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Christoph Volkamer
PROBLEM - KIND
WAS TUN?
Problem - Kind — Was tun?
Christoph Volkamer
published by: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
Copyright: © 2014 Christoph Volkamer
ISBN 978-3-8442-8542-0
Illustrationen: Thomas Kuhlenbeck
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Covergestaltung: Erik Kinting
Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-8442-8543-7
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung............................................................................. 7
2. Einschätzung und Planung................................................. 8
2.01 Wann ist Hilfe notwendig? ..................................................8
2.02 An wen wendet man sich? ...................................................9
2.03 Wie geht man vor? .............................................................10
2.04 Wie läuft ein Vorstellungstermin ab? ...............................10
2.05 Kann ein Vorstellungstermin schaden? ............................10
2.06 Wer hat die Schuld? ...........................................................11
3. Probleme, Schwierigkeiten, Störungen ........................... 12
3.01 Adipositas (Übergewicht)..................................................12
3.02 Aggressives Verhalten .......................................................13
3.03 Angststörungen...................................................................16
3.04 Anorexia nervosa (Magersucht)........................................19
3.05 Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung
(ADHS, HKS, Zappelphilipp-Syndrom)...................................21
3.06 Autismus .............................................................................24
3.07 Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht)..................................27
3.08 Daumenlutschen .................................................................27
3.09 Delinquenz (Straftaten)......................................................28
3.10 Depression (Traurigkeit und Niedergeschlagenheit) .......28
3.11 Diebstahl .............................................................................29
3.12 Drogenmissbrauch (Nikotin, Alkohol, illegale Drogen) .31
3.13 Enuresis (Einnässen), Enkopresis (Einkoten)...................32
3.14 Essen verstecken und horten..............................................34
3.15 Fütterstörungen...................................................................35
3.16 Geistige Behinderung und psychische Auffälligkeiten....35
3.17 Kiss-Syndrom .....................................................................36
3.18 Motorische Entwicklungsverzögerungen .........................37
3.19 Mutismus (Sprachverweigerung)......................................37
3
3.20 Onychophagie (Fingernägelkauen)...................................39
3.21 Pica (Essen von Ungenießbarem) .....................................40
3.22 Posttraumatische Belastungsstörungen (Vernachlässigung,
körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch).............40
3.23 Schulabsentismus (Nicht-zur-Schule-gehen) ...................43
3.24 Schlafstörungen ..................................................................45
3.25 Schwere körperliche Erkrankungen..................................46
3.26 Schizophrenie .....................................................................47
3.27 Sexuelle Auffälligkeiten ....................................................49
3.28 Somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden ohne
körperliche Erkrankung) ............................................................49
3.29 Sprachentwicklungsstörungen...........................................50
3.30 Suizidalität (Selbsttötung), selbstverletzendes Verhalten52
3.31 Teilleistungsschwächen: Legasthenie (Lese-RechtschreibStörung), Dyskalkulie (Rechenstörung)....................................54
3.32 Tics (ungewöhnliche Bewegungen und Zuckungen).......58
3.33 Trichotillomanie (Haareausreißen) ...................................59
3.34 Überforderung — Unterforderung....................................59
3.35 Wahrnehmungsstörungen ..................................................61
3.36 Zwänge (Wiederholungen sinnloser Handlungen) ..........62
4. Diagnostik und Therapieplanung.................................... 64
4.01 Diagnostik...........................................................................64
4.02 Diagnosen ...........................................................................66
4.03 Wer entscheidet, ob eine Therapie stattfindet?.................68
4.04 Woher weiß ich, ob die Therapie richtig und gut ist?......69
4.05 Wer unternimmt was?........................................................70
4.06 Was können andere Erwachsene tun, die nicht
sorgeberechtigt sind? ..................................................................71
4.07 Nebenwirkungen einer Therapie.......................................72
5. Therapien und Hilfen........................................................ 73
5.01 Autismusambulanzen.........................................................73
5.02 Biofeedback ........................................................................74
4
5.03 Entspannungsverfahren......................................................74
5.04 Ergotherapie........................................................................74
5.05 Frühförderung.....................................................................75
5.06 Gruppentherapie .................................................................75
5.07 Heilpädagogische Kindergärten ........................................76
5.08 Heilpädagogisches Reiten..................................................76
5.09 Hypnose ..............................................................................76
5.10 Integrative Kindergartenplätze ..........................................77
5.11 Jugendhilfemaßnahmen .....................................................77
Erziehungsbeistandschaft.......................................................78
Sozialpädagogische Familienhilfe.........................................78
Aufsuchende Familientherapie..............................................78
Tagesgruppen..........................................................................78
Vollstationäre Einrichtungen.................................................79
Pflegefamilien.........................................................................79
5.12 Kinderschutzambulanzen...................................................79
5.13 Klingelhose .........................................................................79
5.14 Krankengymnastik (Physiotherapie).................................80
5.15 Krankenhausbehandlung....................................................80
5.16 Lerntherapien......................................................................81
5.17 Medikamente ......................................................................82
Stimulanzien ...........................................................................83
Antidepressiva ........................................................................83
Benzodiazepine.......................................................................84
Neuroleptika ...........................................................................84
5.18 Neurofeedback....................................................................84
5.19 Psychotherapie....................................................................85
Verhaltenstherapie..................................................................86
Analytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapien..86
Familientherapie.....................................................................86
5.20 Psychomotorik....................................................................88
5.21 Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter.............................88
5.22 Sprachheilkindergärten ......................................................89
5
6. Lebensführung und Freizeitgestaltung ........................... 89
6.01 Fernsehen und elektronische Spiele..................................89
6.02 Geheimnisse........................................................................91
6.02 Sport ....................................................................................92
6.03 Tagesablauf.........................................................................92
6.04 Vorbilder .............................................................................92
6.02 Zuversicht ...........................................................................93
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1. Einleitung
Kinder zu haben oder beruflich mit ihnen zu tun zu haben ist
schön. Aber es ist auch sehr anstrengend und oft mit Sorgen
und dem Gefühl von Überforderung verbunden.
Sehr viele Kinder haben vorübergehend oder auch länger
Schwierigkeiten. Manche Kinder lernen bestimmte Dinge
nicht. Andere Kinder verhalten sich nicht so, wie man es von
ihnen erwartet. Manchmal scheint es kaum möglich einzuschätzen, was in einem Kind oder Jugendlichen vor sich geht.
Wenn Eltern, aber auch Erwachsene, die mit Kindern und Jugendlichen beruflich zu tun haben, bei ihnen Schwierigkeiten
bemerken, überlegen sie oft, ob das Kind oder der Jugendliche
noch normal oder bereits Hilfeerforderlich ist.
Dieses Buch hilft dabei zu entscheiden, ob mit einem Kind oder
einem Jugendlichen ein Spezialist aufgesucht werden sollte.
Im Kapitel 2 wird zunächst in allgemeiner Form dargestellt
woran man erkennen kann, ob eine Abklärung der Schwierigkeiten notwendig ist und wie man vorgeht.
In Kapitel 3 werden in alphabetischer Reihenfolge verschiedene Verhaltensauffälligkeiten und seelische Störungen kurz dargestellt. Die verschiedenen Schwierigkeiten werden zum Teil
mit Beispielen illustriert. Dieser Abschnitt hilft dabei, Schwierigkeiten eines Kindes oder Jugendlichen genauer einzuordnen.
In Kapitel 4 finden sich in allgemeiner Form wichtige Überlegungen zur diagnostischen Einordnung und möglichen Ursachen von seelischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten
bei Kindern und Jugendlichen.
Eine Darstellung verschiedener Therapieverfahren findet sich
in Kapitel 5.
Allgemeine Hinweise zur Lebensführung und Freizeitgestaltung im Hinblick auf Kinder und Jugendliche finden sich in
Kapitel 6.
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2. Einschätzung und Planung
2.01 Wann ist Hilfe notwendig?
Eine genauere Einschätzung ist immer dann notwendig, wenn:
-
ein Kind oder Jugendlicher unter einem Problem selber
leidet,
aufgrund des Problems erhebliche Schwierigkeiten in
der Familie, in der Schule oder
im Kontakt mit Gleichaltrigen auftreten,
ein Kind oder Jugendlicher wegen des Problems wichtige Entwicklungsschritte nicht machen kann,
ein Problem nicht nur vorübergehend, sondern andauernd besteht.
Einige Beispiele:
Wenn ein Säugling über den Tag verteilt zwei bis drei Stunden
weint, so kommt dies häufig vor. Hilfe ist meistens nicht notwendig. Wenn die Eltern sich aber dadurch sehr hilflos und
überfordert fühlen, so ist eine Beratung sinnvoll, da die Beziehung zwischen Eltern und Kind unter einer Verunsicherung der
Eltern leiden kann.
Wenn ein Kind mit sechs Jahren bei Erkrankungen oder Belastungen noch gelegentlich einnässt, so kann man abwarten.
Wenn ein achtjähriges Kind noch regelmäßig nachts einnässt,
so ist Hilfe erforderlich, denn oft ist das Kind selbst nicht mit
der Situation zufrieden, da es weiß, dass sein Verhalten nicht
altersentsprechend ist. Außerdem sind bei einem Einnässen
Übernachtungen bei Freunden und auf Klassenfahrten kaum
möglich. Solche Erfahrungen sind jedoch wichtig für die soziale Entwicklung.
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Wenn ein Kind in der Schule Konzentrationsprobleme zeigt,
zum Beispiel nachdem der geliebte Großvater gestorben ist, ist
dies normal und das Kind kann das Erlebnis oft durch die Hilfe
der Familie bewältigen. Hat ein Kind jedoch dauerhaft Konzentrationsprobleme, sodass die schulischen Leistungen leiden,
dann sollte genauer nach der Ursache gesucht werden.
Hat ein Kind gelegentlich Auseinandersetzungen mit seinen
Freunden, ist das normal. Hat ein Kind jedoch wegen dieser
Auseinandersetzungen immer weniger soziale Kontakte oder
fällt das Verhalten Außenstehenden auf (ErzieherInnen, LehrerInnen), so ist eine Abklärung erforderlich.
Macht sich eine Jugendliche viele Gedanken über ihr Äußeres
und probiert Diäten aus, ist das nicht ungewöhnlich. Ist eine
Jugendliche aber sehr intensiv mit dem Thema Essen beschäftigt, vermeidet bestimmte Nahrungsmittel und beginnt trotz
Normalgewicht abzunehmen, gibt es oft tiefer liegende Ursachen, und es muss abgeschätzt werden, ob eine beginnende
Magersucht vorliegt.
2.02 An wen wendet man sich?
Für die genaue Einschätzung der Schwere eines Problems, der
Ursachen und der besten Therapie sind Kinder- und Jugendpsychiater in jedem Fall die richtigen Ansprechpartner. In vielen
kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen und Kliniken arbeiten
neben den Kinder- und Jugendpsychiatern außerdem Psychologen, Sozialpädagogen, Heilpädagogen, Diplompädagogen, Ergotherapeuten, Logopäden, Motopäden und Erzieher.
Kinder- und Jugendpsychiater arbeiten mit anderen niedergelassenen Therapeuten und anderen Einrichtungen (Beratungsstellen,
Schulen, Kindergärten, Jugendhilfeeinrichtungen etc.) zusammen.
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2.03 Wie geht man vor?
Telefonnummern von Kinder- und Jugendpsychiatern findet
man im Internet (z. B. unter www.bkjpp.de) oder in Telefonbüchern (Ärztetafel). Auch die kassenärztlichen Vereinigungen
und die Krankenkassen verfügen über Verzeichnisse von Kinder-und Jugendpsychiatern sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.
2.04 Wie läuft ein Vorstellungstermin ab?
Ein Vorstellungstermin dauert in der Regel etwa eine Stunde.
Bei Kindern wird oft sowohl mit Eltern und Kindern getrennt
als auch gemeinsam gesprochen. Bei Jugendlichen wird berücksichtigt, ob sie mit einem Gespräch, in dem sie nicht anwesend sind, einverstanden sind. Oft werden zwei bis sechs weitere diagnostische Termine und ein abschließendes Gespräch
vorgeschlagen. Im abschließenden Gespräch wird mit den Eltern und den älteren Kindern oder Jugendlichen das Ergebnis
der Diagnostik erörtert und — falls notwendig — ein Behandlungsvorschlag gemacht.
Der genaue Ablauf kann je nach Praxis und Person des Kinderund Jugendpsychiaters variieren. Bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutenund in Beratungsstellen ist das Vorgehen oft vergleichbar.
2.05 Kann ein Vorstellungstermin schaden?
Wenn ein Kind oder Jugendlicher einem Kinder- und Jugendpsychiater vorgestellt wird, so ist allen älteren Kindern und
Jugendlichen klar, dass der Termin ihretwegen stattfindet. Den
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meisten Kindern und Jugendlichen ist bewusst, dass es Schwierigkeiten gibt die sie betreffen. Sie sind häufig entlastet, wenn
sie wissen, dass sich die Erwachsenen um Hilfe bemühen. Es
kann wichtig sein, Jugendlichen gegenüber deutlich zu machen, dass sie nicht als psychisch krank etikettiert werden sollen.
Die diagnostischen Termine werden von den allermeisten Kindern und Jugendlichen als interessant, abwechslungsreich und
unterhaltsam, manchmal auch als anstrengend erlebt. Die Termine schaden den Kindern oder Jugendlichen in der Regel
nicht, können aber auf viel Skepsis stoßen, sodass insbesondere
Jugendlichen der Zweck einer Vorstellung genau erklärt werden muss.
2.06 Wer hat die Schuld?
Viele Eltern machen sich Gedanken, ob Erziehungsfehler der
Grund für die Probleme ihres Kindes sind und fühlen sich
schuldig. Oft sind ihnen von verschiedenen Seiten mehr oder
weniger deutlich Vorwürfe gemacht worden. Aus der Angst
vor weiteren Vorhaltungen werden Fachleute oft gar nicht oder
erst sehr spät aufgesucht.
Die diagnostischen Termine dienen nicht dazu einen Schuldigen auszumachen, sondern sie haben zum Ziel, Möglichkeiten
zu finden ein Problem zu lösen und dem Kind oder Jugendlichen zu helfen. Auch wenn sich zeigen sollte, dass Eltern etwas
anders machen sollten, so geht es nicht darum, den Eltern Fehler aus der Vergangenheit vorzuhalten, sondern bessere Alternativen für die Zukunft zu entwickeln.
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3. Probleme, Schwierigkeiten, Störungen
Um Eltern die Einschätzung zu erleichtern, ob es notwendig
sein könnte Hilfe zu suchen, werden im Weiteren in alphabetischer Reihenfolge Abweichungen in verschiedenen Entwicklungsbereichen und beim Verhalten von Kindern und Jugendlichen kurz beschrieben und zum Teil an konkreten Beispielen
veranschaulicht. Oft treten mehrere Probleme gleichzeitig auf,
zum Beispiel eine depressive Störung bei einer ausgeprägten
Lese- und Rechtschreibstörung.
Am Ende der Darstellungen finden sich Hinweise auf weiterführende Literatur.
3.01 Adipositas (Übergewicht)
Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen kann mit den Ernährungsgewohnheiten zusammenhängen, die dann geändert
werden sollten (Ernährungsberatung) es kann aber auch Ausdruck einer seelischen Belastung sein (Kummerspeck). Bei der
Einschätzung ist es hilfreich, das Gewicht und die Ernährungsgewohnheiten der anderen Familienmitglieder zu betrachten.
Finden sich weitere übergewichtige Personen in der Familie, so
sind Maßnahmen zur Gewichtsabnahme sehr oft nur dann erfolgreich, wenn sich auch die anderen Familienmitglieder an
Diäten oder Therapien beteiligen.
Stehen die Kinder mit ihrem Übergewicht in der Familie alleine, so sollte nach dem Ausschluss körperlicher Ursachen nach
möglichen seelischen Gründen gesucht werden. Zeigen sich
dabei Anzeichen für schwerwiegende seelische Probleme, so
ist neben den Maßnahmen zur Gewichtsreduktion oft auch eine
Psychotherapie notwendig.
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Literatur:
Ernst, M., Wiegand, S.: Adipositas bei Kindern und Jugendlichen einmal anders, Huber 2010
3.02 Aggressives Verhalten
Maximilian, 10 Jahre, aggressives Verhalten
Maximilian macht schon lange Probleme. Die Schwierigkeiten
eskalieren bei einem Streit in der Schule. Maximilian prügelt
sich mit einem Mitschüler, der Mitschüler fällt unglücklich und
muss ärztlich behandelt werden.
Bereits zuvor gab es häufig Auseinandersetzungen, an denen
Maximilian beteiligt war. Oft schlägt er auch bei geringen Anlässen zu, sodass immer mehr Kinder in der Klasse und der
Nachbarschaft Maximilian meiden.
Das Verhalten ändert sich trotz einer ambulanten und dann
einer stationären Therapie nicht wesentlich. Der Grund für
Maximilians Verhalten ist lange unklar.
Erst als Maximilian vier Jahre später wegen Leistungsproblemen erneut in der Praxis vorgestellt wird (er besucht inzwischen die Sonderschule), berichtet die Mutter vom langjährigen
Alkoholmissbrauch des Vaters der, wenn er alkoholisiert ist,
laut, jähzornig und aggressiv wird. Im Weiteren trennt sich die
Mutter vom Vater ihres Sohnes.
Auch nach der Trennung der Eltern zeigt Maximilian weiter
ein problematisches Verhalten. Durch eine Jugendhilfemaßnahme, bei der sowohl mit den Eltern als auch mit Maximilian
gearbeitet wird, bessert sich sein Verhalten schrittweise.
Unkontrolliertes aggressives Verhalten stellt ein großes Problem dar. Ein Kind, das sich aggressiv verhält, wird schnell
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zum Außenseiter. Die allermeisten Kinder zeigen in ihrer Entwicklung gelegentlich aggressives Verhalten, was vollkommen
normal ist. Kleinkinder ziehen beispielsweise ihre Eltern so an
den Haaren, dass es schmerzt, sie hauen oder beißen, um Grenzen und Machtverhältnisse auszuloten.
Für den späteren Umgang mit Aggressionen ist die Reaktion
der Erwachsenen in solchen Situationen von großer Bedeutung.
Insbesondere im Umgang mit aggressivem Verhalten bei Jungen zeigen sich viele Erwachsenen wenig eindeutig. Auf der
einen Seite will niemand einen Verbrecher heranziehen, auf der
anderen Seite steht oft die große Angst, der Junge könnte kein
richtiger Junge werden. Für viele Jungen ist diese unklare Haltung sehr irritierend, da sie nicht wissen, welches Verhalten
erwartet wird.
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Eine klare und eindeutige Haltung der erziehenden Erwachsenen ist von großer Bedeutung und Voraussetzung jeder Veränderung bei Problemen mit aggressivem Verhalten.
Auch bei Vorschulkindern ist es bereits sehr wichtig auf ein
angemessenes soziales Verhalten zu achten und unangemessenes Verhalten nicht als normal (Er ist halt ein kleiner Rabauke)
zu verharmlosen.
