglich, ihn zu befördern, sagt Hofmann. Obwohl er eigentlich ein flotter Kerl sei.
Rekrut Zehnder: Kadermaterial.
Übung Sunrise – Biss bis zum Morgengrauen (W 6)
Kurz vor zwei Uhr morgens steuert Rekrut Zehnder den Posten 11
an, der laut Karte am Rand des Waldstücks Wissholz liegen müsste.
Zu den ersten der 14 Posten des Orientierungslaufs ist er gerannt,
nun aber scheint die Vollpackung, Rucksack, Helm, Sturmgewehr,
mit jeder Minute schwerer zu wiegen. Trotzdem: Zehnder schreitet
auch nach vier Stunden zügig durch die Dunkelheit. Seine Leistung
ist bereits wieder überdurchschnittlich, obwohl er gerade noch mit
dem Gedanken gespielt hatte, sich bei der Übung Sunrise ungeschickt und langsam anzustellen. Denn in dieser Nacht ist nur die
zukünftige Elite des Militärs unterwegs – jene fünfzig Rekruten
aus der ganzen Rekrutenschule 11, die für eine Offizierslaufbahn
in Frage kommen.
Auch Rekrut Sanchez trabt zielstrebig durch den schwarzen
Wald. Er stempelt den Posten 14 ab und rennt dann sofort zurück
zur Kaserne, um sich im Filmsaal der nächsten Aufgabe zu stellen.
Rennen, Tests am Computer lösen, rennen – so geht das schon die
ganze Nacht. Man will prüfen, wer den Strapazen einer Offiziersausbildung gewachsen ist. Nicht alle fünfzig Rekruten, die bei der
Übung Sunrise dabei sind, werden später den Vorschlag zum Offizier bekommen. Etwa zehn fallen aus dem Rennen. Vielleicht jener
Rekrut, der sich gleich zu Beginn im Wald verlaufen hat? Oder jener,
der seine Karte nicht mit der Zange gelocht hat, weil er dachte,
durch blosses Berühren des Holzpfostens werde ein Signal an die
Zentrale gesendet?
Sanchez und Zehnder, beide aus dem Zug Bivio, beide auf dem Weg
zum Offizier, und doch könnten sie kaum unterschiedlicher sein:
Sanchez, ein gelernter Gärtner, der nun im Sicherheitsdienst arbeitet, hat sich nämlich auf das Militär gefreut. Das war nicht immer
so, vor zwei Jahren war er noch dagegen, aber ein Kollege hat ihn
umgestimmt. Und jetzt möchte er unbedingt Offizier werden, auch
für den Job könnte ihm das nützlich sein. Aber das Lernen fällt ihm
nicht leicht. Wenn die andern in den Ausgang gehen, bleibt er auf
dem Zimmer und studiert die Reglemente.
Zehnder hingegen wollte nie weitermachen. Der Maturand hatte
geplant, im Herbst mit dem Medizinstudium zu beginnen, ausserdem nervt ihn die RS, diese «Tubelischule», in der alles fünfmal
erklärt wird, bis der allerletzte es begriffen hat. Doch als Zehnder
sich bei der Aushebung zur Infanterie einteilen liess, weil er die
sportliche Herausforderung suchte, hatte er etwas nicht bedacht:
Er ist in dieser Rekrutenschule voller Handwerker und Verkäufer
einer der wenigen mit Matur – das macht ihn automatisch zu Kadermaterial.
Als Hauptmann Hofmann ihm beim Gespräch in der vierten
Woche eröffnete, dass man ihn mindestens bis zum Unteroffizier
zwingen könne, wollte er «auf Psycho machen», um den Studienanfang nicht zu verpassen. Doch er schafft es einfach nicht, nicht
sein Bestes zu geben. Auch diesmal nicht. «Und wenn ich schon ein
Zwischenjahr einschalten muss», sagt er fast entschuldigend und
leuchtet mit der Taschenlampe auf die eingeschweisste OL-Karte,
«dann kann ich auch gleich Offizier werden und in diesem Jahr
wenigstens Geld fürs Studium sparen.» Vor der Armeereform 2003
dauerte es mit Unterbrechungen 66 Wochen, bis einer Leutnant war.
Heute sind es 52 Wochen am Stück. Fast 48 000 Franken verdient
einer in dieser Zeit – das ist viel Geld für einen zukünftigen Studenten. Ausserdem ist Zehnders Mutter ziemlich stolz auf ihren Sohn.
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Nachtübung: In der Rekrutenschule gibt es keine Bürozeiten.
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In der rS
Vier Stunden zuvor hatte die Übung Sunrise mit einem Aufsatz
begonnen. «Das Thema», sagte Oberstleutnant im Generalstab Wolf,
der die Prüflinge beaufsichtigte, «steht unter ‹Thema›.» Dort stand:
«Vor- und Nachteile einer militärischen Kaderausbildung im zivilen
Umfeld», Zeitlimite 40 Minuten. «Obwohl dieser Entscheid nicht
allein bei mir liegt», kritzelte Rekrut Zehnder auf das liniierte Blatt,
«kann ich die Vor- und Nachteile noch nicht genügend abwägen,
um mir ganz klar bewusst zu sein, was ich will.» Dafür gab es von
den Prüfern, die alle Aufsätze noch in der gleichen Nacht gelesen
hatten, 11 von 15 möglichen Punkten für Inhalt, Form und Struktur.
Rekrut Sanchez bekam für sein «Manchmal wird man ein bisschen
komisch angeschaut, wenn man sagt, ich will in der Armee weitermachen …» lediglich 6 Punkte, und das nur, weil Hauptmann Hofmann die Punkte für den Inhalt grosszügig aufrundete. Literarische
Glanzleistungen sind unter den Aufsätzen nicht zu finden.
Und auch beim Test «Allgemeinwissen», bei dem 50 MultipleChoice-Fragen beantwortet werden müssen (Wann wurde die
Schweiz Vollmitglied der Vereinten Nationen? In welcher Zeit
dreht sich die Erde um die Sonne? Wie heisst der Präsident von
Russland?), wird kaum einer die 38 Punkte erreichen, die für ein
«Erfüllt» gefordert sind – der Durchschnitt liegt unter 20 richtigen
Antworten. «Das Niveau sinkt nicht», sagt Hauptmann Hofmann,
der Oberstufenlehrer war, bevor er Berufsoffizier wurde, «es ist konstant ernüchternd.»
Die Tests werden von den Rekruten im Filmsaal zwar alle am
Computer ausgefüllt, und das Online-Lernsystem wertet die Antworten sofort aus, aber Hauptadjutant Reichmuth, der die Rekruten
beaufsichtigt, hat den Allgemeinwissenstest vorsorglich auch auf
Papier mitgebracht. Und tatsächlich: Um punkt 2 Uhr bricht die
Tarnfarbe für den Obergefreiten Zumbach.
Verbindung zum Server ab, alle Computer sind blockiert. Reichmuth weiss auch, wieso: Der Server steht in Bern, und dort macht
man jede Nacht um 2 Uhr ein Backup. Aber Reichmuth hatte doch
diese Übung extra angemeldet! Er telefoniert mit dem Pikettdienst,
der ihm keine Hoffnungen macht. Um halb drei verteilt er den
Allgemeinwissenstest auf Papier. «Man kann sich auf diese Bundesstellen einfach nicht verlassen», schimpft er. «Die leben in einem
eigenen Raumschiff!»
Auch Oberst Drexel ist die ganze Nacht wach. Er führt mit jedem
Rekruten ein Gespräch, in alphabetischer Reihenfolge treffen die
jungen Männer ein, setzen sich auf die Stühle vor seiner Tür und
kämpfen gegen den Schlaf. Drexel geht immer gleich vor: Er fragt
zuerst, ob und weshalb der Rekrut Offizier werden will, dann hört
er sich etwas über Familie, Beruf und Werte an, zum Schluss lässt er
jeden einen Werbespot in eigener Sache sprechen, zehn Sekunden,
die mit «Ich bin der Richtige als Zugführer, weil …» beginnen. Rekrut Sanchez kommt um viertel nach drei an die Reihe, er ist nervös,
sagt, dass er Offizier werden wolle, um die Herausforderung zu meistern, dass sein Berufsziel der Fachausweis Sicherheitsdienst sei, dass
er Kameradschaft, Rücksichtnahme, Höflichkeit schätze, und «Ich
bin der Richtige als Zugführer, weil», setzt er an, stockt, fährt fort,
«ich kann motivieren, dass sie Freude bekommen.» «Der kommt
gut», sagt Oberst Drexel, nachdem Sanchez den Raum verlassen
hat. Es gibt fünfzig Beurteilungskriterien dafür, ob einer als Offizier
in Frage kommt, aber Drexel verlässt sich auf seinen Instinkt: «Ich
kann das meistens nach ein paar Minuten sagen.»
Rekrut Zehnder ist der letzte, der vor Oberst Drexel tritt. Seine
Antwort auf die Frage, ob er Offizier werden wolle, ist ein zögerliches Ja. «Ja oder Ja?» fragt Drexel, und Zehnder weicht aus, sagt,
dass er eigentlich nicht unbedingt weitermachen wolle, aber wenn
schon, dann vielleicht doch eher gleich bis zum Zugführer, auch wegen des Geldes … «Das Finanzielle ist ein legitimer Grund», bestärkt
ihn Drexel, «und ich verspreche Ihnen: Das, was in der Ausbildung
kommt, ist noch viel besser als das, was Sie bis jetzt gesehen haben.»
Dann trägt Zehnder noch seinen Werbespot vor, er könne gut organisieren, Verantwortung tragen, mit Menschen umgehen, und schon
ist das fünfzigste und letzte Gespräch dieser Nacht zu Ende. Oberst
Drexel findet nur einen einzigen der Rekruten nicht geeignet für die
Ausbildung zum Offizier, und dieser eine ist nicht Zehnder. «Der
will ja eigentlich», sagt er, «ich habe es in seinen Augen gesehen.»
Zehnder und Sanchez werden die Übung Sunrise beide bestehen,
beide werden auf der Shortlist der Offiziersanwärter landen, beide werden in der elften Woche an die Unteroffiziersschule nach
Chur wechseln, aber nur einer von ihnen wird es tatsächlich bis
zum Zugführer schaffen. Inzwischen ist es halb sieben Uhr, und die
fünfzig müden Rekruten stehen im kalten Morgengrauen neben einem Munitionsdepot. Schon die ganze Nacht ging das Gerücht, am
Schluss der Übung warte ein Frühstück, aber die meisten würden
jetzt lieber schlafen als essen. Bis zu dem Moment, in dem Oberst
Drexel an die Pforte der Halle klopft und ruft, er komme sich vor
wie der Samichlaus.
Schon öffnet sich die Tür, der riesige Raum erstrahlt in romantischem Licht, Nebelschwaden, genährt von Trockeneis, wabern
aus Fasskisten, und darum herum stehen Buffets voller Rührei und
Speck, Canapés und Laugenbrezeln, Früchten und Cornflakes,
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In der rS
Nickerchen auf der Holzbank: Alle Rekruten leiden unter Schlafmangel.
Orangensaftpackungen und Energy-Drink-Dosen – ein Schlaraffenland. Die Rekruten schaufeln ihre Tabletts voll, stopfen sich schon
während des Anstehens Sandwiches in den Mund, als könnten sie
jeden Moment aus diesem Traum aufwachen, in dem sie genau 45
Minuten verweilen dürfen, bevor sie zurückkehren in den kalten
Rekrutenalltag mit Tee und Brot und Vierfruchtkonfitüre, und sogar
Oberst Drexel lässt sich verleiten, nach einem bescheidenen Teller
mit Rührei und Speck fünf Butterbrezeln in die Taschen seines
Kampfanzugs zu stecken, «als zweites Frühstück», sagt er.
AGA-Finale – das Problem vor der Tastatur (W 6)
«Obergefreiter!» – «Definitiv nicht!» – «Tschuldigung, Oberwachtmeister! Ich hab da eine Frage!» ruft Rekrut Iseli und nestelt an seiner Gasmaske. Gleich muss er zum ABC-Test antreten, dem Schutz
vor atomaren, biologischen und chemischen Gefahren. Auf dem
weitläufigen Areal des Waffenplatzes sind Posten eingerichtet, an
denen in der sechsten Woche die Rekruten zum Abschluss der
allgemeinen Grundausbildung geprüft werden. Die ganze Schule
tritt zum AGA-Finale an, 452 Rekruten, darunter auch die 128 der
Kompanie 2. Sie müssen Karten lesen, Verbände anlegen, das Gewehr auseinandernehmen, die Gasmaske anziehen und ihr Wissen
über die Armee unter Beweis stellen. Wer alle Tests besteht, darf
bereits am Freitagmorgen in den Urlaub – einen Tag früher als die
anderen.
Die Rekruten stehen in einer Reihe, Iseli neben Roos, mit dem er
im selben Zwölferzimmer schläft. «Wenn wir schon hier sind, machen wir das Beste draus», sagen die beiden, die sich gut verstehen.
Der Vollschutz ist angezogen, alle Klettbündchen sind geschlossen.
In dreissig Sekunden muss nun noch einem verletzten Kameraden
die Schutzmaske übergezogen werden. Der Schweiss tropft unter
der Gummimaske in die brennenden Augen. Iseli zerrt an Roos
herum, dann zeigt sein Daumen nach oben. Im Ernstfall hielte die
Ausrüstung 12 Minuten flüssigen Kampfstoffen stand, 24 Minuten
bei Gas. Jetzt aber heisst es «Packung erstellen!», und nachdem alle
ihre Ausrüstung im Rucksack verstaut haben, geht es im Gänsemarsch zum nächsten Posten, während eine andere Gruppe mit dem
Lastwagen zur Kaserne hochgefahren wird, wo sie zum Wissenstest
antreten muss.
Im 4.Kapitel des Dienstreglements steht: «Militärische Ausbildung
und Erziehung haben das Ziel, die Angehörigen der Armee auf
den Krieg und auf die Bewältigung anderer Krisensituationen
vorzubereiten.» Und wer die Angehörigen der Armee sind, wird
definiert in Kapitel 2, Absatz 5: «Unsere Armee ist grundsätzlich
nach dem Milizprinzip organisiert. Sie beruht auf dem Grundsatz
der Militärdienstpflicht für alle Schweizer Bürger. Schweizerinnen
können sich freiwillig zum Militärdienst melden.» Die allgemeine Wehrpflicht wurde 1848 in der ersten Bundesverfassung der
Schweiz festgeschrieben, wie in den meisten europäischen Ländern
im 19.Jahrhundert. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben jedoch
viele auf Freiwilligen- und Berufsarmeen umgestellt. Auch die Volksinitiative «Ja zur Aufhebung der Wehrpflicht» folgt diesem Trend.
Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) hat sie im Januar 2012 eingereicht. Aber bisher scheiterten alle armeekritischen
GSoA-Initiativen an der Urne.
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Oberst Drexel, der Berufsoffizier, ist ein entschiedener Verfechter
des Milizprinzips. «Nur dank dieser Durchmischung kommen wir
in 21 Wochen mit unseren Leuten so weit», sagt er. «Es gibt Armeen,
die rekrutieren ihre Soldaten in den Gefängnissen – und entsprechend sind die auch aufgestellt.» «Allgemein» ist die Wehrpflicht in
der Schweiz allerdings schon heute nur noch auf dem Papier. Seit
dem Ende des Kalten Krieges wurde der Mannschaftsbestand der
Armee von über 600 000 auf 400 000 und dann auf knapp 200 000
reduziert, davon leisten 120 000 aktiv Dienst, 80 000 bilden die Reserve. Weniger als fünf Prozent der Aktiven sind vollberuflich beim
Militär.
Hauptadjutant Reichmuth gehört zu den fünf Prozent; er ist seit
24 Jahren Instruktor. Wie schon bei der Nachtübung Sunrise vor
zwei Tagen hat er sich im Filmsaal der Kaserne eingerichtet. Diesmal
braucht er kein Papier, alle Computer laufen. «Einfach ein Kreuzchen hinter die richtige Antwort», ruft er in die Sitzreihen. «Nicht
schwatzen, sonst gibt’s null Punkte.» «Sie, es geht nicht», gibt einer
prompt zurück. Reichmuth seufzt. «Das Problem sitzt meistens vor
der Tastatur.» Eine Aufgabe lautet: Welches ist der sicherheitspolitische Grundsatz der Schweiz? Antworten: a) Sicherheit durch
Koordination; b) Sicherheit durch Kooperation; c) Sicherheit durch
Neutralität. Eine andere: Welches sind aktuelle Bedrohungen und
Gefahren für die Schweiz? Antworten: a) Rassismus; b) Kommunismus; c) Terrorismus. Richtig ist auch hier Antwort c. Laut Artikel
58 der Bundesverfassung hat die Armee drei Aufgaben: «Sie dient
der Kriegsverhinderung und trägt bei zur Erhaltung des Friedens;
sie verteidigt das Land und seine Bevölkerung. Sie unterstützt die
zivilen Behörden bei der Abwehr schwerwiegender Bedrohungen
der inneren Sicherheit und bei der Bewältigung ausserordentlicher
Lagen.» Die klaren Fronten von früher, als der mit roten Pfeilen
symbolisierte Feind von Osten her unser Land bedrohte, gibt es
nicht mehr. «Darum», sagt Hauptmann Hofmann, «ist die Zwangsmittelausbildung im nonletalen Bereich so wichtig.» Beim AGAFinale müssen die Rekruten zeigen, dass sie Verdächtige anhalten,
kontrollieren und festnehmen können; das ist realistischer als der
Kampf an der Front.
