- Universität Paderborn

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No.2 Juni 2014
WIG IT!
Neue Weiblichkeit oder
Kopftheater um nichts?
Haut an Haut
eine Geschichte vom
stillen Verrat
Botschaft Blondine
HAIRmeneutik
Bedeutung des Barttragens
Lieber rot als tot!
Haarige Angelegenheiten
Claudia Schumacher
im Interview
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un
Haare am Körper
20 SchmuckHaarSchmuck
Franziska Paa
Haarige Angelegenheit 22 Interview mit Claudia Schumacher
Lena Clausen
26 Present Hair
Marina Hoffmann
Impressum
Weft
Die digitale Zeitschrift „Weft“ entsteht aus Seminararbeiten, die innerhalb der Studien- und
Modulprüfungsleistungen in den Basis- und Aufbaumodulen der Vermittlung im Studienfach
Mode-Textil-Design des 2-Fach-Bachelors Kulturwissenschaften der Universität Paderborn
unter der Leitung von Prof. Dr. Iris Kolhoff-Kahl erbracht werden.
Diese Ausgabe veröffentlicht die Artikel, die in den Seminaren „Hair Affairs - Haare zwischen
Alltag, Kunst und Wissenschaft“ im Sommersemester 2013 und „Haut-Kleider“ im Wintersemester 2013/2014 entwickelt wurden.
Für Inhalte und Bildrechte sind die Autoren und Autorinnen verantwortlich.
Mitwirkende in dieser Ausgabe:
Anna Kamneva, Franziska Paa, Helena Kampschulte, Hyejeong Jeong, Jasmina Saddedine,
Jemima Wittig, Jennifer Janski, Kim Ernst, Larissa Cremer, Lea Schwarzwald, Lena Clausen,
Lena Wisdorf, Lisa Merle Felgendreher, Maria Putignano, Marie Steiner, Marina Hoffmann,
Mona Finke, Saskia Heyden, Sebastian Schwarz, Stefanie Schelenberg, Swenja Padur, Xenia
Rohlmann
Layout:
Mona Finke
Coverbild:
© Schumacher, Claudia: Der Appetit kommt beim Essen (2003), claudiaschumacher.de
ISSN 2364- 9704
31 Mächtige Männer, mächtige Bärte
Lea Schwarzwald
36 HAIRmeneutik
Jasmina Saddedine
40 Männer Macht und Haarpracht
Swenja Padur
45 Langes Haar – kurze Gedanken?
Lena Wisdorf
50 Frauenfreiheit und Frisur
Saskia Heyden
55 Be a little more Beckham
Helena Kampschulte
58 Lang ist gut, kurz rockt nicht
Maria Putignano
62 WIG IT!
Sebastian Schwarz
67 Wenn das Kopfhaar schwindet
Lisa Merle Felgendreher
70 Das (Versteck-) Spiel mit der Glatze
Larissa Cremer
74 Lieber rot, als tot
Marie Steiner
80 Kopflast-Perücke
Xenia Rohlmann
82 Botschaft Blondine Helle Köpfe im Nazi-Starkult
Anna Kamneva
Haut-Kleider
89 Sar(r)ed
Franziska Paa
93 Bin ich wirklich mein Spiegelbild?
Swenja Padur
98 Read me - Wenn deine Haut dich
verrät
Jemima Wittig
104 Haut an Haut
Lea Schwarzwald
106 Haut-Eng
Stefanie Schelenberg
108 „Stickdermitis“
Marina Hoffmann
112 Wenn Menschen vor Laternen laufen
und Punkerinnen es nicht glauben
können
Jasmina Saddedine
116 Häute brauch' ich, Taschen mach' ich
Kim Ernst
118 Defect Balm
Helena Kampschulte
Inhaltsverzeichnis
06 Die Haar-Essenz der Biennale
Anna Kamneva
10 Axilla - fein, feminin und frisch gewaschen
Mona Finke
11 Women’s body hair removal
Hyejeong Jeong
15 Leidfrage: Wie intim ist es wirklich?
Jennifer Janski
Frisurenspielraum
Frisurenspielraum
Haare am Körper
06 Die Haar-Essenz der Biennale
Anna Kamneva
10 Axilla - fein, feminin und frisch gewaschen
Mona Finke
11 Women’s body hair removal
Hyejeong Jeong
15 Leidfrage: Wie intim ist es wirklich?
Jennifer Janski
20 SchmuckHaarSchmuck
Franziska Paa
Haarige Angelegenheit 22 Interview mit Claudia Schumacher
Lena Clausen
26 Present Hair
Marina Hoffmann
04
31 Mächtige Männer, mächtige Bärte
Lea Schwarzwald
36 HAIRmeneutik
Jasmina Saddedine
40 Männer Macht und Haarpracht
Swenja Padur
45 Langes Haar – kurze Gedanken?
Lena Wisdorf
50 Frauenfreiheit und Frisur
Saskia Heyden
55 Be a little more Beckham
Helena Kampschulte
58 Lang ist gut, kurz rockt nicht
Maria Putignano
62 WIG IT!
Sebastian Schwarz
67 Wenn das Kopfhaar schwindet
Lisa Merle Felgendreher
70 Das (Versteck-) Spiel mit der Glatze
Larissa Cremer
74 Lieber rot, als tot
Marie Steiner
80 Kopflast-Perücke
Xenia Rohlmann
82 Botschaft Blondine Helle Köpfe im Nazi-Starkult
Anna Kamneva
http://groups.uni-paderborn.de/kolhoff-kahl/
Abb. 1-3: „Wer spricht so?“, befragte Kunsthistorikerin Abigail Solomon-Godeau das Medium Dokumentarfotografie.14 J.D. ’Okai
Ojeikeres Hairstyles sprechen für sich – doch können wir die Haar-Botschaften auch lesen?
Mit freundlicher Genehmigung: © J.D. 'Okhai Ojeikere, Courtesy MAGNIN-A, Paris.
Abb. 1
Die Haar-Essenz
der Biennale
So archaisch und kühn offenbarte die Kunstbiennale
von Venedig ihren Weltausstellungscharakter zuvor
nur selten. Nichts Geringeres als einen Tempel des
Weltwissens wollte der Kurator Massimiliano Gioni
für die Dauer der 55. Schau von Juni bis November
2013 errichten – ein Vorhaben, das heute nur im
Kontext der Kunst ernst genommen werden kann.
Wer den Enzyklopädischen Palast erobern wollte,
kam nicht an J.D. ’Okai Ojeikeres Hairstyles vorbei.
Der Mikrokosmos der fotografischen Sammlung nigerianischer Frauenfrisuren illustrierte die eigentümliche Weltordnung im Makrokosmos der Gesamtausstellung und modulierte Muster für ihre Rezeption.
Zwischen Körper und Bild
Dunkle Zöpfe, verstrickt zu scheinbar lebendigen organischen Ornamenten, metallisch glänzende Spiralkronen, die an den Haupt der gezähmten Gorgone
Medusa erinnern, fragile Gerüste, die illusorisch der
Schwerkraft trotzen – als führten die Haare afrikanischer Frauen ein Eigenleben. Die Dokumentation
der Hairstyles, von denen eine Auswahl in Venedig
zu besichtigen war, wurde zum Lebenswerk des kürzlich verstorbenen nigerianischen Künstlers J.D. ’Okai
Ojeikere (1930-2014), der seit 1968 Traditionen verschiedener ethnischer Gruppen seines Heimatlandes
07
06
Fotografien afrikanischer Frisuren von J.D. ’Okai Ojeikere
Abb. 3
Abb. 2
anhand des Haarmotivs in mehr als 1000 Fotografien
festhielt. Ein Panorama aus 50 x 60 cm großen Gelatinsilberdrucken kreiste den Besucher direkt nach
dem Betreten der Zentralausstellung im Arsenale ein.
Ein Rundgang bescherte sinnliche Erkenntnisse: die
Abgebildeten, deren Gesichter nur selten zu sehen
sind, wurden selbst zum Ornament, dessen Erfassen
an der Unmöglichkeit scheiterte, eine Wiederholung
im Rapport ausfindig zu machen. Als stünden die
Haare stellvertretend für die sozialen Konstrukte, die
den Menschen formen, anonymisieren, aber auch
Raum für Individualität und den Ausdruck eigener
Kunstfertigkeit geben. Die Fotografien der Bildwerke, die direkt am Körper entstehen, verleiten nicht
nur zur Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von
unserem natürlichen zum sozialen Körper, der dem
Kunst- und Medienwissenschaftler Hans Belting1 zufolge selbst ein Bild ist2, sondern führen uns zu den
Wurzeln der bildanthropologischen Urfrage: warum
machen Menschen Bilder?
Eingeflochtene Geschichte
Ojeikeres Fotografien spiegeln eine Kultur zwischen
Wandel und Beständigkeit auf eine Weise wider, bei
der Objektivität3 und Emotion4 kein Widerspruch ist.
Die Hairstyles sind wichtige Zeitzeugnisse, aber auch
Abb. 4
Ausdruck des persönlichen Interesses des Künstlers
für die zeremonielle Bedeutung von Frisuren in Nigeria. Diese stehen für entschiedene Lebensereignisse
im Leben einer Frau wie Beschneidung, Reifezeremonie, oder Hochzeit5 und reflektieren den gesellschaftlichen Status ihrer Familie.6 In die Haare sind
Geschichten eigeflochten: „In the state of Cross River for example, when an Effik princess marries, the
elaborateness of her hairstyle is determined by the
number of servants that she has had since her birth.
The hair of her servants is cut and saved in preparation for this day. The more hair they had cut, the
longer the princess’ hair“7, erzählt Ojeikere.
Die kunstvollen Gebilde, die der Künstler selbst als
skulptures for a day8 bezeichnete, sind, wie ihre fo-
Abb. 5
tografischen Abbildungen, Zeugnisse und Fetische
der Vergangenheit. Die Fotografie als Medium, das
in der westlichen Kultur als eine Art memento mori9
mit der Vergänglichkeit konnotiert ist10 und in der
Heimat des Künstlers oft mit dem tödlichen Akt des
Seelenraubes in Verbindung gebracht wird11, hält einen Moment aus einer persönlichen und kollektiven
Geschichte fest und idealisiert sie auf eine melancholische Weise. Paradox scheint die Dialektik zwischen
Vergänglichkeit und Speicherung nicht nur in der
Fotografie: die Haare selbst, als das am längsten Beständige an unserem sterblichen Körper, werden bei
Ojeikere der Flüchtigkeit der Skulpturen für einen Tag
entgegengesetzt und symbolisieren das Verschwinden der Traditionen und Rituale, festgehalten in einem Moment ihres Soseins für die Ewigkeit.
So schienen Ojeikeres Arbeiten die alexandrinische
Utopie vollständiger Wissensversammlung, die Gioni halb ironisch, halb ernst zum Leitsatz der 55. Biennale erwählte, als übermütig zu entlarven. In der
venezianischen Wunderkammer konnte kaum einer
die nigerianischen Haar-Botschaften lesen: In der
notorischen Abneigung gegen jede Notwendigkeit
einer Konzeptergründung, staunten die Zuschauer
über die Schönheit des Andersartigen in jener Faszination vor fremden Bildern, die unsere Imagination anregt. Möglicherweise wäre aber jeder Versuch
einer semantischen Annäherung an Ojeikeres Werk
aus westlicher Sicht auch nur Haarspalterei gewesen. Denn ist die Postkolonialismus-Debatte als unentbehrliches Prisma unserer kulturellen Brille bei
der Rezeption afrikanischer Kunst für seine Arbeiten
wirklich relevant? Sollen wir die Problematik der im
Westen überwundenen Zuordnung der Weiblichkeit
Einsturz des Weisheitspalastes
der angewandten und der Männlichkeit der höheren
Kunst, die bei Ojeikere traditionsbedingt13 Bestand
Bei der Biennale erlebten Ojeikeres Hairstyles eine
hat, kritisch hinterfragen? Vielmehr lassen die Hairdoppelte Entfremdung. Obwohl sich der Künstler um
styles das Selbstverständnis abendländischer Gegenaue Informationen zur Herkunft und Bedeutung
wissheiten anzweifeln.
jeder Frisur bemühte12, waren diese für den Ausstellungsbesucher nicht ersichtlich. Auch die Traditionen
Anna Kamneva
hatten sich seit Ende der 60er Jahre im kulturellen
Dynamisierungsprozess vermischt, angepasst, wurden ausgelöscht oder als Skelette der vergangenen
Zeiten zum Kunstwerk erhoben.
Fußnoten
1 Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler Hans Belting veröffentlichte im
Jahr 2001 seine bildtheoretische Abhandlung Bild-Anthropologie, die Gioni
zu seiner Konzeption der 55. Biennale inspirierte. Vgl. Gioni, Massimiliano,
Interview in: Art. Das Kunstmagazin. 28. November 2012. <http://www.artmagazin.de/szene/57033/massimiliano_gioni_interview> 2. Februar 2014.
2 Vgl. Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft.
Fink. München 2001, S.20.
3 Vgl. Magnin, André (Hg.); Ojeikere J. D. ’Okhai: J. D. 'Okhai Ojeikere – Photographs. Scalo. Zürich 2000, S.14.
4 Vgl. Ebda, S.62.
5 Vgl. Ebda, S.52, vgl. Melis, Wim (Hg.): Africa inside. Noorderlicht. Groningen 2000, S.129.
6 Vgl. Ebda.
7 Ojeikere, J.D. ’Okhai, in: Magnin, André (Hg.); ders.: J. D. 'Okhai Ojeikere –
Photographs. Scalo. Zürich 2000, S.53.
8 Vgl. Ankündigung der Ausstellung der Werke von Ojeikere bei der
Documenta 2007: <http://www.documenta12.de/uebersichtsdetails.
html?L=0&gk=B&level=&knr=79> 2. Februar 2014.
9 Sontag, Susan: Über Fotografie. 18. Auflage. Fischer. Frankfurt/Main 2008,
S.21.
10 Vgl. u.a. Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie.
Suhrkamp. Frankfurt/Main 1989.
11 Vgl. Magnin, André (Hg.): J. D. 'Okhai Ojeikere – Photographs. Scalo. Zürich
2000, S.54.
12 Vgl. Ebda, S.51.
13 Die Anfertigung von Frisuren ist in Nigeria ist ein Frauenhandwerk, dessen
Kenntnisse von Mutter zu Tochter weitergegeben werden. Vgl. Ebda, S.53.
14 Vgl. Solomon-Godeau, Abigail: Wer spricht so? Einige Fragen zur Dokumentarfotografie, in: Herta Wolf (Hg.): Diskurse der Fotografie. Fotokritik
am Ende des fotografischen Zeitalters, Frankfurt am Main 2003, S. 53-74.
Literatur
Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Suhrkamp.
Frankfurt/Main 1989.
Belting, Hans: Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Fink.
München 2001.
Bender, Wolfgang: J. D. `Okhai Ojeikere. Portraits afrikanischer Frisuren. Dritte
Welt im Bild. EPD Entwicklungspolitik 9/10/2000. Ev. Publ. Frankfurt/Main
2000.
Gioni, Massimiliano (Hg.): Il Palazzo Enciclopedico. The Encyclopedic Palace.
55th International Art Exhibition: La Biennale di Venezia. Vol. I. Exhibition.
Marsilio. Venedig 2013.
Magnin, André (Hg.); Ojeikere J. D. ’Okhai: J. D. 'Okhai Ojeikere – Photographs.
Scalo. Zürich 2000.
Melis, Wim (Hg.): Africa inside. Noorderlicht. Groningen 2000.
Solomon-Godeau, Abigail: Wer spricht so? Einige Fragen zur Dokumentarfotografie, in: Herta Wolf (Hg.): Diskurse der Fotografie. Fotokritik am Ende des
fotografischen Zeitalters, Frankfurt am Main 2003, S. 53-74.
Sontag, Susan: Über Fotografie. 18. Auflage. Fischer. Frankfurt/Main 2008.
Gioni, Massimiliano, Interview in: Art. Das Kunstmagazin. 28. November 2012.
<http://www.art-magazin.de/szene/57033/massimiliano_gioni_interview> 2.
Februar 2014.
Documenta 12 Kassel, 2007: <http://www.documenta12.de/uebersichtsdetails.html?L=0&gk=B&level=&knr=79> 2. Februar 2014.
09
Abbildungen
Abb.1: Ojeikere, J.D. ’Okhai – Mkpuk Eba, 1974. Mit freundlicher Genehmigung: © J.D. 'Okhai Ojeikere, Courtesy MAGNIN-A, Paris.
Abb.2: Ojeikere, J.D. ’Okhai – Onile Gogoro Or Akaba, 1975. Mit freundlicher
Genehmigung: © J.D. 'Okhai Ojeikere, Courtesy MAGNIN-A, Paris.
Abb.3: Ojeikere, J.D. ’Okhai – Shangalti, 1971. Mit freundlicher Genehmigung:
© J.D. 'Okhai Ojeikere, Courtesy MAGNIN-A, Paris.
Abb.4-5: Ausstellung der Werke von © J.D. ’Okhai Ojeikere bei der 55. Biennale
in Venedig, dokumentiert von Florian Wortmann und Anna Kamneva.
Abb.2: Achselhaare – Fotografie
von Mona Finke, 2013
Women's Body
Hair Removal
Literatur
Anonym: Partnersuche mit Körpergeruch: Perfektes Parfüm Marke „Eigenduft“. Aus: Taz.de. http://www.taz.de/!109602/ abgerufen am 17.06.2013
Eibl-Eibesfeldt, Irenäus: Die Biologie des menschlichen Verhaltens: Grundriß der Humanethologie. Piper Verlag. München 1995
Daré, Miriam: Beispiel einer Reaktionsbildung. Aus: System ubw. Zeitschrift für klassische Psychoanalyse, Nr. 1, 2005, S. 83-85
Hirsch, Mathias: Mein Körper gehört mir… und ich kann mit ihm machen, was ich will!. Psychosozial-Verlag. Gießen 2012
“you should be women, and yet your
beards forbid me to interpret that you are so”
(Macbeth, Act I Scene III)
“that no rude goat find his way beneath your arms,
and that your legs not be rough with bristling hair.”
(Roman poet Ovid)
According to a recent study, 99.71% of women in the
UK and 98% of women in the United States had removed or were removing the hair from their legs, underarms, pubic area and eyebrows. Although the practice
of hair removal causes some difficulties, such as skin
irritation and expenses, the proportion of women's
body hair removal has increased even in recent years (Toerien, Wilkinson, and Choi, 2005). The most
common reasons for removing hair were linked to an
ideal of beauty: many women believe that the practice of making their body skin hairless made them feel
attractive and more appealing to men (Basow, 1991).
Then, since when and why is female hairiness concerned as a beauty norm in western society, and what
are its effects? And how are hairy women depicted in
media or reality? This paper will discuss that female
hairiness has been socially stigmatized as unfeminine
or unattractive which causes prejudices against women with body hair by culturally constructed beauty
ideals in western society.
Picture 1: Hair- removal Products Ad.1. 1915. Photograph.
Harper’s Bazaar. Sociological Images. By Lisa Wade. 24 May
2008. Web. 14 Aug. 2013.
11
10
Abb. 1: Portrait - Heidi Poschmann
/© PIXELIO
BEAUTY IDEAL AND
SOCIAL STIGMA
Picture 2: Waxing Ad for Girls. N.d. Photograph. Unik Wax
Center. Sociological Images. By Lisa Wade. 25 July 2012. Web.
14 Aug. 2013.
tuation of this convention of femininity. According
to her, in many movies the true female hairiness is
regarded as a taboo. In the romantic comedy Bridget
Jones' Diary, the audience sees Bridget shaving her
legs in order to prepare for her date. The interesting
point is that the legs of the main character shaving
were already shaven before. There is not a single hair
on them! Such scenes are commonly shown in many
Hollywood films or TV shows, which as an effect molds the idealized image of female body hair and consequently, female beauty standards, since movies also
have a strong influence on the audiences' taste in fashion and lifestyle.
This link that roots modern tastes in traditional believes, in fact, comes from folklore and myth which connect female body hair with evil, danger, promiscuity,
ugliness and insanity(Lesnik-Oberstein 66-7). In 14th
century Europe, a young fictitious woman named
'Wilgefortis' who is called by various names including
Kümmernis (in German) was crucified by her father
who had forced her to get married to a pagan prince.
To avoid the unwanted marriage, Wilgefortis prayed
to be malformed, then as the result of it, she sprouted a beard on her face. Her father became furious by
the broken engagement and took his own daughter's
life (Toerien and Wilkinson, 2003).
Picture 3: PETA Campaign. N.d. Photograph. PETA. Sociological
Images. By Lisa Wade. 26 Nov. 2011. Web. 14 Aug. 2013.
Historical evidence of hair as a beauty ideal
Picture 4: Hair- removal Products Ad.2. 1934. Photograph. Sociological Images. By Lisa Wade. 24 May 2008.
Web. 14 Aug. 2013.
Such cultural associations are not restricted only to
media, but, throughout history, have caused a variety
of types of discrimination against real women with
body hair. For instance, in 16th century France where witch-hunting was common, people believed that
the witches hairiness was their link to the devil. They
captured women supposed to be witches and shaved
their hair to remove the witch's power and the devil's
protection. Moreover, later, in the 1800’s, the belief
of body hair as a cause for wantonness spread among
people and then, prostitutes and other sexually liberated women were regarded as naturally hairier than
other women (Toerien and Wilkinson, 2003).
Then, how has women's hairiness, which was such a
serious matter that it could lead to being burned at
the cross in the early period, developed in modern
western society? The conclusion is, that the negative
connotations of hairy women, although it might be
less crucial in modern times, still hold true in a sense. Hairy women are frequently stigmatized as unattractive, lazy, fanatic feminists or as lesbians and
masculine. Furthermore, such social stigma, which
are rather abstract, do not remain that abstract for
long, but regularly lead to discrimination in the actual
world as well, like in the workplace for example. There are some documented cases of women who lost
13
12
tance to the change, owing to the connotations of
The beginning of hair removal goes as far back as anci- immorality of being exposed and sexually attractive
ent Egypt, Greece and the Roman Empire. According – and/or active, but by the mid 1930’s leg hair reto Sherrow, the reason for leg and pubic hair removal moval became so common among women that this
in ancient Egypt and Greece lies in their belief that phenomenon was called a new “social convention”in
the presence of such hair was “uncivilized.” (Sherrow, an article in the magazine Hygeia(Hope, 1982) .
67). And during the Roman Empire, wealthy – midd- The women's role as consumers which had been
le and upper class Roman women practiced hair re- proven with the success of women's magazines (Zumoval regularly with razors, tweezers and depilatory ckerman 3-4), generated an intimate relationship
creams(335). This tradition of women’s body hair re- between magazines and commercial industries (Scmoval which often indicates social class, was ended anlon 71). To sell feminine hygene products such as
after the collapse of the Roman Empire, and then, no razors efficiently (Zeitz 202), magazines like Ladies’
more commonly engaged in among European wo- Home Journal and Harper’s Bazaar established new
concepts of beauty and femininity: women needed
men in the Middle ages(39).
to practice their hair removal in order to present a
On the other hand, during the early 1800s, hair re- clean and childlike appearance which is linked to a
moval became a matter relevant to the beauty ideal: pure/ puritan femininity (Hope, 1982).
although leg and armpit hair was not initially mentioned, facial hair was defined as “an affliction requiring Representations of female hairiness
treatment” in beauty books (Toerien and Wilkinson,
2003). Then, since the 1920’s in the United States,
women started “unveiling” their body via changes in To elaborate on this topic, it is essential to discuss
fashion, such as the invention of rayon and the rising how female hairiness has been represented in wespopularity of sleeveless dresses (Brumberg 98). This tern society. As Alice Macdonald points out in her
new trend in fashion encouraged women even more article, that visual media, such as movies, are partito remove their body hair. In spite of women's resis- cularly responsible for the confirmation and perpe-
their jobs for not removing their own body hair. A
waitress was fired because of a customer's complaint
about her unshaven legs and a YMCA employee also
lost her job for quite similar reasons based on issue
about her hair (Toerien and Wilkinson, 2003). These
are examples of extreme discrimination which indicate that even in contemporary western society, which
is supposed to be the most liberate place at its most
advanced time, for most women it is not possible to
be totally free concerning a decision only considering
their own body hair.
Functions of female body hair
which results in an image as a childlike figure without
body hair. Furthermore, the conventional practice of
hair removal restricts women within their child's passage to womanhood by diminishing women's adult
sexual status which reflects the hierarchical relationship – control and obedience. Because of its association with youth and being obedient to be looked at,
the hairless female body functions as a norm of feminine attractiveness as well(Lesnik-Oberstein 68f).
Conclusion
Hitherto, this text discussed various aspects of female body hair: body hair which is culturally perceived
as the distinction between masculinity and femininity, has vast historical evidence of being stigmatized
in western society as far as women are concerned.
Subsequently emerges the ideal that women's silky –
hairless skin as the beauty norm has been institutionalized by fashion, exploitation of the media and the
patriarchal system, which have been argued so far.
The most significant thing to understand about body
hair is that its functions or symbolical meanings have
not only been constructed in society determined by
biology, but by culture. Therefore, it is not something
insane or disgusting when someone does not follow
the tacit rule which requires women to remove their
body hair. Hair on women's bodies is just as natural
as it is on a men's body.
Traditionally, hairstyles that men and women have
chosen address the cultural construction of gender,
that is masculinity and femininity. It is not very different from the three functions which the hairless female body seemingly serves: “(a) it exaggerates the
differences between women and men, (b) it equates female attractiveness with youth(Basow, 1991)”
“and (c) it connotates the 'to-be-looked-at-ness' of a
body”(Lesnik-Oberstein 68).
Since our hair is malleable, compared to other parts
of our body like the shape of our physique and the
sound of our voice, it has been understood as a difference between the sexes and is used to exaggerate
the gap between the two. Such a social perception
has reinforced the gender demarcation line in a male-dominated society. Thus women who are in the inferior position, have to distinguish themselves from Hyejeong Jeong
men, and present themselves as opposite as possible,
Bibliography
Basow, Susan A. "The Hairless Ideal: Women and Their Body Hair." Psychology of Women Quarterly 15 (1991): 83+. Print.
Brumberg, Joan Jacobs. The Body Project: An Intimate History of American Girls. New York: Random House, 1997. Print.
Hansen, Kirsten. "Hair or Bare?: The History of American Women and Hair Removal, 1914-1934." <http://history.barnard.edu/sites/default/files/inline/kirstenhansenthesis.pdf>, last accessed: 08/08/2013.
Hope, Christine. "Caucasian Female Body Hair and American Culture." The Journal of American Culture 5.1 (1982): 93-99. Print.
Lesnik-Oberstein, Karín. The Last Taboo: Women and Body Hair. Manchester: Manchester UP, 2006. Print
Rigakos, Bessi, "University Students' Attitudes Towards Body Hair And Hair Removal: An Exploration Of The Effects Of Background Characteristics, Socialization,
And Societal Pressures" (2010).Wayne State University. <http://digitalcommons.wayne.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1111&context=oa_dissertations>, last
accessed: 08/08/2013.
Scanlon, Jennifer. Inarticulate Longings : The Ladies' Home Journal, Gender, and the Promises of Consumer Culture. New York: Routledge, 1995. Print.
Sherrow, Victoria. Encyclopedia of Hair: A Cultural History. Westport, Conn. [u.a.: Greenwood, 2006. Print.
Toerien, M. "Gender and Body Hair: Constructing the Feminine Woman." Women's Studies International Forum 26.4 (2003): 333-44. Print.
Toerien, Merran, Sue Wilkinson, and Precilla Y. L. Choi. "Body Hair Removal: The 'Mundane' Production of Normative Femininity." Sex Roles 52.5-6 (2005): 399406. Web. 8 Aug. 2013. <http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs11199-005-2682-5>.
Yakas, Laura.“Femininity, Sexuality and Body Hair:The Female Body Hair(less) Ideal.” <http://www.focusanthro.org/archive/2008-2009/yakas_0809.pdf>,
last accessed: 08/08/2013.
Zuckerman, Mary Ellen. A History of Popular Women's Magazines in the United States: 1792-1995. Westport (Conn.): Greenwood, 1998. Print.
Zeitz, Joshua. Flapper: A Madcap Story of Sex, Style, Celebrity, and the Women Who Made America Modern. 1st ed. New York: Crown, 2006. Print.
Appendices
Picture 1: Hair- removal Products Ad.1. 1915. Photograph. Harper’s Bazaar. Sociological Images. By Lisa Wade. 24 May 2008. Web. 14 Aug. 2013.
Picture 2: Waxing Ad for Girls. N.d. Photograph. Unik Wax Center. Sociological Images. By Lisa Wade. 25 July 2012. Web. 14 Aug. 2013.
Picture 3: PETA Campaign. N.d. Photograph. PETA. Sociological Images. By Lisa Wade. 26 Nov. 2011. Web. 14 Aug. 2013.
Picture 4: Hair- removal Products Ad.2. 1934. Photograph. Sociological Images. By Lisa Wade. 24 May 2008. Web. 14 Aug. 2013.
Leidfrage:
Wie intim ist es
wirklich?
INTIM-FRI(RA)SUR BEI FRAUEN
– EIN MODEPHÄNOMEN
Wie Intimrasur das weibliche Selbstbild beeinflusst
Wie frisiere ich meine Haare heute? Welche Frisuren sind gerade modern? Was hilft meinem Haar geschmeidig
und glänzend auszusehen? Fragen, die häufig das weibliche Selbstbild prägen. Allerdings ist immer das Kopfhaar
gemeint. Dabei lassen sich diese Fragen auch auf die Intimbehaarung bzw. Intimrasur beziehen. Im öffentlichen
Diskurs jedoch wird der Intimbereich meistens außer Acht gelassen, obwohl es schon über Jahrhunderte hinweg
Intimfrisur- und Rasurmethoden gibt. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden immer wieder neue ästhetische
Muster, die das Körperbild einer Frau bestimmten. Diese Muster werden von den gesellschaftlichen Konventionen sowie den patriarchalen Normen bestimmt. Verbreitet werden diese Vorstellungen durch Mund zu Mund
Propaganda, aber auch durch Werbung, Film und Fernsehen. Frauen orientierten sich an diesen ästhetischen
Mustern, sodass selbst eine nicht rasierte Scham als „frisiert“ angesehen wird, sofern es das aktuell vorgegebene Schönheitsideal darstellt. Heutzutage besitzt man zwangsläufig eine Intimfrisur, so gilt das Motto‚ auch nicht
rasiert, ist man frisiert‘. Ob man das Schamhaar nun kurz oder lang, schmal oder breit, bunt oder normal, glatt
oder buschig, trägt, jeder hat sie, die Intimfrisur. Oder mit Immanuel Kant gesprochen, man kann nicht außerhalb der Mode sein. Auch unmodisch ist modisch.
„[…]Haare an Frauenkörpern [führen] zu Empörung, Ekel und Ablehnung[…]“ 1
15
14
Abb. 1: Lost.
Abb. 3: Abfall.
Historisch intime Haarfrisuren
Die Intimrasur bzw. -frisur führt uns weit in die Geschichte der Menschheit zurück. Grundlegend war die Intimfri(ras)ur kulturell immer gegenwärtig. Die Menschen rasierten sich aus hygienischen, praktischen, ästhetischen
oder religiösen Gründen. So galt Körperbehaarung, spezifische Intimbehaarung, frühzeitig als unangemessen
und wenig attraktiv. Ein Beweis dafür sind altägyptische
Grabmalereien und antike griechische Vasen mit Abbildungen glatt rasierter Frauenkörper. Durch die Rasur des
Intimbereichs wurde die erstrebenswerte Reinheit und
Jugendlichkeit eines Mädchens assoziiert, da mit der Geschlechtsreife eine blutige Unreinheit über die Frau gekommen sei. Die Rasur und die damit verbundene Entledigung des Haars implizierte eine Reinigung des Körpers
von Schmutz und Blut. Da insbesondere Frauen sich seit
jeher den damaligen, oft schmerzhaften Rasurtorturen
unterwerfen mussten und auch noch heute auf ihr Äußeres und somit auch auf die gründliche Ganzkörperrasur
bedacht sind, möchte ich die Geschichte der Intimfri(ra)
sur im Folgenden am Beispiel der deutschen Frau in den
1920er Jahren bis zur heutigen Zeit betrachten und näher
erläutern. 2
„[…] removal of body hair is equated with being feminine,
whereas male body hair is synonymous with masculinity.“
3
Abb. 4: Ingrid W. - Vulva unshaved, 2010.
1920er: Androgyn rasiert
In den 20er Jahren kam es zu einem ästhetischen und
kulturellen Wandel in der Gesellschaft. Das Selbstbild
der Frau veränderte sich und die althergebrachten Vorstellungen wurden gebrochen. Dieser Wandel äußerte
sich vorwiegend in der Mode. Kleider wurden beispielsweise kürzer und ärmellos. Das Erscheinen erster Fotos
dieser Kleider und den dazu passenden Schnittmustern
zur Nachahmung in Frauenzeitschriften lösten schnell Debatten und Auseinandersetzungen über die angemessene
Repräsentation des weiblichen Körpers aus. Nicht nur die
Ästhetik, sondern auch die Hygiene war dabei ein zunehmend wichtiger Aspekt, der zur Ganzkörperrasur beitrug.
Die Kosmetikindustrie nutzte diesen Hype aus, um ihre
Enthaarungsprodukte auf dem Markt zu etablieren, denn
laut Werbung waren Weiblichkeit und Hygiene unabdingbar und Körperbehaarung eine Brutstätte für Bakterien.
So wurden die Frauen von dem neuen Bild der Frau beeinflusst. Der nun rasierte bzw. frisierte Schambereich
wurde das neue, von der Werbung vorgelebte, ästhetische Muster und erhielt die Symbolik der selbstbewussten und emanzipierten Frau. 4
16
1930er-40er: Naturbelassenes „Mutter“-Bild
Während des Nationalsozialismus änderte sich die Vorstellung über der Intimbehaarung einer Frau und somit
auch das vorherrschende ästhetische Muster des Frauenkörpers. Die naturbelassene Schambehaarung ersetzte
die glattrasierte Scham und wurde das „neue“ gängige
Schönheitsideal. Aufgrund der vorherrschenden Armut
und des Krieges in dieser Zeit, war es den Frauen nicht
möglich die Körperpflege aus den 20er Jahren beizubehal-
Abb. 2: Gr. 1/6 Seite - Die Woche Nr. 29. 19.7.1924 in J. Djuren: Das Behaarte
und das Unbehaarte http://irrliche.org/politische_kritik/achselhaare_rasur.
htm#quellen abgefragt am 09.08.2013.
ten, sodass der neue Modetrend ‚Intimrasur‘ nicht länger
aufrechterhalten werden konnte. 5
„Removal of leg and underarm body hair became the female norm between the World Wars and has been attributed to advertising campaigns […]” 6
1950er: Nur das, was man sieht, wird rasiert
Die Intimfri(ra)sur wurde in den 50er Jahren wieder zum
Thema. Die aufkommende Strand-, Urlaubs- und Freizeitkultur und die damit einhergehenden knapper werdenden Bekleidungs- und Bademoden, führten langsam zurück zum Trend der Intimfri(ra)sur.
Erneut konnte die Kosmetikindustrie von diesem Trend
profitieren. Werbungen jeglicher Art suggerierten den Rezipienten Körperbehaarung als unattraktiv, unangenehm
und unangebracht. Frauen wurden von dieser Werbung,
aber auch durch die Bekleidungsmode und ihrem persönlichen Umfeld beeinflusst. Sie folgten in Teilen den
für ihren Intimbereich sowie der allgemeinen Körperpflege vorgegebenen Schönheitsidealen. Dennoch war die
Intimfri(ra)sur in den 50er Jahren noch nicht weit verbreitet, so kam es meist zu gar keiner oder nur zu einer Teilrasur des Intimbereichs. Die Entfernung von Achsel- und
Unterarmbehaarung dagegen galt als Norm. Beine mussten nur rasiert werden, sofern ein besonders dichtes und
dunkles Haarwachstum zu erkennen war.7
Abb. 5: Xmm - natural, untrimmed, 2001.
Abb. 6: Natürlich.
Abb. 7: Teilrasur.
Abb. 8: Vollrasur.
60er - 70er (80er):
Lass mir mein Schamhaar!
Abb. 9: Frisur.
Der Übergang des Trends der Intimbehaarung war von den
90er Jahren bis heute fließend. Die Intimfri(ra)sur hat sich
etabliert und gehört insbesondere bei Jugendlichen, im unterschiedlichen Maße, zur standardisierten Körperpflege.
Gerade in der heutigen Gesellschaft stehen wir häufig unter sozialem Druck und Zugzwang. Wer nicht mit dem Trend
geht, wird meist von der Gesellschaft ausgegrenzt. Auffällig
ist, dass sich der Trend zur Intimfri(ra)sur über die Jahrzehnte parallel zur Bekleidungsmode verändert und entwickelt
hat. Auch dort wird vor allem von Frauen, aber auch immer
mehr von Männern darauf geachtet, sich dem Zeitgeist entsprechend zu kleiden, auch um sich vor der gesellschaftlichen Ausgrenzung zu schützen. So ist es auch im Bereich der
Intimbehaarung. Heutzutage gilt das Motto: „[…]wer Anerkennung will, muss Fleisch zeigen.“ 11 Werbekampagnen für
Dessous oder Parfüm, sowie Filme unterstützen diese Ent-
Die Zeit der Hippie- und Emanzipationsbewegung ließ die Frauen sich mit ihrer natürlichen
Körperbehaarung wohl fühlen, sodass üppige
Bein-, Scham- und Achselbehaarung getragen
wurde. Als ästhetisch wurde das angesehen,
was von der Natur gegeben war. Die naturbelassene Körperbehaarung wurde zum Symbol
der Befreiung und der Unabhängigkeit von
den patriarchalen Normen. Auch in den Anfängen der 80er Jahre prägten die Einflüsse
dieser Bewegung die zu der Zeit lebenden
Frauen. Selbst Popstars, wie Nena, trugen
noch in der Öffentlichkeit opulentes Achselhaar. Es gab kaum Frauen, die ihre Intimzone
rasierten. 8
90er: Glatte Oberfläche
– ständig verfügbar
In den 90er Jahren wurde durch die Globalisierung und die Liberalisierung ein Bild von
Weiblichkeit verbreitet, das die Körper- (Intim-)Rasur in Deutschland und Europa wiederholt zum Trend machte. Nicht zu unterschätzen ist dabei der Einfluss der Populärmedien
auf die Frauen. Durch Abbildungen glattrasierter Frauenköper in Zeitschriften, Filmen,
insbesondere in pornographischen Filmen
und im Fernsehen wurde die Intimrasur und
-frisur propagiert. Auch die Mode passte sich
dem neuen Zeitgeist an. Bikinis und Reizwäsche wurden durch große Kampagnen beworben, sodass bekannte Bekleidungsgeschäfte
große Verkaufsflächen für Reizwäsche zur
Verfügung stellten. Die Erwartungshaltung
der Männer und Frauen bezüglich des Frauenkörpers veränderte sich, wodurch sich folglich der Trend zur Teil- bzw. Vollrasur entwickelte. Jedoch gab es kein explizites Vorbild,
an dem sich die Frauen orientieren konnten,
da man in den 90er Jahren deutlich experimentierfreudiger hinsichtlich Intimfri(ra)
suren und Sexualpraktiken war. Dabei spielte der Trend der Sexualpraktik ‚Oralsex‘ eine
weitere entscheidende Rolle, denn durch die
Rasur wurde diese Praktik als intensiver und
hygienischer wahrgenommen. Da das Thema
Intimfri(ra)sur in dieser Zeit sehr im Fokus der
Öffentlichkeit stand, wurden einige individuelle Frisiermethoden erprobt. Der Phantasie
waren keine Grenzen gesetzt, was dazu führte, dass verschiedene Muster, Farben oder
die Vollrasur ausprobiert wurden. 9
Abb. 10: Farbe.
Abb. 11:
Schnitt.
Fußnoten
1 Matthiesen, Silja; Mainka, Jasmin: Intimrasur als neue Körpernorm bei Jugendlichen. BZgA FORUM. 2011, S. 25.
2 Vgl.: Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.
zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013; Anonymus:
Hauptsache Haare: Deutschland zwischen Wildwuchs und Intimrasur http://
www.spiegel.de/sptv/special/a-558182.html abgefragt am
08.07.2013; Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham- theoretische
und empirische Aspekte des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. Bzw. Vollintimrasur. Psychosozial-Verlag. 2008, S.7; Mayr, Daniel F.; Mayr, Klaus O.: Von der
Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen. Eine illustrierte Kulturgeschichte der
menschlichen Haarpracht. Eichborn. Berlin 2003, S. 39 f.
3 Barrett, Michael; Bissell, Mary; D. Ph.: Smooth talking: The phenomenon of
pubic hair removal in women. SIECCAN Newsletter. Vancouver 2010, S. 128 f.
4 Vgl.: Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.
zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013; Mayr, Daniel F.;
Mayr, Klaus O.: Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen. Eine illustrierte
Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht. Eichborn. Berlin 2003, S. 47-53;
Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham- theoretische und empirische Aspekte des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. Bzw. Vollintimrasur.
Psychosozial Verlag. 2008, S. 7
5 Vgl.: dies.2008, S. 7 f.
6 Barrett, Michael; Bissell, Mary; D. Ph.: Smooth talking: The phenomenon of
pubic hair removal in women. SIECCAN Newsletter. Vancouver 2010, S. 127.
7 Vgl. Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham- theoretische und
empirische Aspekte des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. Bzw. Vollintimrasur. Psychosozial-Verlag. 2008, S. 7
8 Vgl. Ebda. S. 8 f.; Mayr, Daniel F.; Mayr, Klaus O.: Von der Kunst, Locken auf
Glatzen zu drehen. Eine illustrierte Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht. Eichborn. Berlin 2003, S. 53 f; Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie
Schönheit unter... http://www.zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt
am 07.07.2013; Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen.
http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 8.7.13
9 Vgl. Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham- theoretische und
empirische Aspekte des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. Bzw. Vollintimrasur. Psychosozial-Verlag. 2008, S. 8 f.; Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie
Schönheit unter... http://www.zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt
am 07.07.2013; Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen.
http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 8.7.13.
10 Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen, 2011. http://forum.
sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 08.07.2013.
