hochgenuss am berg - Der Outdoor Guide

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hochgenuss am berg - Der Outdoor Guide
FOTO Dynafit/Garrett Grove
FOTO Völkl/Peter Mathis
FOTO Christian Penning
Richtig ausgerüstet aufs Dach der Alpen
HOCHGENUSS AM BERG
Imposante Gletscher, lange Tage mit unvergesslichen Erlebnissen fernab der
Zivilisation – im Hochgebirge muss auf die Ausrüstung Verlass sein. Wir haben uns bei
erfahrenen Bergführern umgehört und stellen passende Requisiten vor, mit denen die
Skihochtour zur Königstour wird.
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Die Luft ist dünn. Die Lungen ringen nach Sauerstoff.
Längst liegt die 3000-Meter-Marke weit unten, tief unterhalb der weissen Schönwetterwölkchen, die an der
Bergflanke entlangziehen. Es ist ein erhabenes Gefühl,
aus eigener Kraft mit Ski aufs Dach der Alpen zu klettern. Der Blick wandert übers Gipfelmeer – und schon
sind die Anstrengungen vergessen. Eines ist klar, aus­
ser der klaren, frischen Luft ist auf einer Skihochtour
nichts umsonst. Jeder Meter kostet Kraft. Doch mit der
richtigen Taktik und nicht zuletzt mit der richtigen Ausrüstung lassen sich durchaus Körner sparen. Dabei ist
Gewicht längst nicht der allein entscheidende Faktor.
«Solides, zuverlässiges Material sollte auf Skihochtouren
absolute Priorität haben», sagt Roger Christen. Er muss
es wissen. Der staatlich geprüfte Bergführer leitet für
den Veranstalter «Rock & Powder» regelmässig Touren
in Gletscherregionen. «Weit weg von den letzten Dörfern
und erschlossenen Skigebieten wird die Qualität des Materials zu einem enorm wichtigen Sicherheitsaspekt. Da
musst du dich absolut darauf verlassen können.»
Geringes Gewicht ist nicht alles
Nach der ersten Abfahrt von der Mönchsjochhütte über
das Ewigschneefäld heisst es: Felle aufziehen und weiter
aufsteigen. Es ist nicht der einzige Aufstieg an diesem Tag.
Nur absolute Kraftprotze wären jetzt nicht dankbar für jedes Gramm, das sie nicht mitschleppen müssen. Doch Roger Christen winkt ab: «Geringes Gewicht ist längst nicht
alles!» Vielleicht haben die Nordhänge weiter oben ja den
Pulverschnee konserviert. Wer wünscht sich da nicht einen breiten Freeride-Ski? Doch jetzt beim Aufstieg über die
immer steiler werdende Gletscherrampe? Nein danke! «Da
verlierst du schnell Zeit und Kraft», weiss Roger und rät
deshalb zur goldenen Mitte. «Ich habe schon Bergführer
gesehen, die ins Tal absteigen mussten, weil ihre superleichten Tourenrennski zwischen den gefrorenen Brocken
eines Lawinenkegels geborsten sind. Solide Modelle mit
verstärkenden Metalleinlagen um den Skikern zahlen sich
also aus. Die verbessern auch die Verwindungssteifigkeit.»
Der ideale Hochtourenski sollte stabil sein, genügend Breite mitbringen, um Pulver und weichen Sulz geniessen zu
können, aber auch schmal genug sein, um beim Spuren
keinen «Tanker» bewegen zu müssen und sich auf harten
Steilpassagen sicher zu fühlen. Und noch einen Tipp hat
Roger parat: «Ski für Hochtouren darf man ruhig 10 Zentimeter kürzer wählen, als man es normalerweise tun würde.» So spart man auf schlaue Art Gewicht: Der dadurch
reduzierte Auftrieb ist vernachlässigbar. Schliesslich ist
hüfttiefer Pulverschnee auf Hochtouren ohnehin eher die
Ausnahme. Und das Handling in Spitzkehren oder beim
Tragen am Rucksack wird spürbar leichter.
Ein ähnlicher Gewichtskompromiss wie bei den Ski
ist auch bei der Wahl der Skischuhe sinnvoll. «Der
Schuh sollte auch beim Fahren mit schwerem Rucksack
gute Fahreigenschaften bieten und den Körper ausreichend stabilisieren», erklärt Christen. Je anspruchsvoller das Gelände, desto bedeutender wird dieser Aspekt.
