„ÜBER-WUNDEN - Trauma, Genesung und Spiritualität“ 2

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„ÜBER-WUNDEN - Trauma, Genesung und Spiritualität“ 2
„ÜBER-WUNDEN
- Trauma, Genesung und Spiritualität“
2. Deutschsprachiger Kongress zu Trauma und Spiritualität
12. bis 14. Oktober 2012, Kurhaus Bad Herrenalb
Zusammenfassung durch Tamara Enhuber
Um Traumata besser verstehen und uns auf den Weg machen zu können, sie zu heilen,
müssen wir uns – so haben die Vorträge, Seminare, Lesungen, Diskussionsbeiträge von
ExpertInnen (PraktikerInnen und Betroffenen) und Musik- und Tanzveranstaltungen des vom
Förderkreis für Ganzheitsmedizin organisierten Kongresses vom 12. bis 14. Oktober 2012 im
Bad Herrenalber Kurhaus deutlich gemacht – auch auseinandersetzen mit den Themen
Gewalt, Scham und Trauer, mit den Fragen von Anerkennung und Würde, mit der
Notwendigkeit der Aussöhnung mit den eigenen Schattenseiten wie auch mit der Frage der
Vergebung, mit dem Wirken der Seele und der Heilkraft von Spiritualität, mit der Bedeutung
von Ritualen, Gemeinschaft und anderen Orten der Heilung, und mit der Rolle der
traumatisierten Menschen und der TherapeutInnen in der Traumaarbeit.
Trotz der Themenvielfalt haben die Vorträge immer wieder zueinander gesprochen,
gemeinsame Nahtstellen aufgezeigt, unterschiedliche Perspektiven einzelner Fragen
angeboten. Um den TeilnehmerInnen des Kongresses die Möglichkeit zu geben, die
einzelnen Beiträge nochmal in Ruhe auf sich wirken zu lassen, und anderen, die nicht daran
teilgenommen haben, einen kleinen Eindruck zu verschaffen und ihnen evtl. die Idee einer
weiteren Perspektive, einen neuen Zugang zu der Thematik zu geben, seien die Vor- und
Beiträge nachfolgend zusammengefasst.*
Es gibt keine Zwangserleben (Schmidt), oder, in anderen Worten: es ist nicht das Ereignis an
sich oder allein, sondern der Kontext, in dem eine Gewalterfahrung erlebt wird, der ein
Trauma hervorruft (Beaumont, Kachler). Im Rahmen von Gemeinschaft und wenn unserer
Seele Raum gegeben wird, kann einer Traumatisierung vorgebeugt werden (Pater Grün,
Fuhrberg), auch wenn eine Person, an der Gewalt ausgeübt wurde, durch Ruhe und
Sicherheit aufgefangen wird, kann Heilung unmittelbar geschehen (Madert). Doch wo diese
Voraussetzungen nicht gegeben sind, wo Menschen nicht die erforderlichen Kapazitäten
entwickeln konnten, sich adäquat gegenüber einem (lebens)bedrohlichen Ereignis zu
schützen (Beaumont), wo unsere inneren Netzwerke uns nur Erinnerungen von Opfer-, Leidund Hilflosigkeit anbieten (Schmidt), kann sich ein solches Ereignis traumatisierend auf uns
auswirken.
In der Traumatherapie müssen wir uns von der Illusion der Objektivierbarkeit (Schmidt) , von
einem falsch verstandenen Expertentum (Beaumont) lösen, müssen die kulturellen Kontext
der traumatisierten Person berücksichtigen (Fuhrberg), als TherapeutInnen auf unsere
Intuition vertrauen, die Seele befragen, was ist(Beaumont), aber, vor allem, müssen die
‚autorisierte Autorität‘ immer bei der/m KlientIn verorten (Schmidt). Als einer der zentralen
Punkte in der Traumaarbeit wurde herausgestellt, dass am Anfang (und selbstredend in dem
** Eine Zusammenfassung kann –trotz der relativen Ausführlichkeit – immer nur eine
Zusammenfassung bleiben, kann nicht jedes Beispiel oder Nuance wiedergeben, auch wenn
möglicher Weise gerade jene für die Eine oder den Anderen einen Aha-Effekt ausgelöst haben mögen.
Die Berichterstatterin hat versucht, die zentralen Argumente und Perspektiven der ReferentInnen
aufzugreifen und in möglichst kohärenter Weise uninterpretiert und unkommentiert wiederzugeben.
gesamten Prozess) des Heilungswegs eine genuine Anerkennung, Würdigung und Achtung
des erfahrenen Leids/Schmerzes (Laurischk, Rüegger-Haller, Schmidt) stehen muss. In
einem weiteren Schritt ist es jedoch ebenso erforderlich, die Kompetenz und Leistung
unserer Seele, uns Schutz in (lebens)bedrohlichen Situationen geleistet, uns vielleicht durch
eine dysfunktionale Familien geführt zu haben, anzuerkennen. Und so die Funktion von
Scham als der ‚Hüterin unserer Würde‘ (Marks). Da wo Trauma im Kontext von Trauer
ausgelöst wird, können sich komplexe Dynamiken zwischen Trauma und Trauer entwickeln,
können doppelte Störungen und Traumata entstehen. Dies macht es erforderlich, den jeweils
anderen Aspekt in Traumatherapie und Trauerbegleitung zu berücksichtigen (Kachler).
In mehreren Zusammenhängen wurde die Aufmerksamkeit auf verdeckte, subtile Formen
von Gewalt, z. B. in Ideologien oder der Sprache, gerichtet und ihrer Wirkung auf unsere
(Eigen-)Wahrnehmung , auf unsere Seele (Beaumont) und unseren Körper (Madert) betont.
So fühlt es sich beispielsweise unterschiedlich an, ob wir von ‚Opfer‘ oder
‚Missbrauchsüberlender/m‘ sprechen (Rüegger-Haller) oder ob wir das Wort ‚Missbrauch‘
gebrauchen oder durch ‚Gewalt‘ ersetzen.
Immer wieder war von (spirituellen) Orten der Heilung die Rede, die z. B. in der
Gemeinschaft liegen können (Fuhrberg, Grün, Madert) oder Orten, an denen unser Leid
nicht (von außen) vergessen wird (Schmidt), oder an denen wir geliebten Menschen, die wir
verloren haben, begegnen können (Kachler). Heilung kann geschehen durch die
Einbeziehung unserer Seele (Beaumont), durch Spiritualität, Körpertechniken (Madert), in
Ritualen wie Gebet, Meditation, Musik, körperlicher Bewegung (Grün), Exerzitien (RueggerHaller), durch die Übertragung von Gleichnissen (Grün), durch den bewussten Aufbau von
stärkenden inneren Netzwerken (Schmidt), in Beziehungen (innerhalb eines ‚Raumes‘), in
dem alle Beteiligten Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität erfahren (Marks).