11 Ebda.
12 Vgl. Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen. http://forum.
sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 08.07.2013; Anonymus: Hauptsache Haare: Deutschland zwischen Wildwuchs und Intimrasur
http://www.spiegel.de/sptv/special/a-558182.html abgefragt am 08.07.2013;
Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.
zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013, Borkenhagen,
Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham- theoretische und empirische Aspekte
des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. bzw. Vollintimrasur. Psychosozial-
wicklung. Junge Frauen von heute sind mit diesem Zeitgeist
aufgewachsen und nichts anderes gewohnt. Aber auch heute
ist der Sinn nach Hygiene und Ästhetik weiterhin Bestandteil der am häufigsten angegebenen Begründungen für eine
Intimfri(ra)sur. Ähnlich wie in den 90er Jahren spielen auch
Sexualpraktiken in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. 12
„Und natürlich kann sich auch diese Mode, wie alle Moden,
alsbald wieder ändern.“ 13
Die Intimfrisur hat sich im Laufe der Zeit häufig verändert. Sie
wurde variiert und neu erfunden. Jedoch kamen Trends auch
wieder zurück. So ist in Zukunft davon auszugehen, dass sich
die Intimmode weiter wandeln wird. Es ist, wie bei jedem
Modephänomen, nur eine Frage der Zeit. 14
Jennifer Janski
Verlag. 2008, S. 9 ff., Matthiesen, Silja; Mainka, Jasmin: Intimrasur als neue Körpernorm bei Jugendlichen. BZgA FORUM 2011.S. 25-29; Barrett, Michael; Bissell,
Mary; D. Ph.: Smooth talking: The phenomenon of pubic hair removal in
women. SIECCAN Newsletter. Vancouver 2010, S. 127-130
13 Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.zeit.
de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013
14 Vgl. Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen. http://forum.
sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 08.07.2013.; Anonymus: Hauptsache Haare: Deutschland zwischen Wildwuchs und Intimrasur
http://www.spiegel.de/sptv/special/a-558182.html abgefragt am 08.07.2013;
Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.
zeit.de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013; Borkenhagen,
Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham. Theoretische und empirische Aspekte
des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. bzw. Vollintimrasur. PsychosozialVerlag. 2008, S. 9 ff; Matthiesen, Silja; Mainka, Jasmin: Intimrasur als neue Körpernorm bei Jugendlichen. BZgA FORUM 2011.S. 25-29; Barrett, Michael; Bissell,
Mary; D. Ph.: Smooth talking: The phenomenon of pubic hair removal in women. SIECCAN Newsletter. Vancouver 2010, S. 127-130
Literatur
Barrett, Michael; Bissell, Mary; D. Ph.: Smooth talking: The phenomenon of pubic
hair removal in women. SIECCAN Newsletter. Vancouver 2010
Borkenhagen, Ada; Brähler, Elmar: Die nackte Scham. Theoretische und empirische
Aspekte des aktuellem Trends zur weiblichen Teil-. Bzw. Vollintimrasur. PsychosozialVerlag. Ort 2008
Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Kopaed Verlag. München 2009
Matthiesen, Silja; Mainka, Jasmin: Intimrasur als neue Körpernorm
bei Jugendlichen. BZgA FORUM 2011
Mayr, Daniel F.; Mayr, Klaus O.: Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen. Eine
illustrierte Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht. Eichborn. Berlin 2003
Internetquellen
Anonymus: Schönheit unter der Gürtellinie Schönheit unter... http://www.zeit.
de/2009/29/Schoenheit/seite-4 abgefragt am 07.07.2013.
Anonymus: Hauptsache Haare: Deutschland zwischen Wildwuchs und Intimrasur
http://www.spiegel.de/sptv/special/a-558182.html abgefragt am 08.07.2013.
Borkenhagen, Ada: Intimmodifikationen bei Jugendlichen. http://forum.sexualaufklaerung.de/index.php?docid=1425 abgefragt am 08.07.2013.
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1,3,6-11: Jennifer Janski - eigene Fotografie, 2013.
Abb. 2: Gr. 1/6 Seite - Die Woche Nr. 29. 19.7.1924 in J. Djuren: Das Behaarte und
das Unbehaarte http://irrliche.org/politische_kritik/achselhaare_rasur.htm#quellen
abgefragt am 09.08.2013.
Abb. 4: Ingrid W. - File:Pubic hair - Vulva unshaved.jpg, 2010. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pubic_hair_-_Vulva_unshaved.jpg abgefragt am 09.08.2013.
Abb. 5: Xmm - File:Pubic Hair (natural, untrimmed) 01.jpg, 2001. http://commons.
wikimedia.org/wiki/File:Pubic_Hair_%28natural,_untrimmed%29_01.jpg abgefragt
am 09.08.2013.
19
18
„[…]wer Anerkennung will, muss Fleisch zeigen.“ 10
Hygiene Diktatur – oder
wann wächst wieder Schamhaar?
Zeit
ab 1. Jahrhundert n. Chr.
typischer
Haarschmuck
Bänder, Netze,
Tücher, Kämme
S
ab 500
ab 1350
Haube (Kinnbinde +
Stirnband) , Schapel
(Reif aus Metall/
Stoff/Blumen),
Schleier
Bänder, Hauben,
Hörnerhauben,
Reife, Kränze,
kleine Schleier
ab ca. 1420
Bänder (teilweise
mit Juwelen, Steinen
und Perlen verziert),
Netze, Hauben,
Perlenschnüre,
blütenförmige
Schmuckstücke
ab ca. 1620 Netze, Haarteile, Federschmuck, Perlenschnüre,
Schmuckkämme, Schleifen, Bänder, Diademe,
Nadeln (juwelen- und
perlenbesetzt)
ab 1715 ab 1789 Bänder, Häubchen, Nadeln
(besetzt mit Blüten,
Schmetterlingen und
Edelsteinen), Figuren,
Perlen, Schleifen, Federn,
Blumenarrangements
ab ca. 1815
Stoffblumen, Schleifen,
Bänder, Perlenschnüre,
farbige Federn, Tücher,
Nadeln, Diademe,
Juwelen, Tüll, Netze
Blumen, Perlen,
Bänder, Federn, Stirnbänder (mit einem
Juwel in der Mitte),
Steckkämme
ab ca. 1840
Schleifen,
Blumen, Spitzenschleier, Perlen,
Einsteckkämme,
Bänder, Netze
20. Jahrhundert
Federn, Blüten,
Tücher, Bänder
SchmuckHaarSchmuck
Der Käfer auf den Schopf, das Kabel um den Zopf
Egal wo man hinsieht: überall die gleichen Trends, überall die gleichen Frisuren, überall der
gleiche Haarschmuck. Da trägt die Frau neben einem genau die gleiche Haarspange, genau
das gleiche Haarband. Kommt Ihnen das bekannt vor? Haben Sie es auch satt, wie die Nebenfrau auszusehen? Dann haben wir genau das Richtige für Sie!
Wir bieten ungewöhnliche Haarschmuck-Unikate mit denen Sie garantiert aus der Masse
herausstechen. Sei es mit dem spaßigen Spaghetti-Style für den Alltag oder der rockigen
Rollmops-Rolle für den Abend – Sie ziehen auf jeden Fall alle Blicke auf sich.
Dank unserer abwechslungsreichen Haarschmuckkreationen kommt beim Styling nie Langeweile auf. Und wir garantieren: Niemand wird so außergewöhnlich gut aussehen wie Sie.
ES WERKELT 1 ES WERKELT 2
Franziska Paa
ES NUDELT 1
ES NUDELT 2
ES WERKELT 3 ES FISCHT 1 ES FISCHT 2
ES FISCHT 3
ES NUDELT 3
Literaturverzeichnis
Janecke, Christian (Hrsg.): Haare tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Böhlau Verlag. Köln 2004
Jedding-Gesterling, Maria; Brutscher, Georg (Hrsg.): Die Frisur: eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart. Callway Verlag München.
München 1988
Loschek, Ingrid: Reclams Mode- und Kostümlexikon. Reclam Verlag. Stuttgart 1999
ES KRABBELT 2
ES KRABBELT 3
Abbildungsverzeichnis:
Alle Abbildungen: Franziska Paa, 2013
21
20
ES KRABBELT 1
Abb. 1:
Claudia Schumacher –
Der Appetit kommt beim
Essen, 2003.
Somit untersuchen Sie mit Ihren Arbeiten gewissermaßen
ästhetische Empfindungsmomente und erforschen die gefühlsmäßige Ambivalenz der Besucher, wenn Sie mit dem
Material Haar arbeiten?
Ich erlebe es bei den Besuchern immer wieder, dass sie es
einerseits schön finden, andererseits auch ganz irritiert sind,
dass beispielsweise auf der Brust lange Haare sind. Später
habe ich damit begonnen, durch die Wahl doppeldeutiger Titel die Irritation zu verstärken. Besonders stark kommt dies in
der Arbeit „Der FrauenGlück“ zum Ausdruck. Was ist Frauenglück? Das lange Haar und die damit verbundene Aufmerksamkeit? Oder das Abschneiden der Haare als Akt der Befreiung?
Also geht es in Ihren Arbeiten um Genderfragen und traditionelle Rollenzuweisungen?
Genau, das ist immer stärker geworden. Aber ich glaube in der
Arbeit „Der FrauenGlück“ ist es am stärksten.
Gelten die gleichen Inhalte auch für die Arbeit „Haarfeger“?
Abb. 2: Claudia Schumacher – Ohne Titel, 1997.
Also im weitesten Sinne hat sie mit dem Genderaspekt zu tun.
H
Haarige Angelegenheiten
Ein Interview mit der Aachener Künstlerin Claudia Schumacher
tuch verrutscht und die Haare sind mit dem Gips verklebt. Beim Herauslösen aus der Form mussten mir
die Haare abgeschnitten werden. Ich habe das Ganze
dann gegossen und später waren die Haare und ein
Teil meiner Wimpern und Augenbrauen in dem Positiv. Ich fand es damals ganz spannend, dass dieses
lebendige Material Haar auf ein totes Material, wie
den Gips, trifft. Daraufhin habe ich angefangen, zu
experimentieren und mich damit zu beschäftigen,
Sie verwenden in Ihren Arbeiten sowohl Faden als wie die Gesellschaft mit der Körperbehaarung umauch Haar, welches dem Faden strukturell ähnelt.
geht und was dies für Auswirkungen auf den einzelWas können Sie mit dem Haar ausdrücken, was der nen Menschen hat. Ich fragte mich, was wäre, wenn
Faden nicht zulässt?
der Mensch irgendwann beschlossen hätte, lange
Haare am Körper als ebenso schön zu empfinden wie
Die Verbindung ist da weniger vom Textilen her. Die auf dem Kopf und was passieren würde, wenn man
Haar-Objekte sind durch einen Zufall entstanden, da dies übertreibt. Wird es dann eigentlich wieder „äswar ich selber noch an der Universität. Bei dem Ab- thetisch“ oder empfinden die Menschen doch Ekel?
druck, den ich von mir machen wollte, ist das Kopf-
22
Claudia Schumachers künstlerisches Ziel ist die Irritation. Das Haar in der Suppe darf mit Humor betrachtet werden, denn „der Appetit kommt beim Essen“
oder er entsteht bei diesem Interview zu ausgewählten Haar-Objekten der Künstlerin, die sich nicht nur
als Bildhauerin sieht, sondern Zeichnungen, Objekte
und Installationen in einem vielfältigen Repertoire
vereint.
Abb. 3: Claudia Schumacher
– Der FrauenGlück, 2005.
Abb. 4: Claudia Schumacher –
Haarfeger, 2008.
Sie haben bei dem Bild „Der Appetit kommt beim Essen“ die Nase gerümpft, als Sie sagten, dass dies kein Echthaar sei. Hat Sie in dem Moment der eigene Ekel vor dem Haar als
„Fremdkörper“ gepackt? Wäre das Bild so nicht entstanden, wenn Sie Echthaar verwendet
hätten?
Ich glaube, das war gerade unbewusst. Ich habe mit Haaren überhaupt keine Berührungsängste. Ich empfinde es eher als befremdlich, dass Frauen und zunehmend auch Männer dazu
neigen, ihren gesamten Körper zu rasieren und so androgyner und kindlicher werden. Haare
sind etwas Natürliches. Gleichzeitig sind sie mit einer starken symbolischen Kraft aufgeladen.
Dabei spielen Haarfarbe, Frisur oder die Länge der Haare eine Rolle. Das Abschneiden der
Haare kann beispielsweise Machtverlust bedeuten oder den Statuts einer Person verändern.
Ich finde den Widerspruch interessant: Auf dem Kopf wird der Haarverlust als „Schande“ empfunden; am restlichen Körper wird er bewusst herbeigeführt und wirkt sogar aufwertend.
Sie sagten vorhin, dass die Haar-Objekte aus einem Zufall geboren sind. Wie finden Sie sonst
Ihre Ideen? Was inspiriert Sie? Setzen Sie sich auch mit Bleistift und Papier an den Schreibtisch und grübeln, bis Ihnen eine Idee kommt?
(lacht) Nein, das nicht. Das ist eher so, dass ich Dinge weiterdenke, zum Beispiel die HaarObjekte, da arbeite ich gerade an verschiedenen Haarbürsten. Zum anderen ist es so, dass ich
Dinge auch einfach entdecke. Ich arbeite parallel beispielsweise an einer Fotoreihe, in der ich
in der Stadt präsente Werbung festhalte. Gerade habe ich etwas entdeckt über einer Apotheke, da steht „Für immer haarfrei – 35€“. Einfach ein Banner an einem großen Balkon. Jeder der
da auf den Bus wartet, sieht dieses Riesenplakat und das finde ich irgendwie seltsam. Diese
Dinge sind mir einfach aufgefallen, sie sind ein Stück weit auf mich zu gekommen. Und dann
denke ich die Anregungen natürlich weiter.
Ihre Arbeiten wirken alle so, als könnten Sie die Form größtenteils selbst bestimmen. Es
scheint, als haben Sie die „Klassische Bildhauerei“, die ja vor allem mit harten Materialien
arbeitet, durch die Verwendung von Haaren und Textilien erweitert. Reihen Sie sich da in
eine bestimmte Künstlertradition ein oder hatten Sie Vorbilder, die ebenfalls weiche Materialien in die Bildhauerei eingeführt haben?
Aber gleichzeitig verwenden Sie die sehr langen,
blonden Haare – ist damit vielleicht die hausfrauliche Perfektion gemeint? Kann die Arbeit als Anspielung auf die gesellschaftlich geprägte Erwartungshaltung an Frauen verstanden werden, immer
perfekt gestylt zu sein und gleichzeitig einen tadellosen Haushalt zu führen?
lange, blonde, glänzende, volle Haar und durch die
Anordnung wollte ich diesen Aspekt verstärken.
Verwenden Sie Echthaar in Ihren Arbeiten?
Vielen Dank für das Interview.
Lena Clausen
Veranstaltungshinweis:
Vom 22.9.2013 bis 12.1.2014 zeigt die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen die Ausstellung „Hair! Das Haar in
der Kunst
von der Antike bis Warhol, von Tilman Riemenschneider bis Cindy Sherman“
Auch Claudia Schumacher wird mit einigen Arbeiten vertreten sein.
http://www.ludwiggalerie.de/site/content/ausstellungen/vorschau/index_ger.html
Homepage Claudia Schumacher:
http://www.claudiaschumacher.de
Homepage Ateliergemeinschaft Halle 1:
http://www.halle-1.org
Abbildung 1-4: Claudia Schumacher
25
24
Kaum, das bekommt man auch selten in der Länge.
Deshalb sind die Haare oft künstlich. Die Kürzeren
sind echt. Ich erhalte immer wieder Haare von FreunEs ist schon der Aspekt der klassischen Rollenteilung, den und Bekannten geschenkt, frage beim Friseur
der daran gebunden ist. Gleichzeitig war es mir sehr nach oder kaufe Perücken. Für mich war es auch nie
wichtig, dass die Arbeit etwas ganz Ästhetisches hat. so ein wichtiger Aspekt, mit der Echtheit des Haares
Abgeschnittenes Haar wird allgemein als Abfall ange- zu spielen, sondern eher mit diesen ganzen Assozisehen. Sobald es vom Körper getrennt ist, wird meist ationen, die man mit dem Haar verbindet.
kein Gedanke mehr daran verschwendet, was mit
dem Haar geschieht. Wenn ich aber damit arbeite,
gebe ich dem Abfall wieder einen Wert. Durch das
Ich habe mit Stein, mit Holz und mit Ton gearbeitet, habe aber schon während des Studiums
gemerkt, dass ich die aktuellen, dreidimensionalen Arbeiten, die in Richtung Rauminstallation gehen, viel spannender finde als die reine Bildhauerei. Ich habe mich schon früh für Arbeiten wie zum Beispiel von Rebecca Horn, Mona Hatoum und Rosemarie Trockel interessiert.
Mich haben immer Frauen beeindruckt, die vielschichtig arbeiten.
P
Present Hair
Schenken und Erinnern, das Haar als Present und Präsenz
Das Kopfhaar gilt als das Wertvollste, was ein Mensch zu verschenken hat. Haben unsere Haare heutzutage
nicht längst eine andere Bedeutungsebene erreicht? Sie beugen sich Modetrends, werden geschnitten, verlängert, gefärbt und verlieren somit an Ursprünglichkeit. Die Erinnerungskultur des Haares scheint mit jeder
Blondierung mehr zu verblassen.
Unsere Haare, unmittelbar mit dem Körper verbunden und biographisch aufgeladen, sind bei näherer Betrachtung ein besonders wertvolles und daher nur mit Bedacht vom Körper gelöstes und weitergegebenes
Gut. Sie sind Erinnerungsträger eines menschlichen Lebens, können zu Geschenken verarbeitet und zur Liebesgabe werden.
Auch wenn heute in der westlichen Kultur nur noch wenige Menschen
dem Liebsten eine Locke als Zeichen der Zuneigung überreichen, versuchen Künstlerinnen und Künstler das Haar als Erinnerungsträger wieder
präsent werden zu lassen. Die Hamburger Künstlerin Mariella Mosler
beschreibt die Faszination von Haarobjekten so: „Haare bieten die Möglichkeit, den Körper auf eine andere Art und Weise zu thematisieren.
Obwohl der Körper abwesend ist, ist er gleichzeitig präsent, verliert jedoch seine spezifische Individualität.“1 Was auch uns an diesen zuerst
eher befremdlichen Haarobjekten fasziniert, und welche kulturellen und
emotionalen Erinnerungen in ihnen verankert sind, verdeutlichen die
Haargeschenke des 19. Jahrhunderts.
„Ich schenk dir
meine Locke,
damit du immer an mich
denkst.“
„Ein Haar fesselt stärker als eine
Eisenschnur.“ 2
Haargeschenke
Der kulturelle Gebrauch von Haargeschenken und
Haargaben lässt sich bis in die ägyptische Kultur um
1300 v. Chr. zurückverfolgen. Dort wurden den Verstorbenen bereits Haare als Grabgaben beigelegt.
In der Antike wird das Haar für Opfergaben und Geschenke an die Götter abgeschnitten und verbrannt.
Aus Legenden und Märchen schließt man, dass fast
dreitausend Jahre später zum ersten Mal wieder
Haarobjekte als Geschenke auftauchten. Neben diesen Quellen gibt es noch zahlreiche weitere, die die
Existenz von Haargeschenken und Haarobjekten im
16. und 17. Jahrhundert belegen. Jedoch wird das
Verschenken und Tragen von Haarobjekten erst mit
Beginn des 19. Jahrhunderts zu einem alltäglichen
gesellschaftlichen Phänomen in bürgerlichen Kreisen.3
Blicken wir also 200 Jahre zurück in die Vergangenheit, werden uns die Haarobjekte als symbolisch aufgeladene Geschenke präsentiert. Das frühe 19. Jahrhundert, Zeit des Biedermeiers, ist geprägt von den
Strömungen der Aufklärung und der romantischen
Empfindsamkeit.
Dem Vorbild des Denkenden steht die Freiheit des
Fühlens gegenüber.4 Auf dieser Grundlage entwickelte sich ein überhöhter Freundschaftskult.
In bürgerlichen und adeligen Kreisen wurde es modisch, Schmuck aus Haaren und stets eine Locke des
oder der Liebsten bei sich zu tragen.5
Während einfache Haararbeiten vorerst nur in Heimarbeit gefertigt wurden, entwickelte sich das Handwerk in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer
mehr hin zur Professionalisierung. Haarschmuck zu
tragen war zu einem Trend geworden. Nicht immer
wurde dabei das eigene Haar als Material verwendet. Um Schmuckstücke mit rein modischer Funktion
herzustellen, verwendete man Tressen und Haarteile, die beim Friseur zu erwerben waren.6
Dass aus Haaren filigrane und künstlerisch hochwertige Objekte gefertigt wurden, ist für den Betrachter
des 21. Jahrhunderts auf den ersten Blick irritierend,
weil bürgerliche und auch adelige Frauen mit der
Handarbeit derartig viel Mühe und Zeit für ein Haargeschenk investierten. Auch wenn heutzutage vereinzelnd noch immer Haarkunstobjekte hergestellt
werden, haben diese in ihrer traditionell und gesellschaftlich verankerten Geschenktradition an Selbstverständlichkeit verloren und sind vermehrt aus dem
Alltag gewichen.
„Whose hair I wear I love(d) most.“ 7
geflochtene Band, ein traditionell in Hochzeiten verankertes Objekt, ist ein besonders intimes Geschenk,
welches die Braut unter ihrem Kleid verbirgt. Es wird
geschützt und kommt erst nach der Vermählung zum
Vorschein. Dass Haarschmuck mit feinen Monogrammen und Inschriften verziert wurde, zeigt die gläserne Brosche aus dem 19. Jahrhundert (Abb.3), in
deren Inneren eine liebevoll zur Schleife arrangierte
Haarsträhne ruht. Umrahmt wird diese von einem
Schriftzug, der eindeutig darauf schließen lässt, dass
es sich dabei um eine Liebesgabe handelt. „Keep this
as a small token of love“.
Einen ganz anderen Charakter weisen die prunkvollen
Ohrhänger, ebenfalls aus der Zeit des Biedermeiers,
auf (Abb 2). Am Kopf getragen und in Szene gesetzt
sind sie eindeutig ein Beispiel für das Modephänomen des Haarschmucks und verlieren auf den ersten
Blick an repräsentativer Nähe.
27
26
Abb 1:
Haarband, vermutlich
Strumpfband, Mitte 19.
Jahrhundert, Haar und Holz
Die englische Königin Victoria (um 1840) trug stets
eine Locke ihres Ehemannes Prinz Albert in Broschen
oder Medaillons bei sich und verteilte ihre eigenen
Haare innerhalb der Familie als Zeichen der Verbundenheit.8 Das Haarobjekt, als hübsches, handgefertigtes Geschenk und die damit einhergehenden
emotionalen Verknüpfungen regen dazu an, uns
selbst künstlerisch und ästhetisch mit unseren Haaren zu bschäftigen. Die einzelnen ausgefallenen, im
Alltag eher als abstoßend wahrgenommenen Haare
bekommen in einem neu geschaffenen künstlerischgestalterischen Zusammenhang in Form eines Objektes in unseren Augen eine neue Sinn- und Werthaftigkeit.9
Welche sinnliche Intimität den zarten Haargeschenken innewohnt, wird auch anhand des Beispiels eines Strumpfbandes aus dem 19. Jahrhundert deutlich (Abb.1). Das aus dunkelblondem Haar sorgfältig
„Nur eine Locke von deinem Haar.
Gib mir, mein Lieb, für die kalte Ferne!“ 10
Wie das Haar zum Objekt wird
Mit den verschiedenen, teilweise durch Klosterfrauen und Aufzeichnungen aus alten Musterbüchern
überlieferten Handwerkstechniken wie Klöppeln, Sticken, Weben oder Flechten, wurden Haare zu Ketten,
Broschen, Ohrhängern und Armbändern verarbeitet.
Die Haare wurden geflochten, als lose Locken in Medaillons verborgen oder als Ummantelung kleiner
Schmuckstücke verwendet.11 Die historischen Haarobjekte bekommen ihre Wertigkeit durch ihre besonders hohe Handwerkskunst und vor allem durch die
Einmaligkeit des Materials. Trotz optischen Ähnlichkeiten bleibt jedes Schmuckstück durch sein individuelles Material ein Unikat, das nicht toter Gegen-
stand, sondern durch seinen Bezug zur Gegenwart
als Seelenträger verstanden werden muss.12
In der aktuellen Crafting-Welle, die textile Handarbeiten wieder in Mode bringt, bieten sich auch künstlerische Materialtransformationen mit Haaren an.
So zum Beispiel die von filigranen Mustern und Ornamenten durchzogenen Haararbeiten der Hamburger
Künstlerin Mariella Mosler. Die geflochtenen Objekte, die immer unterschiedliche Formen aufweisen,
mal ähneln sie einer Rosette, mal einer Schneeflocke
oder Spirale, haben einen starken Bezug zum historischen Erinnerungs- und Trauerschmuck. Mosler
entfernt sich jedoch von der biographischen Ebene,
indem sie anonymisierte Handelsware für ihre Arbeiten verwendet. Die
Haare, von Asiatinnen stammend,
können nach ihren Wünschen industriell gebleicht und strukturell verändert werden. Das Haar wird in ihren
Werken als menschliches Körperteil
und kommerzielles Produkt in Form
des Ornamentes zu einem Mittel,
das die Kultur herausfordert, sie in
Frage stellt und gleichzeitig erinnerungsspezifisch hervorbringt.13
Dass das eigene Haar bereits an unserem Kopf Träger von Erinnerungen,
autobiographischen und kulturspezifischen Motiven ist, verdrängen wir
heutzutage viel zu oft. Schnell wird
das Haar zur toten Materie erklärt
und aus dem kulturellen Rahmen
herausgelöst. Kulturspezifische Bedeutungsebenen verlieren an Alltäglichkeit und die Haare werden zum
Gebrauchsgegenstand und zur Funktionalität. Bereits der Verzicht darauf,
das eigene Haar zu schneiden, deklariert dieses zu etwas Wertvollem und
distanziert es vom „Haar-Abfall“.14
Unser abgeschnittenes Haar wird
zwar im Alltag meist als Abfall abgetan, besitzt jedoch in anderen Kul-
schmuck dienen, z. B. in Form von Kinderzöpfen,
haben längst andere, digitale Medien ihren Platz
eingenommen. Das Haar selbst wird im Alltag immer
mehr zum Abfallprodukt deklariert und beugt sich
Trends und Moden. Als Medium der Erinnerungskultur löst nun die Fotografie die haarigen Kunstwerke
ab.15
Abb. 3:
Keep this as a small
token of love, Brosche
um 1837
Haarige Erinnerungs-Kunst
„Ist es nicht ein Erbarmen des Todes? Er
zerstört alles, aber das
Haar läßt er
unangetastet.“16
nem weißen Tuch soll es an einen zurückliegenden
Lebensabschnitt des Künstlers erinnern. Die Beischrift, übersetzt „Haare von Christian Boltanski auf
einem Stück weißen Tuchs, im Oktober 1969 an 60
Personen verschickt“, macht deutlich, dass das hier
ausgestellte Büschel nur exemplarisch für den von
Boltanski an 60 Personen versandten haarigen Erinnerungsträger steht.
Das Verschicken von abgeschnittenem und totem
Die künstlerische Annäherung an das Haar als Er- Haar impliziert auf den ersten Blick eine Geste des
innerungsträger haben auch Künstler des 20. Jahr- Abschieds. Boltanski, der wegen seinen künstlerihunderts nicht gescheut. Das Haargeschenk selbst schen Arbeiten als „Spurensicherer“ bezeichnet wird,
weicht zwar anderen künstlerischen Interpretatio- verwendet das biographisch aufgeladene Haar, das
nen, doch der Bezug zur Haarkunst bleibt erhalten. Zeuge eines vergangenen Lebens ist, jedoch als ein
Der französische Künstler Christian Boltanski inter- Geschenk, das gegenwärtig erinnern soll.17 Die künstpretiert in einem seiner Werke das Haarmotiv auto- lerische und somit ästhetische Auseinandersetzung
biographisch. In der Vitrine de Références (Vitrine mit dem eigenen oder gar fremden Haar ermöglicht,
der Beziehungen, 1970) liegt, scheinbar beiläufig die Wahrnehmung zu erweitern. Das Haar, Teil des
dort drapiert, ein dichtes, schwarzes Büschel krausen Körpers, wird vor unseren Augen zum Material und
Haares neben anderen Objekten. Präsentiert auf ei- Kunstobjekt.
29
28
Abb. 2:
Ohrhänger, um 1835, Haar, Draht und Jett-Perlen
turkreisen noch weitereichende wirtschaftliche oder
kulturelle Funktionsebenen. So verkaufen viele Asiatinnen ihr glattes, dunkles Haar, da dieses auf dem
Markt stark nachgefragt wird und für die Herstellung
von Perücken und Haartressen hoch im Kurs steht.
Auch wenn im 21. Jahrhundert noch vereinzelt Menschenhaare als erinnernder repräsentativer Wand-
Im späten 20. und 21. Jahrhundert beginnt eine Wiederentdeckung des Haarthemas auf künstlerischer
und handwerklicher Ebene.
Die Züricher Schmuckdesignerin Anna Kunz fertigt
moderne Colliers aus Haaren an und setzt sich dabei
mit traditionellen Haarflechttechniken auseinander.
Ihre Arbeiten weisen sowohl alte Flechtmuster als
auch neue Interpretationen des Biedermeier Haarschmucks auf. So fasst sie für ihr Haarpinsel-Collier
(1997) Haare zu losen Büscheln zusammen und kombiniert diese mit filigran geflochtenen Elementen zu
einer Kette.18 Haarschmuck ist für sie stets die Verkörperung von Gefühlen. Kunden müssen daher selbst
Haare mitbringen, aus denen dann in traditioneller
Handarbeit geflochtene und geklöppelte Colliers entstehen.
Diese Rückbesinnung auf das in Vergessenheit geratene Kunsthandwerk, enthebt die toten Haare ihres
Abfallstatus und macht sie in Form eines zeitgenössischen Schmuckstücks wieder zu etwas Wertvollem.19
Unsere Haare gewinnen in der modernen Gesellschaft wieder an Präsenz.
Marina Hoffmann
Fußnoten
1 Vgl. Schneede, Marina: Mit Haut und Haaren. Der Körper in der zeitgenössischen Kunst. DuMont. Köln 2002, S. 104.
2 Bächold-Stäubli; Hoffmann-Krayer: o.T.(1987) In: Tiedemann, Nicole: Haarkunst Böhlau. Köln 2007, S. 121
3 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007, S.180-186
4 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007, S. 193
5 Vgl. Schneede, Marina: Mit Haut und Haaren. Der Körper in der zeitgenössischen Kunst. DuMont. Köln 2002, S. 100
6 Jedding-Gesterlin, Maria. Brutscher, Georg: Die Frisur. Eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart. Callwey Verlag. München 1988,
S. 182
7 Smith, Clifford H.: Jewellery Aus: Tiedemann, Nicole:Haarkunst London 1908, S. 370
8 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007, S. 260
9 Fayet, Roger: Haare-Abfall, Kompost und Kunst. Hinweise auf ein Gestaltungsphänomen. In: Meyer, Cornelia. Haare-Obsession und Kunst. Museum Bellerive.
Zürich 2000, S. 29
10 Storm, Theodor: Gedicht: Nur eine Locke (1817-1888). In: Tiedemann, Nicole: Haarkunst Böhlau. Köln 2007, S. 264
11 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007, S. 201
12 Vgl. Ebda. S. 319
13 Vgl. Spanke, Daniel: Ornament. Schönheit und Verbrechen. Kerber Verlag. Wilhelmshaven Kunsthalle 2003, S. 17-18
14 Fayet, Roger: Haare-Abfall, Kompost und Kunst. Hinweise auf ein Gestaltungsphänomen. In: Meyer, Cornelia. Haare-Obsession und Kunst. Museum Bellerive.
Zürich 2000, S. 30
15 Richter, Isabel: Trauer verkörpern. Schmuck aus Haaren in der bürgerlichen Trauerkultur im 18. Und 19. Jahrhundert. In: Janecke, Christian (Hrsg.): Haar tragen.
Eine kulturwissenschaftliche Annäherung Böhlau. Köln/Weimar/Wien 2004, S. 171
16 Rodenbach, George: Das tote Brügge. In: Tiedemann; Nicole: Haarkunst. Stuttgart 1966, S. 4
17 Schneede, Marina: Mit Haut und Haaren. Der Körper in der zeitgenössischen Kunst. DuMont. Köln 2002, S. 95
18 Fayet, Roger: Haare-Abfall, Kompost und Kunst. Hinweise auf ein Gestaltungsphänomen. In: Meyer, Cornelia. Haare-Obsession und Kunst. Museum Bellerive.
Zürich 2000, S. 33
19 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007, S. 295
Literaturverzeichnis
Fayet, Roger: Haare-Abfall, Kompost und Kunst. Hinweise auf ein Gestaltungsphänomen. In: Meyer, Cornelia. Haare-Obsession und Kunst. Museum Bellerive. Zürich
2000
Jedding-Gesterlin, Maria. Brutscher, Georg: Die Frisur. Eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart. Callwey Verlag. München 1988
Schneede, Marina: Mit Haut und Haaren. Der Körper in der zeitgenössischen Kunst. DuMont. Köln 2002
Spanke, Daniel: Ornament. Schönheit und Verbrechen. Kerber Verlag. Wilhelmshaven Kunsthalle 2003
Richter, Isabel: Trauer verkörpern. Schmuck aus Haaren in der bürgerlichen Trauerkultur im 18. Und 19. Jahrhundert. In: Janecke, Christian (Hrsg.: Haar tragen. Eine
kulturwissenschaftliche Annäherung) Böhlau. Köln/Weimar/Wien 2004
Tiedemann, Nicole: Haarkunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau. Köln 2007
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Altonaer Museum in Hamburg. Haarband, vermutl. Strumpfband. Mitte 19. Jahrhundert. Material: Haar, Holz. Technik: Zopfgeflecht, Anhänger in
Eichelform. L 33cm. Inv.-Nr. AM 1930/137
Abb. 2: Altonaer Museum in Hamburg. Ohrhänger. Um 1835. Material: Haar, Draht, Jett-Perlen. Technik: Posamentenarbeit. L 5,5cm. Inv.-Nr. AM 1999/227 a, b
30
Abb. 3: Peters, Hayden. Keep this as a small token of love. Brooch. 1837. www.artofmourning.com
Abb. 1:
Schnurrbart zum Mitnehmen –
Macht zum Abreißen? Oder einfach nur hip?
Mächtige
Männer,
mächtige
Bärte
Von Hitler zum Hipster
Der frühe Mensch verteidigte sich mit seinen Zähnen. Bisse dienten dem Angriff von Rivalen und Feinden und der Bart der eindrücklichen Betonung der
frühzeitlichen Drohgebärden, die vom Mund ausgingen. Die Behaarung des Gesichts ließ Kiefer und Kinn
dominanter und kräftiger erscheinen und verstärkte
das Drohen als Ausdruck von Autorität. Während sich
in der Entwicklung des Menschen der körperliche
Kampf und die Verteidigung veränderten, die Mundregion sich zurückbildete, blieb der Bart des Mannes.
Immer noch sind Kinn und Kiefer soziale Organe: vorgeschoben und gespannt deuten sie ablesbar auf Ärger hin. 1
nären Hintergrund der Bart auch in der heutigen Zeit
längst keine „emotional neutrale Männerzierde“3,
sondern, beabsichtigt oder nicht, eine körperliche
Erinnerung an Macht und Autorität – der Bartträger
trommelt auf seiner vermeintlich behaarten Brust.
Bartlos mächtig
Damit mag auch die überwiegende Bartlosigkeit der
politischen Machtträger seit dem frühen 20. Jahrhundert zusammenhängen. Die Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika sind seit 1913 stets
glatt rasiert und keiner der deutschen Bundeskanzler
nach 1945 trug Bart. Selbst wenn sie könnte, würde
Angela Merkel – man denke an ihr bekräftigendes
Seither ist an den Bart aber nicht nur der Ausdruck Finger-Dreieck – wohl keinen Bart tragen.
von Macht und einschüchternder Autorität geknüpft. Noch zur Zeit des Deutschen Kaiserreiches muss aber
Das Wachsen der Gesichtsbehaarung verlangt auch das Verständnis der politischen Macht ein anderes
nach Behauptung in der männlichen Rangordnung: gewesen sein. Schließlich gab der „Es ist erreicht“Als Teil der körperlichen Veränderung in der Puber- Bart Wilhelm II. ein „energisches, kriegerisches, fast
tät symbolisieren die sprießenden Barthaare das Er- martialisches Aussehen“4. Der Schnäuzer wirkte als
wachsenwerden. Die kindliche Vereinfachung wird eine körperliche Gestaltung seiner kaiserlichen Herraufgehoben. Sich des Bartes zu entledigen versetzt schaft. So eine Demonstration der Macht scheint in
den Mann folglich künstlich in das Stadium des un- der heutigen Politik unangebracht5: Der Bürger ist
schuldigen Kindes zurück. Er entzieht sich Macht- mehr Wähler denn Untertan und der Politiker ist dakämpfen, sorgt aber ebenso dafür, dass der soziale her im eigenen Interesse kein bärtiger Patriarch.
Umgang mit ihm scheinbar nicht nach ständiger Unterwerfung des Gegenübers verlangt. Wenn der Bart Eine Einsicht, die für Kaiser Wilhelm II. zu spät kam:
ein männliches Machtzeichen ist, ist die Rasur, das Zuerst verlor er an Popularität, dann den Krieg und
glatte Gesicht, eine soziale Erleichterung.2 Der ra- die politische Macht. Und sein hochgezwirbelter
sierte Mann trägt seine Macht nicht im Gesicht, hält Schnäuzer als Folge den Einfluss auf die Bartmode.6
sie dem Anderen nicht vor und lässt damit andere Die neuen Mächtigen waren offenbar nicht länger
Kommunikationsstrategien als die rein körperlichen die, die über Krieg und Frieden entschieden und die
Aggressionsgebärden zu. So ist vor seinem evolutio-
33
32
Ist der Bart ein Zeichen von Männlichkeit, ein Attribut,
das die Evolution dem Mann nicht genommen hat –
schließlich eine Demonstration von körperlicher und
sozialer Macht? Gilt: „Wer Bart hat, hat die Macht?“
Abb. 2: Hitler ohne
Bärtchen? Unvorstellbar. Der Bart war ein
Teil der aufwendigen
Selbstinszenierung
des Diktators.
Der Hipster und der Damenbart
sich wandelnde Gesellschaft formten, sondern die
Schauspieler des jungen Hollywoodfilms: MenjouBärtchen und Clark-Gable-Bart schoben sich in den
20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zwischen
Nase und Mund des Mannes.7
Irgendwo zwischen diesem vermuteten Rückgang
des Bartes als demonstratives Symbol der männlichen Macht und der Erleichterung der Kommunikation, jedenfalls aber in dem grundsätzlichen
Verschwinden des Bartes, mag sein Potenzial
als eigenwillige Zierde des Hipsters liegen (Abb.
3). Der Gegner der gesellschaftlichen Massenerscheinung würde sich kaum ein sexistisch anmutendes Überbleibsel archaischer Drohgebäeden
stehen lassen. Aber einen Bart, der schon im 20.
Jahrhundert immer mal wieder zum äußeren
Merkmal verschiedener Subkulturen wurde 16,
den die Langweiler und Angepassten längst abgelegt haben, der steht dem Hipster gut. Schade
nur, dass er ohne es zu wollen, den Bart wieder
tragbar gemacht hat – zumindest als Mustache,
gedruckt auf T-Shirts und natürlich Jutebeutel
(Abb. 1 und 4). Was den Hipster von der Masse
unterscheiden sollte, ist durch ihre Macht zum
bloßen modischen Accessoire geworden. Aber
ist es nicht auffällig, dass der „neue Bart“ wiederum besonders von Frauen getragen wird? Es
scheint, als erhielten sie selbst in der Umkehrung
der Männlichkeit das kulturell eingeschriebene
Machtmuster des Bartes aufrecht.17
Diese Wende zum Ausdruck medialer Macht des Bartes wurde in den 1940er Jahren von der mythischen
Inszenierung politischer Macht durch Stalin und Hitler erschüttert. Zum Erscheinungsbild beider Diktatoren gehörte der Schnurrbart – Stalins breit und
buschig, Hitlers auffallend schmal und akkurat. Der
Bart als Teil des Körpers 8 wurde wieder markantes
Merkmal der bewusst gestalteten Selbstdarstellung,
die wesentlich die Demonstration politischer Macht
bedeuteten sollte 9 (Abb. 2). Wäre da nicht Charlie
Chaplin gewesen, der Hitler nicht zuletzt als Anton
Hynkel in „Der große Diktator“ gewissermaßen den
Bart stahl, wäre es leicht zu sagen, dass Hitler den
Bart als eindeutiges „Einschüchterungs- und Autoritätssymbol“ 10 seiner Figur nutzte. 11 Tatsächlich ist
Hitlers Bärtchen nur Teil einer durch die kulturelle
Macht der Gesellschaft geschaffenen Zeiterscheinung, also eher ein verkehrtes Machtsymbol.
Männermacht – Möge der Bart mit dir sein
Bart hin oder her: Macht ist ein Begriff mit vielen
Zuordnungen, der aber vor allem auch in einem soziologischen Zusammenhang mit kulturell konstruierter Männlichkeit verknüpft wird. Demnach beruht
Männlichkeit nicht zuletzt auf dem „Wunsch, die anderen Männer zu dominieren, und sekundär […] die
Frau.“12. Allerdings scheint es, als habe sich in den
letzten Jahrzehnten die Gesellschaft verändert und
„die Herrschaft des Männlichen“13 müsse sich zunehmend gegenüber der emanzipierten Frau behaupten.
Sie dringt in die eigentlichen Bereiche der Männlichkeit vor, was z. B. in der gestiegenen Berufstätigkeit
von Frauen deutlich wird.
Die männliche Macht schwindet oder weniger drastisch – wandelt sich. Und der Bart? Er wird rasiert!
Abb. 4: Der „neue Bart“ ganz ohne Mann schafft es von der Oberlippe
aufs T-Shirt (Felgendreher/Steinert, 2013)
Spätestens seit den 1920er Jahre steigt die
Anzahl der glattrasierten Männergesichter, bis der
Bartträger in den 60er und 70er Jahren einsam geworden ist. 14 Hat nicht zuletzt also die „neue Frau“15
Mann und Bart längst entmachtet?
