Dubai revisited – welcome to tomorrowland, Hong Kong diesmal mit

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Dubai revisited – welcome to tomorrowland, Hong Kong diesmal mit
Dubai revisited – welcome to tomorrowland,
Hong Kong diesmal mit Stoppover,
und
Thailand „...die zweite“.
von Lothar W. Brenne-Wegener (14.03.08)
Als ich am 14. Februar 2007 in meinem Apartment im Metro Jomthien
Condotel in Pattaya nach einem nahezu zweimonatigen Aufenthalt in Thailand
meine Koffer für die Heimreise nach Deutschland packte, gab es für mich
eigentlich nur einen Gedanken, an den sich eine einfache Frage anschloß: ich
wollte auf jeden Fall wiederkommen, das war mir jetzt schon klar, aber wie
würde ich zwischenzeitlich die neun Monate Deutschland überstehen? Die
gerade zurückliegenden Tage und Wochen in Thailand hatten mich so fasziniert,
daß mir die neun Monate Wartezeit bis November 2007 aus der
augenblicklichen Perspektive heraus wie eine Ewigkeit vorkamen.
Daß ich bei einer erneuten Reise in diese Region zuvor wiederum ein paar
Tage in Dubai verbringen wollte, um mir vor Ort ein Bild vom Baufortschritt
einiger interessanter Projekte, wie zum Beispiel des „Burj Dubai“, zu machen,
und auch das nächste Mal nicht wieder einen Stoppover in Hong Kong
verpassen wollte, das war jetzt schon beschlossene Sache. Auch wollte ich bei
meinem nächsten Besuch in Südostasien die Möglichkeit eines drei Monate
gültigen Touristenvisums voll ausschöpfen. Aber wie so oft im Leben kam alles
ganz anders: wenn erst die Gedanken von anderen Dingen beherrscht werden,
vergeht die Zeit wie im Fluge. Eine ganze Reihe erlebnisreicher Events
beherrschten das Denken anderweitig, und obendrein schob sich – anläßlich der
Nachfeier zu seinem siebzigsten Geburtstag – ein einwöchiger Besuch bei
meinem Freund Peter in Rheine dazwischen. Schließlich und endlich verkürzte
noch ein weiterer, eigentlich ungeplanter Abstecher nach Äthiopien vom 23.
Oktober bis 5. November die Wartezeit. Mein in Addis Ababa residierender
Freund Reinhard und seine Frau Fatim hatten dort zwei kleine Waisenkinder
adoptiert und angefragt, ob ich für die kleine Aisha Hermela nicht die
Patenschaft übernehmen wollte (vergl. dazu auch den aktuellen Bericht).
Darüber hinaus vermittelten mir bereits im Sommer die vorbereitenden
Internetrecherchen für die nächste Reise das Gefühl, daß es bald wieder
losgehen würde.
Zu den vorbereitenden Maßnahmen gehörte auch ein früher Kontakt zu der
weltweit agierenden Hamburger Immobilienfirma Engel und Völkers. In einem
aufwendig gestalteten Hochglanzmagazin der Firma hatte ich gelesen, daß sie
auch über eine Dependance in Dubai verfügt. Per Email kündigte ich dort
rechtzeitig mein Kommen an, und bat darum, man möge mir doch einmal eines
ihrer spektakulärsten Objekte vor Ort präsentieren, über das ich als Freier
Journalist berichten könnte.
Eine weitere Initiative betraf die in der Europa-Passage angesiedelte Galerie
Walentowski („Udo Lindenberg & more“), die Mitte des Jahres zu einer
Vernissage einlud und sich ebenso damit brüstete, ab Dezember 2007 im
Komplex des „Burj Dubai“, dem geplanten höchsten Gebäude der Welt, mit
einer eigenen Galerie vertreten zu sein. Es wäre doch interessant, so dachte ich
mir, zu erfahren, welche Künstler dort angeboten würden und für welche
Klientel. Bekanntermaßen gehörte das Emirat neben Marbella/ Spanien und der
Mittelmeerinsel Zypern zu den beliebtesten Reisezielen von Putins neuer
Oberschicht. Eine ganze Reihe der neuen russischen Oligarchen hatte außerdem
den Verlockungen des riesigen Residenzangebotes in Dubai nicht widerstehen
können und sich dort eingekauft. Um es gleich vorweg zu sagen, diese Initiative
verlief im Sande. Auf Anfrage mußte die mit Hauptsitz im westfälischen Werl
angesiedelte Galerie kleinlaut zugeben, daß „wegen Verzögerungen in der
Bauausführung am Burj Dubai Komplex“ erst im Laufe des Jahres 2008 mit
einer Eröffnung ihres dortigen Zweiges zu rechnen sei.
Eine dritte Recherche bezog sich auf meine aus dem letzten Aufenthalt in Dubai
resultierende Überlegung, ob die sieben Emirate nicht einmal eine
verkehrstechnische Vernetzung mit entsprechenden „Trandrapid-Strecken“ in
Erwägung gezogen hätten, denn die parallel zur Sheik Zayed Road verlaufende,
inzwischen im Bau befindliche Metro wird zwar in Kürze das um den Creek
herum gebaute Zentrum der Stadt verbinden mit den neu errichteten Bereichen
z.B. der Dubai Marina, der bezugsfertigen Palm Jumeirah und vermutlich auch
dem neuen Jebel Ali International Airport (Inbetriebnahme vermutlich im Jahre
2012 als „Al Maktoum International“), dem Quartier um die Dubai Water Front,
mit The Palm Jebel Ali, und ebenfalls nicht zu vergessen, dem neuen Quartier
um den „Burj Dubai“ herum, aber die Strecke wird kaum in das circa 150
Kilometer entfernte Emirat Abu Dhabi führen. Warum nicht auch eine Trasse
von Dubai aus in die Emirate Sharjah oder Ras Al Khaimah? Eigentlich wären
dies ideale Strecken für einen Hochgeschwindigkeitszug und für Sheik
Maktoum, den Herrscher Dubais, mit seiner Begeisterung für fortschrittliche
Technologie und den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten,
eigentlich ein absolutes „Muß“.
Eine entsprechende Nachfrage in der Botschaft der UAE in Berlin blieb
unbeantwortet. Mehr Erfolg hatte ich bei der Deutschen Botschaft der
Vereinigten Arabischen Emirate in Abu Dhabi. Aus der dortigen Presseabteilung
hieß es am 8. Juli 2007:
„Zu dem geplanten Verlauf der Metro (meines Wissens soll es drei Linien
geben), gab und gibt es zahlreiche Presseberichte, die vielleicht noch z.B. in der
Gulf News Online abrufbar sind (www.gulfnews.com).
Soweit mir bekannt gibt es eine Linie von Jebel Ali bis kurz vor oder sogar bis
Sharjah (mehr oder weniger parallel zur Sheik Zayed Road), die andere von Burj
Dubai Richtung Landesinnere. Dazu wurde vor kurzem der Plan veröffentlicht,
später mit einer schnelleren Linie den alten Flughafen mit dem neuen Flughafen
(auch Jebel Ali) zu verbinden.“
Ergänzt wurde diese Mail am 12. Juli 2007:
„… zum Transrapid würde ich beim Konsortium selbst in Deutschland
nachfragen. Es gibt in den VAE Überlegungen, ein Bahnsystem – auch im
Verbund des Golfkooperationsrates – zu errichten. Es kann sein, daß der
Transrapid dabei eine Rolle spielt. Für die „Bahnplanung“ war früher das
Wirtschaftsministerium des Emirates Abu Dhabi federführend. Seit kurzem ist die
Zuständigkeit zum Ministerium für Governmental Sector Reform (o.ä. je nach
Übersetzung) gegangen. Der entsprechende Undersecretary, Dr. Nasser Al
Mansoori, der früher im Abu Dhabi Ministerium die Zuständigkeit hatte, leitet im
Wege dieser Neuordnung jetzt eine Abteilung oder Unterbehörde (Authority) im
föderalen Ministerium. Die Erreichbarkeiten zumindest des Ministeriums selbst
müßten über die Webseite UAE Interact (www.uaeinteract.com) zu erhalten
sein.“
Ein Beitrag in der GULF NEWS v. 26. November 2007 bracht etwas mehr
Licht in das zugegebenermaßen nicht gerade jedermann interessierende Dunkel.
Meine Frage nach dem Bau einer Transrapidstrecke beantwortete er zwar nicht,
aber zumindest war darin zu lesen, daß die Dubai Roads and Transport
Authority bis zum Jahr 2015 vier Metro Linien bauen wird, die die alten und
neuen Stadtentwicklungsbereiche miteinander verbinden werden. Zwei davon,
die Rote und die Grüne Metro Linie, so der Artikel, seien bereits im Bau. Die
Blue Line, die vom DIA zum neuen Jebel Ali Airport gehen soll, befände sich
dagegen noch in der Planungsphase, ebenso die Purple Line, die ebenfalls den
DIA mit dem Jebel Ali Airport verbinden werde, dazu aber durch die
Neubaugebiete der Al Khail Road führen solle.
Hinsichtlich des Transrapid gebe ich bereits an dieser Stelle zu Protokoll, daß
ich in dieser Sache bisher noch nicht über die oben angegebenen
Detailinformationen hinausgekommen bin, werde mich aber um weitere
Informationen bemühen.
Wenn ich denn so ausführlich über die vorbereitenden Maßnahmen berichte,
darf ich die Absprachen nicht vergessen, die ich im Vorweg mit meinen
Hamburger Freunden Maria Luisa und Justus Warburg treffen konnte. Sie
arrangierten von Hamburg aus ein Treffen mit ihrer in Hong Kong lebenden
Tochter Josefa, die ich zuletzt auf Justus‘ 80 Geburtstag im Schloß Tremsbüttel
gesehen hatte. Damals wurde sie begleitet von Brian Neirynck, einem
Engländer, der bereits seit über zwanzige Jahren in Hong Kong wohnte, und
den sie im Oktober 2006 geheiratet hatte.
Schließlich und endlich sollte eine letzte persönliche Information meinen
zweiten Thailandaufenthalt nachhaltig beeinflussen: Nina, die ehemals beste
Freundin meiner 1994 bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommenen
Tochter Juliane, hatte am 25. Oktober an der Universität Göttingen mit Erfolg
ihr Erstes Juristisches Staatsexamen abgelegt. Da wir beide uns trotz der
eigentlich nur sporadisch zu nennenden Treffen nach wie vor bestens
verstanden und uns in diesem Sommer sogar einige Male in Hamburg zum
gemeinsamen Cappuccino verabredet hatten, schlug ich ihr spontan vor, mich
doch für einige Tage in Thailand zu besuchen. Mein circa 50 Quadratmeter
großes Appartement im Metro Jomthien Condotel in Pattaya verfüge nämlich
über zwei Queensize Betten, von denen ich ihr eines gerne zur Verfügung
stellen wollte. Zu meiner großen Freude und Überraschung sagte sie ebenso
spontan zu, vorausgesetzt die Eltern der frisch gebackenen, aber gleichwohl
bisher mittellosen Ass. Jur. würden die anfallenden Flugkosten übernehmen.
Keine Frage, daß Manfred und Angelika sich dazu bereit erklärten. Da ich
bereits am 20. November zu meiner Reise aufbrach, verabredeten Nina und ich
die letzten Kontakte über SMS und das Internet zu führen. Am 23. November
erreichte mich schließlich in Dubai die Mail, daß sie am 4. Januar 2008 um
10:05 Uhr mit der LTU von Düsseldorf kommend in Bangkok eintreffen und
am 24. Januar um 11.50 Uhr von dort wieder abfliegen würde.
Die übrigen „preliminary inquieries“ gerieten dagegen schon fast zur
Routine. Der Flug mit den entsprechenden Unterbrechungen in Dubai und Hong
Konk wurde bereits am 15. Juni per Internet gebucht, dem Tag, an dem die
Fluggesellschaft Emirates ihre Winterpreise bekannt gab. Einschließlich der
zwei Stoppovers sollte mich der Flug 713,65 Euro kosten. Das Arabian
Courtyard Hotel in Dubai hatte überraschend innerhalb der letzten zwölf
Monate seine Preise um 100 US-Dollar pro Übernachtung erhöht, so daß ich
über den Hotel Reservierungs Service (HRS) für sechs Nächte in das auf der
gegenüberliegenden Seite des Creek liegende, mir gut in Erinnerung gebliebene
St. George Hotel wechselte, dessen Zimmerpreis mit 130 US-Dollar denen des
Arabyan Courtyard im vergangenen Jahr vergleichbar war. Es lag im Ortsteil
Aras, direkt gegenüber der Public Library mit freiem Blick auf das Heritage
Village. Außerdem war es das höchste Gebäude in der Nachbarschaft von dem
aus – wie ich später feststellen konnte – man einen atemberaubenden Blick auf
den Creek und den alten Stadtkern von Dubai hatte. Das passendste und
günstigste Angebot für ein Hotel in Hong Kong fand ich bei dem
Internetreiseanbieter Expedia.de in dem im Stadtteil Kowloon gelegenen
Kowloon Hotel. Pro Nacht sollte es 108,77 Euro kosten. Ausschlaggebend für
meine Auswahl dieses Hotels war seine Lage in Tsim Sha Tsui, nur wenige
Gehminuten von den Fähren entfernt, die permanent zwischen dem auf dem
Festland liegenden Stadtteil Kowloon und dem Central District auf Hong Kong
Island hin und her pendelten. Außerdem lag es direkt hinter dem „The
Peninsula“ – Hotel, von dem noch später die Rede sein wird, und grenzte
unmittelbar an die Nathan Road. Auch der feudale Kowloon Park Drive, wo
sich ein Einkaufszentrum an das andere reihte, und in der beinahe alle
Flagshipstors der international bekannten Modedesigner vertreten waren, lag in
unmittelbarer Nähe. Vorgesehen waren hier fünf Übernachtungen, und zwar
vom 26. November bis 1. Dezember. Schließlich sollte mein dreimonatiger
Aufenthalt in Thailand dieses Mal mit einem siebentägigen Aufenthalt in
Bangkok beginnen, bevor ich endlich am 7. Dezember mein Appartement in
Pattaya übernehmen wollte. In der thailändischen Metropole entsprach das
Holiday Inn Silom Bangkok in der Silom Road (gebucht über hotel.de) am
ehesten meinen Vorstellungen. Von hier aus konnte man zu Fuß in wenigen
Minuten den Chao Phraya River erreichen, und, hatte man es nicht allzu eilig
und keine Probleme mit den Füßen, so ging man einfach die Silom Road
hinunter bis in die Vergnügungsviertel um die Patpong-Road herum, wo gegen
Abend der sagenumwobene Copy-Market von Bangkok betrieben wurde. Das
neueste Modell des Genfer Uhrenherstellers Patek Philippe gab es hier ebenso
zu Schleuderpreisen, wie das rosa T-Shirt von Tommy Hilfiger, das Feuerzeug
von DuPont, den Füllfederhalter von Mont Blanc, die Sonnenbrille von Dior
oder auch die Handtasche von Yves Saint Laurent. Darüber hinaus konnte hier
über die Preise gefeilscht werden, wie es weiland zu den besten Zeiten im
Orient der Fall war. Doch auch dazu später mehr! Daß das The Oriental
Bangkok, eines der renommiertesten Hotels Südostasiens, ebenfalls in
greifbarer Nähe lag, sei nur am Rande vermerkt. Ob ich von Pattaya aus noch
die eine oder andere Exkursion, zum Beispiel zum Ankor Wat in Kambodscha,
das augenblicklich angesagte Saigon oder sogar das vorolympische Peking
unternehmen würde, darüber wollte ich allerdings erst vor Ort entscheiden.
Ach und noch zwei kurze Informationen: die diesjährige Weihnachtspost
wurde bereits Mitte November auf den Weg gebracht. Wenn Coppenrath die
ersten Gewürzspekulatius bereits Ende August in die Läden bringen kann,
konnte ich auch Mitte November bereits meine Weihnachtsgrüße auf den Start
schieben. Sie beinhalteten gleichzeitig eine Abmeldung und an alle die, die bis
zum 28. Februar 2008, dem geplanten Datum meiner Rückkehr nach Hamburg,
Geburtstag hatten, meine allerherzlichsten Grüße zum Jahrestag. Zu guter Letzt,
am 21. November 2007 stand der Euro im Vergleich zum US-Dollar auf
1.4814, dem höchsten Stand seit seiner Einführung im Jahre 1999.
Na, dann konnte es ja losgehen.
Dienstag, der 20. November 2007: Ankunft auf dem wie immer überfüllten
Dubai International Airport (DIA). Die Schlange vor den zahlreichen
Paßkontrollstellen wurde zu einer halbstündigen Herausforderung an die
Geduld. Die zweite Geduldsprobe wurde im St. George Hotel fällig. Obwohl
der HRS auf der Internetseite für das Hotel die drei Discotheken im
10. Stockwerk, die bis 03:00 Uhr geöffnet hätten, nicht verschwiegen hatte,
hatte er kein Wort verloren über die damit verbundene unerträgliche
Lärmbelästigung, die durch das ganze Haus drang Nach beinahe zehn Jahren
Reisen nach Ägypten hätte ich es mir eigentlich denken können und deshalb
vorgewarnt sein müssen, daß die Araber es gerne und überall unerträglich laut
haben. Aus diesem Grund hört sich auch jedes noch so normal geführte
Gespräch immer so an, als schrien sich die Gesprächspartner gegenseitig an! An
keinem Abend war vor Schließung der Discotheken an Schlaf zu denken.
Ähnlich war es vor mir offenbar Oymdamola Ogala vom High Court, Lagos/
Nigeria gegangen, der vom 12. bis 15. November mein Zimmer im 5. Stock
bewohnt hatte, und dessen ausgefüllter Fragebogen über das Hotel mir in die
Hände fiel, weil ihn das Zimmerpersonal bisher übersehen hatte. Ebenso wie
ich hatte er das Hotel deshalb als Bleibe ausgewählt, weil es – und das mußte
man leider zugestehen – „…nearest to facilities“ lag. Daß das Hotel aber zudem
noch weit interessantere Details zu bieten hatte, veranlaßte mich dann später
doch, dem HRS zu empfehlen, es unverzüglich aus seinem Programm zu
nehmen, oder zumindest seinen Kunden die ganze Wahrheit über diese
„Absteige“ nicht zu verschweigen: das St. George war nichts anderes als ein
gehobeneres Stundenhotel.