Die Antworten auf die Frage, ob der letzte Schritt der Heilung in der Vergebung liegen kann
oder muss – vielleicht die Frage, um der auf dem Kongress am meisten gerungen wurde –,
zeigen viele Nuancen: Für Anselm Grün heißt Vergeben, dass ich etwas beim Anderen lasse.
Elke Rüegger-Haller überlässt den Täter Gott und plädiert dafür, dass ein/e
Missbrauchsüberlebende/r nicht vergeben muss. Auch Hunter Beaumont betont, dass wir
nicht von den Opfern verlangen sollen, dass sie verzeihen müssen, um sie nicht ein zweites
Mal zu Opfern zu machen. Aber gleichzeitig, so seine Feststellung, ginge es nicht ohne
Verzeihen. Die Frage sei nur, was man darunter versteht. Martin Luther King sprach in
diesem Zusammenhang von der Erkenntnis, dass man einen Weg finden müsse das Leben
fortzusetzen. H. Beaumont schlägt vor, dass dies auch eine Entlassung, auch Entlastung,
des Täters erfordere. Michael Tischinger sieht in der Aussöhnung den Königsweg, denn ohne
Vergebung verbleiben wir in der Macht der Täter und setzen uns immer wieder der Situation
des Wiedererlebens aus. Für ihn wiederum bedeutet Vergebung nicht die Entbindung des
Täters von seinen Taten, sondern ein Loslassen des Täters. Das Problem uns selbst
vergeben zu können, liegt, so Anselm Grün, darin, dass wir zu hohe Idealbilder von uns in
uns tragen und Schuld somit unser Selbstbild in Frage stellt. Mir selbst zu vergeben setzt
voraus einzuräumen, dass ich nicht so bin, wie ich dachte. Das heißt Demut zu üben.
Eine große Zuversicht, dass Heilung möglich ist, steckt in der Vorstellung, dass es in uns
allen einen Raum gibt, in dem wir heil und ganz sind (Grün spricht von dem ‚göttliches Kind
in uns‘), dem Streben uns rückzuverbinden zu der Vollkommenheit unseres Ursprungs
(Fuhrberg schlägt uns vor, uns als ‚Gottheit in Windeln‘ zu verstehen). Möglicher Weise sind
Traumata nicht (immer) vollständig heilbar, aber wir können uns entscheiden, sie als Teil
unseres Lebens annehmen (Grün), ihre Erfahrung vielleicht auch als Etappe auf unserem
Weg zur Ganzwerdung, auf unserem spirituellen Weg erkennen (Roth, Rüegger), sie für die
Gemeinschaft nutzbar machen (Fuhrberg).
Aus Kornelius Roths Einführungsworten lassen sich sowohl ein zentrales Ziel als auch die
Sinngebung ganzheitlicher Traumaarbeit zusammenfassen und mit den beiden weiteren
Kongressthemen verbinden: Unter all der Hilflosigkeit, Ohnmacht, Schuld, Scham und Angst,
die ein Trauma definieren, gibt es etwas Unzerstörbares in uns allen, aus dem Wert und
Würde fließen. Ein wesentlicher Aspekt in der Traumatherapie liegt darin, Betroffene dabei zu
unterstützen, den Zugang zu diesem heilen Anteil zu finden und sich weiter auf ihrem Weg
machen zu können, nach dem Motto aus den 12 Schritte Gruppen: „Religion ist für
diejenigen, die nicht in die Hölle wollen. Spiritualität ist für die Menschen, die schon in der
Hölle waren.“
In seinem Vortrag „Scham: Hüterin der Würde des Menschen“ spricht Stephan Marks
von ‚den vier Themen der Scham‘: Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität. Wenn
diese Bedürfnisse versagt oder verletzt werden oder – im Fall des Bedürfnisses nach Schutz
– dieses nur von einem gewalttätigen Gegenüber ersucht werden kann, können wir eine
Beschämung und/oder Scham erleben. Das heißt, immer dann, wenn wir missachtet,
ignoriert oder übersehen, eben nicht anerkannt werden; wenn wir – paradoxer Weise –
Schutz suchen bei unserem Folterer, Vergewaltiger oder einem/r anderen, der/die uns
missbraucht; wenn wir den Normen oder Erwartungen unserer Umgebung oder der
Gesellschaft nicht entsprechen; wenn wir gezwungen werden, Gewalt auszuüben oder
ZeugInnen von Gewalt und Unrecht werden und unsere eigenen Erwartungen an uns nicht
mehr übereinstimmen mit unserem Verhalten. Wie einschneidend wir Scham empfinden
mögen, zeigt sich vielleicht daran, dass unser Gehirn hier die gleichen Funktionen benutzt
wie beim Empfinden von existenzieller Angst. Im Zustand von Scham rutschen wir, wie
Donald Nathanson zeigt, im Gehirn sozusagen „nach unten“ zum Reptilienverhalten, d. h.
Fliehen, Angreifen oder Verstecken.