In der Ebene am Fuss des Waffenplatzes stehen die künstlichen
Ruinen für den Häuserkampf. Heute dienen sie als Posten für die Sanitätsübungen. «Druckverband habe ich noch nie gemacht, Mann»,
klagt einer. «Dann hast du schon verloren, Mann», sagt sein Kollege. Auch Rekrut Gassmann hat seine liebe Mühe, Iselis Bein zu
verarzten. Der Hobbyschwinger geht zu hastig ans Werk, der zarte
Gazeverband verheddert sich in seinen Pranken und fällt zu Boden.
Gassmann weiss: «Ich hab’s versaut.» Iseli verblutet, Gassmann ist
durchgefallen. Ein Obergefreiter mit schwarzer Ray-Ban-Brille lehnt
cool an der Wand und macht sich Notizen. Gassmann muss morgen
noch mal ran, wenn Iseli mit seinem blauen Fiat Punto Evo Sport
mit schwarzer Motorhaube – «184 PS, mega Felgen» – längst durch
Zürich kurvt.
Bis zum Schiessen aus hundert Metern Distanz ist Rekrut Sanchez noch gut im Rennen. Er hat den gestrigen Tag, den Tag nach
der Nachtübung Sunrise, einigermassen überstanden. «Ich habe
mich einfach nie hingesetzt, sonst wäre ich gleich eingeschlafen.»
Auch das Essen löffelte er stehend aus der Gamelle. Jetzt kniet er
und zielt auf die Scheibe in hundert Metern Entfernung. Wird sie
getroffen, kippt sie seitlich weg. Aber mit Sanchez’ Konzentration ist
es vorbei. Er schiesst und schiesst, und die Scheibe bleibt hartnäckig
stehen. Morgen, beim zweiten Versuch, wird es klappen. Er gehört
nicht zu den 29 Rekruten der 2. Kompanie, die schon am nächsten
Morgen nach Hause können.
Sportabzeichen – Ehrgeiz muss sein (W 7)
Rekrut Sanchez: Will weitermachen.
In der Turnhalle riecht es nach Schweiss. Der Eishockeyprofi Roos
springt aus dem Stand 2,65 Meter und erhält von Zugführer Giovanoli ein anerkennendes «Hervorragend» – die Rekruten kämpfen um das Sportabzeichen. Der Schwinger Gassmann hat einen
verspannten Rücken und muss einen Medizinball werfen. Sechs
Meter, immerhin. Iseli schmeisst seine Turnschuhe in die Ecke und
stellt sich mit nackten Füssen vor die Kletterstange. Zentimeter um
Zentimeter zieht er sich hoch. Beim Einrücken wog er 85 Kilo. Als
er sich letztes Wochenende zu Hause auf die Waage stellte, hatte er
sechs Kilo abgenommen, obwohl ihm seine vielen Freunde ständig Fresspäckli in die RS schicken. Gruppenführer Zumbach treibt
die Rekruten gnadenlos die Stange hoch. «Der ist genauso eine
Kampfsau wie ich», würdigt Iseli den Obergefreiten. Zumbach war
beeindruckt, als sein Oberstufenlehrer für Tina Turner Personenschutz machen konnte und später eine Kampfsportschule eröffnete.
Zumbach begann mit Jiu-Jitsu, Kickboxen und Thaiboxen. Er sei
der Typ, der sich mit sauberer Uniform lustvoll in den Dreck werfe,
weiss Iseli.
Fünf Disziplinen sind für das Sportabzeichen zu absolvieren, die
maximale Punktzahl ist 125. Das Abzeichen, ein kleines rechteckiges Stückchen Stoff, das sich an der Uniform befestigen lässt, wird
ab 80 Punkten vergeben. So ein Abzeichen ist eine geile Sache, da
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Obergefreiter Sherifi: «Das Gewehr ist Ihre Freundin. Seien Sie gut zu ihr!»
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sind sich die Obergefreiten einig. Für Roos ist es eine Selbstverständlichkeit. Er hat das Sportgymnasium in Davos absolviert, heute
ist er Stürmer beim HC Thurgau. Ballwurf, Stangenklettern, alles
kein Problem, und beim 12-Minuten-Lauf lässt Roos rotgesichtige
Kollegen in rutschenden Trainerhosen stehen und läuft leichtfüssig
dem Abzeichen entgegen.
Das Sportabzeichen ziert auch die Brust des Kommandanten. Natürlich habe auch er sich immer angestrengt, sagt Oberst Drexel, «Ehrgeiz muss sein». Der Kommandant ist eine Frohnatur, aber heute ist
er schlecht gelaunt, wegen dieser Sache im «Blick». Gereizt spricht
er am Telefon mit einem Anrufer aus Bern. Nein, er wisse nicht,
woher dieser Panzer komme, sagt er. «Jedenfalls nicht von uns!»
Der «Blick» zeigt im Bild den Unternehmer Hausi Leutenegger mit
seinem Bruder Hugo. Hugo feiert seinen Geburtstag mit Rotwein
und Cervelas – und einem Radschützenpanzer in seinem Garten.
«Jeden Tag was Neues», sagt Drexel genervt und schiebt versöhnlich
hinterher: «Das macht meinen Job so interessant.»
Heute trifft er sich noch mit Vertretern der Umweltkommission.
Nachdem die Volksinitiative «40 Waffenplätze sind genug» 1993
abgelehnt worden war, wurde der 2,4 Quadratkilometer grosse Waffenplatz Neuchlen, den sie verhindern wollte, 1997 fertiggestellt. Dabei bemühte man sich, Anliegen der Naturschützer aufzunehmen
(Feuchtbiotope, Magerwiesen, Naturhecken), und zweimal jährlich,
so will es eine Vereinbarung, sitzen Umweltschützer und Militär zusammen. «Heute geht es um irgendwelche Mölche», brummt Drexel
und stapft über den Kasernenplatz davon.
Zugsaussprache – so geht es doch nicht! (W 7)
«Zug Bivio daher! Seckle, go!» Zugführer Giovanoli hetzt seine Rekruten vor dem Wochenende ein letztes Mal über die Wiese. Dann
dürfen sie die Waffe und den Helm ablegen, in einem Kreis im Gras
hocken, Rekrut neben Oberwachtmeister, Oberwachtmeister neben
Obergefreitem. Aber das Du wird den Rekruten nicht angeboten.
Wer will, darf rauchen – allerdings nur Zigaretten, wie Giovanoli
betont.
Jeden Freitag, bevor die Rekruten ins Wochenende entlassen
werden, gibt es eine Zugsaussprache, bei der die Rekruten vorbringen können, was ihnen gefällt und was nicht. Ohne formelles Anmelden, frisch von der Leber weg. Als erster ergreift Rekrut Egger
das Wort. Er finde es gut, dass man endlich ein bisschen mehr Verantwortung tragen dürfe. «Man traut uns zu, dass wir das Gewehr
richtig putzen. Man schaut uns nicht mehr ständig auf die Finger.»
Für Egger, von Beruf Metzger – Fleischfachmann, wie er sagt –, ist
das Militär schlicht «Bürgerpflicht». Er hätte durchaus das Zeug
zum Unteroffizier oder gar Offizier, sagen seine Vorgesetzten. Doch
man wolle ihn nicht zwingen, schliesslich engagiere er sich bereits
für das Gemeinwesen. Egger ist im Vorstand der Jungen SVP und
wurde – noch keine zwanzig Jahre alt – am Wochenende vor Beginn
der Rekrutenschule ins St.Galler Kantonsparlament gewählt. Einen
Namen machte sich der junge Rheintaler mit seinen markigen Worten gegen Jugendgewalt und Sozialhilfebetrug.
Auch in der RS, sagt Egger, gebe es zu viele Simulanten: «Mich
stört, dass solche, die laut genug klagen, aufs Krankenzimmer dürfen, während andere, die wirklich etwas haben, keinen Dispens
bekommen.» – «Hallo, meinst du etwa mich?» ruft einer aus dem
Hintergrund. «Natürlich gibt es solche, die sich schneller für einen
Dispens melden als andere», räumt Oberwachtmeister Giovanoli
ein. Aber Schmerz sei nun einmal eine subjektive Empfindung. Und
er erzählt seine Lieblingsanekdote: «Beim 100-Kilometer-Marsch in
der Offiziersschule waren meine Knie geschwollen, und die Füsse
sahen aus wie geschreddert, die ganze Haut war in Fetzen. Trotzdem
bin ich weitergelaufen, bis zum Ende.»
Man würde es dem bleichen, hochaufgeschossenen Giovanoli nicht
auf den ersten Blick zutrauen. Er ist kein Kraftprotz. Trotzdem
strahlt er mit seiner ruhigen Art eine natürliche Autorität aus. «Ich
habe ja selber die Rekrutenschule gemacht», fährt er fort. «Mein
Ziel ist es, dass ihr eine bessere RS habt, als ich sie hatte. Das Militär
soll auch Spass machen, und jeder sollte etwas mitnehmen.» Rekrut
Gassmann macht es keinen Spass. Ihn stört vor allem, dass man als
Rekrut derart den Launen der Vorgesetzten ausgesetzt sei. Einmal
nehme man es eher locker, dann sei man wieder total pingelig. «Das
ist nun einmal unser Führungsstil», entgegnet Giovanoli. «Wenn es
gut läuft, können wir mehr Freiheiten gewähren, wenn nicht, ziehen
wir die Schraube an. Das ist wie bei einem Hund, da lässt man die
Leine auch mal lockerer.»
Zu locker für den Geschmack des Obergefreiten Ramadani. Er ist
empört darüber, dass sich diese Woche gleich zweimal jemand einen
Spass daraus gemacht hat, die ordnungsgemäss vor dem Schlafsaal
deponierten Sturmgewehre zu entsichern. Dass die Gewehre natürlich nicht geladen waren, spielt keine Rolle. «Das ist völlig daneben!
Ein absolutes No-go! So etwas muss sofort den Vorgesetzten gemeldet werden!» Als Oberst Drexel am ersten Tag den Rekruten sagte:
«An dieser Waffe werden wir Sie drillen», meinte er damit auch
den vorsichtigen Umgang mit dem Gewehr. Ein Rekrut, der bei der
Entladekontrolle nach dem Schiessen noch eine Patrone im Gewehr
hat, kann sicher sein, dass er abends zur Strafe einsame Runden um
den Kasernenplatz drehen wird.
Überhaupt findet Ramadani, dass der Zug nicht mehr so zusammenhalte wie zu Beginn der RS. Das äussere sich auch im zunehmend aggressiven Ton untereinander. «Ständig hört man ‹Scheisse›
und ‹Wichser›. So geht es doch nicht!» Kollege Guci pflichtet ihm
bei: «Wir dürfen nicht nachlassen, wir müssen weiterhin 200 Prozent
Einsatz zeigen.» Das Schlusswort hat Oberwachtmeister Giovanoli.
«Alles in allem», stellt er fest, «sind wir der beste Zug.» Das zeigten
auch die Ergebnisse bei der Übung Sunrise und beim AGA-Finale.
«Es wurde zwar keiner von uns Erster oder Zweiter. Aber in der
Breite waren wir die Besten.» Leider gebe es auch Enttäuschungen,
zum Beispiel die Zugschule gestern. «Die war Scheisse.»
Dann schickt Giovanoli die Rekruten zur Entladekontrolle. Ein
letztes «Daher!» und noch eine Serie Liegestütze. Zumbach pumpt
unermüdlich und treibt die Männer an. Statt zu zählen, brüllt er
beim Auf und Ab: «Wil s Frytig isch, wil s Frytig isch.» Bald skandieren alle: «Wil s Frytig isch, wil s Frytig isch, wil s Frytig isch.»
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Im Schützenpanzer: Die Infanterie bietet über zwanzig Spezialausbildungen an.
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In der rS
Generation eGo-Shooter
Im Ausgang bleiben sie unter sich – in der Militärküche schmoren am
Morgen 110 Kilo Kalbshaxen – bei einem Unfall verletzen sich
25 Rekruten – in der Kirche werden die Obergefreiten zu Wachtmeistern.
Häuserkampf: «Wenn s chlöpft, isch s guet!»
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In der rS
In der Kaserne – von der Wache in den Arrest (W 8)
Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, einer von vielen, an denen die Zeit
in der Kaserne zu stocken scheint. Die RS geht in ihre achte Woche,
die Grundausbildung haben die Rekruten hinter sich. Heute haben
sie sich mit ihren Vorgesetzten über das 2,4 Quadratkilometer gros­
se Areal des Waffenplatzes verteilt, sie feuern auf dem Schiessplatz
Breitfeld auf Zielscheiben, sie stürmen die Betonhäuser der Orts­
kampfanlage, sie kriechen irgendwo durchs Unterholz oder stecken
in einer Sonderausbildung: am leichten Maschinengewehr (LMG)
oder an der Panzerfaust, als Minenwerferkanonier oder Panzerfah­
rer. Die Infanterie, die grösste Truppengattung der Armee, ist stolz
darauf, ihren Soldaten über zwanzig Spezialisierungsmöglichkeiten
zu bieten.
In Neuchlen treibt der Wind ein paar Blätter über den Exerzier­
platz, sonst regt sich nichts: eine ganze Kaserne wie ausgestorben.
Nur im Wachlokal sitzt der Obergefreite Pfenninger, grossgewach­
sen, rothaarig, sommersprossig, und bedient den Schlagbaum. Am
Wochenende ist der Wachdienst der meistgehasste Job der Kaserne,
doch jetzt, unter der Woche, ist es hier recht gemütlich. Personen
identifizieren, Fahrzeuge kontrollieren, viel mehr gibt es tagsüber
nicht zu tun. Aber weil im Militär ein Mann kein Mann ist, schiebt
nicht nur der Obergefreite Pfenninger Wache. Ihm unterstellt sind
ein Stellvertreter und fünf Rekruten. Man arbeitet im Schichtdienst,
in der Nacht im Zwei­Stunden­Takt: Zwei Mann sind auf Posten.
Zwei Mann sind auf Pikett, was heisst, dass sie innert zweier Minu­
ten einsatzfähig sein müssen und deshalb in Schuhen auf den Prit­
schen im Nebenzimmer ruhen. Zwei können schlafen, ungestörte
zwei Stunden am Stück.
Pfenninger führt ins Obergeschoss des Wachlokals zu den sechs
Arrestzellen. Im Moment ist keine belegt. Bis zu 10 Tage kann der
Arrest dauern, er ist die schwerste Strafe in der Disziplinarstraford­
nung, die angewendet wird, wenn ein Soldat Vorschriften, Befehle
oder die militärische Ordnung missachtet. Bevor ein Rekrut oder
Soldat in der Zelle landet, könnte ihm der Kommandant auch einen
Verweis erteilen, eine Ausgangssperre oder eine Busse aufbrummen
– je nach Vergehen und nach Ermessen des Kommandanten. Kürz­
lich war ein Rekrut arrestiert, der sich geweigert hatte, einen Befehl
auszuführen. Und in der letzten RS gab es einen, der während des
Wachdiensts am Wochenende seine Freundin einschmuggelte.
Dem Arrestanten steht ab dem zweiten Tag eine Stunde über­
wachter Hofgang zu, Besuche sind in der Regel nicht erlaubt, ein­
ziger Kontakt zur Aussenwelt sind Briefe. Ausserdem gibt’s eine
Zeitung täglich, dazu die Bibel, den Koran, das Dienstreglement.
Zuerst schläft jeder Arrestant, die Langeweile wird erst ab dem zwei­
ten oder dritten Tag zur Qual, wenn die Müdigkeit verflogen ist.
Einer hat die Backsteine gezählt, die seine Zelle bilden, es sind 559,
ein anderer hat das Parkettmuster des Bodens abgezeichnet. Der
Obergefreite Pfenninger führt den Schalter vor, mit dem man das
Licht in der Zelle von aussen ein­ und ausschalten kann – noch weiss
er nicht, dass er in wenigen Wochen selber in der Dunkelheit des
Arrests sitzen wird. Wegen zu grosser Hilfsbereitschaft: Er wird einer
Zivilistin, die sich verfahren hat, den Schlagbaum öffnen, damit sie
auf dem Kasernenareal wenden kann – das ist verboten.