«Wichter als 100 Gramm mehr oder weniger ist eine
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HINTERGRUND Skihochtouren-Ausrüstung
Skihochtouren-Ausrüstung HINTERGRUND
s
MOVEMENT «BOND-X»
PREIS CHF 1099.TAILLIERUNG
120 – 84 – 109 mm (177 cm)
VERFÜGBARE LÄNGEN
161 – 169 – 177 – 183 cm
GEWICHT (Paar) 2300 g (177 cm)
BESCHREIBUNG Auf Skihochtouren ist längst nicht jeder Tag mit
Pulverschnee gesegnet. Leichte
und trotzdem stabile Ski mit gutem
Kantengriff, wie der «Bond-X», sind
deshalb erste Wahl. Getapte Fasern
von North TPT um den leichten
Holzkern verleihen dem Ski Dynamik, hohe Torsionssteifigkeit und
sorgen für Biss auch auf Hartschnee
und in eisigen Passagen. Dank Tipund Tail-Rocker ist der Ski trotzdem
wendig. Selbst Bruchharsch verliert
seinen Schrecken, und das Gleiten
im Powder wird zum Kinderspiel.
INFO Wild Duck SA, Tel. 021 925 20 90
WWW movementskis.com
SCARPA
«MAESTRALE RS»
DYNAFIT
«TLT RADICAL ST»
DYNAFIT
«SPEED CRAMPON»
COLLTEX
«MIX CAMLOCK»
LEKI «TOUR STICK
VARIO CARBON»
PREIS CHF 769.GEWICHT (Paar) 3140 g
BESCHREIBUNG Skihochtouren
stellen härtere Anforderungen an
Tourenskischuhe als Tages- oder
Halbtagestouren. Wegen des relativ
schweren Rucksacks steigt nicht nur
das Gewicht, das der Schuh absorbieren muss, auch die Rotationskräfte werden grösser. Deshalb ist Stabilität gefragt. Der «Maestrale RS»
für Freerider und Tourer, die auf gute
Abfahrtsperformance Wert legen,
zählt zu den leichtesten Vierschnallern am Markt und glänzt trotzdem
mit steifer Schale und verstärktem
Schaft. Auch als Damenmodell «GEA
RS» erhältlich.
INFO New Rock SA, Tel. 091 935 14 00
WWW newrocksport.ch
PREIS CHF 539.- (mit Stopper)
GEWICHT (Paar) 1062 g
BESCHREIBUNG Wenn es darum
geht, Gewicht zu sparen und bewegte
Masse zu reduzieren, sind DynafitBindungen erste Wahl. Bei langen
Aufstiegen ist der Gewichtsvorteil
konkurrenzlos. Die «Radical ST» mit
Auslösewerten von 4-10 (Alternative: «Radical FT»: 5-12) lässt sich
darüber hinaus komfortabel bedienen. Die Speed-Step-Steighilfe stellt
man ganz einfach per Stock in den
nächsten «Aufstiegs-Gang». Seitliche Anschläge an den Vorderbacken
sorgen für unkomplizierten, schnellen Einstieg und verbessern den Halt
bei seitlichen Schlägen.
INFO Salewa Sport AG,
Tel. 071 335 09 30
WWW dynafit.com
PREIS CHF 89.GEWICHT (Paar) 126 g
BESCHREIBUNG Kein Grund mehr,
seine Harscheisen aus Platz- und
Gewichtsgründen zuhause zu lassen:
Die «Speed Crampons» von Dynafit
wiegen kaum mehr als eine halbe
Tafel Schokolade und haben selbst
in Rucksäcken mit wenig Volumen
Platz. Ist ihr Einsatz erforderlich,
sind sie blitzschnell montiert. Die
Haifischzahn-Bauweise sorgt für optimalen Halt auf eisigem Untergrund.
Kompatibel ist die Aufstiegshilfe allerdings nur mit Dynafit-Bindungen.
INFO Salewa Sport AG,
Tel. 071 335 09 30
WWW dynafit.com
PREIS CHF 255.- (bis 125 mm
Skibreite), CHF 280.- (ab 126 mm)
GEWICHT (Paar) 450 g (170 cm)
BESCHREIBUNG Speziell auf den
Rockershape aktueller Tourenskimodelle abgestimmt ist das «Mix
Camlock» von Colltex. Dank schlankem Schnitt an der Skispitze soll
kein Schnee mehr zwischen Fell und
Spitze eindringen. Wie der Name
schon sagt, besteht das Steigfell aus
einem strapazierfähigen und extrem
abriebfesten Mix mit 65 Prozent
Mohair und 35 Prozent Polyamid.
Der Colltex Standardkleber hat sich
seit 20 Jahren auf Skihochtouren
bewährt. Und das Camlock Befestigungssystem eignet sich für alle
Skimarken.