Ohnehin, ist der gescheiterte Abgrenzungsversuch des Hipsters mehr als das. Denn egal, wie
sich durch die Gesellschaft die Wirkung des getragenen Bartes verändert, eine gewisse Macht
bleibt: Die Macht des Mannes über seinen eigenen Körper. Wie Hitler sich inszenierte und auch
durch sein Äußeres zur Identifikationsfigur des
kleinen Mannes wurde (vgl. Koch: 108) und wie
der Hipster sich zudem durch jedes Barthaar zum
Freidenker stilisiert, so beweist der bärtige Mann
sich selbst seine körperliche Souveränität.18 Er
lässt wachsen, trimmt, rasiert – und bildet ein
Körperbild, das der Darstellung seiner Identität
dient. Der Mann inszeniert sich und die vielen Aspekte seiner Macht also nicht zuletzt durch und
als Bart – auch wenn er rasiert ist .19
Abb. 3: Ein Bart ein Mann: Kaiser – Hitler – Hipster. Ohne scheint es nicht zu gehen.
Lea Schwarzwald
Literaturverzeichnis
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Abbildungsnachweise
Abb. 1-3: Fotos Lea Schwarzwald
Abb. 4: Lisa Merle Felgendreher und Marie Steinert, 2013.
Mit freundlicher Genehmigung.
35
34
Und gleichzeitig, bei aller symbolisierten Männlichkeit, ist der Bart so ein Beweis für die urtümliche weibliche Macht: Nicht umsonst ließ Abraham Lincoln sich erst in den letzten Jahren seiner
Präsidentschaft einen Backenbart wachsen, nachdem ein Mädchen andeutete, ein Bart würde ihn
attraktiver aussehen lassen.20
Fußnoten
1 Vgl. Guthrie, R. Dale: Das gewisse Etwas. Kindler Verlag. München 1978
2 Vgl. Ebda. S. 46
3 Ebda. S. 40
4 Tratschke: Im Bart liegt Stärke. Ein haariger Streifzug durch die Geschichte. 09. Januar 1981. Zeit Online. <http://www.zeit.de/1981/03/im-bart-liegt-staerke>
15. Mai 2013
5 Vgl. Ebda.
6 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann. Eine Skizze um ein erotisches Attribut.
Kryolan. Berlin 2000, S. 145
7 Vgl. Ebda. S. 149
8 Vgl. Janecke, Christian: Einleitung – Haare tragen. In: Janecke, Christian (Hg.):
Haare tragen. Eine kulturwis-senschaftliche Annäherung. Böhlau Verlag. Köln
2004, S. 17
9 Vgl. Meuser, Michael: Männerkörper. Diskursive Aneignung und habitualisierte
Praxis. In: Bereswill, Mechthild; Meuser, Michael; Scholz, Sylka (Hg.): Dimensionen der Kategorie Ge-schlecht: Der Fall Männlichkeit. Westfälisches Dampfboot.
Münster 2007, S. 153
10 Guthrie, R. Dale: Das gewisse Etwas. Kindler. München 1978, S. 39
11 Vgl. Koch, Gertrud: Hitleriana. Die Mimesis der Groteske. Eine Notiz zu Hitlers
Bart. In: Diehl, Paula (Hg.): Körper im Nationalsozialismus. Bilder und Praxen.
Wilhelm Fink. München 2006, S. 108
12 Vgl. Bourdieu 1997, in: Bieser, Sascha: Aspekte zur männlichen Identität. Tectum
Verlag. Marburg 2005, S. 31
13 Bieser, Sascha: Aspekte zur männlichen Identität. Tectum Verlag. Marburg 2005,
S. 35
14 Robinson, Dwight E.: Fashions in Shaving and Trimming of the Beard. The Man
of the Illus-trated London News. 1842-1972. In: Reilly, Andrew; Cosbey, Sarah
(Hg.): Men’s Fashion Reader. Fairchild Books. New York 2008, S. 319
15 Mosse, George L.: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 1997, S. 237
16 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann. Eine Skizze um ein erotisches Attribut.
Kryolan. Berlin 2000, S. 154
17 Stegemann, Jana: Fashionspießer: Mustache-Trend. Was für ein Wucher. 30.
Oktober 2012. Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH/ Süddeutsche
Zeitung GmbH. <http://www.sueddeutsche.de/stil/fashionspiesser-mustachetrend-was-fuer-ein-wucher-1.1503226> 15. Mai 2013
18 Vgl. List 1993, in: Meuser, Michael: Männerkörper. Diskursive Aneignung und
habitualisierte Praxis. In: Be-reswill, Mechthild; Meuser, Michael; Scholz, Sylka
(Hg.): Dimensionen der Kategorie Ge-schlecht: Der Fall Männlichkeit. Westfälisches Dampfboot. Münster 2007, S. 155
19 Posch, Waltraud: Projekt Körper. Wie der Kult um die Schöhnheit unser Leben
prägt. Cam-pus-Verlag. Frank-furt [u. a.] 2009, S. 123
20 Reilly, Andrew; Cosbey, Sarah (Hg.): Men’s Fashion Reader. Fairchild Books.
New York 2008, S.112
HAIRmeneutik
– die Bedeutung des Barttragens
Ursprünglich war die Barttracht des Mannes ein Ausdrucksmittel seiner Persönlichkeit. Je nach Blickwinkel und Betrachtungsweise konnte der Bart etwa die Weltanschauung und politische Gesinnung des Trägers, jedoch auch Stärke, Macht und
Potenz demonstrieren. Selbst Freiheit, Unabhängigkeit und Lebensfreude konnten
durch ihn zum Ausdruck gebracht werden. Heutzutage werden mit langen Vollbärten (bei der älteren Generation) häufig immer noch Frömmigkeit, Weisheit und
Würde verbunden. Dies lässt darauf schließen, dass sich so manche Bartbedeutung über die Jahrhunderte kaum verändert hat.
Die Manneszier Bart war auch Zeichen für die Standeszugehörigkeit bzw. Klassenunterschiede. So durften die privilegierten Männer in der elisabethanischen Ära
in England der Bartmode folgen, wohingegen die nichtprivilegierten beim Tragen
ihres gewünschten Bartes eine Bartsteuer zahlen mussten.4 So ähnlich ging es um
1698 auch in Russland zu. Der damals regierende Peter der Große führte dort zwar
auch eine Bartsteuer ein, diese mussten jedoch nur diejenigen zahlen, die nicht
glattrasiert waren. Der Zar empfand den wilden Haarwuchs in den Männergesichtern als unmodern. Paradoxerweise oder auch um sich vom gemeinen Volk abzuheben, trug er selbst ein damals westlich modernes Schnurrbärtchen.5
Bart-Art
In der westlichen Welt gibt es zurzeit keine modischen Vorschriften mehr, die besagen, wie Mann seinen Bart zu tragen hat. Die Barttracht ist vielmehr zum männlichen Modeaccessoire mutiert. Halbstarke und Männer tragen ihre ca. 250 000
Barthaare6 nach individuellem Belieben. Mal um sich von der Menge abzuheben,
mal um eine Gemeinschaft zu bilden. Bartmoden wechseln wir Haar- oder Kleidermoden und sind Mittel zur Distinktion oder Anpassung.
Abb. 1: Adolphe Menjou, Kathryn Carver, Paris 1928
Das heutige Barttragen im europäischen Raum ist
von Modeerscheinungen beeinflusst, die über Kleinasien nach Europa gebracht wurden.1 Wo Mann sich
während der Kaiserzeit und bis zum Ersten Weltkrieg
noch an den Bart- und Haarvorlieben des Herrschers
orientierte, wurden danach vor allem die Tragweisen der berühmten Filmschauspieler favorisiert.2 So
kommt es, dass beispielsweise das Menjou-Bärtchen
auf den US-amerikanischen Schauspieler Adolphe
Menjou im Jahre 1920 zurückzuführen ist.3
Abb. 3: Moustache Variationen - Zeichnung Jasmina Saddedine, 2013
37
36
Das menschliche Antlitz, umrahmt von Kopfhaaren
und geschmückt mit Gesichtshärchen, bildet es das
Zentrum der visuellen Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, die auch den Haaren und Härchen in Form
von Färben, Zupfen, Rasieren und Gestalten widerfährt. Kopfhaare, Augenbrauen, Wimpern und Barthaare werden auch die Königsbehaarung der Körperbehaarungen genannt. Biologisch betrachtet sind sie
Zeichen von Gesundheit, Alter und Geschlecht. Auf
kultureller Ebene werden sie zu Bedeutungsträgern,
Symbolen und Gestaltungsobjekten.
Abb. 2: Paul Delaroche - Zar Peter der Große von Russland, 1838
So wurde beispielsweise im Jahre 2003 eine australische Spendenorganisation namens „movember“ gegründet. Der Name der Organisation setzt sich aus den englischen Wörtern „moustache“ und „november“ zusammen. Die partizipierenden
Herrschaften lassen sich, wie der Name der Organisation ahnen lässt, im elften
Monat des Jahres einen Oberlippenbart (jeglicher Art) wachsen. Sinn und Zweck
dieser Bewegung ist primär das Sammeln von Spendengeldern, die vor allem der
Prostatakrebsforschung zugutekommen. Ein wichtiger Nebeneffekt dieser Aktion
stellt hierbei der Appell an alle Bärtigen dar, mehr auf ihre Gesundheit zu achten.
Diese organisierte Oberlippenbartträger-Gemeinschaft hat sich inzwischen über
mehrere Kontinente ausgeweitet und erlebt November für November steigende
finanzielle Erfolge. Der Oberlippenbart war in den 70er Jahren sehr modern und
schmückte damals viele Männergesichter. Heute sorgt er in den Gesichtern von
jüngeren Männern jedoch für Amüsement und Aufsehen. Diese beiden Aspekte
stellen bei der haarigen Angelegenheit von „movember“ die Hauptindikatoren
dar, denen die Träger den rapiden Erfolg zu verdanken haben.7
mächtigsten Frau am Nil. Hatschepsut durchlief eine
enorme Transformation von der Königin zum König
und vom König zum Pharao Matkaare. Einen falschen
Bart trug sie, um ihre Macht zu demonstrieren. 9
Auch die heilige Wilgefortis, die um 130 nach Chr. in
Portugal lebte, war eine bärtige Märtyrerin. Der Legende nach sollte die hübsche Wilgefortis, die vom
Heidentum zum Christentum konvertiert war, mit
einem Heiden verheiratet werden. Dies wollte sie
keinesfalls zulassen. Darum flehte sie zu Gott, ihr einen Bart wachsen zu lassen, der sie entstellen sollte.
Ihr heidnischer Vater ließ sie darauf in Lumpen ans
Kreuz schlagen, „damit sie ihrem himmlischen Bräutigam gleiche“10. „Die Sterbende predigte drei Tage
Abb. 4: 1. Berliner Bart-Club 1996 e. V.
lang vom Kreuz herab und bekehrte viele Menschen,
Bartclubs stellen ein weiteres Phänomen der Zusam- darunter auch ihren Vater. Er ließ sie nun in kostbare
menkunft von Bartindividuen dar. An dieser Stelle Stoffe hüllen und errichtete nach ihrem Tod eine Kirmuss gesagt werden, dass hier Bärte jeglicher Art che zur Buße.“11 Viele mythische Muttergottheiten
und Form erlaubt, sogar erwünscht sind. In diesen trugen Bärte, jedoch waren ihre Absichten und ZweBartclubs treten bärtige Wesen in nationalen sowie cke unterschiedlichster Natur. 12
internationalen Wettbewerben gegeneinander an,
um von einer Jury nach verschiedenen Kriterien der Auch Miss Annie Jones Elliot trug 1865 einen VollSchönheit, Kunst und Pracht ihres Bartes bewertet zu bart.13 Sie wurde durch ihren Bart, der schon im
werden.
„Der Bart als Geschlechtszeichen mitten im Gesicht Abb. 5: Annie Johnes Elliot, zwischen 1881 und 1895
ist obszön. Daher gefällt er den Weibern.“8 Dies sagte
einst der Bartgegner und Philosoph Arthur Schopenhauer über das sekundäre und hormonell bedingte
Geschlechtsmerkmal des Mannes. Warum finden viele Frauen den männlichen Gesichtspelz schön? Wohl
kaum, weil er obszön ist. Vielmehr lässt sich hier die
Frage stellen, ob Frauen wohl auch gern ein haariges
Zeichen ihrer Persönlichkeit im Gesicht hätten.
HAIRarchy –
Herrenbart vs. Damenbart
Nun wurde reichlich über die Testosteroner und
Herrenseite berichtet. Was aber ist mit den Östrogenerinnen und den deswegen weniger voluminös
ausfallenden Damenbärten? Warum werden längere, kräftigere Härchen, meist auf der Oberlippe und
dem Kinn der Dame vorwiegend als unästhetisch und
ekelerregend empfunden?
38
Die Pharaonenkönigin Hatschepsut war vor mehr als
3000 Jahren die erste Frau, die in Ägypten herrschte
und ihre Macht mittels eines Bartes symbolisierte.
Eigentlich sollte sie nur vorübergehend das Amt der
Königin übernehmen, bis ihr unmündiger Sohn Thutmosis III. alt genug war, um Pharao zu werden. Doch
nach 20 Jahren Herrschaft ernannte sie sich selbst zur
Alter von fünf Jahren zu wachsen begann, zu einer
Zirkusattraktion. Der starke Bartwuchs ist auf den
Hirsutismus zurückzuführen, bei dem sich anstelle
unscheinbarer Vellushaare kräftigere Langhaare in
bestimmten Bereichen entwickeln.14 Damenbärte
sind bis heute eher exotisch, als Außenseiterphänomen oder faszinierend wahrgenommen, weil sie
immer etwas Besonderes darstellen und damit als
kulturell Fremdes angesehen werden: ob als Zirkusattraktion oder Männlichkeitssymbol.
der Pornodarsteller. 15
An dieser Stelle darf der Pornostar der siebziger Jahre John Curtis Estes alias John Holmes nicht fehlen.
Denn er trug maßgebend zur Verbreitung des legendären Pornobalkens bei.16 Seine Karriere begann
1968, als ihm ein Mann auf einer öffentlichen Toilette
das Angebot machte, in das Pornogeschäft einzusteigen. Er wurde vor allem aufgrund seines großen Genitals und seines Oberlippenbartes bekannt.17
Fußnoten
1 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann. Eine Skizze um ein erotisches
Attribut. Kryolan. Berlin: 2000, S. 16
2 Vgl. ebd. S. 63
3 Vgl. ebd. S. 145
4 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann, S. 26f
5 Vgl. Mrozek, Bodo. In: Spiegel-online Kultur: Das bedrohte Wort: Haarsträubender „Pornobalken“. (Zugriff: 25.06.2013) http://www.spiegel.de/kultur/
gesellschaft/das-bedrohte-wort-haarstraeubender-pornobalken-a-465478.
html
6 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann, S. 15
7 Vgl. movember: (Zugriff: 26.06.2013) http://au.movember.com/?home
8 Martin: Der bärtige Mann, S. 15
9 Vgl. Saller, Walter. In: GEO Epoche. http://www.geo.de/GEO/heftreihen/
geo_epoche/hatschepsut-die-frau-die-pharao-war-183.html?p=1 (Zugriff:
26.06.2013)
10 Ökumenisches Heiligenlexikon. http://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Wilgefortis.html (Zugriff: 26.06.2013)
11 Ebd.
12 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann, S. 25
13 Vgl. ebd. S.31
14 Vgl. Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Hirsutismus (Zugriff:
26.06.2013)
15 Vgl. Mrozek, Bodo. In: Spiegel-online Kultur: Das bedrohte Wort: Haarsträubender „Pornobalken“. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/dasbedrohte-wort-haarstraeubender-pornobalken-a-465478.html (Zugriff:
25.06.2013)
16 IMDb http://www.imdb.com/name/nm0001360/bio (Zugriff: 25.06.2013)
17 Vgl. Wunderlich, Dieter: John Holmes. http://www.dieterwunderlich.de/
John_Holmes.htm (Zugriff: 26.06.2013)
18 Vgl. Martin, Barbara: Der bärtige Mann, S. 69
Literaturverzeichnis
IMDb http://www.imdb.com/name/nm0001360/bi (Zugriff: 25.06.2013)
Martin, Barbara: Der bärtige Mann. Eine Skizze um ein erotisches Attribut. Kryolan. Berlin: 2000
Mrozek, Bodo. In: Spiegel-online Kultur: Das bedrohte Wort: Haarsträubender
„Pornobalken“. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/das-bedrohte-worthaarstraeubender-pornobalken-a-465478.html (Zugriff: 25.06.2013)
movember: http://au.movember.com/?home (Zugriff: 26.06.2013)
Ökumenisches Heiligenlexikonhttp://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/
Wilgefortis.html (Zugriff: 26.06.2013)
Saller, Walter. In: GEO Epoche. http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/hatschepsut-die-frau-die-pharao-war-183.html?p=1 (Zugriff: 26.06.2013)
Wikipedia. http://de.wikipedia.org/wiki/Hirsutismus (Zugriff: 26.06.2013)
Wunderlich, Dieter: John Holmeshttp://www.dieterwunderlich.de/John_Holmes.htm. (Zugriff: 26.06.2013)
Ein Vorläufer des Pornobalkens, oder zumindest der
Ursprung der Bartform, könnte von den Franken
stammen. Denn diese, vor allem die fränkischen KrieAbgefHAARn – Der Pornobalken
ger um das 6. Jahrhundert, trugen den hängenden
18
Der „Pornobalken“ oder „Pornobart“ stellt eine spe- Oberlippenbart. Aber auch das Menjou-Bärtchen
zielle Bartmode der 70er und 80er Jahre dar. Prinzipi- könnte ein Vorläufer des Pornobalkens gewesen sein.
ell ist er eine Variation des Oberlippenbartes, der an Sicher ist jedoch, dass mit dem „movember“-Trend
den Seiten auf Mundwinkelhöhe, etwas länger getra- eine neue Ära des Oberlippenbartes begonnen hat.
Mit tatkräftiger Unterstützung einer neuen Modeergen werden kann.
scheinung, die den Moustache überall dort erscheiAls „Pornobalken“ wurden ursprünglich die schwar- nen lässt, wo man(n) ihn nicht erwarten würde: auf
zen Zensurbalken verstanden, die zu reizvolles Bild- tätowierten Zeigefingern, gedruckt auf Kleidungsstümaterial auf Kinoaushängen überdecken sollten. Die cke, Haushaltsgegenstände und „Spaßartikel“ schmüDarsteller dieser Filme trugen häufig einen Ober- cken derzeit Oberlippenbärte die Modelandschaft. Es
lippenbart, um Männlichkeit und Stärke zu signa- kann also mit Spannung in die Zukunft des Oberliplisieren. So kam es, dass der Volksmund dem Wort penbartes und dessen Variationen geblickt werden.
„Pornobalken“ eine weitere Bedeutung zuschrieb.
Der „Pornobalken“ bezeichnete nun nicht mehr nur Jasmina Saddedine
den Zensurbalken, sondern auch den Oberlippenbart
Abbildungsnachweise
Abb. 1: Adolphe Menjou, Kathryn Carver, 1928, Paris
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/64/Adolphe_Menjou%2C_Kathryn_Carver%2C_1928.jpg (Zugriff: 13.08.2013)
Abb. 2: Paul Delaroche - Peter I of Russia, 1838
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/72/Peter_
der-Grosse_1838.jpg/220px-Peter_der-Grosse_1838.jpg/uploads/2012
/11/movember-styles.jpg (Zugriff: 13.08.2013)
Abb. 3: Saddedine, Jasmina. Moustache Variationen, Zeichnung mit Kohlestift,
2013
Abb. 4: 1. Berliner Bart-Club 1996 e. V., (von links) 3. Platz Josef Ibach Schnauzbart Ungarisch, 2. Platz Jürgen Draheim Kinn und Backenbart Musketier,
3. Platz Hayrudin Cebo Vollbart Verdi
http://www.1-berliner-bart-club.de/?page_id=631 (Zugriff: 14.08.2013)
Abb. 5: Annie Jones Elliot, zwischen 1881 und 1895
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Annie_Jones.jpg (Zugriff: 14.08.2013)
Attraktivität als Zeichen
von Kompetenz
Die Frage, ob attraktive Menschen, die dem jeweiligen Schönheitsideal entsprechen, auch beruflich erfolgreicher sind, versuchen Wissenschaftler aus Psychologie und Soziologie seit Längerem zu erforschen.
In zahlreichen Studien wird dargelegt, dass schönen
Menschen mehr Tüchtigkeit zugetraut wird, als ihren
ebenso kompetenten, aber unattraktiveren Konkurrenten. Schon in den 1970er Jahren wurde in den
USA ein sogenannter „Nimbus-Effekt“ festgestellt.
„Wer schön ist, dem fallen, wie reife Früchte, auch
noch eine Vielzahl anderer positiver Zuschreibungen
in den Schoß.“1 Ob dies jedoch in den körperlichen
Eigenschaften begründet liegt oder allenfalls ein kulturell geformtes Stereotyp ist, bleibt unerforscht.
Männer-Macht
& Haar-Pracht
Abb. 1:
Männer in Berufen des oberen Bildungs- und Verdienstbereiches weisen häufig ähnliche körperliche Erscheinungsbilder auf. Ohne viel
mehr als den unteren Rückenbereich dieses Mannes zu sehen, ist es möglich, ihn einer bestimmten beruflichen Sparte zuzuordnen.
© Uwe Steinbrich / PIXELIO
Brünette Haare als Erfolgsgarant?
se Tatsache begründet? Gibt es einen bestimmten
Dresscode, den die Bewerber eines großen Unternehmens einhalten müssen? Wieso sind gerade die
brünetten Kurzhaarfrisuren vorherrschend? Wird
diesen Männern etwa mehr Kompetenz zugeschrieben als ihren weniger attraktiven oder hellhaarigen
Konkurrenten? Mit genau diesen Fragen soll sich
der folgende Artikel näher befassen. Dabei wird der
westliche Kulturkreis im Bereich des oberen Dienstleistungssektors des 21. Jahrhunderts thematisiert.
Da Haare eng mit ihrem Träger verbunden sind, wird
häufig versucht, über den Zustand der Haare, Rückschlüsse auf die jeweilige Person zu schließen. Dabei
ist zu bemerken, dass seit jeher volles Haar Stärke und
dünnes Haar Schwäche signalisiert. Haare werden in
diesem Fall als „Pars-pro-toto“ für Lebenskraft und
Vitalität angesehen. Diese beiden Faktoren scheinen
für Erfolgsabsichten unabdingbar, sodass Studien
belegen, dass Bewerber mit vollem Haar tatsächlich
auch bevorzugt eingestellt werden.7 Sie werden als
jünger und kompetenter eingeschätzt, was nicht zuletzt an der Tatsache liegt, dass ihre Haarpracht die
Fremdwahrnehmung erheblich manipulieren kann.
„Die Performanz der Haare [ist] eng an die kulturellen Vorstellungen von Kompetenz geknüpft […].“8 Das
Kopfhaar fungiert hierbei als Einschüchterungs- und
Autoritätssymbol.9
Klischee eines erfolgreichen
Geschäftsmannes
Doch wie sieht überhaupt ein erfolgreicher Geschäftsmann aus? Muss er körperlich attraktiv, den
aktuellen Schönheitsvorstellungen unterlegen sein
und kräftige Haare besitzen? Studien der Universität Wien, die in den Jahren 2007 und 2008 durchgeführt wurden, belegen, dass in höheren beruflichen
Positionen, vielfältige Erwartungen an ein gepflegtes
äußeres Erscheinungsbild gestellt werden. Dieses
soll Seriosität vermitteln und wird je nach Branche
weniger streng gehandhabt. Der Kontakt zu Kunden
setzt gewisse Erwartungen voraus, die eng mit gängiHaare im Zeichen von
gen Schönheitsvorstellungen verknüpft sind. So gab
Schönheitsvorstellungen
beispielsweise ein Proband, der selbst im höheren
Haare gehören als wesentlicher Bestandteil zu ak- Dienstleistungssektor arbeitet, an, dass ein gepflegtuellen Schönheitsvorstellungen. Sie repräsentieren ter Mann daran erkannt werden kann, „dass er glatt
als Teil des Ganzen das komplette Individuum und rasiert ist oder seinen Bart pflegt, dass er zum Beiverfügen über eine nicht zu unterschätzende Macht- spiel keinen Schweißgeruch hat und dass er adäquat
funktion.4 Haare werden als Ausdrucksmedium an- angezogen ist. Man sieht da ja schon einen gewissen
gesehen, welches die gesellschaftliche Position ihres gesellschaftlichen Status. Wenn jemand einen guten
Trägers angibt. Ebenfalls wird heutzutage häufig ver- Job hat, gut verdient und beispielsweise ein busisucht, anhand der Haarpracht Rückschlüsse auf den nessman ist, dann kauft er sich meistens teure AnzüMenschentypus zu schließen. Solche typologischen ge, trägt gebügelte Hemden mit Krawatte, ist frisch
10
Entsprechungen beabsichtigen die symbolischen rasiert.“
Botschaften, mit denen Haare konnotiert sind, zu
41
40
Große Männer mit vor Vitalität strotzenden Körpern
verlassen zum Dienstschluss die Frankfurter Börse.
In der Menge wirken sie beinahe wie eine gewaltige
Einheit edler Anzugträger, die nicht selten brünette
Kurzhaarfrisuren tragen. Dieses Klischeebild hat sich
zumindest, nicht ganz unbeeinflusst von verschiedenen Spielfilmen, in den Köpfen der Menschen
manifestiert. Das Beispiel verdeutlicht einmal mehr,
dass Männer in Berufen des oberen Bildungs- und
Verdienstbereiches häufig ähnliche körperliche Erscheinungsbilder aufweisen. Doch worin liegt die-
Schönheit verkörpert diesen Theorien folgend soziale Macht und im Zuge der körperlichen Selbstinszenierung ebenfalls soziales Handeln. Das Individuum
orientiert sich an sozial anerkannten Standards, auch
dann, wenn es diesen ablehnend gegenübersteht. Es
richtet die eigene Schönheitspraxis auf andere Menschen aus und signalisiert soziale Nähe. Gleichzeitig
kann es ebenso soziale Distinktion erreichen und seine Überlegenheit und seinen sozialen oder beruflichen Rang ausdrücken.2
„Das Schönheitsspiel insgesamt stellt ein symbolisches Universum der Macht dar, wobei es bei den
Einsätzen in diesem Spiel um symbolische Vorherrschaft geht.“3 Folglich kann vermutet werden, dass
schöne Menschen, aufgrund ihrer sozialen Anerkennung und Macht, Unternehmen positive Resonanz
einbringen können. Doch welche Körperpartien beeinflussen überhaupt besonders stark das äußere Erscheinungsbild des Menschen?
spezifizieren.5 „Das Haar als Repräsentationsmerkmal spielt in diesem Kontext eine besondere Rolle.
Denn als Bestandteil der Körperlichkeit verbürgt es
einen der Schlüsselreize und eines der grundlegenden Symbole für Geschlecht, Alter, etc.“6
Abb. 2: Die grauen Schläfen Gerhard Schröders boten reichlich Diskussionspotenzial in den Medien.
Kompetenz lässt sich demnach nicht nur am perfekten brünetten Kopfhaar ablesen, sondern ebenfalls
an seiner altersbedingten Natürlichkeit.
© Tim Reckmann / PIXELIO
42
Diese Aussage bestätigt die gestellte Vermutung,
dass in höheren Positionen eine Art nicht nur textiler Dresscode besteht, der sich auf das komplette Individuum bezieht. Das äußere Erscheinungsbild der
Angestellten wird bewusst sozialen Schönheits- und
Pflegevorstellungen unterworfen, um eine möglichst
breite Kompetenz zu vermitteln. Das bevorzugte
Männerbild ist dabei kraftvoll, stark sowie muskulös
und spiegelt die innere Gesundheit und Kompetenz
des Geistes wieder. 11 Die gepflegte Frisur der Männer soll ihren zu präsentierenden Charakter unterstreichen und den Gesamteindruck eines gesunden
Körpers verstärken.12
Doch wie gepflegt die Frisur aussehen darf, ist ebenfalls kulturellen Normen unterworfen. So bekam die
Haarpracht des ehemaligen Bundeskanzlers, Gerhard
Schröder, im Jahr 2002 große mediale Aufmerksamkeit. Sein brünettes Kopfhaar war zwar stets kraftvoll
und gepflegt, jedoch erschien es einigen Medienvertretern schon zu perfekt. Eine lange Debatte, um das
womöglich gefärbte Haar des Bundeskanzlers war
die direkte Folge. Kommentare, dass die eventuellen
grauen Schläfen Schröders, seine Überzeugungskraft
und Kompetenz stärken würden, waren keine Seltenheit.13 In diesem Beispiel wurde das makellose,
brünette Kopfhaar nicht zur Karrierehilfe, sondern
vielmehr zur Stolperfalle. Die Relevanz angemessener Frisuren bei Männern in Führungspositionen
entspricht demnach einer Denkweise mit strengen
Spielregeln, die kulturellen und gesellschaftlichen
Vorstellungen angepasst ist.
Frisuren-Trends
Zählte bis vor einigen Jahren der bekannte Kurzhaarschnitt noch zu den gängigsten Frisuren von Männern
in höheren beruflichen Positionen, kann heutzutage nicht mehr von seiner Vorherrschaft gesprochen
werden. In der Masse ist er zwar die am häufigsten
vertretene Haarpracht der Männer, jedoch haben
sich die Haar-Trends in der Berufswelt ausgeweitet.
Zahlreiche Internetseiten beschäftigen sich mit der
korrekten Frisur für Männer in Führungspositionen
und kommen zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Gibt der express an, eine Glatze sei karriereförderlich, vertritt die EMNID-Studie eine komplett gegenteilige Meinung. Der presseanzeiger präsentiert
wiederum eine wesentlich offenere Ansicht, nimmt
Abstand von der Frisurendiktatur und kommt der
Realität am nächsten: Sofern die Frisur typgerecht
umgesetzt wird, ist von der Glatze bis hin zum Pferdeschwanz alles in den Führungsetagen erfolgreicher
Unternehmen vorzufinden.14
Stehen kurze Haare und bartlose Wangen für eine
gewisse Kultiviertheit und vermitteln den Eindruck
eines erfolgreichen, vorwärtsstrebenden Charakters,
kann die Glatze ebenso als Zeichen für Manneskraft
und Erfolg angesehen werden.15 Oftmals wird sogar
der Dreitagebart bewusst eingesetzt, um das sonst
so perfekte Äußere durch diese „legere Note abzuschwächen“16. Wichtig ist bei all diesen Studien allerdings der Aspekt der Wahrnehmung. Das Individuum
wird unter anderem über seine optische Erscheinung
wahrgenommen. Durch sein Benehmen nimmt es
eine soziale Position in der Gesellschaft ein, die seinen Habitus prägt. Der Körper, in diesem Fall die Haare, lässt dabei Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu
und ermöglichen es anderen Menschen, sich ein Bild
über eine andere Person zu machen und diese in das
soziale System einzuordnen.17 Daher sind FrisurenTrends immer abhängig von den jeweiligen Habitusvorstellungen eines erfolgreichen Businessmannes
in der Gesellschaft und können je nach Zeit, Epoche
und Kultur sehr unterschiedlich ausfallen.
Da es in der akademischen Kultur nicht mehr nur
den einen Typ Mann gibt, werden immer mehr Formen verschiedener Männlichkeit anerkannt.18 Dabei
ist es jedoch interessant zu beobachten, dass diese
Entwicklungen zwar im Beruf angekommen, jedoch
in der Werbung nach wie vor nicht repräsentiert werden. Dort wird eine hegemoniale Männlichkeit gefestigt, die durch die Statuseigenschaften der Attraktivität, Kraft, Macht und des Erfolges gezeichnet wird.
Gerade diese Tatsache trägt dazu bei, dass vorhandene Klischees vom perfekten Businessmann weiter
bestehen und gefestigt werden.
Die Bedeutung
der Haarfarbe
Wurde das Klischee einer starren Frisurendiktatur
in der Realität beseitigt, bleibt die Frage nach der
unterschiedlichen Bedeutungsmacht der Haarfarbe
von Männern in Führungspositionen bestehen. Wie
schon in der Einleitung beschrieben, überwiegt das
brünette Kopfhaar bei den erfolgreichen Männern.
Doch sagt es wirklich etwas über seinen Träger aus?
Wird ihm mehr Attraktivität und damit verbundene
Kompetenz zugeschrieben? Oder liegt die Mehrzahl
an dunkelhaarigen Männern, im höheren Bildungssektor an der einfachen Tatsache, dass diese Haarfar-
ben im Vergleich zu Blondtönen genetisch häufiger
vorhanden sind?
Studien der Universität des Saarlandes haben herausgefunden, dass Braun tatsächlich als attraktivste Haarfarbe bei Männern wahrgenommen wird.20
Doch wie bei jeder Studie unterliegen die Ergebnisse
gesellschaftlichen Stereotypen, die kulturell konstruiert sind. Da das männliche, braune Haar häufig in
der Gesellschaft vorkommt, ist es weniger mit Vorurteilen behaftet als andere Haarfarben. Somit kann es
von verschiedenen Institutionen, wie der Werbung
oder bestimmten Unternehmen, leicht genutzt werden, um Inhalte zu transportieren. Der braun- oder
dunkelhaarige Mann gilt zusammen mit der blonden
Frau als Paradebeispiel der Medien. Er wurde zum
Sinnbild der Attraktivität, die sich wiederum auch
auf seine beruflichen Erfolge ausweitet.21 „Schönheit und Attraktivität werden dabei sozial, und das
Abb. 3: Ob diesem Geschäftsmann aufgrund seiner äußeren
Erscheinung Kompetenz zugeschrieben wird oder ob er sich
seinen Posten genauso wie seine hellhaarigen Konkurrenten
hart erarbeitet hat, bleibt ein Mysterium.
© Rike / PIXELIO
heißt in diesem Fall kulturell produziert, sind also keine natürlichen Größen, sondern Resultate einer gewünschten und gesuchten Distinktion. Mehr als bloß
ästhetische Hülle begründen und repräsentieren sie
soziale Macht.“23 Dabei ist festzuhalten, dass diese
westlich konstruierten Schönheitsideale nicht starr
sind, sondern je nach Zeitalter und herrschenden
Denkweisen variieren.
farben und sozialer Rang werden offenbar miteinander assoziiert.“ Dass der männliche, brünette Bewerber allerdings kompetenter sein soll als sein blonder
oder hellhaariger Konkurrent, ist ein Vorurteil, dass
sich aus diesen gesellschaftlichen Stereotypen entwickelt hat. Zwar kann es vorkommen, dass er aufgrund
von herrschenden Schönheitsvorstellungen bevorzugt eingestellt wird, jedoch sagt dies nichts über seine Persönlichkeit aus.
Wie mit jeder Haarfarbe wird auch die Brünette
mit Persönlichkeitsmerkmalen assoziiert, sodass sie Swenja Padur
durch gesellschaftliche Konnotationen beim Mann
für Attraktivität und beruflichen Erfolg steht. „Haar-
LANGES HAAR –
KURZE GEDANKEN?
Darstellung der Werbefrau am Beispiel
von Haarpflegeprodukten
Literaturverzeichnis
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http://mobil.express.de/ratgeber/-psychologie-studie-ein-glatzkopf-ist-gutfuer-erfolg-im-job,22840064,20625606.html, entnommen am 14.07.2013
http://www.presseanzeiger.de/pa/Haarige-Trends-Diese-Frisuren-machenMaennerkoepfe-schoen-402328, entnommen am 14.07.2013
http://www.stern.de/lifestyle/leute/urteil-entscheidung-im-streit-um-schroeders-haarfarbe-217496.html, entnommen am 05.08.2013
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1a: Uwe Steinbrich – Geschäftsmann, 2006. © PIXELIO
Abb. 1b: Henning Hraban Ramm – Geschäftsleute im Foyer der Heidelberg
PrintMediaAcademy, 2004. © PIXELIO
Abb. 2: Tim Reckmann – Gerhard Schröder, 2013. © PIXELIO
Abb. 3: Rike – Handstand für den Chef, 2012. © PIXELIO
www.pixelio.de
Wie viel Haarpflegemittel braucht Frau, um klug zu
werden? In der Werbung treffen wir auf Frauendarstellungen in den unterschiedlichsten Rollen. Diese
reichen von der Haus- und Ehefrau bis hin zur Berufstätigen und Sportlichen. Die mit Abstand meisten
Werbeanzeigen mit Frauen stammen allerdings aus
dem Bereich der Mode und Schönheit.1 In diese Kategorie fallen auch die Haarpflegeprodukte, die uns
heute in einer unglaublichen Vielfalt von Shampoos,
Spülungen, Tön- und Färbungen bis hin zu Haarspray, -lack oder -schaum angeboten werden.
Werbeindustrie zu Frisiermitteln, die nun für die
westdeutsche Mittelschicht erschwinglich waren.
„Schönheit an sich ist faszinierend, denn sie ist rar.
Das Bestreben, sein Aussehen zu verschönern, ist ein
kulturelles Bedürfnis.“ 4 Dieses Bedürfnis zu befriedigen, hat sich die Werbeindustrie zum Ziel gemacht.
Es geht um das Wecken von Träumen und Wünschen und bedingungslosem Konsum. Dabei werden
nicht nur Produkte und Menschenbilder – die Frau
als Mutter oder Hausfrau – verkauft, sondern auch
Wertvorstellungen.5
Zu Beginn der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts war
Shampoo aber längst nicht geläufig. Die Haarpflege
erfolgte pragmatisch und sparsam mittels Seife und
Seifenpulver. Ein Drittel der Frauen nutzen diese Art
des Waschens in Westdeutschland.2 Die Quantität
belief sich zu dieser Zeit auf einmal monatlich – eben
nur bei Verschmutzung – und bei Kindern und Männern etwa doppelt so oft. Haare waschen galt damals als Ritual innerhalb der Familie. Mit dem Aufkommen vieler, neuer Friseursalons Mitte der 50er
Jahre ging die weibliche Nutzung von Seife für das
Haar auf 10% zurück.3 Frauen wendeten sich von der
häuslichen Haarwaschung ab und suchten dazu Friseure auf, weshalb Kosmetikprodukte zu dieser Zeit
kaum verkauft wurden. Erst mit dem wirtschaftlichen
Aufschwung erfolgte ebenfalls eine Hinwendung der
Konsumieren statt
Emanzipieren?
80% aller Produkte des täglichen Bedarfs werden
von Frauen gekauft. Wer könnte sich also besser für
den Verkauf von derartigen Artikeln eignen? Die stereotype Werbefrau ist schön, schlank, groß, jung,
schmalhüftig, häufig sexualisiert und wird mit dem
Produkt gleichgesetzt. Charakterisiert wird das Verhalten der Werbefrau durch eine leicht überdrehte
Stimme mit hohem Tonfall in Kombination mit affektierter Gestik. Bei Frauen ist in Werbeanzeigen meist
der gesamte Körper zu sehen, während sie häufig
waagerecht liegend (Bett, Fell, Liege) gezeigt wer-
45
44
Fußnoten
1 Guggenberger, Bernd: Einfach schön. Rotbuch Verlag. Hamburg 1995, S. 73
2 Vgl. Penz, Otto: Schönheit als Praxis. Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit. Campus Verlag. Frankfurt a.M. 2010, S. 37, 47
3 Ebda. S. 202.
4 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haar-Kunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines
menschlichen Schmuckstücks. Böhlau Verlag. Köln 2007, S. 40
5 Vgl. Ebda. S. 173
6 Schug, Alexander: „Immer frisch frisiert“. Das gestaltete Kopfhaar als
Requisite moderner Selbstinszenierung in der Weimarer Republik. In: Janecke, Christian (Hrsg.): Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Böhlau Verlag. Köln/Weimar/Wien 2004, S. 85
7 Vgl. Tiedemann, Nicole: Haar-Kunst, S. 173
8 Haas, Birgit: Einleitung. Haare – ambivalenter Ausdruck kultureller Körperbilder und fiktionalisierte Affirmation bzw. Infragestellung von kulturellen Stereotypen. In: Haas, Birgit (Hrsg.): Haare zwischen Fiktion und Realität. Interdisziplinäre Untersuchungen zur Wahrnehmung der Haare. Lit
Verlag. Berlin 2008, S. 20
9 Vgl. Guthrie, Russell Dale: Das gewisse Etwas. Signale des menschlichen
Körpers. Was zieht uns an, was stößt uns ab? Kindler Verlag. München
1978, S. 39
10 Penz, Otto: Schönheit als Praxis, S. 61
11 Vgl. Bründel, Heidrun u. Hurrelmann, Klaus: Konkurrenz, Karriere, Kollaps.
Männerforschung und der Abschied vom Mythos Mann. W. Kohlhammer
Verlag. Stuttgart/Berlin/Köln 1999, S. 154-155
12 Vgl. Kornher, Svenja: Zur Erfindung der >typgerechten< Frisur. In: Janecke,
Christian (Hrsg.): Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung.
Böhlau Verlag. Köln/Weimar/Wien 2004, S. 68
13 Vgl. Stern.de vom 17.05.2002. In: http://www.stern.de/lifestyle/leute/
urteil-entscheidung-im-streit-um-schroeders-haarfarbe-217496.html,
entnommen am 05.08.2013
14 Vgl.: http://mobil.express.de/ratgeber/-psychologie-studie-ein-glatzkopfist-gut-fuer-erfolg-im-job,22840064,20625606.html u. http://www.
presseanzeiger.de/pa/Haarige-Trends-Diese-Frisuren-machen-Maennerkoepfe-schoen-402328, beides entnommen am 14.07.2013.
15 Vgl.: Haas, Birgit: Einleitung, S. 15 u. Schug, Alexander: „Immer frisch
frisiert“, S. 91.
16 Penz, Otto: Schönheit als Praxis, S. 180.
17 Vgl.: Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 1982, S. 171 – 190.
18 Vgl.: Bründel, Heidrun u. Hurrelmann, Klaus: Konkurrenz, Karriere, Kollaps,
S. 63.
19 Vgl.: Ebda. S. 64 u. 167.
20 Vgl. Mai, Jochen [u. a.]: So sehen die ultimativen Erfolgstypen aus.
Wirtschaftswoche vom 21.04.2008. In: http://www.wiwo.de/erfolg/trends/karriere-forschung-so-sehen-die-ultimativen-erfolgstypenaus/5373054.html, entnommen am 14.07.2013
21 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag. Köln/Weimar/Wien 2009, S. 111-112, 248
22 Ebda. S. 249
23 Ebda. S. 262
den. Bei den Settings handelt es sich entweder um
Freizeit oder Haushalt, in denen Frau in der Rolle der
attraktiven Hausfrau, Mutter oder Freundin agiert.
Bei weiblichen Zielgruppen wird an Emotionalität
appelliert, während bei einer männlichen Zielgruppe
der Schwerpunkt auf Sachlichkeit und Technik liegt.
