Nord-Ausgabe - RUND

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Nord-Ausgabe - RUND
ROY MAKAAY JENS NOWOTNY MARTIN SONNEBORN STIG TØFTING FETTES BROT BENJAMIN LAUTH CHRISTIAN TIFFERT THOMAS BROICH HANS MEYER JÖRG THADEUSZ TIMO HILDEBRAND CRISTIANO LUCARELLI
RUND
DAS FUSSBALLMAGAZIN
#3 10 2005
RUND
DAS FUSSBALLMAGAZIN #3 10 2005
Deutschland 2,80€ Schweiz 5,50sfr Österreich 3,20€ Luxemburg 3,20€
RUND
WWW.RUND-MAGAZIN.DE
NEU
Türkei
Gelobtes Land
für Toptalente
Metzelder
„Viele hofften,
dass ich scheitere“
Groupies
Die Fehltritte
der Fußballstars
Mertesacker
Der Nationalspieler
am Lügendetektor
Daniel van Buyten
Der Catcher
der Bundesliga
rund1005_Titel 1
08.09.2005 22:05:38 Uhr
RUND
Einlaufen
LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,
seit Jahren betreibt der türkische Fußballverband eines der modernsten Scoutingsysteme im
europäischen Nachwuchsbereich. Ein effektives Modell, das mehr denn je Erfolge feiert: Immer wieder bringt das Land zahlreiche talentierte Spieler hervor. Vor wenigen Wochen wurde die türkische U-17-Auswahl Europameister. Gemeinsam mit dem Türkei-Experten Tobias
Schächter und dem Berliner Fotografen Özgür Albayrak hat unser Redakteur Christoph Ruf
die großen Istanbuler Klubs besucht, unter anderem mit dem Fenerbahçe-Trainer Christoph
Daum gesprochen und Erstaunliches über die türkische Ausbildungsphilosophie erfahren.
Die Reportage lesen Sie ab Seite 54.
Jens Nowotny gilt als eine der kämpferischsten, aber auch tragischsten Figuren im deutschen Profifußball der vergangenen Jahre. Nach seinem vierten Kreuzbandriss kämpft sich
der Kapitän von Bayer 04 Leverkusen derzeit wieder an die Bundesliga heran – was vor ihm
noch keinem anderen Profi gelang. An Resignation will der 31-Jährige nicht denken. Schafft
er erneut den Anschluss? Womöglich sogar rechtzeitig bis zur WM in nächsten Jahr? RUNDAutor Roger Repplinger hat Nowotny einige Stunden beim Reha-Training begleitet. Lesen
Sie das Porträt zwischen Hoffnung und Karriereende ab Seite 78.
Dass Fußballer als Traumfiguren verehrt werden, ist eine relativ neue Erscheinung, die
vorher in der Popmusik und im Film zu beobachten war. Wo Stars sind, warten auch Groupies. Im deutschen Profifußball wissen alle von diesem distanzlosen Verhältnis, doch die wenigsten reden über eines der größten Tabuthemen im Fußball – obwohl vielen jüngeren Profis die Scheinheiligkeit im Männerkosmos Fußball zu schaffen macht. Ab Seite 22 lesen Sie
die Ergebnisse einer aufwändigen Recherche, bei der mancher Gesprächspartner sein Wissen nur zögerlich preisgeben wollte. IHRE RUND-REDAKTION
RUND 3
rund_003_Editorial 3
07.09.2005 19:32:47 Uhr
RUND
Aufstellung
Inhalt 10 05
TITELBILD DANIEL VAN BUYTEN
FOTO AXL JANSEN & NICOLE HARDT
AM BALL
08 SCHNELLSCHUSS
14 FELDSALAT
90
22
32
34
36
In Brasilien ist Kindheit und Kicken eins
Roy Makaay über die besten 90 Minuten seines
Lebens und das härteste Team aller Zeiten
Groupies führen die Fußballstars in Versuchung
Was geschieht mit dem Datenschutz bei der WM?
Cristiano Lucarelli ist die Faust der Serie A
Den 18 Erstligisten sorgfältig in die Karten geschaut
TITEL
GESCANNTER FAN
STARGAST
LAGE DER LIGA
GLEICHE HÖHE
74
42
48
50
51
53
54
62
66
68
DER SPIELER SPRICHT
ERBSENZÄHLER
BROICHS BONBONS
RUND-POSTKARTEN
MEYERS TAKTIKTAFEL
REPORTAGE
HEIMSPIEL
FUNDSTÜCK
ZU GAST BEI FREUNDEN
Christoph Metzelder über seine WM-Chancen
Schnauzbärte sind ausgestorben
Gladbach-Profi Thomas Broich über das süße Leben
Zum Rausnehmen und Verschicken
Hans Meyer erklärt seine Taktikwelt
Die Türkei: mit Toptalenten in die Weltspitze
HSV-Abwehrhüne Daniel van Buyten übers Catchen
Karl Pekarna, der erste deutsche Kicker in England
Eine neue Ausländerregel bedroht Nicht-EU-Profis
IM ABSEITS
74
77
78
82
86
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94
LÜGENDETEKTOR
WAS WÄRE WENN
ZWANGSPAUSE
FÜR IMMER FAN
FEIND DES FUSSBALLS
DÄNISCHES DYNAMIT
SPIEL MIT PUPPEN
WELTKLASSE
Nationalspieler Per Mertesacker im Wahrheitstest
Der SV Werder Bremen bekommt bald Bonuspunkte
Leverkusens Jens Nowotny kämpft um seine Karriere
Fußballfans haben eine besondere Bestattungskultur
Martin Sonneborn sicherte Deutschland die WM
Skandalprofi Stig Tøfting beendet seine Laufbahn
Benjamin Lauth geht mit seiner Hündin Gassi
Die kuriosesten Meldungen des Monats
SPIELKULTUR
82
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104
106
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110
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116
INTERVIEW
RASENSCHACH
DRESSCODE
ESSEN WIE DIE STARS
GESCHICHTSSTUNDE
BUCH UND DVD
LESERBRIEFE
IMPRESSUM/VORSCHAU
AUSLAUFEN MIT THADEUSZ
Die HipHop-Band Fettes Brot macht zu viel Kopfball
Unser Autor saß mit Magath und Takahara am Brett
Ständig gibt es neue Trikotmoden für die Fankurven
Stuttgart-Profi Christian Tiffert liebt Eier in Senfsoße
Nils Havemann über die NS-Vergangenheit des DFB
Bolzplätze, Fußball im Norden und große Momente
Das sagen Sie über die zweite runde Ausgabe
Und was steht im nächsten RUND?
Etwas Wörnsartiges mit Namen Feng
RUND 4
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08.09.2005 17:46:03 Uhr
RUND
Aufstellung
54
22
TITEL DIE JAGD NACH DEN GOLDFASANEN
Fußball ist ein Kosmos, in dem nach Männerregeln gehandelt und gelebt
wird. Dazu gehören auch Alkohol und Frauen, die sich den Stars oft
freiwillig anbieten. Geredet wird über die Verlockungen im Alltag wenig.
Die Anzeichen mehren sich, dass eine Spielergeneration heranwächst,
die immer weniger mit den kruden Männerritualen anzufangen weiß.
REPORTAGE DER RIESE ERWACHT
Schon in ein paar Jahren will der türkische Fußballverband Weltspitze sein. Die Pläne sind gar nicht
einmal illusorisch: Bereits heute übt das Land eine
magische Anziehung auf Talente aus ganz Europa
aus. Das bereitet dem DFB gehörigen Kummer.
42
98
INTERVIEW „GROSSE WM-CHANCEN“
Christoph Metzelder ist nach drei Jahren endlich
wieder schmerzfrei, nachdem ihm lange die
Sportinvalidität drohte. Jetzt rechnet sich der
Dortmunder sogar wieder WM-Chancen aus.
INTERVIEW „DAVON TRÄUMT DOCH JEDER“
Die HipHop-Band Fettes Brot hat den musikalischen Adelsschlag erhalten:
Ihr Hit „Emanuela“ wurde von den Fans von Arminia Bielefeld im Stadion
gesungen. Die drei Hamburger über Fußballhymnen und Kopfschmerzen
durch zu viel Fußballtennis.
RUND 5
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08.09.2005 17:46:18 Uhr
RUND
Am Ball
AM BALL
Am Ball ist dort, wo etwas passiert. Und wo es wirklich wichtig ist.
Hier wird getreten, gegrätscht und geschossen. Aber nicht nur:
„Bestimmt 50 Prozent der Profis betrügen ihre Frauen. Es ist viel krasser
als bei anderen Menschen in unserem Alter.“ ALEXANDER ROSEN
8 SCHNELLSCHUSS
Das Gesicht des Weltmeisters – Brasiliens
vergessene Fußballplätze in einer Fotostrecke
22 TITEL
Die Jagd nach den Goldfasanen – ein Report
über Fußballer und ihre Groupies
34 STARGAST
Die Faust im Klassenkampf – Cristiano
Lucarelli, der kommunistische Profi aus Livorno
36 LAGE DER LIGA
Alle 18 Bundesligisten auf dem Prüfstand –
unsere Experten haben genau hingeschaut
RUND 7
rund_007_Vorschalt_Am_Ball 7
07.09.2005 19:46:42 Uhr
AM BALL___Schnellschuss
DAS GESICHT DES WELTMEISTERS
hat fünfmal den WM-Titel gewonnen – häufiger als jede andere Nation. Im nächsten Jahr in Deutschland
sind die Südamerikaner Titelverteidiger und Favorit, wieder einmal. Doch angesichts der glamourösen
Auftritte der Seleção wird häufig vergessen, dass die Zukunft des brasilianischen Fußballs ein anderes Gesicht hat.
RUND ist ihm auf jenen staubigen Plätzen begegnet, auf denen einst auch Pelé angefangen hat
EINE FOTOSTRECKE VON FLAVIO CANNALONGA / AGENTUR FOCUS
RUND 8
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08.09.2005 17:47:34 Uhr
AM BALL___Schnellschuss
LINKE SEITE: Das Kreuz um den Hals ist auf jedem Fußballplatz Brasiliens dabei. Auch in Barau im Bundesstaat
São Paulo. Dort ist Pelé aufgewachsen DIESE SEITE: Im Jequitinhonha Tal, unweit von
Pelés Geburtsort im Bundesstaat Minas Gerais, spielen einheitliche Trikotsätze noch heute keine Rolle.
RUND 9
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08.09.2005 17:47:49 Uhr
AM BALL___Schnellschuss
RUND 10
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08.09.2005 17:47:58 Uhr
Noch sieht es spielerisch und ungelenk aus, wenn sich die jungen Kicker in Barau
strecken und ihre Dehnübungen machen. Nur ihr Blick ist längst nicht mehr der eines Kindes.
Er geht dorthin, wo sie einmal hinwollen: nach vorne und in die Ferne
RUND 11
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08.09.2005 17:48:06 Uhr
AM BALL___Schnellschuss
DIESE SEITE: Nachwuchsprobleme kennen die Fußballklubs in Barau nicht, auch wenn
die Plätze schlecht sind RECHTE SEITE: Ein junger Spieler aus Santos, der Stadt, in der Pelé seinen ersten
Profivertrag bekam. Wird in ein paar Jahren die ganze Welt seinen Namen kennen?
RUND 12
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08.09.2005 17:48:09 Uhr
AM BALL___Schnellschuss
RUND 13
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08.09.2005 17:48:16 Uhr
AM BALL
ZITAT DES MONATS
Feldsalat
„Ich lasse mir doch nicht zwölf Jahre
FC Bayern München durch ein
einziges Interview kaputtmachen.“
(Alexander Zickler, Stürmer von Red Bull Salzburg, auf die Bitte, über die besten Bayern-Bankettreden zu plaudern)
Fußballprofi in Russland: Sabrina Rastetter
INTERVIEW
„Unter 500 Kilometer liegt nichts“
Mit 17 wechselte SABRINA RASTETTER 2004 vom 1. FFC Frankfurt
zum russischen Profiklub Energia Woronesch. Der Kontakt kam über
ihren Freund Ivan Saenko vom 1. FC Nürnberg zustande, dessen
Vater Energia trainiert. Am Saisonende kehrt die Karlsruherin heim
Haben Sie nach zwei Spielzeiten genug vom Abenteuer Russland?
SABRINA RASTETTER Nein, ich fühle mich in Woronesch eigentlich sehr wohl. Die Leute sind supernett und überhaupt alle
sehr gastfreundlich. Aber die Mannschaft hat fast komplett gewechselt, meine besten Freundinnen sind weg – es ist vieles nicht
mehr so wie im ersten Jahr.
Wie weit muss Ihre Mannschaft für Auswärtsspiele denn so fahren?
Ich glaube, unter 500 Kilometer liegt nichts, meistens sind es
deutlich mehr. In Belgograd waren wir mal in einem super Hotel
untergebracht, andernorts hätte ich lieber im Bus übernachtet.
Fährt das Team immer mit dem Bus zu den Partien?
Meistens schon, nur in der vergangenen Saison sind wir einmal
geflogen. Aber als ich das Flugzeug gesehen habe, wäre ich am
liebsten sofort umgekehrt. Da wir mit dem Bus aber wohl annähernd 24 Stunden gebraucht hätten, bin ich dann doch lieber mit
einem komischen Gefühl in den Flieger gestiegen.
Eine weite Reise gab es auch 2004 im Uefa-Cup, als Woronesch im
Viertelfinale gegen Turbine Potsdam gespielt hat.
Das war schon ein besonderes Erlebnis, vor allem weil ich bei uns
zu Hause das Tor zum 1:1 geschossen habe. Wir hätten auch gewinnen können.
Potsdam hatte große Bedenken vor der Reise nach Woronesch.
Das verstehe ich bis heute nicht. Klar, es sieht hier anders aus.
Auch der Unterschied zwischen Arm und Reich ist groß, in der
Stadt fällt das aber nicht mehr so auf. Für mich war das Angebot
eine Riesenchance, Erfahrungen zu sammeln. Und wer hat in meinem Alter schon die Chance einen Profivertrag zu unterschreiben
und dazu noch ein fremdes Land kennen zu lernen?
Aber Sie sind auch in einer Stadt, die Tausende Kilometer entfernt
von Ihrer Familie und Ihren Freunden liegt. Wie waren die ersten
Wochen in Woronesch?
Ich habe mich dank meiner Mitspielerinnen schnell eingelebt
und mich wie in einer großen Familie gefühlt. Klar vermisse ich
Familie und Freunde – aber es gibt ja Handys und Internet.
Zum Glück, deswegen hat ja auch das Gymnasium in Karlsruhe
mitgespielt.
Ja, Hausaufgaben haben mir meine Lehrer oder Mitschüler zugeschickt. Die habe ich, so weit es ging, per E-Mail gemacht. In den
Wintermonaten war ich ja ohnehin in Deutschland, musste da
aber ziemlich viel nachholen.
Dafür können Sie jetzt russisch?
Ziemlich gut. Meine Mitspielerinnen haben es mir beigebracht,
wir haben ja fast alle zusammen gewohnt. Nur schreiben und lesen fällt noch schwer.<INTERVIEW GERHARD WOLFF, FOTO DANIEL CRAMER
RUND 14
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08.09.2005 11:46:18 Uhr
AM BALL
Feldsalat
TRAUMSPIEL
„SO SCHNELL WIE MÖGLICH SCHIESSEN“
ROY MAKAAY, 30-jähriger Torgarant des FC Bayern, über die spektakulärsten 90 Minuten seines Lebens
Eines meiner außergewöhnlichsten
Spiele war die Vorrundenpartie in der
Champions League gegen Ajax Amsterdam. Das war vergangenes Jahr im September. Zum ersten Mal traf ich mit
den Bayern auf meine Landsleute. In
meinen acht Jahren im Ausland hatte es
noch nie ein Pflichtspiel gegen einen
holländischen Klub gegeben. Das war
natürlich etwas ganz Besonderes für
mich. Auch die Vorbereitung auf das
Spiel war anders als sonst. Ich kam
mehr zu Wort. Viele Ajax-Spieler kannte ich ja bestens aus der Nationalmannschaft. Wer kommt bei den Standards mit nach vorne? Wer ist kopfballstark? Bei solchen Fragen konnte
ich dem Trainer ein bisschen helfen.
Wir haben das Spiel 4:0 gewonnen, ich habe drei Tore geschossen und
das vierte vorbereitet. Das kommt wirklich nicht alle Tage vor. Das 1:0
gehört bis heute zu den fünf schönsten Toren, die ich jemals erzielt habe. Owen Hargreaves schlug mir einen 40-Meter-Pass genau in den Lauf,
ich nahm den Ball aus der Luft und zog aus 22 Metern sofort ab. Und er
passte. Viele haben sich damals gefragt, warum ich nicht noch ein paar
Meter auf den Keeper zugelaufen bin. Ganz einfach: Meine Philosophie
ist es, immer so schnell wie möglich zu schießen. Mit den Jahren habe
ich gelernt, dass es für den Torhüter am schwierigsten ist, wenn er keine Zeit hat, sich richtig zu positionieren.
Der Sieg gegen Ajax war für uns die Wende. Es war das erste begeisternde Spiel unter unserem neuen Trainer Felix Magath. Vorher hatte es
die eine oder andere Krisensitzung gegeben. Und dann haben wir zum
ersten Mal gesehen, dass wir auch umsetzen können, was er verlangt.
Danach ist es fast nur noch bergauf gegangen und am Ende haben wir das
Double geholt.<AUFGEZEICHNET VON CLEMENS DRAWS, FOTO AUGENKLICK
WAS MACHT HELMES?
UMFRAGE
Sollte man gegen Nationen
wie China, in denen Menschenrechte verletzt werden,
Länderspiele austragen?
(die RUND-Online-Umfrage im August 2005)
52,2 %
Ja
40,0 %
Nein
7,8 %
Mir egal
Jeden Monat stellen wir Ihnen auf unserer Homepage
eine RUND-Frage zum aktuellen Fußballgeschehen.
Das Ergebnis folgt im Heft darauf. Sie können abstimmen
unter www.rund-magazin.de/voting. Im vergangenen
Monat nahmen 678 Personen teil.
KAPUTT UND ABGESTÜRZT
PATRICK HELMES gilt als eine der größten
Offensivhoffnungen im deutschen Fußball. RUND
begleitet den Stürmer vom ersten Tag an auf
seinem Weg in der Ersten Liga. Wir fragen jeden
Monat: Was macht Helmes?
Im August ist Patrick Helmes ein bisschen abgestürzt. Er war ein Held der Vorbereitung, hatte dynamisch gewirbelt und Tore gemacht, doch
als der 1. FC Köln in die Saison startete, fehlte
er. Verbannt auf die Bank. „Ohne Erklärung des
Trainers“, wie Helmes sagt. Er bemüht sich um
einen festen Blick und eine zuversichtliche
Stimme: „Ich habe meinen Platz im Kader, das
war von Anfang an mein Ziel.“ Einige Wochen zuvor hatte er noch von einem
Stammplatz gesprochen, doch plötzlich spielte Markus Feulner auf seiner Position. Und der war richtig stark. Da muss ein Trainer nicht viel erklären. Als Helmes dann noch beim Spiel in Stuttgart trotz sieben Ausfällen nicht ran durfte,
war klar, dass er erst einmal hintenansteht. Uwe Rapolder zog selbst Verletzte
vor, Albert Streit spielte mit dreifachem Jochbeinbruch und machte zwei Tore.
Da Helmes die Trainergedanken nicht kennt, fahndet er selbst nach Gründen.
„Alle haben gesagt, dass ein körperliches Tief kommt, wenn man die Vorbereitung eines Bundesligisten mitmacht“, erzählt er. Geglaubt hat er es nicht, aber
plötzlich war es da. „Ich war körperlich kaputt“, sagt er, „wirklich fertig.“
Mittlerweile fürchtet Helmes gar um den Platz auf der Bank. „Mokhtari ist hinzugekommen, Schindzielorz ist wieder gesund, da wird es eng im Kader“, sagt er.
Selbst seine Beteiligung am Kölner Siegtreffer des ersten Spieltages, als er seine
ersten zehn Bundesligaminuten bestreiten durfte, redet Helmes nun klein. „Klar,
ich habe den Ball verlängert, aber das hätte auch jeder andere so gemacht“, meint
er. „Ich war dabei, mehr nicht.“< VON DANIEL THEWELEIT, FOTO TILLMANN FRANZEN
RUND 16
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08.09.2005 11:46:26 Uhr
AM BALL
Feldsalat
KARL-HEINZ
HANDSCHUH
WOLFGANG
GROBE
BERND
RUPP
DIE UNBESIEGBAREN
DAS HÄRTESTE BUNDESLIGATEAM
ALLER ZEITEN
*
FOTOS IMAGO
CARSTEN
KEULER
WILLI
MUMME
HARTWIG
BLEIDICK
RAINER
KRIEG
BERND
KLOTZ
FRANK
BÖSE
JAKOB
DRESCHER
*
DIRK
BREMSER
Elf Hunde müsst ihr sein! Wir suchen die berühmtesten Vierbeiner der Fußballgeschichte: [email protected], Stichwort: Wuff
RUND 18
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08.09.2005 11:46:39 Uhr
AM BALL
Feldsalat
BILDERRÄTSEL
WELCHES STADIONDACH IST DAS?
TOP 200
‘
FREUDENSPRUNG AUF
DEN FIDSCHI-INSELN
Indien hat bekanntlich über eine Milliarde Einwohner
und firmiert deshalb mit vollem Recht als die größte
Demokratie der Welt. Erstaunlicherweise hat man
dort von den Engländern zwar die Demokratie, aber
anstelle des Fußballs nur das Kricket als Nationalsport übernommen. Was wiederum zur Folge hatte,
dass der riesige Subkontinent im August gleich zwei
Freundschaftsspiele auf den winzigen Fidschi-Inseln
verlor. In Suva setzte es ein deprimierendes 0:1, beim
1:2 zwei Tage später in Lautoka gelang zumindest der
Ehrentreffer. Die Nationalmannschaft der Inselgruppe
machte in der Weltrangliste einen Freudensprung,
Indien verlor einen Platz. Noch zwei solche Spiele,
und Indien steht im Fifa-Ranking hinter seinem neuen
Angstgegner Fidschi. Mitreißende Audiokommentare
der beiden historischen Insulaner-Siege unter www.
fijifootball.com
Antworten bitte bis zum 17.10.2005 an: Redaktion RUND, Pinneberger Weg 22-24, 20257
Hamburg, Fax: 040/8080 686-99, [email protected], Stichwort: Stadiondach. Unter
den richtigen Einsendern verlosen wir fünf neue Fußballbücher aus dem Verlag Kiepenheuer
& Witsch. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Die richtige Antwort des September-Rätsels lautet: GIOVANNI TRAPATTONI. Je ein Fußballbuch des Bombus-Verlags geht an: S. Roth-Weißenfels, Euskirchen; O. Fisch, München;
S. Beckert, Hildesheim; W. Köhler, Dortmund; N. Brandes, Berlin. FOTO MAGERL UND NAGER
Platz
132
133
134
135
136
137
Staat
Indien
Palästina
Andorra
Tahiti
Salomon-Inseln
Fidschi
+/–
– 1
– 2
+ 1
– 2
– 1
+ 4
UNSER LIEBSTES
CRUISEN ALS CLUBBERER
Endlich Rocker sein. In Nürnberg geht der Trend
zum Leder. Die gleichnamige Jacke aus dem Fanshop
des Clubs wurde jetzt an heftig Pubertierenden im
Fränkischen gesehen. Das auffällige Racingdesign
kennt man von der Motorrad-WM, wo sich die Fahrer
ganz tief in die Kurven legen. Ob in Hockenheim
oder vor dem Biergarten: In dieser Rennkleidung
liegt der Clubberer auf der Poleposition.
FOTO BENNE OCHS
RUND 20
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08.09.2005 11:47:48 Uhr
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RUND 22
rund_022_030_Titel_groupies 22
07.09.2005 21:00:41 Uhr
RUND 23
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07.09.2005 21:01:02 Uhr
AM BALL
Titel
P1, MÜNCHEN
Geschlossene Gesellschaft: Die Nobeldisco „P1“ in der Münchner Prinzregentenstraße ist das
Wohnzimmer vieler Prominenter. Auch einige Stars des FC Bayern kommen, um zu feiern
Der Alltag der Fußballprofis steckt voller
Versuchungen: Auf ihren Wegen warten attraktive Mädchen und Frauen, die kein Versteckspiel daraus machen, dass sie in möglichst engen Körperkontakt zu ihren Stars
kommen wollen. Die auf dem Parkplatz auf
die Profis warten, ihnen Handynummern zustecken oder sogar zu Hause bei ihnen anrufen, wenn sie die Telefonnummer ergattern
konnten. Timo Hildebrand, umschwärmter
Nationaltorhüter des VfB Stuttgart, erlebt
täglich Szenen, wie sie sich inzwischen bei
jedem deutschen Profiklub abspielen. „Es
gibt zum einen viele junge Mädchen, die am
Trainingsgelände anzutreffen sind, um Autogramme zu bekommen. Für diese TeenieFraktion sind wir Profis wohl so eine Art
Popstarersatz. Dann gibt es noch die Älteren, bei denen man nicht genau weiß, wieso sie so fasziniert von einem sind.“
Was Timo Hildebrand diskret „die Älteren“ nennt, sind die Groupies im Fußballbetrieb, die den Profis sich und ihre Körper
anbieten. Die sich von einer gemeinsam verbrachten Nacht den Zugang zur mutmaßlich glamourösen Welt ihrer Stars versprechen. „Es gibt sicher genügend Frauen, die
Erfolg interessant finden“, umschreibt der
26-Jährige diplomatisch ein unter Fußballern heikles Thema. Denn nicht alle lehnen
die verführerischen Angebote ab wie der begehrte Stuttgarter Keeper: „Es gibt sicherlich viele Situationen, in denen man sich
seinen Status zu Nutzen machen könnte,
nicht nur im Hinblick auf Frauen, was aber
absolut nicht meine Art ist.“
Auch Matthias Hagner, nach den Stationen Frankfurt, Stuttgart und Mönchengladbach nun in Saarbrücken am Ball, hat seinen Umgang gefunden mit den Reizen und
Risiken des Groupietums. „Ich halte mich
nicht für einen Star. Aber 80 bis 90 Prozent
der Profis nehmen sich zu wichtig und verhalten sich auch Frauen gegenüber so. Die
nehmen mit, was geht.“ Gleichwohl räumt
auch Hagner ein, dass es „manchmal schwer
fällt, die vielen Möglichkeiten auf Reisen
und auf Partys nicht auszunützen“. Nicht
alle Profis reagieren in solchen Fällen mit
dem Kopf: Die Wünsche der Groupies und
die eigenen Bedürfnisse werden befriedigt.
Die Realität, wie sie die Stars erleben, besteht aus permanenten Riten der Bewunderung und sexuellen Angeboten. Beim FC
Bayern, dem Klub mit der höchsten Stardichte in Deutschland, wird dies am deutlichsten. Am Trainingsgelände an der Säbener Straße warten die Teenies, die Michael
Ballack und den anderen romantische Briefe schreiben und gemeinsam für ein Foto
posieren wollen. Die Groupies stellen sich
nicht hinter die Absperrgitter, sondern versuchen am Abend ins „Einser“ zu kommen.
In der exklusiven Diskothek „P1“ gehen
Groupies gerne auf die Goldfasanenjagd. So
DER ALLTAG BESTEHT AUS PERMANENTEN RITEN DER BEWUNDERUNG UND
SEXUELLEN ANGEBOTEN, DIE AUCH KOPFGESTEUERTE PROFIS ANNEHMEN
RUND 24
rund_022_030_Titel_groupies 24
07.09.2005 21:01:09 Uhr
AM BALL
Titel
RUND 25
rund_022_030_Titel_groupies 25
07.09.2005 21:01:19 Uhr
AM BALL
Titel
IM MÄNNERKOSMOS FUSSBALL HAT SICH EIN BELOHNUNGSSYSTEM ERHALTEN,
IN DEM DIE VERFÜGBARKEIT VON FRAUEN EINE ZENTRALE ROLLE SPIELT
nennen sie es, wenn sie die Aufmerksamkeit der Stars erregen wollen, ins Gespräch
kommen und sich mehr ergibt.
In jeder Bundesligastadt gibt es die Cafés,
Clubs und Bars, wo Groupies sich den Fußballprofis nähern, einige liegen auch dort,
wo keine Bundesliga gespielt wird. So etwas
wie ein Geheimtipp ist die „Brasserie Dombrowski“ in Regensburg. Eine Anlaufstelle
für malade Profis, die im benachbarten
Oberstauf bei Norbert Eder ihre Rehamaßnahmen absolvieren. Häufig muten sich die
Rekonvaleszenten an der Donau zu viel zu.
„Dombrowski“-Inhaber Carsten Zinnbauer
zieht es vor zu schweigen, um seine prominenten Gäste zu schützen. Eine Erkenntnis
hält er für unverfänglich: „Bei mir kommen
viele Mädels rein, weil sie wissen, dass hier
Bundesligaprofis verkehren.“
Nicht nur die Gastronomen versuchen
das nachtaktive Treiben der Stars hinter
dem Schleier der Diskretion zu verbergen.
Im abgeschotteten Männerkosmos Fußball
hat sich ein aus den 70er Jahren stammendes Belohnungssystem erhalten, in dem
Alkohol und die Verfügbarkeit von Frauen
eine wichtige Rolle spielen. Fast alle wissen
davon, etliche sind Teil davon, aber nur wenige reden über dieses rückwärts gewandte
System aus maskuliner Potenzprotzerei und
ungehemmter Triebregulierung.
Dementsprechend rustikal und antiquiert
ist das Frauenbild in Fußballerkreisen. „Die
Gespräche unter Kollegen kreisen darum,
wer letzte Nacht die tollste Frau abbekommen hat. Anderswo würde man Frauen auch
nicht mehr permanent als ‚Weiber’ bezeichnen, wie ich es in vielen Profiteams erlebt
habe“, so der frühere Juniorennationalspieler Alexander Rosen, unter anderem aktiv
bei Eintracht Frankfurt und VfL Osnabrück.
Beim Reden allein bleibt es nicht, wie Matthias Hagner weiß: „Fußballer nutzen ihre
Macht über Frauen aus, das führt auch dazu, dass die schlecht behandelt werden.“
Die Erklärung dafür, dass viele Stars ihre
Männlichkeit auch abseits des Feldes immer wieder unter Beweis stellen müssen,
könnte mit dem Rhythmus aus Spannung
und Entspannung zu tun haben, dem die
Akteure unterliegen. „Nach dem Spiel ist
immer noch unheimlich viel Adrenalin übrig. Da hat jeder seine eigene Art des Stressabbaus. Ich gehe spazieren, andere ziehen
um die Häuser“, weiß Benjamin Adrion vom
FC St. Pauli. „Fußball ist ein emotionales,
körperbetontes Spiel – da gibt es schon eine
gewisse Affinität zur Sexualität“, glaubt er.
Auch der Berliner Sportwissenschaftler und
Philosoph Gunter Gebauer bestätigt, dass
„von den Aktiven eine ziemlich exzessive
Männlichkeit verlangt wird. Man braucht
Testosteron in großen Mengen, man braucht
Aggressivität. Das Spiel ist durch und durch
männlich konnotiert und aufgeladen. In die-
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AM BALL
ser Überzeugung spielen die Fußballer ihre
Männlichkeit permanent aus.“ So wie sie
ihre Körperlichkeit auf dem Rasen ganz gezielt einsetzen müssen, um im Zweikampf
zu bestehen, setzen sie ihn auch außerhalb
bewusst ein. „Der eigene Körper wird als
Machtinstrument benutzt. Sich damit Frauen verfügbar zu machen ist ein Ausdruck
von Macht“, so Gebauer.
Die Leichtfertigkeit und Leichtsinnigkeit,
die triebgesteuerte Profis bei der Erfüllung
ihrer sexuellen Bedürfnisse an den Tag legen können, erstaunt selbst altgediente Macher von Boulevardzeitungen, die im Dienste der Auflage viele Sexskandale enthüllen.
Dass auch Fußballnationalspieler immer
mal wieder in die Schlagzeilen geraten, erstaunt auch Udo Röbel, den einstigen Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. „Wie können
die nur so blöd sein? Die haben das doch
gar nicht nötig.“
Alexander Rosen hat viele Berufskollegen
als notorische Fremdgänger kennen gelernt.
„Bestimmt 50 Prozent betrügen ihre Frauen,
es ist viel krasser als bei anderen Leuten in
Titel
Die Perspektive der Stars: „Es gibt genug
Frauen, die Erfolg interessant finden“
unserem Alter“, schätzt der 26-Jährige. Als
er nach dem Abitur in den Bundesligakader
der Frankfurter aufrückte, verlor er die Illusionen von der profihaften Einstellung manches Kollegen. „Nach und nach bekam ich
mit, was einige mit fremden Frauen trieben.
Da wird geraucht, gesoffen und gehurt.“
Gunter Gebauer registriert das als typisch
für den Spitzensport, wo professionelle und
elektrisierende Auftritte auf dem Platz allzu
häufig nichts mit dem sehr menschlichen
Verhalten nach dem Abpfiff zu tun haben.
„Die großen Stars im Profifußball werden
heute doch wie Heilige eines heidnischen
Kults verehrt, die man berühren möchte,
denn sie haben eine Aura. Dabeischwinden
sämtliche Hemmungen: Die von weiblichen
Fans auf Spieler gemünzten Plakate ,Ich
will ein Kind von dir‘ sind durchaus ernst
gemeint. Dass sich die Stars nehmen, was
sie kriegen können, kann dann niemanden
ernsthaft verwundern.“ Die Frage nach Moral und Vorbildfunktion der Sportler stellt
sich für Gebauer nicht mehr – zu sehr
driften Anspruch und Wirklichkeit auseinander. „Woher soll das Bewusstsein von Verantwortung denn kommen? Das ist in unserer Gesellschaft nicht ausgeprägt. Ich will
gar nicht mehr wissen, was Oliver Kahn
oder Franz Beckenbauer in ihrer Freizeit
treiben. Die privaten Dinge sollen privat
bleiben.“ Trennen müsse man allerdings
PrivatlebenLOCARTION
und die öffentliche
NO.1 Rolle der
Spitzenspieler. „Was das Verhalten in der
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07.09.2005 21:01:42 Uhr
AM BALL
Titel
„DIE LIEBESLUST BEUTELT“
Die hormonellen Nöte im Trainingslager werden
von Nationalspielern bislang öffentlich nur in
skandalträchtigen Enthüllungsbüchern verarbeitet.
Bodo Illgner und Ehefrau Bianca nennen ihr Werk
„Alles“ einen fiktiven Tatsachenroman. Sie
prangern darin – nicht ohne ausführlich Details
einer Sexorgie zu schildern – die Doppelmoral
eines Bundestrainers an, der Groupies im
Trainingslager geduldet habe, nicht aber die
Ehefrauen. In seinem 1987 erschienenen Buch
„Anpfiff“ hatte Torwartkollege Toni Schumacher
noch professionelle Hilfe für Nationalspieler mit
Hormonstau gefordert: „Wenn die Liebeslust uns
beutelt, sollte man zur Not lieber Callgirls zu
Hilfe rufen. Kein generelles, absolutes Frauenverbot also. Wenn jemand eine Frau in seinem
Zimmer haben möchte, sei sie ihm gegönnt. Er
sollte nur seine Zimmernachbarn nicht stören.“
Mitnehmen was geht: Oft bekommen
Fußballprofis Handynummern zugesteckt
Öffentlichkeit angeht, sollte man strengere
Maßstäbe anlegen. Spieler, die öffentlich
die Wildsau rauslassen, kann ich nicht anerkennen. Ich finde Lothar Matthäus’ Verhalten abscheulich, wenn er am Flughafen
Basketballerinnen mit Machosprüchen anmacht.“ Sportwissenschaftler Gebauer geht
es dabei nicht um die Vorbildfunktion, die
den Profifußballern von Funktionären und
Medien aufgezwungen wird, sondern darum, „dass sie ihre öffentliche Rolle sehr
ernst nehmen und richtig erfüllen“.
Einige von Lothar Matthäus’ Kollegen aus
der Nationalmannschaft entpuppten sich
im Gebauerschen Sinne in den 80er Jahren
als krasse Fehlbesetzungen. Anstatt sich
konsequent auf das bevorstehende Weltturnier vorzubereiten, geriet das Trainingslager
zur WM 1982 für viele zur hemmungslosen
Pokerrunde am „Schlucksee“. In der Bundesliga verstanden sich viele Teams in dieser
Zeit als Männerbund, der den kollektiven
Bordellbesuch als geeignete Form der Spielvor- und -nachbereitung empfand. „Das sind
Rituale wie in der Steinzeit, primitiv-männlich, das hat nichts Profihaftes und ist entwürdigend für alle Beteiligten“, so Gebauer.
Dass es viele Profis fernab von Freundin
und Ehefrau gerne richtig krachen ließen,
war bei Journalisten ein offenes Geheimnis.
Im „Spiegel“ war es erst zwölf Jahre nach
der Weltmeisterschaft 1986 zu lesen, dass
Reporter im Mannschaftshotel auf einige
Spieler warteten, die im Morgengrauen aus
einem Bordell zurückgekommen sein sollen. Die Mitwisserschaft der Reporter bei
den Eskapaden der Stars erzeugt eine Nähe,
die von den Medien ausgenutzt werden
kann: „Wenn ich Informationen über Spieler habe, kann ich anders mit ihnen umgehen. Ungeschminkt gesagt, sind diese Spieler auf irgendeine Art dann auch erpressbar“,
weiß Udo Röbel aus seiner Zeit bei „Bild“.
Bruno Labbadia, Stürmerstar unter anderem beim FC Bayern München und dem SV
Werder Bremen und heute Trainer beim SV
Darmstadt 98, hat die Veränderungen im
Verhältnis zwischen den Profis und den
Medien miterlebt: „Früher haben wir einen
Tick freier gelebt. Da haben zwar auch öfter Presseleute mitgezecht, aber es gab ein
Gentlemen’s Agreement, dass nichts, was da
passiert, gegen dich verwendet wird. Das
hat sich doch ziemlich verändert und man
ist deshalb immer vorsichtiger geworden.“
Die juristischen Möglichkeiten, Sexgeschichten folgenlos zu veröffentlichen, sind
allerdings auch für mächtige Massenmedien gesunken: Der Schutz der Privatsphäre
wird von den Gerichten mittlerweile weiter
ausgelegt, das öffentliche Interesse an einer
Berichterstattung muss eher mühsam konstruiert werden. Neben medienrechtlichen
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Einschränkungen spielt aber auch das Kalkül der Blattmacher bei Massenmedien eine Rolle, die mit der Strahlkraft der Stars
ihr Geschäft machen. Udo Röbel: „Wir leben
in einer Zeit, in der ich mit strahlenden Helden besser zurechtkomme, als wenn ich einen nach dem anderen kaputt mache. Denn
irgendwann habe ich keine mehr.“
Wie unbeschwert war das Leben der Profis, bevor die Dominanz des Fernsehens Ende der 80er Jahre den Fußball erreichte und
das öffentlich machte, was vorher niemanden interessierte. Bruno Labbadia: „Wir haben öfter mal die Sau rausgelassen, Alkohol
und Frauen haben dabei natürlich eine Rolle gespielt, das ist doch normal. Dienstags
hatten wir unseren Stammtisch und danach
sind wir in die Diskothek.“
Inzwischen sind die Spitzenspieler erheblich weiter entrückt. Ihre Realität hat noch
weniger mit dem Alltag der Fans zu tun.
Die Ausstrahlung der Helden auf ihre weiblichen Fans hat sich dadurch noch erhöht.
