Beinamputation – was bedeutet das für mich?

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Beinamputation – was bedeutet das für mich?
Beinamputation –
was bedeutet das für mich?
Ein Ratgeber für Patienten und Angehörige
inklusive Prothesen Service-Pass
medi. ich fühl mich besser.
2 • Beinamputation • Patientenratgeber
Beinamputation
– was bedeutet
das für mich?
Eine Beinamputation ist ein deutlicher Einschnitt
im Leben eines jeden Betroffenen und dessen
Angehörige und bringt viele Veränderungen
mit sich. Und natürlich kommen viele Fragen
und Ängste auf: Kann ich jemals wieder laufen
und meinem geregelten Alltag nachgehen?
Was passiert im Krankenhaus und in der Rehabilitation? Wie sieht eine prothetische Versorgung aus und welche ist die richtige für mich?
Dieser Ratgeber soll Sie dabei unterstützen, sich
mit der neuen Situation zurecht zu finden, Ihnen
grundlegende Fragen beantworten aber vor
allem Mut machen, dass ein Leben voll Lebensqualität genauso möglich ist, wie zuvor!
Herzlichst,
Ihr medi Team
Patientenratgeber • Beinamputation • 3
4 • Beinamputation • Patientenratgeber
6
42
Wichtige Fragen
Der Umgang mit
Ihrer Beinprothese
9 Was ist Amputation
10Amputationshöhe
12 Vor der Amputation
44Mobilitätsklassen
46 Aufbau einer
Beinprothese
56 Tipps zum richtigen
Umgang mit der
Beinprothese
63 Service-Pass
Wartung Prothese
14
Die Zeit danach
17 In der Klinik
26 Während der
Reha-Behandlung
34 Schmerzen nach
der Amputation
64
Beinamputiert und
mitten im Leben
70 Selbsthilfegruppen
Patientenratgeber • Beinamputation • 5
6 • Wichtige Fragen • Patientenratgeber
Wichtige Fragen
rund um eine
bevorstehende
Beinamputation
Patientenratgeber • Wichtige Fragen • 7
8 • Wichtige Fragen • Patientenratgeber
Amputation – was
ist das eigentlich?
Unter einer Amputation
versteht man das chirurgische
Abtrennen eines Körperteils
(z. B. Gliedmaßen bzw. Gliedmaßenteile, Brustdrüsen,
Gebärmutter usw.). Das
Abnehmen des Körperteils
erfolgt dabei entweder in
einem Gelenk (Exartikulation)
oder unter Durchtrennung des
Knochens.
Eine Amputation ist notwendig,
wenn das betroffene Körperteil
so schwer erkrankt bzw. verletzt
ist, dass entweder seine Erhaltung und Wiederherstellung
unmöglich sind, oder von ihm
eine Lebensgefahr durch
Übergreifen der Erkrankung
auf die anschließenden bzw.
benachbarten Körperregionen
ausgeht.
Statistisches Bundesamt und
wissenschaftliches Institut der AOK, 2009.
Baumgartner R., Botta P.: Amputation und
Prothesenversorgung, S.17 ff., 3. Auflage,
2008.
1
2
Gründe für eine
(Bein-)Amputation
Die Ursachen einer Amputation
können vielfältig sein. Während
bei jüngeren Menschen meist
angeborene Fehlbildungen,
Unfälle oder Krebserkrankungen
bzw. Infektionen der Grund sein
können, liegt bei älteren Patienten als häufigste Amputationsursache eine Erkrankung der
Gefäße (insbesondere arterielle
Verschlusskrankheit oder
Diabetes mellitus) vor.1
Als arterielle Verschlusskrankheit
bezeichnet man eine krankhafte
Verengung der Arterien in den
Extremitäten, überwiegend in
Becken und Beinen. Bei dieser
Krankheit verliert das Bindegewebe in den Wänden der
Arterien seine Elastizität,
wodurch die Blutung behindert
ist. Dies kann zur totalen
Blockierung bzw. Verstopfung
führen. Der Sauerstoffbedarf ist
höher als die geringe Blutzufuhr
abdecken kann. Die arterielle
Verschlusskrankheit wird durch
ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Rauchen
beschleunigt.2
Patientenratgeber • Wichtige Fragen • 9
Beinamputationshöhe
– was bedeutet das?
Die Amputationshöhe hat
grundlegende Auswirkung auf
die Rehabilitation und spätere
beinprothetische Versorgung.
Je weiter oben die Amputation
erfolgt, umso schwieriger wird
die Rehabilitation. Das heißt,
dass in der Regel Unterschenkelamputierte einfacher zu
rehabilitieren sind und
bessere Mobilitätsaussichten
haben als Hüftexartikulierte.
1
2
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5
Amputationshöhen
10 • Wichtige Fragen • Patientenratgeber
Amputation im Hüft- und
Beckenbereich
Amputationen im Hüft- und
Beckenbereich können Teile des
Hüftgelenks (Hüftexartikulation), aber auch eine teilweise bzw.
vollständige Entfernung des
Beckens mit der unteren Extremität bedeuten (Hemipelvektomie bzw. Hemikorporektomie).
Jede Form der Amputation im
Hüft- und Beckenbereich bedingt
eine erhebliche Einschränkung
der funktionellen Leistungsfähigkeit. In der Regel ist es
mit einer Beckenkorbprothese
und an Unterarmgehstützen
möglich, kürzere Wegstrecken
zurück zu legen.
1
2 Oberschenkelamputation
Eine Oberschenkelamputation
kann über die gesamte Länge des
Oberschenkels erfolgen. Heute
ist mittels operativer Techniken
auch bei kürzeren Stümpfen eine
gute prothetische Versorgung
mit einem in der Regel tuberumgreifenden Schaft möglich.
Damit ist eine Mobilität gewährleistet und kürzere bis mittlere
Gehstrecken können gut bewältigt werden.
Kniegelenksexartikulation
Bei einer Knieexartikulation wird
die Amputation im Kniegelenk
durchgeführt. Die Gelenksteuerung des Knies geht verloren,
jedoch muss der Oberschenkelknochen nicht durchtrennt
werden. Dadurch entsteht ein
voll belastbarer Stumpf, der gut
prothetisch zu versorgen ist.
Bei gut sitzender Prothese und
normalen Stumpfverhältnissen
sind Gehstrecken mittleren und
auch längeren Ausmaßes
möglich.
Unterschenkelamputation
Die Unterschenkelamputation
wird unterhalb des Kniegelenks
durchgeführt, was die Nutzung
des eigenen Kniegelenkes und
eine gute prothetische Versorgung mit UnterschenkelKurzprothesen erlaubt. Mittelschwere körperliche Tätigkeiten
und selbst das Bewegen auf
unebenem Gelände ist möglich.
5 Symeamputation
Bei einer Symeamputation
werden alle Knochenelemente
des Fußes entfernt, jedoch
ermöglicht die Erhaltung der
Fußsohlenhaut eine hohe
Belastung des Stumpfes.
4
3
Quellen:
Magazin Stolperstein, Ausgabe 13, 12/06, S. 8 f.
Magazin Stolperstein, Ausgabe 17, 09/09, S. 16 f.
Patientenratgeber • Wichtige Fragen • 11
Vor der Amputation
Ihr Arzt wird Sie vor der
Amputation über die gewählte
Amputationshöhe, den Ablauf
der Operation und die ersten
Schritte danach aufklären.
Emotionale Reaktion
auf die Amputation
Es ist immer schwierig, sich mit
dem Gedanken vertraut machen
zu müssen, ein Bein zu verlieren.
Trotzdem bedeutet der Verlust
des Beines nicht das Ende, auch
wenn die Amputation eine
umfassende Veränderung in
Ihrem Leben bedeutet.
Versuchen Sie sich schon frühzeitig mit dem Gedanken auseinander zu setzen und suchen Sie das
Gespräch mit Ihren Angehörigen,
Ärzten und dem Pflegepersonal.
Stellen Sie alle Ihre Fragen und
nehmen Sie die Ihnen angebotene Unterstützung an.
Trotzdem ist es normal, nach der
Amputation eine emotionale
Krise durchzumachen und
dabei verschiedene Phasen und
Gefühle wie Leugnen, Wut,
Depression bis hin zur Akzeptanz
zu durchlaufen.
12 • Vor der Amputation • Patientenratgeber
Versuchen Sie, über Ihre Gefühle
zu reden, Ihre Familie und das
medizinische Fachpersonal
werden für Sie da sein. Vielen
Betroffenen hilft es auch, sich
mit anderen Amputierten über
Ängste und Herausforderungen
des Alltags auszutauschen.
Physiotherapie in der Phase
vor der Amputation
Mit einigen gezielten Übungen
lassen sich Gleichgewichtssinn
und Muskulatur bereits in den
Tagen vor der Amputation auf
die Zeit danach vorbereiten.
•Gleichgewichtstraining:
Um später besser stehen und
gehen zu können, sollte für die
Seite, die nicht amputiert wird,
wenn möglich das Stehen auf
einem Bein – mit und ohne
Gehstützen – geübt werden.
•Krafttraining der Arme:
Zur Erhöhung der Armstützkraft als Vorbereitung auf das
Gehen mit Gehstützen.
•Krafttraining des gesunden
Beines.
Patientenratgeber • Vor der Amputation • 13
14 • Die Zeit danach • Patientenratgeber
Die Zeit danach
Patientenratgeber • Die Zeit danach • 15
16 • In der Klinik • Patientenratgeber
In der Klinik
In den ersten Tagen nach der
Amputation ist es besonders
wichtig, die Wundheilung zu
unterstützen und eine Ödembildung zu verhindern. Ödeme
sind Ansammlungen von
Gewebsflüssigkeit, die nach
einer Operation vermehrt
vorkommen können.
TTm/TFm pop® Konzept
Hierbei handelt es sich um ein
Frühversorgungskonzept, das
durch den Einsatz einer sog.
Silikonhülle (eine Art Strumpf aus
Silikon) positive Auswirkungen
auf Ihre Wundheilung hat, die
Ödembildung verhindert und
Ihre Stumpfform verbessert. Die
Silikonhülle kommt zum Einsatz,
sobald die Drainagen gezogen
sind. Da die Silikonhülle ähnlich
wie ein sog. Prothesenliner (stellt
die Verbindung zwischen
Restbein und Prothese her)
gehandhabt wird, werden Sie
bereits frühzeitig an eine spätere
Linerversorgung gewöhnt und
Ihr Stumpf auf eine prothetische
Versorgung und Mobilisierung
vorbereitet.
Die Silikonhülle besteht aus
einem hautfreundlichen, sehr
glatten Silikonmaterial, das eine
hygienische Reinigung ermöglicht. Die transparente Hülle
erlaubt Ihrem Arzt und dem
Pflegepersonal eine regelmäßige
Sichtkontrolle Ihrer Wunde.
