Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt

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Festschrift zum 250. Geburtstages des Dichterpastors F.W.A. Schmidt
F. W. A. Schmidt von Werneuchen Festschrift anlässlich des 250. Geburtstages des Dichterpfarrer Heimatkundliche Mitteilungen
Herausgegeben von Martin Kuban
Friedrich Wilhelm August Schmidt
Z
eitgen osse des für Wern euch en so inhaltsschweren
Geschich tsabschnittes der Franzosenherrschaft un d des deutsch en Befreiungskri eges war der Pfarrer Fri edrich Wilh elm
August Schmidt. Er selbst wurde aber auch aus m ehreren Gründen für
di e Geschichte der Stadt Wern euch en bedeutsam. Al s Gegenstand sein er
Verse trat di e Wern euchn er Heimat in di e Welt der Dich tkunst ein und
mach te so den Namen Wern euch en ü ber sein e Gren zen hinaus, allgem ein
bekannt un d er war bish er der ein zige Ortsan sässige, dessen Person in die
Geschich te eingegangen ist. Di e Beerdigung des ersten im deutsch en Befreiungskrieges gefall en en deu tschen Offi zi ers wurde zu ein em wi chtigen
sym bolischen un d h eute hi storisch en Ereignis deutsch en Anteils an der
Befreiung gegen die französisch e Unterdrückung.
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der Frühlingstag auf der Dorfpfarre
Morgens nach dem Frühstück
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
Aus dem Leben des Dicht erpfarrers
F. W. A. Schmidt wurde in der ersten Eh e sein es Vaters am 23. März 1764
in dem am Fahrlän der See gelegen en un d durch weitere Seenketten mit
der Hav el v erbunden en Dörfch en Fahrland, ungefähr 10 km n ordwestli ch
v on Potsdam geboren. Er stammte aus ein er ü ber 100 Jahre v orh er in der
Mark nachweisbaren Pfarrersfamilie. In Fisch ers Pfarrerbuch für di e
Mark Bran den burg wird als erster V orfahre Daniel Schmidt, um 1670
Prediger in Schenken dorf, danach Samuel Schmidt, 1705-1760 Prediger
in Li eben fel de, und schließlich Bernhard Dani el Schmi dt, 1748 Fel dpredi ger beim Kadetten corps in Berlin , 1751-1773 Prediger in Fahrland, Vater
unseres F. W. A . Schmi dt, genannt. Di eser Bernhard Dani el Schmidt v erh eiratete sich das erste Mal in Potsdam 1751 mi t Sophi e Sainson , Toch ter
des dortigen Stallm eisters und Reitl ehrers Fri edrich des Großen Lu dwig
Sainson , nach deren Tod ein zwei tes Mal ebenfalls in Potsdam am 15.
März 1753 mit Doroth ea Charl otte Sainson , ein er Sch wester der ersten
Frau . V on seinem Nachfolger, dem Prediger Johann An dreas Mori tz
(1774-1793 in Fahrland) ein em gewi ss ehrenwerten , aber hum orl osen
Herrn , dem im Gegensatz zu sein em großzügigen V orgänger -unseres
Di chterpastors Vater- es nicht gegeben war, das Leben l eich t zu nehm en,
stammt di e den Heimatforsch ern rühmlich bekannte „Fahrlander Chronik“. Darin gi bt er v erärgert über fehlen de Nachri chten , zumal rechneri sch er Art, ü ber wohl v erl oren gegangen e Privilegi en un d offenbar über
di e für sol che „Besprechungen“ un zugängliche Wi twe seines v erblich enen
Amtsbruders, ein bei aller Aburteilung trefflich es Bil d di eses Bernhard
Dani el Schmidt. Er kennzeichn et ihn als rechten Lan dpastor, der bei
spärli chen Einkomm en sich al s großzügiger Beh errscher des Lebens
erwi es, es si ch sel bst und anderen l ei cht machte, v oll V erständni s für di e
Bauernnatur als fröhlich er Jagd– un d Ti schgen osse das Dasein gen oss
und si ch durch An ekdoten erzählen allsei ts beli ebt machte. F.W.A.
Schmidt hat nach dem frühen V erlust des Vaters ihm wohl ein li ebes Geden ken geschen kt, aber in seinen Gedi chten wenig N oti z v on ihm gen om m en.
Sein er Mutter, Doroth ea Charl otte geb. Sainson war er bi s zu ihrem
Leben sen de in treuer Li ebe ergeben . Sie war offen bar bei dem Tode des
Eh emann es n och ein e „charmante Dam e“ v on 35 Jahren , aber dem
Pfarramtsnachfolger Mori tz recht un sympathisch wegen der gesamten
„Schmi dtsch en Koterie“. Im Wern euchn er Kirch enbuch setzte er der
Mutter ein schlich tes un d doch beredtes Den kmal, in dem er si e 1806 al s
Patin sein es Sohns Ulri ch mit den Worten ein trug „verwitwe te Frau
Pre diger S chmidt aus Berlin, des Täuflings beste Großmutte r“.
Sein er Freude ü ber deren v om Künstler Heusinger gemaltes Bil dnis gab
er in ein em di esem gewidm eten Gedi cht Ausdruck.
Der Frühlingstag auf der Dorfpfarre Mittags
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
2 Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt „Das ist sie, ja, Dank deinem Meisterstift, Der, o, so wahr, so unnachahmlich trifft! Wie reich bin ich durch deine Kunst geworden!... Wie mahnst du mich, geliebtes Konterfei, Di e geschl ossen e Freundschaft mi t dem späteren Pastor in
Döberi tz C. H. Schultze wurde dann zu l ebenslängli chem
Verkehr. Gern ri tt er nach Döberitz, v erbrachte dort vi el e
glücklich e Stunden un d widm ete dem Freund un d dessen
Gattin beson dere Gedi chte.
An jene Zeit –sie flog zu schnell vorbei‐, Da meinen Geist sie früh zum Denken weckte… Dies ist der Mund, der mir den Schlaf vertrieb, Wenn abends müd` ich mir die Augen rieb, Der Märchen mir voll Laun` und Witz erzählte, Der, als erblasst an jenem Tränentag Mein braver Vater einst im Sarge lag, Den Gram gestillt, der meine Brust zerquälte. Er blieb mit sein em Heimatdorf Fahrlan d stets
v erwachsen un d sein e Dichtkunst schil dert un s
anschaulich das v äterlich e Pfarrhaus mit dem verwitterten
Rohrdach, den v on der Zeit ausgewasch en en
Gi ebel balken , der nagelbechlagen en Tü r, dem V orgarten
mit spitzigen Staketen un d der Laube aus schrägen Latten.