Mit den im Umlauf befindlichen Millionen
sind auch die Strategien des Vergnügens
ausgefeilter geworden. Anstatt während der
vom Trainer verordneten Bettruhe über den
Titel
Zaun des Trainingslagers zu steigen, finden
die Abenteuer heute individualisierter und
diskreter statt, wie Bruno Labbadia bestätigt: „Die Jungs sind viel cleverer geworden.
Sie feiern zwar immer noch, verlegen aber
vieles in den privaten Bereich. In Zeiten,
wo jeder weiß, was du zum Frühstück hattest, musst du vorsichtiger sein.“
Das verschwiegene Hotel ist heute noch
ein beliebter Rückzugsort des vergnügungswilligen Fußballprofis, die Stars scheuen
auch vor kostspieligen Aktionen nicht zu-
der Liga in der vergangenen Spielserie am
Whirlpool trafen, hatte einer größte Mühe
seine Ehefrau loszuwerden, bevor die bestellten Prostituierten eintrafen.
Diese Formen der Edelprostitution verwundern Gunter Gebauer nicht im Geringsten. „Wir haben Fußballstars, die sehr männ-
DIE STRATEGIEN DES VERGNÜGENS WERDEN AUSGEFEILTER. EIN TOPVERDIENER
DER LIGA LIESS EIN MODEL INS TRAININGSLAGER EINFLIEGEN
rück. Über einen verheirateten Topverdiener der Bundesliga, der aus dem Ausland
stammt, wird von staunenden Mannschaftskollegen berichtet, er habe extra ein Model
aus seiner Heimat ins Trainingslager nach
Deutschland einfliegen lassen. Wenige hundert Kilometer entfernt wähnten Ehefrau
und Kinder den geliebten Familienvater bei
der schweißtreibenden Trainingsarbeit.
Auch die Reisen zu Freundschaftsspielen
nach Asien bedeuten zwar Strapazen, sind
bei manchen Profis aber dennoch beliebt,
weil man sich dort Hostessen ohne großes
Aufsehen aufs Hotelzimmer bestellen kann.
Und als sich einige südamerikanische Stars
lich sind und einen sehr männlichen Appetit
haben, die oft nichts auslassen. Nur wenige
von ihnen sind verantwortungsbewusst wie
Zinédine Zidane. Das sind die Stars, die uns
besonders imponieren.“ Dass die Verbindung von Leistung und Charakter die Voraussetzung für den Beruf des Fußballprofis
sei, hat Benjamin Adrion lange geglaubt.
„Für mich ist es völlig unbegreiflich, wie im
Profifußball verantwortungslos durch die
Gegend gevögelt wird.“ Eine Wunschvorstellung, der Gunter Gebauer nie nachgehangen hat: „Stars sind Kunstfiguren und keine
DOMBROWSKI
Fluchtpunkt Regensburg: Viele Mädchen wissen, dass Profis in die „Brasserie
Dombrowski“ kommen, wenn sie ihre Verletzungen in Oberstauf auskurieren
RUND 29
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07.09.2005 21:01:51 Uhr
AM BALL
Titel
Vorbilder. Im Gegenteil: Sie tun das, was in
der bürgerlichen Gesellschaft als unmoralisch gilt.“ Inzwischen gibt es aber erste
Ansätze dafür, dass die heutige Generation
der Fußballprofis immer weniger anzufangen weiß mit den entwicklungsgeschichtlich als überholt geltenden Ritualen des
Männerbundes. Ein zweites „Schlucksee“Desaster wäre bei den heutigen smarten
Geschäftsleuten im Nationaltrikot undenkbar. Inzwischen ersetzen Rafting im Wildwasser oder Überlebenscamps gemeinsame
Orgien als Maßnahme, den Teamgeist zu stabilisieren. Der ist in modernen Profiteams
weniger stark ausgeprägt, die Spieler definieren sich als Einzelkämpfer. „Frauengeschichten passieren nur noch im kleineren
Kreis, das Vertrauen im Team ist nicht mehr
so gegeben“, weiß Benjamin Adrion.
Aber auch das Bildungsniveau ist gestiegen, ein liberalerer Geist scheint im Fußball
einzuziehen. „In Saarbrücken studieren ein
paar Spieler nebenher, ungefähr zehn haben Abitur“, erzählt Matthias Hagner. „Ich
habe die Hoffnung, dass eine andere Generation heranwächst und der Fußball sich
positiv verändert. Es wird nicht nur über
Playstation und Sex geredet.“ Gunter Gebauer sieht eine Tendenz, dass sich bei jüngeren Profis eine größere Selbstverantwortung abzeichnet. Gerade der internationale
Spitzenfußball verlange inzwischen von
den Profis ein anderes Berufsverständnis:
„Im Fußball konnte man die Auswirkungen
eines unprofessionellen Lebenswandels
lange kaschieren, das geht bei dem immer
höheren Tempo inzwischen nicht mehr“, so
Gunter Gebauer. „Die Mehrheit der Fußballprofis dürfte in Zukunft asketischer leben und eine professionellere Auffassung
ihres Berufes entwickeln.“
Berührung der Heiligen: Groupies wollen
Stars mit Aura hemmungslos anfassen
DER ABEND DER MÄDCHENMAGNETEN
Fußballprofis, die von Frauen als Helden auserkoren wurden, haben eine
besondere Macht über diese Frauen. Sie können sie jederzeit anfassen, was in
normalen Beziehungen zwischen Menschen so nicht geht. Und sie können
bestimmte Leistungen einfordern: Bewunderung, kindliche Ergebenheit, endlose
Warterei, bauchfreie Party-Tops, Hingabe. Das sieht dann so aus: Die Fußballprofis tauchen auf. Es ist schon dunkel, die Spielerfrauen sind gemeinsam mit der
Moral nach Hause gegangen. Und die Spieler werden zu Mädchenmagneten.
Es bilden sich Grüppchen aus großen Augen, hervorquellenden Brüsten, Anbiederung und Würdelosigkeit. Mit diesen Grüppchen lässt sich dann so einiges
anstellen, wenn man sein Geld auf dem Fußballplatz verdient. Man kann mit fünf
Mädchen hintereinander rummachen. Man kann auch immer mal kurz mit der einen
oder anderen auf dem Klo verschwinden. Man kann sich fühlen wie ein König.
Das einzige, was man dafür tun muss, ist: Drinks ausgeben und minimales Interesse
heucheln. Danach geht man einfach weg. Um die gebrochenen Herzen, die man
zurücklässt, muss man sich nicht kümmern, die stehen eine Woche später
wieder Gewehr bei Fuß, voller Sehnsucht nach einem, der im Suff alles vögeln
würde, was ihm vor den Lauf kommt. Hauptsache willig.
Trotzdem: Die Jungs sind durchaus aufregend. Sie haben etwas Archaisches,
das vielen modernen Männern fehlt. Sie haben Kraft, sie haben einen Willen,
sie sind wild, sie sind männlich, sie machen zotige Witze, und das alles öffentlich.
Außerdem gibt es ein paar, die wirklich nett sind. Die mit dieser Groupie-Nummer
nichts am Hut haben, die ganz normale Männer sind, mit dem einen Unterschied,
dass sie ein bisschen besser tanzen können als andere. Die haben großen Respekt
vor Frauen, die gehen einem nicht an die Wäsche, und wenn es ein anderer tut,
tippen sie dem auf die Schulter und sagen: Hey, die nicht. Ja, auch ich habe
eine Schwäche für Fußballer. Auf eine seltsame Art bin ich sehr verliebt in Robert
Huth. Ich würde nicht alles für ihn tun, aber eine Keilerei mit Christian Wörns
wäre drin. SIMONE BUCHHOLZ
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07.09.2005 21:01:56 Uhr
AM BALL
Gescannter Fan
DATEN OHNE SCHUTZ
Wer WM-Tickets haben möchte, muss viele persönliche Daten angeben. Niemand weiß allerdings, was
mit diesen nach der WM geschieht. Dienen sie der Sicherheit? Sollen Geschäfte gemacht werden?
Sicher ist nur: Der Stadionbesucher könnte zum permanenten MARKTFORSCHUNGSOBJEKT werden
VON RENÉ MARTENS, FOTO ÖZGÜR ALBAYRAK
RUND 32
rund_032_033_Datenschutz 32
08.09.2005 17:51:21 Uhr
AM BALL
Als Anfang des Jahres im Internet die Lotterie um die WM-Tickets startete, waren
viele Fans abgeschreckt von der abgefragten Datenmenge: Wer, fragten sie sich, erfährt eigentlich alles meine Ausweis- und
Kreditkartennummer sowie von meinen
Vorlieben für bestimmte Teams? „Der DFB
ist nur aufs Geldverdienen ausgerichtet“,
Themen wie „Datenschutz und Bürgerrechte für Fußballfans“ seien dem Verband
„fremd“. Das sagt Thilo Weichert, der Vorsitzende der Konferenz der Datenschutzbeauftragten. Sein Urteil resultiert aus der
„dürftigen“ Kommunikationsbereitschaft
der Frankfurter Funktionäre. „Wir haben
unsere Anforderungen, sowohl was die Datenweitergabe an Sponsoren als auch sicherheitsrelevante Informationen betrifft,
früh formuliert. Ob sie eingehalten werden,
ist uns nicht mitgeteilt worden.“
„Der DFB ist nur aufs
Geldverdienen ausgerichtet
und nicht auf Datenschutz“
THILO WEICHERT
Karteninteressenten, die in ihrem virtuellen oder stationären Briefkasten gern Werbung finden und dem DFB deshalb erlaubt
haben, ihre Daten zu Werbezwecken weiterzugeben, brauchten sich keine Sorgen
zu machen, sagt Dieter Schmitz. Der Mann
ist Sachverständiger bei der TÜV Rheinland Group und arbeitet als externer Datenschutzbeauftragter für den DFB. Der
Kreis der Empfänger sei beschränkt auf
die 15 „offiziellen Partner“ der Fifa-WM sowie die fünf so genannten nationalen Förderer. Weichert beruhigt das wenig: „Viele
der Sponsoren haben ihren Stammsitz im
Ausland. Für die gilt kein deutsches Datenschutzrecht, sondern vielleicht amerikanisches. Und das gibt es streng genommen
gar nicht.“ Ob diese Unternehmen die Da-
Gescannter Fan
ten dann an Drittfirmen, zum Beispiel dubiose Adressenhändler verkaufen, könne
niemand kontrollieren, sagt er. Der DFB gebe die Informationen „nur auf Anfrage“ der
Sponsoren weiter, betont Dieter Schmitz.
Und bisher seien keine eingegangen. Aber
vor allem die Daten von Käufern hochpreisiger Tickets dürften begehrt sein.
Bürgerrechtler kritisieren darüber hinaus
die so genannten RFID-Chips, die auf allen
Eintrittskarten prangen – und mit denen ab
November auch der Reisepass aufgerüstet
wird. Das Kürzel steht für Radio Frequency
Identification – kontaktlose Identifizierung
per Funk. Die Technik gefährde potenziell
die „informationelle Selbstbestimmung“
der Betroffenen, wie Gerrit Hornung sagt,
Autor des kürzlich erschienenen Buchs
„Die digitale Identität. Rechtsprobleme von
Chipkartenausweisen“. WM-OK-Sprecher
Jens Grittner kann das nicht nachvollziehen.
Die Berichterstattung sei teilweise „grottenfalsch“, knurrt er. In den Stadien würden
keineswegs Bewegungsdaten gesammelt,
Lesegeräte stünden nur an den Eingängen.
Sicherheit vor Anschlägen, Randale und
Kartenfälschungen, beschleunigter Einlass
– darin sehen die Veranstalter die Vorteile
der prekären Technik. Es sei etwa „nicht
möglich, dass einer dem Kumpel die benutzte Karte durch den Zaun raus reicht“,
sagt Grittner. Das ginge ohnehin nicht,
denn die Fifa verlangt, die Stadien weiträumig abzusperren, um kartenlose Schaulustige fernzuhalten. Und die Sicherheit?
Ob der Kartenkäufer identisch ist mit der
Person, deren Daten er angegeben hat, verrät RFID nicht.
Gut geschützt sind allemal die Daten der
Edelfans, denn ihre Namen sind auf den Tickets nicht vermerkt – nur die von Firmen
oder Verbänden. Das gilt für die 350.000
Karten, die der VIP-Ticket-Dealer ISE-Hospitality verkauft, für jene 550.000, die an
die Sponsoren gehen, sowie die Freikarten-
kontigente der Funktionäre. Wer beispielsweise einen Anschlag plane, dem sollte man
„zutrauen, dass er sich solch ein Ticket besorgt“, sagt Gerrit Hornung.
„Logistische“ Gründe sprächen dagegen,
auf die First-Class-Karten Namen zu drucken, sagt ISE-Kommunikationsdirektor Peter Csanadi. „Es kann ja sein, dass eine Autofirma für ihre Händler 50 Tickets kauft,
die für die Geschäftsführer bestimmt sind,
aber dann der Verkaufsleiter kommt.“ Zwar
seien „stichprobenartige Kontrollen“ vorgesehen, sagt Jens Grittner. Dennoch fällt es
schwer, sich vorzustellen, dass ehrenwerteste Herrschaften durch eine Personalienüberprüfung belästigt werden.
Der große Gewinner im RFID-Spiel ist
die Technologiebranche: Rund 20 Millionen Euro haben die Betreiber der Stadien
verschiedenen Anbietern für Lesegeräte gezahlt. „Das wesentliche wirtschaftliche Potenzial von RFID liegt aber in der Logistik“,
betont Gerrit Hornung. Weil sich Produkte
aller Art mit RFID ausrüsten lassen, träumt
die Industrie von einer Warenwirtschaft ohne Menschen.
Die Bedenken, die Bürgerrechtler jetzt
äußern, zielen vor allem auf die späteren
Nutzungsmöglichkeiten der Technik. Wenn
man zukünftig zu Fußballspielen, Konzerten oder ins Kino grundsätzlich nur über
personalisierte Tickets Zutritt bekäme, sei
das „auch ein kulturelles Problem“, sagt Johann Bizer vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Kiel. Erst recht,
wenn dabei Chips zum Einsatz kämen, die
weitaus leistungsfähiger sind als jene auf
den WM-Tickets. Dann droht sich das Horrorszenario zu bewahrheiten, das uns 2006
noch erspart bleibt: Die Veranstalter können verfolgen, wie viel Bier und Fanartikel
ein Besucher kauft. Das Fußballstadion
wird dann zum datenschutzrechtsfreien
Raum – und der Fan endgültig zum permanenten Marktforschungsobjekt.
AUF DEM WEG ZUM GLÄSERNEN MENSCHEN
Kaum beleuchtet ist bisher, wie es um den Datenschutz der Akkreditierten bestellt ist. Das Organisationskomitee (OK) rechnet mit bis zu 250.000 akkreditierten Personen. Ob
Journalist, Reinigungs- oder Cateringkraft: „Jeder wird sicherheitsüberprüft“, sagt OK-Sprecher Jens Grittner. Die Umsetzung obliegt den örtlichen Polizeibehörden. Der Kieler
Datenschützer Nils Bergemann bemängelt, es sei „unklar, auf welche Daten zurückgegriffen und wem ein negatives Ergebnis zuerst mitgeteilt“ werde. „Ist es der Arbeitgeber, kann
das problematisch für den Betroffenen sein.“ Bergemanns Kollege Thilo Weichert sagt, die rechtliche Grundlage für die Schnüffelei sei dürftig, anders als für Mitarbeiterprüfungen
im Luftverkehr oder bei Atomkraftwerken gebe es keine gesetzliche Regelung. „Und“, so Weichert schnippisch, „ich gehe nicht davon aus, dass noch eine verabschiedet wird.“
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08.09.2005 17:51:25 Uhr
AM BALL
Stargast
Mit links: Lucarelli als Che (li.) und kommunistisch grüßend (re.)
RUND 34
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08.09.2005 22:07:50 Uhr
AM BALL
Stargast
DIE FAUST IM KLASSENKAMPF
CRISTIANO LUCARELLI weiß, was Ärger bedeutet. Er ist Fußballprofi in der
italienischen Serie A, patriotischer Livorneser und Kommunist. Klar, dass ihm
Berlusconis Italien nicht immer wohl gesonnen ist VON VINCENZO DELLE DONNE, FOTO BENNE OCHS
Cristiano Lucarelli parkt seine Luxuslimousine ohne zu Murren vor dem Eingang der
Trainingsanlage. Er und die übrigen Livorno-Spieler dürfen nicht auf das riesige Areal inmitten eines Pinienhains fahren. Ein
strenger Pförtner achtet darauf, dass sich
niemand hineinmogelt. Die Trainingsanlage liegt im nahen Tirrenia und gehört dem
italienischen NOK. Der Verein mietet den
Platz nur. „Wir sind alle gleich“, sagt der 29jährige Star der Associazione Sportiva Livorno, als er sich zu Fuß auf den weiten Weg
zum Training begibt. Diese Worte spricht er
aus tiefster Überzeugung.
Lucarelli ist der Peppone des italienischen
Fußballs. Der Livorneser ist bekennender
Kommunist. Im Berlusconi-Italien ein unerhörter Makel. Aber Lucarelli bekundet seine linke Gesinnung ganz offen: „Ich habe
nie Angst davor gehabt, meine Meinung zu
äußern“, sagt er. Er schwärmt für den „großen Che Guevara“ und würde alles für seinen AS Livorno geben. Er hat sich sogar das
Vereinsemblem auf seinen linken Unterarm
tätowiert. Lucarelli trägt die Rückennummer 99. Sie erinnert daran, dass er 1999 die
BAL gründete – die autonomen Brigaden Livornos, die linken Livorno-Fans der Nordkurve. Mit Vater Maurizio und Bruder Alessandro hatte er in seiner Jugend als Tifoso
hier einen Stammplatz.
Lucarellis Profikarriere war steinig. Sie
begann 1993 beim AS Perugia. Dann tingelte er viele Saisons lang über den Apennin.
Ein Jahr verschlug es ihn gar zum spanischen FC Valencia. Zuletzt verdingte er sich
für den bankrotten AC Turin. Stets träumte er aber davon, für Livorno zu spielen.
Schließlich klappte es 2004. Nach 55 Jahren
war Livorno wieder erstklassig. Zuvor musste Lucarelli allerdings auf eine halbe Million Euro verzichten, die Hälfte seiner Jahres-
gage beim AC Turin. Auch sein 27-jähriger
Bruder Alessandro, der beim AC Florenz
spielte, kehrte mit ihm heim. Der Transfer
der Lucarelli-Brüder zahlte sich aus: Mit ihren Toren sicherten sie dem toskanischen
Provinzklub den unverhofften Klassenerhalt. Darüber war auch Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi erfreut, der ebenfalls ein
glühender Anhänger Livornos ist.
In den Gazetten wird Lucarelli gern als
Salonrevoluzzer verschmäht. „Die Scherereien begannen, als ich nach einem Tor mein
Trikot hob, unter dem das Konterfei des kolumbianischen Revolutionärs hervorlugte“,
sagt er. Es folgten Häme, Beschimpfungen,
Todesdrohungen. Doch Lucarelli stand aus
Überzeugung zu seiner Tat und provozierte die gegnerischen Gesinnungsgenossen
mit neuen Gesten. Wenn der Kapitän des
AS Livorno ein Tor erzielte, dann ballte er
die Faust und streckte sie gen Himmel wie
früher kommunistische Revolutionäre im
Klassenkampf. Die Tifosi des toskanischen
Erstligisten bejubelten ihn dann frenetisch.
In der letzten Saison freute sich Lucarelli
24-mal. Er wurde Torschützenkönig der Serie A. Lange Zeit ging seine Jubelgeste bei
den Verbandsoberen durch. Dann politisierte der rechtsextreme Paolo di Canio von
Lazio Rom den Torjubel. Nach dem Sieg im
römischen Derby grüßte der Lazio-Spieler
die Tifosi mit dem faschistischen Gruß. Di
Canio musste dafür 6000 Euro Strafe bezahlen. Die linke Jubelgeste kostete Lucarelli hingegen 15.000 Euro. „Diese Entscheidung ist deshalb unverständlich, weil
in Italien allein die Verherrlichung des Faschismus unter Strafe steht“, sagt Lucarelli.
Die kommunistische Gesinnung sei jedoch
nicht verfassungsfeindlich. Er zahlte die
Geldstrafe dennoch.
Lucarelli liebt die Arbeiterstadt Livorno,
deren Zentrum vom Arno durchschlängelt
wird, innig. Dort, wo der Künstler Amedeo
Modigliani die provinzielle Enge nicht mehr
ertrug und nach Paris flüchtete und wo 1923
die kommunistische Partei Italiens gegründet wurde, sind Lucarellis geistige und soziale Wurzeln. „Ich kann an einem anderen
Ort nicht leben“, bekennt er, „hier kann ich
der sein, der ich bin.“ Ein Fußballprofi mit
linker Gesinnung, aber mit unverkennbarem toskanischem Lokalpatriotismus. Seine Familie wohnt noch immer im grauen
Arbeiterviertel Livornos. Sein Vater arbeitet im Hafen, der von der angrenzenden
petrochemischen Industrie verseucht ist.
Lucarelli selbst baut sich gerade eine Villa
in der Nobelgegend von Montenero.
Ein wenig repräsentiert der bullige Stürmer das gute Gesicht Italiens und die intakte Fußballwelt. Solche Typen sind das
erklärte Feindbild von Ministerpräsident
Silvio Berlusconi. Dass Livorno in der letzten Saison ein Remis und einen Heimsieg
ausgerechnet gegen dessen AC Milan schaffte, war für Lucarelli Genugtuung – als Kommunist, aber auch als Spieler. Schließlich
verdient er mit einer Nettojahresgage von
600.000 Euro nicht einmal ein Zehntel von
Milan-Superstar Andrej Schewtschenko. Ob
er sich als Anachronismus im italienischen
Fußballs sehe, der von Wettskandalen, Bilanzfälschungen und Dopingfällen erschüttert wird? „Nein“, sagt er, „ich bin die andere Seite derselben Medaille.“
„ICH KANN AN EINEM ANDEREN ORT NICHT LEBEN, HIER
KANN ICH DER SEIN, DER ICH BIN.“ CRISTIANO LUCARELLI
RUND 35
rund_034_035_Lucarelli 35
08.09.2005 22:07:56 Uhr
rund_036_039_Lage_Der_Liga 36
07.09.2005 21:09:30 Uhr
ZITAT DES MONATS
DIESER SPIELER FEHLT
DURCHBRUCH STEHT BEVOR
MITARBEITER DES MONATS
FANZUFRIEDENHEIT
1
2
3
4
5
FOTOS SEBASTIAN VOLLMERT UND BENNE OCHS
Was ist los beim Lieblingsklub, was
bei der Konkurrenz? Unsere Experten
haben allen 18 BUNDESLIGISTEN
auf die Füße geschaut und beantworten
die Fragen, die den Fan bewegen
DIE LAGE DER LIGA
AM BALL
Lage der Liga
rund_036_039_Lage_Der_Liga 37
07.09.2005 21:09:43 Uhr
froh sein, dass er nicht Egon
heißt.“ MSV-Trainer Norbert Meier
über Tobias Willi, der seit dem
ersten Spiel Publikumsliebling ist.
„Williiiii“ sei eben leichter zu rufen
als andere Namen.
Scholl erlebt gerade seinen
98. Frühling.“ Manager Uli Hoeneß
nach der nennenswerten Rückkehr
des fast Vergessenen. Leider
ist er nun schon 35 Jahre alt. Allzu
viel Fußballfrühlinge werden nicht
mehr folgen.
DETLEF DRESSLEIN
Ligastart, lösbare Aufgabe in
der Champions League mit einer
bayerisch-österreichischen
Konfrontation. Alles gut.
5 Fanzufriedenheit: Perfekter
4 Mitarbeiter des Monats:
Ali Karimi oder Andreas Ottl.
Karimi galt als fauler Typ, der lieber
gut verdient, als viel läuft, was ihn
mit einem Trainer wie Magath nur
bedingt kompatibel erscheinen
ließ; nun aber entpuppte er sich
als fleißiger und spielstarker
Mittelfeldspieler. Andreas Ottl ist
neben Philipp Lahm der einzige
Münchner im Team und zeigte in
ersten Kurzeinsätzen großes
Potenzial.
Werner Leuthard. Wer von
„Quälix“ und seinen speziellen
Methoden spricht, meint eigentlich
ihn. Leuthard, der Fitnesstrainer,
sorgte für die phänomenale
Frühform der Münchner Stars.
Spätestens da nun die Champions
League dazukommt, wird sich
seine Arbeit weiter auszahlen.
3 Durchbruch steht bevor:
Michael Ballack? Es sei denn,
irgendjemand überzeugt
ihn davon, dass es besser ist,
beim FC Bayern alt zu werden,
als mehr Geld zu verdienen
und tolle Erfahrungen im Ausland
zu machen. Ungeeignet: Franz
Beckenbauer, der kürzlich wieder
von seinem stilprägenden
New-York-Abstecher schwärmte.
ROLAND LEROI
anbrechenden Herbst schmilzt
auch der Aufstiegsbonus.
Das Publikum will Siege sehen,
sonst wird es grantig.
5 Fanzufriedenheit: Mit dem
4 Mitarbeiter des Monats: Walter
Hellmich. Nicht nur, dass der
Vorsitzende den MSV im
Alleingang regiert. Kraft seiner
glänzenden Kontakte zu den
örtlichen Behörden sorgte der
Bauunternehmer dafür, dass
die Ampelschaltungen rund um
die MSV-Arena geändert wurden.
Das Verkehrchaos der ersten
Spieltage, als plötzlich 30.000
Leute kamen, ist damit behoben.
Millionen auf der Bank – was die
Bayern können, schafft Duisburg
auch. Der MSV leistete es sich,
mit Klemen Lavric den teuersten
Einkauf der Vereinsgeschichte hin
und wieder draußen zu lassen.
3 Durchbruch steht bevor:
Abwehrchef. Bereits in den ersten
Partien wurde deutlich, dass
der MSV nicht viele Spiele ohne
Gegentor beenden wird.
Ausgerechnet das einstige
Prunkstück des Vereins, der für
seine Abwehrschlachten geliebt
und belächelt wird, wackelt
bedenklich. Dumm, dass es
Pavel Drsek, der Defensivmeister
jüngerer Tage, vorzog, in die
Zweite Liga zu wechseln
(Bochum). Vielleicht gibt es
bald ein Wiedersehen.
2 Dieser Spieler fehlt: Ein
1 Zitat des Monats: „Willi soll
1 Zitat des Monats: „Mehmet
2 Dieser Spieler fehlt: Bald
MSV DUISBURG
BAYERN MÜNCHEN
5 Fanzufriedenheit: Die Angst
geht um rund um den BorussiaPark. Das Vertrauen zum Retter
Köppel bröckelt in dem Maße, in
dem seine taktischen Irrungen
und Wirrungen offensichtlich
werden. BERND SCHNEIDERS
4 Mitarbeiter des Monats:
Der Verkauf von Marek Heinz war
eines von Gladbachs Dauerthemen. Am 24. August gingen
mit kyocera.de, der Internetseite
von Borussias Hauptsponsor,
die Fohlen durch: Der Verkauf an
Galatasaray Istanbul mit Gehalt
und Ablösesumme wurde
vermeldet. Der Klub musste
dementieren. Ein paar Tage
später hat es dann zur
Zufriedenheit aller doch noch
geklappt.
vergangenen Saison war Torwart
Kasey Keller wegen seiner
gewöhnungsbedürftigen Art der
Abstöße (American Football) und
als Advocaat-Mann der Favorit
auf den Titel des Deppen des
Vereins. Jetzt fehlt nicht mehr viel
zum Durchbruch zum Fanliebling.
3 Durchbruch steht bevor: In der
dem dritten Spieltag entdeckt
Köppel plötzlich, dass ihm ein
kopfballstarker Mittelstürmer fehlt.
Verpflichtet wurde der Brasilianer
Kahé von Ponte Preta. Der muss
nun das Kunststück schaffen,
die Chancen zu verwerten, die
Gladbach sich nicht erspielt.
2 Dieser Spieler fehlt: Vor
Pause bin ich richtig laut
geworden – also für meine
Verhältnisse.“ Trainer Horst Köppel
über das Pokalspiel beim
Verbandsligisten FC Kutzhof (3:0),
das zur Halbzeit noch 0:0 stand.
1 Zitat des Monats: „In der
BORUSSIA
MÖNCHENGLADBACH
RUND 37
5 Fanzufriedenheit: Einerseits
ahnen immer mehr, dass es diese
Saison schwer werden dürfte,
die Klasse zu halten. Andererseits
haben 80 wahnsinnige Rheinhessen mal eben ein globales Novum
geschaffen: Auf Island schallte
minutenlang ein Wechselgesang
über die fast leeren Ränge. Nichts
Neues? Doch, denn auf der
anderen Seite standen die Heimfans, die beim „FSV – Keflavik“
kräftig mittaten. CHRISTOPH RUF
4 Mitarbeiter des Monats:
Nikolce Noveski, seit Wochen der
beständigste Mainzer. Und das
auf der nicht ganz unwichtigen
Innenverteidigerposition. Hinten
stimmt derzeit sowieso vieles.
Immerhin.
Zug zum Tor steht abfahrbereit.
3 Durchbruch steht bevor: Der
kein Stürmer mehr. In letzter
Sekunde vor Ablauf der Transferfrist wurden der Brasilianer
Romulo Marcos Antonelli, vulgo
„Romulo“ und Mohamad Zidan
von Werder verpflichtet. Vor allem
deshalb, weil sich Trainer Klopp
von ihnen den „Zug zum Tor“
verspricht, der dann im optimalen
Fall auch einmal zum bislang raren
Treffen desselben führen soll.
2 Dieser Spieler fehlt: Endlich
de Alemania, un equipo casi
deconocido, no tiene grandes
nombres en sus filas.“ Die
spanische Sportzeitung
„La Marca“ erklärt ihren Lesern
den Uefa-Cup-Gegner des FC
Sevilla. Und zwar treffend: „Mainz
05 aus Deutschland, eine fast
unbekannte Mannschaft, hat keine
großen Stars in ihren Reihen.“
1 Zitat des Monats: „El Mainz 05
FSV MAINZ 05
ELKE RUTSCHMANN
werden flammende Appelle gegen
die Ungeduld gehalten. Noch
halten sich die Fans mit Pfiffen
zurück und sind eher sauer auf
OB Schuster. Der will den
Leichtathleten im Daimler-Stadion
weiter eine Heimstatt bieten.
5 Fanzufriedenheit: Vom Verein
4 Mitarbeiter des Monats:
Zvonimir Soldo. Der 37-jährige
Kroate saß draußen und litt leise.
Ohne das stabilisierende Element
suchte der VfB verzweifelt nach
einem Gesicht. Soldo jammerte
nicht, gab im Training weiter alles.
Oldie Trapattoni kam schnell zur
Erkenntnis: Mit Vati geht es der
Mannschaft besser. Die Tage des
Kapitäns auf der Bank sind wohl
Geschichte.
Christian Gentner. Der
20-jährige Mittelfeldspieler hat
jetzt schon mehr Einsätze als in
der vergangenen Saison. „Ihn für
zu jung zu halten, ist falsch.
Wir sollten froh über so einen
Superspieler sein“, lobte Fernando
Meira den U20-Nationalspieler,
der aber noch etwas robuster
werden sollte.
3 Durchbruch steht bevor:
mehr der Dolmetscher für Signore
Trapattoni. Nach dem dürftigen
Start sind die schmunzelnden
Reaktionen auf die sprachlichen
Flapsigkeiten selten geworden.
2 Dieser Spieler fehlt: Nicht
Stein auf Stein und nicht einfach
eine Hütte hin, die beim nächsten
Windstoß wieder in sich zusammenfällt.“ Erwin Staudt, Präsident
des VfB Stuttgart. Na dann weiter,
schaffe, schaffe, Mannschaft
bauen
1 Zitat des Monats: „Wir bauen
VFB STUTTGART
sind bescheidener als Teile der
Klubführung, die vom Uefa-Cup
träumen und sich attraktiveren
Fußball wünschen. Man wartet ab,
ob es wirklich aufwärts geht.
Wenn nicht, wartet man eben
einfach weiter. JÖRG MARWEDEL
5 Fanzufriedenheit: Die Fans
4 Mitarbeiter des Monats:
Martin Kind. Auch nach Rücktritt
und ohne offizielles Führungsamt
steuert der alte Klubpatriarch
weiter die Politik. Ohne ihn steigt
niemand auf bei 96, ohne
seinen Willen wird nicht mal der
Trainer gefeuert. Schließlich hat
er noch immer Millionen im Klub.
3 Durchbruch steht bevor:
Hanno Balitsch. Ein Mitläufer war
er in Köln, Leverkusen und Mainz.
Hannover erlebt jetzt den gereiften
Führungsspieler Balitsch: Mund
aufmachen, Galle spucken, organisieren, antreiben.
2 Dieser Spieler fehlt:
Der Abwehrmittelfelddauerläufertorjäger. So würde sich
Lienen den idealen Profi klonen.
Leider wird das Lienensche
Gesetz immer wieder von der
Realität eingeholt und die ist
schrecklich. So verlieren Torjäger,
die auch Dauerläufer in Abwehr
und Mittelfeld sein sollen, ihren
Torinstinkt. Man frage nach bei
Brdaric, Hashemian, Christiansen.
1 Zitat des Monats: „Ich möchte
eigentlich gerne darauf verzichten,
auch noch jeden U19-Spieler
kennen zu lernen.“ Trainer Ewald
Lienen, der wegen der vielen
verletzten 96-Profis schon das
halbe Nachwuchsteam auf die
Ersatzbank holen musste.
HANNOVER 96
rund_036_039_Lage_Der_Liga 38
07.09.2005 21:09:50 Uhr
5 Fanzufriedenheit: Kontrovers
wurde das Verhalten des Fanbeauftragten diskutiert. Der soll
in Basel – nicht zum ersten Mal
– ein paar Bierchen mehr gehabt
haben, was einige kreuzbrave
Fans prompt im Fanforum
petzten. SVEN BREMER
5-Millionen-Euro-Zugang Rafinha
aus Brasilien soll die Problemzone
in der königsblauen Defensive
beseitigen. Der rechten
Abwehrseite, bisher aushilfsweise
durch Hamit Altintop besetzt,
könnte eine Auffrischung durch
einen echten Verteidiger gut tun.
4 Mitarbeiter des Monats:
Ralf Rangnick. Nach dem
ungefährdeten 3:0-Erfolg seines
Teams in der ersten Runde
des DFB-Pokals gegen den
FC Bremerhaven grantelte der
Schwabe in der Pressekonferenz
über den zu langen Stadionrasen. Da scheint die Taktik
des Verbandsligisten ja aufgegangen zu sein.
5 Fanzufriedenheit: Die
Stimmung war nach dem
Saisonstart und dem Sieg gegen
Dortmund so zufrieden, dass
besonders ekstatische Fans
sogar die Trainingseinheiten mit
rhythmischen Paukenschlägen
begleiteten. JÖRG STROHSCHEIN
Wieses Weggang erschien die
Torhüter-Position vakant. Der
Österreicher Jürgen Macho hat
sich bei Neutrainer Henke
nun gegenüber Thomas Ernst
als Stamm-Keeper durchgesetzt
– zumindest zum Saisonauftakt
hielt er stark.
4 Mitarbeiter des Monats:
Halil, Halil, Halil, Halil, Halil,
Halil – der sechsfache Torschütze
Halil Altintop vertrieb in den
ersten drei Bundesligapartien
die etwas bange Frage nach
einem unterbesetzten Sturm. Bis
2006 läuft sein Vertrag noch –
auch auf Schalke sollen schon
Begehrlichkeiten geweckt
worden sein. Nicht nur bei Mama
Altintop, die in der Nähe des
Gelsenkirchener Bahnhofs wohnt.
KLAUS TEICHMANN
wurde Michael Henke empfangen
– nach der gelungenen Heimpremiere feierte er das 5:3 gar
als Trommler vor der Fankurve.
5 Fanzufriedenheit: Skeptisch
4 Mitarbeiter des Monats:
Stadionsprecher Arnd Zeigler
hat sich für sein neues Buch
vorgenommen, wirklich jedes
Werder-Spiel statistisch zu
erfassen. Von zirka 2700 Partien
fehlen nur noch wenige Daten,
unter anderem die vom Spiel
gegen die Inselauswahl Poel oder
solch Sternstunden der Fußballgeschichte wie Eintracht Amsdorf
– Werder.
3 Durchbruch steht bevor:
3 Durchbruch steht bevor: Nach
Daniel Jensen. Der Mann kann
sowohl im defensiven Mittelfeld
abräumen, als auch den Zehner
abgeben, wie er nun schon oft
bewiesen hat. Durch Verletzungen
immer wieder zurückgeworfen,
hat er sich noch keinen Platz in
der Raute erkämpft.
3 Durchbruch steht bevor:
defensiv wie offensiv starker Mann
auf der linken Außenbahn, der
nicht nur deshalb Nationalspieler
seines Landes ist, weil die Linksfüße weltweit aussterben.
2 Dieser Spieler fehlt: Ein
Baumjohann (18). Noch unter
Ex-Coach Jupp Heynckes als
eines der viel versprechendsten
Talente im deutschen Fußball
gepriesen, ist nach der Saisonvorbereitung in den Niederungen
der Schalker Amateurmannschaft
verschwunden.
südamerikanischer Nationalspieler kommt gerädert von den
internationalen Partien seines
Landes zurück. Einen Dänen
können wir mit dem Fahrrad
losschicken, der ist in eineinhalb
Stunden wieder da.“ Werders
Vorsitzender der Geschäftsführung, Jürgen L. Born, über
den Vorteil, dänische Profis
zu verpflichten.
1 Zitat des Monats: „Ein
SV WERDER BREMEN
Ferydoon Zandi tastet sich nach
seiner Sprunggelenksverletzung
nur langsam wieder an die
Stammformation – Tendenz
steigend. In Trier war er schon
wieder 81 Minuten dabei und traf.
In Köln holte er nach seiner
Einwechslung den Elfmeter zum
3:2-Siegtreffer heraus.
2 Dieser Spieler fehlt:
2 Dieser Spieler fehlt: Alexander
1 Zitat des Monats: „Wenn er
nur zehn Prozent seiner Chancen
nutzt, wird er Torschützenkönig.“
Torhüter Frank Rost über seinen
zu Saisonbeginn etwas glücklosen
Teamkollegen Zlatan Bajramovic,
der auch nach eigenem Bekunden
weiter an der Verbesserung seiner
Chancenverwertung arbeiten
muss.
1 Zitat des Monats: „Egal
gegen wen, wir hauen ihn weg!“
Ungewohnt forsche Töne
erklingen nach gelungenem
Bundesligastart und dem Pokalsieg in Trier wieder aus der Pfalz –
für Marcelo Pletsch gab es für die
zweite DFB-Pokal-Runde keinen
Wunschgegner mehr.
FC SCHALKE 04
1. FC KAISERSLAUTERN
AM BALL
Der schwache Start hat die
Angst geschürt, dass der BVB in
dieser Saison allenfalls Mittelmaß
sein wird. Wobei auch niemand
etwas Ambitionierteres
versprochen hat. OLIVER MÜLLER
5 Fanzufriedenheit: Ernüchternd.
4 Mitarbeiter des Monats: Ohne
Zweifel Christian Wörns. Nicht
von ungefähr entfiel von der Vielzahl der individuellen Fehlern,
die zu Gegentoren führten, keiner
auf das Konto des 34jährigen
Altmeisters.
3 Durchbruch steht bevor:
Hoffentlich für Cedric van der
Gun. Der zuletzt vertragslose
holländische Außenstürmer wurde
nach der Verletzung von Buckley
und dem Verkauf von Ewerthon
als dringend benötigte – und
zwingend günstige – Alternative
für den Angriff verpflichtet.