Durch den speziellen Druckverlauf auf den Stumpf wird die
Ödemreduktion und Wundheilung nachhaltig unterstützt,
gleichzeitig wird Ihr Stumpf
geschützt. Häufig wird der
Druck von Patienten auch als
angenehm und schmerzlindernd
empfunden.
Dank einer besonders leichtgleitenden Oberfläche ist das
An- und Ausziehen der Hülle
wesentlich einfacher möglich.
Patientenratgeber • In der Klinik • 17
Lagerung
des Amputationsstumpfes
Das Pflegepersonal wird darauf
achten, dass die Lagerung Ihres
Amputationsstumpfes medizinisch richtig und möglichst
schmerzlindernd für Sie ist. Trotz
allem gilt es auch für Sie selbst
aufpassen, zum Beispiel den
Stumpf im Bett flach zu lagern.
Beim Sitzen im Rollstuhl muss
darauf geachtet werden, dass der
Stumpf flach auf dem Beinbrett
aufliegt und möglichst mit
einem Stoßschutz gesichert
wird.
Flache Lagerung des Stumpfes
Stoßschutz im Rollstuhl
18 • In der Klinik • Patientenratgeber
Vermeiden Sie grundsätzlich:
1.
Ein Kissen oder einen
anderen Gegenstand
unter die Kniebeuge
unterzulegen.
2.
Den Stumpf z. B. beim
Sitzen an der Bettkante
oder im Rollstuhl nach
unten hängen zu lassen.
3.
Den Stumpf mit der
Kniebeuge auf Ihre
Gehstützen aufzulegen
Patientenratgeber • In der Klinik • 19
Gefäßtraining und Frühmobilisierung
Die Mobilisierung nach einer
Beinamputation beginnt mit
Hilfe des Physio- oder Sporttherapeuten bereits direkt
nach der Amputation durch
gezieltes Training. Krankengymnastische Übungen dienen
dazu, die Muskulatur wieder
zu stärken sowie die Durchblutung zu fördern.
Gefäßtraining für
Unterschenkelamputierte
Vor allem für Menschen, die
unter arteriellen Durchblutungsstörungen in den Beinen leiden,
sind die Übungen unbedingt
empfehlenswert und sollten
später auch täglich zu Hause
angewendet werden. Ziel der
Übungen ist eine verbesserte
Zirkulation des Blutes und damit
eine verbesserte Versorgung der
Gliedmaßen. Gleichzeitig sollen
die Muskulatur gestärkt und
Beweglichkeit im Gelenk erhalten werden. Mit Hilfe der
Fachklinik für Amputationsmedizin Osterhofen haben
wir ein spezielles Training für
Beinamputierte konzipiert.
20 • In der Klinik • Patientenratgeber
Es ist wichtig, dass nach jeder
einzelnen Übung die Entspannungshaltung eingenommen
wird (Aufsitzen, Füße nach unten
hängen lassen), damit das Blut
mit Hilfe der Schwerkraft zurück
in die Gefäße fließen kann.
•Jede Übung sollten Sie mit drei
Sätzen und einer gewissen
Anzahl von Wiederholungen
durchführen. Stellen Sie selber
fest, wie viele Wiederholungen
der Bewegung innerhalb eines
Satzes möglich sind – wenn Sie
ermüden, einfach aufhören.
Zählen sie am Besten beim
ersten Satz mit und reduzieren
Sie die Anzahl der Bewegungen
bei jeder Wiederholung der
Übung z. B.
•beim ersten Mal schaffen Sie
25 Bewegungen;
•bei der 1. Wiederholung nach
der Entspannungsphase
(= zweiter Satz) machen Sie die
Bewegung nur noch 20 Mal,
•bei der 2. Wiederholung
(=dritter Satz) nur noch 15 Mal.
•Führen Sie das Gefäßtraining
ruhig und fließend ohne ruckartige Bewegungen aus.
•Verspüren Sie bei einer Übung
Schmerzen, beenden Sie die
Übung sofort und sprechen Sie
mit Ihrem Arzt. Bei Problemen
wenden Sie sich bitte an Ihren
Arzt und/oder Physiotherapeuten.
•Die Übungen können Sie zu
Hause auf dem Bett oder auf
der Couch liegend durchführen.
Weitere Hilfsmittel werden nicht
benötigt.
•Atmen sie während der Übungen
normal weiter, vermeiden sie ein
Anhalten der Luft oder eine
Press-Atmung.
Patientenratgeber • In der Klinik • 21
Übung 1: Für die amputierte Seite
Übung 2: Für die erhaltene Seite
1. Ausgangsposition im Liegen:
Bein hochnehmen, die Hände hinter
dem Knie verschränken. Nun den Fuß in
der Hochlage abwechselnd nach vorne
strecken und wieder anbeugen. Dies
solange wiederholen, bis sich ein Ziehen
in der (Waden-) Muskulatur bemerkbar
macht.
1. Ausgangsposition im Liegen
Stumpf hochnehmen, die Hände hinter
dem Knie verschränken. Nun das Knie
abwechselnd strecken und beugen. Dies
solange wiederholen, bis sich ein Ziehen
in der Muskulatur bemerkbar macht.
2. Entspannungsphase:
Zur Entspannung aufsetzen, das Bein
und den Stumpf nach unten hängen
lassen und mindestens zwei bis drei
Minuten warten. Erst dann mit der
nächsten Wiederholung beginnen.
22 • In der Klinik • Patientenratgeber
2. Entspannungsphase
Zur Entspannung aufsetzen, das Bein
und den Stumpf nach unten hängen
lassen und mindestens zwei bis drei
Minuten warten. Erst dann mit der
nächsten Wiederholung beginnen.
Übung 3
1. Ausgangsposition im Sitzen:
Standbein und Stumpf zunächst nach
unten hängen lassen. Nun im Gegenspiel den Stumpf strecken und zeitgleich das Bein anbeugen.
2. Dies im Wechsel bis zur Ermüdung
der Muskulatur durchführen.
3. Entspannungsphase
Zur Entspannung aufsetzen, das Bein
und den Stumpf nach unten hängen
lassen und mindestens zwei bis drei
Minuten warten. Erst dann mit der
nächsten Wiederholung beginnen.
Frühmobilisierung nach der
Amputation
Ihr Physiotherapeut wird Sie
bereits kurz nach der Amputation am Bett besuchen und erste
Übungen mit Ihnen durchführen.
Dazu zählen:
•Atemtraining
•leichte Ausdauerbewegungen
zur Steigerung des Blutdurchflusses und somit zur Vorbeugung einer Thrombose
•Lagerungsübungen und
Anspannungsübungen mit
eigenem Hochstemmen
•Transferübungen zum Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl
•Kräftigung der Hüft-, Rumpf-,
Bauch- und Rückenmuskulatur
•Mobilisierung des amputierten
Beines zur Erhaltung der
Gelenkbeweglichkeit
•Stand- und Gleichgewichts­
training
•Gangschule ohne Prothese
Patientenratgeber • In der Klinik • 23
Die erste Prothesenversorgung
Ihren Orthopädietechniker
lernen Sie in der Regel bereits
beim Ausmessen und Anpassen
der bereits angesprochenen
postoperativen Silikonhülle
kennen. Abhängig vom Verlauf
Ihrer Wundheilung bestimmt
dann Ihr Arzt in Absprache mit
dem Orthopädietechniker den
richtigen Zeitpunkt für die Anpassung der ersten Prothesenversorgung.
Ist ein Termin gefunden, besucht
Sie der Orthopädietechniker und
macht einen Gipsabdruck Ihres
Stumpfes. Von diesem Abdruck
wird dann Ihr erster Schaft
(entspricht der individuellen
Stumpfform und umfasst das
Restbein) modelliert. Dabei gibt
es verschiedene Techniken zur
Schaftgestaltung – Ihr Orthopädietechniker wird Sie gerne
beraten.
24 • In der Klinik • Patientenratgeber
Die erste Prothese nach der
Amputation wird als Interimsprothese – also als vorläufige
Prothese – bezeichnet. Diese
dient zur Überbrückung für die
erste Zeit nach der Amputation,
in der sich Ihre Stumpfverhältnisse (Zu- und Abnahme des
Stumpfvolumens) noch stark
verändern können.
Sobald sich Ihr Stumpf stabilisiert hat, fertigt Ihr Orthopädietechniker Ihren Definitivschaft,
stellt die verschiedenen Passteile
zusammen und passt Ihre
Prothese an Ihre individuellen
Bedürfnisse optimiert an. Mehr
zu den einzelnen Bestandteilen
einer Prothese und deren
Funktion finden Sie ab Seite 46,
zum Thema Reinigung und
Hygiene auf Seite 58.
Ihr Orthopädietechniker erklärt
Ihnen beim ersten Anpassen die
verschiedenen Funktionen und
gibt Ihnen Hinweise zum
richtigen Umgang mit Ihrer
Prothese. Er zeigt Ihnen auch,
wie Sie richtig in die Prothese
ein- und aussteigen.
Der Physiotherapeut wird mit
Ihnen dann das erstmalige
Stehen und Gehen üben.
Patientenratgeber • In der Klinik • 25
Während der
Reha-Behandlung
Die Rehabilitation ist der erste wichtige Schritt zurück in ein normales Leben. Dort lernen Sie den Umgang mit der Prothese, die richtige
Stumpfpflege und wichtige Tipps und Tricks kennen.
Nach einer Beinamputation wird
zunächst das gesamte Augenmerk auf die Wiederherstellung
Ihrer Gesundheit gerichtet.
Die medizinische Rehabilitation
ist die erste Phase der Wiedereingliederung in ein normales,
geregeltes Leben.
Was geschieht während der
Rehabilitation? Wie ist der Ablauf? Welche Maßnahmen und
Ziele kann man voraussetzen?
Staffelstein, Deutschland, hat
uns mit zahlreichen Antworten
auf diese Fragen unterstützt.
Er ist Facharzt für Orthopädie
und Unfallchirurgie und verfügt
über die Zusatzbezeichnungen
Spezielle Schmerztherapie,
Sportmedizin, Chirotherapie,
Physikalische Therapie, Naturheilverfahren, Rehabilitationswesen, Sozialmedizin, Akupunktur und Diagnostische
Radiologie.
Dr. medi Stefan Middeldorf,
Chefarzt und Leiter der Orthopädischen Klinik des Klinikums
Arbeitsschwerpunkte sind die
Schmerztherapie, technische
Orthopädie und Begutachtung.