… Ha ! Ich kenne dich noch, als hätt` ich dich gestern verlassen, Kenne das hangende Pfarrhaus mit verwittertem Rohrdach, Wo die treuste der Mütter die erste Nahrung mir schenkte, Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon losgewaschen, die Tür mit großen Nägeln beschlagen, Kenne das Gärtchen vorn, mit spitzen Staket, und die Laube Schräg mit Latten benagelt… Berei ts mi t 22 Jahren ordini ert, erhi elt er n och im
gl eich en Jahr di e recht schwach besoldete Stelle eines
Predigers am Invalidenhaus in Berlin. Wi e viel Liebe un d
Freundschaft er sich in di eser ersten n eunjährigen
Wirkungszei t erworben hat, geht daraus h erv or, dass der
dortige Regimen tsqu arti erm eister Knü ppel später zweimal
Pate sein er Kin der wurde un d er selbst aus der gl eich en
Umgebung am 16. September 1790 sein e spätere Gattin
Johanna Henriette Friederi cke, Tochter des Geh eimen
Kri egsrates Johann Gottfri ed Bren del h eimführte, mit der
er dann 1795 di e glücklichste Eh e schl oss. Dort wurde ihm
auch sein erstes Kin d Auguste am 14. Oktober 1795
geboren.
Können wir vorm Bänkchen an der Pforte, Dann die Erdbeer`n die wir
selbst gesucht, Oder unsrer Himbeerhekke Frucht Schmausen
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
So sch ön di e Kindh eit im elterlich en Pfarrhause
gewesen war, mit dem verhältnismäßig frühzeiti gen Tod des Vaters, der in Fahrlan d am 2. Dezem ber 1773 im Alter v on 56 Jahren starb und
den am 23. März 1764 geborenen , also kaum
zehn jährigen Sohn als Halbwaisen zurückli eß,
hatte wohl die „Großzügigkeit des El ternhauses“
ein Ende gefunden . Di e Mutter zog mit ihren fünf
Kin dern zunäch st nach Döberitz und 1775 nach
Berlin . F. W. A . Schmi dt l ern te nun währen d sei n es Aufenthal ts im Schindl erschen Wai senhaus
11775-1781 strengere Zu cht kennen , wo der
spätere, gl ei chfalls als Di chter au sgezeichn ete
Staatsrat Fri edrich August Stägemann, ein es
Uckermärkisch en Predigers Sohn und E. C. Bindemann , seine Mitschüler waren . Das Schindl ersch e Waisenhaus, 1730 in Sch ön eich e gestiftet,
war 1746 nach Berlin in di e Wilh elmstraße 9 v erl egt worden . V on hi er aus besuchte der junge
Schmidt das Gymnasium zum „Grauen Kl oster“ in
der Kl osterstraße 74. Nach dem A biturium studi erte er ab 1785 Th eol ogi e auf der Universität
Hall e. Viel e Nachrichten sind uns aus jen er Zei t
nich t erhalten , aber er war auf besch eiden e
Leben shaltung angewi esen , wi e di e Anfangszeil en
ein er poeti sch en Epi stel an seinen Hallen ser
Stu diengen ossen Ch ristian Heinri ch Schultze,
danach Pastor in Döberitz (1790-1806) erkenn en
lassen .
...Du mir teuer, seit bei magrer Krume Und beim Wasserglas der Freundschaft Band Uns umschlungen an der Saale Strand… Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt 3 
der Frühlingstag auf der Dorfpfarre der
Nachmittags Spaziergang
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
Berufung nach Werneuchen
Zum 1. Oktober 1795 wurde F.W.A. Schm idt als Nachfolger des Predigers Johann Gottlieb Ramler (1789-1794) in die zwei Gem einden Werneuchen und Freudenberg um fassende Pfarrstelle berufen. Zweimal
soll er sich noch später v ergeblich um besser dotierte Stellen beworben haben (1802 um Altlietze-Göricke, 1 804 um Fehrbellin), um sich
seinen wissenschaftlichen Neigungen besser widmen zu können. So
verblieb er bis an sein Lebensende in Werneuchen, wenn auch arm an
äußeren Gütern, so doch getragen v on herzlichen Fam ilienglück und
selbstbescheidener Naturliebe, sich seinen Gem einden in treuer Seelsorge widm end und m it ihnen 43½ Jahre hindurch die stillen Freuden des Landlebens, die Mühen des Alltages, den Ernst der Zeiten teilend.
Am 16. September 1790 hatte er in Berlin Johanna Henriette Friederike Brendel geheiratet und offenbar war diese Verehelichung lange genug verzögert worden, v ielleicht wie Frau Àlton-Rauch in ihrem Aufsatz über die Jugendheimat und die Jugendjahre Schmidts plaudert,
weil der Schwiegersohn dem Schwiegervater standes– und v erm ögensgemäß nicht recht gelegen kam oder weil der Schwiegersohn m it
seinen Ausfällen gegen die Affektiertheit der Vornehmen zu sehr angeeckt hatte.
In Berlin noch wurde dem Ehepaar als erstes Kind am 14. Oktober
1791 die Tochter Auguste geboren. In dem 1636/38 aus Fachwerk erbauten, lang gestreckten und weiträumigen, 1929 abgerissenen, Pfarrhaus Werneuchen wurden ihm zum ersten Mädchen drei Knaben:
Ernst Heinrich am 21. April 1797, Gottfried Gustav Ludwig am 9. Mai
1800 und Bernhard Ulrich am 13. April 1806 geboren.
Es zeugt für die bereits in Werneuchen geknüpften persönlichen Beziehungen und entstandenen Freundschaften, dass neben Verwandten
und Berliner Bekannten jetzt auch Vertreter der alteingesessenen
Werneuchner Fam ilien, der „Hautev ollee“ Werneuchens und der
nachbarlichen Amtsbrüder das Ehrenamt der Gevatterschaft übernahmen: Herr und Frau Bürgerm eister Schmiedecke, Herr und Frau Bürgermeister Haase, der spätere Bürgermeister Held, Herr und Frau
Amtszimm ermeister Seeger, Herr und Frau Postkomm issar Petitjean,
Herr und Frau Kaufmann Kirchner, der Zolleinnehmer Moritz (der in
erster Ehe m it einer Schwester der Frau Prediger Schmidt v erheiratet
war), Frau Prediger Wilke aus Seefeld, Prediger Arends aus Beiersdorf, Frau Prediger Mahlow aus Seefeld. Dazu taufte einmal Prediger
Arends aus Beiersdorf und andermal Probst Glörsfeld aus Bernau.