Buckley das Glück: Der frühere
Bielefelder Torjäger hatte auf dem
Feld Anpassungsschwierigkeiten,
außerdem wurde in sein gerade
bezogenes Haus eingebrochen,
und dann zog er sich bei der
südafrikanischen Nationalelf einen
Außenbandanriss zu.
2 Dieser Spieler fehlt: Delron
weise wäre ich ausgeflippt,
wenn ich von irgendeinem
Gegenspieler getunnelt worden
wäre. Aber d’Allessandro ist
ja nicht irgendwer.“ Der 16jährige
Nuri Sahin, der als jüngster
Bundesligaspieler aller Zeiten bei
seinem Debüt in Wolfsburg eine
abgeklärte Leistung gegen
den Argentinier bot, obwohl der
ihn nach nur zwei Minuten mit
einem Beinschuss düpiert hatte.
1 Zitat des Monats: „Normaler-
BORUSSIA DORTMUND
Lage der Liga
NICLAS WESTPHAL
Fans mit Hang zur Statistik
wissen: Es gibt kein besseres
Omen für eine gelungene Spielzeit
als einen missglückten Saisonauftakt. So gesehen herrscht
Gelassenheit in Ostwestfalen.
5 Fanzufriedenheit: Arminen-
Systemtheorie. Isaac Boakye,
der eigentlich torgefährlichste
Bielefelder, nervte erst Uwe
Rapolder und dann Thomas von
Heesen, weil er sich nicht mit
deren Konzeptfußball anfreunden
wollte. Jetzt habe er die Kurve
gekriegt, lobt der Trainer und lässt
Boakye alleine stürmen.
4 Mitarbeiter des Monats: Die
Radim Kucera. Nach zähen
Verhandlungen konnten die
Arminen den Spieler von Sigma
Olmütz loseisen. Kucera eilt nicht
nur der Ruf eines vom Europapokal gestählten Spielers voraus –
er ist beidfüßig und fühlt sich in
der Viererkette und im defensiven
Mittelfeld gleichermaßen wohl.
3 Durchbruch steht bevor:
Gabriel. Der Abwehrorganisator
muss nach erneuter Knieoperation
länger pausieren als gedacht.
Der Grund: Mediziner hatten
eine alte Verletzung übersehen.
Der Einsatz des umsichtigen
Funkturms lässt auf sich warten.
2 Dieser Spieler fehlt: Petr
diesem tollen Spieler kann ich
nur gratulieren.“ Jürgen Klopp,
Trainer von Mainz 05, lobt das
Engagement von Sibusiso
Zuma. Zuma verfügt über eine
Ausbildung zum „Publikumsliebling“ und hat in Bielefeld
bereits nach kurzer Zeit Delron
Buckley vergessen lassen.
1 Zitat des Monats: „Zu
ARMINIA BIELEFELD
DANIEL THEWELEIT
Saisonstart war durchwachsen.
Und zuzusehen, wie die anderen in
der Champions League spielen
dürfen, während man selber eine
Ostblockreise im Uefa-Cup zu
bewältigen hat, macht traurig.
5 Fanzufriedenheit: Der
4 Mitarbeiter des Monats:
Wolfgang Holzhäuser. Der
Geschäftsführer formulierte nach
dem bescheidenen Saisonstart
eine große Wahrheit des Fußballs:
Trainer seien eine „temporäre
Erscheinung“, womit er nicht zu
einem konstruktiven Arbeitsklima
beitragen konnte. Doch Ordnung
muss sein in Zeiten der Krise.
3 Durchbruch steht bevor: Jens
Nowotny will im Oktober nach
seinem vierten Kreuzbandriss
wieder spielen. „Ich mache mir
noch Hoffnung auf die WM“, sagt
er sogar. Doch dazu wäre wohl
mehr als ein simpler Durchbruch
nötig.
2 Dieser Spieler fehlt: Dringend
benötigt wird ein Typ, der resistent
ist gegen die Launenhaftigkeit
dieser Mannschaft. Trainer Klaus
Augenthaler steht dem Problem
extremer Leistungsschwankungen
seit langem ratlos gegenüber,
bislang hat sich jeder Neuzugang
innerhalb weniger Wochen auch
mit diesem Virus infiziert.
1 Zitat des Monats: „Wir sind
mit viel Geld nicht Meister
geworden, das können wir auch
mit wenig Geld.“ Sportdirektor
Rudi Völler eindeutig genervt auf
die Frage, was denn nun möglich
ist in den kommenden Jahren
und nach der neureichen Ära des
Reiner Calmund.
BAYER LEVERKUSEN
rund_036_039_Lage_Der_Liga 39
07.09.2005 21:09:55 Uhr
ist wunderschön geworden.“
Uwe Seeler bei der Enthüllung
einer vier Tonnen schweren
Bronzeplastik vor der AOL-Arena,
die seinen rechten Fuß abbildet.
Gaul nicht mehr durch – jedenfalls
nicht mehr so schnell.“ Präsident
Michael A. Roth, unmittelbar nach
dem 0:1 in Frankfurt auf die Frage,
ob sein Trainer Wolfgang Wolf
wegen des doch gründlich missratenen Saisonstarts schon
um seinen Job fürchten müsse.
beim ersten Saison-Heimspiel
gegen Hannover 96 zum ungefähr
378. Mal seit der letzten deutschen Meisterschaft 1968 auf die
Probe gestellt. Erst missriet die
Fan-Sprechstunde, dann der
Kartenverkauf, und zu guter Letzt
murkste sich das Team zu einem
müden 1:1. Schwere Zeiten für
die laut Homepage „besten Fans
der Liga“. WOLFGANG LAASS
5 Fanzufriedenheit: Wurde
Uefa-Cup erreicht, gut in die Liga
gestartet, die Euphorie ist groß.
Selbst die Hamburger Presse ist
zufrieden. Und das will was
heißen. MALTE OBERSCHELP
5 Fanzufriedenheit: Bestens. Den
4 Mitarbeiter des Monats:
Wer hätte das gedacht:
Mehdi Mahdavikia. Seit er im
UI-Cup-Finale eingewechselt
wurde und am 3. Spieltag gegen
Hannover das Unentschieden
rettete, hat seine Abschiebehaft
ein plötzliches Ende gefunden.
Da jubelt der Perser.
Reto Ziegler. Stunden bevor die
Uefa in Sachen Transferperiode
den letzten Gong erschallen ließ,
eiste der HSV den 19-jährigen
Schweizer Nationalspieler von den
Tottenham Hotspurs los. Zwar
nur ausgeliehen, aber immerhin:
In England wurde Ziegler
vergangene Saison zum Talent
des Jahres gewählt. Ausnahmsweise kein Rechtsfuß.
Eventuell U21-Nationalspieler
Stefan Kießling, wenn er denn mal
regelmäßig in der Bundesliga ran
dürfte. Sein Trainer Wolfgang Wolf
hält jedenfalls große Stücke auf
den 21-Jährigen, wäre aber
bereits zufrieden, wenn der „Kießi“
in seinem zweiten Bundesligajahr
auf 15 Einsätze kommen würde.
4 Mitarbeiter des Monats:
Mario Cantaluppi, weil er über
hellseherische Fähigkeiten verfügt.
So orakelte der Schweizer: „Basel
kommt in die Champions League,
und der Club gewinnt bei der
Eintracht.“ Knapp vorbei ist auch
daneben.
3 Durchbruch steht bevor:
Atouba als Rechtsfuß (lebendig,
nicht in Bronze). Nicht dass Guy
Demel den Job rechts hinten in
der Viererkette so richtig schlecht
macht – aber ein echter Außenverteidiger ist er nun mal nicht.
Von den Kabinettstücken Atoubas
ganz zu schweigen.
3 Durchbruch steht bevor:
ein zweikampfstarker Verteidiger
mit Spielmacher-Qualitäten und
herausragender Trefferquote:
Beim Club zwickt es zurzeit praktisch in allen Mannschaftsteilen.
2 Dieser Spieler fehlt: Ideal wäre
1 Zitat des Monats: „Die Skulptur
1 Zitat des Monats: „Mir geht der
2 Dieser Spieler fehlt: Timothée
HAMBURGER SV
1. FC NÜRNBERG
PETER UNFRIED
weniger am Tabellenplatz des
VfL als von der Situation bei
VW ab. Insofern war man im
Fanblock schon mal glücklicher.
5 Fanzufriedenheit: Hängt
THOMAS KILCHENSTEIN
5 Fanzufriedenheit: Ungebrochen
hoch. Nach der ersten Niederlage
wurden die Helden minutenlang
gefeiert, nach der zweiten
immerhin nicht ausgepfiffen. Als
Dank für diese Rückendeckung
schrieb die Mannschaft ihren Fans
einen offenen Brief. Rührend.
4 Mitarbeiter des Monats:
Torwarttrainer Andreas
Menger, Stoiker. Er schaffte es,
im DFB-Pokalspiel gegen RW
Oberhausen die erste Halbzeit
nahezu regungslos im strömenden
Regen zu verharren – weil er auf
der überdachten Ersatzbank kein
Plätzchen mehr fand. Kaum hatte
der Schiri zur Pause gepfiffen,
flitzte Menger unters Dach.
3 Durchbruch steht bevor:
Jurica Puljiz, Kroate, seit Juli 2003
in Frankfurt, eigentlich Verteidiger,
15-mal eingesetzt. Was er kann,
weiß niemand so genau, er war 14
Monate verletzt, nutzte die Zeit,
um deutsch zu lernen. Immerhin.
Seit Mitte August überraschenderweise ins Mannschaftstraining
eingestiegen. Will nun durchstarten.
2 Dieser Spieler fehlt: Alex Schur,
kreuzbandgeschädigter Dauergrätscher und gute Seele der
Eintracht. Ein echter Nachfolger
ist trotz diverser Neuverpflichtungen noch nicht gefunden. Obzwar
absehbar bis zur Winterpause
außer Gefecht, ist er von Trainer
Funkel wieder zum Spielführer
ernannt worden. Das sagt alles.
doch nur ein kleines Licht.“ Selbsterkenntnis von Torwart Markus
Pröll nach den ersten Niederlagen.
1 Zitat des Monats: „Wir sind
EINTRACHT FRANKFURT
RUND 39
Thiam. Der Kapitän hat die
Chefrolle übernommen, nicht nur
in der Kommunikation nach außen,
sondern auch als defensiver
Anker in der Viererraute im VfLMittelfeld. Starspieler d‘Alessandro
soll ausschließlich vor ihm
agieren. „Dann ist es auch nicht
so gefährlich, wenn er den Ball
verliert.“ Logisch. So klar hat das
früher keiner formuliert.
4 Mitarbeiter des Monats: Pablo
Neuzugang Alex, 26. Ein
kleines Problem mit ihm hat der
Stadionsprecher wegen des
fehlenden Nachnamens. Er ruft
„Aaaa“, das Stadion „lex“, das ist
ein bisschen dünn. Aber wenn der
portugiesische Rechtsverteidiger
bringt, was er bringen soll, ist
die internationale NationalspielerViererkette (außerdem: Hofland,
Quiroga, van der Heyden) weiter
aufgewertet, und das spielerische
Niveau des Teams auch.
3 Durchbruch steht bevor:
Petrov (jetzt Atletico Madrid). Man
nannte ihn „Fußballgott“, und
verdammt: Er war tatsächlich einer.
2 Dieser Spieler fehlt: Martin
jedes Jahr den Trainer wechselt,
kann auch eine Mannschaft nicht
zusammenwachsen.“ Weise letzte
Worte des langjährigen linken
Verteidigers Patrick Weiser, bevor
er wieder zurück zum 1. FC Köln
wechselte.
1 Zitat des Monats: „Wenn man
VFL WOLFSBURG
wechselhaft. Die Bundesligarealität hat die Fans eingeholt,
nach jedem Sieg geht alles,
während jedes Gegentor in
herbstlich-sorgenvolles Nachdenken über den Fußball, das
Leben und den lieben Gott
mündet. DANIEL THEWELEIT
5 Fanzufriedenheit: Extrem
4 Mitarbeiter des Monats:
Gnadenlos populistisch wurde
Marcel Koller einst vom Kölner
Boulevard zum Teufel gejagt, die
Ansätze von Spielkultur, die der
Schweizer einführte, gingen unter
Huub Stevens verschütt, und doch
erinnert man sich gegenwärtig mit
Respekt. Denn Koller entdeckte
Podolski und Sinkiewicz, „Bild“
schreibt jetzt anerkennend:
„Heute sind die beiden Nationalspieler 20 Millionen Euro wert.
Kollers Verdienst.“
3 Durchbruch steht bevor: Eine
Innenverteidigung mit einem
Durchschnittsalter unter 20
(Matip/Sinkiewicz) ist längerfristig
kaum denkbar. Daher sollte
Özalan Alpay, der routinierte, alte
Mann, eine tragende Rolle bei
der Ausbildung der beiden Talente
spielen.
Podolski fehlt ein zweiter
Individualist, der mit unerwarteten
Ideen Gegner aushebelt, die
sich mittlerweile geschickt auf
den überfallartigen Kombinationsfußball der Marke Rapolder
eingestellt haben und keine
Räume für dieses Konzept lassen.
2 Dieser Spieler fehlt: Neben
1 Zitat des Monats: „Noch ist
das hier nur ein Pflänzchen, das
ein bisschen Sonnenschein
braucht.“ Trainer Uwe Rapolder zu
den ins Kraut schießenden
Träumereien von goldenen Tagen
in Müngersdorf.
1. FC KÖLN
ersten beiden Spielen war vom
besten Hertha-Saisonstart seit
Jahren die Rede. Was angesichts
der gebotenen Leistungen zeigt:
Statistik ist eine dehnbare
Angelegenheit. PETER AHRENS
5 Fanzufriedenheit: Nach den
4 Mitarbeiter des Monats:
Dieter Hoeneß. Der Manager hat
jetzt noch weitere fünf Jahre Zeit,
einen außergewöhnlichen Spieler
für den Hauptstadtsturm der
Liga zu finden. Sein Vertrag ist
jedenfalls bis 2010 verlängert.
Darin soll sich eine Klausel
befinden, die besagt: Wenn er
bis 2008 immer noch erfolglos
gesucht hat, muss er selber noch
mal ran und den guten alten
Mittelstürmer-Turban um die hohe
Stirn wickeln. Flanke Gilberto,
Kopfball, Tor. Geht doch.
3 Durchbruch steht bevor:
Mittelstürmer Artur Wichniarek.
Das ist jetzt schon so oft
geschrieben worden, irgendwann muss es ja mal stimmen.
2 Dieser Spieler fehlt: In den
Berliner Medien hieß Roque Santa
Cruz zwischenzeitlich kurz Rafael
Portillo. Beiden ist gemeinsam,
dass sie überdurchschnittliche
Stürmer sind, bei überdurchschnittlichen Vereinen unter Vertrag
stehen und nicht zur Hertha
wechseln.
1 Zitat des Monats: „Man
muss akzeptieren, dass Hertha
nun mal nach Herrengedeck
West-Berliner Eckkneipen riecht
und daran arbeiten, das als Duft
der angestrebten Champions
League wahrzunehmen.“ Der
Schauspieler Christian Ulmen im
Berliner „Tagesspiegel“ zu
seiner mühseligen Arbeit, Hertha
lieben zu lernen.
HERTHA BSC BERLIN
RUND Gleiche Höhe
GLEICHE HÖHE
Gleiche Höhe ist kein Abseits. Man ist weiter im Spiel.
Auf Augenhöhe mit den Stars: „Es gibt viele, die sich gefreut hätten, wenn ich
nach meiner Verletzung nicht zurückgekommen wäre.“ CHRISTOPH METZELDER
42 DER SPIELER SPRICHT
„Ich rechne mir große WM-Chancen aus“ –
ein Interview mit BVB-Profi Christoph Metzelder
54 REPORTAGE
Der Riese erwacht – der türkische Fußball und
sein beeindruckendes Scoutingsystem
62 HEIMSPIEL
Der Sohn des Kämpfers – Daniel van Buytens
Vater war Catcher und hat ihm viel beigebracht
68 ZU GAST BEI FREUNDEN
Wir müssen draußen bleiben – die Bundesliga
begrenzt die Zahl nichteuropäischer Kicker
RUND 41
rund_041_Vorschalt_Gleiche_Hoehe 41
05.09.2005 16:43:34 Uhr
GLEICHE HÖHE
Der Spieler spricht
Christoph Metzelder: „Ich bin zum ersten Mal seit fast drei Jahren wieder schmerzfrei“
RUND 42
rund_042_047_Metzelder 42
07.09.2005 21:29:48 Uhr
GLEICHE HÖHE
Der Spieler spricht
„Ich rechne mir große WM-Chancen aus“
steht für den neuen Typ Fußballprofi:
intelligent, kritisch, engagiert, nachdenklich. In RUND erzählt der 24-Jährige von
seiner langen Verletzung, wofür er sich engagiert, unter welchem Druck
man steht, wenn es bei Borussia Dortmund um das finanzielle Überleben geht,
und was ihm Kraft gibt – in der Liga und im Leben
INTERVIEW MALTE OBERSCHELP UND DANIEL THEWELEIT, FOTOS AXL JANSEN & NICOLE HARDT
Herr Metzelder, nach Ihrem kometenhaften
Aufstieg und der Vizeweltmeisterschaft
waren Sie lange verletzt und verpassten die
EM 2004. Jetzt steht die WM vor der Tür,
die Zeit wird knapp. Haben Sie Angst, dass
es wieder nicht klappt?
CHRISTOPH METZELDER Nein. Ich habe die schwerste Situation überstanden,
die es für einen Leistungssportler überhaupt gibt: eine Verletzung, die zur Sportinvalidität hätte führen können. Ich habe
mich nach zwei Jahren Pause in die Bundesliga zurückgekämpft und nach dem ersten Spiel gesagt: Es wird keine schlimmere
Situation mehr kommen.
Auch nicht die, die WM am Fernseher
anschauen zu müssen?
Natürlich möchte ich zur WM, und ich
rechne mir auch große Chancen aus. Aber
wenn es damit nicht klappen sollte, dann
hat das Ganze eine Vorgeschichte, die man
berücksichtigen muss.
Die ersten Saisonspiele liefen nicht gut.
Spüren Sie einen wachsenden Druck,
wenn wie beim Derby gegen Schalke der
Bundestrainer auf der Tribüne sitzt und
Sie einen Fehler machen?
Natürlich zählt im Fußball vor allem die
Tagesaktualität. Aber es zählt auch eine gewisse Entwicklung. Ich bin zum ersten Mal
seit fast drei Jahren schmerzfrei, und ich
merke, dass es im Training wieder aufwärts
geht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich
wieder auf meinem alten Level bin. Bei mir
ist es keine Frage der Qualität, da sind sich
ja schließlich alle einig.
Neben den Defiziten aus der langen Pause,
war auch der Schritt vom unbekümmerten
zum etablierten und mit Verantwortung
beladenen Spieler zu bewältigen. Ist diese
Entwicklung abgeschlossen?
Wer mich kennt, der weiß, dass ich schon
immer stark reflektiert war, und meine Unbekümmertheit habe ich spätestens seit der
WM verloren. Dann wurde ich BVB-Kapitän als jüngster Spieler der Vereinsgeschichte, da ist klar, dass man nicht mehr der
RUND 43
rund_042_047_Metzelder 43
07.09.2005 21:29:53 Uhr
GLEICHE HÖHE
19-Jährige ist, der von Jürgen Kohler an der
Hand geführt wird.
Sind Sie sich der Macht bewusst,
Zigtausend Menschen oder gar eine ganze
Nation mit einem winzigen Stellungsfehler
in tiefe Depressionen stürzen zu können?
Gerade bei der WM im nächsten Jahr wird
dieser Druck wahnsinnig groß sein. Man
braucht eine immense mentale Stärke, um
nach Fehlern wieder mit voller Überzeugung in das nächste Spiel hineinzugehen.
Selbstzweifel zu besiegen, ist dabei ein
ganz, ganz wichtiger Faktor.
Vermutlich haben Sie diesen Kampf mit
den Selbstzweifeln eifrig geübt während der
langen Verletzung.
Ich habe damals ein Zitat des unheilbar
kranken Malers Jörg Immendorf gelesen:
Larmoyanz ist auch keine Lösung, es gibt
immer Menschen, denen es noch schlechter geht. Natürlich stand meine fußballerische Karriere auf der Kippe, aber es ist nicht
so, dass mein Leben bedroht war. Dieser Gedanke hat mir sehr geholfen.
Sie haben sich gewissermaßen von außen
betrachtet.
Ja, auch durch meine Arbeit für Kinder,
die benachteiligt sind. Ich betreibe mit Sebastian Kehl das Projekt Roter Keil gegen
Kinderprostitution. Da merkte ich: Trotz
meiner Verletzung bin ich privilegiert, in einer Gesellschaft wie dieser aufzuwachsen.
Ich lernte die Dinge wieder neu schätzen,
nachdem es drei Jahre nur bergab ging.
Das heißt, es war ein Teil der Therapie,
sich wohltätig zu engagieren?
Ich habe das nicht bewusst so angelegt.
Ich komme aus einer Familie, die einen
starken christlichen Hintergrund hat, und
versuchte meine Popularität für sinnvolle
Zwecke einzusetzen. Aber natürlich habe
ich gemerkt, dass eine solche Arbeit für
meinen Genesungsprozess wichtig war.
Sie gelten als Aushängeschild einer
neuen Fußballergeneration: junge Spieler,
die einen sehr reflektierten, intelligenten
Eindruck machen. Warum ist dieser
Spielertyp momentan derart präsent im
deutschen Fußball?
Das Teamspiel und die Taktik geraten immer mehr in den Vordergrund, vielleicht
Der Spieler spricht
bevorzugt diese Entwicklung solche Typen.
Ich bin auf dem Platz weniger Instinktfußballer als Kopffußballer. Aber auch ein Spieler
wie Lukas Podolski, der ein richtiger Bauchfußballer ist, hat seine Vorzüge. Ein Spieler, der mehr reflektiert, der zweifelt auch
schneller. Über alles nachzudenken, sehe
ich deshalb nicht immer als Vorteil.
Trotzdem sind Figuren wie Effenberg oder
Basler fast ausgestorben.
Die Medienlandschaft ist groß und auch
sehr brutal geworden. Jeder Fehltritt hängt
dir nach. Es gibt nur wenige Spieler, die die
Mentalität haben zu sagen: Es ist egal, was
geschrieben wird. Dementsprechend wägen
die meisten sehr sorgsam ab, was sie sagen
und wie sie es sagen. Das führt dazu, dass es
die richtig krassen Typen nicht mehr gibt.
Nach einer tollen Rückrunde in der
vergangenen Saison begann diese Spielzeit
durchwachsen für Borussia Dortmund.
Lässt sich schon absehen, wohin der Weg
des BVB nun geht?
Wir sind in allen Pokalwettbewerben ausgeschieden und schwach in die Bundesliga
gestartet, das sah erst mal nicht gut aus.
Aber ich tue mich noch schwer, eine Prognose zu stellen.
Gibt es eine Erklärung dafür, dass die
Mannschaft zum wiederholten Male so große
Probleme mit den Partien hatte, die für
die Champions-Leauge- oder die Uefa-CupQualifikation entscheidend waren?
Mittlerweile ist das wirklich ein bisschen
traumatisch, und es wird mit jeder Niederlage schlimmer. Man steht als Spieler da
und hat keine Erklärung.
Und als BVB-Spieler muss man dann
immer zuerst die Frage nach den
finanziellen Konsequenzen beantworten.
Nervt das langsam?
Wir Spieler haben uns bei Borussia Dortmund daran gewöhnt, dass man auch in
der Lage sein muss, ökonomische Fragen
zu beantworten.
Sie sind in all dem Wirbel um den
Finanzskandal durchaus kritisch, aber doch
sehr besonnen aufgetreten. Ecken Sie mit
dieser Art an in Dortmund, wo es meist sehr
emotional zugeht?
Wer mich kennt, weiß dass ich eher introvertiert bin. Etwas anderes würde man mir
auch nicht abnehmen. Hier in Dortmund
wollen die Leute zwar immer ein paar krasse Aussagen über den Reviernachbarn hören, aber die mache ich nicht. Das wäre
nicht authentisch.
Vergangene Saison entwickelte sich wieder
eine große Nähe zwischen Mannschaft
und Fans. Entstand diese neue Identifikation
aus dem gemeinsamen Gefühl heraus,
während der Finanzkrise schlecht informiert
worden zu sein?
Unter den Fans gab es eine unglaublich
große existenzielle Angst. Die starke Bindung der Anhänger besteht ja nicht zu den
Spielern, sondern zum Verein. Und der war
plötzlich in Gefahr, völlig kaputtzugehen.
Diese Situation hat uns alle sehr eng zusammengeschweißt, denn die Fans haben
irgendwann gemerkt: Diese Mannschaft
kämpft auch ums Überleben des Vereins.
Und mit jedem Sieg wuchs die Nähe zwischen Fans und Mannschaft.
Sie haben mal gesagt, dass Sie ein Typ sind,
der es allen recht machen möchte. Leiden
Sie darunter, dass man nicht mehr alle
gleich behandeln kann, wenn man so in der
Öffentlichkeit steht?
Ich bin schon ein Gerechtigkeitsfanatiker,
doch gerade im Profifußball gibt es immer
die Diskussion um Geld. Da wird Spielern
vorgeworfen, sie kämpften nicht genug, sie
identifizierten sich nicht mit dem Klub. Da
möchte ich mich schon mal hinstellen und
das mit jedem Einzelnen ausdiskutieren.
Aber irgendwann merkt man, dass man dabei gegen Windmühlen kämpft.
Ist dieser Umgang mit dem Neid ein
deutsches Phänomen?
Ich glaube schon. Wenn man jung ist und
Erfolg hat, dann freuen die Leute sich, dann
sind sie stolz auf einen. Aber es gibt einen
Punkt, wo der Erfolg offenbar zu groß wird.
Dann hoffen viele Leute, auch von den Medien, dass man scheitert. Es gibt viele, die
sich gefreut hätten, wenn ich nicht wieder
zurückgekommen wäre.
Wann ist in Ihrem Fall der Zuspruch in
Missgunst umgeschlagen?
Bei mir war das nach der WM 2002. Natürlich kauft man dann ein neues Auto oder
im Elternhaus wird der Vorgarten neu gemacht. Für die Familien der Spieler kann
RUND 44
rund_042_047_Metzelder 44
07.09.2005 21:29:54 Uhr
GLEICHE HÖHE
Der Spieler spricht
Rückennummer 21: Christoph Metzelder ist in der BVB-Abwehr wieder eine feste Größe.
Das Einzige, was ihm zu seinem Glück noch fehlt, ist ein Bundesligator
RUND 45
rund_042_047_Metzelder 45
07.09.2005 21:29:55 Uhr
GLEICHE HÖHE
Der Spieler spricht
Christoph Metzelder: „Irgendwann lebt man nur noch auf der Überholspur“
RUND 46
rund_042_047_Metzelder 46
07.09.2005 21:29:59 Uhr
GLEICHE HÖHE
das sehr schwierig sein. Wenn der Bäcker
zu meinem Vater sagt, was hat denn dein
Sohn für einen Scheiß gespielt, geht mein
Vater völlig konsterniert nach Hause.
Sie scheinen einen sehr engen Kontakt zur
Familie zu pflegen. Waren es auch Ihre
Eltern, die Sie mit dem Christentum vertraut
gemacht haben?
Ja. Mein Glauben hängt ganz elementar
mit meinem Elternhaus zusammen. Als Familie sind wir immer zur Kirche gegangen,
wir Kinder waren Messdiener. Heute gehe
ich nicht jeden Sonntag zur Kirche, aber
ich habe für mich persönlich meine Rituale entwickelt und ein Gewissen, mit dem
ich Dinge überprüfe. Im Gegensatz zu vielen Brasilianern knie ich aber nicht öffentlich auf dem Rasen, für mich ist das ein intimer Bereich. Ich denke auch nicht, dass
der liebe Gott für Sieg oder Niederlage auf
dem Fußballplatz zuständig ist.
Sie waren einer der letzten Besucher bei
Papst Johannes Paul II. Was haben Sie dort
in Rom erlebt?
Mit Sebastian Kehl war ich bei der letzten
Generalaudienz, die der alte Papst vor seinem Tod gegeben hat. Da macht man dann
das Ritual: niederknien, Ring küssen. Das
war ein unglaubliches Erlebnis und hat mir
sehr viel Kraft gegeben
Das große Poster in der „Bravo“ zeigte
kürzlich Benedikt XVI. Wirkt es auf
Sie befremdlich, dass der Papst zu einem
Superstar geworden ist?
Das ist ähnlich wie unsere Arbeit für karitative Organisationen, wo Priester vor Ort
ihr Leben einsetzen, während nach außen
die Gesichter von Sebastian Kehl und
Christoph Metzelder zu sehen sind. Das
Perverse an unserer Mediengesellschaft ist,
dass vieles mit Personenkult zusammenhängt. Ich sehe viele Dinge an der Kirche
kritisch, darunter auch einige Einstellungen des Papstes. Aber ich finde es absolut
Der Spieler spricht
okay, dass er mit seiner Persönlichkeit und
seinem Charisma den Jugendlichen Zugang
zu einer Sache verschafft.
Sie sind nicht nur religiös, sondern auch
politisch interessiert. Trotzdem vertreten
weder Sie noch viele andere Fußballer ihre
Standpunkte, während es in den USA
durchaus üblich ist, dass bekannte Sportler
Wahlempfehlungen abgeben. Woher kommt
diese deutsche Zurückhaltung?
Ich habe sehr feste politische Meinungen.
Aber ich werde mich da in der Öffentlichkeit vor keinen parteipolitischen Karren
spannen lassen.
Aber wenn man von etwas überzeugt ist,
liegt es doch im eigenen Interesse, auch
andere von einer guten Sache zu überzeugen.
Das ist ähnlich wie mit dem Glauben. Ich
habe öffentliche Veranstaltungen da immer
abgelehnt, ich will mich von niemandem
instrumentalisieren lassen und auch nicht
in einer Schublade landen. Ich bin Fußballer und auf allen Nebenkriegsschauplätzen
halte ich mich öffentlich zurück.
Sie haben sich für die antirassistische Aktion „Stand Up, Speak Up“ engagiert,
die Thierry Henry initiiert hat. Wie kam es
zu diesem Kontakt?
Der ist über Nike entstanden. Die Kampagne ist ein unglaublicher Erfolg geworden
und es gibt eine große Nachfrage unter den
Kids nach diesen Bändern. Schade finde ich
nur, dass der DFB die Regeländerung der
FIFA so krass umsetzt, dass die schwarzen
und weißen Bänder im Spiel nicht mehr getragen werden dürfen. Das ist für mich absolut unverständlich.
In dieser Sache ist Nike sehr positiv
engagiert. Es ist aber auch immer wieder
zu hören, dass der Konzern seine Produkte
immer noch in Ländern produzieren lässt,
wo Kinderarbeit weit verbreitet ist. Ist
das ein Thema, dass Sie abklären, bevor
Sie für diesen Konzern werben?
Nike hat eine Kampagne gestartet, die Lizenznehmer besser zu kontrollieren, um
vernünftige Arbeitsbedingen für die Menschen zu schaffen. Eine so große Firma wie
Nike kann sich solche Gerüchte kaum leisten. Deswegen denke ich, dass diese Kampagne gewissenhaft durchgeführt wird.
Ist es als Fußballer denkbar, hier auf
Missstände aufmerksam zu machen, oder
würde man sofort mächtig Ärger kriegen?
Das ist immer ein schmaler Grat. Ich bin
ein Nike-Vertragsspieler, Borussia Dortmund kriegt sehr viel Geld von Nike. Da
muss man natürlich schon aufpassen. Es
gibt eben auch immer Menschen, die von
der Globalisierung benachteiligt sind, das
ist nun mal das System. Da ist es schwer, es
allen recht zu machen und daraus Vorteile
für alle zu ziehen.
Sie hatten bei Ihrem fußballerischen
Aufstieg zunächst sehr viel Glück,
dann viel Pech mit Verletzungen. Glauben
Sie, dass sich so etwas ausgleicht?
Ich glaube, dass die Ursachen der Verletzung auch in dem Erfolg lagen. Irgendwann
lebt man nur noch auf der Überholspur.
Der Körper hat schon relativ früh Signale
gegeben. Die Achillessehne hat geschmerzt,
und ich habe trotzdem immer weiter und
weiter gespielt. Da war hier ein Titel, da eine Ehrung, hier ein Länderspiel und da eine
Champions- League-Partie.
Müsste man junge Spieler, die noch nicht
so routiniert mit dieser intensiven
Beanspruchung umgehen können, offensiver
auf solche Gefahren aufmerksam machen?
Es wird kaum einen Spieler geben, der
nicht sagt: Ich versuche alles, um zu spielen. Letztendlich war immer ich derjenige,
der das Okay gegeben hat. Der tagesaktuelle
Druck ist leider Gottes sehr viel höher als
die Bereitschaft, Rücksicht auf langfristige
Entwicklungen zu nehmen. Ich bin schon
viel fit gespritzt worden, mache das heute
auch noch und werde das vermutlich bis
ans Ende meiner Karriere so machen.
CHRISTOPH METZELDER wurde am 5. November 1980 im nordrhein-westfälischen Haltern geboren. Vom TuS Haltern ging er in
der B-Jugend nach Schalke, kam dort nicht zurecht und wechselte nach nur einem Jahr zum Regionalligisten Preußen Münster.
Von dort holte ihn der damalige BVB-Trainer Bernd Krauss 2000 nach Dortmund. Metzelder wurde schnell Stammspieler und lief 2001
erstmals in der Nationalelf auf. 2002 gewann er mit dem BVB die Deutsche Meisterschaft und stand in Yokohama im WM-Finale.
RUND 47
rund_042_047_Metzelder 47
07.09.2005 21:30:03 Uhr
GLEICHE HÖHE
Erbsenzähler
Schnauzbarttabelle
(Stand: Saisonbeginn 2005/06; Quelle: RUND)
Bis in die 90er Jahre war ein gepflegter Schnauzbart in Spielerkreisen schwer in Mode. Wir zeigen einige der schönsten Exemplare einer
ausgestorbenen Gattung. Unsere Preisfrage: Welche Bundesligateams kamen zuerst ohne Schnauzbartprofis aus?
Bitte schicken Sie Ihre Lösung bis zum 17. Oktober an: Redaktion RUND, Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg, [email protected],
Stichwort: Schnauzer. Wer richtig liegt, kann einen Besuch beim Barbier seines Vertrauens gewinnen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Bärtigste Bundesligateams
Waldhof 1984/85
Leverkusen 1979/80
Düsseldorf 1980/81
Duisburg 1981/82
1. FC Köln 1984/85
Duisburg 1980/81
Uerdingen 1980/81
Nürnberg 1980/81
Düsseldorf 1981/82
Leverkusen 1981/82
1. FC Köln 1982/83
Offenbach 1983/84
Waldhof 1985/86
Harald Konopka
(1. FC Köln)
14
12
12
12
12
11
11
11
11
11
11
11
11
Uwe Rahn
(Hertha BSC Berlin)
Heinz Gründel
(Eintracht Frankfurt)
Schnauzerprofis
1977
1978
1979
1980
1981
1982
1983
1984
1985
1986
1987
1988
1989
Hans-Hubert Vogts
(Borussia Mönchengladbach)
Manfred Müller
(Bayern München)
:
:
:
:
:
:
:
:
:
:
:
:
:
93
108
123
133
149
120
117
148
162
123
110
125
117
1990 : 106
1991 : 91
1992 : 72
1993 : 56
1994 : 32
1995 : 20
1996 : 14
1997 :
8
1998 :
4
1999 :
2
2000 :
1
und seit
2001 :
0
Calle Del‘Haye
(Bayern München)
Trainer mit Schnauzer
Lorant, Schalke
Held, Schalke
Schlappner, Waldhof
Werner, Gladbach
Saftig, Dortmund
Daum, Köln
Stabel, K‘lautern
Köppel, Dortmund
Schulte, St. Pauli
Stepanovic, Frankfurt
Reinders, Rostock
Neururer, Saarbrücken
Schaaf, Werder
1979
1982
1983
1987
1987
1987
1988
1989
1989
1991
1991
1992
2002
Jonny Otten
(Werder Bremen)
Sigi Held
(Kickers Offenbach)
Thomas Kroth
(Borussia Dortmund)
Auflösung 09/05: Bayern München wurde im Jahr 2005, je nach Interpretation der Sterne, mit 5 oder 6 Steinböcken im Kader Deutscher Fußballmeister.
Das persönliche Jahreshoroskop wird erstellt für Torsten Bunde aus Hannover. Der Gewinner wird verständigt.
RUND 48
rund_048_049_Erbsenzaehler 48
07.09.2005 21:30:55 Uhr
GLEICHE HÖHE
Erbsenzähler
Wo gibt es die meisten, wo die wenigsten Fußballer in Deutschland
(Saison 2005/06; Quelle: Acxiom Deutschland)
Anteil aktiver Fußballspieler an der Gesamtbevölkerung. Aufgelistet nach den insgesamt 323 Landkreisen und 125 kreisfreien Städten in Deutschland.
22,3
22,0%
154.804 Einwohner, Niedersachsen.
Höchste Geburtenrate Deutschlands.
Hinweise auf Fußball: „Ich sehe in
der ganzen Liga kein stärkeres Team.“
Der Trainer des Nord-Oberligisten
BV Cloppenburg, Tom Saintfiet,
über seine Mannschaft.
164.932 Einwohner, Niedersachsen.
Im Oktober findet Norddeutschlands
größte Erntewagenparade statt.
Hinweise auf Fußball:
Gehäufte Anzahl von Werder-Fans.
%
LANDKREIS CLOPPENBURG
LANDKREIS ROTENBURG (WÜMME)
Schleswig-Holstein
Mecklenburg-Vorpommern
LANDKREIS BARNIM
23,2%
175.157 Einwohner, Brandenburg.
Zum Landkreis gehört die ehemalige
DDR-Waldsiedlung Wandlitz.
Hinweise auf Fußball: Seit dem Abgang
von Erich Mielke aus Wandlitz hat die
Fußballbedeutung nachgelassen.
22,3%
LANDKREIS EMSLAND
Bremen
308.488 Einwohner, Niedersachsen.
Katholizismus, Transrapid und Apfelkorn.
Hinweise auf Fußball: SV Meppen
22,0%
10,2%
23,2%
23,3%
GRAFSCHAFT BENTHEIM
Niedersachsen
Berlin
21,6%
22,0%
10,6%
Brandenburg
23,3%
133.643 Einwohner, Niedersachsen. Die
Ureinwohner messen sich im Kloatscheeten.
Hinweise auf Fußball:
Nähe zu Holland
21,6%
10,2%
Hamburg
STADT CHEMNITZ
246.092 Einwohner, Sachsen.
Ehrenbürger sind Kati Witt,
Stefan Heym und Siegmund Jähn.
Hinweise auf Fußball: Ballack.
Sachsen-Anhalt
Nordrhein-Westfalen
LANDKREIS BORKEN
10,4%
Sachsen
367.457 Einwohner, NordrheinWestfalen. Udo-LindenbergMuseum in Gronau.
Hinweise auf Fußball:
Holland ist um die Ecke.
8,6%
Thüringen
59.284 Einwohner,
Sachsen Östlichste Stadt
Deutschlands.
Hinweise auf Fußball:
Jens Jeremies, noch mal Ballack.
10,6%
Hessen
22,0%
22,0%
8,6%
STADT EISENACH
STADT GELSENKIRCHEN
274.926 Einwohner, NordrheinWestfalen. Verärgert durch
Bundesbauminister Stolpes
Aussage, Cottbus sei schöner.