Ein Abend Beobachtungen in der Lobby des Hotels brachte dazu folgende
Einzelheiten zutage: die zumeist aus Usbekistan, Kasachstan oder Tadschikistan
stammenden Damen, erschienen gegen 20:00 Uhr per Taxe in züchtig langem,
meist schwarzen Gewand einschließlich Kopftuch im Hotel, verschwanden auf
der Damentoilette der Lobby und verließen diese tief dekolletiert, auf ebenso
atemberaubend hohen wie zugleich dünnen Absätzen und mit teilweise so
schmalen Röckchen, die zwar die obere Hälfte des Gesäßes bedeckten, dem
Betrachter auf den unteren Teil jedoch freie Einsicht gewährten. Nach dieser
eigenwilligen Mutation begab man sich gegenüber der Rezeption ins „Tivoli“,
der Bar des Hotels, das morgens den Hotelgästen als Frühstücksraum und
mittags als Restaurant diente. Das „Tivoli“ übernahm die Rolle eines
Kontakthofes, wo die Damen Arm in Arm um die in der Mitte des Raumes
befindliche Bar flanierten und sich so den potentiellen Freiern präsentierten.
Neben auffällig viel Ostblock waren dies auch eine ganze Reihe „Locals“, die
entweder an den Tischen oder auf Hockern um die Bar saßen. Wenn um 23:00
Uhr die Diskotheken ihre Tore öffneten, hatten sich die meisten Paare bereits
gefunden, und man begab sich per Fahrstuhl in den 10. Stock. Bis zur
Schließung um 03:00 Uhr dröhnte anschließend ein permanentes Stampfen aus
den drei mit unterschiedlichen Musikrichtungen beschallten Diskotheken, und
dem Fahrstuhlschacht entströmte der penetrante Gestank von kaltem
Zigarettenqualm oder schwerem Parfüm. Wer noch das Bedürfnis verspürte,
sich nach 03:00 Uhr mit seiner Herzdame weiter zu vergnügen, der konnte sich
auf das angemietete Zimmer begeben. Das anschließend aus diesen dringende,
feucht fröhliche Stimmengewirr ließ darauf schließen, daß einige Gäste das
nicht alleine taten, sondern daß hier noch „Party“ (Orgie) angesagt war! Dem
nach Schlaf lechzenden Besucher blieb nichts anderes übrig, als dies neidvoll
zur Kenntnis zu nehmen, denn auch die bewährten Ohrenstöpsel aus alten
Bundeswehrtagen versagten bei solch einem Lärm ihren Dienst.
Meine diesbezüglichen Beobachtungen bestätigte Gleason, der 23 Jahre alte
Lobby-Kellner aus Bombay. Er war bereits das zweite Mal für drei Jahre in
Dubai. Von seiner zweiten Einreiseerlaubnis waren erst drei Monate
verstrichen, so daß er wohl oder übel die Arbeit fortsetzen mußte, die ihm die
Company bei seiner zweiten Einreise zugeteilt hatte. Dafür hatte sie ihm die
6.500 Dirham vorgestreckt, die für die Erlangung eines Dreijahresvisums
notwendig waren. 2300 müsse er an die Company bezahlen, wenn er vor Ablauf
eines Jahres seinen Job kündigen wolle. Erst nach zwei Jahren sei dies
ablösefrei möglich. Für seine Arbeit, die er an sieben Tagen in der Woche für
jeweils neun Stunden ableisten müsse, bekäme er augenblicklich ein
monatliches Gehalt von 1000 Dirham (circa 220 Euro), von denen er 800 (circa
175 Euro) zur Unterstützung seiner Familie nach Indien schicke. Von den
übrigen 200 Dirham (circa 45 Euro) müsse er seine Unterkunft, die er sich mit
vier weiteren Indern teile, und die allgemeinen Lebenshaltungskosten
bestreiten. Das Essen bekäme er im Hotel. Es bestünde im wesentlichen aus den
Resten, die die Hotelgäste übrig ließen.
Das Treiben im Hotel, so Gleason, das übrigens jeden Abend so ablaufe, sei
ihm gleich zu Beginn seiner Tätigkeit aufgefallen. Von Zeit zu Zeit versuche
das Personal, den Damen die Umkleidung auf der Damentoilette der Lobby zu
verwehren oder zumindest zu erschweren, und häufig genug erscheine auch die
Polizei zu entsprechenden Razzien, aber die würden kaum noch ernst
genommen.
„Korruption in der Polizei ist auch in Dubai nicht unbekannt“, so der 23jährige
Inder. Sobald seine ersten zwölf Monate abgelaufen seien, werde er sich um
eine andere Tätigkeit bemühen. Ihm schwebe eine Tätigkeit in den Emirate
Hills vor, eine Region Dubais, die ich später noch näher kennenlernen sollte.
Bereits zu diesem Zeitpunkt nahm ich mir vor, dem HRS in Köln eine
detaillierte Mail meiner Beobachtungen mit der dringenden Empfehlung
zuzuschicken, das Hotel schleunigst aus seinem Programm zu nehmen, oder
deutlich in der im Internet nachzulesenden Beschreibung auf die gegebenen
Umstände hinzuweisen. Inzwischen hat mir HRS auf meine Initiative hin per
Email bestätigt, daß sie das Hotel einer eigenen Überprüfung unterziehen
wollten. Ein Kontrollblick läßt allerdings darauf schließen, daß diese
Überprüfung entweder bisher nicht stattgefunden, oder möglicherweise auch
keinerlei Konsequenzen für das Hotel gehabt hat! Deshalb überlege ich zum
gegenwärtigen Zeitpunkt immer noch, ob ich einen entsprechenden Leserbrief
an die GULF NEWS richte. Neben der Schilderung meiner Beobachtungen
würde dieser sicherlich auch den Hinweis enthalten, als islamischer Staat nicht
immer mit dem erhobenen Zeigefinger auf den dekadenten Westen zu zeigen,
sondern sich zunächst auch einmal im eigenen Land umzuhören und
umzuschauen!
Ein anderes Vorkommnis im St. George Hotel schien sich zu einem weiteren
Ärgernis zu entwickeln. Aufgrund der Höhe des Gebäudes und seiner
prominenten Lage direkt am Eingang des Creek fragte ich an der Rezeption
nach, ob ich vom Dach des Gebäudes ein paar Fotos von Dubai machen könne.
Obwohl ich mich als Journalist auswies, ließ mich Yelena, die Rezeptionistin
aus dem Ostblock, eiskalt abblitzen. Dazu bedürfe es einer Genehmigung, die
nur von der „Municipality“ ausgestellt werden könne. Meine Frage nach dem
Hotelmanager bügelte sie damit ab, daß dieser keine Zeit für mich habe. Als an
diesem Tag um 20:00 Uhr der Room-Service immer noch nicht mein Bett
gemacht hatte, nutzte ich am darauf folgenden Tag die Gelegenheit zu einem
Generalangriff. Wenn ich innerhalb des Tages nicht mit irgendeinem
verantwortlichen Manager des Hotels sprechen könne, würde ich noch am
selben Tag beim Tourismusminister des Landes vorstellig werden: die von
einem europäischen Journalisten beobachten Zustände im Hotel, würden
sicherlich sein reges Interesse finden! Noch am selben Abend stellte sich mir
ein Herr Nadim vor. Er sei der Security Manager des Hotels. Die gestrige
Absage der Rezeptionistin sei ein bedauerlicher Irrtum. Selbstverständlich
könne ich vom Dach des Hotels ein paar Aufnahmen machen. Wir einigten uns
auf einen Termin am späten Nachmittag des folgenden Tages. Zu diesem
Zeitpunkt würde die Sonne am günstigsten stehen. Am nächsten Tag legte man
mir vor dem Gang auf das Hoteldach ein Schreiben des Hotelmanagers Mr.
Ahmed vor, in dem dieser sich nochmals für die entstandenen
Unannehmlichkeiten entschuldigte und mich gleichzeitig bat, dem Hotel
freundlicherweise eines meiner Fotos zur Verfügung zu stellen.
Wesentlich erfreulicher dagegen entwickelte sich das bereits von Hamburg
aus arrangierte Treffen mit zwei Vertretern der Hamburger Immobilienfirma
Engel & Völkers. Susanne Schick (28), ihr örtlicher Relationship Manager,
hatte mich am 21. November in das „Montgomerie“ Hotel in den Emirate Hills
gebeten. Diese „Emirate Hills“ waren neben anderen Bereichen wie
„Meadows“, „The Lakes“ oder „The Greens“ Bestandteil der neuen Dubai
Marina, die circa 20 Kilometer außerhalb von Dubai, nahe der „PalmJumeirah“, aus dem Wüstensand gestampft worden war. Da sich der
pakistanische Taxifahrer in diesem feudalen neuen Stadtteil genauso wenig
auskannte, wie ich mich, führte uns erst mehrfaches Telefonieren mit Frau
Schick ans Ziel. Zwischenzeitlich mußten wir dabei in dem hermetisch
abgeriegelten riesigen Quartier mehrere Sicherheitskontrollen passieren, bis wir
endlich am Ziel ankamen. Das Designer-Hotel „The Montgomerie“ lag inmitten
eines traumhaft schönen, leicht welligen Golfgeländes. Durch das riesige
Rundbogenfenster im ersten Stock hatte man einen unvergleichlichen Blick auf
den kurz geschnittenen grünen Rasen, in dem immer wieder unterschiedlich
geformte kleine Seen eine optische Unterbrechung für die Augen boten. Das
Hotel selbst diente zugleich der Academy by Troon Golf, „… without a doubt,
the finest golf tuition academy in the Middle East“ als Hotel und Clubhaus.
Dazu standen zwanzig 5-Sterne Zimmer zur Verfügung. Ja, ich mußte zugeben,
die Location war gut gewählt, um einen Journalisten aus der Provinz
Deutschlands zutiefst zu beeindrucken.
Frau Schick empfing mich auf dem roten Teppich, der vor dem Hotel ausgelegt
war, und stellte mich anschließend Basem Abu Dagga (35), dem lokalen Sales
Manager von Engel & Völkers vor. Während Frau Schick sogleich zu erkennen
gab, daß sie aus Hamburg sei, verriet der Name des Sales Directors eher den
Orientalen. Der smarte Mitdreißiger entpuppte sich als in Kanada
aufgewachsener Palästinenser, der seit geraumer Zeit für die Hamburger Firma
in Dubai tätig war. Ohne große Vorrede bot er an, mir anhand eines Laptopgestützten kleinen Vortrages die wesentlichsten Eckpunkte ihrer Arbeit vor Ort
darzustellen. Gleich zu Beginn wies er in makellosem amerikanischem Englisch
darauf hin, daß die Vorstellung, vor dem Abschluß eines Kaufvertrages eine
komplett eingerichtete Musterwohnung oder etwas Vergleichbares sehen zu
können, eine typisch deutsche sei! Wer sich in Dubai einkaufe, tue dies in erster
Linie nach Lage des Objekts, seiner Größe und eventuell auch noch nach der
Höhe des Stockwerks. Aus diesem Grund könne er mir auch gar nichts Fertiges
zeigen, wie ich es in meiner Mail gewünscht hatte. Ohnehin würden die meisten
Projekte von Finanzinvestoren errichtet, der Rest kaufe unbesehen. Nachdem
Dubai zunächst das erste der Emirate gewesen sei, in dem Ausländer Eigentum
erwerben konnten, habe der unglaublichen Erfolg auch die übrigen
Scheichtümer zum Umdenken gezwungen. Vor allem die zentrale Lage der
UAE zwischen Asien und Europa einschließlich Amerika, die dort herrschende
Freiheit und Sicherheit, die Steuerfreiheit und nicht zuletzt auch die
unbürokratische Verfahrensweise ein Eigentums- oder auch Residenzvisum zu
bekommen, habe aus den Emiraten längst ein „Melting Pot of People“ gemacht.
Die Regierung, so der Sales Director weiter, würde von Sheik Mohamed Al
Rashid Al Maktoum, dem charismatischen Führer Dubais, mit intelligenten
Visionen geführt wie eine Company, eine seiner Voraussetzungen für den
allenthalben sichtbaren Erfolg. Bis 2010 erwarte er, daß der Bauboom im
gegenwärtigen Umfang anhalte, danach werde durch eine Einschränkung der
Bautätigkeit mit einer künstlichen Verknappung des Angebotes zu rechnen sein.
Mich erinnerten gerade die letzten Bemerkungen Abu Daggas an die
Ausführungen von Professor Manfred Lahnstein, die dieser kurz vor meiner
Abreise in einem Vortrag über die Lage im Mittleren Osten im Anglo-German
Club in Hamburg geäußert hatte. Nach Lahnsteins Auffassung würde die Welt
augenblicklich Zeuge des geradezu dramatischen Niedergangs der arabischen
Welt! Heute frage ich mich, ob Lahnstein in den letzten Jahren jemals in den
Vereinigten Arabischen Emiraten gewesen ist? Wahrscheinlich ist ihm nicht
einmal bekannt, daß Haliburton mittlerweile beschlossen hat, seine Zentrale von
Houston/ Texas nach Dubai zu verlegen. Angedacht dazu ist das Jahr 2008.
Diese Entscheidung ist sicherlich nicht vor dem Hintergrund gefallen, daß die
arabische Welt im Niedergang begriffen ist! Darüber hinaus konnte der Herr
Professor zum Zeitpunkt seines Vortrags selbstverständlich auch noch nicht den
SPIEGEL Nr. 6 vom 2. Februar 2008 kennen, dessen Titelstory „Dubai. Das
Über- Morgenland. Goldrausch am Golf“ lautete.1 In ihm übernahmen die
Autoren eine Äußerung einer lokalen Galeristin, die die Scheichs vom Golf als
die „…Fugger und Medici des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet hatte. Die
Coverstory des SPIEGEL endet mit dem Hinweis:
„Der ägyptische Nasserismus ist tot, der irakische Baathismus ist gescheitert,
der militante Islam geht seinem blutigen Ende zu. Es lebe der arabische
Kapitalismus!“2
Mein Einwand, daß Berichten zufolge viele Residentials die Emirate
inzwischen wieder wegen zu hoher Bezinpreise und Wohnungsmieten den
Rücken kehrten, kommentierten die beiden Vertreter von Engel & Völkers
damit, daß der dafür verantwortliche Minister of Economy, Sheika Lubna (eine
Frau) , deshalb heftigst in der Kritik stünde. Ihre einhellige Auffassung war, daß
dieser auch ihnen bekannte Zustand sicherlich nicht lange anhalten werde.
Wegen der Schließungszeit 17:00 Uhr schlug Frau Schick einen Besuch in der
Ausstellungshalle vor, in der das Modell der „Palm-Jumeirah“ gezeigt wurde.
Alle internationalen Immobilienfirmen, so die Relationship Managerin, führten
ihre Interessenten in diese Halle. Es sei die einzige Möglichkeit, den
Interessenten etwas zu „präsentieren“, weil man auch nur am Modell den
Gesamtkomplex der „Palm-Jumeirah“ erklären und sich vor allem auch eine
Vorstellung davon machen könne.
Krönung der künstlichen Insel werde auf jeden Fall das bereits im Bau
befindliche Hotel „Atlantis“ sein, das nach dem „Burj al Arab“ und dem
„Emirates Palace“ (in Abu Dhabi) das dritte Siebensterne-Hotel der Welt sein
werde. Investor dieses Projekts ist übrigens der südafrikanische Milliardär und
Sohn jüdischer, russischer Eltern Sol Kerzner (eigentlich Solomon Kerzner).
Schließlich und endlich fuhren wir mit dem firmeneigenen Geländewagen, den
Frau Schick sicher durch den Feierabendverkehr von Dubai lenkte, auf die
„Palm Jumeirah“, Gelegenheit, mich mit dem Palästinenser Basem Abu Dagga
über die politische Lage in seiner Heimat zu unterhalten. Ich verhehlte ihm
nicht meine Sympathie für das Volk der Palästinenser.
Es komme nicht oft vor, daß er von einem Kunden darauf angesprochen werde,
erst recht nicht von einem, der sich ernsthafte Sorgen über die Lage der
Bevölkerung in den besetzten Gebieten mache, erwiderte er ebenso überrascht
wie freimütig. Wir waren uns beide einig in der Bewertung, daß es zwischen
Israel und den Palästinensern in absehbarer Zeit keinen Frieden geben werde,
auch wenn US-Präsident Bush nach sieben Jahren Untätigkeit zum Ende seiner
Amtszeit noch glaube, eine entsprechende Initiative entwickeln zu müssen.3 Die
Bemühungen aller amerikanischen Präsidenten vor ihm waren mehr oder
weniger an der Halsstarrigkeit oder dem fehlen Willen der jeweiligen
israelischen Regierung gescheitert. Einer dieser Präsidenten, der
Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter, beschreibt in seinem letzten Buch
„Palestine. Peace not Apartheid“ sehr deutlich – und sehr zum Ärger der
jüdischen Lobby in den USA – diese Verweigerungshaltung.4 Warum sollte es
ausgerechnet jetzt einem George W. Bush, der während seiner bisherigen
Regierungszeit außer einem auf Lug und Betrug basierenden Krieg gegen den
Irak keine wesentlichen Leistungen zur Weltgeschichte beigetragen hat,
gelingen, Frieden zu stiften zwischen zwei Partnern, die in ihren
diesbezüglichen Bemühungen seit 60 Jahren immer wieder gegen dieselbe
Wand anrennen? So hieß es denn auch in einem Beitrag der GULF NEWS
richtigerweise:
„It is infuriating when one spends hours reviewing all the give-and-takeabout
the perfunctory meeting in Annapolis next week to kick-start Palestinian-Israeli
negotiations for a final settlement only to realise that one does not need to
reinvent the wheel. All that needs to be done is there and has been available for
more than 40 years!“5
Interessante Bemerkung am Rande: auf meine bereits vor Antritt meiner
Asienreise an den Verlag Simon & Schuster in New York gerichtete Anfrage,
ob eine deutsche Übersetzung des Buchs von Jimmy Carter geplant sei, erhielt
ich noch am 20. November folgende Antwort:
“Not for lack of trying on our end but as of yet no German publishing company
has interest to take on the translation and publication rights to President Carter's
book PALESTINE PEACE NOT APARTHEID.“6
Wie hohl und zugleich zwecklos auch die Bemühungen von Annapolis
tatsächlich waren, konnte man am 8. Dezember in der Bangkok Post nachlesen.
Dort hieß es in einer kleinen Notiz:
„US asked Israel to explain its decision to build 300 new homes around
Jerusalem (Har Homar) Land, captured by Israel in 1967 war.“7
Das bedeutete letztlich nichts anderes, als daß die israelische Regierung ihre
bisherige Politik bedingunglos fortsetzte, nämlich auf der einen Seite durch
Verhandlungen Zeit zu gewinnen, aber gleichzeitig auf der anderen Seite ihre
Siedlungspolitik kompromißlos fortzusetzen. Wie und vor allem wozu sollen
die Palästinenser da verhandeln?