INFO Colltex AG, Tel. 055 645 60 70
WWW colltex.ch
PREIS CHF 199.GEWICHT (Paar) 510 g
BESCHREIBUNG Leicht, robust und
schnell zu verstellen sollte ein Stock
für Skihochtouren sein. Der «Leki
Tour Stick Vario Carbon» lässt sich
bei Kletterpartien auf das handliche Packmass von 39 Zentimetern
schrumpfen. Damit er den Kontakt
mit scharfkantigen Felsen oder
Skikanten bruchlos wegsteckt, ist
die unterste Sektion aus Aluminium
gefertigt. Sie ist mit langer Flexspitze und breitem Tourenteller
ausgerüstet. Für Stabilität sorgt das
im Inneren des Stocks gespannte
Kevlarseil. Verstellbereich: 110 bis
130 cm.
INFO Lowa Schuhe AG,
Tel. 033 828 11 44
WWW leki.de
möglichst hohe Beweglichkeit des Schuhschafts im Aufstiegsmodus», ergänzt der Bergführer. Von Vorteil sei
zudem eine leichte Sprengung, sprich Aufbiegung des
Schuhs an der Schuhspitze. Damit rollt der Fuss beim
Gehen besser ab, und beim Klettern steigt das Trittgefühl. Auch beim Verbindungselement zwischen Ski und
Schuh, der Bindung, rät Christen zu einem überlegten
Kompromiss aus Gewicht, Stabilität und Steifigkeit.
Für welches Modell man sich entscheide, sei letztendlich auch abhängig von der eigenen Statur. Grössere und
kräftigere Tourengeher könnten ruhig auch mal zum
nächstschwereren Ausrüstungsteil greifen. Fangriemen
178
sollte man nur als Telemarker oder in Ausnahmefällen
verwenden, wenn tatsächlich ein hohes Risiko besteht,
bei Auslösung der Bindung den Ski unwiederbringlich
zu verlieren. «Schliesslich», so Christen, «besteht bei
Stürzen mit Fangriemen ein hohes Risiko, sich durch
den herumwirbelnden Ski zu verletzen.» Sein Tipp:
«Wenn schon Fangriemen, dann möglichst kurz. Nicht
länger als acht bis zehn Zentimeter.»
Nun fehlen für die Grundausstattung noch die Stöcke
und Felle. Rein physikalisch sparen ultraleichte CarbonStöcke sicher Kraft. Doch auf Skihochtouren sollte die
Stabilität Vorrang haben. Alu ist im Zweifel weniger
schlagempfinglich als Carbon. Denn ein gebrochener
Stock kann erst recht viel Zeit und Kraft kosten. Erste
Wahl sind Verstellmechanismen mit Clip-Bajonett-Verschlüssen. Die sind stabil, schnell einstellbar und lösen
sich ungewollt weniger leicht als Drehverschlüsse. Oft
unterschätzt wird die Bedeutung der Tourenfelle.
Haarige Angelegenheit: Tourenfelle
«Wenn das Fell nicht mehr am Ski hält oder bei Neuschnee starke Stollen bildet, kann das am Ende zu völ-
liger Erschöpfung führen und Tourer wirklich in Gefahr
bringen», warnt Roger Christen. «Wichtig ist deshalb die
regelmässige Pflege. Und neue Felle sollte man unbedingt
vorher auf ein paar kleineren Touren ausprobieren.» Sie
sollten sich unbedingt auch noch aufziehen lassen und
am Ski haften, wenn sie schon feucht sind oder Schnee
an ihnen haftet. Denn an den meisten Hochtourentagen
ist es mit einem Aufstieg und einer Abfahrt nicht getan.
Als Material der Wahl für den «Teppich» unter den Füs­
sen bietet sich ein Nylon-Mohair-Mix an. Reine Mohairfelle gleiten zwar besser, sind bei Felskontakt aber meist
weniger widerstandfähig. Reine Nylon- oder Polyester-
179
HINTERGRUND Skihochtouren-Ausrüstung
Skihochtouren-Ausrüstung HINTERGRUND
s
MAMMUT
«ELEMENT BARRYVOX»
BLACK DIAMOND
«DEPLOY SHOVEL 7»
ORTOVOX
«CARBON PFA»
GREGORY
«TARGHEE 32»
BERGANS «SLOGEN LIGHT
INSULATED JACKET»
HESTRA
«WINTER TOUR»
PREIS CHF 390.GEWICHT 210 g (inkl. Batterien)
BESCHREIBUNG Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht? Das
«Element Barryvox» überzeugte
bei mehreren Tests durch einfache
Bedienung. Mit etwas Übung steht
da einer schnellen und präzisen
Ortung im Notfall nichts im Weg. Das
digitale 3-Antennen-Gerät erkennt
Richtung und Distanz des Verschütteten und ist mit Signalanalyse, Verschüttetenliste und Markierfunktion
ausgestattet. Ein Bewegungsdetektor schaltet das Gerät automatisch
in den Sendemodus um, falls der
Suchende durch eine Nachlawine
verschüttet wird.