Hinweise auf Fußball: Kreisel,
Bundesligaskandal, Charly
Neumann, Bierwerbung.
24,8%
21,7%
Rheinland-Pfalz
Saarland
LANDKREIS HASSBERGE
9,3%
88.207 Einwohner, Bayern. Beherbergt das
Schlepper- und Gerätemuseum Nassach.
Hinweise auf Fußball: Im Landkreis wurde
der Barockkomponist Briegel geboren.
8,6%
Bayern
Baden-Württemberg
9,3%
96.000 Einwohner,
Rheinland-Pfalz.
Hinweise auf Fußball:
Weitere Ortsnamen
wie Kickeshausen,
Körperich, Reiff
STADT LANDSHUT
60.842 Einwohner, Bayern. Der Bürgermeister ist einer der
größten McDonalds-Betreiber im Süden.
Hinweise nur auf Eishockey: Erich Kühnhackl, Alois Schloder.
77.184 Einwohner, Rheinland-Pfalz. Veranstaltet
die Deutschen Draisinentage.
Hinweise auf Fußball: SG BlaubachDiedelkopf, Heimat von Miro Klose.
44.180 Einwohner, Bayern. Slogan: Eishockey-Hochburg.
Hinweise auf Fußball: Die SpVgg Kaufbeuren spielt in der
Bezirksoberliga Schwaben.
61.609 Einwohner, Bayern. Allgäu, also Ski.
Hinweise auf Fußball: Der FC Kempten ist der
einzige Bayernliga-Verein ohne eigene Website.
10,7%
8,8%
9,9%
STADT KEMPTEN
STADT SCHWABACH
40.431 Einwohner, Bayern. Der Bürgermeister wurde im Bayrischen Fernsehen der „Grandseigneur der Kommunalpolitik“ genannt.
Hinweise auf Fußball: Der Landkreis Haßberge ist
nicht weit (s.d.).
9,9%
23,7%
9,3%
9,3%
10,7%
21,7%
LANDKREIS BITBURG-PRÜM
LANDKREIS KUSEL
43.915 Einwohner, Thüringen. Geburtsort
von Johann Sebastian Bach und dem Wartburg.
Hinweise auf Fußball: ESV Lok Eisenach kickt in der Kreisliga.
24,8%
23,7%
22,0%
LANDKREIS DAUN
63.948 Einwohner, Rheinland-Pfalz.
Vulkaneifel, traditionelles
Krimi-Milieu.
Hinweise auf Fußball: Reinhard
Saftig, Gerolsteiner Mineralwasser
10,4%
STADT GÖRLITZ
STADT KAUFBEUREN
8,6%
STADT ANSBACH
40.537 Einwohner, Bayern. Kaspar Hauser wurde hier ermordet.
Hinweise auf Fußball: Die SpVgg Ansbach ist soeben aus der
Bayernliga abgestiegen.
8,8%
KREIS GARMISCH-PARTENKIRCHEN
Legende:
■ Wo fast alle gegen das Rundleder treten
■ Die traurige Fußball-Diaspora der Republik
87.460 Einwohner, Bayern. Alles fährt hier Ski oder geht
auf Pilgerfahrt nach Oberammergau. Ab und zu Hochwasser.
Hinweise nur auf Ski: Christian Neureuther.
RUND 49
rund_048_049_Erbsenzaehler 49
07.09.2005 21:31:13 Uhr
GLEICHE HÖHE
Broichs Bonbons
DER FUSSBALLPROFI
THOMAS BROICH
SCHREIBT ÜBER DAS
SÜSSE LEBEN
>LA DOLCE VITA?
JA. UND NEIN.
Frühmorgens um halb sieben unwillig aus
den Federn, eine flüchtige Katzenwäsche,
zwischen Tür und Angel frühstücken, sich
kurz darauf auf dem Weg zur Arbeit wiederfinden, die den Großteil des Tages einnehmen wird – das ist keineswegs die Beschreibung meines Alltags. Mein Tag wird
gegen 8.30 Uhr eingeläutet. Sonnenstrahlen erfreuen mein Herz,
Thomas Broich, Mittelfeldspieler der Gladbacher Borussia,
schreibt für RUND regelmäßig eine Kolumne. Im nächsten
Heft präsentiert der witzigste Zweitligaprofi der Welt , Nico
Patschinski (LR Ahlen), wieder „Patsches Patzer“
Wegen der hohen Intensität der meisten
Trainingseinheiten verbringe ich den Nachmittag oft dösend und relaxend auf dem
heimischen Sofa. DIE VERMEINTLICHEN GENÜSSE DES LEBENS, DIE ANDERE MENSCHEN
ALS LASTER BEZEICHNEN WÜRDEN, FALLEN
EBENSO DER PROFESSIONELLEN LEBENSFÜHRUNG ZUM OPFER. Körperliche
Unversehrheit gepaart mit viel Schlaf sind unabdingbar auf diesem Niveau. Außerdem stehen
meine Arbeitszeiten nicht im Einklang mit
denen meines Umfelds.
WOCHENENDEN ODER FEIERTAGE EXISTIEREN FÜR
FUSSBALLER NICHT. Un-
ser Spiel- und Trainingsplan macht lediglich vor Weihnachten Halt und gewährt uns
drei Wochen Auszeit im Sommer.
Freunde werden uns durch die unweigerlichen Wechsel oft entrissen, der Kontakt
in heimatliche Gefilde reduziert sich leider
auf ein Minimum. Das ist unsere
DENN IN
ETWA ZWEI STUNDEN
WERDE ICH ETWA ZWEI
STUNDEN UNTER FREIEM HIMMEL MIT EINEM immaterielle Bezahlung
FUSSBALL SPIELEN. Im An- für das Dolce Vita, das süße Leschluss noch ein paar regenerative Maßnahmen, und die verbleibenden zehn Stunden
des Tages breiten sich verlockend vor mir aus.
Im Verlauf der Karriere
verschlägt es einen darüber hinaus in so manch bezaubernde Region. Sei es wie in
meinem Fall seinerzeit das südländisch-romantische Kleinstädtchen Burghausen oder
jetzt die Nähe zu den kulturschaffenden Metropolen Düsseldorf und Köln.Es mangelt
also gewiss nicht an Möglichkeiten, die
viele freie Zeit vortrefflich zu gestalten.
Doch an diesem Punkt möchte ich einhaken.
Es liegt aber mir fern, neidvolle Blicke
der ehrbaren Arbeiter auf unsere Klasse zu
ziehen. Mein Anliegen geht in die andere
Richtung. Freilich steht mir in der
ben, das wir führen dürfen. Ich schreibe
diese Zeilen nämlich an meinem freien
Montag, bei strahlendem Sonnenschein auf
der Dachterrasse. Im Anschluss werde ich
an der Rheinuferpromenade spazieren, um
morgen wieder diesem wunderbaren Beruf
und Hobby zu frönen. KEINE KLAGE
ALSO UND KEIN JUBEL. Ich möchte
nur nicht, dass manche Menschen das Dasein als Fußballprofi allzu unkritisch glorifizieren oder womöglich gar neidisch beäugen und in Relation dazu dem eigenen
Leben zu wenig Schönheit und Wert zuerkennen. FOTO JEAN BALKE
Summe verhältnismäßig viel Zeit
zur Verfügung, doch die zu nutzen,
ist nicht so einfach wie gedacht.
RUND 50
rund_050_053_broich+Meyer 52
07.09.2005 21:32:08 Uhr
GLEICHE HÖHE
Meyers Taktiktafel
„Wir müssen spielen, spielen und nochmals spielen“
HANS MEYER war unter anderem Trainer bei FC Twente Enschede, Borussia Mönchengladbach und
Hertha BSC Berlin. Vor allem in Holland fühlte er sich in seiner Auffassung bestätigt, dass das
spielerische Element des Fußball im Ausbildungsprozess im Vordergrund stehen muss. Der 62-Jährige
arbeitet als Scout für Hertha BSC und greift für RUND wichtige Trainings- und Taktikfragen auf
Der Schreck im Gesicht: Hans Meyer sorgt sich um die Trainingsmethodik im Nachwuchsbereich
Es ist ein Hobby von mir, das Fußball-Spielen-Lernen in den Ländern, in denen aus
sozialen Gründen kein Straßenfußball mehr
gespielt wird, zu vergleichen. Ich habe hier
schon bemängelt, dass wir uns in Deutschland seit geraumer Zeit auf dem Holzweg
befinden, so wie wir im Nachwuchsbereich
Fußball trainieren. Wie die Trainingsmethodik verändert werden könnte, möchte ich
dieses Mal ausführen. Schauen Sie mal zu,
wenn der Nachwuchs trainiert: Wie lange
werden in einer Einheit von 90 Minuten
Spielformen trainiert? Ich habe mir den
Spaß gemacht und anonym am Spielfeldrand 14 willkürlich ausgesuchte Trainings-
einheiten im Nachwuchsbereich verfolgt.
Von 90 Minuten wurden im Durchschnitt
zwölf bis 14 Minuten gespielt. Das ist doch
beängstigend. Es ist doch völlig logisch, dass
wir in Deutschland spieltaktisch und im
Spielvermögen riesigen Nachholbedarf haben. Athletisch sind wir gut dabei, da werden im Training eifrig Klappmesser und Liegestütze gemacht, am Anfang der Einheit
wird gelaufen. Auch Torschusstraining und
Ballgewöhnungsübungen finden entsprechend Platz und Raum und Zeit. Es läuft
überall ähnlich ab: Wir entwickeln zu wenig
Kreativität. Fußball spielen kann man nur
durch Spielen lernen.
Den Trainern im Nachwuchs- und Amateurbereich darf man keine Vorwürfe machen. Sie übernehmen das, was im Profifußball gearbeitet wird. Das Trainingsystem, in
dem wir in der Breite Nachwuchs und Amateure arbeiten lassen, ist ein Spiegelbild von
dem, wie im deutschen Profifußball gearbeitet wird. Dort wird viel gelaufen und im
Athletikbereich werden Schwerpunkte gesetzt. Was ich als Trainer mit fertigen Fußballern trainiere, ist fast egal. Wenn einer
mit 25 Jahren noch nicht mit dem Ball umgehen kann, dann lernt er das auch nicht
mehr richtig. In diesem Bereich spielt die
Fitness also die Hauptrolle. Aber die Jugend
müssen wir anders ausbilden. Das, was den
Fußball so besonders macht, das technischtaktische Handeln, der kreative Entschluss,
wird in der Ausbildung vernachlässigt. Der
Fußball wird in seine Einzelteile zerlegt, in
Koordination, Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, Technik und Taktik, die alle häufig unabhängig voneinander trainiert werden. Du
lernst das Spielen aber nicht durch Trainieren von einzelnen Komponenten.
Aber wenn man mit einer Nachwuchsmannschaft nur zwei Trainingseinheiten in
der Woche arbeitet, ist es doch umso wichtiger, was und wie man das macht. Ich plädiere für eine deutliche Erhöhung der ganzheitlichen Trainingsmethode, in der alle
Komponenten des Spiels zum Tragen kommen. Stattdessen wird die allgemeine Athletik und individuelle Technik über Gebühr
betont. Wir müssen endlich spielen, spielen
und nochmals spielen. FOTOS BENNE OCHS
RUND 53
rund_050_053_broich+Meyer 53
07.09.2005 21:32:13 Uhr
rund_051_052_postkarte 2
08.09.2005 17:54:03 Uhr
POSTKARTEN ABTRENNEN, VERSENDEN UND FREUDE BEREITEN!
ADHEMAR
RUND > DAS FUSSBALLMAGAZIN
www.rund-magazin.de
„Bei einem Fußballspiel verkompliziert
sich allerdings alles durch die
Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“
„Ich weiß, wo ich hinschieße.
Wo der Torwart hinspringt, ist mir egal.“
RUND > DAS FUSSBALLMAGAZIN
www.rund-magazin.de
RUND > DAS FUSSBALLMAGAZIN
www.rund-magazin.de
PAULO SERGIO
JEAN-PAUL SARTRE
„Fußball ist eine Droge.“
ULI HOENESS
RUND > DAS FUSSBALLMAGAZIN
www.rund-magazin.de
08.09.2005 17:54:28 Uhr
rund_051_052_postkarte 3
FOTO SEBASTIAN VOLLMERT
FOTO FLAVIO CANNALONGA
„Der Ball muss gut behandelt werden,
sonst behandelt er dich schlecht.“
FOTO SEBASTIAN VOLLMERT
GLEICHE HÖHE
Reportage
RUND 54
rund_054_061_Reportage_Türkei 54
07.09.2005 22:03:22 Uhr
In Sichtweite der Bosporus-Brücke: Training bei Ejüp Spor Kulübü (li.)
Der Riese erwacht
Dem TÜRKISCHEN FUSSBALL gehört die
Zukunft. Auch dank eines Scoutingsystems,
das seinesgleichen sucht
VON CHRISTOPH RUF UND TOBIAS SCHÄCHTER, FOTOS ÖZGÜR ALBAYRAK
RUND 55
rund_054_061_Reportage_Türkei 55
07.09.2005 22:03:35 Uhr
GLEICHE HÖHE
Reportage
Den Erfolg im Blick: Christoph Daum hat Fenerbahçe zweimal zum Meister gemacht. Dennoch steht er unter immensem Druck
Hätte es geklappt, Emre würde heute bei
seinem Onkel leben. „Der wohnt nicht weit
von hier“, sagt Bilal Satıcı und zeigt die
Straße hinunter. Bilal, ein Mann mittleren
Alters mit freundlichen runden Gesichtszügen, wirkt nicht enttäuscht, er lacht. Er
hat es probiert, niemand kann ihm einen
Vorwurf machen. Am wenigsten Emre, sein
zehn Jahre alter Sohn. Dieser, versichert Bi-
lal mit großen Augen, sei ein riesengroßes
Talent. Um Urlaub zu machen, ist Familie
Satıcı aus Hannover in die Türkei gereist.
Am letzten Tag aber wollte Bilal es dann
doch versuchen und machte sich mit dem
kleinen Emre auf den Weg nach Florya, jener Villengegend im Westen Istanbuls, in
der das Trainingszentrum von Galatasaray
liegt. Emre sollte vorspielen beim Herzens-
klub seines Vaters und zeigen, wie gut er
dribbeln und schießen kann. „Da ist Hakan“, ruft Emre plötzlich, als er einen Blick
in eine der Limousinen erhascht, die gerade das von Sicherheitspersonal bewachte
Trainingsgelände verlassen. Es hat nicht
geklappt. Emre durfte nicht vorspielen, sie
haben ihn nicht einmal hineingelassen.
Nun steht er nebenan im Fanshop, das Tri-
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rund_054_061_Reportage_Türkei 56
07.09.2005 22:03:40 Uhr
GLEICHE HÖHE
kot seines Idols Hakan Şükür übergezogen.
Er strahlt. „Ich habe ihn gesehen.“ Es ist
wohl mehr, als er sich erhofft hat.
Solche Geschichten kennt Erdal Keser
zur Genüge. Der Blick von der ausladenden
Terrasse im Trainingszentrum geht über
die Dächer von Florya. Ein älterer Mann
bringt Tee, und Keser beginnt zu erzählen.
Er kennt sich aus mit den Hoffnungen und
Sehnsüchten junger türkischer Fußballer
in Deutschland. Mit zwölf kam Keser mit
seinen Eltern nach Hagen in Westfalen und
hat es tatsächlich geschafft. 106 Erstligaspiele bestritt er für Borussia Dortmund und
noch mehr für Galatasaray, bevor er zum
Händler seines eigenen Traums wurde: Von
1998 bis Ende 2002 war der heutige CoTrainer von Galatasaray Leiter des Europabüros des türkischen Fußballverbands in
Dortmund, das sich auf die Suche nach türkischstämmigen Talenten in Europa macht.
Şenes Erzik, der damalige Präsident des
Verbands, erkannte als erster das immense
Potenzial, das in Europa brachlag, und beauftragte Keser mit dem Aufbau eines Scoutingsystems. Das war der dritte Schritt eines
langfristigen Plans, der die ehemals belächelten Kicker der Türkei auf eine Stufe mit
den großen Fußballnationen hieven soll.
Reportage
Mähen mit Sonnenschutz: Bei Galatasaray geht es dem Greenkeeper gut
„Früher gab es in der Türkei
viele Ballzauberer, aber nur mit
Künstlern kannst du keinen
Erfolg haben“ ERDAL KESER
Der erste Meilenstein wurde 1990 gesetzt,
als in der Türkei Staat und Sport getrennt
wurden. Mit den Fernsehgeldern finanzierte man den zweiten Schritt, angestoßen
Anfang der 90er Jahre vom damaligen Nationaltrainer Sepp Piontek. Ein Sichtungssystem nach Vorbild des DFB entstand.
Heute betreibt der türkische Verband über
die gesamte Türkei verteilt 14 Sportschulen. Dieses System wurde schließlich 1998
mit dem Europabüro in Dortmund komplettiert. „Damals gab es in der Türkei viele
Ballzauberer, aber nur mit Künstlern kannst
du keinen Erfolg haben. Deshalb suchten
wir disziplinierte, taktisch geschulte Spieler“, berichtet Keser.
In allen deutschen Bundesländern wurden Sichtungstrainer geschult. Lange wur-
Blick für Talente: Exprofi Erdal Keser
den die Spieler beobachtet, bevor sie zu einem Jahrgangslehrgang gebeten wurden,
bei dem auch die jeweiligen türkischen Nationaltrainer vor Ort waren. „Drei, vier Europäer haben es immer geschafft“, erinnert
sich Keser. So reüssierten 2002, als die
Nationalelf mit dem dritten Platz bei der
WM in Japan und Korea den größten Erfolg
des türkischen Fußballs feierte, mit Ilhan
Mansız aus Kempten, dem Mannheimer
Ümit Davala und Yıldıray Baştürk aus Herne
gleich drei in Deutschland entdeckte Spieler. Vor zwei Jahren warf der hemdsärmlige Keser den Job allerdings enttäuscht hin.
„Für alles hat man eine Unterschrift aus Istanbul gebraucht“, sagt der 44-Jährige.
Das Europabüro ist längst ins repräsentativere Köln gezogen. Kesers Nachfolger,
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rund_054_061_Reportage_Türkei 57
07.09.2005 22:03:47 Uhr
GLEICHE HÖHE
Reportage
Technisch stark: Viele türkische Jugendliche – hier die U18 von Ejüp Spor Kulübü – können am Ball fast alles
Metin Tekin, steht am Fenster einer herrschaftlichen Altbauwohnung am KonradAdenauer-Ufer und blickt auf den Rhein.
Zwischen 400.000 und 500.000 Euro lässt
sich die Zentrale in Istanbul ihre Dependance in Europa pro Jahr kosten. 15 Honorartrainer arbeiten Tekin zu, aus Deutschland, Holland, Belgien, England, Frankreich,
den skandinavischen Ländern und der
Schweiz. Das Reservoir ist riesig. Alleine in
Deutschland leben knapp 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen. „In den letzten
fünf Jahren haben wir 80 Spieler aus Europa gesichtet“, sagt Tekin stolz. Vier davon
standen in der Anfangsformation der türkischen U17, die vor kurzem Europameister
wurde. Auch Nuri Şahin, der in dieser Sai-
„Integration wird in Deutschland
immer nur einseitig von den Türken
verlangt“ METIN TEKIN
son zum Stamm von Borussia Dortmund
zählt – als 16-Jähriger.
Bereits mit 14 hat Tekin ihn entdeckt und
dem DFB vor der Nase weggeschnappt.
„Wir sind oft einfach schneller“, sagt der
Talentspäher, der das Verhältnis zum DFB
aber als „sehr gut“ bezeichnet. Dies bestätigt DFB-Jugendkoordinator Michael Skibbe. Der DFB war von Anfang an in die Pläne des türkischen Verbands eingeweiht.
„Wir leben natürlich in einer Konkurrenzsituation“, gibt Skibbe zu, der sich im Buh-
len um die türkischstämmigen Talente im
Nachteil sieht: „Die Emotionen spielen eine große Rolle.“ In über 80 Prozent der Fälle entscheiden sich die Spieler für die türkische Nationalmannschaft. Der 52-jährige
Tekin meint einen der Gründe zu kennen:
„In Deutschland wird Integration immer
nur einseitig verlangt.“ Es sei daher verständlich, dass sich die Jugendlichen auf ihre türkischen Wurzeln besinnen.
So eindeutig war die Gemütslage von
Halil Altıntop nie. Halil gehört mit seinem
zehn Minuten älteren Bruder Hamit zu den
jüngsten vom Europabüro entdeckten Talenten, die den Sprung in die A-Nationalmannschaft geschafft haben. Genauso wie
der beim RSC Anderlecht spielende und in
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rund_054_061_Reportage_Türkei Abs1:58
07.09.2005 22:03:53 Uhr
GLEICHE HÖHE
Reportage
Karrieresprung: Nationalspieler Denız Bariş
Kleinkrämer: Mit Fußball lässt sich auch in der Türkei gutes Geld verdienen
Karlsruhe geborene Serhat Akin. Der 22jährige Halil hätte sich sogar fast gegen die
Türkei entschieden. Bruder Hamit vom FC
Schalke 04 musste ihn überreden, nicht für
Deutschland zu spielen. Heute träumen die
beiden in Gelsenkirchen Geborenen von
einer gemeinsamen WM-Teilnahme mit
der Türkei in Deutschland.
Davon träumt auch Deniz Barış. Er ist ein
„Almancılar“, ein „Deutschländer“, wie sie
in der Türkei etwas abwertend über ihre in
Deutschland geborenen Landsleute sagen.
Für den 28-Jährigen war die Türkei nicht
die Verheißung, eher der letzte Versuch, es
im Profifußball zu schaffen. Beim damaligen Zweitligisten FC St. Pauli kam er nie
über eine Nebenrolle hinaus. Der Wechsel
zu Gençlerbirliği war daher so etwas wie seine letzte Chance. Bei einer Stippvisite mit
der skeptischen deutschen Freundin gefiel
ihnen Ankara sofort – auch weil dort im
Gegensatz zu deutschen Großstädten kaum
eine Frau verschleiert ist. Heute ist Barış
18-maliger türkischer Nationalspieler und
Stammspieler bei Fenerbahçe. „Es hat sich
gelohnt hierher zu kommen“, sagt Barış.
Viele, die sich für Deutschland entschieden haben und nicht den Sprung nach ganz
oben schaffen, strömen derzeit in die Türkei, um dort ihr Glück zu finden. Zuletzt
der 21-jährige Erdal Kılıçaslan, der bei den
Bayern nicht über die Amateure hinauskam
und vor dieser Saison in die Süperlig zu Ga-
Holprig: Nicht überall wird wie bei Fener trainiert
ziantepspor wechselte. In der Jugend durchlief Kılıçaslan alle Nationalmannschaften
des DFB. „Kein Türke hat es geschafft, sich
in der deutschen Nationalmannschaft zu
etablieren“, sagt Europascout Metin Tekin.
Mustafa Doğan sei doch das beste Beispiel.
Die Nationalmannschaftskarriere des ehemaligen Kölners, der jetzt bei Beşiktaş Istanbul unter Vertrag steht, war nach zwei
Einsätzen beendet.
Auf zwischen 200 und 300 Spieler beziffert Tekin die Zahl der Spieler, die in Europa
für die immer stärker werdenden türkischen
Profiligen gesichtet wurden. „Natürlich profitieren die Klubs in der Türkei von der guten Ausbildung in den europäischen Klubs“,
sagt Tekin, der zugibt, dass es in der Türkei
Nachholbedarf in der Jugendsichtung und
Ausbildung gibt. Zumindest bei Fenerbahçe
Istanbul, einem der drei großen Vereine
der Stadt, um die sich im türkischen Fußball alles dreht, will man das nun ändern.
Weit im Osten der 18-Millionen-Metropole, auf der asiatischen Seite, liegt das
hochmoderne Trainingszentrum von Fenerbahçe. In Samandıra, „fast schon im Irak“
also, wie türkische Journalisten witzeln.
Das Allerheiligste des Lieblingsklubs von
Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk wird
mit meterhohem Stacheldraht abgeschirmt.
Hinein kommt hier nur, wer einen Arbeitsplatz bei „Fener“ hat. Oder wer von Christoph Daum mitgenommen wird, der mitsamt Chauffeur und reichlich Verspätung
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rund_054_061_Reportage_Türkei Abs1:59
07.09.2005 22:03:55 Uhr
GLEICHE HÖHE
Reportage
„Der Wille zu gewinnen
muss größer sein, als die Angst
zu verlieren“ JOOP LENSEN
Schlafender Riese: Joop Lensen will Fenerbahçe erwecken
gerade um die Ecke geschossen kommt.
Der deutsche Trainer musste beim Präsidenten, dem allmächtigen Bauunternehmer Aziz Yıldırım, zum Rapport. Zwei Unentschieden und ein Sieg aus den ersten
drei Spielen – der fiebrigen türkischen
Presse reicht das, um die Demission des
ungeliebten Trainers herbeizuschreiben.
Ein paar Minuten nimmt sich Daum, der
in den vergangenen beiden Jahren mit Fenerbahçe zweimal die Meisterschaft holte,
trotzdem. Dass sich in Deutschland geborene Türken fast immer für die türkische Nationalmannschaft entscheiden, sei eine „Sache des Herzens“, glaubt er. Der deutschen
Integrationspolitik stelle es ein Armutszeugnis aus, wenn auch in der dritten Einwanderergeneration die Identifikation mit
der Türkei ungebrochen sei: „Wir müssen
uns fragen, ob wir genug getan haben. Umgekehrt frage ich auch meine türkischen
Freunde, ob sie genug unternehmen, um
beispielsweise Deutsch zu lernen“, sagt er.
„Die Türkei hat neben Brasilien das größte
Reservoir an Talenten“, behauptet Daum,
„und die Spieler hier sind unglaublich begeisterungsfähig.“ Umso bedauerlicher sei
es, dass viele Topnachwuchsspieler nicht
entsprechend gefördert würden. Oft mangele es dabei an Geduld und Hartnäckigkeit. Daum hat dem Verband ein 21-seitiges
Konzept geschickt. Darin skizziert er Verbesserungsmöglichkeiten bei der Nachwuchsarbeit. Bedankt hat man sich, passiert ist nichts. „Alles was mehr als zwei
Seiten hat, hat schlechte Chancen gelesen
zu werden“, vermutet Daum, und bittet die
Gäste zu gehen. Es ist Training, ein besonderes: Der Präsident hat sich angesagt.
Dem saß vor ein paar Monaten auch der
Holländer Joop Lensen gegenüber, der Aziz
Yıldırım schwer beeindruckt haben muss.
Seit Juli ist Lensen der erste Ausländer, der
bei einem türkischen Klub für die Nachwuchsarbeit verantwortlich ist. Das ist revolutionär im türkischen Fußball, wo alte
Verdienste und die richtigen Beziehungen
traditionell mehr zählen als harte Arbeit.
Lensen hat ein klares Konzept und sich damit innerhalb kürzester Zeit viele Feinde
geschaffen – und viel Respekt. „Fener ist
ein schlafender Riese“, sagt der Mann, der
einen 25-Jahresvertrag beim AZ Alkmaar
kündigte, als der Rekordmeister rief. Ein
weiterer Etappensieg im Zeitplan des kleingewachsenen Yıldırım, der „Fener“ bis 2007
– dem Jahr des 100-jährigen Vereinsjubiläums – auf eine Stufe mit Real Madrid und
Manchester United hieven will. Doch als
Lensen, der 1988 als Assistent von Rinus
Michels Europameister mit Holland wurde, den türkischen Jugendtrainern die neuen Regeln erklärte, waren die nicht erfreut:
„Jeder von euch kann mir innerhalb einer
Woche beweisen, was er dem Verein bringt.
Wenn nicht, ist er draußen.“
Lensen sitzt in seinem Büro im Stadtteil
Kızıltoprak am Ufer des Marmarameers und
erzählt, was er beim 16-maligen türkischen
Meister vorfand. Zum Beispiel landesweit
71 Nachwuchszentren. Aber die meisten
Leiter hätten sich persönlich bereichert.
Mit Gebühren von bis zu 70 Türkischen Lire, einem Viertel des durchschnittlichen
Monatslohns, seien ärmere Kinder außen
vor geblieben. „Dem Verein hat das sicher
nicht genutzt.“ Das luxuriöse Nachwuchsinternat des Klubs leitet nun Alex Pastoor,
ein diplomierter Nachwuchstrainer, den
Lensen mitsamt einem Kollegen aus Holland mitbrachte. „Vor ihm hat kein Trainer
wirklich mit den Jugendlichen gesprochen“,
glaubt Lensen. Die Egomanie der Trainer
habe er deshalb als erstes brechen müssen:
„In der Türkei denkt jeder, er ist der Boss.“
Jetzt ist Lensen der Boss. Vom Platzwart
bis zum Mittelstürmer müssen alle die neue
Vereinsdevise verinnerlichen: „Der Wille
zu gewinnen muss größer sein als die Angst
zu verlieren.“ Aus dieser Formel leite sich
RUND 60
rund_054_061_Reportage_Türkei Abs1:60
07.09.2005 22:04:02 Uhr
GLEICHE HÖHE
Reportage
Ein Verein, ein System: Die U18-Mannschaft von Fenerbahçe Istanbul und ihr holländischer Trainer Alex Pastoor (Mitte)
alles ab, bis hin zur Ordnung auf dem Platz,
doziert Lensen. Jede Fener-Mannschaft soll
das Spiel kontrollieren, selbst wenn der
Gegner im Ballbesitz ist. Daher werde von
nun an in allen Nachwuchsteams das gleiche System trainiert: Viererkette, Direktpassspiel, möglichst schneller Abschluss.
Viel zu tun sei da noch, bis man auf europäischem Topniveau sei. Lensen hat schon
mal angefangen.
Draußen trainiert Alper Balagban mit der
18. Die Geschichte des blonden Lockenkopfs klingt unglaublich. „In Hoffe wollde
se mich net“, erzählt der 18-Jährige in nicht
zu verleugnendem Badisch. Eigentlich war
er schon mangels Perspektive von der A-Jugend des Regionalligisten TSG Hoffenheim
nach Zuzenhausen in die Verbandsliga gewechselt. Doch der Urlaub mit den Eltern
veränderte sein Leben. Aus Spaß an der
Freude spielte er bei einem Freundschaftsmatch seines Heimatvereins gegen Fenerbahçe und gefiel den Abgesandten des
Großklubs. Das überraschende Angebot eines Zweijahresvertrags hat Alper ohne Zögern angenommen. Sein Blick streift über
das mit Oleandern gesäumte Trainingsgelände. Dahinter sieht er das Meer und das
Şükrü Saraçoğlu Stadion. Es glänzt in der
untergehenden Sonne.
RUND 61
rund_054_061_Reportage_Türkei Abs1:61
07.09.2005 22:04:04 Uhr
GLEICHE HÖHE
Heimspiel
Daniel van Buyten: „Ich wollte Catcher werden“
RUND 62
rund_062_065_Van_Buyten 62
08.09.2005 22:09:41 Uhr
GLEICHE HÖHE
Heimspiel
DER SOHN
DES KÄMPFERS
DANIEL VAN BUYTEN spielt heute beim Hamburger SV. Aber schon als kleiner Junge
war der Belgier häufig in der Hansestadt: Sein Vater Francis war eine Catcher-Legende und
trat häufig zu Kämpfen in Hamburg an. Der 27-jährige Abwehrchef verrät, welche Tricks
er beim Berufsringen gelernt hat AUFGEZEICHNET VON RAIMUND WITKOP, FOTOS AXL JANSEN & NICOLE HARDT
Ich kannte Hamburg schon, bevor ich zum
HSV gewechselt bin. Ich war als kleiner
Junge Zuschauer im Catcher-Zelt auf dem
Heiligengeistfeld, wo mein Vater im Ring
stand. Es war furchtbar. Ich habe gesehen,
da prügelt jemand auf meinen Vater ein,
und die Leute johlen. Ich war so nervös und
ängstlich, dass mein Vater gesagt hat: „Das
mit den Kindern beim Auftritt, das lassen
wir erst mal.“ Als ich zwölf war, bin ich einmal in den Ring gestürmt, um meinem Vater beizustehen. Meine Mutter und mein
älterer Bruder wollten mich aufhalten, aber
vergebens. Erst mit 14 oder 15 habe ich verstanden, was da passiert.
Man muss wissen, dass Catchen damals
mit dem amerikanischen Wrestling von
heute nichts zu tun hat. Das ist nur Gymnastik, darüber kann ich nur lachen. Mein
Vater hatte im Laufe seiner Karriere wohl
jeden Knochen einmal gebrochen. Er war
drei Jahre lang praktisch gelähmt, weil ein
Griff danebenging. Das war vor meiner Geburt. Seine Spezialität waren Kettenkämp-
fe. Jeder hat eine Eisenkette, die am Handgelenk hängt, und muss die Fahne seines
Landes ver teidigen, die in der Ringecke
steht. Wer die Fahne des Gegners erobert,
gewinnt. Mit der Kette darf man alles machen, außer direkt am Hals würgen. Die
sind nie ohne Blut aus dem Ring gekommen. So war das damals.
Zu Hause war das natürlich super mit diesem Vater. Alle kannten Francis van Buyten,
alle haben ihn respektiert. Ich bin in dem
Gefühl aufgewachsen: Wenn irgendetwas
RUND 63
rund_062_065_Van_Buyten 63
08.09.2005 22:09:53 Uhr
GLEICHE HÖHE
Heimspiel
„VIELLEICHT HAT DAS CATCHEN MICH TECHNISCH SOGAR EINIGES GELEHRT.
ICH WEISS, WIE ICH STEHEN MUSS, DAMIT DER GEGNER SICH NICHT
SCHNELL DREHEN KANN. ICH KANN BEI EINEM TACKLING KONTROLLIERT
FALLEN UND SOFORT WIEDER AUFSTEHEN“ DANIEL VAN BUYTEN
ist, muss ich nur meinen Papa rufen, und er
bringt alles in Ordnung. Ich war ungeheuer
stolz auf ihn, das bin ich immer noch. Vor
meiner Geburt ist er zweimal um die ganze
Welt gereist, er war auf allen Kontinenten
im Ring. Das hat er dann reduziert, um
mehr bei den Kindern zu sein. Wir wohnten
in der kleinen Stadt Froidchappelle in Südbelgien, südlich von Charleroi. In den Ferien sind wir im Wohnwagen mitgefahren
zum Catchen, gern nach Hamburg. Dort
hatte er auch meine Mutter kennen gelernt. Renate stammt aus Hannover und
saß eines Abends im Publikum. Dort hat er
sie entdeckt und gleich angesprochen. So
erzählen die beiden diese Geschichte.
Als wir Kinder da waren, gab es regelmäßig nur noch Paris und Hamburg. Da hatte
er sein Publikum, seine Fans, die ihn moch-
ten. Ein Catch-Publikum sucht sich immer
seinen Favoriten aus, zu dem es dann hält.
Das war oft mein Vater.
In Hamburg war immer René Lasartesse
der große Star, der den Bösen gab. René
hatte schlimme Blumenkohlohren, die Muscheln völlig zerquetscht. Mein Vater hat
mir erklärt, wie das kommt, durch das Drücken und Rutschen auf dem Ringboden.
Ich glaube, wenn mein Vater solche Ohren
gehabt hätte, dann hätte ich das Catchen
nicht so toll gefunden. Er sieht gut aus, ein
imposanter Mann, so wollte ich auch wirken. Und natürlich wollte ich in einem bestimmten Alter auch Catcher werden. Zum
Krafttraining durfte ich mit. Aber Papa hat
gesagt: „Mit dem Catchen geht es langsam
bergab, und die Schmerzen sollst du auch
nicht haben. Du wirst Fußballer.“
Ob Fußball oder Catchen: „Nur der Sieger zählt“
Er war ein strenger Trainer. Im Fernsehen
hat er gesehen, wie Spieler von Inter Mailand im Training gegen einen Widerstand
sprinten mussten. Mich und meinen Bruder hat er Reifen an einem Seil hinterherziehen lasen, erst einen, dann zwei, dann
drei Reifen. Heute weiß ich, dass Spitzenleichtathleten das ganz genauso machen.
Damals, ich erinnere mich noch sehr genau
daran, sind meine Schulfreunde im Bus an
uns vorbeigefahren und haben sich totgelacht. In der Schule haben sie erzählt, unser Vater würde uns quälen. Heute schreiben sie mir, ich hätte als Einziger von uns
alles richtig gemacht, weil ich etwas unbedingt wollte und dafür alles getan habe.
Mein Vater jedenfalls ist um die Welt gezogen, um das Geld für die Familie zu verdienen, und zwar auf eine sehr, sehr harte
Weise. Dafür bewundere und liebe ich ihn.
Er hat mir auch vermittelt, dass nur der
Sieger zählt. Über den Zweiten spricht niemand. Der Stärkere gewinnt, das habe ich
verinnerlicht. Das ist auch ein Unterschied
zu diesen komplett inszenierten WrestlingShows von heute: Mein Vater hätte das nie
gemacht, wenn ihm jemand gesagt hätte,
gegen den und den verlierst du jetzt. So lief
das nicht. Sicher haben die Catcher versucht, nicht zu weit zu gehen. Gewonnen
hat aber der Stärkere. Im Kampfsport interessieren mich auch nur die ehrlichen
Sachen. Die großen Kämpfe im Schwergewicht, Tyson zu seiner besten Zeit: Nur einer bleibt stehen. So muss es sein.
Mein Verhältnis zum Kämpfen hat nichts
mit meinem Fußballspiel zu tun, das kann
ja jeder sehen. Ich glaube, die letzte Saison
habe ich mit vier gelben Karten beendet.
Für einen Innenverteidiger nicht schlecht,
oder? Vielleicht hat das Catchen mich sogar
technisch einiges gelehrt. Ich weiß, wie ich
stehen muss, damit der Gegner sich nicht
schnell drehen kann. Ich kann bei einem
Tackling kontrolliert fallen und sofort wieder stehen. Einmal bin ich mit einer Hechtrolle über mehrere grätschende und liegende Spieler hinweg geflogen und war zur
Stelle. Das sah wohl ziemlich cool aus.
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08.09.2005 22:09:53 Uhr
GLEICHE HÖHE
Heimspiel
van Buyten: „Nur einer bleibt stehen, so muss es sein“
RUND 65
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08.09.2005 22:10:05 Uhr
GLEICHE HÖHE
Fundstück
GRUPPENBILD MIT KAHNS URGROSSVATER
Das vergilbte Foto zeigt einen tragischen Helden aus der Gründerzeit des Fußballs:
KARL PEKARNA, einer der ersten Torhüter des FC Bayern München und der erste Spieler
vom Kontinent, der auf der britischen Insel gespielt hat VON CARSTEN GERMANN, FOTO BENNE OCHS
DIE BAYERN LIEBEN KAHNS URGROSSVATER UND SEINE
PARADEN IM FLUG MIT KRAFTVOLLER FAUSTABWEHR
Herr Schwind ist ein großer Sammler. Ein
liebenswerter Fußballnostalgiker und Archivar. Mit Humor und der typischen Wiener
„G’scheitheit“ erzählt er von Originalen aus
über 100 Jahren Fußball in Österreich. Vom
Eipeldauer, vom englischen Exilstürmer
Stansfield und von Karl Pekarna. Schwind
tippt auf das Foto, das er in einem alten Wiener Archiv gefunden hat, und auf den Mann
mit dem Ball in der Hand.