Inzwischen waren wir auf dem breiten Damm angekommen, der in beide
Richtungen mehrspurig auf „The Palm-Jumeirah“ führte. Das erste, was ins
Auge fiel, waren die gewaltigen Ausmaße des Projekts. Stand man in dem
Showroom vor dem Modell, so hielt sich alles noch in überschaubaren Grenzen.
Als wir aber schließlich durch die elegante Lobby auf die Seeseite eines der
bereits bewohnten Apartmenthäuser gelangten, veranlaßte es mich doch zu der
ungläubigen Frage „… und das, worauf wir hier stehen, ist alles künstlich
aufgeschüttet?“ Geräumige Terrassen mit großzügigen Swimmingpools, kleine
Gartenanlagen auf unterschiedlichen Höhen, all das war das Produkt einer
Vision, die manche als verrückt bezeichnen mögen, die aber zugleich
beispielhaft dafür ist, was menschliche Willens- und Tatkraft zu realisieren im
Stande ist. Würden die Unsummen von Geldern, die in Waffen investiert
werden, mit denen anschließend sinnlose Kriege geführt werden, in Projekte
wie dieses gesteckt werden, könnte die Sahara wieder zu einem blühenden
Garten Eden verwandelt werden. Auch der Hunger auf der Welt hätte keine
Chance mehr!
Von unserer augenblicklichen Position hatten wir einen ausgezeichneten Blick
auf den untersten der übereinandergestaffelten Palmenwedel, auf den sich die
Villen eng aneinanderschmiegten. Bilder dieser Art waren inzwischen um die
ganze Welt gegangen und erregten überall immer wieder ungläubiges Staunen.
In Dubai selbst sprach man zu gerne bereits vom achten Weltwunder. Einig
waren wir uns allerdings in der Beurteilung, daß die Häuser viel zu dicht
aufeinander standen. Wenn ich schon so viel Geld für solch ein Anwesen
ausgeben würde, wollte ich nicht unbedingt auf geringste Entfernung in die
Fenster des Nachbarn schauen. Aber wie so oft im Leben war es offenbar vielen
Anlegern wichtig, sagen zu können, man habe eine Villa auf der „PalmJumeirah“, so wie es für andere wichtig ist, bei einer bestimmten Premierenfeier
dabei sein zu dürfen, oder immer das neueste Modell einer bestimmten
Automarke sein eigen nennen zu können.
Die sich langsam immer tiefer senkende Sonne zwang uns schließlich, die
kleine Besichtigungstour hier abzubrechen. Zuvor fuhren wir jedoch den
Palmenstamm noch etwas höher hinauf und damit weiter ins Meer hinein. Dort,
wo die unteren Wedel nach links und rechts abgingen, war Ende der
Durchfahrt. Nur mit besonderen Ausweisen war es möglich noch weiter
hineinzufahren. Gleichwohl war von hier aus das im Rohbau befindliche
zukünftige Siebensternehotel Atlantis deutlich auszumachen. Seine Eröffnung
würde sicherlich noch einmal für entsprechenden Schlagzeilen in der
Weltpresse Anlaß geben.
Ich mußte Basem Abu Dagga und Susanne Schick dankbar sein, daß sie mir
diese neue Seite von Dubai aufgetan hatten.
Aber auch mit dem fragwürdigen Dubai wurde ich erneut konfrontiert. Am
folgenden Tag war in der GULF NEWS unter der Überschrift „Housemaid
acquitted of theft charges“ ausführlich über einen jener Fälle zu lesen, wie sie in
regelmäßig wiederkehrenden Abständen immer wieder an die Oberfläche
gespült wurden und den kritischen Leser zum Nachdenken anregten:
Ein 24-jähriges Hausmädchen aus Eritrea war angeklagt, seiner emiratischen
Arbeitgeberin Juwelen im Wert von 10.000 Dirham gestohlen zu haben.8
Hintergrund solcher Anklagen ist immer wieder die Situation, daß Locals ihr
ausländisches Hauspersonal ausbeuten und wie Sklaven behandeln. Um einer
Flucht dieses Hauspersonals vorzubeugen nehmen sie ihnen Paß und
Arbeitserlaubnis ab. Gelingt es dennoch einem dieser Hausmädchen, Reisepaß
und Arbeitserlaubnis wieder an sich zu bringen und damit die Flucht in die
Heimat zu ergreifen, wird ihnen von den Arbeitgebern unverzüglich der
Diebstahl von Schmuck oder Bargeld unterstellt. Daß ein Local gegenüber
einem Hausmädchen aus Eritrea vor Gericht eine ungleich höhere
Glaubwürdigkeit unterstellt wird, braucht an dieser Stelle eigentlich nicht
besonders herausgestellt zu werden.
Was das taxfree Einkaufen betraf, so haben sich die zahlreichen
hypermodernen Luxus-Shopping-Malls von Dubai längst zu einem Eldorado
entwickelt. Europäer brauchen zukünftig nicht mehr in das ferne Hong Kong zu
reisen, sondern können sich mit dem nur sechs Flugstunden entfernten Dubai
begnügen. Nicht nur die Kosmetikartikel der in Europa hinlänglich bekannten
Hersteller sind hier wesentlich günstiger, sondern vor allem auch sämtliche
begehrten Artikel der Elektronikbranche, vom Mobiltelefon bis zum
Flachbildfernseher. Ich selber war dieses Mall mit einem Mobiltelefon der
Firma Samsung SGH-U 600 für 940 Dirham (circa 180 Euro) dabei. Einziger
Nachteil, auf die in Dubai gekauften Artikel gibt es keine Garantie!
„Bleibt die Frage nach der Identität dieser Stadt, die wirkt wie eine
Designerdroge ohne erkennbare Nebenwirkungen, flüchtig, nicht nachhaltig“,
hieß es in dem bereits oben zitierten SPIEGEL-Beitrag. Eine Antwort blieb
allerdings auch er schuldig. Dubai hat keine! „Noch nicht…“ möchte man fast
sagen, denn auch die werden die Scheichs sich schon irgendwie erkaufen!
„Nirgendwo sonst läßt sich die Dynamik der Globalisierung derzeit besser
studieren – aber auch ihre unfaßbare Dekadenz. Glanz und Elend,
Verschwendung und Verwahrlosung: In Dubai liegt beides ganz nahe
beieinander. Die höchsten Hochhäuser (s. Abb. S. ), gebaut von den billigsten
Arbeitern, sind sichtbare Zeichen für die neue Teilung der Welt“ hieß es bereits
zuvor in einem anderen SPIEGEL-Beitrag. 9
Und weiter:
„Selbst dem nüchtern denkenden Menschen wie dem Harvard-Ökonom Dani
Rodrik bleibt es ein Rätsel, wie gelassen die Menschheit solche Widersprüche
hinnimmt. „Niemals zuvor in der Geschichte war der Traum, die globale Armut
zu beseitigen, so leicht erreichbar- und zugleich so schwer faßbar“, wundert er
sich. Wie kann so etwas möglich sein?“10
Dem ist nichts hinzuzufügen!
Sieht man einmal von der Betreuung durch die örtlichen Vertreter des
Hamburger Immobilienriesen Engel und Völkers ab, war der diesjährige
Besuch in Dubai eigentlich ein Flop. Nicht nur, daß das Hotel maßgeblich zu
dieser Beurteilung beigetragen hat, auch der Zeitraum von sechs
Übernachtungen war für einen zweiten Besuch in dem Emirat bei weitem zu
hoch angesetzt. Sollte es im nächsten Jahr wiederum mit der Fluggesellschaft
Emirates nach Südostasien gehen, werde ich wahrscheinlich nur eine
Übernachtung einplanen oder mich sogar nur auf einen Transfer im Dubai
International Airport (DIA) beschränken.
Ach, und noch auf eine Einzelheit, die denen, die sich dafür interessieren, in
ihrer Bedeutung kaum mehr als eine weltgeschichtlichen Fußnote in Erinnerung
bleiben wird, sei hingewiesen. Der GULF NEWS sei Dank, daß ich sie dennoch
nicht verpaßt habe. Unter der Überschrift „Last Iraq `warrier´ falls to the ballot“
berichtet die Zeitung am 26. November, daß der australische Premierminister
John Howard nach Jose Maria Aznar und Tony Blair als letzter Politiker, die
George W. Bush blind in den Irak Krieg gefolgt sind, die Wahlen zum
australischen Unterhaus verloren hat. Kevin Rudd, sein Nachfolger hat bereits
angekündigt, er werde die australischen Truppen nach Hause holen.
Die Hotelauswahl in Hong Kong stellte sich im Gegensatz zu der in Dubai
als wahrer Glücksgriff heraus. Das Zimmer im Kowloon Hotel im Stadtteil
Tsim Sha Tsui war zwar winzig, ließ aber, von der Größe abgesehen, keine
Wünsche offen. Es verfügte sogar über ein Faxgerät, deutlicher Hinweis dafür,
daß man hier nicht so sehr auf den Touristen setzte, sondern den
Geschäftsreisenden. Besonders auffallend und gediegen: die Waschbeckenhöhe
von extra nachgemessenen 78 Zentimetern gegenüber den sonst üblichen 84.
Die Asiaten sind eben etwas kleiner und zierlicher! Ich sage es schon mal an
dieser Stelle: auf der Suche nach einer passenden neuen Badehose sollte sich
gerade letztere Tatsache später im thailändischen Pattaya als ausgesprochenes
Problem herausstellen.
Vor allem aber war es die günstige Lage des Hotels, direkt an der Nathan Road
und nur wenige Gehminuten von den Star Ferries des Victoria Harbour entfernt,
die bestach. Während meines gesamten Aufenthaltes in der ehemaligen
britischen Kronkolonie brauchte ich – bis auf wenige Ausnahmen – nicht ein
einziges Mal ein Taxi oder sonstiges öffentliches Transportmittel in Anspruch
zu nehmen.
Seit dem 1. Juli 1997, dem Tag der Rückgabe Hong Kongs an China, sind
inzwischen zehn Jahre vergangen. Mehr als 150 Jahre hatte die britische
Herrschaft über „…das Juwel des Empire mit seinen 69 Milliarden US-Dollar
Devisenreserven“ (SPIEGEL) gedauert. Als die Briten hier 1841 den Union
Jack hißten, hielt man dies im Londoner Außenministerium für einen peinlichen
Irrtum „…weil Captain Charles Elliot nach einem wichtigen Sieg gegen die
durch Opiumgeschäfte geschwächten Chinesen sich mit einer ‚öden Insel’
begnügt und nichts Besseres als Handelsplatz herausgeschlagen hatte. In diesem
Hong Kong, später um die Halbinsel Kowloon (‚Neun Drachen’) und die auf 99
Jahre gepachteten New Territories erweitert, lebten zunächst nicht mehr als
6000 Chinesen, viele Nachkommen von Piraten.“11 Der Tag symbolisierte
zugleich den Niedergang einer alten Weltmacht und den Aufstieg einer neuen.
Heute zählt die Stadt circa 7 Millionen Menschen. Die diesjährigen Feiern
anläßlich des 10. Jahrestages, zu denen Regierungsvertreter der ehemaligen
Kolonialmacht England nicht eingeladen waren, waren jedoch von erheblichen
öffentlichen Protesten überschattet. Zehntausende Menschen protestierten für
freie Wahlen. Obwohl demokratische Reformen nach dem Grundgesetz für
Hong Kong nach 2007 eigentlich möglich wären, und die
Sonderverwaltungsregion innerhalb der Volksrepublik China bis 2047 seinen
kapitalistischen Lebensstil mit unabhängiger Justiz, eigener Währung (Hong
Kong-Dollar), eigenem Steuersystem, sowie Presse- und Versammlungsfreiheit
beibehalten darf, lehnt die kommunistische Führung in Peking jeden Zeitplan
dafür ab. Statt dessen wird Hong Kong nach dem Grundsatz „ein Land, zwei
Systeme“ als eigenes Zoll- und Währungsgebiet in seinen alten Grenzen unter
chinesischer Souveränität autonom verwaltet. Gleichwohl, steht die Stadt
augenblicklich zumindest wirtschaftlich besser da denn je und hält seine
chinesischen Konkurrenten wie Shanghai trotz deren Aufholjagd auf Distanz.
Nach der späten Ankunft plante ich am nächsten Morgen zunächst nur einen
Gang zum Kowloon Public Ferry Pier ein, den magischen Anziehungspunkt für
viele Fremde, die sich von hier aus Hong Kong erobern. Beeindruckend und in
seiner von ihm ausgehenden Faszination keineswegs übertrieben, der
Panoramablick auf die gegenüber liegende Skyline des Central District von
Hong Kong Island mit dem sich dahinter auf 552 Meter Höhe erhebenden
Victoria Peak. Zwar gibt es inzwischen reichlich solcher durch die Medien
hinlänglich bekannten Anziehungspunkte auf der gesamten Welt, aber in
Verbindung mit dem Namen Hong Kong assoziiert man damit doch irgendwie
etwas Außergewöhnliches, etwas Vibrierendes, das eben die Einzigartigkeit
dieses Platzes ausmacht. Vorbei am Clock Tower, dem HK Cultural Center, der
avantgardistischen Architektur des HK Space Museums, dem Hong Kong
Museum of Art, in der gerade eine Ausstellung „Treasures of the World
Cultures from the British Museum , 14.09.-02.12.07“ gezeigt wurde und für die
durch ein überdimensioniertes Plakat einer ägyptischen Mumie geworben
wurde, schlenderte ich über die Tsim-Sha-Tsui-Promenade Richtung Avenue of
Stars, ein ins Meer hineingebauter, parallel zum Ufer verlaufender Betonsteg.
Am späten Nachmittag führte mich ein Gang zurück in die Salisbury Road, um
einen Blick zu werfen in das Chinese Arts & Crafts-Star House. Was hier zum
Kauf angeboten wurde, war nicht nur atemberaubend schön, sondern an
kunstfertiger Handarbeit kaum noch zu übertreffen. Schade, daß an jeder Ecke
Sicherheits- oder Verkaufspersonal darüber wachte, daß neugierige Touristen
das absolute Fotografierverbot einhielten. Nicht verboten werden konnte
allerdings das Fotografieren von der Straße aus in eines der zahlreichen
Schaufenster. Ein aus einem Holzblock geschnitzter „Huang Hua Li Buddha“
für 46.000 HK-Dollar (circa 3.900 Euro) fand so den Weg auf meinen
Kamerachip. Aber vor allem die in den Ausstellungsräumlichkeiten gezeigten
Keramikarbeiten von Zengli und seinem jüngeren Bruder Zengpeng erregten
meine Aufmerksamkeit. Dabei waren es besonders zwei in brauner Sandfarbe
und schwarzem Lack gehaltene „Door Guards“ (etwa 30 Zentimeter breit und
25 Zentimeter hoch), die sich auf einem kleinen Sockel in typisch breitbeiniger
Kampfhaltung gegenüberstanden. Der linke der beiden hielt sein Schwert
waagerecht über dem Kopf, während der rechte dieses senkrecht an der linken
Körperhälfte entlangführte. Da es sich offenbar jedoch nicht um numerierte
Stücke mit streng limitierter Auflage handelte, waren sie mit einem Preis von
2.800 HK-Dollar noch recht günstig, dafür aber gleichwohl ungemein
dekorativ.
Eine kleine Postkarte klärt mich über die Bedeutung des Chinesischen Drachen
auf. Unter dem Stichwort ‚Dragon’ hieß es:
„The most well-used and popular object in Chinese Culture. According his
outlooking, [Ox’s head, Prawn’s eyes, Elephant’s ears, Donkey’s mouth, Deer’s
horns, Man’s whiskers, Snake’s body, Fish’s skin and Phoenix’s feet] almost
covering all the characteristics of the major animals in the world. Owing to this,
he becomes a symbol of Emperor amongst different Dynasties with a meaning
of control everything. Nowadays, Chinese still call themselves as [Children of
the Dragon].”
Als ich am nächsten Abend erneut durch diese museumsähnliche
Verkaufsschau chinesischer Handwerkskunst streifte, stellte dort gerade Chen
Hong Long (auch bekannt [zumindest lokal] unter dem Namen: Yun-Long), ein
1964 in Fu-Zhou geborener Künstler, seine im traditionellen chinesischen Stil
gemalten Landschaften aus. In einem kurzen Gespräch erläuterte er mir, daß er
sich in seiner Malerei auf Landschaften, das menschliche Porträt und die
Kalligraphie spezialisiert habe. In den letzten zwanzig Jahren habe er viel über
die traditionelle Art der chinesischen Malerei hinzugelernt was letztlich dazu
geführt habe, daß er 2001 zum Preisträger der „Forth Contemporary Chinese
Landscape Painting Exhibition“ ernannt worden sei.
Von der Salisbury Road Nummer 3 war es nur ein Katzensprung zum
berühmten „The Peninsula“, der großen alten Dame der Hotellerie in Hong
Kong. Der Five-O’Clock-Tea im Peninsula ist in etwa vergleichbar einem
ähnlichen Besuchsanlaß in Hamburgs ‚Guter Stube’, dem Hotel „Vier
Jahreszeiten“. Aber nicht nur das! Trotz aller Konkurrenz ist das „Peninsula“
nach wie vor das ‚leading hotel’ der Stadt, das seine Gäste nicht nur mit einem
eigenen Hubschrauberservice vom Flughafen abholt, sondern das auch eine der
größten Rolls-Royce-Flotten der Welt besitzt, deren dunkelgrüne Farbe
rechtlich geschützt ist. Daß das Hotel während der Besatzung durch die Japaner
auch eine historische Rolle gespielt hat, erfuhr man von einer Wandtafel, die
auf dem Weg zur Harbour Cruise aufgehängt war.12
Bei einbrechender Dunkelheit ging es wieder zurück zur Tsim-Sha-TsuiPromenade. Inzwischen hatten die Hochhäuser des Central District auf der
gegenüberliegenden Seite ihre Lichter angemacht. Zusätzlich prangten an
einigen Fassaden große bunte Weihnachtsilluminationen, auf denen „Merry
Christmas“ und auch „Happy New Year“ zu lesen war. Postkartenmotive wie
diese waren es, die den Photographen in mir herausforderten, um sie als
Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Hier und jetzt bewahrheitete sich: erst
die hereinbrechende Dunkelheit macht Hong Kong nach wie vor zu einem
unvergleichlichen Erlebnis!