INFO Mammut Sports Group AG,
Tel. 062 769 81 81
WWW mammut.ch
PREIS CHF 99.90
GEWICHT 700 g
BESCHREIBUNG Im Grund wünscht
man sich ja, dass man sie zu nichts
anderem benötigt, als den Eingang zum Winterraum der Hütte
freizuschaufeln oder notfalls eine
Schneehöhle zu graben. Doch im
Notfall müssen Lawinenschaufeln
Leben retten. Und dafür sollten sie
möglichst stabil sein und ordentlich
was wegarbeiten. Das gelingt mit der
«Deploy 7» dank grossem, stabilem
Schaufelblatt aus Metall sehr gut.
Dank der speziellen Schaftaufnahme
ist die Schaufel in Sekundenschnelle
einsatzbereit. Als «Deploy 3» auch
eine Nummer kleiner erhältlich.
INFO Black Diamond Equipment AG,
Tel. 061 564 33 33
WWW blackdiamondequipment.com
PREIS CHF 109.GEWICHT 200 g
BESCHREIBUNG Nicht nur schön
leicht und steif, sondern auch ruckzuck einsatzbereit ist die CarbonSonde von Ortovox mit pfa-Schnellspann-System. Mit einem Handgriff
ist die 240 Zentimeter lange Sonde
gespannt und ebenso schnell wieder
entspannt. Eine strapazierfähige
Dyneema Reepschnur verbindet
die einzelnen Segmente. Die Haltemanschette aus EVA-Schaum
sorgt für einen angenehmen Griff.
Die Verschüttungstiefe lässt sich an
den Markierungen der Segmente
ablesen.
INFO Sportco AG, Tel. 031 924 15 15
WWW ortovox.de
PREIS CHF 179.GEWICHT 1700 g (Grösse M)
BESCHREIBUNG Speziell für Ski­
abfahrten oder Kletterpassagen hat
Gregory das Vertflex Tragesystem
des neuen Rucksacks «Targhee»
entwickelt. Es verleiht vertikal Stabilität und erlaubt gleichzeitig eine
hohe Torsionsflexibilität für dynamische Bewegungen. Clevere Details:
ein spezielles Fach für Schaufel und
Sonde, eine verstaubare Helmhalterung, ein isolierter Kanal für den
Trinkschlauch und ein Reissverschlusszugriff über die Rückseite.
Als zuverlässiger Hochtourenbegleiter ist der «Targhee» auch mit
45 Liter Volumen erhältlich.
INFO Casoar SA, Tel. 021 925 20 85
WWW gregorypacks.com
PREIS CHF 310.GEWICHT 455 g (Grösse L)
BESCHREIBUNG Eine warme und
platzsparende Isolationsjacke sollte
bei jeder Skihochtour mit in den
Rucksack. Dank Primaloft-Kunstfaserfüllung wärmt die «Slogen
light» auch noch, wenn sie feucht
wird. Ausgestattet mit einer verlängerten Rückenpartie, einer festen
Kapuze, vorgeformten Ellenbogen
und elastischen Bündchen hat
die Jacke alles, was man auf Tour
braucht. Die Pertex-Aussenhülle
macht das gute Teil zudem wasserabweisend und winddicht. Erhältlich
in den Herrengrössen S-XXL und in
den Damengrössen XS-XL.
INFO Bergans Outdoor GmbH,
Tel. +49 40 325 96 44 50
WWW bergans.de
PREIS CHF 59.GEWICHT (Paar) 100 g
BESCHREIBUNG Tourenhandschuhe
müssen wahre Alleskönner sein. Ein
Paar reicht für eine Hochtour nicht.
Für Aufstiege empfiehlt sich ein
nicht allzu warmer, aber vor Wind
schützender Fleece-Handschuh.
Der Hestra «Winter Tour» ist dank
imprägniertem Ziegenleder an
der Handfläche ausserdem robust
genug, Kontakte mit Skikanten oder
scharfkantigen Felsen schadlos
wegzustecken. Für strammen Sitz
sorgt ein Klettverschluss. Farben:
Rot, Schwarz und Navy.
INFO Sport Concept, Tel. 021 802 55 16
WWW hestragloves.com
felle dagegen sind zwar robust, gleiten aber schlechter
und kosten über den Tag gesehen deutlich mehr Kraft.