Das Bild zeigt die Mannschaft des First
Vienna Football Club, des ersten Fußballklubs in Österreich. Es entstand an Pfingsten 1904 in Wien, ein sonniges Wochenende in der Hauptstadt der Donaumonarchie:
Im Stadion an der Hohen Warte im 19. Bezirk in Döbling hatte die Vienna zu ihrem
zehnjährigen Bestehen namhafte Vereine
eingeladen. Zu Gast sind der dänische Bolden Cluben 1893 Kopenhagen und die Glasgow Rangers aus Schottland. Die Dänen
haben vor dem Spiel gegen die Rangers ein
Problem. Ihr Torhüter fällt aus und der 25jährige Wiener Karl Pekarna stellt sich kurz
entschlossen zur Verfügung.
Eigentlich ist Pekarna auch bei der Vienna nur Ersatzmann. Der etatmäßige Keeper
heißt Karl Molisch. Doch Pekarnas Spiel
und vor allem seine Sprungkraft beeindrucken trotz eines 0:9 aus Sicht der Dänen
Gegner und Zuschauer. Und weil Versprechen nach Siegen immer leichter fallen,
wollen die Rangers den stillen Wiener vom
Fleck weg verpflichten. Sie bieten ihm an,
„Professional“ zu werden. Profis gibt es in
Schottland schon seit 1893. Die Rangers zahlen ihren Spielern dreieinhalb Pfund in der
Woche. Eine schöne Stange Geld. Ein Profivertrag ist in der hölzernen Doppelmonarchie, wo die „narrische Ballschupferei“ gegen viele Vorurteile zu kämpfen hat, noch
ein Fremdwort.
Pekarna lässt sich Zeit. Ein Wechsel ist
fast ein Tabubruch. Noch nie hat ein Spieler vom europäischen Kontinent, geschweige denn ein Österreicher, auf der britischen
Insel gespielt. Mit dem Zug reist Pekarna,
von Beruf Postbote, an Weihnachten 1904
nach Glasgow. Beeindruckt schreibt er an
die Wiener Sport-Illustrierte: „Hier hat der
Goalmann keine Zeit, die Bälle schön zu
fangen, weil einem sofort drei Stürmer auf
dem Leibe sind. Gewöhnlich wird der Ball
nicht gefangen, sondern mit der Faust herausgeschlagen.“ Karl Pekarna weiter: „Die
Rangers sind mit mir zufrieden und wollen
mich nun zum besten Goalkeeper Schottlands machen, was nicht ausgeschlossen
erscheint.“ Stimmt. Nach einigem Zögern
bleibt Pekarna in Glasgow und schlägt sich
prächtig. Am Ende der Saison 1904/05 wird
er Schottlands „Fußballer des Jahres“.
Doch dann packt ihn das Heimweh. Er
will zurück nach Wien, zu seiner Vienna.
„Es war für mich eine große Ehre, das Leiberl der Rangers getragen haben zu dürfen“, erzählt er später. Aber erst als ihn der
Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) 1905
mit der „Lex Pekarna“, einem eigens entworfenen Gesetz reamateurisiert hat, kann
Pekarna wieder in der Nationalelf spielen.
Am 9. Oktober 1904 hatte er beim 5:4 gegen Ungarn sein Debüt gegeben. Nach dem
Schottlandabenteuer wird er nur noch einmal, am 3. Mai 1908, für Österreich spielen. Im Jahr 1907 zieht es Karl Pekarna nach
Deutschland, nach München. Hier spielt er
erst beim FC Wacker und wechselt 1910
zum südbayerischen Meister FC Bayern
München. Dank ,,nicht unerheblicher Zah-
RUND 66
rund_066_067_Fundstueck 66
08.09.2005 13:13:04 Uhr
GLEICHE HÖHE
Fundstück
Die Mannschaft des First Viennna Football Club: Karl Pekarna (stehend mit Ball in der Hand) galt als einer der besten Tormänner seiner Zeit
lungen“, wie der Autor Christoph Bausenwein in „Die letzten Männer“ vermerkt.
Die Bayern lieben Kahns Urgroßvater. Pekarna führt dem staunenden Münchner
Publikum ein Torwartspiel vor, das man auf
dem Kontinent bis dahin noch nicht kennt.
Mit Paraden im Flug und mit einer kraftvollen Faustabwehr. Die Münchner machen
Pekarna schließlich zum Abteilungsleiter
eines Sportartikelgeschäfts. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 lebt Pe-
karna mit seiner Frau und den beiden Töchtern in München, ehe er zum Militärdienst
eingezogen wird. Er überlebt das Inferno,
aber seine beste Zeit als Torhüter ist vorbei.
Ab 1919 spielt er bei dem völlig unbekannten „Tschechenklub“ Slovan Wien. Im Jahr
1920 stirbt sein jüngerer Bruder Eduard (Pekarna II), ebenfalls ein Torhüter. Er bricht
sich bei einer verunglückten Faustabwehr
in einem Freundschaftsspiel in Ohlings im
Rheinland das Genick. Vier Jahre später ist
Karl Pekarna nach einem Schlaganfall für
immer gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Der Mann, den der deutsche Reichstrainer Otto Nerz einmal als den ,,besten
Torhüter seiner Zeit“ würdigte, stirbt 1946
völlig verarmt und unbeachtet in Wien.
Außer dem Foto ist nicht viel vom „Pekarna-Karl“ geblieben, seufzt Schwind. Aber
irgendwie, so meint er, müssen sie bei Bayern München schon immer ein Gespür für
herausragende Tormänner gehabt haben.
RUND 67
rund_066_067_Fundstueck 67
08.09.2005 13:13:05 Uhr
GLEICHE HÖHE
Zu Gast bei Freunden
BEDROHTE SPEZIES:
NICHT-UEFA-AUSLÄNDER
Mohammadou Idrissou
Gilberto
Dario Rodriguez
Nando Rafael
Dedé, Lincoln (o.)
Horacio Javier Pinola
Naohiro Takahara
Roque Junior, Giovane Elber (r.)
Rafinha
Lucio
Juan
Andrew Sinkala
Gustavo Varela
Jahouar Mnari
Marcelinho, Naldo (r.)
Elson
RUND 68
rund_068_Auslaenderregelung 68
08.09.2005 11:28:36 Uhr
Nelson Valdez
Solomon Okoronkwo
Zé Roberto
WIR MÜSSEN
DRAUSSEN BLEIBEN
Andres d‘Alessandro
Timothée Atouba
Facundo Quiroga
In der Bundesliga wird seit dieser Saison die Zahl
der AUSLÄNDER reduziert. Das soll dem deutschen
Nachwuchs helfen. Doch der Sinn der Regel ist
umstritten, und auch Juristen erheben Einspruch
VON MALTE OBERSCHELP, FOTOS FIRO, IMAGO, HOCH ZWEI, PIXATHLON, AUGENKLICK
Ali Karimi
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ – so lautet das schöne Motto der
Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Die Freunde, das sollen die Deutschen sein. Zu Gast sind Fußballmannschaften aus aller Welt. Doch
wenn das große Spektakel am 9. Juli 2006 in Berlin endet, ist es
auch mit der Gastfreundschaft wieder vorbei. Denn noch während
Deutschland sich darauf vorbereitet, ein perfekter WM-Gastgeber
zu sein, reduziert der deutsche Fußball die Planstellen für Spieler,
die nicht aus Europa kommen. Mit Beginn dieser Saison wurde ihre Zahl pro Team von fünf auf vier heruntergeschraubt, in der Spielzeit nach der WM dürfen in der Ersten und Zweiten Bundesliga
nur noch drei Akteure auf dem Platz stehen, die aus Ländern außerhalb des europäischen Fußballverbands Uefa stammen.
RUND 69
rund_068_Auslaenderregelung 69
08.09.2005 11:28:39 Uhr
GLEICHE HÖHE
Zu Gast bei Freunden
Selbst wer auf der großen WM-Bühne brillant vorspielt, aber
dummerweise einen Pass aus Japan, Kamerun oder Paraguay besitzt, wird sich mit einem Vertrag in Deutschland schwerer tun als
früher. Beschlossen wurde die neue Regelung auf dem DFB-Bundestag 2004 in Osnabrück, begründet wird sie mit den Chancen
des deutschen Nachwuchses. Wenn die Bundesliga weniger Brasilianer und afrikanische Kicker verpflichtet, wird die deutsche Nationalmannschaft besser. So weit die Theorie.
In der Praxis glauben wenige Klubs daran, dass zwischen Ausländerkontingent und Nachwuchsförderung überhaupt ein direkter Zusammenhang besteht. „Das ist eine populistische Maßnahme, die das Problem nicht löst“, sagt Herthas Manager Dieter
Hoeneß. „Überall werden Grenzen abgebaut, da kann man sie im
Fußball doch nicht wieder aufrichten“, meint Kollege Christian
Heidel aus Mainz. Und Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge verweist auf das Beispiel Bastian Schweinsteiger: „Es ist bisher noch kein deutscher Spieler durch Ausländer aufgehalten worden, wenn er wirklich gut war.“
„Überall werden die Grenzen abgebaut, da
kann man sie im Fußball doch nicht wieder
aufrichten“ MAINZ 05-MANAGER CHRISTIAN HEIDEL
Dafür, jungen deutschen Profis mehr Spielzeit zu geben, sind alle Vereine zu haben. Nur über den Weg herrschen unterschiedliche Auffassungen. „Das mit Bestimmungen zu machen, ist immer
schwer“, sagt Klaus Allofs von Werder Bremen, „der Wandel muss
in den Köpfen stattfinden“. Dieter Hoeneß bringt es auf den Punkt:
„Wir müssen besser ausbilden, dann brauchen wir keine Restriktionen.“ Aber wirklich gute Talente wie Schweinsteiger, die sich
auch bei einem Topklub durchsetzen, sind immer noch rar. Trotz
Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren und millionenschwerer
Nachwuchsförderung durch den DFB.
„Die meisten jungen deutschen Spieler haben große Defizite im
taktischen Bereich“, meint Christian Heidel, „das hat nichts mit
den Ausländern zu tun.“ Auch Klaus Allofs sieht das größere Problem woanders. „Die Leistungszentren sind ein guter Weg, aber wo
wir uns noch verbessern müssen, ist die Trainerausbildung im Ju-
gendbereich.“ Denn wenn die ausländischen Profis nach und nach
wegbleiben, sorgt das beim eigenen Nachwuchs nicht automatisch
für einen fußballerischen Quantensprung.
Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser bringt in der
Diskussion über die Ausländerbeschränkungen einen weiteren Gesichtspunkt ins Spiel: „Es kann nicht sein, dass Vereine, die einen
Umsatz zwischen 40 und 160 Millionen Euro machen, bei der Wahl
ihrer Arbeitnehmer davon abhängig sein müssen, ob der Verband
zukünftig Nationalspieler produzieren will.“ Damit verweist Holzhäuser zugleich auf den Geburtsfehler der neuen Ausländerbegrenzung: einen Konflikt zwischen DFB und Liga.
Dem DFB war seit langem ein Dorn im Auge, dass in der seit
2001 eigenständigen Liga (DFL) von Anfang an fünf Ausländer
spielen durften, die nicht aus dem Geltungsbereich der Uefa kamen. Im Pokal, der weiter unter DFB-Regie stand, blieben es drei.
Besonders DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, dessen Zitate
zum Thema wiederholt für Furore sorgten („Wenn beim Spiel Bayern gegen Cottbus nur zwei Germanen in den Anfangsaufstellungen spielen, kann irgend etwas nicht stimmen“), gilt als Befürworter von restriktiven Modellen.
Um das Rad zurückzudrehen, beantragte das DFB-Präsidium in
Osnabrück eine Reduzierung der Nicht-EU-Ausländer. Dazu wurde die Ausländerfrage an die Zustimmung zum neuen Grundlagenvertrag gekoppelt, der den finanziellen Ausgleich zwischen
DFB und DFL regelt. Mehr Geld für die Liga gegen die Reduzierung auf drei Nicht-Uefa-Ausländer – so lautete in etwa der Osnabrücker Kuhhandel. Heute nennt Karl-Heinz Rummenigge das damalige Procedere „eine Nacht-und-Nebel-Aktion“ und bekennt:
„Den Punkt der Ausländerzahl würde ich so nicht mehr tragen,
das war ein fauler Kompromiss.“
Der Kompromiss mag schlecht riechen – vor allem steht er juristisch auf tönernen Füßen. Das Urteil im Fall des Russen Igor Simutenkov (siehe Extrakasten) hat zehn Jahre nach dem Fall Bosman
einmal mehr gezeigt, dass nationale Ausländerbeschränkungen mit
europäischem Recht immer schwerer zu vereinbaren sind. Zum
ersten Mal wurde dort verfügt, dass selbst ein Spieler von außerhalb der EU bei seiner Arbeitsplatzwahl nicht benachteiligt werden
darf – vorausgesetzt, er ist einst mit einem legalen Vertrag in der
Tasche nach Europa gekommen.
EIN ZWEITER BOSMAN? DER FALL SIMUTENKOV
Igor Simutenkov, 20facher russischer
Nationalspieler und EM-Teilnehmer
1996, unterschrieb 1999 nach einem
mehrjährigen Gastspiel in Italien einen
Vertrag auf Teneriffa. Weil in der Primera Division nur
eine begrenzte Zahl von Nicht-EU-Ausländer auf dem
Platz stehen durften, beantragte Simutenkov beim spanischen Verband eine Lizenz für EU-Spieler, um unbeschränkt eingesetzt werden zu können. Er berief sich
dabei auf ein Partnerschaftsabkommen, das die EU
1994 mit Russland abgeschlossen hatte.
Der Verband lehnte Simutenkovs Antrag ab, er zog
vor ein spanisches Zivilgericht. Das verwies den Fall
weiter an den Europäischen Gerichtshof. Der entschied
im April dieses Jahres pro Simutenkov: Die Ausländerbeschränkungen in der spanischen Liga seien in diesem Fall nicht mit EU-Recht vereinbar, weil das Partnerschaftsabkommen der EU mit Russland unter anderem ein Diskriminierungsverbot russischer Staatsbürger enthielt.
„Hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, der Entlohnung oder der Entlassung“ dürften legal in der EU beschäftigte russische Staatsbürger nicht benachteiligt
werden, hieß es in der Urteilsbegründung. Simutenkov
hätte von Teneriffa aus also in jede andere europäische
Liga wechseln können, ohne etwaigen Ausländerbe-
schränkungen zu unterliegen. Und zwar auch in diejenigen Ligen, die, anders als die Bundesliga, zwischen
EU- und Uefa-Ausländern noch einen Unterschied machen. Der Fall erregte großes Aufsehen, weil er an das
Urteil im Fall Bosman erinnerte: Wieder hielten restriktive nationale Regelungen von Fußballverbänden dem
EU-Recht nicht stand.
Die Früchte seiner juristischen Pionierarbeit erntete
Simutenkov allerdings nicht mehr: Schon 2002 wechselte er in die US-Profiliga zu den Kansas Wizards. Vor
einem Jahr kehrte er in seine Heimat zurück und spielt
mittlerweile bei Rubin Kazan in der Haupstadt der Republik Tatarstan.
RUND 70
rund_068_Auslaenderregelung 70
08.09.2005 11:28:41 Uhr
GLEICHE HÖHE
Zu Gast bei Freunden
DOPPELPASS: PROFIS MIT
ZWEI STAATSBÜRGERSCHAFTEN
Ein vertraglich festgelegtes Diskriminierungsverbot zwischen
der EU und Russland, wie es im Fall Simutenkov für die Richter
ausschlaggebend war, steht aber auch in den Verträgen, die die EU
mit den so genannten AKP-Staaten abgeschlossen hat: 77 Länder
aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum. „Ich sehe keine
Rechtfertigung, diese Staaten anders zu behandeln als Russland“,
sagt dazu der EU- und Sportrecht-Experte Dieter Frey. Das heißt:
Fasst zukünftig ein Spieler aus Kamerun, Mali oder Trinidad und
Tobago innerhalb geltender Ausländerkontingente erst einmal in
der Bundesliga Fuß, könnte er sich danach auf die freie und unbeschränkte Wahl seines Arbeitsplatzes bei anderen Klubs berufen.
„Das wäre dann nur über eine freiwillige Selbstbeschränkung zu
regeln“, glaubt Heribert Bruchhausen, Vorstandschef der Frankfurter Eintracht, der als einer der wenigen seiner Zunft voll hinter
der neuen Ausländerreduzierung steht. „Aber eine solche Selbstbeschränkung in der Bundesliga zu erreichen, halte ich für ausgesprochen schwierig.“ Zur Not bliebe den Vereinen eine Petition an
die Politik: Über die Vergabe von Aufenthaltserlaubnissen könnten die Behörden Einfluss auf den Spielermarkt nehmen.
Für den Juristen Frey ist deshalb vor allem eines wichtig: „Es geht
darum, die Frage der Nachwuchsförderung von den Ausländerbeschränkungen juristisch wasserdicht zu entkoppeln.“ Genau am umgekehrten Weg versucht sich nach wie vor der deutsche Fußball.
Die Uefa ist da etwas geschickter. Sie versucht nicht bei der Zahl
der Ausländer anzusetzen, sondern bei festen Quoten für einheimische Spieler. Bis zur Saison 2008/09 sollen alle Teilnehmer an
europäischen Wettbewerben darauf verpflichtet werden, im Kader
einen Anteil von mindestens acht im eigenen Verband ausgebildeten Spielern zu beschäftigen. Derzeit antichambriert die Uefa in
Brüssel, um mögliche Probleme mit dem EU-Recht auszuloten.
Dieter Frey hält den Fall für nicht ganz einfach. „Streng juristisch
dürfte das eine indirekte Diskriminierung sein, da einheimische
Arbeitnehmer bevorzugt werden“, sagt er. „Das wäre mit dem Diskriminierungsverbot auch nicht vereinbar.“
In Deutschland wird der große Durchbruch in der Nachwuchsförderung jedenfalls nicht von den neuen Ausländerbeschränkungen ausgehen. Zumal die Rechnung sowieso einen prinzipiellen
Denkfehler hat: Fünf oder drei Nicht-Uefa-Ausländer hin oder her
– nach wie vor kann in der Bundesliga eine Mannschaft mit elf Belgiern oder elf Griechen auflaufen. Denn hinter das Bosman-Urteil,
das die Freizügigkeit von Fußballprofis innerhalb Europas gewährleistet, kann selbst der DFB nicht zurück.
Darüber hinaus werden die Kontingente für Nichteuropäer sowieso schon legal unterlaufen. Gerade bei Spielern aus dem südamerikanischen Markt ist es üblich geworden, die Profis mit einem
zweiten, europäischen Pass auszustatten. Denn aus Italien oder
Spanien ausgewanderte Urahnen lassen sich bei fast jedem finden.
Der FC Bayern beschäftigt neben dem Iraner Ali Karimi allein
sechs Profis aus Südamerika. Zusammen auf dem Platz stehen
können sie dennoch: Roque Santa Cruz, Claudio Pizarro und Martin Demichelis besitzen doppelte Staatsbürgerschaften. Bei José
Paolo Guerrero ist das Verfahren auf dem Weg, so dass der Klub
nächste Saison pünktlich zur Reduzierung auf drei Nicht-Europä-
Vinicius
Marcelo Bordon
Claudio Pizarro
Diego Kliemowicz
Martin Demichelis
Marcelo Pletsch
Paolo Guerrero
Roque Santa Cruz
er alle seine Stars weiter auf dem Platz haben kann. Auf Schalke
sorgt Marcelo Bordon mit einem italienischen Zweitpass dafür,
dass Ralf Rangnick keine Angst vor Wechselfehlern haben muss.
„Das ist wie beim Steuerrecht“, sagt Klaus Allofs dazu. „Schlupflöcher zu suchen spornt die Fantasie der Menschen an.“ Das gilt
auch für eine andere Regel, die einst in Sachen Nachwuchsförderung ausgedacht wurde: Jeder Bundesligist müsse mindestens
zwölf deutsche Spieler im Kader haben. Die Bayern hatten diesen
Sommer erst einmal nur elf – und reaktivierten kurzerhand ihren
Jugendtorwarttrainer Bernd Dreher, 38.<
RUND 71
rund_068_Auslaenderregelung 71
08.09.2005 11:28:43 Uhr
RUND
Im Abseits
IM ABSEITS
Abseits ist regelwidrig. Dann ruht das Spiel. Das kann skurril sein
und findet überall auf der Welt statt. Ziemlich oft auch in
der Bundesliga: „Wenn ich vor dem Fernseher sitze, dann kriegt mich da
keiner weg. Und dann werden meine Eltern sauer.“ PER MERTESACKER
74 LÜGENDETEKTOR
„Bob Marley hat mich geprägt“ –
Per Mertesacker sagt nichts als die Wahrheit
78 ZWANGSPAUSE
Wenn Knie flüstern – Jens Nowotny und der
Kampf gegen den vierten Kreuzbandriss
82 FÜR IMMER FAN
Der letzte Pfiff – wie Fußballanhänger über
den Tod hinaus die Nähe zum Verein suchen
86 FEIND DES FUSSBALLS
„Man sollte Sie auswandern“ – niemand dankt
Martin Sonneborn, dass er die WM sicherte
RUND 73
rund_073_Vorschalt_Im_Abseits 73
06.09.2005 18:12:22 Uhr
IM ABSEITS
Lügendetektor
„BOB MARLEY HAT MICH GEPRÄGT“
PER MERTESACKER ist die personifizierte Gel
assenheit. Aber hinterm Steuer kann es
passieren, dass er die Fassung verliert und auch
mal rumschreit. Der 20-Jährige ist
der erste deutsche Nationalspieler, der sich für RU
ND an einen Lügendetektor anschließen
ließ. Jeden Monat wird ein Fußballprofi diesem
Test der Wahrheit unterzogen. Auch
der 1,98 Meter große Abwehrhüne von Hannover
96 musste das sagen, was er sonst lieber
verschweigt INTERVIEW OLIVER LÜCK UND RAINER SCHÄFER, FOTOS STEFA
N SCHM
ID
RUND 74
rund_074_077_Luegendetektor 74
08.09.2005 12:34:16 Uhr
IM ABSEITS
Lügendetektor
LÜGENLEGENDE
Pippi Langstrumpf
Pinocchio
Baron Münchhausen
Robert Hoyzer
++++
++++
++++
++++
E IMMER
„KOMISCHE ANGEWOHNHEITEN? ICH STEH
5 UHR
ZUR SELBEN ZEIT AUF, ENTWEDER UM 8.3
ODER UM 8.42 UHR.“
PER MERTESACKER
Haben Sie früher unter Ihrer Größe
gelitten?
PER MERTESACKER__Ja.
War es schlimm?
Ja.
In einem bestimmten Alter?
Genau.
Sie dürfen in ganzen Sätzen antworten.
Mit 13, 14.
Wie groß waren Sie da?
Weiß ich nicht mehr, jedenfalls hatte ich
so starke Schübe, dass ich mit meinen Knien Probleme bekam. Da gibt es die so genannte Wachstumsfuge, wo ich extreme
Schmerzen hatte. Heute bin ich zum Glück
schmerzfrei. Damals musste ich aber ein
Jahr mit Fußball aussetzen.
Würden Sie sich bei einem Banküberfall
freiwillig als Geisel nehmen lassen?
Ich glaube nicht, da wäre ich eher zurückhaltend. Zum Helden würde ich da sicher
nicht taugen.
Sind Sie zu gutmütig?
Nö, glaub ich nicht. (++++) Wenn man
so ein bisschen im Fußballgeschäft drin ist,
wie ich jetzt seit zwei Jahren, ist man nicht
mehr so gutmütig wie am Anfang. Da ist
man zu nett zu Mitspielern, will den Konkurrenzkampf vermeiden. Da möchte man
so wenig Angriffspunkte wie möglich bieten. Das versuche ich auch ein Stück weit
beizubehalten. Vielleicht bin ich schon ein
wenig zu gutmütig, aber ich merke, dass
ich mich auch verändere.
Werden Sie härter?
Vielleicht, man lernt den Fußball kennen
und was dahintersteckt, der Konkurrenz-
kampf mit den Kollegen, die Presse, die viele Schlagzeilen raushaut. Man wird angreifbarer, wenn man zu gutmütig ist. Vielleicht
muss ich da noch ein bisschen abgehärteter
sein. (++++)
Sind Sie eitel?
Nö. (++++) Ich brauche sehr lange in der
Kabine, aber nicht aus dem Grund.
Weil Sie langsam sind?
Schnell machen kann ich nicht. Das passt
nicht zu mir. Damals in der Jugend war ich
immer Letzter, weil ich immer mit dem
Trainer mitfahren musste, da habe ich mir
das so angewöhnt, nach dem Training und
dem Spiel in den Sachen sitzen zu bleiben,
alles ruhig angehen zu lassen – so total gelassen, das hat mich gestärkt.
Was macht Menschen verachtenswert?
Rauchen. Ich mag das überhaupt nicht,
besonders bei Jugendlichen, die schon sehr
früh damit anfangen. In der Schule, wo sie
in Gruppen stehen, dagegen bin ich total allergisch. Ich kann es nicht riechen, die Augen tränen, besonders in der Disco. Das ist
echt schlimm. Wenn im Restaurant am
Nachbartisch jemand qualmt, lass ich das
aber eher über mich ergehen, als dass ich
da hingehe und was sage. (++++)
Selbst schon mal geraucht?
Eigentlich nicht. (++++) Jeder probiert
das ja mal in der Jugend. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, ich dachte, ich tu mir was
total Schlechtes an.
Wie reagieren Sie auf Gruppenzwang?
Das fing ja früh in der Schule an, rauchen,
Alkohol trinken – ich bin da aber immer an
der Gruppe vorbeigegangen, die da stand.
Im Dienste der guten Sache: Den RUND-Lügendetektor
hat noch kein Fußballprofi belogen
In der Pause bin ich lieber mit zwei Kumpels im Klassenraum geblieben. Wir haben
Skat gespielt und Bob Marley gehört. Seine
Musik hat mich damals sehr geprägt. Wir waren völlig für uns.
Gibt es Situationen, in denen Sie auch mal
die Fassung verlieren?
Nein, eigentlich nie. (++++)
Was heißt eigentlich?
Nun ja, beim Autofahren tick ich manchmal aus, weil manche Leute immer links fahren. (++++)
RUND 75
rund_074_077_Luegendetektor 75
08.09.2005 12:34:22 Uhr
IM ABSEITS
Lügendetektor
„SCHNELL MACHEN KANN ICH
NICHT. ALLES RUHIG ANZUGEHEN,
SO TOTAL GELASSEN, DAS
HAT MICH GESTÄRKT.“ PER MERTESACKER
Am Gerät der Wahrheit: Per Mertesacker lässt sich nur selten beirren
HAT DER
„BEI MEINER JETZIGEN FREUNDIN
WIEDER
EXFREUND ALLES VERSUCHT, MICH
MERTESACKER
AUS DEM RENNEN ZU BRINGEN.“ PER
Und Sie links fahren wollen.
Genau, und ich nicht vorbeikomme. Dann
schreie ich auch mal – mich hört ja keiner.
Meine Freundin wohnt über 100 Kilometer
von Hannover entfernt, ich fahre regelmäßig über die Autobahn. Da ich wenig Zeit
habe, fahre ich gerne schnell. Wenn freie
Fahrt ist, bin ich auch mit 200 dabei.
Haben Sie sonst komische Angewohnheiten?
Nein, überhaupt nicht. (++++) Da fällt
mir ein, dass ich immer zur selben Zeit aufstehe: entweder um 8.35 Uhr oder um 8.42
Uhr. Wenn ich um 8.35 Uhr aufstehe, schaffe ich es pünktlich zum Training um zehn,
wenn ich um 8.42 Uhr aufstehe, schaffe ich
es pünktlich zum Frühstück um neun. Früher hat mich immer meine Mutter geweckt,
inzwischen macht das der Wecker. Und der
hat noch nie versagt.
Haben Sie schon mal einem Bekannten die
Freundin ausgespannt?
Jemandem, den ich vom Sehen und nicht
persönlich kannte schon. Das war vor eineinhalb Jahren und alles sehr kompliziert,
da der Exfreund alles versuchte, mich wieder aus dem Rennen zu bringen. Ich musste extrem kämpfen – und diese Freundin
habe ich heute noch.
Treue ist Ihnen wichtig.
Ja. Ich war nie der Typ, der viele Freundinnen hatte und immer auf der Suche durch
die Discos ziehen musste. Gerade jetzt, wo
ich in Hannover Erfolg habe, springen plötzlich viele Frauen auf einen an und man hätte sicher ganz schnell mal viele Möglichkeiten. Doch das kann ich gut unterscheiden,
und deswegen klappt es auch mit meiner
Beziehung so gut.
Sie wohnen immer noch bei Ihren Eltern.
Wann gibt es mal Ärger?
Wenn ich nicht genug spreche. Wenn ich
mürrisch bin, spreche ich so gut wie gar
nicht. Oder wenn ich vor dem Fernseher
sitze, dann kriegt mich da keiner weg, dann
antworte ich auch nicht, und dann werden
meine Eltern sauer. Und wenn ich mal vergessen habe, was zu erledigen, gibts auch
mal eine Standpauke: Du wohnst noch zu
Hause und musst auch deinen Teil dazu beitragen und so. (++++)
Wovor haben Sie große Angst?
Angst? Habe ich mir noch nie so bewusst
gemacht, ehrlich. (++++)
Herr Mertesacker, bitte. Die Zeit drängt!
Na gut, Weißer Hai. Vor dem hatte ich früher schon immer große Angst, wenn ich irgendwo geschwommen bin. Alles, was mit
Meer zu tun hatte, war gleichbedeutend mit
dem Weißen Hai. Das lag wohl an dem Film.
Und Bienen und Wespen natürlich, da habe
ich richtig Angst vor. Da nehme ich sofort
eine Abwehrhaltung ein.
Wovor ekeln Sie sich?
Früher war es Rosenkohl. (++++) Okay,
heute esse ich ihn. Nicht weil ich ihn mag,
sondern weil er gesund sein soll.
Und was denken Sie, wenn Sie auf Ihr
Bankkonto gucken?
Unglaublich.
FAZIT DES TESTS:
Kein Zweifel: Per Mertesacker wird der
neue deutsche Rekordnationalspieler und
sicher weit über 200 Länderspiele machen.
Denn er ist die ehrliche Ruhe in Person
und auch verkabelt am Polygraphen durch
fast nichts zu erschüttern. Einzig auf
vier Rädern entstehen im Temporausch
ungeahnte Aggressionsschübe, die
ihn auch so richtig laut werden lassen.
Die Angst vor Steven Spielbergs Weißem
Hai und Wespenstichen wird auch bald
verarbeitet sein – Bob Marley wird helfen!
RUND 76
rund_074_077_Luegendetektor 76
08.09.2005 12:34:23 Uhr
IM ABSEITS Was wäre wenn …
DIE WERDER-REGEL: Namen sind nicht Schall und Rauch
Mit ihrem eigenen Team tun sich Fußballfans am schwersten. Dabei bedarf es manchmal nur einer
kleinen Regeländerung, und schon steht der Lieblingsklub viel besser da. KNUD KOHR, Fan
von Werder Bremen, weiß, wie sein Verein noch häufiger ein Wunder an der Weser vollbringen könnte
AOL Arena. AWD-Arena. Allianz Arena. RheinEnergieStadion.
Veltins Arena auf Schalke. Seit Jahren greift diese Skrupellosigkeit
um sich: Bundesligavereine verscherbeln die Namen ihrer
Heimstadien an Unternehmen mit möglichst dämlichen Namen,
die ihnen dafür einen möglichst dicken Geldsack überreichen.
Gibt es eigentlich schon die Aldi-Arena? Das Chappidrom? Eine
Schwerbehindertenzufahrt namens Rudis Reste Rampe? Jedenfalls
kaufen sich die Vereine für die zusätzlichen Millionen jeweils ein
bis zwei südamerikanische Wunderstürmer und die gesamte Innenverteidigung der mexikanischen Nationalmannschaft. Damit
gewinnen sie pro Saison zwei Spiele mehr als sonst und bringen
vier Unentschieden über die Zeit. Macht zusammen zehn Punkte.
Mein Verein heißt Werder Bremen. Seitdem ich denken kann.
In der zweiten Liga. Im Europacup. Unter Kuno Klötzer. Mit der
Meisterschale in der Hand. Aaron Hunt im Sturm, Andreas Herzog im Mittelfeld und Horst-Dieter Höttges in der Abwehr. Mitgliedsnummer 114246. Lebenslang grün-weiß eben. In unserer
Vereinssatzung steht eindeutig:
1. Wir sind grün.
2. Wir stinken nach Fisch.
3. Wir verpflichten uns, alle drei Jahre ein Wunder an der Weser
zu vollbringen.
4. Und zwar im Weserstadion. Nicht in der GibherdieKohle.comKampfbahn.
Deswegen haben wir ein paar Milliarden weniger als die nationale Konkurrenz und spielen seit Jahren quasi ohne Abwehr. Kurzum: Ich will zehn Punkte Bonus, pauschal und pro Saison. Weil
Vereine wie Werder helfen, die Bundesliga international konkurrenzfähig zu erhalten. Sportlich und ästhetisch. Beispiel: Europacup, Auswärtshinspiel, 85. Minute, die Mannschaft liegt 0:2 hinten. Da beginnen im Fanblock die Gesänge: „Ihr! Müsst! Noch!
Ins! We-ser-sta-di-on!“ Der Gegner wird nervös. Mein Gott, fällt
ihm ein, es gibt ein Rückspiel! Einfach wird das nicht! Das 1:2
fällt, und zwei Wochen später im Weserstadion werden wichtige
Punkte für den Uefa-Koeffizienten eingefahren.
Was aber brüllen die Fans der Geldsäcke? „Allianz! Allianz! Ihr
müsst noch zur Allianz?!“ Na sehen Sie. Und jetzt her mit den
Punkten! ILLUSTRATION TONI SCHRÖDER
Fans mit Ideen, mit welcher Regeländerung ihr Klub besser dastünde, wenden sich mit ihrem Vorschlag bitte an: [email protected]
RUND 77
rund_074_077_Luegendetektor 77
08.09.2005 12:34:27 Uhr
IM ABSEITS
Zwangspause
WENN KNIE FLÜSTERN
Der Kreuzbandriss gilt als die schlimmste Verletzung im Fußball. Für JENS NOWOTNY von Bayer 04 Leverkusen
ist sie schon fast alltäglich. Nach seinem vierten Kreuzbandriss befindet er sich wieder einmal im
Rehatraining – und irgendwo zwischen Hoffen und Karriereende. Ein Besuch VON ROGER REPPLINGER, FOTOS DIRK KRÜLL
RUND 78
rund_078_081_Nowotny 78
08.09.2005 12:38:12 Uhr
IM ABSEITS
Ein ruhiger Ort. Das sachte Schlurfen von
Badelatschen an den Füßen von Männern
in Trainingsanzügen. Im Rehabereich der
Fußballer von Bayer Leverkusen ist freitags
um neun Uhr wenig los. Die Mannschaft
taucht erst am Nachmittag auf. Es kommt
also nicht zu der Situation, dass alle Spieler nach links auf den Trainingsplatz gehen
und nur einer nach rechts abbiegt. Draußen
fährt ein VW Touareg vor. Ein gemächlicher
Ort, an dem Handtücher zusammengelegt
werden und Waschmaschinen surren. Thomas Wilhelmi schaut kurz in den Kraftraum.
Weiße Maschinen, blaue Sitze, einige Poster an der Wand: Ulf Kirsten, Hans-Peter
Lehnhoff, Bernd Schuster, von Rüdiger Vollborn sieht man nur den Kopf. Den Rest verdeckt eine Matte. Wenn er sich verspannt
fühlt, wird Jens Nowotny massiert, bevor
das Rehatraining beginnt. Heute nicht. Er
ist locker. Nowotnys Knie sehen außen genauso aus wie innen. Vernarbt. Links vom
rechten Knie Narben, rechts vom linken
Knie Narben und umgekehrt. Narben über
und unter beiden Knien.
Nowotny ist nicht anfällig für Selbstmitleid. Er fragt sich nicht: „Warum ich? Warum schon wieder ein Kreuzbandriss?“ Er
sieht die Kreuzbandrisse nicht als Prüfung.
„Wer bin ich, dass ich geprüft werden sollte?“, fragt er. Zwei Kreuzbandrisse rechts,
jeweils vorne, zwei Kreuzbandrisse links,
jeweils hinten. Zuletzt das hintere Kreuzband im linken Knie. „Das ist nicht der Normalfall, dass einer auf beiden Seiten zwei
Kreuzbandrisse hat“, sagt Rehatrainer Wilhelmi. Nowotny, 31 Jahre alt, hat 45 Länderspiele absolviert und nie bei einer Weltmeisterschaft gespielt. Über die WM 2006
reden wir nicht, Nowotny plant nicht mehr,
was nicht planbar ist.
Er nimmt sich nicht wichtig. Auch die
Verletzungen nicht. Er sucht nichts in den
Verletzungen. Keinen Sinn, keine Bedeutung. Es sind nur Bänder, die reißen. Jens
Nowotny ist leise. Er flucht nicht auf seine
Knie, spricht nicht mit ihnen. Aber er hört
auf sie. Wenn die Knie flüstern „es reicht“,
hört Nowotny auf. Um Knie flüstern zu hören, muss man leise sein.
Nowotny geht aufs Laufband, er trägt rote
Strümpfe, auf der Hose steht „5“. Seine Rückennummer. Auf Wilhelmis roten Strümpfen steht „T.W.“ Sie kennen sich. Wilhelmi
arbeitete mit Nowotny schon nach dessen
Zwangspause
„Alle Verletzungen resultierten daraus, dass ich nicht fit war.
Aber immer war irgendetwas: Champions League,
Meisterschaft, Mannschaft. Wahrscheinlich würde ich mich,
um es pathetisch zu sagen, wieder opfern“ JENS NOWOTNY
drittem Kreuzbandriss. „Über ihn läuft der
Kontakt zu Trainer Augenthaler“, sagt Nowotny. Wilhelmi stellt das Laufband ein.
Leichte Steigung. Es geht aufwärts. Das verletzte Knie brauchte erst Kraft, dann begann Nowotny zu laufen. Wenn das Knie
noch mehr Kraft hat, kann Nowotny schneller laufen. „Das Knie“, sagt Wilhelmi, „ist
ein Puzzle, das man zusammensetzen muss
– Stück für Stück.“ Das Knie ist kein Schicksal. Es bestimmt Nowotnys Leben als Fußballer. Alles andere nicht.
Jens Nowotny hat in beiden Knien Knorpelschäden. Sie sind sein eigentliches Problem. Die eingesetzte Kreuzbandplastik
arbeitet, die Muskeln wachsen, die Knorpelschäden bleiben, was sie sind. Nowotny
läuft. Seine Bänder reißen, der Geduldsfaden nicht. Vielleicht sind seine Bänder
schwach, dafür hat Nowotny starke Nerven.
Ein Stoiker. „Ich hätte nicht gedacht, dass
er nach einem halben Jahr so weit ist“, lobt
Wilhelmi, „es läuft perfekt.“
Beim vorderen Kreuzbandriss sind die
ersten sechs Wochen am schlimmsten. Man
kann nichts machen. Hängt zu Hause rum,
kann nicht mit den Kindern spielen. Nowotny trug einen Rucksack, damit er nicht
nach seiner Frau rufen musste, wenn er etwas trinken wollte. Er hat sich mit seinen
Kreuzbändern arrangiert. Er hat akzeptiert,
dass sie reißen. Von allen Leistungen ist das
vielleicht seine größte.
Wilhelmi stellt das Laufband schneller.
„Die Einstellung ist ganz wichtig. Wenn
der Spieler sagt: Ich schaffe das nicht mehr,
dann kann man es lassen. Der Spieler muss
die Verletzung erst mal verarbeiten“, erklärt
Wilhelmi. Nowotny hat alles verarbeitet,
und wenn noch was kommt, wird er auch
das verarbeiten. Er läuft rückwärts, seit-
wärts, dreht sich mit kleinen Schritten einmal um die eigene Achse. Nowotny ist gut
darin, kleine Schritte zu machen, um wieder einen großen tun zu können. Gut darin,
rückwärts zu laufen, wenn ihn das vorwärts
bringt. Dann, auf dem langsam gestellten
Laufband, mit hoher Frequenz auf der Stelle trippeln. Wenn sich Nowotny anstrengt,
schiebt er seine Unterlippe nach vorne.