Es ist ein einfaches Fachwerkhaus mit gelben An‐
strich und kleinen Fenstern. Sein einziger Schmuck ist der geräumige Vordergiebel, der über der Haus‐
tür aufragt und neben der Tür ein paar alte Kasta‐
nienbäume, deren hohe Kronen das ganze Haus in Schutz zu nehmen scheinen. (n. Th. Fontane) 
Rümpft ihr Modegecken dann die Nasen
Dass den einz`gen Rok ich ungeputzt,
Trage, schier bis auf den lezten Fasen,
Und mein Weib mir die Perücke stutzt.
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
4 Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt Die Franzosenzeit
In der Franzosenzeit, zusammenfallend m it französischer Truppenbelegung der Pfarre, traf den Dichterpfarrer schwerstes persönliches
Leid. Am 1. Nov ember 1809 wurde seine v on ihm vielbesungene Gattin Henriette, ihm 39 Jahre alt, nach 19 Jahren glücklichster Ehe
durch den Tod infolge „Auszehrung“ (wohl Tuberkulose) entrissen.
In das Kirchenbuch schreibt er: „hinterlässt einen Ehemann und vier
minderjährige Kinder“ (KB S18). In einem seiner schönsten Gedichte
aus seinem Spätwerk „Der Trauer um geliebte Tote gewidm et“ (1815)
ruft er ihr wehmütig nach:
„Spricht die Geisterlippe zwar hienieden, Kein vernehmlich Wort mir für mein Leid, Dennoch bist du mir nicht ganz geschieden, Denn dich hemmen weder Raum noch Zeit. O, dein Mitleid meinem Gram geweiht, Flößt a llmählich in dies Herz den Frieden, Mein gedenkend bist du mir nicht weit, Kühlest sanft die Stirn dem Reisemüden. Geist der treuen Obhut, ohne dich, Ginge nie, in Staub geworfen, ich, Sieggekrönt hervor aus diesem Streite! Geist der treuen L ieb`, umschwebe mich! Bis zum Ziele lass an meiner Seite, Nahe lass mich a hnen dein Geleite!“ Past or Schmidt v erheiratete sich dann zum zweiten Male am 16. Mai 1811 m it der damals 35 jährigen Marie
Friedericke Vogel, Tochter des Predigers Christlieb Vogel zu Danewitz (zum gleichen Kirchenkreis Bernau gehörig) und konnte m it ihr noch nahezu 27 glückliche
Ehejahre v erbringen.
Jedoch im vaterländischen Schicksalsjahr 1813 musste
er sein Lieblinssöhnchen Bernhard Wilhelm Ulrich am
27. September im Alter v on 7 ½ Jahren an „häutiger
Bräune“ (Diphtherie) v erlieren (KB,S.28) und 8 Jahre
später im Sommer 1821 erfahren, dass sein soeben m it
21 Jahren v olljährig gewordener Sohn Gottfried Gustav
Ludwig am 22. Juli auf Besuch in Danewitz (bei den
Eltern der Stiefmutter) beim Baden ertrunken sei. Am
26. April 1838 wurde er im Alter v on 74 Jahren selbst,
v on seinen Gemeindemitgliedern und weitem Bekanntenkreis geschätzt, v om König durch den Roten Adlerorden ausgezeichnet, plötzlich um „9½ Uhr vormittags“
durch ein „hitz iges gasterisch-nervöses Fieber“ 74 Jahre alt hingerafft, nachdem er noch in v oller Rüstigkeit
am Karfreitag (ungefähr 14 Tage zuv or) seine letzte Predigt über Luk. 24, 29 „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget!“ gehalten
hatte.
Ein m edaill on förmiges Bru stbild im Märki sch en Mu seum zu Berlin zeigt uns F. W. A .
Schmidt nach lin ks gewendet, das Antlitz
zu Dreivi ertel dem Beschau er zugekehrt,
Jemand trägt unter Todesursache zuerst
„Altersschwäche“ in das Werneuchner Kirchenbuch
ein. Prediger Mayerhoff streicht später diesen Eintrag
und bem erkt: „Nota, Abänderung in der Rubrik Krankheit woran er gestorben is t, aufgrund des ärz tlichen
Zeugnisses Strausberg 16. August der fundiert beurkundet, dass der Verstorbene nicht an Altersschwäche
gestorben ist, sondern vielmehr in voller Rüstigkeit
und Kraft sein Predigeramt hier und in Freudenberg
noch gehalten hat“. (KB S68).
Pas tor Schm idt wurde, wenige Schritte v om Petitjeanschen Erbbegräbnis entfernt, an der Seite seiner Gattin
und zu Häupten seines jüngsten Söhnchens Ulrich beigesetzt und das eiserne Grabkreuz inmitten alter Eisenum friedung weist noch heute daraufhin, dass dort unter
dem Efeuhügel der Dichterpastor Schmidt v on Werneuchen nunmehr etwa 180 Jahre ruht.
Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt 5 Gemälde“ 1798, „Almanach für Verehrer der Natur,
Freundschaft und Liebe auf das Jahr 1801 und den
„Almanach der Musen und Grazien“ 1 802. Daneben
erschienen seit 1794 noch m ehrmals Sonderdrucke seiner Gedichtssammlungen, so „60 Gedichte“ 1794
(Berlin, C. Spener), „Gedichte, m it Kupfern und Musik“
1795 (Berlin, Haude und Spener), ebenfalls „Gedichte,
mit Kupfern und Musik“ 1797 (Berlin, Haude und Spener), „Rom antisch-ländliche Gedichte, m it Kupfern und
Musik“ 1798 (Berlin, Wilhelm Oenigke d. J.). Immer
wieder überrascht die sorgfältige, v ornehme Ausstattung, v or allem –wie bereits die Buchtitel besagen– der
Schmuck durch Kupferstiche, m eist v on der Hand Daniel Chodowieckis, und sogar die Notenwiedergabe der
Vertonung einzelner Lieder durch die Kom ponisten
Köllner, Seidel und besonders I. F. Reichardt.
Es sind 4 bzw. 5 Sonderdrucke: 60 Gedichte 1794, Gedichte m it Kupfer und Music 1795, desgleichen 1797,
Rom antisch-ländliche Gedichte m it Kupfer und Music
1798.