Ein bisschen Luft im Rucksack
Der Aufstieg zum grossen Fiescherhorn wird steiler und
steiler. Der Firn des Vortages ist noch nicht aufgetaut,
der Untergrund hart wie Beton. Immer wieder rutschen
die Ski bei der Querung des Hanges ab. Höchste Zeit,
die Harscheisen anzulegen. «Nur wer die Route gut kennt
und für alle Fälle Steigeisen im Rucksack hat, kann un-
180
ter Umständen auf sie verzichten», macht Roger klar, wie
wichtig dieses Utensil auf Hochtouren ist. «Bei harten
Verhältnissen sind Harscheisen ein klares Sicherheits­
plus.» Wer meint, sie nähmen im Rucksack zu viel Platz
weg, sollte sie das nächste Mal mit einem Stück Draht
um das Erste-Hilfe-Päckchen schnüren, und schon sind
sie aufgeräumt.
Apropos Platz: Der hängt natürlich neben der mehr
oder weniger grosszügigen Auswahl an Ausrüstung und
Proviant von der Grösse des Rucksacks ab. «Unter 30 Liter wird es knapp», weiss Roger aus Erfahrung. «Selbst
wenn man perfekt gepackt alles reinkriegt, hat man am
Ende Probleme, rasch an die Sachen heranzukommen.»
Ein bisschen Luft schadet also nicht. Das Idealvolumen
liegt bei 35 bis 40 Liter. Von Rucksäcken über 45 Liter
Volumen rät er ab. «Da fühlt man sich wie mit einem
Tank am Rücken. Die bewegte Masse mindert nicht nur
den Genuss, sie ist auch ein Sicherheitsrisiko. Gerade
im steilen Gelände überdreht man dann schnell mal,
was zu gefährlichen Stürzen führen kann.» Praktisch
ist die Ausstattung des Rucksacks mit Trinkbeutel und
Trinkschlauch. Doch Vorsicht: Bei tiefen Temperaturen
frieren selbst isolierte Schläuche leicht ein. Zumindest
eine kleine Thermoskanne mit warmem Tee sollte des-
halb als Backup immer mit in den Rucksack. Endstation! – Nein, die Tour ist noch lange nicht zu Ende. Doch
das Steilstück auf den nächsten 100 Metern ist vereist
und mit Ski im Anstieg nicht zu bezwingen. Also Ski
auf den Rücken, Pickel raus und hoch! Mit 50 bis 55
Zentimetern sollte der nicht zu lange sein. So hat er bei
der Anreise auch im Rucksack Platz, und im Falle eines
Sturzes trägt man bei der Abfahrt keinen gefährlich langen Spiess am Rücken. Pickel mit Alu-Hauen sind zwar
schön leicht, aber im harten Eis fehlt es ihnen an Zug
und Schwungkraft. «Wer ein effektives Werkzeug will,
greift deshalb zu Stahl», empfiehlt Roger Christen.
181
HINTERGRUND Skihochtouren-Ausrüstung
Skihochtouren-Ausrüstung HINTERGRUND
s
LIGHT & MOTION
«SOLITE 250EX»
TATONKA
«FIRST AID COMPACT»
SCOTT
«APPROACH»
SUUNTO
«AMBIT 2S»
BLACK DIAMOND «SABRETOOTH CRAMPON»
PETZL
«SUMMIT»
PREIS CHF 199.GEWICHT 149 g
BESCHREIBUNG Sehr vielseitig einsetzen lässt sich die «Solite 250EX».
Beim Frühstart in der Dämmerung
klippt man sie einfach an das rutschfeste Stirnband. Im Biwak oder auf
der Hütte wird sie zur Standleuchte
oder Taschenlampe – einfach auf
dem Akku einrasten, fertig. Mit einer
Leuchtkraft von 250 Lumen bringt
sie auch für Abfahrten genügend
Leuchtkraft mit. Laden lässt sich
die Multifunktionslampe per MicroUSB-Anschluss. Leuchtdauer: 4 h
(high), 8 h (medium), 30 h (low).
INFO bf trading gmbh,
Tel. 079 519 48 19
WWW lightandmotion.com
PREIS CHF 54.GEWICHT 390 g
BESCHREIBUNG Es wird schon nichts
passieren ...! Und wenn doch? Dann
ist eine Rucksackapotheke samt
mobiler Erster-Hilfe-Station unverzichtbar. Tatonka packt die Grundausstattung für Mehrtagestouren
kompakt in einen 18 x 12,5 x 5,5 cm
kleinen Nylonbeutel. Verbandpäckchen und Kompressen befinden sich
darin ebenso wie eine Verbandschere,
Pinzette, Vinylhandschuhe, Dreieckstuch, Alkoholtupfer, Erste-Hilfe-Kurzanleitung und eine Rettungsdecke
(160 x 210 cm).