Scham ist universell, aber sowohl die Schamgrenzen als auch der Umgang mit Scham sind
individuell und kulturell unterschiedlich. So gibt es auch eine geschlechtsspezifische
Unterscheidung: Während Männer sich eher z.B. arrogant geben, ihre Scham auf andere
projizieren und andere zwingen sich zu schämen, tendieren Frauen dazu, die Scham gegen
sich selbst zu richten, ihr „Licht unter den Scheffel zu stellen“, sich unsichtbar zu machen
oder einem Perfektionismus zu verfallen. Scham ist eine Gruppe von Gefühlen, kann
verschieden tief und lang erlebt werden. Im Zustand der Scham kreisen wir uns ein; Scham
isoliert uns, trennt uns von anderen, unterbricht die Beziehung(en). Solange wir die Scham
nicht aufgelöst haben, kann es sein, dass wir sie – wie auch unsere Opferschaft, die sie
ausgelöst hat – weiterreichen: innerhalb unserer Familie, möglicher Weise über viele
Generationen, aber auch nach außen. Es kann passieren, dass entweder unser ‚Gefäß der
Scham‘ überläuft und zu einem Sprung in die Gewalt führt, die uns erträglicher erscheint als
unsere Scham, oder dass wir aus zu viel Scham Verhaltensweisen entwickeln, die uns sehr
schädigen. Aus diesem Grund ist zu beachten, dass in der Arbeit mit Menschen nicht zu viel
Scham auftauchen darf (was allerdings nicht bedeuten soll, dass sie negiert oder ignoriert
werden soll). Auf der Makroebene der Gesellschaft sind es Teilgruppen des Gesamtsystems
(z. B. im Nationalsozialismus ‚die Juden‘, ‚die Zigeuner‘, etc.), denen die Funktion
zugewiesen wird, das Zuviel an Scham innerhalb einer Gesellschaft aufzusaugen. Bei all
dem nimmt es nicht Wunder, dass Scham negativ besetzt, tabuisiert ist. In dieser einseitigen
Wahrnehmung sieht SM jedoch ein großes Problem, da diese zum Verlust der eigentlichen
Aufgabe von Scham führe: der Bewahrung der Würde des Menschen. Indem die Scham uns
etwas an uns zeige, was oder wie wir nicht sein wollten, helfe sie uns, unsere Würde
aufrecht zu erhalten bzw. sie wieder herzustellen. Aus diesem Grund sei es wichtig, dass wir
der Scham einen Raum zur Verfügung stellen, so dass Anerkennung, Schutz und Integrität
und Zugehörigkeit leben können. Darüber hinaus läge in ihr die Chance auf Veränderung von
ungerechten, gewalttätigen gesellschaftlichen Prozessen und Strukturen. Wer sich z. B.
seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe schäme, könne seine Scham – anstelle als
Makel – als Aufforderung, als Chance verstehen, seine Identität neu zu deuten und zu
wandeln.
Marks Stephan, Scham - die tabuisierte Emotion. (3. Auflage)
Marks Stephan, Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft.
Roland Kachler weist in seinem Beitrag „‘Dein Tod verwundet mich.‘ Die Arbeit mit
traumatischen Verlusten“ auf das Zusammenwirken von Trauma und Trauer / Verlust hin.
Insbesonders plötzliche und unerwartete Verluste sowie Verluste, die durch Gewalt
entstehen, können ein Trauma verursachen. Für RK hat dies fünf Konsequenzen für die
Trauma- und Trauerarbeit zur Folge. Erstens ist zu beachten, dass es nicht immer der
Verlust an sich ist, sondern vielmehr der Kontext, in dem der Verlust erfahren wird (z. B. das
Miterleben des Todes eines Nahestehenden, das Auffinden des Verstorbenen, die Umstände
der Überbringung der Todesnachricht, oder auch vorgestellte Bilder vom Sterben des nahen
Menschen), der ein Trauma hervorruft. Häufig sind es gerade diese peritraumatischen
Kontexte, die am schmerzhaftesten erlebt werden. Zweitens kann die Paarung von Trauma
und Trauer eine doppelte dissoziative Reaktion auf den Verlust und den Schock zur Folge
haben, die sich in Erstarrung/Freezing, Derealisation und Depersonalisation, einer
veränderten Zeitwahrnehmung und Flashbacks äußern kann. Trauma und Trauer können
sich gegenseitig antriggern, verstärken, blockieren oder als internale Retraumatisierung
fixieren und eine komplizierte Trauma-Trauer-Folgestörung nach sich ziehen. Dies bedeutet,
dass sowohl in der Traumatherapie wie auch in der Trauerbegleitung der jeweils andere
Aspekt berücksichtigt werden muss. Darüber hinaus sei in der Trauma-Trauer-Konstellation,
so RK, in der Regel von zwei Traumata auszugehen: dem Trauma der verstorbenen und dem
Trauma der trauernden Person. Dies erfordere eine zweifache Traumatherapie. Drittens ist
es hilfreich, die therapeutische Stabilisierungsarbeit auf fünf Eckpfeiler zu stellen: Herstellung
einer äußeren Stabilität (z. B. anhand von Alltagsritualen), Containing (d. h. das Benennen
und Aushalten des Schrecklichen des Traumas wie des Untröstlichen des Verlustes),
Stärkung der Beziehung zu der verstorbenen Person als heilsame Ressource, Finden eines
sicheren heilsamen Ortes für den trauernden Menschen sowie eines bewahrenden
heilsamen Ortes für traumatisierende Bilder. Für eine Transformation des zweifachen
Traumas ist, viertens, wichtig zu klären, was die Verstorbenen und die Trauernden brauchen.
Für die Bergung beider spielen Spiritualität (als etwas Größeres und Umfassenderes,
Stärkeres und Haltendes, Weiseres und Heilendes), archetypische Bilder aus dem
kollektiven Unbewussten, die Liebe zu der verstorbenen Person, Begleitgestalten und –
symbole sowie ein würdiger Abschiedsort und ggf. ein sicherer heilsamer Begegnungsort
eine bedeutende Rolle. In Roland Kachlers Hypnosystemischer Trauerarbeit geht es,
fünftens, darum, einen sicheren und heilsamen Ort – in der Erinnerung / im Gedenken, in der
Transzendenz, oder in Form des eigenen Körpers – zu finden, an dem wir den geliebten
Mensch gut aufgehoben wissen und über den wir die innere Beziehung zu ihm weiter leben
dürfen. Last but not least betont RK, dass Kinder sowohl anders trauern als auch Traumata
anders erleben. Neben ihrer eigenen Trauer um ihren Verlust übernehmen sie zusätzlich die
Trauer ihrer Umwelt als auch systemische Trauer.
Kachler Roland, Meine Trauer wird dich finden. Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit
Kachler Roland, Hypnosystemische Trauerbegleitung. Ein Leitfaden für die Praxis
Für Pater Anselm Grün ist es die Verwandlung, die uns heilen kann. Doch, „verwandeln
kann sich nur, was ich anschaue, was ich Gott hinhalte“. In seinem Vortrag „Spirituelle Orte
der Heilung“ stellt Pater Anselm Grün Jesus als inneren Arzt vor, der uns seine Gleichnisse
als Therapiemethode anbietet. Die Heilungsgeschichte des Aussätzigen lehrt uns, dass wer
sich nicht selbst annehmen kann, sich auch von anderen ausgesetzt fühlt. So muss sich
auch ein traumatisierter Mensch selbst (wieder) annehmen, dass Heilung geschehen kann.