26 • Während der Reha • Patientenratgeber
Ziele der Rehabilitation
– Wiederherstellung der Mobilität
Bereits zu Beginn der stationären Rehabilitation sollten Ihre
Ärzte gemeinsam mit Ihnen Ziele
festlegen, die den weiteren
Behandlungsablauf und die
Planung bestimmen. So steht bei
älteren Patienten der Erhalt der
Selbständigkeit, die soziale
Integration und der Verbleib
in der eigenen Wohnung im
Vordergrund, während es bei
jüngeren Amputierten darum
geht, das gewohnte Leben im
privaten und beruflichen Bereich
möglichst ohne große Einschränkungen weiter fortführen zu
können. Ein sehr wichtiger
Bereich für alle Rehabilitanden
ist die Versorgung mit einer
Prothese und das Erlernen des
Umgangs mit dem Ersatzglied.
licher Stärke auf den Rehabilitationserfolg auswirken können,
zählen: Alter, Begleiterkrankungen und soziale Faktoren. Ziele
der Rehabilitation können aber
auch Schmerzfreiheit im Bereich
des Amputationsstumpfes oder
eine hinreichende Rollstuhlmobilität sein, falls man sich gegen
eine Versorgung mit Prothese
entschieden hat.
Vor Einleitung der prothetischen
Versorgung muss zunächst das
Rehabilitationspotential, also die
bestehenden oder zu erwartenden Möglichkeiten des Amputierten bestimmt werden. Zu den
rehabilitations-beeinflussenden
Faktoren, die sich in unterschied-
Patientenratgeber • Während der Reha • 27
Ablauf einer Rehabilitation
– Schritt für Schritt wieder ins Leben
Der Ablauf der Reha-Behandlung kann abhängig von der
jeweiligen Klinik leicht unterschiedlich ablaufen.
Als Beispiel für den Ablauf
einer medizinischen Rehabilitation führen wir das Stufenkonzept der stationären Reha
Beinamputierter am Klinikum
Staffelstein, Deutschland an.
Unter Zusammenarbeit des
gesamten Reha-Teams
verläuft die Behandlung dort
stufenförmig.
Einen exakten allgemeinen
zeitlichen Ablauf für die einzelnen Stufen bzw. das Gesamtkonzept anzugeben, fällt schwer.
In der Klinik Staffelstein werden
sowohl Kinder und Jugendliche
wie auch ältere Patienten nach
Amputation rehabilitiert.
Der zeitliche Ablauf der verschiedenen Patientengruppen ist
selbstverständlich sehr unterschiedlich.
28 • Während der Reha • Patientenratgeber
Stufe 1
• Verbesserung körperlicher
Voraussetzungen
• Stumpfbehandlung wie Abhärtung,
Bandagierung, Stumpfformung
und Lymphdrainage
• Verordnung und kurzfristige
Herstellung einer bedarfsgerechten
Prothese bzw. Sichtung eines
bereits vorhandenen Hilfsmittels
Stufe 2
• Intensive Gangschulung
mit Prothese
• Verlängerung der eigenständigen
Gehstrecke
• Verlängerung der täglichen
Tragedauer
• Optimierung der prothetischen
Versorgung
• Verarbeitung des Körperschadens
durch Einzel- und Gruppen­
gespräche unter psychologischer
Leitung
Stufe 3
• Ganganalyse
• Einübung von Alltagsbewegungen
(Treppensteigen, Aufstehen nach
Sturz, Überwinden von Hindernissen, selbständiges An- und
Ausziehen der Prothese)
• Herstellung der größtmöglichen
Selbständigkeit
• Einleiten einer behindertengerechten Anpassung des Wohnund Arbeitsumfeldes
Patientenratgeber • Während der Reha • 29
Das Rehabilitationsteam
Am Rehabilitationsprozess ist
ein ganzes Team an ausgebildetem Fachpersonal beteiligt,
um individuell für Sie das
bestmögliche RehabilitationsErgebnis zu erzielen.
Die/der Ärztin/Arzt ist
verantwortlich für:
•Den gesamten Rehabilitationsprozess
•Die Führung und Koordination
der Behandlung
•Die Verordnung der geeigneten
prothetischen Versorgung
•Die Abnahme der prothetischen
Versorgung
•Behandlung von Wundheilungsstörungen
•Die Schmerztherapie
•Die Kontrolle der Schuh- und
Einlagenversorgung der
Gegenseite
Pflegedienst
•Die Krankenschwester übernimmt die Pflege des Stumpfes,
die Wundpflege, die Pflege der
Prothese, sie lehrt das richtige
Wickeln des Stumpfes sowie
das An- und Ausziehen der
Prothese (ggf. in Zusammenarbeit mit einem Ergothera-
30 • Während der Reha • Patientenratgeber
peuten und/oder einem
Krankengymnasten)
•Sie verfügt über Erfahrungen
bei der Stumpflagerung zur
Verhinderung von Muskelverkürzungen
•Die Aktivierung und der
Transfer des Patienten sind
weitere Aufgaben
Krankengymnast/in
•Kräftigung und Abhärtung
des Stumpfes
•Stumpf-, Balance- und
Prothesen-Training
•Individuell angepasste
Prothesengangschule
Orthopädie(schuh)techniker/in
•Beide Berufsgruppen sind in
Abhängigkeit von der Amputationshöhe verantwortlich für
die Herstellung und Wartung
von Prothesen
•Jede Neuverordnung bzw.
Änderungen sollten in der
Rehabilitationsphase mit dem
Rehabilitationsteam gemeinsam festgelegt werden, um die
spezifischen Kenntnisse zur
Ermittlung der Funktionsklasse
nutzen zu können
•Die Techniker haben Kenntnisse
über die zu verwendenden
Materialien und den richtigen
Einsatz der Prothesenpassteile
Physikalische/r Therapeut/in
bzw. Masseur/in
•Physikalische Therapie und
Massage sind differenziert
anzuwenden - entsprechend
der Ursache, die zur Amputation führte. So sollte z. B. ein
durchblutungsgestörter
Stumpf nicht massiert werden
•Bei Amputationen nach Unfall
ist neben der Vorbeugung von
Schwellungen mittels Wickelung auch Lymphdrainage
erlaubt. Dagegen sollte
Lymphdrainage bei Amputation
nach Tumoren nicht erfolgen
•Elektro-Myo-Stimulation, d.h.
die elektronische Stimulation
einzelner Muskeln am Stumpfende ist generell möglich.
Bei durchblutungsgestörten
Stümpfen ist aber die Dauer der
Übung zu Beginn der Behandlung in Abhängigkeit vom Grad
der Durchblutungsstörung
kürzer anzusetzen, um kein
zusätzliches Versorgungsdefizit
des Muskels zu erzeugen
Sporttherapeut/in
•Kräftigung der erhaltenen
Extremität und der Rumpfmuskulatur
•Koordinations-Training
•Sequenz-Training, auch
mit angelegter Prothese
Ergotherapeut/in
•Fachgerechte Versorgung
mit technischen Hilfen
•Training der Aktivitäten
des täglichen Lebens
•Behindertengerechte Anpassung des Wohn- und
Arbeitsumfeldes
Psychologe/Psychologin
•Im Mittelpunkt der Rehabilitation steht der Mensch und
nicht der Stumpf
•Die körperliche Integrität ist
durch die Amputation gestört
und wird vom Einzelnen
unterschiedlich psychisch
verkraftet
•Die psychologische Führung
des Amputierten setzt neben
allgemeiner Lebenserfahrung,
Vorstellungsvermögen mit
körperlicher Versehrtheit leben
zu müssen, auch klinische
Erfahrungen im Umgang mit
Amputierten voraus
•Raucherentwöhnung
Patientenratgeber • Während der Reha • 31
Häufig gestellte Fragen
rund um die Rehabilitation
Wann beginnt nach einer
Beinamputation die
Rehabilitation?
Die Rehabilitation Beinamputierter erfolgt prinzipiell bereits vor
der Operation und setzt sich
nach der Operation in der
Amputationsklinik fort. Wichtigster Gesichtspunkt in der
Rehabilitation vor der Operation
ist die verantwortungsvolle
Auswahl der Amputationshöhe.
Die Rehabilitationsaussicht des
Patienten und eine optimale
Anpassung der Prothese ist von
der Höhe der Amputation
abhängig. Zusätzlich kann vor
der Operation durch Krankengymnastik die Stützkraft der
Arme und des erhaltenen Beines
trainiert werden. Gegebenenfalls
kann auch schon versucht
werden, Muskelverkürzungen an
dem betroffenen Bein zu
behandeln. Nach erfolgter
Operation schließt sich unmittelbar, soweit das im Amputationskrankenhaus möglich ist, die
Rehabilitation mit prothetischer
Versorgung an. Baldmöglichst,
in der Regel 2-3 Wochen nach der
Operation, sollte dann die
Verlegung in eine geeignete
32 • Während der Reha • Patientenratgeber
Rehabilitationsklinik erfolgen.
Die Wunden müssen zu diesem
Zeitpunkt größtenteils ausgeheilt sein, eine komplette
Ausheilung ist in der Regel
nicht zwingend erforderlich.
In geeigneten Rehabilitationskliniken besteht das notwendige
Know-how für eine fachgerechte
Wundbehandlung und die
notwendigen vorbereitenden
Maßnahmen zur Optimierung
der Versorgung mit Prothese.
Wie lange dauert die
Rehabilitation?
Die Dauer der Rehabilitation in
einer entsprechenden Einrichtung variiert von Patient zu
Patient und kann zwischen 3
und 10 Wochen betragen.
In welchen Fällen ist eine
ambulante Rehabilitation
möglich, wann eine stationäre
Rehabilitation nötig?
Wie läuft eine ambulante
Rehabilitation ab?
Generell sollten Amputierte
immer stationär rehabilitiert
werden. Eine Ausnahme können
Maßnahmen sein, die bei schon
länger amputierten Patienten
mit Prothese zur „Auffrischung“
erfolgen. Die Komplexität der
notwendigen Maßnahme kann in
der Regel nur stationär gewährleistet werden. Zudem benötigen
die Patienten in den ersten
Wochen nach der Operation
auch noch Maßnahmen aus dem
Bereich der Pflege, die im
häuslichen Umfeld so nicht
garantiert werden können.
Wie viele Stunden am Tag
werden zur Rehabilitation
benötigt?
Dies ist ebenfalls nur sehr
individuell zu sehen. Ein junger
dynamischer Amputierter hat ein
anderes Therapieprogramm als
ein älterer Amputierter mit
geringen Kraftreserven. In der
Regel erfolgt täglich eine Einheit
Krankengymnastik mit Gangschulung, hinzu kommen
Behandlungseinheiten aus den
Bereichen der Ergotherapie,
balneo-physikalische Therapie
(z. B. Bäder, Massagen, Elektrotherapie etc.), Sporttherapie und
Pflegetherapie. Die zeitliche
Ausdehnung mit Pausen über
den Tag verteilt beträgt zwischen 3 und 4 Stunden, wobei die
Therapieeinheiten in der Regel
halbstündig angesetzt sind.