INFO Tatonka GmbH,
Tel. +49 8205 96 020
WWW tatonka.com
PREIS ab CHF 139.GEWICHT 33 g (Grösse S)
BESCHREIBUNG Dass Sonnenbrillen fürs Hochgebirge durchaus cool
aussehen können, zeigt Scott mit
der «Approach». Bei den Gläsern
kommen aktuellste Technologien
zum Einsatz. Ein guter seitlicher
Schutz durch die breiten Bügel und
ein entfernbarer Brow Bar an der
Oberseite bewahren die Augen vor
der gefährlich starken Strahlung im
Hochgebirge. Das Gestell ist flexibel
und leicht, Bügelenden und Nasenauflage sind verstellbar und mit
weichem Kunststoffpolster angenehm zu tragen. Mit dazu gibt’s ein
thermogeformtes Sportetui.
INFO Scott Sports AG,
Tel. 026 460 16 16
WWW scott-sports.com
PREIS CHF 699.GEWICHT 92 g
BESCHREIBUNG Als potenter Gewichtsparer lässt sich die «Ambit
2S» auf Tour einsetzen. Neben den
Funktionen als Uhr, Höhenmesser,
Kompass, Wetterstation, Herzfrequenz- und Geschwindigkeitsmesser dient sie auch als GPS-Gerät.
Zusätzlich steckt in der Uhr ein
vollwertiger Sportcomputer zur Erfassung von Trainingsdaten. Je nach
GPS-Genauigkeit beträgt die Akkuleistung 16 bis 50 Stunden. Nachteil
zu herkömmlichen alpintauglichen
GPS-Geräten: Die Bedienung ist mit
Handschuhen kaum möglich.
INFO Amer Sports SA,
Tel. 058 360 06 06
WWW suunto.com
PREIS CHF 209.GEWICHT (Paar) 925 g
BESCHREIBUNG Wenn es mit Ski
oder mit Schuhen alleine nicht
mehr geht, kommen die Steigeisen
zum Einsatz. Im gewichtsparenden
Design aus rostfreiem Stahl ist das
«Sabretooth Crampon» von Black
Diamond gerfertigt. Das Steigeisen
ist widerstandsfähig und mit ABSPlatten ausgerüstet, die das Anstollen von Schnee auf der Unterseite
verhindern. Noch gut 100 Gramm
mehr sparen lassen sich mit dem
Modell «Contact», einem 10-ZackenEisen.
INFO Black Diamond Equipment AG,
Tel. 061 564 33 33
WWW blackdiamondequipment.com
PREIS CHF 170.GEWICHT 495 g
BESCHREIBUNG Gut in der Hand
liegt der «Summit» dank seines
gebogenen Schafts aus leichtem
Aluminium mit einer strukturierten
Kautschukbeschichtung. Damit bietet er auch in steilem Gelände immer
den nötigen Freiraum. Der warmgeschmiedete Kopf und die geschwungene Haue sind aus Chrom-Molybdän-Stahl gefertigt. Kopf und Spitze
besitzen breite ovale Öffnungen zum
Einhängen eines Karabiners. Die aus
Edelstahl gefertigte Spitze sorgt für
zuverlässigen Halt im Fels. Länge:
52 cm
INFO Petzl Schweiz,
Tel. 021 947 46 66
WWW petzl.com
Was Warmes für die Pause
Nicht minder effektiv müssen beim Aufstieg durch die eisige Rinne die Steigeisen funktionieren. «Die sollten auf
jeden Fall aus Stahl sein. Alu-Eisen sind zwar leichter,
sie werden aber schon stumpf, wenn sie nur einen Stein
sehen», hat der Bergführer selbst immer wieder erfahren müssen. Sein Fazit: «Steigeisen aus Stahl sind zwar
schwerer, beissen im harten Eis aber deutlich besser.
Und Gewicht lässt sich sparen, wenn man zum Zehnzacker greift, statt zu einem Modell mit zwölf Zacken.»
Am Ende der Kletterpassage sind die Handschuhe nass
182
und klamm. Gut, dass noch ein zweites Paar warmer
Handschuhe im Rucksack steckt. Am Gipfel des Grossen
Fiescherhorns, des ersten Viertausenders der Tour, kommen sie ebenso zum Einsatz wie die warme Primaloft-Jacke. So wird die Gipfelpause trotz Wind am Grat kuschelig
warm. Aber die dicke, wärmende Isolationsschicht ist auch
aus ganz banalen Sicherheitsgründen ein Muss auf der
Packliste. «So lässt sich notfalls auch eine Biwaknacht unter freiem Himmel überstehen», sagt Roger. Daune als Isolationsmaterial liege zwar im Trend, ihre Wärmeleistung
lasse aber stark nach, wenn sie feucht oder gar nass werde,
falls sie nicht speziell behandelt sei. Und noch zwei Beklei-
dungstipps hat Roger parat: «Gerade im Frühjahr sollte die
Hose für Aufstiege seitliche Reissverschlüsse zur Belüftung
besitzen. Und Gamaschen muten zwar ein bisschen wie ein
Relikt aus alten Zeiten an. Bei längeren Kletterpassagen
mit Steigeisen sind sie aber durchaus sinnvoll: Sie schützen
dann die oft eher weit geschnittenen Hosenbeine.»