Im Hauptgebäude hängt der Geruch von grosszügig versprühtem
Deo, er weist den Weg ins Wartezimmer des Truppenarztes. Ein­
fach so bekommt man hier keinen Termin, wer sich krank fühlt,
muss sich über seinen Vorgesetzten und das Kompaniebüro an­
melden. Und dann gibt es noch eine Regel: Behandelt werden nur
propere Wehrmänner. Das sieht man auf einem Blatt Papier, das
im Wartezimmer an der Wand hängt: einen Soldaten, der auf einer
Bank herumlümmelt und doppelt durchgestrichen ist, und einen
Soldaten, der mit bolzengeradem Rücken der Behandlung harrt
und nicht durchgestrichen ist. Genau wie er sitzen vier Rekruten
in Ausgangsuniform auf ihren Stühlen und warten geduldig, bis sie
dem Truppenarzt erklären dürfen, wo es wehtut.
Oberleutnant Müggler, im Zivilleben Assistenzarzt in einem
Spital, absolviert seinen WK als Truppenarzt. Er weiss, welches
Übel in jeder Rekrutenschule gefürchtet ist: Grippewellen, vor al­
lem die Magen­Darm­Grippen. Bisher blieb die Kaserne Neuchlen
verschont, die Rekruten schleppen sich mit offenen Blasen an den
Füssen in die Krankenabteilung, mit Rückenschmerzen oder Knie­
problemen. Besonders viel gibt es natürlich nach langen Märschen
zu tun, aber das Wartezimmer füllt sich auch vor den Märschen
oder bei besonders schlechtem Wetter. Dann kommen die Rekru­
ten, die hoffen, dass der Truppenarzt auf ihrer Dispenskarte hinter
möglichst viele Kästchen (Sport/Lauf, Hindernisbahn, Zugschule,
Kampfstiefel, Märsche) ein Kreuzchen setzt. Und das für möglichst
viele Tage. Nur für das Gefechtsschiessen, sagt der Truppenarzt, füh­
le sich kaum einer je zu krank.
In der Kasernenpost sitzt ein Soldat in seinem Stuhl wie eine Katze,
irgendwo zwischen Wachen und Schlaf. Am Nachmittag passiert
hier nur selten etwas. Am Morgen allerdings muss die Postordon­
nanz jeweils etwa vierzig Pakete sortieren. Es sind die Fresspäckli, die
besorgte Mütter und liebende Freundinnen nach Gossau schicken.
Aber nicht alle Rekruten werden gleichermassen beschert. Es gibt
solche, die beinahe täglich ein Paket bekommen und an manchen
Tagen zwei, und es gibt solche, die noch gar keines erhalten haben.
Und dann gibt es noch jenen jungen Mann, der über eine Trennung
von der Freundin nachdenkt, damit aber wohl bis zum Ende der RS
warten wird, weil sie so verlässlich Päckli schickt.
Bei der Kasernenpost können die Rekruten nicht nur Briefe
abgeben und Geld abheben, sondern auch Memorabilien kaufen:
Postkarten mit Militärwitzen drauf, Infanterie­Kleber fürs Auto,
Infanterie­Feuerzeuge und den Infanterie­Aufnäher, tannengrün,
mit Adler, Panzer, zwei gekreuzten Gewehren.
In einem Büro im Kommandotrakt steht Hauptmann Hofmann vor
einem Gestell voller Ordner, in der Hand eine Liste. Darauf sieht
man, wie gut seine Rekruten bei der Übung Sunrise abgeschnitten
haben: «Zehnder, zwölfter von 55, Topmann. Sanchez, zwar in den
hinteren Rängen, aber der kommt gut, braucht einfach noch zu
lang. Die Empfehlung zum Offizier haben beide auf sicher.» Hof­
mann spricht von den Vorzügen einer Karriere als Berufsmilitär.
Früher hat er als Lehrer gearbeitet, jetzt schätzt er es, dass er «ohne
lange zu diskutieren auch einfach mal befehlen kann». Später fügt
er an: «Ausserdem gibt es keine Elterngespräche.»
Er wirft noch mal einen Blick auf die Liste und sagt: «Schade.»
Zehnder fehlte beim Schiessen nur ein Punkt, um ein Abzeichen
zu bekommen. Hofmann selbst haften sie reihenweise an der Brust.
In der obersten Abzeicheneinschubleiste trägt er das Abzeichen für
550 Diensttage, «mittlerweile habe ich aber bereits etwa 600 beisam­
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men». Weiter unten das Abzeichen «Sturmgewehr 2», «das heisst,
dass ich mindestens zweimal hervorragend geschossen habe». Daneben: «Pistole 1». Ausserdem, Ehrensache: «Kameradenhilfe/ABCAbwehr». Weil Hofmann während der Fussball-Europameisterschaft
2008 im Einsatz war, prangt auch das Abzeichen «Inlandeinsatz»
an der Brust seiner Ausgangsuniform. Es hat noch Platz, Hofmann
rechnet damit, dass er spätestens 2015 für eine Weiterbildung nach
Fort Benning reisen kann, ins US Army Infantry Center, und nach
seiner Rückkehr das Abzeichen «Auslandeinsatz» bekommt. Und
gäbe es das Abzeichen «Hilfsbereitschaft gegenüber Journalisten»,
Hofmann hätte es hoch verdient.
Im Ausgang – Gipsköpfe und Gagel (W 8)
Schon nach wenigen Wochen sind die Rekruten sich selbst genug,
sogar im Ausgang. Um 18 Uhr 45 steigen sie an diesem Mittwoch im
Mai in den Bus, der sie von der Kaserne nach Gossau bringt, gehen
eilig in kleinen Gruppen essen, Pizza oder Schnipo, um sich dann
wieder zu treffen, im «BBC» beim Bahnhof. Das Lokal, früher ein
Güterschuppen, erstreckt sich über mehrere Räume, und die jungen Gossauerinnen haben sich an diesem Dienstag schön gemacht,
Glitzer aufgetragen, Stöckelschuhe angezogen – doch ins Gespräch
kommt man nur selten.
Denn die Rekruten, ans enge Miteinander gewöhnt, stehen lieber
dicht an dicht, manchmal umarmen sie sich auch. In den Sätzen,
die sie sich durch die Hitparade zuschreien, geht es um Gipsköpfe
(Panzerfäuste), LMG (Leichtmaschinengewehre) und Gagel (einzelne Patronen). Wie immer gibt es die Wortführer und die Zuhörer,
und mit jedem Schluck – 4 Franken 90 die Stange Bier, 29 Franken
der Liter Wodka Red Bull – werden die Lauten lauter und die Stillen stiller.
Rekrut Brasch, der grossgewachsene Maurer, ist gerade voll motiviert, weil er in zwei Tagen zum ersten Mal eine Panzerfaust abfeuern darf; Rekrut Zehnder, der unfreiwillige Offiziersanwärter, hatte
letzte Woche zwar «eine Riesenkrise», die aber wie durch Zauberhand wieder abgeklungen ist; der Obergefreite Ramadani berichtet,
dass er am Wochenende nach Kosovo fliege, um das Aufgebot zu
bestellen, 300 Leute werde er zu seiner Hochzeit einladen, dann
spricht auch er wieder über das Militär. Ramadani steht mit ein
paar Obergefreiten an einem Tischchen, daneben schweigt eine
junge, hübsche Frau. Sie ist die Freundin des einen, hat sich nach
der Arbeit ins Auto gesetzt, ist eine Stunde von Zürich nach Gossau
gefahren, um einen Abend lang bei ihrem Liebsten zu sein. Doch
der fachsimpelt mit seinen Kollegen, und ab und zu patrouilliert er
ein wenig durchs Lokal und hält ein Auge auf die Rekruten.
Rekrut Schoch, Gel im Haar, feines Lächeln, steht allein vor einem
der vielen Flachbildschirme und sieht sich ein Fussballspiel an.
Während aus den Lautsprechern die Bässe dröhnen, erzählt Schoch,
wie es dazu kam, dass er seinen Dienst ohne Waffe versieht. Auch er
hat am vierten Tag sein Sturmgewehr 90 erhalten, eins von 450 000
Gewehren dieser Art, die bisher an die Schweizer Armee geliefert
wurden. Als er einrückte, dachte er nicht an waffenlosen Dienst.
Bei der ersten Schiessübung habe er jedoch einen Widerwillen verspürt. «Ich konnte einfach nicht abdrücken. Mein Zeigefinger war
wie gelähmt.» Das rührt wahrscheinlich daher, dass es in seinem
Umfeld kürzlich einen Todesfall gab: Selbstmord mit der Ordon-
nanzwaffe. Schoch legte das Gewehr nieder. Ein Obergefreiter habe
ihn beobachtet und beiseite genommen. Nachdem Schoch erzählt
hatte, warum er nicht schiessen könne, und nachdem er die üblichen bürokratischen Pflichten hinter sich gebracht hatte, konnte
er das Gewehr abgeben.
Schoch hat ein zweischneidiges Verhältnis zum Schiessen. Er
sieht sich, «wie fast alle andern», als Teil der «Generation Battlefield».
«Battlefield» ist ein Computerspiel, ein Ego-Shooter, ein Ballerspiel.
Je nach Version kämpft man sich durch Stalingrad und schiesst auf
Deutsche oder Russen, mal als Scharfschütze, mal mit der Panzerfaust. In Neuauflagen nimmt man an Kriegen der Zukunft teil oder
sieht, was geschehen wäre, wäre der Kalte Krieg heiss geworden.
Lob bekam das Spiel, weil man nicht nur Feinde umbringen, sondern auch die Infrastruktur verwüsten kann. Wer will, tobt sich als
Sprengmeister aus und jagt nach einem grauen Tag im Grossraumbüro das eine oder andere Haus in die Luft. «Battlefield» wurde bis
im Sommer 2012 fünfzig Millionen Mal verkauft; achtzig Millionen
Soldaten haben laut Schätzungen im echten Zweiten Weltkrieg
gekämpft.
Man könnte die Augenringe der Rekruten als Orden sehen, als
Abzeichen der «Generation Battlefield». Oft sitzen sie bis tief in
die Nacht hinter ihren Notebooks, tauchen die Schlafsäle in fahles
Licht, landen miteinander in der Normandie, feuern zusammen
auf Berlin, bevor die Müdigkeit sie übermannt. Schoch sagt, er sei
selber angefixt gewesen von diesem Spiel, vom Kitzel, der darin
bestehe, dass sich Dutzende von Spielern gleichzeitig einloggen
und zusammen in den Krieg ziehen und kämpfen können. Doch
Rekrut Schoch hält es für bedenklich, dass in der Rekrutenschule
selten über die Bedeutung der Waffe gesprochen werde, dass sich
niemand vor Augen halte, worum es eigentlich gehe: «Zu lernen,
wie man Leute tötet.»
Dass die Rekruten schiessen lernen, um töten zu können, wird in
der Ausbildung nicht besonders betont. Die Schweizer Armee bildet
nicht Soldaten aus, für die ein Kampfeinsatz absehbar ist. Hubert
Annen, Dozent für Militärpsychologie und Militärpädagogik an der
ETH Zürich, hat bei seinen früheren RS-Einsätzen als Integrationsberater Rekruten wie Schoch betreut, die nicht schiessen konnten,
weil sie in der Zielscheibe einen Menschen sahen. Die meisten,
sagt Annen, schafften es dann doch. In der Infanterie ist ihm das
Problem selten begegnet. Das Schiessen ist für die Infanteristen in
der Regel eine sportliche Herausforderung. «Wenn s chlöpft, isch s
guet!» habe ihm einmal ein Infanterierekrut gesagt – Action ist für
die «Generation Battlefield» die Hauptsache.
Um viertel vor elf nehmen die Männer in Uniform den letzten
Schluck, dann spurten sie aus dem Lokal, als habe jemand «Daher!»
gerufen. Gleich fährt der Bus vor dem Bahnhof Gossau ab, um 23
Uhr müssen sie in der Kaserne sein, die Vorgesetzten eine Stunde
später. Wirklich spät werde es dafür zu Hause, am Wochenende,
hatten die Rekruten gerade noch erzählt und vom letzten wilden
Ausgang in Zürich, St.Gallen oder Buchs berichtet. Am Samstagmorgen um acht Uhr waren sie abgetreten, am Samstagabend hatten sie sich schon wieder getroffen. Das ist nicht ungewöhnlich:
Manche Rekruten verabreden sich auch im Urlaub am Wochenende für den Ausgang. Man könne, formuliert es einer, mit den
anderen Kollegen eben fast nicht mehr reden. Sie verstünden einen
einfach nicht.
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Obergefreiter Collorafi: Einer der fünf Gruppenführer des «Balkanzugs» Bivio.
Destination «BBC»: Einmal pro Woche dürfen sie in den langen Ausgang.
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Rekrut Egger und Kameraden in der Gefechtspause.
Duro-Unfall – 25 Verletzte, ein Totalschaden (W 8)
Sonntag, 6.Mai, 19 Uhr 14. Ein Krachen. Der Lastwagen kippt. Dun­
kelheit. Rekrut Roos reisst seine Arme schützend über den Kopf. Er
spürt die Last der Kollegen, die auf seinen Körper fallen wie schwere
Bretter. Das Fahrzeug schleift über den Asphalt und kommt kurz vor
einem Stapel grober Holzstämme zum Stehen. Schreie, Gewimmer.
Jemand ruft «Ruhe!» ins Chaos, das hilft, es wird still. Roos kriecht
aus dem Fahrzeug. Es ist auseinandergebrochen. In der Abenddäm­
merung füllt sich die Wiese nach und nach mit Verletzten.
Seit vier Uhr ist Roos auf den Beinen. Um sieben stand er mit 46
Kameraden in Glarus auf dem Landsgemeindeplatz für Bundesrat
Didier Burkhalter Spalier. Die Alten strahlten, wie flott die Rekruten
in ihren Uniformen aussahen. Roos sagt, im Grunde seien sie nur
dumm herumgestanden. Und so freuten er und seine Kollegen sich
auf den Ausgang nach dem verschenkten Sonntag. Ein paar Bier
wären schön, dazu ein Hamburger.
Auf dem Kasernenareal in Neuchlen stehen zwei Duros für die
Fahrt nach Gossau bereit. Seit Mitte der neunziger Jahre dient der
hohe und schmale Lastwagen als Truppentransporter. 150 PS, maxi­
mal 110 km/h. Die Fahrer für die zwei Duros melden sich freiwillig.
Noch haben sie ihre Prüfung nicht abgelegt, die erfolgt erst nach
sechs Wochen intensiven Fahrtrainings. Die Rekruten quetschen
sich in die Fahrzeuge. Erlaubt sind pro Wagen 20 Personen, 2 vorne,
18 hinten. 26 junge Männer sind es im Duro, in den sich auch Roos
hievt. Auf der Ladebrücke sitzen die Soldaten auf Seitenbänken.
Sicherheitsgurte gibt es nicht. Roos sitzt auf der rechten Seite. Er hat
Glück und muss sich nicht im Mittelgang zusammenkauern oder
auf dem Schoss eines Kollegen. Zehn Minuten dauert die Fahrt hin­
unter nach Gossau. Ein leichter Regen nässt die Fahrbahn. Hinten
gehen die Rekruten johlend mit den Kurven mit. Nach wenigen
Minuten dann der Unfall.
Ein schweres Delikt, wird die Militärpolizei später befinden. Man
sei knapp einer Katastrophe entkommen, kommentiert Hauptmann
Hofmann. Oberst Drexel meint dazu: «Pro Rekrutenschule werden
400 000 Kilometer mit 60 Schützenpanzern und 200 Kleinfahrzeu­
gen gefahren. So gesehen kommt selten etwas vor.» Meist sind es
Bagatellsachen wie Parkschäden. Verkehrsunfälle mit Toten wie vor
drei Jahren in Bure und Winterthur gab es in der Infanterie­RS 11
zum Glück noch nie.
Der Eishockeyprofi Roos, der durch seinen Sport Blut und blaue Fle­
cken gewohnt ist, nennt, was er gesehen hat, «extrem». Wer konnte,
kroch aus dem Fahrzeug. Andere wurden von den Kollegen ins Freie
gezerrt. Auf der Wiese sassen die Rekruten mit Schulterbrüchen,
Platzwunden, Schnittwunden, Prellungen. «Einem», erzählt Roos,
«spritzte Blut aus dem Kopf.»
Um 19 Uhr 27 löst ein am Unfallort vorbeifahrender Berufs­
militär den Rettungseinsatz aus. Militärpolizei und Vorgesetzte
werden informiert. Minuten später landet ein Helikopter der Rega.
Fünf Ambulanzen, vier Fahrzeuge der Militärpolizei und sechs
zivile Polizeifahrzeuge fahren vor. Über sechzig Personen wuseln
herum, leisten erste Hilfe, befragen Zeugen, rekonstruieren den
Unfallhergang ein erstes Mal. Genaueres erhofft man sich von der
Auswertung des Restwegaufzeichnungsgeräts, einer Art Black Box,
die sich in jedem Duro befindet. Wie schnell fuhr das Fahrzeug? Hat
der Fahrer gebremst? Das wird die Auswertung im Schadenzentrum
des VBS zeigen.
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Beim verstörten Fahrer des Unfallwagens werden ein Alkoholund ein Drogentest gemacht. Beide sind negativ. Über eine Stunde
dauert das Verhör mit dem Fahrer. Die RS muss er weitermachen,
gleichzeitig wird von Schulkommandant Drexel eine Voruntersuchung angeordnet. Gegen den Fahrer wird ein Strafverfahren eröffnet. Beschuldigt sind der Fahrer und zwei Vorgesetzte. Erst im
Sommer 2013 wird das Urteil des Militärgerichts erwartet.
