Zwei Pädagogen unterrichten gemeinsam (Teamteaching)

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Zwei Pädagogen unterrichten gemeinsam (Teamteaching)
Krämer-Kilic
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Zwei Pädagogen unterrichten gemeinsam (Teamteaching) Aspekte zur Umsetzung im gemeinsamen Unterricht
(Inklusion)
Inge Krämer-Kilic
© Inge Krämer-Kilic 2009
Textsorte: Artikel
Themenbereich: Schule
Schlagworte: Team, Methodik, Didaktik, Schulische Integration, Unterricht, Bildung
Zwei Pädagogen unterrichten gemeinsam (Teamteaching) - Aspekte
zur Umsetzung im gemeinsamen Unterricht (Inklusion)
Lehrerinnen und Lehrer waren bisher vorwiegend allein verantwortlich im Unterricht. In
Reform- und Gesamtschulen sowie einzelnen Förderschularten und vereinzelt kooperativintegrativen Maßnahmen bestehen bereits Erfahrungen mit dem gemeinsamen Planen und
Durchführen von Unterricht; in diesem Zusammenhang ist von Teamteaching die Rede. Mit
der Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist das „ZweiPädagogensystem“ entwickelt worden, bei dem Regel- und Förderpädagogen gemeinsam
Lern- und Entwicklungsfortschritte aller Kinder verantworten. Die folgenden Überlegungen
setzen bei dieser Form der Zusammenarbeit an und stellen weitere Kooperationsformen dar,
die in den USA in heterogenen Klassen erprobt und verbreitet sind. Die Auseinandersetzung
mit dem Thema der geplanten und konkreten Zusammenarbeit beim Unterrichten gewinnt mit
der Ausweitung der inklusiven Erziehung in Deutschland an Bedeutung.
Gemeinsam unterrichten als Chance
„Teamteaching ist eine kooperative Lehrmethode, bei der zwei oder auch mehr Personen
gemeinsam eine Lerngruppe unterrichten. Die Methode sollte idealtypisch sowohl das
Lehrerteam als auch die Lernenden mit einbeziehen. Sie ist besonders geeignet, um den
Unterricht mit mehr Perspektivenvielfalt, größerer Methodenvielfalt und unterschiedlichen
Anregungen zu erweitern, da sie die Fixierung auf einen Lehrenden verhindert. Sofern diese
Stärken bewusst eingesetzt werden, kann die Methode das Lernen und Lehren mit größerer
Offenheit und mit mehr Differenzierungsmöglichkeiten fördern.
Für Lehrende bietet Team Teaching die Möglichkeit, den Unterricht gemeinsam mit anderen
zu planen und zu gestalten. Dabei können die unterschiedlichen didaktischen Erfahrungen
den Nährboden für ein vielfältiges und lernerzentriertes methodisches Vorgehen bilden.
Zugleich wird der einzelne Lehrende durch die Zusammenarbeit entlastet, aber auch stärker
in seinen didaktischen Gewohnheiten und Verhaltensweisen kollegial supervidiert.“
http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/didaktik/teamteaching/team_kurzbeschreibung.html
Im Team zu unterrichten bedeutet auch in inklusiven Klassen, dass der Unterricht von Regelund Förderschullehrern gemeinsam verantwortet wird. Dies beinhaltet die gemeinsame
Planung, Durchführung und Reflexion des Unterrichts.
Bei der didaktischen Planung und methodischen Gestaltung der Lernprozesse spielt die
Beachtung der Verschiedenheit der Lernenden eine zentrale Rolle, diese umfasst in
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Lerngruppen mit Kindern mit besonderem Förderbedarf eine besonders große Spanne. In
einer Klasse können beispielsweise Lernende sein, die keine Lautsprache benutzen können,
langsam lernen und viel Anschauung benötigen, sie werden zusammen mit Kindern
unterrichtet, die außergewöhnlich schnell lernen und über besondere Begabungen verfügen.
Diese Tatsache führt zur Notwendigkeit der starken Differenzierung und Individualisierung
im Unterricht. Unterschiedliche Zugänge zu Lerninhalten ergeben sich dadurch, dass in einer
Klasse Jungen und Mädchen unterrichtet werden, dass Kinder mit Migrationshintergrund und
Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf gemeinsam lernen. Diese besonderen
Gegebenheiten sind bei der Ausgestaltung des Teamteachings zu berücksichtigen.