Kann auch das private Umfeld des Patienten zur Rehabilitation beitragen?
Das häusliche Umfeld und die
Unterstützung durch Verwandte/Bekannte kann nicht hoch
genug eingeschätzt werden.
Häufig ist es nur möglich, den
Patienten prothetisch zu
versorgen, wenn eine entsprechende Unterstützung im
häuslichen Umfeld gewährleistet
ist. Beispielsweise werden die
Angehörigen, soweit in der Lage,
von Ergotherapeuten und
Krankengymnasten angelernt,
dass sie dem Patienten beim
Anziehen der Prothese helfen
können. Außerdem wird mit den
Angehörigen die Umgestaltung
des Wohnumfeldes besprochen
und umgesetzt. Auch zur
psychischen Stabilisierung des
Patienten trägt das private
Umfeld bei. Die Entscheidung, ob
der Patient überhaupt mit einer
Prothese versorgt werden soll,
kann erheblich davon abhängen,
ob eine entsprechende Unterstützung im häuslichen Umfeld
vorhanden ist.
Quelle:
Magazin Stolperstein, Sonderausgabe Nr. 13,
12/06, S. 5 ff.
Patientenratgeber • Während der Reha • 33
Schmerzen nach der Amputation
Als mögliche Ursache von
Stumpfschmerzen kommen zum
einen intern bedingte Schmerzen wie Knochen-, Gefäß-,
Nerven-, Wundschmerzen und
Neurome, zum anderen extern
bedingte Schmerzen wie Druckund Reibungsschmerzen im
Prothesenschaft sowie Phantomschmerz in Frage. Um
Betroffenen eine erfolgreiche
Therapie zukommen zu lassen,
ist es zunächst erforderlich, die
verschiedenen Schmerzarten zu
unterscheiden, da diese auch
unterschiedlich behandelt
werden.
Phantomsensationen
(-gefühle)
Hierbei handelt es sich um real
erlebte, nicht schmerzhafte
Empfindungen im amputierten
Körperteil. Sie treten nach
Amputation fast regelmäßig bei
50 – 90 Prozent der Betroffenen
auf, die sich je nach Alter
wechselnd unterschiedlich
auswirken können, d. h. in
höherem Lebensalter treten sie
häufiger auf. Als Formen kennen
wir das Druck- und Kältegefühl,
so genannte kinetische (=bewegende) Phantomempfindungen
und direkte Stellungs- und
Lageempfindungen. Diese sind
auf das zentrale Körperschema
im Gehirn zurückzuführen.
Therapie: Eine Therapie ist in
der Regel nicht erforderlich. Der
Patient ist jedoch gut über das
Phänomen aufzuklären.
Stumpfschmerz
Der Stumpfschmerz tritt sehr
häufig und unmittelbar nach der
Amputation auf. Schmerztherapeuten bezeichnen ihn auch in
der Fachsprache als „Nozizeptorschmerz“. Die Ursache des
Schmerzes findet sich unmittelbar im betroffenen Gebiet. Der
Schmerz wird über die Haut, die
Weichteile und über das Rückenmark zum Gehirn geschickt.
Zugrunde liegen können z. B.
gutartige Nervenknoten
(Neurome), Schmerzen bedingt
aus dem Verschleiß angrenzender Gelenke oder venöse Stauungen. Häufig sind es auch Durchblutungsstörungen,
Gefäßerweiterungen oder
34 • Schmerzen nach der Amputation • Patientenratgeber
Infektionen von Knochen und
Weichteilen, die Schmerzen im
Bereich des Stumpfes auslösen
können. Seltener werden
Stumpfschmerzen durch
warzenförmige Gewebevergrößerungen oder andere Hautveränderungen hervorgerufen.
Medizinische Untersuchungen
weisen unter Umständen eine
mangelnde Weichteildeckung,
einen Weichteilüberhang,
Verwachsungen von Haut und
Knochen bzw. Narbengewebe
und Nerven nach. Stumpfschmerzen sollten zunächst
durch Röntgen und intensive
Untersuchungen diagnostisch
gut abgeklärt werden.
Therapie: Sollten lokale Maßnahmen nicht ausreichend sein,
ist beim Stumpfschmerz auch an
eine mögliche operative Stumpfkorrektur zu denken.
Phantomschmerz
Der Phantomschmerz ist bereits
in der Literatur ab Mitte des 16.
Jahrhunderts beschrieben und
ein bekanntes Phänomen nach
einer Amputation. Je nach
befragter Literatur haben
zwischen 10 und 90 Prozent,
zumindest vorübergehend etwa
70 Prozent der Amputierten
Phantomschmerzen. Unter
Phantomschmerz versteht man
die Übertragung schmerzhafter
Empfindungen in nicht mehr
vorhandene Körperteile. Der
Schmerz wird von Betroffenen
häufig als einschießend, brennend, stichartig und krampfartig
beschrieben und kann sich
entweder nach und nach
reduzieren oder dauerhaft
vorhanden sein. Bei vielen
Betroffenen tritt der Schmerz in
unterschiedlicher Zeitspanne
auf. Der Phantomschmerz kann
nach Ausriss von Nerven, wie
nach einem schweren Motorradunfall auftreten. Beeinflussende
Faktoren des Phantomschmerzes sind emotionaler Stress,
Wetterveränderungen, Kältereiz,
mechanische Irritation, Wasserlassen und die Stuhlentleerung.
Phantomschmerz tritt umso
häufiger auf, je länger der Patient
bereits vor der durchgeführten
Operation Schmerzen hatte.
Man bezeichnet dies auch als
das Schmerzgedächtnis.
Therapie: Der Phantomschmerz
wird seltener festgestellt, wenn
bei dem Betroffenen bereits vor
der Operation ein gutes
Schmerzmanagement durchgeführt wurde oder wenn
bestimmte Operationstechniken
unter Berücksichtigung der
Patientenratgeber • Schmerzen nach der Amputation • 35
Vollnarkose erfolgten. Ein
bekanntes Phänomen ist, dass
Phantomschmerzen durch das
Benutzen einer gut passenden
Prothese reduziert werden
können. Dies hängt mit einer
als günstig zu bewertenden
Rückmeldung der Hautnerven
zum Gehirn zusammen. Kinder
leiden weniger unter Phantomschmerz, da dies nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mit
der noch nicht komplett ausgereiften Entwicklung zusammenhängt. Beim Auftreten von
Phantomschmerz nach einer
schmerzfreien Zeitspanne
sollten immer mögliche andere
Erkrankungen mit berücksichtigt
werden. Ein Beispiel wäre hier
ein Patient mit Bandscheibenvorfall mit einer Ausstrahlung in
das betroffene Bein. Wichtig ist
auch die frühzeitig beginnende
konsequent geplante Schmerzbehandlung unmittelbar nach
der Operation. Lange bestehende Phantomschmerzen bedürfen
z. B. einer medikamentösen
Therapie. Diese richtet sich nach
einem Stufenschema. Darüber
hinaus gibt es weitere Maßnahmen, für die jedoch nicht immer
ein wissenschaftlicher Nachweis
der Wirkung besteht. Dies sind
z. B. Behandlungen mit der
elektrischen Nervenstimulation
über die Haut mit TENS-Geräten,
Akupunktur, die Triggerpunktbehandlung, psychotherapeutische
Behandlung und Biofeedback,
Hypnose, die Verminderung
mittels Ultraschall, Massage,
Thermo- und Elektrotherapie,
sowie die Therapie mit den
RELAX Hilfsmitteln aus Umbrellan (Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen).
Zusammenfassend kann gesagt
werden, dass die beste Prophylaxe des Schmerzes eine fachgerecht durchgeführte Operation
sowie ein frühzeitig beginnendes
konsequentes Schmerzmanagement ist. Die rasche Versorgung
mit einer passgerechten Prothese kann Phantomschmerz
reduzieren. Darüber hinaus
bestehen viele Behandlungmöglichkeiten verschiedener
Schmerzarten mit Medikamenten. Für den betroffenen Patienten sind daher im Rahmen der
Nachbehandlung Einrichtungen
zu bevorzugen, die über hinreichendes Know-how bezüglich
Rehabilitation, Orthopädietechnik und Schmerztherapie
verfügen.
Quelle: Dr. med. S. Middeldorf, Magazin
Stolperstein, Ausgabe 16, 12/08, S. 10 f.
36 • Schmerzen nach der Amputation • Patientenratgeber
Patientenratgeber • Schmerzen nach der Amputation • 37
38 • Behandlungsmöglichkeiten bei Phantomschmerz • Patientenratgeber
Behandlungsmöglichkeiten
bei Phantomschmerz
Für die Therapie bei Phantomschmerzen bestehen viele
verschiedene Ansätze, z. B.
gibt es die Behandlung mit
Medikamenten, Neuraltherapien, physikalische Behandlungen oder die Phantomschmerztherapie durch
medizinische Hilfsmittel mit
abschirmender Wirkung.
Prophylaxe
Als wichtiger Faktor ist zur
Vorbeugung gegen Phantomschmerzen die Behandlung
von Schmerzen zu nennen, die
bereits vor einer Amputation
bestehen. Nach heutigen
Erkenntnissen ist die beste
Vorbeugungsmaßnahme zur Verhinderung von Phantomschmerzen eine schon vor der Amputation begonnene Schmerztherapie.
Im Anschluss an die Operation
können durch elektrische
Stimulationsverfahren im
Bereich des Amputationsstumpfes gute Effekte zur Verhinderung von Phantomschmerzen
erzielt werden. Nicht zuletzt ist
auch der gute Sitz der Prothese
unbedingt zu beachten.
Differentialdiagnostik
Beim Auftreten des Phantomschmerzes muss der Patient auf
lokale Ursachen untersucht
werden. Diese sind oft nur mit
Zusatzuntersuchungen zu
erkennen. Lokale Ursachen
können eine schlechte Gefäßversorgung, Entzündungen
(oberflächliche oder tiefe
Infektionen), Nervenerkrankungen (z. B. durch Bandscheibenvorfall mit Ausstrahlung ins
Phantomglied) oder Neurome
(durch Narbenbedrängungen
oder schlechten Prothesensitz)
sein. Unter einem Amputationsneurom versteht man eine
druckschmerzhafte, geschwulstartige Nervenverdickung im
Narbenbereich nach einer
Gliedmaßenamputation.