Patricia Feise-Mahnkopp nennt dies „binäre Arbeitsteilung der Geschlechter.“6 Kosmetikwerbung und
Schönheit ist bis heute hauptsächlich Frauensache,
die in ihrer Anwendung einen gewissen Zeitaufwand
voraussetzt. Haarpflegemittel haben dabei die Funktion, Schönheit aufrecht zu erhalten.
Jedoch dringt Werbung ungefiltert auf die Mitglieder
der Gesellschaft ein und bedient Vorurteile.7 Ohne
uns bewusst für oder gegen den Konsum von Werbung zu entscheiden, sind wir ihr tagtäglich ausgesetzt. Werbung bestimmt somit teilweise, was als
Ideal verkörpert wird. Doch ist Werbung nun der
Spiegel der Gesellschaft oder hat sie Einfluss auf die
Gesellschaft? Im Folgenden soll anhand von ausgewählten Beispielen aus der Haarindustrie diese
Wechselwirkung näher betrachtet werden. Abschließend soll bewertet werden, inwieweit sich die Darstellung der Frau in der Haarpflegewerbung bis heute
verändert hat.
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6
HELM-HAARE
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7
POLY-HAARE
Auch in den 70er Jahren überwiegt die Frau als jugendliche Attraktive. Lediglich 4% der deutschen
Fernsehwerbefrauen sind berufstätig.10 Dazu ist
sie verführerisch, es wird mehr Haut gezeigt, kurze
Kleidung und häufiger werden Hosen getragen. Das
Hausfrauendasein hat sich weiterentwickelt. Die beworbenen Produkte sollen der Hausfrau nun Arbeit
abnehmen oder sie erleichtern. Außerdem steigern
sich zu dieser Zeit die Vorher-Nachher-Vergleiche. Bei
„Head and Shoulders“, dem Anti-Schuppen-Shampoo, kommt 1978 die erste Färbung ohne Ammoniak
auf dem Markt, Gel als Stylinghilfe wird populär, so
wie Tönungsshampoos und pflanzliche Wirkstoffe in
den Produkten.
Abb. 1 soll anhand der semiotischen Bildanalyse
nach Felix Thürlemann die Werbewirkung bewusst
machen.11 Es soll später ein Blick auf eine weitere
Werbeanzeige geworfen werden, um einen Vergleich
zu ziehen. In Abb. 1 wird für unterschiedliche Spülungen geworben. Die Anzeige veranschaulicht außerdem, dass die Produkte nun größer und lebendiger
dargestellt werden (Zitrone und Kräuter). Gleichzeitig wirkt sich das auf die schwungvoll fallenden Haare der Werbefrau aus, die Lebensgefühl und Freude
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8
SCHAUM-HAARE
Abb. 2: ursprünglicher Konzern: Henkel
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Frau tritt nun rockiger, athletisch und mit toupiertem,
aufgebauschtem Haar auf. Haarspray und Schaumfestiger sind unentbehrlich. Neben dieser Seite existieren aber auch viele Styles nebeneinander. Von verführerisch bis sexuell anzüglich ist alles dabei.
Christiane Schmerl hat für das Jahrzehnt einige interessante Beobachtungen im Bereich der Fernsehwerbung gemacht: Tagsüber, wenn vermehrt Kinder und
Frauen fernsehen, werden stärker geschlechtsstereotype Werbespots gesendet. Der Mann erscheint in
autonomer, die Frau in abhängiger Rolle. Am Abend
ist die Ausprägung nicht so stark, da nun Berufstätige
die Zielgruppe darstellen. Am Wochenende erscheint
die Frau in der Werbung häufig mit Familie oder als
Sexobjekt.12 Im Allgemeinen werben Frauen dennoch
kaum für außerhäusliche Produkte und werden immer noch dekorativ dargestellt. Diesen Sachverhalt
bezeichnet Heller (1992) wie folgt: „Im Beruf nichts
zu suchen und zu Hause nichts zu tun.“13
Karriere-Haare
Die Werbefrauen der 90er Jahre sind dünner denn
je und auch in Werbeanzeigen zu Haarpflegemitteln
hat sich viel verändert. Es werden starke Kontraste
gesetzt. Gefragt sind Haarfarbe und Lippenstift im
Einheitston und blasse, makellose Haut. Die Werbefrau blickt ernster drein und steht häufig in Interaktion mit Männern. Das Haar wird in allen Farben und
Formen getragen. Neben der Hausfrau orientiert sich
die Werbung an der Karrierefrau (Abb. 2). Die syntaktische Ebene der Werbeanzeige zeigt einen ruhigen,
hell gehaltenen Hintergrund. In Mittelblau sticht der
Name der Sytling-Serie „Karriere“ heraus. Auf der
nächsten Ebene finden wir drei Frauen und einen
Mann, deren Kleidung hauptsächlich in grau, weiß
und schwarz gehalten ist. Jeder posiert anders. Den
gesamten unteren Bildrand füllen die verschiedenen
Produkte der Serie und bilden somit den Vordergrund. Diese werden in grellen, glänzenden Farben
präsentiert. Selbst das Schwarz glänzt. Die gelb unterlegten Informationen zu „Tips & Tricks“ sind hier
ein „eye-catcher“. Über die Semantik sagt die Anzeige der Haarpflegemittel folgendes aus: Die Wichtigkeit des Produkts wird über die Auswahl verstärkt. Es
werden Haarschaum, Gel und diverse andere Ausfüh-
47
46
Die Frau in der Werbung der 60er Jahren ist keine 30
Jahre alt und sehr attraktiv. Sie tritt in die Rolle der
stolzen Hausfrau auf und präsentiert das Produkt,
indem sie es in den Händen hält. Sie ist adrett, tüchtig und strebt wohlmöglich nach Lob für die korrekte
Benutzung. Bezogen auf das Haar waren zu dieser
Zeit neben glattem, langem Haar und dem Kurzhaarschnitt Haarteile und Perücken als Hutersatz modern.
Außerdem hatte man die Dauerwelle abgelegt und
in vielen Werbeanzeigen waren Helmfrisuren üblich.8
Werbeanzeigen dieser Zeit zeichnen sich häufig
durch derartige Frisuren aus, die dank des Produktes
perfekt sitzen und strahlen. Typischerweise wird auf
einen Hintergrund verzichtet und ein umfangreicher
Anzeigetext zugefügt. Zusätzlich erfolgen in den 60er
Jahren erste Spielereien mit Haarfarbveränderungen
und einem Vorher-Nachher-Vergleich mit Farbfotografie. Die Frau bleibt allerdings passiv und unbeweglich wie ihr Haar. Schwarzkopf wirbt 1966 mit dem
Slogan „Zeigen sie ihr Schönstes – Ihr RendezvousHaar“. Das Produkt soll die Frau also letztlich für den
Mann begehrlicher machen.9
Abb. 1: ursprünglicher Konzern: Henkel
ausdrücken. Betrachtet man die syntaktische Ebene, werden zunächst die formalen Beziehungen der
Werbeanzeige in Zusammenhang gebracht: Der Hintergrund ist hellblau gehalten und geht nach vorne
hin ins Weiße über. Die Schrift passt sich mit diesen
Farben an. Im linken Vordergrund ist eine Frau abgebildet, die sich durch das Haar fährt und lacht. Im
Mittelpunkt des Bildes stehen die Produkte, die am
größten abgebildet sind und mit ihren Inhaltsstoffen
verziert sind. Sie sind hier der „eye-catcher“. Die Semantik dahinter zeigt, dass das Produkt der Anzeige
das Wichtigste ist. Die Kleidung der Frau, die durch
ihre Geste Bewegung vermittelt, ist in den Farben
des Hintergrundes gehalten. Die gezeigte Frau ist
die erfolgreiche Verwenderin der Haarspülungen,
da ihr Haar, wie angekündigt, glänzt und seidig ist.
Auf pragmatischer Ebene soll nun der Zweck dieser
Anzeige analysiert werden. Es wird ein Phänomen
dargestellt, dass vielen Frauen bekannt sein sollte
(glanzloses Haar). Hier erfolgt also ein Rückgriff auf
das Problem einer sehr breiten Zielgruppe. Die Werbefrau vermittelt ein positives Gefühl, das zum Kauf
des Produktes führen soll. Es wird auf viel Text verzichtet und durch die große Aufschrift „Poly Kur“ auf
jeder Flasche, erlangt das Produkt einen größeren
Wiedererkennungswert.
rungen abgebildet. Hier ist für jeden Typ das passende Produkt dabei. Die Werbefrauen und der Mann
stehen für die verschiedenen Karrieretypen, was sich
auch in ihrer Berufskleidung widerspiegelt (Anzug,
Bluse etc.). Für die Analyse im Bereich der Pragmatik
ist auffällig, dass erneut ein Vorverständnis vorausgesetzt wird. In diesem Beispiel wird damit gearbeitet,
dass jeder nach Karriere strebt. Dieses „Problem“ soll
nun mittels der Haarpflegemittel verbessert und die
Karrierechancen optimiert werden. Es wird wieder
ein sehr allgemeiner Sachverhalt aufgegriffen, und
somit eine breite Zielgruppe angesprochen. Außerdem wird möglichst wenig Text verwendet, die Produkte in den Mittelpunkt gerückt und ein positives
Gefühl zum Kaufen vermittelt.
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PROBLEM-HAARE?
Mittlerweile hat man sich in Werbeanzeigen vermehrt
dem Thema Familie und Freundschaft zugewendet.
Der Schönheitsbegriff ist erweitert worden und es
gibt keine Einheitsvorstellung mehr, wie Frau auszusehen hat. Abb. 3 zeigt die Darstellung von Werbefreundinnen und es wird sich ironisch mit möglichen
Haarproblemen auseinander gesetzt. „Trockenes
Haar? Darüber können wir nur lachen.“ (Nivea 2001).
Doch auch mit Blick auf diese Werbeanzeige wird
deutlich, dass sich das Muster, nach denen Werbeanzeigen gestaltet werden, kaum verändert hat. Grundlegend wird ein bestimmter Sachverhalt aufgegriffen,
der für Frauen ein „Problem“ darstellt. Mit diesem
Rückgriff auf allgemein verbindliche Klischees, nämlich, dass Frau außer trockenem, glanzlosem Haar
keine anderen Probleme hat, soll eine möglichst breite Zielgruppe angesprochen werden. Es wird ein positives Gefühl vermittelt, das zum Kauf der Produkte
anregt. Die Werbefrau bleibt dabei eher in der Rolle
der Vermittlerin, anstatt zum Identifikationsobjekt zu
werden.
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Braucht die Frau
Haarpflege-Werbung?
Nach dieser kurzen Betrachtung von Frauen in Anzeigewerbung am Beispiel von Haarpflegeprodukten
lässt sich folgendes festhalten: Seit den 60er Jahren
bedienen Werbeanzeigen Klischees. Die Beispiele haben deutlich gezeigt, dass Frauen trotz Berufstätigkeit und Karriere in Muster gezwängt werden. Ihnen
werden Probleme auferlegt, die sich im Laufe der Zeit
nicht verändert haben: Sprödes, trockenes, glanzloses, fettiges, schuppiges Haar. So werden Stereotypen konstruiert und immer am Leben erhalten. Die
Werbefrau ist bis heute Mittel zum Produktverkauf
geblieben. Es ist also fraglich, ob Vorurteile jemals
verschwinden, wenn Werbung sie ständig neu belebt.
Ob die Werbung nun ein Spiegel der Gesellschaft ist
oder sie beeinflusst, ist problematisch. Der gesellschaftliche Spiegel kommt nicht von ungefähr und
eine Beeinflussung ist wohl unumgänglich. Fakt ist,
Werbung spiegelt gesellschaftliche Vorurteile wieder.
Gleichzeitig beeinflusst sie die Gesellschaft durch deren Aufrechterhaltung und zwingt diese, in Mustern
zu denken. Erst wenn die Muster gebrochen oder
gleichermaßen auf den Mann, der ja seine eigenen
„Probleme“ in der Werbung hat, übertragen werden,
kann eine Veränderung in der Werbung hervorgebracht werden.
Fußnotten
1 Vgl. Geuthner, Anne: Klementine und Kindsweib: Die Frau in der Werbefotografie. Tectum Verlag. Marburg. 2008. S. 270
2 Vgl. Grube, Norbert: Westdeutsche Haarmoden und Haarpflege der 50er und 60er Jahre im Spiegel demoskopischer Daten. Aus: Janecke, Christian (Hrsg.):
Haare tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Böhlau Verlag. Köln 2004. S. 234
3 Ebda. S. 236
4 Schoenen, Judith: Das Image der Frau: Wege zu einem neuen Selbstbild. Budrich Verlag. Leverkusen. 2008. S. 20
5 Ebda. S. 33
6 Feise-Mahnkopp, Patricia: Die Popularisierung männlicher Schönheit in der Werbung. Aus: Geiger, Annette (Hrsg.): Der Schöne Körper: Mode und Kosmetik in
Kunst und Gesellschaft. Böhlau Verlag. Köln. 2008. S. 225
7 Vgl. Reinhart, Martina: Schönheit und der Körper der Frau: Eine Analyse. Edition Va Bene Verlag. Wien-Klosterneuburg. 2011. S. 68
8 Vgl. Schmerl, Christiane (Hg.): Frauenzpp der Werbung: Aufklärung über Fabeltiere. Frauenoffensive Verlag. München. 1992. S. 82
9 Vgl. Geuthner, Anne: Klementine und Kindsweib: Die Frau in der Werbefotografie. Tectum Verlag. Marburg. 2008. S. 82
10 Vgl. Schmerl in Angerer, Marie-Luise (Hrsg.); (u.a.): 9. Gender und Medien: theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation;
ein Textbuch zur Einführung. Braunmüller Verlag. Wien. 1994. S. 135
11 Vgl. Thürlemann in Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen: Ein Lehrbuch mit ästhetischen Werkstätten zum Thema Kleid – Körper - Kunst. Kopaed
Verlag. München. 2009. S 138
12 Vgl. Schmerl in Angerer, Marie-Luise (Hrsg.); (u.a.): 9. Gender und Medien: theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation;
ein Textbuch zur Einführung. Braunmüller Verlag. Wien. 1994. S. 135
13 Heller in ebda. S. 139
Literaturverzeichnis
Angerer, Marie-Luise (Hrsg.); (u.a.): 9. Gender und Medien: theoretische Ansätze, empirische Befunde und Praxis der Massenkommunikation; ein Textbuch zur
Einführung. Braunmüller Verlag. Wien. 1994
Feise-Mahnkopp, Patricia: Die Popularisierung männlicher Schönheit in der Werbung. In: Geiger, Annette (Hrsg.): Der Schöne Körper. Mode und Kosmetik in Kunst
und Gesellschaft. Böhlau Verlag. Köln. 2008
Geuthner, Anne: Klementine und Kindsweib. Die Frau in der Werbefotografie. Tectum Verlag. Marburg. 2008
Götting, Waltraud: Jahrzehnte der Schönheit ... liegen im Auge ... des Betrachters : Leben & Zeit, bekannte Gesichter, Film & Medien, Mode, Haar & Hüte, Kosmetik,
Formen & Dessous, Arbeit & Spiel. Decades of beauty <dt.> Ullstein Verlag. Berlin. 1999
Grube, Norbert: Westdeutsche Haarmoden und Haarpflege der 50er und 60er Jahre im Spiegel demoskopischer Daten. In: Janecke, Christian (Hrsg.): Haare tragen.
Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Böhlau Verlag. Köln 2004
Holtz-Bacha, Christina: Stereotypen?: Frauen und Männer in der Werbung., VS Verlag für Sozialwissenschaften/ Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH. Wiesbaden. 2011
Huster, Gabriele: Wilde Frische – zarte Versuchung. Männer- und Frauenbilder auf Werbeplakaten der fünfziger bis neunziger Jahre. Jonas Verlag. Marburg. 2001
Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Ein Lehrbuch mit ästhetischen Werkstätten zum Thema Kleid - Körper - Kunst. Kopaed Verlag. München. 2009
Reinhart, Martina: Schönheit und der Körper der Frau. Eine Analyse. Edition Va Bene Verlag. Wien-Klosterneuburg. 2011
Schmerl, Christiane (Hg.): Frauenzpp der Werbung. Aufklärung über Fabeltiere. Frauenoffensive Verlag. München. 1992
Schoenen, Judith: Das Image der Frau: Wege zu einem neuen Selbstbild. Budrich Verlag. Leverkusen. 2008
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: ursprünglicher Konzern: Henkel, keine Bildrechte mehr vorhanden
Abb. 2: ursprünglicher Konzern: Henkel, keine Bildrechte mehr vorhanden
Abb. 3: Firma Beiersdorf AG, 2001
zusätzlicher Hinweis
Die Bildrechte diese Bilder konnten nicht nachverfolgt werden. Bei unbeabsichtigten Verstößen gegen das Copyright bitte melden.
Lena Wisdorf
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Abb. 3: Firma Beiersdorf AG, 2001
Die 1920er Jahre gelten als die Zeit der ersten großen
Welle der Frauenemanzipation. Im heutigen Rückblick auf diese Emanzipationswelle stritten Frauen
für das Recht auf Körperfreiheit, politische Mitbestimmung, wirtschaftliche Selbstständigkeit und für
sexuelle Unabhängigkeit.
Mit diesem Jahrzehnt eng verbunden ist der Bubikopf als revolutionär anmutender Kurzhaarschnitt
dieser Epoche. Ebenso untrennbar ist diese Frisur
mit dem Typus der Garçonne verbunden, jener Frauentyp, der männliche Accessoires und Kleidungsstücke nutzte, um sich zu emanzipieren. Oft wird eine
Garçonne als schlanke, androgyn wirkende Dame mit
Monokel und Zigarre, im Anzug oder Hängekleid und
mit glatter, strenger Kurzhaarfrisur porträtiert.
Abb. 1: Elise Kö
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trägt Bubikopf,
Ende der 20er
Jahre.
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„Weshalb aber lange haare weiblich und kurze männlich
sein sollen – darüber mögen sich die alten
weiber unter den männern den leeren kopf
zerbrechen.“ 1
Adolf Loos
Phänomene, wie der Bubikopf oder der Bobhaarschnitt, treten im kulturellen Kontext nicht von heute
auf morgen auf. Auch wenn es aus unserer heutigen
Perspektive den Anschein haben mag, als hätten sich
die Frauen plötzlich im Kollektiv entschieden, kurze
Haare zu tragen, war dies tatsächlich ein langer gesellschaftlicher Prozess, der schon während der Französischen Revolution in Form von Frauenbewegungen seinen Anfang nahm. 1848 forderten dann auch
deutsche Frauenbewegungen erstmals wirtschaftliche Unabhängigkeit und das Stimmrecht. 3 1896 verlangten sie auf dem ersten Frauenkongress körperund arbeitsgerechte Kleidung. Die Frauen befreiten
Das Auftreten einer solchen Frau muss in dieser Zeit
sich mit dem Reformkleid vom Korsett.
für große Verwirrung gesorgt haben, denn es war
nicht unbedingt erkennbar, welches Geschlecht sich
hinter Kleidung und Frisur verbarg. Der Bubikopf
wurde aber nicht nur von den Garçonnen getragen:
Die kurzen Haare einer Frau wurden zum Symbol der
Frauenemanzipation der 20er Jahre, ebenso wie die
kurzen Röcke und Kleider dieser Zeit.
Warum schnitten sich so viele Frauen die langen Haare ab und warum verursachte das Abscheiden einen
solchen Aufschrei? Dieser Text soll das Auftreten des
Bubikopfes in den 1920er Jahren in den kulturgeschichtlichen Kontext des weiblichen Haare Tragens
einbetten.
Auch heute, fast hundert Jahre nach dem ersten Aufkommen des Bubikopfes, gelten die langen Haare einer Frau als Weiblichkeitsmerkmal und in der aktuellen Werbung wird mit seidig glänzendem und vor
allem langem Haar geworben.
Dass die kurzen Frauenhaare der 20er Jahre ein Thema von größtem gesellschaftlichem Interesse waren,
das höchst kontrovers diskutiert wurde, wird an zeitgenössischen Stellungnahmen deutlich. Von jenen,
die fragen, wann endlich die richtigen Frauen zurückkehren, bis zum absoluten Verständnis für die weibliche Selbstbestimmung finden sich zahlreiche Beiträge in Zeitschriften und Aufsatzsammlungen.
Meist sind es Schriften von Männern, die die Frauenbewegung kritisieren. Oft wird der Aspekt thematisiert, dass die Frau sich zwar weiter entwickelt habe,
der Mann jedoch nicht. Die Schriftstellerin Vicky
Baum bringt den Konflikt der Geschlechter auf den
Punkt: „Und da können Sie, lieber „Uhu“, die Frau
modernisieren, so viel Sie wollen – der Mann bleibt
altmodisch.“ 2
Abb.3: Dr. Lahmann – Reformkleid nach Dr. Lahmann, 1905.
51
Frauenfreiheit
und
Frisur
Bubikopf und
Herrenwinker
Schnipp schnapp Haare ab
...ist einfach praktischer
Abb.4: Verwandtschaft Elise Köhlers väterlicherseits - Frauen verschiedenen Alters
ohne Korsett, 20er Jahre.
Allerdings wurde das Reformkleid
nur von emanzipierten, selbstbewussten Frauen getragen, die häufig aus dem künstlerischen Milieu
stammten. 4 Trotzdem ebnete es
den Weg für die Charlestonkleider der 20er Jahre, die wiederum eng mit der Kurzhaarfrisur
verbunden waren. Passend zum
weit geschnittenen Reformkleid
wurden die Haare in einem lockeren Knoten getragen, der
die natürliche Bewegung der
Haare nicht einschränkte.5
Diese Frisur erinnert schon an die Bobfrisuren der folgenden Epoche und öffnet so richtungsweisende
Türen für den Bubikopf.
Dieses neu entstehende Körperbewusstsein ist vor allem
durch gesundheitliche Aspekte geprägt. Es geht darum, den
eigenen Körper gesund zu halten und zu pflegen. In diesem
Zusammenhang ist zu verstehen, warum gerade die Arbeiterinnen sich Anfang des 20. Jahrhunderts ihrer langen Haare
und damit verbundenen aufwändigen Frisuren entledigten.
Die langen Haare behinderten die Angestellten und stellten
Gefahrenquellen dar.6 So ist es eben durchaus möglich, dass
auch 1910 schon Frauen Kurzhaarfrisuren trugen, es war aber
die Seltenheit. Nichtsdestotrotz greift bereits der Stummfilm dieses Thema auf und präsentiert besonders verruchte
Frauen mit kurzem Haar.7 Der Film als Medium für Wünsche
und Zukunftsvisionen trägt also erheblich dazu bei, dass kurze
Haare zum Vorbild für sexuelle Befreiung werden.
leisten konnte. Diese Frauen unterhielten oftmals Affären zu spendablen Männern um ihren Lebensunterhalt aufzustocken.8
Die Frage stellt sich also, ob man von weiblicher
Emanzipation und sexueller Befreiung sprechen
kann, erscheint die veränderte gesellschaftliche Situation eher wie eine Verschiebung der patriarchalen
Problematik. Dazu heißt es: „Ihre Gleichberechtigung
beschränkt sich auf die Teilnahme am öffentlichen
Leben und am Konsum, und auf offensivere Strategien bei der Partnersuche. Daß sie dadurch auch verfügbarer, verletzlicher und austauschbarer sind als
ihre viktorianischen Schwestern ist die Kehrseite der
vermeintlichen Freiheit.“ 9
So ist die Frau wieder mit der erotischen (Be-)Deutung ihrer Haare stigmatisiert. Auch wenn die Haare
abgeschnitten sind, entlarven sie sie als verfügbare Frau, jedoch stehen sie doch meistens für ihren
Wunsch nach Selbstverwirklichung im Beruf und
der damit verbundenen unzureichenden Bezahlung.
Gleichzeitig muss die junge Frau wiederum der Mode
entsprechen, um überhaupt eine Anstellung zu bekommen.
Auch heute entscheidet oftmals noch das äußere Erscheinungsbild einer Bewerberin über eine mögliche
Anstellung, meistens schon durch eine Vorauswahl
über das Bewerbungsfoto. Die Frisur übernimmt zusammen mit der sonstigen äußerlichen Erscheinung
die Funktion, die subjektiven Werte äußerlich zu verdeutlichen und ist mitentscheidend für oder gegen
eine Anstellung, je nach Interesse des Arbeitgebers.
Fast 100 Jahre später...“und was machen wir heute Schönes?“
„Und was machen wir heute Schönes?“, ist wohl die
Frage die viele Frauen schon unzählige Male gehört
haben. Immer dann, wenn sie beim Friseur sind und
dieser die Haare begutachtet, während er freundlich
in den Spiegel lächelt. An dieser Frage hat sich in den
letzten 100 Jahren wahrscheinlich nichts geändert.
Was sich geändert hat ist der gegenwärtige Trend
des „everything goes“. Zahlreiche Beauty Ratgeber,
Stylingexperten und individuelle Typberatungen
vermitteln der Frau heute, wie etwas wirkt und welche Aussage man damit gegenüber der Gesellschaft
macht. Von frechen bis zu romantischen Frisuren
bieten der Friseur und
Der Krieg macht Frauenhaare kürzer
und kreiert neue Stereotype
52
Abb.6:
Elise Köhler 1. v. Links 20er Jahre weibliches Kollektiv, Ende der 20er Jahre.
53
Der Erste Weltkrieg bricht 1914 aus und fordert auch auf Seiten
der Frauen erhöhten Einsatz. Die Frauen müssen nun die Arbeiten der Männer übernehmen, um die Industrie zu erhalten.
Im Zuge der Übernahme der männlichen Aufgaben fordern die
Frauen auch die Rechte der Männer ein. Sie bekommen vielerorts das Wahlrecht und ein neues Selbstbewusstsein entwickelt
Abb. 5: Elise Köhler - das junge Mädchen in der Stadt,
sich. Damit verändert sich ebenso das Körperbewusstsein.
Mitte der 20er Jahre.
Als sich 1915 die Tänzerin Irene Castle den Bubikopf schneiden
ließ, folgte die emanzipierte Frauengesellschaft ihrem Vorbild. Dem Kriege zum Trotz interessierte sich die
Frau für den modischen Ausdruck ihrer neuen Rolle. Dadurch formt sich gleichzeitig ein neues Stereotyp des
Mädchens, das sein Glück in der Arbeit anstatt in der Ehe findet. Gerade in der Nachkriegszeit zieht es viele
junge Frauen in die Stadt. Dort arbeiten sie als Angestellte oder als Sekretärin. Zu dem Selbstverständnis dieser Gruppe gehört neben entsprechender Kleidung der Bubikopf, häufig in Kombination mit Herrenwinkernkleine, nach außen gedrehte Löckchen. Das Gehalt dieser angestellten Frauen lag deutlich unter dem der
Männer. Sie verdienten pauschal ein Viertel weniger, sodass sich kaum eine Frau die Miete für ein Zimmer
die Illustrierten reichlich Vorschläge, in denen jede
Frau ihre individuelle Frisur für ihr gesellschaftliches
Statement wiederfindet.
Nach Immanuel Kant kann der Mensch in der Gesellschaft nicht außer der Mode sein. Die Frau ist
gezwungen den perfekten Selbstausdruck zu finden
– auch in der Frisur! Die Frisur dient also auch heute dazu, soziale Zugehörigkeit deutlich zu machen.
Subkulturen definieren sich ebenfalls weiterhin über
ihre Frisuren, als Beispiele seien Skin Heads, die ihre
Kopfhaare abrasieren, oder Gothics, die ihre Haare
vornehmlich schwarz färben, genannt.
Die unzähligen Möglichkeiten der gesellschaftlich akzeptierten Frisuren erfordern heute, mehr als vor 100
Jahren, eine intensive Auseinandersetzung mit dem
eigenen Selbstverständnis. Drückte der Bubikopf in
den 20er Jahren vor allem eine gesellschaftliche Idee
aus, die sich vor gesundheitlichen und praktischen
Hintergründen entwickelt hat, zeigt man mit seiner
Frisur heute vor allem seine Persönlichkeit. Der Unterschied zu den Kurzhaarfrisuren der 20er Jahre
zu heutigen Frisuren besteht also darin, dass in den
20er Jahren eine bestimmte Frisur, nämlich der Kurzhaarschnitt, modern und populär war und einheitlich
von „emanzipierten“ Frauen getragen wurde, während heute keine einheitliche weibliche Frisur eine
Frauengruppe charakterisiert. Selbst in Subkulturen
wird der gemeinschaftliche Ausdruck, zum Beispiel
das Tragen schwarzer Haare, etwa durch einen besonderen Haarschnitt subjektiviert. Die Frisur ist also
nicht mehr unbedingt Träger einer gesellschaftlichen
Idee, wie es die weibliche Kurzhaarfrisur der 20er
Jahre war. Sie ist subjektiv ausgesucht und Träger der
eigenen Ich-Wahrnehmung geworden.
Die Frage, die in diesem Zusammenhang gestellt
werden muss, ist, ob dieser Pool an Frisurmöglichkeiten, aus denen die Frau heute schöpfen kann bzw.
muss, die Errungenschaft einer emanzipierten Frauengesellschaft ist.
Die gegenwärtige Frau ist gezwungen, sich damit
auseinander zu setzen, welche Aussage sie mit ihrer
Frisur macht und in welchem Kontext sie steht. Ein
geflochtener langer Zopf könnte beispielsweise eher
konservativ und altmodisch wirken, ein hochgesteckter Dutt eher streng und dominant.
Die Frau ist damit nicht von Stigmatisierung und Rollenzuschreibungen befreit, denn je subjektiver und
individueller die äußere Erscheinung, desto mehr
wird sie vom Außen interpretiert und umso angreifbarer und verletzlicher wird die einzelne Person. In
diesem Sinne bot das weibliche Frisurenkollektiv
der 20er Jahre einen gewissen Schutzraum, in dem
die einzelne emanzipierte Frau einem Verbund von
Gleichgesinnten beitrat.
Fußnoten
1 Loos, Adolf : KURZE HAARE Beantwortung einer Rundfrage (1928). Aus:
Opel, Adams (Hrsg.): Trotzdem Gesammelte Schriften 1900-1930. Georg
Prachner Verlag. Wien/Erstausgabe 1931/1997, S.207
2 Baum, Vicky: Welche Frau ist am begehrtesten? In: Jatho, Gabriele; Rother,
Rainer (Hrsg.): City Girls Frauenbilder im Stummfilm. Stiftung Deutsche
Kinemathek und Bertz+Fischer Verlag. Berlin 2007, S.119
3 Vgl. Antoni-Komar, Irene: Kulturelle Strategien am Körper . Frisuren.
Kosmetik. Kleider. Deutscher Buchverlag, Oldenburg 2006, S. 50
4 Vgl. Ebda. S. 59 ff
5 Vgl. Jedding-Gesterling, Maria; Brutscher, Georg; Hurschmann, Rolf
(Hrsg.): Die Frisur: eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis
zur Gegenwart: veranschaulicht an Kunstobjekten der Sammlung Schwarzkopf und internationaler Museen. Callwey Verlag. München 1988, S. 202
6 Vgl. Ebda. S. 210
7 Vgl. Sannwald, Daniela: Überlebenskünstlerinnen. In: Jatho, Gabriele;
Rother, Rainer (Hrsg.): City Girls Frauenbilder im Stummfilm. Stiftung Deutsche Kinemathek und Bertz+Fischer Verlag. Berlin 2007,S. 15f
8 Vgl. Brauerhoch, Annette: Arbeit, Liebe, Kino. In: Jatho, Gabriele; Rother,
Rainer (Hrsg.): City Girls Frauenbilder im Stummfilm. Stiftung Deutsche
Kinemathek und Bertz+Fischer Verlag. Berlin 2007, S. 62
9 Sannwald, Daniela: Überlebenskünstlerinnen. In: Jatho, Gabriele; Rother,
Rainer (Hrsg.): City Girls Frauenbilder im Stummfilm. Stiftung Deutsche
Kinemathek und Bertz+Fischer Verlag. Berlin 2007, S. 46
naler Museen. Callwey Verlag. München 1988
Loos, Adolf : KURZE HAARE Beantwortung einer Rundfrage (1928). In: Opel,
Adams (Hrsg.): Trotzdem Gesammelte Schriften 1900-1930. Georg Prachner
Verlag. Wien, Erstausgabe 1931, 1997
Zeitschrift: Die Zeit Geschichte, wilder denken, freier lieben, grüner wohnenJugendbewegung und
Lebensreform in Deutschland um 1900-anders leben. ZEIT Geschichte, Zeitverlag Gerd Bucerius, GmbH & Co. KG Hamburg Nr.2 2013
54
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Elise Köhler (1.Reihe Mitte) trägt Bubikopf, Ende der 20er Jahre. Familienbild/ Privatbesitz der Familie Langschwager/ Heyden – Elise Köhler ist die
Urgroßmutter von Saskia Heyden und wurde im Jahr 1910 geboren. Vermutlich
zeigt die Aufnahme, Freundinnen der höheren Töchterschule.
Abb. 2: Arbeiterinnen aus Remscheid in Hosen und teilweise ohne Korsett. Um
1900. Familienbild/Privatbesitz der Familie Langschwager/ Heyden. Das Foto
zeigt Elise Köhlers Mutter (2. von rechts).
Abb. 3: Dr. Lahmann – Reformkleid nach Dr. Lahmann, 1905. http://bildbasis.
de/index.php?main_page=product_info&cPath=159_268_301&products_
id=5962/ Die Frau als Hausärztin. Ein ärztliches Nachschlagebuch ... Von Dr.
med. Anna Fischer-Dückelmann. 2. verm., verb. Jubiläums-Pracht-Ausgabe.
Stuttgart Süddt. Verlags-Institut, Druck von Decker & Hardt, Stuttgart/ das
Bild gilt als gemeinfrei gekennzeichnet und ist zur uneingeschränkten Nutzung
freigegeben.
Abb. 4: Verwandtschaft Elise Köhlers väterlicherseits - Frauen verschiedenen
Alters ohne Korsett, 20er Jahre. Familienbild/Privatbesitz der Familie Langschwager/ Heyden.
Abb. 5: Elise Köhler - das junge Mädchen in der Stadt, Mitte der 20er Jahre.
Familienbild/Privatbesitz der Familie Langschwager/ Heyden.
Abb. 6: Elise Köhler 1. v. Links - 20er Jahre weibliches Kollektiv, Ende der 20er
Jahre. Familienbild/ Privatbesitz der Familie Langschwager/ Heyden. Vermutlich zeigt die Aufnahme, Freundinnen der höheren Töchterschule.
Ob zur Weltmeisterschaft, Europameisterschaft oder
in der Bundesliga. Wenn man an Fußball denkt, sieht
man auch die männlichen Fußballstars und ihre Frisuren. Wie oft schon wurden die neusten Frisurentrends der Spieler heiß diskutiert und lösten einen
regelrechten Boom in der Frisurenbranche aus. Fußball ist nicht mehr nur eine Sportart, sondern auch
zum Trendsetter im Bereich der Männerfrisuren geworden. Es gilt: „Zeig mir einen charakteristischen
Fußballerkopf von hinten und ich sage dir anhand der
Frisur, um wen es sich handelt.“
Aber wie wird ein Fußballstar durch seine Haare zum
Trendsetter?
keit und Bildung gesellschaftlichen Gruppe wichtig.
Nach Flügel gibt es drei Hauptzwecke der Kleidung:
Schmuck, Scham und Schutz. Diese Punkte aus der
Modetheorie lassen sich auch auf die Haarmode
übertragen.2
Unser Haar ist Ausdruck unserer Persönlichkeit. Es ist
wie die Kleidung auch von weitem zu erkennen und
gibt verschiedene Informationen über uns preis. Wie
wir unser Haar tragen, ist Zeichen unserer Vorlieben,
Zugehörigkeit, Nationalität, politischen oder religiösen Einstellung oder des Status (siehe Abschnitt zu
Kleidung). Das Haar ist Ausdruck unseres Selbst. Wie
Flügel es schon benannt hat, dient auch das Kopfhaar
einerseits zum Schmuck und verfeinert unser AusseHAARE MACHEN LEUTE
hen, ist Teil der Schönheit.3 Andererseits schützt es
Anhand unserer Kleidung bilden Menschen ihre Mei- uns vor Wettereinflüssen oder Verletzungen. Ohne
nung über uns. Die Kleidung eines Fremden erzählt unser Kopfhaar fühlen wir uns nackt. Wie durch ununs viel über seine Persönlichkeit, Beruf, Nationalität, sere Kleidung präsentieren wir uns auch durch das
Zugehörigkeit und Status in der Gesellschaft. Ohne Haar anderen gegenüber.
einen Menschen direkt zu kennen, gibt er durch sei- In der Fußballwelt ist dies zu einem gängigen Mittel
ne Kleidung einen Teil von sich preis.1 Wir können geworden, um gezielt Aufmerksamkeit zu erregen
uns so auch ohne einen Menschen zu kennen, eine und medienwirksam aufzufallen. Fußballspieler bebestimmte Meinung über die fremde Person bilden nutzen ihre Haarfrisuren, um sich selbst zu inszenieund entscheiden, ob wir diese näher kennenlernen ren, wie der Fußballstar David Beckham. Kaum eine
möchten oder nicht. Die Kleidung spielt daher in der Frisur hat er ausgelassen, Trends gesetzt und mit
Gesellschaft eine entscheidende Rolle und ist für dem Ausdruck seiner Haare ein Bild für die Öffentunser Zusammenleben, das Gefühl von Zugehörig- lichkeit geschaffen.
55
Literaturverzeichnis
Antoni-Komar, Irene: kulturelle Strategien am Körper. Frisuren. Kosmetik.
Kleider. Deutscher Buchverlag, Oldenburg 2006
Jatho, Gabriele; Rother, Rainer (Hrsg.): City Girls Frauenbilder im Stummfilm.
Stiftung Deutsche Kinemathek und Bertz+Fischer Verlag. Berlin 2007
Jedding-Gesterling, Maria; Brutscher, Georg; Hurschmann, Rolf (Hrsg.): Die
Frisur: eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart:
veranschaulicht an Kunstobjekten der Sammlung Schwarzkopf und internatio-
Saskia Heyden
BE A LITTLE MORE
BECKHAM:
FUSSBALLERFRISUREN
ALS TRENDSETTER
Abb. 1: Petr Kratochvil : David Beckham <a href="http://www.publicdomainpictures.net/view-image.php?image=7351&picture=david-beckham">David
Beckham</a> abgefragt am 13.08.2013
Über fast keine andere Sportler-Haarpracht wurde so
viel geschrieben, wie über die von David Beckham.
Der Frisurenkünstler wechselt seine Frisuren teilweise
monatlich und begeistert mit immer gewagten, neuen Looks. Glatze, gewellt, kurz, Buzz cut, Faux hawk,
Maisreihen, Mohican, Pferdeschwanz oder lange Haare.4 Beckham machte die Frisur im Fußball salonfähig
und schlug die Brücke zwischen der Glitzerwelt der
Modestars und dem Rasen. Zudem setze er wieder
Trends, wie es zuvor Fußballspieler in den 70 und 80er
Jahren getan hatten. Fußballer und Stilikone in einem,
das gelang bisher nicht vielen, aber einer davon ist
David Beckham.
Durch seine fußballerische Leistung erweckte David
Beckham zunächst die Aufmerksamkeit der Medien,
von einer Frisur konnte man zu der Zeit noch nicht
sprechen. Schon mit 11 Jahren saß er bei Manchester United auf der Bank, bekam mit 16 seinen ersten
Jugendprofivertrag. Mit 21 Jahren schließlich gelang
ihm der Durchbruch. Währenddessen heiratete er
medienwirksam Viktoria Beckham, die Sängerin der in
den 90er berühmten Girlband „Spice Girls“. Ihre medienwirksame Berühmtheit eröffnete ihm neue Türen in
die Werbewelt. Sportstars wie David Beckham bieten
den Medien neben ihrem sportlichen Können auch
Anknüpfungspunkte jenseits des Sports. Vereinswechsel, Geburten, Hochzeiten, gesetzliche Vergehen oder
persönliche Krisen befördern sie in Nachrichten, Magazine, Talkshows und Werbespots. 5 Eine neue Plattform öffnete sich, um durch seine Frisuren weiterhin
in den Medien publik zu werden. Mit dieser Weiterentwicklung war es ihm möglich, die Aufmerksamkeit
von seinem fußballerischen Können, auf seine Haare
zu lenken. Ohne die Medienfülle, wären seine Frisuren wahrscheinlich eher im Hintergrund geblieben.
MOHICAN UND MAISREIHEN
– MEHR ALS NUR GEMÜSE
Anfang des neuen Jahrtausends fing David Beckham
an, die Frisur als Markenzeichen festzusetzen. Auffällig war hier der Mohican.6 Kaum ein Haarstyle schreit
so laut: „Look at me!“, wie der Mohican. Ein schmaler
Haarstreifen, der das sonst glatte Haupt des Mannes
schmückt. Eigentlich trugen die amerikanischen Ureinwohner den „Look“ schon vor mehr als 500 Jahren,
verkörperte durch seine Frisur nicht mehr den gewandten Mann, die Haarpracht erschien eher wie eine Ghettofrisur, was nicht zu David Beckhams Image passte.10
Ob er nun gezielt von seinem biederen Auftreten weg
wollte oder es einfach nur ein Fehlgriff war, bleibt unklar. Später betitelte er die Frisur mit den Worten: „Ich
muss betrunken gewesen sein“11. Der Rummel um ihn
als Person war durch seine Haare trotzdem geweckt.
Danach folgte ein stetiger Wechsel zwischen Millimeterschnitt und langen Haaren. Der Fußball rückt in den
Hintergrund und die Imageelemente, wie Beckhams
ständig wechselnde Frisuren, sichern ihm die Aufmerksamkeit von Millionen Zuschauern. „Becks“ ist nicht nur
Fußballer, er ist Model, Designer und Werbestar für die
ganz großen Marken wie Pepsi, Gillette oder H&M.12
Mittlerweile trägt er einen mittellangen Schnitt, der sich
je nach Auftritt mit Haarstylingprodukten variabel verändern lässt. Es ist zwar ruhig um David Beckhams Frisuren geworden, allerdings bleibt er wohl zeitlebens als
Frisurengott in den Köpfen der Fans hängen. Beckham
hat seine Haare genutzt, um die Öffentlichkeit zu bewegen. Nicht nur sein fußballerisches Können hat ihm zu
einem Vorbild gemacht, sondern auch das medienwirksame Spiel mit seinen Haaren, die ihn zu einem Werbestar machten.