Schließlich und endlich war es auch noch nicht zu spät, Kontakt zu Josefa
Warburg aufzunehmen, um verabredungsgemäß ein Treffen mit ihr und ihrem
Ehemann festzulegen. Wir einigten uns auf einen Termin am nächsten Tag,
Mittwoch, den 28. November, gegen 19.00 Uhr in der Captain’s Bar des alten
„Mandarin Oriental“ auf Hong Kong Island. Zeit und Ort dieser Verabredung
paßten mir insofern ganz gut ins Konzept, da ich den 28. November ohnehin
dazu nutzen wollte, die Fähre zur Hong Kong Island zu nehmen, um von dort
aus mit der seit 1888 in Betrieb befindlichen Peak Tram auf den Victoria Peak
zu fahren.
„Crossing the Victoria Harbour with Star Ferry is one of the fifty places of a life
time”, mit diesem Zitat aus dem National Geographic Traveler, das für meine
Begriffe etwas zu übertrieben war, warben die Veranstalter für die Möglichkeit,
per Schiff von Kowloon nach Hong Kong Island überzusetzen. Alternativen
dazu waren die U-Bahn oder der etwas umständlichere Weg per Taxi über den
Cross Harbour Tunnel. Für den Hong Kong Touristen war aber in der Tat die
Fähre ein selbstverständliches Muß! Nicht nur, daß man von der Wasserseite
einen ausgezeichneten Blick auf das Hong Kong Convention & Exhibition
Center hatte, je mehr man sich der Hong Kong Island näherte, um so
spektakulärer wurde auch der Blick zurück auf die Kowloon Seite mit dem HK
Cultural Center, dem Museum of Art und dem New World Center.
Was die Peak Tram betraf, so beschrieb sie der Reiseführer wie folgt:
„1370 Meter ziehen sich die beiden Doppelwaggons, die einander das
Gleichgewicht halten, mittels starker Stahltrossen abwechselnd hoch, bis 1926
angetrieben von einer Dampfmaschine, seither elektrisch.“13
Oben angekommen war die Sicht zwar nicht so, wie man sie auf den
Postkarten der Souvenirshops zu sehen bekommt, aber dennoch reichte es aus,
um sie als grandios und spektakulär zu bezeichnen. Von hier aus präsentierte
sich Hong Kong seinem Besucher so, wie man es schon zigfach gesehen hatte,
ohne es dabei je selbst in Augenschein genommen zu haben. Wer kannte sie
nicht, die ebenso spektakuläre Kulisse der südamerikanischen
Millionenmetropole Rio de Janeiro mit der über der Stadt thronenden
Christusstatue, ohne selbst je dort gewesen zu sein? Ebenso verhielt es sich mit
dem Blick vom Victoria Peak. Meine Absicht war es zudem, hier oben den
Einbruch der Dunkelheit abzuwarten, der einhergehen würde mit einer
schrittweisen Illumination der Millionenmetropole, ebenfalls eines der
hinlänglich bekannten Postkartenklischees. Gerade erst hatte der SPIEGEL den
bereits oben zitierten Beitrag von Erich Follath mit solch einer traumhaft
schönen Aufnahme der „Skyline von Hong Kong“ eröffnet.14 Sie schien zu
einer Tageszeit des Übergangs vom Tageslicht zum Kunstlicht gemacht worden
zu, und spiegelte deswegen eine unvergleichliche Atmosphäre wider, wie man
sie entweder nur per Zufall oder durch Fotografen im Bild einfange kann, die
jahrelang vor Ort auf solch einen Augenblick warten.
Meine jetzige Wartezeit konnte ich sinnvoll nutzen, indem ich einer ganzen
Reihe von Touristen, deren Bemühungen, sich zu zweit entweder mit
Selbstauslöser oder sonstigen gewagten Kamerapositionen selbst abzulichten,
teilweise ebenso kreativ wie atemberaubend waren, anbot, diese Arbeit für sie
zu übernehmen, so daß sie für ihre Lieben zu Hause zumindest ein Bild hatten,
auf denen sie vernünftig zu zweit vor der Kulisse Hong Kongs zu sehen waren.
Erst für 19 Uhr hatte ich mich mit Josefa Warburg verabredet, und bis dahin
würde es längst dunkel sein! Zu meinem Bedauern aber waren meine
Hoffnungen auf einen ähnlich guten Schnappschuß, wie der im SPIEGEL
veröffentlichte, vergebens. Ob es an dem Dunst lag, der schon den ganzen Tag
lang über der Stadt lag, dem Unvermögen des Fotografen, das richtige
Kameraprogramm für ein gelungenes Bild herauszufinden, oder vielleicht sogar
der Tatsache, daß das Bild des Magazins per Computer nachbearbeitet worden
war, ich weiß es nicht. Alles, was nach Abdrücken des Auslösers auf dem
Screen zu sehen war, erreichte nicht annähernd das gewünschte Format, so daß
ich schließlich nach einigen Versuchen meine verzweifelten Bemühungen
genervt einstellte.
Das Mandarin Oriental rangierte auf der Hotelskala als eine der alten Damen
von Hong Kong Island. Josefa Warburg war pünktlich, und nach einem kurzen
ersten Austausch von Höflichkeiten und dem dazu notwendigen Smalltalk ging
es um die Frage, wo wir den Abend fortsetzen wollten, denn die Captain’s Bar
mit ihrer lärmenden Atmosphäre und der verrauchten Luft war dazu die denkbar
ungünstigste Wahl. Nach dem Vorschlag, eventuell in den Yacht-Club zu
wechseln, schlug Frau Warburg auch vor, den Abend doch vielleicht auch in
ihrem Heim zu verbringen, einer Variation, der ich sofort zustimmte. Nach
kurzer telefonischer Absprache mit ihrem Ehemann wurde es so beschlossen.
Beide residierten im Stadtteil Pok Fu Lam im Südwesten von Hong Kong
Island und entpuppten sich – wie nicht anders zu erwarten – als ausgesprochen
angenehme Gastgeber. Ich glaube, es gab an diesem Abend nicht ein Thema der
kleinen und großen Weltgeschichte, das wir nicht kurz gestreift hätten.
Freundlicherweise brachten mich beide am Ende des Abends noch zurück zum
Anleger der Star Ferries, wo wir aber feststellen mußten, daß die Fähren bereits
ihren Betrieb eingestellt hatten, da es schon weit nach Mitternacht war. So
wurde die Fahrt mit der Red Line 1 der U-Bahn zu einer unverhofften Premiere
mit der Hong Kong U-Bahn, ein relativ leicht und unkompliziert zu nutzendes
öffentliches Verkehrsmittel, zumindest um diese Zeit!
War es der ständige Wechsel zwischen dem durch entsprechende
Klimaanlagen produzierten permanent unterschiedlichen Zustand von warm
und kalt oder einfach nur die Tatsache, daß es im Gegensatz zu Dubai in Hong
Kong doch empfindlich kühler war, den größten Teil des 29. November
verbrachte ich im Bett, da ich mir offenbar eine leichte Bronchitis oder etwas
Vergleichbares eingefangen hatte. Dank einiger kräftiger Medikamente aus
meiner Reiseapotheke gab mein Körper am nächsten Tag jedoch schon wieder
Entwarnung, so daß ich den letzten Tag nutzte, noch einmal durch einige
Shopping-Malls zu streifen, mich einer (allerdings wenig ergiebigen) 60minütigen „Star Ferry’s Harbour Tour“ anzuschließen und mir zum krönenden
Abschluß noch die Sound- und Lightshow der Silhouette von Hong Kong Island
anzuschauen, die auf der Kowloonseite allabendlich Tausende von Zuschauern
anlockte.
Hong Kong hatte immer schon auf der Hitliste meiner Reiseziele einen der
obersten Plätze eingenommen. Meine Vorstellung war es immer gewesen,
einmal auf der Reise nach Australien hier einen Zwischenstopp einzulegen. Zu
der Reise nach Australien ist es bisher zwar nicht gekommen, aber Hong Kong
kann ich dank der letzten Tage abhaken. Gleichzeitig aber muß ich zugeben,
daß die Stadt, hat man sie erst einmal gesehen, einiges von der ursprünglich
einmal von ihr ausgehenden Magie verloren hat. Die Zeit, als die Skyline der
alten Kronkolonie noch einzigartig war, ist schon lange Vergangenheit. Die
entsprechenden Panoramen von Shanghai, Singapur, Kualalumpur oder
zukünftig auch Dubai haben längst nachgezogen. Ebenso hat Hong Kong als
Eldorado für den steuerfreien Einkauf zumindest für den europäischen Kunden
durch Dubai einen ernsthaften Konkurrenten bekommen.
Bleibt als Fazit festzustellen: für den eiligen oder auch nur oberflächlichen
Besucher wie mich hätten in Hong Kong anstelle der fünf Übernachtungen auch
zwei oder drei ausgereicht. Das, was ich sehen wollte, hatte ich in drei Tagen
gesehen. Das reichte mir. Sollte es mich im nächsten Jahr über Weihnachten/
Neujahr wieder nach Thailand ziehen, werde ich direkt von Dubai aus nach
Bangkok fliegen.
Zu den vorbereitenden Maßnahmen für den Aufenthalt in Thailand gehörte
es, bereits im Sommer zur Kenntnis zu nehmen, daß es in den Unruheprovinzen
im Süden des Landes (Narathiwat, Pattani und Yala) wieder zum Ausbruch
einer neuen Welle von Gewalt gekommen war. Die mehrheitlich moslemisch
geprägte Bevölkerung ließ sich von jenen Fanatikern immer wieder zu
Gewalttaten hinreißen, die einen Anschluß dieser Region an den islamischen
Staat Malaysia anstrebten. So war es seit Anfang August 2007 zu mehr als 70
Anschlägen mutmaßlicher muslimischer Extremisten auf Polizeistationen und
buddhistische Tempel gekommen. Seit Anfang 2004 waren dieser von
militanten Muslimen ausgelösten Gewaltwelle mehr als 1300 Menschen zum
Opfer gefallen. Die teilweise übertriebene Reaktion thailändischer
Sicherheitskräfte schien die Lage zusätzlich anzuheizen. So war beispielsweise
unter der Regierung des ehemaligen Ministerpräsidenten Thaksin deren brutales
Vorgehen aus dem Jahr 2004 berüchtigt, bei dem 80 muslimische
Demonstranten von Polizei und Armee in LKW gesperrt wurden und dort
erstickten. Die eindringliche Ermahnung, die Einheit des Landes nicht zu
gefährden, die König Bumiphol später, anläßlich seines 80sten Geburtstages am
5. Dezember, an sein Volk und die in ihm Verantwortung tragenden richtete,
gingen auf diese Vorkommnisse und die damit einhergehenden Gefahren für
das ganze Land zurück.
Darüber hinaus stimmte am 19. August die Mehrheit der thailändischen
Bevölkerung der neuen Verfassung zu und machte damit ein Jahr nach dem
Putsch, in welchem das Militär Taksin absetzte, und der daraufhin nach
England ins Exil ging, den Weg für Neuwahlen frei.
Und schließlich: am Freitag, den 5. Oktober strahlte der Fernsehkanal ARTE
um 20:40 Uhr in einer TV-Premiere sozusagen als besondere Einstimmung auf
Thailand den französischen Spielfilm „Schenke in Thailand keine Blumen“ aus
dem Jahr 2006 aus. In der sensibel erzählten Geschichte läßt sich Jean, der von
seiner Frau verlassen wurde, von seinem Freund überreden, ihn nach Thailand
zu begleiten. Dort sperrt er sich jedoch gegen die sextouristischen Eskapaden
seines Kumpels. In einer Bar lernt er die schöne Pat kennen, verliebt sich in sie
und stürzt damit Hals über Kopf in alle jene Komplikationen, die solch eine
Beziehung besonders in diesem südostasiatischen Land mit sich bringt. Mich
interessierte dieser Film schon alleine deshalb, weil jeder alleinreisende
Thailandbesucher mehr oder weniger auf vergleichbare Erfahrungen
zurückblicken und sich durchaus in der einen oder anderen Szene wieder finden
kann.
Die Entscheidung, den diesjährigen Aufenthalt nach Ankunft in Thailand
gleich mit einem siebentägigen Besuch in Bangkok zu beginnen, ging auf die
Überlegung zurück, warum erst nach Pattaya übersiedeln und dann wieder
irgendwann zurückkehren in die thailändische Hauptstadt? Bei meinem ersten
Besuch im Lande hatte ich in der Metropole einige Sehenswürdigkeiten nicht
oder nur unzureichend wahrgenommen, ein Mangel, den ich dieses Mal
wiedergutmachen wollte. So hatte ich zum Beispiel den Wat Arun nur aus der
Entfernung zu sehen bekommen, einiges seinerzeit aber auch nur im
Geschwindschritt registrieren können, da ich zu sehr mit Fotografieren
beschäftigt war, als mich auf die Erläuterungen des Reiseleiters konzentrieren
zu können. Schließlich und endlich wollte ich mir soviel eigene Ortskenntnis
wie möglich verschaffen, um Nina während ihres Besuches und dem
anschließend geplanten dreitägigen Gang durch die Stadt ein kompetenter
Führer vor Ort zu sein.
Bei meinem Eintreffen in Bangkok stand die Stadt ganz im Zeichen der
Vorbereitungen für die Feierlichkeiten anläßlich des 80sten Geburtstags seiner
Majestät König Bumiphol Adulyadej, der im Land als die „Seele der Nation“
verehrt wurde. War es im vergangenen Jahr noch dessen 60. Thronjubiläum
gewesen, das in großem Stil begangen wurde und aufgrund dessen überall in
der Stadt und auf dem Land sein Konterfei in Überlebensgröße gezeigt wurde,
so war es diesmal die Vollendung seines 80. Lebensjahres, was das Volk in eine
schier unglaubliche Euphorie versetzte.
Mit einem Staatsstreich wurde den thailändischen Herrschern im Jahr 1932 die
absolute Macht entzogen. Nach der Verfassung nimmt der Regent also heute
nur noch die Rolle des Repräsentanten war. Gleichwohl wird er als
traditioneller Bewahrer und Verteidiger des Buddhismus wie ein Halbgott
verehrt. Bumiphol Adulyadej wurde am 5. Dezember 1927 in Cambridge
(Massachusetts, USA) geboren. Er wuchs in Bangkok und in der Schweiz auf.
In der Schweiz besuchte er Schulen und studierte später an der Lausanner
Universität verschiedene Wissenschaften. Nach dem plötzlichen Tod seines
älteren Bruders übernahm er am 9. Juni 1946 inoffiziell den Thron. An seiner
Stelle führte ein Regentschaftsrat die Geschäfte. Bumiphol schloß sein Studium
der Rechtswissenschaften in Lausanne ab und wurde am 5. Mai 1950 als Rama
IX. offiziell gekrönt. Im selben Jahr heiratete er Prinzessin Sirikit. Der heute
dienstälteste Monarch der Welt hatte bis dahin als Jazzmusiker, Saxophonist in
einer Tanzkapelle, Komponist, Segler und begeisterter Autofan von sich reden
gemacht. Weil die aus Generälen, reichen und machthungrigen Politikern
gebildeten Regierungen des Landes sich nur wenig um die Probleme des Volkes
kümmerten, reiste der König durch die Provinzen und half vor allem der
einkommensschwachen Landbevölkerung, deren Probleme zu lösen:
Nahrungsmangel, Wasserknappheit, Krankheiten, fehlende Arbeitsplätze. Er
schuf Entwicklungszentren, vermittelte landwirtschaftliche Technologien,
förderte den Umweltschutz, die Wiederaufforstung und Bewässerung und
verbesserte somit die Lebensgrundlage seines Volkes.
Ich schildere all dies nur deshalb so ausführlich, weil man sich nur so eine
Vorstellung davon machen kann, warum das thailändische Königshaus
dermaßen tief verwurzelt ist in die Bevölkerung seines Landes, und weil man
nur so die Vorgänge verstehen kann, deren Zeuge ich selbst wenig später in den
Straßen der Hauptstadt werden durfte.
Das Holiday Inn Silom Bangkok war, ebenso wie das Kowloon Hotel in
Hong Kong, eine gute Wahl! Vor allem das Frühstücksbüffet ließ keine
Wünsche offen. Zwar war letzteres mit seinen 588 Bath (circa 12 Euro) nicht
gerade günstig zu nennen, aber dafür war die Auswahl kaum zu überbieten. In
erster Linie war es aber wiederum die Lage, die meinen Vorstellungen sehr
entgegen kam. So waren es nur wenige Minuten zum Menam Chao Phraya, der
die Stadt von Nord nach Süd durchzog, und ebenso dauerte es nur wenige
Minuten, um im Fußmarsch die Silom Road hinunter die quirlige Patpong zu
erreichen. Vor dem Hotel selbst prangte nicht nur der obligatorische
buddhistische Hausaltar, sondern zusätzlich war auch, wie vor allen größeren
Gebäuden der Stadt, ein Schrein aufgebaut, in dessen Mitte ein großes Bild des
Königs hing. Sämtliche Straßen wurden von thailändischen Nationalflaggen im
Wechsel mit der gelben Flagge mit dem königlichen Emblem darauf gesäumt.15
Gelb deshalb, weil diese Farbe mit dem Montag assoziiert wurde, jenem
Wochentag, an dem der König geboren wurde. Seit Tagen schon berichtete die
BANGKOK POST über die freudige Befindlichkeit, die das gesamte Land
erfaßt hatte. „Joyous crowds greet the King“ lautete am 6. Dezember die
Schlagzeile und die farblich unterschiedlichen Polohemden, mit denen der
Monarch zu den unterschiedlichsten Anlässen erschien, brachten die Händler
ganz schön ins Schwitzen, weil am nächsten Tag alle Welt es dem König
gleichtun wollte. Kaum ein Thai, der nicht am rechten Handgelenk eines jener
gelben Plastikarmbändchen aus Gummi trug auf dem in der Landessprache und
in Englisch eingraviert war „Long live the King“. In einer kurzen Dankesrede
an sein Volk beschwor der König am Tage seines Wiegenfestes zum dritten
Mal innerhalb nur einer Woche die Einheit des Landes herauf:
„[If] everyone is determined to work in unity, benefits and happiness will befall
us and our society as a whole. And our country will maintain normalcy and
stability and develop as we wish.”16
Gerade erst zwei Tage zuvor waren in einem der blutigsten Anschläge der
letzten Monate in einem Open-Air-Restaurant in Pattani’s Muang District sechs
Menschen getötet und 24 verletzt worden.17
Die zunehmende Zerstrittenheit unter den politischen Gruppierungen und
Parteien im Lande hatte bereits in der Vergangenheit zu blutigen
Ausschreitungen geführt, so daß am 19. September 2006 das Militär in einem
zwar verfassungswidrigen aber gleichwohl als notwendig empfundenen Putsch
die Macht an sich riß, um ein weiteres Blutvergießen zu verhindern. Von der
bevorstehenden allgemeinen Wahl am 23. Dezember dieses Jahres versprach
man sich deshalb allenthalben, daß das Land endlich wieder zur vollen
Demokratie zurückkehren möge.