Ein kleines Kind kann noch festgehalten werden und ernsthafte
Verletzungen sind kaum zu befürchten. Setzt sich das Verhalten bis ins jugendliche Alter fort, wird es sehr schwierig angemesseneres Verhalten durchzusetzen. Der Einfluss von Erwachsenen auf Jugendliche nimmt stetig ab, je älter die Jugendlichen werden. Wenn sich Jugendliche Gruppen mit strafbarem Verhalten anschließen, so ist oft die Jugendgerichtshilfe
die einzige Möglichkeit, das Verhalten der Jugendlichen zu
unterbinden, da sie therapeutische Angebote ablehnen und eine
Therapie gegen den Willen eines Jugendlichen, egal ob ambulant oder stationär, kaum möglich ist.
Nicht nur eine zu nachsichtige Erziehung kann zu aggressivem
Verhalten führen. Auch ein übermäßig strenger Umgang mit
Kindern und Jugendlichen kann die Ursache sein. Zu starker
Druck oder Schläge als Mittel der Erziehung führen oft zu
einem ähnlichen Verhalten bei Kindern oder Jugendlichen, da
Kinder von schlagenden Erwachsenen lernen, dass Schlagen
erlaubt ist, falls man stärker ist als der andere.
Aggressives Verhalten kann auch Ausdruck großer Angst oder
Verzweiflung sein und diese ursächlichen Gründe verdecken.
Bei ausgeprägtem aggressivem Verhalten von Kindern und
Jugendlichen ist es unbedingt erforderlich nach den Ursachen
für das Verhalten zu suchen, um so den Kindern und Jugendlichen helfen zu können anders mit der Wut umzugehen oder die
Lebensbedingungen so zu verändern, dass die Kinder oder Jugendlichen weniger belastet oder frustriert sind.
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Neben einer Veränderung der Lebensumstände ist es oft hilfreich Kindern oder Jugendlichen beizubringen, mit ihrer Aggression dosiert und kontrolliert umzugehen. Neben Antiaggressionstraining sind auch gute Kampfsportschulen eine sehr
sinnvolle Möglichkeit, Kindern oder Jugendlichen beim Umgang mit ihren Aggressionen zu helfen.
Literatur:
Deegener, G.; Körner, W.: Gewalt und Aggression im Kindesund Jugendalter, Beltz 2011
3.03 Angststörungen
Sarah, 8 Jahre, Schulangst
Sarah besucht seit drei Wochen die Schule nicht mehr. Bereits
zuvor fehlte sie häufig. Morgens klagt sie über Bauchschmerzen und wird deshalb von ihrer Mutter oft nicht in die Schule
geschickt.
Bei der körperlichen Untersuchung findet sich kein auffälliger
Befund. Auch die Blutuntersuchung und die Ultraschalluntersuchung ergeben normale Resultate. Im Gespräch zeigt sich,
dass die Bauchschmerzen nur an Schultagen und an Sonntagabenden auftreten. Am Wochenende und in den Ferien sowie
nachmittags ist Sarah beschwerdefrei.
Zur Vorgeschichte berichtet die Mutter von großen Problemen
während des Kindergartenbesuches: Wenn sie ihre Tochter
abgegeben habe, habe sie geweint, geschrien und sich an ihre
Mutter geklammert. Die Erzieherinnen versicherten ihr damals
glaubhaft, dass Sarah aufhörte zu weinen, sobald die Mutter
außer Sicht war.
Bei weiteren Terminen berichtet die Mutter von einem Alkoholproblem des Vaters, das seit mehreren Jahren besteht. Ihrer
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einzigen Tochter zuliebe und um ihre Familie zu erhalten, hat
sie sich bislang nicht vom Vater getrennt.
Bei Sarah liegt eine Trennungsangst vor. Die psychosomatischen Bauchschmerzen werden von Sarah tatsächlich als
Schmerzen empfunden. Ohne dass Sarah dies bewusst ist, ermöglichen die Bauchschmerzen ihr, bei ihrer Mutter zu bleiben
und nicht in die Schule gehen zu müssen. Die konflikthafte
Beziehung zwischen den Eltern hat zu einer überengen Beziehung zwischen Sarah und ihrer Mutter geführt. Im Gespräch
mit den Eltern wird der Alkoholkonsum des Vaters thematisiert. Er vermag seinen Alkoholkonsum nicht einzuschränken.
Die Schulangst bleibt zunächst bestehen, der Schulbesuch ist
weiter nur unregelmäßig möglich. Erst als Sarahs Mutter sich
von dem Vater ihrer Tochter trennt, ist eine therapeutische
Unterstützung erfolgreich und Sarah kann zu einem regelmäßigen Schulbesuch verholfen werden.
Wenn ein Kind eine gesteigerte Ängstlichkeit zeigt, kann dies
viele Ursachen haben. Für eine nähere Einschätzung ist es oft
hilfreich zu beobachten, wann und in welchem Zusammenhang
die Angst auftritt.
Manche Kinder wachen vor Mitternacht auf und machen einen
sehr ängstlichen Eindruck. Oft weinen oder schreien die Kinder
und sind kaum zu beruhigen. Viele Kinder sind in diesem Zustand nur schwer zu wecken und wirken, als würden sie die
Eltern kaum wahrnehmen. Die Kinder können sich am nächsten Morgen nicht an den Vorfall erinnern.
Diese nächtlichen Angstattacken (Pavor nocturnus) stehen oft
mit Belastungen im Zusammenhang, ohne dass diese unmittelbar offensichtlich wären. Treten solche nächtlichen Angstanfälle sehr häufig (mehrmals pro Woche) und über einen längeren
Zeitraum (länger als ein halbes Jahr) auf oder kommen andere
Schwierigkeiten hinzu, so empfiehlt sich eine diagnostische
Abklärung.
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Eine weitere Situation mit regelmäßig auftretender erhöhter
Angst sind Trennungen (z. B. die Verabschiedung im Kindergarten oder in der Schule). Neben Ursachen im Kindergarten
oder in der Schule (Mobbing, Teilleistungsschwächen o.ä.)
kommen Verunsicherungen innerhalb der Familie als Ursache
in Betracht. Manchmal bringt das Kind mit seiner Ängstlichkeit Ängste, Befürchtungen oder Anspannungen anderer Familienmitglieder zum Ausdruck (Kinder nehmen oft sehr feinfühlig wahr, wie es ihren Eltern geht, oft auch ohne genau zu wissen, was ihren Eltern Sorgen bereitet).
Kinder und Jugendliche können sich vor vielen Dingen fürchten: vor Tieren, bestimmten Situationen, vor großen Gruppen
zu sprechen, zu versagen, etwas Neues auszuprobieren.
Oft ist es hilfreich zu überlegen, ob es eine wichtige Person in
der Umgebung eines Kindes gibt, bei der ebenfalls eine erhöhte
Ängstlichkeit besteht und die dem Kind als Vorbild dient. Mit18
unter imitieren Kinder das Verhalten von Erwachsenen, die für
sie wichtig sind. In diesem Fall ist es wichtig, neben einer
Unterstützung für das Kind zu überlegen, welche Hilfe für den
betroffenen Erwachsenen notwendig ist.
Eine weitere mögliche Ursache für eine erhöhte Ängstlichkeit
ist eine Überforderung.
Wenn Kinder Angst zeigen, obwohl die Situation nicht gefährlich ist und keine Belastungen, wie z. B. Mobbing bestehen,
sollte die ängstigende Situation nicht vermieden werden. Denn
je häufiger die Kinder der vermeintlich gefährlichen Situation
aus dem Weg gehen, desto größer wird ihre Angst. Zeigt ein
Kind zum Beispiel eine starke Trennungsangst, dann ist es
wichtig die Trennungssituation durchzustehen, ohne zu sehr
auf die Ängste des Kindes einzugehen.
Bei schweren oder lang anhaltenden Ängsten empfiehlt sich
eine psychotherapeutische Behandlung. Am erfolgreichsten
sind oft Verhaltenstherapien. Mitunter ist eine medikamentöse
Unterstützung angezeigt.
Literatur:
Schmidt-Traub, S.: Selbsthilfe bei Angst im Kindes- und Jugendalter, Hogrefe 2010
3.04 Anorexia nervosa (Magersucht)
Beatrice, 15 Jahre, Magersucht
Beatrice war immer unproblematisch, ein Sonnenschein. Im
Kindergarten war sie beliebt, in der Grundschule eine sehr gute
Schülerin. Beatrice besucht die 9. Klasse eines Gymnasium mit
guten Zensuren.
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Beatrices Essverhalten verändert sich zunächst unmerklich, sie
beginnt auf eine gesunde Ernährung zu achten und auf Süßigkeiten zu verzichten. Sie beginnt im Weiteren langsam zu essen, nimmt nur kleine Portionen zu sich. Isst sie eine Scheibe
Brot, so schneidet sie dünne Scheiben in kleine Stücke, die sie
nach und nach verzehrt. Die Nahrungsmengen werden immer
kleiner, gleichzeitig backt und kocht Beatrice für ihre Familie
und ihre Freundinnen.
Beatrice verliert ständig an Gewicht, ihre Regelblutungen bleiben aus. Zum Zeitpunkt der Vorstellung wiegt Beatrice 41 kg
bei einer Größe von 1,70 m.
Beatrice und ihre Eltern berichten neben dem Gewichtsverlust
von einer starken Unruhe und erheblichen Schlafstörungen.
Beatrice nimmt ein Schilddrüsenmedikament ihrer Großtante,
die im Haus nebenan wohnt, da sie gehört hat, dass diese Tabletten den Grundumsatz und damit den Kalorienverbrauch
steigern.
Bei Beatrice liegt eine Magersucht vor.
Einer stationären Behandlung steht Beatrice sehr ablehnend
gegenüber. Auch ihre Eltern zeigen sich zunächst skeptisch.
Ein ambulanter Behandlungsversuch scheitert, Beatrice nimmt
weiter an Gewicht ab. Nach einem halben Jahr wird sie mit
einem Körpergewicht von 37,3 kg stationär aufgenommen. In
der Klinik stabilisiert sich ihre Situation, sie nimmt zu. Anschließend erfolgt eine ambulante Psychotherapie.
Eine Magersucht betrifft Mädchen weitaus häufiger als Jungen.
Sie entwickelt sich selten vor Beginn der Pubertät. Typisches
Zeichen einer Magersucht ist ein Gewichtsverlust, der auch
beabsichtigt ist. Oft essen die Mädchen nur bestimmte (kalorienarme) Speisen und das sehr langsam. Die Mädchen treiben
Sport mit dem Ziel Kalorien zu verbrauchen, sie empfinden
sich trotz ihres geringen Körpergewichts noch als zu dick und
sehen ihre Magerkeit nicht als Problem an. Bei jugendlichen
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Mädchen bleibt bei stärkerem Untergewicht die Regel aus, was
ein weiterer Hinweis auf eine Magersucht ist.
Neben einer organischen Diagnostik, die ausschließt, dass eine
körperliche Erkrankung vorliegt, ist eine kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik möglichst frühzeitig unerlässlich, da
eine Magersucht eine ernste Erkrankung darstellt, die unbehandelt dazu neigt chronisch zu werden und tödlich verlaufen
kann. In jedem Einzelfall muss entschieden werden, ob ein
ambulanter Behandlungsversuch möglich oder eine Aufnahme
in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie notwendig
ist.
Literatur:
Bryant-Waugh, R.; Lask, B.: Essstörungen bei Kindern und
Jugendlichen, Huber 2008
3.05 Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung
(ADHS,
HKS,
ZappelphilippSyndrom)
Michel, 7 Jahre, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung
Michel besucht die 2. Klasse der Grundschule. Michel kommt
mit den anderen Kindern gut aus, spielt gerne draußen. In der
Schule beklagt die Lehrerin eine kurze Konzentrationsspanne,
schnell ist Michel abgelenkt, redet dann mit seinem Nachbarn,
steht auf, um etwas in den Papierkorb zu werfen, und schaukelt
ständig mit dem Stuhl.
Bereits im Kindergarten ist es Michel sehr schwer gefallen im
Stuhlkreis sitzen zu bleiben und abzuwarten. Seine Mutter berichtet, dass Michel bereits während der Schwangerschaft deutlich unruhiger war als seine Geschwister.
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Auch wenn Michel sich große Mühe gibt, so gelingt es ihm
doch nur für kurze Zeit sein Verhalten zu ändern. Er leidet zunehmend unter den ständigen Ermahnungen der Erwachsenen.
In der Diagnostik ergeben sich keine Hinweise auf seelische
Belastungen oder Teilleistungsschwächen.
Bei Michel wird eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert.
Aufgrund zunehmender Schwierigkeiten in der Schule mit abnehmenden Leistungen wird zunächst eine Behandlung mit
einem Medikament eingeleitet. Im weiteren Verlauf erfolgt
eine ergotherapeutische Unterstützung, in die die Eltern eng
einbezogen werden. Michel treibt in der Freizeit viel Sport im
Verein, die Eltern schränken seinen Medienkonsum stark ein.
Das Medikament kann nach einem Jahr zunächst reduziert und
dann abgesetzt werden. Die erhöhte motorische Unruhe bleibt
bestehen, Michel ist es jedoch möglich sein Verhalten so zu
steuern, dass hieraus keine sozialen Probleme resultieren.
Die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung) wird oft gestellt. Mit dieser Diagnose wird die
Annahme verbunden, dass ein großer Teil der Schwierigkeiten
angeboren ist. Tatsächlich gibt es kein Untersuchungsverfahren, mit dem sich eindeutig feststellen lässt, ob die Schwierigkeiten auf das angeborene Temperament oder auf seelische
Belastungen zurückzuführen sind.
Typische mögliche Hinweise auf eine Aufmerksamkeitsdefizitund Hyperaktivitätsstörung sind:
- erhöhte Impulsivität
- erhöhte motorische Unruhe
- ausgeprägte Konzentrationsprobleme
- eingeschränkte Ausdauer
- ungeduldiges Verhalten
- ausgeprägte Ruhelosigkeit
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Es ist sehr wichtig zu beachten, dass die entsprechenden Symptome regelmäßig die Folge von psychischen Belastungen sind.
Dies macht eine sehr genaue Diagnostik unbedingt notwendig,
insbesondere bevor eine medikamentöse Therapie eingeleitet
wird.
Generell gilt, dass Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer geübt
werden müssen, wie andere Fertigkeiten auch. Konzentration
und Ausdauer zu üben macht oft keinen Spaß, denn das Üben
beginnt meist da, wo der Spaß erst einmal aufhört. Jemand der
eine Sportart oder ein Instrument lernen will, wird einige
Übungen immer und immer wieder wiederholen, auch wenn es
keinen Spaß mehr macht. Dabei lernt der Mensch das Geübte
zu verbessern — und Ausdauer. Außerhalb der Schule werden
Ausdauer und Konzentration gefördert, wenn eine Sportart
trainiert, ein Musikinstrument erlernt, gemalt, gebastelt oder
Theater gespielt wird.
Die ausgiebige Beschäftigung mit Medien verschlechtert die
Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit. Bei Computerspielen
und Fernsehen wird Kindern und Jugendlichen ein hohes Maß
an Abwechslung, verbunden mit vielen attraktiven Reizen geboten, ohne dass sie sich selber bemühen und dazu beitragen müssen. Insbesondere Kinder, die Probleme mit der Konzentration
und Ausdauer haben, sollten möglichst wenig Zugang zu Medien haben. Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen mit
Konzentrationsproblemen und einer erhöhten motorischen Unruhe ist so schädlich, wie das Rauchen für einen Lungenkranken.
Manche Kinder und Jugendliche haben trotz Übung und viel
Unterstützung, bei einer angemessenen Freizeitbeschäftigung,
große Probleme mit der Konzentrationsfähigkeit. In diesem
Fall sollte abgeklärt werden, ob eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung vorliegt.
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Kinder und Jugendliche mit diesem Problem werden oft ermahnt
und gemaßregelt. Es ist daher besonders wichtig, ein Gegengewicht zu dieser Kritik zu schaffen, indem auch ihre positiven
Seiten gesehen und immer wieder hervorgehoben werden.
Nach einer genauen Abklärung können eine psychotherapeutische Behandlung, eine Ergotherapie und mitunter eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein.
Literatur:
Born, A.; Oehler, C.: Lernen mit ADS-Kindern, Kohlhammer 2012
Hüther, G.; Bonney, H.: Neues vom Zappelphilipp, 2. Aufl.,
Beltz 2013
Naumann, K.; Schlottke. P.; Lauth, G.: Rastlose Kinder, ratlose Eltern, 2.. Aufl., dtv 2011
3.06 Autismus
Samuel, 5 Jahre, Autismus
Samuel ist mit fünf Jahren erstaunlich weit entwickelt. Er kennt
das Datum seiner Geburt, kann sogar die Uhrzeit nennen. Das
Alter seiner Eltern und seiner drei Geschwister weiß er auswendig und kann auch deren Geburtsdaten nennen. Außerdem
weiß er den Hochzeitstag seiner Eltern, den Tag, an dem zwei
Jahre zuvor das neue Familienauto gekauft wurde und viele
andere Daten.
Samuel wird vorgestellt, weil er in der Kindergruppe noch immer keine Freunde gefunden hat, den Kontakt zu anderen Kindern sogar meidet. Er hängt an den Erzieherinnen und fragt sie
ständig nach allen möglichen Daten: ihrem Alter, der Uhrzeit,
der Anzahl der Zimmer ihrer Wohnungen. Dabei scheint Samuel wenig Interesse an der jeweiligen Person zu haben, es
scheint ihm in erster Linie um die Zahlen zu gehen. Mit den
24
anderen Kindern kann Samuel nicht über eine längere Zeit
spielen, denn entweder lassen sie sich auf Samuels Spiel ein
oder Samuel bricht das Spiel ab und geht davon.
Bereits als Kleinkind schien er relativ wenig Interesse an den
Personen seiner Umgebung zu haben, Dinge faszinierten ihn
weitaus mehr.
Bei Samuel wird eine autistische Störung (Aspergersyndrom)
festgestellt. Es erfolgt eine Betreuung durch eine Autismusambulanz. Hierbei gelingt es Samuel zunehmend besser soziale
Regeln einzuhalten; seine Besonderheiten bleiben bestehen.
Autistische Kinder und Jugendliche können sehr unterschiedlich wirken und sehr unterschiedliche Probleme haben. Sie zeigen große Probleme im Kontakt mit anderen Menschen und
können sich kaum in die Gefühle anderer hineinversetzen. Sie
zeigen Unverständnis für das Verhalten ihrer Mitmenschen und
gehen auf deren Beziehungsangebote nicht angemessen ein,
ohne dies zu beabsichtigen oder die Folgen ihres Verhaltens
richtig einschätzen zu können.
Ein autistisches Kind versteht z. B. nicht, warum ein anderes
Kind bei einer traurigen Nachricht zu weinen beginnt, oder es
kann das Weinen nicht als Ausdruck von Trauer wahrnehmen.
Mitunter macht ein Kind oder Jugendlicher Bemerkungen
gegenüber anderen, die sehr verletzend sind, und zwar nicht
um zu provozieren, sondern weil sich das Kind oder der Jugendliche der Wirkung seiner Worte nicht bewusst ist. Oft zeigen diese Kinder und Jugendlichen auffällige Interessen und
Handlungen, mit denen sie oft Stunden verbringen, die für sie
lebensbestimmend sein können, z. B. Interesse an Stadtplänen,
an technischen Gegenständen, an Dingen, die sich drehen. Die
Sprache der Kinder ist oft ungewöhnlich und klingt formelhaft.