Drei Einheiten pro Tag. Heute um 14 Uhr
Training im Freien: Steigerungsläufe. Heute Abend zu Hause noch einmal eine Stunde auf Laufband, Crosstrainer, Ergometer.
Das Wichtigste bei Knorpelschäden ist
Bewegung. Wilhelmi dehnt Nowotny. Das
muss wehtun, Nowotny verzieht keine Miene, nur die Unterlippe. Er hat ein besonderes Verhältnis zu Schmerzen: „Kann gut
damit umgehen“, sagt er. Beinpresse mit einem Bein. Abstoßen, auffangen, abstoßen,
auffangen. Linkes Bein, rechtes Bein. Neben der Beinpresse liegt ein Fußball. Nowotny schaut nicht hin. Er braucht keine
Erinnerung, er weiß, warum er hier ist. An
Nowotnys Hinterkopf, dort, wo die Haare
ausgehen, perlen Schweißtropfen.
Jetzt runter von der Beinpresse, Hände
an den Kopf und mit hoher Intensität trippeln. Die Muskeln zittern. Dann den einen
Fuß auf ein Podest, den anderen nach hinten strecken und in die Knie gehen. Nowotny verschiebt die Unterlippe. Keiner sieht,
was in ihm vorgeht. Nowotnys Gesicht ist
eine Mauer, die seine Gefühle schützt. Ausfallschritte mit der Langhantel. Schweißtropfen in den Augen. Nowotny beobachtet
seine Bewegungen im Spiegel. Die gleiche
Übung, aber nun ruht das nach hinten ausgestreckte Bein auf einem Ball. Die Unterlippe schiebt sich weiter nach vorne, die
Augen zu. Muss anstrengend sein.
RUND 79
rund_078_081_Nowotny 79
08.09.2005 12:38:18 Uhr
IM ABSEITS
Zwangspause
„Man baut uns kein Denkmal. Humpelt man
durch die Gegend, kommt noch mal Mitleid auf,
danach ist man vergessen“ JENS NOWOTNY
Wilhelmi schaltet das Fernsehen ein:
MTV. „Vom Knie her gut?“, fragt Wilhelmi.
Nowotny nickt. Shakira singt „La Tortura“.
„Auch ein guter Bauch“, stellt Nowotny
nüchtern fest. Wilhelmi nickt. Ein Fuß auf
dem Podest, die Arme seitlich ausgestreckt,
in den Händen Kurzhanteln, zehnmal hoch
und runter. Lange Bewegungen gehen gut,
kurze, im Bereich des Knorpelschadens,
tun weh. „Langweilig?“, fragt Nowotny,
aber es ist eine Feststellung. Er macht das
jetzt zum vierten Mal. Er hat Jahre in diesem Raum verbracht. Gut, dass er inzwischen wieder raus darf, mit dem Ball. Aber
Fußball ist das noch nicht.
Nowotny hat nie ausgerechnet, wie viel
Zeit seines Lebens er mit Reha verbacht
hat, denn da waren ja auch noch Knochenbrüche und ein Riss des Syndesmosebands.
„Das bringt nichts“, sagt Nowotny. Er gehört zu den Menschen, die ein Gefühl, das
sie lähmt, nicht aufkommen lassen. Er hat
überlegt, was er verpasst hat. DFB-Pokalendspiel, das Finale der Champions League,
Weltmeisterschaften. „Aber auch das bringt
nichts“, sagt er, „zieht einen nur runter.“ Er
vergleicht sich nicht mit denen, die ungestreift durch die Karriere rutschen. Wenn
er sich vergleicht, dann mit Menschen, denen es schlechter geht. „Wenn es in meinem Leben bei Kreuzbandrissen bleibt,
nehme ich das in Kauf“, sagt er, „ich habe
eine gesunde Familie, ein schönes Haus.
Ich bin verletzt, aber gesund.“ Lockeres
Auslaufen auf dem Laufband.
Nowotny ist zum Knie-Experten geworden: „Beim hinteren Kreuzbandriss ist es
genau umgekehrt wie beim vorderen. Da
muss die Muskulatur der Beinbeugers gestärkt werden, beim hinteren die vordere
Oberschenkelmuskulatur. Was man beim
vorderen machen darf, darf man beim hinteren nicht und umgekehrt.“ Ein vorderer
Kreuzbandriss ist seltener, komplizierter,
der Heilungsprozess dauert länger.
„Ausgeglichenheit“, antwortet Nowotny
auf die Frage, was ihm am meisten fehle. Im
Moment empfindet er „keine Daseinsberechtigung als Fußballprofi“. Keine Balance
zwischen Training und Fußball, weil er
nicht spielt. „Ich bin doch Fußballprofi und
kein Rehaprofi“, sagt er. Als gesunder Spieler kommt man abends nach Hause und ist
kaputt, „hat aber das Gefühl, dass man was
geleistet hat. Im Moment bin ich auch kaputt, habe aber nicht das Gefühl, dass ich
was geleistet habe.“ Er hat darüber nachgedacht, warum es ihn erwischt hat: „Alle
Verletzungen resultierten daraus, dass ich
nicht fit war.“ Vor dem ersten Kreuzbandriss wurde er fit gespritzt, vor dem zweiten
hatte er Muskelprobleme, die er ignorierte,
vor dem dritten wäre eine Pause „besser gewesen“. Aber immer war etwas: Champions
League, Meisterschaft, Mannschaft. In Nowotny ist ein Feuer. Glimmt die meiste Zeit.
Lodert nur, wenn es um andere geht. Wird
er künftig sagen: „Trainer, ich muss raus“?
Wird er nicht auflaufen, wenn der Körper
es verlangt? „Weiß nicht. Schwer zu sagen.
Wahrscheinlich würde ich mich, um es
pathetisch zu sagen, wieder opfern.“ Momentan ist er weit von der Mannschaft weg.
„Man koppelt sich ab“, sagt er. Er hofft,
„dass die Mannschaft gut spielt, dann muss
man keine Fragen beantworten, dann will
keiner was von mir“. Dann spürt er nicht
die Verpflichtung, zu früh einzusteigen.
Nowotny hat keine Illusionen bezüglich
des „Fußballgeschäfts“. „Man baut uns kein
Denkmal.“ Verletzt man sich, „sind alle geschockt“. Humpelt man an Gehhilfen durch
die Gegend, „kommt noch mal Mitleid auf“.
Danach, so Nowotny ohne Bitterkeit, „ist
man vergessen“. Nowotny redet von „man“,
wenn er „ich“ meint. Das Vormittagstraining ist zu Ende. Jens Nowotny verschwindet in der Dusche. Wenn er geht, sieht man
von seiner Verletzung nichts.
Mensch und Maschine: Nowotny kennt die Übungen in- und auswendig. Auch
nach dem vierten Kreuzbandriss will er nicht ans Aufhören denken
RUND 80
rund_078_081_Nowotny Abs1:80
08.09.2005 12:38:19 Uhr
GLEICHE HÖHE
Für immer Fan
Letzte Ruhe im Schuh: Sarg für Fußballfans (o.), Trainerbank auf dem Friedhof (Bild rechts)
RUND 82
rund_082_085_Bestattungskultur 82
07.09.2005 22:19:46 Uhr
GLEICHE HÖHE
Für immer Fan
DER LETZTE PFIFF
Viele Fußballfans wollen mittlerweile persönlicher und nicht bloß in Eiche rustikal bestattet werden.
In Amsterdam gibt es einen Friedhof für Ajax-Anhänger. In England finden Fans im Stadion ihres Klubs die
letzte Ruhe und in Deutschland setzt ein Umdenken ein: Viele wünschen sich die eigene TRAUERFEIER in
Fußballatmosphäre VON ANDREAS SCHULTE, FOTOS VIC FEARN, NOTTINGHAM, TIM KUBACH UND MUSEUM FÜR SEPULKRALKULTUR, KASSEL
Der Mann im weiß-roten Ajax-Trikot kauert auf der Ersatzbank. Seit Minuten blickt
er starr auf die gleiche Stelle des Rasens. In
diesem Spiel gibt es nichts mehr zu holen.
Keinen Trainer, der ihn einwechseln würde,
keinen Schlusspfiff, der ihn aus seinen Gedanken reißen könnte. Er scheint nicht wahrzunehmen, was vor ihm auf dem kleinen
Stück Rasen geschieht, das einst zur Spielfläche des Stadions von Ajax Amsterdam
gehörte, dem niederländischen EredivisieKlub. Fußball spielt dort niemand. Eine zierliche Frau in einem lila Kleid richtet leise einige Worte an die wenigen Anwesenden.
Behutsam schwenkt sie eine schmucklose
Urne. Die Asche ihres verstorbenen Mannes
rieselt dabei heraus. Weinend zeichnet sie
damit ein Ornament ins Gras bis der Behälter leer ist. Wie Henk nehmen einige andächtig auf der einstigen Auswechselbank
Platz, andere stehen etwas abseits daneben
und blicken hinüber zum Fahnenmast, hinauf zur gehissten Ajax-Flagge. Kurze Zeit später ist die schlichte Zeremonie bereits beendet – ohne Liturgie, ohne Leichenschmaus.
Als Ajax Amsterdam sein altes Stadion
„De Meer“ aufgab, um in die neu gebaute
Amsterdam Arena umzuziehen, war die Gelegenheit günstig. Der Friedhof Westgaarde
sicherte sich ein paar Quadratmeter des alten Rasens, die Trainerbänke und den dazugehörigen Wetterschutz und legte das AjaxVerstrooiveld an. Ascheverstreuungen sind
in den Niederlanden nichts Ungewöhnli-
ches. Etwa 25 finden jedes Jahr allein auf
dem ehemaligen Ajax-Gelände statt. Nicht
selten hört man auch Fangesänge, „meist
sind einige der Teilnehmer in Fankluft gekleidet“, sagt Peter Swart, Friedhofs- und
Krematoriumsmanager in Westgaarde, dem
größten Begraafplaats in Holland. Hier gelangt jeder ins Jenseits, wie es seinem letzten Wunsch entspricht – Araber nach moslemischem Ritus, christlichen Surinamern
erteilt eine fröhliche Marching Band mit
prustendem Sousafon das letzte Geleit, und
wer zeitlebens an Ajax geglaubt hat, erhofft
sich auf dem Verstrooiveld seinen Seelenfrieden. 1996 wurde es eingerichtet. Allerdings nicht auf Bestreben des Vereins oder
als Initiative der Fans – den Managern des
RUND 83
rund_082_085_Bestattungskultur 83
07.09.2005 22:19:49 Uhr
GLEICHE HÖHE
Für immer Fan
Fangesänge auf dem Friedhof: Seit 1996 werden auf dem Verstreufeld Ajax-Fans bestattet
Friedhofs kam die Idee, als sie bemerkt hatten, dass immer mehr Anhänger sich in Trikot und Fankutte und mit Vereinsschal und
Fußball bestatten ließen. „Wir wollten den
Supportern einen besonderen Service bieten“, sagt Swart. Sicher dürften auch kommerzielle Ziele eine Rolle gespielt haben.
Anders als in Deutschland sind niederländische Friedhöfe privatrechtlich organisiert. Eine schlechte Bewirtschaftung reißt
sie schnell in die Pleite.
„Der Einzelne bringt sich
auf diese Weise post mortem in
seinen Klub ein“ MARKWART HERZOG
In letzter Zeit haben immer mehr Fans
das Ajax-Feld genutzt. „Die Leute haben weniger Geld als früher“, erklärt Peter Swart
die pragmatische Seite einer Ascheverstreuung. Die ist weit günstiger als ein Urnen-
oder Sargbegräbnis, weil keine Kosten für
die Grabpflege anfallen. Dem ideellen Wert
des Feldes schadet das nicht: „Er hatte das
so gewollt und ich bin froh, dass er auch heute noch in einer Umgebung weilt, in der er
sich immer am wohlsten gefühlt hatte“, erzählt Hanni aus Amsterdam, die hier vor
sieben Jahren die Asche ihres Mannes ausstreute. Heute erinnert hier nichts mehr an
ihn. Denn meist bleiben Verstreuungen anonym. Oder es ziert eine bescheidene Kachel mit dem Namen des Verstorbenen die
grüne Umrandung des Rasens. „Der Einzelne bringt sich auf diese Weise auch post
mortem in seinen Fußballklub ein“, sagt
Markwart Herzog, Autor des Essays „Trauer- und Bestattungsrituale der Fußballvereinskultur“, „aber nicht nur symbolisch,
auch physisch, vermittelt durch die Überreste, die nach der Kremation verbleiben.“
Kaum verwunderlich, dass Verstreuungen
und Beisetzungen im Stadion, am unmittel-
baren Ort des Klubgeschehens noch beliebter sind als ein separates Verstreufeld. „Es
ist mein Traum, in der Amsterdam Arena
verstreut zu werden“, sagt der junge AjaxFan Kevin. Dort ist das noch nicht erlaubt,
wohl aber in Rotterdam und seit längerem
in Großbritannien. Verstreuungen in englischen Fußballstadien gibt es bereits seit Anfang der 60er Jahre. Der FC Arsenal bekommt im Jahr über hundert Anfragen, und
in den beiden großen Liverpooler Arenen ist
schon lange kein Platz mehr für Urnengräber. Rings um das Spielfeld hat sich ihr Kreis
in 30 cm Tiefe geschlossen. Der FC Everton
zum Beispiel hat eigens den Dienstag als Bestattungstag für Fans festgelegt. Und auch
Verstreuungen haben in manchen Stadien
der Premier League Überhand genommen
und können von einigen Klubs daher nicht
mehr angeboten werden. Bei den protestantischen Glasgow Rangers lösen die Fans das
Problem auf ihre Art. „Sie brauchen bloß
einige Zeit auf der Straße das Stadiondenkmal zu beobachten“, weiß Ross Macaskill,
Stadion-Manager im Ibrox Park, „da kommt
immer irgendjemand vorbei, der dort Asche
verstreut.“ Und George Head, ein Universitätsangestellter aus East Kilbride, war dabei,
als die Überreste seines Freundes George im
Torraum des Firhill Parks, der Heimstatt des
schottischen Drittligisten Partick Thistle,
ausgestreut wurden. „Wenn sich im Fünfmeterraum turbulente Szenen abspielen,
witzeln wir auf der Tribüne, dass George seine Finger im Spiel hat“, so Head.
Allmählich lockert sich auch in Deutschland der Umgang mit dem Tod, auch unter
den Fußballanhängern. Immer mehr Fans
möchten ihrem Verein bis über den Tod hinaus die Treue halten. Noch sind Verstreuungen im Stadion allerdings undenkbar, da
hier zu Lande nach wie vor Friedhofszwang
herrscht. Beim FC Schalke 04 zum Beispiel
– angeblich ja kein Fußballklub, sondern
eine Religion – zählte man in den letzten
neun Jahren daher lediglich zwei Anfragen
nach Stadionbeisetzungen. Nur mit einer
Sondergenehmigung vom Ordnungsamt
könnte der Verein den Bitten nachkommen.
Auch den Wunsch nach einem Trauergottesdienst in der Kapelle der Veltins-Arena hat
noch niemand geäußert. Dank einiger privater Initiativen ändern sich langsam die
RUND 84
rund_082_085_Bestattungskultur 84
07.09.2005 22:19:52 Uhr
GLEICHE HÖHE
Bestattungsriten. Ein Dortmunder Beerdigungsinstitut bietet nicht nur Särge im
Schalker Königsblau und im Schwarz-Gelb
von Borussia Dortmund an, es dekoriert
auch die Trauerhalle mit Blumenschmuck
in den Vereinsfarben. Wandbehang mit Stadionposter inklusive. Der Unternehmer Rainer Dallmann aus Berlin hat in einem Jahr
immerhin sieben seiner Urnen im Design
von Union Berlin zum Stückpreis von 395
Euro verkauft. Vier haben ihren Weg unter
die Erde bereits gefunden, „mit Musik, Fahnenträgern und allem was so dazu gehört“,
beschreibt er. Vor einem Jahr begann Rainer Dallmann, Union-Begräbnisse zu organisieren. Seit er in der Vereinszeitung inseriert, melden sich regelmäßig Interessenten.
„Manche wollen ihre Asche vom Hubschrauber aus überm Stadion ausstreuen lassen.
Andere stellen sich die Urne bis zum Tag X
ins Regal und wollen darin unter dem Anstoßkreis begraben werden. Aber die Genehmigung bekommen sie nicht“, weiß er.
Für immer Fan
individuellen Bestattung offen gegenüber“,
sagt Dr. Rolf Lichtner, Geschäftsführer des
Bundesverbands Deutscher Bestatter. Für
„ethisch bedenklich“ hält er allerdings eine
Ascheverstreuung im Stadion: „Ich glaube
nicht, dass man es jedem zumuten kann, auf
der Asche Verstorbener zu spielen.“ Wenngleich als Dünger hervorragend geeignet,
hätten nicht wenige Klubs – wie in England
– Angst um die Gesundheit ihrer Profis, da
diese sich an Knochenteilen verletzen könn-
ten. Ein Verstreufeld für Fans dagegen ist
nach einigen Landesbestattungsgesetzen
bereits heute möglich. Auf absehbare Zeit
wird es die hiesige Friedhofskultur bereichern, denn gegenüber der Beisetzung im
Stadion besitzt es einen großen Vorteil: Eine Arena wird oft nach dreißig Jahren wieder abgerissen. Statt Tribünen in Vereinsfarben erwächst dem Grund von Asche und
Urne dann womöglich das Blau-Weiß eines
Aldi-Markts.
Für immer Fan:
Urne in den Vereinsfarben von Union Berlin
(oben), Sargschmuck für einen Anhänger von
Borussia Dortmund (rechts)
Doch die Bestimmungen lockern sich. Gemeinschaftsgräber, so genannte Friedwälder, wo Urnen am Fuße eines Baumes bestattet werden, und Themenbestattungen,
die persönlich gestaltet werden, boomen.
Urnen in Vereinsfarben oder ein Sarg als
Fußballschuh empören mittlerweile nur
noch wenige. „Wir stehen allen Formen der
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rund_082_085_Bestattungskultur 85
07.09.2005 22:19:55 Uhr
IM ABSEITS
Feind des Fußballs
„This final fax broke my neck“: Wenn es sein muss, steht Martin Sonneborn (oben er, unten seine Füße), der wahre Freund
des Fußballs, schon mal beim WM-Komitee auf der Matte, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen
„Man sollte Sie auswandern“
Vor fünf Jahren schickte Martin Sonneborn Bestechungsfaxe an acht Fifa-Delegierte in ein Züricher
Hotel. Am nächsten Tag erhielt Deutschland die Zusage für die Weltmeisterschaft, und Sonneborn
wurde zum „Feind des Fußballs“. Heute lebt der 40-jährige Exchefredakteur des Satiremagazins
„Titanic“ in Berlin, hat die Faxaktion für sein Buch „Ich tat es für mein Land“ aufgeschrieben und
ist Vorsitzender seiner eigenen Partei namens Die Partei INTERVIEW OLIVER LÜCK, FOTOS MATTHIAS KOSLIK
RUND 86
rund_086_089_Sonneborn 86
08.09.2005 18:26:57 Uhr
IM ABSEITS
Feind des Fußballs
Echt gute Würstchen und eine Kuckucksuhr: Wie man Entscheidungsprozesse stilvoll beeinflusst, weiß TDES – Titanic, das endgültige Satiremagazin
RUND 87
rund_086_089_Sonneborn 87
08.09.2005 18:27:05 Uhr
IM ABSEITS
Feind des Fußballs
Chaos hat System: Seit seinem Umzug nach Berlin bereitet sich Sonneborn mit guter Lektüre auf die WM vor. In den
Plastiktüten bewahrt er noch immer einige Faxnummern und die Würste auf, die keiner der Fifa-Offiziellen haben wollte
Herr Sonneborn, was fällt Ihnen als Erstes
ein, wenn Sie an Fußball denken?
Dann denke ich an ein Tor, das ich mal geschossen habe. Ich stand mit dem Rücken
zum Tor, nahm einen langen Ball volley mit
links an und lupfte ihn dabei versehentlich
über den herausstürzenden Torwart. Dann
drehte ich mich und hämmerte ihn aus der
Luft mit rechts ins Netz. Danach hätte ich
sofort zurücktreten sollen, auf dem Höhepunkt meiner Karriere.
Fällt Ihnen auch etwas ein, wenn Sie
an den bezahlten Fußball denken?
Ja, natürlich, dass Deutschland Weltmeister wird. Wir von „Titanic“ haben ja das Unsrige dazu getan – wir haben mit unseren
Faxen die WM nach Deutschland geholt.
Nun hoffe ich, dass auch der DFB und die
Mannschaft nachziehen.
Warum haben Sie das damals getan?
Schon Monate lang vorher lagen gefälschte Rolex-Uhren, ganz billige Imitate aus
Hongkong, für die Fifa-Juroren in meiner
Schublade. Ich habe lange überlegt, mit
welchem schmutzigen Trick man ein Be-
wusstsein dafür schaffen könnte, dass bei
der Vergabe der Fußball-WM auch Korruption im Spiel sein könnte.
Dann kamen Sie auf die Idee mit den Faxen.
Genau, das war am letzten Abend vor der
Abstimmung in Zürich. Ich saß mit einem
Freund beim Abendbrot und wir sprachen
über Korruption. Nach zwei Bieren habe
ich dann gedacht, ich kann diese Situation
nicht einfach vorbeiziehen lassen. Ich fuhr
dann noch mal in die Redaktion und schickte acht Bestechungsfaxe in das Hotel der
Fifa-Delegierten. Ich bat die nette Dame an
der Rezeption darum, sie am Abend noch
an die Herren weiterzuleiten. Weil es schon
so spät war, steckte sie die Faxe in Briefumschläge und schob sie unter den Zimmertüren durch. Am Finanzplatz Schweiz offenbar an der Tagesordnung und ein völlig
normaler Vorgang.
Konnte man denn diese Faxe überhaupt
ernst nehmen?
Wenn man sehr hungrig war schon. Wir
hatten ja lediglich einen Präsentkorb mit
ein paar verdammt guten Würsten, einem
Schwarzwälder Schinken und einer Kuckucksuhr geboten. Das war ja alles grober
Unfug: Die Faxe sind in einer Stunde entstanden, sie trugen keinen Briefkopf, als
Unterschrift stand da „Martin Sonneborn,
Secretary TDES“ (Anm. d. Red.: Titanic –
Das endgültige Satiremagazin). Das konnte man nur ernst nehmen, wenn man wie
der neuseeländische Fifa-Vertreter Charles
Dempsey, mit seinen 78 Jahren einer der
geistig regeren im Fifa-Komitee, die ganze
Nacht lang von Nelson Mandela, Gerhard
Schröder, Franz Beckenbauer und anderen
Interessenten angerufen und extrem unter
Druck gesetzt worden war. Da sitzt dieser
alte Mann nachts allein in seinem Zimmer
und denkt sich: „Was kommt denn jetzt
noch? Jetzt schieben sie mir auch noch
Briefe unter der Tür durch.“ Das alles musste zusammenkommen, damit er das Fax
wirklich ernst nahm.
Herr Sonneborn, glauben Sie das wirklich?
Die „FAZ“ und „Süddeutsche Zeitung“
haben geschrieben, dass wir das Zünglein
an der Waage waren. Dempsey, der eigent-
RUND 88
rund_086_089_Sonneborn Abs1:88
08.09.2005 18:27:10 Uhr
IM ABSEITS
lich für Südafrika stimmen sollte, entschied,
sich besser zu enthalten, um nicht in den
Ruf zu kommen, bestechlich zu sein. Der
Endstand: 12:11 für Deutschland. Später erklärte er in Interviews: „This final fax broke
my neck.“ Von vielen Leuten wurde er danach wüst beschimpft und trat von seinem
Amt zurück. Ehrlich gesagt, tat er mir leid.
Wahrscheinlich war er der einzige ehrliche
Mensch in ganz Zürich an diesem Tag.
Heute stehen Millionen Menschen
stundenlang im Stau, da alles für
die WM schick gemacht wird. Haben
Sie das gewollt?
Stehen Sie? Um Gottes willen, das haben
wir nicht gewollt! Die Leute sollen sich andererseits nicht so anstellen. Wir brauchen
die WM schließlich, um das Land wieder
nach vorne zu bringen – das höre ich doch
täglich von meinen Kollegen Stoiber und
Schröder. Und wenn die „FAZ“ vermeldet,
durch die WM-Aktion hätten wir unserem
Land rund 50.000 neue Arbeitsplätze und
eine Bruttosozialproduktsteigerung von
drei Milliarden Euro beschert, dann ist das
doch für ein kleines Satiremagazin eine
ganz ordentliche Leistung.
Trotzdem: Erst wollte der Deutsche
Fußball-Bund Sie verklagen.
Ja, ich musste mich mit einem DFB-Anwalt in einem Hotel in Stuttgart treffen. Für
einen kurzen Moment stand eine lustige
Schadensersatzklage über 600 Millionen
D-Mark im Raum. Mein erster Gedanke
war, dass ich mein Konto dann wohl um
rund 540 Millionen Mark überziehen müsste. Man ließ mir aber die Wahl, und so unterschrieb ich eine Vereinbarung, dass ich
so etwas Zeit meines Lebens nie wieder tun
würde. Es war natürlich nicht ganz einfach
für mich, dabei ernst zu bleiben, aber es
ging ja um viel Geld.
Mehr wurde nicht vereinbart?
Doch, ich bin immer noch gespannt, ob
wir die Karten für das WM-Finale bekommen, die der Anwalt der Redaktion versprochen hat, und ob ich Ehrenspielführer der
Nationalelf werde. Allerdings hatte er so einen extrem sarkastischen Unterton, als er
das versprach. Egal, ich halte mich extra fit,
damit ich unsere Mannschaft ins Eröffnungsspiel führen kann.
Feind des Fußballs
Nach der Aktion haben manche Menschen
Sie wegschließen, erschießen oder vergasen
wollen – hat man Sie missverstanden?
Die „Bild“-Zeitung sicher. Auf der Titelseite druckten sie unsere Telefonnummer ab
und riefen dazu auf, uns mal die Meinung
zu sagen. Kürzlich hab ich für das WMBuch noch mal die CD mit den Anrufen abgetippt. Das sind ja ganz wunderbar poetische Dinge, die von den „Bild“-Lesern da
ganz beherzt vorgebracht werden: „Im
Rechtsstaat gehören Leute wie Sie ins KZ!“;
„Den Purlitzer-Preis kriegen Sie damit
nicht! Man sollte Sie auswandern!“; „Wegen euch Schweinen haben wir die WM
nicht bekommen.“ Das ist so unfassbar lustig. Wir sind heute noch dankbar, dass das
größte Drecksblatt in diesem Land seine Leser zu dieser Beschimpfungsorgie angeregt
hat. Da wir aus Versehen alle Anrufe mitgeschnitten haben, konnten wir nämlich eine
schöne CD daraus machen – die beliebteste Aboprämie, die „Titanic“ je hatte.
Haben Sie denn die Empörung
damals verstehen können?
Ja, klar. Den Lesern der „Bild“-Zeitung
wurde ein schlüssiges Weltbild präsentiert:
dass Fußball sauber ist, dass Korruption und
Sport nichts miteinander zu tun haben und
dass nun ein Satiremagazin versucht hatte,
mit billigen Bestechungsbriefen die Auflage zu erhöhen.
„DEUTSCHE REAGIEREN
SCHNELL CHOLERISCH,
WENN ES UM FUSSBALL,
HUNDE ODER AUTOS GEHT“
MARTIN SONNEBORN
Leben wir in einem cholerischen Land?
Es gibt ein paar Bereiche, in denen der
Deutsche schneller bereit ist, cholerisch zu
reagieren. Meine Erfahrungen in elf Jahren
„Titanic“ zeigen, dass dies immer der Fall
ist, wenn es um Fußball, Hunde oder Autos
geht. Fußball ist den Menschen offensichtlich sehr wichtig. Das hat ja auch der arme
Charles Dempsey hinterher überrascht festgestellt: „Ich habe nicht gewusst, dass Fußball für so viele Menschen so wichtig ist.“
Wäre der Aufschrei ebenso groß
gewesen, wenn bei der Bundestagswahl
bestochen worden wäre?
Nein, dann hätte es die übliche ritualisierte Empörung in Politikerkreisen gegeben.
Das Ganze ist ja nicht mehr als ein Schmierentheater, eine nur noch für die Medien
inszenierte Politisiererei. Schauen Sie doch
Die Partei an, wir sind ja das beste Beispiel:
Wir haben einen offen erklärten populistischen, schmierigen und niveauarmen Wahlkampf gegen das Merkel geführt. Und wir
haben bei Ebay einen Teil unserer Wahlwerbesendezeit im ZDF verkauft.
„WENN ICH ÜBER DEN BALL
TRETE, WERDE ICH VON
MEINEN MITSPIELERN ALS
,FEIND DES FUSSBALLS‘
BETITELT“ MARTIN SONNEBORN
Ist Ihnen Fußball wichtiger als Politik?
Da meine eigene Partei in diesem Land
noch nicht genug Einfluss hat, ist mir Fußball im Moment wichtiger. Jeden Donnerstag spiele ich mit Freunden in einer Halle
in Berlin-Marzahn. Dafür muss ich hin und
zurück 30 Kilometer durch die Stadt fahren. So wichtig ist mir der Fußball.
Sind Sie gut?
Nun ja, bisweilen, wenn ich dank meiner
herausragenden Technik über den Ball trete, werde ich von meinen Mitspielern achtungsvoll als „Feind des Fußballs“ betitelt.
Das setzte sich fest, weil die „BZ“ mich nach
der Bestechungsaktion so bezeichnet hat.
Kennen Sie einen José Mourinho?
Natürlich. Wer ist das?
Das ist ein Portugiese, der für viel Geld
den FC Chelsea trainiert und als arrogant
gilt. Wenn man im Internet nach „Feind
des Fußballs“ sucht, wird zunächst
sein Name und etwas später Ihrer angezeigt.
Ach wirklich? Dann muss er der größere
Feind des Fußballs sein.
Martin Sonneborn Ich tat es für mein Land –
Wie TITANIC die WM 2006 ins Land holte:
Protokoll einer Bestechungsaktion.
Bombus-Verlag 128 Seiten 12,90 Euro
RUND 89
rund_086_089_Sonneborn Abs1:89
08.09.2005 18:27:15 Uhr
IM ABSEITS
Dänisches Dynamit
Der Rasenmäher
Der dänische Exnationalspieler STIG TØFTING ist für seine Skandale bekannt: Mal
saß er im Gefängnis, mal schlug er sich, oft war er betrunken. Diesen Monat wird der
36-Jährige in Schweden seine Profikarriere beenden VON FRANK HEIKE, FOTOS GERALD VON FORIS
Harter Kerl mit labilen Zügen: Stig Tøfting, der tätowierte Kraftprotz, trägt einen großen Schmerz in sich, der manchmal bei nichtigem Anlass ausbricht
RUND 90
rund_090_093_Toefting spiel mit puppen 90
08.09.2005 22:11:03 Uhr
IM ABSEITS
In der 90. Minute fällt der Ball Stig Tøfting
vor die Füße. Er nimmt ihn mit dem rechten
Oberschenkel an und schießt volley ins lange Eck. Der gegnerische Torwart hat keine
Chance. Stig Tøfting dreht jubelnd ab. Es
ist der 1:0-Siegtreffer für BK Häcken.
Tøfting ist der Star des Abends. Er wäre es
auch ohne sein Tor gewesen. Tøfting ist der
Star der Allsvenskan, er verdient 1,5 Millionen schwedische Kronen, umgerechnet
rund 160.000 Euro, mehr als alle anderen
Profis. Er ist der Star in einer im europäischen Vergleich drittklassigen Liga. Tøfting,
der 90 Minuten lang in Manndeckung genommen wird, sagt: „Das war ein grausames Spiel heute. Viele Spiele sind grausam
hier. Immer kleben zwei Gegenspieler an
mir. Aber das macht mir nichts. Dann ist
immer einer von uns frei. Und ich muss dafür nicht mal was Besonderes machen.“
Der 36 Jahre alte Tøfting spielt bei der
Fahrstuhlmannschaft BK Häcken eine Art
Schutzmann des Fußballs, hier lenkt er,
dort ordnet er, da ruft er etwas. Immer ist
er in Bewegung, der Mann mit dem Spitznamen Rasenmäher. Er berührt selten den
Ball, aber er bekommt immer die besten
Noten. Tøfting hat Häcken ins sichere Mittelfeld der Tabelle geführt.
Schweden ist stolz, diesen Spieler in der
obersten Liga zu wissen, diesen Dänen, der
in der Bundesliga beim Hamburger SV und
dem MSV Duisburg, in der Premier League
bei den Bolton Wanderers und mit Dänemark vier Endrunden bei Welt- und Europameisterschaften gespielt hat.
Stig Tøfting sagt: „Hier wird viel gerannt
und gekämpft, in der Bundesliga wird mehr
gespielt. Guten Fußball spielen in Schweden der IFK Göteborg, Malmö FF, schon
Djurgarden nicht mehr, die spielen doch
nur hoch und weit.“ Aber was will Tøfting
denn überhaupt hier? „Barcelona und Liverpool haben nicht angerufen“, sagt er. Die
tiefgrünen Augen blitzen dabei.
Dänisches Dynamit
„Skandaldansken till Allsvenskan“, schrieb
eine schwedische Zeitung im Januar 2005,
als sich abzeichnete, dass der vereinslose
Tøfting nach Göteborg wechseln würde, in
den Stadtteil Hisingen zum Aufsteiger BK
Häcken. Tøfting ist für die Fußballöffentlichkeit derjenige, der wegen Körperverletzung drei Monate und 16 Tage im Gefängnis saß. Der Schläger, der mit den Hells
Angels befreundet ist. Der Typ, der die Todesstrafe befürwortet. Der tätowierte Kraftprotz, der die Muskeln gleichsam als Panzer trägt. Doch Tøfting trägt einen großen
Schmerz in sich, der manchmal unkontrolliert ausbricht, bei nichtigem Anlass.
Er hat Anfang 2005 all seine Trikots versteigert und fast 140.000 Kronen eingenommen, die er den Flutopfern spendete.
Doch man kennt eher andere Zahlen – die
600.000 Kronen etwa, die er den Hells Angels geliehen haben soll. Kaum jemand erinnert sich daran, dass Stig Tøfting mit 13
die Eltern und vor zwei Jahren seinen 22
Tage alten Sohn verloren hat. Stig Tøfting
sagt: „Ich habe soviel Schlechtes erlebt, ich
möchte endlich in Ruhe gelassen werden.
Ich bin ein ganz normaler Typ, ein Familienvater. Ich habe meine Strafe abgesessen.
Es gibt für mich keinen Grund zurückzuschauen.“ Doch. Den gibt es. Denn da war
dieser Sommer 2002. Es war der Sommer,
als Tøfting vom Opfer zum Täter wurde.
Es ist Sonntag, der 23. Juni 2002, nachts
um kurz vor zwei, als „Tøffe“ plötzlich eine
Idee hat: „Wir wollen singen! Alle zusammen! He, macht mal die Musik aus!“ Wir,
das sind neun dänische Nationalspieler, die
in dieser Nacht in einem feinen Restaurant
der Kopenhagener Innenstadt feiern. Stig
Tøfting, Thomas Gravesen und die anderen
sind stolz auf das, was sie bei der WM in
Südkorea und Japan erreicht haben. In Dänemark sind sie die Lieblinge der Nation,
sie sind „vores drenge“, unsere Jungs. Da
Exstar in der Drittklassigkeit: Tøfting im Trikot des schwedischen Klubs BK Häcken
RUND 91
rund_090_093_Toefting spiel mit puppen 91
08.09.2005 22:11:18 Uhr
IM ABSEITS
wird man doch mal singen dürfen. Aber
Stig und seine Kameraden dürfen nicht.
Der Restaurantbesitzer möchte die Musik
nicht runterdrehen, aus Rücksicht auf die
250 anderen Gäste. Für Verbote hat Tøfting
in diesem Zustand gar kein Verständnis. Er
springt auf und gibt dem Besitzer eine Kopfnuß. Dessen Augenbraue platzt auf, ein
Mitarbeiter aus der Küche eilt herbei, will
schlichten, ein Tumult entsteht, Tøftings
Freund Gravesen will ihn zurückhalten,
doch er schlägt dem Küchenmann ins Gesicht, aufs Ohr. Der Mann fällt blutend zu
Boden. Stig Tøfting flüchtet. Die Polizei
wird alarmiert, sie kommt um kurz nach
zwei Uhr ins Restaurant. Tøfting wird wenig später festgenommen.
Die Affäre Tøfting ist das große Thema
des Sommers 2002 in den dänischen Medien. Das hat vor allem mit der Wendung Tøftings vom Opfer zum Täter zu tun. Denn
am 5. Juni 2002, ein Tag vor dem Vorrundenspiel der Dänen gegen Senegal, beschreibt die dänische Boulevardzeitschrift
„Se og hør“ ausführlich, wie der 13 Jahre alte Stig seine Eltern in Århus verlor. Der
grausame Fall, in dem der Vater die Mutter
tötet und dann sich selbst das Leben nimmt,
ist in Dänemark zwar seit Jahren bekannt,
aber es gibt ein Stillhalteabkommen der
Medien. Niemand brach es, bis „Se og hør“
das Unheil im Interesse der Auflagensteigerung vermarktet. Die Gazette entschuldigt
sich heuchlerisch: Man habe doch nicht ahnen können, dass die drei Kinder des Ehepaars Tøfting, damals sieben, acht und zwölf
Jahre alt, vom Schicksal ihrer Großeltern
noch gar nichts wussten. Daraufhin beginnt
in Dänemark eine Debatte über die verlogene Moral des Journalismus.
Im Oktober 2002 wird Tøfting von einem
Kopenhagener Gericht wegen Körperverletzung zu vier Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Stig Tøfting hat schon eine
Bewährungsstrafe aus dem Jahre 1999 hinter sich. Er akzeptiert das Urteil, sein Klub
Bolton kündigt ihm, und er sitzt im Frühjahr 2003 seine 14 Wochen im offenen Gefängnis von Møgelkjær bei Horsens ab. Tøf-
Dänisches Dynamit
Eines der letzten Interviews: Im Oktober verabschiedet sich Tøfting vom Profifußball
ting will über die Zeit hinter Gittern nichts
sagen. Das liegt auch daran, dass bald seine
Biografie erscheinen soll. Nur so viel erzählt er: „Ich habe es nicht als große Strafe
angesehen, im Gefängnis zu sitzen. Es war
ein bisschen wie im Trainingslager mit einer Fußballmannschaft.“ Zu einer seiner
Aufgaben im Knast gehörte das Rasenmähen. Darin hat er Übung.
Als freier Mann ist Stig Tøfting im Juli
2003 ohne Klub. Er geht ein halbes Jahr
nach China zum Erstligisten Tianjin Taida.
Er sagt: „Ich habe mich überall wohl gefühlt, auch in China.“ Beim BK Häcken
kennt man alle Geschichten über Tøfting,
alte und neue. Denn als er nach Schweden
kommt, hat er wieder einmal den Tiefpunkt
erreicht – bei seinem dänischen Stammverein Århus GF hat man ihn Ende 2004 zum
zweiten Mal nach 1999 gefeuert. Während
eines Weihnachtsessens schlägt er sich mit
einem Kollegen. Tøfting fliegt raus, vertragsgemäß: Sein Kontrakt hat eine Klausel, die
die sofortige Kündigung vorsieht, falls er
prügelt. Die Klausel hat er auch bei Häcken.
