Inhalt - Langenscheidt

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Inhalt - Langenscheidt
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Inhalt
Inhalt
Die Thematik in Kürze
Die Novelle »Aus dem Leben eines Taugenichts« erzählt die märchenhafte Glücksuche eines naiven Jünglings als Ausdruck der
Sehnsucht nach dem Unendlichen. Sie bezieht sich dabei auf
Themen wie Liebe, Religion und den zeitkritischen Gegensatz
zwischen Bürger und Künstler.
Eichendorffs Novelle ist exemplarisch für die Spätromantik. Ohne
Kenntnisse über Autor und Epoche liest sich der Text wie die etwas
einfältige Geschichte eines Müllerssohns, der durch die Welt irrt, bis
er die große Liebe findet. Der Taugenichts, der seine Ungebildetheit
bekennt (vgl. S. 83), äußert keine »tieferen« Überlegungen und führt
auch keine theoretischen Gespräche. Wo er sich Gedanken über die
Welt und das Leben macht, ironisiert Eichendorff seinen jugendlichen Helden (vgl. S. 34, 42) und lässt ihn unbedarft wirken. Da
seine Ich-Perspektive vorherrscht, fallen die Spuren der Themen, die
für Eichendorff wichtig sind, bei der ersten Lektüre kaum auf. Sie
erschließen sich dem Leser erst, wenn Zusatzwissen über das Weltbild
des Autors den Blick für sie schärft. Dann wird es möglich,
● die fromme Einfalt des Taugenichts als Kontrast zum aufklärerischen Rationalismus zu erfassen,
● die Beziehung Dichtung – Religion zu bestimmen,
● die Natur- und Landschaftsbeschreibungen als unrealistisch (fiktiv) zu erkennen und
● die kunstvolle Unbestimmtheit des Textes zu erklären.
Da man den literaturgeschichtlichen Hintergrund selten kennt,
wundert man sich leicht, wie unbeschwert Sprache und Handlung
der Novelle wirken. Aber auch das Wissen über Zusammenhänge
lässt ihre Leichtfüßigkeit nicht schwerfällig werden. Der Eindruck
der Naivität verliert sich, ihre Heiterkeit bleibt erhalten.
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Die Handlung in Kürze
Der Taugenichts will in der Welt sein Glück machen. Auf einem
Schloss verliebt er sich in die anscheinend verlobte Aurelie. Um sie
zu vergessen, reist er nach Italien, wird ungewollt in eine Entführung verwickelt und kann nach seiner Rückkehr Aurelie heiraten,
da nur ein Missverständnis vorlag.
Vom Vater wegen seiner Faulheit getadelt, verlässt der Taugenichts
das heimatliche Dorf, um in der Welt sein Glück zu suchen. Unterwegs spielt er Geige und singt, was dazu führt, dass ihn zwei Damen
in ihrer Kutsche auf ein Schloss in der Nähe Wiens mitnehmen.
Dort tritt er eine Stelle als Zolleinnehmer an, weil er sich in eine der
Damen namens Aurelie verliebt hat. Als er glaubt, sie sei bereits vergeben, bricht er wieder auf, diesmal nach Italien.
Unterwegs begegnet der Taugenichts zwei angeblichen Malern,
Leonhard und Guido, mit denen er die Reise fortsetzt. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Grafen mit seiner Geliebten Flora, die
als Mann verkleidet ist. Weil man ihre Hochzeit vereiteln will, befinden sie sich auf der Flucht zu dem italienischen Schloss des Grafen.
Um Verfolger abzulenken, lassen sie den Taugenichts allein in einer
Kutsche aufs Schloss bringen. Der Plan gelingt: Man hält ihn für
Flora, was zu weiteren Verwechslungen führt. Der Taugenichts versteht nicht, was jeweils geschieht, da er in den Plan nicht eingeweiht
ist. Er fühlt sich bedroht und flieht nach Rom. Dort erzählt man ihm
von einer Gräfin und er glaubt, Aurelie nun in Rom zu finden. Als
sich sein Irrtum herausstellt, kehrt er nach Österreich zurück.
Wieder auf das erste Schloss gelangt, bekommt er die Erklärung
seiner Abenteuer und kann Aurelie heiraten, die noch nicht verlobt
ist. Zur Belohnung für die unfreiwillige Hilfe schenkt ihm der Graf
ein kleines Schloss: Ende gut, alles gut.
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Inhalt
Die Handlung in Kürze
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Die literarische Gattung
Die literarische Gattung
Eichendorff
Hintergrund
hat seinen »Taugenichts« als Novelle eingeordnet,
ohne dass dadurch die Gattungszugehörigkeit endgültig geklärt
wäre.