Jesus‘ Heilung einer taubstummen Frau erzählt davon, dass Verletzungen uns ‚zu‘ machen,
verstummen lassen. Es braucht einen Raum des Vertrauens, in dem nicht bewertet –
moralisiert oder pathologisiert – wird, es braucht eine Berührung. Wenn der Traumatisierte
selbst kein Gefühl spürt, muss die Therapeutin es stellvertretend ausdrücken, ihm Mut
machen, einladen, die eigenen Gefühle anzunehmen. Das Gespräch schafft Gemeinschaft
und ist ein wichtiger Ort der Heilung. PAG spricht von der spirituellen Dimension jeder
Heilung: sich dem gegenüber öffnen, was größer ist als wir. Aus der Geschichte des Blinden
lernen wir, dass wir nicht unsere Augen gegenüber unseren Schattenseiten verschließen
dürfen, sondern dass wir uns mit ihnen aussöhnen müssen. Das Gleichnis mit dem Krüppel
will uns sagen, dass wer sich hasst (‚Ich entspreche nicht dem Idealbild‘) hässlich wird. Den
Kranken heilt Jesus in vier Schritten: er sieht ihn an (= gibt ihm Ansehen), er versteht ihn (=
steht vor ihm, steht für ihn ein, steht etwas mit ihm durch), er fragt ihn, ob er gesund werden
wolle (= fordert seinen Willen heraus), und er fordert ihn auf, aufzustehen, sein Bett zu
nehmen und zu gehen (= seine Hemmungen und Blockaden zu überwinden).
Oft, so Pater Anselm Grün, können wir Traumata nicht völlig heilen, sie bleiben dann ein Teil
von uns. Aber wir können sie integrieren und uns mit ihnen aufmachen. Das ist im Bildnis
des Turms ausgedrückt. Der Turm ist das Bild der Ganzwerdung. Das Material des Turms
sind Steine meines Lebens. Sie sind nicht alle ideal, manche sind brüchig (auch meine
Wunden gehören zu meiner Geschichte), aber sie bilden meinen Turm. So dürfen wir auch
unsere Wurzeln niemals abschneiden; wenn sie vergiftet sind, können wir sie reinigen. Um
unseren Turm zu bauen, müssen wir ‚materialgerecht‘ arbeiten, d. h. jede/r von uns muss
nachspüren: „Was brauche ich? Was ist mein Material? Wenn wir aus unseren Feinden
Freunde machen, müssen wir uns nicht in den Grabenkämpfen selbst verlieren. Ebenso
kann Angst zu unserer Freundin werden, da sie uns – wenn wir sie ernst nehmen, anstelle
sie unbesehen verscheuchen zu wollen – zeigt, dass wir falsche Grundannahmen haben.
Wir müssen gewahr werden, dass wir alle ein verletztes und ein göttliches Kind in uns
haben. „Nur was heilig ist, vermag zu heilen.“ Mit Ritualen schaffen wir eine heilige Zeit. Das
Gebet ebnet uns einen Weg zu einem inneren Raum der Stille, zu einem Raum unter
unseren Verletzungen, in dem wir frei sind von der Macht und den Meinungen der anderen,
in dem wir heil und ganz sind, ursprünglich und authentisch, rein und klar. Unser innerster
Kern kann auch durch Trauma nicht zerstört werden. Da wo das Geheimnis Gottes in uns
wohnt, können wir daheim sein. Das Kreuz ist das Hoffnungsbild, dass alles verwandelt
werden kann, es ist das Bild der Auferstehung und der Heilwerdung.
Grün Anselm, Jesus als Therapeut. Die heilende Kraft der Gleichnisse
Karl-Klaus Madert stellt in seinem Vortrag „Trauma und Spiritualität – Wenn der
Lebenssinn erschüttert ist“ vor, wie durch Spiritualität Heilung gelingen kann. In einer
traumatisierten Situation sind alle sinnvollen Handlungsmöglichkeiten ausgeschöpft. Das Ich
findet sich nicht mehr zurecht, der Stress wird übergroß und die Welt wird unerträglich wie
bei einem Alptraum. Dieser Stress führt zu einer Hirnfunktionsstörung. Die möglichen Folgen:
Die Kohärenz des Ich zerbricht (Dissoziation), das Ich schrumpft auf Überlebensmodus,
Störung des Raum- und Zeit-Erlebens (‚out-of-body experience‘, Zeitstillstand/raffer/dehnung), Ohnmacht, Reizüberflutung, Integration der Gefühle, Gedanken und
Handlungen des Täters in unser Selbst (Täterintrojektion) und Zersplitterung der Ich-Identität
(Identitätsdiffusion). Insbesondere im Fall von sexueller Gewalt kann eine Störung der
Subjekt-Objekt-Beziehung auftreten. Nach KKM führt ein Gewalterleben allerdings erst durch
eine anschließende emotionale Vernachlässigung zu einer Traumafolgestörung. Denn wenn
eine Person, an der Gewalt ausgeübt wurde, durch Ruhe und Sicherheit aufgefangen wird,
kann Heilung unmittelbar geschehen. Anders jedoch der Verlauf, wenn die Person weiterem
Stress, Unruhe, Unverständnis ausgesetzt ist und allein gelassen wird. Ihr Urvertrauen ist
durch die erfahrene negative Beziehungserfahrung tiefgreifend erschüttert. Der Lebenssinn
wird in Frage gestellt
Da die Verletzungen und die Gewalt tief in den Körper eingeprägt sind, muss die Heilung
auch über den Körper erfolgen, d. h. ist eine Annäherung über körperbezogene Techniken
nötig, rein verbale Ansätze sind hier nicht ausreichend. U. a. ist es wichtig, eine Reinigung
und Umstellung des übermäßig reagierenden vegetativen Nervensystems vorzunehmen.
Darüber hinaus können spirituelle Erfahrung und Praxis gute Wegbegleiter und Unterstützer
(Ressourcen) sein. Allerdings können durch Meditation alte Traumen aus dem
Körpergedächtnis reaktiviert werden (deshalb ist Meditation evtl. erst sinnvoll und anzuraten,
wenn das Urvertrauen wieder aufgebaut ist). Umgekehrt gehören auch das Wiedererinnern
und Wiedererleben aller psychischen und körperlichen Verletzungen zum spirituellen Weg:
„Alle spirituellen Wege beginnen im Körper“ (Willigis Jäger). Östliche Traditionen tragen
dieser Erkenntnis seit Jahrhunderten Rechnung. Die Hinwendung und Auseinandersetzung
mit einer lebenserhaltenden Informationsmatrix jenseits von Raum und Zeit, eines
transzendenten ordnend-strukturierenden Informationsprozesses mit eigener Seinsqualität –
z. B. symbolisiert als Gott – wirkt als Ressource stabilisierend, gibt Sinn und heilt. „Es gibt
keinen Sinn im Leben, außer man lebt es!“
Madert Karl-Klaus, Trauma und Spiritualität – wie Heilung gelingt.