Gerade am 5. Dezember, dem Tag des königlichen Geburtstags, hatte ich die
Gelegenheit, selbst von der Euphorie angesteckt zu werden, die bereits seit
Tagen das Land ergriffen hatte. Gegen 21:00 Uhr hielt ich mich in der Nähe des
Vergnügungsviertels der Patpong Road auf, als an allen einschlägigen
Etablissements die schrillen Neonreklamen ausgingen, die Musik zu spielen
aufhörte, und sich die Menschen statt dessen dünne gelbe Kerzen, die sie zu
Bündeln zusammengebunden hatten, ansteckten und sich vor den Schreinen mit
dem Konterfei des Königs versammelten. Selbst die Touristen bekamen solche
Kerzen angeboten und wurden herzlich eingeladen, es den Thais gleichzutun.
Auf den Stufen des C.P. Towers in der Sala Daeng, die gegenüber der Patpong
Road zu den dort befindlichen Fastfood Restaurants hinaufführten, hatten sich
etwa eintausend Menschen versammelt. Die hier in beide Richtungen vierspurig
verlaufende Straße war wegen der Menschenmassen auf drei Fahrbahnen
reduziert. Bis auf wenige Ausnahmen trugen alle die gelben T-Shirts, die schon
seit Tagen das gesamte Stadtbild Bangkoks beherrschten. Mönche beteten vor
dem überdimensionalen Bild des Monarchen, priesen seine Wohltaten und
beteten für dessen Gesundheit. Ergriffen schloß ich mich der Menge an und
bekam selbstverständlich unverzüglich ein kleines Bündel Kerzen in die Hand
gedrückt. Obwohl ich kein einziges Wort von dem verstand, was dort gesagt
wurde, nahm mich die Atmosphäre innerlich sehr stark gefangen. Ich erfuhr
erstmalig am eigenen Leib, was Massenpsychose bedeutet und in den Menschen
auslösen kann. Als schließlich die thailändische Nationalhymne gesungen
wurde standen selbst mir die Tränen in den Augen. Ich hatte wieder einmal das
Glück gehabt, in einem fremden Land unter mir fremden Menschen einen
Moment zu erleben, den man im Leben nicht so schnell vergißt. Verschämt
wischte ich mir durch die Augen, konnte aber beruhigt feststellen, daß es vielen
der Menschen um mich herum nicht anders erging.
Am Abend fragte ein Redakteur des TV-Senders CNN aus Atlanta, was wohl
diesen König in einer doch so krisengeschüttelten Region (z.B. mit Myanmar
als Nachbarn) so beliebt machte. Er kam zu dem Schluß, dies sei wohl auf
dessen Uneigennützigkeit, sein Eintreten für die sozialen Bedürfnisse der
Bevölkerung, den Klimaschutz und sein vehementes Eintreten für die Einheit
des Landes zurückzuführen.
Nur einen Monat später, am 5. Januar 2008 hatte ich wiederum die einmalige
Gelegenheit, meine Gefühle, die ich in an jenem Abend des 5. Dezember
verspürt hatte, im thailändischen Fernsehen zu äußeren. Am 2. Januar war die
älteste Schwester des Königs, Her Royal Highness Princess Galyani Vadhana,
im Alter von 84 Jahren ihrem schweren Krebsleiden erlegen. Wegen ihres
sozialen Engagements für die Armen des Landes war sie beinahe ebenso
populär und im Volk beliebt, wie ihr Bruder der König.
Nina war gerade am Tag zuvor in Bangkok eingetroffen und auf unserer
Besichtigungstour schlenderten wir durch die Anlagen des Wat Phra Keo, als
ein Kamerateam des TV-Senders „Chanel Five“ uns ansprach. War es der
Umstand, daß Nina per Zufall ein schwarzes und ich ein weißes T-Shirt, die
Farben der Trauer, trug, eine junge Redakteurin bat uns jedenfalls um ein
kurzes Interview, das wir ihr auch bereitwillig gewährten. Vor laufender
Kamera fragte sie uns, ob uns bekannt sei, warum der Königspalast
augenblicklich für Touristen gesperrt und nur für Thailänder zugänglich sei,
und warum die Menschen in Schwarz und Weiß gekleidet seien?
Selbstverständlich war uns der Grund bekannt. Ich hatte sogar zuvor in der
BANGKOK POST gelesen, daß Königin Elisabeth II. von England in ihrem
Glückwunschschreiben anläßlich des Geburtstages des thailändischen
Monarchen die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß seine Schwester
baldmöglichst von ihrem Krebsleiden genesen werde. Ich berichtete der
Redakteurin auch von jenem denkwürdigen emotionalen Moment, den ich am
5. Dezember in der Sala Daeng unter den Menschen von Bangkok erleben
durfte, ein Augenblick, der mich davon überzeugt hatte, wie tief das
thailändische Königshaus in der Bevölkerung verwurzelt sei!
Als Nina und ich uns am selben Abend mit Hunderten, ja wenn nicht sogar
Tausenden weiterer Touristen durch die engen Gassen der Patpong drängelten
und uns auf die Vielzahl von Copywatches, T-Shirts, Handtaschen, oder
Feuerzeugen konzentrierten, sprach uns aus heiterem Himmel einer jener dort
befindlichen Verkäufer an „… oh, I know you from TV. You were in Chanel 5
TV today!“ Nina und ich schauten uns ungläubig an. Unter der Vielzahl der an
diesem Abend an ihm vorüberschlendernden Touristen hatte er uns tatsächlich
wiedererkannt, und das sogar, obwohl der gesendete Sendebeitrag nur wenige
Sekunden gedauert haben konnte. Dieser junge Mann mußte ein phänomenales
eidetisches Gedächtnis haben! Zugleich aber war uns die Tatsache, daß er uns
im Fernsehen gesehen hatte, Hinweis darauf, daß das Interview tatsächlich
ausgestrahlt worden war. Durch Vermittlung der BANGKOK POST und
meines Bangkok Bureau-Chiefs Nik bin ich inzwischen im Besitz einer DVDAufzeichnung dieses Interviews.
Doch zurück zu meinen ersten Tagen in der thailändischen Hauptstadt.
Neben den Sehenswürdigkeiten, die ich zusammen mit Nina nach deren
Eintreffen aufsuchen wollte, gehörte vor allem der Wat Arun zu jenen Plätzen,
die ich selbst bisher nur aus der Entfernung hatte wahrnehmen können. Die
Umrisse des 64 Meter hohen Prang vor der Kulisse der dunkelrot am
Abendhimmel untergehenden Sonne gehörten zu den Postkartenmotiven, die
weltweit immer wieder das Fernweh unzähliger Touristen hervorriefen. In
diesem Zusammenhang erwies sich erstmalig die Lage des Holiday Inn Silom
Bangkok als echter Vorzug: man bestieg bei der nur wenige Minuten entfernten
Anlagestelle 1 „Oriental“ eines der Boote des Chao Phraya Express Boat
Service, fuhr bis zum Anleger Nr. 8 „Tha Tien“ und nahm von dort aus für 20
Baht noch einmal die Fähre zur anderen Seite und schon war man am Ziel. Auf
ähnlichem Weg, lediglich mit unterschiedlichen Anlegestellen, war übrigens
später auch der Wat Phra Keo, der Königspalast, der Wat Pho und auch
Chinatown zu erreichen. Selbst die ausgedehnteren Klongfahrten starteten von
hier aus.
Auf dem Wat Arun führten vier steile Treppen auf einen hohen Sockel hinauf,
auf dem der zentrale Prang emporragte, der wiederum von vier kleinen
umgeben war. Sie symbolisierten den heiligen Berg Meru, das buddhistische
Universum. Besonders eindrucksvoll auch hier, wie die bunten chinesischen
Keramik- und Porzellanscherben das Licht reflektierten. Zudem genoß man von
hier oben aus einen phantastischen Blick auf die Silhouette von Bangkok:
flußaufwärts, Richtung Norden, auf das alte, historische Bangkok, flußabwärts
auf das moderne Bangkok mit seinen Hochhäusern, wie zum Beispiel dem
Millennium Hilton oder dem Peninsula Hotel direkt am Ufer des Flusses.
Am Abend des 3. Dezember meldete übrigens CNN, worüber schon zuvor in
Hong Kong die internationale Medienwelt spekuliert hatte: einer USGeheimdienststudie zufolge soll der Iran schon 2003 seine Nuklearrüstung
gestoppt haben. Während Israel dem Sender zufolge „is downplaying the
report“, beharrte das Weiße Haus auf seiner Einschätzung. Er würde ja auch
Präsident Bush in seinem Wunsch, Krieg gegen die Mullahs zu führen, den
Boden unter den Füßen entziehen!
Die sieben Tage in Bangkok vergingen schneller als gedacht und galten
eigentlich in erster Linie der eigenen Nachbereitung meines ersten Besuches in
der thailändischen Hauptstadt, zugleich aber auch der Vorbereitung für den
Besuch Ninas, die am 4. Januar in Bangkok eintreffen würde und deren
Aufenthalt in Thailand mit einem dreitägigen Auftakt in der Hauptstadt
beginnen sollte. Ich war inzwischen gut vorbereitet, hatte mir Notizen gemacht,
was ich ihr alles zeigen wollte und mir obendrein dazu auch ganz passable
Ortskenntnisse angeeignet.
Zumindest über ein Event möchte ich allerdings an dieser Stelle noch
berichten, wie es inzwischen fast schon zur Routine meiner
Auslandsaufenthalte geworden ist. In Bangkok lernte ich wiederum einen
jungen Künstler kennen, dessen Arbeiten mich faszinierten. Neung, mit
tatsächlichem Namen Panuwat Hoonbumrung, war ein 35-jähriger Künstler,
geboren in Samut Prakarn, einer kleinen Stadt außerhalb Bangkoks, der in 114/
5 Silom Soi 4 eine kleine Galerie mit Namen „Art At Play“ betrieb. Seine
Ausbildung hatte er als Produktdesigner gemacht und er war augenblicklich
dabei, neue Erfahrungen in der Bearbeitung von Metallen, hier vor allem mit
den unterschiedlichen Oxydationstechniken bei Kupfer und Messing zu
sammeln. Neben Hong Kong, Singapur und Thaipai hatte er vor fünf Jahren
erstmalig in den Niederlanden (Amsterdam) und Belgien, vor zwei Jahren in
Moskau ausgestellt. Mit seinen Arbeiten der Serie No. 5 (The 5 Series)18 wollte
er vor allem die Aufmerksamkeit auf die fünf bedeutenden Weltreligionen
Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus lenken und den
Einfluß deutlich machen, den diese auf unsere Lebensführung nahmen. Aber
auch mit seinen übrigen Werken wollte er die Betrachter in einen Dialog über
Politik, Religion und Kultur drängen:
„I believe that everything is an important part of our universe, that all that we
need is within ourselves, and that my work reflects that.”19
Es lohnt sich, Neung zumindest über seine Internetseite weiter im Auge zu
behalten.
Der Transfer nach Pattaya erfolgte dieses Mal mit einem Minibus über ein
ganz normales Reisebüro. Für nur 400 Bath wurde ich am Holiday Inn abgeholt
und bis auf den Hof der Metro gebracht. Der günstige Preis ergab sich aus der
Tatsache, daß insgesamt zehn Personen an den jeweiligen Hotels in Bangkok
aufgelesen und an ihren Unterkünften in Pattaya abgesetzt wurden.
In der Metro durfte ich tatsächlich dasselbe Zimmer 433 im 29 Stockwerk des
insgesamt 42 Etagen hohen Gebäudes beziehen. Mr. Lee, der Eigentümer des
Apartments, ließ es sich nicht nehmen, mich sogar persönlich zu begrüßen.
Aber damit erschöpften sich eigentlich auch schon die Annehmlichkeiten, die
noch vor neun Monaten Anlaß dafür gewesen waren, daß ich es kaum erwarten
konnte, wiederzukommen. Viel hatte sich in den zurückliegenden Monaten
verändert, Personal hatte gewechselt, Restaurants waren mittlerweile
geschlossen und selbst das Tennisspielen zweimal in der Woche gestaltete sich
zunehmend zu einem Problem. Für den gesamten Monat Dezember hatte das
„Royal Cliff“ sämtliche Tennisplätze von 15:00 bis 18:00 Uhr an Russen
vergeben, die hier offenbar mit einigen hoffnungsvollen Nachwuchstalenten ein
Intensivtraining betrieben. Tirra und Chokchai, meine beiden Trainer vom
letzten Urlaub, waren nicht mehr da, und Mr. Sod, mein treuer privater
Taxifahrer wollte für die Fahrt dorthin und die eineinhalb Stunden Wartezeit
statt der bisherigen 300 Bath auch plötzlich 100 Bath mehr haben. Lediglich der
Dongtan Beach und die ihn bevölkernden Gäste hatten sich kaum verändert.
Viele der Gesichter der „Farang“, aber auch der Einheimischen waren mir vom
letzten Mal geläufig. Auch wenn ich mich mit Bekanntschaften damals extrem
zurückgehalten hatte, stellte sich zumindest hier so etwas wie ein optisches
Wiedersehen ein. In Pattaya selbst hatte es so gut wie keine Veränderungen
gegeben, zumindest keine für mich sichtbaren, sieht man einmal von der
Tatsache ab, daß die Anzahl der russischen Touristen noch größer geworden zu
sein schien. Am Strand, in den Supermärkten, auf den Taxis zeichneten sie sich
vor allem durch ihre rüden Arbeiter- und Bauernmanieren aus, so daß sie weder
bei den Thais selbst, noch bei den übrigen Touristen besonders beliebt waren.
Aber auch ihre Devisen waren willkommen. Über den Rest sah man im Land
des Lächelns im wahrsten Sinne des Wortes „lächelnd“ hinweg.
Bei einem meiner sporadischen Blicke auf meine Email Seite stellte ich mit
Freuden fest, daß Jumlong, mein letztjähriger Masseur, mit dem ich über das
Internet in Kontakt geblieben war, auf meine Ankündigung, ab dem
7. Dezember wieder in Pattaya zu sein, reagiert hatte. Bereits im Sommer hatte
er mir entsetzt mitgeteilt, daß er am 1. November für zwei Jahre als
Wehrpflichtiger zur Armee eingezogen würde. Entsetzt deshalb, weil in
Thailand das Losverfahren darüber entscheidet, ob jemand eingezogen wird,
oder nicht. Er war fest davon ausgegangen, daß dieser Kelch an ihm
vorübergehen würde. Nun hatte es ihn doch erwischt. Obwohl also erst seit
einigen Tagen Soldat, war es ihm offenbar dennoch möglich, ein Treffen in
Pattaya zu verabreden.
Als wir uns einige Tage später beim Abendessen gegenübersaßen, war er kaum
wiederzuerkennen. Er war vollkommen abgemagert und seine Gesichtsfarbe
blaß. An die Stelle seines eigentlich sonst unbeschwert fröhlichen Lachens war
eine Ernsthaftigkeit getreten, die mich zutiefst erschreckte. Außerdem fiel mir
auf, daß er jeglichen direkten Augenkontakt vermied und statt dessen während
des Essens auf seinen Teller starrte oder über mich hinwegsah. Teilweise unter
Tränen berichtete er von seinen ersten Erfahrungen als Soldat. Dank seiner als
Masseur erlangten Erfahrungen war er zwar in ähnlicher Funktion in einem
Hospital eingesetzt, aber gleichwohl hatte auch er häufig genug allgemeine
Wachdienste zu absolvieren. Wenn einer aus der Gruppe dann einmal negativ
auffiel, so berichtete er mit stockender Stimme, würden alle anderen gleich
mitbestraft. Tagelang gäbe es dann nichts zu essen. Abends könnten sie dann
vor Hunger nicht einschlafen. Wenn sie der Schlaf dann doch überwältige,
würden sie nach kurzer Zeit vor lauter Hunger wieder aufwachen. In solchen
Situationen würden sie sich ausschließlich von Wasser ernähren. Das heutige
Abendessen sei seit längerem wieder das erste Mal, daß er etwas Ordentliches
zu essen bekäme.
Ich versuchte, ihn so gut es ging damit zu trösten, daß überall auf der Welt die
jungen Soldaten in den ersten Monaten ihrer Dienstzeit ähnliche Erfahrungen
machen müßten. Nicht nur die Umstellung auf die neuen Lebensumstände gelte
es, zu bewältigen, sondern auch die Tatsache, daß manche Vorgesetzte – je
nach Armee unterschiedlich – ihre Machtbefugnisse gegenüber den ihnen
anvertrauten Wehrpflichtigen zudem schamlos dazu ausnutzten, diese einem
wahren Martyrium auszusetzen. In den Armeen der Länder der Dritten Welt sei
dies besonders ausgeprägt, da es dort häufig genug an den rechtlichen
Grundlagen fehle, die die jungen Männer gegen die Willkür ihrer Vorgesetzten
schütze. Aber auch die älteren Kameraden, ebenfalls Wehrpflichtige, die kurz
vor der Entlassung stünden, entwickelten in einer Art Hackordnung eine interne
Hierarchie, in der die Neuzugänge einfach das Nachsehen hätten. Ich riet ihm
deshalb, sein Verhalten so einzurichten, daß er möglichst wenig auffallen und
ansonsten zusehen solle, seine verbleibende Zeit unbeschadet zu überstehen.
Schließlich, so mein Rat, solle er sich bemühen, eventuell auch von der Armee
zu profitieren. Wenn er schon in einem Hospital eingesetzt sei, könne er
vielleicht beruflich von der einen oder anderen Weiterbildungsmaßnahme
profitieren.