GPS – Orientierung im Whiteout
Wie geht’s weiter? Ein Blick auf das GPS-Gerät zeigt
den Verlauf der Strecke bis zur Finsteraarhornhütte.
Dank der bereits aufgezeichneten Route liesse sich der
Weg selbst bei Nebel finden. «Für mich zählt beim GPS
vor allem die Akkuleistung. Die muss auch bei tiefen
Temperaturen ausreichen», merkt Roger an. «Smartphones mit GPS-Funktion sind wegen der mangelnden Akkuleistung für Hochtouren ein untaugliches Spielzeug.»
Uhren mit GPS-Funktion sparen zwar Gewicht, man
muss sich aber auch im Klaren sein, dass sie sich mit
Handschuhen nicht bedienen lassen.
16 Stunden später. Es ist noch fast dunkel, als der
Aufstieg zum Finsteraarhorn beginnt. Gerade jetzt in
der Dämmerung macht sich eine Stirnlampe mit guter
183
HINTERGRUND Skihochtouren-Ausrüstung
Skihochtouren-Ausrüstung HINTERGRUND
s
BLACK DAIMOND
«COULOIR HARNESS»
PETZL
«LASER SPEED LIGHT»
MAMMUT
«RESCYOU»
EDELRID
«SWIFT 8,9 MM»
SALEWA
«PIUMA PRO 230»
ULTRASUN
«VERY HIGH 50+ FACE»
PREIS CHF 71.90
GEWICHT 230 g
BESCHREIBUNG Ein leichter,
schma­ler Sitzgurt mit vollem
Funktionsumfang für Ski- und Bergtouren. Das «Couloir Harness» ist
aus schnell trocknendem, flachem
Nylongurtband gefertigt und besitzt
eine traditionelle Schnalle. Zum
einfachen An- und Ausziehen sind
die Beinschlaufen mit einem QuickRelease ausgestattet. Zusammengefaltet in der Packtasche nimmt der
Gurt im Rucksack kaum Platz weg
und passt sogar in die Jackentasche.
Erhältlich in den Grössen S/M, M/L,
L/XL und XL/XXL.
INFO Black Diamond Equipment AG,
Tel. 061 564 33 33
WWW blackdiamondequipment.com
PREIS CHF 90.- bis 92.GEWICHT 91 g (13 cm), 100 g (17 cm),
110 g (21 cm)
BESCHREIBUNG Eisschrauben – für
Sicherungsmassnahmen im Gletschereis sind sie unentbehrlich.
Dank Aluminium-Schaft wiegen die
«Laser Speed Light» – Schrauben
am Klettergurt oder im Rucksack
nicht schwer. Die optimierte Form
der Zähne lässt die Eisschraube
schon nach einer Vierteldrehung
greifen. Die ergonomische Form der
Aluminiumlasche und die integrierte
umklappbare Kurbel erleichtern das
Eindrehen.
INFO Petzl Schweiz,
Tel. 021 947 46 66
WWW petzl.com
PREIS CHF 150.GEWICHT 410 g (inkl. Transportbeutel)
BESCHREIBUNG Mal ehrlich, wer
beherrscht die Techniken zur Selbstund Kameradenrettung bei Stürzen
in Gletscherspalten wirklich sicher?
Mit dem RescYou lassen sich Rettungseinsätze deutlich vereinfachen.
Mit dem sechsfachen Flaschenzug,
der mit zwei Steigklemmen in das
Tourenseil eingeklinkt wird, können
Tourengeher ohne aufwändige vorherige Installation geborgen werden.
Am Sitzgurt eingehängt, ist «Resc­
You» jederzeit einsatzbereit. Einziger
Nachteil: das Mehrgewicht. Denn
Karabiner und Schlingen sollten
trotzdem mitgeführt werden.
INFO Mammut Sports Group AG,
Tel. 062 769 81 81
WWW mammut.ch
PREIS CHF 190.- (40 m)
GEWICHT 52 g pro Meter
BESCHREIBUNG Das «Swift 8,9 mm»
ist eines der dünnsten Einfachseile
am Markt und damit leicht genug,
um auch bei langen Touren nicht wie
Blei im Rucksack zu liegen. Dank
Dry-Shield-Behandlung ist es unempfindlich gegen Staub und Feuchtigkeit. Für Hochtouren, auf denen
auch mit grösseren Abseilstellen
zu rechnen ist, sollte die Seillänge
mindestens 40 Meter betragen.