Wird vom Arzt Phantomschmerz
diagnostiziert, gibt es verschiedene therapeutische Möglichkeiten:
Patientenratgeber • Behandlungsmöglichkeiten bei Phantomschmerz • 39
Medikamentöse Therapie
Man kann mit herkömmlichen
Schmerzmitteln in Kombination
mit Vitamin-B-Komplex und
Folsäure und/oder mit Psychopharmaka, die direkt Nervenschmerzen hemmen (z. B.
Antiepileptika wie Carbamazepin
und Valproinsäure) und verschiedenen Antidepressiva, therapieren. Je nach Schmerzintensität
können schwach (Oxycodon,
Tillidin) oder stark (Morphin)
wirksame Opiate verordnet
werden. Capsaicin-Salbe hilft
bei Überempfindlichkeit des
Stumpfes. Calcitonin-Infusionen
zeigten gute Erfolge, der Wirkmechanismus ist aber noch
unbekannt.
Neuraltherapie
Unter Neuraltherapie versteht
man die Behandlung von
Schmerzen durch das „Umspritzen“ einer bestimmten Region
mit einem Mittel zur örtlichen
Betäubung. Dieses unterdrückt
in der Folge die Erregungsübertragung und reduziert die
Schmerzen. Speziell zur Behandlung von Phantomschmerzen
eignen sich Verfahren, wie die
Triggerpunktinfiltration oder
Sympathikusblockaden. Bei der
Triggerpunktinfiltration werden
Schmerzpunkte in der Muskula-
tur behandelt. Unter Sympathikusblockade versteht man
Nervenblockaden, bei denen
größere Nerven, die das
schmerzhafte Gebiet versorgen,
umspritzt werden.
Physikalische Therapie
Hier stehen Massagen, Bäder
und Krankengymnastik zur
Auswahl. Eine weitere physikalische Therapie ist TENS (Transkutane elektrische Neurostimulation). Dabei erfolgt die
Hemmung der Schmerzleitung
mittels Nervenstimulation mit
Strom durch auf der Haut fixierte
Elektroden.
Komplementäre Verfahren
Akupunktur, Hypnose und
Biofeedback zeigen nach
Erfahrungsberichten sehr gute
Erfolge in der Schmerztherapie.
Häufig lässt sich durch diese
Verfahren der Bedarf an Medikamenten deutlich senken.
Die Wirksamkeit muss individuell getestet werden.
Psychologische Begleitung
Eine psychologische Begleitung
kann zur Schmerzreduktion auf
mehreren Ebenen führen.
Einerseits kommen Entspannungstechniken, wie autogenes
Training oder progressive
40 • Behandlungsmöglichkeiten bei Phantomschmerz • Patientenratgeber
Muskelrelaxation (PMR) zur
Anwendung. Andererseits sind
auch Therapieverfahren hilfreich, welche die Amputationsbewältigung anstreben.
Therapie mit Umbrellan
Hilfsmitteln
medi RELAX Produkte können
eine hervorragende Ergänzung
des Therapiespektrums bei
Phantomschmerz sein. Das darin
eingearbeitete metallurgische
Gestrick Umbrellan kann den
Stumpf vor äußeren Einflüssen
abschirmen und Phantomschmerzen reduzieren.
Das darin eingearbeitete,
einzigartige Gestrick Umbrellan
ist nachweisbar wirksam bei
Phantomschmerzen. Im Rahmen
einer Wirksamkeitsstudie zum
medi Liner RELAX kam es bei
mehr als 80% der Teilnehmer zu
einer erheblichen Verringerung
der Schmerzbelastung.3 Nebenwirkungen sind nicht bekannt.
Die medi RELAX Produkte
schirmen den Stumpf vor
elektromagnetischen Einflüssen
ab. Diese werden u. a. für das
Auftreten von Phantomschmerzen und negative Auswirkungen
auf das Wohlbefinden des
Patienten verantwortlich
gemacht. Die Oberfläche aus
Umbrellan des medi Liner RELAX
sowie das verwendete Silikongel
des Liners wurden speziell zum
Schutz gegen diese Einwirkungen entwickelt. Außerdem sind
sie aufgrund der medi Silikontechnologie besonders auf die
empfindliche Haut ausgerichtet
und auch für die diabetische
Haut geeignet.
Quelle: Magazin Stolperstein, Ausgabe 16, 12/08,
S. 12 f.
3
Behandlung von Phantomschmerzen mit
textiler, elektromagnetisch wirksamer
Stumpf-Abschirmung, U. Kern, B. Altkemper,
M. Kohl, in: Orthopädietechnik, Sonderdruck
Ausgabe 12/06 , S. 908 – 915.
Patientenratgeber • Behandlungsmöglichkeiten bei Phantomschmerz • 41
42 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Der Umgang
mit Ihrer
Beinprothese
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 43
Mobilitätsklassen
Damit Sie mit den für Sie
optimalen Prothesenpassteilen und der richtigen Prothesentechnik versorgt werden,
ordnet Ihr Orthopädietechniker Sie einer Mobilitätsklasse
zu. Alle Passteile für Prothesen
werden in 4 verschiedene
Mobilitätsklassen eingeteilt.
So kann sich der Orthopädietechniker beim Bau einer
Prothese sowohl am Passteil als
auch an den Bedürfnissen des
jeweiligen Prothesenträgers
orientieren. In diesem Zusammenhang macht eine Einteilung
in Mobilitätsklassen dann
durchaus Sinn: Stellen Sie sich
vor, ein amputierter Leistungssportler bekäme eine Prothese
mit einem starren Knie: Der
Sportler wäre eingeschränkt.
Oder im umgekehrten Fall:
Eine rüstige 80jährige würde
mit einem „schnellen“ Hochleistungsknie versorgt – die Prothese wäre ein Sicherheitsrisiko für
die Dame.
Bei der Einteilung in die Mobilitätsklassen berücksichtigt Ihr
Orthopädietechniker bzw. Ihr
Arzt viele verschiedene Faktoren
wie Ihr Allgemeinbefinden,
individuelle Stumpfbesonderheiten, eventuelle Begleiterkrankungen, Schmerzen usw.
Bedenken Sie immer, dass Ihr
Orthopädietechniker nicht nur
den gegenwärtigen Ist-Zustand
Ihrer Mobilität beurteilt – er
macht sich zudem auch Gedanken darüber, wie er mit Hilfe der
Prothese Ihre Mobilität optimal
für den Alltag unterstützt.
Mobilitätsklasse 1:
„Innenbereichsgeher“
Sie besitzen die Fähigkeit oder
das Potential, Ihre Prothese auf
ebenen Böden und vor allem im
häuslichen Umfeld mit geringer
Geschwindigkeit zu benutzen.
Aufgrund Ihres Allgemeinbefindens können Sie nur kurze
Strecken am Stück gehen.
Die Prothese als Therapie:
Sie sollten mit Ihrer Prothese
sicher stehen können und mit
der Prothese in Innenbereichen
kleinere Strecken von kurzer
Dauer zurücklegen können.
44 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Mobilitätsklasse 2:
„Eingeschränkter
Außenbereichsgeher“
Prothese bleibt durchschnittlich.
Gehstrecken und Gehdauer
unterscheiden sich kaum von
der eines nicht Amputierten.
Sie besitzen sie Fähigkeit oder
das Potential, mit Ihrer Prothese
in geringer Geschwindigkeit zu
gehen. Kleinere Hindernisse wie
zum Beispiel Bordsteine,
einzelne Stufen oder unebene
Böden können Sie meistern.
Gehdauer und Gehstrecke sind
aufgrund Ihres Zustandes sehr
begrenzt.
Die Prothese als Therapie:
Kleinere Strecken von kurzer
Dauer können Sie sowohl im
Innen- als auch im Außenbereich
sicher zurücklegen.
Mobilitätsklasse 3:
„Uneingeschränkter
Außenbereichsgeher“
Sie besitzen die Fähigkeit oder
das Potential, mit Ihrer Prothese
in einer mittleren bis hohen
Geschwindigkeit zu gehen. Dabei
können Sie die Geschwindigkeit
auch variieren. Die meisten
Umwelthindernisse sind kein
Problem für Sie. Sie können sich
auch im freien Gelände wie zum
Beispiel der Natur leicht fortbewegen. Die Belastung auf die
Die Prothese als Therapie:
Sowohl draußen als auch
drinnen unterscheidet sich Ihre
Mobilität nur unwesentlich von
einem nicht Amputierten.
Mobilitätsklasse 4:
„Uneingeschränkter Außenbereichsgeher mit besonders
hohen Ansprüchen“
Sie können alles, was unter
Mobilitätsklasse 3 beschrieben
ist. Zusätzlich haben Sie hohe
Anforderungen an Ihre Prothese,
da diese oft hohen Stoßbelastungen ausgesetzt ist. Sie können
sich ohne Einschränkung in
Strecke oder Dauer fortbewegen.
Die Prothese als Therapie:
Die Wiederherstellung der
unlimitierten Gehfähigkeit
sowohl im Innen- als auch im
Außenbereich
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 45
Aufbau einer Beinprothese
Die Beinprothese ist ein funktioneller und kosmetischer Ersatz für
das amputierte Gliedmaß und soll Sitzen, Stehen und Fortbewegen
nach einer Amputation ermöglichen.
Die Prothese wird dabei auf die individuellen Bedürfnisse des Prothesenträgers, wie körperliche Verfassung, Aktivität oder Krankheitsbilder
abgestimmt. Hier zwei Beispiele:
Unterschenkelprothese
Oberschenkelprothese
1
1
2
2
3
7
3
4
4
5
5
6
46 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
6
Der Silikonliner (= „Strumpf“ aus Silikon als
Überzug über den Stumpf) schützt den Stumpf
und stellt die Verbindung zwischen Stumpf
und Prothese her.
2 Der Prothesenschaft dient zur Aufnahme
des Amputationsstumpfes.
3 Das Verschlusssystem sorgt für die feste
Verankerung des am unteren Ende des Silikonliners
eingeschraubten Pins im Prothesenschaft und
hält die Prothese sicher am Bein.
4 Ein System aus Karbon (mit energierückgebenden
Eigenschaften) oder Titanium ersetzt den
Unterschenkel und stellt die Verbindung
zum Prothesenfuß her.
5 Der Prothesenfuß aus Kunststoff oder Karbonfaser
(je nach Mobilität des Anwenders) sorgt für
Trittsicherheit und harmonisches Gehen.
6 Empfehlenswert ist ein speziell auf die besonderen
Ansprüche von Prothesenträgern abgestimmtes
Schuhwerk für mehr Sicherheit und entspanntes
Gehen.
7 Bei Amputationen oberhalb des Unterschenkels
ersetzt ein künstliches Kniegelenk mit speziell
abgestimmten Funktionen das natürliche Gelenk.