Die Kinder und Jugendlichen drücken sich steif aus und verstehen bildhafte Sprache oft nicht. Autistische Kinder werden
bei Veränderungen unruhig und halten an Ritualen fest.
25
Manche autistischen Kinder und Jugendlichen sind geistig behindert, mitunter verletzen sie sich selbst.
Da Menschen nicht nach festen berechenbaren Regeln, wie
zum Beispiel einer Bedienungsanleitung für ein elektrisches
Gerät, funktionieren, sind Kinder und Jugendliche mit autistischen Störungen aufgrund der fehlenden Logik und Berechenbarkeit im Verhalten von Menschen oft damit überfordert, andere Menschen einzuschätzen.
(Access denied = Zugang nicht möglich)
Wegen der sehr unterschiedlichen Ausprägung der Symptome
ist bei einem Verdacht auf eine autistische Störung eine kinderund jugendpsychiatrische Abklärung in jedem Fall erforderlich.
Bei einer gesicherten Diagnose bieten Autismusambulanzen
Hilfe an.
Literatur:
Jørgensen, O.; Asperger: Syndrom zwischen Autismus und
Normalität, Beltz 2012
Kamp-Becker, I.; Bölte, S.: Autismus, UTB 2011
Poustka, F.; Bölte, S.: Autistische Störungen, Hogrefe 2009
Schirmer, B.: Elternleitfaden Autismus, Trias 2006
26
3.07 Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht)
Man spricht von einer Bulimie, wenn Fressanfälle in Verbindung mit Erbrechen auftreten. Oft gelingt es den meist jugendlichen Mädchen erstaunlich lange, diese Essstörung auch vor
ihren nächsten Angehörigen geheim zu halten, da dieses Problem bei den meisten Mädchen mit erheblichen Schuldgefühlen einhergeht und sie sich bemühen, ihr gestörtes Essverhalten
zu verbergen. Weil in der Regel kein Gewichtsverlust eintritt,
ist diese Störung weitaus weniger offensichtlich als eine Magersucht. Kommt es nur zu Fressanfällen (ohne Erbrechen), so
spricht man auch von Binge Eating. In Folge einer Bulimie
können schwere Organschäden auftreten.
Eine Bulimie geht regelmäßig mit anderen psychischen
Schwierigkeiten einher und bedarf einer Psychodiagnostik.
Eine Psychotherapie ist bei einer länger bestehenden Bulimie
immer notwendig. Bei einer schweren Störung und häufigem
Erbrechen (mehrfach täglich) ist oft eine stationäre Behandlung
unumgänglich.
Literatur:
Bryant-Waugh, Lask, B.: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen, Huber 2008
3.08 Daumenlutschen
Wenn ein Kind über das dritte Lebensjahr hinaus am Daumen
lutscht, so ist von Bedeutung, ob es das nachts oder tags macht
und wie intensiv und lange. Ausgiebiges Daumenlutschen kann
zu einem Problem für die Zahn- und Kieferentwicklung werden. Handelt es sich beim Daumenlutschen um eine Angewohnheit, die nicht abgelegt worden ist, so ist es oft möglich
mit dem Kind in Schritten (nicht mehr außerhalb von zu Hause,
27
nicht mehr tagsüber … ) daran zu arbeiten, das Daumenlutschen zu beenden.
Besteht das Daumenlutschen in starker Ausprägung fort — insbesondere, wenn andere Verhaltensauffälligkeiten hinzukommen — so sollte eine Abklärung möglicher Ursachen erfolgen.
Das Daumenlutschen zu bestrafen oder zu behindern ist nicht
sinnvoll.
3.09 Delinquenz (Straftaten)
Straftaten sollten bei Kindern und Jugendlichen immer Anlass
sein, nach den seelischen Ursachen hierfür zu suchen. Oft sind
psychische Störungen der Grund für strafbares Verhalten.
Kinder und Jugendliche wünschen sich Anerkennung und Gemeinschaft. Straftaten bewirken Missachtung und den Ausschluss von sozial anerkannten Gruppen. Da Jugendliche besonders auf die Anerkennung Gleichaltriger angewiesen sind,
schließen sie sich oft delinquenten Gruppen an. Frühzeitige
und intensive Hilfen sind — ggf. auch gegen den Willen der
Jugendlichen — die beste Chance, um eine kriminelle Karriere
zu verhindern. Zuständig sind das Jugendamt und ggf. die Bewährungshilfe.
3.10 Depression (Traurigkeit und Niedergeschlagenheit)
Eine Depression ist eine häufige Erkrankung bei Erwachsenen. Bei einer Depression treten Phasen mit Antriebslosigkeit, Lustlosigkeit, Selbstzweifeln, Niedergeschlagenheit
und Schlafstörungen auf. Es kommen unbegründete Vorstel28
lungen zu verarmen oder schwere Schuld auf sich geladen zu
haben vor.
Diese Zeichen einer Depression können sich auch bei Kindern
oder Jugendlichen finden. Oft dauern die depressiven Phasen
bei Kindern und Jugendlichen weniger lange als bei Erwachsenen. Die depressive Grundstimmung kann von unruhigem oder
aggressivem Verhalten überdeckt sein.
Neben einer genetischen Veranlagung, die eine Rolle spielen
kann, ist es wichtig zu ergründen, welche andere Ursachen eine
Depression haben könnte, was sie auslöst oder verstärkt und
was vor ihr schützt. Oft ist es bei Jugendlichen wichtig, einen
zunehmenden sozialen Rückzug zu verhindern und eine aktive
Teilnahme am Leben mit Verabredungen und Hobbys zu fördern.
Neben einer Psychotherapie gibt es die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung mit Antidepressiva.
Eine starke Depression geht oft mit Selbsttötungsgedanken
einher und muss dann mitunter stationär in einer kinder- und
jugendpsychiatrischen Klinik behandelt werden.
Literatur:
Groen, G.; Ihle, W.: Ratgeber Traurigkeit, Rückzug. Depression, Hogrefe 2012
3.11 Diebstahl
Anna-Lena, 12 Jahre, Diebstahl
Anna-Lena ist bei einem Ladendiebstahl erwischt worden. Sie
hat mit einer Freundin versucht einen Lippenstift zu stehlen. Im
Gespräch gesteht Anna-Lena unter Tränen, schon öfter in
Kaufhäusern gestohlen zu haben. Der Grund ist zunächst unklar, denn Anna-Lena verfügte über genug Taschengeld, um
29
sich die Dinge zu kaufen. Auch zu Hause nimmt sie Kosmetika
ihrer Mutter und versteckt sie in ihrem Zimmer.
Während der Diagnostik wird deutlich, dass Anna-Lena sich in
ihrer Familie ausgeschlossen und von ihrer Mutter zurückgesetzt fühlt. Die Eltern trennten sich fünf Jahre zuvor, ihre Mutter heiratete erneut. Aus dieser Beziehung hat Anna-Lena eine
zweijährige Halbschwester. Die berufstätige Mutter ist sehr
belastet und hat nur noch wenig Zeit für ihre ältere Tochter.
Zwischen Anna-Lena und ihrer Mutter war das Verhältnis auch
zuvor schwierig, Anna-Lenas Mutter sieht viele Ähnlichkeiten
zwischen Anna-Lena und ihrem leiblichen Vater. Dieser hatte
während der Ehe mehrfach außereheliche Beziehungen, was
schließlich der Grund für die Trennung war.
Neben der Störung im Sozialverhalten wird bei Anna-Lena
eine emotionale Störung diagnostiziert.
Familientherapeutische Gespräche führen zu einer Verbesserung der Beziehung zwischen Anna-Lena und ihrer Mutter. In
der Folge treten Diebstähle deutlich seltener auf und unterblieben im Weiteren ganz. Die Beziehung zwischen Anna-Lena
und ihrer Mutter wird harmonischer, auch wenn weiterhin
Spannungen auftreten, die aber kaum stärker ausgeprägt sind
als die Spannungen, die zwischen Jugendlichen und ihren Eltern üblich sind.
Viele Kinder nehmen Dinge an sich, die ihnen nicht gehören.
Ein Kleinkind weiß oft nicht, ob es bestimmte Dinge nehmen
darf oder nicht. Je älter ein Kind wird — und spätestens mit
dem Schuleintritt — weiß ein Kind, ob es berechtigt ist etwas
zu nehmen.
Nehmen Kinder Dinge, die ihnen nicht gehören, so sollte man
anhand der Sachen die genommen wurden entscheiden, wie
dieses Verhalten zu bewerten ist. Es besteht ein erheblicher
Unterschied, ob ein Kind Süßigkeiten genommen, Geld aus
dem Geldbeutel entwendet oder einen Ladendiebstahl began30
gen hat. Diebstähle, die über verbotenes Naschen hinausgehen, sollten zu denken geben. Bei wiederholten Diebstählen
ist eine diagnostische Einschätzung der Ursachen dringend
anzuraten. Oft entspringt ein Diebstahl dem Gefühl, in einem
wichtigen Bereich des Lebens zu kurz zu kommen und macht
neben den notwendigen erzieherischen Maßnahmen auch eine
therapeutische Unterstützung für das Kind oder die Familie
notwendig.
3.12 Drogenmissbrauch (Nikotin, Alkohol, illegale
Drogen)
In allen Kulturen finden sich Drogen, deren Konsum akzeptiert
und reglementiert ist. In den westlichen Ländern sind dies Nikotin und Alkohol. Erfahrungen im Umgang mit diesen Drogen
gehören in unserer Kultur zum Erwachsenwerden. Das Suchtpotenzial und die körperlichen und seelischen Gefährdungen
durch die legalen Drogen Nikotin und Alkohol wurden lange
und werden auch heute noch stark unterschätzt.
Inzwischen weiß man, dass Jugendliche viel schneller von
Drogen abhängig werden als Erwachsene. Daher sollten die
Eltern Einfluss auf die Jugendlichen nehmen, solange dies
möglich ist, sich noch keine Abhängigkeit entwickelt hat und
die Jugendlichen noch nicht zu alt sind. Beim Umgang mit
Suchtmitteln haben die Eltern eine starke Vorbildfunktion. Der
Umgang der Jugendlichen mit Suchtmitteln ist entscheidend
durch die Erfahrungen im Elternhaus geprägt. Insbesondere
sehr früher und exzessiver Konsum macht oft eine Unterstützung notwendig.
Neben Psychotherapeuten, die eine Behandlung anbieten, finden sich im ambulanten Bereich Suchtberatungsstellen.
31
Wenn Jugendliche illegale Drogen konsumieren, geht damit oft
ein Rückzug von bisherigen sozialen Kontakten einher, ein
zunehmendes soziales Abgleiten mit Kontakten zur Drogenszene und eine Vernachlässigung von Pflichten wie Schule
oder Ausbildung sind oft die Folge. Dann ist häufig nur eine
stationäre Therapie in der Lage zu helfen.
Literatur:
Kuntz, H.: Drogen & Sucht, Beltz 2013
3.13 Enuresis (Einnässen), Enkopresis (Einkoten)
Die Erwartungen, ab wann Kinder trocken und sauber sein sollten, sind stark von der jeweiligen Kultur und den familiären
Gepflogenheiten abhängig. Mit drei Jahren und damit oft zum
Zeitpunkt des Eintritts in den Kindergarten ist bei den meisten
Kindern die Sauberkeitserziehung weitgehend abgeschlossen.
Die meisten Kinder können zuerst den Stuhlgang, dann ihren
Harndrang zuerst tags und danach nachts kontrollieren.
Bei der Einschätzung der Ursache von Einnässen und Einkoten
kommt der Frage Bedeutung zu, ob das Kind bereits zu einem
früheren Zeitpunkt trocken oder sauber war. Insbesondere
wenn das Einnässen oder Einkoten auftritt, nachdem die
Sauberkeitserziehung bereits abgeschlossen war, spielen seelische Belastungen oft eine große Rolle. Aus diesem Grund sollte dann eine diagnostische Einschätzung durch einen Kinderpsychiater erfolgen.
Einkoten ist meistens als schwerwiegenderes Symptom einzustufen. Eine genaue diagnostische Einschätzung ist hier notwendig. Organische Ursachen sollten ausgeschlossen werden.
Die Hoffnung, das Problem werde sich auswachsen, ist mitunter begründet. Wenn jedoch das Einnässen oder Einkoten
Ausdruck einer seelischen Belastung ist, so treten mitunter an32
dere Probleme auf, wenn das Einnässen oder Einkoten aufgehört hat. Untersuchungen die nachweisen, dass sich diese
Schwierigkeiten praktisch immer mit der Zeit verlieren, sind
skeptisch zu beurteilen, denn ob ein 16-jähriger noch einnässt,
lässt sich nur durch eine persönliche Befragung ermitteln. Vielen 16-jährigen würde es schwerfallen, ein solches Problem
einzugestehen.
Im Umgang mit einem Kind, das noch nie sauber oder trocken
war, empfiehlt es sich zunächst die Zeiten für den Toilettenbesuch vorzugeben und das Kind zu fünf festgelegten Zeitpunkten auf die Toilette zu schicken und diesen Rhythmus konsequent einzuhalten, zum Beispiel nach dem Aufstehen, bevor
die Wohnung verlassen wird, wenn das Kind vom Kindergarten oder der Schule nach Hause kommt, vor oder nach den
Mahlzeiten und zuletzt vor dem Zubettgehen.
Beim Einkoten sind zwei feste Termine mit Toilettenbesuch
am Tag sinnvoll. War der Toilettengang erfolgreich, sollte das
Kind gelobt, eventuell mit einer Kleinigkeit belohnt werden.
Ein Misserfolg sollte nicht kommentiert werden, um das Kind
nicht weiter zu verunsichern.
Als mögliche Behandlung beim Einnässen kommt die Klingelhose in Betracht. Eine Klingelhose ist eine Unterhose, die mit
einem elektrischen Kontakt versehen ist, der eine Klingel auslöst, sobald der Stromkreis durch Urin geschlossen wird. Oft ist
eine Psychotherapie angezeigt.
Literatur:
Gontard, A.: Ratgeber Einkoten, Hogrefe 2010
Gontard, A., Lehmkuhl, G.: Ratgeber Einnässen, Hogrefe 2012
33
3.14 Essen verstecken und horten
Wenn Kinder oder Jugendliche Bonbonpapier oder leere Joghurtbecher aus Bequemlichkeit nicht wegräumen, ist das für
die Eltern ärgerlich, aber kein wirkliches Problem. Mitunter
finden sich in Kinderzimmern aber große Vorräte an entwendeten Nahrungsmitteln, oft auch verschimmelte Nahrungsreste.
Häufig werden die Nahrungsmittel oder -reste versteckt.
Das unterschwellige Gefühl nicht genug zu bekommen (von
Versorgung, Liebe) kann der Grund für ein solches Verhalten
sein. Eine Phase mit unzureichender Versorgung oder Vernachlässigung kann auch lange zurückliegen und die frühe Kindheit
betreffen.
Eine psychotherapeutische Hilfe ist oft notwendig.
34
3.15 Fütterstörungen
Dass Kinder beim Essen bestimmte Vorlieben und Abneigungen
haben, ist normal. Abneigungen können ein Problem darstellen,
wenn die Kinder sich nur noch sehr einseitig ernähren. In einem
ersten Schritt kann eine Ernährungsberatung sinnvoll sein.
Verweigern kleine Kinder die Nahrungsaufnahme, sollte immer eine kinderärztliche Abklärung erfolgen. Ergeben sich
jedoch bei den körperlichen Untersuchungen keine krankhaften
Befunde, so kann eine emotionale Störung vorliegen. Schwierigkeiten im Miteinander von Eltern und Kind können sich
beim Füttern zeigen oder die Ursache hierfür sein. Oft hat ein
Elternteil früher selber an einer Essstörung gelitten.
3.16 Geistige Behinderung und psychische Auffälligkeiten
Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung finden sich häufiger psychische Auffälligkeiten als in der übrigen Bevölkerung. Bei manchen Behinderungen ist auffälliges Verhalten Teil dieser Behinderung.
Geistige Behinderungen können sehr viele verschiedene Ursachen haben, auch der Schweregrad einer geistigen Behinderung
und die Einschränkungen weisen eine große Bandbreite auf.
Allgemeine Aussagen sind daher kaum möglich.
Eine diagnostische Einschätzung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater ist sinnvoll, da Kinder- und Jugendpsychiater
sowohl den ärztlich-medizinischen Teil als auch den psychotherapeutischen Teil einschätzen können. Oft finden sich auch
kompetente Ansprechpartner in sozialpädiatrischen Zentren
oder in der Neuropädiatrie.
35
3.17 Kiss-Syndrom
Katrin, 5 Jahre, Kiss-Syndrom
Katrin hat mit fünf Jahren große Probleme das Fahrradfahren
zu lernen. Sie kann das Gleichgewicht nicht halten und fällt
meist mit dem Fahrrad zur selben Seite um.
Auch im Kindergarten wird ihr ungeschicktes Verhalten bemerkt. Außerdem ist es für Katrin schwierig beim Basteln im
Kindergarten sitzen zu bleiben; sie rutscht auf dem Stuhl hin
und her, mitunter sitzt sie unter dem Tisch. Das Basteln macht
ihr erkennbar wenig Spaß. Wenn sie malen soll, drehte sie das
Blatt so, dass es schief vor ihr liegt, bevor sie anfängt zu
zeichnen.
Die Eltern berichten von einer sehr schwierigen Geburt. Katrin
steckte im Geburtskanal fest, die Hebamme und eine Krankenschwester mussten auf den Bauch der Mutter drücken, der Arzt
zog mit einer Saugglocke an Katrins Kopf, damit es endlich
gelang, Katrin auf die Welt zu bringen.
Bei Katrin ergeben sich deutliche Hinweise auf ein KissSyndrom, dies wurde von einem Orthopäden bestätigt, und
durch eine manualtherapeutische Behandlung kann Katrin ihre
motorischen Fähigkeiten kurzfristig schnell verbessern.
Beim Kiss-Syndrom geht man davon aus, dass Belastungen
unter der Geburt zu einer Verschiebung im Halswirbelsäulenbereich führen und in der Folge Verhaltensauffälligkeiten im
Säuglings- und Kleinkindalter (z. B. Fehlhaltungen, andauerndes Schreien), aber auch bei Schulkindern (z. B. Konzentrationsprobleme) auftreten können. Manualtherapeuten und Osteopathen behandeln Kiss-Syndrome.
36
3.18 Motorische Entwicklungsverzögerungen
Verzögerungen in der motorischen Entwicklung können durch
eine schiefe Haltung, verspätetes Sitzen, Krabbeln oder Laufen
auffallen. Ein Kind kann beim Krabbeln oder Laufen Schwierigkeiten mit der Koordination haben, beim Krabbeln kann eine
Seite stark bevorzugt werden, das Laufen kann plump wirken
oder es können sich Probleme mit dem Gleichgewicht zeigen.
Mitunter hat ein Kind diese Schwierigkeiten nicht, solange es
bestimmte Bewegungen in hohem Tempo durchführt, sondern
erst bei langsamer und genauer Durchführung.
Um den Stand der Entwicklung zu erfassen, existieren verschiedene Tests.