Notfallärzte und Polizei führen die Liste der Verletzten. 25 von
26 haben etwas abbekommen, meist leichte Blessuren. 16 werden
in die umliegenden Spitäler verteilt. 2 werden die Rekrutenschule abbrechen müssen. Ein Care-Team wird aufgeboten, die Eltern
der Rekruten werden informiert. Roos schickte seiner Mutter eine
SMS, es gehe ihm gut. Er wird anderntags beim 5-Kilometer-Marsch
dabei sein.
In der Küche – ohne Mampf kein Kampf (W 10)
Der Obergefreite Herb, einer der beiden Küchenchefs in der Kaserne Neuchlen, kennt mittlerweile die Vorlieben seiner Truppe: Fisch
wird nur gegessen, wenn er paniert ist, Gemüse ist generell unbeliebt, und Linsen sind für die meisten Wehrmänner «ein Saufrass».
Manche würden am liebsten jeden Tag Kebab essen, sagt Herb, oder
Pizza oder Hamburger. Als Küchenchef habe er aber den Auftrag,
für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Verpflegung zu sorgen. So stehe es im Reglement.
In der Küche gilt Reglement 60.006 d, das 340 Seiten starke Militärkochbuch. Das 2009 neu aufgelegte Standardwerk versammelt
alle Rezepte, nach denen in den Schweizer Armeeküchen gekocht
wird. Wie eh und je enthält es traditionelle Schweizer Gerichte wie
Rekrut Roos: Träger des Sportabzeichens.
Älplermagronen, Walliser Rösti, Suppe mit Spatz. Hinzugekommen
sind im Lauf der Zeit Lasagne, Nasigoreng, Ragoût mexikanische
Art. Die Militärküche solle nicht nur jeden Soldaten täglich mit
mindestens 3500 Kalorien versorgen, heisst es im Kochbuch, sondern auch die Moral der Truppe stärken. Oder wie es ein Küchengehilfe ausdrückt: «Ohne Mampf kein Kampf.»
In Neuchlen werden mittags und abends über 550 Mahlzeiten zubereitet; neben den hier stationierten Wehrmännern wird auch die
5.Kompanie in Bronschhofen versorgt. Meistens gibt es ein fixes
Menu; wird Schweinefleisch serviert, ist für die Wehrmänner muslimischen Glaubens eine Alternative, meist Poulet, vorgesehen. Die
Vegetarier müssen sich mit einer Extraportion Gemüse, Beilagen
oder Salat begnügen.
Seit 5 Uhr in der Früh steht Küchenchef Herb mit vier Rekruten
in der grosszügigen, weiss geplättelten Küche. Nach dem Frühstück
– Brot, Butter, Konfitüre und Milchkaffee – hat die Mannschaft mit
der Zubereitung des Mittagessens begonnen: Ossobuco alla milanese mit Hörnli und Salat. Ausnahmsweise gibt es auch ein Dessert:
Tiramisù.
Das Tagesbudget für die Verpflegung beträgt 8 Franken 50 pro
Mann. Das gilt auch für Wochenenden und Feiertage, so dass der
Küchenchef gelegentlich etwas mehr ausgeben kann. So wie heute.
Der Metzger hat 110 Kilo Kalbshaxen geliefert. Sie werden gewürzt
und auf einer heissen Eisenplatte Stück um Stück angebraten; um
9 Uhr schmoren sie bereits mit 12 Kilo Rüebli, 15 Kilo Sellerie, 12
Kilo Zwiebeln, 5 Kilo Tomatenextrakt, 10 Liter Weisswein und 50
Knoblauchzehen in Kipppfannen so gross wie Badewannen. Küchenchef Herb hat seine Lehre im «Schwanen» in Wil gemacht,
einem kleinen Stadtrestaurant. Die Quantitäten, mit denen er es im
Militär zu tun hat, sind natürlich andere. Und auch die Geräte sind
grösser – der Schwingbesen ist länger als ein Baseballschläger. Oft
muss das Essen ins Feld geliefert werden. Es wird in Wärmekisten
transportiert, ist aber trotzdem nur noch lauwarm, wenn es bei den
Wehrmännern ankommt.
Heute gibt sich Herb besonders Mühe, denn es ist hoher Besuch
angesagt: Chefadjutant Zwahlen aus Bern wird zur Inspektion
erwartet. Zwahlen ist Chef der Fachausbildung Verpflegung der
Schweizer Armee und kontrolliert die 31 Verpflegungszentren, von
denen Neuchlen eines ist. Dabei geht es um die Einhaltung von
Reglementen und Hygienevorschriften, aber auch um die Qualität:
Das beste Verpflegungszentrum der Armee wird von ihm mit der
jährlich verliehenen «Gamelle d’or» ausgezeichnet.
Punkt 10 Uhr steht der Inspektor im Eingang zur Küche. Zwahlen, ein jovialer Berner, scheint bester Laune zu sein – was vielleicht
auch daran liegt, dass dies sein letzter Besuch in der Ostschweiz ist.
Der Chefadjutant wird demnächst pensioniert. 50 000 Kilometer
habe er Jahr für Jahr mit seinem Dienstwagen zurückgelegt, erzählt
er. Der Militärküchengeruch werde ihm allerdings schon ein wenig
fehlen.
Als Zwahlen selbst in der Küche seinen Militärdienst leistete,
wurde das meiste noch selber gemacht, auch die Fleischvögel. Heute
kaufen sie die Militärköche beim Metzger ein. «Convenience hält
mehr und mehr auch in der Militärküche Einzug», sagt Zwahlen.
Kein Rekrut wird heute mehr zum Kartoffelschälen verknurrt, die
Rösti und der Gratin kommen fixfertig an. Der Salat wird gerüs-
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Das Kerngeschäft des Infanteristen ist Kämpfen. Bei jedem Wetter.
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tet und gewaschen eingekauft, das Gemüse ebenso. In der Küche
arbeiten nur noch Leute, die etwas vom Kochen verstehen. Neuerdings können die Verpflegungszentren der Schweizer Armee sogar
Lehrlinge ausbilden.
Auf seinem Rundgang inspiziert Zwahlen die Menutafel am Eingang. «Ossobucco», steht da geschrieben, Zwahlen streicht ein c
durch: «Ossobuco, so schreibt man das!» Dann schreitet er durch
die dampfende Küche zu den Vorratskammern. Bei Zimmertemperatur stapeln sich Packungen mit Fertigrösti und Säcke mit Reis
und Teigwaren, türmen sich Konservendosen. Im grossen Kühlraum
sind Salatsäcke, Gemüse und Saucen gelagert. Zwahlen kontrolliert Temperatur und Verfalldaten. Bei sofortiger Kühlung dürfen
Frischwaren noch 24 Stunden lang aufbewahrt werden. «Hygiene
ist das Wichtigste. Ein paar Salmonellen, und die ganze Kompanie
ist ausser Gefecht.» Deshalb darf das Tiramisù nicht mit frischen
Eiern zubereitet werden, sondern mit einem Pulver, das mit Milch
angerührt und mit Mascarpone vermischt wird.
In der Küche brodelt mittlerweile das Wasser für die 80 Kilo
Hörnli. Zwahlen beanstandet ein paar Teeflecken am Boden. Er
weiss genau, wo sich Schmutzreste verbergen, und kontrolliert das
Rad des Dosenöffners. Es ist schmutzig. Ebenso die Gummidichtung in der Wand hinter dem Kipper. Zwahlen macht kein grosses
Aufheben darum. Zufrieden schnuppert er in der Stahlwanne, in
der die Kalbshaxen schmoren.
Vor dem Mittagessen will er noch den Abfallcontainer auf dem
Kasernenplatz inspizieren. Was er dort sieht, gefällt ihm gar nicht:
Auf dem Boden verstreut liegen Speisereste. «Das kann ich nicht
akzeptieren», schnaubt er. Er zückt die Kamera, um die Situation
zuhanden der Akten zu dokumentieren. Doch die Laune lässt er
sich deswegen nicht verderben. «Alles in allem wird hier korrekt
gearbeitet», lautet sein Fazit. Kurz nach 11 Uhr stehen die ersten
Rekruten in der «Fassstrasse» vor der Küche. Einer wundert sich:
«Was ist denn heute los? Das ist ja ein richtiges Festmenu.»
Am Kiosk – Energy-Drink im Tarnanzug (W 10)
Nach dem Mittagessen holt sich Rekrut Parisi am Kiosk noch einen Energy-Drink. Der Kiosk ist viereinhalb Stunden am Tag geöffnet und der einzige Ort auf dem Kasernenareal, wo man sich
den einen oder anderen kleinen Wunsch erfüllen kann. Hier gibt
es Schokoladestengel, Kägifret, Ragusa, Choc Ovo, Gummibärchen,
Cola, Energy-Drinks, Schnupftabak. Die Preise sind tief, sie liegen im
Schnitt nur etwa zehn Prozent über dem Einstandspreis. Zigaretten
und Alkohol gibt es nicht.
Reissenden Absatz findet vor allem der Energy-Drink der Marke
David für 2 Franken 50. Hundert Büchsen gehen davon pro Tag weg.
Der Produzent aus dem St.Galler Rheintal hat für die Infanterie-RS
deshalb eigens eine Büchse designen lassen. Sie trägt einen Tarnanzug und ist mit dem Wappen der Infanterie-RS 11 geschmückt
sowie mit dem Slogan: «Persönlichkeit – Charakter – Stil».
20-Kilometer-Marsch – die «Balkanis» (W 11)
Bei Kilometer 10 bricht der erste ein. Der Rücken will nicht mehr.
Der Rekrut steht am Waldrand, krümmt sich, jammert. Marschieren
könne er noch, sagt er, doch den Rucksack müsse er abgeben. Weil
der voll bepackt ist, wiegt er etwa zwölf Kilo. Keiner erklärt sich
bereit, einen zweiten zu tragen. Einer ruft: «Was seid ihr denn für
Kameraden, gopfertami?» Aber auch er sieht sich ausserstande, noch
mehr zu schultern. Erst nach zwei, drei Minuten, es sind schon fast
alle Rekruten vorbeimarschiert, übernimmt einer den Rucksack für
eine Weile. Es ist ein heisser Frühlingstag, RS-Woche 11, der Himmel
ohne Wolken, die Ostschweizer Landschaft in Blüte, den Rekruten
rinnt der Schweiss in den Nacken.
«Wir beissen stärker durch als sie, wir sind motivierter», sagt der
Obergefreite Ramadani, der ganz vorn mitläuft. Mit «sie» meint er
die «Eidgenossen». «Vielleicht liegt das daran, dass wir mehr von der
Macht des Militärs wissen oder dass unsere Eltern stolz sind, wenn
ihre Söhne in der Schweizer Armee dienen.» Ramadanis zweite
Heimat, Kosovo, ist in seinem St.Galler Dialekt kaum zu hören und
doch immer präsent. Für den Obergefreiten gibt es eine Trennlinie
zwischen «wir» und «sie». Auf der einen Seite die Secondos, die
«Balkanis» vor allem, wie Ramadani sie nennt, auf der anderen Seite
die Meiers, Hubers und Müllers. Dass er als Balkani in einem hierarchischen System plötzlich mehr zu sagen hat als viele geborene
Schweizer, macht Ramadani nicht nur stolz, sondern auch dankbar.
«Wir haben eine gute Leistung geliefert, und sie haben uns vertraut»,
sagt er. Das hat er bisher nicht oft erlebt.
Die Gruppenführer des Zugs Bivio erzählen die Geschichte von
ihrem Aufstieg zu Unteroffizieren gern. Da sind die Rekruten Ramadani, Guci, Collorafi und Sherifi, die ihre RS gemeinsam in der
Kaserne Chur begonnen haben, «wo die Ausbildung extrem viel
härter ist als in Neuchlen». Sie verstehen sich gut, Ramadani und
Sherifi gingen sogar zusammen zur Schule, und sie gaben alle ihr
Bestes. Sie waren die, die sich durchkämpften und dann noch ein
paar Liegestütze extra machten. Als man ihnen eröffnete, sie seien
zum Weitermachen und Befehlen geeignet, sagten sie: Wir möchten
einen Zug gemeinsam übernehmen. So entstand der «Balkanzug»
Bivio.
Doch auch wenn sie die Herkunft eint, haben die Gruppenführer
ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Das wissen sie aus dem Kaderkurs. Der zackige Ramadani zum Beispiel ist ein deutliches D,
ebenso der Profiboxer Sherifi. Der freundliche Guci hingegen gilt
als S, der ruhige Collorafi ist G, und Zumbach gehört klar zur Gruppe I. Willkommen in der Welt nach Disgy. Disgy ist eine Comicfigur
mit getupfter Krawatte, die «gehirngerecht» durch das Buch «Das
1×1 der Persönlichkeit» führt. Der Bestseller, der bereits in der 14.
Auflage erscheint, wird jedem Kaderanwärter der Schweizer Armee
in die Hand gedrückt, auf dass er sich selbst und andere besser
verstehen lerne.
Laut dem DISG-Modell, das auf einer Typologie aus dem Jahr
1928 basiert, ist jeder Mensch entweder mehrheitlich dominant (D),
initiativ (I), stetig (S) oder gewissenhaft (G). Aus den Kombinationen der Eigenschaften ergeben sich insgesamt zwanzig Verhaltenstypen, die vom Pionier über den Perfektionisten bis zum Gralshüter
reichen, aber so weit mochte keiner der fünf Gruppenführer das
bunt bebilderte Büchlein lesen. Und so sind sie einfach D, I, S oder
G, und Ramadani sagt, ihr Zug funktioniere gerade deshalb so gut,
weil Collorafi ein bisschen ruhiger sei, Guci ein bisschen geduldiger,
Zumbach mitreissend und er und Sherifi ganz klar die strengen
Chefs.
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In der rS
Handgranatenwerfen: Ein Höhepunkt der Ausbildung.
Hände hoch! Was früher der Feind war, heisst heute Gegenseite.
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In der rS
Bei Kilometer 15 werden die Stimmen lauter. Die Rekruten marschieren auf einen Hügel, die Riemen des Rucksacks schneiden
ein, und weil es gestern geregnet hat, rutschen sie immer wieder
aus, ein paar fallen in den Dreck. «So ein verdammter Kack!» –
«Wann kommt endlich der nächste Zwipfstand?» Als Zwischenverpflegung gibt es Schokolade, Militärbiscuits, Früchte, Tee und
Schleckwaren.
Vor ein paar Wochen, erzählt der Obergefreite Ramadani, war die
Englischlehrerin, die ihn und Sherifi unterrichtet hatte, nichtsahnend in der Kaserne Neuchlen. Er habe viel Mist gebaut in seiner
Jugend, sagt Ramadani, schlimmes, dummes Zeug. Doch nun sei
er dank Freundin und Lehre und auch dank dem Militär auf dem
richtigen Weg. Jedenfalls, so erzählt er, besuchte diese Englischlehrerin mit einer Gruppe von Jugendlichen die Rekrutenschule.
Und plötzlich stehen diese beiden ehemaligen Problemschüler vor
ihr, kurzgeschoren, in Uniform – Respektspersonen. «Sie konnte es
kaum fassen.»
Bei Kilometer 17 wird das Essen serviert, es gibt Spaghetti bolognese, dazu Tee so süss, dass einen die Zähne schmerzen. Tee, so
geht das Gerücht seit Generationen, der Antibocktarin enthalte,
einen Lustkiller zur Triebdämpfung. Ein Unteroffizier, klein und
untersetzt, geht auf und ab und fordert die Soldaten mit schriller
Stimme auf, schneller zu essen, worauf sie ihre Spaghetti hektisch
runterschlingen.
Die Armee macht aus Bürgern Soldaten, aber macht sie auch aus
Soldaten Bürger? An der Militärakademie der ETH Zürich wurde
2009 in einer Bachelorarbeit untersucht, ob der Militärdienst zur
Integration beitrage. Dafür befragte man 146 WK-Soldaten und
Durchdiener – Soldaten, die ihre ganze Militärdienstzeit an einem
Stück leisten. Das Resultat zeigte, dass sich fast die Hälfte der Soldaten mit Migrationshintergrund durchs Militär mehr als Schweizer
fühlten, und beinahe ebenso viele glaubten ebenfalls, dass sie nun
von anderen stärker als Schweizer gesehen würden.