Nach 1 802 ließen offenbar eigene Lebensenttäuschungen, der Druck der Franzosenzeit, Tagessorgen und
persönliche schmerzv olle Verluste seine dichterische
Ader v ersiegen. Nur 1815 erschien noch ein kleines
Bändchen als Ausklang: „Neueste Gedichte, der Trauer
um geliebte Tote gewidmet“ (Berlin und Leipzig).
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Lebenswerk
Seine dichterische Tätigkeit beschränkte sich im wesentlichen auf die Jahre 1787 bis1 802, war aber v on
erstaunlichem Umfange. Die Jahre v or und kurz nach
seiner Verheiratung bilden die
Epoche seines frischesten poetischen Schaffens. Seine ersten
Dichtungen erschienen als Beiträge in den damaligen
„Almanachen“, so in der
„Göttingischen Blumenlese“ 1787,
im „Vossischen Musenalmanach“
1789-1790, im Jördenschen
„Berliner Musenalmanach“ 1791 –
1792, in der „Berlinischen Monatsschrift“ 1791-94, in Wielands
„Deutschem Merkur“ 1793 und in
Meißners „Apollo“ 1794. Gleichzeitig begann er m it E. C. Bindemann eigene Sammlungen herauszugeben: den „Neuen Berliner Musenalmanach“ 1794, der
v on 1793 bis1797 erschien. Die
Jahrgänge 1793 bis 1795 erhielten
bei einer Neuausgabe den Titel:
„Auserlesene Früchte des Parnasses“. Die Jahrgänge 1796 bis 1797
erschienen unter dem Titel:
„Kalender der Musen und Grazien“, 1795 und 1796, „Gedichte
der Freundschaft, dem Scherze
und der Liebe gesungen“ 1797,
„Almanach romantisch-ländlicher
6 Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt Eine Zusamm enstellung seiner Werke erfolgte 1 889
durch Professor Ludwig Geiger unter der Aufschrift
„Musen und Grazien in der Mark, Gedichte v on F.W.A.
Schmidt“ in der Sammlung Berliner Neudrucke, herausgegeben v on L. Geiger, B.A. Wagner und G. Ellinger, Band I.4 (Berlin, Gebr. Paetel), eine Reihe v on Heimatgedichten wurden auch später durch L.H. Schneider im „Archiv der Brandenburgia, Gesellschaft für Heimatkunde der Prov inz Brandenburg“, 8. Band, Berlin
1901 veröffentlicht; und schließlich brachte noch der
„Sammeltisch deutscher literarischer Seltenheiten in
kleinen Ausgaben, herausgegeben und bearbeitet v on
Christian Kraus“ im 3. Band 1940 eine Auswahl unter
dem Titel „Friedrich Wilhelm August Schmidt v on Werneuchen: Aufs Land! Aufs Land! Ländliche Gedichte“ (Leipzig, H.H. Kreisel).
Gesammelt gab Schmidt seine „Gedichte“ 1797 heraus.
Da ss der Verleger Nicolai sich etwas dav on v ersprach,
beweisen die Kosten, die er auf sich nahm, das Buch
besonders hübsch auszustatten. Er ließ v on dem bedeutendsten Illustrator der Zeit, Chodowiecki, Kupfer zu
einzelnen Gedichten stechen und dem Buche beigeben.
Darunter finden wir einige, die zu den schönsten des
Künstlers gehören.
In treffender Selbstbeurteilung sagt F.W.A. Schmidt im
Vorwort zum Sonderdruck seiner Gedichtssammlung
1797: Diktion, Versbau, Bilderwahl usw. in diesen Gedichten machen zwar nicht den geringsten Anspruch
auf Neuheit, wohl aber die m eisten Gegenstände, die
ich poetisch zu bearbeiten versucht habe. Und diese
sind: sim ple, kunstlose Naturszenen. Unv erschönerte,
wilde ländliche, gemeine Natur ist m eine Göttin. Ich
bin weit entfernt, m it irgend einem unserer Dichter v on
Wert m ich m essen zu wollen; aber das glaube ich m it
Wahrheit behaupten zu können: dass selbst v on schätzbaren Dichtern die Natur selten wahr kopiert worden
sei. Man hat an ihrer Einfalt gekünstelt. Solche Verschönerungen wird man in diesen Blättern zwar v ermissen, keine Vergleichungen ihrer Reize m it Gold, Silber u. dgl. m . darin antreffen; aber dem ohngeachtet
hoffe ich m ein kleines Publikum zu finden….“
Und damit kennzeichnet Schmidt treffend die Eigenart
seiner Dichtkunst ganz in ihrer Stärke und in ihrer
Schwäche. Mit Behaglichkeit und der Lust zu gemächlichen Plaudern schildert er in unverfälschter Treue und
sorgsamer Kleinmalerei das v on ihm innig geschätzte
Leben der Mark, wie es sich in Kleinstadt und auf dem
Dorf in ungestörten Frieden abspielt, das Glück häuslicher Zufriedenheit zärtlich liebender Eheleute, Eltern
und ihrer Kinder, den Wechsel der Jahreszeiten m it
Frühlingsblühen, Somm erhitze, Herbststürm en und
Winterabenden. Er besingt sein Heimatdorf Fahrland
und das elterliche Pfarrhaus, Potsdam und Spandau,
Ütz und Döberitz, Tegel und Reinickendorf, die Jungfernheide und den Wedding, sein Werneuchen, Garten,
Feld und Flur. Er lässt uns leibhaft teilnehm en an Verlobung und Hochzeit, Geburtstagsfeier und Weihnachtsbescherung.
Ein Reichtum dichterischer Motiv e erschließt sich ihm
aus den v ermeintlich unscheinbaren, v on ihm doch als
Gottesgeschenk em pfundenen Kleingebilden und Alltagsdingen, aus allem , was sein scharf beobachtendes
Künstlerauge erhascht, sein weltoffener Sinn erkennt
und sein für die Natur schwärmendes Herz entdeckt. Es
sprudelt ihm zu aus der unerschöpflichen Fülle des ihn
umkreisenden Lebens. Ihn freut, und das sei gern im
Gegensatz zu manchen griesgrämigen Literaturgeschichtlern betont „des Grabens Entengrün“; er übersieht in der Kirche nicht :
„des Altars Decke, wo die Motte kreucht, die schwarzen Spinngewebe, die der Küster selbst mit dem längsten Kehrwisch nicht e rreicht“ Launisch spricht er v om Waschtag, v om Sand in beiden
Schuhen, v om Froschgequak und Küchleinziepen. Nur
für das Stadtleben hat er wenig übrig: Wie dem unver-
der Frühlingstag auf der Dorfpfarre die Wasserfahrt, abends!