Am besten lernt man etwas, das man nicht kann, indem man es
übt. Für ein Kind mit einer motorischen Entwicklungsverzögerung bedeutet das: je mehr Spiel, Sport und Bewegung desto
besser. Häufig benötigt das Kind Anregungen und Begleitung
durch einen Erwachsenen. Es ist daher wichtig, dass sich die
Eltern an Bewegungsspielen und Aktivitäten beteiligen.
Sollte eine Förderung erforderlich sein, so kann diese durch
Krankengymnastik (Physiotherapie), Psychomotorik, Frühförderung oder in einer Ergotherapie erfolgen.
3.19 Mutismus (Sprachverweigerung)
Kristin, 8 Jahre, Sprachverweigerung
Kristin wird von ihren Eltern vorgestellt, da ihnen von der Klassenlehrerin mitgeteilt wurde, dass Kristins Leistungen nicht zu
beurteilen seien, denn Kristin spreche im Unterricht nicht. Auch
im Vorstellungsgespräch in der Praxis äußerte sich Kristin nicht,
weder dem Untersucher gegenüber noch im Zusammensein mit
37
den Eltern auf deren Nachfragen. Dem Blick des Untersuchers
weicht sie aus, ihre Eltern sieht sie abweisend und zornig an.
Die Eltern berichten, dass Kristin zu Hause sehr viel und laut
spreche, überhaupt nicht schüchtern sei, sondern den Ton angebe. Auch im Spiel mit anderen Kindern sei sie unbefangen,
rede laut und lache. Sobald ein fremder Erwachsener hinzukomme, sage Kristin jedoch nichts mehr. Zwar können die Eltern an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, was sie denkt und
will, aber zum Sprechen ist sie nicht zu bewegen.
Bereits im Kindergarten sprach Kristin nicht mit den Erzieherinnen, sondern teilte ihre Bedürfnisse durch Mimik und Gestik
mit und dadurch, dass sie andere Kinder vorschickte, um deutlich zu machen, was sie wollte. Die Eltern wurden schon im
Kindergarten auf Kristins Verhalten angesprochen. Alle Erwachsenen haben stets das Gefühl, Kristin nicht zu sehr zum
Sprechen drängen zu dürfen, weil sie befürchten, dass Kristin
sich noch mehr zurückziehen könnte.
Bei Kristin liegt ein elektiver Mutismus (s. u.) vor.
Im Rahmen einer verhaltenstherapeutischen Behandlung mit
Belohnungen für schrittweise vermehrtes Sprechen gelingt es,
Kristin zunächst zu Hause in Anwesenheit anderer Menschen,
im Weiteren auch in der Schule zum Sprechen zu bewegen.
Manche Kinder sprechen nicht, obwohl sie es können.
Entweder spricht ein Kind überhaupt nicht, obwohl es das früher getan hat und man weiß, dass es sprechen kann. Oder —
häufiger — ein Kind spricht nur mit bestimmten Personen oder
nur in bestimmten Situationen.
Spricht ein Kind überhaupt nicht, so liegt ein totaler Mutismus
vor, spricht ein Kind nur mit bestimmten Personen oder nur in
bestimmten Situationen, ist die fachliche Bezeichnung elektiver
oder selektiver Mutismus.
Häufig ist das Nichtsprechen bei Kindern mit Angst verbunden. Gleichzeitig übt ein Kind mit diesem Verhalten oft Macht
38
aus und dirigiert Personen aus seiner Umgebung mit Mimik
und Gestik.
Bei einem mutistischen Kind muss immer ausgeschlossen werden, dass nicht eine schwerwiegende Entwicklungsverzögerung
vorliegt. Oft sind mutistische Kinder ängstlich und übervorsichtig. In jedem Fall sollte eine Einschätzung der möglichen
Ursachen erfolgen.
Mitunter zeigen Kinder mit einem Mutismus viel Geschick
darin, auch ohne zu sprechen Dinge zu bekommen oder durchzusetzen, die ihnen wichtig sind. Das Nichtsprechen sollte
nicht unterstützt werden.
Wenn ein Kind nicht spricht, so sollten die Erwachsenen nicht
versuchen die Wünsche des Kindes zu erahnen und in ihrem
Sinne zu handeln, da sich die Sprachverweigerung so leicht
weiter verfestigt. Die Erwachsenen sollten nicht zulassen, dass
andere Kinder vorgeschickt werden, um für das Kind etwas zu
klären oder zu fragen oder um etwas zu bitten.
Oft ist eine Psychotherapie unter enger Einbeziehung der Eltern erfolgreich. Bei einer ausgeprägten Sprachverweigerung
ist mitunter eine stationäre Therapie in einer Klinik notwendig.
3.20 Onychophagie (Fingernägelkauen)
Viele Menschen kauen an Fingernägeln. Oft ist dies ein Ausdruck von Anspannung.
Auch bei Kindern kann sich eine dauerhafte Anspannung im
Fingernägelkauen äußern. Das Ausmaß kann sehr unterschiedlich sein: von kaum bemerkbar bis zum weitgehenden Abkauen
unter Einbeziehung der Fingerkuppen. Es können sich in diesen Bereichen blutige Stellen finden. Manche Kinder kauen
auch ihre Fußnägel ab.
39
Das Abkauen der Nägel wegzutrainieren ohne gleichzeitig für
mehr Entspannung und weniger Stress zu sorgen, ist oft wenig
erfolgreich. Das Kind oder der Jugendliche wird sich ein anderes Ventil für seinen inneren Druck suchen.
Bei ausgedehntem Fingernägelkauen ist eine Diagnostik notwendig.
3.21 Pica (Essen von Ungenießbarem)
Es gehört zur normalen Entwicklung von Kleinkindern, alles
Mögliche in den Mund zu stecken. Das versehentliche Verschlucken eines Gegenstandes, den ein Kind in den Mund genommen hat, fällt nicht unter das Essen von Ungenießbarem.
Das absichtliche Essen von Dingen, die hierfür nicht bestimmt
sind, wird als Pica bezeichnet.
Wenn ein Kind Abfälle, Sand oder andere Dinge isst, liegt häufig eine massive Vernachlässigung, eine geistige Behinderung
oder beides vor. Oft tritt solches Verhalten in Verbindung mit
anderen Auffälligkeiten auf und sollte zu einer Vorstellung des
Kindes bei einem Kinder- und Jugendpsychiater führen.
3.22 Posttraumatische Belastungsstörungen (Vernachlässigung, körperliche Misshandlung und sexueller Missbrauch)
Nicole, 15 Jahre, Posttraumatische Belastungsstörung
Nicole wird von ihrer Mutter vorgestellt, da sie Schnittwunden
am Unterarm ihrer Tochter entdeckt hat. Die Schnittwunden
ziehen sich über den ganzen Unterarm und zeigen ein Muster,
das an einen Jägerzaun erinnert.
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Im Gespräch berichte Nicole, dass ihr das Ritzen mit einer Rasierklinge nicht wehtue, vielmehr fühle sie eine Entlastung,
wenn sie das Blut sehe. Ein innerer Druck nehme dann ab.
Nach dem Ritzen fühle sie sich kurze Zeit erleichtert und entspannt. Anschließend gehe es ihr jedoch wieder schlechter.
Nicole hat den Freundeskreis gewechselt, sie trifft sich jetzt mit
deutlich älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sie
kleidet sich dunkel und schminkt sich sehr auffallend.
Nach mehreren Gesprächsterminen berichtet Nicole davon,
dass sie von ihrem Großvater, dem Vater der Mutter, der im
Haus nebenan lebt, seit zwei Jahren regelmäßig dazu aufgefordert werde, ihn sexuell zu befriedigen. Der Großvater habe
Nicole wiederholt davor gewarnt dies jemandem mitzuteilen,
denn dann würde die ganze Familie auseinanderbrechen, was
ihre Schuld wäre.
Im weiteren Verlauf der Gespräche mit der Familie stellt sich
heraus, dass bereits Nicoles Mutter von ihrem eigenen Vater
sexuell missbraucht wurde, ebenso die Tante mütterlicherseits.
Zwar lässt sich die Situation mit den Eltern von Nicole ausführlich besprechen, Anzeige wird von Nicole und ihren Eltern
jedoch nicht erstattet, auch der Wohnort (neben den Großeltern
mütterlicherseits) bleibt unverändert. Aufgrund des fortgesetzten selbstverletzenden Verhaltens und zunehmender depressiver Symptome und wiederholt auftretender Selbsttötungsgedanken zieht Nicole in eine therapeutisch-pädagogische Einrichtung, in der sich ihr Zustand im Verlauf einiger Jahre stabilisiert. Neben dem strukturierten Rahmen in der Einrichtung
und einer Einzelpsychotherapie ist vorübergehend eine medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika erforderlich.
Viele Menschen sind in ihrem Leben irgendwann sehr bedrohlichen, quälenden oder sehr traurigen Situationen ausgesetzt.
Oft sind Situationen besonders belastend, in denen einem selbst
41
oder nahen Angehörigen schweres Leid widerfährt, ohne dass
man helfen oder etwas dagegen tun kann.
Besonders belastend sind diese Erfahrungen, wenn sie mit dem
Gefühl von Scham und Schuld einhergehen, dies ist oft bei sexuellem Missbrauch der Fall. Über die traumatischen Folgen
eines sexuellen Missbrauchs wird nicht so offen gesprochen, wie
über die traumatischen Folgen eines Verkehrsunfalls. Das Thema
Sexueller Missbrauch ist noch immer tabuisiert. Das Gespräch
hierüber wird vermieden, und Kinder und Jugendliche bekommen
oft erst spät oder nie die Unterstützung, die sie benötigen.
Es gibt kein Verhalten, das sicher auf Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung schließen lässt. Bei Kindern können
sich die erheblichen seelischen Belastungen unterschiedlich
äußern. Kinder und Jugendliche können Zeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung zeigen (z. B. in Form von
Albträumen, sehr lebhaften Erinnerungen (Flashbacks), Konzentrationsstörungen, Erregungszuständen), aber auch andere
Verhaltensänderungen wie Einnässen, Einkoten oder Aggressionen sind mögliche Zeichen für diese Übergriffe.
Ein stark sexualisiertes Verhalten von Kindern, zum Beispiel
das Nachspielen von Geschlechtsverkehr oder sexuellen Praktiken oder ungewöhnliche Verletzungen machen eine weitere
Abklärung erforderlich.
Bei einem dringenden Verdacht auf Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch sollte unbedingt qualifizierter Rat
gesucht werden, denn eine intensive Befragung eines Kindes
durch eine nicht geschulte Person birgt die große Gefahr, dass
die Angaben des Kindes eventuell vor Gericht nur noch eingeschränkt verwertbar sind. Der Kinderschutzbund, der in vielen
Städten Niederlassungen hat, ist eine Anlaufstelle, die sich auf
Kinder und Jugendliche, bei denen der Verdacht auf Misshandlungen oder Missbrauch besteht, spezialisiert hat.
42
Wenn es sich um wiederholte oder fortgesetzte Traumatisierungen handelt, zum Beispiel Misshandlungen, so ist es in erster Linie wichtig, dass das Kind oder der Jugendliche vor weiteren Misshandlungen geschützt wird.
Bei einer posttraumatischen Belastungsstörung ist eine Psychotherapie bei einem Psychotherapeuten mit traumatherapeutischer Erfahrung fast immer angezeigt.
Literatur:
Rosner, R.; Steil, R.: Ratgeber Posttraumatische Belastungsstörung, Hogrefe 2008
3.23 Schulabsentismus (Nicht-zur-Schule-gehen)
Es gibt verschiedene Gründe, warum Kinder oder Jugendliche
nicht zur Schule gehen, obwohl sie nicht körperlich krank sind
(s.a. Angststörungen). Insbesondere Jugendliche können den
Schulbesuch zeitweilig oder komplett verweigern.
Ein Jugendlicher ohne Schulabschluss hat später nur wenige
berufliche Möglichkeiten. Es ist daher wichtig, dass vonseiten
der Erwachsenen schnell und klar reagiert wird. Jede Verzögerung einer angemessenen Unterstützung vergrößert die Gefahr
einer Verfestigung des Problems und erschwert die Hilfe. Seitens der Schule sollten umgehend die entsprechenden administrativen Schritte eingeleitet werden, wiederholte Krankschreibungen ohne plausible Erklärung oder von wechselnden Ärzten
sollten misstrauisch machen.
Wie das Nicht-zur-Schule-gehen zu bewerten ist, hängt von
den Kontakten des Jugendlichen ab.
Ist es in der Gruppe seiner Freunde oder in seiner Klasse üblich
und ein Beweis für Coolness, den Unterricht nicht regelmäßig
43
zu besuchen, so handelt es sich um ein Problem, das mit anderen Eltern oder der Schule angegangen werden sollte.
Verweigert ein Jugendlicher alleine die Schule, bleibt morgens
im Bett liegen oder verlässt das Haus und treibt sich ohne
Freunde außerhalb von Schule und Elternhaus herum, dann
sind dringend weitere Schritte erforderlich. Häufig sind
schwerwiegende seelische Probleme die Ursache einer Schulverweigerung. Eine angemessene Hilfe besteht oft in strukturierenden Maßnahmen mit Unterstützung des Jugendamtes, in
Verbindung mit einer Psychotherapie.
Mitunter sind belastende oder bedrohliche Situationen in der
Schule der Grund für eine Weigerung zur Schule zu gehen.
Eine Überforderung, Unterforderung oder Teilleistungsschwächen sollten ausgeschlossen werden (siehe dort).
Mobbing stellt ein weitverbreitetes Phänomen dar und kann
ebenfalls die Ursache für die Weigerung von Kindern und Jugendlichen sein, die Schule zu besuchen. In diesem Fall ist eine
enge Zusammenarbeit mit der Schule erforderlich. Sollte in der
Schule kein Ansprechpartner zur Verfügung stehen, so sollten
die Eltern Kontakt zum schulpsychologischen Dienst aufnehmen. Eine Bearbeitung der Situation in der Schule mit sowohl
einer Sanktion für die mobbenden Kinder und Jugendlichen,
als auch einer Anleitung in Form von Gruppentraining ist häufig erforderlich. Außerdem sollte bei den gemobbten Kindern
und Jugendlichen eine psychische Einschätzung erfolgen, um
Möglichkeiten auszuloten diese Kinder zu stärken, damit sie im
späteren Leben nicht erneut Opfer von Übergriffen werden.
Bei den mobbenden Kindern oder Jugendlichen sollte, wie bei
anderen Formen von Aggressionen, eine Abklärung der zugrunde liegenden psychischen Probleme erfolgen.
44
3.24 Schlafstörungen
Es gibt viele verschiedene Formen von Schlafstörungen. Sehr
oft treten Schlafstörungen zusammen mit anderen Problemen
gemeinsam auf und sind dann ein Zeichen für ein zugrunde
liegendes schwerwiegendes Problem. Sie können zum Beispiel
Ausdruck einer großen Anspannung, einer Depression oder
einer posttraumatischen Belastungsstörung sein.
Schlafstörungen können bereits bei sehr kleinen Kindern auftreten.
Die meisten Babys brauchen einige Monate, bevor sie durchschlafen, ohne dass man von einer Schlafstörung spricht. Wenn
Kinder mit einem Jahr noch nicht regelmäßig durchschlafen,
liegt es häufig daran, dass sie noch nicht gelernt haben sich
nachts selber zu beruhigen. Alle Menschen erwachen mehrfach
pro Nacht, meistens ohne es selbst zu registrieren, schlafen
dann aber in der Regel sehr schnell wieder ein. Kinder müssen
erst lernen sich selber wieder zu beruhigen und einzuschlafen.
Wenn Kinder krank sind und bei den Eltern schlafen, ist das
häufig für alle Beteiligten beruhigend und kann der Heilung
dienen. Nach überstandener Krankheit sollten die Kinder wieder in ihrem eigenen Bett schlafen.
Ein häufiges Problem ist die Unfähigkeit von Kindern, aber
auch Jugendlichen, alleine zu schlafen. Dann spielen oft eine
erhöhte Ängstlichkeit bei anderen Belastungen oder eine ungeklärte Beziehung zu den Eltern eine Rolle. Mitunter liegt aber
auch ein Bedürfnis der Eltern nach einem sehr engen Kontakt
zu ihrem Kind zugrunde. Dieses Bedürfnis kann von dem Kind
erspürt werden, sodass das Kind dann seinen Eltern zuliebe
nicht alleine schlafen kann.
Eine familientherapeutische Unterstützung ist oft die effektivste Hilfe.
45
Eine Erkrankung, wie z. B. eine Depression, kann der Grund
für eine Schlafstörung sein und sollte ausgeschlossen werden.
Literatur:
Morgenroth, H.; Kast-Zahn, A.: Jedes Kind kann schlafen lernen, Oberstebrink 1998
3.25 Schwere körperliche Erkrankungen
Eine schwerwiegende körperliche Erkrankung, besonders wenn
sie lebensbedrohlich ist, geht mit einer starken Verunsicherung
der ganzen Familie einher. Für die meisten Eltern gibt es nichts
was belastender ist, als die Sorge um ihr Kind.
Oft ist es nicht leicht, die Bedürfnisse der gesunden Geschwister angemessen zu berücksichtigen, auch für sie kann eine Beratung hilfreich sein.
Eine Schwierigkeit, die sich im Umgang mit schwer kranken
Kindern oft ergibt, ist die Frage, für welches schwierige Verhalten man Verständnis und Toleranz aufbringen sollte und an
welchen Stellen Grenzen gesetzt werden müssen.
Neben der Unterstützung in Bezug auf die Erkrankung und die
Folgen, ist es für viele Kinder leichter im Alltag normal behandelt zu werden. Das heißt, die Eltern sollten in den Lebensbereichen, die nicht unmittelbar von der Erkrankung betroffen sind,
nicht nachsichtiger oder umsorgender sein als bei einem gesunden Kind. Neben dem Wunsch der Kinder und Jugendlichen
normal zu sein, gibt ihnen eine alltägliche Routine Sicherheit.
Oft gehen schwere Erkrankungen mit Einschränkungen in der
Lebensführung und der Notwendigkeit einher, Medikamente zu
nehmen. Besonders Jugendliche sollten in alle Entscheidungen
eingebunden werden. Bei Jugendlichen gehört es zur normalen
Entwicklung, dass sie sich gegen Empfehlungen von Erwach46
senen wehren und eigene Erfahrungen machen wollen. Werden
Jugendliche frühzeitig in therapeutische Entscheidungen einbezogen, so vermindert dies die Gefahr, dass Jugendliche ihre
Abgrenzung über eine Verweigerung notwendiger medizinischer Maßnahmen ausleben.
Als Unterstützung eignet sich eine Psychotherapie. Bei Kindern ist oft eine Familientherapie sinnvoll. Jugendliche profitieren mitunter von einer Einzeltherapie.
3.26 Schizophrenie
Paul, 16 Jahre, Schizophrenie
Paul hat eine ganz normale Entwicklung, er besucht mit 16
Jahren eine Oberschule in der 10. Klasse und spielte bis vor
Kurzem im Verein Fußball.
Seit etwa sechs Monaten hat Paul begonnen sich zunehmend
zurückzuziehen, zum Fußballtraining geht er nicht mehr. Paul
verbringt immer mehr Zeit in seinem Zimmer, kommt nur kurz
heraus und spricht wenig. Er beginnt die Körperhygiene zu
vernachlässigen, vermeidet es zu duschen. Sein Zimmer ist
unaufgeräumt und wirkt chaotisch.