Bei Kilometer 19, kurz vor dem Ziel, ist der Obergefreite Guci noch
immer das Schlusslicht. Er hat sich sein Sturmgewehr so umgehängt, dass er die Arme aufstützen kann. Er raucht eine Zigarette
nach der andern. Wenn niemand hinsieht, hört er Musik, was eigentlich verboten ist. Und wenn er die Musik satthat, spricht er über
seine Hoffnungen. Nach seiner Zeit bei der Armee, sagt er, wolle
er es bei der Polizei versuchen. Bevor er einrückte, arbeitete Guci
als Angestellter in einem Supermarkt. Nach Ladenschluss half er
jeweils noch etwa zwei Stunden seinen Eltern, die ein Reinigungsgeschäft betreiben. Er lebt noch daheim, liefert seinen Eltern jeden
Monat einen stattlichen Teil seines Lohnes ab. Kürzlich hat er eine
Frau aus Zug kennengelernt. Sie ist 22, er 23, mit ihr kann er über
Gott und die Welt reden; die unter 20jährigen kommen ihm dagegen so unreif vor. Ein paarmal waren sie schon zusammen aus, nur
essen und reden, er will das langsam angehen.
Guci ist gern in der Armee, fühlt sich ernst genommen. Doch ab
und zu habe er Mühe damit, dass man hier zwischen «Eidgenossen»
und «Ausländern» unterscheide, obwohl doch alle einen Schweizer
Pass hätten. Er kenne dieses Problem schon aus der Schule. Vielleicht, sagt er, habe er sich im Geschichtsunterricht deshalb so viel
Mühe gegeben, und während er raucht und zwischen Hügeln und
Bauernhöfen hindurchmarschiert, zählt er zum Beweis Schweizer
Schlachten auf, die Schlacht am Morgarten, die Schlacht bei Sempach, die Schlacht bei Murten, und hat die ganze Zeit sein feines,
ironisches Lächeln im Gesicht.
Zum Glück wissen die Obergefreiten Ramadani und Guci nicht
um die Studie «Sicherheit 2012» der ETH-Militärakademie. 1200
Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden jedes Jahr
zur Verteidigungspolitik befragt, nun hat man erstmals auch Fragen zu «Schweizern mit Migrationshintergrund und deren Militärdienstleistung» gestellt. 85 Prozent der Schweizer finden es gut, dass
auch eingebürgerte junge Männer Wehrdienst leisten müssen. 66
Prozent sind der Meinung, dass diese Männer dadurch stärker «in
die Schweiz integriert» werden. Aber dass diese jungen, motivierten,
begeisterten Secondos wie Ramadani oder Guci im Kriegsfall bereit
wären, die Schweiz genauso engagiert und loyal zu verteidigen wie
ihre «eidgenössischen» Kameraden, das glaubt nur jeder zweite der
Befragten.
Häuserkampf – «nicht das Wahre!» (W 11)
Obergefreiter Ramadani: Klar ein Chef.
In der Böhlstrasse, die durch den kleinen nachgebauten Dorfkern
oberhalb der Kaserne führt, tobt der Häuserkampf nicht, er plätschert vor sich hin. Es ist Freitagnachmittag, das Ende der 11.RSWoche naht. Für jene Rekruten, die Offiziers- und Unteroffiziersanwärter sind, ist es der letzte Tag in Neuchlen; sie wechseln nach
Chur an die Infanterie-Rekrutenschule 12. Die übrigen werden
noch zwei Wochen in Neuchlen bleiben, dann werden sie nach
Walenstadt verlegt. Eine Gruppe des Zugs Bivio ist hier oben noch
im Einsatz, Zugführer Brügger kommandiert die Erstürmung der
Böhlstrasse 1, in der sich als Gegenseite der Obergefreite Collorafi
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In der rS
mit einem Rekruten verschanzt hat. Aber zuerst müssen die Laser­
waffen geprüft und richtig eingestellt werden; eine funktioniert
nicht mehr. Sie sollen den Kampf realistisch machen; wird einer
getroffen, ertönt ein lautes Pfeifen, bis er sich flach niederlegt und
den verletzten oder toten Mann spielt.
Die Zeit dehnt sich. Die Rekruten üben sich in der Kunst, die
jeder Soldat auf dieser Welt lernt: beschäftigt zu erscheinen, wäh­
rend man nichts tut.
Dann befiehlt Oberwachtmeister Brügger eine Pause. Rauchend
und Kraftriegel mampfend sitzen die Obergefreiten und die Re­
kruten im Gras und klopfen Sprüche. Einer frotzelt über die Ess­
gewohnheiten der Muslime. «Aber Schlangen dürft ihr essen?»
fragt er einen seiner Kameraden. «Ja», gibt der zurück, «Menschen
auch.» Giovanoli, ihr anderer Zugführer, habe vor ein paar Tagen
die theoretische Autoprüfung bestanden, erzählt einer, hehe. Der
Zugführer kann die Rekruten über den Kasernenhof jagen, aber
anders als die meisten von ihnen darf er noch nicht einmal Auto
fahren.
sollen? «Mich scheisst’s an», sagt Guci und nimmt einen tiefen Zug
von seiner Zigarette, «die Rekruten auch, ich verstehe das gut. Ich
will endlich wieder einmal etwas tun, das mir niemand befohlen
hat.» Diesen Wunsch kennt jeder Soldat. Ihn zu unterdrücken, die
zivilen Reflexe zu verdrängen, ist die wichtigste Lektion, die er vom
ersten Tag an im Militär lernt. «Befehl und Gehorsam sind der deut­
lichste Ausdruck der militärischen Führung», heisst es im 3.Kapitel
des Dienstreglements.
Zugführer Brügger beendet die Pause und gibt das Kommando
zum Angriff. Geduckt rennen die Rekruten auf die Böhlstrasse 1 zu,
Parisi wird noch vor dem Haus aus einem Fenster im Obergeschoss
als erster niedergestreckt. Die beiden, die sich verschanzt haben,
leisten geschickt Widerstand, Collorafi läuft behende von Fenster zu
Fenster, um die Angreifer zu überraschen. Nach einer halben Stunde
ist das Haus zwar erstürmt, aber drinnen liegen Rekruten herum
wie tote Fliegen. Der Zugführer ist unzufrieden: «Diese Übung war
nicht das Wahre! Zu wenig präzis im Ablauf. Und vergessen Sie nie:
Keine Bewegung ohne Feuer!»
Rekrut Parisi ist frustriert, das Herumsitzen und Warten nervt ihn.
Dass der Zug Bivio fast die Hälfte seiner Mitglieder verliert, inter­
essiert weder ihn noch die anderen besonders. «Jetzt sind dann nur
noch die Guten hier», sagt Rekrut Gassmann und grinst breit. Der
Obergefreite Guci diagnostiziert bei sich selber eine Motivationskri­
se. Gestern hat er beim Häuserkampf eine schlechte Note bekom­
men, nur 2 von 5 möglichen Punkten. Das Funkgerät fiel herunter
und war kaputt, da schrie er halt herum. Was hätte er sonst tun
Derweil hat Rekrut Sanchez unten auf dem Kasernenhof in Neuch­
len sein persönliches Material zur Kontrolle ausgelegt: Krawatten,
Helm, Namensschildchen, Feldflasche, Taschenmesser. Als Offiziers­
anwärter wird er am Montag in Chur viele neue Gesichter zu sehen
bekommen. So richtig freut er sich aber noch nicht darauf. «Es stinkt
mir schon ein wenig, wir hatten hier einen so guten Zug», sagt er
und hält seine graue lange Unterhose in die Luft, als der Feldweibel
brüllt: «Funktionsunterwäsche!»
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In der rS
Beförderung – die neuen Wachtmeister (W 13)
mit seinem forschen Händedruck für einen Moment aus dem
Gleichgewicht zu bringen. Nachdem die Hälfte befördert ist, gibt
es Applaus und eine Pause, Oberst Drexel wischt sich den Schweiss
von der Stirn, und die Kapelle spielt den Marsch «Feurig Blut»
von Hans Heusser.
Die schmucke spätgotische Kirche von Herisau ist an diesem Freitagmorgen im Juni bis auf den letzten Platz gefüllt. Aber vorne steht
nicht ein Pfarrer, vorne sitzen 125 junge Männer in Ausgangsuniform, das grüne Béret auf dem Kopf, die schwarzen Schuhe gewichst,
die Hände flach auf den Oberschenkeln: Obergefreite, die heute
zu Wachtmeistern gemacht werden. Statt drei diagonalen Strichen
werden sie künftig einen Winkel mit Laub und Kreuz als Gradabzeichen tragen. Auf die Minute genau um 10 Uhr 30 kommandiert
Oberstleutnant Wolf, der Stellvertreter von Oberst Drexel: «Detachement auf!» und verkündet: «Ich werde als Chef Regie durch die
Beförderungsfeier führen.» Gekommen sind nicht nur Angehörige
und Freunde der Wehrmänner, sondern auch hohe Gäste aus Politik und Militär, allen voran Brigadier Caduff; als Kommandant des
Lehrverbandes Infanterie ist er der oberste Infanterist des Landes.
Auf der Empore intonieren Rekruten der Militärmusik schmissig
den «Polizist-Wäckerli-Marsch» von Otto Würsch, dann schreitet
Oberst Drexel zur Tat.
Bevor die Beförderungszeremonie anfängt, lässt der Oberst die
Finger knacken – er weiss, was auf ihn zukommt: 125 Hände gilt
es zu schütteln. Der Handschlag findet über der Schweizer Fahne statt, die der Fähnrich tapfer in der Horizontalen hält. Auf
der einen Seite der Fahne steht Oberst Drexel, auf der anderen
meldet sich zum Beispiel der Obergefreite Zumbach mit seinem
alten Grad korrekt an, worauf Drexel ihn mit den Worten: «Wachtmeister Zumbach!» in den neuen Grad befördert. Steht einer zu
weit vor der Fahne, macht Drexel sich einen Spass daraus, ihn
Nach der Beförderungsfeier lädt die Armee zum Apéro im nur ein
paar Schritte entfernten Casino von Herisau. Das strahlendste unter den vielen strahlenden Gesichtern gehört Wachtmeister Sherifi.
Denn er hat heute für eine Weile seinen letzten Tag in Uniform. Er
ist ein sogenannter Fraktionierer, macht eine Pause und rückt erst
im Oktober wieder ein. Bis dahin will der Profiboxer in der Klasse
der Cruiser an seiner Karriere arbeiten, der ein zu langer Unterbruch
schaden würde. Das Militär hätte gern einen Leutnant aus ihm gemacht, aber Wachtmeister Sherifi hat etwas Grösseres vor: Er will
Weltmeister werden.
Und schon
im herzen von Paris.
tgv-lyria.com
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In der rS
WIR SIND KÄMPFER. PUNKT.
Noch 48 Tage, 1 Stunde und 32 Minuten bis zur Entlassung –
am Besuchstag bewundern die Mütter die sauber gemachten Betten – der
50-Kilometer-Marsch wird zum Fiasko – was bleibt, ist das Positive.
Unter der Maske wären sie 24 Minuten lang gegen Gas geschützt.
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In der rS
Walenstadt – der Countdown beginnt (W 14)
Die Churfirsten leuchten in der Morgensonne, der See glitzert. Der
Waffenplatz Walenstadt befindet sich an bester Lage direkt beim
Strandbad. Im Restaurant Seepromenade hat sich das Kommando
zum Morgenkaffee versammelt. Stabsadjutant Widrig, von der Truppe wegen seiner gemütlichen Art und seines Schnurrbarts «Papa
Moll» genannt, blättert im «Blick». Aber noch bevor er beim Sportteil angekommen ist, mahnt Hauptmann Hofmann zum Aufbruch.
Er macht einen leicht gestressten Eindruck. «Heute bin ich grausam
im Seich», sagt er, während er zum Parkplatz eilt. Ausserdem ist er
immer noch verärgert, dass in Neuchlen Material im Wert von 4000
Franken verloren ging, was auch einen beträchtlichen administrativen Aufwand bedeutet. Dann steigt er in seinen Skoda und braust
davon zum Rapport auf dem Waffenplatz St.Luzisteig.
Der Umzug der Rekrutenschule von Neuchlen nach Walenstadt
in der RS-Woche 14 ist ein organisatorischer Kraftakt, der vor allem
die höheren Kader fordert. Für die letzten RS-Wochen müssen die
Züge neu geordnet, die Chargen neu verteilt werden. Die Züge Canale und Dimitri verschwinden, sie werden mit den Zügen Amboss
und Bivio zusammengelegt. Die Zugführer Brügger und Giovanoli,
die vom Oberwachtmeister zum Leutnant befördert wurden, bleiben dem Zug Bivio erhalten. Ihr Zug wird um 20 Mann auf 44
verstärkt – die heissen jetzt Soldaten, auch die Rekruten wurden
letzte Woche befördert.
Bei den Unteroffizieren hat es Veränderungen gegeben. Wachtmeister Collorafi wurde den Opfor, den Opposing Forces, zugeteilt;
er wird bei den kommenden Übungen die Rolle der Gegenseite
spielen, wie man heute den Feind nennt. Ramadani fungiert jetzt als
Stellvertreter des Feldweibels. Ihm sind sieben Soldaten unterstellt.
Guci, der in der Woche zuvor in einer Motivationskrise steckte, wird
als Materialchef eingesetzt. Die neuen Kollegen von Wachtmeister Zumbach heissen Muriq, Pfenninger und Wettstein. Zumbach
trägt’s mit Fassung: «Hier kann man sich seine Kollegen nun einmal nicht aussuchen.» Er freut sich vor allem auf den Schiessplatz
Paschga, der mit seinen für den Nahkampf ausgerüsteten Häusern
als eine der modernsten simulationsgestützten Ausbildungsanlagen
gilt. Und auf den 50-Kilometer-Marsch, versteht sich.
Bevor es richtig losgeht, müssen die Soldaten das Material wieder
fassen, das sie vor dem langen Pfingsturlaub in Neuchlen verladen
hatten: Rucksack, Schanzwerkzeug, Notkocher, Gamelle, Zeltblachen, Schlafsack und Liegematten. Bis alle Utensilien verteilt, sachund fachgerecht verstaut und wiederum kontrolliert sind, dauert es
einen Vormittag. Auf dem Handy von Soldat Serbanovic läuft der
Countdown: Noch 48 Tage, 1 Stunde und 32 Minuten bis zur Entlassung am 1.August. Serbanovic sagt, er leide seit der 6.Woche an
Rückenschmerzen. Nun habe man ihn endlich als Betriebssoldat bei
der Materialausgabe eingeteilt. Er langweile sich, sagt der gelernte
Polymechaniker, doch er wolle den Dienst zu Ende bringen. «So
muss ich wenigstens keinen Militärpflichtersatz zahlen.»
Soldat Egger ist nicht der Typ, der sich beklagt. Er hat auch keinen Grund dazu. Als frischgewählter Kantonsrat bekommt er regelmässig Urlaub. Letzte Woche war er für seine erste Session gleich
vier Tage weg. Er votierte im St.Galler Kantonsparlament gegen die
Abschaffung des Pendlerabzugs und reichte seinen ersten Vorstoss
ein: für die Schaffung einer Meldestelle für IV- und Sozialhilfebetrüger. Nun sitzt er als Wache beim Eingang zu den Truppenunter-
künften und passt auf, dass kein Unbefugter das Gebäude betritt. Im
1.Stock hat sich Oberleutnant Dubois-dit-Bonclaude einquartiert,
mit strenger Miene weibelt er durch die Gänge. Der 30jährige, der
sich für die Karriere des Berufsoffiziers entschieden hat, hat mit seiner Büroordonnanz die neuen Organigramme und die Einsatzpläne
für die nächsten Wochen erstellt.
Gefechtsschiessen – das Beste am Militär (W 15)
Die Warnflagge zuckt an der Fahnenstange, die Soldaten liegen in
den Gräben, die Maschinengewehre rattern. Gefechtsscheiben sind
das Ziel, kleine und grosse, die Panzer darstellen. Sie bewegen sich
auf einer Schiene, wenn einer im Führungsstand an der Fernsteuerung dreht. Kompaniekommandant Dubois-dit-Bonclaude schiesst
eine Petarde in den Himmel, das Zeichen für: Feuer einstellen. Der
Rauch verzieht sich, die Gewehre werden neu geladen. Dann tritt
Kommandant Dubois-dit-Bonclaude wieder aus dem Führungsstand, schiesst erneut eine Petarde in die Luft, das Zeichen für: Feuer
wiederaufnehmen.
Wer nur auf die Geräusche achtet, hört ein minimalistisches
Musikstück: das Knattern der Gewehre, das Rumsen der Handgranaten, das Zischen der Panzerfaust. Eine Maschinengewehrkugel
kostet 55 Rappen, und an diesem Nachmittag feuern die Rekruten
nach Hauptmann Hofmanns Schätzung etwa 3000 Schuss ab. Die
Patrone ist einer der günstigsten Teile der Ausrüstung, die sich pro
Soldat auf 5700 Franken beläuft. Die Infanterie-Rekrutenschule 11
kostet, für fünf Kompanien und den Stab, 2 Millionen Franken, die
Hälfte davon macht der Sold aus, 700 000 Franken die Verpflegung.
Während der Rekrutenschule werden insgesamt über 91 000 Diensttage geleistet, einer kostet 22 Franken, hinzu kommen 6 Franken
pro Soldat und Diensttag für die Transportkosten in öffentlichen
Verkehrsmitteln, die Wehrleute in Uniform gratis benützen können.