„Es ist traurig, dass es bei ÅGF so gelaufen
ist. Ich hatte es gut dort“, sagt Tøfting. Dann
also Schweden. Der gesichtslose Aufsteiger
BK Häcken sucht jemanden, der den Klub
aufwertet. Man erinnert sich des vereinslosen Tøftings und fragt dessen Trainer bei
ÅGF, Sören Åkeby. Der sagt: „Als Spieler
hat Stig nie Probleme gemacht. Er ist ein
Profi bis in die Fingerspitzen.“ BK Häcken
reicht das als Zeugnis, und Stig Tøfting
wechselt nach Göteborg. Die Fans nennen
ihn den Engel von Hisingen und sind traurig, dass er den ansonsten profillosen Klub
bald wieder verlassen wird.
Bei Århus GF hat alles begonnen, hier soll
es auch enden. Tøfting spielte ab der D-Jugend für ÅGF und bekam hier seinen ersten
Profivertrag. Århus träumte stets von der
großen Konkurrenz zu den Kopenhagener
Klubs. Nie ist etwas daraus geworden, und
in diesem Jahr sind die Aussichten besonders schlecht: Der Verein ist im Keller der
SAS-Liga. Tøftings Rückkehr in die Heimat
scheint möglich, weil die Saison in Schweden im Herbst vorbei ist und Tøfting den
Vertrag nicht verlängert. „Ich möchte ÅGF
helfen, aber nicht als Spielertrainer“, sagt
Tøfting „ich bin bald 36, das ist zu alt für
Profifußball.“ Er macht gerade seine Trainerlizenz in Dänemark. Vielleicht gibt ihm
Århus eine Chance. Es wäre die letzte.
RUND 92
rund_090_093_Toefting spiel mit puppen 92
08.09.2005 22:11:21 Uhr
IM ABSEITS
Spiel mit Puppen
Benni gibt Laut
Dieses Mal in der tierischen RUND-Puppen-Story:
ES MUSS LIEBE SEIN – wie HSV-Profi Benjamin Lauth
mit seiner Hündin Gassi geht und dabei ein kleines
Unglück passiert FOTOS STEPHAN PFLUG
Wie jeden Abend
nach dem Training
trägt Benni seine
Hundedame durch
den Park und ist
dabei ganz bei sich:
Monat für Monat erleben unsere runden Superhelden die
unglaublichsten, wahnwitzigsten Abenteuer des Alltags
Wo warst du
denn bloß,
Benni? Mach sitz
jetzt, du Frecher!
BENNI! Wo bist du?
Komm zu Frauchen!
Gib Laut, Benni!!!
Ich will jetzt
mal runter!!!!!
?!
__seufz
___gähn
blablabla Benni
sitz blabla...
Was für ein
Parfum!
Ist das ein Rüde? Der sieht aber echt süß aus.
Ich denke an
gar nichts!!
Nein, eine Hündin, ich nenne sie Mäuschen.
Was für eine
Duftmarke!
Mäuschen, wie süß! Meiner heißt Benni.
Ich mach sie mal los. Ist er kastriert?
__
„Soll ich dich
einem Sommertag
vergleichen ...“ Das
ist aber nicht von mir,
das ist Shakespeare.
Mäuschen, sie ist
so schön! Was soll
ich ihr denn bloß
sagen? Ein Kompliment, bitte
schnell!!
Soll ich dich einem
Sommertag vergleichen?
Er ist wie du so lieblich.
Selbst in Maienknospen
tobt der Wind...
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Wir danken der Firma Revell für die freundliche Bereitstellung der Kick-O-Mania-Puppen.
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...du?! Ähm, ich
glaube, dein
Hund hat, äh...
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RUND 93
rund_090_093_Toefting spiel mit puppen 93
08.09.2005 22:11:25 Uhr
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IM ABSEITS Weltklasse
Grillen im Winter
Die Fußball-WM in Deutschland sorgt für den Aufschwung ganzer
Wirtschaftszweige. Und die DIENSTLEISTUNGSBRANCHE wartet mit
entsprechenden Internetspielen auf. Ein Beispiel der schmierigen Sorte
Fußball ist eine Welt von Männern und für Männer. Anders gesagt: Es ist eine Welt „für
die User unserer Portale“. Nämlich „Modelle-Hamburg.de“ und ähnliche. In diesem Teil
des World Wide Web bieten „Krisztina, die feurige Ungarin“ und „Sarah, das freche Früchtchen“ ihre Dienste an. In diesem Teil der Welt gedeihen auch solche Rätsel: „11 .icker
müsst Ihr sein!“ Wer da originell antworten will, ist, natürlich, ein Mann, der ein Tippspiel bewältigen will: Zu erraten sind die 32 Teilnehmer der WM 2006. Dritter Preis: ein
Fass Bier. Zweiter Preis: ein Fass Bier plus Grillgut. Erster Preis: „Der Gewinner und weitere zehn Freunde dürfen mit der lieblichen Valerie spielen.“ Auf deren Homepage wird
natürlich verlinkt: „Spiele mit meinen polangen Haaren und genieße mich.“ Als ob das
nicht schmierig genug wäre, erfahren „die User unserer Portale“ noch, wie sie so einen
Genuss mit der „lieblichen Valerie“ gestalten können: „Nach der regulären Spielzeit von
90 Minuten, in der jeder Teilnehmer zeigen kann, dass er das Decken versteht, ist auch
noch ein Elfmeterschießen machbar.“ Die WM-Teilnehmer stehen übrigens frühestens
im November fest. Daher kann das Grillgut erst zu Winteranfang geliefert werden. Auch
die Terminierung des nächsten Grillfestes ist natürlich Männersache. MARTIN KRAUSS
Fesseln am Fuß
Jermaine Pennant vom englischen PremierLeague-Klub Birmingham City ist der erste
Fußballprofi, der mit elektronischer Fußfessel
zu einem Punktspiel antreten musste. Seine
Pässe kamen trotz des Knubbels am Fußgelenk
an. Und verletzt hat er auch niemanden
Pennant mit
Knubbel am
Knöchel
Einerseits hat der Weltfußballverband Fifa das Tragen
von Schmuck eindeutig verboten. Auch dann, wenn die
edlen Stücke überklebt oder sonst wie versteckt würden.
Andererseits gibt es ja noch staatliche Gerichte. Und es gibt Jermaine Pennant. Der 22-Jährige gab nämlich am 2. April dieses Jahres beim 1:1 seines Birmingham City gegen Tottenham Hotspur
das Debüt eines Profis mit elektronischen Fußfesseln. Wegen Fahrens ohne Führerschein war er zu einer dreimonatigen Haftstrafe
verurteilt worden, aber nach einem Monat bereits zum, freilich
elektronisch gefesselten, Freigänger geworden. Modisch, aber dennoch notdürftig versteckte er den Sender, der den Behörden seinen jeweiligen Aufenthaltsort meldete, unter dem Stutzen. Wie ein Gericht, staatlich
oder sportlich, nach einem Foul Pennants geurteilt hätte, bei dem
seine Fessel jemanden verletzt hätte? Um das herauszufinden,
müsste Pennant wohl noch mal besoffen aus dem Verkehr gezogen
werden. MARTIN KRAUSS, FOTOS PIXATHLON/PICTURE ALLIANCE
RUND 94
rund_094_095_Weltklasse 94
08.09.2005 18:31:50 Uhr
IM ABSEITS Weltklasse
BERGERSTRASSE
In Frankfurt am Main lebt sein Ruhm weiter: 1999 benannten Fans die Berger Straße
nach JÖRG BERGER um. Die Schilder sind heute noch da
Mit Hansa Rostock hat er seine Mission
Klassenerhalt nicht geschafft – nach dem
Abstieg endete Jörg Bergers Amtszeit nun
schon nach dem zweiten Spieltag. In anderen Städten wirkte er nachhaltiger. „Er hätte auch die Titanic gerettet“, bejubelte an
diesem denkwürdigen 29. Mai 1999 JanAge Fjörtoft den Retter. Die Fans von Eintracht Frankfurt sahen das ähnlich – Einzelne machten sich nach dem sensationellen Klassenerhalt sogar auf, um Berger ein
ganz besonderes Denkmal zu setzen. Sie
beklebten jedes einzelne der rund 30 Straßenschilder der arg langen Frankfurter Berger Straße mit einem „Jörg“-Zusatzschildchen. „Ich habe davon gehört“, sagt der Bedachte, „ich habe damals auch von einem
Fan ein Foto bekommen. Das muss ja gleich
in dieser Nacht passiert sein und war wohl
nicht nur ein Schild.“ Noch heute, über ein
halbes Jahrzehnt danach, sind im Stadtteil
Bornheim vereinzelt Spuren dieser Huldi-
gung zu erkennen. „Ich habe ja viele kuriose Dinge in rund 30 Jahren Profifußball erlebt“, erinnert sich Jörg Berger nach wie
vor sehr gerne an seine wohl heikelste Mission, „aber Frankfurt war ganz wichtig für
mich, das war ja fast nicht nachvollziehbar.“ Vielleicht braucht die Eintracht ja bald
wieder einen Retter. Die „Jörg“-Schildchen
in der Berger Straße jedenfalls könnten
mittlerweile eine Auffrischung dringend
gebrauchen. KLAUS TEICHMANN
BADEN IM BUS
Vor langweiligen Auswärtsfahrten in einem beengten, mit hässlichen
Veloursitzen und einer nur unregelmäßig funktionierenden
funktionalen Toilette ausgestatteten Reisebus müssen die Spieler des
englischen Erstligisten Chelsea FC ab März 2006 keine Angst mehr
haben. Vereinspräsident Roman Abramowitsch orderte für den
Kickertransport in den USA einen Luxusliner, der unter anderem
jedem Fahrgast einen eigenen Kabel-TV-Anschluss und, für Fußballer
besonders wichtig, einen DVD-Player bietet. Das knapp 900.000 Euro
teure Gefährt ist zusätzlich mit einem Massageraum und einem
kleinen Entmüdungsbecken ausgerüstet. Der kugelsichere HightechBus wird derzeit von einer auf Umbauten spezialisierten Firma
aus Tampa/Florida hergestellt. Er ist baugleich mit dem Modell,
das US-Präsident George W. Bush auf seiner letzten Wahlkampftour
benutzte. Ein britischer Kolumnist kommentierte den Kauf so:
„Was kommt als nächstes? Wird Chelsea demnächst zu den Auswärtsspielen der Champions League mit der Air Force One fliegen?“
ELKE WITTICH
RUND 95
rund_094_095_Weltklasse 95
08.09.2005 18:31:58 Uhr
RUND
Spielkultur
SPIELKULTUR
Spielkultur muss gepflegt werden. Oder auch zelebriert.
Mit ihr werden Blumenpötte gewonnen. Oder die Galerie begeistert:
„Udo Jürgens, Peter Alexander – ich glaube nicht, dass die
schreiend in der Kurve stehen. Da fehlt die emotionale Bindung,
einen Fußballsong zu schreiben.“ FETTES BROT
98 INTERVIEW
„Davon träumt doch jeder“ – der HipHop von
Fettes Brot hat es bis ins Stadion geschafft
104 RASENSCHACH
Durch die Mitte kontern – spielen Fußballer
Schach mit der gleichen Strategie wie Fußball?
110 GESCHICHTSSTUNDE
„Der größte Sündenfall“ – endlich hat
der DFB seine NS-Historie aufarbeiten lassen
116 AUSLAUFEN
Etwas Wörnsartiges mit Namen Feng – Jörg
Thadeusz über das Länderspiel gegen China
RUND 97
rund_097_Vorschalt_Spielkultur 97
06.09.2005 18:13:54 Uhr
SPIELKULTUR
Interview
„DAVON TRÄUMT DOCH JEDER“
Die Band FETTES BROT hat den
musikalischen Adelsschlag erhalten: Ihr
Hit „Emanuela“ wurde von den Bielefelder
Fans sogar im Fußballstadion gesungen.
Doktor Renz, Schiffmeister und König Boris
über den Song als Fußballhymne, große
Gefühle im Stadion und Kopfschmerzen auf
der Bühne durch zu viel Fußballtennis
INTERVIEW MALTE OBERSCHELP UND EBERHARD SPOHD, FOTOS GIANNI OCCHIPINTI
Als Patrick Owomoyela umworben wurde,
sangen die Bielefelder Fans „Lasst die Finger
von Owomoyela“ und verwendeten Text und
Melodie Ihres Hits „Emanuela“. Wie finden
Sie das, im Stadion gesungen zu werden?
KÖNIG BORIS Fantastisch. Ein lang gehegter Traum ist in Erfüllung gegangen.
DOKTOR RENZ Das ist der Adelsschlag
für jeden Popsong, wenn er im Stadion gesungen wird. Davon träumt doch heimlich
jeder Songschreiber. Das ist eine Art von
Heiligsprechung.
SCHIFFMEISTER Das Schöne daran ist
ja auch, dass die Band gar nichts dafür getan hat. Wir haben unseren Song gemacht,
und die Leute fanden ihn gut. Da muss also
etwas drinstecken, was 20.000 Leute gerne
singen wollen. Das ist cool.
DR Wir haben beim Schreiben natürlich
daran gedacht, dass es da in Bielefeld einen
Spieler namens Owomoyela gibt und dann
versucht, einen Frauennamen zu finden,
der ganz ähnlich ist, damit das abgewandelt werden kann. Wir haben die Idee auf
die Reise geschickt, aber gemacht haben es
die Fans von Bielefeld. Danke noch mal!
KB (Band lacht.)
In Deutschland wirkt das, was in den
Stadien gesungen wird, eher langweilig.
Zumindest von der Melodieauswahl.
S Ist es das wirklich? Das wird oft sofort zu
einem dumpfen Gassenhauer abgestem-
pelt: Was im Stadion gesungen wird, ist
partout schlechter Geschmack. Oft stimmt
das auch, das muss man ehrlich sagen, aber
manchmal auch nicht. Das sind immerhin
Hymnen, die viele Leute gerne grölen. Das
muss ein Gefühl in den Menschen auslösen,
das tief geht.
DR So schlimm finde ich die Melodieauswahl gar nicht. Was Fußball und Pop angeht, sind die Engländer ganz weit vorne.
Zumindest hat man in Deutschland eine
ganz hohe Meinung davon. Aber ob da wirklich nur B-Seiten von alten Oasis-Singles
gesungen werden oder eben doch auch „Sailing“ von Rod Stewart – keine Ahnung.
RUND 98
rund_098_103_Fettes_Brot 98
08.09.2005 18:34:10 Uhr
SPIELKULTUR
Interview
Heiligsprechung: Schiffmeister, Doktor Renz und König Boris (von links) haben es bis in die Stadien geschafft
RUND 99
rund_098_103_Fettes_Brot 99
08.09.2005 18:34:11 Uhr
SPIELKULTUR
Interview
HipHop aus Hamburg: die fetten
Brote auf dem Studiosofa
Doktor Renz
„DAS GUTE IST: WENN MAN
DEN TEXT EINMAL GEAHNT
HAT, KANN MAN SOFORT
MITGRÖLEN“
SCHIFFMEISTER ÜBER STADIONSONGS
Schiffmeister
RUND 100
rund_098_103_Fettes_Brot 100
08.09.2005 18:34:22 Uhr
SPIELKULTUR
Die Fans greifen häufig auf immer
die gleichen Melodien zurück. Ist das
nur Gewohnheit?
S Die Melodien sind ja häufig schon etwas
älter. Aber das ist das Gute: Wenn man den
Text einmal geahnt hat, kann man sofort
mitgrölen. Das ist das Geheimnis.
Ein anderes leidiges Thema sind die Lieder,
die über Fußball geschrieben werden. Gibt
es in der Bundesliga überhaupt ein gelungenes
Vereinslied?
KB Das HSV-Lied von Lotto King Karl geht
noch einigermaßen, finde ich. Und ich bin
nun wirklich kein HSV-Fan. Es ist halt besser als die Pest. Was man sonst zu hören bekommt, ist teilweise wirklich dramatisch.
Wir haben eine kleine Liste von Fußballsongs vorbereitet, bitte jeweils ein
Statement. Wie wärs mit „Rummenigge“
von Alan & Denise?
S „Rummenigge, Rummenigge, all night
long“? Das war ein Hit.
DR Das fand ich gut damals.
KB Nicht Ernst zu nehmen als Song, aber
witzig.
Ein echter Klassiker: „Fußball ist
unser Leben“, die Nationalmannschaft
zur WM 1974.
KB Peinlich. Wenn Fußballmannschaften
singen, wird das immer schnell schlimm.
S Die hatten wohl auch wenig Spaß daran.
Ich habe mal TV-Aufnahmen gesehen, die
sahen aus, als hätte man sie hingeprügelt.
„Football’s coming home“?
DR Der einzig gute Song.
KB Der beste Fußballsong, der je geschrieben wurde. „You’ll never walk alone“ ist natürlich auch super, aber der war ursprünglich ja gar nicht als Fußballsong gedacht.
DR Trotzdem bringt er das Gefühl, das
man als Fußballfan kennt, total auf den
Punkt. Wenn es Scheiße läuft, bist du nicht
allein. Das passt, egal ob du gewonnen oder
verloren hast. Das ist eine ganz tolle Eigenschaft von einem Fußballlied.
Die Nationalmannschaft auch mal was
mit den Village People gesungen:
„All the Way to America“, zur WM 1994.
DR Mit welcher Nationalmannschaft –
mit der deutschen?
Interview
Mit der deutschen.
KB Eine wahnsinnige Kombination.
DR Das muss sich Rudolf Scharping ausgedacht haben.
Dann gibt es da noch „Buenos dias,
Argentina“ von 1978 mit Udo Jürgens.
S Warum ist das immer so volkstümlich?
Warum haben das nicht mal progressivere
Bands in Angriff genommen?
Wie wär’s mit Fettes Brot?
KB Band schweigt.
DR Vielleicht ist da ja der Wunsch der Vater des Gedankens. Man könnte uns ja noch
dazu überreden. Wir hätten es selbstverständlich drauf. Das sei mal vorangestellt.
S Die Traute hätten wir.
Ganz hypothetisch: Wären Sie bereit, den
offiziellen WM-Song zu machen?
DR, KB, S Nein.
S Wer bestimmt, dass das offiziell ist? Ein
Fernsehsender? Angela Merkel?
DR Noch besser, der DFB. Offiziell gibt es
einfach nicht mehr, dafür ist die Medienlandschaft zu verzweigt. Jeder Fernsehsender will seinen eigenen Song, am besten
noch mit einem fetten Sponsor hintendran.
Wenn man da mitmacht, muss man den
besten Song machen, der sich durch Qualität durchsetzt.
Lässt sich so ein Song überhaupt mit
Absicht planen? Die meisten Sachen kranken
doch daran, dass sich jemand hinsetzt
und partout ein Fußballlied schreiben will.
DR Das war ja auch das Schöne am Owomoyela-Song. Ich glaube, wenn man das
machen will, hat man sicher die Idee, dass
der Song im Stadion gesungen werden soll.
KB Ich glaube nicht, dass das ein Kriterium sein sollte. Das ist oft gerade der Fehler.
Ich glaube auch nicht, dass die Lightning
Seeds sich vorher überlegt haben, dass
„Football’s coming home“ im Stadion gesungen werden soll. Die haben einfach versucht, ein Gefühl, das sie zu Fußball haben,
in einen Song zu packen.
DR Ich glaube, den Leuten fällt das Songschreiben auch deshalb so schwer, weil ein
Lied über Fußball auch eines über Deutschland ist. Die Engländer haben es da einfach
leichter, ein liebevolles Verhältnis zum eigenen Land auszudrücken. In „Football’s
coming home“ ist die eigene Märtyrerrolle
dermaßen ausgelebt: Wir haben den Fußball
erfunden, dann wurde er uns geklaut …
„EIN LIED ÜBER
FUSSBALL IST
GLEICHZEITIG
AUCH EINS ÜBER
DEUTSCHLAND“
DOKTOR RENZ
KB … von den Deutschen …
DR … von den Deutschen, den Holländern und wem man sonst noch alles auf
Mallorca begegnet. Und jetzt, nach 30 Jahren, holen wir ihn uns zurück. Das ist vom
Gefühl her perfekt. Genau dort möchte
man laut mitsingen.
KB Viele Leute haben Songs gemacht, die
selbst mit dem Fußball gar nichts zu tun
hatten. Das waren Auftragsarbeiten. Udo
Jürgens, Peter Alexander – ich glaube nicht,
dass die schreiend in der Kurve stehen. Da
fehlt die emotionale Bindung, einen Song
zu schreiben.
Aber Sie gehen ins Stadion.
KB Ich jedenfalls, zum FC St. Pauli.
S Stellvertretend für uns alle.
KB Wir können uns keine drei Dauerkarten leisten. Glücklicherweise fiel das Los
auf mich.
DR Wir beide haben Kinder, und er hat eine Dauerkarte.
S Ich war früher, weil mein Vater mich mitgenommen hat, beim SuS Waldenau. Ein
kleines Dorf in der Nähe von Pinneberg.
DR Den Verein haben wir später auch gesponsert, wir waren auf dem Trikot. Das
kam über einen Kollegen von Boris zustande, der da auch gespielt hat. Es ist schon ein
geiles Gefühl, wenn eine Mannschaft mit
dem Bandnamen auf der Brust aufläuft.
Und wir hatten mal eine Werbebande bei
St. Pauli, auf der stand „Fettes Brot ist doof“.
Ein großes Gefühl damals in „ran“: das eigene Bandlogo im Stadion.
RUND 101
rund_098_103_Fettes_Brot 101
08.09.2005 18:34:31 Uhr
SPIELKULTUR
Interview
„EIN FUSSBALL
IST AUF TOUR
IMMER DABEI“
KÖNIG BORIS
Werbemaßnahme oder Herzensangelegenheit?
KB Für mich war das eine Herzensangelegenheit. Wie viel Werbung das brachte, war
mir ziemlich egal.
Kicken Sie auch selbst?
KB Ja. Wir haben eine Mannschaft mit
zehn, 20 Leuten, da treffen wir uns einmal
die Woche und spielen auf so einem öddeligen Bolzplatz. Schockt tierisch. Ein, zwei
Tore können einem die Woche total versüßen. Man denkt auf dem Fahrrad darüber
nach, wie man ein Kopfballtor gemacht hat
– herrlich. Das sind schnelle, ohne viel Aufwand geholte Erfolgserlebnisse.
Und auf Tour werden die Lampen in der
Halle ausgeschossen.
S Neulich habe ich mitgespielt bei einem
Spiel, das meine Kollegen erfunden haben
und über das sie sicher gerne berichten …
KB Das ist Fußballtennis, das machen sogar die Profis.
S Ach, das habt ihr gar nicht erfunden?
DR Man kommt dann nur mit Kopfschmerzen auf die Bühne – die vielen Kopfbälle.
KB Ein Fußball ist aber immer dabei.
Sollen wir zur Musik kommen?
DR Damit kennen wir uns aus. Das machen
wir ja lange genug.
Aber HipHop ist doch sowieso tot. Das
haben Sie schon vor vier Jahren gesungen.
Warum sind Sie dann immer noch dabei ?
KB Für uns läuft es doch ganz gut, oder?
DR Wir machen einfach unsere Musik und
sagen nach wie vor, das sei HipHop. Wir hatten auch nie Schwierigkeiten, die Veränderungen mitzumachen, der eine Band in so
einem Zeitraum unterworfen ist. Wir haben
nach allen Seiten geschaut, was spannend
ist und das in unsere Musik integriert. Aber
der Gedanke, der dahintersteckt, ist immer
noch HipHop. Uns hat von Anfang an fasziniert, dass man dort aus ganz wenig große
Songs machen kann. Man braucht nur ei-
König Boris
nen geilen Beat, eine Idee, Mitteilungsbedürfnis und eine laute Stimme.
S Wir leben in dem Größenwahn, dass wir
den HipHop-Begriff weiterentwickeln können. Das ist wichtig für Rap, sonst tritt man
künstlerisch furchtbar langweilig auf der
Stelle. Davon gibt es echt genug. Wir versuchen, uns immer wieder zu erneuern.
Dafür werden Sie regelmäßig
angefeindet und schlagen auch mal zurück.
S Es gab sicher Zeiten, zu denen wir mehr
über so etwas nachgedacht und uns geärgert haben als heute.
DR In der Popmusik geht es doch auch
immer darum, der Coolste zu sein oder der
Durchsetzungsfähigste. Da gehört es offensichtlich bei einigen, vornehmlich männlichen Protagonisten der Szene dazu, sich
schlecht zu benehmen und Leute zu beleidigen. Wir haben das nie gemacht und sind
trotzdem immer erfolgreich gewesen. Genau das können unsere vermeintlichen Widersacher am wenigsten verstehen.
Wie würden Sie Ihre musikalische
Entwicklung charakterisieren?
KB Wir sind besser geworden in dem was
wir machen, zielstrebiger. Früher haben wir
viel mehr herumprobiert, bis die Musik gut
klang, heute wissen wir, was wir machen
müssen, um das Ergebnis, das uns vorschwebt, zu erreichen.
Sie wissen also von Anfang an, wie
so ein Song klingen muss?
S Ja. Jeder von uns hat ein Bild des Songs
im Kopf, wenn wir ins Studio gehen. Während der Arbeit stellt sich dann heraus, dass
jeder von uns ein anderes hat. Dafür wissen
wir, dass der Track 300 Prozent so gut wird,
weil die Ideen der anderen noch dazukommen. Es ist ein Konzentrat guter Ideen.
Das neue Motto bei Fettes Brot: Wenn drei
Superhits in einem stecken, ist es okay.
DR Was ich als Entwicklung empfinde, ist,
dass wir immer poppiger geworden sind.
Wir schämen uns auch nicht der drei kleinen Pop-Schweine, die in uns wohnen. Früher haben wir oft noch eine andere Version
gemacht. Heute freuen wir uns eher, dass
wir es so poppig hinbekommen haben.
Fettes Brot steht aber immer für Spaßrap
mit den drei lustigen Jungs aus Hamburg.
Da gehen doch die sozialkritischen Lieder
ziemlich gerne mal unter.
DR Speziell bei dieser Platte hatte ich einen anderen Eindruck. Ich weiß nicht, ob
wir das bewusst eingefädelt haben, aber
der Berichterstattung entnehme ich, dass
wir ab sofort ernst sind. Was auf der einen
Seite stimmt, es gibt sehr ernste Momente
auf der Platte und Songthemen, die wir bisher noch nicht behandelt haben. Aber auf
den anderen Platten sind auch immer mindestens drei Lieder, die ernst gemeint, unironisch und politisch waren.
Stört Sie Ihr Image eigentlich?
KB Ach nein, schon lange nicht mehr. Das
ist eine so einseitige Sichtweise. Es ist auch
so ein Phänomen, dass Spaß bereiten oder
witzig sein sofort mit dumm oder bieder
gleichgesetzt wird. Man kann auch sehr
tiefsinnig sein, wenn man Witze macht.
Wir haben in unseren Songs schon des Öfteren ernsthaftere Botschaften witzig verpackt, so dass manche das erst beim zweiten Zuhören erkannt haben.
DR Man sollte in Deutschland den Humor
nicht den Idioten überlassen.<
Wer „Emanuela“ live hören will: Fettes Brot
ist vom 13. bis zum 28. Oktober auf
Deutschlandtournee und im Dezember in
Österreich und der Schweiz unterwegs
RUND 102
rund_098_103_Fettes_Brot 102
08.09.2005 18:34:32 Uhr
SPIELKULTUR
Interview
Werbebande im Stadion: „Fettes Brot ist doof“
FETTES BROT WURDE VERGOLDET Vor elf Jahren veröffentlichte die Hamburger HipHop-Combo ihre erste Platte mit dem schönen Titel „Mitschnacker“. Mittlerweile gehört
Fettes Brot zu den etablierten deutschen Bands. Sie füllen große Hallen und haben Fans aus allen Altersstufen. Doch die erste Goldene Schallplatte ließ lange auf sich warten.
Erst im Mai war es endlich soweit, die Hitsingle „Emanuela“ verkaufte sich über 150.000-mal. Während eines Konzerts in Rostock bekamen Doktor Renz, Schiffmeister und
König Boris die Glitzerscheiben überreicht und freuten sich so sehr darüber, dass sie um ein Haar von der Bühne gefallen wären.
RUND 103
rund_098_103_Fettes_Brot 103
08.09.2005 18:34:36 Uhr
IM ABSEITS
Rasenschach
DURCH DIE MITTE KONTERN
Immer wieder wird im Fußball von RASENSCHACH gesprochen. Tatsächlich widmen
sich etliche Profikicker regelmäßig dem königlichen Spiel. Ist es aber möglich, aus
dem Stil eines Fußballers am Brett Rückschlüsse auf seine Spielweise auf dem Rasen zu
ziehen? Unser Autor hat gegen drei Profis gespielt VON RENÉ GRALLA, FOTO PATRICE LANGE
RUND 104
rund_104_105_Schach 104
08.09.2005 13:00:32 Uhr
IM ABSEITS
Erster Proband der improvisierten Feldstudie ist Felix Magath, der schon vor bald
30 Jahren damit begonnen hat, als Ausgleich zur täglichen Beinarbeit die Feinheiten des Schachs zu studieren. Phasenweise
ließ er sich sogar vom Trainer des hanseatischen Bundesligaklubs HSK, Gisbert Jacoby,
coachen. Folglich liegt Magath weit über
dem Niveau des durchschnittlichen Amateurs. Das merkt der Autor, als er den Mann
zu einem Testmatch trifft. Magath verteidigt mit Schwarz. In den ersten Spielminuten tasten sich beide Mannschaften ab, die
gestaffelten Abwehrketten stehen in der
Mitte. Ein guter Plan, was Schach angeht:
Wegen der drangvollen Enge des Operationsgebietes – 64 Felder für 32 Figuren –
kann derjenige, dem es gelingt, das Zentrum zu erobern, unmittelbar im Anschluss
links oder rechts verwandeln.
Eine Faustregel, die Magath erst beachtet
und wenig später vergisst. Denn als ein weißer Läufer des Autors im 15. Zug einen Fehler macht, hätte Magath durch die Mitte
kontern müssen. Stattdessen schaltet er um
auf Flankenstrategie, tändelt am rechten
sowie am linken Flügel und wieder retour,
verheddert sich und kriegt ein Riesending
reingeknallt. Im 56. Zug gibt er auf.
„Ich habe aus dem Schach praktisch die
Theorie für den Fußball abgeleitet“, hat Magath einmal gesagt. Sollte der Wahl-Münchner das ernst meinen, müsste er auch seine
Bayern über die Seiten stürmen lassen. Da
könnte der Stürmerstar Marco Bode, Jahrgang 1969, eher auf dem Stand der aktuellen Theorie sein, die DFB-Chefscout Urs
Siegenthaler bündig formuliert: „Das Spiel
über die Außenflügel können wir vergessen.“ Nach dem Vorbild der Brasilianer werde im „modernen Fußball durch die Mitte
nach vorne gepasst“ – was ziemlich exakt
der Profistrategie im Schach entspricht.
Jetzt also der Bremer Bode, der selbst etablierte Großmeister bei Promiduellen in einige Schwierigkeiten bringt, während einer Fünf-Minuten-Blitzpartie gegen den
Autor: Von der ersten Sekunde an drückt
Bode mit Weiß auf das Tempo, die schwarze Abwehr im Zentrum wankt – bis er plötzlich fast am Boden liegt. Was ist geschehen?
Unmotiviert will Bode die Schwarzen an
der linken Flanke umdribbeln, rennt sich
aber fest. Nun klafft ein Loch in der rückwärtigen Verteidigung. Die Schwarzen er-
Rasenschach
spähen die Lücke, Volley, rums – und sofortiger Knock-out, hätte der Autor nicht im
Zeitnotstress verdaddelt und Bode nach Zugwiederholung ins Remis entkommen lassen. Was an der überraschenden Zwischenbilanz nichts ändert: Auch bei Marco Bode
geht alles über die Flügel.
Höhepunkt der Testreihe: eine Begegnung mit dem HSV-Japaner Naohiro Takahara, 26, unter verschärften Bedingungen.
Wir messen uns im Shogi, der speziellen japanischen Schachversion. Und die ist besonders trickreich: Bei den einfarbigen Steinen
markiert eine Spitze die Zugrichtung und
definiert zugleich, ob es eine weiße oder eine schwarze Einheit ist. Außerdem dürfen
Steine, die der Gegner verloren hat, auf der
eigenen Seite wieder eingesetzt werden.
Anpfiff, Takahara legt los, rackert, wie
wir es von ihm gewohnt sind, wechselt im
Minutentakt die Seiten – freilich auch mit
dem gewohnt mageren Ergebnis: Sein Team
muss Schritt für Schritt zurückweichen,
kassiert einen Treffer, bis Takahara die Notbremse zieht: Er murmelt, dass sein Trainer
wartet, steht auf vom Tisch und verschwindet. Fazit: Fußballer spielen auf dem Schachbrett meist wacker über Links- oder Rechtsaußen – koste es, was es wolle.
33.a5 Kf8 34.a6 Tc8 35.Tb7 Sxc6 – Alternative: 35 …
Ta8 36.Td7 Sxc6 37.dxc6 Txa6 38.c7 … (Freibauer Nr. 1
ist eliminiert, aber nun geht der c-Kollege vor) 38 … Ke8
39.Td8+ und c8=D (Umtausch des Bauern in eine Dame)
– 36.dxc6 Txc6 37.a7 Ta6 38.Tb8+ Ke7 39.a8=D … – Die
Pille im Netz von Magath: Weiß holt sich für den Bauern
eine Dame. – 39 … Txa8 – Magath muss für diese Dame
einen Turm opfern, sonst wäre es noch schneller aus. –
40.Txa8 … Weiß hat jetzt eine schwere Einheit mehr; Magath kann den Rückstand nicht mehr aufholen und kapituliert 16 Züge später: 56 … Aufgabe 1:0
8
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6
5
4
3
2
1
a
b
c
d
e
f
g
h
11. Spielzug: Magath besetzt den Flügel
8
7
6
AN DER FLANKE ALLES VERDADDELT
5
Weiß: R. Gralla, Schwarz: F. Magath
4
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 – Die so genannte „Spanische Partie“ mit 3 … a6, der „Morphy-Verteidigung“. –
4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 0-0(?) – Eine Ungenauigkeit,
die nach 7.Lxc6 bxc6 8.Sxe5 … einen Bauern kosten könnte. – 7.c3 … – Geschmacksfrage: Weiß verzichtet auf frühen Materialgewinn. – 7 … b5 8.Lb3 d6 9.d4 … – Besser:
9.h3 … – 9 … Lg4 10.d5 Sa5 11.Sbd2 Sh5 – Ein erster
Flankenausfall nach Linksaußen von Magath: Sieht stark
aus, tut aber nichts zur Sache. 12.h3 Lxf3 13.Sxf3 Sf6 –
Und retour: Die Exkursion nach h5 hat nichts eingebracht.
14.Lc2 c6 15.Lg5? … – Weiß revanchiert sich – und
möchte auch mal an einem Flügel herumstochern. – 15 …
Tc8? – Auf das falsche Flügelspiel 15.Lg5? … reagiert
Magath mit Verlegung wichtiger Kräfte nach rechts; stattdessen hätte er sofort im Zentrum losschlagen müssen –
15 … Sxd5! – , und Weiß hätte nur mit Mühe den Materialverlust kurzfristig verhindern können (16.exd5 Lxg5
17.Sxg5 Dxg5 18.dxc6 Tfd8 19.Le4 …). Auf Dauer wäre
der in die Irre gelaufene weiße c-Bauer aber nicht zu retten
gewesen. 16.Lxf6 Lxf6 17.Ld3 cxd5 18.exd5 Lg5 – Noch
eine Showeinlage auf der linken schwarzen Flanke: So verdirbt Magath allmählich seine Position. – 19.Sxg5 Dxg5
20.a4 … – Flankenspiel, das ausnahmsweise richtig ist:
Weiß rollt Magaths rechten Flügel auf. – 20 … Sc4 21.b3
Sb6 22.axb5 axb5 23.Lxb5 Txc3 24.Ta6 Tb8 25.Da1 Tcc8
26.Lc6 Dd2 27.Da5 Dxa5 28.Txa5 Td8 29.Tea1 Sc8
30.Tb1 Tb4 31.Ta4 Txa4 32.bxa4 … – Ein gefährlicher
Freibauer, der unaufhaltsam Richtung a8 marschiert, wo
er in eine Dame umgetauscht werden kann. – 32 … Sa7
3
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15. Spielzug: Er verlagert seine Kräfte ...
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18. Spielzug: ... und verdirbt seine Position
RUND 105
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08.09.2005 13:00:49 Uhr
SPIELKULTUR
Dresscode
200 Gramm Mode
Bei den großen Sportartikelfirmen wird jedes Jahr an neuen TRIKOTS für die
Bundesliga gearbeitet. Kein Wunder, schließlich tragen mittlerweile auch
Szene-Coolnicks das Textil, in dem sich früher nur Hardcorefans freiwillig zeigten
VON CHRISTOPH RUF, FOTOS OLAF TIETJEN
Die Alltagskleidung des geneigten Fans: Zwischen 50 und 75 Euro kostet ein Fantrikot. Kein Wunder, dass
sich die Designerteams alle Mühe geben, den Geschmack zu treffen
Der Besucherausweis wird angeheftet,
lautlos öffnet sich die gläserne Schwingtür,
die zu all den Büros führt, in denen beim
Sportartikelhersteller Adidas Trikots ausgetüftelt werden. Doch leider bleiben auch
mit Passierschein die meisten Türen verschlossen. Denn dahinter wird an neuen
Trikotdesigns gearbeitet, und in dieser Phase ist das Bedürfnis nach Geheimhaltung
besonders groß: „Es gibt Räume, die selbst
Mitarbeiter unseres Teams nicht betreten
dürfen“, erklärt der Adidas-Seniordesigner
Jürgen Rank die Gepflogenheiten in der
Wagenburg zu Herzogenaurach.
Seit Beginn der 80er Jahre ist der Verkauf von Fantrikots zu einem Riesenmarkt
geworden, mit dem die Vereine einen guten
Teil ihres Umsatzes bestreiten. In Deutschland ist Bayern München dabei das Maß aller Dinge: In der abgelaufenen Saison wurden über 400.000 Trikots verkauft – mehr
als bei allen anderen Erstligisten zusammen. In Stuttgart und Köln schlugen Kuranyi- und Podolski-Fans jeweils zwischen 10
und 20.000-mal zu. Doch das ist noch gar
nichts im Vergleich zu Europameister Real
Madrid. Schon vor drei Jahren verkaufte
sich das Trikot von Ronaldo eine halbe Million Mal – zum Stückpreis von 72 Euro.
Derzeit machen die Spanier pro Jahr weltweit 100 Millionen Euro Umsatz mit den
lukrativen Textilien ihres Teams.
Der Imagewandel des Fußballs vom Proletariersport zum Mittelschichtevent hat
auch den Trikotverkauf angekurbelt: Fotos
aus den Fankurven der 70er und 80er zei-
RUND 106
rund_106_107_Trikot_Entwicklung 106
08.09.2005 18:35:56 Uhr
SPIELKULTUR
gen allenfalls alle paar Meter einen Fan mit
Trikot – und der sieht meist so aus, als habe er es auch in den zwei Wochen zwischen
den Heimspielen getragen. Heute spazieren
auch hippe Großstadtmenschen mit teuer
erstandenen Leibchen durch die Szenekneipen. Dass die beliebten Nationaltrikots
von Brasilien oder Jamaika allerdings oft
eher Auskunft über das Lebensgefühl beziehungsweise die Drogengewohnheiten
des Trägers geben als über dessen Fußballpräferenzen, stört dabei allenfalls traditionelle Fußballfans. Die berichten dann, wie
sie sich in einer gegnerischen Fußgängerzone wegen des stolz getragenen Utensils
verprügeln haben lassen. Dem Brasilienfan
aus dem Szeneviertel ist solche Opferbereitschaft fremd, er kennt im Zweifelsfall
nicht einen brasilianischen Nationalspieler. Trikots sind immer mehr vom Identifikationsobjekt zur Modeware geworden.