Wenn Paul doch einmal aus seinem Zimmer kommt, scheint er
wenig Interesse an den anderen Familienmitgliedern zu haben.
Wenn seine Eltern ihn in seinem Zimmer aufsuchen, sitzt er oft
vor seinem Computer. In letzter Zeit liegt er immer häufiger
auf dem Bett und starrt an die Decke.
Dann beginnt Paul auf Fragen unzusammenhängend zu antworten. Er verkriecht sich völlig in seinem Zimmer und wirkt stark
verängstigt. Eines Abends berichtet er in stockenden Sätzen
und voller Angst davon, von einem Nachbarn beobachtet zu
werden. Dieser kontrolliere seine Gedanken und steuere ihn.
47
Bei Paul liegt eine Schizophrenie vor.
Paul wird kurzfristig stationär aufgenommen und medikamentös behandelt. Sein Zustand stabilisiert sich.
Nach der Entlassung aus der Klinik wird Paul über mehrere
Jahre kinder- und jugendpsychiatrisch betreut. Auch nachdem
die Medikamente zwei Jahre später wieder abgesetzt werden,
bleibt Pauls Zustand stabil.
Ob es eine Schizophrenie bei präpubertären Kindern gibt, ist
umstritten. Oft tritt sie erstmals im Jugendalter auf. Wenn sie
an einer Schizophrenie erkranken, verändert sich bei Jugendlichen ihr Kontakt zu ihren eigenen Gedanken, ihren Gefühlen
und ihrer Umwelt, oft in einer Art, die für die Umgebung völlig
unverständlich und für die Jugendlichen mit viel Angst verbunden ist.
Schizophrenien können plötzlich beginnen, ohne zunächst bemerkt zu werden. Manche Jugendlichen werden in ihrem Verhalten kindlich und wirken emotional flach und oberflächlich.
Schizophrene Jugendliche können sich sehr stark von der Umwelt zurückziehen, sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren. Sie
können auffallend oberflächlich werden oder anfangen, merkwürdige, fantastische Geschichten zu erzählen. Mitunter zeigen
sie auch massive, nicht nachvollziehbare Ängste. Selten berichten sie davon, Stimmen nicht anwesender Personen zu hören
oder beängstigende Veränderungen ihres Körpers wahrzunehmen.
Eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung, meistens zunächst stationär, und eine weitere intensive Betreuung sind notwendig. Fast immer ist eine medikamentöse Therapie angezeigt.
Literatur:
Eggers, C.: Schizophrenie im Kindes- und Jugendalter, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2011
Hahlweg, K.; Dose, M.: Ratgeber Schizophrenie, Hogrefe 1998
48
3.27 Sexuelle Auffälligkeiten
Eine auffallend frühe körperliche Pubertätsentwicklung bedarf
einer organischen Abklärung, in der Regel wird der Kinderarzt
entsprechende Schritte veranlassen.
Selbstbefriedigung ist keine sexuelle Auffälligkeit, sondern
normal. Als auffällig ist Selbstbefriedigung zu bewerten, wenn
damit so viel Zeit zugebracht wird, dass andere Lebensbereiche
vernachlässigt werden.
Bereits Vorschulkinder erregen sich manchmal sexuell. Meistens hat dieses Verhalten Spannungsabfuhr zum Zweck und ist
keine Selbstbefriedigung im eigentlichen Sinne. Besteht solches Verhalten in starker Ausprägung oder findet es in der Öffentlichkeit statt, so sollte nach der Ursache der Anspannungen
gesucht werden.
3.28 Somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden ohne körperliche Erkrankung)
Bei körperlichen Beschwerden muss immer die Abklärung
einer körperlichen Erkrankung im Vordergrund stehen. Eine
nicht erkannte körperliche Erkrankung birgt erhebliche Risiken
für ein Kind und kann mit einer Psychotherapie nicht behandelt
werden.
Sollten sich jedoch keine Befunde finden, die eine organische
Ursache der Störung erklären, so ist es wichtig gegebenenfalls
die auslösenden seelischen Ursachen zu finden. Die Klage über
körperliche Beschwerden sollte nicht zu einer wichtigen Möglichkeit für ein Kind oder einen Jugendlichen werden, seine
seelischen Belastungen auszudrücken. Es sollte immer nach
anderen Möglichkeiten gesucht und die ursächlichen Belastungen sollten vermindert werden.
49
Manchmal lässt der Zeitpunkt, an dem die Beschwerden erstmalig aufgetreten sind, eine psychische Ursache vermuten.
Wenn ein Kind nur morgens und eventuell am Sonntagabend
über Bauch- oder Kopfschmerzen klagt, so liegt der Verdacht
nahe, dass diese Schmerzen mit dem Schulbesuch zu tun haben. Hierbei muss der Grund nicht immer in der Schule liegen.
Auch eine Situation zu Hause, die mit einer großen Verunsicherung des Kindes oder des Jugendlichen einhergeht (zum
Beispiel massive Konflikte der Eltern oder ausgeprägte Ängstlichkeit eines Elternteils), kommen als Ursache in Betracht.
Aber auch Teilleistungsstörungen oder Mobbing sind häufig
Ursachen körperlicher Beschwerden im Zusammenhang mit
dem Schulbesuch.
Oft ist der Zusammenhang zwischen körperlichen Beschwerden und der Ursache jedoch nicht offensichtlich. Dies gilt sowohl für Schmerzzustände, als auch für andere Beschwerden
mit körperlichen Symptomen (z. B. Lähmungserscheinungen,
Schwächeanfälle, untypische Krampfanfälle ohne EEGVeränderungen). In diesen Fällen ist eine intensive diagnostische Abklärung notwendig, weil in den Symptomen oft eine
erhebliche Belastung zum Ausdruck kommt. Die angemessene
Behandlung besteht in einer (oftmals stationären) Psychotherapie. Die Psychotherapie wird oft in Verbindung mit körperorientierten Therapien (Entspannungs-, Atemübungen, aber
mitunter auch Krankengymnastik) durchgeführt.
3.29 Sprachentwicklungsstörungen
Eine Verzögerung der Sprachentwicklung wird in der Regel
vom Kinderarzt festgestellt. Eine genauere Überprüfung von
Hörverarbeitungsstörungen nehmen Pädaudiologen vor. Pädaudiologen sind Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, die sich auf eine genau50
ere Diagnostik von Hörstörungen bei Kindern spezialisiert haben. Sie überprüfen, ob das Gehörte richtig verarbeitet wird.
Eine Sprachentwicklungsverzögerung kann sich darin zeigen,
dass ein Kind später anfängt zu sprechen, dass es undeutlich
spricht, dass es einzelne Buchstaben nicht richtig ausspricht
oder Fehler beim Bau von Sätzen macht.
Vorübergehendes Entwicklungsstottern ist normal. Wenn Kinder länger als ein halbes Jahr stottern oder, nachdem die
Sprachentwicklung bereits abgeschlossen war, wieder zu stottern beginnen, sollte eine ausführliche psychische Diagnostik
durchgeführt werden.
Bei allen Kindern mit Sprachauffälligkeiten muss berücksichtigt werden, welche Art von Vorbild die Kinder für ihre Sprache haben, denn Kinder imitieren beim Sprechenlernen ihre
Bezugspersonen.
Gelegentlich kommt es vor, dass ein Kind Rückschritte in der
Sprachentwicklung macht. In einem solchen Fall muss geprüft
werden, ob körperliche oder seelische Ursachen dafür verantwortlich sind.
Manche Kinder sprechen bereits als kleine Kinder wie Erwachsene. Manche verwenden eine Vielzahl eigener Worte, andere
verstehen bildhafte Sprache nicht im übertragenen Sinn oder
zeigen andere sprachliche Auffälligkeiten. In einem solchen
Fall sollte eine Abklärung erfolgen, da solche Sprachauffälligkeiten bei Kindern mit autistischen Störungen auftreten können.
Bei einem Kind mit einer Sprachentwicklungsverzögerung ist
es wichtig, dass es beim Sprechen nicht unter Druck gesetzt
und ihm genug Zeit gegeben wird, sich zu äußern. Außerdem
benötigt es Vorbilder, die viel, deutlich und nicht zu schnell
mit ihm sprechen.
Das Kind sollte den Erwachsenen beim Sprechen gut sehen
und beobachten können. Es ist wichtig sich dem Kind beim
51
Sprechen zuzuwenden und — wenn möglich — häufig auf
gleicher Augenhöhe mit ihm zu sprechen. Machen Kinder Fehler, indem sie Buchstaben falsch aussprechen oder die Grammatik nicht richtig anwenden, sollte man sie nur sehr zurückhaltend verbessern. Am besten wiederholt man die falsche Äußerung des Kindes in der eigenen Antwort noch einmal richtig.
Das Kind sollte nicht ausdrücklich auf seine Fehler hingewiesen werden. Verbessert man Kinder mit Sprachfehlern zu häufig, besteht die Gefahr, dass sie sich schämen und nur noch
wenig sprechen. Wenn Kinder diese Hemmungen zu sprechen
zeigen, wird es sehr schwierig für sie Fortschritte zu machen,
weil ihnen die Übung fehlt.
Bei einer Sprachentwicklungsverzögerung kommen mehrere
Behandlungsmöglichkeiten infrage, abhängig vom Ausmaß der
Schwierigkeiten:
- eine Sprachheilbehandlung (Logopädie),
- die Betreuung durch die Frühförderung,
- der Besuch eines Sprachheilkindergartens
- oder, bei deutlichen weiteren Entwicklungsverzögerungen, die Betreuung und Förderung in einem heilpädagogischen Kindergarten.
3.30 Suizidalität (Selbsttötung), selbstverletzendes
Verhalten
Versuche sich zu töten unternehmen Jugendliche meist erst ab
Beginn der Pubertät. Ankündigungen dies zu tun müssen sehr
ernst genommen werden. Diese Ankündigungen können Äußerungen sein, zum Beispiel Abschiedsbriefe, aber auch die vermehrte Beschäftigung mit dem Thema, zum Beispiel im Internet. Besonders bedenklich sind solche Anzeichen, wenn es im
52
Umfeld der Jugendlichen zu Todesfällen gekommen ist. Selbsttötungen anderer Personen können von den Jugendlichen als
nachzuahmendes Beispiel gesehen werden.
Die Abschätzung, wie entsprechende Zeichen zu deuten sind,
ist oft ausgesprochen schwierig und sollte unbedingt und so
bald wie möglich durch einen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie erfolgen.
Jüngere Kinder, die Selbsttötungsabsichten äußern, begehen nur
sehr selten tatsächlich Selbsttötungsversuche. Trotzdem müssen
entsprechende Äußerungen auch bei Kindern ernst genommen
werden. Oft deuten sie darauf hin, dass die Kinder mit ihrer augenblicklichen Situation oder ihrem Leben unglücklich sind.
In jedem Alter können Kinder sich selbst verletzen. Manche
kleinen Kinder kneifen sich oder schlagen ihren Kopf auf den
Boden. Bei der Einschätzung der Bedeutung eines solchen
Verhaltens ist es wichtig herauszufinden, ob die Kinder dieses
Verhalten auch unabhängig davon zeigen, ob andere Menschen
zuschauen oder wie sie reagieren. Mitunter tritt das Verhalten
auf, um Erwachsene damit zu beeinflussen.
Allerdings kann selbstverletzendes Verhalten auch Ausdruck
einer schweren psychischen Störung, zum Beispiel einer autistischen Störung sein. Selbstverletzendes Verhalten tritt bei
manchen Kindern mit einer geistigen Behinderung gehäuft auf.
In jedem Fall sollte eine Abklärung der Ursachen erfolgen.
Jugendliche können sich auf verschiedene Arten gezielt selbst
verletzen. Häufig versuchen sie, die Verletzungen geheim zu
halten.
Die häufigste Form des selbstverletzenden Verhaltens ist das
Ritzen. Hierbei schneiden sich Jugendliche mit scharfen Gegenständen, zum Beispiel Rasierklingen. Oft schneiden sich die
Jugendlichen in den Unterarm, aber auch viele andere Stellen
53
des Körpers sind möglich. Jugendliche können sich Verletzungen auch anders, etwa mit Zigaretten, zufügen.
Selbstverletzendes Verhalten wird öfter von Mädchen als von
Jungen durchgeführt und ist bei starker Ausprägung fast immer
ein Zeichen für eine schwerwiegende psychische Störung.
Nicht selten stehen ausgeprägte Selbstverletzungen im Zusammenhang mit Misshandlungen, sexuellen Übergriffen oder
anderen seelischen Verletzungen.
Jede selbst beigebrachte Verletzung, die über ein einmaliges
oberflächliches Kratzen hinausgeht, sollte durch einen Fachmann abgeklärt werden.
3.31 Teilleistungsschwächen: Legasthenie (LeseRechtschreib-Störung), Dyskalkulie (Rechenstörung)
Dominik, 10 Jahre, Lese-Rechtschreib-Störung
Dominik besucht die 4. Klasse. Nach einem guten Schulstart
verschlechterten sich seine Leistungen immer weiter. In der 4.
Klasse hat er auch Probleme in Mathematik, besonders bei
Sachaufgaben, obwohl er gerne rechnet und in den unteren
Klassen zu den guten Schülern in Mathematik gehörte.
Seit zwei Monaten nässt Dominik nachts wieder ein. Ständig
gibt es Streit wegen der Hausaufgaben, insbesondere wenn
Dominik lesen soll. In Diktaten macht er immer viele Fehler.
Dies verwundert seine Eltern nicht, denn auch Dominiks Vater,
dem er sehr ähnelt, hatte große Probleme in der Schule. Nur
mit Mühe hat Dominiks Vater einen Hauptschulabschluss gemacht. Testuntersuchungen ergeben bei Dominik eine Intelligenz im oberen Durchschnittsbereich und eine LeseRechtschreib-Störung. Aufgrund der zunehmenden Schwierigkeiten hat sich bei Dominik eine Angststörung entwickelt.
54
Nach Beantragung beim Jugendamt übernimmt diese Stelle
gemäß § 35a KJHG die Kosten für eine Einzelförderung. Dominiks Leistungen verbessern sich schrittweise. Im Weiteren
besucht er zunächst die Realschule.
Eine schulische Teilleistungsschwäche liegt vor, wenn ein Kind
trotz normaler Intelligenz nicht Lesen, Schreiben oder Rechnen
lernt. Die Schwierigkeiten können dabei in einem oder mehreren dieser Bereiche auftreten. Mitunter wird auch von einer
Teilleistungsstörung gesprochen.
Die Frage, wie groß die Schwierigkeiten im jeweiligen Bereich
sind, schätzt man durch standardisierte Tests ein.
Es besteht nur dann eine Teilleistungsschwäche, wenn die notwendigen Voraussetzungen zum Lernen gegeben sind und die
allermeisten Kinder unter denselben Bedingungen diese Kulturtechnik erwerben können. Dies bedeutet, dass ein Kind regelmäßig am Unterricht teilgenommen haben muss und andere
Ursachen, zum Beispiel ausgeprägte Seh- oder Hörstörungen,
nicht der Grund sind.
Andere Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel eine Störung der
Konzentrationsfähigkeit, können gemeinsam mit einer Teilleistungsschwäche vorliegen.
Um zu überprüfen, ob eine Teilleistungsschwäche vorliegt, ist
es besonders wichtig abzuklären, ob die Begabung im normalen Bereich liegt. Hierfür muss ein aussagekräftiger Intelligenztest durchgeführt werden.
Die Misserfolgserlebnisse eines Kindes mit einer Teilleistungsschwäche führen oft zu einer Verweigerung bei schulischen
Anforderungen. Das Kind wirkt mitunter, als sei es faul oder
uninteressiert.
Wenn ein Kind ein gutes Gedächtnis hat, ist es ihm manchmal
zu Beginn der Schulzeit möglich seine Schwäche auszugleichen oder zu verbergen, indem es zu lesende Texte auswendig
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vorliest, geübte Diktate passabel bewältigt oder das Ergebnis
häufig wiederholter Rechenaufgaben kennt, ohne den Rechenvorgang verstanden zu haben.
Wenn eine Teilleistungsschwäche besteht, ist eine spezifische
Förderung für das Kind sehr wichtig. Die negativen Auswirkungen auf die Schullaufbahn und damit das spätere Berufsleben, wie auch auf die seelische Gesundheit des Kindes können
erheblich sein.
Neben einer schulischen Förderung (die Bestimmungen finden
sich im jeweiligen Schulgesetz des Bundeslandes), gibt es zahlreiche privatwirtschaftlich organisierte Angebote (siehe Lerntherapie).
Wenn ein Kind eine Teilleistungsstörung hat, beginnt es oft an
seiner Intelligenz zu zweifeln. Es macht zu Beginn der Schulzeit die Erfahrung, etwas Wichtiges nicht oder nur schlecht zu
lernen, was das Kind und seine Eltern oft sehr verunsichert.
Es ist sehr wichtig, einem Kind mit einer Teilleistungsstörung
immer wieder deutlich zu machen, dass es nicht dumm ist,
sondern in einem speziellen Bereich Schwierigkeiten hat. Hat
56
ein Kind Stärken in anderen schulischen oder außerschulischen
Bereichen, sollten diese hervorgehoben und unterstützt werden,
um das Selbstwertgefühl des Kindes zu verbessern.
Bei einem Kind mit einer ausgeprägten Teilleistungsstörung
hat ständiges Üben ohne fachkundige Anleitung häufig viel
Ärger und Streit zwischen Eltern und Kindern zur Folge. Ein
Lernerfolg stellt sich oft nicht ein.
Wenn möglich sollte versucht werden, eine qualifizierte Förderung für das Kind zu organisieren. Neben der schulischen Förderung gibt es die Möglichkeit der Kostenübernahme einer
privatwirtschaftlich organisierten Förderung durch das Jugendamt. Die entsprechenden Bestimmungen finden sich im § 35 a
des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes (KJHG). Nach diesem
Gesetz ist das Jugendamt verpflichtet, die Kosten für eine Förderung bei einem Kind mit einer Teilleistungsstörung zu bezahlen, sofern aufgrund der Teilleistungsstörung eine seelische
Behinderung droht oder besteht. Eine seelische Behinderung
kann vorliegen, wenn das Kind aus Angst vor schulischen Anforderungen, die es wegen seiner Teilleistungsstörung nicht
bewältigen kann, wieder beginnt einzunässen, sich stark zurückzieht oder andere Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Eine
drohende oder vorhandene seelische Behinderung kann durch
einen Kinder- und Jugendpsychiater oder das Jugendamt selbst
festgestellt werden.
Literatur:
Kleinmann, K.: Lese-Rechtschreib-Schwäche?, Persen 2006
Naegele, I.: Jedes Kind kann lesen und schreiben lernen, Beltz
2011
57
3.32 Tics (ungewöhnliche Bewegungen und Zuckungen)
Bewegungen, die ungewollt und ungezielt erfolgen, können
viele verschiedene Formen haben. Sie können Zeichen von
Krampfanfällen oder anderen neurologischen Erkrankungen
sein und erfordern eine neuropädiatrische Abklärung (Neuropädiater sind Kinderärzte mit einer speziellen neurologischen
Weiterbildung für Kinder).