Schwerpunkte didaktischer Planung und Vorbereitung des
Teamteachings
Ziel des Teamteachings ist es die jeweilige Situation pädagogisch so zu gestalten, dass den
Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf das höchst mögliche Maß an
„Chancengleichheit und Zugang zu einem inklusiven und hochwertigen Unterricht“ im Sinne
der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, Artikel 24 zu Teil
wird. Eine wichtige Aufgabe für beide Pädagogen besteht darin, gemeinsame
Lerngegenstände zu finden und aufzubereiten, zu denen alle Kinder, wie auch immer und auf
unterschiedlichsten Niveaus einen Beitrag leisten können. Das folgende Praxisbeispiel aus
dem Werner-von- Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg, in dem Gymnasiasten und
Heranwachsende mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung gemeinsam lernen,
vermittelt einen Einblick von den vielfältigen Prozessen der Unterrichtsgestaltung beim
Lernen am gemeinsamen Gegenstand:
„In Deutsch, Geschichte und Erdkunde lernen die vier Kinder mit ihren sehr
unterschiedlichen Fähigkeiten in verschiedenen Formen am selben Lerngegenstand, aber mit
verschiedenen Zielen. Z.B.: Geschichte: das Leben der Wikinger; Wetterkunde: die Kraft des
Wassers; im Deutsch- und Informatikunterricht das Schreiben mit dem Computer, dabei das
"Komponieren" von Bild-Gedichten (konkrete Poesie). Ein Junge mit Down-Syndrom, der
Spezialist für Traktoren ist und sich mit der Seitengestaltung am Computer gut auskennt, und
ein Gymnasialschüler, der sonst manchmal durch seine Ungeduld und spontanen
Unterrichtsbeiträge auffällt, arbeiteten kreativ und mit einem guten Ergebnis zusammen.
Eine Schülerin mit Down Syndrom schreibt inhaltlich dieselben Diktate wie die
Gymnasialschüler, verkürzt und einfach formuliert. Oder: Von einem langen Gedicht lernt sie
eine Strophe auswendig und trägt sie der Klasse vor. Eine Gruppe von Schülerinnen und
Schülern hat sich entschieden, dieses Gedicht als selbst vertonten Rap-Song vorzutragen,
während die beiden Jungen mit Down Syndrom und das Mädchen mit der eingeschränkten
verbalen Ausdrucksmöglichkeit durch Wort- oder Bildkarten ergänzen und so zeigen, dass sie
den Sinn des Gedichtes verstanden haben. Dies wiederum hat die beiden Jungen mit DownSyndrom so motiviert, dass sie ihre ersten Englisch-Vokabeln auch mit einem Rap-Song
vortragen wollten. Der Schulhelfer hat sie bei der Umsetzung dieses Planes tatkräftig
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unterstützt. Im Mathematik-, Physik und Chemieunterricht ist das Lernen am gemeinsamen
Unterrichtsgegenstand bisher nicht möglich gewesen; die Fachlehrer bemühen sich, damit
die zwei Schülerinnen und die zwei Schüler wenigstens teilweise im Unterricht dabei sind.
Angeregt durch die Beobachtungen des Lernens der Mitschülerinnen und Mitschüler und mit
speziell für sie von den Sonderpädagoginnen vorbereiteten Materialien lernt die "Gruppe der
Vier" dann manchmal in dem kleinen Nebenraum des Klassenzimmers, manchmal an einem
Gruppentisch im Klassenraum. Die "Gymnasiasten" schauen vorbei, erkennen und würdigen
die Lernfortschritte ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler“ (Schöler, Jutta : „Geistig
Behinderte“ am Gymnasium – Integration in der Schule für „Geistig Behinderte“;
http://bidok.uibk.ac.at/library/schoeler-gymnasium.html
Beide Pädagogen haben die Aufgabe die sozialen Entwicklungen aller Lernenden zu begleiten
und Unterricht gemeinsam so zu planen, dass die Lernfortschritte der „Langsam- und
Schnelllerner“ gewürdigt werden und möglichst keine Ausschlussprozesse oder soziale
Isolation stattfinden. Vorrangig von Sonderpädagogen zu verantworten sind im Rahmen der
Kooperation mit den Regelschullehrern die folgenden Handlungsfelder:
- Entwicklung und Fortführung individueller Förderpläne
- Durchführung individueller Fördermaßnahmen
- Gestaltung entwicklungsförderlicher Lehr- und Lernarrangements
- Schaffung entwicklungsförderlicher schulischer Lernumgebungen
(vgl. Verband Sonderpädagogik e.V. 2007 „Standards sonderpädagogischer Förderung, S. 7)
Durchführung und methodische Gestaltung des Teamteachings
Zwei Erwachsenen im Klassenraum mit einer Lerngruppe ist für Lehrerinnen und Lehrer eine
ungewohnte Situation, die bei professioneller Gestaltung viele Vorteile mit sich bringt.