Abgesehen von der Tatsache, ihn wiederzusehen, war die einzig freudige
Überraschung, daß er mittlerweile sein Englisch erheblich verbessert hatte und
deshalb auch eine ordentliche Unterhaltung mit ihm möglich war. Als wir uns
voneinander verabschiedeten wurde seine Stimme erneut zittrig und er konnte
die Tränen kaum unterdrücken. Morgen werde er wieder in sein Heimatdorf
zurückkehren. Bevor er sich im Army-Camp melde, wolle er sich bei seiner
Familie die Kraft holen, die notwendig sei, um die Zeit bis zu seinem nächsten
Urlaub zu überstehen. Ich bot ihm an, wann immer er die Möglichkeit oder das
Bedürfnis dazu habe, mich über das Internet zu kontakten. Vielleicht könnte ich
ihm aus der Ferne über das eine oder andere interne Problem hinweghelfen oder
ihm sogar aus meinen eigenen Erfahrungen mit Militär den einen oder anderen
Rat geben. Als ich ihn abschließend an mich zog und ihm nachdrücklich ein
besorgtes „…take care, you promise me that?“ ins Ohr flüsterte, hoffte ich
unterschwellig, daß ihm diese Umarmung Kraft geben würde: da gibt es im
wahrsten Wortsinn „…weit entfernt von seinem eigenen Umfeld“ einen
„farang“, für den die Begegnung mit ihm nicht nur eine Sache des Augenblicks
gewesen war, sondern der sogar über Monate hinweg Kontakt zu ihm gehalten
hatte, sich jetzt mit ihm traf und der sich wirklich ernsthaft Sorgen um ihn
machte! Das mußte eine völlig neue Erfahrung für ihn sein. Ich wünschte mir in
diesem Augenblick, daß wir tatsächlich via Internet in Kontakt bleiben und im
Dezember 2009 bei einem weiteren Besuch in Pattaya seine glückliche
Entlassung aus der Armee feiern könnten. Ja, ich verhehle nicht, ich habe ihm
auch noch etwas Geld zugesteckt, das was er im Augenblick neben der
persönlichen Zuwendung durch seine Familie wohl am ehesten gebrauchen
konnte!
Die ersten Dezembertage verliefen eigentlich so, wie ich sie mir vorgestellt
hatte. Spätes Aufstehen, gemütliches Frühstück mit dem aus Deutschland
importierten und im Appartement selbst zubereiteten Filterkaffee, dabei
Nachrichten der Deutschen Welle „…mitten aus dem Herzen Europas“.
Anschließend die Morgentoilette und die ersten vorbereitenden Maßnahmen für
den obligatorischen Strandbesuch: MP-3 Player, Handtuch, Sonnenschutz,
Baseball-Cap, Badehose, Geld. Gegen Mittag Übergabe des Handtuches zur
rechtzeitigen Reservierung des Liegestuhls, gleichwohl zunächst Besuch im
Rabbit Resort zur Einnahme des besten Cappuccinos in der Stadt bei
gleichzeitiger Lektüre der BANGKOK POST und last but not least Belegung
des Liegestuhls:
„Good morning Pa, ice-box, water, tonicwater?“
„Yes please!“
Irgendwie gelang es mir sogar, jeglichen Sonnenbrand zu vermeiden, immerhin
hatte ich ja bis Ende Februar des nächsten Jahres Zeit und konnte es deshalb
langsam angehen lassen.
In der Surfschule am Jomtien Beach war großes Event angesagt. Vom 6. bis
15. Dezember wurden hier die Windsurf-Wettbewerbe der 24th Southeast Asian
Games (SEA Games) ausgetragen. Eigentlich sollten diese SEA Games in
diesem Jahr in Singapur stattfinden. Da sich aber das dortige Stadion bereits im
Umbaustadium für die 2010 dort stattfindenden Commonwealth Games befand,
war Thailand, das diese Spiele bereits zum sechsten Mal ausgetragen hatte,
kurzerhand eingesprungen. Die SEA Games gehen auf eine Initiative des
damaligen Vizepräsidenten des thailändischen olympischen Komitees, Luang
Sukhumnaipradit, zurück und wurden im Dezember 1959 noch unter dem
Namen Southeast Asian Peninsular Games (SEAP Games) erstmalig in der
thailändischen Hauptstadt Bangkok ausgetragen. Heute treffen sich alle zwei
Jahre zwischen anderen internationalen Wettbewerben wie z.B. den Asian
Games oder den Olypischen Spielen, Sportler aus Brunei, Kambodscha,
Indonesien, Laos, Malaysia, Mianmar, den Philippinen, Singapur, Thailand,
Ost-Timor und Vietnam, um sich in insgesamt 45 Sportarten zu messen.
Thailand hatte der Ausrichtung in 2007 um so freudiger zugestimmt, da das
Datum zusammenfiel mit den Geburtstagsfeierlichkeiten für König Bumiphol.
Während die leichtathletischen Wettbewerbe in der Provinzhauptstadt Nakhon
Ratchasima (gemeinhin bekannt unter Khorat), nordöstlich von Bangkok,
ausgetragen wurden, fanden die Surfwettbewerbe vor dem Jomtien-Beach statt.
Freitag, der 21. Dezember 2007, war ein ganz besonderer Tag, nämlich jener,
an dem Nik in mein sonst so geordnetes Leben in Pattaya trat und der neben
dem zu erwarteten Nina-Besuch durch seinen Auftritt meinem dortigen Dasein
etwas mehr Farbe verlieh!
An diesem Tag fiel mir am Dongtan Beach ein junger Mann auf, der an seinem
fast kahlgeschorenen Schädel lediglich an seinem Hinterkopf in einem Kreis
von circa 5 Zentimetern Durchmesser eine Stelle unrasiert gelassen hatte, wo er
ein Bündel circa 8 Zentimeter langer, gelb gefärbter Haare wie zu einem
kleinen hochstehenden Pinsel zusammengebunden hatte. Der Clou allerdings
und der Grund, warum ich ihn letztlich ansprach, war der Umstand, daß er,
wenn er ein kühles Bad in den Wellen nahm, seinen Mini-I-Pod an eben dieses
hochstehende Bündel Haare klemmte und ansonsten mit beiden Earstickers in
den Ohren munter drauflosschwamm. Das ganze sah so aberwitzig aus, daß ich
das unbedingt im Bild festhalten mußte. Vielleicht ließ sich mit einer
entsprechenden Aufnahme damit in der Werbeabteilung von Apple sogar etwas
Geld machen. Nik, so der Name des jungen Mannes, war nur für ein paar Tage
aus Bangkok nach Pattaya gekommen. Er erklärte sich sofort bereit, mir am
nächsten Tag für ein paar entsprechende Aufnahmen zur Verfügung zu stehen.
Aus diesem Kontakt entwickelte sich im Laufe der folgenden Tage eine
Freundschaft, der ich nicht nur die Kopie meines Interviews für das
thailändische Fernsehen verdanke, sondern die für Nina und mich zugleich auch
eine Einführung in die Tiefen des Bangkoker Nachtlebens bedeutete. Diese
Verbindung hält bis heute an und wird wohl auch über den Aufenthalt in
Thailand hinaus Bestand haben. Der Zufall wollte es, daß er ausgerechnet an
jenem Tag nach Bangkok zurück mußte, an dem ich Nina vom Flughafen
abholen wollte. Es war deshalb naheliegend, daß wir zusammen in einem Taxi
in die Hauptstadt fuhren, und als ich ihm vorschlug, mich zum Flughafen zu
begleiten und anschließend unseren Transfer in die Innenstadt zum Holiday Inn
zu nutzen, um sich selbst anschließend nach Hause bringen zu lassen, war er
auch damit einverstanden.
Zu einem denkwürdigen Datum geriet auch der 23. Dezember 2007. An
diesem Tag wählten die Thailänder ihr neues Parlament. Die Peoples Power
Party (PPP) mit ihrem Führer Samak Sundaravej als Spitzenkandidat gewann
dabei erwartungsgemäß die Mehrheit. Daß sich für diese Partei mit dem
Milliardär Thaksin Shinawatra, ausgerechnet auch eben jener ehemalige
Ministerpräsident Thailands als einfacher Parlamentsabgeordneter hatte
aufstellen lassen, gegen den am 19. September 2006 das Militär geputsch hatte,
und der sich seit diesem Tag in England im Exil aufhielt, gehört zu jenen
Dingen der Weltgeschichte, die sich einem im Land aufhaltenden interessierten
Ausländer nur schwer erschließen. Tatsache ist auf jeden Fall, daß die
überwiegende Mehrheit der Thailänder nichts sehnlicher erwartete, als dessen
Rückkehr auf die politische Bühne. „Was sind die Bestechungsvorwürfe im
Vergleich zu den Leistungen, die er für sein Land erbracht hat...?“ war die
beinahe einhellige Auffassung der Menschen auf der Straße.
Am Donnerstag, den 28. Februar 2008, kehrte Thaksin aus dem Exil nach
Thailand zurück, um sich den gegen ihn erhobenen Korruptionsvorwürfen zu
stellen:
„Er wurde kurz nach seiner Ankunft auf dem Bangkoker Flughafen von der
Polizei verhaftet und zum Obersten Gericht gebracht. Gegen eine Kaution von
acht Millionen Baht (177.000 Euro) wurde er auf freien Fuß gesetzt. Die erste
Anhörung in seinem Fall ist am 12. März, wie ein Gerichtssprecher mitteilte.
Thaksin, der von 2001 bis 2006 regierte, wurde auf dem Flughafen von
mehreren tausend Anhängern begrüßt. Der 58-jährige Milliardär hatte Tränen in
den Augen, als er aus dem VIP-Raum heraustrat. Er kniete nieder und berührte
den Boden mit der Stirn. Er war von Hong Kong mit einer Maschine der
Fluggesellschaft Thai Airways nach Bangkok geflogen.“20
Mit Ninas Eintreffen in Bangkok am 4. Januar 2008 sollten drei Wochen
Thailand beginnen, wie ich sie mir im Nachgang eigentlich nicht schöner,
abwechslungsreicher und fröhlicher hätte vorstellen können. Mit jedem Tag,
den ihre Ankunft näherrückte, waren zwar zuletzt meine Bedenken immer
größer geworden, ob ich mich mit meinem Angebot nicht doch etwas zu weit
zum Fenster hinausgelehnt hatte, denn schließlich sagt es sich sehr leicht daher
„…ich habe in Pattaya ein Bett für dich frei“, ohne sich jedoch von Anfang an
konkreter über die Konsequenzen im klaren zu sein. Die rückten meist erst dann
ins Blickfeld, wenn der Besuch unmittelbar bevorstand. Und die türmten sich in
meiner Vorstellung tatsächlich plötzlich zu solch einem Haufen auf, daß ich
sogar schon damit begann, meine Freunde in der „Metro“ mit meinen
Befürchtungen zu langweilen. Aber, wie so oft im Leben, kam letztlich alles
ganz anders.
Ninas Besuch hatte ich für uns unter die Devise gestellt „…alles kann, nichts
muß!“ und ihr dazu gleich zu Beginn geraten, wenn ihr irgend etwas nicht
passe, dies lauthals zu verkünden. Diese Aufforderung sollte sich ebenso an das
von
mir
vorgesehene
Besuchsprogramm,
als
auch
auf
die
zwischenmenschlichen Beziehungen beziehen. Mein Wunsch sei es, ihr zu
einem unvergeßlichen Urlaub zu verhelfen. Dies sei aber nur dann realisierbar,
wenn wir ganz offen miteinander umgingen.
Ich weiß nicht, wie diese gleich zu Anfang ihres Besuches aufgestellten
Verhaltensregeln auf sie gewirkt haben mögen, aber schon während der ersten
drei Tage in Bangkok war mir klar, daß sie eigentlich vollkommen überflüssig
gewesen waren. Dies wurde mir besonders am zweiten Tag deutlich, als Nina
mich auf dem Weg zur Fähre des Chao Phraya in aller Öffentlichkeit in den
Arm nahm, mich herzhaft drückte und sich gleichzeitig dafür bedankte, daß wir
gemeinsam so schöne Stunden verbringen durften. Das tut kaum jemand, der
sich unwohl oder durch ein zu umfangreiches Programm gestreßt fühlt. Ich
bedankte mich artig für dieses Kompliment, wies Nina aber zugleich darauf hin,
daß diese Aktion in Dubai wohl unsere gemeinsame Verhaftung zur Folge
gehabt hätte. Dort ist nämlich der Austausch solcher „Zärtlichkeiten“ in der
Öffentlichkeit strengstens untersagt.
Das Besuchsprogramm „Bangkok“ sah für den ersten Tag die Besichtigung
des Wat Arun vor. Der zweite Tag sollte nach einem ausgedehnten Frühstück
mit einer anschließenden eineinhalbstündigen Klongfahrt beginnen, der am
Nachmittag ein Besuch des Wat Phra Keo (einschließlich Emerald Buddha) und
des Königspalastes folgen sollte. Am dritten Tag galt es, den Wat Phra
Chetuphon (den liegenden Buddha) in Augenschein zu nehmen, um schließlich
von dort aus über den Anleger Nr. 5 „Rachawongse“ einen Gang durch
Chinatown zu machen. Sowohl am Abend des zweiten, als auch des dritten
Tages war fakultativ der Copy-Market der Patpong vorgesehen. Für den dritten
Abend hatte ich Nik gebeten, uns ein wenig in das Nachtleben von Bangkok
einzuführen. Tatsächlich lief unsere Sightseeing-Tour durch die thailändische
Hauptstadt wie geplant ab, ausgenommen der Tatsache, daß der Königspalast
wegen des Todes von Princess Galyani Vadhana (s.o.) für Ausländer gesperrt
war. Dessen Zugang war für absehbare Zeit nur Thailändern vorbehalten, die in
Massen herbeiströmten, um auf diese Weise ihre Trauer und ihr Mitgefühl mit
dem Königshaus auszudrücken.
Wie gelöst und unkompliziert sich inzwischen das Verhalten zwischen Nina
und mir gestaltete, mag man an jener kleinen eigentlich alltäglichen
Begebenheit ersehen, die uns beiden anschließend jedoch vor Lachen die
Tränen in die Augen trieb. Am Abend des zweiten Besuchstags stärkten wir uns
vor unserem ersten Gang durch die engen Gassen der Patpong mit Fastfood von
McDonald. Nina war mit ihrem durch und durch weichen Cheesburger gar nicht
zufrieden und machte ihrem Unmut durch die kritisch lapidare Bemerkung
Luft:
„Der ist untenrum so instabiehl!
… mit iehl, so hab’ ich’s gesagt!“
Nicht nur Ninas juristisch geschulte, gestochen kluge, scharfe und deutliche
Ausdrucksweise für einen eigentlich banalen Zustand, sondern vor allem auch
deren zweideutige Anwendbarkeit auf andere Sachverhalte trieb uns beiden
anschließend vor Lachen die Tränen in die Augen.
Die von meinem „Bangkok-Bureau-Chief“ Nik vorgenommene Einführung in
das Nachtleben von Thailands Hauptstadt beschränkte sich auf einen Gang
durch das Amüsierviertel und einen Besuch der Diskothek „DJ-Station“, der
offenbar auch unter Heteros angesagten Schwulendisco von Bangkok,
praktischerweise nur ein paar Häuser entfernt von der Patpong. Nach einer
halbstündigen Travestie-Vorstellung zu mitternächtlicher Stunde wurde uns
allerdings die Musik etwas zu laut auf den Ohren, so daß wir mit Rücksicht auf
den am nächsten Morgen bevorstehenden Transfer nach Pattaya die Nacht hier
beendeten.
Das Appartement in der Metro fand Ninas uneingeschränkte Zustimmung.
Als wir wegen der frühen Mittagsstunde jedoch noch zum Dongtan Beach
wechselten und Nina erstmalig unter einem der dortigen Sonnenschirme in
einem Liegestuhl lag, verschlechterte sich ihre Stimmung zunehmend, so daß
ich es zunächst vorzog, sie für eine Weile nicht anzusprechen. Gemäß meiner
Aufforderung, sich bei Mißfallen einer Sache nicht zurückzuhalten, machte sie
aber schon bald ihrem Unmut Luft. Vor allem war es die Enttäuschung über den
Strand, die erheblich auf ihre Stimmung drückte. Bilder von den Traumstränden
von Aruba und Maui, früherer gemeinsamer Ziele, kamen ins Spiel. Mit denen
konnte Pattaya selbstverständlich nicht mithalten.
Pattaya gehörte tatsächlich keinesfalls in die Kategorie der Traumstrände dieser
Welt. Seine Strände waren nicht einmal zweit- oder drittklassig! Selbst die
Wasserqualität veranlaßte mich, meiner Enttäuschung durch einen Beitrag in
der zweimal im Monat erscheinenden deutschen Zeitung „DER FARANG.
[Ausländer, Anm. d. Verf.] Zeitung für Urlauber und Residenten in Thailand“,
Luft zu machen. Unter der Überschrift „Ist die Wasserqualität an Pattayas
Stränden gesundheitsgefährdent“ schrieb ich:
„Seit geraumer Zeit gehöre ich zu jener Spezies von Urlaubern, die es aufgrund
der frostigen Temperaturen in der Heimat an jene Strände der Welt zieht, wo
einem die Sonne wieder einmal so richtig auf den Bauch scheint, und man sich
Abkühlung nur durch ein erfrischendes Bad in den kühlen Wassern der
jeweiligen Meere holen kann. In diesem Jahr fiel meine Wahl auf Pattaya.
Seit einigen Tagen zweifle ich allerdings, ob meine Wahl für den Jomtien Beach
die richtige war und ob das erfrischende Bad tatsächlich so erfrischend ist, wie
ich es mir immer noch einrede.
Offenbar je nach Windrichtung und anderen, nicht auf den ersten Blick
ersichtlichen, Umwelt- und Witterungseinflüssen ist das Wasser am Jomtien- und
Dongtan Beach bisweilen so eine trübe Brühe, daß man schon nach einem
halben Meter Wassertiefe kaum noch die eigene Hand sehen kann. Auch was da
so ab und zu in den mal leichteren, mal höheren Wellen an das Ufer gespült
wird, sieht alles andere als appetitlich aus.
Ganz besonders kritisch schien mir die Lage jedoch am Montag, den 21. Januar
zu sein. An diesem Tag war das ohnehin schon kaum sauber zu nennende Wasser
zusätzlich durchsetzt von unzähligen kleinen schwarzen Partikelchen, die ich auf
den ersten, ungeübten Blick als Öl oder Teer identifizieren würde. Eines dieser
Teilchen habe ich aufgefischt und mitgenommen. Auf das kühle Bad im Wasser
habe ich an diesem Tag vorsichtshalber verzichtet. Bei der anschließenden
Fußmassage fragte mich der erstaunte Masseur nach den braunen Flecken, die
ich an den Fußsohlen hatte, und auf der Taxifahrt nach Hause konnte ich
beobachten, wie andere Urlauber am Jomtien Beach gegenseitig ihre schwarzen
Fußsohlen begutachteten. Dem dieserart aufmerksam gewordenen Besucher
konnte am darauf folgenden Tag der leichte Ölfilm auf dem Wasser nicht
entgehen!