Gängige Nachschlagewerke beschreiben diese Gattung mit folgenden
Hinweisen:
● Der Begriff »Novelle« kommt aus dem Italienischen und heißt
etwa »Neuigkeit«. In dem Wort steckt das lateinische »novus« =
»neu«.
● Eine Novelle erzählt ein ungewöhnliches Ereignis, sie bietet »etwas
Neues«. Nach einer gerne benutzten Definition Goethes erzählt sie
eine unerhörte Begebenheit. (Als besonders erzählenswert gilt auch
im Alltag das Neue, das man noch nicht/noch nie gehört hat.)
● Die Novelle ist kürzer als ein Roman und erzählt ohne Nebenhandlung auf einen Höhepunkt hin.
● Sie verwendet Gegenstände symbolisch.
Sicherlich erzählt Eichendorff etwas Unerhörtes, nämlich die erstaunlich glückliche Wanderung eines Müllerssohnes. Die Kürze trifft zu,
ebenso die Ausrichtung auf den Höhepunkt, den Schluss. Gegenstände wie die Geige oder die Pfeife werden symbolisch eingesetzt. Und
dennoch: Als Eichendorff die Bezeichnung »Novelle« wählte, konnte
er solche Merkmale nicht im Sinn haben, denn sie sind erst später
zusammengestellt worden und beziehen sich meistens auf Texte, die
im späteren 19. Jahrhundert entstanden sind. Für ihn stand die Abgrenzung gegen den längeren Roman im Vordergrund.
Allerdings ist der »Taugenichts« für eine Novelle nicht realitätsbezogen genug. Manches erinnert an das Märchen:
● das fröhliche Hinausziehen des jungen Helden in die Welt,
● die wundersamen Wechselfälle des Geschehens,
● das glückliche Ende,
● die einfache Sprache mit ihrer Vorliebe für Verkleinerungsformen.
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Die literarische Gattung
Außerdem hatten die Romantiker eine Vorliebe für Märchen. Aus folgenden Gründen:
● Sie hielten das Märchen für Volks- oder Naturpoesie. Das Volk
verkörperte für sie ebenso wie die Natur das Echte und Ursprüngliche, im Gegensatz zur Gesellschaft des 18. Jahrhunderts, die ihnen künstlich und verdorben vorkam. (Diese Gedanken gehen auf
den Einfluss von Rousseau und Herder zurück.)
● Im Märchen erfüllte sich ihre Sehnsucht nach einer Einheit zwischen realer Welt und der Welt hinter den Dingen, nach der Harmonie zwischen Diesseits und Jenseits.1
● In den Märchen sahen die Romantiker eine Bestätigung der Kraft
der menschlichen Fantasie, sich von den Einschränkungen der
Wirklichkeit zu lösen. Ohne Fantasie muss man das Gegebene
hinnehmen und entwickelt keine Ahnung der in der Realität sich
andeutenden Unendlichkeit (vgl. oben S. 27). Daher forderte Novalis: Alles Poetische muss märchenhaft sein.
Auf der anderen Seite sprechen wichtige Argumente dagegen, den
»Taugenichts« als Märchen zu bezeichnen. Der Text ist zu umfangreich für diese Gattung und er kennt die märchenhafte Ort- und
Zeitlosigkeit nicht, sondern ist geografisch und historisch eingebettet
und voller Anspielungen auf Zeitgenössisches. Vor allem die spöttisch-ironischen Elemente sind unmärchenhaft (vgl. unten S. 51ff.)
Sie geben der »Novelle« etwas Spielerisches. Der »Taugenichts« kann
also keiner literarischen Gattung eindeutig zugeordnet werden.
1 H. Moser, Sage und Märchen in der deutschen Romantik, in: Die deutsche Romantik, hrsg.
v. H. Steffen. Göttingen 1967, S. 261.
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Hintergrund
Für eine solche Zuordnung spräche, dass der Taugenichts sein Schlossleben selbst mit dem Grimmschen Märchen »Tischchen deck Dich« vergleicht (S. 53).
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Textanalyse
1. Die Hauptfiguren der Novelle
1.1 Der Taugenichts
Ist der Taugenichts ein Taugenichts?
Jung, gut aussehend und von unbeschwerter Fröhlichkeit: So stellt
Eichendorff seinen Helden dar. Kein Leser wird ihm die Sympathie
verweigern, obwohl er häufig ungeschickt und nicht mit großen
Geistesgaben gesegnet ist. Die Bezeichnung »Taugenichts« befremdet
jedoch zunächst. Wie berechtigt ist eine solche Charakterisierung?