1
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 47
Silikonliner
Wie bleibt eine Prothese sicher
am Bein?
Sicherheit ist für Beinamputierte
das A und O – die Prothese muss
zuverlässig am Bein haften und
sollte dabei gleichzeitig bequem
sein und Druckstellen vermeiden. Eine Möglichkeit zur
Verbindung des Stumpfes mit der
Prothese ist die Versorgung mit
einem Silikonliner.
Silikonliner, die wie ein Strumpf
über den Stumpf geschoben
werden, erreichen eine sichere
Verbindung bei gleichzeitig
hohem Tragekomfort. Damit sich
nun Silikonliner und Prothesenschaft fest verbinden, gibt es
verschiedene Prothesenverschluss-Systeme:
•Silikonliner mit Einzugsystem
•Silikonliner mit Pin-Verschluss
•Silikonliner für Unterdrucksystem
Silikonliner mit Einzugsystem
Vor allem ältere Menschen
können damit nicht nur die
Prothese am Bein sichern,
sondern vereinfachen sich
mit einem Einzugsystem das
Anziehen: Am Ende des Liners
ist eine Schnur angebracht, die
durch ein am Schaft angebrach-
48 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
tes Gegenstück aus dem Prothesenschaft heraus führt. Der
Beinamputierte zieht den Liner
an und zieht sein Bein mit Hilfe
der Schnur in den Schaft hinein.
Die Schnur kann dann befestigt
werden, so dass Liner und Schaft
fest verbunden sind.
Silikonliner mit Pin-Verschluss
Dieses System funktioniert über
einen Verschluss nach Prinzip
eines Schlosses: Am Stumpfende
des Silikonliners ist ein Dorn
(„Pin“) eingeschraubt, am Boden
des Prothesenschafts ist das
Gegenstück – das so genannte
Lock – eingelassen. Der Beinamputierte steigt mit Stumpf und
angezogenem Liner in den Schaft
und der Pin rastet in das Lock ein.
Will man die Prothese wieder
ausziehen, kann der Verschluss
durch einen Knopfdruck einfach
gelöst werden.
Die passiven Vakuumsysteme,
wie z. B. das medi Vacuum
Cushion System, arbeiten
ebenfalls mit Unterdruck um die
Prothese am Bein zu halten. Der
Beinamputierte zieht den Liner
an und steigt in den Prothesenschaft. Halb über den Schaft,
halb über das Bein wird eine
Kniekappe gezogen, die das
System nun luftdicht abschließt.
Im Schaft ist ein Ventil angebracht, durch das die Luft nach
außen gedrückt wird – ein
Vakuum hält den Stumpf sicher
im Prothesenschaft. Durch
Abnehmen der Kniekappe kann
das Vakuum einfach aufgehoben
werden.
Silikonliner für Unterdrucksysteme
Z. B. Vacuum Cushion System.
Bei den Vakuumsystemen
unterscheidet man zwischen
aktiven und passiven Vakuumsystemen. Bei den aktiven
Systemen wird bei jedem Schritt,
ausgelöst durch den Auftrittsstoß, etwas Luft abgesaugt.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 49
Anziehanleitung medi Liner
1.
Drehen Sie den Liner auf die
Innen­­seite und halten Sie den Liner
wie abgebildet. Es sollte eine möglichst
ebene Fläche entstehen.
2.
Setzen Sie bei gebeugtem Knie nun den Liner
flach am Stumpfende an und achten Sie
darauf, dass der Liner möglichst mittig am
Stumpf sitzt.
ca. 30°
3.
Schieben Sie den Liner faltenfrei
und vorsichtig über den Stumpf hoch bis zum
Knie. Beim Aufschieben über das Knie auf
einen Kniebeugewinkel im Bereich von 10° bis
30° Grad achten.
4.
Linerende sanft abstreifen – bitte den Liner
nicht nachziehen („lupfen“), da dies zu
erhöhter Spannung am Linerrand und der
darunter liegenden Haut führt (Wasser­
bläschen, Striemen oder ähnliche Symptome).
Sollten Falten beim Anziehen aufgetreten
sein, bitte Vorgang wieder­holen!
50 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Bitte beachten
Aus hygienischen Gründen muss der
Liner nach jeder Nutzung mit Neutralseife (z. B. medi Neutralseife) gewaschen
werden. Weitere Pflegehinweise
entnehmen Sie dem Kapitel Pflege
und Hygiene (Seite 18) und der
Gebrauchsanweisung des Liners.
Ein Zweitliner, der einen täglichen
Linerwechsel ermöglicht, gewährleistet
die optimale Hygiene.
Der richtige Sitz des Liners wird durch
eine passende Größenauswahl und das
richtige Anziehen gewährleistet.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 51
Das Prothesen­
kniegelenk
Das Knie ist das größte Gelenk
des menschlichen Körpers. Mit
Hilfe der umliegenden Bänder,
Sehnen und Muskeln sorgt
dieses Gelenk dafür, dass der
Mensch gehen kann: Das
Kniegelenk streckt und beugt
sich dabei nicht wie ein Scharnier, sondern es streckt sich in
einer rollenden und gleitenden
Bewegung nach vorne, kann sich
bis zu 150° nach hinten beugen
und lässt auch leichte seitliche
Ausgleichsbewegungen zu.
Nach einer Amputation ab
Kniehöhe muss die Prothese
diese schwierigen Aufgaben
übernehmen und die Funktion
des Kniegelenkes ausgleichen.
Prothesenkniegelenke nutzen
verschiedene Techniken, damit
das Bein gebeugt und der
Unterschenkel nach der Beugung
wieder nach vorne geschwungen
werden kann.
52 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Anatomie von Kniegelenken
Zunächst kann man künstliche
Kniegelenke in mono­
zentrische (einachsige) und
polyzentrische (mehrachsige)
Gelenke einteilen.
Ein einachsiges Kniegelenk
knickt starr über eine Achse ab.
Eine Monozentrik ist der
natürlichen Knieanatomie
unähnlich, jedoch bieten diese
Kniegelenke durch ihre
eingebaute Bremse dem
Anwender große Sicherheit.
Das ist vor allem für unsichere
Prothesenträger wichtig:
Sobald der Anwender mit dem
Prothesenbein auftritt – also
Gewicht das Kniegelenk belastet
– greift die Bremse und das
Kniegelenk ist gesperrt.
Ein mehrachsiges Kniegelenk
bildet den Ablauf des natürlichen
Kniebeugens besser nach und
winkelt das Bein über mehrere
Achsen in einer schiebenden
Bewegung ab.
Eine lastabhängige Bremse
ist nicht notwendig, da ein
mehrachsiges Kniegelenk über
seine Geometrie das Einbeugen
verhindert.Das gestreckte
Kniegelenk ist vom Fersen­
auftritt bis zum Ende des
Abrollvorgangs stabil.
Bringt der Prothesenträger in der
Gehbewegung sein Gewicht über
das Prothesengelenk nach vorne
und belastet die Zehen, lässt sich
das Kniegelenk einbeugen.
Der Zeitpunkt, zu welchem
das Kniegelenk auslöst, kann
bei bestimmten Kniegelenken
an die Bedürfnisse des
Anwenders angepasst werden.
Ein früher Auslösepunkt
bedeutet weniger Sicherheit
und dafür mehr Dynamik, ein
späterer Auslösepunkt bedeutet
mehr Sicherheit und dafür
geringere Dynamik.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 53
Steuerung von Kniegelenken
Die Beugung und Streckung
von künstlichen Kniegelenken
wird von einer so genannten
„Schwungphasensteuerung“
kontrolliert. Diese kann über
eine Mechanik, aber auch über
eine Pneumatik oder eine
Hydraulik geregelt sein.
In mechanischen Kniegelenken
wird bei der Beugung des Knies
nach hinten eine Feder zusammen gepresst. Wenn sich diese
wieder entspannt, unterstützt
sie die Bewegung des Unterschenkels nach vorne. Eine
Dämpfung der Bewegung – also
eine Kontrolle der Geschwindigkeit des Beugens und Streckens
– erfolgt ausschließlich durch
Reibung und Anschlagpuffer.
Mechanisch gesteuerte Kniegelenke werden für Menschen mit
niedriger Mobilität eingesetzt,
da diese nur geringere Gehgeschwindigkeiten erreichen und
somit keine Dämpfung, sondern
eine Unterstützung der Bewegung benötigen.
Pneumatische Kniegelenke
komprimieren beim Abwinkeln
und Strecken des Knies Luft in
einem Zylinder. Der Orthopädietechniker kann für Streckung und
Beugung getrennt einstellen, wie
viel von dieser Luft zur Unterstützung der Bewegung als eine
Art „energierückgebendes
Polster“, oder aber zum Dämpfen
der Kniebewegung eingesetzt
wird. Pneumatische Kniegelenke
eignen sich besonders für
Menschen mit mittleren Mobilitäten, die bereits Gehgeschwindigkeiten erreichen, bei denen
eine sanfte Dämpfung notwendig wird.
Bei hydraulischen Gelenken
übernimmt Flüssigkeit (Öl) in
einem Zylinder die Dämpfung
der Bewegung des Kniegelenks.
54 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Der Prothesenfuß
Diese Gelenke werden meist für
sehr aktive Anwender eingesetzt,
da das nicht komprimierbare Öl
über noch größere Dämpfungseigenschaften als Luft verfügt.
Bei sehr aktiven Anwendern
müssen keine Gehbewegungen
mehr unterstützt werden.
Elektronisch gesteuerte
Kniegelenke werden von
Mikroprozessoren kontrolliert.
Sensoren ermitteln permanent
die Schrittphase, in der sich der
Prothesenträger befindet, um
das Bein optimal auf den
Bewegungsablauf einzustellen:
Dämpfung, unterstützte
Bewegungen, Geschwindigkeitsanpassungen oder sogar eine
Feststellung des Knies erfolgen
automatisch. Elektronisch
gesteuerte Kniegelenke bieten
eine sehr hohe Sicherheit für den
Anwender.
Der Prothesenfuß wird nach
individuellen Voraussetzungen
des Anwenders wie Aktivität,
Mobilität, Gewicht usw. sowie
entsprechend der medizinischen
Notwendigkeit vom Orthopädietechniker ausgewählt. Man
unterscheidet im Grundsatz
zwischen Elastomerfüßen und
sog. Karbon(feder)füßen.
Der Bewegungsablauf beispielsweise mit einem Karbonfuß sieht folgendermaßen aus:
Fersenauftritt
Hier wirken vor allem Stoß
dämpfende Elemente.
Standphase
Der Karbonfuß speichert die
Energie.