Kupferstich von Chodow iecki, 1795
derbten Lande sein Preis, so gilt sein Groll der großen
Welt m it ihren Gesellschaften und Schwelgereien, ihrem Aufputz und Tand. Unerbetenen städtischen Besuchern, die nur die Neugier in seine Pfarre lockt und die
ebenso oberflächlich wie rührselige Begeisterung für
seine Umgebung zur Schau tragen, wünscht er, dass
Regenbäche, Unwetter oder Radbruch ihren Weg hem men m öchten.
In dem Versuch, Sonette und Balladen zu fertigen, überschätzt er sein Können und bei seinem freimütigen
Wesen tut er recht daran, dass er sich trotz seines Standes nicht an der Schöpfung religiöser, das Innerste der
Menschenseele enthüllender Lieder wagt. Seine Begabung wies ihn auf die beiden Richtungen, die man in
der Literaturgeschichte als die „idyllische“ und die
„elegisch-sentimentale“ bezeichnet. Die erstere, hauptvertreten durch Johann Heinrich Voß (1751 -1826) widmet sich der ausspinnenden Darstellung ländlicher
„patriotischer“ Verhältnisse, eines Lebens der Selbstgenügsamkeit und Sitteneinfalt, das m ehr einem Wunschbilde als der Wirklichkeit entspricht, und bedient sich
dabei eines gleich fließenden Rhythmus durch m öglichst schlichter Wendungen; die letztere, hauptv ertreten durch Friedrich v on Matthisson (1761-1831) widmet
sich der lehrhaften Schilderung v on m eist in gehäuften
Einzelheiten wiedergegebenen Gefühlsbestimmungen
und Naturerlebnissen und bedient sich dabei besonders
Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt 7 das mit Recht, und doch hätte man sich nicht über ihn lustig machen können, wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hatte, das wir an ihm zu ehren haben“. Aufs Land ! Aufs Land! Gedichte von
F. W. A. Schmidt, Herausgegeben 1940
gewählter Form en und Worte. Und in der eigentüm lichen Verbindung beider Gattungen ist F.W.A. Schmidt
wahrhaft ein Dichter, uns ein liebenswürdiger Freund,
der uns für die kleinen Schönheiten und bBescheidenen
Freuden märkischer ländlicher Heimat die Augen öffnet und das herz warm macht. Freilich hat er auch die
Gefahren solcher Dichtkunst nicht imm er v ermieden,
manchmal m issachtet er die Grenzen, die zwischen Poesie und Malerei bestehen, und sein v erweilendes Stillehalten wird zu ermüdender Langatmigkeit, sein Versgestalten zu Wortreimereien; oft droht er v om Einfachen ins Platte abzugleiten und greift in seiner Zwanglosigkeit zu einem Ausdruck, der dem feinnervigen Hörer die Stimmung zerreißen will– der Volkskundige v erspürt darin zugleich den rauen Erdgeruch und den
nüchternden Wahrheitssinn des Landes und fühlt sich
um som ehr in das Wirklichkeitsbild des Gem äldesv ersetzt. Seiner reinen Zuneigung für das Ländliche wollen
wir es auch zugute halten, wenn er „des Städters Unkultur“ ein wenig aufbauscht.
Aber es kann nicht wundernehmen, dass bei der damaligen Hochblüte deutscher Poesie Schmidts Werke zunächst m ehr Ablehnung und Tadel als Zustimmung und
Anerkennung fanden. Der allgewaltige Dichterfürst
Goethe schüttete Spott v on seinem Tron über die
„Musen und Grazien in der Mark“ herab. Doch im
Nachlass Goethes findet sich auch ein Blatt m it folgenden Worten:
„Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der Na‐
türlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht, und 8 Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt Auch andere Größen seiner Zeit, wie A. W. Schlegel im
„Athenäum“, Thieck und verschiedene Literaturgeschichtler v ermeinten es Goethe in der Verdammung
gleichtun zu müssen. Neben der breiten Lesermenge
wagte der Dichter und Kritiker Wieland es als einer der
ersten, Schmidt Beifall zu zollen. Auch Goethes Freund
K. F. Zelter fand freundliche Worte für ihn. Später erkannte der Germanist Jacob Grimm besonders seine
dichterische Begabung an und v or allem war es der
„Wanderer durch die Mark“ Theodor Fontane, der
Schmidts herv orragende Bedeutung für die poetische
Er schließung der märkischen Schönheit herausstellte
und ein aufrechter Fürsprecher für den Dichterpastor
wurde. Zählte er schon bei Lebzeiten einen großen Leserkreis, dessentwegen die Verleger weder Mühe noch
Aufwand in der Ausstattung seiner Werke scheuten, so
hat man ihn v on Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer m ehr
zu schätzen gelernt.
Die heimatkundlichen Vereine der Mark Brandenburg,
Berlins und der Umgebung gehörten zu seinen treuesten Anhängern und suchten noch bis in die Mitte des
20. Jahrhunderts sein Grab auf, Das waren der Verein
für die Geschichte Berlins, Verein für die Mark Brandenburg, Willibald-Alexis-Bund, Mark-BrandenburgVerein, Verband Märkischer Wandervereine, Verein
Brandenburgia, Landesgeschichtliche Vereinigung für
die Mark Brandenburg, Verein für die Kirchengeschichte der Mark Brandenburg, Heimatkundliche Vereinigung Oranienburg und Umgebung, Verein für die Heimatkunde Strausbergs und seiner Umgebung sowie der
Klädenverein der Schindlerianer. Zur Enthüllung der
Gedenktafel 1933 haben hier ihre Vertreter und nam hafte Kenner Anlass genommen, trotz der damals politisch bewegten Zeiten nach Werneuchen zu komm en
und ehrende Ansprachen zu halten: Universitätsprofessor Dr. Poppe, Prof. Mielke, Prof. Dr. Kiekebusch, Studienrat Dr. Kügler, Pfarrer Wendland und der Kreishistoriker Rudolf Schmidt aus Eberswalde.