Haare können Aufsehen erregen, berühmt machen,
das Innere eines Menschen wiedergeben, Leute bewegen und eine Persönlichkeit präsentieren. Wie Kleidung
sind Haare ein Mittel, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. David Beckham hat dies in seinem
Frisurenspiel vereint und sich, indem er sein Haar als
Imageelement nutzte, auch selber zu seiner Berühmtheit verholfen. 13 Als „postmoderner Popballer“ hat er
sich selbst als ein Public-Relation-Gesamtkunstwerk erschaffen. Dennoch, ohne eine Verknüpfung von Sport
und Medien wäre das Phänomen des Stars durch seine
Haare nicht möglich. Aber durch seine Frisuren wird er
immer „well known for being well known“ bleiben.
Fußnoten
1 Vgl. Flügel, J.C.: Psychologie der
Kleidung. In: Bovenschen,
Silvia (Hrsg.): Die Listen der Mode,
Suhrkamp Verlag. Frankfurt am
Main 1986, S. 208.
2 Ebd. S. 209.
3 Ebd. S. 209.
4 Vgl. Simon, Violetta: http://www.
sueddeutsche.de/stil/david-beckhams-frisuren-er-hatte-sie-alle1.1674649 abgerufen am
25.7.2013, 2013 , S.1.
5 Vgl. Schauerte, Thorsten; Schwiers,
Jürgen: Vorbilder im Sport, Sportverlag Strauß. Köln 2007, S. 143.
6 Chambers, James: Footballers’
Haircuts. A new History. Weidenfeld & Nicolson. United Kingdom
2010.
7 Vgl. Hagen, I.: http://www.hairweb.de/fussball-david-beckham.
htm, abgefragt am 31.5.2013, 2013.
Main 1986
Bürklin, Jürgen- M.: Frisuren der 70er
Jahre http://www.was-war-wann.de/
mode/frisuren_der_70er_jahre.html
abgefragt am 07.06.2013
Chambers, James: Footballers’ Haircuts: A new History. Weidenfeld &
Nicolson. United Kingdom 2010
Freddi, Chris: Footballers‘ Haircuts.
The Illustrated History. Weidenfeld &
Nicolson. United Kingdom 2003
Glasen, Fabian: Fußball(er)weisheiten/Sprüche/Zitate, http://www.
tv-konstanz.de/TVK-Fussball/kurioses/
fussballweisheiten.html abgefragt am
07.06.2013
Hagen, I., David Beckham, http://www.
hairweb.de/fussball-david-beckham.
htm abgefragt am 07.06.2013
Harmer, Andy: Beckham Lookalike,
http://beckhamlookalike.com/Contact.
php abgefragt am 07.06.2013
Schauerte, Thorsten; Schwier, Jürgen:
8 Vgl. Simon, Violetta: http://www.
sueddeutsche.de/stil/davidbeckhams-frisuren-er-hatte-sie-alle
-1.1674649,abgerufen am
25.7.2013, 2013 , S. 8.
9 Ebd. S. 6
10 Ebd. S. 9
11 Ebd. S.9
12 Vgl. Hagen, I.: http://www.hair
web.de/fussball-david-beckham.
htm abgefragt am 31.5.2013, 2013.
13 Vgl. Schauerte, Thorsten; Schwiers,
Jürgen: Vorbilder im Sport, Sportverlag Strauß. Köln 2007, S. 144
14 Ebd. S. 144.
15 Vgl. Whannel, 2001, S. 149 aus:
Schauerte, Thorsten, Schwiers;
Jürgen: Vorbilder im Sport, Sportverlag Strauß. Köln 2007, S. 14.
Literaturverzeichnis
Bovenschen, Silvia: Die Listen der
Mode. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am
Helena Kampschulte
Vorbilder im Sport. Sportverlag Strauß.
Köln 2007
Simon, Violetta: http://www.sueddeutsche.de/stil/david-beckhamsfrisuren-er-hatte-sie-alle-1.1674649-18
abgefragt am 25.7.13
Abbildungsnchweise
Abb. 1: Petr Kratochvil : David
Beckham <a href="http://www.
publicdomainpictures.net/view-image.
php?image=7351&picture=davidbeckham">David Beckham</a> abgefragt am 13.08.2013
Abb. 2: © Sbukley | Dreamstime.com:
David Beckham, http://www.dreamstime.com/royalty-free-stock-imagesdavid-beckham-image25180929#
abegfragt am 13.08.2013
57
56
DAVID BECKHAM – SELBSTINSZENIERUNG EINES SPORTLERS
Abb. 2: © Sbukley | Dreamstime.com: David Beckham, http://www.dreamstime.com/royalty-free-stock-images-david-beckham-image25180929#
abegfragt am 13.08.2013
wenn sie in den Kampf zogen. Er symbolisierte Kraft und
Widerstand gegen den Feind. Eine Einschüchterungsgeste, die über das Haar vermittelt wird. Welcher Sportler möchte im Wettkampf nicht stark, unbesiegbar und
kämpferisch auftreten? Das sind kulturgeschichtlich gesehen die Attribute der „Jäger“. Beckham zeigt mit dem
Haarschnitt einen angstfreien, kämpferischen Fußballer, der im Kampf mit seinen Feinden steht. Neben dem
Schmücken, nach Flügel auch ein Zweck der Kleidung,
zeigt er durch das Haar auf seinem Kopf seine innere
Haltung und gibt damit ein Statement über seinen Charakter ab.
Er wechselte seine Frisur so oft, dass er von Manchester
United vertraglich dazu verpflichtet wurde, seine Frisur
nur einmal im Jahr zu wechseln, da sonst die Merchandiseartikel zu oft geändert werden müssen.7
Je mehr er durch seine Frisuren ins Rampenlicht rückte,
desto exklusiver wurden sie. Nach der Zeit des Mohicans
stieg Beckham tiefer in das Stargeschäft ein und seine
Frisuren wurden sanfter. 2003 waren die Haare dann
bis auf Schulterlänge gewachsen. Als braver High-Class
Star verkörperte er nun einen metrosexuellen Look.8
Dies passte gut zusammen mit seiner neuen Aufgabe
als Werbestar. Es scheint, der Mann von Welt kann alles
tragen und macht alte Trends, wie in den 70er Jahren,
wieder salonfähig. Mit seinem Gellook und der Veränderung hin zu langen Haaren verkörperte er das Bild eines gepflegten, charismatischen reichen Mannes.9 Jede
Strähne war akkurat gerichtet und der Schnitt sauber
und glatt. Durch seinen neuen Haarschnitt gab Beckham
ein neues Bild ab. Er stand nun mehr im Rampenlicht,
wo auf ein gepflegtes Äußeres viel wert gelegt wird.
Sein ausgewählter Haarschnitt symbolisierte Reichtum
und Weltgewandtheit. Das mögliche Tabuthema Metrosexualität ist durch Beckhams Haarfrisur selbstverständlich geworden.
Kurz danach folgten die Maisreihen: Geflochtene Haarpartien, die eng an seinem Kopf anliegen und somit
„Reihen“ von Kopfhaut und Haaren zeigt. In der Medienwelt sorgte die Veränderung für Aufsehen. Beckham
Lang
ist
gut,
kurz
"
rockt nicht“
Metaller und ihre
Haarpracht
"
Abb. 1: Ein headbangender Heavy
Metal-Bassist. © Mareike Wagner
/ PIXELIO
Denkt man im westlichen Kulturkreis an lange Haare,
werden vielen Menschen wahrscheinlich Medienbilder von weiblichen Models mit langen blonden, brünetten oder roten Haaren vorschweben. Umfragen
ergeben, dass Männer bei Frauen besonderen Wert
auf lange, gepflegte Haare legen, weil man kulturhistorisch mit langen Haaren Gesundheit, Attraktivität
und Weiblichkeit assoziiert.1
Jedoch werden diese nicht nur vom weiblichen Geschlecht getragen, sie sind auch bei manchen Männern äußerst beliebt. Besonders Heavy Metal-Fans
und -Musiker lassen sich oft eine lange, wallende
Haarpracht wachsen. Dabei gelten eigentlich gerade diese Männer als besonders stark und maskulin,
was auf den ersten Blick so gar nicht zu langem Haar
passt. Wie kommt es also, dass in dieser Subkultur
lange Haare so verbreitet sind?
haar als Geschenk der Götter, weshalb Sklaven die
Haare abgeschnitten wurden. Bei Ägyptern, Assyrern, Persern und Babyloniern verkörperte langes
Kopfhaar ebenfalls Stärke und Macht.3
Lange Haare bei Männern ziehen sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte. Im 19. und 20.
Jahrhundert trugen Männer aber vermehrt kurz geschnittenes oder geschorenes Haar. Der Fokus des
kulturgeschichtlichen Hintergrundes der Bedeutung
der Langhaarigkeit bei Männern soll auf der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trug eine Minderheit
US-amerikanischer Jugendlicher ihr Haar länger, als
es die Gesellschaft gewöhnt war. Ermutigt wurden
sie durch Bilder von Musikern und Schauspielern wie
Elvis Presley oder Tony Curtis, die durch die Medien
verbreitet wurden. Die sogenannte Elvis-Tolle war
inspiriert durch mexikanische Einwanderer, die sich
durch ihren Haarschnitt von den Nordamerikanern
abgrenzen wollten. Diese und ähnliche Frisuren symSchon im Alten Testament der Bibel wird Simson, ei- bolisierten nach dem Krieg Protest und Konfliktbener der Richter im alten Israel, als langhaariger Mann reitschaft. Jugendliche versuchten sich durch ihren
beschrieben. Seine Haarpracht ist ein Zeichen seiner Stil von ihrer Elterngeneration abzugrenzen.4 Junge
Gottesgläubigkeit – aus diesem Grund durfte sie nicht Menschen in den USA, Westeuropa, Australien und
abgeschnitten werden. Außerdem repräsentierte das Südafrika protestierten unter anderem mit dem TraHaar seine körperliche Stärke. Mit dem Verlust seiner gen langer Haare gegen gesellschaftliche Ordnungen.
Kopfhaare verließ ihn auch die Stärke, die Gott ihm Es handelt sich hier um ein politisches Symbol und
gegeben hatte.2
den Ausdruck angestrebter, alternativer Lebensstile.
Auch im antiken Griechenland galt langes Männer- In den 1960er Jahren waren es dann Bands wie
Kulturgeschichtlicher Hintergrund
59
die Beatles, die als der Inbegriff der Langhaarigkeit
galten, oder Led Zeppelin, die meist junge Männer
zu alternativen Haarmoden inspirierten.5 Man kann
daraus schließen, dass langes Männerhaar, im Gegensatz zu weiblicher Kopfbehaarung, kein Symbol
oder Zeichen für Schönheitsideale ist, sondern häufig
als eine Rebellion oder Distanz zu vorherrschenden
Normen und Ordnungen getragen wird.6 Es gibt aber
nicht die eine Jugendsubkultur, deren Merkmal lange
Männerhaare waren. Vielmehr trugen unterschiedliche Vertreter einzelner subkultureller Strömungen
lange Haare.7 Neben Prostest verkörperten lange
Haare in den 1960er und 1970er Jahren aber auch
Liebe, Frieden und Freiheit, wie beispielsweise bei
den Hippies.8 Auch die Subkultur Heavy Metal entdeckte diese Haarmode des Mannes für sich.
ten Kleidungsstil, sondern ebenfalls häufig am Tragen
langer Haare zu erkennen. Ein Beispiel von vielen dafür ist das Subgenre Glam Metal.
Hair Metal
Wie wichtig Haare in der Metal-Szene sind, sieht man
zum Beispiel daran, dass das Subgenre Glam Metal
auch gern als Hair Metal bezeichnet wird – aufgrund
der langen, wallenden Mähnen der Mitglieder von
Bands wie Poison, Europe oder Hanoi Rocks. Diese
und andere Musiker zeichnen die wilden, langhaarigen Frisuren, das für Männer ungewöhnliche Makeup und die schrillen Klamotten aus. Die Mitglieder
der Band Poison wurden sogar von einigen Fans zunächst fälschlicherweise für Frauen gehalten.13 Viele
Hair Metal-Musiker sind beim weiblichen Geschlecht
als besonders schön verschrien. Männer, besonders
männliche Metal-Fans, standen bzw. stehen ihnen
Die Subkultur Heavy Metal besteht zum großen Teil hingegen eher ablehnend gegenüber.14 Durch Ausseaus der gleichnamigen Musikrichtung. Diese entwi- hen und Verhalten angedeuteter Femininität wurden
ckelte sich Anfang der achtziger Jahre aus den här- Glam Metal-Musiker häufig als Poser beschimpft.15
teren Spielarten des Rocks der späten 1960er und Doch auch Musiker und Fans anderer Metal-Subgefrühen 1970er Jahre9, dessen Wurzeln im Country, nres zeichnen sich durch lange Haare aus. Von MänGospel und Blues liegen. Das Musikgenre Heavy Me- nern getragene lange Haare ziehen sich durch die getal stilistisch exakt zu definieren, ist äußerst schwie- samte Kultur des Metals.
rig, wenn nicht unmöglich. Die klassische Besetzung
einer Band besteht aus Gesang, zwei Gitarren, einem Auch wenn viele Musiker und Fans entspannt mit
Bass und dem Schlagzeug. In verschieden Subgenres dem Thema Haare umgehen, zeigt sich dennoch die
wird diese Besetzung allerdings noch durch andere Bedeutung langer Männerhaare. So wird beispielsInstrumente ergänzt. Die Melodie eines Songs wird weise Guns N`Roses-Frontman Axl Rose nachgesagt,
häufig durch den Gesang und die Gitarre getragen; er habe sich unters Messer legen lassen, um seine
ein rhythmischer Gitarrenriff ist häufig die Grundlage Haarpracht zu verschönern. Und auch Bret Michaeiner Komposition.10
els, Sänger der Band Poison, soll angeblich seit den
1980er Jahren Kunsthaar tragen.16 Warum diese
Männer angeblich solche Mittel ergreifen, ist nicht
bekannt. Es zeigt jedoch, dass langes, wallendes Haar
Der Soziologe Hans-Georg Soeffner stellte in einer für sie und mit Sicherheit auch für andere Musiker
Abhandlung über den Punk-Stil Mitte der 1980er und Fans von zentraler Bedeutung in der SelbstJahre fest: „Ein Stil ist Teil eines umfassenden Sys- inszenierung ist.
tems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für
soziale Orientierung. Er ist Ausdruck, Instrument und
Ergebnis sozialer Orientierung.“11 Der Stil einer Person beschreibt somit die Zugehörigkeit zu einer be- Im Heavy Metal sind lange, männliche Kopfhaare
stimmten Gruppe, einer (Sub)Kultur. Dieser einheitli- nicht nur als ästhetische Experimente anzusehen. Dache Stil verschafft der Gruppe zum einen das Gefühl hinter steckt ebenfalls eine tiefere Aussage. Im Heavy
von Zusammengehörigkeit und man kann ihn als ein Metal, aber auch in anderen Subkulturen, verkörpert
Erkennungszeichen ansehen. Das Tragen ähnlicher die Haarpracht den Ausdruck des Lebensstils, der
Kleidung oder das ähnliche Frisieren der Haare kann angestrebten Freiheit und Selbstbestimmung. Lange
dem Einzelnen somit Orientierung geben und der ge- Haare sind eine Repräsentation alternativer symbosamten Gruppe oder Kultur Abgrenzung zu anderen lischer Ordnungen von Subkulturen17 und können
verschaffen.12 Dies trifft auch auf den Heavy Metal auch im Heavy Metal als diese angesehen werden.
zu. Seine Anhänger sind nicht nur an einem bestimm-
Die Musikrichtung Heavy Metal
Stil
Fußnoten
1 Vgl. Schäfer, Laura: Männer wollen schöne Haare statt tiefen Auschnitt. http://www.joy.de/schoenheit/haare/a-29974/maenner-wollen-schoene-haare-statttiefen-ausschnitt.html, unbekanntes Jahr
2 Vgl. Richter 13-16
3 Vgl. Unbekannter Autor: Haare. http://www.wissen.de/lexikon/haare-zoologie, unbekanntes Jahr (1)
4 Vgl. Tiedemann, Nicole: Lange Männerhaare als jugendkulturelles Zeichen nach 1945. In: Janecke, Christian (Hrsg.): Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche
Annäherung. Böhlau Verlag. Köln 2004, S. 251ff
5 Vgl. Ebda. S. 253
6 Vgl. Synnott, Anthony: Shame and Glory: A Sociology of Hair. In: The British Journal Of Sociology. Vol. 38, Nr. 3, September 1987. New Jersey 1987
7 Vgl. Tiedemann, Nicole: Lange Männerhaare als jugendkulturelles Zeichen nach 1945. In: Janecke, Christian (Hrsg.): Haar tragen. Böhlau Verlag. Köln 2004, S.
255
8 Vgl. Ebda. S. 259
9 Vgl. Covach, John: What's That Sound? An Introduction To Rock And Its History. W. W. Norton & Company. New York 2006, S. 480
10 Vgl. Lücker, Christoph: Das Phänomen Heavy Metal: Ein Szene-Porträt. Verlag Nicole Schmenk. Oberhausen 2011,S. 14 f
11 Vgl. Ebda. S. 83
12 Vgl. Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Kopaed Verlag. München 2009, S. 197 f.
13 Vgl. Covach, John: What's That Sound? An Introduction to Rock and Its History. W. W. Norton & Company. New York 2006, S. 485
14 Vgl. Rönnebeck, Jenny: „Wir wollten nicht nur Image sein“. http://www.rockhard.de/megazine/heftarchiv/rh-310/special/wir-wollten-nicht-nur-image-sein.
html, 2013
15 Vgl. SeifertMike: Glam/Sleaze-Rock-Special Teil 2: Die Weltherrschaft des Hairsprays – Metal mit Make Up. http://www.breakoutmagazin.de/archiv/aglam2.
html, 2010
16 Vgl. Leim, Christoph,: Föhnen, bis der Satan kommt. http://www.welt.de/lifestyle/article6785290/Foehnen-bis-der-Satan-kommt.html, 2010
17 Vgl. Pinczewski, Andreas: Gesichter des Schreckens – Heavy Metal und die dunkle Seite der Schminke. In: Geiger, Annette (Hrsg.): Der schöne Körper: Mode
und Kosmetik in Kunst und Gesellschaft. Böhlau Verlag. Darmstadt 2008, S. 242
18 Vgl. Leim, Christoph: Föhnen, bis der Satan kommt. http://www.welt.de/lifestyle/article6785290/Foehnen-bis-der-Satan-kommt.html, 2010
Literaturverzeichnis
Covach, John: What's That Sound? An Introduction to Rock and Its History. W. W. Norton & Company. New York 2006
Gute Nachricht Bibel. Deutsche Bibelgesellschaft. Stuttgart 2000
Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Kopaed Verlag. München 2009
Leim, Christoph: Föhnen, bis der Satan kommt. http://www.welt.de/lifestyle/article6785290/Foehnen-bis-der-Satan-kommt.html, 2010
Lücker, Christoph: Das Phänomen Heavy Metal: Ein Szene Porträt. Verlag Nicole Schmenk. Oberhausen 2011
Pincczewski, Andreas: Gesichter des Schreckens – Heavy Metal und die dunkle Seite der Schminke. In: Geiger, Annette (Hrsg.): Der schöne Körper: Mode und
Kosmetik in Kunst und Gesellschaft. Böhlau Verlag. Darmstadt 2008
Rönnebeck, Jenny: „Wir wollten nicht nur Image sein“ http://www.rockhard.de/megazine/heftarchiv/rh-310/special/wir-wollten-nicht-nur-image-sein.html, 2013.
Schäfer, Laura: Männer wollen schöne Haare statt tiefen Ausschnitt. http://www.joy.de/schoenheit/haare/a-29974/maenner-wollen-schoene-haare-statt-tiefenausschnitt.html, Letzter Zugriff: 12.06.2013
Seifert, Mike: Glam/Sleaze-Rock-Special Teil 2: Die Weltherrschaft des Hairsprays – Metal mit Make Up. http://www.breakoutmagazin.de/archiv/aglam2.html,
2010
Synnott, Anthony: Shame and glory: a sociology about hair. Aus: The British Journal Of Sociology. Vol. 38, Nr. 3, September 1987. New Jersey 1987
Tiedemann Nicole: Lange Männerhaare als jugendkulturelles Zeichen nach 1945. In: JANECKE, Christian: Haare Tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung.
Böhlau Verlag, Köln 2004
Unbekannter Autor: Haare (Zoologie). http://www.wissen.de/lexikon/haare-zoologie, Letzter Zugriff: 12.06.2013(1)
Abbildungsnachweise
Abbildung 1: Mareike Wagner – Heavy Metal, 2012. www.pixelio.de
61
60
Lange Haare im Heavy Metal
wöhnlichen Bartvariationen und flächendeckenden
Tattoos erkennen.18 Ähnlich wie die langen Haare bei
Heutzutage mischen sich in den Heavy Metal viele männlichen Metal-Fans können auch diese als AusEinflüsse anderer Musikrichtungen. So entstanden druck der Abgrenzung nach außen und Zeichen ihrer
neue Subgenres, wie zum Beispiel Nu Metal oder persönlichen, individuellen Lebensstils angesehen
Metalcore. Durch die Vermischung verschiedener werden. Dennoch sind und bleiben lange Haare bei
Elemente unterschiedlicher Musikrichtungen ändert Männern im Heavy Metal zentrales Symbol ihrer kolsich auch das Aussehen der Metalheads. Heute ist lektiven Individualität.
die Frage der Frisur weniger strikt. Manche tragen
ihr Haar kurz, manche lang. Manch einer trägt sogar Maria Putignano
Glatze, wie beispielsweise Slayer-Gitarrist Kerry King.
Vielmehr lässt sich heute eine Tendenz zu außerge-
Und heute?
Abb. 1: Bobbé, Leland.
Half-Drag 1. www.
lelandbobbe.com
WIG IT!
NEUE WEIBLICHKEIT ODER DOCH
NUR VIEL KOPFTHEATER UM NICHTS?
Abb. 2:
Bobbé, Leland. Half-Drag 2.
www.lelandbobbe.com
„Perücke (frz. perruque; span. peluca, von lat. pilus ‚Haar‘), künstliche
Haartracht, Haarersatz oder Modebeiwerk, aus Menschen- oder Tierhaar,
Wolle, Pflanzenfasern, Seide oder Gräsern, heute auch aus Kunsthaar,
meist auf eine Haube oder ein Netz aufgenäht bzw. geknüpft.“
(Ingrid Loschek)
Wig it –zum Ersten: Macht
Die Perücke hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in der Antike und im alten Ägypten wurden künstliche
Haarteile eingesetzt, um fehlendes Haar zu kaschieren, bestehendes Haar zu schmücken oder sogar zu vergrößern bzw. zu erweitern. Bis zur Französischen Revolution wurden Perücken nur von den höheren Gesellschaftsschichten getragen – das einfache Volk hatte entweder keine Erlaubnis, Perücken zu tragen oder war
nicht vermögend genug, sehr teure und aufwendig geknüpfte Perücken zu kaufen .
Perücken waren u.a. ein Ausdruck von Macht und Herrschaft. König Louis XIV. von Frankreich löste mit seinen
üppigen Allongeperücken einen ganzen Modetrend an europäischen Adelshöfen aus. Nicht umsonst trugen
die Bürgerlichen in der Französischen Revolution keine Perücken, sondern Mützen. Und wehe dem, der eine
Rokokoperücke auf der Straße trug. Der Tod durch die Guillotine war ihm gewiss. Der Herrschaftsbegriff ist an
dieser Stelle sehr eng mit Vorstellungen einer Ständegesellschaft und Monarchie verbunden.
Doch ist die Perücke auch heute noch Ausdruck von Herrschaft? Gilt: „Wer das Haar hat, hat die Macht?“
Welches Potential birgt die Perücke vor dem Hintergrund unseres heutigen Genderverständnisses? Üben
nicht auch Drag-Queens, durch ihr Auftreten als „gespielte“ Frauen, Macht über ein gesamtes Rollenbild aus?
63
Wig it – zum Zweiten: Herrlichkeit
Typisch männlich? Klassisch weiblich?
Stereotype und Rollenmuster gehören zu unserer Gesellschaft zwingend dazu. Sie sind so fest in unserem
kollektiven Gedächtnis und unserer jeweiligen Kultur verwurzelt, dass sie von Generation zu Generation weitergetragen werden, sich in der breiten Masse
durchsetzen und es viel Geduld und eines ständigen
Aufbegehrens gegen solcher Stereotype bedarf, um ein
Umdenken anzustoßen. Muster entstehen durch eine
regelmäßige und für den einzelnen relevante Wiederholung.
Wer einem Muster folgt, das seine Rechtfertigung in
den Werten und Ansichten der breiten Masse findet,
bewegt sich in der Regel auf sehr sicherem Terrain. Wer
widerspricht, setzt sich dem Risiko aus, von großen Teilen der Gesellschaft nicht verstanden oder sogar ausgeschlossen zu werden. Trägt ein Mann mit ausgehendem
Haar beispielsweise ein Haarteil oder eine Perücke, so
wird kollektiv eine natürlich aussehende Perücke und
eine „klassische“ Frisur erwartet. Lila Engelslocken
Abb. 3:
Bobbé, Leland. Half-Drag 3.
www.lelandbobbe.com
Wig it – zum Dritten: Ewigkeit
würden hier eher auf Unverständnis stoßen. Neue
Muster können aber nur dadurch entstehen, dass von
bestehenden Mustern abgewichen wird, Stile gebrochen und Kontraste gesetzt werden. Wenn wir also von
„typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ sprechen,
ist dies auch immer eng an die jeweilige Kultur und das
vorherrschende Genderverständnis geknüpft.
In der westlichen Kultur sind insbesondere die äußerliche Erscheinung, Kleidung und Haarstyling, mit sehr
starken Mustern belegt.
Der Mann hat kurzes Haar, die Frau langes. Oder nicht?
Kleinere Ausbrüche wie z. B. lange Haare bei den
männlichen Fans bestimmter Musikrichtungen bestätigen eher die Regel, als sie zu brechen. Die größte Verwirrung entsteht in der Regel dann, wenn bestehende
Muster gestört werden.
„Every Gender is a drag…“
Sobald Männer in hohen Schuhen, starkem Make-up
und langem, wallenden Haar auftreten, wird ein ganzes
Rollenbild ausgehebelt. Reaktionen können sowohl positiv als auch negativ ausfallen. Während die einen eher
belustigt und belächelnd auf eine Drag-Queen mit bonbonfarbenen Haaren reagieren, lehnen die anderen diese Maskerade aus Unverständnis und Unsicherheit gegenüber dem, was von der Norm abweicht, rigoros ab.
Dennoch schafft es eine Drag-Queen in Perfektion, eine
Frau darzustellen, wie es sie in der Wirklichkeit in den
seltensten Fällen gibt. Sie erfüllt in ihrem Stilbruch des
Gender-Crossings sämtliche Rollenstereotype des Frauenbildes, was sich insbesondere im Styling der Haare
und des Make-ups ausdrückt.
Wie lässt sich dieses Bild so gut aufrecht erhalten?
Die Gesellschaft hat sich ihr Genderverständnis erarbeitet und konstruiert. Wie Judith Butler in ihrer Monografie „Gender Trouble“ schreibt, sogar soweit, dass selbst
das biologische Geschlecht nur konstruiert sei. Travestie
als eine Art Theater, das der heteronormativ geprägten,
westlichen Kultur den Spiegel vorhält und
sämtliche Rollenkonstruktionen aufdeckt.
Shaun Cole fasst in seinem Artikel „Hair and
male (Homo) Sexuality“ Butler folgendermaßen zusammen:
“Gender, therefore, is what one does rather
than who one is, a performance through
which one constructs a gender character
while at the same time creating an illusion
that such a character is somehow primary.”
Auch die Mode spielt regelmäßig mit dem
Bild eines klassischen Mannes oder einer
Frau. Eines der prominentesten Beispiele
der Modenschauen 2012 und 2013 ist das
androgyne Männermodel Andrej Pejic, der
(statt einer Perücke) sein natürliches blondes Haar lang und dem einer Frau ähnlich
trägt und damit zu gleichen Teilen Damenund Herrenkollektionen präsentiert.
Gleichzeitig erleben Männer in Röcken oder
ganzen Kleidern immer wieder eine Neuauflage in den Kollektionen, der Designer. Rick
Owens schickt seine Männermodels mit
hohen Keilabsätzen über den Laufsteg und
die Meggings (die sog. Männer-Leggings,
Stereotyp: Leggings als unmännliche, klassische Damenhose) sind immer häufiger zu
sehen.
Parallel zur Mode vermag es die bildende Kunst immer
wieder Motive, Bilder und Perspektiven für die Ewigkeit
zu schaffen. Setzt sich ein Künstler intensiv mit einem
Kunstwerk auseinander, vermittelt es häufig mehr als
nur eine Botschaft, die auch weit über ihren Entstehungszeitpunkt hinaus interpretiert und verstanden
werden kann.
Eine Perücke, viele Typen
Der Künstler Douglas Gordon hat in seinen Arbeiten
ähnlich wie auch Andy Warhol zuvor die Perücke als
Stilmittel benutzt, um je nach Perspektive einen anderen Blick zu eröffnen – trotz der immer selben Perücke.
Obwohl er ein und dieselbe blonde Perücke trägt, sieht
er sich selbst in den verschiedensten Rollen. Titel seiner
Arbeit: „Self-portrait as Kurt Cobain, as Andy Warhol, as
Myra Hindley, as Marilyn Monroe” (1996). Andy Warhol
inszenierte sich selbst bereits vor Douglas Gordon mit
verschiedensten Perücken und Make-up „in Drag“.
Bloß eine künstlerische Ausdrucksform? Genauso wie
bei Drag-Queens die Einnahme einer Rolle?
Kunst kann gesellschaftliche Bilder und Eindrücke aus
der Realität herausheben und legt einen speziellen Fokus auf ihre Betrachtung – Gender-Crossing ist in vielen
Fällen nicht mehr bloßes „Theater“. Perücken bieten die
Möglichkeit, viele Identitäten, vielleicht aber genau die
angestrebte und am besten passende Identität einzunehmen.
Während sich Künstler wie Gordon oder Warhol mit
der Perücke als Stilmittel der Kunst auseinandersetzen,
stellt die Perücke in Fällen von Transidentität und Transsexualität einen Gegenstand dar, der eine Identität erst
komplettieren kann und fest zu ihr gehört. Die Perücke
gehört mehr und mehr auch zum Alltag vieler Menschen, auch wenn die Perücke nach heutigen Vorstellungen mehr mit Krankheit und Alter oder eben Theater
und Oper assoziiert wird, als noch zu Zeiten des Barocks.
War die Perücke immer schon Ausdruck von Macht und
Status, Modediktat und „Kleidungsstück“, so ist sie heute mehr und mehr eine Möglichkeit, die eigene, schwer
zu fassende Identität auszudrücken, zu verdecken oder
zu unterstreichen.
Und das in jeder erdenklichen Form, Farbe, Struktur, Frisur. Bunt und schillernd. Natürlich und schlicht.
65
Und ist es nicht zumindest eine interessante Vorstel-
lung, heute ein anderer als morgen sein zu können?
Trägt eventuell jeder von uns weibliche und männliche Teile in sich?
Wie sich die Wahrnehmung verschiebt, wenn wir beides vor uns haben, zeigt der Fotokünstler Leland Bobbé anschaulich in seiner Fotostrecke „Half-Drag“. Der
Betrachter nimmt beide Perspektiven ein und wird
vor die Frage gestellt: Was ist es denn nun? Mann
oder Frau? Oder beides?
Die Popkünstlerin Lady Gaga singt in ihrem Song
„Hair“:
I just wanna be myself,
And I want you to love me for who I am
I just wanna be myself,
And I want you to know, I am my Hair
I've had enough
This is my prayer
That I'll die living just as free as my hair
Seien wir also so frei, wie unser Haar oder das, was
wir als unseres verkaufen. In diesem Sinne – Wig it!
DIE KUNST
DER
KRANKHEIT
Fußnoten
1 Loschek, Ingrid. Perücke. In: Loschek, Ingrid. Reclams Modeund Kostümlexikon. Reclam Verlag. Stuttgart. 1999
2 Loschek, Ingrid. Perücke. In: Loschek, Ingrid. Reclams Modeund Kostümlexikon. Reclam Verlag. Stuttgart. 1999
3 Cole, Shaun. Hair and Male (Homo) Sexuality: ‘Up Top and
Down Below’. In: Biddle-Perry, Geraldine; Cheang, Sarah
(Hrsg.): Hair. Styling, Culture and Fashion. Berg Publishers.
Oxford; New York. 2008
4 Vgl. Luckhardt, Jochen; Marth, Regine (Hrsg.): Lockenpracht
und Herrschermacht. Perücken als Statussymbol und modisches Accessoire. Koehler und Amelang Verlag/Herzog Anton
Ulrich-Museum. Leipzig. 2006
Literaturverzeichnis
Loschek, Ingrid. Perücke. Aus: Loschek, Ingrid. Reclams Mode- und
Kostümlexikon. Reclam Verlag. Stuttgart. 1999
Cole, Shaun: Hair and Male (Homo) Sexuality: ‘Up Top and Down
Below’. In: Biddle-Perry, Geraldine; Cheang, Sarah (Hrsg.) Hair. Styling, Culture and Fashion. Berg Publishers. Oxford; New York. 2008
Luckhardt, Jochen; Marth, Regine (Hrsg.): Lockenpracht und Herrschermacht. Perücken als Statussymbol und modisches Accessoire.
Koehler und Amelang Verlag / Herzog Anton Ulrich-Museum.
Leipzig. 2006
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Bobbé, Leland. Half-Drag 1. Quelle: www.lelandbobbe.com
Abb. 2 Bobbé, Leland. Half-Drag 2. Quelle: www.lelandbobbe.com
Abb. 3 Bobbé, Leland. Half-Drag 3. Quelle: www.lelandbobbe.com
Song
Gaga, Lady. Hair. Aus Album: Born This Way. 2011
Abb. 1: Hannah Wilke
Intra-Venus Series #6,
February 19, 1992, 1992-93
Performalist Self-Portrait
with Donald Goddard
Courtesy Donald and Helen Goddard
and Ronald Feldman Fine Arts, New
York / www.feldmangallery.com
Abb. 2: Hannah Wilke, Intra-Venus Series #4, July 26 and February 19, 1992, 1992-93, Performalist Self-Portrait with Donald Goddard
Courtesy Donald and Helen Goddard and Ronald Feldman Fine Arts, New York / www.feldmangallery.com
67
66
Sebastian Schwarz
„Haarausfall und Probleme mit der Kopfhaut sind
Zeichen dafür, dass der
Mensch als Ganzes nicht
mehr im Gleichgewicht
ist und Störungen im Organismus auf körperlicher
und seelischer Ebene vorliegen.“ 1
DIE KUNST DER
KRANKHEIT
WENN DAS KOPFHAAR SCHWINDET
tensions oder sogar Haartransplantationen sollen
den Körper wieder „normal“ aussehen lassen. Der
Kranke wird nicht länger zum Betrachteten, sondern
fühlt sich dem Schönheitsideal entsprechend. Finanzieller und körperlicher Aufwand erscheinen im
Gegensatz zu den belastenden Blicken der anderen
weniger quälend. Ein extremer Schritt zurück in die
Gesellschaft und weg von der Isolation.
Die verschiedenen Krankheiten, ihre Ursachen und
die daraus resultierenden Folgen sind ebenso vielseitig wie auch kompliziert zu analysieren. Das Einzige,
was in allen Fällen bleibt, ist die schwierige Situation
der Betroffenen, mit den Blicken der Anderen umzugehen, ihnen standzuhalten und ihnen zu entgegnen.
Lisa Merle Felgendreher
Zwischen Isolation und Kunst
Haarspalterei – medizinische Sichtweise
Um gegen diese soziale Folge von Krankheiten anzukämpfen, hat die Künstlerin Hannah Wilke „sich
selbst zum Objekt künstlerischer Auseinandersetzung gemacht und dabei auch vor ihrem von Krankheit gezeichneten Körper nicht Halt gemacht.“3 Die
Fotoserie Intra-Venus zeigt den Verfall ihres Körpers
durch eine Krebserkrankung. Sie ließ sich nackt ablichten und zeigt Portraitaufnahmen, auf denen der
Verlust ihres Haares deutlich sichtbar wird. Die verbliebenen Haarsträhnen hängen kraftlos von ihrem
Kopf. Wilke schockiert, erregt Ekel und rüttelt den
Betrachter wach. Sie stellt ihren kranken Körper zur
Schau. Den Körper, der ständig den Blicken anderer
ausgesetzt ist, nur wegen des „Andersseins“. Der Körper, der nicht mehr in das Muster von gesellschaftlich eingeforderter Schönheit passt. Hannah Wilke
nutzt künstlerische Strategien von Inszenierung und
Performanz, um unsere alltagsästhetische Wahrnehmung zu irritieren.
„Oft wird Haarausfall nicht als Krankheit akzeptiert:
Haarerkrankungen bleiben ein Tabuthema. Dabei
trifft es jeden Zweiten, unabhängig von Alter und Geschlecht.“4
Entzündungen durch Infektionserreger, Hautkrankheiten oder ein Mangel an Hygiene können Gründe für
Haarverlust und Schuppenbildung sein.5 Nicht weniger gravierend sind die möglichen Folgen ausschweifender Lebensweise, Sorgen oder einer erhöhten Belastung der Haare durch übermäßige Hitzeeinwirkung.6
Hormonstörungen, Fehlernährung oder Eisenmangel begünstigen die Veränderung der Haare und führen
häufig „zur Abnahme der Wachstumsgeschwindigkeit und der Haardicke“. 7
Haar-Los
Krankheiten, die das Haar schädigen oder Haarkrankheiten, führen zu Veränderungen des körperlichen
Erscheinungsbildes. Das Haar als Symbolträger verändert sich und führt häufig zu negativen Assoziationen. Schuppen oder Haarflechten stoßen bei vielen
Menschen auf Ekel und weiterführend zur Meidung
Eine erblich bedingte Störung der Haare, die androgenetische Alopezie, tritt bei mehr als der Hälfte aller
Männer auf. „Die Haarwurzel ist bei dieser Erbanlage so programmiert, dass es bei einem normalen Testosteronspiegel zu Haarausfall und Glatzenbildung kommt."8 „Die Haarwurzel wird bei jedem Haarzyklus kleiner
und bildet ein dünnes, weniger pigmentiertes Flaumhaar. Schließlich fallen auch diese Haare aus und es
bleibt eine kahle Stelle."9
Aber auch Frauen können von dieser Erbkrankheit betroffen sein. Etwa 20-30% aller Frauen leiden unter
dieser Form des Haarausfalles, die sich durch immer dünner und lichter werdende Haare im Scheitelbereich
kennzeichnet.10
Fußnoten
1 Kopf, Robert: Haarausfall behandeln mit Homöopathie und Biochemie.
Vorwort.
2 Raab, Wolfgang. Haarerkrankungen in der dermatologischen Praxis.
3 Löfflel, Petra. Woman Artists. S. 554.
4 Latz, Jenny. Wirksame Hilfe bei Haarausfall.
5 http://www.textlog.de/medizin-praxis-homoeopathie/krankheiten/
haut/haarkrankheiten-schuppenbildung-haarausfall-bartflechte-entfer
nen-von-haaren.html (Voorhoeve, Jacob)
6 Ebda.
7 http://www.hautarzt-haare.com/de/haarausfall/ursachen/ursachen.
html (Dr. med. Danuta Sobczak)
8 Ebda.
9 Ebda.
10 Vgl. http://www.regaine.de/?gclid=CM_C4YHxi7gCFSfLtAodnDEA8A
Literaturverzeichnis
Grosenick, Uta: Women Artists. Künstlerinnen im 20. Und 21. Jahrhundert.
Taschen Verlag. Köln 2001, S. 554-559
Kopf, Robert: Haarausfall behandeln mit Homöopathie und Biochemie. Ein homöopathischer und biochemischer Ratgeber. Bookrix GmbH. epub eBook 2013
Latz, Jenny: Wirksame Hilfe bei Haarausfall. 2. geänderte Auflage. epub eBook.
Trias. August 2007
Raab, Wolfgang: Haarerkrankungen in der dermatologischen Praxis. SpringerVerlag. eBook. 2012
Internetquellen
http://www.hautarzt-haare.com/de/haarausfall/ursachen/ursachen.html (Dr.
med. Danuta Sobczak)
http://www.regaine.de/?gclid=CM_C4YHxi7gCFSfLtAodnDEA8A (Test)
http://www.textlog.de/medizin-praxis-homoeopathie/krankheiten/haut/haarkrankheiten-schuppenbildung-haarausfall-bartflechte-entfernen-von-haaren.
html (Voorhoeve, Jacob)
http://www.wissen.de/lexikon/haarkrankheiten
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Hannah Wilke, Intra-Venus Series #6, February 19, 1992, 1992-93,
Performalist Self-Portrait with Donald Goddard
Courtesy Donald and Helen Goddard and Ronald Feldman Fine Arts, New York/
www.feldmangallery.com
Abb. 2: Hannah Wilke, Intra-Venus Series #4, July 26 and February 19, 1992,
1992-93, Performalist Self-Portrait with Donald Goddard
Courtesy Donald and Helen Goddard and Ronald Feldman Fine Arts, New York/
www.feldmangallery.com
69
68
Doch was passiert wenn das Kopfhaar schwindet?
Mögliche Ursachen sind entweder durch den alternden Körper begründet oder oft auch Zeichen einer
Krankheit.
Körper und Immunsystem können derart geschädigt
sein, dass der Aufbau gesunder Zellen von Haut und
Haaren nicht mehr möglich ist. Vorhandenes Haar
wird stumpf oder fällt aus und dabei sind die Träger
nicht nur durch die Folgen der Krankheit beeinträchtigt, sondern auch durch die daraus resultierende gesellschaftliche Isolation. Die Betroffenen kapseln sich
von den musternden Blicken und den löchernden
Fragen der Anderen ab. Was mag die Person bloß
haben, dass ihre Haare so anders als „normal“ aussehen? Ist die Veränderung krankheitsbedingt oder
ein ungepflegtes Äußeres? Fragen, die der Betrachter sich selbst stellt und diese auch für sich beantwortet, und zwar im Rahmen von kulturell bedingten
Schönheitsvorgaben. Je nach Beurteilung folgt die
entsprechende Reaktion auf den Betroffenen: Mitleid, Ekel oder Ausgrenzung. Der Kranke passt nicht
länger in die Norm der haarigen Schönheitsideale.