In ihrem Beitrag „Aufstehen und heilen – und wer hilft mir dabei? Aspekte einer aus
Exerzitien gewachsenen Spiritualität“ weist Elke Rüegger-Haller den Opferbegriff im
Zusammenhang
von
Missbrauch
und
Trauma
zurück,
sie
spricht
von
(Missbrauchs-)Überlebenden. Und davon, dass versunkene Verletzungen viel Kraft kosten,
uns spalten und lähmen können. Dass wer nicht ‚Ich‘ sagen lernt, auch nicht ‚Nein‘ sagen
kann. Dass jemand, wenn es kein ‚Ich‘ gibt, auch unfähig ist, sich für etwas zu entscheiden.
Und dass Überlebende auf ihrem Weg der Heilung zu allererst Achtung und Würdigung
brauchen.
Ihr Heilungsweg gründet sich auf die Ignatianischen Exerzitien, geistliche Übungen, die im
16. Jhd. von Ignatius von Loyola entwickelt wurden. Sie haben die Betrachtung der
Evangelien zum Inhalt, wobei es nicht um das Wissen, sondern vielmehr um die Reflektion
und eigene Anwendung der Geschichten aus dem Leben Jesu, um das Erspüren der Dinge
von innen her geht. Exerzitien werden von diversen Ordensgemeinschaften angeboten, aber
wir können sie auch individuell in unseren Alltag integrieren. Hierbei hilft uns eine gewisse
Gewöhnung, z. B. an einen bestimmten Ort, an dem wir die Übungen durchführen. Zu
Beginn unserer Betrachtungen teilen wir Gott unsere Wünsche mit, um uns für das zu öffnen,
was Gott uns geben möchte. Anschließend ‚richten wir den Schauplatz (der gelesenen
Geschichten) her‘; dies führt uns in unsere eigene Geschichte. In diesem Dialog zwischen
Gott und Mensch kann Heilung erfahren werden. „Den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken
lassen, und das Geschöpf mit dem Schöpfer“ (Loyola). Heilung, so ERH heißt jedoch nicht,
dass nicht möglicher Weise gelegentliche Lähmungen, eine Narbe zurück bleiben können.
Aber vielleicht dienen sie als Aufforderung, mit uns selbst liebevoll umzugehen.
Rüegger-Halle Elke, Aufstehen und Heilen: Missbrauch und Exerzitien
Einen Schlüssel für den Weg „Vom ‚Trauma‘ zum befreiten Leben“ sieht Gunther
Schmidt in der Anerkennung der letztendlichen Autorität der traumatisierten Person. Wenn
wir als Therapeuten über Menschen reden, führt das zu der Illusion einer Objektivierbarkeit.
Natürlich können wir abstrahieren, können Hypothesen bilden, aber wir müssen immer den
Einzelfall sehen und offen zuhören. Die ‚autorisierte Autorität‘, so GS, liegt immer beim
Klienten! Als Psychotherapeut versteht er sich als ‚Realitätenkellner‘: „Ich kann – in einer
fragenden Haltung – ein Menü anbieten, die Auswahl jedoch trifft immer der ‚Gast‘“. Dabei ist
nicht entscheidend, dass der Therapeut perfekt ist, sondern dass er ‚er selbst‘ ist, sich
einbringt. Eng verknüpft mit der Vorstellung der Objektivierbarkeit ist die durch die Literatur
bewirkte stark vertretene Denkweise des ‚Zwangserlebens‘: „Weil ich das und das erlebt
habe, muss ich das und das heute erleben“. Aber nach GS gibt keinen Wiederholungszwang,
immer nur eine Wiederholungseinladung. Die Vergangenheit bestimmt nie die Wirkung in der
Gegenwart, sondern die Bestimmung der Gegenwart bestimmt unseren Umgang mit der
Vergangenheit. Unser Erleben steht nie fest, es wird vielmehr in jedem Moment neu
hergestellt. Es ist also der Sinn, den wir einem Ereignis geben, unsere Wahrnehmung des
Ereignisses, nicht das Ereignis selbst, das etwas in uns auslöst. Nach GS sollten wir
eigentlich von Wahrgebung sprechen, da wir im Grunde nur ‚hochrechnen‘, was wir sehen
(83% der Nerven, die das Sehen ermöglichen, haben gar keine Verbindung nach außen).
Das funktioniert in etwa so: Um jede erlebte Episode, die mit Emotionen besetzt war, bilden
sich Netzwerke. Wenn wir uns ‚erinnern‘, bildet eine davon den Hauptfilm. Welche das tut,
hängt davon ab, welche Netzwerkelemente gerade in der Gegenwart präsent sind (und an
andere anknüpfen). Zur Veranschaulichung erzählt GS folgende Geschichte: Ein Mann
verlebt einen wunderschönen, perfekten Tag. Ganz plötzlich überkommt ihn am Abend eine
unerklärliche tiefe Traurigkeit und er muss weinen. Später stellt sich heraus, dass im
Hintergrund ein Lied erklungen war, das auch während der Beerdigung seines Vaters, die
vor Jahren stattgefunden hatte, gespielt worden war. Flashbacks suggerieren, dass „es
wieder so ist wie damals“. Denn das Opfer-Ich hat keine Vorstellung von Veränderung. Es
hat nur Erinnerung an Opfer-, Leid-, Hilflosigkeitserfahrung: „Mit mir wurde etwas gemacht.“
Doch in der Schilderung eines Problems ist bereits eine Produktion des Problems angelegt.
Die Art, wie wir etwas benennen, beschreiben, usw. hat eine große Bedeutung dafür, wie der
Körper auf uns reagiert.
Genau hier kann die Traumatherapie ansetzen. Durch die Veränderung von nur ein, zwei
Elementen im Netzwerk erschließen sich neue Netzwerke. Diesen Mechanismus können wir
uns selbstwirksam zu Nutze machen, indem wir die Art der Beschreibung eines Phänomens,
die Benennung, die Bewertung, die Erklärung dafür, unsere Schlussfolgerung, unsere SelbstBeziehung, oder den Vergleich mit Anderen verändern. So hat es eine vollkommen
unterschiedliche Wirkung, ob wir etwas ‚Verwirrung‘ nennen und eine Ohnmacht, ein Zittern
oder die ‚Unfähigkeit sich zu entspannen‘ mit Schwäche assoziieren, oder ob wir die
Schlauheit und lösungsorientierte Leistung unseres Körpers erkennen und würdigen, mit der
er uns mithilfe dieser Reaktionen in einer bedrohlichen Situation geschützt hat (z. B. vor dem
cholerischen, prügelnden Vater). Wenn es gelingt, diese Kompetenzen in der Therapie
erspürbar, erlebbar zu machen, können sie unterstützende Netzwerkelemente bilden, die ein
anderes Ich entstehen lassen und einen neuen, befreienden Hauptfilm produzieren können.