Di e Märker lieben es, hin ter ironisch en Neckerei en ihre Liebe zu v erstecken , un d während si e
nicht müde werden ü ber die eigen e Heimat, ü ber
die „Streusandbüchse“ un d di e kahlen Plateaus,
die „nich ts als Gegen d“ sind, di e spöttischsten
und übertriebensten Bemerkungen zu machen ,
h orchen si e doch mit innerli cher Befri edigung
auf, wenn jemand den Mut hat, für „Sumpf un d
Sand“ und für die Sch önh eit des märkisch en
Föhrenwal ds in die Schranken zu treten . Un d
dies hat Schmidt v on Wern euch en ehrlich getan .
Er tat es zuerst und tat es immer wieder. Sein
ganzes Di chten, Kl eines und Großes, Gelungenes
und Misslungenes, einigt si ch in dem ein en
Punkte, dass es ü berall di e Li ebe zur Heimat atm et und di ese Li ebe wecken will. Un d deshalb
ein Hoch auf den alten Schmidt v on Werneu ch en !
Th eodor Fontan e
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Die Schmidtschen Kirchenbücher
Für seine Sinnesart gehen aus allen v orliegenden
Zeugnissen einhellig Lauterkeit und Güte, Wahrhaftigkeit und niem als v erlet zende Offenheit als bestechendste Eigen schaften herv or, wie aus seinen eigenen Werken so aus seinen m annigfaltigen Zusätzen
zu den Kirchenbucheintragungen, aus den durch
Fontane wiedergegebenen Berichten der Zeitgenossen und des ältesten Sohnes Schm idts und aus den
durch den Werneuchner Pfarrer Hermann Boit
(1874-1921 ) gesamm elten Mitteilungen ehemaliger
Kon firm anden des Dichterpast ors. Da erhalten wir
Einblick in die m ittragende Seele des Seelsorgers.
Er deutet den Vater eines am 25. Nov em ber 1 808
geborenen unehelichen Kindes v erschäm t in lateinischer Sprache als französischen Soldaten an: „Pater
dicitur fuisse m iles Franco-Gallicus n om ine Roux“,
der Vater soll ein französischer Soldat nam ens Roux
gewesen sein.
Von einem am 18. Februar 1 813 m ittags 12 Uhr geborenen Kinde: „ Dieses Kind ist unter dem Donner der
Kan onen, unter großer Angst der Mutter geboren, da
die Franzosen m it den russischen Kosaken auf unsrer Feldm ark scharmutzieren“.
Er berichtet v on dem ungeheuerlichen Kleinkinder sterben an Kräm pfen, Röteln, Ma sern, Stickhusten
und v or allem v on 1 805 bis 1 809 an
„ Menschenpocken“, was ihn zuerst zu der harten
Feststellung nötigt: „Die Eltern haben die Einim pfung der Schutzblattern böswillig unterlassen“, spä ter zu der entrüsteten Bem erkung v eranlasst:
„Pudeat omnino parentes, salute liberorum tam
negligenter con suluisse“, es sollten sich die Elt ern
geradezu schäm en, derart nachlässig sich um das
W ohl ihrer Kinder gekümmert zu haben und ihm zu-
let zt noch ein resignierendes „Leider!“ abzwingt.
An anderer Stelle glauben wir wiederum den bitteren
Groll fruchtloser Verm ahnungen zu h ören, wenn er
1813 bei dem Tode eines 49jährigen Junggesellen
unv erblümt und lapidarisch als T odesursache angibt:
„ Besoffenheit“ (KB S26).
Älteste Stadtansicht Werneuchens. Blick aus Richtung des heutigen neuen Friedhofs auf die Stadt im Jahr 1848. Dieser
Flurteil trug früher den Namen „Stienitz“. Im Vordergrund rechts die Wegendorfer Straße und die Holländer Windmühle
des späteren Besitzers, Mühlenmeister Franz Thürling.
Links im Hintergrund der alte Kirchturm, der zum Neubau der Kirche im Jahr 1874 abgerissen wurde. Eine Akte aus dem
Jahr 1700 gibt Auskunft: „Die Kirche ist vom Altar herunter bis zur Kanzel gewölbt, das Übrige ist eingegipster Boden.
Das Hauptbild auf dem Altar ist die Haltung des Abendmahls zwischen vier mit vergüldetem Laubwerk umwundenen
Säulen. Darüber wird Christi Auferstehung und über dieser dessen Himmelfahrt vorgestellt“.
Der Glockenturm der Kirche wurde unter Pfarrer Samuel
Fabricius 1718 neu errichtet. Weil es an Geld fehlte,
wurde er: „von Grunde auf mit Holz aufgebaut und über
dem Mauerwerk noch ein Stockwerk aus Holz, darin drei
schöne Glocken hängen, darauf gesetzt, worauf eine
Spitze mit einer Durchsicht und Spindel bedeckt
gestanden“. Die Taufe wurde 1717 „wegen Platzmangel“
abgeschafft und dafür ein „schwebener Taufengel“
angeschafft.
Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt 9 Wie Past or Schm idt neben dem „Dur“ auch das
„ Moll“ in seiner Kirchenbuchsprache beherrschte,
em pfinden wir auch bei einer Patenbenennung seiner Mutter als „v erwitwete Frau Prediger Schm idt
aus Berlin, des Täuflings beste Großmutter“, seiner
eigenen Tochter als „Jungfer Auguste Schm idt,
pa storis filia dilectissim a“ (des Past ors teuerliebste
T ochter).
Aber er scheut sich, die v ielen Zeilen, die er den T odeseintragungen seiner er sten Gattin 1 809 und des
jüngsten Sohnes 1 813 beifügte, der Nachwelt preiszugeben und durchstreicht sie später so sorgfältig,
da ss aus Pietät eine chem ische Entzifferung bis heute
unterlassen wurde.
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Amtsführung
Über seine Am tsführung wird uns berichtet, dass seine Gem eindem itglieder stets in Ehrfurcht zu ihm
em por sahen. Wenn er durch die Straßen schritt,
standen die v or ihren Häusern sitzenden Leute auf
und die Kinder gingen still am Pfarrhause v orüber.