Mitmenschen haben eventuell Angst, sich anstecken
zu können, sobald es zu einer körperlichen Berührung kommt. Häufig ist ein flüchtiger Körperkontakt nicht zu vermeiden und eben das fürchten die
Menschen. Vorurteile und falsche Annahmen über
Ursachen, Übertragbarkeit und mögliche Folgen etwaiger Krankheiten, führen zu sozialem, oftmals unbeabsichtigtem Fehlverhalten, welches primär für
den Kranken von Nachteil ist. Dabei sind „der Verlust
der Haare, übermäßiges Haarwachstum und Veränderungen der Haare nicht nur ein ästhetisches Problem.“ 2
des Betroffenen.
Wohingegen die Entfernung von Körperhaaren in
Intimbereichen oder an Armen und Beinen oftmals
gewollt und befürwortet wird, führt der plötzliche
Verlust oder die Veränderung des Kopfhaares in der
Gesellschaft zu Abneigung und Abwehrverhalten.
Das Haar oder vielmehr das Haupt wird für jedermann ersichtlich zum Ausdruck der Krankheit, selbst
wenn der Träger es zu verstecken versucht. Kopftücher werden nicht länger als Zierde getragen oder
wie in anderen Kulturen zur Verhüllung der Haare,
sondern um die kahlen Stellen, die einst mit gesundem Deckhaar bewachsen waren, zu verbergen.
Nicht selten sehnen sich die Leidtragenden nach ihre
einzige Hoffnung, in der Gesellschaft mit künstlicher
Kopfbehaarung akzeptiert zu werden. Perücken, Ex-
Abb. 1: ia_64 – Bald man head 1. Fotolia.com. (links)
Abb. 2: ia_64 – Bald man head 2. Fotolia.com. (rechts)
Hilfe von allen Seiten
Glatzköpfige Männer wie Bruce Willis oder ein kahlgeschorener David Beckham strahlen uns von Werbeplakaten und der Leinwand entgegen. Die Zeit, in
der Hollywood Glatzköpfe ausschließlich für negativ
konnotierte Rollen standen, ist vorbei. Bruce Willis
verkörpert meist den typischen Actionheld, dem die
Frauen zu Füßen liegen. So zum Beispiel in der mittlerweile fünfteiligen „Stirb langsam“-Reihe oder „Sin
City“ – das Gegenteil eines unattraktiven Bösewichts.
Leider ist so ein chirurgischer Eingriff nicht für jeden
erschwinglich und auch nicht jeder möchte sich einer
derartigen Prozedur unterziehen. Wer nach Mittel
und Wegen sucht, ohne ärztliche Hilfe etwas gegen
die Kahlheit zu tun, wird im Internet, in der Werbung
und diversen Ratgebern nur so mit Tipps und Tricks
überschüttet. Die Palette von Vorschlägen reicht von
harmlosen und oftmals wirkungslosen Hausmittelchen über Chemiekeulen und Hormonpräparaten bis
hin zum guten alten Toupet.
Doch nicht alle Männer gehen so selbstbewusst mit
diesem scheinbaren „Makel“ um. Wenn noch irgendwie möglich, werden die restlichen vorhandenen
Haare teils kunstvoll über Geheimratsecken und den
kahler werdenden Hinterkopf gelegt, um die freie
Kopfhaut zu verstecken. Auch die Haartransplantation, bei der gegen Haarausfall resistente Haarwurzeln
des hinteren Haarkranzes entnommen und in die
kahlen Stellen verpflanzt werden, wird populär. Die
Schlagzeilen über prominente Beispiele häufen sich.
So haben sich Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio
Berlusconi, der englische Fußballstar Wayne Rooney,
Borussia Dortmunds Trainer Jürgen Klopp oder Modemacher Harald Glööckler einer solchen Transplantation unterzogen.
DAS (VERSTECK-)
SPIEL MIT
DER GLATZE
„Nimm
1/4 Pfund Rindsmark, 1/4 Pfund
Ochsenpfotenfett, 1
Quentchen Bergamottenöl, lasse es untereinander
zergehen und gieße bei
stetem Umrühren noch etwas Wein und Rum dazu,
dann reibe die kahlen
Viele Männer fürchten sie, viele sind davon betrof- nern so groß? Es ist ja
Stellen oder das Haar
fen. Haarausfall ist nicht nur für ältere Männer ein nicht so, als wären sie
öfter damit ein.“i
leidiges Thema, auch jüngere kämpfen um ihre Haare. Wie populär das Thema ist, zeigen die vielen
Haarwuchs- und Anti-Haarausfallmittel, für die in
Zeitschriften und dem Fernsehen geworben wird.
Und auch im Drogeriemarkt gibt es Regale voll mit
diesen Mitteln.
Doch warum ist die Angst vor einer Glatze bei Män-
70
Nicht nur „Otto Normal“ ist kahl
allein damit, gar ein Außenseiter. 80% der Männer
sind laut der F.A.Z.1 von dieser
Angst betroffen. Sollte es da nicht eine
gewisse Gleichgültigkeit oder zumindest Akzeptanz
demgegenüber geben?
Das Magazin „Men’s Health“ widmet auf ihrer Online-Plattform gleich mehrere Artikel diesem Thema,
gibt aber auch Pflegetipps für die Glatze und Frisurenanleitungen für Männer mit dünner werdendem
Haupthaar. Online-Plattformen, wie „Beauty-Blogs“
und Zeitungen beschäftigen sich regelmäßig mit dem
lichter werdenden Haupt des Mannes. Aus dieser
Vielzahl an Artikeln, Produkten und Werbeanzeigen
lässt sich das große Interesse
am
„Problem
Glatze“ fest„Sehr
machen.
Abbildung 3: Marcus Scholz – Grey Hair. Fotolia.com
verbreitet sind
Absude von Kletterwurzel
und Brennessel, Meerzwiebelöl, Wasser aus den Wurzeln
des Wintergrüns, Mailänder Balsam
von Kreller in Nürnberg, verdünnten
Weingeist, Tau, o.a.“i
„Nimb
Blut-Igeln brenne sie zu Pulver / siede
dasselbige in Wasser bis ein
drittheil eingegangen / wasche
dich offt mit diesem Wasser wo
du Haar haben willst / so wächst
es bald heraus.“i
„Benetze den Ort
(wo man das Haare
wachsen lassen will) mit
Hundsmilch, so wirst du bald
den schönsten Haarwuchs hervorbrechen sehen.“i
„»Brenne Bienen zu
Pulver […] vermische diese mit
Honigseim und
streiche ihn auf
die kahlen Stellen auf.«“i
"[…]
wenn eine
Sternschnuppe falle,
müsse man dorthin gehen, wo sie niedergefallen
sei, sie aufheben und sich
damit das Haar streichen,
dann wachse das
Haar gut."i
Der
Aberglaube
lebt in der Werbung
Abbildung 4: Erica Guilane-Nachez – Julius
Caesar. Fotolia.com
Ein haariges Problem
– aber nichts Neues
Es stellt sich die Frage, wieso die Glatze überhaupt
als Problem oder Makel angesehen wird, wo sie doch
bei den meisten aller Männer irgendwann auftritt?
„Der körperliche Verfallsprozess – im Zuge von Krankheit oder Alter – geht meist einher mit Haarausfall.
Die Vorstellung, dass Haarverlust den Verlust von Lebenskraft implizierte und umgekehrt volles Haar ein
Ausdruck von Kraft und Gesundheit darstelle, ist von
daher plausibel.“2
Abbildung 5: Renáta Sedmáková – Vienna - julius caesar staue
by parliament in the morning light. Fotolia.com
Zeiten. So schlägt die „Bild“ das Spülen der Haare mit
Apfelessig vor, auf „www.haarausfall-maenner.com“
wird unter anderem Sepia, die Tinte des Tintenfischs,
als mögliches Mittel beschrieben und „www.beautybuddy.de“ erwägt das Einreiben der kahlen Stellen
mit Knoblauch.
72
Fußnoten
1 Vgl. Schmitt, Peter-Philipp: Haarausfall ist kein Schicksal mehr. In: F.A.Z.
Online am 11.05.2013. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit
/medizin-haarausfall-ist-kein-schicksal-mehr-12179840.html
2 Tiedemann, Nicole: Haar-Kunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines
menschlichen Schmuckstücks. Böhlau Verlag GmbH & Cie. Köln 2007. S. 60.
3 Mayr, Daniela F. und Mayr, Klaus O.: Von der Kunst, Locken auf Glatzen
zu drehen. Eine illustrierte Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht.
Eichborn AG. Frankfurt am Main 2003. S. 121.
4 Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3. Freen – Hexenschuß. Bächthold Stäubli, Hans (Hg) unter Mitw. von Hoffmann-Krayer,
Eduard. Walter de Gruyter & Co. Berlin 1930/1931/1986. S. 1241.
5 Ebda. S. 1241.
6 Stiftung Warentest. 10/2003. Im Test: 21 Mittel gegen Haarausfall – Arzneimittel und Kosmetika. Preise: 4,65 bis 59,50 Euro. (http://www.test.de/
Mittel-gegen-Haarausfall-Nachwuchs-Fehlanzeige-1127860-0/)
i Verschiede Tinkturen und Rezeptvorschläge gegen Haarausfall bzw. für
erneutes Haarwachstum. Alle zitiert nach: Handwörterbuch des deutschen
Aberglaubens. Band 3. Freen – Hexenschuß. Bächthold Stäubli, Hans (Hg)
unter Mitw. von Hoffmann-Krayer, Eduard. Walter de Gruyter & Co. Berlin
1930/1931/1986. S. 1241 ff.
Aussichten zum
„Haareraufen“ – Akzeptanz
oder Kahlschlag
Die Stiftung Warentest (10/2003) untersuchte 21
Arzneimittel und Kosmetika gegen Haarausfall und
bewertete diese mit Noten von 1 (geeignet) bis 4
(wenig geeignet). Von den 21 getesteten Produkten
erreichten 19 die Bewertungsstufe 4 und zwei die
Stufe 3. Die Stiftung hält fest: „Erfolge bleiben […]
meist aus. Nur zwei von 21 getesteten Mitteln können den Haarausfall verzögern. Neuwuchs ist auch
bei ihnen nicht drin.“ Und weiter: „Langzeitfolgen
sind noch nicht ausreichend erforscht.“6
Es bleibt den Männern, wenn man das nötige Kleingeld für eine Transplantation nicht aufbringen kann
oder will, also im Grunde nur die Hoffnung auf einen wissenschaftlichen Durchbruch, die Akzeptanz
gegenüber ihrem lichter werdenden Haupt oder der
selbstständige Griff zum Rasierer, um der Natur zuvorzukommen und von nun an ihrem Schicksal Stirn
zu bieten.
Larissa Cremer
Literaturverzeichnis
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 3. Freen – Hexenschuß.
Bächthold Stäubli, Hans (Hg) unter Mitw. von Hoffmann-Krayer, Eduard. Walter
de Gruyter & Co. Berlin 1930/1931/1986
Mayr, Daniela F. und Mayr, Klaus O.: Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen. Eine illustrierte Kulturgeschichte der menschlichen Haarpracht. Eichborn
AG. Frankfurt am Main 2003
Schmitt, Peter-Philipp: Haarausfall ist kein Schicksal mehr. In: F.A.Z. Online am
11.05.2013. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/medizinhaarausfall-ist-kein-schicksal-mehr-12179840.html
Stiftung Warentest. 10/2003. Im Test: 21 Mittel gegen Haarausfall – Arzneimittel und Kosmetika. Preise: 4,65 bis 59,50 Euro. (http://www.test.de/Mittelgegen-Haarausfall-Nachwuchs-Fehlanzeige-1127860-0/)
Tiedemann, Nicole: Haar-Kunst. Zur Geschichte und Bedeutung eines menschlichen Schmuckstücks. Böhlau Verlag GmbH & Cie. Köln 2007
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: ia_64 – Bald man head. Fotolia.com. Details: Abb. 4 und 5 heißen
gleich: Abb. 4 in Dokumentenname mit Zusatz „1“ versehen
Abbildung 2: ia_64 – Bald man head. Fotolia.com. Details: Abb. 4 und 5 heißen
gleich: Abb. 4 in Dokumentenname mit Zusatz „2“ versehen
Abbildung 3: Marcus Scholz – Grey Hair. Fotolia.com
Abbildung 4: Erica Guilane-Nachez – Julius Caesar. Fotolia.com
Abbildung 5: Renáta Sedmáková – Vienna - julius caesar staue by parliament in
the morning light. Fotolia.com
73
Hans Bächthold-Stäubli und Eduard Hoffmann-Krayer
Diese Verbindung von ausgehendem Haar mit kör- sammeln in ihrem „Handwörterbuch des deutschen
perlichem Verfall ist kein neuzeitlicher Gedanke. Aberglaubens“ allerlei Mythen, unter anderem über
„Aristoteles sah in der Glatze des Mannes noch ein das menschliche Haar, und gehen dabei auch auf die
Zeichen der männlichen Potenz. Cäsar zweifelte be- Ursache des Haarausfalls und die vielen Mixturen und
reits an dieser Theorie, begnügte sich jedoch mit Tipps dagegen ein. Es werden neben den mittlerweidem einfachen Lorbeerkranz, um seinen schütteren le bewiesenen Ursachen wie Krankheit, Stress und
Haarwuchs zu verbergen. Das Alte Testament dage- Ernährungsfehler, auch andere Gründe vermutet, die
gen warnte zwar […] davor, sich über Glatzköpfige uns heute schmunzeln lassen. In Bayern glaubte man
lustig zu machen […], sah aber in der Glatzköpfigkeit etwa, „daß Personen, welche täglich mit Geldzählen
beschäftigt sind, die Haare frühzeitig ausfallen“4 und
ebenso eine Strafe Gottes.“3
„wer sich im Isergebirge das Haar unter freiem Him5
Da erstaunt es nicht, dass sich im deutschen Aber- mel macht, verliert viel Haar.“
glauben diverse Meinungen über die Ursache von
Haarausfall und deren Bekämpfung finden lassen. Ei- Aber wie kam es überhaupt zu solch absurd klinnige der noch heute im Internet auf „Beauty-Blogs“ genden Vermutungen und Erklärungsversuchen und
vorgeschlagenen Tinkturen für erneutes Haarwachs- wieso gibt es eine solche Vielzahl an Mythen über
tum erinnern an Hausmittelchen aus Urgroßmutters das menschliche Haar?
Das menschliche Haupthaar ist eines der ersten Dinge, die man bei einer Person wahrnimmt. Sie sind
schwer dauerhaft zu verbergen, da sich das Tragen
einer Mütze oder eines Hutes in bestimmten Situationen, zum Beispiel in der Kirche oder beim Essen, „nicht gehört“. Wenn sich dann genau dieser
offensichtliche Teil des Körpers verändert, das Haar
ausfällt, ist auch dies schwer zu verstecken. Ein Phänomen, das heute die Wissenschaft erklären kann,
wurde zu früheren Zeiten versucht anderweitig zu
erläutern, um ihm das Unbekannte und Mystische zu
nehmen. Die Menschen konstruierten sich mit ihren
Mythen also eine neue Wirklichkeit und versuchten
auf diese auch durch Hausmittel und Tinkturen Einfluss zu nehmen.
Die Funktion eben dieser vielen Rituale und Mixturen übernehmen heute Industrie und Werbung,
die ihren ständig neu entwickelten Präparaten und
Arzneien den Durchbruch gegen den lästigen Haar-
schwund zuschreiben. Durch die immer noch verbreitete Angst vor Haarausfall erleben diverse
Shampoos und Medikamente reißenden Absatz und werden zu oft überhöhten Preisen
verkauft – wissenschaftlich bewiesene,
lang anhaltende Resultate ohne starke Nebenwirkungen bringt bisher leider keines.
Das „Ginger“-Gen
„
“
Über die Problematik roter Haarpracht.
Doch welche kulturell geprägten Bilder von Rothaarigen haben dazu beigetragen, dass sich bis heute negative Assoziationen manifestieren konnten?
Um diese Frage zu beantworten, muss weit in die
Menschheitsgeschichte zurückgeblickt werden.
In der Bibel wurde Rot meist als Farbe des Blutes interpretiert. Zum Beispiel wurde in dem Hohen Lied
aus dem Alten Testament das „purpurne Haar der
Schulammit […] traditionell in Hinsicht auf Christies
Blut, d.h. als Zeichen der Passion gedeutet.“11 In dem
Hohen Lied finden sich auch sehnsuchtsvolle ÄußeUm rotes Haar werden seit jeher Mythen und Vorur- rungen über die menschliche Liebe und Erotik, die
teile geschürt. Mit roten Haaren sind verschiedene ebenfalls in das gängige Bild der rothaarigen Frau
Assoziationen verbunden: Die Farbe Rot steht auf der passen.
einen Seite für Lebenskraft, Gefühl, Leidenschaft so- Bekannt ist vor allem die Geschichte von Judas, eiwie Liebe, aber auf der anderen Seite verbinden wir nem der zwölf Jünger Christies. In der Bibel heißt
Rot mit Blut und Tod oder gar mit dem Feuer und der es, er verriet Jesus an die Römer, die ihn schließlich
Hölle. Sie gilt als Farbe der Unchristlichen, des Teu- kreuzigten. Interessant ist die Tatsache, dass in der
fels und des Verrates.7
bildenden Kunst ab Ende des 12. Jahrhunderts bis ins
Zunächst ist wichtig zu klären, wie voreingenomme- 16./17. Jahrhundert Judas vermehrt mit rotem Haar
ne Ansichten gegenüber rotem Haar, beziehungs- und Bart dargestellt wurde.12
weise Vorurteile generell, entstehen und sich in den Man wollte ihn in den Abbildungen mit klaren AttribuKöpfen der Menschen über einen langen Zeitraum ten kennzeichnen, deshalb malte man das Haar rot,
hinweg verankern können? Hierzu müssen psycholo- einen gelben Umhang oder eine Geldbörse in seiner
gische Erklärungen zu dem menschlichen Wahrneh- Hand. Offenbar wählte man das rote Haar auch hier
mungsprozess und der Informationsverarbeitung he- im Kontext seiner negativ nachgesagten Eigenschafrangezogen werden.
ten, um Judas, den Verräter, der im Christentum als
Um die unzähligen Haareindrücke, die wir täglich auf- „Inbegriff des Bösen“ galt, klar zu charakterisieren.13
nehmen, verarbeiten zu können, werden die Informationen gefiltert, sortiert, geprüft und mit zurücklie- Im Mittelalter galt die besondere Haarfarbe als Hegenden, sowie kulturell vorgegeben Informationen, xenmerkmal. Diese Überlegung geht zurück auf die
abgeglichen. Wir eignen uns ein Assimilationssche- Darstellungen aus keltischen Überlieferungen, in demata an, was bedeutet, „wir entwickeln Muster des nen Hexen meist rote Haare trugen.14 Sie waren SinnWahrnehmens, Erkennens und Deutens, mit denen
Hexen und
Teufelskinder
75
74
„Rotes Haar, Gott bewahr.“, „Rote Haare, Sommersprossen – sind des Teufels Artgenossen“, „Rotes Haar, nimm dich in Acht, hat noch jedem Leid gebracht“ 1
Dies sind nur einige der vielen negativ konnotierten Sprichwörter über Rothaarige. Doch
woher stammen diese Vorurteile? Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Bild der Rothaarigen kaum verändert. Sie werden als Untertanen des Teufels oder als Hexen betitelt.
Stur, frech, temperamentvoll und besonders schmerzempfindlich sollen sie sein, so heißt
es in populärwissenschaftlichen Texten. Solche Vorurteile haben ihren Ursprung oft in
der weit zurückliegenden Vergangenheit, wo sie sich kulturell ausgeprägt haben.
Natur-Rotschöpfe sind eine Seltenheit, sie machen
weniger als zwei Prozent der Weltbevölkerung aus.2
Die Ursache der Rotfärbung liegt in den menschlichen Genen. Das so genannte „Ginger-Gen“, eine
Variation auf dem Chromosom 16, führt zur Veränderung des MC1R Proteins.3 Die Folge: Es befindet
sich Phäomelanin, anstatt des dunklen Melanins, in
Haut, Haaren und Augen.4 Die Haare werden rötlich,
die Haut ist heller und deutlich empfindlicher, hinzu
kommen vermehrte Sommersprossen. Das rote Haar
ist um einiges dicker und manchmal fast drahtig. Dafür besitzen die Träger tendenziell weniger Haare als
Brünette oder Blondinen.5
Evolutionsbedingt leben Rothaarige, aufgrund ihrer
Sonnenempfindlichkeit, eher in kälteren Klimazonen.
Die meisten leben nicht, wie häufig angenommen, in
Irland, sondern in Schottland, nämlich bis zu vierzehn
Prozent.6
Die Verbreitung des „Ginger“-Gens ist verhältnismäßig gering, begründet durch die rezessive Vererbung.
Sowohl die Mutter als auch der Vater muss ein rezessives Rothaar-Gen in sich tragen und weitergeben,
damit das Merkmal beim Kind auftritt.
wir immerfort die Außenwelt […] [begutachten].“8 Es
entsteht ein Musterkoffer, der vorgibt, welche Haarfrisur oder –farbe wir annehmen oder ablehnen. Auf
der einen Seite ermöglicht uns diese Selektion Orientierung in einer komplexen Welt, verschafft Ordnung, Sicherheit und Struktur im Alltag. Aber auf der
anderen Seite normieren und uniformieren wir unser Denken und Handeln. Wir sehen nur noch das,
was wir kennen und sind blind für Neues und andere
Möglichkeiten, wir haben einen „Tunnelblick“.9 Wenn
wir Haare wahrnehmen, sind wir somit nie objektiv,
wir schauen durch unsere „Muster-Brille“, welche
unseren Blick verfälscht und „blinde Flecke“ (Welsch)
erzeugt.10 Sind unsere Wahrnehmungsmuster streng
gestrickt, entsteht Befangenheit gegenüber dem Andersartigen. Minderheiten sind prädestiniert für Vorurteile der Mehrheiten, da sie in irgendeiner Weise,
hier durch ihre rote Haarfarbe, dem gängigen Bild
der Gesellschaft nicht entsprechen.
bild für das Außergewöhnliche und Geheimnisvolle.
Zu der Zeit suchte man nach einem Sündenbock für
die schlechten Verhältnisse, Missernten, Tod und Armut.15 Die Verbindung zwischen der rötlichen Haarfarbe und dem Bösen schien naheliegend: Das Feuer
und die Hölle sind rot symbolisiert und somit können
Rothaarige nur Untertanen des Teufels oder Hexen
sein. Derartige Konnotationen halten sich bis heute
hartnäckig.
ode der Mütter gezeugt wurden.17
Männern mit roter Behaarung gelang es nicht, das
negative Bild auf erotischer Ebene zu kompensieren.
Ihnen wurde massive und sexuelle Gewalt unterstellt
und so wurden sie schnell bei ungeklärten Kriminalfällen unter Verdacht gestellt.18
Dieser Aberglaube, dass rothaarige Frauen dauerhaft
bluten und übel riechen, findet sich heute nicht mehr.
In dem Roman Das Parfüm (1985) von Patrick Süskind
wird sogar vom Gegenteil ausgegangen. Der Frauenmörder Grenouille will das perfekte Parfüm herstellen, welches in der Lage ist die Menschen in einen
tranceähnlichen Zustand zu versetzen. Das Parfüm
gewinnt er aus dem Eigengeruch von bestimmten
Frauen, die er dafür ermordet. Dabei ist der Geruch
von rothaarigen Mädchen für ihn der Anziehendste
unter den Gerüchen.19
Das Anderssein und das seltene Vorkommen der
roten Kopfbehaarung verunsicherten ihre Mitmenschen. Man sucht nach Erklärungen. Das Image, Rothaarigen könne man nicht trauen, entsteht aus dem
Bedürfnis sich gegenüber dem Unbekannten, Unerklärbaren zu schützen. „Schon wieder ein Rotfuchs
und keine Flinte!“, dieses Sprichwort beinhaltet eine
alte, aber noch gängige Metapher, die den Rothaarigen mit einem Fuchs vergleicht.20
Der Fuchs als Metapher wird nicht nur wegen seiner
rötlichen Fellfarbe herangezogen. Die typischen Charakterzüge des Fuchses werden auf die Rothaarigen
übertragen. In traditionellen Fabeln und Märchen ist
der Fuchs gekennzeichnet durch seinen Scharfsinn.
Er ist zwar klug, aber eher im Sinne von listig. Er nutz
sein Wissen, um es gegenüber anderen zu seinem
Vorteil auszunutzen. Der Vergleich ist heutzutage immer noch gängig.
Die populären Vorstellungen sind tief im kulturellen
Gedächtnis verankert. Zusammenfassend werden
folgende stereotype Eigenschaften den Rothaarigen zugesprochen: Falschheit, Hinterlist, Untreue
Im 17. Jahrhundert verbreitete sich im französischen sowie leichte Erregbarkeit, Jähzorn und Feurigkeit.
Raum der Glaube, dass rothaarige Frauen unange- Aber auch Scharfsinn und Sinnlichkeit, welche ponehm riechen. Angeblich sind die roten Haare der sitiv deutbar sind. Die verschieden Bezeichnungen,
Frau ein Indiz für üblen Geruch, ausgelöst durch de- wie Hexe oder das Vergleichsbild des Fuchses, korren lang anhaltende Menstruationsblutung.
respondieren mit den unterstellten Charakterzügen.
„Rothaarige Frauen gelten nun als so stark riechend, Eine fast durchweg negative Betrachtung im kulturell
als befänden sie sich im Zustand permanenter Mo- historischen Kontext ist festzustellen.
natsblutung. […] Die Menstruation wird dabei verstanden als Zeitpunkt außergewöhnlich großen,
sexuellen Verlangens, so dass rothaarige Frauen
ständig sexuell bereit sein sollen.“16 Zusätzlich wird
unterstellt, dass rothaarige Kinder während der Peri-
Rote Inspiration
Einige Künstler hegten eine besondere Beziehung zu
Rothaarigen, wählten sie für ihre künstlerischen Motive, als Musen und Protagonistinnen von Romanen.
Sie sahen in der Andersartigkeit der Rothaarigen das
Besondere und verewigten sie in ihren Kunstwerken.
Gustav Klimt, Gustave Courbet und besonders PierreAuguste Renoir malten häufig rothaarige Frauen.
Klimt, einer der bekanntesten Vertreter der Jugendstil-Bewegung und Mitbegründer der Wiener Secession, faszinierte die Sinnlichkeit und Sexualität der
Frau, welche er in seinen Bildern versuchte zu transportieren. In seinem bekannten Werk Danae ist eine
rothaarige Frau nackt, in verschlungener Haltung,
vor goldigem Hintergrund dargestellt. Sie „wird zum
Sinnbild einer sich selbst genügenden Sexualität.
Selbstvergessen und selbstversunken gibt sie sich in
verzerrter Perspektive ihrer erotischen Weiblichkeit
hin.“21 Klimt verlieh der Rothaarigen eine sinnliche
und erotische Aura. Daneben finden sich auch Abbildungen, wie sein Beethovenfries, bei welchem die
Konnotation einer männerverschlingenden Femme
Fatale mit rotem Haar zur Personifikation von Wollust, Unkeuschheit und Völlerei wird.22
Gustave Courbets „Schlafende rothaarige Frau“ und
„Die Frau in den Wellen“ sind zwei von vielen sinnliche Darstellungen von Frauen mit rötlichem Haar
und heller Haut.
Der Impressionist Pierre-Auguste Renoir schien eine
besonders tiefe Faszination für rotes Haar zu besitzen, zumindest lassen seine unzähligen Kunstwerke,
wie „Die rothaarige Badende“, „Mädchen beim Kämmen“, das Portrait von Jeanne Samary und „Liegender Akt“, um nur einige zu nennen, darauf schließen.
Gegen Ende seines Lebens, als er bereits stark unter
seiner Arthritiserkrankung litt, motivierte ihn das
junge unbekümmerte Bauernmädchen Andrée, mit
wallendem rotem Haar und milchweißer Haut, noch
einmal zu neuen Kunstwerken und wurde zu seiner
letzten Muse.23
Auffällig bei Renoirs Werken ist, dass er die rothaarigen Damen und Mädchen in seinen Bildern nicht nur
als sinnliches oder temperamentvolles Sexualobjekt
charakterisiert. Zusätzlich portraitierte er sie beim
Mandoline- und Klavierspielen oder lesend, was sie
intellektuell, klug und talentiert erscheinen lässt. Darunter finden sich ebenso Abbildungen von warmherzigen Müttern und unschuldigen Kindern.
Die Künstler durchbrechen das Muster und sehen
das Besondere und Geheimnisvolle in der seltenen
Haarfarbe und erheben die weiblichen Träger der roten Haare zu unantastbaren Musen. Wahrscheinlich
trug dies mit dazu bei, dass sich die rein negativen
Ansichten allmählich lockerten.
Abb. 2: Pierre-Auguste Renoir – Die Klavierstunde, 1889.
77
76
Abb. 1: Pierre-Auguste Renoir – Liegender Akt, 1902.
Im Körper des
Feindes
Kinderhelden ist Pippi Langstrumpf. Sie ist die berühmteste Romanfigur der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren. Pippi Langstrumpf besitzt unverhältnismäßig starke Kräfte und kann ihr eigenes
Trotz dieser Entwicklung ist die Befangenheit gegen- Pferd stemmen. Ähnlich wie die anderen Kinderfiguüber dem rötlichen Haar bis heute nicht vollständig ren ist sie rebellisch, lustig und unterwirft sich keiner
gewichen. Die amerikanische Zeichentrickserien Autorität. Daneben könnte man sie als Vorbild für die
Southpark, bekannt durch ihren polarisierenden, Frauenbewegung und den Feminismus benennen.
gesellschaftskritischen und humoristischem Stil, be- Indem sie, entgegen des festgelegten Rollenbildes
schäftigt sich in der Folge „Im Körper des Feindes“ für Mädchen, ihre gesellschaftlich vorgegebene Gemit der sozialen Ausgrenzung von Rothaarigen in der schlechterrolle bricht und die Männer sogar mit ihrer
gegenwärtigen Zeit.
physischen Stärke übertrifft, ist sie der Idealtypus eiIn der Folge wird die Diskriminierung der „Rot- nes emanzipierten Mädchens.26
schöpfe“ auf die Spitze getrieben. Die angeblich
seelenlosen Ginger-Kinder werden ausgestoßen und Es lässt sich zusammenfassend feststellen, dass steschließen sich am Ende zu einer Ginger-Seperatisten- reotype Eigenschaften der Kinderfiguren vorhanden
Gruppe zusammen, die alle nicht-rothaarigen Kinder sind und diese mit den geprägten Ansichten über
ausrotten wollen, um eine rein rote Rasse zu erschaf- rotes Haar zu korrespondieren scheinen. Sie gelten
fen.24 Die Macher der Serie schaffen es durch ihre meist als frech, schlau und dickköpfig. Daneben beübertriebene Darstellung der Diskriminierung Rot- sitzen sie außergewöhnliche Fähigkeiten: Das Sams
haariger, dem Zuschauer seine unbewusste Vorein- kann Wünsche erfüllen, Pumuckl kann sich unsichtgenommenheit vorzuführen.
bar machen und Pippi ist überdurchschnittlich stark.
http://www.youtube.com/watch?v=kgdKvXmE6w0 Die Helden haben trotz ihrer Aufmüpfigkeit immer
(-> Ein kurzer Auszug der Folge)
eine liebenswürdige Seite an sich. Sie entsprechen
http://www.southpark.de/alle-episoden/s09e11-im- dem Wunschbild der Kinder, die am liebsten genauso
k%C3%B6rper-des-feindes (-> Die komplette Folge)
sein wollen wie ihre Vorbilder. Dennoch scheinen die
Kinder zwar die Figuren zu verehren, aber dies nicht
in Bezug mit deren Haarfarbe zu setzen. Sie wollen
genauso rebellisch sein, aber den Wunsch nach roter
Haarfarbe scheinen sie nicht zu verspüren.
Helden der
Kindheit
Insbesondere rothaarige Kinder haben es mit ihrer
speziellen Haarfarbe manchmal nicht leicht. Schon in
der Schule oder im Kindergarten werden sie zuweilen aufgrund ihrer Andersartigkeit geärgert oder von
Mitschülern ausgegrenzt. Im Kindesalter ist es besonders schwer, wenn man durch sein Äußeres aus
der Reihe fällt, da Kinder unüberlegt ihre Eindrücke
und Gedanken direkt mitteilen. „Das rote Kind will
sein wie alle und ist zum Anderssein verdammt.“25
Rothaarige
Blondinen bevorzugt
Die Veränderung hin zu mehr Akzeptanz der roten
Haarfarbe gilt mehr für das weibliche Geschlecht.
Allerdings gibt es Hoffnung für den rothaarigen
Mann. Bei der diesjährigen Berliner Fashionweek
schickte der Designer Marc Stone rothaarige
Männermodels über den Laufsteg. Die Models,
die nicht von Natur aus rot waren, wurden sogar
mit roter Sprüh-Haarfarbe kurzerhand umgefärbt.
Vielleicht ist dies ein Trend, der sich in Zukunft
weiter durchsetzt und den männlichen Trägern
dieser Haarfarbe ermöglicht, ihre bisherige Last
zu einem Vorteil zu machen.
Wenn jeder individuell versucht, mit einem offenen Blick dem Andersartigen eine Chance zu geben und das seltene Rot als etwas Besonderes im
positiven und nicht im negativen Sinn zu sehen,
dann steht einem weiteren Schritt gegen die Diskriminierung und für die Akzeptanz der rothaarigen Bevölkerung nichts mehr im Weg.
Marie Steiner
Fußnoten
1 Balabanova, Svetlana :…aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot
wie Gold…Haare im Spiegel der Kultur und Wissenschaft. Universitäts
Verlag. Ulm 1993, S. 91
2 Vgl. Heinemann, Pia: Was Rothaarige schmerzhaft einzigartig macht. In:
Die Welt. Stand: 11.03.2012.URL: http://www.welt.de/wissenschaft/
article13912974/Was-Rothaarige-schmerzhaft-einzigartig-macht.html
(abgerufen am 12.6.2013)
3 Vgl. Ebd.
4 Vgl. Ebd.
5 Vgl. Ebd.
6 Vgl. Ebd.
7 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 117 ff
8 Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Ein Lehrbuch. Kopaed
Verlag. München 2009, S. 31
9 Vgl. Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Muster-Bildungen. Ein Lehrbuch.
Kopaed Verlag. München 2009, S. 13
10 Vgl. Kolhoff-Kahl, Iris: Ästhetische Musterbildung. Ein Lehrbuch. Kopaed
Verlag. München 2009, S. 38
11 Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit der
Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 35
12 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag.Köln 2009, S.43
13 Ebd.
14 Vgl. Doß, Thorsten: Hexerei und ihr Weg in die Moderne. Norderstedt
2000, S. 3
15 Vgl. Becker, Claudia: Als Hexen mit dem Teufel wilde Orgien feierten. In:
Die Welt. URL: http://www.welt.de/kultur/history/article106238565/AlsHexen-mit-dem-Teufel-wilde-Orgien-feierten.html (abgerufen am
10.06.2013).
16 Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit der
Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 120
17 Vgl. Ebd.
18 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 121
19 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 126
20 Vgl. Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit
der Antike. Böhlau Verlag. Köln 2009, S. 118
21 Schlockermann, Eva: Der sinnliche Klimt. In: Erotische Kunst. Die Erotik
in der Malerei, Grafik und Fotografie. URL: http://erotische-kunst.com/
der-sinnliche-klimt/ (abgerufen am 10.8.2013)
22 Vgl. Schlockermann, Eva: Der sinnliche Klimt. In: Erotische Kunst. Die
Erotik in der Malerei, Grafik und Fotografie. URL: http://erotische-kunst.
com/der-sinnliche-klimt/ (abgerufen am 10.8.2013)
23 Vgl. Albrecht, Jörg: Renoirs letzte Muse. In: Deutschlandradio. URL:
http://
www.dradio.de/dlf/sendungen/corso/2002110/ (abgerufen am
10.08.2013).
24 Vgl. o.V.: Im Körper des Feindes. Zusammenfassung. In: Episodenguides.
URL: http://www.episodenguides.de/serien/south-park/09x11-im-koerper-des-feindes.html#page=info (abgerufen am 08.06.2013)
25 Rauch, Renate: Rote Haare, Sommersprossen. In: Berliner Zeitung
URL: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/rote-haare--sommersprossen,10810590,9744968.html (abgerufen am 12.08.2013)
26 Vgl. Meri, Tiina: Pippi Langstrumpf: Schwedische Rebellin und Vorbild
der
Frauenbewegung. In: sweden.se. URL: http://www.sweden.se/de/Startseite/Lebensstil/Lesen/Pippi-Langstrumpf-Schwedische-Rebellin-undVorbild-der-Frauenbewegung-/ (abgerufen am 10.08.2013)
27 Vgl. o.V.: Rotes Haar - der Mega-Trend! In: Schwazkopf Homepage. URL:
http://www.schwarzkopf.de/sk/de/home/haarfarbe/roteshaar/farbtrends/farbtrend_rotes_haar.html (abgerufen am 08.08.2013).
28 Rauch, Renate :Rote Haare, Sommersprossen. In: Berliner Zeitung
URL: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/rote-haare--sommersprossen,10810590,9744968.html (abgerufen am 12.08.2013)
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1:
Pierre-Auguste Renoir – La Source. Nu couché (Liegender Akt), 1902. Wikimedia Commons /PD
URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pierre-Auguste_Renoir_-_La_
Source._Nu_allong%C3%A9.jpg
Abb. 2:
Pierre-Auguste Renoir – La leçon de piano (Die Klavierstunde), 1889. Wikipaintings /PD
URL: http://www.wikipaintings.org/en/pierre-auguste-renoir/the-pianolesson-1889
PD = Abkürzung für public domain (= gemeinfrei)
Layout-Bild in der Schrift: Haare - CIS/ © PIXELIO.
79
78
Rote Haare finden wir heute nicht nur bei der Feministenbewegung wieder. Insbesondere die Medien,
wie auch manche Stars, bedienen sich zuweilen der
speziellen Ausstrahlung roter Haare.27
Ein Image-Wechsel des Rots im 20. Jahrhundert wurde mitunter durch verschiedene Filme mit rothaariDabei sind die bekanntesten Kinderfiguren Rotschöp- gen Schauspielern, genauso wie in der Modebranche
fe: Pumuckl, der Kobold mit dem roten Haar, ist eine durch die Models mit rötlichem Haar, hervorgerufen.
beliebte Kinderfigur, die man aus Büchern, Hörspie- In dem Film „Das fünfte Element“ ist Mila Jovovic
len und dem Fernsehen kennt. Seine wild zerzausten als Rothaarige die Retterin der Welt. Es öffnen sich
roten Haare trägt er mit Stolz. „Am liebsten macht komplett neue Schubladen, in die die Träger roter
er Schabernack“ heißt es in dem Pumuckl Lied, was Haare bisher nicht reinpassten. Prominente Persönbereits auf die Eigenschaften des Kobolds Aufschluss lichkeiten wie Nicole Kidman, Lindsay Lohan, Robert
gibt. Er ist frech, stur und spielt anderen gerne Strei- Redford, Prinz Harry und Boris Becker sind Träger
che. Ähnliche Charakterzüge zeigen das Sams oder des Rothaar-Gens, wenn auch ihre Naturhaarfarbe
die Rote Zora, ebenfalls die Protagonisten zweier Kin- manchmal übergefärbt wird, posieren sie phasenderbuchklassiker.
weise mit ihren roten Haarschöpfen stolz vor der KaEin Paradebeispiel für die stereotypen rothaarigen mera.
„Verrucht, lasterhaft, sündig soll die rothaarige
Frau sein, wer schlau ist, schlägt aus dem Klischee
vom aufregenden Charakter Kapital. Die Faszination der Interessenten liegt in der Frage nach dem
Geheimnis. Das Anderssein ist keine Verdammnis
mehr. Die Rothaarige hat erfahren, dass sie einzigartig ist, etwas Besonderes.“ 28
Abb.1:
Xenia Rohlmann,
ŏnchǔn mŏri
KopflastPerücke
Chosŏn-Dynastie (1392-1910) in
Korea: Schwiegertochter einer
reichen Familie bricht sich das
Genick, als sie versucht mit ihrer
schweren Perücke aufzustehen,
um ihren Schwiegervater in Empfang zu nehmen.1
Abb.3: Xenia Rohlmann,
ŏyŏ mŏri in Kombination mit ttŏguji
Die Menschen schienen besessen von dem Schönheitswahn durch Perücken, wenn sie Gefahren wie
Genickbruch in Kauf nahmen. An dieser Stelle bewahrheitet sich der Spruch: „Wer schön sein will,
muss leiden.“ Während sich der Kleidungsstil in der
Chosŏn-Dynastie kaum veränderte, waren die Haare
in dieser Zeit kontinuierlich einem Wandel unterlegen. War den Menschen im alten Korea damit das
Haar als körpereigenes Produkt wichtiger als das kulturelle Ausdrucksmittel Kleidung?
Die Kachẻ wirken starr und streng. Spiegeln sie die
konservative Strenge des konfuzianistischen Denken
und eine Starre des gesellschaftlichen Lebens wieder? Ist die Kachẻ gar eine Personifikation der Last
gesellschaftlicher Normen, die womöglich auf den
Schultern der Menschen gelastet hat und die seelische Last in eine physische Last umwandelt? Im Laufe
der Chosŏn-Dynastie wurden die Haare der Frauen
mit dem Aufkommen des Konfuzianismus in immer
strengere Formen gebracht.3
nachwachsen. In einer gebändigten Form wie der
Kachẻ wird die Vorstellung vom wachsenden Haar
zu Nichte gemacht. Indiziert die starre Perücke eine
innerliche Leere der Menschen dieser Zeit, insbesondere des koreanischen Adels? Je höher die Stellung,
desto mehr Verantwortung für die Mitmenschen
und desto höher waren auch die Perücken. Die große Verantwortung, die auf diesen Menschen gelastet
haben muss, wird durch die Perücken in physischer
Form dargestellt und für andere visuell sichtbar und
greifbar gemacht. Die Perücken suggerieren, dass
Macht auch seine Schattenseiten hat und zur einer
Last werden kann, unter der man zusammenbrechen
kann, wie der tragischer Fall der Schwiegertochter
des reichen Schwiegervaters verdeutlicht. Wie ein
Kartenhaus bricht der Mensch zusammen. Das Haar
ist letztendlich mehr als nur ein dekorative Instanz.
Es spricht Dinge aus, die wir selbst nicht aussprechen, obwohl es stumm und nicht lebendig ist. Haare
machen Unsagbares sagbar.