Allerdings kann es für den Therapieverlauf mitunter auch sinnvoll sein, Ambivalenzen stehen
zu lassen. Wenn z. B. ein Klient sehr misstrauisch, zittrig o. ä. ist, ist es hilfreich, eine Instanz
in ihm misstrauisch, zittrig sein zu lassen. Dies hilft den anderen Instanzen sich zu
entspannen und sich dem Therapeuten anzuvertrauen. Eine Möglichkeit dazu ist, den
Klienten aufzufordern, immer alles kritisch vom Therapeuten zu hinterfragen. Oder falls sich
beispielsweise eine Seite in jemandem immer schuldig spricht und die Person sich nicht
davon lösen kann, kann und darf man es ihm vielleicht nicht nehmen, um ihm seine
Autonomie zu lassen und darin zu achten.
Nicht zuletzt ist es wichtig zu beachten, dass die leidende Seite Angst hat vor einer Lösung
im Sinne eines (äußeren) Vergessens des Leids. Zum Wiederherstellen von Würde gehört
die Anerkennung des Erlebten. Eine geeignete Methode hierfür sind ‚Mahnmalrituale‘,
innerhalb derer den Menschen versichert wird, dass ihres Leids gedacht wird.
Um hier den Kreis zum Beitragsanfang zu schließen: In der Klinik von Gunther Schmidt
wurden Besprechungen abgeschafft, in denen über KlientInnen in deren Abwesenheit
geredet wird. Anstelle dessen finden gemeinsame Gruppengespräche von TherapeutInnen
und KlientInnen statt. Zuerst sprechen TherapeutInnen über KlientInnen, dann KlientInnen
über TherapeutInnen, zuletzt sagen beide Gruppen, was sie voneinander brauchen.
Schmidt Gunther, Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung
Hildegard Fuhrbergs Vortrag , „Das verzauberte Reh und die Quantenphysik – Wie
soziokulturelle Aspekte in der Traumatherapie sensibel genutzt werden können.“
beginnt mit der Frage: Wer bin ich und wieviele? Das ‚Ich‘ ist Teil des ‚Wir‘, aber eine
Beziehung ist mehr als nur ‚Ich‘, auch wenn wir das in Europa – als geistige Kinder der
Aufklärung – manchmal vergessen. Aus dem Vergleich mit anderen Kulturen schließt HF,
dass es nicht ein Ereignis selbst ist, sondern dessen Rahmen und Kontext, die darüber
entscheiden, ob zum einen ein bestimmtes Vorkommnis überhaupt ein Trauma hervorruft,
und ob zum anderen ein Trauma aus der Umgebung heraus geheilt werden kann. Zu diesem
Kontext gehören die Familie sowie der viel größere soziokulturelle Zusammenhang, in denen
eine traumatisierte Person eingebettet ist (z. B. religiös-spirituelle Vorstellungen/Erwartungen
der Gemeinschaft, geschlechtsspezifische Botschaften, religiöse Überzeugungen der/des
Betroffenen, der Grad an Resilienz, den eine Gruppe ihren Mitgliedern vermittelt, usw.). So
gibt es beispielsweise bei den Navajo eine Tradition des Geschichtenerzählens (Geschichten
als Angebote für Deutungen), die auf dem Wissen beruht, dass Traumalösung einen
sicheren Hafen, eine sichere Gemeinschaft benötigt. Es ist die gesellschaftliche Metapher
von der Verzauberung, die traumatisierten Menschen in traditionellen Gesellschaften eine
eigene Würde gibt. Dies ist, das lehrt unser eigenes Kulturgut, auch bei uns möglich
gewesen. Daran erinnert die Märchenfigur des „verzauberten Rehs“. So werden in manchen
Gemeinschaften Kinder bereits auf den Umgang mit Übergriffen und Gewalt vorbereitet.
Entsprechend plädiert HF dafür, dass auch wir uns in unserer Gesellschaft an der Bildung
von tragenden Gemeinschaften beteiligen. Zur Vorbeugung von Traumatisierung ist es
wichtig, in den Kindergärten und Schulen präsent zu sein sowie alle Elemente von
Gemeinschaft zu stärken. Im Fall einer stattgefundenen Traumatisierung weist HF auf vier
wesentliche Aspekte hin: die Notwendigkeit, soziokulturelle Zusammenhänge zu würdigen,
das Bild einer liebevollen Spiritualität (der Vorstellung von einer ‚Gottheit in Windeln‘, d. h.
der Blick auf KlientInnen wie auch auf sich selbst als Therapeut/in als Kinder Gottes), die
Berücksichtigung einer spirituelle Deutung der/s Therapeut/in, und das Verständnis, dass das
Trauma eine irrationale Erfahrung ist und seine Wahrheit deshalb narrativ sein muss. Wie
bereits einige ihrer Vorredner/innen unterstreicht HF die Heilkraft des Rituals, durch das wir
eine Rückbindung (‚religio‘) zu der Vollkommenheit unseres Ursprungs erfahren können. Und
das uns wieder mit der Gemeinschaft der Menschen verbinden kann, aus der wir durch das
Trauma herausgefallen sind. Nicht zuletzt weist sie auf die Möglichkeit hin, einem Traumata
einem Sinn zu geben. So kann sich beispielsweise eine Person mit einer bestimmten
Erfahrung entscheiden, Sprecher/in von Menschen zu werden, die alle Ähnliches erlebt
haben. Das aber verlangt von allen betreuenden Therapeuten und Therapeutinnen die
Zuversicht in die Stärken ihrer Klienten, egal welches Grauen diese erlebt haben. Wer
beobachtet, beeinflusst auch gleichzeitig. Diese Erkenntnis der Quantenphysik hat
weitreichende Folgen für den Blick auf Klienten. „Methoden“ sind hier nicht mehr
ausreichend. Ein spirituelles Menschenbild der Therapeut/inn/en selbst, ist so gesehen eine
Basisqualifikation für die Arbeit mit traumatisierten Menschen.