Ihm selbst war v on Her zen daran gelegen, den Frieden in seinen Gem einden zu erhalten, und zeitlebens
stand er in bestem Einv ernehm en m it seinen Pfarrkindern in Werneuchen und Freudenberg. In seinen
Pr edigten v erstand er die Hörer so zu fesseln, dass
die Kirche in der Regel gedrängt gefüllt war. Für die
Nachbargem einden Beiersdorf, Löhm e und Seefeld
war es ein festliches Ereignis, wenn er dort zur Vertretung erschien. Über seine Gabe zu tr östen erzählte
noch eine 90 -jährige Greisin jenem Pfarrer Boit, da ss
sie früh v erwaist an den Gräbern ihrer Eltern weinend durch Schm idt v om angrenzenden Pfarrgarten
her m it den W orte Joh. 1 6,22 gegrüßt worden sei:
„ Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich
freuen und eure Freude soll niemand v on euch nehm en“, die selbe Schriftstelle, die auf der Rückseite
Grabmal von F. W. A. Schmidt, Prediger zu
Werneuchen und Freudenberg (geb. 23. März 1764,
gest. 26. April 1838), Verlag von Franz Schulz,
Werneuchen, 1909
seines eigenen Grabkreuz aufgeschrieben ist.
Bestes Verständnis v erband ihn m it der Jugend.
Nach Angabe Boits behandelte er im Konfirm anden unterricht gern biblische Geschichten, er zählte sie
anschaulich und ließ sie dann v on den Kindern zu
Hause in einem Heft niederschreiben und am Kon firm ation stag in Auswahl wiedergeben. In den Freistunden wanderte er m it ihnen oft durch die Felder,
hatte stet s gefüllte Ta schen für sie und schüttete in
den Jahren guter Obsternte durch das dem Schulhofe zugewandte Giebelfenster des Pfarrhauses einen
Korb v oller Äpfel für die Jugend in den Unterrichtspausen aus.
Seinen Freunden war er ein treuer Helfer und pflegte
jeder Geselligkeit hold, lieben Verkehr m it seinen
Kirchenältesten und v or allem m it seinem Küster
Friedrich Bienicke und den Nachbargeistlichen.
Für die Arm en hatte er eine offene Hand. Den Kutscher der ihn nach Freudenberg fuhr, bedachte er
regelmäßig m it Tabak.
Ansicht der „alten Kirche“ hinter der
Mauer des Kirchhofs. (Skizze von T. Fontane,
etwa 1862)
10 Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt Pr ediger Schmidt (1795-1838) möchte
die Filialen Krummensee, Löhme und
Seefeld nach Werneuchen verlegen.
Seine kgl. Majestät wollt e auf die Absicht des
Pr edigers F. W. A Schm idt betreffend der
Verlegung der Pfarre Seefeld nebst der Filiale
Krumm ensee und Loehm e nach Werneuchen
ein Gutachten geben. Man wendet sich
deshalb direkt an Joachim Friedrich Wilcke,
„Prediger zu Crum ensee und Loehm e“, der m it
Schreiben v om 25. März 1 800 wie folgt
Stellung nahm : „ Die Pfarre Seefeld (nebst der
Filialen Crummensee und Loehm e) ist eine
Stelle, die ihren Prediger ernähren kann.
Warum soll man so ungerecht gegen Patron
und Gem einde handeln und ihnen ihren
eigenen Lehrer nehm en, den sie in der Nähe
haben und bei dem sie sich fa st täglich Rat
und Trost holen k önnen, der die Schulen
täglich besuchen kann und der selbst
Unterricht zu geben Zeit und zu leisten bereit
ist. Der Prediger Schm idt, der wie er selbst in
seiner Vor stellung angibt, jetzt schon eine
schwache Lunge hat, wird dies für die
gegenwärtige Zeit nicht leisten k önnen und
bei seiner Schwächlichkeit n och v iel weniger
für die Zukunft …“ Ein ähnlich gefasster Brief
erg eht am selben Tag aus Seefeld
unterschrieben v on nicht weniger als 20 dort
ansässigen Bürgern.
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Familienleben
V orbildlich war sein Fam ilienleben und sein höchstes Glück war: Frau und Kinder glücklich zu sehen.
Sein Sohn schrieb an Fontane: „ Das Weihnachtsgefühl, die hohe V orfreude des Festes in uns zu weck en, v erstand er v ortrefflich. Er tat es in lockerer
die Einbildungskraft anregender Weise, teils durch
T öne v on Kinderinstrum enten, t eils durch Proben
v on W eihnachtsg ebäck, welches v on bepelzt er
Hand durch die knapp geöffnete und im Hui wieder
geschlossen e Kin der stube g eworfen wurde. Ließ
einm al Knecht Ruprecht gar nichts v on sich h ören
und sehen, so baten wir singend an der h offnungsreichen Pforte um sein Erscheinen und seine Ga ben. Waren wir artig g ewesen, so gewährte er; andernfalls prasselten Nu ssschalen oder faule Äpfel
durch die Türöffnung herein“.
Die Geburtstagsfeiern wurden, soweit es Jahreszeit
und W itterung zuließen, festlich im Walde began gen. Und hier, in seinem Verhältnis zu Gottes wunderschöner Natur schauen wir ganz der Seele des
Dichterpa st ors auf den Grund. Ihr schenkte er sein
Lied und seine Liebe und am Gam engrund v erbrachte er in Gem einschaft v on Verwandten und
Fr eunden die sch ön sten Stunden.
Nach liebenswerter Schilderung Fontanes hatte
Past or Schm idt den Pfarrgarten zu einem Schmuck stück des Ortes um gestalt et. Der Garten lag unm it -
telbar hinter dem Hause, rechts v on der Kirchhofsm auer, über die Grabkreuze hinwegragten, links
v on Nachbarsgärten eingefasst und nach hinten
ging der Blick ins Feld.
Ein e Sehen swürdigkeit für die Besucher waren die
Fliederlauben, die Blühdornhecke, die Schneeballgruppen und die Holundersträucher und die ein säum enden rot en und weißen Rosen, wenn der Besu cher aus der geräum igen Küche m it ihren blank
gescheuerten Kesseln in den unm ittelbar dahinter
gelegenen Garten eintrat.
Der dortige Birnbaum m it über 3 m Um fang in 1 m
Höhe war als ältest er Birnbaum der Mark geradezu
ein Wahrzeichen W erneuchens und fiel etwa 1 920
der Zeit zum Opfer. Der gr ößte Schm uck des Gar ten s aber waren seine v ier Lauben. Drei dav on, die
dem Hause zunächst lagen waren Fliederlauben, in
denen je nach der Tageszeit und den Stand der Sonne, der Besuch em pfangen und der Kaffee getrunk en wurde, die v ierte dagegen, die m ehr ein e h ohe
kreisrunde Blühdornhecke, als eine eigentliche
Laube war, erh ob sich auf einer k leinen Anhöhe am
äußerst en En de des Gartens und führte den Nam en
„Sieh dich um“. In diese Heck e waren kleine Fen ster öffnungen eingeschnitten, die nun, je nachdem
m an seine Wahl traf, die r eizen dst en Aussichten auf
Kirchhof, Gärten oder blühende Felder gestatteten.