Nach der Schiessübung marschieren die Soldaten zurück in die
Kaserne. Sie wirken glücklich, fast schon euphorisch. Der Tenor ist
eindeutig: Das Schiessen ist einfach das Beste am Militär.
Kadervorkurs in Chur – die vier H (W 16)
Ungeeignet, mangelnde Leistung, Disziplinlosigkeit: Nach einem
Monat hat man 22 von 149 Kaderanwärtern bereits wieder von Chur
nach Walenstadt in die RS zurückgeschickt. Das erstaunt nicht, denn
dem Kommandanten der Kaserne Chur ist sein Ruf vorausgeeilt.
Der Baumgartner sei einfach ein harter Siech, hatten die Gruppenführer des Zugs Bivio, die hier in ihre RS eingerückt waren, anerkennend gesagt. Streng, fordernd, aber auch stets bereit, selber
durch den Dreck zu kriechen. Nun steht Oberst im Generalstab
Peter Baumgartner im Vortragssaal vor den höheren Kadern der
nächsten RS. Während der Korpsvisite ist es einen Moment lang
so still, dass man das Knarren der Dachbalken hört. «Guten Tag,
Kader!» ruft Oberst Baumgartner endlich in den Raum. «Guten Tag,
Kommandant!» schallt es vielstimmig zurück.
Hätte man in einem Hollywoodfilm die Rolle eines Colonels zu
vergeben, der Kommandant der Infanterie-Rekrutenschule 12 wäre
eine gute Wahl: durchtrainiert, kurzgeschoren, die markanten Gesichtszüge eine Lizenz zum Befehlen. Baumgartners Lieblingswort
ist «tagg!», die Dialektform von «zack!». «Tagg, das muss sitzen!»
sagt er gern. An diesem Morgen sollen die Anwärter im Kadervor-
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Im Zwölferschlag: Tagsüber herrscht hier perfekte Ordnung.
kurs seine Führungskultur kennenlernen. «Das Dienstreglement
beschreibt die Führungskultur der Schweizer Armee,» sagt er, «und
die stelle ich ins Zentrum! Wir setzen auf den Bürger in Uniform,
wir verlangen Mitdenken, Engagement, Initiative. Wir führen durch
Zielvorgaben.» Dann folgt eine Kaskade von kernigen Sätzen, eine
Einführung in die Welt der Infanterie im Powerpoint-Modus:
Wir sind Kämpfer. Punkt. Das ist unser Kerngeschäft!
Die sechs Grundfertigkeiten des Infanteristen: Bereit sein. Sich
schützen. Savoir-être. Kommunizieren. Bewegen. Schiessen!
Kein Bullshit während der Übungen!
Informiert ist motiviert!
Das Motto jedes Infanteristen: Ich bin verantwortlich!
Das Credo der Kader: Die vier H. Hingabe. Härte. Herz. Und
Humor. («Einmal täglich muss Ihr Zug etwas zum Lachen haben.
Das ist ein Auftrag!»)
«Es gibt Dinge im Militär», sagt Oberst Baumgartner, «die nicht
auf den ersten Blick verständlich sind. Es gibt jedoch für alles eine
Begründung. Warum muss die Zimmerordnung einheitlich sein?
Weil das zur Präzision erzieht und wichtig ist für den Einsatz: Ich
muss im Notfall reflexartig nach der Ausrüstung greifen können.»
Während im Dachstock zum Schluss die Nationalhymne gesungen wird, üben die Kaderanwärter in der Kaserne noch das Führen.
Die zukünftigen Unteroffiziere, zum Beispiel die frischgebackenen
Obergefreiten Brasch und Iseli aus dem Zug Bivio, werden hier
nach gut vier Wochen als Gruppenführer vor ihren Rekruten stehen.
Die Ausbildung der Offiziersanwärter hingegen dauert noch lang.
Man dürfe, sagt Zehnder, einfach nicht so weit denken, man müsse
auf Autopilot schalten. Nach der Unteroffziersschule wird Zehnder
vier Wochen den Offizierslehrgang in der Kaserne Bern besuchen.
Dann folgen zehn Wochen Offiziersschule in Liestal und Birmensdorf, bis er Ende Oktober als Zugführer in die Kaserne Neuchlen
zurückkehrt. Natürlich wird er auch autoritär sein, sagt er; im Buch
«Das 1×1 der Persönlichkeit» war er eine Mischung aus G und D,
aus gewissenhaft und dominant. Aber sinnloses Herumschreien ist
nichts für ihn, er will seine Rekruten überzeugen. Ein bisschen, so
scheint es, freut sich Zehnder inzwischen sogar auf den 29.Oktober,
jenen Montag, an dem er seinen eigenen Zug übernehmen wird.
Der zweite Anwärter, Obergefreiter Sanchez, hat seinen Offizierstraum nach zwei Wochen in der Unteroffiziersschule mit einem
«Sechseinhalber» begraben. Mit einem Formular 6.5 teilte er seinem
Vorgesetzten mit, er wolle lieber Unteroffizier sein. All die Theorie,
die ein Zugführer beherrschen muss – das ist ihm zu abstrakt, das
liegt ihm einfach nicht. Als Obergefreiter wird er näher bei den
Soldaten sein. Der Gedanke an den bevorstehenden ersten Tag mit
den neuen Rekruten macht ihn ein bisschen nervös. «Der Anfang
ist entscheidend, da muss alles sitzen.» Am liebsten wäre er eine
Mischung aus Guci und Zumbach, nicht zu lieb, aber auch nicht
zu grob im Umgang.
Besuchstag – herzig, wie der Kleine rennt (W 16)
Die meisten Besucher drängen sich auf dem Dach des Bunkers in
der prallen Sonne. Ein paar quetschen sich in den Schatten daneben: Mädchen, die mehr auf die Displays ihrer glitzernden Handys
achten als auf die Heldentaten ihrer Geliebten in Tarnfarben. Und
Grosseltern, zum Beispiel jene, die in die Kaserne Walenstadt gekommen sind, um zu sehen, wie der Michi sich macht. Und um
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Tag der Angehörigen: Hauptmann Hofmann zeigt seinem Sohn das Militär.
nebenbei auch beim Verpflegungsstand zuzulangen. Die Grossmutter hat sich gerade zwei Bananen, zwei Äpfel, zwei Orangen und
ein paar Packungen Militärbiscuits gesichert. Dann erzählt sie von
ihrem Michi, der in einem der Panzer sitze und ihr vorhin, während
einer kurzen Pause, zugewinkt habe. «Es ist schon in Ordnung, dass
die Buben all diese Sachen lernen», sagt sie nachdenklich, isst eine
halbe Orange, schiebt sich ein paar Biscuits in den Mund. «Aber
am Ende bringt alles nichts. Gegen die Aliens sind wir machtlos.»
mit grosszügigem Ausschnitt schlägt ihrer Freundin vor: foltern.
Überhaupt wird der gespielte Ernstfall wenig ernsthaft kommentiert: «Herzig, wie der Kleine rennt», sagt eine, als ein Soldat mit
letzter Kraft in Vollmontur an ihr vorüberkeucht. Hauptmann Hofmann zieht am Trinkschlauch. Dann erklärt er die schwere und
gefürchtete Panzerfaust, die eben vorbeigeschleppt wird, und macht
darauf aufmerksam, dass nachmittags Panzer und Gerätschaften auf
dem Kasernenhof stehen und «angefasst werden dürfen».
400 Angehörige werden heute, am Freitag der 16.RS-Woche, erwartet. Das lässt Kompaniekommandant Dubois-dit-Bonclaude
angespannt auf und ab tigern. Er hat den Besuchstag organisiert
und wird ihn mit einer kurzen Ansprache eröffnen. Bisher sind erst
einige Dutzend der Angemeldeten eingetroffen. Es ist neun Uhr
und bereits über zwanzig Grad warm an diesem strahlenden Junitag. Kluge Omas haben Regenschirme mitgenommen, die sie jetzt
als Sonnenschutz aufspannen. Hauptmann Hofmann hat seinen
Wasserkanister im Rucksack aufgefüllt. Der Trinkschlauch hängt
ihm locker über die Schulter, allzeit saugbereit. Die Soldaten stehen
stramm neben Dubois-dit-Bonclaude, der die Gäste begrüsst. Dezenter Applaus. Geschafft. Ab nun wird Hauptmann Hofmann gewandt
die Übungen kommentieren. Mit einem Megaphon ausgerüstet,
steht er lässig im offenen Puch. Obwohl nur mit Markierpatronen
geschossen werde, ermahnt er die Anwesenden, die bereitgelegten
Ohrstöpsel einzusetzen.
Kurz darauf folgen die ersten Detonationen. Schüsse zischen,
Vorgesetzte brüllen, Gefangene liegen am Boden, werden mit Kabelbindern gefesselt. Hauptmann Hofmann fragt rhetorisch durch das
Megaphon: «Und, was machen wir jetzt mit denen?» Ein Mädchen
Auf dem Kasernenareal ist das Mittagessen bereit. In Zweierreihen
warten die Angehörigen neben ihren Jungs auf die Ausgabe von Gehacktem mit Hörnli und Salat. Alles landet auf einem Plasticteller
und wird mit Reibkäse bedeckt. Soldat Roos sitzt mit Eltern und
Grosseltern an einem der langen Festbänke. Seine Mutter konnte
bei ihrem Sohn bisher weder positive noch negative Veränderungen
durch die RS feststellen. Er war stets selbständig, schon mit vierzehn
Jahren zog er aus dem Thurgau nach Davos ins Sportgymnasium.
Während der RS habe er nie geklagt oder gejammert. Sonntags
packe er seine frisch gewaschenen Hemden ein und gehe.
Nach dem Essen steht die Kasernenbesichtigung auf dem Programm. Als wandelten sie durch ein Museum, gehen die Eltern
murmelnd und staunend durch die Schlafsäle, in denen alles seinen
festen Platz hat. Handtücher müssen ganz rechts auf der Stange
über dem Bett hängen, die Transporttasche gehört anliegend an die
Rückwand des Bettes gestellt, im Kleiderschrank gilt die Reihenfolge «leerer Kleiderbügel, Dienstanzug, Kälteschutz, Ausgangsanzug, Kleidertasche», ausserdem müssen die Kleider so hängen, dass
man beim Öffnen des Schranks das Wort Suisse auf dem Oberarm
der Anzüge erkennt. Über dem Bett herrscht die sogenannte Plan-
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kenordnung (v.l.n.r.): Helm (Gradabzeichen vorne), Gamelle mit
Deckel (Öffnung vorne), Gamelleneinsatz, Feldflaschenbecher. Was
die Mütter am meisten beeindruckt, sind die Betten: Sie sind so
geometrisch gemacht, als wären die Söhne mit dem Lineal am Werk
gewesen, das Duvet überall dreimal umgeklappt.
Chur ihre neuen Rekruten. Bei einem ist die Veränderung unübersehbar: Als Robin Brasch vor 17 Wochen in Neuchlen einrückte,
grossgewachsen, aber noch etwas kindlich, mit ziemlich langen Haaren und pelzbesetzter Daunenjacke, da erwartete der Bauarbeiter
«überhaupt nichts» vom Militär. Nun ist er das Militär. Obergefreiter
Brasch, Gruppenführer des Zugs Canale der Infanterie-RS 12 in
Chur, sitzt in einer Halle auf dem Kasernenareal und nimmt seine
Rekruten in Empfang. Der Raum ist mit Eisengattern verstellt, die
ein bisschen an einen Viehmarkt erinnern, nur dass hier statt Rinder
gegen sechshundert junge Männer in Turnschuhen und Jeans kanalisiert werden. «Name?!» herrscht Brasch jeden an, der vor seinen
Tisch tritt, «Dienstbüchlein?!», «Kampfstiefel gefasst?!», dann schickt
er die Jungs in den Canale-Pferch, hinsetzen! Viererreihe! Wer aufs
WC muss: melden!
Es ist nicht nur das Gradabzeichen mit den drei dünnen Strichen
auf der Uniform oder die Glatze, die einen anderen aus ihm machen. Es ist der Gesichtsausdruck. Brasch, vier Monate lang nur allzu
bereit, Spässe zu machen, jeden zum Lachen zu bringen, verzieht
keine Miene. Er schaut vollkommen ausdruckslos, die Augen leer,
als würde er durch die neuen Rekruten hindurchsehen. Das habe
er trainiert, sagt er, stolz auf dieses selbstsichere, kalte Auftreten.
Schliesslich hat er bei seinen eigenen Vorgesetzten gesehen, wie
wichtig der erste Eindruck ist. So wie Zumbach will Brasch wirken: hart, aber fair. Oder wie Sherifi: extrem respekteinflössend. Am
Abend zuvor hat er sich den Schädel rasieren lassen, so wie auch
die anderen Gruppenführer des Zugs Canale. Alle ausser einem,
«der ist ein bisschen gegen das Militär», sagt Brasch und grinst kurz.
Eine Woche lang hat Zugführer Giovanoli mit seinen Männern für
diesen Moment trainiert: Die Zugschule mit humoristischen Einlagen ist der Höhepunkt des Angehörigentags, und natürlich will
jeder Zug der beste sein. Bei 35 Grad lässt Giovanoli die Soldaten
antreten, er ist nervös, aber dann klappt alles wie am Schnürchen.
Der Zug formiert sich zu Vierer-, Zweier-, Einerreihen, schlängelt
sich wie ein Tatzelwurm über den Exerzierplatz, marschiert vorwärts, rückwärts, seitwärts, friert mitten in der Bewegung ein. Und
spätestens bei den Formationen Samba, Tetris, Herz und Gorilla,
wo affenähnliche Bewegungen mit affenähnlichen Lauten untermalt werden, applaudieren die Angehörigen begeistert. Grossmutter
Roos sitzt auf einem Stuhl unter einem Baum und lächelt zufrieden,
die Väter johlen, die Mütter klatschen, die Freundinnen kreischen
und filmen mit ihren Handykameras, und Giovanoli strahlt. Nun
ist er sich sicher, dass seine Entscheidung, noch mindestens ein Jahr
als Zeitmilitär zu dienen, die richtige war. Als Koch will er nicht
wieder arbeiten. Ihm schwebt die Polizeischule vor, und das Jahr als
Zeitoffizier wird ihm dafür eine gute Ausgangslage schaffen.
Verschwitzt, aber glücklich beobachtet er die anderen Züge, und
dann hört er zum ersten Mal davon, dass er bei seinen Gruppenführern von Anfang an als Held galt. Weil alle anderen Zugführer
schwiegen, als die Namen der Obergefreiten des Zugs Bivio verlesen
wurden, Ramadani, Sherifi, Guci, Collorafi, Zumbach, weil niemand
den «Balkanzug» haben wollte und es Giovanoli war, der schliesslich
vortrat und verkündete, er übernehme ihn. Aber diese Geschichte
ist ein Missverständnis. «Ich bin an diesem Tag ein bisschen zu spät
gekommen und habe die Namen gar nicht gehört», sagt Giovanoli,
«ich war schon als Rekrut im Zug Bivio und habe mich einfach
gemeldet, als sich sonst niemand meldete.»
Bei einem anderen ist die Veränderung weniger sichtbar: Der Obergefreite Sanchez, der sich freiwillig als Offizier abmeldete, versucht
zwar, als Gruppenführer streng und bestimmt zu wirken. Das sei
sein oberstes Ziel für diesen ersten Tag, sagt er und geht unruhig
dem Gitter entlang. Dahinter verteilen sich noch ziemlich ungeordnet die jungen Männer des Zugs Dimitri. Sanchez’ Vorgesetzter,
Zugführer Rada, weist ihn an, eine Viererkolonne zu befehlen, und
Sanchez stellt sich zum ersten Mal vor seine Rekruten: «Zuelose!»
kommandiert er, beinahe sanft, «wir machen jetzt eine Viererkolonne, Sie können auf der Packung sitzen oder stehen, los!» Der
Obergefreite ist keine geborene Führungspersönlichkeit. Ob er die
Männer durchnumerieren lässt oder ob er ihnen «Achtung!» und
«Ruhn!» beibringt – stets ist sein Ton verhalten.
Als Kader in Chur – alles wieder von vorn (W 17)
SAC-Hütte Sellamatt im Toggenburg, Ostschweiz / Liechtenstein
Während die Soldaten der Infanterie-RS 11 ihre letzten Wochen in
Walenstadt in Angriff nehmen, erwarten ihre ehemaligen Kameraden, die weitergemacht haben und Obergefreite geworden sind, in
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In der rS
«Sanchez!» tadelt Rada, «seien Sie bestimmter!» Später wird der
Zugführer erklären, dass der Obergefreite Sanchez halt noch im
Kükenstadium sei, dass er sich entwickeln müsse. Aber schliesslich
ist dies ja auch der erste Tag und Sanchez voller Vorsätze für die
nächsten 21 Wochen: «Ich werde an mir arbeiten, ich werde lauter
reden, ich werde bestimmter auftreten», sagt er, stellt sich vor eine
Einerkolonne von Rekruten und marschiert mit ihnen zum WC;
sie gehen beinahe im Gleichschritt.