Aus diesen Beobachtungen ergeben sich doch einige Fragen:
Wer überprüft eigentlich die Sauberkeit und damit auch Unbedenklichkeit des
Wassers an den unterschiedlichen Stränden Pattayas? In welchen Abständen
finden diese Überprüfungen statt? Werden die Überprüfungen - wenn sie denn
stattfinden - von unabhängigen Prüfern durchgeführt? Bei welcher
unabhängigen Stelle kann ich meine dem Wasser entnommene Probe überprüfen
lassen?
Ich möchte ja den vielen fliegenden Händlern an den Stränden Pattayas nicht
das Geschäft verderben, aber sollte hier eine Gefährdung der Gesundheit der
Urlauber durch eine zu lasch oder gar nicht durchgeführte Überprüfung des
Badewassers zugrunde liegen, hört bei mir der Spaß auf. Ich würde mich gerne
wieder unbekümmert in die nassen Fluten stürzen.“21
Nein, Pattayas Qualitäten lagen eindeutig auf anderem Gebiet, da waren die
Strände eigentlich völlige Nebensache! Pattayas Stärke wurde in einem
Leserbrief der englischsprachigen BANGKOK POST gerade erst so
beschrieben:
„Pattayas current reputation is still based on tourism, easy prostitution,
corruption and beer bars.“22
Genau deshalb kamen die dickbäuchigen, Goldkettchen behängten und
Ringerhemd tragenden „Farangs“ aus aller Welt nach Pattaya. Eben das war das
Image, das der Badeort zwei Autostunden südlich von Bangkok heute weltweit
innehatte und das einem brutal ins Gesicht schlug, weil man eben nicht durch
die Weitläufigkeit von schneeweißen Sandstränden oder azurblauem,
kristallklarem Wasser anderweitig abgelenkt wurde. Im Gegenteil, die eng
nebeneinander aufgestellten Liegestühle unter einem den Himmel
verdunkelnden Dach aus übereinandergeschachtelten Sonnenschirmen mußten
zwangsläufig auf den sonnenhungrigen Newcomer aus dem kalten Europa einen
extrem erdrückenden und düstren Eindruck machen. Es dauerte allerdings keine
zwei Tage, und Nina hatte sich mit den äußeren, nicht abänderbaren
Rahmenbedingungen dergestalt arrangiert, daß sie ihren Liegestuhl entweder in
die Sonne zerrte oder zur Bräunung des Rückens einen Strandabschnitt
aufsuchte, auf dem man sich auf einem Handtuch auch auf den Bauch legen
konnte. Zu meiner großen Erleichterung schien sie von Tag zu Tag mehr
Gefallen an der Location zu finden. Da war zunächst die Erkenntnis, daß alle
Strände hinsichtlich der Liegestühle und Sonnenschirme gleichermaßen
aufgebaut waren, und schließlich auch, daß der Strand des Dongtan Beach im
direkten Vergleich zu den übrigen Strandabschnitten noch vergleichbar breit
war und zudem in seinem Rücken kein Autoverkehr stattfand. Insgesamt wurde
es Nina und mir also nicht langweilig. Trotz des erheblichen
Altersunterschiedes verstanden wir uns prächtig. Alle zuvor geäußerten
Befürchtungen waren in kürzester Zeit hinfällig. Und ich sage es jetzt schon an
dieser Stelle: als ich schließlich nach Ihrem Rückflug nach Düsseldorf allein am
Dongtan Beach saß und auf das Meer hinausschaute überkam mich eine große
innere Leere, und ich merkte, wie mir ein paar Tränen die Augen füllten. Nina
begann, mir zu fehlen!
Aber, so weit war es ja gottlob noch nicht. Zunächst standen in Pattaya noch
einige gemeinsame Ausflüge auf dem Programm.
Da war zum Beispiel am 9. Januar der Tagesausflug nach Ko Samet, einer
kleinen Insel, circa 2 Auto-Stunden südlich von Pattaya. Mit einem Minibus, in
dem neben Klaus, dem deutschen Reiseleiter, und dem thailändischen Fahrer,
neun Personen Platz fanden, ging es über den Sukhumvit Highway (3), der über
die Provinzstädte Rayong und Chantaburi bis zur kambodschanischen Grenze
führte, zum kleinen Fischerort Ban Phe. Mit einer Fähre wurde anschließend
auf die 6 Kilometer lange, sich nach Süden erstreckende Insel, die zugleich
Hauptinsel eines Marine National Parks war, übergesetzt. Hier fanden wir
schließlich das, was wir in Pattaya so schmerzlich vermißten: einen weißen,
feinen Sandstrand und kristallklares Wasser! Da die gesamte Insel Nationalpark
war, hielt sich auch der Tourismus in überschaubaren Grenzen. Die kleinen
Hotels und Restaurants direkt am Strand duckten sich unter die hohen Palmen
und paßten sich auf diese Weise den lokalen Gegebenheiten an. Als wir bei
Ankunft gegen 09.00 Uhr morgens unsere Liegestühle belegten, war der breite
Strand noch fast menschenleer, Grund genug für Nina und mich, ausgerüstet
mit meiner Digitalkamera, einen ausgedehnten Spaziergang zu machen. Dabei
entstanden ganz nebenbei ein paar wunderschöne Strandaufnahmen meiner
bildhübschen Begleiterin!
Die Erzählungen über Ko Samet wären allerdings unvollständig, wenn ich nicht
auch „Mad Max“ erwähnte. Er war einer der neun Teilnehmer unserer kleinen
Reisegruppe und fiel zum einen durch seinen immensen Körperumfang, vor
allem aber auch durch sein „Outfit“ auf. Über einem schwarzen, kurzärmeligen
T-Shirt, von dem auf der Bauchseite ein Tiger sein Gebiß in die Gegend
fletschte, trug er eine schmuddelige ärmellose schwarze Lederweste, die über
und über mit den unterschiedlichsten Buttons bestickt war. Seinen
umfangreichen Oberkörper zierte zudem sein über diese Weste gelegtes
„Geschmeide“ (O-Ton Nina), bestehend aus den verschiedensten längeren und
kürzeren Ketten aus buntbemaltem Holz (oder Plastik) sowie die
entsprechenden, dazu passenden Reifen, die er sich hoch auf die Oberarme
geschoben hatte. Aus der schwarzen West hing hintenherum eine in der Mitte
nach unten spitz zulaufende, ebenfalls bemalte Decke (aus Leder?), die nicht
nur sein ausladendes Hinterteil verbarg, sondern auch bei jedem Schritt um
seine Beine schwappte. Logisch, daß er einen langen Bart trug und ein ebenso
langer Zopf in seinem Nacken hing. Klou des ganzen war jedoch, daß er sein
„Geschmeide“ auch nicht ablegte, wenn er für eine Erfrischung ins Wasser
stieg. Mad Max war zweifelsohne ein Original, der keinerlei Komplexe hatte,
alle ansprach und nach eigenen Aussagen einmal Koch gewesen und
inzwischen Fernfahrer sei! Sein Nickerchen mit offenem Munde im Liegestuhl,
den er mehr als voll ausfüllte und der seinem Gewicht überraschend problemlos
standhielt, nutzten alle Mitreisenden für ein unbemerktes Foto dieses
Phänomens!
Die Begeisterung über den Tagesausflug auf die Insel Ko Si Chang am
15. Januar, hielt sich dagegen sowohl bei Nina, als auch bei mir in Grenzen.
Weder der Besuch des Marine-Aqariums in Bang Saen, 45 Autominuten
nördlich von Pattaya, noch die Tempelanlage des Wat Sen Suk, oder die
Fütterung der Affen auf dem Affenberg konnte uns zu einem müden Lächeln
bewegen. Daran konnte auch der Fischerhafen Siracha mit seinen
Seeschildkröten oder die Insel selbst etwas ändern. Grund genug also, nicht
weiter darauf einzugehen. Wir waren uns beide einige: ein Tag Sonne pur am
vertrauten Dongtan Beach wäre uns lieber gewesen.
Schon ganz anders kam die ganztägige Angel- und Badetour zur Insel Ko
Sak an, die immer wieder gerne genommen wurde. Sie bot zudem ein
Wiedersehen mit „Mad Max“ und seiner „Perle“. Mit von der Partie waren
übrigens auch, wie auch schon bei der Tour nach Ko Si Chang, Uschi und
Reiner, zwei liebenswerte Menschen aus Flensburg, die ich schon im
vergangenen Jahr in der Metro kennen gelernt, und mit denen ich mich wegen
ihrer wohltuend freundlichen und unkomplizierten Art angefreundet hatte. Sie
kamen schon seit zehn Jahren nach Pattaya und, um es gleich an dieser Stelle
einzuschieben, wir haben uns auch für das nächste Jahr schon wieder
miteinander verabredet. Pünktlich um 09.00 Uhr stachen wir dazu von Pattaya
aus in See. Nach nur 45 Minuten Bootsfahrt erfolgte der erste Angelstopp. Da
selbst Nina schon bald ihren ersten (aber auch letzten Fisch) an der Angeln zu
zappeln hatte, geriet dieser Ausflug selbstredend zu einem der Höhepunkte ihrer
Südostasien Reise. Die Größe des bedauerlichen Objekts veranlaßte mich
allerdings zu der laut vernehmbaren Bemerkung „... Nina, ich hab Dir doch
gesagt, Du sollst Dir einen Millionär Angeln, und nicht so einen kleinen Fisch!“
Gegen 11.30 Uhr stand die Weiterfahrt zur Badebucht an. Die von den HobbyAnglern mühsamst gefangenen Fische wurden von der Ehefrau des
Schiffskapitäns natürlich in einem Wok fachgerecht für das Mittagessen
zubereitet und gegen 16.00 Uhr beendeten wir den „...interessanten und
erholsamen Ausflug“.
Daß uns der interessanteste Teil des Ausflugs allerdings noch bevorstand,
konnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen. Wegen der schon den ganzen
Tag vorherrschenden stürmischen Böen und der damit einhergehenden hohen
Wellen konnte der Bootsführer des kleinen Beibootes, das uns wieder an Land
setzen sollte, dieses nicht so im Wind halten, daß ein geordnetes Verlassen über
den Bug möglich gewesen wäre. Aus Furcht darüber, daß das schmale Schiff
quer zu den Wellen und zum Ufer sogar kentern könnte, veranlaßte einige der
Passagiere zu solch einem hektischen Ausbooten, daß sie dabei plötzlich bis zu
den Hüften im Wasser standen! Selbst Mad Max, den ansonsten nichts aus der
Ruhe bringen konnte, ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, der Bootsführer
solle sich gefälligst sein Lehrgeld zurückgeben lassen!
Unter dem Motto „Frauen und Kinder zuerst“ war ich der letzte, der von Bord
ging ... übrigens völlig unbeschadet und trockenen Fußes!
Die letzte gemeinsame Initiative galt Pattaya selbst und dem Sanctuary of
Truth. Mit Mr. Sod als treuem Taxifahrer fuhren wir zunächst auf den Khao Pra
Tamnak, der kleinen Erhebung zwischen Pattaya und Jomtien, wo ein
überdimensionierter Goldbhudda weithin sichtbar über der Stadt thronte, und
anschließend wechselten wir hinüber zum View Point, von dem aus man einen
phänomenalen Überblick über den Pattaya Beach hatte. Weit in der Ferne war
sogar das Sancturay of Truth auszumachen.
Der View Point war zugleich auch eine Gedenkstätte für Admiral Krom Luang
Jumborn Khet Udomsakdi, der im Land als H.R.H. Prince Abhakara
Kiatiwongse aufgewachsen war. 1880 wurde der Prinz als 28. Kind des
damaligen Königs Rama V. in Bangkok geboren. Als erster Prinz des
thailändischen Königshauses wurde er sechs Jahr lang in der Royal Navy
Englands ausgebildet. Er ist besonders durch seinen Beitrag zur Entwicklung
der thailändischen Marine bekannt geworden, weshalb er heute immer noch bei
allen Marineoffizieren als „The Father of the Royal Thai Navy“ gilt.
Das Sanctuary of Truth schien bei Nina nicht die gleiche Begeisterung
hervorzurufen, wie bei mir, als ich dieses Monument im vergangen Jahr zum
ersten Mal sah. Jetzt, bei meinem zweiten Besuch, nahm ich mir sogar etwas
mehr Zeit, die Hinweistafel genauer zu studieren, die einige
Zusatzinformationen zur Symbolik des erst in den achtziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts begonnen Gebäudes lieferte. So stand dort zu lesen:
„From the cold war era until today, the world has been under the influence of
western civilization, accentuated by materialism and devotion to advanced
technology. Many natural areas have been degraded, and men have drifted away
from their old values in such a way that morality and spiritual contentment have
become irrelevant to many people. Their attempts to control nature have
transformed many people into egoistical individuals who are out to destroy one
another through incessant [unablässige] wars and economic plundering. Most
are after only happiness in this life, and believing that there is no life after this.
This Sanctuary of Truth was conceived out of the vision that human civilization
has been achieved and nurtured by religious and philosophical truth.
This sanctuary was created not from hubris but from goodness drawn from
religion, philosophy and art.
Men cannot be born and exist without seven creators. The Sanctuary of Truth
presents seven creators through carved wood sculptures which adorn
[schmücken; verzieren] its interior. They are: Heaven, Earth, Father, Mother,
Moon, Sun, and Stars.
On top of the four spires [Turmspitze] of the sanctuary, the four elements that
will lead to the ideal world according to eastern philosophy are presented:
• A wood sculpture of a celestical body (Deva) holding a lotus flower symbolizing
establishment of religion, the pillar of the world
• A wood sculpture of a celestical body holding a child and leading an eldely
person symbolizing life bestowed upon [verleihen] human beeing
• A wood sculpture of a celestical body holding a book symbolizing the
continuation of immortal philosophy
• A wood sculpture of a celestical body with a pigeon perching [to perch: sich
niederlassen auf] on his hand symbolizing peace.
On top of the tallest, central spire is Kalaki mounting a horse, the symbol of Phra
Sri Ariyametrai. Phra Sri Ariyametrai is the last Bodhisatava to achieve
enlightenment in the world and become the fifth Buddha in the Bhadhra Era, the
present era.
This place is a sanctuary where people can gather to recognize the seven
creators an the four elements that will lead to the ideal world whether for each
individual or the whole world.
The steps that mankind must go through to reach such an ideal world include the
war between the good and evil. The creator of the art work presented here
portrays this through wood carvings depicting the stories from two great epics,
Mahabharata and Ramayana. The stories are meant to help fight against
personal desires and lust, and to extinguish them.“
Mich sprachen diese Sätze an. Angesichts unserer schnellebigen Zeit lohnte
es sich tatsächlich, innezuhalten und einmal intensiver darüber nachzudenken!
Zwei weitere Vorhaben, ein Besuch des Nong Nooch Tropical Botanic
Gardens und einer Travestie-Show in dem berühmten „Alcazar“ von Pattaya
wurden auf Ninas Wunsch hin zugunsten des Dangton Beach verworfen. Die
letzte Woche wollte sie einfach nur am Strand abhängen, bevor sie nach
Rückkehr nach Deutschland ihr Praktikum bei einer Lübecker Rechtsanwältin
antreten mußte, eine Maßnahme, die mir selbst sehr entgegenkam.
Am 25. Januar schließlich saßen Nina und ich im „Taxi-Meter“, das uns zum
Flughafen Bangkok bringen sollte. Ursprünglich hatte ich zwar einmal
angedacht, sie allein die Rückreise antreten zu lassen, aber letztlich hatte ich
Nik gebeten, ebenfalls zum Flughafen zu kommen, um Nina dort mit „großem
Bahnhof“ zu verabschieden. Außerdem wollte ich selber zwei weitere Tage in
der Hauptstadt verbringen. Diese letzte Entscheidung stellte sich gottlob als
goldrichtig heraus, denn auf dem Weg zum Suvanabhumi-Aiport verfuhr sich
der Fahrer in Bangkok dermaßen, daß ich, sehr zum Erstaunen von Nina, sogar
unkontrolliert laut wurde. Es konnte doch nicht sein, daß ich dem Fahrer zu
sagen hatte, welchen Weg er zu nehmen hatte! Bei der Vorstellung, daß Nina
dieses Problem mit dem kaum englisch sprechenden Fahrer hätte allein lösen
müssen, streuben sich mir heute noch die Nackenhaare.
Nik erschien pünktlich wie verabredet, und als Nina hinter den
Milchglasscheiben der Paßkontrolle verschwand, endete auch meine
Verantwortung für sie. Zugleich gingen damit aber auch drei Wochen zu Ende,
die zu dem Schönsten, Fröhlichsten und Unbeschwertesten gehörten, was ich in
den letzten Jahren erlebt hatte.
Danke Nina!
Zurück im Liegestuhl am Dongtan Beach war zunächst einmal nur
Entspannung angesagt. Nach nunmehr zwei Monaten vor Ort nahm ich
gegenüber den übrigen Touristen quasi die Rolle des „Elder Tourist“ ein. Wann
immer ich am Strand erschien, mein Liegestuhl war für mich reserviert! Mit den
von Num verabreichten Fußreflexzonenmassagen, den von Tik zubereiteten
Banana-Shakes, und Enrique Iglesias‘ schmalzig schönem Song „Do you
know“ auf den Ohren ließ ich es mir gut gehen. Jeden Tag durfte ich dabei
erneut feststellen, wie anstrengend auch Nichtstun sein kann. Die ursprünglich
ins Auge gefaßten Exkursionen nach Angkor Wat ins benachbarte
Kambodscha, nach Saigon oder sogar ins vorolympische Peking wurden
kurzerhand auf das nächste Jahr und auf das nacholympische Peking
verschoben, denn eines war klar: auch ohne diese Vorhaben würde mir der noch
bevorstehende komplette Monat Februar nicht langweilig werden.
Nik hatte ich für seine Bemühungen, Nina und mir das nächtliche Bangkok
etwas näher zu bringen, angeboten, mich für ein paar Tage in Pattaya zu
besuchen und das Bett von Nina zu übernehmen. Ob er von den Angebot
Gebrauch machen würde, blieb abzuwarten. Auch das Tennisspielen wurde
zweimal in der Woche wieder zur lieben Gewohnheit. Nur in einem Punkt gab
es schon bald eine unangenehme Veränderung: das Wetter! Statt des
strahlenden Sonnescheins stellte sich für ein paar Tage Regen ein, völlig
untypisch für diese Jahreszeit.
Am 20. Februar kündigte Nik sein Erscheinen in Pattaya an. Seine Planung
sah vor, mich von dort aus am 28. Februar zum Flughafen zu begleiten, um
anschließend in der Hauptstadt wieder seinem Beruf als Friseur nachzugehen.
Ich war einverstanden.