FRAUEN FRAGEN, WANN
DENN WIEDER DIE ITALIENISCHE
NATIONALELF SPIELT
Das bestätigt auch Tobias Blick, Marketingleiter bei Kappa Deutschland: „Es hat
einen Transfer vom Fußball in die Mode
und umgekehrt gegeben.“ Die hauteng geschnittenen Trikots, mit denen neben der
italienischen Nationalmannschaft auch
Kaiserslautern und Werder Bremen spielen, seien eine Adaption aus dem Radsport
und hätten neben funktionalen auch andere Vorteile: „Viele Frauen fragen doch,
wann denn nun Italien spielt.“ Auch bei
Puma („Slim fit“) sind die Trikots in den
letzten Jahren immer figurbetonter geworden. Dass das bei übergewichtigen Fans zu
Akzeptanzproblemen führen könnte, be-
Dresscode
streitet die Puma-Sprecherin aber energisch: „Aber nein. Es gibt ja verschiedene
Größen.“
Doch trotz des Eindringens in DJ- und
Vernissagenkreise – das Kerngeschäft wird
immer noch mit klassischen Fußballfans
gemacht. Es ist deshalb eine ökonomische
Notwendigkeit, dass der Fangeschmack getroffen wird. In der Trikotproduktion bei
Adidas gehen die Designer dabei von verschiedenen Urmodellen aus, von denen aus
die einzelnen Abwandlungen angefertigt
werden. Doch manchmal – wie beim aktuellen Bayerntrikot – wird auch ein komplettes Original gestaltet. Um zu wissen,
was den Zuschauern gefällt, wälzt beispielsweise Jürgen Rank Dutzende Bücher und
Vereinschroniken; wohl wissend, dass Fans
Trikots mögen, die sie an die erfolgreichen
Zeiten ihres Teams erinnern. Und ein Blick
in die Fanforen bestärkt ihn in der Ansicht,
dass Fans am liebsten ein Jersey kaufen, das
sich an den Vereinsfarben ihres Lieblingsklubs orientiert. Bei Kappa sieht man das
anders. (siehe Kasten)
Jedes Jahr, darin verfahren alle acht in der
ersten Liga vertretenen Ausrüster gleich,
kommt ein neues Trikot heraus, Auswärtsund Heimjersey werden im Wechsel also alle zwei Jahre neu designt. Dieser Rhythmus
beruhe auf Erfahrungswerten. So muss der
geneigte Anhänger jedes Jahr einmal zum
neuen Textil greifen. Eine höhere Frequenz
würde die Fans dann doch überfordern,
Trikotdesigner: Jürgen Rank (li.)
inmitten seiner Kollegen vom Designteam
weiß man in der Branche. Den relativ hohen Verkaufspreis für Fantrikots – rund
200 Gramm Textil kosten zwischen 50 und
75 Euro – rechtfertigt man mit dem Ölpreis
und dem hohen Entwicklungsaufwand. Bis
ein Trikot vom Verein akzeptiert wird und
in Serie gehen kann, sind allerlei vielköpfige Teams mit weltmännisch klingenden
Namen wie Marketing, Design oder Development oft monatelang beschäftigt: „Es
kommt vor, dass 20 bis 50 Entwürfe eines
Jerseys und diverse Musterproduktionen
angefertigt werden, bis das Endprodukt
steht“, sagt Jürgen Rank von Adidas.
JEDES JAHR EIN NEUES TRIKOT:
MEHR SCHAFFT AUCH DER
GUTMÜTIGSTE FAN NICHT
Glaubt man den Designern, geht es bei
dem Aufwand jedoch nicht primär um die
Akzeptanz bei den Fans: „Am wichtigsten
ist die Performance auf dem Platz. Vielleicht bringen ja gerade die paar Gramm,
die der Stoff leichter ist, den entscheidenden Vorteil beim Sprint in der Schlussminute“, hofft Rank. Um Fußball geht es bei
den Fußballtrikots also auch noch.
FAN-PROTESTE GEGEN GRÜN-ORANGE
32 Fanklubs bei Werder Bremen protestieren seit Wochen gegen das
knallig grün-orangefarbene Vereinstrikot. Dass Marketingstrategen
von den tradierten Vereinsfarben abrücken, ist für sie der Beweis, dass
die Kommerzialisierung des Sports keine Grenzen kennt. Doch
die Gegenwehr ist nicht ohne Risiko. Das Fanmagazin „Stadionwelt“
weiß von juristischen Schritten von Seiten des Vereins gegen
die Produzenten eines Alternativtrikots, das auf die irritierende Farbe
verzichtet. Die Kampagne gegen „Papagei zwei“, wie das Textil bei
Kappa heißt, bereitet Marketingleiter Blick hingegen keinen Kummer:
„Das ist eine Minderheit, das Trikot läuft sehr gut.“ Und überhaupt: „Wer
polarisiert, erregt Aufmerksamkeit. Das ist der erste Schritt, um vom
Graue-Maus-Image wegzukommen.“ Auch Puma-PR-Managerin Jelena
Torbica meint, dass die Fans bereit sind, kalkulierte Tabubrüche
hinzunehmen. So habe man für den HSV in dieser Saison ein weinrotes
Europapokaljersey kreiert, „und gerade das kommt besonders gut an“.
Nicht jedoch in der Ultraszene: Hier verweigert man sich vorgefertigten
Fanartikeln, die man für zu teuer und zu wenig individuell hält.
Stattdessen entwerfen die Ultras der meisten Vereine eigene Kleidung.
RUND 107
rund_106_107_Trikot_Entwicklung 107
08.09.2005 18:35:59 Uhr
SPIELKULTUR
Essen wie die Stars
SENFEIER WIE BEI TIFFERTS
CONNY WÜSTEFELD, die Mutter des Stuttgarter VfB-Profis
Christian Tiffert, über das Lieblingsgericht ihres Sohnes, den „König der Aufläufe“
INTERVIEW MARTIN KRAUSS, FOTOS BENNE OCHS UND PRIVAT/STYLING KUBALL & KEMPE
RUND 108
rund_108_109_Essen 108
07.09.2005 22:54:36 Uhr
SPIELKULTUR
Wenn Ihr Sohn nicht Fußballer wäre, wäre
er gern Chefkoch geworden, hat er einmal
gesagt. Daran sind doch Sie schuld, oder?
CONNY WÜSTEFELD Ich war einige
Jahre allein erziehend und voll berufstätig.
Da hat dann Christian oft für sich und seinen Bruder gekocht.
Was gab es dann?
Spaghetti, in allen Varianten. Die sind ja
auch am einfachsten. Zum Beispiel gab es
oft Bratnudeln mit Ei und viiiel Maggi.
Essen wie die Stars
Was isst er denn am liebsten?
Eier in Senfsoße. Die isst er bis heute gerne. Danach kommt, glaub ich, Bratnudeln
mit Ei und viiiel Maggi.
Und was mag er gar nicht?
Ganz allgemein: Suppen sind nicht so sein
Fall. Auch Fisch mag er nicht so gerne, aber
Christian hat in der letzten Zeit festgestellt,
dass man Fisch sehr gut grillen kann.
Wenn er bei Ihnen zu Hause ist, gibt es
dann immer Eier in Senfsoße?
Er ist ja viel zu selten da. Aber wenn er
nach Hause kommt und sich Eier in Senfsoße wünscht, dann bekommt er die selbstverständlich. Letztes Weihnachten war ich
mit seinem Bruder Marcus bei Christian,
und da habe ich jedem das gekocht, worauf
er Appetit hatte.
Wenn Sie in Stuttgart sind, müssen Sie
dann immer kochen?
Gerne lasse ich mich auch von meinem
Sohn bekochen. Christian ist nämlich der
selbsternannte König der Aufläufe, und die
schmecken einfach wunderbar.
Bekocht er auch seine Kollegen vom VfB?
Ja, ich glaube schon. Er kocht gerne mal
für Freunde, wenn die Zeit es erlaubt.
Aber auch für sich allein?
Oh ja. Es geht bei ihm vor allem nach Appetit. Und wenn er Appetit auf Senfsoße
und Ei hat, dann klingelt das Telefon und
Christian fragt an: Wie machst du noch mal
die Senfsoße, Mom? Ich hab schon ein paarmal überlegt, ihm das Rezept aufzuschreiben, es aber immer wieder vergessen.
Vergessen?
Nein, ich geb‘s zu: nur ein bisschen. Denn
es ist schön, wenn er anruft und fragt. In
dem Moment sind wir uns ganz nah, weil
wir gemeinsam kochen: Eier in Senfsoße.
RUND 109
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07.09.2005 22:54:40 Uhr
SPIELKULTUR
Geschichtsstunde
Hitlergruß im Wembleystadion: Die deutsche Nationalelf 1935
bei einem Länderspiel in London. England siegte 3:0
„DER GRÖSSTE SÜNDENFALL“
Jahrzehnte hat der DFB gezögert, seine Geschichte
während der NS-Zeit aufarbeiten zu lassen. Nun
hat der Historiker NILS HAVEMANN sie aufgeschrieben
INTERVIEW MALTE OBERSCHELP, FOTO DANIEL CRAMER, PIXUNITED
Herr Havemann, zu welchen Ergebnissen
sind Sie in Ihrem Buch gekommen?
NILS HAVEMANN: Was ich herausgefunden habe, entspricht exakt dem, was
sich auch über andere Organisationen sagen lässt: Es gab vor der „Machtergreifung“
eine gewisse Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus, die dann nach 1933 sehr
schnell in große Begeisterung umschlug.
Aus dem einfachen Grund, weil der DFB
als Sieger aus der nationalsozialistischen
„Machtergreifung“ hervorging.
Warum?
Der DFB befand sich vor 1933 in einer
sehr großen Krise. Er geriet in den Strudel
der Weltwirtschaftskrise, dazu gab es den
Kampf um die Einführung des Profitums.
Für den DFB war dieser Kampf existenzbedrohend, weil das Profitum nach seiner Auffassung zu einer erheblichen Schwächung
seiner Stellung geführt hätte. Dann hat sich
nach wenigen Monaten herausgestellt, dass
die Nationalsozialisten gegen den Profisport
sein würden, worauf der DFB sich begeistert auf ihre Seite stellte.
Es gab beim DFB also, um eine berühmte
Formulierung zu benutzen, vorauseilenden
Gehorsam?
Er hat sich sehr schnell angepasst und hat
nicht im Geringsten versucht, Widerstand
zu leisten. Absolute Priorität hatte, die eigene Organisation über den 30. Januar 1933
hinaus zu retten. Das ging einher mit Anbiederung und Gesten der Unterwerfung an
die neuen Machthaber.
Und mit dem „Führerprinzip“.
Man hat die neue Zeit nach 1933 als Erleichterung aufgenommen. DFB-Präsident
Felix Linnemann hat sehr schnell auf das
„Führerprinzip“ umgestellt, was die Ver-
bandsoberen aber nicht als Belastung empfanden, sondern als Riesenvorteil. Man
war es leid, immer wieder auf die Landesverbände und zigtausend Vereinsinteressen Rücksicht zu nehmen.
Nach dem Krieg trat auch beim DFB die
berühmte Formel in Kraft, man habe nur
Schlimmeres verhindern wollen.
Das ist natürlich Unsinn. Es ging einzig
und allein um den Machterhalt. Alles andere war sekundär. Um moralische Fragen
hat sich der DFB bei seinem Urteil über die
Nationalsozialisten nicht gekümmert.
Der DFB bezog im April 1933 gegen jüdische
Mitglieder „in führenden Stellungen in
Landesverbänden oder Vereinen“ Stellung,
obwohl es vom Reichssportführer gar keine
Anweisung zum Ausschluss jüdischer
Mitglieder gab. Warum?
Diese Anordnung des DFB resultierte aus
dem Streit um den Profifußball. Er hat darauf bestanden, jüdische Mitglieder aus führenden Stellungen zu entfernen. Das ist
ein wesentlicher Unterschied zu anderen
Sportverbänden, die gleich alle jüdischen
Mitglieder ausgeschlossen haben.
Warum gerade die Funktionäre?
Der DFB betrachtete damals den Einfluss
jüdischer Funktionäre auf den Verband als
nachteilig. In vielen Vereinen, die den Profifußball befürworteten, waren jüdische
Funktionäre an der Spitze.
Das riecht deutlich nach NS-Gedankengut:
das jüdische Weltkapital, heruntergebrochen
auf den deutschen Fußball.
Vollkommen richtig. Dies war aber kein
spezifisch nationalsozialistisches Gedankengut. Dieses hässliche Klischee vom Juden als „geldversessenem Kapitalisten“ war
während der Weimarer Zeit – und ist leider
Gottes heute immer noch – auch bei der
politischen Linken und bei erklärten Gegnern des Nationalsozialismus weit verbreitet. Insofern wäre es falsch zu behaupten,
dass der DFB Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie mit ihrem Rassendogma gewesen sei. Aber zweifellos war der
Ausschluss der jüdischen Funktionäre der
größte Sündenfall des DFB. Da hat er sich
extrem schuldig gemacht.
RUND 110
rund_110_111_Nazivergangenheit 110
13.09.2005 15:58:42 Uhr
Würden Sie sagen, dass das Verhalten
des DFB repräsentativ war für das Verhalten
der Deutschen?
Ja, mit Sicherheit. Insgesamt wurde die
„Machtergreifung“ damals als eine Form
von Erlösung wahrgenommen, ein stillschweigendes bis begeistertes Einverständnis mit diesem Umbruch. Das kann man
sich heute kaum noch vorstellen.
Sind so die vielen NSDAP-Eintritte
von DFB-Funktionären 1933 und dann wieder
1937 nach dem Aufnahmestopp zu erklären?
Ihr Kollege beschrieb außerdem eine
Mitverantwortung Linnemanns an
der Deportation von Sinti und Roma in
die Vernichtungslager.
Linnemann war als leitender Kriminalbeamter in Hannover zuständig für die Erfassung der Sinti und Roma, welche die Vorstufe zu ihrer Deportation nach Auschwitz
bedeutete. Diese Erfassung fand 1939 auf
Befehl von Heinrich Himmler statt, und
Linnemann hat peinlichst genau diesen Befehl ausgeführt. Allerdings konnte er zu die-
„Es ist erschreckend, wie sehr Beteiligung und Mitschuld
von den Karrieremöglichkeiten abhing.“ NILS HAVEMANN
Natürlich. Am Anfang war viel Opportunismus dabei, man wollte die Karriere absichern. Aber später war viel Begeisterung
dabei. Bei den Sportfunktionären nahm die
allerdings 1935/36 etwas ab – je nachdem,
ob man noch etwas zu sagen hatte oder
nicht. Denn nach den Olympischen Spielen
hat der Reichssportführer die alten Funktionäre allmählich aus dem Verband gedrängt
oder ihrer Kompetenzen entkleidet.
Und plötzlich gingen die Funktionäre
wieder auf Distanz?
Jedenfalls setzten sich Leute wie Pressewart Guido von Mengden, die nach 1936
noch Karriere machen konnten, bis zum
Schluss begeistert für das Regime ein, während bei anderen die Begeisterung abnahm.
Es ist erschreckend, wie sehr Beteiligung
und Mitschuld von Karrieremöglichkeiten
abhing. Daraus habe ich geschlossen, dass
die Begeisterung für das Regime nicht in
erster Linie ideologisch war. Die meisten
beim DFB waren kühle Karrieristen.
Ihr Kollege Hubert Dwertmann zeichnete
in einem Aufsatz der Zeitschrift „SportZeiten“
beim Präsidenten Linnemann ein anderes
Bild. Er konstatierte eine „innere Radikalisierung“, die 1940 in den SS-Beitritt mündete.
Ich kann nicht feststellen, dass bei Linnemann eine innere Radikalisierung stattgefunden hat. Das geben die Quellen nicht
her. Der SS-Beitritt war ein halb erzwungener, halb freiwilliger.
sem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er
damit einen Beitrag zu ihrer späteren Ermordung leistete. Ab 1941 lässt sich seltsamerweise feststellen, dass er die Verantwortung für die Behandlung der Roma und
Sinti auf andere Beamte umzuwälzen versuchte. Welche Motivation sich dahinter
verbarg, lässt sich nicht mehr feststellen.
So oder so war er stärker belastet,
als bisher bekannt.
Fest steht, dass er sich mitschuldig gemacht hat. Vor allem hat er bis zum bitteren Ende seinen Job beflissen ausgeführt,
obwohl er spätestens ab 1943 mit Sicherheit mehr als andere über die Verbrechen
in den Konzentrationslagern gewusst hat.
Sie zeichnen ein sehr ausgewogenes
Bild der DFB-Geschichte. Wie reagieren
Sie auf den Vorwurf, zu konservativ
vorgegangen zu sein?
Ich bin weder konservativ noch liberal,
weder „links“ noch „rechts“, sondern lasse
mich allein von meinem gesunden Menschenverstand leiten, der mal zu „linken“,
mal zu „rechten“ Positionen führen kann.
Und die historischen Quellen sind so wie
sie sind. Ich habe sie nach allen Seiten hin
ausgeleuchtet und bin zu diesem Resultat
gekommen. Und das ist wahrlich nicht sehr
schmeichelhaft für den DFB. Deshalb halte
ich die Diskussion, ob das nun ein konservativer oder ein linker Historiker aufarbeitet, für lächerlich.
Nils Havemann: Fußball unterm Hakenkreuz – Der DFB zwischen Sport, Politik
und Kommerz. Campus Verlag, 473 Seiten, ¤ 19,90
Ausgewogenes Urteil: Der Mainzer Historiker Nils Havemann
untersuchte im Auftrag des DFB dessen NS-Geschichte
RUND 111
rund_110_111_Nazivergangenheit 111
13.09.2005 15:58:44 Uhr
SPIELKULTUR
Buch
IM RUND-BÜCHERREGAL UND IM DVD-RECORDER:
Auf diesen Plätzen haben alle angefangen. Ein FOTOBILDBAND nimmt uns mit auf
die Reise zu Deutschlands schönsten Fußballplätzen. Dazu gibt es Lesestoff für Nordlichter,
massig WM-Tore und einen SPIELFILM aus der Hooligan-Szene FOTOS RAINER SÜLFLOW, BENNE OCHS
AUS WIESEN WERDEN PLÄTZE, AUS MAUERN TORE
Das allerschönste Tor Deutschlands steht
in Vehlefanz, wo immer das auch ist. Das
schönste Tor Deutschlands ist eigentlich
gar kein Tor. Es ist die Illusion eines Tores,
mit weißer Farbe auf die rot-braunen Ziegel einer Brandwand gemalt. Früher einmal, die Farbreste lassen es erahnen, war
es größer und blau. Jetzt ist es weiß. Links
oben, am Lattendreieck suchen sich Farbschlieren den Weg Richtung Wiese, die vielleicht auch ein Acker ist. So genau weiß das
keiner. Gelber Löwenzahn blüht, dazwischen weinrote Hügel aus Moos. Angenehm
blass der Himmel hinter der Mauer, hinter
zwei Dachschrägen, hinter dem Tor.
Es gibt noch andere schöne Tore, noch andere schöne Plätze, die der Fotograf Rainer
Sülflow auf Mittelformat eingefangen hat.
Aber keines reduziert das Tor, den Platz,
den gesamten Fußball so sehr auf das Wesentliche wie dieses Bild von Vehlefanz, zu
finden auf Seite 31 eines Fotobandes, dessen Titel wie die Bilder durch Schlichtheit
besticht: „Fußballplätze in Deutschland.“
Eine Wiese, eine Mauer, etwas Farbe, und
aus Wiesen werden Plätze, aus Mauern Tore. Mehr braucht es nicht. Keinen Ball, keine Spieler, nichts. Anders als der holländische Fotograf Hans van der Meer, der nicht
weniger brillant Spielorte in der niederländischen Provinz eingefangen hat, verzichtet
Rainer Sülflow auf die Abbildung von Spielhandlungen oder Zuschauern. Was zählt,
ist lediglich der Blick auf Plätze, eingebet-
RUND 112
rund_112_113_Buecher 112
08.09.2005 18:40:23 Uhr
SPIELKULTUR
tet in Landschaften, deren Bilder ansonsten
durch Brachen, Strände oder Zwiebeltürme
bestimmt werden.
Deutschland abseits der Städte eben. Fußball abseits der großen neuen Stadien, deren Ansicht durch die immer gleichen Perspektiven der Fernsehkameras bestimmt
wird. Die Konsequenz für den Zuschauer:
Unterscheidung fällt schwer. Sülflows Bilder machen dem Betrachter die Einordnung
leicht. Der Fußballplatz ist ostdeutsche Ödnis, alpenländisches Idyll oder westdeutsche Industrielandschaft – und umgekehrt.
Ach so, Vehlefanz übrigens liegt zwischen
und Schwante und Bärenklau, wo immer
das auch ist. SVEN RECKER
Rainer Sülflow Fußballplätze in Deutschland
M&S Communication 136 Seiten € 29,90
ZUM GLÜCK NUR
EIN GRUSSWORT
Offizielle Verbandsfestschriften übertreffen
sich gerne einmal in der Anzahl nichts sagender Grußworte. Der schwergewichtige
Band „Fußball im Norden“ beschränkt sich
erfreulicherweise auf eines. „Das Jubiläum
des Norddeutschen Fußball-Verbandes ist
ein trefflicher Zeitpunkt, dessen hundertjährige Geschichte darzustellen“, heißt es
dort, was das Autorentrio Bernd Jankowski,
Harald Pistorius und Jens R. Prüss auf den
folgenden 400 Seiten dann auch tut.
Von den Vorläufern des 1905 gegründeten NOFV, Erwin und Uwe Seeler, den Jahren der NS-Zeit, der Oberliga und der Bundesliga berichten sie, vom Nordmeister
Borussia Harburg 1917 bis zum Europapokalsieg des HSV 1983. Dabei tun die Autoren weitgehend so, als würden sie keine
Festschrift schreiben müssen, sondern ein-
DVD
fach nur ein Geschichtsbuch. Zwar ist die
Aufteilung des Buches gewöhnungsbedürftig, da nicht immer chronologisch, aber das
macht spätestens der 120 Seiten starke Statistikteil wett: Wer Tabellen und endlose
Datenmengen liebt, kommt dort vollends
zu seinem Recht. MALTE OBERSCHELP
DER IMMERGLEICHE
BEAT DES DJ ÖTZI
Bernd Jankowski Harald Pistorius
Jens R. Prüss Fußball im Norden 100 Jahre
Norddeutscher Fußball-Verband
herausgegeben im Auftrag des Norddeutschen
Fußball-Verbandes 404 Seiten € 19,90
UNDERCOVER-AGENT
IN DER ALTHAUER-HOCHBURG
Es macht Spaß, ein Hooligan zu sein. Mit
guten Freunden zusammen in der Kneipe
Alkohol verzehren, die Leidenschaft für
Shadwell Town teilen und hin und wieder
Anhängern der gegnerischen Mannschaft
aufs Maul hauen: Das kann das Leben ziemlich versüßen. Das zumindest stellt der junge Polizist John (Reece Dinsdale) fest, der
sich als Undercover-Agent in der AlthauerHochburg „The Rock“, der finstersten Kneipe der finstersten Gestalten, einschleicht,
im Lauf der Zeit Gefallen am Lebensstil der
neuen Kumpels findet und immer offener
gewalttätig in Szene tritt. Ein bisschen gefestigt sollte der Betrachter von „Undercover“ schon sein, um nicht derselben Faszination zu verfallen. Denn der Film aus dem
Jahr 1994 macht es einem nicht leicht, die
gewaltbereiten Gesellen unsympathisch zu
finden. Ein nicht immer präziser, aber
spannender und kontroverser Film, der zu
Recht auf Deutsch wieder veröffentlicht
wurde. EBERHARD SPOHD
„Undercover“ Regie Philip Davis
www.absolutmedien.de
Die tollsten Tore aus allen 17 Weltmeisterschaften – eigentlich ein unschlagbares
Konzept. Die Doppel-DVD „Fifa Fever“ will
dieses Vergnügen bieten, und dazu mehr:
die schönsten Solos, die prächtigsten Distanzschüsse, die legendärsten Spieler. Man
kann diesem Best of des Fußballs auch
nicht vorwerfen, die Versprechungen nicht
einzulösen. Eine, pardon, runde Sache sind
die DVDs dennoch nicht. Anstelle einer gepflegt editierten Greatest Hits-Kompilation
gleicht „Fifa Fever“ eher einem Remix-Album, bei dem DJ Ötzi die Klassiker mit
dem immergleichen Beat unterlegt hat.
Das liegt vor allem am Tempo, in dem Tore und große Spiele vorbeirauschen. Bei
den größten Patzern der Turniere funktioniert diese Videoclip-Ästhetik. Bei den
wahrhaft berauschenden WM-Momenten
nicht. Von der Entstehung der Tore sieht
man zu wenig, die Berichte über die besten
Teams sind zu kurz. Und wenn hier ein OTon von Andreas Brehme und dort ein Gespräch mit Ali Bennaceur, dem Schiedsrichter der Hand Gottes, eingestreut ist, macht
das den Mangel einer redaktionellen Bearbeitung nur umso deutlicher.
Erholung verschafft kurioserweise das Zusatzmaterial: Aufnahmen von der ersten
WM 1930 in Uruguay, verpackt als Stummfilm mit Zwischentiteln und Musik. Manchmal sind es die Bonus-Tracks einer Platte,
die im Ohr bleiben. MALTE OBERSCHELP
Fifa Fever Die ganz großen Momente, Menschen
und Emotionen aller Fifa-Weltmeisterschaften
(www.e-m-s.de)
RUND 113
rund_112_113_Buecher 113
08.09.2005 18:40:28 Uhr
SPIELKULTUR
RUND-Ausgabe 09/05
Allgemein, RUND 9/05
Informa-tief
Freitagnachmittag, eine anstrengende Woche ist zu Ende. Das frisch abonnierte Fußballmagazin in den Händen, schmeiße ich
meinen schmerzenden Körper aufs Sofa und
versinke …
Ein paar Stunden später, das Magazin ist
durchgelesen und die Schmerzen sind
verschwunden. Selten so kurzweilige und
informa-tiefe Artikel über Fußball gelesen.
Vielen Dank dafür und weiter Euch und mir
viel Spaß mit RUND!
Leserbriefe
mal tue ich mich ein bisschen schwer mit
dem hier offen zur Schau getragenen Narzissmus der Stadtbewohner. Andreas Kaiser
scheint einer von eben jenen Jecken zu sein,
für die die Welt hinter den Grenzen Colonias endet. Umso erstaunter bin ich, seine
dämliche FC-Regel im von Euch ansonsten
erfrischend niveauvoll gehaltenen Magazin
RUND zu lesen. Viele sind sie, die Fans des
1.FC Köln. Aber auch erst seit wenigen Jahren. Ich erinnere mich noch gut an Heimspiele Ende der 80er Jahre, selbst wenn ich
mit meinem Verein VfB Stuttgart zu Gast
war, in denen der FC seine Anhänger noch
mit Handschlag begrüßen konnte. Laut sind
sie auch, bei einer beruhigenden Führung
im Rücken. Das Publikum in Köln ist mittlerweile zu einer Ansammlung von Erfolgsfans
der allerschlimmsten Sorte verkommen.
Und sobald die Aufstiegseuphorie verflogen
sein wird, stehen sie wieder am geliebten
Marathontor und trällern: „Wenn Ihr absteigt, schlagen wir Euch tot!“
Andreas Schallenmüller, Köln, per E-Mail
Peter Wagner, Köln
Gute Breite
Mit einem Schmunzeln, einem Lachen und
echter Begeisterung habe ich eben das neue
Magazin durchstöbert. Der erste Eindruck
ist sehr ansprechend. Die schlichten Bilder,
das gute Papier und vor allen Dingen der
Schreibstil. Aber auch die Breite der Berichterstattung hat mir gut gefallen. Kein
Tratsch, sondern seriös recherchierte Themen mit der passenden Prise Sarkasmus
und Humor. Hier und da dürfte es durchaus
noch mutiger sein. So bekommt mein Fußballherz jedenfalls einmal im Monat eine
ordentliche Portion Stoff.
Mittlerweile lebe ich schon seit geraumer
Zeit in der von den Kölnern selbst so bezeichneten „schönsten Stadt“. Und glücklich dazu, das muss ich betonen. Nur manch-
Ihr Magazin ist durchweg lesenswert, überzeugt durch informative Artikel. Auffällig
ist jedoch die hohe Anzahl an Rechtschreibund Grammatikfehlern! Ist das Absicht,
oder Ergebnis mangelhaften Korrekturlesens? Eventuell auf Grund von Zeitdruck?
Darauf lassen nämlich auch die inhaltlichen
Patzer in einigen Artikeln schließen, u. a. im
Artikel aus Heft 9/05 über Bayern München
und Felix Magath. So ist eigentlich bekannt,
dass der „Rathausbalkon“ dieses Jahr gesperrt war und dass Katsche Schwarzenbeck
nicht in der 89., sondern 119. Minute des
Hinspiels im Europacupfinale 1974 den 1:1Ausgleich geschossen hat. Ebenso ist deutlich zu sehen, dass bei Gewinn des zweiten
Europapokals 1975 ein Foto von 1976, also
nach dem dritten Erfolg abgebildet ist.
Das Uhrwerk läuft präzise, RUND 9/05
Vorbild Schweiz
Ich habe mich sehr über den Artikel über
den Schweizer Nachwuchs gefreut. Seit einigen Monaten bekommt die tolle Nachwuchsarbeit in der Öffentlichkeit die lang
verdiente Aufmerksamkeit.
Paul Bollendorff, Luxemburg, per E-Mail
Ich trinke lieber einen Roten, RUND 9/05
Guter Jahrgang
Euer Magazin ist ja gar nicht mal so schlecht,
aber wenn nicht in jeder weiteren Ausgabe
mindestens zehn Seiten über Frauenfußball
drin sind, werde ich es nicht mehr kaufen.
Klasse Bericht über Valérien Ismaël, der
zeigt, dass Ismaël eine tolle Mentalität besitzt. Ähnlich wie ein guter Wein ist er beim
SV Werder zu einem guten Spieler gereift,
den sich Uli Hoeneß nun für den FC Bayern
kredenzt hat. Ismaël stammt aus einem guten Jahrgang, der ihn noch für die Equipe
tricolore interessant machen könnte.
Kerstin Neuwirth, per E-Mail
Björn Hoeftmann, Lingen/Ems, per E-Mail
Frauenfußball, RUND 9/05
Kölsche Jecken
Bayern und Fehler
Sebastian Beckert, per E-Mail
Hanno Brühl, per E-Mail
Was wäre wenn, RUND 9/05
Magath weiß viel und sagt wenig, RUND 9/05
Zehn Seiten!
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an [email protected] oder Redaktion RUND, Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg, Fax: 040-8080 686-99
RUND 114
rund_114_115_Vorschau Abs1:114
07.09.2005 23:00:37 Uhr
RUND
Impressum
IMPRESSUM RUND #3 10 2005
VERLAG: Olympia-Verlag GmbH,
Badstr. 4-6, D-90402 Nürnberg,
Tel. 0911/216-0, Fax 0911/216 27 39
REDAKTION: RUND Redaktionsbüro Hamburg GmbH
& Co. KG, Pinneberger Weg 22-24, 20257 Hamburg
Tel. 040/80 80 686-0, Fax 040/80 80 686-99
REDAKTIONSLEITUNG: Rainer Schäfer (verantwortlich
für den Inhalt), Matthias Greulich (Geschäftsführender
Redakteur), Oliver Lück (stellv. Redaktionsleitung)
ART DIREKTION: Anna Clea Skoluda
REDAKTION: Martin Krauß (Chef vom Dienst), Eberhard
Spohd (Textchef), Malte Oberschelp, Christoph Ruf
REDAKTIONSASSISTENZ: Sabine Richter
GRAFIK: Tanja Poralla, Anne-Katrin Ellerkamp
SCHLUSSGRAFIK/INFOGRAFIK: Sabine Keller
BILDREDAKTION: Henning Angerer, Jochen Hagelskamp
ILLUSTRATION: Anne-Katrin Ellerkamp, Toni Schröder,
AUTOREN: Peter Ahrens, Sven Bremer, Thomas Broich,
Vincenzo Delle Donne, Clemens Draws, Detlef Dresslein,
Oliver Fritsch, Carsten Germann, René Gralla, Frank
Heike, Christian König, Wolfgang Laaß, Roland Leroi,
Jörg Marwedel, René Martens, Hans Meyer, Oliver Müller,
Sven Recker, Roger Repplinger, Elke Rutschmann, Tobias
Schächter, Bernd Schneiders, Andreas Schulte, Jörg
Strohschein, Klaus Teichmann, Jörg Thadeusz, Daniel
Theweleit, Peter Unfried, Klaus Ungerer, Niclas Westphal,
Raimund Witkop, Elke Wittich, Gerhard Wolff
FOTOS: Özgür Albayrak, Jean Balke, Flavio Cannalonga,
Daniel Cramer, Gerald von Foris, Tillmann Franzen,
Nicole Hardt, Axl Jansen, Matthias Kosslik, Dirk Krüll, Tim
Kubach, Martin Kunze, Patrice Lange, Gianni Occipinti,
Benne Ochs, Stephan Pflug, Stefan Schmid, Olaf Tietjen,
Sebastian Vollmert
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(verantwortlich für Anzeigen), Tel. 0911/216 22 12
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– by Olympia-Verlag 2005. ISSN 1860-9279
ARBEITEN IN DER REDAKTION FOTO BENNE OCHS
In allen Lagen mit guten Haltungsnoten: Redakteur Oliver Lück
VORSCHAU 11 2005
Am 19. Oktober erscheint das nächste Heft:
Nationalmannschaft Hat das Team von Jürgen
Klinsmann überhaupt genug kreatives Potential, um
so zu spielen, wie es die Kritiker immer fordern? Ist
der WM-Titel womöglich völlig utopisch? Du Ri-Cha
Der erste Südkoreaner am RUND-Lügendetektor Dynamo Dresden
Warum der Traditionsklub ein Gegenmodell zum Niedergang im
Osten ist Ersatzsport Golf Viele Fußballprofis wechseln die
Schuhe und nehmen einen Schläger in die Hand – wieso das?
Marek Mintal Das Geheimnis seines schönsten Tores
RUND 115
rund_114_115_Vorschau Abs1:115
07.09.2005 23:00:46 Uhr
SPIELKULTUR
Auslaufen mit Thadeusz
ETWAS WÖRNSARTIGES MIT NAMEN FENG
Jeden Monat terrorisiert TV- und Radiomoderator Jörg Thadeusz in RUND liebevoll den Fußball.
Dieses Mal gibt er einen Vorgeschmack auf das erste Länderspiel gegen China am 12. Oktober
Spätestens in 20 Jahren ist es soweit: China wird ökonomisch die Welt beherrschen.
Sagen die Experten. Denn das asiatische
Zeitalter bricht an, die Welt wird gelb. Also
werfen wir uns schnell den neuen Weltherrschern an den Hals. Erinnern wir uns,
in welcher Himmelsrichtung die Sonne
aufgeht, und dass uns der Ferne Osten im
Alltag schon ganz nah ist. Ob grauer Star,
ob Magenschmerzen, wenn nichts mehr
hilft, hilft der Chinese. Von keinem lassen
wir uns lieber stechen und können nach
der Akupunktur mit klarem Kopf wieder
sehen und gehaltvoll essen. Vor allem beim
Chinesen selbst. Denn im Restaurant „Große Mauer“ oder „Shanghai Express“ durften
wir lernen, dass die in asiatischer Honigmarinade gewälzte Ente mit dem drögen Wasservogel von unserer Weihnachtstafel nur
den Familiennamen gemein hat.
Wir können also nur profitieren von unseren neuen Freunden. Dennoch gibt es
ein großes Hindernis. Nein, nein, dass sich
Mao zu Lebzeiten niemals die Zähne geputzt hat, ist bewältigte Vergangenheit. Es
ist auch nicht die Regierungsform – kommunistische Diktatur mit exzessivem Hang
zur Hinrichtung Andersdenkender –, die
überdenkenswert ist. Deutsche Eltern schi-
cken ihre Halbwüchsigen ja ohne Zögern
auch zum Schüleraustausch nach Texas,
wohl wissend, dass auch dort jugendliche
Straftäter unbarmherzig eingeschläfert werden. Nein, was vor allem zwischen uns und
den Chinesen steht, ist die unerwiderte Leidenschaft für den Fußball.
Bei unserer WM in Deutschland werden
wir daher ohne China auskommen müssen
– raus in der Qualifikation, abgehängt von
Kuwait mit der besseren Tordifferenz. Wie
passiert denn so was? Es mag ja sein, dass
sich in den Hochhausschluchten Schanghais schlecht Straßenfußballer bis zur Ronaldo-Reife austoben können. Aber große
Teile des Landes sollen nach wie vor bettelarm sein. Da hat doch sicher jeder Vater
schneller einen Lumpenball aufgetrieben,
als dass er eine Tischtennisplatte in die Hütte stellt. Und was machen die chinesischen
Kleinen denn nach der Kinderarbeit?
In Deutschland leben nur 80 Millionen
Menschen. Unter solchen Voraussetzungen
müssen die Fußballfreunde einen Bastian
Schweinsteiger als Wunder feiern. Aber bei
1,3 Milliarden Einwohnern gibt es noch
nicht mal einen Robert Huth? Oder etwas
Wörnsartiges mit Namen Feng? Die Ideologie ist ausnahmsweise unschuldig. Michael
Ballack, Bernd Schneider und andere beweisen immer wieder, dass bei Kommunistenkindern nicht beide Füße von Geburt an
links eingehängt sind. Vielleicht fürchten
die traditionsfesten Chinafußballer ja einen Gesichtsverlust beim Weltturnier. Und
grausen sich davor, wieder nur als hastige
Vorspeise, gewissermaßen als Frühlingsrolle, für brasilianische Künstler wie beim 0:4
vor drei Jahren herzuhalten.
Jetzt mal im Ernst, ihr lieben neuen
Freunde aus dem Reich der Mitte. Denkt
noch mal nach. Ohne Euch hat eine Weltmeisterschaft mit „Welt“ nicht viel zu tun,
denn ihr seid nun mal ein Viertel davon.
Hier daher das Angebot: Ihr dürft einfach
ohne Qualifikation mitmachen. Wir zeigen
den Brasilianern ein paar tolle Discos und
bedrohen die Holländer mit einer Wohnwagenmaut. Während des gesamten Turniers fällt nicht einmal das Wort „Menschenrechte“, und ihr werdet ungehindert
der Meister der Welt. Und jetzt haltet euch
fest, liebe Chinesen: Wir haben sogar einen
Kaiser, der euch den Pokal übergeben kann.
Einen Edelmann, wie es ihn jahrtausendelang auch bei euch gab. Unserer kann sogar
Konfuzius-Weisheiten auf Bayerisch dahersagen. Alles klar?<
LIEBE LESER, WIE HAT IHNEN DIESE RUND-AUSGABE GEFALLEN? BITTE SCHREIBEN SIE UNS: REDAKTION RUND, PINNEBERGER
WEG 22-24, 20257 HAMBURG ODER [email protected]. RUND IM INTERNET: WWW.RUND-MAGAZIN.DE
RUND 116
rund_116_Thadeusz 116
06.09.2005 15:18:38 Uhr