Handelt es sich um sehr kurze Zuckungen, zum Beispiel der Augenlider, des Kopfes oder anderer Körperteile, spricht man von
Tics. Neben den motorischen gibt es auch vokale Tics. Die vokalen Tics können alle möglichen Formen, von kurzem Hüsteln bis
zu lautem Rufen von Schimpfworten annehmen. Oft schwanken
die Form und die Häufigkeit des Auftretens eines Tics.
Vorübergehende Tics sind im Kindergartenalter nicht ungewöhnlich. Treten die Tics jedoch über einen Zeitraum von mehr
als einem halben Jahr oder als motorische und vokale Tics auf,
so sollte ein Kinder- und Jugendpsychiater aufgesucht werden.
Tics werden oft durch Anspannung oder seelische Belastungen
verstärkt. Leidet ein Kind oder Jugendlicher unter Tics, sollte
immer überlegt werden, ob Belastungen und Anspannungen
bestehen und wie diese vermindert werden können.
Bei der Frage der Notwendigkeit und der Art einer Therapie
muss immer berücksichtigt werden, wer wie stark unter dem
Tic leidet, denn mitunter machen sich die Eltern mehr Sorgen
wegen möglicher Auswirkungen des Tics als die Kinder selber.
Neben einer psychotherapeutischen Behandlung ist auch eine
medikamentöse Therapie möglich.
Literatur:
Döpfner, M.; Roessner, V.: Ratgeber Tics, Hogrefe 2012
58
3.33 Trichotillomanie (Haareausreißen)
Kinder, die sich die Haare ausreißen, sind meist jünger, oft
noch im Kindergartenalter. Es gibt Kinder, die sich die Haare
büschelweise ausreißen, andere zupfen einzelne Haare aus oder
drehen die Haare heraus. Oft ist das Haupthaar betroffen, gelegentlich werden die Augenbrauen oder Wimpern ausgerissen.
Das absichtliche Ausreißen von Haaren ist oft ein Hinweis auf
eine schwerwiegendere seelische Beeinträchtigung. Manche
Kinder essen die ausgerissenen Haare (Pica), was ein weiterer
deutlicher Hinweis darauf ist, dass dringend Hilfe gesucht werden sollte. Haareausreißen sollte kinder- und jugendpsychiatrisch abgeklärt werden. Eine therapeutische Unterstützung ist
fast immer notwendig, oft sind Therapien sinnvoll, die auch die
anderen Familienmitglieder einbeziehen.
3.34 Überforderung — Unterforderung
Georg, 12 Jahre, schlechte Schulleistungen
Georg wird wegen Schulproblemen vorgestellt. Die Leistungen
auf dem Gymnasium verschlechtern sich zunehmend. Insbesondere die Fremdsprachen bereiten ihm Probleme.
In einem Intelligenztest erreicht Georg ein Ergebnis, das besser
ist als bei 99 % der Kinder seines Alters. — Bei Georg liegt
eine Hochbegabung vor.
Georg berichtet, von wenigen Malen in der 1. Klasse abgesehen, noch nie Hausaufgaben gemacht zu haben. Zwar wurde
er von seiner Lehrerin und den Eltern immer wieder dazu aufgefordert, da er den Schulstoff aber immer beherrschte war
das Drängen halbherzig. Wenn der Druck seitens der Erwachsenen zu groß war, schrieb er einige Stichworte bei einem
Freund ab.
59
Georg droht schulisch daran zu scheitern, dass er wegen seiner
guten Begabung nie gelernt hat zu lernen. Außerdem hat sich
Georg, da er in der Grundschule bei mehreren Wiederholungen
oft gelangweilt war, angewöhnt im Unterricht seinen Gedanken
nachzuhängen und sich nicht über lange Zeit auf den Schulstoff
zu konzentrieren.
Im Weiteren gelingt es zunächst nicht, Georg zu einem anderen
Lernverhalten zu motivieren. Er ist gezwungen das Schuljahr
zu wiederholen. Als er droht auch bei der Wiederholung das
Klassenziel nicht zu erreichen und die Schule verlassen zu
müssen, ist er dazu bereit, lerntherapeutische Termine wahrzunehmen, die zu einer deutlichen Verbesserung seiner schulischen Leistungen führen.
Viele der unter einer anderen Überschrift geschilderten Probleme können mit einer Überforderung oder auch mit einer
Unterforderung zusammenhängen.
Zu einer schulischen Überforderung kann es leicht kommen,
wenn ein Kind unter einer Teilleistungsstörung, wie zum Beispiel einer Rechtschreibstörung leidet und diese nicht erkannt
oder nicht angemessen berücksichtigt wird. Eine Überforderung kann auch auftreten, wenn die Begabung eines Kindes
sehr unausgeglichen ist und in einem Bereich Stärken, in einem
anderen Schwächen bestehen.
Die Gefahr einer Überforderung besteht auch bei Kindern, bei
denen man eine Überforderung nicht vermutet, nämlich bei
sehr begabten Kindern. Kindern, die schnell lernen und eine
gute Auffassungsgabe besitzen, wird oft vieles gezeigt und
erklärt. Oft werden auch Dinge mit diesen Kindern besprochen,
die die Kinder zwar verstehen, aber von ihrer Lebenserfahrung
und ihrer Gefühlsentwicklung her noch nicht richtig einordnen
können. Es besteht die Gefahr, diese Kinder emotional zu überfordern.
60
Auch das Überspringen von Schulklassen kann bei gut begabten Kindern zu erheblichen Problemen führen, da sie zwar in
der Lage sind den Lernstoff gut zu bewältigen, in ihrer sozialen
Entwicklung aber noch nicht so weit sind wie die Klassenkameraden. Diese Kinder und Jugendliche können zwar am
Unterricht erfolgreich teilnehmen, sind aber für ihre Klassenkameraden als Freund oder Freundin häufig uninteressant. Besonders schwierig kann die Situation für Jugendliche werden,
sobald Kontakte zum anderen Geschlecht und Unternehmungen in Gruppen Gleichaltriger große Bedeutung zukommen.
3.35 Wahrnehmungsstörungen
Wahrnehmungsstörungen treten bei schwer psychiatrisch erkrankten Menschen (zum Beispiel bei einer Schizophrenie) auf.
Dann sind mit Wahrnehmungsstörungen Halluzinationen gemeint (zum Beispiel das Hören von Stimmen, obwohl niemand
anwesend ist).
Bei Kindern gibt es eine andere Art von Wahrnehmungsstörungen. Diese zeigen sich in Form von Entwicklungsverzögerungen. Bei dieser Form von Wahrnehmungsstörungen haben
die Kinder Probleme mit der Verarbeitung ihrer Sinneseindrücke (Sehen, Riechen, Schmecken, Hören, Fühlen) oder der
Wahrnehmung ihres Körpers. Häufig zeigen sich diese Wahrnehmungsstörungen als Bewegungsstörungen, als Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, der Organisation oder der Konzentration.
Für die Behandlung von Wahrnehmungsstörungen sind unter
anderem Heilpädagogen und Ergotherapeuten ausgebildet.
61
3.36 Zwänge (Wiederholungen sinnloser Handlungen)
Paul, 12 Jahre, Zwangsstörung
Paul war immer sehr ordentlich. Seine Schrift war stets sehr
klar und seine Mappen ordentlich geführt. Sein Zimmer war
und ist selten unaufgeräumt, sein Schreibtisch frei von Zetteln
und Spielzeug. Die Eltern begrüßen diese Haltung, zumal auch
seine Mutter sehr auf Ordnung und Sauberkeit achtet.
Die Vorstellung erfolgt, da Paul begonnen hat Rituale zu entwickeln, die die Eltern als sehr störend empfinden. Bevor Paul
abends zu Bett geht, kontrolliert er penibel die Ordnung in seinem Zimmer. Er achtet darauf, dass im Regal kein Buchrücken
vorsteht. Der Teppich muss auf den Millimeter genau (Paul
misst dies nach) in der Mitte seines Zimmers liegen. Seine
Modellbauten müssen im genau gleichen Abstand voneinander
auf seiner Kommode stehen. Paul benötigt zunehmend länger,
um abends alles ordentlich zu organisieren, vorher kann er seine Eltern nicht rufen, die dann jedes Mal sein Zimmer abzugehen haben und seine Frage, ob alles seine Richtigkeit habe,
wiederholt mit dem Satz Ja, alles ist in Ordnung! beantworten
müssen. Wird dieses Ritual unterbrochen, so muss es von vorne begonnen werden. Jeder Versuch, diese Ordnung zu verändern, führt zu großer Angst und Unruhe bei Paul.
Bei Paul besteht eine Zwangsstörung.
Mit einer verhaltenstherapeutischen Unterstützung und zunächst einer medikamentösen Behandlung mit einem Antidepressivum verändert sich Pauls Verhalten deutlich, Reste einer
Zwangsstörung bleiben jedoch bestehen. Im Elterngespräch
zeigt sich, dass auch bei der Mutter zwanghafte Verhaltensweisen bestehen, die sie nicht aufzugeben vermag.
Zwanghafte Handlungen können bei Kindern auftreten, ohne
Krankheitswert zu haben (z. B. beim Spazierengehen die Ritzen zwischen Pflastersteinen meiden). Zwangshandlungen
62
können aber auch sehr ausgedehnt auftreten (z. B. sehr häufiges Händewaschen, bestimmte Gegenstände nicht berühren).
Außer Zwangshandlungen können auch Zwangsgedanken auftreten, die oft aggressive Inhalte haben.
Rituale, die Zwängen ähneln, können auch bei anderen Störungen, wie zum Beispiel bei autistischen Störungen und Schizophrenien auftreten.
Versuchen Kinder oder Jugendliche ihre Zwänge zu unterdrücken, gelingt das oft nur schlecht und ist häufig mit starker
Angst verbunden.
Zwangshandlungen haben oft mit Angst und Kontrolle zu tun.
Die zwanghaften Handlungen können von demjenigen, der sie
ausführt, kontrolliert werden. Mitunter steht die Kontrolle im
Bereich der Zwangshandlung für einen anderen Lebensbereich,
in dem Angst eine Rolle spielt und der nicht zu kontrollieren ist.
Eltern und andere Erwachsene sollten sich nicht von den betroffenen Kindern in die Zwänge einbeziehen lassen, also zum
Beispiel bestimmte Handlungen im Auftrag des Kindes durchführen, da Zwänge oft die Tendenz zeigen sich auszubreiten
und immer weitere Lebensbereiche zu beeinflussen. Je öfter
eine zwanghafte Handlung vermieden werden kann, desto eher
gelingt es, den Zwang auch in anderen Bereichen zurückzudrängen. Eine Unterstützung des Kindes oder Jugendlichen in
dieser Richtung ist wichtig. Auch wenn die Belastung für die
Umgebung erheblich sein kann, empfiehlt es sich, auf die
Zwänge oder den inneren Kampf des Kindes oder Jugendlichen
möglichst entspannt zu reagieren.
Sollten solche Zwänge über einen Zeitraum von mehr als einem
halben Jahr bestehen oder stark einschränkend sein, so empfiehlt
sich eine kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik.
Oft ist eine Psychotherapie angezeigt, bei starker Ausprägung
in Verbindung mit einer medikamentösen Behandlung, in der
63
Regel in Form von Antidepressiva (die auch bei Zwangsstörungen helfen).
4. Diagnostik und Therapieplanung
Manches sollte man über Diagnostik und Therapien wissen,
unabhängig davon, um welches spezielle Problem es sich handelt oder welche Therapieform man in Betracht zieht.
Wichtige Punkte sind im Folgenden aufgeführt.
4.01 Diagnostik
Die Diagnostik dient dazu, das Ausmaß eines Problems und
dessen mögliche Ursachen genauer einzuschätzen. Darüber
hinaus wird die passende Therapie ermittelt.
Bei der diagnostischen Einschätzung von Kindern und Jugendlichen werden Fähigkeiten (was ein Kind oder Jugendlicher kann
oder nicht kann, zum Beispiel auf einem Bein springen oder
richtig schreiben) und Verhalten (was ein Kind oder Jugendlicher tut oder nicht tut, zum Beispiel sich konzentrieren oder sich
selbst verletzen) unterschieden. Oft bestehen Zusammenhänge
zwischen den Fähigkeiten und dem Verhalten: Wenn ein Kind
merkt, dass ihm viele Dinge misslingen die Gleichaltrige können, so kann das leicht dazu führen, dass das Kind sich nicht
mehr traut Neues auszuprobieren oder wütend auf sich oder andere wird. Umgekehrt können seelische Probleme dazu führen,
dass ein Kind sich nicht auf andere Dinge konzentrieren kann
und deshalb weniger dazulernt, als es könnte.
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Es ist oft nicht leicht abzuschätzen, ob ein Kind oder Jugendlicher etwas (zum Beispiel sich konzentrieren) nicht kann (auch
wenn er sich Mühe gibt), oder es nicht will (zum Beispiel weil
es ihm keinen Spaß macht).
Fähigkeiten lassen sich messen. Man kann untersuchen, ob die
Fähigkeiten eines Kindes so ausgebildet sind, wie es dem Alter
entspricht. Zum Beispiel ist es ist möglich zu bestimmen, ob
ein Kind einen Menschen so genau zeichnen kann wie andere
Gleichaltrige, ob es genauso gut Probleme lösen, sich ausdrücken, rechnen oder auswendig lernen kann.
Um dies festzustellen gibt es Tests. Diese Tests sind entwickelt
worden, indem zunächst untersucht wurde, was ein durchschnittliches Kind oder ein durchschnittlicher Jugendlicher
kann. Wenn man diesen Test dann mit einem Kind oder Jugendlichen durchführt, kann man dessen Ergebnis mit dem
Ergebnis der vielen anderen Kinder und Jugendlichen vergleichen, die die Aufgaben bearbeitet haben, als der Tests erstellt
wurde. So ist es möglich festzustellen, ob ein Kind mit dem
was es kann im Normalbereich, darunter oder darüber liegt.
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Auch die seelische Situation eines Kindes kann mit verschiedenen Verfahren eingeschätzt werden. Hierzu zählen (neben
der Beobachtung und dem Gespräch oder Spiel) Fragebögen
für das Kind oder den Jugendlichen selber. Es gibt Beurteilungsbögen, die von Erwachsenen (Eltern, Erziehern, Lehrern)
ausgefüllt werden.
Weiterhin gibt es Tests, die sehr frei gestaltet sind. Bei diesen
projektiven Tests haben die Kinder und Jugendlichen verschiedene Möglichkeiten auszudrücken was sie beschäftigt, was sie
belastet und wie sie sich selbst und ihre Umgebung sehen (z. B.
werden die Jugendlichen gebeten angefangene Sätze zu vervollständigen, Kinder können mit ausgesuchtem Spielzeug
Szenen darstellen etc.). Aufgrund der Reaktionen und Äußerungen, aufgrund des Umgangs mit dem Spielmaterial oder
anhand von Zeichnungen, die Kinder oder Jugendliche anfertigen, kann auf das seelische Befinden geschlossen werden.
Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten zu untersuchen,
ob körperliche Störungen vorliegen. Als Untersuchungsmethoden gibt es (neben der körperlichen Untersuchung) Blutuntersuchungen, Hirnstromkurven (EEG = Elektroenzephalogramm), Bilddarstellungen des Gehirns (Magnetresonanztomografie) und andere Verfahren. Mitunter sind diese Untersuchungen notwendig, um eine körperliche Ursache der Schwierigkeiten nachzuweisen oder auszuschließen.
4.02 Diagnosen
Diagnose ist ein medizinischer Begriff und sagt etwas über die
Symptome, das heißt die Probleme und über deren Ursachen aus.
Anhand der Diagnose kann man auf die beste Therapie schließen.
Ein Beispiel: Bei hohem Fieber, Husten und Atemnot liegt der
Verdacht auf eine Lungenentzündung vor. Oft kann man den
66
Verdacht dieser Diagnose erhärten, indem man die Lunge
röntgt und den verursachenden Keim nachweist. Die Gabe desjenigen Antibiotikums, für das der Keim empfindlich ist, ist
dann die richtige und schnell wirksame Therapie.
Schwierigkeiten im seelischen Bereich werden oft ebenfalls
nach Diagnosen geordnet. Mitunter können solche Diagnosen
sehr hilfreich sein, sie können aber auch große Probleme mit
sich bringen, denn Diagnosen sind im seelischen Bereich oft
vager und unschärfer als in der Körpermedizin. Dasselbe auffällige Verhalten kann bei Kindern oder Jugendlichen sehr
unterschiedliche Ursachen haben (zum Beispiel gibt es Kinder,
die einfach nicht gelernt haben die Toilette zu benutzen, andere
nässen ein, weil sie Angst vor der Schule oder der Trennung
der Eltern haben). Wie bei Husten ist es deshalb sehr wichtig,
die mögliche Ursache zu ermitteln (nicht jeder Husten ist ein
Symptom einer Lungenentzündung).
Umgekehrt gilt auch, dass gleiche seelische Belastungen zu
unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten führen können.
Dies führt dazu, dass eine Ursache zu verschiedenen Symptomen führt, die dazu führen, dass unterschiedliche Diagnosen
gestellt werden. Während sich der eine Jugendliche bei Stress
zurückzieht, wird ein anderer unruhig und impulsiv, wieder ein
anderer trinkt zu viel Alkohol oder bekommt starke Kopfschmerzen.
Die Gefahr ist groß, dass aufgrund eines bestimmten Verhaltens eines Kindes oder Jugendlichen eine beschreibende Diagnose gestellt wird, ohne dass mögliche Ursachen, die nicht im
Kind oder Jugendlichen selber liegen, ausreichend berücksichtigt werden. Zum Beispiel sind Konzentrationsprobleme, aufbrausendes Verhalten und starke Bewegungsunruhe oft nicht
durch ein ADHS im Sinne einer angeborenen Störung verursacht, sondern Ausdruck seelischer Belastungen. Deshalb sind
dann oft nicht Verhaltenstraining und Medikamentengabe die
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beste Therapie, sondern der Versuch, die seelischen Belastungen zu verringern.
Selbstverständlich können aber auch angeborene Schwierigkeiten und seelische Belastung gleichzeitig vorliegen.
Wenn eine diagnostische Einschätzung erfolgt, sollte nicht die
Bezeichnung der Schwierigkeiten im Sinne einer Diagnose im
Vordergrund stehen, sondern die Frage, womit man einem
Kind oder Jugendlichen und der Familie am besten helfen
kann.
4.03 Wer entscheidet, ob eine Therapie stattfindet?
Bei Kindern ist die Situation klar: die Eltern entscheiden. Abhängig vom jeweiligen Problem und ihrem Alter sind Kinder
oft nicht hinreichend in der Lage, das Ausmaß eines Problems
und die möglichen Folgen abzuschätzen.
Je motivierter ein Kind selbst ist, desto größer sind die Erfolgsaussichten einer Therapie.
Je älter Kinder werden, desto stärker müssen sie in die Entscheidung, ob eine Therapie stattfinden soll, eingebunden werden. Ab Beginn der Pubertät ist eine Therapie ohne eine eigene
Motivation des Jugendlichen kaum möglich. Zwingt man Jugendliche zu einer Therapie, so ist sie meist wirkungslos.
Sollte sich ein Jugendlicher skeptisch, aber gesprächsbereit
zeigen, so können mit ihm oft drei bis fünf Probetermine vereinbart werden. An deren Ende trifft der Jugendliche mit dem
Therapeuten die Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung
der Therapie.