Wer »Taugenichts« genannt wird, reagiert empört, denn er fühlt sich
beschimpft. Das Wort gehört in die Nähe negativer Begriffe wie
»Nichtsnutz« oder »Tunichtgut«. Ein Taugenichts versagt. Man denkt
an geistiges oder moralisches Versagen, meistens an einen Faulenzer.
In diesem Sinne verwendet der Müller die Bezeichnung (vgl. S. 5).
Sein Sohn taugt für ihn nichts, weil er bei der Arbeit nicht hilft, sondern in der Sonne liegt.
Interpretation
Die Reaktion des Taugenichts zeigt, dass der Vorwurf der Faulheit
nicht ganz zutreffen kann. Er akzeptiert den Rauswurf als Gelegenheit, in der Welt sein Glück zu machen (S. 5). Die Märchen-Formulierung bedeutet, dass er seinem Vater nicht mehr auf der Tasche liegen,
sondern auf eigenen Beinen stehen will. Er gibt die Bequemlichkeit
auf, die sich ein echter Faulpelz sicherlich bewahrt hätte.
Der Verlauf der Handlung bestätigt, dass der Taugenichts kein
Nichtstuer ist. Nie bettelt oder stiehlt er, nie fällt er anderen zur
Last, immer verdient er seinen Lebensunterhalt selbst. Er ist Gärtnergehilfe und Zolleinnehmer, er musiziert und sitzt einem Maler
Modell. Er tritt als Diener in die Dienste von Leonhard und Guido,
die auch den größten Teil seiner Reise finanzieren, als sie sich getrennt haben. Das Geld, das sie ihm schenken (vgl. S. 44), und der
kostenlose Aufenthalt auf dem italienischen Schloss gebührt dem
Taugenichts, weil er ungewollt die Verfolger auf sich zieht. Als es ihm
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Textanalyse
dort langweilig wird, hilft er in der Gärtnerei nach (S. 53), was der
Rolle der verkleideten Adeligen nicht entspricht, die er ohne sein
Wissen spielt. Von der Rückreise erzählt er, er habe sich unterweges
mit der Violine durchgeschlagen (S. 81f.).
Im Vergleich dazu bleiben die Indizien dafür eher spärlich, dass der
Taugenichts als Faulenzer zu charakterisieren wäre. Zwar nennt ein
Bauer ihn so (S. 29) und er selbst empfindet es als angenehm, wie
wenig Mühe er als Einnehmer hat, denn er wünschte sich schon zu
Hause, bequem wie ein Pfarrer zu leben (vgl. S. 15). Als er aber wie
ein verwunschener Prinz (S. 53) dem Müßiggang frönt, glaubt er, vor
Faulheit auseinander zu fallen (vgl. S. 54).
Allerdings parodiert der Autor mit der Fülle dessen, was das Glückshorn ausschüttet, die Fülle der Zufälle, die in den Romanen seiner
Zeit für die gewünschte Verwirrung sorgten (vgl. unten S. 54f.).
Wichtiger für Eichendorffs Sicht des Helden ist, dass der Taugenichts voll Gottvertrauen in die Welt hinauszieht. Schon im ersten
Lied drückt er aus, dass er sich ihm anvertraut: »Den lieben Gott lass
ich nur walten« (S. 6). Auch befiehlt er seine Seele Gott (vgl. S. 47,
60). Der Taugenichts ist von einer kindlichen Gläubigkeit, die
kirchlicher Bräuche nicht bedarf. Im Text ist nie die Rede davon,
dass er betet, doch nennt er selbst sein Geigenspiel eine Gabe Gottes
(S. 33). Mit dem Gesang und der Musik singt er nach dem Vorbild
der Vögel (vgl. S. 51) das Lob des Schöpfers. Seine Lebenslust spiegelt eine Welt, die als Schöpfung nach christlicher Überzeugung
eine sinnvolle Ordnung hat. Dieses Vertrauen wird gerechtfertigt,
denn die Abenteuer führen zu einem glücklichen Ende.
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Interpretation
Als Faulpelz ist der Taugenichts nicht richtig charakterisiert, eher als
Glückspilz. Er wird in der gräflichen Kutsche mitgenommen, erhält
auf dem Schloss Arbeit und trifft im Wald statt auf Räuber auf Leonhard und Guido. Unterwegs umwirbt ihn eine Dorfschönheit, in
Rom eine Adelige. Am Schluss heiratet er Aurelie und bekommt sogar ein Schloss geschenkt.