Obwohl wir anschließend zwar das Zimmer teilten, führte er dennoch ein relativ
selbständiges Eigenleben. So traf er sich regelmäßig gegen 16.00 Uhr im
Pattaya City Public Park (in the mountains, wie er es nannte) mit einigen
Gleichgesinnten zum Volleyball, von dem er erst gegen 20:00 oder 21:00 Uhr
zurückkehrte. Auf dem Weg zum Tennis im benachbarten Royal Cliff nutzte
ich an einem Tag die Gelegenheit, ihm dabei zuzuschauen.
Der Platz, den sich die Jungs für ihr regelmäßig am späten Nachmittag
stattfindendes Spiel ausgesucht hatten, bot die denkbar schlechtesten
Voraussetzungen, obwohl es am Jomtien Beach Stellen gab, die dafür eigentlich
optimal geeignet gewesen wären. Der Boden bestand aus Verbundsteinpflaster,
und hinter dem einem Spielfeldrand verlief die stark befahrene Phratamnak
Road Richtung South Pattaya, hinter dem anderen fiel der Park so steil bergab,
daß es häufig genug längere Pausen gab, in denen erst der Ball wiedergeholt
werden mußte. Die Art und Weise, wie hier dennoch um jeden Ball und jeden
Punkt gekämpft wurde, konnte einem nur Respekt abnötigen. War es die
Aussicht auf den finanziellen Gewinn, denn man spielte hier immerhin um
Geld, oder war es allein der sportliche Ehrgeiz, unbedingt siegen zu wollen? Ich
glaube, beides traf auf die Spieler zu, die sich hier zum fairen Wettkampf
trafen. Einer der besten unter ihnen war zweifellos Nik. Sein
Reaktionsvermögen, seine Sprungkraft, wenn er sich zu einem Block am Netz
hochschraubte oder auch sein Schwung, mit dem er einen Schmetterball zu
einem Punkt verwandelte, waren phänomenal. Es machte einfach Spaß, ihm
zuzuschauen.
An manchen Abenden verabredeten wir uns zum Schoppen in der eleganten
Einkaufspassage des Royal Garden Plaza, gingen ins „Ruen Thai“ und schauten
beim Essen einer Gang Garee Gai (Sweet Curry with Chicken – Nr. 106 auf der
Speisenkarte) in einem „...traditional Thai setting“ den grazilen Tänzerinnen zu,
die ihre Finger in einer ungeahnt aufregenden Art und Weise zu verbiegen und
zu verdrehen im Stande waren, oder hingen einfach nur in einer der zahllosen
Bars ab. Keiner der Abende endete allerdings, ohne daß wir weit nach
Mitternacht nicht noch einmal über die Stände und Buden der South Pattaya
Road geschlendert wären, wo die inzwischen wieder hungrig gewordenen
Nachtfalter an provisorischen Tischen am Straßenrand sitzend noch eine späte
Mahlzeit zu sich nahmen.
Nur langsam konnte man sich durch das enge Gedränge auf dem schmalen
Gehweg fortbewegen. Allerdings war jeder Schritt durch dieses Gewühl
zugleich auch eine alle Sinne ansprechende Erfahrung. Während einem aus den
Woks der unterschiedlichen Essensstände die seltsamsten Gerüche
entgegenschlugen, legte sich thailändische Musik von den CD- und DVDVerkaufsständen auf die Ohren. Die Augen schließlich waren permanent damit
beschäftigt, den teilweise aggressiven und anschmachtenden Blicken jener
überwiegend bildhübschen Krateus tapfer standzuhalten, die trotz der späten
Stunde immer noch keinen „customer“ für die Nacht gefunden hatten.
Überhaupt bekam die Vokabel „customer“ für mich durch die Erfahrungen in
Pattaya eine vollkommen neue Bedeutung! Hier bedeutete sie einfach nur
„Freier“.
Unübertroffen bei allem war aber immer wieder der in Kinder und junge Hunde
und Katzen vernarrte Nik. Tauchte irgendwo ein Kinderwagen mit Inhalt auf,
hielt er sein goldgelbes Haarbüschel hinein und schon bald kam ein fröhliches
kindliches Jauchzen zurück. Mit kleinen Hunden und Katzen verfuhr er ebenso,
so daß die Passanten teilweise stehen blieben und belustigt zusahen, wie vor
allem kleine Hunde versuchten, nach seinem Haarbüschel zu schnappen.
Diese beinahe allabendlichen Exkursionen wurden bis zum Ende meines
Aufenthaltes in Pattaya wegen der damit verbundenen Abwechslung und
Zerstreuung zu einer lieb gewordenen Gewohnheit.
Logisch, daß ich Nik zu meinem 64. Geburtstag am 23. Februar zum
Abendessen einlud. Ich hatte dazu ein Restaurant des „anderen Pattaya“
auswählt, eines des „Fünfsterne-Pattaya“, das ich selbst erst vor kurzem durch
ein paar liebe Freunde kennengelernt hatte. Das „Birds & Bees - Cabbages &
Condoms“ lag so ziemlich am Ende eines Seitenarms der Phratamnak Road
direkt gegenüber dem Asia Pattaya so versteckt, daß man es ohne den Hinweis
Dritter gar nicht gefunden hätte. Sein auf verschiedene „Decks“ verteiltes
Restaurant war so in die Klippen gebaut, daß man von allen Plätzen aus einen
traumhaft schönen Blick auf das Meer hatte. Klou des ganzen war jedoch der
dem Restaurant vorgelagerte „dschungelähnliche“ Garten, den man entweder
auf „kommunistischem“ oder „kapitalistischem“ Weg durchqueren mußte,
bevor sich einem die elegante Weite des Restaurants erschloß. Da es bereits
dunkel war, ging man bei künstlicher Beleuchtung unter von tropischem Gehölz
herabhängenden Baumwurzeln hindurch, überquerte auf kleinen Brücken
schmale Rinnsale, in denen farblich bunte Koi-Karpfen gemächlich ihre
Runden drehten und darauf warteten, von den Gästen aus kleinen Behältern,
die an den Brückengeländern befestigt waren, gefüttert zu werden. Seinen
besonderen Pfiff erhielt das Ganze jedoch durch ein Geflecht feinster
Wasserleitungen aus deren zahllosen Düsen ein Hauch von Nebel durch die
Anlage gesprüht und durch riesige Ventilatoren verwirbelt wurde. Es war
einfach atemberaubend. Und schwelgte man schon zu Beginn in einem
gewissen Gefühl der Begeisterung und Glückseligkeit, so öffnete sich beizeiten
eine geräumige Rasenfläche, die von großen Scheinwerfern in tiefgrünes Licht
getaucht wurde und auf dieser – man mochte es kaum glauben, wenn man es
nicht selbst gesehen hätte – tummelten sich schneeweiße Kaninchen! Mein
Gott, ging es nicht noch ein Tick kitschiger, hätte man gerne ausgerufen? Aber
es war tatsächlich so. Vorbei am Swimmingpool erreichte man zu guter Letzt
die verwinkelten Bereiche des Restaurants und über schmale Treppen gelangte
man endlich zu den unterschiedlichen „Decks“ auf denen die
Restaurantbesucher bedient wurden. Trotz all dieser Besonderheiten hielten sich
die Preise in Grenzen. Das Geburtstags-Dinner für Nik und mich schlug
lediglich mit insgesamt circa 1200 Baht (circa 25 Euro) zu Buche! Am
23. Februar 2009 werde ich 65 Jahre alt. Ich weiß jetzt schon, wo ich diesen
Abend verbringen werde!
Nik selbst hatte übrigens nur wenige Tage später, am 27. Februar seinen 30.
Geburtstag.
Der Rückflug von Dubai nach Hamburg erfolgte über die Linie Teheran,
Täbriz, entlang des Kaukasus, über Odessa, Warschau und Berlin in die
Hansestadt. Aufgrund der günstigen Tageszeit und der klaren Sicht war vor
allem ein Blick aus dem Flieger auf das 1200 Kilometer lange und 200
Kilometer breite, im zentralen Teil vergletscherte Hochgebirge des Kaukasus
zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer möglich. Ob mir bei dem
mitgebrachten Foto eine Erinnerung an den 5600 Meter hohen Elbrus, der
höchsten Erhebung des Kaukasus, oder einen anderen aus seinem Umfeld weit
herausragenden Berg gelang, muß ich an dieser Stelle offen lassen. Auf jeden
Fall vermittelt es einen imposanten Eindruck dieser gewaltigen Naturlandschaft.
Noch vor Rückkehr nach Hamburg verabredete ich mit Mr. Lee, dem
Vermieter meines Appartements 433 in der Metro, eine neue Option für
Dezember 2008 und Januar/ Februar 2009. Ich würde auf jeden Fall Ende des
Jahres wiederkommen, das war mir jetzt schon klar. Allerdings würde ich nach
den Erfahrungen der letzten drei Monate beim nächsten Mal wieder Einiges
anders machen. So wird zum Beispiel, ganz im Gegensatz zu den beiden ersten
Jahren, an keinem Ort mehr ein ausgedehnter Zwischenstopp stattfinden. In
Dubai reicht – wenn überhaupt – eine Übernachtung zum Schoppen, es sei
denn, irgendwann wäre der „Burj Dubai“, das höchste Gebäude der Welt fertig
und zu besichtigen. Hong Kong ist ganz von der Liste gestrichen, und auch ein
neuer Einstieg in Thailand braucht nicht mehr mit einem siebentägigen
Bangkokaufenthalt zu beginnen. Auch hier dürfte eine Übernachtung im
Holiday Inn ausreichen, um zu sehen, was der Copy-market der Patpong Road
Neues zu bieten hat.
Sollte allerdings die Fluggesellschaft Emirates irgendwann einmal einen Flug
von Mumbai (das alte Bombay in Indien) nach Bangkok in seinen Flugplan
aufnehmen, würde ich meine Absichten sofort über den Haufen werfen und
liebend gerne dort auf einem meiner kommenden Flüge nach Bangkok einen
Zwischenstopp einlegen. Indien ist nach dem Wegfall von Hong Kong auf Platz
eins meiner Wunschliste möglicher Reiseziele gerutscht. Emirates bietet zwar
einen Flug von Dubai nach Mumbai an, von dort jedoch keinen Weiterflug nach
Südostasien. Dazu müßte ich die Fluglinie wechseln, was die Gesamtflugkosten
dramatisch erhöhen würde!
Das nächste Mal allerdings fest eingeplant ist jedoch jetzt schon ein Besuch der
Tempelanlagen von Ankor Wat in Kambodscha. An dieser Stätte des
Weltkulturerbes führt 2009 kein Weg vorbei!
Schließlich:
Ich habe in meinen Reisbericht wiederum einige politische Vorgänge
eingeflochten, die parallel zum Verlauf der Reise die Schlagzeilen der
Weltpresse beherrschten. Die Geschichte geht unaufhörlich weiter und
produziert dabei auch Nachrichten, die, fänden sie nicht auch zwischenzeitlich
Erwähnung, sonst möglicherweise verloren gingen.
Ich bitte dafür um Verständnis!
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Erich Follath, Berhard Zand: Tausendundeine Pracht. Das höchste Gebäude, der größte Flughafen, das
teuerste Hotel: Die Herrscher der Emirate am Golf sind süchtig nach Superlativen – und können sich dank
Rekord-Ölpreisen fast alles leisten. Aber sie wollen mehr als ihren Goldrausch genießen: Vorbils sein für ein
zukunftorientiertes Arabien, die Drehscheibe der Globalisierung zwischen Ost und West. In: DER SPIEGEL
Nr. 6 v. 02.02.08, S. 80-97
ebda S. 97
Für den 27. November 2007 hatte US-Präsident George W. Bush zu einem Gipfel nach Annapolis/ Maryland
eingeladen.
Interessante Bemerkung am Rande: die GULF NEWS schreiben in ihrer Berichterstattung hinsichtlich der
Angabe des Ortes grundsätzlich nicht nur „Jerusalem“, sondern „Occupied Jerusalem“ um anschließend mit
dem Text fortzufahren. So hieß es z.B. am 22. November: “ Occupied Jerusalem (Reuters) Israel stepped up
efforts yesterday to……“.
Wie ernst es der israelischen Regierung mit irgendwelchen Friedensverhandlungen zu sein scheint,
unterstreicht die Tatsache, daß selbst in der Phase des Gipfels von Annapolis der Ausbau jüdischer
Siedlungen in der Westbank fortgesetzt wird. So schreibt die BANGKOK POST am 8. Dezember 2007 in
einer kurzen Notiz unter der Überschrift „Israel asked to explain“: US asked Israel to explain its decision to
build 300 new homes around Jerusalem (Har Homar) Land, captured by Israel in 1967 war.
Jimmy Carter: Palestine. Peace not Apartheid, New York 2006
George S. Hishmeh: Reinventing the Mideast wheel. All that needs to be done is there and has been available
for more than 40 years. In: GULF NEWS, Thursday, November 22, 2007, Opinion 9
Cecile Barendsma, Janklow & Nesbit Associates, New York: e-mail an den Verfasser vom 20.11.2007
Israel asked to explain. In: Bangkok Post, Saturday, 8 December 2007, S. 7
Bassam Za’Za’: Verdict. Housemaid acquitted of theft charges. In: GULF NEWS v. 22.11.07
„Gipfel der Ungerechtigkeit. Stahlfabrikanten aus Indien, Ölbarone aus Russland, Internet-Unternehmer aus
China: Nie zuvor ist der Wohlstand so schnell gewachsen – doch nie war er so ungleich verteilt. Die
Konfliktlinie zwischen Arm und Reich provoziert Spannungen. Wie lässt sich der Gegensatz überwinden? In:
DER SPIEGEL 23/ 2007, S. 40 ff (Zitat S. 41)
ebda, S. 42
Erich Follath: Stadt der Wiedergeburt. Ein einmaliges Experiment wird zehn Jahre alt: Am 1.Juli 1997 holte
China die britische Kronkolonie Hong Kong heim ins Reich – mit dem Versprechen einer weitgehenden
Autonomie. Hat Peking Wort gehalten? Kann die kapitalistische Perle auch unter KP-Hoheit glänzen? In:
DER SPIEGEL 26/ 2007, S. 116-122. Im Folgenden zitiert als: Follath
Auf dieser Wandtafel war zu lesen:
„On 11 December 1928 a legend of Asian hospitality was born – The Peninsula Hong Kong opened its doors
for the first time and has been welcoming guests and patrons fromall over the world ever since.
Hong Kong was invaded by Japanese troops on 8th December 1941. The formal surrender of Hong Kong was
signed on 25 December 1941 by the Govenor of Hong Kong, Sir Mark Young, in Room 336 of The
Peninsula. During the Japanese occupation of Hong Kong from 1941 – 1945, The Pensinsula Hotel was
renamed the Toa (East Asia) Hotel, and was also used as the Japanese army headquarters.
The proximity of Kai Tak Airport and Ocean Terminal greatly helped the expansion of Kowloon’s tourisme
industry. As tourist numbers steadily grew, The Peninsula developed to cope with increased demand in these
years. In the 1960’s The Pensinsula went through a five years programme of renovations which cost HK $ 26
million (US $ 3.3 million). Among other major changes, the huge overhead fans in the celebrated lobby were
replaced by a modern air-conditioning system.”
Alexander Nadler: Hong Kong mit Macau. 6., komplett überarbeitete und neu gestaltete Auflage 2006, S. 305
Follath, S. 116
Was es mit dem königlichen Emblem auf sich hatte, war in der kleinen Broschüre nachzulesen, die aus
Anlaß der 24. Sea Games herausgegeben wurde. Dort hieß es:
„The Royal Emblem in Commemoration of the Celebrations on the Auspicious Occasion of His Majesty the
King’s Eightieth Birthday Anniversary 5th December 2007.
The Royal Emblem depicts the Privy Seal of the Ninth Reign, which is composed of the Octagonal Throne
and the Discus (Chakra), in the middle of which is the symbolic “Unalome” insignia. Around the Chakra
Discus, there are rays radiating in all directions. Above the Chakra Discus is the Seven-Tiered Umbrella
over the Octagonal Throne, meaning that His Majesty the King has sovereign power in the realm, for at the
Coronation Ceremony His Majesty sat upon the Octagonal Throne and received consecrated water from the
eight cardinal points in accordance with ancient Royal custom, which for the first time was presented by
Members of Parliament instead of Royal sages. As for the platform on which the Octagonal Throne rests, it
is strewn with nine silver and golden “bikul” flowers.
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The Privy Seal is encircled by 80 diamonds, meaning the 80th Birthday Anniversary. On top of the Seal is the
Great Crown of Victory, which signifies the Royal Dignity of the Sovereign and symbolizes supreme
Kingship. Within the Great Crown of Victory is the Thai numeral 9, meaning the ninth Reign. The Great
Crown of Victory is in front of the Great White Umbrella of State, which is in the center and flanked by two
Seven-Tiered Umbrellas, marking the great rank of the Sovereign. Beneath the Privy Seal is the Thai number
80, meaning that His Majesty the King has reached His eightieth year. Under the number 80 is a silk ribbon
bearing the words “The Celebrations on the Auspicious Occasion of His Majesty the King’s 80th Birthday
Anniversary 5th December 2007”. Apart from naming the Royal Ceremony, the silk ribbon also supports the
two Seven-Tiered Umbrellas.”
Media Guide. 24th Sea Games. Nakhon Ratchasima 2007, S. 8 f
Joyous crowds greet the King. Hundreds of thousands turned out for His Majesty’s 80th birthday and in his
brief address he reiterated that national unity is vital. In: Bangkok Post, Thursday, December 6, 2007
Abdulloh Benjakat und AP: Six die, 24 hurt in restaurant blast. In: Bangkok Post, Wednesday. December 5,
2007
No. 5; 120x140 cm; 2007; copper, acid, mixed technique: painting, drawing, printing, etching, collage;
200.000 Baht (circa 4.000 Euro); mehr Informationen über: www.artatplay.com
TA & DG – Thailand Art & Design Guide. November 2007. Vol. 1/ No 5, S. 6
(AP/gba): Thaksin nach Rückkehr festgenommen. Der vor 17 Monaten gestürzte Ministerpräsident Thaksin
Shinawatra ist in sein Heimatland zurückgekehrt – und muss sich nun Korruptionsvorwürfen stellen.
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/105/160666/ v. 14.03.08
Lothar W. Brenne-Wegener: Ist die Wasserqualität an Pattayas Stränden gesundheitsgefährdent? In: „Der
Farang. Zeitung für den Urlauber und Residenten in Thailand“, Nr. 3, Februar 2008
Cola Ridgeback: Leserbrief. In: PostBag - Bangkok Post v. 29. Dezember 2007