Durchhalteübung – Operation gescheitert (W 19)
Die St.Luzisteig war bereits während der Bündner Wirren des
Dreissigjährigen Kriegs (1618–1648) von strategischer Bedeutung.
Österreicher und Franzosen errichteten auf der Passhöhe im 17.Jahrhundert Wehrmauern und Sperren. Bündner und Eidgenossen bauten sie zu einer Festungsanlage aus, und im 20.Jahrhundert wurde
daraus eine weitverzweigte Trutzburg mit Schützenturm, Kaserne,
Bunkern, Kavernen und Panzersperren.
Während Generationen haben auf der St.Luzisteig Schweizer
Wehrmänner den Ernstfall geübt. Ihr Blick war stets nach Norden
und Osten gerichtet, wo man den Feind vermutete. Heute ist die
Übungsanlage eine andere, es wird nicht länger ein Grossangriff
deutscher oder russischer Truppen erwartet. Aber die Topographie
des Geländes – ein sanft abfallendes, von schroffen Felswänden gesäumtes Tal – sorgt dafür, dass die St.Luzisteig ein idealer Ort für
Manöver der Schweizer Armee ist.
Es ist der zweite Tag der DHU, der Durchhalteübung der InfanterieRS 11. Die Sonne scheint, ein lauer Föhnwind weht über den Pass.
Hauptadjutant Hösli hat vor der Kaserne auf der St.Luzisteig eine
Kaffeemaschine installieren lassen, an der sich die Offiziere und Unteroffiziere stärken können. Sie haben letzte Nacht wie die Soldaten
kaum ein Auge zugetan. Die gestrige Übung in Flums zog sich bis
in die Morgenstunden, die randalierenden Demonstranten, die mit
Wassersäcken und mit Mehl gefüllten PET-Flaschen um sich warfen,
leisteten hartnäckigen Widerstand. Bei der heutigen Übung, erklärt
Adjutant-Unteroffizier Grujcic, gehe es darum, verschiedene Zellen
von Widerstandkämpfern zu isolieren, die sich nordostwärts im Tal
eingenistet hätten – die Übungsanlage ist inspiriert vom Auftrag der
Nato-Truppen in Afghanistan.
Kompanie 2 hat den Auftrag, einen knappen Kilometer unterhalb der Festung das Tal abzuriegeln, um die Gegner einzukesseln,
die sich im Tal versteckt haben. Dort, wo abgeriegelt werden soll,
radeln noch zwei schwitzende Mountainbiker von Balzers herauf,
nicht ahnend, dass sie sich in militärischem Sperrgebiet befinden.
Sie werden von Adjutant Grujcic vom Feldweg auf die Passstrasse
beordert. Dann donnern, mächtig Staub aufwirbelnd, zwei Schützenpanzer heran. Stacheldraht wird entrollt. Einer holt aus dem
Bauch des Panzers eine Packung Chips. Ein anderer telefoniert mit
dem Handy, weil sein Funkgerät nicht funktioniert. Dann verteilen
sich die Soldaten im Gelände und blinzeln in die Sonne. Sie schwitzen in ihrer Kampfmontur.
Nach über einer Stunde nähert sich auf dem Feldweg eine Gruppe junger Männer in Freizeitkleidern. Sind es Wanderer? Sie steuern
auf die untersten Wachposten zu, die Soldaten Egger und Roos.
Einer ruft: «Unten im Dorf hat es Bewaffnete. Sie haben unsere Frauen und Kinder entführt.» Er meint das von der Schweizer Armee
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Aktuelle Analysen und Meinungen
jetzt auf unserem Blog.
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In der rS
errichtete Modelldorf etwas weiter unten im Tal. Soldat Egger entgegnet kühl: «Haben Sie einen Ausweis?» Der Anführer der Gruppe
erwidert wütend: «Man hat unsere Frauen und Kinder entführt, und
Sie wollen unseren Ausweis sehen! Was soll das?» Er zeigt schauspielerisches Talent, wirft verzweifelt die Hände in die Luft: «Unser
Dorf wurde überfallen. Unternehmen Sie etwas!» Egger und Roos
entscheiden sich für eine Meldung an ihren Vorgesetzten.
Der lässt über Funk mitteilen, dass sie das Gepäck der jungen
Männer durchsuchen sollen. Als sich Egger über die Rucksäcke
beugt, beginnt es bei Roos zu pfeifen, kurz darauf auch bei Egger. Die beiden sind von Scharfschützen getroffen worden: Roos
am Kopf, Egger an der Schulter. Sie sind in eine Falle getappt, die
angeblichen Flüchtlinge haben sie aus der Deckung gelockt. Ihre
Kameraden eilen ihnen zu Hilfe. Die einen verarzten die Verwundeten, die anderen nehmen die jungen Männer in Freizeitkleidern fest,
fesseln sie und führen sie ab. Am Himmel sind die Rotoren eines
Helikopters zu hören. Doch es ist nicht ein Rettungshelikopter, so
weit wird die Übung nicht getrieben. Korpskommandant Andrey,
Chef Heer, fliegt ein. Er besucht die Infanterie-Rekrutenschule 11
und will sich ein Bild von der praktischen Arbeit im Feld machen.
Am nächsten Tag will die Truppe zurückschlagen und das Widerstandnest im Modelldorf ausheben. Frühmorgens sitzt Oberleutnant Dubois-dit-Bonclaude in der Kommandozentrale und brütet
über seinen Karten, derweil die Soldaten herumsitzen, auf Panzern,
im Gestrüpp, am Waldrand. Sie warten auf den Befehl, der einfach
nicht kommt, gopfertami. Eine Stunde vergeht und noch eine. Das
Schwierigste ist, die Leere auszuhalten. Stundenlang im und auf
dem Panzer zu sitzen und zu warten. Zwischendurch eine Zigarette
Obergefreiter Guci: Der Geduldige.
rauchen, einen verrauschten Lagebericht über Funk empfangen.
Endlich der Befehl, sich durch den Wald ans Modelldorf anzupirschen.
Die Soldaten werfen ihre Zigaretten weg, verschwinden zwischen
Büschen und Bäumen. Als das Dorf in Sichtweite kommt, bleiben
sie am Waldrand stehen; einige wagen sich vor. Geräusche wie von
Knallfröschen schallen durchs Dorf. Zwischendurch pfeift es: Einer
der Soldaten ist getroffen worden. Er trottet zum Waldrand zurück,
setzt sich hin, zündet sich eine Zigarette an, lehnt sich zurück und
nimmt einen tiefen Zug. Er ist jetzt «tot». Eine Viertelstunde später
sind die meisten «tot», die Operation ist gescheitert. Das Haus, dessen Insassen sie hätten ausschalten sollen, vermochten sie nicht zu
stürmen. Ein Adjutant steht missmutig vor dem Modelldorf und
sagt grimmig: «Diese Typen wären nicht mal zu einer Schneeballschlacht fähig.» Die Durchhalteübung wird noch zwei Tage dauern,
doch am Urteil wird sich wenig ändern: Die Führung hat versagt.
Was lernen die Rekruten eigentlich während der 21 Wochen? Die
Antwort von ganz oben gibt Korpskommandant Andrey, der in einem Aufsatz mit dem Titel «Die aktuelle Armee leben!» schreibt:
«Nur wenn Leerzeiten und Leerläufe eliminiert sind, nur wenn
jeder nach jedem Dienst das Gefühl hat, seine Zeit nicht vergeudet
zu haben, nur dann leisten wir sinnvolle Arbeit.» Diese Arbeit umzusetzen obliegt in der Infanterie Brigadier Caduff, Kommandant
des Lehrverbandes Infanterie. Der energische Bündner will, dass in
seinen Rekrutenschulen informiert wird über den Staat und seine
Werte. «Tradition ist nicht das Bewahren der Asche», zitiert er den
englischen Politiker und Autor Thomas Morus, «sondern das Weitergeben des Feuers.» Und er betont, dass die Infanterie die Truppengattung sei, die in den letzten zehn Jahren den grössten Wandel
erlebt habe: Sie setze weniger auf grosse, schwere Waffen, die im
Zweifrontenkrieg zum Einsatz kämen, sie sei agiler geworden, habe
sich der veränderten «Bedrohungswahrnehmung» angepasst. Anders als früher steht heute nicht die Bewältigung von militärischen,
sondern von «diffusen» Bedrohungen im Vordergrund.
Brigadier Caduff hat seinen Münkler gelesen. Herfried Münkler, Politologe an der Berliner Humboldt-Universität, hat in seinem
Buch «Die neuen Kriege» Begriffe wie den der «postheroischen Gesellschaft» geprägt, auf den sich auch Caduff gern bezieht. Als Beispiel nennt Münkler den Eingriff der Amerikaner in Somalia, als sie
vor zwanzig Jahren versuchten, den Warlord Aidid zu ergreifen: «Die
Bilder von einem durch die Strassen geschleiften amerikanischen
Soldaten führten dazu, dass die USA ihre Truppen überstürzt zurückzogen und für alle Welt erkennbar in ihrem Willen resignierten.
Der Mogadischu-Effekt bewirkte, dass militärische Drohungen der
Amerikaner an Glaubwürdigkeit verloren und die USA sich mit
dem Verdacht und der darin zum Ausdruck gebrachten Verachtung
konfrontiert sahen, der postheroischen Mentalität einer Konsumund Luxusgesellschaft erlegen zu sein.»
Münkler nennt Kriege, in denen traditionelle Heere zum Einsatz
kommen, ein Auslaufmodell. Staaten haben als Monopolisten des
Krieges ausgedient. Es gibt immer mehr parastaatliche, immer mehr
private Kriegsunternehmer. Die Fronten, schreibt Münkler, seien
verschwunden. Deshalb komme es heute so selten zu Gefechten und
fast nie zu Schlachten. Stattdessen würden sich die militärischen
Kräfte gegenseitig schonen und die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung richten.
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Landschaft mit Wehrmännern: Marschieren ist Kopfsache.
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In der rS
Am Rand des Zusammenbruchs: Die Soldaten auf dem 50-Kilometer-Marsch.
Wie die Schweizer Armee einen Ernstfall bestehen würde, weiss
niemand. Sie ist eine Ausbildungsarmee ohne Kriegserfahrung. Den
Umgang mit Zerstörung, Tod, Ungewissheit und Angst kann man
den Soldaten nicht beibringen. Wie schwierig es ist, sie nur schon an
die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit heranzuführen,
zeigt sich in dieser RS beim 50-Kilometer-Marsch, der eine Woche
nach der Durchhalteübung angesetzt ist.
50-Kilometer-Marsch – unter allem Hund! (W 20)
Am Anfang werden sie gehetzt, die 130 Soldaten der 2.Kompanie
auf ihrem langen Marsch. Ein paar fallen zurück, doch viele sind es
nicht, mal einer mit Stechschmerzen in der Leiste, mal einer, der erst
vor ein paar Wochen zur Infanterie gewechselt hat und den schnellen Schritt nicht gewohnt ist. Den Rest treiben die Unteroffiziere
wie Furien an, damit keine Löcher zwischen den Zügen entstehen,
damit sie die fünfzig Kilometer in vierzehn Stunden schaffen – ein
anspruchsvolles Ziel.
Bei Kilometer 20 beginnen sich die Gesichter zu röten, die Sonne
knallt vom wolkenlosen Himmel, es geht kaum ein Wind, im Schatten beträgt die Temperatur 29 Grad. Bei Kilometer 25 liegt Pasta in
den Töpfen der Feldküche bereit, daneben eine Ladung Kägifret,
Erdnüsschen, Guetsli. Rasch gehen die Soldaten weiter, und immer
wieder schütten sie sich eine Handvoll M & M’s in den Mund, die
sie später am Wegrand erbrechen werden.
Nach Kilometer 30 kommen sie in hügeliges Terrain, die klobigen Kampfstiefel drücken, die Füsse sind wund und heiss. Ein Soldat
mit schweissüberströmtem Gesicht ächzt: «Ich spüre den Puls in
den Füssen.» Leutnant Brügger, der lange das Schlusslicht war und
die Langsamsten anfeuerte, hält die Bummelei nicht mehr aus und
marschiert durch, bis er an der Spitze anlangt und als Erster ins Ziel
läuft. Leutnant Giovanoli, obwohl mit federndem Schritt und einem
Lächeln unterwegs, steht kurz vor der Verzweiflung, weil immer
mehr Soldaten – und immer mehr Wachtmeister – schwächeln und
aufgeben. Mal schiebt er einen mit Knieschmerzen vor sich her,
mal stützt er einen Humpelnden. Wer nicht ins Ziel komme, sagt
er, schaffe es nur deswegen nicht, weil er es nicht fest genug wolle.
33 steigen vorzeitig aus. Oberst Drexel wird das in seiner Analyse vernichtend kommentieren: «Eine Katastrophe! Unter allem
Hund!» Den Rekruten gibt er keine Schuld. 33 Ausfälle seien ein
Führungsfehler – eine andere Kompanie hatte nur deren 3. In der
Kompanie 2 fehlte es an der Motivation, und das Anfangstempo
war viel zu hoch. Natürlich habe auch eine Rolle gespielt, dass der
Kompaniekommandant, Oberleutnant Dubois-dit-Bonclaude, am
Wochenende zuvor mit dem Motorrad verunfallt war und nicht
mitmarschieren konnte. Aber die Führung war in der 2.Kompanie
generell ein Schwachpunkt, an der Vorbildfunktion der Vorgesetzten mangelte es, sagt Oberst Drexel.
Offizierslehrgang in Bern – ich will!
166 von 245 Stunden theoretische Führungsausbildung hat Aspirant
Zehnder hinter sich, nun muss er zeigen, dass er befehlen kann.
In der vierten und letzten Woche des Offizierslehrgangs in Bern
steht die Schlussprüfung auf dem Programm. Auf dem Boden des
Klassenzimmers in der Berner Kaserne steht ein Geländemodell:
Ein Militärmantel wölbt sich als Hügel Grauholz, ein Klebeband
durchschneidet die Miniaturlandschaft wie die A 1, ein Stück Sty-
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Powernap vor dem nächsten Angriff.
ropor und ein Würfel spielen Parkplatz und Forsthaus. «Ich will»,
sagt Aspirant Zehnder mit Bestimmtheit in der Stimme zu seinen
Klassenkameraden und zeigt mit einem Stab auf den Parkplatz, «ich
will mit zwei Gruppen eine Sperre errichten!» Was in den letzten 36
Stunden passiert ist: Die internationalen Beziehungen der Schweiz
haben sich rapide verschlechtert. Feindseligkeiten sind möglich.
Verteidigungsbereitschaft muss erstellt werden. Diese Aufgabe wur­
de von der höchsten Hierarchieebene hinunter in immer kleinere
Aufgaben zerlegt, und bei Aspirant Zehnder und seinem Zug ist
schliesslich der Auftrag gelandet: Grauholzstrasse auf Höhe 6.14
sperren.
Rund 1700 junge Männer durchlaufen in Bern jährlich die Füh­
rungsschule Einheit. Man wolle eine Art Militärakademie sein, sagt
ihr Kommandant, Oberst im Generalstab Daniel Escher, ein Ort,
wo die intellektuellen Fähigkeiten gefördert und beurteilt werden.
«Wir sind keine Schiessschule!» Deshalb geht es hier auch immer
um Sicherheitspolitik und Bedrohungsszenarien. Die angehenden
Kader bekommen jeden Morgen eine Tagesschau mit möglichen
Szenarien zu sehen, die extra für die Einheitsschule produziert wird:
Da verkünden die Moderatoren Grossbrände in der Berner Altstadt,
Überschwemmungen in Zürich oder Angriffe unserer Nachbarlän­
der Tarlandia und Rovinien.
Aspirant Zehnder hat gut zwei Stunden Zeit gehabt, um seinen
Aktionsplan auszufeilen und ein doppelseitiges Formular in A3 aus­
zufüllen, das dem international verwendeten Operational Planning
Process (OPP) entspricht. Zehnder hat seinen Auftrag in die drei
Teilprobleme Hinkommen, Einrichten, Betreiben aufgeteilt, er hat
einen Zeitplan erstellt und Varianten gezeichnet. Dann erst hat er
den Entschluss gefasst und seine Absicht formuliert. Sie muss mit
einem «Ich will!» beginnen, sonst gibt es Punkteabzug. «Ich will»,
sagt er also, «Flankenschutz erstellen!»
Theoretisch könnte Aspirant Zehnder die so erlernten Führungs­
kompetenzen später einer Bewerbung beilegen. Wer nämlich die­
se Ausbildung durchläuft, also 9 Wochen Unteroffiziersschule, 4
Wochen Offizierslehrgang, 10 Wochen Offiziersschule, 21 Wochen
Abverdienen, kann sich danach in fünf Modulen prüfen lassen:
Selbstkenntnis, persönliche Arbeitstechnik, Kommunikation und
Information, Konfliktmanagement und Führen der Gruppe. Wird
alles bestanden, gibt es das Zertifikat «Leadership 1», das in der Pri­
vatwirtschaft anerkannt ist. Das Problem ist, dass bis jetzt erst eine
sehr kleine Minderheit der jungen Militärkader diese Prüfungen
ablegen mag.