Sollte bei Jugendlichen mit einer ablehnenden Haltung gegenüber einer Therapie eine Therapienotwendigkeit bestehen, dann
ist eine Familientherapie oft die angemessene Form. Familien68
gespräche werden von vielen Jugendlichen wesentlich eher
akzeptiert, da sie selber nicht so sehr im Mittelpunkt stehen.
Auch wird die Therapie weniger als Schuldzuweisung empfunden, da auch über das Verhalten der anderen Familienmitglieder gesprochen wird.
Ist eine Störung sehr schwerwiegend, zum Beispiel, wenn sie
mit Selbsttötungsabsichten einhergeht, so ist eine (dann fast
immer stationäre) Therapie des Jugendlichen auch gegen seinen Willen möglich und notwendig, notfalls mit Hilfe von Notarzt und Polizei.
4.04 Woher weiß ich, ob die Therapie richtig und
gut ist?
Wenn Kinder und Jugendliche therapeutisch begleitet werden,
stellt sich oft die Frage, ob die jeweilige Therapie (und der jeweilige Therapeut) wirklich die richtige ist. Diese Frage stellt
sich sowohl bevor eine Therapie beginnt, aber auch besonders
dann, wenn es im Laufe der Therapie nur wenige oder gar keine Verbesserungen gibt.
Mit dem Therapeuten sollte zu Beginn der Therapie besprochen werden, mit welchen Veränderungen in welchem Zeitraum gerechnet werden kann. Auch ist es richtig sich zu erkundigen, wie diese Veränderungen erreicht werden sollen. Sollten
die Ziele in einem abgesprochenen Zeitraum nicht erreicht
werden, so sollte man den Therapeuten hierauf ansprechen.
Der persönliche Eindruck ist sehr wichtig. Wenn Zweifel an
dem Können oder an der Zuverlässigkeit eines Therapeuten
auftreten, ist eine weitere Zusammenarbeit oft wenig sinnvoll.
Die Arbeit mit einem Therapeuten, der als unsympathisch emp69
funden wird, wird selten zum Erfolg führen. Nicht jeder Therapeut passt zu jedem Kind, zu jedem Jugendlichen oder jeder
Familie. Während manche Kinder, Jugendliche oder Familien
mit dem einen Therapeuten gut zurechtkommen, kann es bei
einer anderen Familie ganz anders sein.
Grundsätzlich gilt für jede Therapie, dass sie nur so gut ist, wie
der jeweilige Therapeut. Es lohnt sich, sich bei Fachleuten oder
anderen Eltern nach deren Einschätzung oder Erfahrung zu erkundigen. Im Zweifelsfall ist es sinnvoll eine längere Wartezeit
in Kauf zu nehmen, um dann eine Therapie bei demjenigen Therapeuten beginnen zu können, von dem man annimmt, dass er
am besten in der Lage sein wird bei einem Problem zu helfen. Es
kann auch sinnvoll sein, eine zweite Meinung von einem weiteren Therapeuten einzuholen, um vergleichen zu können.
4.05 Wer unternimmt was?
Bei den meisten Kindern und Jugendlichen haben beide Eltern
oder ein Elternteil das Sorgerecht, bei einigen wurde ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt. Der gesetzliche Vertreter (das
heißt die Eltern oder der Betreuer) hat das Recht und die
Pflicht, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, die für die
körperliche und seelische Gesundheit eines Kindes oder Jugendlichen notwendig sind. Er ist der Hauptansprechpartner für
Fragen zu Diagnostik und Therapie.
Das Einverständnis beider Elternteile ist erforderlich, wenn
beide sorgeberechtigt sind. Herrscht zwischen den Eltern keine
Einigkeit, so kann eine Therapie nicht begonnen werden. Sollten sich Eltern nicht einigen können und ein Elternteil eine
Therapie oder die Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater für notwendig halten, so entscheidet ein Familiengericht, wenn sich ein Elternteil an das Gericht wendet.
70
Ab der Pubertät, spätestens mit 16 Jahren, hat ein Jugendlicher
das Recht, alleine eine Therapie zu beginnen. Der Therapeut
unterliegt bei Jugendlichen der Schweigepflicht, auch gegenüber den Eltern oder dem gesetzlichen Betreuer.
4.06 Was können andere Erwachsene tun, die nicht
sorgeberechtigt sind?
Sollte ein anderer Erwachsener (z. B. eine Erzieherin, ein Lehrer) den Eindruck haben, dass ein Kind dringend Hilfe benötigt, so sollte in erster Linie der zuständige Erwachsene angesprochen werden. Wenn nicht sorgeberechtigte Erwachsene
(oft in guter Absicht) ohne das Wissen und die Zustimmung
der Sorgeberechtigten weitere Schritte einleiten, führt dies häufig zu einer misstrauischen Haltung der Eltern und nicht selten
zur Ablehnung einer möglicherweise dringend notwendigen
Therapie.
Es sollte nicht zu lange damit gewartet werden, die Sorgeberechtigen bei Schwierigkeiten eines Kindes oder Jugendlichen
anzusprechen, auch wenn ein solches Gespräch nicht leicht zu
führen ist. Zu langes Abwarten kann zur Folge haben, dass
diagnostische und therapeutische Schritte nicht frühzeitig eingeleitet werden und sich ein Problem weiter verfestigt. Es sollte auf eine diagnostische Abklärung gedrängt werden.
Für Erwachsene, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen
zu tun haben (wie auch für Therapeuten), ist es wichtig, die
eigenen fachlichen Grenzen zu kennen und deutlich zu machen,
wenn eine andere Form der Unterstützung notwendig ist.
Besteht der Eindruck, dass trotz eines dringenden Hilfebedarfs
und eines Gespräches mit den verantwortlichen Erwachsenen
keine weiteren Schritte seitens der Sorgeberechtigten erfolgen,
71
oder wenn ein Verdacht auf Misshandlung oder sexuelle Übergriffe durch einen Elternteil gegeben ist, so sollte Kontakt zum
Jugendamt, eventuell auch zur Polizei oder zu einer Kinderschutzambulanz aufgenommen werden. Für eine Beratung bei
einer unklaren Situation eignen sich insbesondere Kinderschutzambulanzen, denn sie unterliegen nicht der Verpflichtung umgehend weitere Schritte einzuleiten, sondern haben die
Möglichkeit der Beratung und Abwägung.
4.07 Nebenwirkungen einer Therapie
Jeder weiß, dass Medikamente Nebenwirkungen haben können.
Bei Therapien ist die Lage etwas unklarer, denn unmittelbare
negative Auswirkungen, wie bei Medikamenten, sind nicht zu
befürchten. Es ist aber wichtig sich darüber im Klaren zu sein,
dass die Durchführung einer Therapie (zumindest für Kinder ab
dem Schulalter) für das Kind oder den Jugendlichen bedeutet,
dass irgendetwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Wäre alles so
wie es sein sollte, bestünde keine Notwendigkeit für eine Therapie. Eine Therapie kann daher Selbstzweifel verstärken.
Gibt es innerhalb einer Familie Schwierigkeiten, an deren Zustandekommen nicht nur das Kind oder der Jugendliche mit
dem auffälligen Verhalten beteiligt ist, dann kann ein Kind
oder Jugendlicher durch eine Einzeltherapie in die Position des
schwarzen Schafes kommen beziehungsweise kann eine solche
Position in einer Familie noch verstärkt werden (z. B. sollte ein
Kind, das sich aggressiv verhält, nicht mit einer Einzeltherapie
behandelt werden, wenn die Aggressionen Ausdruck von Anspannungen sind, die durch massive Auseinandersetzungen der
Eltern verursacht werden).
Darüber hinaus bedeutet eine regelmäßige Therapie eine zeitliche Verpflichtung, sowohl für das Kind als auch für die Eltern,
was für alle Beteiligten mit zeitlichem Stress verbunden ist und
72
von einem Kind als Bestrafung empfunden werden kann, da es
nicht über seine Freizeit bestimmen darf.
Diese verschiedenen möglichen Wirkungen sollte man sich
überlegen, wenn man Nutzen und Belastungen durch eine Therapie abwägt.
5. Therapien und Hilfen
Im folgenden Abschnitt werden verschiedene Therapiemöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Familien beschrieben.
Wegen neuer Entwicklungen und regionaler Unterschiede,
kann die Auflistung nicht vollständig sein.
5.01 Autismusambulanzen
Autismusambulanzen bieten spezialisierte ambulante Therapien
für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit autistischen Störungen an. Neben Therapien mit den Betroffenen erfolgt eine
Unterstützung der Angehörigen, der Erzieher und Lehrer. Die
Voraussetzung für eine Übernahme der Kosten ist in der Regel
die Diagnose einer autistischen Störung. Die Diagnose muss
von einer anderen Stelle, z. B. einem Kinder- und Jugendpsychiater gestellt worden sein.
73
5.02 Biofeedback
Beim Biofeedback werden Reaktionen des Körpers erfasst und
unmittelbar zurückgemeldet, sodass man Informationen über
den augenblicklichen Zustand des eigenen Wachheits- oder
Entspannungszustandes bekommt und damit lernen kann, diesen zu beeinflussen und zu steuern.
5.03 Entspannungsverfahren
Beim autogenen Training beruhigt man sich selbst, indem man
lernt, sich vorgegebene Formeln vorzusagen (Autosuggestion),
die zu einer zunehmenden Ruhe und Entspannung führen.
Bei der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobsen spannt
man nach einer vorgegebenen Reihenfolge verschiedene Muskeln an und entspannt sie wieder. Eine Entspannung sowohl
des Körpers als auch des Geistes ist das Ziel.
Kurse für autogenes Training werden an Volkshochschulen
und in psychotherapeutischen Praxen angeboten.
5.04 Ergotherapie
Ergotherapien können als Einzel- oder Gruppentherapie
durchgeführt werden.
In der Ergotherapie wird mit Kindern und Jugendlichen etwas
geübt, das sie noch nicht altersentsprechend beherrschen. Es
können die Geschicklichkeit und Körperbeherrschung (Motorik), aber auch die Konzentrationsfähigkeit oder soziales Verhalten in einer Kleingruppe geübt werden.
Wenn eine Ergotherapie als Einzeltherapie mit einem Kind
durchgeführt wird, so sollte regelmäßig ein Elternteil anwesend
74
sein und angeleitet werden, wie sich das Geübte zu Hause weiter trainieren und festigen lässt.
Ergotherapeuten werden in ihrer Grundausbildung mit der Behandlung einer Vielzahl von Störungen bekannt gemacht. Oft
spezialisieren sich Ergotherapeuten auf bestimmte Altersgruppen, Arten von Schwierigkeiten und Behandlungsansätze.
Ergotherapeutische Behandlungen können von Ärzten verordnet
werde. Es bestehen Begrenzungen die festlegen, wie oft eine
Ergotherapie zulasten der Krankenkassen verordnet werden darf.
5.05 Frühförderung
In der Frühförderung werden Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung (z. B. in der sprachlichen oder motorischen Entwicklung) frühzeitig, noch vor dem Kindergartenalter, zu Hause oder in einem Förderzentrum gefördert. Eine Frühförderung
kann sich bis in das Kindergartenalter erstrecken. Mitunter
wird die Frühförderung in die Förderung in einem spezialisierten Kindergarten übergeleitet.
Eine Frühförderung wird oft über den Kinderarzt eingleitet.
5.06 Gruppentherapie
Gruppentherapien sind besonders geeignet für Kinder, die
Schwierigkeiten im sozialen Verhalten in Bezug auf Gleichaltrige zeigen. Mitunter werden Gruppentherapien zu bestimmten
Themen (zum Beispiel Trennung und Scheidung der Eltern)
angeboten. Gruppentherapien orientieren sich häufig an verhaltenstherapeutischen oder tiefenpsychologischen Konzepten
75
(siehe dort). Gruppentherapien werden unter anderem in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen, in ergotherapeutischen
Praxen und Erziehungsberatungsstellen durchgeführt.
Psychomotorische Übungsbehandlungen finden oft in Gruppen statt.
5.07 Heilpädagogische Kindergärten
Heilpädagogische Kindergärten dienen der umfassenden Förderung von Kindern mit deutlichen Entwicklungsverzögerungen oder Schwierigkeiten in mehreren Bereichen. Die Gruppen
sind klein, die Betreuerinnen besonders ausgebildet. Verschiedene Formen der Förderung (Heilpädagogik, Ergotherapie,
Logopädie, Motopädie) werden vorgehalten.
5.08 Heilpädagogisches Reiten
Beim heilpädagogischen Reiten werden Kinder mit seelischen
Problemen (z. B. große Ängstlichkeit) und/oder Bewegungsschwierigkeiten (z. B. Gleichgewichtsstörungen, zu geringe
Körperspannung), von Personen mit einer entsprechenden Weiterbildung betreut.
Die therapeutische Wirkung beruht auf dem Kontakt zu dem
Tier und den motorischen Anforderungen beim Reiten.
5.09 Hypnose
Bei der Hypnose wird der Patient durch gesprochene Anweisungen in einen Zustand versetzt, der einem Tagtraum ähnelt.
In diesem Zustand ist man empfänglich für Anweisungen und
76
neue Vorstellungen oder Empfindungen. Hypnose wird bei
Kindern und Jugendlichen nicht sehr oft angewandt und eignet
sich am ehesten für Probleme, die nicht durchgehend Auswirkungen auf den Alltag haben (z. B. Angst vor Zahnbehandlung) oder kann als Baustein einer umfassenderen Therapie
Anwendung finden.
Einige Kinder- und Jugendpsychotherapeuten arbeiten mit
Hypnose.
5.10 Integrative Kindergartenplätze
Wenn bei einem Kind Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten vorliegen, ist ein integrativer Platz in
einem Regelkindergarten eine mögliche Form der Förderung.
Integrative Gruppen sind in einigen Kindergärten kleiner als
Regelgruppen. Neben Kindern ohne Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten werden diese Gruppen von
einigen Kindern mit Förderbedarf besucht. Die Betreuung ist
durch mehr und spezialisiertes Personal intensiver, als in einem
Regelkindergarten. Die Förderung ist nicht so intensiv, wie in
einem heilpädagogischen Kindergarten.
5.11 Jugendhilfemaßnahmen
Jugendhilfemaßnahmen sind Unterstützungen, die vonseiten
des Staates gewährt und finanziert werden. Es gibt zahlreiche
Möglichkeiten der Unterstützung mit zum Teil deutlichen regionalen Unterschieden, da Jugendhilfemaßnahmen Leistungen
der Landkreise, Gemeinden und Städte sind. Im Folgenden
werden einige Jugendhilfemaßnahmen vorgestellt.
77
Erziehungsbeistandschaft
Eine Erziehungsbeistandschaft kann bei Jugendlichen eingerichtet werden. Ein Erwachsener mit entsprechender Qualifikation hat regelmäßigen Kontakt zu dem Jugendlichen und bemüht sich als Vertrauter, den Jugendlichen in verschiedenen
Lebensbereichen zu unterstützen. Ziele können zum Beispiel
ein regelmäßiger Schulbesuch oder angemessene Freizeitaktivitäten sein.
Sozialpädagogische Familienhilfe
Diese Unterstützung wendet sich an die ganze Familie und
wird oft in Form von Besuchen der Familie durch ein oder
zwei Pädagogen durchgeführt. Diese Form der Hilfe zielt auf
eine Unterstützung belasteter und von ihren Kindern stark geforderten Eltern bei Erziehungsfragen. Diese Hilfe ist gut geeignet bei Kindern und Jugendlichen, deren Probleme in engem
Zusammenhang mit der Situation der gesamten Familie stehen.
Aufsuchende Familientherapie
Bei der aufsuchenden Familientherapie handelt es sich um eine
sehr intensive Familientherapie. Die Termine finden häufig und
in der Wohnung der Familie statt. Bei erheblichen familiären
Konflikten ist diese Hilfe sinnvoll.
Tagesgruppen
Tagesgruppen werden von Kindern nach der Schule bis zum
späten Nachmittag besucht. Die Anzahl der Tage pro Woche,
an denen Kinder eine Tagesgruppe besuchen, kann unterschiedlich sein. Tagesgruppen sind besonders für Kinder geeignet, bei denen erhebliche Probleme im Kontakt mit anderen
Kindern bestehen und die in der Schule und in der Freizeit große Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen und zu
pflegen. Neben der Betreuung der Kinder in den Tagesgruppen
finden Gespräche mit den Eltern statt.
78
Vollstationäre Einrichtungen
Wenn die Schwierigkeiten der Kinder oder Jugendlichen zu
groß sind und ein Verbleib in der Familie nicht mehr möglich
ist, gibt es vollstationäre Jugendhilfeeinrichtungen. Es gibt ein
breites Spektrum an solchen Einrichtungen. Sie unterscheiden
sich hinsichtlich der Intensität der Betreuung der Kinder und
Jugendlichen und darin, ob therapeutische Möglichkeiten in der
Einrichtung vorhanden sind und wie eng die Einrichtung mit
einer Schule zusammenarbeitet. Außerdem ist die Unterstützung und Anleitung der Betreuer (z. B. Supervision) von Einrichtung zu Einrichtung sehr unterschiedlich.
Pflegefamilien
Kinder und Jugendliche können in Pflegefamilien aufgenommen
werden, wenn sie nicht in ihren Familien bleiben können. Pflegeeltern verfügen über unterschiedliche Qualifikationen, die sie
für diese Aufgabe geeignet machen. Bei Profipflegefamilien hat
mindestens ein Pflegeelternteil eine pädagogische Ausbildung.
5.12 Kinderschutzambulanzen
Kinderschutzambulanzen sind auf Hilfe und Unterstützung bei
Gewalt gegen Kinder und Jugendliche spezialisiert. Misshandlungen und sexuelle Übergriffe sind Gründe, aus denen Kinder
und Jugendliche dort vorgestellt werden können.
5.13 Klingelhose
Die Klingelhose ist ein verhaltenstherapeutisches Verfahren, das
bei Kindern, die nachts einnässen, angewendet werden kann.
Das Kind trägt eine spezielle Unterhose, deren wasserempfindli79
che Einlage durch einen Stromkreis mit einer Klingel verbunden
ist. Die Klingel ertönt, sobald der Stromkreis durch Urin geschlossen wird.
Diese Methode ist sehr effektiv und hat sehr hohe Erfolgsquoten. Die besten Voraussetzungen sind gegeben, wenn ein
Kind noch nicht gelernt hat die entsprechenden Körpersignale wahrzunehmen und selbst sehr motiviert ist, trocken zu
werden.
5.14 Krankengymnastik (Physiotherapie)
Mit Krankengymnastik werden Verzögerungen und Auffälligkeiten in der Bewegungsentwicklung behandelt. Besonders im
Bereich der Körperwahrnehmung, die für die Bewegungsentwicklung von großer Bedeutung ist, ergeben sich Überschneidungspunkte mit der Ergotherapie.
5.15 Krankenhausbehandlung
Kann Kindern oder Jugendlichen mit ambulanter Unterstützung
nicht hinreichend geholfen werden oder sind die Probleme so
groß, dass von vorneherein eine sehr intensive Unterstützung
erforderlich ist, gibt es die Möglichkeit einer Krankenhausbehandlung. Zuständig sind Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Eine solche Behandlung kann
entweder tagesklinisch (teilstationär) oder durchgehend (vollstationär) erfolgen.