Perry Bruce D., Der Junge der wie ein Hund gehalten wurde“
Holzner Steven, „Quantenphysik für Dummies“
Hunter Beaumont setzt sich in seinem Beitrag mit der Frage „Wie wirkt sich Gewalt in der
Seele aus … und wie können seelische Wunden überwunden werden?“ auseinander. So
wie der Begriff ‚Trauma‘ in den 60er Jahren wenig psychologische Anwendung fand und erst
die allmähliche Entwicklung des Konzepts ‚Trauma‘ eine andere Wahrnehmung ermöglichte,
so verhält es sich nach Hunter Beaumont auch mit der Seele. Seit die Psychotherapie den
Begriff in einem phänomenologischen Verständnis wieder brauchbar gemacht hat, haben
sich uns Möglichkeiten aufgetan, uns Erfahrungen anzunähern, die mit den bisherigen
Begriffen und Konzepten der Psychotherapie nicht erfassbar waren. In der Frage danach,
was etwas mit unserer Seele macht, sieht Hunter Beaumont einen Paradigmenwechsel. Aus
(s)einer phänomenologischen Sicht sind Körper, Geist und Seele ein Ganzes und dürfen
nicht getrennt werden. Körper und Denken können beseelt sein. Dafür ist Anselm Grün ein
gutes Beispiel. Wenn wir auf die Seele schauen, verändern sich Zeit- und Raumempfinden.
Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über. Die Seele kann sich an etwas
erinnern, was sie noch nie erlebt hat. Hoffnung, zum Beispiel, kann als Erinnerung an eine
Zukunft verstanden werden – die mögliche Zukunft wirkt bereits auf die Gegenwart. Auch
Raum ist in der seelischen Dimension anders erspürbar; in ihr gibt es keine klare
Abgrenzung zwischen ‚Mir‘ und ‚Dir‘. Diese Erfahrung haben wir vielleicht schon einmal
gemacht mit einem/r LiebespartnerIn oder als Eltern gegenüber unserem Baby. Und wenn
ein geliebter Mensch stirbt, reißt etwas in unserer Seele. In Fällen wie Inzest können sich die
Seelen von Opfer und Täter auf eine komplexe Weise verbinden. Wenn eine Bindung
zwischen Opfer und Täter tatsachlich stattgefunden hat, dann braucht die Aufarbeitung von
Inzest auch eine Aufarbeitung der Bindung. Wenn Opfer selbst später Täter werden
bestätigen sie die Bindung mit dem Täter. In seinem Buch ‚A General Theory of Love‘ spricht
Thomas Lewis von der ‚limbischen Resonanz‘, die es uns möglich macht zu erkennen, was
unser Gegenüber braucht. Dass die Seele hochempfindlich auf Resonanz reagiert, kann
auch eine Wirkung in der Therapie haben: auch ein/e Klient/in spürt, was ihre Therapeut/in
braucht; der eine/n Klient/in mag es ihr gelingen ihre Autonomie zu wahren, aber die andere
wird die Therapeutin in deren Bedürfnissen ‚bedienen‘. Es ist eine große Errungenschaft,
wenn TherapeutInnen mit ‚absichtsloser Absicht‘ in der Situation sein können. Dies setzt eine
Haltung der Offenheit und Neugierde der Seele voraus hinsichtlich der Fragen ‚Was ist?
Wohin soll es gehen?‘, hilft (oftmals falsche) Annahmen in Frage zu stellen.
Unsere Seele, die in ihrem Naturzustand offen, neugierig und radikal ehrlich ist, ist
gleichzeitig hochsensibel, anpassungsfähig und radikal umformbar. Im Falle einer
Traumatisierung kann sie sich zurückziehen, betäuben, spalten, weigern ein kohärentes Ich
zu bilden, sich verdichten.
Physische Gewalt ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir finden seelische Gewalt auch in der
Sprache, in unserem Tonfall und unseren Gesten. Wenn wir als Beispiel die Sprache der
christlichen Religion nehmen: Wo bleiben, wenn von Vater, Sohn und Heiliger Geist
gesprochen wird, da die Mutter, die Tochter, die Leiblichkeit, die Seele? Diese
Sprachwendungen bewirken eine implizite Abwertung des Weiblichen. Auch wenn wir in der
Psychotherapie sagen „Er braucht ‘nur’ Anerkennung“, ist das abwertend. Erkannt zu werden
ist etwas anderes: die Seele möchte gesehen, erkannt werden. Wir finden Gewalt in Ideen
und Ideologien, die die wahre Natur der Seele verstellen (gut veranschaulicht in dem Film
‚Das weiße Band‘). Wir finden sie jedes Mal, wenn wir auf unser ‚Ich habe Recht‘ pochen und
dabei unsere Seele und die des Anderen missachten, wenn wir bereit sind, Anderen im
Namen des ‚Rechts‘ oder unseres Anrechts auf etwas Gewalt anzutun. Nicht der Mensch,
sondern die Ideologie, der Fundamentalismus sind der Feind, der unsere Seelen einengt.
Die Gewalt von Frauen äußert sich häufig anders als die der Männer. Die letztere ist zumeist
offener und grober, die der Frauen verdeckter, subtiler.
In einer Lehrgeschichte verdeutlicht HB, dass ein Ereignis allein nicht die Ursache eines
Traumas ist. Erst wenn dieses Ereignis auf einen Mangel an Erfahrung und Vorbereitung
trifft, ein lebensbedrohliches Ereignis bewältigen zu können, besteht die Gefahr einer
Traumatisierung. HB veranschaulicht diesen Zusammenhang an der folgenden Geschichte:
Zwei Skifahrer stehen am Berg und blicken auf die schwarze Piste unter ihnen. Der erste
von ihnen freut sich und fährt ohne Zögern jodelnd den Hang hinab. Der zweite erstarrt vor
Schreck und muss von der Bergwacht nach unten transportiert werden. Beide waren mit
unterschiedlichen Voraussetzungen an der Bergstation ausgestiegen: der erste ist ein
erfahrener Skifahrer, der zweite ein Anfänger, der versehentlich in die falsche Gondel
eingestiegen war. Die Bewältigung der Piste hängt von der Skifahrerfahrung ab. Wie im Fall
des zweiten Skifahrers waren/sind Menschen, die traumatisiert sind, mit Umständen
konfrontiert, die sie überfordert, d. h. ihre Kapazitäten des Selbstschutzes überstiegen
haben.
Beaumont Hunter, Auf die Seele schauen: Spirituelle Psychotherapie
Thomas Lewis, A General Theory of Love
Nach Michael Tischinger hat „Die Kunst der Vergebung“ etwas mit Lebenskunst zu tun. Der
Prozess der Vergebung beginnt in unseren Herzen. Es ist nur möglich anderen zu vergeben,
wenn wir uns selbst vergeben haben. Wir müssen uns selbst gut sein können, JA zu uns
sagen können, barmherzig mit eigenem Versagen sein, in Berührung mit uns selbst sein.