Teamteaching im gemeinsamen Unterricht kann zur Systematisierung und Intensivierung der
Lernbeobachtung und Lernberatung aller Schülerinnen und Schüler – auch der
„Schnelllerner“ genutzt werden. Schülerinnen und Schüler, bei denen durch besondere
Lebenssituationen (wie z.B. Trennung der Eltern o.ä.) zeitweise Probleme im sozialen
Verhalten auftreten, können durch die Anwesenheit eines zweiten Pädagogen aufgefangen
werden. In den USA sind Formen der Zusammenarbeit im Klassenraum insbesondere
zwischen Lehrerinnen und Sprachbehindertenpädaginnen erprobt. Diese methodischen
Möglichkeiten zur Gestaltung der Zusammenarbeit im Klassenraum beschreiben Lütje-Klose/
Willenbring (1999) wie folgt:
1. „Lehrerin und Beobachterin („one teach, one observe“): Eine Pädagogin übernimmt
die primäre Unterrichtsverantwortung, während die andere beobachtet.
2. Lehrerin und Helferin („one teach, one drift“): Eine der beiden Lehrkräfte
übernimmt die primäre Unterrichtsverantwortung, die andere unterstützt Schülerinnen
bei ihrer Arbeit, bei der Regulation ihres Verhaltens, bei der Verwirklichung ihrer
kommunikativen Absichten usw.
3. Stationsunterricht („station teaching“): Der Unterrichtsinhalt wird in zwei Bereiche
aufgeteilt. Es werden Gruppen gebildet, die von einer Person zur nächsten wechseln,
so dass alle Schüler nacheinander von beiden Lehrkräften unterrichtet werden.
4. Parallelunterricht („parallel teaching“): Jede Lehrerin unterrichtet eine
Klassenhälfte, beide beziehen sich auf dieselben Inhalte.
5. Niveaudifferenzierter Unterricht („remedial teaching“): Eine Lehrerin unterrichtet
die Gruppe von Schülerinnen, die den Unterrichtsstoff bewältigen können, die andere
arbeitet mit denjenigen, die auf anderem Niveau operieren.
6. Zusatzunterricht („supplemaental teaching“): Eine Lehrerin führt die
Unterrichtsstunde durch; die andere bietet zusätzliches Material und differenzierte
Hilfen für diejenigen Schülerinnen an, die den Stoff nicht bewältigen können.
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7. „Teamteaching „: Regelschullehrerin und Sprachbehindertenpädagogin führen den
Unterricht mit allen Schülerinnen gemeinsam durch, indem sie gemeinsam oder
abwechselnd die Führung übernehmen.
Lütje-Klose/ Willenbring bewerten Teamteaching als die anspruchsvollste Art der
Zusammenarbeit zwischen Pädagogen im Unterricht. Im Hinblick auf die Vielfalt von
Anforderungen im gemeinsamen Unterricht, bedingt durch die Verschiedenheit von
Schülerinnen und Schülern und die Unterschiedlichkeit von Pädagoginnen ist es unabdingbar
unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit zu kennen, um das gemeinsame Unterrichten
professionell planen und durchführen zu können.
Bezüge zur Ausbildungspraxis in der 2. Phase der Ausbildung von
Lehrerinnen und Lehrern
Im Zusammenhang mit der Ratifizierung der UN-Menschenrechtskonvention (März 2009)
wird sich die Ausbildung von Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern verändern.
Durch deren Einsatz in Arbeitsfeldern außerhalb der Förderschule wandelt sich das
Anforderungs- und damit auch das Ausbildungsprofil im Vorbereitungsdienst deutlich. Im
täglichen Unterricht und im Rahmen von Unterrichtsbesuchen rücken die verschiedenen
Formen Gemeinsamen Unterrichts als Kompetenz- und Entwicklungsfelder zunehmend in
den Vordergrund. Hier einige Praxisbeispiele:
Im Rahmen ihrer Tätigkeit in einer Kooperationsklasse unterrichtet eine Anwärterin des
Lehramts für Sonderpädagogik gemeinsam mit einer Auszubildenden eines Studienseminars
Grund-; Haupt- und Realschule im Unterricht der Kooperationsklasse mit der
Grundschulklasse. Die Anwärterinnen wechseln sich innerhalb der Unterrichtsstunden in der
Führung des Unterrichtsgeschehens ab, bereiten den Unterricht gemeinsam vor, bringen ihre
individuellen Fähigkeiten ein und praktizieren einen fortlaufenden Kompetenzaustausch.