Bei einer tagesklinischen Behandlung werden die Kinder morgens gebracht und am Nachmittag wieder abgeholt. Bei einer
vollstationären Behandlung bleiben die Kinder durchgehend in
der Klinik, in der Regel zunächst auch am Wochenende; sie
80
können zu bestimmten festgesetzten Zeiten, aber nicht täglich
besucht werden.
Die Dauer einer tagesklinischen oder vollstationären Behandlung kann zwischen einer Nacht (z. B. bei einer kurzen heftigen
Krise) und mehreren Monaten liegen.
Je jünger Kinder sind, desto stärker müssen die Auswirkungen
einer Trennung von der Familie berücksichtigt werden. Für
Vorschul- und Grundschulkinder sind Tageskliniken deshalb
oft besonders gut geeignet.
Nur wenige psychotherapeutische Kliniken haben die Möglichkeit komplette Familien aufzunehmen. Wenn sich die Möglichkeit bietet, ist dieser Behandlungsansatz oft sehr hilfreich,
da so alle Familienmitglieder zu der Lösung eines großen Problems beitragen können und gleichzeitig Hilfe für jeden Einzelnen möglich ist.
Sofern es sich bei einer stationären Behandlung nicht um einen
Notfall handelt, lohnt es sich, sich über die therapeutische Ausrichtung und die jeweiligen Behandlungsschwerpunkte einer
Klinik zu informieren. Zum einen sind Homepages im Internet
dafür geeignet, zum anderen ein Vorstellungstermin in der Klinik, bei der die Klinik besichtigt und mit den Therapeuten gesprochen werden kann.
5.16 Lerntherapien
Unter bestimmten Voraussetzungen (Teilleistungsstörungen
und einer daraus resultierenden großen seelischen Belastung)
werden Lerntherapien von der Jugendhilfe finanziert. Es gibt
eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote. Der Beruf Lerntherapeut ist nicht geschützt und es existieren keine Ausbildungsrichtlinien, daher ist es wichtig, sich das Therapiekonzept er81
läutern zu lassen. Meistens sind Einzeltherapien teurer und
wirksamer als Gruppentherapien und Therapien, bei denen
auch zu Hause geübt werden muss, und zeigen schneller Erfolg
als Behandlungsansätze, bei denen darauf verzichtet wird.
Für die Lese-Rechtschreib-Störung existieren Therapien, die
sich entweder besonders um das Verinnerlichen des Wortbildes
(visuelles Training) bemühen, oder sie stellen das Hören (auditives Training) in den Vordergrund.
5.17 Medikamente
Eine Behandlung mit Medikamenten sollte nur erfolgen, wenn
sich andere Therapien als nicht erfolgreich genug herausgestellt haben oder wenn das Problem so groß ist, dass eine andere Therapie voraussichtlich nicht oder nicht schnell genug zum
Erfolg führen wird.
Steht man vor der Frage, ob bei Kindern und Jugendlichen wegen seelischer Probleme eine medikamentöse Therapie begonnen werden sollte, so sollte man sich immer um die Einschätzung eines Kinder- und Jugendpsychiaters bemühen.
Bei einer medikamentösen Behandlung muss immer ein Ausschluss einer körperlichen Erkrankung zum Beispiel durch eine
Kontrolle von Blutdruck, Herzschlag und Blutwerten, durch
die Ableitung der Herzspannungskurve (EKG) und der elektrischen Aktivität des Gehirns (EEG) erfolgt sein.
Psychopharmaka wirken durch die Veränderung der Mengen
von Botenstoffen in der Gehirnflüssigkeit. Unser Denken, Fühlen und Handeln wird durch Gehirnzellen gesteuert. Diese Zellen haben zahlreiche Verbindungen untereinander. Diese Verbindungsstellen sind keine Verwachsungen, sondern zwischen
den Ausläufern der Zellen besteht eine Lücke. Diese Lücke
wird durch Botenstoffe, die in der Gehirnflüssigkeit schwim82
men, überbrückt. Die Menge dieser Botenstoffe wird durch
Psychopharmaka verändert.
Stimulanzien
Zu den Stimulanzien gehören unter anderem Methylphenidat
(z. B. Ritalin®, Medikinet®, Equasym®, Concerta®), D,LAmphetaminsaft, Atomoxetin (Strattera®) und Dexamfetamin
(Elvanse®). Stimulanzien sind für die Behandlung von Menschen mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung zugelassen. Diese Medikamente beeinflussen die Konzentrationsfähigkeit, die Impulsivität und die motorische Unruhe.
Die Verbesserung in diesen Bereichen tritt unabhängig davon
ein, ob eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung vorliegt oder nicht. Das bedeutet, dass die Grenze zwischen einer notwendigen Behandlung und einem mentalen Doping sehr unscharf sein kann.
Methylphenidat und DL-Amphetaminsaft wirken schnell, innerhalb einer halben Stunde. Atomoxetin muss bis zum vollen
Wirkungseintritt einige Wochen regelmäßig eingenommen
werden.
Die maximale Dosierung der Medikamente richtet sich nach
dem Körpergewicht. Bei Methylphenidat wird die passende
Dosierung durch eine langsame Dosissteigerung bis zum Wirkungseintritt ermittelt.
Die häufigste Nebenwirkung dieser Medikamente sind MagenDarm-Beschwerden, insbesondere eine Verminderung des Appetits. Es können jedoch noch viele andere Nebenwirkungen
auftreten. Sollten schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten,
so sollte in jedem Fall ein anderes Medikament oder eine andere Therapie versucht werden.
Antidepressiva
Antidepressiva sind wirksam bei Depressionen, Zwangsstörungen und Angststörungen. Das Mittel der ersten Wahl ist meis83
tens ein Medikament aus der Gruppe der selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmer.
Die wichtigste mögliche Nebenwirkung bei allen Antidepressiva ist eine erhöhte Gefahr der Selbsttötung. Diese kann auftreten, weil bei einer Depression eine Steigerung des Antriebs
(man hat wieder mehr Energie) eintritt, bevor sich die Stimmung aufhellt.
Benzodiazepine
Benzodiazepine (z. B. Valium®, Tavor®) sind sehr stark wirksame Schlaf- und Beruhigungsmittel, die nur in Ausnahmesituationen (z. B. psychotische Krisen, Selbsttötungsabsichten) und
nur kurzzeitig eingesetzt werden sollten, da sie schnell abhängig machen können.
Neuroleptika
Man unterscheidet niedrig potente von hochpotenten Neuroleptika.
Niedrig potente Neuroleptika können als Beruhigungsmittel
eingesetzt werden. Hochpotente Neuroleptika eignen sich zur
Behandlung von schizophrenen Psychosen, ausgeprägten TicStörungen und schweren Depressionen.
5.18 Neurofeedback
Die Aktivität des Gehirns beruht neben chemischer auf elektrischer Aktivität. Die Informationsweiterleitung erfolgt zwischen
den Nerven mit Hilfe von Botenstoffen, innerhalb eines Nervens und seiner Fortsätze durch elektrische Impulse. Diese
elektrischen Impulse können im EEG sichtbar gemacht werden.
Hierbei werden Elektroden auf die Kopfhaut aufgeklebt. Verschiedene Bewusstseinszustände (tiefer oder oberflächlicher
Schlaf, Wachheit … ), aber auch der Grad der Entspannung
84
oder Konzentration lassen sich erfassen. Die durch Elektroden
erfassten elektrischen Zustände lassen sich als Wellen, aber
auch als Bilder darstellen, die man sich auf einem Bildschirm
ansehen kann. So erhält man eine unmittelbare Rückmeldung
über den eigenen augenblicklichen Zustand (zum Beispiel den
Grad der Konzentriertheit) und kann leichter versuchen, ihn zu
beeinflussen.
5.19 Psychotherapie
Wenn bei den Vorschlägen zur Therapie von Psychotherapeuten gesprochen wird, so sind damit sowohl Kinder- und Jugendpsychiater als auch Psychotherapeuten für Kinder und
Jugendliche gemeint.
Eine Psychotherapie hilft bei seelischen Problemen durch Gespräche, Spiele und Übungen. Es gibt sehr viele verschiedene
Formen von Psychotherapien.
Psychotherapien werden nicht verordnet. Ein Psychotherapeut
kann ohne Überweisung aufgesucht werden. Nach einigen Probeterminen muss vor Aufnahme der kontinuierlichen Behandlung ein Arzt konsultiert werden, wenn der Psychotherapeut
nicht selber Arzt ist, um eine körperliche Erkrankung als Ursache der seelischen Probleme auszuschließen.
Welche Psychotherapie bei welchem Problem die beste ist,
lässt sich nur schwer allgemein sagen und hängt stark von der
Ursache des Problems ab.
Die Einbeziehung der Eltern ist umso wichtiger, je jünger ein
Kind ist. Aber auch bei einem Jugendlichen kann eine Familientherapie die sinnvollste Maßnahme sein.
Drei der wichtigsten Therapieverfahren, die bei Kindern und
Jugendlichen infrage kommen, werden kurz dargestellt. Zwi85
schen diesen Therapieverfahren gibt es große Überschneidungen; erfahrene Therapeuten sind in der Lage, Elemente der
verschiedenen Therapieverfahren zu kombinieren. Bei den Einzeltherapieverfahren, wie Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierter oder analytischer Therapie (in mindestens
einem dieser Verfahren muss ein kassenzugelassener Psychotherapeut ausgebildet sein) sollten regelmäßige begleitende
Elterngespräche stattfinden.
Verhaltenstherapie
Eine Verhaltenstherapie zielt darauf ab, gewünschtes Verhalten durch Belohnung oder Bestrafung zu beeinflussen. Bei unerwünschtem Verhalten wird erreicht, dass es seltener auftritt.
Bestimmte Fähigkeiten können verbessert und neue Erfahrungen gemacht werden. Auch Gedanken und die Wahrnehmung
von Gefühlen werden bearbeitet. Fortschritte werden durch
systematisches Üben erreicht.
Analytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapien
Bei tiefenpsychologisch fundierten und analytischen Therapien
steht die Beziehung zwischen dem Kind oder Jugendlichen und
dem Therapeuten im Vordergrund. Es werden neue hilfreiche
Erfahrungen im Zusammensein mit einem anderen Menschen
gemacht. Diese wirken sich positiv auf den Umgang der Kinder
und Jugendlichen mit ihren Gefühlen, Zweifeln und Erinnerungen aus und beeinflussen dadurch auch das Verhalten.
Familientherapie
In der Familientherapie stehen die Beziehungen der verschiedenen Familienmitglieder und der Umgang miteinander im
Vordergrund. Hierüber wird mit der Familie gesprochen oder
es werden spielerische Übungen gemacht. Andere Möglichkeiten des Umgangs miteinander werden ausprobiert. Je jünger
Kinder sind, desto wichtiger ist die Arbeit mit den Eltern oder
86
Bezugspersonen. Eine Familientherapie stellt oft die wirksamste Behandlungsform dar, wenn die Familie sich hierauf einlässt
und in der Lage ist, Anregungen umzusetzen.
Für die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
hat die Familie eine sehr große Bedeutung. Den meisten Eltern
geht es schlecht, wenn ihre Kinder leiden. Dasselbe gilt auch
umgekehrt. Da Eltern so unglaublich wichtig für ihre Kinder
sind, zeigen sich viele Kinder verstört oder auffällig, wenn sie
miterleben, dass es ihren Eltern nicht gut geht. Auch wenn
(insbesondere kleinere) Kinder oft nicht wissen oder verstehen,
warum es ihren Eltern schlecht geht, so erspüren sie schon ab
frühester Kindheit, ob ihre Eltern belastet sind. Deshalb ist das
auffällige Verhalten von Kindern mitunter besser als ein Zeichen von Belastungen in der Familie zu verstehen, denn als ein
Problem nur des Kindes oder Jugendlichen.
Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche haben entweder
Psychologie oder ein pädagogisches Fach studiert und sich in
87
mindestens einer Therapieform weitergebildet. Auch nach
einem Medizinstudium ist es möglich, mit einer entsprechenden Weiterbildung als Kinder- und Jugendtherapeut zu arbeiten. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind heute
immer auch Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und haben
im Rahmen der Facharztausbildung eine mindestens fünfjährige Ausbildung in einer kinder- und jugendpsychiatrischen
Fachklinik durchlaufen.
5.20 Psychomotorik
Bei psychomotorischen Gruppenhandlungen werden sowohl
die motorischen Fähigkeiten der Bewegung gefördert, als auch
neue soziale Erfahrungen gemacht und das Selbstwertgefühl
gesteigert. Besonders gehemmte und bewegungsauffällige
Kinder profitieren oft von dieser Art der Therapie.
5.21 Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter
Schulpsychologen nehmen oft eine diagnostische Einschätzung
bei Kindern und Jugendlichen hinsichtlich möglicher Ursachen
schulischer Probleme vor. Häufig führen sie auch vermittelnde
Gespräche zwischen Schülern, Eltern und Lehrern. Die Beratung von Lehrern und die Weiterbildung von Beratungslehrern
zählen zu ihren Aufgaben. Therapeutische Termine bieten sie
in der Regel nicht an.
Schulsozialarbeiter kümmern sich ebenfalls um Kinder mit
schulischen und sozialen Problemen und arbeiten auch mit Eltern und Lehrern zusammen. Mitunter bieten sie Hilfen bei
Mobbing in Form von Beratung, aber auch Gruppentraining für
Klassen an.
88
5.22 Sprachheilkindergärten
Sprachheilkindergärten sind auf Kinder spezialisiert, bei denen
sich ausgeprägte Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung
zeigen. Häufig besteht in Sprachheilkindergärten die Möglichkeit, auch andere Bereiche zu fördern.
6. Lebensführung und Freizeitgestaltung
Einige mögliche Veränderungen im Alltag von Kindern und
Jugendlichen sind von besonderer Wichtigkeit und zum Teil
ähnlich wirksam, wie die oben aufgeführten Therapien.
6.01 Fernsehen und elektronische Spiele
Bei manchen Jugendlichen und zum Teil auch schon bei Kindern, kommt der intensiven Beschäftigung mit elektronischen
Medien eine erhebliche Bedeutung zu. Diese kann hinsichtlich
der möglichen negativen Folgen kaum überschätzt werden.
Übermäßiges Computerspielen kann die Ausbildung motorischer und sozialer Fertigkeiten sowie die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.
Es ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob übermäßiges Computerspielen oder Fernsehen die Folge oder die Ursache einer
psychischen Störung ist. Ziehen sich Jugendliche hinter den
Computer zurück, weil sie nur wenige soziale Kontakte haben
und wenig Antrieb etwas zu unternehmen? Oder haben sich
diese Probleme erst durch die viele Zeit, die mit den Medien
verbracht wurde, entwickelt?
89
Für die meisten Kinder und Jugendlichen sind klare zeitliche
Vereinbarungen notwendig, um den Medienkonsum zu begrenzen. Das ist besonders schwierig, wenn ein Kind völlig freien
Zugang zu einem Computer oder einer Spielkonsole hat oder
sich ein Fernseher im Kinderzimmer befindet. Computer und
Fernseher sollten nicht in Kinderzimmern stehen. Auch bei Jugendlichen sollte eine Kontrolle des Medienkonsums erfolgen.
In jedem Fall sollte, wenn eine Veränderung nicht ohne Hilfe
durchsetzbar ist, eine Beratungsstelle oder ein Psychotherapeut
aufgesucht werden.
Als Richtlinien können folgende Zeiten gelten:
Vorschulkinder: maximal 30 Minuten, nur an Wochenenden,
nur mit den Eltern
Grundschulkinder: maximal 120 Minuten (DVD) am Wochenende, maximal 45 Minuten täglich während der Woche, nur
den Eltern bekannte Filme/Spiele
90
Kinder ab 10 Jahren und Jugendliche: maximal 120 Minuten
pro Tag, weniger falls Schule, Freunde oder Hobbys vernachlässigt werden
6.02 Geheimnisse
Die Frage, was man besser vor Kindern und Jugendlichen geheim hält und was man ihnen mitteilt, ist oft nicht leicht zu
beantworten. Soll ein Kind von der Krebserkrankung der
Großmutter erfahren? Soll eine Jugendliche von der außerehelichen Beziehung der Mutter wissen?
Oft ahnen Kinder oder Jugendliche, dass etwas nicht stimmt.
Dann sollten sich die Eltern überlegen, was und wie sie einem
Kind oder Jugendlichen mitteilen, was sie beschäftigt. Eine
vage Ahnung ist oft schlimmer als die Wahrheit.
91
Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche sich bei solchen
Belastungen nicht verantwortlich fühlen, weder für das Zustandekommen der Probleme, noch für deren Lösung. Die Eltern
müssen deutlich machen, dass sie und nicht das Kind oder der
Jugendliche zuständig sind.
6.02 Sport
Zeigen Kinder Schwierigkeiten in der Ausdauer, eine erhöhte
motorische Unruhe, eine verstärkte Impulsivität oder Probleme
im sozialen Verhalten, dann ist regelmäßiger Sport von großer
Bedeutung, da diese Bereiche durch Sport positiv beeinflusst
werden. Auch andere psychische Probleme, wie z. B. Depressionen, lassen sich durch Sport positiv beeinflussen.
6.03 Tagesablauf
Viele Kinder profitieren von einem geregelten und ritualisierten
Tagesablauf. Genug Schlaf, wenig familiärem Stress, einer anregenden, aber nicht überfordernden Freizeitgestaltung und einer
ausgewogenen Ernährung kommen eine sehr große Bedeutung
zu. Diese Faktoren sind Grundbedingungen für eine gesunde
emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
6.04 Vorbilder
Die Eltern sind die wichtigsten Vorbilder ihrer Kinder. Deshalb
sollten sich Eltern, die ein bestimmtes Verhalten bei ihren Kindern beobachten, Gedanken machen, wie sie sich selber in die92
sen (oder vergleichbaren Situationen) verhalten. Ist ein Kind
zum Beispiel sehr ehrgeizig, muss das nicht darauf zurückzuführen sein, dass es von den Eltern zu Leistungen angetrieben
wird. Es kann auch damit zusammenhängen, dass ein Kind bei
seinen Eltern ehrgeiziges Verhalten, zum Beispiel auf den Beruf bezogen miterlebt oder bei Gesprächen davon erfährt. Noch
unmittelbarer ist die Vorbildfunktion der Eltern bei Verhalten,
das von den Kindern unmittelbar beobachtet werden kann
(z. B. Nikotin- und Alkoholkonsum, Fernsehgewohnheiten).
In der Pubertät setzen sich viele Jugendliche sehr kritisch mit
den Haltungen und Wertvorstellungen ihrer Eltern auseinander,
trotzdem bleiben Werte, die Eltern vermitteln, ein wichtiger
Maßstab.
6.02 Zuversicht
Auch bei großen Sorgen sollten Eltern nicht vergessen, dass
sich Kinder und Jugendliche schnell entwickeln und Veränderungen oft in kurzer Zeit zur Verbesserung von Schwierigkeiten führen können. Haben Eltern das Gefühl auf dem richtigen
Weg zu sein, so sollten sie entspannt und mit Zuversicht die
weitere Entwicklung abwarten und ihren Kindern eine positive
Perspektive vermitteln.
93