Ansonsten bleiben wir im ‚Opferland‘, in einem Zustand der Selbstaufgabe. Opferland ist ein
‚way of life‘ (d. h., man wird zwar immer herumchauffiert, aber ChauffeurInnen haben
schlechte Ohren und fahren selten dahin, wo wir hinwollen). Kleists Michael Kohlhaas zeigt,
dass Rache kein Weg ist in ein neues Leben. Ohne Vergebung verbleiben wir in der Macht
der Täter. ‚Marker‘, die uns darauf hinweisen, dass wir nicht vergeben haben, sind Groll,
Verletztheit, Feindseligkeit, Enttäuschung und Bitterkeit (die sich nach Michael Linden zu
einer posttraumatischen Verbitterungserlebensstörung ausweiten kann). Groll heißt im
Englischen ‚re-sent-ment‘, das bedeutet ‚Wiedererleben‘. Vergebung, die sich bereits im
Neuen Testament als Bewältigungsstrategie findet, ist mitnichten die Entbindung des Täters
von seinen Taten, sondern ein Loslassen des Täters. Das heißt, was passiert ist, kann noch
immer wehtun, aber der Täter hindert mich nicht mehr am Weiterleben. Das bedeutet in
erster Linie, dass „das Geschenk der eigenen Vergebung“ Ressourcen in uns freisetzt. Dies
ermöglicht uns, ‚Neusehland‘ (Walter Lechler) zu betreten, den Reigen ‚Opfer → Täter / Täter
→ Opfer‘ zu durchbrechen. Und, nach neueren Erkenntnissen führt Vergebung auch zu
körperlichen Veränderungen (‚Vergebungssyndrom‘). Der Schlüssel zur Vergebung liegt, wie
schon gesagt, darin, sich selbst vergeben zu können, und in der Empathie, die daraus
entsteht. Die Meditation der 5 Segenswünsche kann ein hilfreiches Mittel für unsere Übung
in liebender Güte darstellen. Wir sprechen sie für uns selbst und für andere:
Möge ich glücklich sein.
Möge ich gesund sein.
Möge ich sicher sein.
Möge ich friedvoll sein.
Möge ich mich liebevoll um mich selbst kümmern.
Wer hier angekommen ist, hat bereits ein gutes Stück Weg zurückgelegt. Denn Vergebung
kann, wie uns die Spiegelneuronen lehren – die nicht feuern, wenn sie unter Stress stehen –,
nicht am Anfang eines Prozesses stehen.
Michael Tischinger
zusammengefasst:
hat
seinen
Vortrag
nochmal
in
wenigen
Leitsätzen
Die Kunst der Vergebung
Die Kunst zu Vergeben, ermöglicht uns mit Verwundungen, Verletzungen
umzugehen, ohne uns dauerhaft in eine Opferrolle zu verstricken. Das Thema
Vergebung hat zunächst mit uns selbst zu tun. Der Prozess der Vergebung
beginnt in unserem eigenen Herzen. Er hat zunächst wenig mit anderen zu tun.
Es ist leicht, anderen zu vergeben, wenn wir bereits uns selbst vergeben haben.
Andererseits ist es schwierig, ja unmöglich, anderen zu vergeben, wenn wir uns
selbst nicht vergeben können.
Sich zu vergeben heißt, mit den Mechanismen der Selbstverurteilung und der
Selbstzerstörung Schluss zu machen. Mit mir innerlich ausgesöhnt zu sein,
bedeutet ganz bei mir selbst zu sein. In Berührung mit mir selbst zu sein, zu
meinem Weg, meiner Geschichte, meinem Gewordensein, meinem Sosein Ja zu
sagen.
Vergebung ermöglicht eine Transformation von als negativ erlebten Gefühlen wie
Groll, Hass in angenehme Gefühle, wie Mitgefühl und innerem Zufriedensein.
Vergebung ist nicht ein einmaliger Akt, sondern ein fortwährender Prozess, wobei
die innere Erfahrung (emotionale Vergebung) von einem interpersonellen Kontext
unterschieden werden muss.
Die Erfahrung selbst Vergebung geschenkt bekommen zu haben, ist wie eine
Ressource, die es uns ermöglicht, auch anderen zu vergeben. Auf Dauer
angelegte zwischenmenschliche Beziehungen sind davon abhängig, dass es uns
immer wieder gelingt, uns gegenseitig das Geschenk der Vergebung
zuzusprechen. So ist beispielsweise eine glückliche Ehe die Verbindung von zwei
großen Vergebern.
für
uns
Nina Engelhards und Corinna Knauer Performance haben uns eine Idee gegeben, wie
uns – Betroffenen, TherapeutInnen und der Gesellschaft an sich – visuelle und akustische
Darstellungen einen Sinneszugang zum Thema Trauma ermöglichen können, den der
Intellekt uns manchmal verwehrt. Und in Carien Wijnens gemeinschaftlichem Singen und
Tanzen konnten wir die heilwerdende Kraft der Stimme, des Gesangs und des Tönens, der
Bewegung und der Gemeinschaft erahnen. Auch wenn diese körperbetonten
Therapieansätze nur einen verhältnismäßig kleinen Raum innerhalb des Kongresses
einnahmen, bleiben sie doch in ihrem kraft- und heilvollen Potenzial eindrucksvoll in
Erinnerung.
Claire und Alfred Meier haben uns an beiden Morgen mit Geschichten und Gedichten
voller Weisheit auf den neuen Kongresstag eingestimmt. Geschichten und Gedichte zu
kürzen nimmt ihnen die Tiefe ihrer Einsichten, deshalb sei hier darauf verzichtet. Doch zwei
Auszüge – aus der Geschichte der mit der Frau von Ammersforth und Thomas sowie aus
einem Gedicht von Hilde Domin seien gewagt, da sie zwei der mehrfach in den drei
Kongresstagen angeklungenen zentralen Ziele von Traumaarbeit auf den Punkt zu bringen
scheinen.
In der Geschichte von der ‚Dorfhexe‘ Frau von Ammersforth fragt die alte Frau den Jungen:
„Weißt Du, wo das Glück anfängt?“ Die Antwort darauf lautet: „Wenn Du keine Angst mehr
hast!“
„… Und daß wir aus der Flut,
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.“
(Hilde Domin, Auszug aus dem Gedicht „Bitte“)