Was gefiel dem koreanischen Volk an den starren
Haarstilen, die keine natürliche Bewegung von Haar
zu lässt? Die Perücken erscheinen dem westlichen
Betrachter mehr als ein Hut aus Haaren und nicht wie
lebendig wirkendes wallendes Haar. Die tote Starre
der Haarperücken unterstreicht die Tatsache, dass
Haare im Grunde totes Material sind, die dennoch
Für historische koreanische Serien werden solche altertümlichen Kachẻ noch hergestellt und stellen für
viele Schauspieler ebenfalls eine große physische
Last dar.
Fußnoten
1 Vgl. Choi, Na-Young: Symbolism of Hairstyles in Korea and Japan, S. 81.
2 Vgl. Nelson, Sarah M.: Bound Hair and Confucianism in Korea, S.108.
3 Vgl. Nelson, Sarah M.: Bound Hair and Confucianism in Korea, S.106.
Nelson, Sarah M.: Bound Hair and Confucianism in Korea. In: Hair. Its Power
and Meaning in Asian Cultures. Hg. v. Alf Hiltebeitel u. Barbara D. Miller. Albany: State University of New York Press 1998. S.105-119.
Literaturverzeichnis
Choi, Na-Young: Symbolism of Hairstyles in Korea and Japan. In: Asian Folklore
Studies 1 (2006). S.69-86.
Xenia Rohlmann
Abbildungsverzeichnis
Abb.1: Xenia Rohlmann, ŏnchǔn mŏri
Abb.2: Xenia Rohlmann, ŏyŏ mŏri
Abb.3: Xenia Rohlmann, ŏyŏ mŏri in Kombination mit ttŏguji
81
80
Während der Chosŏn-Dynastie trugen in Korea
Abb.2:
hauptsächlich Adlige Perücken (Kachẻ). Das Denken
Xenia Rohlmann,
ŏyŏ mŏri
der Menschen in dieser Zeit war vom Konfuzianismus geprägt. Sie glaubten, dass Haut und Haare Güter sind, die von den Eltern stammen. Werden diese
Güter verletzt, wird gleichzeitig auch der Körper der
Eltern verletzt. Aus diesem Grund lehnten sie es ab,
ihre Haare zu schneiden. Es wird von einem Mann
berichtet, der sich weigerte aus diesem Grunde seine Haare zu schneiden und den Selbstmord vorzog.2
Langes und volles Haar galt zudem als Schönheitsideal. Die Perücken ließen die Haare der Frauen voluminöser erscheinen und sollten damit die Schönheit
des äußeren Erscheinungsbildes steigern. Die Haare
wurden nie offen getragen, sondern in eine straffe
Form gebracht. Im alten Korea trugen lediglich Frauen Perücken und trugen ihr Haar offen zur Schau, wohingegen Männer ihre Haare zu einem Dutt formten
und Hüte trugen. Das Haar des Mannes war dadurch
kontinuierlich bedeckt.
Einige dieser koreanischen Frauenperücken konnten
bis zu 30 cm hoch sein. Die Perücken bestanden aus
menschlichem Haar. Bestimmte Teile der Perücken
wurden aus Holz gefertigt. Im Jahr 1756 wurden die
Perücken von König Yŏngjo verboten, jedoch setz- Frauen, älteren Damen und Kisaengs (koreanische
ten sich die Menschen über das Verbot hinweg. Es Variante der Geisha) getragen wurden. Für ärmere
gab spezielle Perücken, die nur von verheirateten Menschen waren die Perücken nicht erschwinglich,
weil sie einen Wert von mehreren Häusern besa-
ßen. Vermutlich waren sie überaus teuer, da sie aus
menschlichem Haar bestanden und sich die Haare zu
schneiden nicht angesehen war. Weiterhin existierten Perücken, mit denen sich lediglich weibliche Angehörige des Palastes ihr Haupt schmücken durften.
Manche Perücken wurden für bestimmte zeremonielle Anlässe gefertigt. Je höher die Stellung im Palast,
desto größer die Perücke. Die Perücken wurden den
ganzen Tag getragen und nur beim Schlafen abgenommen.
Aus den Quellen wird nicht ersichtlich, ob das eigene
Haar komplett unter der Perücke verschwunden ist
oder ob die eigenen Haare mit dem Haar der Perücke
vermengt wurden. Da die meisten Menschen in Korea sich damals die Haare nicht geschnitten haben,
waren die Haare so lang, dass man sie sicherlich nicht
komplett unter einer Perücke verbergen konnte.
Abb.1. Opfer des Jud Süß (1940): Kristina Söderbaum kämpfte zeitlebens mit ihrem Image als Reichswasserleiche
Anna Kamneva
Botschaft
Blondine
Helle Köpfe im Nazi-Starkult
Ein medienkritischer Blick auf die Kinoleinwand der Nazizeit birgt
Potential zur Entschlüsselung ästhetischer Codes. Denn die
blonden Filmstars des Dritten Reichs prägten unsere heutige Sicht auf
die begehrte Haarfarbe…
Blonde Venus, helllichte Madonna, goldlockige Loreley – dank dieser Musen der Künste galten blonde
Haare seit der Antike als das abendländische Schönheitsideal. Im 20. Jahrhundert erschufen frisch etablierte Massenmedien neue Kultfiguren und machten
das Modephänomen zum Symbol geradezu gegensätzlicher Ideologien.
In den 1920er und 30er Jahren gab der Film den
Ton an. Vorbilder der westlichen Welt waren blond
gefärbte Hollywoodstars wie Jean Harlow, Marlene Dietrich und Mae West, die Femmes fatales mit
emanzipierter Haltung verkörperten. Im deutschsprachigen Raum dagegen galten naturblonde Haare
als Essenz der germanischen Schönheit und sollten
als Attribut der traditionellen weiblichen Tugend propagiert werden. Doch was vermittelte die Kinoleinwand der NS-Zeit tatsächlich?
Weibliche Wunschbilder
Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 strebten die
Nationalsozialisten eine schnelle und radikale Umstellung der Werte an. Ihr Kodex: Überlegenheit der
Arier, Kult des Deutschen, Antisemitismus. Da der
Leiter des Propagandaministeriums (RMVP)1 Joseph
Goebbels auf subtile Massenlenkung setzte2, eignete
sich das Medium der Träume und Illusionen perfekt
als Manipulationsinstrument. Der Film sei durch „[...]
seine Eigenschaft primär auf das Optische und Gefühlsmäßige, also Nichtintellektuelle, einzuwirken,
massenpsychologisch und propagandistisch von besonders eindringlicher und nachhaltiger Wirkung“3,
so der Leiter der Filmabteilung des RMVP Fritz Hippler. Weil das Nichtintellektuelle als weibliche Domäne
galt und Frauen bereits vor dem Krieg den Großteil
83
des Kinopublikums bildeten4, richteten sich die meisten Filme an die weibliche Zuschauerin. Ihr vermittelten die Darstellerinnen ein Selbstbild, das die männlichen Wünsche befriedigen und korrigieren sollte.5
Revuetanz aus der Reihe
Nicht jedes blonde Mädchen von nebenan war allerdings unkompliziert. Eine Ausnahme: Der Blonde
Traum14 des Revuefilms Lilian Harvey (Abb.2), ehemaliger Filmstar der Weimarer Republik. Angesichts
Blondinen bevorzugt?
ihres vor 1933 aufgebauten Image war es schwierig,
Ginge es dabei nach den dogmatischen Wunschvor- die Schauspielerin in das erwünschte Frauenkon15
stellungen der Theoretiker wie Otto Hauser6 oder zept zu integrieren. Zu schlank und androgyn war
Alfred Rosenberg7, wäre jede Arierin , im Alltag wie die romantische platinblonde Schönheit für das erim Film, blond gewesen. Doch wider Erwarten er- wünschte Weiblichkeitsideal. Dazu hegte sie privat
oberten die Leinwand auch brünette Diven. Zarah Le- eine gefährliche Vorliebe für Hollywood, Luxus und
ander, Käthe von Nagy, Sybille Schmitz, Sex-Appeal- Emanzipation.
Olga8 Tschechowa, Lil Dagover – letztere gehörten zu
Hitlers Lieblingsschauspielerinnen9 – verführten den Ende der 30 Jahre wurde Harvey durch die Ungarin
16
Zuschauer mit dunkler Erotik und mondäner Eleganz. Marika Rökk abgelöst. Als leichtbekleidete TänzeObwohl ihre Rollen das Gegenteil der propagierten rin in pompösen Inszenierungen munterte Rökk das
17
Sittlichkeit vermittelten, beschränkten sich die fil- Volk während der Kriegszeit auf. Doch auch wenn
mischen Muster-Bilder nicht auf die Blond-Brünett- sich die Schauspielerin mit betont weiblicher Figur,
Gegenüberstellung als Metapher für Gut und Böse. rotblonden Haaren und gesunder Erscheinung als
18
Denn die Filmemacher mussten nicht zuletzt aus Botschafterin der Mutterrolle eignen würde, konnkommerziellen Gründen die Präferenzen des Publi- te sie sich aufgrund ihres Temperaments und ihrer
19
kums berücksichtigen.10 Und diese Vorlieben form- erotischen Ausstrahlung nicht endgültig als Vorbild
ten sich nicht nur durch die NS-Propaganda, sondern behaupten.
auch unter dem Einfluss der Filmtraditionen der
Weimarer Republik, Hollywoods und im historischen
Kontext der Moderne allgemein.
Schwarze Schafe – helle Haare
In seltenen Fällen waren auch blonde Stars auf negative Rollen festgelegt. Komikerin Fita Benkhoff trat
Lancierte Leitfiguren
zum Beispiel als Dame „[...] mit mondänem oder
20
Das Ideal der arischen Frauenfigur, wie es im Bu- spießbürgerlichem Anstrich [...]“ auf. Rotblonde
che steht, repräsentierte Kristina Söderbaum, „[...] Elisabeth Flickenschildt spielte „[...] wahre Pracht21
die blondeste aller nach Deutschland importierten exemplare weiblicher Untugend“ : „[...] Frauen, mit
Schwedinnen [...].“11 Dramatisch mimte sie stets eine denen man nicht verheiratet sein möchte [...], skurritreue, scheue und unterwürfige Stütze des Helden, le, exzentrische Weibsbilder mit böser Junge und mit
22
deren Los, als das jeder Frau nach Hitler, in „[...] ge- Haaren an den Zähnen [...].“
duldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leiden und
Ertragen“12 bestand. Wie in ihrer markantesten Rolle Doch auch wenn die Blondine ein großes Spektrum
im Propagandafilm Jud Süß13, wurde die Kindfrau in vom unschuldigen Mädel bis zum durchtriebenen LuNot oft Opfer des Vertreters einer minderwertigen xusweib abdeckte, eines verkörperte sie, ebenso wie
Rasse – und ging ins Wasser, wofür die Schauspiele- die Brünette, nie: eine Antiheldin. Zu unbedeutend
schien das schwache Geschlecht , um antagonistisch
rin den Spitznamen Reichswasserleiche bekam.
dem führerähnlichen – und stets männlichen – HelIn heitereren Filmen ersetzte die leidende Heldin das den gegenüberzutreten.
anständige, natürliche und unkomplizierte Mädel,
das entweder als gute Kameradin des Mannes auftrat oder die ideale Mutter verkörperte. Blonde Darstellerinnen wie Renate Müller, Grete Weiser, Carola
Höhn, Marianne Hoppe und Käthe Dorsch standen
Abb.2: Ein Blonder Traum (1932): Ihre Popularität in der
oben auf der Besetzungsliste.
Weimarer Republik wurde Lilian Harvey unter Hitler zum
84
Verhängnis
Abb.3,4: Ist Blond gleich blond? Effektvoll in Farbe, verhelfen erst verstärkte Ausleuchtung und Kontrast zur dunklen Kleidung
Marika Rökk zu ihrer vollen Wirkung als Die Frau meiner Träume (1944).
Das Grauen des Grauen
Anstoß für seine Weiterentwicklung dient.
Und wer hätte gedacht, dass im Fluss unserer Gedanken um den blonden Haarschopf einer Diane Kruger
eine in Muster zerlegte Reichswasserleiche mitschwimmt?
Fußnoten
1 Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.
2 Vgl. Goebbels, Joseph: Rede vor der ,Reichsfilmkammer‘ 1937. Aus: Leiser,
Erwin: „Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches.
Rowohlt. Reinbek 1968, S.112.
3 Hippler, Fritz, zit. nach Cadars, Pierre; Courtade, Francis: Geschichte des
Films im Dritten Reich. Carl Hanser Verlag. München 1975, S.9.
4 Vgl. Vaupel, Angela: Frauen im NS-Film. Unter besonderer Berücksichtigung des Spielfilms. Kovac. Hamburg 2005, S.1.
5 Vgl. Ebda. S.36, Vgl. Hippler, Fritz, zit. nach: Albrecht, Gerd: Nationalsozialistische Filmpolitik. Eine soziologische Untersuchung über Spielfilme
des Dritten Reichs. Enke. Stuttgart 1969, S.186.
6 Hauser, Otto (1876-1944): österreichischer Schriftsteller, der in zahlreichen Abhandlungen ein komplexes Bild der nordischen Rasse entwarf.
Diese definierte er vor allem über die blonden Haare.
7 Rosenberg, Alfred (1892-1946): führender Ideologe der NSDAP, der in
seinem Werk Mythus des 20. Jahrhunderts (1936) die Überlegenheitstheorie der Arier vorantrieb und die nordische Rasse zum alleinigen Kulturund Zivilisationsträger erklärte.
8 Vgl. Drewniak, Buroslaw: Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüberblick. Droste. Düsseldorf 1987, S.117.
9 Vgl. Picker, Henry: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier. Seewald. Stuttgart 1976, S.180.
10 Vgl. Zimmermann, Clemens: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland
1933-1945, Italien 1922-1943, Spanien 1936-1951. Böhlau. Wien 2007,
S.165.
11 Ebelsender, Sepp, zit. nach: Drewniak, Buroslaw: Der deutsche Film 19381945. Ein Gesamtüberblick. Droste. Düsseldorf 1987, S.137.
12 Hitler, Adolf: Reichstagung in Nürnberg 1934. Nationalsozialistische Deutsche Arbeitspartei. Berlin 1934, S.341f.
13 Jud Süß (1940) ist ein antisemitischer Propagandafilm des Regisseurs Veit
Harlan.
14 Vgl. Witte, Karsten: „Lachende Erben, Toller Tag“. Filmkomödie im Dritten
Reich. Vorwerk. Berlin 1995, S.16. Verweis auf den Film Ein blonder
Traum, in dem Harvey 1932 die Hauptrolle spielte.
15 Vgl. Ascheid, Antje: Hitler‘s Heroines. Stardom and Womanhood in Nazi
Cinema. Temple Univ. Press. Philadelphia 2003, S.103.
16 Vgl. Drewniak, Buroslaw: Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüberblick. Droste. Düsseldorf 1987, S.139.
17 Vgl. Witte, Karsten: Geheime Schaulust: Momente des deutschen Revuefilms. Aus: Belach, Helga (Hg.): Wir tanzen um die Welt: Deutsche Revuefilme 1933-1945. Carl Hanser Verlag. München 1979, S.7.
18 Vgl. Romani, Cinzia: Die Filmdiven im Dritten Reich. Dokumentarische
Darstellung des Aufbaus der Nation. Hummer. Berlin 1934, S.13.
19 Vgl. Eder, Jens: Das populäre Kino im Krieg. NS-Film und Hollywoodkino –
Massenunterhaltung und Mobilmachung. Aus: Segeberg, Harro (Hg.):
Mediale Mobilmachung. Mediengeschichte des Films. Das Dritte Reich
und der Film. Bd.4. Wilhelm Fink Verlag. München 2004, S.408.
20 Drewniak, Buroslaw: Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüberblick.
Droste. Düsseldorf 1987, S.120.
21 Fim-Kurier 9.5.1944, zit. nach: Ebda. S.121.
22 Ebda.
23 Vgl. Winkler-Mayerhöfer, Andrea: Starkult als Propagandamittel? Studien
zum Unterhaltungsfilm im Dritten Reich. Ölschläger. München 1992,S.105f
24 Vgl. Ebda. S.108.
25 Vgl. Hans, Jan: Musik und Revuefilm. Aus: Segeberg, Harro (Hg.): Mediale
Mobilmachung. Das Dritte Reich und der Film. Mediengeschichte des
Films. Bd.4. Wilhelm Fink Verlag. München 2004, S.227.
26 Vgl. Venohr, Dagmar: Zur Transmedialität der Mode. Aus: Mentges, Gabriele; König, Gudrun M. (Hg.): Medien der Mode. Ed. Ebersbach. Berlin
2010, S.146.
Abbildungen
Abb. 1: Standfotograf unbekannt, Regie Veit Harlan – Jud Süß, 1940. Quelle:
Deutsche Kinemathek.
Abb. 2: Standfotograf unbekannt, Regie Paul Martin – Ein blonder Traum,
1932. Quelle: Deutsche Kinemathek.
Abb. 3: Standfotograf unbekannt, Regie Georg Jacoby – Die Frau meiner Träume, 1944. Quelle: Deutsche Kinemathek.
Abb. 4: Standfotograf unbekannt, Regie Georg Jacoby – Die Frau meiner Träume, 1944. Quelle: Deutsche Kinemathek.
Anna Kamneva
Literatur
Albrecht, Gerd: Nationalsozialistische Filmpolitik. Eine soziologische Untersuchung über Spielfilme des Dritten Reichs. Enke. Stuttgart 1969.
Ascheid, Antje: Hitler‘s Heroines. Stardom and Womanhood in Nazi Cinema.
Temple Univ. Press. Philadelphia 2003.
Cadars, Pierre; Courtade, Francis: Geschichte des Films im Dritten Reich. Carl
Hanser Verlag. München 1975.
Drewniak, Buroslaw: Der deutsche Film 1938-1945. Ein Gesamtüberblick. Droste. Düsseldorf 1987.
Eder, Jens: Das populäre Kino im Krieg. NS-Film und Hollywoodkino – Massenunterhaltung und Mobilmachung. Aus: Segeberg, Harro (Hg.): Mediale
Mobilmachung. Mediengeschichte des Films. Das Dritte Reich und der Film.
Bd.4. Wilhelm Fink Verlag. München 2004.
Goebbels, Joseph: Rede vor der ,Reichsfilmkammer‘ 1937. Aus: Leiser, Erwin:
„Deutschland, erwache!“ Propaganda im Film des Dritten Reiches. Rowohlt.
Reinbek 1968.
Hans, Jan: Musik und Revuefilm. Aus: Segeberg, Harro (Hg.): Mediale Mobilmachung. Das Dritte Reich und der Film. Mediengeschichte des Films. Bd.4.
Wilhelm Fink Verlag. München 2004.
Hitler, Adolf: Reichstagung in Nürnberg 1934. Nationalsozialistische Deutsche
Arbeitspartei. Berlin 1934.
Junkerjürgen, Ralf: Haarfarben. Eine Kulturgeschichte in Europa seit der Antike.
Böhlau. Köln 2009.
Picker, Henry: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier. Seewald. Stuttgart 1976.
Romani, Cinzia: Die Filmdiven im Dritten Reich. Dokumentarische Darstellung
des Aufbaus der Nation. Hummer. Berlin 1934.
Vaupel, Angela: Frauen im NS-Film. Unter besonderer Berücksichtigung des
Spielfilms. Kovac. Hamburg 2005.
Venohr, Dagmar: Zur Transmedialität der Mode. Aus: Mentges, Gabriele; König, Gudrun M. (Hg.): Medien der Mode. Ed. Ebersbach. Berlin 2010.
Winkler-Mayerhöfer, Andrea: Starkult als Propagandamittel? Studien zum
Unterhaltungsfilm im Dritten Reich. Ölschläger. München 1992.
Witte, Karsten: Geheime Schaulust: Momente des deutschen Revuefilms. Aus:
Belach, Helga (Hg.): Wir tanzen um die Welt: Deutsche Revuefilme 1933-1945.
Carl Hanser Verlag. München 1979.
Witte, Karsten: „Lachende Erben, Toller Tag“. Filmkomödie im Dritten Reich.
Vorwerk. Berlin 1995.
Zimmermann, Clemens: Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 19331945, Italien 1922-1943, Spanien 1936-1951. Böhlau. Wien 2007.
87
86
se akkurat darzustellen vermochte, verlor die Durchsetzung des Idealbildes gegen den Reiz der neuen
Etwas latenter als auf der Handlungsebene trans- Technik. Im Film Die Frau meiner Träume wechselte
portierte der Film seine Botschaft mittels visueller Marika Rökk ihre Haarfarbe dreifach und demonstEffekte. Auf die Darstellung der blonden Haare übten rierte eine breite Farbpalette, die das neue Medium
Faktoren wie Ausleuchtung, Kontraste und Farbkor- nun darstellen konnte: von Schwarz zu Platinblond
rektur eine ebenso große Wirkung aus, wie ihre pri- und schließlich zu Rotblond. Der Unterhaltungsfaktor
des Farbfilms lenkte in diesem Fall die Filmproduktimäre Gestaltung durch Frisuren und Färbung.
In Deutschland blieb der Schwarzweißfilm, der in on in der Spanne zwischen dem Ideen diktierenden
dem Produzenten und dem Kinopubder Gesamtperiode des Nationalsozialismus domi- Machtapparat,
25
likum
erneut
im
Interesse des Zuschauers.
nierte, bis 1941 die einzige farbtechnische Darstellungsmöglichkeit. Für Propagandazwecke ein ernstes
Problem: Wie die Katzen bei Nacht, verloren natür- Medium mustert Mode
liche Blondinen auf der Leinwand an Farbwirkung.
Als blond geltende Marika Rökk, Carola Höhn oder Wenn der Spielfilm des Dritten Reichs hinsichtlich
Hilde Weißner schienen plötzlich brünett. Um dem der blonden Haare eine Botschaft vermittelte, dann
entgegenzuwirken, betrieb die Filmindustrie gezielte nur eine: das Blond ist ein Konstrukt, eine VorstelImagepflege mit Hilfe von Bild- und Printmedien wie lung, die sich nach verschiedenen Kriterien im KonPostkarten, Werbeplakaten, Filmzeitschriften23 und text substituiert. In der Praxis der Durchsetzung eistärkte so den Gesamteindruck des Stars über den nes propagandistischen Theoriekonzepts entstanden
Film hinaus.24
dank des Mediums Film neue, heterogene Bilder,
Als der Farbfilm aufkam, der das Blond vergleichswei- Muster und Zugangsweisen der Annäherung an das
Phänomen der blonden Haare. Modetheoretikerin
Dagmar Venohr behauptet, dass es Medien sind, die
die Mode erst sinnlich wahrnehmbar und erfahrbar machen.26 Außerdem gestaltet das Medium die
Botschaft im Zuge ihrer Vermittlung durch seine Eigenspezifik mit. Die Haarfarbe, die medial nicht in
ihrer voller Komplexität darstellbar ist, bekommt im
medialen Zusammenhang eine Form, die die Wahrnehmung des Phänomens in der Welt lenkt und als
SCAR(R)ED
Das Leben zeichnet uns.
Nach außen und nach innen.
Es hinterlässt Spuren
auf unserem Körper,
auf unserer Haut.
Feine Linien.
Tiefe Furchen.
Falten.
Verletzungen.
Narben.
Haut-Kleider
89 Sar(r)ed
Franziska Paa
93 Bin ich wirklich mein Spiegelbild?
Swenja Padur
98 Read me - Wenn deine Haut dich
verrät
Jemima Wittig
104 Haut an Haut
Lea Schwarzwald
106 Haut-Eng
Stefanie Schelenberg
Abb. 1. Franziska Paa: Unfallnarbe
89
88
108 „Stickdermitis“
Marina Hoffmann
112 Wenn Menschen vor Laternen laufen
und Punkerinnen es nicht glauben
können
Jasmina Saddedine
116 Häute brauch' ich, Taschen mach' ich
Kim Ernst
118 Defect Balm
Helena Kampschulte
Abb. 2: Franziska Paa: OP-Narbe
91
Narben können unterschiedlich entstehen, sei es nun durch einen Unfall (entweder selbst- oder fremdverschuldet), durch eine Operation (vielleicht auch durch
einen Unfall hervorgerufen) oder auch durch Selbstverletzung. In jedem Fall wird
die Haut sichtbar verletzt, die Auswirkungen auf den Betroffenen und dessen Psyche sind jedoch nicht sichtbar. Die Hauthülle trägt die Narbe nach außen und das
Ich trägt die Narbe nach innen.
Veränderte Haut. Gezeichnete Haut. Verheilte Haut. Entstellte Haut. Vernarbte
Haut. Die Haut, die Oberfläche. Für jeden sichtbar. Für die Augen anderer Menschen, den Betrachter.
Jede Narbe erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte die
nicht nur äußerlich zu sehen ist.
Sie geht tief unter die Haut, bis
hin zur Seele. Das Äußere wird
wahrgenommen, doch das Innere ist nur für uns selbst sichtbar.
Wir entscheiden, ob wir die Geschichte erzählen oder nicht.
Auch wenn nur ein kleines Stück
der Haut vernarbt ist, kaum
sichtbar, so kann die Geschichte doch eine umso größere sein.
Die verletzte Haut ist im Laufe
der Zeit verheilt, in manchen Fällen auch die Psyche – doch was,
wenn dem nicht so ist? Welche
Auswirkungen hat dies auf einen selbst. Angst? Furcht? Zweifel? Vielleicht sogar Freude?
Verändert es in manchen Fällen
das Leben zum Negativen? Oder
zum Positiven?
Franziska Paa
Abb. 1: Lara Dengs – Gesichtslos, 2013. © PIXELIO
Bin ich wirklich
mein Spiegelbild?
93
92
Abb. 3: Franziska Paa: Selbstverletzungsnarbe
95
Abb. 3 (rechts): Cindy Jackson - Cindy Jacksons secrets
book cover, 2000 © http://www.cindyjackson.com
Doch auch die Mode unterstreicht die eigenen Körperformen und lässt genügend Freiraum für die Wirkung des eigenen Hautkleides. Kleider-Haut-Vorstellungen haben sich in der Geschichte stetig verändert
und zu einem heutigen Verständnis des Kleides als
zweite Haut geführt. Da der Körper sterben würde,
wenn die Haut mit jeder modischen Vorliebe verändert oder gar abgezogen würde, stellt die Kleidung
die Möglichkeit dar, als zweites Hautkleid zu fungieren. Dieses kann nach Belieben verändert, abgelegt
und gewechselt werden. Es unterstreicht in seiner
Form die Beschaffenheit der Haut und dient als ihre
Erweiterung.6 Die Arbeit am Körper selbst steht im
Vordergrund. Haut als formbare Plastik, als veränderbares Gestaltungsattribut dient den individuellen
Vorlieben und wird als Leinwand zur Gestaltungsoberfläche.7 Neben individuellen Vorlieben, die das
Subjekt von anderen unterscheiden sollen, herrschen
Normalisierungen vor, die gängige Schönheitsideale auf den eigenen Körper einschreiben sollen. Der
Wunsch das Idealbild der Werbung einmal selbst zu
verkörpern, makellose Haut zu besitzen und soziale
Anerkennung durch die eigene optische Erscheinung
zu erlangen, ist Ursache zahlreicher Körper- und
Hautveränderungen.
Medien, die dieses Bild vermitteln sowie Studien, die
belegen, dass attraktive Menschen ebenfalls als erfolgreicher und wertgeschätzter bewertet werden,
verstärken den Trend, den eigenen Körper existierenden Schönheitsvorstellungen anzupassen.8 Jeder
Schritt der gefühlten, eigenen Identität optisch näher kommen zu wollen, ist mit körperlichem Schmerz
verbunden. Der Mensch hat die Verfügungsgewalt
über seine eigene Haut, jedoch formen gesellschaftliche Bilder die individuelle Körper- und Hautwahrnehmung. Der Körper wird umoperiert, trainiert und
Body-shaping
der herrschenden Sichtweise unterworfen.9 Dabei
dient immer die Haut, die Oberfläche menschlicher
Wurden bereits in der Antike Veränderungen am ei- Existenz, der bewussten Veränderung.
genen Körper vorgenommen, erleben diese seit dem In der Schönheitschirurgie gilt die Haut dann als
20. Jahrhundert im westlichen Kulturkreis einen we- ideal, wenn sie frei von Unreinheiten und Falten ist,
sentlichen Aufschwung.
keine Verfärbungen sowie nur kleine Porengrößen
Die eigene Haut zu erschließen und zu erspüren, er- aufweist und unbehaart glänzt.10 Auch wenn dies
möglicht dem Individuum ein Selbstbild von sich zu eine Vollkommenheitsvorstellung darstellt, nutzt die
erschaffen. Dieses orientiert sich sowohl an gesell- Schönheitsindustrie dieses Bild, um die Kluft zwischaftlichen Normen als auch an persönlichen Vor- schen realem Aussehen und idealisiertem Körper zu
stellungen.4 Körperliche Veränderungen können auf vergrößern. Das Individuum soll den Eindruck gewinverschiedene Art und Weise stattfinden. Bodymodi- nen, die Formung eines Körpers und einer Hautoberfications verändern die Haut als Grenze zwischen der fläche erreichen zu können, die nicht mehr von den
Innen- und Außenwelt, sodass sie zu einer Projekti- Genen abhängig sind, sondern einzig und allein Reonsfläche des individuellen Inneren wird. Die Haut sultat des eigenen Bemühens sind. „Jeder hat den
wird gepierct, tätowiert oder operiert und offenbart Körper, den er verdient! Schönheit wird zum persönso anteilig die eigene Identität.5
lichen Verdienst.“11
94
Individuelle Vorstellungen formen das eigene Hautbild genauso wie kulturelle Ansichten. Soziale Zugehörigkeiten werden ebenfalls an ihm ausgemacht.
Indem die Haut geschminkt, verändert oder mit
Kleidung umhüllt wird, entsteht das Bild eines HautIchs. Die Haut stellt folglich eine Übergangsfläche
zwischen dem biologischen Körper und dem psychischen Bewusstsein dar.1
Sich in der eigenen Haut nicht wohl zu fühlen, ist
unangenehm. Der Blick auf das eigene Spiegelbild
fällt manchmal anders aus als der von anderen. Menschen entwickeln von sich selbst ein Idealbild, das
sich im Spiegelbild nicht immer erkennen lässt. Das
innere Selbstbild stimmt in diesem Fall nicht mit der
optischen Erscheinung im Spiegel überein. Der Körper als äußere Hülle offenbart eine andere Person als
die, die in der fremden Haut gefangen ist. Der wahre Kern des Individuums verbirgt sich unter der Haut
und doch wünscht es sich nichts sehnlicher, als dass
er auf ihr erkennbar sei.2
Die Präsenz der Haut in medialen Bildern führt zu
ebenmäßigen, makellosen Haut-Vorstellungen, die
dem Individuum als Orientierungshilfe dienen sollen.
Weist es von Natur aus nicht dieses perfekte Hautbild
auf, versprechen unzählige Cremes, Kosmetika und
Medikamente eben dieses Musterbild zu erzeugen.3
Doch was passiert, wenn ihre Wunderwirkungen
nicht eintreten? Muss das Selbst dann in seiner, nicht
den kulturellen Normen entsprechenden Haut gefangen bleiben? Oder ist der Gang zum Schönheitschirurgen, Hautarzt oder Psychologen unvermeidbar?
Was nicht passt, wird passend gemacht oder viel
mehr, die Haut als zweite Haut wird zur Transformationsfläche, um die eigene Identität neu zu verorten.
Kunstwerk-Hautoberfläche
Kosmetisch perfekt
Cindy Jackson ist der Inbegriff eines selbst erschaffenen Körpers. Schon früh bemerkte sie, dass sie sich
nicht wohl in ihrer eigenen Haut fühlte. Ihre Selbstwahrnehmung unterschied sich stark von ihrem
nach außen hin erscheinenden Haut- und Körperbild. Sie beobachtete, dass Menschen, die sie wegen ihrer Schönheit für überlegen hielt, häufig anerkannter waren als sie selbst und fühlte eine starke
Diskrepanz zwischen ihrem »wahren Ich« und ihrer
»Körper-Hülle«. Um diese vermeintliche Benachteiligung zu überwinden, unterzog sie sich zahlreichen
Schönheitsoperationen, die ihre ursprüngliche optische Erscheinung in ein von ihr erträumtes Idealbild
umwandelten. Neben der Umsetzung der eigenen,
bislang nur innerlich gefühlten Identität, spielten
im Zuge ihrer körperlichen Veränderungen soziale
Wertschätzung und Anerkennung eine große Rolle.
Das Bedürfnis, sich endlich wohl zu fühlen im eigenen Haut-Kleid, entwickelte sich zu einer Konservierung des idealisierten Körpers. Heutzutage liegt Cindy Jacksons Hauptaugenmerk darauf, ihre künstlich
erschaffene Hülle zu erhalten – ihren Traum weiter
leben zu können und damit zu beweisen: „Jeder kann
sich so erschaffen, wie er es möchte“. Das innerlich
empfundene Selbst kann mithilfe der Schönheitschirurgie nach außen übertragen und als Haut-Kleid anderen offenbart werden.12
Cindy Jacksons körperliche Umformung beruht auf gesellschaftlich anerkannten Schönheitsvorstellungen.
Sie veränderte ihre eigene Hautoberfläche zu einem
kulturell anerkannten Musterbild. Die Schmerzen
einer solchen Anpassung an gängige Schönheitsnormen wurden dabei als bloße Nebenwirkung in Kauf
genommen. Der Wunsch, endlich dem Ideal zu entsprechen und die damit verbundene Wertsteigerung
der eigenen Selbstwahrnehmung, stellten den Grund
für diese körperliche Anpassung dar. Die künstlerischen operativen Eingriffe Orlans hingegen bedienen
sich der Transformation gängiger Schönheitsideale
und erschaffen ein individuelles Hautverständnis.
Abb. 2 (unten): Cindy Jackson – Cindy Jackson
before and after, 2014 © http://www.cindyjackson.com
Das Recht darauf zu haben, die eigene Hautoberfläche
mithilfe chirurgischer Eingriffe zu verändern, ist wesentlicher Bestandteil der Performance-Kunst Orlans. Anders als
Cindy Jackson möchte die französische Body-Art Vertreterin jedoch nicht das standardisierte, aktuell herrschende
Ideal der Frau verstärken, sondern den Körper als künstlerische Hülle betrachten, den es zu formen gilt. Neben dem
Ausdruck von Schmerz thematisieren ihre Umsetzungen
tabuisierte Themen wie die Formung des eigenen Fleisches. Ihr 1990 begonnenes Projekt „La Réincarnation de
Sainte-Orlan“ dokumentiert ihre operative Umwandlung
in eine antike weibliche Schönheit. Orlan setzte ihren eigenen Körper als lebendes Kunstwerk ein und formt am eigenen Leib ein Schönheitsideal, welches sich aus berühmten Renaissance- und Barockgemälden zusammensetzt.
Die operativen Eingriffe veränderten ihre Nase nach dem
Vorbild der Skulptur »Diana«, die von einem unbekannten
Künstler aus der Schule Fontainebleau stammt. Ihr Mund
wurde nach dem Vorbild der »Europa« von Boucher verändert, die Stirn wurde Da Vincis »Mona Lisa« angepasst
und das Kinn gleicht Botticellis »Venus«. Die Augen wurden schließlich Géromes »Psyche« nachempfunden. Alle
diese Attribute stellen Schönheitsvorstellungen bekannter
Gemälde dar, die jedoch zusammen ein völlig neues Bild
ergeben. Idealisierte Schönheit ist in Orlans Transformation klassisch nicht mehr erkennbar.13
Neben der parodieähnlichen Umwandlung herrschender Schönheitsvorstellungen verfolgt Orlan ebenfalls das
Ziel, mediale Inszenierung umzukehren. Werden in der
Werbung schönheitsfördernde Mittel angepriesen, die
Fußnoten
1 Vgl.: Anzieu, Didier: Das Haut-Ich. Suhrkamp
Verlag. Frankfurt a.M. 1996, S.138-140.
2 Vgl.: Nuber, Ursula: Spieglein, Spieglein an der
Wand. Der Schönheitskult und die Frauen. Heyne
Verlag. München 1995, S. 71.
3 Vgl.: Reinacher, Pia: Kleider, Körper, Künstlichkeit. Wie Schönheit inszeniert wird. University
Press Verlag. Berlin 2010, S. 16.
4 Vgl.: Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte,
Körperbilder, Grenzdiskurse. Rowohlt Verlag.
Hamburg 2001, S. 223.
5 Vgl.: Kasten, Erich: Mein Körper gehört mir. (Aus:
Psychologie heute). 02/2007, S. 64-66.
6 Vgl.: Akiko, Fukai: Haut und Kleidung. Die Haut
als Gegenstand der Mode. (Aus: Geissmar-Brandi,
Christoph u.a. (Hg.): Gesichter der Haut). Stroemfeld Verlag. Frankfurt a.M. 2002, S. 71-75.
7 Vgl.: Menninghaus, Winfried: Das Versprechen
der Schönheit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M.
2003, S. 266.
8 Vgl.: Rodin, Judith: Die Schönheitsfalle. Was
Frauen daran hindert, sich und ihren Körper zu
mögen. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur
Nachf. München 1994, S. 31.
9 Vgl.: Selle, Gert: Der Körper als fremder und eigener. (Aus: Blohm, Manfred u.a. (Hg.): Die Kunst,
der Körper, das Textile). Salon Verlag. Köln 2005,
S. 51-53.
10 Vgl.: Brokemper, Peter: Schönheit – Ein Projektbuch. Hintergründe – Perspektiven –- Denkanstöße. Verlag an der Ruhr. Mülheim a.d.R. 2009, S. 38
11 Unterdorfer, Sylvia: Wie das Geschäft funktioniert. Retusche ist die Regel. (Aus: Unterdorfer,
Sylvia u.a. (Hg.): Wahnsinnig schön. Schönheits-
12
13
14
15
ausschließlich positive Endresultate zeigen, nie aber den
unangenehmen Weg dorthin, zeigt Orlan in ihrer Performance die blutige Realität des chirurgischen Eingriffs.
„Orlan kombiniert die Mittel der Unterhaltungsindustrie
mit der Alltagsrealität eines Operationssaal, kreiert damit
Spannung und schafft ungeheure Kontraste, die gewissermaßen die Grundlage bilden, auf der sie ihre Fragen zum
Status des Körpers und der Individualität in unserer technisierten und digitalisierten Gesellschaft stellt.“14
100 Prozent Ich?
Das Individuum nimmt sich zwar als Schöpfer seines eigenen Körpers wahr, jedoch stellt die Haut ein Spiegelbild
von eigenen und fremden Musterbildungen dar. Kulturelle
Verhandlungen werden auf ihr ausgetragen und zeigen,
wie sich das Verständnis von Ich und Gemeinschaft, Haut
und Kultur zueinander verhält. Individualität entsteht
demnach immer im Austausch mit dem eigenen Kulturkreis.15 Dabei kann der Mensch Muster wie Orlan erkennen und brechen oder wie Cindy Jackson dem gängigen
Schönheitsideal nachkommen. Fremdbestimmung wird
dann zur Übermacht, wenn das Individuum sich ausschließlich diesen Normierungen anpasst. Zwar muss es
sich an ihnen orientieren können, jedoch entwickelt es nur
eine individuelle Identität, wenn es einen kritischen Blick
beherrscht. Die Haut zeigt anteilig die eigene Identität und
lässt einen Blick auf innere Einstellungen des Menschen
zu. Ob als Idealbild, als natürliche Hülle oder als veränderte Hautoberfläche: Spieglein, Spieglein an der Wand, du
meine Haut bist mein Gewand.
Swenja Padur
sucht, Jugendwahn & Körperkult). Goldegg Verlag. Wien 2009, S. 225.
Vgl.: Unterdorfer, Sylvia: Die lebende Barbie.
(Aus: Unterdorfer, Sylvia u.a. (Hg.): Wahnsinnig
schön. Schönheitssucht, Jugendwahn & Körperkult). Goldegg Verlag. Wien 2009, S. 131 – 135.
Vgl.: Zell, Andrea: Valie Export. Inszenierung von
Schmerz: Selbstverletzung in den frühen Aktionen. Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2000, S. 51.
Zell, Andrea: Valie Export. Inszenierung von
Schmerz, S. 52.
Vgl.: Antoni-Komar, Irene: Körper-Konstruktionen. Die Thematisierung des Körperlichen in
Mode und Kunst. (Aus: Antoni-Komar, Irene (Hg.):
Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung). Dbv Verlag. Stuttgart 2001, S.
25 – 31.
Literatur
Akiko, Fukai: Haut und Kleidung. Die Haut als Gegenstand der Mode. (Aus: Geissmar-Brandi, Christoph u.a.
(Hg.): Gesichter der Haut). Stroemfeld Verlag. Frankfurt a.M. 2002.
Antoni-Komar, Irene: Körper-Konstruktionen. Die
Thematisierung des Körperlichen in Mode und Kunst.
(Aus: Antoni-Komar, Irene (Hg.): Moderne Körperlichkeit. Körper als Orte ästhetischer Erfahrung). Dbv Verlag. Stuttgart 2001.
Anzieu, Didier: Das Haut-Ich. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 1996.
Benthien, Claudia: Haut. Literaturgeschichte, Körperbilder, Grenzdiskurse. Rowohlt Verlag. Hamburg 2001.
Brokemper, Peter: Schönheit – Ein Projektbuch. Hintergründe – Perspektiven – Denkanstöße. Verlag an
der Ruhr. Mülheim a.d.R. 2009.
Kasten, Erich: Mein Körper gehört mir. (Aus: Psychologie heute). 02/2007.
Menninghaus, Winfried: Das Versprechen der Schönheit. Suhrkamp Verlag. Frankfurt a.M. 2003.
Nuber, Ursula: Spieglein, Spieglein an der Wand. Der
Schönheitskult und die Frauen. Heyne Verlag. München 1995.
Reinacher, Pia: Kleider, Körper, Künstlichkeit. Wie
Schönheit inszeniert wird. University Press Verlag. Berlin 2010.
Rodin, Judith: Die Schönheitsfalle. Was Frauen daran
hindert, sich und ihren Körper zu mögen. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München 1994.
Selle, Gert: Der Körper als fremder und eigener. (Aus:
Blohm, Manfred u.a. (Hg.): Die Kunst, der Körper, das
Textile). Salon Verlag. Köln 2005.
Unterdorfer, Sylvia: Wie das Geschäft funktioniert. Retusche ist die Regel. (Aus: Unterdorfer, Sylvia u.a. (Hg.):
Wahnsinnig schön. Schönheitssucht, Jugendwahn &
Körperkult). Goldegg Verlag. Wien 2009.