Rote und weiße Rosen fa ssten überall die Steig e ein,
eine der Lauben aber, und zwar die, die sich an die
Kirchhofsmauer lehnte, führte den Nam en
„Henriett es Ruh“.
In diesem Garten arbeiten war unser es Freundes
Lu st. Mit einer Art v on Befriedigung pflegt e er sich
aufzurichten und seinem Sohne zuzurufen: „Heute
tut m ir der Rücken weh v om Bücken“. Hühner und
Sperlinge v om Garten abzuhalten, war die stet s
gern erfüllte Pflicht der Kinder.
Schm idt war nicht geschäft stüchtig. Gleichwohl
m achte er sich auch selbst nicht zum Landwirt. Die
ausgedehnten Pfarr- und Kirchenländereien gab er
leichtfertig dem Postm eister Petit jean in Erbpacht,
weil er, wie er sagte nicht „v erbauern“ wollt e. Er
brachte m it dem Vertrag aber seine Kirchengem einde um den gesam ten Landbesit z, nachdem er
im Zuge der Separation durch Kauf abgelöst wer den m usste. Aber wenn er auch sein e Ehre und seine Aufgabe darin set zt e, nicht selbst Bauer zu wer den, so liebt e er doch die Landleute sehr und
sprach gern und eingehend m it ihnen. Tief v ersenk te er sich in die k lassischen Dichter, eifrig la s er den
griechischen Hom er und den lateinischen Vergil,
zum al dessen Hirtenlieder, die „ Buk olika“. Beson ders schätzt e er als den gr ößten Dichter aller Zeit en
Shakespeare. Und seiner Verehrung für Goethe
k onnte selbst dessen Spott nicht Abbruch tun: seinen eig enen Kindern prägte er m it V orliebe dessen
Gedichte und Balladen ein. Er nahm nicht übel und
war selbst für neckenden Scherz. Er beschneidete
sich gern, der erst e Sänger märkischer Sch önheit
gew orden zu sein: Der Di chterpast or Schmidt
v on Wern euchen!
Werneuchen ‐ F. W. A. Schmidt 11 Friedrich Wilhelm August Schmidt
(v on 1795 bis 1838 Pfarrer in Werneuchen)
Mit kgl. Schreiben aus Berlin v om 4. Dezem ber 1794 wurde F. W. A.
Schm idt die durch das „Absterben des Prediger Ram ler erledigte Prediger stelle zu Werneuchen dem bisherigen Feldprediger am hiesigen Invaliden Hause k onferiert“. Schm idt stammte aus einer über 1 00 Jahre alten Pfarrersfam ilie. Er wurde am 23. März 1764 in dem am Fahrländer See gelegenen Dörfchen Fahrland, ungefähr 1 0 km nordwestlich v on Potsdam , als
Sohn des dortigen Prediger s Bernhard Daniel Schm idt (für die Orte Fahrland, Paretz und Sacrow) geboren. Durch den frühen Tod des Vaters musste er m it 1 0 Jahren das Elternhaus v erlassen und kam 1775 nach Berlin in
da s Schindlersche Waisenhaus. Von dort besuchte er 1781 das Berliner
Gym nasium zum „Grauen Kloster“ und studierte danach ab Ostern 1783
Theologie auf der Univ ersität Halle. Im Herbst 1785 v erließ er die Univ ersität und wurde sogleich v om 15 . Septem ber 1785 auf eine Lehrerstelle am
Pot sdam er Militärwaisenhaus berufen. Bereit s m it 22 Jahren ordiniert,
erhielt er n och im gleichen Jahre 1785 die m ehr als schlecht besoldete
Stelle eines Feldpredigers am kgl. Inv alidenhaus in Berlin. Wie v iel Liebe
und Freundschaft er sich in dieser erst en 9-jährigen Wirkungszeit erwor ben hat, geht daraus herv or, da ss der dortige Regim entsquartierm eister
Knüppel später zweim al Pate seiner Kinder wurde und er selbst aus der
gleichen Umgebung am 16. Sept em ber 1790 seine spätere Gattin Johanna
Henriette Friedericke, T ochter des Geheim en Kriegsrates Johann Gott fried Brendel, heim führte, m it der er 1795 die glücklichste Ehe schloss.
Dort wurde auch sein erstes Kind, Auguste, am 1 4. Oktober 1791 geboren.
Am 29. Nov em ber 1786 ist er nach v orangegangenem „exam ine rigor oso“
zum Feldprediger an die Garnisonskirche zu Potsdam ordiniert worden.
Nachdem ihm v on seiner kgl. Majestät die Pfarre Werneuchen im Jahre
1794 angeboten wurde, ist er da selbst am 20. Septem ber 1795 v on dem
Pr opst aus Bernau, Inspektor Glörfeld, in die, die Gem einden Werneuchen
und Freudenberg um fassende Pfarrstelle als Nachfolger des Prediger s Johann Gottlieb Ram ler (1789-1794) eingeführt worden. Er v erblieb nach
den zweimal fehlgeschlagenen Bewerbungen um eine besser ausgestattete
Stelle (1802 um Altglietze-Göricke, 1804 um Fehrbellin), dam it er sich seinen wissenschaftlichen Neigungen besser widm en k onnte, in Werneuchen
bis an sein Leben sende. In seiner Pfarre wurden ihm zum ersten Mädchen
drei Knaben: 1 . Ernst Hinrich am 21 . April 1797, 2. Gottfried Gustav Ludwig am 9. Mai 1 800 und 3. Bernhard Ulrich am 13. April 1 806 geboren.
Friedrich Wilhelm August Schm idt, der Dichterpfarrer, war Ritter des Roten Adler ordens 4. Klasse, starb am 26. April 1 838 und wurde auf dem
Kirchhof v on Werneuchen bestattet.
Seine Gedichte sind k om plett erschienen bei Haude im Dezem ber 1795 ,
bei Wilh. Oehm ike 1799, 1 801 und 1802 und bei Hauck, Berlin u. Leipzig,
1813. (v gl. selbstv erfasster Lebenslauf v on F. W. A. Schm idt v om 13. Juli
1813)
Heim atkundliche Mitteilungen
Herausgegeben v on Martin Kuban, 23. März 2014
© Heim atheft Verlag Werneuchen
Altstadt 13, D-16356 Werneuchen
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