Eine Anwärterin, die im Rahmen der Sonderpädagogischen Grundversorgung mit dem Fach
Englisch in einer Grundschulklasse eingesetzt ist, arbeitet in ihrem Fachunterricht mit der
Klassenlehrerin, einer erfahrenen Grundschullehrkraft, zusammen.
Eine mit einigen Stunden im Mobilen Dienst für sinnesbeeinträchtigte Schülerinnen und
Schüler (Hören, Sehen, Körperliche und Motorische Entwicklung) eingesetzte Anwärterin
berät die Fachlehrkräfte einer Gymnasialklasse im Hinblick auf die Unterrichtsgestaltung und
den Einsatz von Hilfsmitteln für eine stark sehbeeinträchtigte Schülerin. Außerdem arbeitet
sie mit der Schülerin unterstützend im Unterricht.
Diese Auflistung von Praxisbeispielen ließe sich beliebig fortsetzen. Auf der Grundlage des
Erlasses Sonderpädagogische Förderung (RdErl.d.MKv.1.2.2005) haben unterschiedliche
Formen der Zusammenarbeit zwischen Förderschullehrkräften und Lehrkräften anderer
Schulformen seit geraumer Zeit Eingang in die Ausbildung gefunden. Die Grundlagen für
Teamteaching sind Gegenstand von Beratung und Seminararbeit.
Das Teamteaching im Rahmen von Gemeinsamen Unterricht zunehmend Gegenstand der
Ausbildung wird, sollte dieser Entwicklung auch im Rahmen von Lehramtsprüfungen
Rechnung getragen werden. Diesem erweiterten Kompetenzprofil kann durch eine
Erweiterung der Vorgaben für den Prüfungsunterricht entsprochen werden. Auch im
gemeinsamen Unterricht zweier Lehrkräfte sind die Leistungen, die durch den Prüfling
erbracht werden, deutlich benennbar, ähnlich wie dies bei einer gemeinsam verfassten
Hausarbeit der Fall ist. Es wäre sinnvoll und an der Zeit, den veränderten Schwerpunkten in
der Ausbildung durch passende Vorgaben für den Prüfungsunterricht zu entsprechen. In den
Durchführungsbestimmungen könnte dieser Entwicklung durch folgende Formulierung
Rechnung getragen werden: Wenn Auszubildende gemeinsam während der Ausbildung
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unterrichten, kann der Prüfungsunterricht im Teamteaching durchgeführt werden. Die
Federführung des Prüflings muss deutlich sein.
Praxisrelevante Fachliteratur
BAUER, KARL-OSWALD (2000): Teamarbeit im Kollegium. Ein begrifflicher Rahmen und
einige Empfehlungen für Arbeitsschritte. In: Pädagogik 6, S. 8 – 12.
LÜTJE-KLOSE, BIRGIT/ WILLENBRING, MONIKA (1999): „Kooperation fällt nicht vom
Himmel“ – Möglichkeiten der Unterstützung kooperativer Prozesse in Teams von
Regelschullehrerin und Sonderpädagogin aus systemischer Sicht. In:
Behindertenpädagogik, 1, Seite 2 - 31.
NIEDERSÄCHSISCHES KULTUSMINISTERIUM (2005): Sonderpädagogische Förderung.
RdErl.d.MKv.1.2.2005, in Schulverwaltungsblatt 2, 49 – 75.
SCHÖLER, JUTTA (1997): Leitfaden zur Kooperation von Lehrerinnen und Lehrern . Nicht nur
in Integrationsklassen. Dieck, Heinsberg.
WACHTEL, PETER/ WITTROCK, MANFRED (1989): „Kollegiale Kooperation ist keine Kunst!“
In Schwerpunkt Publikationsreihe KM Niedersachsen, Heft 6, 22 – 25.
Quelle:
Inge Krämer-Kilic: Zwei Pädagogen unterrichten gemeinsam (Teamteaching) - Aspekte zur
Umsetzung im gemeinsamen Unterricht (Inklusion)
bidok – Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet
Stand: 10.02.2011