Unterdorfer, Sylvia: Die lebende Barbie. (Aus: Unterdorfer, Sylvia u.a. (Hg.): Wahnsinnig schön. Schönheitssucht, Jugendwahn & Körperkult). Goldegg Verlag. Wien 2009.
Zell, Andrea: Valie Export. Inszenierung von Schmerz:
Selbstverletzung in den frühen Aktionen. Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2000.
Abbildungsverzeichnis:
Abb. 1: Lara Dengs – Gesichtslos, 2013. © PIXELIO
Abb. 2: Cindy Jackson – Cindy Jackson before and after,
2014 © http://www.cindyjackson.com
Abb. 3: Cindy Jackson - Cindy Jacksons secrets book
cover, 2000 © http://www.cindyjackson.com
READ ME
– Wenn deine Haut dich verrät
Hauterkrankungen wie Neurodermitis sind kaum zu verstecken, sind für jeden sichtbar. Die
Haut kann ihre eigentliche Schutzfunktion nicht erfüllen und kommuniziert Krankheit, sie erscheint ungepflegt und eklig. Die Außenwelt reagiert daher meist abgestoßen auf die Ekzeme. Stress und Allergien sind wie in die Haut gebrannt und sie scheint die Welt abzuwehren.
Das Haut-Ich, ein Begriff, der in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts von Didier Anzieu
eingeführt wurde, kann nicht entwickelt werden. Eher kommt es zu einer Spaltung zwischen
Haut und Ich. Die Ekzeme zeichnen das Leben, schreiben einen Lebenslauf, zeigen die Gefühlslage. Das Ich wird von der Haut verraten.
Haut dient dem Menschen als sensorisches Tastorgan, als Schutz, ist kommunikativ und
identitätsbildend. Sie ist die Grenze seines Körpers. Die Wurzel der Begriffe Haus und Haut
findet sich in dem Anlaut „sku“ was bedeckend, behütend bedeutet. Die Haut ist also metaphorisch unser Haus. Doch was ist, wenn dieses Haus Risse bekommt und uns nicht schützt,
sondern verletzt? Welche Auswirkungen ergeben sich daraus für die Identitätsbildung und
die Haut als Kommunikationsmedium? - Als Sieb wird die Haut Projektionsfläche der Seele
und beim Erröten, durch Akne oder bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis, zum Verräter.
98
Abb. 1: Abziehen der beschädigten Haut
Das Haut Ich
Neurodermitis ist eine geläufigere Bezeichnung für
das atopische Ekzem. Der Begriff setzt sich aus dem
griechischen „atopia“, was Ortslosigkeit bedeutet
und dem „ekzema“, welches Aufgegangenes meint,
zusammen. Seit den 1920ern etablierte sich der Begriff als Bezeichnung des Krankheitsbildes. Schon in
der Antike sollen bei Kaiser Augustus Symptome aufgetreten sein, die für das atopische Ekzem sprechen
könnten. Im 19. Jahrhundert vermutete man, dass es
sich um eine Nervenentzündung handele und nannte
die Krankheit daher Neurodermitis.
Obwohl diese Auffassung widerlegt wurde, blieb die
fälschliche Bezeichnung erhalten. In Industriestaaten
tritt die Erkrankung immer häufiger auf, die Gründe
dafür sind jedoch unbekannt. So sind 5-20% der Kinder und 1-3% der Erwachsenen von ihr betroffen. Mit
der körperlichen Veränderung in der Pubertät vermindern sich meistens ihre Symptome, in Einzelfällen
kann Neurodermitis aber auch erst später auftreten.
Unter Neurodermitis versteht man heute eine chronische, nicht ansteckende Hautkrankheit, die sich
durch rote, schuppende und juckende Ekzeme äußert. Es können auch Verdickungen und Vergröberungen der Haut auftreten sowie Knötchen und Pusteln. Durch die Erkrankung wird dem Betroffenen die
Existenz der Haut zunehmend bewusst, denn sie wird
zum Gefängnis. Wie oft habe ich selber, wenn mein
Gesicht gerade stark von Ekzemen befallen war, in
den Spiegel geguckt und gedacht Das bin doch nicht
ich!
Für eine Neurodermitiserkrankung sprechen neben
der trockenen Haut verstärkte Linien in den Handinnenflächen, doppelte Lidfalten unter den Augen,
dunkle Haut um die Augen herum und ausgedünnte Augenbrauen. Die Ekzeme treten schubweise als
Reaktion auf Umwelteinflüsse oder psychische Fak-
toren auf, die genauen Ursachen sind allerdings noch
nicht geklärt und von Fall zu Fall verschieden. Sie erscheinen wie eine Rebellion gegen die Umwelt. Auf
jeden Fall ist die Barrierefunktion der Haut wegen
eines Gendefekts gestört und die Haut ist anfälliger
und kann sich, da weniger Hautfett produziert wird,
schlechter selber heilen. Durch den entstehenden
Juckreiz entwickelt sich ein Teufelskreis, denn der
Betroffene kratzt an den juckenden Stellen, sodass
es zu weiteren Hautirritationen kommt. Es erscheint
wie ein Kampf gegen sich selber, den man nicht gewinnen kann. Das Ich will die Haut abstoßen; sich
schälen wie eine Banane und neu entstehen, wie die
Raupe, die als Schmetterling erscheint, wenn sie ihren Kokon verlässt.
Um dieses Thema, der Haut als Hülle, zu verdeutlichen, riss sich die Schweizer Performancekünstlerin Victorine Müller 1995 in ihrer Performance eine
übergezogene Latexhaut vom Leib. Der britische
Künstler Marc Quinn stellte 1996 mit seiner Arbeit
„The Great Escape“, einer aufgeschnittenen gelben
Schaumgummihülle, die von der Decke hing und einer aufgeschälten Banane ähnelte, diesen Ausbruch
aus einer Hülle dar. Die Haut des Körpers lässt sich
aber nicht abziehen, und wenn, dann sterben wir wegen des Verlusts dieses lebensnotwendigen Organs.
Einzig durch ein Peeling (Abb. 1) lässt sich die oberste
Hautschicht entfernen, das darunter liegende muss
wohl durch die Psychoanalyse bearbeitet werden.
Ohne ein tatsächliches Hautabziehen wird also das
Darunter sichtbar.
Obwohl die Symptome durch Behandlung der
Hauttrockenheit und durch entzündungshemmende
Mittel gelindert werden können, ist das atopische Ekzem nicht heilbar.
Gestörtes
Nähe-DistanzVerhältnis
So kann durch zwanghaftes Kratzen eine Symptomatik entwickelt werden, wobei der Schmerz „die
Selbstbestrafungstendenz des Über-Ichs befriedigt,
[... und] die Symptombildung mit einem erotischen
Lustgewinn verbunden“³ ist.
Außerdem werden Abhängigkeitsbedürfnis und „der
Drang, andere zu beherrschen“4 erfüllt, wenn man
durch die Symptome Aufmerksamkeit bekommt.
Durch eine „Störung des Bindungstriebes“5 ist das
Ich unterentwickelt. Wenn sich das Ich nicht in der
Haut geborgen fühlt und der Erkrankte seine Oberfläche spüren möchte, kann die Ekzembildung als
Versuch die „Körperoberfläche des Ichs von außen
zu spüren“6 gedeutet werden. Es ist ein unbewusster
Angriff auf die Körperhülle. Anzieu sieht darin den
Selbstzerstörungstrieb des Es bestätigt.
Abb. 2: gestaltete Gipsmaske als zweite Haut
Buchstäbliche Dünnhäutigkeit
Zum einen erzeugen also psychische Belastungen das
Auftreten der Krankheit, zum anderen haben sie aber
auch selber Einfluss auf die Psyche, die entgegen der
Krankheit selbst nicht sichtbar sind.
So kann es wegen der Belastungen zu Schlafmangel
und Konzentrationsstörungen kommen. Durch die
Anspannung von gleichermaßen Psyche und Haut,
können die Betroffenen schneller gereizt reagieren,
es liegt nicht nur eine sprichwörtliche, sondern auch
eine tatsächliche Dünnhäutigkeit vor. Außerdem können die Betroffenen unter ihrem Aussehen und da-
101
100
Das atopische Ekzem
Schon Michelangelo meinte, Berührung könne Leben einhauchen. Der
Psychoanalytiker Anzieu sieht einen
engen Zusammenhang zwischen
Hautkrankheiten, Stress, „Gefühlsäußerungen […,] narzistischen Defekten und mangelhafte Ich-Strukturierung“1.
Er entwarf in den 1990er Jahren den
Begriff des Haut-Ichs, worunter er das
„Bild [versteht], mit dessen Hilfe das
Ich des Kindes während früher Entwicklungsphasen – ausgehend von
seiner Erfahrung der Körperoberfläche – eine Vorstellung von sich selbst
entwickelt als Ich, das die psychischen
Inhalte enthält“². Ist das Verhältnis
von Haut und Ich gestört, dient die
Haut mehr als Sieb denn als Tasche.
Sie verliert also ihre Schutzfunktion
und wird durchlässig.
Zu einer solchen Störung kann es
durch zu viel Nähe kommen, vor der
man versucht zu entfliehen oder
durch eine zu große Distanz, wenn
man sich mehr Nähe wünscht. Es
muss also ein ausgewogenes Verhältnis gefunden werden.
durch bedingt einem verminderten Selbstwertgefühl
leiden. Die Haut wird zum allgegenwärtigen Thema,
ist ständig präsent, wenn man sie durch Brennen und
Jucken spürt und pflegen muss. Man entspricht nicht
dem gängigen Schönheitsideal, der glatten, hellen,
makellosen Haut, das sich bereits im 18. Jahrhundert
durchsetzte. Diese perfekte Haut steht für Vitalität
und Gesundheit und deswegen ist sie es bei Neurodermitikern eben nicht.
Man möchte sich verkriechen oder die betroffenen
Stellen verstecken. Durch Schminke wird schon lange
versucht das äußere Erscheinungsbild zu verändern.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde Schminke daher
als Betrug verstanden, da sie die Gefühle, das wahre
Ich, wie hinter einer Maske versteckt.
Wenn auch Make-up nicht hilft, wünscht man sich
tatsächlich wie auch das Phantom der Oper sein
entstelltes Gesicht hinter einer Maske zu versteck-
te. Man möchte ein neues Hautbild, dass man sich
aussuchen oder sogar selber machen kann – wie eine
Gipsmaske in (Abb. 2).
Theresa Berger versuchte 2012 in ihrer Diplomarbeit
ihre Krankheit Neurodermitis zu erklären, da auf ihre
Ekzeme oft mit Ekel und Fragen wie „Ist das ansteckend?“ reagiert wurde und um zu verdeutlichen,
wie sie sich mit ihr fühlt. Aus diesem Grund hielt sie
in Zeichnungen ihre Forschungen fest, um auch die
künstlerische Seite der Erkrankung aufzuzeigen.
In einer Installation beschäftigte sie sich zum Beispiel
mit den verschiedenen Phasen ihrer erkrankten Haut
von trocken und aufgerissen bis pulsierend. Wie Berger habe ich meine eigenen Ekzeme und Symptome
der Neurodermitis-Erkrankung betrachtet und eine
Übersicht erstellt:
Trockene Haut und Heuschnupfen habe ich eigentlich
schon immer. Nach einem Besuch der Landesgartenschau in Gronau 2003 kam noch Asthma hinzu. Ich
musste daraufhin Desensibilisierungsspritzen ertragen und durfte im Sommer draußen nicht am Sportunterricht teilnehmen. Während der Schulzeit war
meine Haut oft auch gereizt, gerade wenn es auf Tests
zuging, doch erst mit der Abschlussprüfung 2009 in
der Realschule zeigten sich die ersten Ekzeme. Die
Versuche, meine Ekzeme zu überdecken, scheiterten
und ich musste damit leben, dass es hieß, ich hätte
mich geschlagen, da bei mir die Ekzeme überwiegend um die Augen herum auftreten. Inzwischen
habe ich begriffen, was man schon im 18. Jahrhundert verstanden hatte, als es zu einer Trennung von
Schminkkunst und -arznei kam: Makel müssen nicht
überschminkt, sondern geheilt werden. Neurodermitis ist etwas, womit man eben leben muss – es gibt
wahrlich Schlimmeres!
„In Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821)
wird die Formel geprägt, ´der Mensch ohne Hülle
ist eigentlich der Mensch`“7. Lässt sich diese Formel
nicht vielleicht umschreiben in „Der Mensch mit verletzer Hülle ist eigentlich mehr Mensch“? Schließlich
gibt er, wenn auch unfreiwillig, mehr von sich preis,
als mit geschlossener Hauthülle.
Jemima Wittig
Meine Lebenstätowierungen
Fußnoten
1 Anzieu, Didier: Das Haut-Ich, Frankfurt am Main, 1996, S. 51.
2 ebenda S. 60.
3 ebenda S. 51.
4 ebenda.
5 ebenda S. 52.
6 ebenda S. 142.
7 Benthien, Claudia: Haut, Literaurgeschichte-Körperbilder-Grenzdiskurse, Hamburg, 2002 (2. Auflage), S. 96.
Literaturverzeichnis:
Anzieu, Didier: Das Haut-Ich, Frankfurt am Main, 1996.
Benthien, Claudia: Haut, Literaurgeschichte-Körperbilder-Grenzdiskurse, Hamburg, 2002 (2. Auflage).
Kolhoff-Kahl, Iris: Bild-H(a)eute im Kontext von ästhetischer Bildung zwischen Kunst und Textil, In: ...textil... 4/2002, S. 18-38.
Martius, Philipp: Psychosomatische Aspekte des atopischen Ekzems, S. 139-144, In: Abeck, Dietrich, Ring, Johannes (Hg.): Atopisches Ekzem im Kindesalter Neurodermitis, Darmstadt, 2002
http://www.apotheken-umschau.de/Neurodermitis, besucht am 22.02.2014.
http://bergertheresa.blogspot.de/2012/06/atopie-2012.html, besucht am 23.02.2014.
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Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Jemima Wittig - Abziehen der beschädigten Haut
Abb. 2: Jemima Wittig - gestaltete Gipsmaske als zweite Haut
Haut an Haut.
Eine Geschichte vom stillen Verrat der Haut. Hör gut zu.
gesprungen. Sie trank schon lange nicht mehr, aß
auch nicht mehr. Und ihre Haut war, ich konnte mich
nicht erinnern wann, zu einer Hülle geworden, aus
der sie jeden Moment hinaus zu schlüpfen schien.
Ich nahm ihre Hand, wie um sie fest zu halten und
glaubte, dass sie bleiben würde. Sie fühlte sich glatt
und weich an. Während sie ihr an einigen Stellen
längst zu groß geworden war, spannte sich ihre Haut
an den Fingergelenken straff um die Knochen.
Bevor ich sie berührte, wusch ich mir die Hände,
um nicht warm und mit sanftem Druck den Tod auf
ihr zu hinterlassen. Eine Erkältung, unsichtbar und
erbarmungslos, würde ausreichen. Wenn ich dabei
in den Spiegel schaute, der zwischen Seifenspender
und dem Desinfektionsmittel hing, sah ich sie in
meinem Gesicht. Nicht, weil sich neben meinen Augen die gleichen Falten von zu viel Glück aufschmissen, sondern, weil ich ihr Sterben auf meiner Stirn,
meinen Wangen, in den dunklen Ringen entdeckte.
Mit den Jahren waren mehr Narben – mehr Bewei- Zorn, Angst und nur wenig Schlaf hatten sich langse, dafür, dass sie wusste, was sie sagte – dazu ge- sam eingezeichnet. Ich war blass. Sie war blass und
kommen. Bei ihr und bei mir. Im grellen Licht der unter der Haut, die so dünn und durchsichtig war
Hallogenröhre glänzte ein feiner Strich über ihrem wie Seide, sah ich wie ihr Leben grau-blau und zöMund silbrig. Eine Tapferkeitsmedaille, sie hatte nie gerlich dahinfloss.
geweint. Darunter waren ihre Lippen spröde und
Sie war jedes Mal, wenn sie einen Roller oder später ein Fahrrad unsanft auf den Asphalt aufschlagen hörte, mit dem kleinen Jodfläschchen, das auf
dem obersten Brett im Badezimmerschrank stand,
auf den Hof oder den Bürgersteig vor dem Mietshaus hinaus gelaufen. Der Anblick des Fläschchens,
der nahende Gipfel des Schmerzes auf der offenen
Haut, ließ das Weinen noch lauter werden, bis es in
ihren schützenden Armen verstummte. Erst viel später fiel mir auf, dass das Jod, die Haut wirklich wie
die eines Indianers aussehen ließ. Rotbraun. Kriegerisch. Furchtlos. Unter dem Saum des Ausschnittes ihres weißen Nachthemdes sah ich den gleichen
leuchtenden Rand, den ich stolz zur Schule getragen
hatte, damit jeder sehen konnte, wie tapfer ich war.
Von den Tränen sagte ich nichts.
der Kasse im Supermarkt bemerkt hatte, dass sie ihr
Portemonnaie vergessen hatte. In Wahrheit, hatte
sie sich Wundgelegen und die Entzündung trieb das
warme Blut wallend durch die feinen Gefäße.
Der Tag an dem ihre Haut noch kälter war als bisher,
die letzte Farbe aus ihrem Gesicht gewichen war
und mir die wulstigen Einstiche auf ihrem Handrücken und die tiefen Furchen neben ihrer Nase zum
ersten Mal mit aller Bedrohlichkeit auffielen – wie
hatte ich sie übersehen können? – kam trotz allem
Warten plötzlich. Ich stand neben dem Bett, sah sie
daliegen, in sich, der äußeren Hülle zusammengefallen und spürte kalten Schweiß auf meiner Stirn.
Mehr Salz rann über mein Gesicht und brannte, wo
ich mich am Morgen beim Rasieren geschnitten hatte. Ich biss mir auf die Wange. Ich dachte an IndiMan sagte mir, man könne nichts mehr tun. In ihr, aner und fragte mich, ob die Zeit lang genug sein
verborgen unter der ruhigen Oberfläche, hatte sie würde. Sie hatte es doch versprochen.
begonnen sich aufzulösen. Noch wurde alles zusammen, der Schein aufrechtgehalten, aber in Ta- Lea Schwarzwald
gen, vielleicht Wochen, würde man sehen, dass sie
langsam verschwand. Als ihre Wangen vom inneren
Kampf glühten, sagte ich mir, sie dachte leise an ihren ersten Kuss oder daran, wie sie einmal erst an
Abb. 1: Gisela Peter
105
104
Zwischen den schweren Laken befühlte ich ihre kalte
Haut. Immer noch roch sie so vertraut und wenn ich
die Augen schloss und das Surren der Monitore für
das Rauschen der Birken unter ihrem Balkon hielt,
erinnerte ich mich daran, wie ich im Garagenhof
hingefallen war. Ich hatte mir das Knie aufgeschlagen und das Blut, das aus dem dreckigen Loch sickerte, lief an meinem glatten Schienbein herunter.
Die Zeit heilt alle Wunden, hat sie gesagt und weil
das so pathetisch klang und mein Gesicht unter meinem atemlosen Geschrei rot anlief, schob sie schnell
hinterher, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt.
Auch wenn sie Recht hatte und sich der Schorf nach
ein paar Wochen löste und nur eine Narbe blieb,
die kleiner wurde, als ich größer wurde und später
zwischen den Haaren verschwand, wusste ich lange nicht, ob ich ihr glauben konnte. Was, wenn eine
Wunde für die Zeit zu groß war?
Haut-Eng
Ich härte langsam aus.
Verliere meine Zartheit,
Meine Geschmeidigkeit.
Gnadenlos.
Machtlos.
Ich lebe.
Ich atme.
Ich empfinde.
Immer enger umspanne ich dich,
will es nicht.
Auf wem lastet die Schuld?
Mein Sein umfließt deinen
ganzen Körper.
Sichtbar,
dennoch unscheinbar.
Wahrgenommen,
dennoch unbeachtet.
Ich schütze nicht.
Ich produziere nicht.
Ich empfinde nicht.
Wunden dringen tief in mich ein.
Kann die Pein
Noch qualvoller sein?
Ich nehme auf.
Ich produziere.
Ich schütze.
Alles, was mir geschieht,
bringt dich tiefer in Not.
Und mein Tod?
Alles, was ich vollbringe, dient dir
zum Guten.
Alles, was ich tue,
passt sich dir an.
Notwendig,
dennoch bescheiden.
Bin ich lebenserforderlich
und tödlich?
Mein Schicksal nimmt dich gefangen,
doch bitte vergib
mein geheimes Verlangen:
Ich kommuniziere.
Ich präsentiere
Ich identifiziere.
Erlösung
Durch Lösung.
Wiederspiegelung,
Dennoch Verfälschung?
Atme ich?
Lebe ich?
Ich glaube nicht.
Stefanie Schelenberg
Abb. 1: Altes Gewölbe - Christoph Aron / © PIXELIO.
107
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Erst nur plötzliche Verfärbungen,
Krampfartig an den Fingerspitzen.
Kälte.
Mein Schutz, von dem ich erzählte,
setzt aus.
Abb. 1: Schuppenflechte - Marina Hoffmann
Abb. 2: Acne Vulgaris - Marina Hoffmann
Rissig, schuppig, sich weiß schälend, vom Körper lösend, wie leise rieselnde Flöckchen. Roter Untergrund,
leuchtend, schmerzend, entzündete Haut. Zieht sich
vom Fußgelenk über den Knöchel hoch bis zur Wade.
Geschwungen, verkrustet, aufgefächert.
Eitrig, erhaben, wie ein kleiner Berg mit weiß-pudriger
Spitze. Roter Kranz, gespannt und verstopft. Weiche
Wangen, übersät mit roten Punkten.
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„Stickdermitis“
„Stickdermitis“
Konzept zu „Stickdermitis“
Die Erkrankung der Haut als
künstlerisch-ästhetischer Hautschmuck.
Die Haut dient als Material und Medium der künstlerischen Transformation und Auseinandersetzung mit den
Themen Haut und Hülle sowie Haut und Kleid. Das Sticken ist dabei ein Spiel mit der Identität, welche die
Haut nach außen hin verkörpert und nach innen transportiert. Sie wird von der Nadel durchlöchert, durchstochen und die entstellende Krankheit wird in der Haut fixiert.
Biografische Spuren, die durch die natürliche Erneuerung der Haut, Cremes und Tinkturen sonst mehr und
mehr verblassen würden, erhalten als gestickte Fläche eine konservierte Wertigkeit. Die Hautkrankheit, welche die Hülle des Ichs verletzt und beeinträchtigt, wird durch den Akt des Stickens zu etwas Kostbarem; sie
wird im textilen Kontext andersartig sinnlich erfahrbar. Das Gewebe ist weich, ästhetisch schön und eröffnet
einen neuen Blick auf das abstoßende, nicht dem alltagsästhetischen Ideal entsprechende Krankheitsbild.
Marina Hoffmann
Abb. 3: Gürtelrose - Marina Hoffmann
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Blumig, rankenartiges Gebilde. Juckt und brennt. Zieht
sich vom linken Beckenknochen über die Unterseite des
Bauches bis hin zum Schambein. Rote Quaddeln und
Pusteln, ein Gürtel, blättrig wie eine Rose.
Wenn Menschen
vor Laternen laufen
und Punkerinnen
es nicht glauben
können
Albinismus: Wie lebt
Christiane Velling
mit dieser „Laune der Natur“?
geborene Stoffwechselstörung Albinismus. Die Erbkrankheit beeinträchtigt die Bildung des Pigmentes
Melanin, das für die Färbung von Haut, Haaren und
der Augen zuständig ist. Die Erbkrankheit ist in der
Keinen Führerschein machen zu dürfen stört ChrisFamilie väterlicherseits bekannt. „Die Wahrscheintiane Velling am meisten. „Mit dem Aussehen kann
lichkeit, dass die auch aufeinandertreffen ist eine
ich leben. Ich steh' dazu. Ich hab kein Problem damit,
Laune der Natur“, sagt sie, denn sowohl die Mutter
ich bin eben so und damit fertig.“ Mit einer Sehstärke
als auch der Vater müssen denselben Gendefekt in
von insgesamt nur zehn Prozent wird sie inzwischen
sich tragen.
als 100 Prozent schwerbehindert eingestuft. Die geringe Sehkraft ist sie gewohnt. Sie kennt es nicht anders. „Ich seh' normal, also scharf. Was es schwierig „... und trotzdem ist etwas Aufregung zu
macht, ist das zu erklären. Weil ich die Vergleiche ja spüren.“
nicht ziehen kann. Ich versuch' es immer mit einem
hochgepixelten Bild zu erklären.“ Ihr fehlt das Detail- Das Gespräch mit Christiane Velling findet an einem
sehen, die Kleinigkeiten. Selbst Fahrradfahren bedeu- Tag im Dezember 2013 in Köln statt. Es ist ein schöner
tet für Christiane Velling Stress, „deswegen besitzen Tag. Blauer Himmel, schneelos und kalt. Sie wartet in
wir ein Tandem“, sagt sie und scheint glücklich über der Eingangshalle des Hauptbahn-hofs.
die Alternative zu sein. Die Ursache dafür ist die an-
„Da hieß es vom Jugendamt ...“
Sie wirkt selbstbewusst und zufrieden. Doch in ihrer Kindheit war das nicht immer so. Schon mit eineinhalb Jahren trug sie eine getönte Brille. „Kinder
können ja auch grausam sein, das passiert mir jetzt
nicht mehr, aber die haben mir oft hinterher gerufen:
Oh guck mal, da ist der Heino.“ Den Einschulungstest
hat sie aufgrund ihrer geringen Sehstärke nicht bestanden. „Da hieß es vom Jugendamt: Die geht auf
'ne Lernbehindertenschule. Da hat mein Vater damals gesagt: Die ist nicht lernbehindert, die kann nur
schlecht sehen. Ich bin 1964 geboren, da hat es keinen interessiert, was Albinismus ist.“ Daraufhin kam
Christiane Velling auf eine Sehbehindertenschule
und danach auf ein Gymnasium. „Ich hatte einen neben mir sitzen, der musste mir immer helfen, wenn
ich was nicht lesen konnte. Und ich sag' immer, ich
hab meine Lehrer dressiert, nachher auf dem Gymnasium, indem ich, wenn die angeschrieben haben,
immer gesagt hab', sie sollen's vorlesen während sie
schreiben und dann hab ich mitgeschrieben“, erzählt
sie und der Eindruck einer willensstarken Frau bestätigt sich. Ihre Eltern haben ihr beigebracht, selbstbewusst zu sein. „Ohne das Selbstbewusstsein schafft
man das nicht.“ Seit Mitte letzten Jahres ist die Inklusion an Schulen im Schulgesetz verankert, „aber
wenn ein Lehrer nicht dahinter steht, vor allem in der
Grundschule, ist das schwierig. Da kämpft man gegen
Windmühlen.“
Albinismus (lat.: albus=weiß) beschreibt eine Gruppe von Erbkrankheiten.
Oculocutaner Albinismus (OCA) betrifft die Augen (oculo), das Haar und die
Haut (cutan). Oculärer Albinismus (OA) betrifft hauptsächlich die Augen.
Christiane Velling, 49, leidet an OCA 1 Albinismus. Der Albinismustyp kann durch eine Genanalyse
festgestellt werden. Bei OCA Albinismus müssen beide Elternteile Träger der gleichen Albinismusform sein. In Deutschland leben schätzungsweise 5000 Menschen mit Albinismus. OCA 1 Albinismus
zeichnet sich durch das erblich bedingte Fehlen des Stoffwechselenzyms Tyrosinase aus, wodurch
in den Zellen kein Melanin gebildet werden kann. Haut, Netzhaut und Haare haben somit keine
Färbung und bieten daher auch nur geringen Schutz vor äußeren Einflüssen. In westlichen Ländern
besteht für Menschen mit Albinismus jedoch kein erhöhtes Hautkrebsrisiko.
Vor allem in Ländern mit einer vorwiegend dunkelhäutigen Bevölkerung werden Menschen mit Albinismus häufig diskriminiert. Im Sudan oder Mali gelten Menschen mit Albinismus als Unglücksbringer, in Simbabwe wurden Frauen mit Albinismus vergewaltigt, da dies als Heilung von einer
HIV-Infektion galt, in Tansa¬nia, Burundi, Kenia, Kongo und Uganda „ist seit einigen Jahren der Aberglaube verbreitet, dass Menschen mit Albinismus übernatürliche, glückbringende Kräfte besitzen.“
Ihre Gliedmaßen (Arme, Beine) werden auf dem Schwarzmarkt hoch gehandelt. Aus den Knochen
wird ein Pulver gewonnen, das als Zaubermittel und „Hilfsmittel auf der Suche nach Gold“ teuer
verkauft wird.
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„... ich versuch' es immer mit einem
hochgepixelten Bild zu erklären.“
Ihre Begrüßung und der feste Händedruck wirken
souverän und trotzdem ist etwas Aufregung zu spüren. Wir beschließen, in ein nahegelegenes, ihr bekanntes Café zu gehen. Auf dem Weg er-zählt Christiane Velling, dass sie Zuhause gerade noch gebügelt
hat. Sie und ihre Schwiegermutter sind mit dem Zug
nach Köln gekommen. Kostenlos. Das sei der Vorteil an einem Behindertenaus-weis, sagt sie und
schmunzelt. Sie läuft zielstrebig und sicher. Hier und
da erzählt sie eine kurze Ge¬schichte zu Gebäuden,
Plätzen und Bäumen, an denen wir vorbeikommen.
Im Café ist es laut. Wir setzen uns an einen kleinen
Tisch in der Ecke. Christiane Velling nippt an ihrem
Latte Macchiato.
„Ich habe ein Samsung Galaxy ...“
Christiane Velling ist fast 50 Jahre alt. Sie hat schneeweißes, kurzes Haar. Ihre blauen Augen wer-den von weißen Wimpern und
Augenbrauen gerahmt. Sie trägt eine Brille mit dunkelroter Fassung. Ihre Haut ist hell und leicht gerötet. Sie erzählt mit fester,
schneller und fast belehrender Stimme, während ihre blauen Augen konstant zittern. Das liegt am sogenannten Nystagmus, ein
Augenzit¬tern, das ungefähr 90 Prozent aller Menschen mit Albinismus haben, berichtet sie. Sie öffnet ihre Handtasche und
packt erläuternd den Inhalt aus. „Ich habe ein Samsung Galaxy und genieß' es“, erzählt sie, während sie ihr Handy mit integrierter Vergrößerungseinstellung herausholt. Mit dem Monokular, einem einäugigen Fernglas, kann sie Dinge nah heranholen.
Schauen die Menschen Sie komischen an, wenn Sie das Monokular in der Öffentlichkeit benutzen? „Das ist ja mein Vorteil. Ich
seh' das nicht, wenn die doof gucken“, sagt sie und lacht. Die Lupe mit 3,5-facher Vergrößerung war schon immer wichtig, „damit habe ich meine ganze Schullaufbahn bestritten“. In ihren Worten schwingt ein wenig Stolz mit.
„Ich hatte damals einen Chef, der unbedingt Schwerbehinderte einstellen
wollte ...“
Nach der Ausbildung zur Bürokauffrau arbeitete sie in
der Verwaltung der Deutschen Bundeswehr. Haben
Sie in Ihren Bewerbungen Ihre Behinderung angegeben? Sie nickt. „Ich hatte damals bei der Bundeswehr
einen Chef, der unbedingt einen Schwerbehinderten
einstellen wollte, weil er's cool fand.“ Bis zur Geburt
ihres ersten Sohnes arbeitete sie dort. Seit der Erziehungszeit ihrer beiden Söhne verdient nur noch ihr
Mann ein volles Gehalt. Christiane Velling bessert
die Haushaltskasse mit Nebenjobs auf. „Vielleicht
können wir nicht die Sprünge machen, die jemand
macht, der zwei Gehälter hat und fahren nicht nach
Südafrika in Urlaub“, sagt sie, und fügt dann hinzu,
dass sie glücklich sind und damit leben können. „Wir
haben ein Haus und fahren sechseinhalb Wochen in
Urlaub insgesamt“, berichtet sie und wirkt zufrieden.
Haben Sie Angst, dass sie den Gendefekt an ihre Söhne weitervererbt haben könnten? „Ist ja dann nicht
mehr mein Problem“, sagt sie und lacht. „Die sind ja
damit aufgewachsen und kennen es, ich würd' mir da
jetzt keine Gedanken ma¬chen.“
kommen. Dazu könnt' ich ja auch was erzäh-len“, hat
sich Christiane Velling damals gefragt. Ein Jahr später
wird sie von einer ehemaligen Schul¬kameradin, die
zur besagten Zeit in der Redaktion von Ilona Christen arbeitete, angerufen und als Gast in die Talkshow
eingeladen. Dort begegnete sie Frau Gerhard, der
damaligen ersten Vorsitzen¬den der Noah e.V. (Nationale Organisation für Albinismus und Hypopigmentierung) und trat dar¬aufhin im Oktober 1995 der
Selbsthilfegruppe bei. „Für mich persönlich bringt's
nichts mehr, oder nicht viel, bei Noah. Man kann zwar
nette Leute kennenlernen, die kann man auch woanders ken¬nenlernen. Es gibt jedoch Familien mit
kleinen Kindern, die können von dem, was ich erlebt
hab' und andere Erwachsene erlebt haben, profitieren. Albinismus ist keine Krankheit, weil 'ne Krankheit kann ich mit Operationen oder Medikamenten
heilen oder lindern. Es gibt nichts, was man machen
kann, weder heilen noch lindern. Damit muss man
leben. Das sag' ich auch immer den ganzen Eltern. Es
ist für uns normal, wir werden so geboren, wir kennen es gar nicht anders.“ Christiane Velling war drei
Jahre zweite Vorsitzende, daraufhin drei Jahre erste
Vorsitzende bei Noah. Heute ist sie für die Regionalgruppe NRW zuständig.
Im Januar 1994 strahlte der Privatsender RTL die
Hans Meißer Talkshow mit dem Thema Albinis-mus
aus. „Toll, wie sind die denn an die Kandidaten ge-
Von Haare färben, Kontaktlinsen und bräunender Bodylotion hält Christiane Velling nicht viel. Sie würde
sich dabei unwohl fühlen. „Ich bin schön genug, finde
ich. Ich brauche diese ganze Schmin-kerei nicht“, sagt
„Das sind so Sachen, die bleiben einem
einfach in Erinnerung.“
Christiane Velling wünscht sich, dass die Menschen
aufgeschlossener werden. Dass man sich traut zu
fragen. „Ich bin mit meinem Mann mal spazieren gegangen und uns kam jemand entgegen, ist dann an
uns vorbeigegangen, hat sich dann nochmal umgedreht und wollte nochmal gucken und ist dann vor
den Laternenpfahl gelaufen“. Sie lacht. „Das sind so
Sachen, die bleiben einem einfach in Erinnerung“,
erzählt sie und man kann sich regelrecht vorstellen,
dass viele Menschen einfach nur schauen, sich aber
nicht trauen, zu fragen. Auch wünscht sie sich in der
Schule mehr Engage-ment der Lehrer, „Die sind eben
da, dann muss man sich mehr Mühe geben“, sagt sie.
Und fügt dann hinzu, dass die Gesellschaft nicht nur
von Inklusion sprechen, sondern diese Inklusion auch
in allen Lebensbereichen durchführen sollte.
„Erst jetzt wird nochmal richtig deutlich, wie wenig zehn Prozent sind ...“
Die Latte Macchiatos sind längst ausgetrunken. Wir
saßen fast zwei Stunden im Café und haben uns über
Albinismus, Gott und die Welt unterhalten. Beim
Verlassen des Cafés läuft Christiane Velling voraus
und übersieht die eine Stufe, die nach unten auf
die Fußgängerzone führt. Sie stolpert und fängt sich
erschrocken wieder. Normalerweise lässt sie ihren
Mann voraus laufen, erinnere ich mich an eine Stelle
im Gespräch. Erst jetzt wird nochmal richtig deutlich,
wie wenig zehn Prozent sind und wie viel Christiane
Velling in ihrem Leben zu kämpfen hat.
Interview geführt von:
Interviewte Person:
Datum des Interviews:
Ort des Interviews:
Jasmina Saddedine
Christiane Velling
9. Dezember 2013
Köln
115
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„Vor 30 Jahren wurde sie von Punke„Es gibt nichts, was man machen kann rinnen angesprochen ...“
...“
sie lachend, „ich muss nicht anders aussehen“. Als sie
sich die Haare abschneiden ließ, wurde sie von der
Friseuse gefragt, ob sie das Färben an einer Strähne
ausprobieren dürfe. Doch die schwarze Farbe hielt
nicht lange. Durch den Pigmentmangel nimmt ihr
Haar die Farbe nur schlecht auf. Vor 30 Jahren wurde Christiane Velling auf einer Straße auf Sylt von
Punkerinnen ge¬fragt, wie sie denn ihre Haare so
weiß bekomme. Mit den Worten „Guck doch, mein
Haaransatz ist nicht farbig“ musste sie die ungläubigen Punkerinnen aufklären, erzählt sie lachend. Mit
Kontaktlinsen kommt sie nicht zurecht und außerdem würde sie sich ohne Brille fremd vorkommen.
Sie krempelt die Ärmel ihres grauen Kapuzenpullis
hoch und fährt sich über die Haut. Ihre Pigmentflecken sind rot und ihre Leberflecken ohne Farbe. Sonnencreme benutzt Christiane Velling Zuhause eher
selten, „ich habe meine Haut dran gewöhnt. Ich setze mich ja nicht in die pralle Sonne, selbst mit Eincremen such' ich mir dann schon den Schatten“. Im
Großen und Ganzen fühlt sie sich in ihrer Haut wohl.
„Es gibt immer mal Phasen, wo das nicht so ist, aber
das ist wahrscheinlich bei jedem Menschen mal so.“
sen.“ Schon bald vergaß das Kälbchen den Schmerz, schenkte seiner Mutter ein warmes Lächeln und schaute durch die
spröden Stallwände in die Nacht hinaus. Als das Kälbchen eine
Sternschnuppe zwischen den funkelnden Sternen sah, schloss
es fest die Augen und wünschte sich, später einmal wie seine
Mutter zu sein.
Die Nacht war kühl und der Morgen düster, als das glückliche
Leben im Stall ein jähes Ende nahm. Das kleine Kälbchen verstand die Anspannung der anderen nicht, als vor dem Stall ein
lautes Geräusch zu hören war. Quietschende Reifen und ein
laufender Motor durchbrachen die Stille. Dann öffneten sich
die großen Stalltüren und sechs Männer kamen hinein. An
ihren blanken Armen trugen sie Handschuhe, die dicke, weiße Narben verdeckten. Das Kälbchen wurde ängstlich, suchte
nach den warmen Augen seiner Mutter. Die Männer näherten
sich und das Kälbchen rief nach ihr, doch sie war nicht da. Das
kleine Kälbchen konnte sich nicht wehren, als die groben Hände seinen weichen Körper packten und aus dem Stall trugen.
Es trat um sich und seine sternenförmige Wunde am Knie riss
auf. Doch diesmal weinte das Kälbchen nicht, Stille breitete
sich aus, dann Dunkelheit.
%
HÄUTE BRAUCH' ICH,
TASCHEN MACH' ICH
Als die hellen Strahlen des Mondes eines Nachts ihren Weg durch die dunklen Bretterwände des Stalls fanden und die feuchte Nase des Kälbchens kitzelten, öffnete es verschlafen seine Augen. Es war hungrig und
so machte sich das kleine Kälbchen auf den Weg zum Futtertrog, vorbei an den vielen anderen Kühen, die
leise schliefen. Doch das Kälbchen stolperte in der Dunkelheit und schlug sich dabei das Knie auf. Blut floss
aus der Wunde, das Kälbchen begann zu weinen und lief zurück zu seiner Mutter. „Kleines Kälbchen, weine
nicht“, sagte sie. „Schau hin. Die Wunde sieht aus wie ein Stern und der wird nun immer auf dich aufpas-
Nach einer langen Reise verließ das kleine Kälbchen den Transporter und lief in einen großen, kühlen Raum,
der so weiß und rein war wie der große Vollmond, der in der letzten Nacht am Himmel stand. Dann wurde
das Kälbchen erneut von dicken rauen Händen gepackt. Es erschrak und schrie, doch niemand konnte es
hören, als es in eine Ecke gezerrt und auf den Boden gedrückt wurde. Es schloss fest die Augen, dachte an
seine Mutter und fasste allen Mut zusammen. Für einen Moment schien es, als hätte das kleine Kälbchen die
Chance, zu entkommen, doch schon bald verließ ihn die Kraft und es hörte auf, sich dem starken Druck der
großen Hände zu widersetzen.
Als sich scharfe Klingen in den kleinen Körper des Kälbchens bohrten, Stück für Stück, immer tiefer, spürte es
einen stechenden Schmerz. Und als das rote Blut aus den Wunden floss und man ihm die Haut vom Körper
riss, Zentimeter für Zentimeter, erinnerte es sich an seinen Wunsch. Es würde nie so wie seine Mutter werden, denn es war zum Sterben geboren.
Doch all das wusste das junge Mädchen nicht, das eines schönen Tages in die Stadt ging, um sich mit ihren
Freundinnen zu treffen. Auf dem Weg dorthin machte sie an einem Schaufenster Halt, in dem eine Tasche
stand, aus echtem Kalbsleder, für wenig Geld. Das Mädchen beschloss, sich die Tasche zu kaufen. Denn sie
war hübsch, von hoher Qualität und günstig. Doch eines sei gewiss: Wenn das Kälbchen nicht für seine Haut
gestorben wär', dann lebte es noch heute.
Kim Ernst
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Es war einmal ein Kälbchen, das fühlte sich nirgendwo geborgener, als in der Nähe seiner Mutter. Die beiden
tollten oft im Stall herum und das Kälbchen konnte es jeden Abend kaum erwarten, wenn es sich im knisternden Stroh an den warmen Körper seiner Mutter lehnen konnte, während sie ihm Geschichten erzählte.
Geschichten von tollkühnen Kühen, kleinen Kälbchen, großen Wundern und der Freiheit.
Als das Kälbchen aus seinem Schlaf erwachte, war es von Dunkelheit umgeben. Es hatte keinen Platz und konnte sich nicht
bewegen. Zu viele andere Kälbchen lagen neben ihm. Nur wenige zarte Sonnenstrahlen schienen durch die feuchten Wände
des Tiertransporters und das Kälbchen spürte die Einsamkeit.
Große Tränen liefen ihm über das haarige Gesicht, es sehnte
sich nach seiner Mutter und es fühlte sich verlassen und einsam.
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Abb. 1: vorher hässlich markellos - Helena Kampschulte