Zehenabstoß
Der Karbonfuß gibt die Energie
wieder frei und unterstützt so
die Ablösung vom Boden und die
daraus folgende Bewegung des
Unterschenkels.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 55
Hinweise und Tipps
zum richtigen Umgang
mit der Beinprothese
Den Umgang mit Ihrer Prothese vermittelt Ihnen Ihr zuständiger Orthopädietechniker.
Gerade bei einer Erstversorgung oder einer neu angefertigten Prothese muss der
Umgang mit der Prothese erst
erlernt werden:
Das An- und Ausziehen, Sitzen,
Stehen, Gehen und sogar das
eventuelle Fallen muss trainiert
werden, zum Beispiel im Rahmen
einer Gehschule. Sprechen Sie
Ihren Orthopädietechniker
darauf an.
Allgemeine Hinweise
•Vor jedem Anziehen der
Prothese sollten Sie diese
auf Funktionsfähigkeit oder
eventuelle Mängel hin untersuchen.
•Legen Sie die Prothese gemäß
der Einweisung und Anziehanleitung des Orthopädietechnikers an.
•Versichern Sie sich, dass die
Prothese fest und sicher sitzt.
•Vorsicht vor eventuellem
Einklemmen der Haut im
Bereich des Schaftrandes.
•Ein möglichst natürliches
Gehen hängt maßgeblich von
einer funktionsfähigen Prothese ab – sollten trotz fehlerfreier Handhabung Probleme
mit der Prothese entstehen,
kontaktieren Sie bitte umgehend Ihren zuständigen
Orthopädietechniker!
56 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Pflege und Hygiene
Prothese, Silikonliner und
Amputationsstumpf bedürfen
einer konsequenten Pflege, da
es sonst zu Komplikationen in
der Anwendung kommen kann.
Mögliche Folgen sind Hautirritationen und –verletzungen bis hin
zu Infektionen und Schmerzen,
die ein Tragen der Prothese
beeinträchtigen oder sogar
ausschließen. Die richtige Pflege
und Reinigung des Stumpfes
sowie Silikonliners ist unerlässlich für eine optimale Nutzung
der Hilfsmittel und verhindert
den vorzeitigen Verschleiß des
Silikonliners.
Stumpfpflege – täglich
• Tägliches Waschen mit pH-neutraler Seife (z. B. medi Neutralseife)
• Pflege mit Feuchtigkeit spendenden
Pflegeprodukten (z. B. medi Aloe
Vera Gel)
• Evtl. Massagen, um die Durchblutung anzuregen (nach Absprache mit dem Arzt)
Prothesenpflege – wöchentlich
• Schaft ggf. mit Wasser und
pH-neutraler Seife (z. B. medi
Neutralseife) reinigen und gut
trocknen lassen
• Desinfektion mit einem Alkoholspray (z. B. medi Spray)
• Stumpfstrümpfe sowie weitere
textile Bestandteile der Prothese
sollten wenigstens 2-3 mal pro
Woche in der Feinwäsche gereinigt
werden
• Keine aggressiven Wasch- und
Reinigungsmittel verwenden
Linerpflege – nach jedem Tragen
• Liner nach jedem Tragen mit
pH-neutraler Seife (z. B. medi
Neutralseife) waschen
• Seifenrückstände gut ausspülen
• Auf dem Linerständer trocknen
lassen – keinesfalls in die Sonne
oder auf die Heizung legen
• Längere Lagerung immer auf dem
Linerständer
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 57
Liner waschen
1.
Bitte beachten Sie, dass der Silikonliner
täglich mit neutraler Seife gewaschen
werden muss.
2.
Stülpen Sie hierzu die Innenseite des
Silikonliners nach außen, reinigen Sie
diese Seite gründlich z. B. mit der medi
Neutralseife.
3.
Spülen Sie ausgiebig mit kaltem
Wasser nach.
4.
Drehen Sie den Liner wieder auf die
Außenseite. Reinigen Sie die Außenseite
mit einem feuchten Tuch.
5.
Lassen Sie den Liner auf dem mitgelieferten Trockenständer bitte vollständig
trocknen.
6.
Bewahren Sie den Silikonliner nur auf
dem mitgelieferten Linerständer auf.
So bleibt Ihr Liner in Form und kann
gleichmäßig trocknen.
58 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Volumenschwankungen
Volumenschwankungen des
Stumpfes beeinträchtigen die
Passform der Prothese – jedoch
sind geringfügige Schwankungen
während des Tages normal.
Diese „kleineren Stumpfschwankungen“ können mit Stumpfstrümpfen ausgeglichen werden.
Stumpfkompressionsstrümpfe
helfen, stärkere Schwellungen
des Stumpfes zu verhindern. Die
Kompressionsstrümpfe kommen
dann zum Einsatz, wenn die
Prothese nicht getragen wird.
Volumenschwankungen können
z. B. durch die Einnahme von
Medikamenten hervorgerufen
werden – in diesem Fall sollten
Sie mit Ihrem zuständigen Arzt
sprechen.
Scheuer- und Druckstellen
Beim Tragen einer Prothese
kann es zu unangenehmen
Scheuer- und Druckstellen
kommen. Kleine Druckstellen
können immer vorkommen.
Grundsätzlich jedoch sollte die
Prothese beschwerdefrei sitzen,
denn übermäßiger Druck kann
zu Komplikationen führen. Bitte
wenden Sie sich im Problemfall
an den zuständigen Orthopädietechniker oder Ihren Arzt.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 59
Tragedauer
Jedes Hilfsmittel unterliegt
einem natürlichen Verschleiß
und hat eine bestimmte Tragedauer. Nach Ablauf dieser
Tragedauer ist es zu ersetzen.
Überlassen Sie die umweltgerechte Entsorgung dem
Fachhandel. Für Hilfsmittel,
deren Tragedauer abgelaufen
ist, kann die Sicherheit und
Leistungsfähigkeit nicht mehr
in allen Fällen vorausgesetzt
werden.
Sprechen Sie bitte Ihren
Orthopädietechniker an!
So lang ist die optimale Tragedauer
Silikonliner
6 Monate ( je nach Linertyp)
Stumpfkompressionsstrümpfe/
Stumpfstrümpfe
3 Monate
Prothesenfüße
24-36 Monate ( je nach Fußtyp)
Kniegelenke/Adapter
36 Monate
Ganze Prothese
3-5 Jahre
Achtung: Diese Angaben dienen nur der Orientierung und haben keine Allgemeingültigkeit. Je nach Hersteller und verwendetem Passteil kann die optimale
Tragedauer variieren.
60 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Sicherheitshinweise
Die Prothese ist für den Alltagsgebrauch gedacht.
Jedoch können auch vermeintlich alltägliche Belastungen
die Funktion und Sicherheit der Prothese gefährden.
Bitte beachten Sie deshalb die folgenden Hinweise:
Feuchtigkeit
Normale Alltags-Feuchtigkeit,
z. B. Spritzwasser oder Regen,
stellt kein Problem dar. Eine
Benutzung im Wasser ist aber
nicht möglich (Ausnahme:
Separate „Badeprothese“).
und Aktivitätsansprüche
mit dem Orthopädietechniker
zu besprechen.
Hitze
Starke Hitzeeinwirkung, wie z. B.
übermäßige Sonneneinstrahlung/Heizungswärme, muss
vermieden werden. Eine Temperatureinwirkung von über 50°
Celsius kann Bauteile und
Passform negativ beeinflussen.
Sport
Die Prothese ist exakt auf Ihre
individuellen Bedürfnisse wie
Aktivitätsgrad und Körpergewicht abgestimmt, weshalb eine
Mehrbelastung der Prothese
schaden kann.
Um Schaden an der Prothese zu
vermeiden und Ihre Sicherheit
nicht zu gefährden, sind besonders hohe Belastungs-
Kraftfahrzeuge
Eine Amputation schränkt die
Fahrtüchtigkeit des Anwenders
ein. Zur Prüfung der Fahrtüchtigkeit sowie für eventuell notwendige Umbauten am Fahrzeug
müssen eine Fachwerkstatt
sowie der zuständige TÜV
besucht werden.
Sonstiges
Außergewöhnlich physische
Belastungen der Prothese
müssen vermieden werden
(z. B. starke Krafteinwirkungen).
Die Prothese darf nicht in
Kontakt mit Säuren, Laugen oder
starken Lösungsmitteln kommen. Treten Funktionseinschränkungen der Prothese auf oder
werden Beschädigungen wie z. B.
Risse festgestellt, ist sofort ein
Orthopädietechniker zu kontaktieren.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 61
Besonders wichtig:
Die regelmäßige Wartung der Prothese
Zu Ihrer Sicherheit muss die
Prothese regelmäßig auf Passform, Zustand und Funktio­
nalität kontrolliert werden.
Diese regelmäßige Inspektion
vermindert die Gefahr eines
plötzlichen Ver­sagens, z. B. durch
Materialermüdung, Alterung,
Verschleiß oder außergewöhnliche Belastungen.
Außerplanmäßige Wartung
Sollten Sie Beschädigungen oder
Einschränkungen der Funktions­
fähigkeit an Ihrer Prothese
bemerken, wenden Sie sich auch
außerhalb der vereinbarten
Wartungstermine an Ihren
Orthopädietechniker.
Haftung
Wenn die vorgegebenen
Wartungsintervalle von Ihnen
nicht eingehalten werden, ist
die Haftung des orthopädischen
Fach­betriebes bei Schadens­
fällen eingeschränkt und kann
ge­gebenenfalls ganz entfallen.
Die Haftung erstreckt sich
ausschließlich auf das Produkt
in seiner abgegebenen Form.
Leistungen, die nicht vom ortho­
pädischen Fachbetrieb vor­
genommen werden, können
die Haftung ausschließen.
Ihr persönlicher Service-Pass
Nutzen Sie Ihren persönlichen
Service-Pass auf der nächsten
Seite, um gemeinsam mit Ihrem
Orthopädietechniker alle relevanten Informationen zu Ihrer
Prothese zu notieren.
Diese Informationen sind beim
nächsten Wartungstermin eine
gute Erinnerungshilfe für Ihren
Orthopädietechniker. Zudem
werden dort die vereinbarten
Wartungstermine eingetragen.
Und, dank des kompakten Formats können Sie den ServicePass immer bei sich tragen.
62 • Umgang mit der Prothese • Patientenratgeber
Ihr Service-Pass fehlt
oder ist schon voll?
Bestellen Sie unter
Tel. 0921 912-750
gleich einen Neuen.
Patientenratgeber • Umgang mit der Prothese • 63
64 • Beinamputiert und mitten im Leben • Patientenratgeber
Beinamputiert
und mitten im
Leben
Patientenratgeber • Beinamputiert und mitten im Leben • 65
Das Leben mit einer
Beinprothese
Eine Amputation ist ein schwerer
Schicksalsschlag und bedeutet
immer einen deutlichen Einschnitt ins Leben, der viele
Veränderungen mit sich bringt.