Befördert eine Karriere in der Armee heute noch jene im Beruf?
Die Bevölkerung glaubt daran wieder stärker als auch schon. 69
Prozent der Schweizer sagen in der Studie «Sicherheit 2011», mili­
tärische Führungserfahrung bringe berufliche Vorteile, zehn Jahre
zuvor waren nur 60 Prozent dieser Meinung. Die Spitzenwerte von
1983, dem Jahr der ersten Befragung, wird man allerdings kaum
mehr erreichen: Damals stimmten 80 Prozent der Aussage zu. Weil
es aber nicht nur darum geht, die Bevölkerung zu überzeugen, dass
Militärkader auch gute Chefs abgeben, sondern auch die Wirtschaft,
veranstaltet die Führungsschule Einheit regelmässig Arbeitgeber­
tage mit bunten Powerpoint­Präsentationen.
«Ich will», formuliert Aspirant Zehnder nun den dritten Teil seiner
Absicht, «den Gegner vor der Sperre vernichten», dann erteilt er die
Aufträge an die Gruppenführer. Zehnder ist ein bisschen müde, ob­
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Wie sagte der Oberst am ersten Tag: «An dieser Waffe werden wir Sie drillen!»
schon er findet, der Offizierslehrgang sei im Vergleich zu allem anderen ein Zuckerschlecken: Ausflüge ins Bundeshaus, Besichtigung
des Militärflugplatzes, genug Schlaf, wunderbares Essen. In dieser
Nacht allerdings wurden die Aspiranten um 2 Uhr 30 geweckt, um
im Grauholz verschiedene Posten zu absolvieren, auch das ein Teil
der 36 Stunden dauernden Schlussprüfung. Vielleicht, sagt Zehnder, sei es gar nicht schlecht, wieder einmal ein bisschen gefordert
zu werden, schliesslich liegen 10 Wochen Offiziersschule vor ihm,
knallharte Durchhalteübungen und der legendäre 100-KilometerMarsch.
Für seine Befehlsausgabe bekommt Aspirant Zehnder sofort ein
Feedback vom Klassenlehrer: Die gegnerischen Möglichkeiten hätte
er etwas sauberer ausarbeiten, die Aufträge ein bisschen exakter
formulieren können, aber sonst: strukturiert, überlegt, selbstsicher,
tipptopp. Zehnder wird in der Gesamtwertung 83,6 Prozent der
möglichen Punkte erreichen und damit auf dem 23. von 286 Rängen landen. Er gehört, wie immer, zu den Besten. Auch wenn es ihm
immer noch nicht besonders viel Spass macht: «Aber inzwischen»,
sagt er, «bin ich so weit vom Zivilleben entfernt, dass ich mir gar
nicht mehr vorstellen kann, nicht im Militär zu sein.»
Kompanieabend – Würste, Bier und Müdigkeit (W20)
Hauptfeldweibel Ghidotti hätte den Männern der 2.Kompanie
gern das Paxmal in der Nähe der Kaserne Walenstadt gezeigt, das
Friedensdenkmal, das der Künstler Karl Bickel während 25 Jahren
schuf. Doch am Nachmittag ging ein Regen nieder, der die Strasse
unpassierbar machte. Ausser dem Feldweibel hatte sich niemand
berufen gefühlt, etwas auf die Beine zu stellen für den Kompanie-
abend; er findet am Tag nach dem langen Marsch statt, eine Woche
vor dem letzten Abtreten. Gewöhnlich geht es da ausgelassen zu.
Ein Soldat lässt auf einem Laptop ein paar abenteuerlich geschnittene Clips laufen, seine Highlights aus zwanzig Wochen Rekrutenschule: Soldaten, die durch den Dreck stiefeln. Handgranaten, die Erde aufwirbeln. Panzer, die durch die Landschaft fräsen.
Ausser Wachtmeister Zumbach, der sich ab und zu auf den Schenkel
klopft, und drei Soldaten, die in ihren Stühlen hängen, schaut kaum
einer hin. Die meisten essen müde ihre Schweinsbratwürste und
trinken Bier dazu. Dass keine Stimmung aufkommt, mag daran liegen, dass die Männer noch an den Nachwehen des Marsches leiden,
bei dem die 2.Kompanie so kläglich abgeschnitten hat.
Soldat Alija ist auf unsicheren Beinen in den Speisesaal gehumpelt, im Gesicht ein gequältes Lächeln. Jetzt sitzt er in Badelatschen
an seinem Tisch und zeigt allen, die sie sehen wollen, seine zerschundenen Füsse. Wachtmeister Ramadani schwingt sich an Krücken
durch den Saal, Gel im Haar, umweht von einer Ladung Aftershave.
Er ist bei Kilometer 30 ausgestiegen, «die Achillessehne». Zugführer
Giovanoli sitzt nachdenklich vor seinen Würsten. So ein Marsch,
sagt er, sei nichts als Kopfsache. Alle, alle hätten sie auch hundert
Kilometer geschafft, wenn sie nur nicht so schnell aufgegeben hätten. «Ich bin enttäuscht.»
Soldat Parisi hat sich ins Freie begeben, lehnt mit halb geschlossenen Augen an der Hausmauer und raucht eine Zigarette. Er hat
eigentlich wenig an der Armee auszusetzen. Sie habe ihm den Auszug von zu Hause erleichtert, sagt er. «Dank der RS hatte ich weniger
Heimweh nach meinen Eltern.» In der RS habe er viel Zeit gehabt,
um nachzudenken. Er erwäge jetzt eine Weiterbildung, weil ihm der
Job als Verkäufer im Supermarkt auf Dauer nicht die Zufriedenheit
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Obergefreiter Brasch: Erst null Hoffnungen fürs Militär, jetzt Chef.
bringe, die er sich wünsche. Nun freut er sich auf die Wohnung, die
er mit seiner Freundin zusammen gefunden hat, hundert Quadratmeter, dreieinhalb Zimmer. Und auf seine Clique, die er oft vermisst
hat in letzter Zeit. «War schon okay, die RS.» Parisi zerknüllt seine
Zigarettenschachtel und wirft sie in den Müll.
Es ist neun Uhr, manche verziehen sich bereits in ihr Zimmer.
Sie sind geschafft. Heute morgen, am Tag nach dem 50-KilometerMarsch, mussten sie noch eine Stunde joggen – «um die Muskeln
zu lockern», äfft einer der Soldaten einen Vorgesetzten nach. Der
Saal leert sich langsam. Einige spielen Karten oder türmen EnergyDrink-Dosen aufeinander. Soldat Gassmann zieht Bilanz: «Es war
ein Scheiss, aber ich habe Freunde gefunden.» Soldat Roos und
Soldat Egger überlegen, wo sie ihre Armeewaffe daheim verstauen
werden, und auch Gassmann wird seine Waffe mit nach Hause nehmen, obwohl er «niemals auf einen Menschen schiessen würde». Am
Tisch ist man sich einig: RS und Ernstfall passen nicht zusammen.
Das war alles zu wenig effizient. Nicken, Schweigen, dann ruft einer
in die Runde: «Immerhin können wir jetzt schiessen!»
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Abtreten – was bleibt? (W 21)
Trügen die jungen Männer nicht alle Uniform, könnte das auch das
Ende eines Klassenlagers sein. Beim Unterstand neben den Schlafräumen lümmeln sie herum, viele sind am Handy, ein paar sitzen
am Boden und jassen, einige schieben sich einen Ball zu, andere
essen ein Sandwich. Die Zimmer sind geputzt und abgeschlossen,
nur das Kompaniebüro muss noch einmal feucht aufgenommen
werden, befiehlt der Abwart von der Ruag, die den Waffenplatz betreibt. Im Treppenhaus hat einer sein Handy an einen Lautsprecher
angeschlossen und sorgt für Sound.
Die gehässige Stimmung vom Vortag ist verflogen. Da standen sie
genervt auf dem Kasernenplatz und liessen die Kontrolle der persönlichen Ausrüstung über sich ergehen. «Scheisse» war das häufigste Wort, das man hörte, «gopfertami» das zweithäufigste. Wer
etwas verloren hatte, wurde gleich zur Kasse gebeten: Handschuhe,
40 Franken; Magazin, 26 Franken; Sonnenbrille, 70 Franken. Dann
baute sich ein Vorgesetzter vor den Soldaten auf und schrie mit rotem Kopf: «Eine Splitterschutzweste fehlt. 600 Franken!» Gelächter.
«Es wird nicht gelacht! Das ist nicht lustig! Es ist eine verdammte
Sauerei!» Die Kosten für verlorenes Armeematerial werden unter
den Soldaten der Kompanie aufgeteilt und vom Sold abgezogen.
Soldat Parisi blickte gelangweilt auf den Countdown, der auf
seinem Handy lief, noch 18 Stunden und 9 Minuten. «Ich war ein
ungeduldiger Mensch», sagte er, «hier habe ich Geduld gelernt.»
Stundenlang warteten die Soldaten in der stechenden Sonne, während hinter dem Zaun Zivilisten in Badehosen und Bikinis vorbeigingen. Ab und zu rafften sie sich zu Protestgejohle auf, pfiffen
und skandierten: «Splischu, Splischu!» Aber die Splitterschutzweste
tauchte nicht auf.
Um 8 Uhr 35 ist Besammlung auf dem Kasernenplatz. Nach zehn
Minuten beginnen die Soldaten rhythmisch zu klatschen. Oberleutnant Dubois-dit-Bonclaude steht mit stoischer Miene vor seiner
Kompanie, die Hand mit dem gebrochenen Daumen immer noch
im Gips. Um 8 Uhr 50 tritt Oberst Drexel vor seine «Manne»: «Ich
will Adieu sagen.» Seine Abschiedsrede beschönigt nichts. «In der
RS sieht man vor allem das Negative, aber das vergisst man», sagt
er. «Redet man später über das Militär, hört man nur das Positive.»
Hinter Oberst Drexel am Rand des Kasernenplatzes liegen die
Sachen, die bei der letzten Zimmerkontrolle noch gefunden wurden: 5 Frottiertücher, 1 Ladegerät, 1 Mehrfachstecker, 4 Boxershorts,
1 Slip, 1 Paar Militärschuhe, 1 DVD «Söldner, gesetzlos und gefürchtet». Nach dem letzten «Achtung!» und «Ruhn!» werfen die
Soldaten ihre Bérets in die Luft, umarmen sich, klopfen sich zum
Abschied auf die Schulter und ziehen erlöst ihre Rollkoffer Richtung Parkplatz. Hoch über ihren Köpfen dreht ein Gleitschirmflieger gemächlich seine Runden. Die Unteroffiziere stehen noch auf
dem Kasernenplatz zusammen, als Ivo Zimmermann auftaucht, der
Betriebsleiter der Kaserne Walenstadt, und Formulare verteilt. «Jetzt
geht’s noch darum, die Kundenzufriedenheit auszufüllen.» Die
Dienstleistungsgesellschaft macht auch vor der Armee nicht Halt.
FolIo 3 / 2013
Vor 17 Wochen rückte er als Rekrut Künzi ein. Jetzt empfängt er die Neuen mit dem bösen Blick des Obergefreiten.
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In der rS
Epilog
Nach 21 Wochen nicht nach Hause: Zwei, die weitermachen.
Der Gruppenführer – den Bart wachsen lassen
Im coupierten Gelände des Waffenplatzes Chur liegen fünf Männer
der Infanterie-RS 12 hinter einem Erdwall platt auf dem Bauch
hinter ihren Sturmgewehren. Die Gefechtsübung heisst Feuersturm,
aber niemand feuert, und die sinkende Nebeldecke lässt die Kälte in
die Kampfanzüge kriechen. Einer erhält Instruktionen über Funk,
quittiert mit «Verstanden!», richtet sich auf und erteilt den vier anderen mit lauter, fester Stimme den Befehl zum Rückzug. Es ist der
Obergefreite Sanchez. Weil es in seiner Kompanie zu viele Gruppenführer gab, ist er stellvertretender Gruppenführer geworden. Er legt
sich mit Eifer ins Zeug – er will den Rekruten ein Vorbild sein. Und
menschlich mit ihnen umgehen. «Jeder Rekrut verdient Respekt»,
sagt er. Erst einmal hat ihn einer reingelegt; er konnte angeblich
nicht mehr rennen – aber als es ans Fassen des Mittagessens ging,
war er plötzlich flink auf den Beinen wie ein Wiesel.
Der Obergefreite Sanchez geht jetzt auch mit den Kameraden
in den Ausgang, ins «Mephisto», in die «Felsenburg», in die «Beach
Lounge». Und endlich, in der ersten Woche nach der Unteroffiziersschule, hat er es geschafft, sich einen Bart stehen zu lassen. Stoppeln
werden nämlich nicht geduldet, sogar beim Biwakieren werden
glatte Wangen verlangt. Wer keinen Spiegel hat, muss sich mit der
Handykamera behelfen. Der wichtigste Tip des Obergefreiten Sanchez für angehende Rekruten ist darum: Vor dem Einrücken den
Bart wachsen lassen, so kann man morgens zwei Minuten länger
liegen bleiben.
Der Zugführer – 101 Kilometer in den Knochen
Oberwachtmeister Zehnder steht derweil auf dem Schiessplatz
Breitfeld in Neuchlen vor seinen Rekruten und ruft: «Zugvorwärtsmarsch!» Hinter ihm liegen harte Wochen: Die Offiziersschule
endete mit einer Durchhalteübung, die 55 Stunden dauerte. Und
dann der Marsch: 101 Kilometer, rechnet man die Steigungen ein,
waren es 130 Leistungskilometer, es regnete ohne Unterbruch, es gab
Blasen an den Füssen, Muskelkrämpfe, Tränen, und auf den letzten
Kilometern wollte jeder nur noch nach Hause oder sterben oder
beides. Natürlich war Zehnder unter den Schnellsten, 23 Stunden
und 40 Minuten, aber Rückenweh hat er immer noch.
Während dieser langen Wochen hatte sich Zehnder darauf gefreut, zu Beginn der RS einen Zug zu übernehmen. Aber als die
neuen Rekruten anreisten, sass er in der Ausbildung. Man hatte ihm
die Fahrer zugeteilt, einen unbeliebten Zug, der erst in der dritten
Woche gebildet wird und in der neunten schon wieder auseinanderbricht. Ausserdem sind seine Rekruten nicht in der komfortablen
Kaserne Neuchlen stationiert, sondern in einer Armeeunterkunft
in Waldstatt, in die man nicht einmal Asylbewerber einquartieren
durfte: ein Massenschlag mit sieben Duschen für hundert Leute.
An diesem kühlen Herbstmorgen im November ist Oberst
Drexel zur Inspektion der Züge da. Es läuft katastrophal, die ersten
beiden Züge sind glatt durchgefallen. Dabei konnten die Zugführer
zwei Wochen lang mit ihren Rekruten üben, während Zehnder
seine Leute erst vor zwei Tagen übernommen hat. Wird es ihm
besser ergehen? Unter dem strengen Blick des Obersten lässt er sie
in Viererreihe der Schiessanlage entlangmarschieren, da passiert es:
«Richtung: rechts!» brüllt Zehnder, der Zug zögert für den Bruchteil
einer Sekunde und biegt dann links ab. Rechts ist die Wand.
Acht Monate ist Zehnder nun bei der Armee, und vor der Inspektion hat er aufgezählt, was er in dieser Zeit gelernt hat: unter vielen
Leuten zu leben, an die eigenen Grenzen zu kommen, auch bei
miesem Wetter draussen zu sein, Kameradschaft, ausserdem freut
sich seine Mutter, dass zu Hause sein Bett perfekt gemacht ist und
die Schuhe nicht nur geputzt, sondern sogar gefettet sind. Einzig bei
den beiden Schwestern muss sich Zehnder zusammennehmen – es
ist nicht leicht, am Wochenende den Befehlston abzulegen. Dann
lacht er verlegen, es sei ihm etwas peinlich, das zu sagen, weil es ein
Klischee sei: «Es ist schon eine Erfahrung, in meinem Alter vor fünfzig Leuten zu stehen und ihnen zu befehlen, was gemacht wird.»
Nach der Zugschule ruft Oberst Drexel den Zugführer zu sich:
Das mit der falschen Richtung sollte natürlich nicht passieren, sagt
er, und es wäre besser, langsamer zu kommandieren, also nicht: Zugvorwärtsmarsch! Sondern: Zug! Vorwärts! Marsch! Aber insgesamt
ist er zufrieden, in der Beurteilung bekommt Zehnder ein Gut. «Ich
wusste es schon immer», sagt der Oberst, als der Oberwachtmeister
ausser Hörweite ist, «das ist ein Topmann!»
Würde Levi Zehnder, der nicht weitermachen wollte, einem
Freund diesen Weg empfehlen? Der junge Mann zögert für einen
Augenblick, weicht aus, sagt, dass er die Frage vielleicht im Februar
beantworten könne, wenn alles vorbei sei. «Auf jeden Fall aber ist
es gut», sagt er, «dass man beim Einrücken nicht weiss, was kommt.»
FolIo 3 / 2013
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Folio 3 / 2013