Unbedingt vor der Tour ausreichend
Informationen einholen. Verfügbare
Längen: 30, 40, 50, 60, 70, 80 und 200
Meter.
INFO UB Sports GmbH,
Tel 043 244 51 35
WWW edelrid.de
PREIS CHF 169.GEWICHT 230 g
BESCHREIBUNG Beim Klettern über
Felspartien vom Skidepot zum Gipfel
kann es schon mal vorkommen, dass
Kopf und Felsblock kollidieren –
ganz zu schweigen von Steinschlag.
Ein Helm ist deshalb nicht nur als
Schutz auf Abfahrten sinnvoll. Der
auf einer stabilen In-Mould-Konstruktion basierende «Piuma Pro 230»
verfügt über seitliche Belüftungsöffnungen und vier Stirnlampen-Clips.
Per Verstellrad lässt er sich rasch
und exakt an die Kopfgrösse anpassen. Auch zum Alpin- und Sportklettern geeignet.
INFO Salewa Sport AG,
Tel. 071 335 09 30
WWW salewa.ch
PREIS CHF 26.90
INHALT 50 ml
BESCHREIBUNG Nicht nur wenn
die Kameraden ein ganzes Stück
fitter sind, kann man nach einer
Skihochtour ziemlich alt aussehen.
Die ultraviolette Strahlung dringt in
die Haut ein und kann die DNA der
Zellen schädigen. Folge: Die Haut
altert schneller. Die «very high 50+
face» von Ultrasun kombiniert hohen
Lichtschutz und damit Schutz vor gefährlichen, Hautkrebs auslösenden
UV-Strahlen mit einer «anti-ageing
formula» mit dem natürlichen Wirkstoff Ectoin. Zusätzlich regeneriert
und fördert der Radikalfänger SOD
die Zellteilung.
INFO Ultrasun AG, Tel. 044 946 10 00
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Leuchtkraft bezahlt. «Je mehr Licht, desto besser treten
die Konturen hervor, und auch versteckte Spalten lassen
sich erkennen», hat Christen festgestellt. Er empfiehlt
mindestens 100 Lumen Leuchtkraft. «Das hilft auch auf
den Abfahrten. Je besser die Sicht, desto zügiger lässt
sich’s schwingen.» Gegen Mittag hat die Sonne die Südflanken angetaut. Auf halber Strecke der Abfahrt ertönt
plötzlich ein dumpfes Poltern. Steine! Nichts wie in Deckung hinter den nächsten Felsen! Gut, jetzt zumindest
einen Helm zu tragen. «Dessen Schale sollte stabil genug sein, um vor Steinschlag zu schützen», merkt Roger
als Sicherheitstipp an. «Ausserdem sollte er ausreichend
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belüftet sein. Schliesslich kann es gerade bei Skihochtouren im Frühjahr auch mal heiss hergehen.»
Nie ohne Rettungsausrüstung
Eine heisse Sache ist auch die Querung des Fieschergletschers am nächsten Morgen. Breite Spalten in Richtung
Galmigletscher erfordern hohe Aufmerksamkeit und entsprechende Sicherungsmassnahmen. Ein Klettergurt, der
die Bergung im Falle eines Spaltensturzes deutlich erleichtert oder auch an Abseilstellen unverzichtbar ist, ist auf
einer Skihochtour ebenso Pflicht wie ein Verschütteten-
suchgerät, Lawinenschaufel und Sonde. «Als Klettergurt
für Skihochtouren reicht ein einfaches, leichtes Modell
ohne üppige Polsterung. Schliesslich kommt es kaum vor,
dass man ungebremst mit vollem Gewicht ins Seil fällt»,
bemerkt Roger. Vorteil: Diese Gurte sind leicht und lassen
sich im Rucksack platzsparend verstauen. Zum Einbinden
ins Seil in spaltengefährdeten Bereichen empfiehlt er ein
dünnes Einfachseil. Um damit auch grössere Abseilstellen
meistern zu können, sollte es nicht unter 40 Meter lang
sein. Um im Notfall eine Spaltenbergung durchzuführen,
seien zudem jeweils zwei bis drei Schraub- und Normalkarabiner nötig, eine Umlenkrolle mit Seilklemme, fünf
bis sechs Meter Reepschnur und entsprechend vorbereitete Prusik-Schlingen. «Die blanke Ausrüstung alleine
reicht natürlich nicht», mahnt Christen, «man muss auch
mit den entsprechenden Sicherungs- und Bergungstechniken vertraut sein.» Wer unsicher ist, sollte sich auf Skihochtouren besser einem erfahrenen
Bergführer anvertrauen. ✸
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Christian Penning
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