Doch eine Amputation bedeutet
nicht zwangsläufig nur Negatives, sondern kann auch das
Ende eines langen Leidensweges
und ein bewusster Anfang eines
neuen Lebensabschnittes sein.
Die meisten Alltagsaktivitäten
sind auch mit Beinprothese
möglich.
Arbeit und
Berufsleben
Wenn Sie in einem aktiven
Berufsleben stehen, sollten Sie
sich frühzeitig mit Ihrem
Pflegepersonal und Ihrem
Arbeitgeber über die
Rahmenbedingungen Ihrer
weiteren Berufsausübung
besprechen. Abhängig von Ihrem
Beruf und Ihrem Mobilitätsgrad
kann auch die normale Ausübung
Ihrer bisherigen Tätigkeit
möglich sein.
Sport
Nach einer Amputation Fahrrad
fahren, joggen, schwimmen,
Tennis oder Fußball spielen
und Ski fahren? Ist das möglich?
Die wichtigste Voraussetzung
ist eine optimale Prothesenversorgung.
Eine Amputation ist oftmals kein
Grund, auf Sport und Bewegung
verzichten zu müssen. Es gibt
viele Möglichkeiten für Amputierte, ihre bisherige Sportart
fortzuführen oder eine neue
Sportart kennen zu lernen.
Beinamputierte können durch
Sport Selbstbewusstsein tanken
und sich gleichzeitig fit halten zum Beispiel mit den sanften
Ausdauersportarten Rad fahren,
Schwimmen oder Nordic
Walking.
Die Prothese ist exakt auf
individuelle Bedürfnisse wie
Aktivitätsgrad und Körpergewicht abgestimmt, weshalb eine
Mehrbelastung der Prothese
schaden kann. Um Schaden an
der Prothese zu vermeiden und
die Sicherheit nicht zu gefährden, sind besonders hohe
Belastungs- und Aktivitäts-
66 • Beinamputiert und mitten im Leben • Patientenratgeber
ansprüche mit dem Orthopädietechniker zu besprechen.
Autofahren
Autofahren ist auch mit Beinprothese möglich, dennoch zählt
dieser Punkt zu den Ängsten,
die beinamputierte Menschen
gerade am Anfang plagen.
Mit speziellen Vorrichtungen
steht dem Fahren nichts mehr
im Wege.
Falls Sie sich ein neues Auto anschaffen möchten, besteht bei
vielen Herstellern die Möglichkeit, ein geeignetes Fahrzeug
ganz nach Ihrem Belieben zu
konfigurieren. Wenn Sie jedoch
schon ein eigenes Fahrzeug
besitzen und dieses lediglich
Ihren Anforderungen entsprechend umbauen lassen möchten,
können Sie sich an spezialisierte
Werkstätten wenden.
Hier bietet sich vor allem das
elektronische Linksgas auf
Knopfdruck als zeitgemäße
Option an, gerade dann, wenn
auch nicht behinderte Partner
das Fahrzeug nutzen möchten.
Beidseitig Amputierte haben die
Möglichkeit, mit Handbediensystem für Gas und Bremse oder
mit einem Gasring zu fahren.
Es gibt zahlreiche Lösungen
unterschiedlicher Hersteller, die
sich bewährt haben. Umbauten
müssen jedoch der zuständigen
Behörde gemeldet werden.
Es ist grundsätzlich ein Unterschied, ob jemand linksseitig
oder rechtsseitig amputiert
wurde. Einseitig links Amputierte
nutzen in der Regel Automatik,
während einseitig rechts
Amputierte ihr Fahrzeug mit
Automatik und Gaspedalverlegung nach links bedienen.
Patientenratgeber • Beinamputiert und mitten im Leben • 67
Spezielles Schuhwerk
Generell kann mit einer
Beinprothese jeder Schuh
getragen werden. Zu beachten
ist aber die Absatzhöhe der
Schuhe.
Beim statischen Aufbau der
Prothese muss nämlich die
Absatzhöhe des Schuhs berücksichtigt werden. Die Prothese ist
somit auf eine feste Absatzhöhe
ausgerichtet, die immer eingehalten werden muss. Beim Kauf
neuer Schuhe muss darauf
geachtet werden, die vorgegebene „effektive Absatzhöhe“
einzuhalten.
Die Schuhe von medi zum
Beispiel sind speziell auf die
Bedürfnisse von Prothesenträgern abgestimmt und entlasten
mit schuhorthopädischen
Merkmalen Gelenke und Rücken
– deshalb hat die Aktion Gesunder Rücken e.V. alle Modelle mit
dem Gütesiegel „AGR geprüft
und empfohlen“ ausgezeichnet.
Gemeinsam mit Orthopädieschuhtechnikern wurden
verschiedene Schuhmodelle für
Prothesenträger entwickelt, die
Rückenbeschwerden von zwei
68 • Beinamputiert und mitten im Leben • Patientenratgeber
Richtungen angehen: Einerseits
helfen die Schuhe, Fehlhaltungen
zu vermeiden. Auf der anderen
Seite unterstützen sie die
natürliche Gehbewegung, vor
allem bei Menschen, die Beinprothesen tragen. Ausgleichbewegungen und Fehlhaltungen
sind bei Prothesenträgern eine
häufige Ursache für belastete
Gelenke und Verspannungen
im Rücken. Die medi Schuhe
stabilisieren den Fuß mit einer
breiten Leistenkonstruktion,
seitlichen Stützen, einem festen
Mittelfußbereich sowie der
rutschsicheren ortho-tec Sohle.
Diese Merkmale schaffen
Sicherheit beim Gehen, indem
sie Dysbalancen und unphysiologische Ausgleichbewegungen
zwischen gesunder und Prothesenseite minimieren. Integrierte
Dämpfungs- und Abrollelemente
unterstützen die natürliche
Gehbewegung: Nach einem
weichen Auftritt und stabilen
Vollfußkontakt leitet eine
Ballenrolle im vorderen Drittel
des Schuhes die frühe Abrollbewegung des Fußes ein,
die von der Konstruktion mit
hochgezogener Zehenfront
zusätzlich unterstützt wird.
So schaffen die medi Schuhe die
Basis für ein harmonisches –
und damit rückenfreundliches –
Gehen.
medi Schuhwerk *
* Geprüft und empfohlen als rückenfreundlich
*besonders
M-31fürSporty,
Summer
Prothesenträger
vom Forum: Blue,
Gesunder
Rücken
– besser
e. V. und
M-Lite
GS,
Boaleben
Blue,
dem Bundesverband der deutschen RückenM-Travel
Tex,
M-Travel
schulen (BdR) e. V.
Velcro, M-City Lace
Weitere Infos bei AGR e.V.,
Postfach 103, 27433 Selsingen,
Tel. 04284 / 92 69 990
www.agr-ev.de
Weitere Informationen
Das medi Schuhwerk ist geprüft und
empfohlen als rückenfreundlich
besonders für Prothesenträger vom
Forum: Gesunder Rücken – besser leben
e. V. und dem Bundesverband der
deutschen Rückenschulen (BdR) e. V.
Weitere Infos bei AGR e.V., Postfach 103,
27443 Selsingen, Tel.04284 / 92 69 990,
www.agr-ev.de
Patientenratgeber • Beinamputiert und mitten im Leben • 69
Selbsthilfegruppen
Der Gedankenaustausch unter
Betroffenen kann enorm
wichtig sein. Um Erfahrungen
weiterzugeben. Um anderen
Mut zu machen. Um zu helfen
und zu unterstützen. Um zu
informieren. Oder einfach um
zu zeigen, dass man nicht alleine ist mit seiner Amputation.
In der Klinik findet die Amputation statt. Behandelnde Ärzte und
Schwestern kümmern sich um
das Bein. Orthopädietechniker
sorgen schon nach kurzer Zeit
für eine individuell abgestimmte
Prothesenversorgung. Physiotherapeuten lehren in krankengymnastischen Schulungen, mit
der neuen Mobilität umzugehen.
Doch was dann? Wie geht es
weiter? Wer bringt einem bei,
mit der neuen Lebenssituation,
den neuen Herausforderungen,
Gedanken und Sichtweisen
umzugehen?
Eine wichtige Unterstützung
können Selbsthilfegruppen
bieten – dort erhalten Beinamputierte neben dem wichtigen
Erfahrungsaustausch untereinander auch Beratung und Hilfe
für soziale und rechtliche
Belange.
Fragen Sie Ihren Orthopädietechniker – er kann Ihnen
sicherlich eine Selbsthilfegruppe
in Ihrer Nähe vermitteln.
Oder nutzen Sie die Selbsthilfegruppen-Suche unter
www.stolperstein.com
http://www.stolperstein.com/
leben-mit-beinprothese/
selbsthilfegruppen/
70 • Beinamputiert und mitten im Leben • Patientenratgeber
Stolperstein –
das Informationsmedium
für Beinamputierte
Gut informiert sein –
ein Schritt zu mehr Lebensqualität.
Der Stolperstein von medi ist eine
kostenlose Zeitschrift für Beinamputierte und Orthopädietechniker,
die den Austausch von Betroffenen untereinander, aber auch mit
der Fachwelt fördert.
Mit zahlreichen Informationen
rund um das Thema „Beinamputation“ wird eine wichtige
Unterstützung für den Alltag
gegeben.
Aus dem Inhalt
•Dialog – Anwenderportraits
•Tipps und Hilfen für den Alltag
•Amputation –
Wie geht es weiter?
•Hightlights – In jeder Ausgabe bieten wir unseren Lesern
etwas ganz Besonderes!
Stolperstein Abonement
Kostenlos bestellen unter
0921 912-750 oder
www.stolperstein.de
Patientenratgeber • Beinamputiert und mitten im Leben • 71
Bestellkarte für Abonnement
stolperstein
www.medi.de
medi. ich fühl mich besser.
Stolperstein Abonnement
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Datenspeicherung und der Zusendung von kostenlosen,
unverbindlichen Informationen oder NewsletterAbonnements, jederzeit ohne Nennung von Gründen
(per Anruf, Mail oder Post) gegenüber medi beenden
bzw. widerrufen kann.*
* medi weiß Ihr Vertrauen zu schätzen und nimmt das
Thema Datenschutz sehr ernst. Wir sichern Ihnen zu,
dass Ihre Angaben entsprechend den geltenden
datenschutz-rechtlichen Bestimmungen vertraulich
behandelt werden. Ausführlichere Informationen zum
Thema Datenschutz finden Sie unter www.medi.de
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bzw. Telefon: 0180 – 5003193 (14 Ct / Min, Handykosten
können abweichen).
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