Dünn – dünner – Lollipopgirl« Körper im Internet Thomas Ettl

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Dünn – dünner – Lollipopgirl« Körper im Internet Thomas Ettl
»Dünn – dünner – Lollipopgirl«
Körper im Internet
Thomas Ettl
Lollipopgirl? Nie gehört? Nie gehört! Ein Lollipopgirl will eine Figur haben wie ein Lutscher am Stiel - wie ein
Lolli eben. Es wünscht sich einen streichholzdünnen Körper mit lediglich einer einzigen Rundung - dem Kopf.
Auf gewisse Weise wären alle Magersüchtigen gerne Lollipopgirls. Lollipopgirl ist der Superlativ von dünn.
Danach käme nur noch der Exitus. Man kann sich von Lollipopgirls ein Bild machen, googelt man mit dem
Stichwort ›Thinspiration‹ im Internet. Es öffnet sich Galerie um Galerie mit tausend und abertausend Fotos von
mal mehr, mal weniger abgemagerten Frauen.
Thinspiration? Nie gehört? Thinspiration, kurz Thinspo ist eine Wortschöpfung aus dem englischen ›Thin‹ und
›Inspiration‹. Bei Thinspos handelt es sich um Fotos oder Videoclips, die absichtlich dünne bis extrem dünne
Frauen oder auch nur Körperteile von ihnen zeigen. Sie sollen die Message verbreiten, hervorstehende
Knochen sähen reizvoll aus, und treu der Losung: »Dünner geht immer« zum Abmagern anregen und beim
Durchhalten der empfohlenen Extremdiäten helfen. Kurzum, sie sollen zum Lollipop motivieren.
Grob lassen sich vier Gruppen von Thinspos unterscheiden: die real life Thinspos, Amateurbilder von wirklichen
Magersüchtigen; die sog. bone pictures, auch BonyPics oder Hardcore Ana genannt, Bilder von schwer Kranken
oft im Endstadium der Krankheit; die reverse Thinspos, Bilder schwer übergewichtiger, fettleibiger Frauen, die
der Abschreckung dienen sollen; schließlich die celebs (von celebrities), Bilder von dünnen Promis, von
Covergirls, von Idolen der Jugendkultur, die sich mit hervorstehenden Knochen und Stäbchenbeinen ablichten
lassen, oft mit Bildbearbeitungsprogrammen verschlankt. Victoria Beckham, auch Kate Moss oder Keira
Knightley sind celebs, die ihrer Knochen wegen bewundert und verehrt werden.
Alle vier Gruppen sind für sogenannte ›ProAnas‹ (oder Anas) Vorbild und Ansporn zum Weiterhungern. Als
ProAnas bezeichnen sich Mädchen und vereinzelt junge Männer mit Anorexie. Pro bedeutet, sich seiner
Krankheit bewusst zu sein, sich zu ihr zu bekennen und zu versuchen, ein möglichst normales Leben mit ihr zu
führen.
Der ProAna-Kult entstand Ende der Neuziger Jahre in den USA, verbreitete sich rasch und fand auch in Europa
immer mehr Anhänger. Die meisten ProAna-Websites sind ähnlich aufgebaut. Sie bestehen aus
Diskussionsforen, aus Sprüchen, Regeln, Zitaten mit Motivationscharakter (›Thinlines‹), aus konkreten
Anleitungen zum tothungern und eben zuhauf Thinspos. Modische Accessoires, Gedichte und düstere Riten
sollen auf die Mädchen reizvoll wirken. Anonyme Chatrooms erteilen Anerkennung und Lob für selbstmörderisches Essverhalten: »Bleib stark, höre nicht auf die anderen. Die sind doch nur neidisch auf Deine Stärke,
Deinen Willen, Deine Schlankheit«. Oder: »Leg dir ein Thinspiration-Buch an. Ein richtig schönes Heft mit
Bildern von dünnen Models, Tipps, Zitaten, Workouts, deinen Wünschen, […] Schau es dir an, wenn du essen
willst – dann wirst du an deine Ziele erinnert und dir vergeht der Appetit« (freewebs.com). Nanu? Hier dürfte
der Website-Autorin das Unbewusste eine Doppeldeutigkeit in die Feder diktiert haben. Worauf vergeht der
Appetit, aufs Essen oder auf die skelettierten Mädchen? Aber bleiben wir vorerst bei der bewussten Absicht.
Die Thinspos sollen Werbung machen für den abgemagerten Körper und fungieren als Spickzettel, falls man
vergisst, hungern zu wollen: »Wenn du allein lebst, häng überall kleine Bilder von dünnen Models auf – am
besten am Badezimmerspiegel« (freewebs.com).
2001 forderte die National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders große Server wie Yahoo,
die damals bereits mehr als 100 ProAna-Sites hosteten, diese zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu
schließen, was auch geschah. Kurzerhand fanden sich andere Websites oder private Owner als Host.
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Schaut man sich die Thinspos näher an, sind die real life Thinspos, die Privatfotos von Magersüchtigen,
insbesondere die bone pictures mit ihrer Überprägnanz der Knochen, ihrer Authentizität wegen am
ergreifendsten. Obwohl bildformal im konventionell Ästhetischen verbleibend, strapazieren und erschüttern sie
beträchtlich das, was man zu sehen gewohnt ist. Glaubt man diesbezüglich alles gesehen zu haben, hier wird
man eines Besseren belehrt. Nur wer genügend Zynismus aufbringt, würde sagen, hier werde das eigene
Bildarchiv um seltene, interessante Exemplare bereichert. Sind allerorts alle bemüht, möglichst gesunde
Jugendlichkeit vorzugaukeln, so hier nur pure Krankheit. Billig und amateurhaft produziert, oft in
Selbstaufnahme, sind die jungen Frauen bemüht, sich in Lifestyle-Magazin-Manier abzulichten, ganz dem
Auftrag ProAnas gehorchend: »Lerne vorm Spiegel, wie man sexy posed und wie du dich optimal in Szene setzt,
damit du auf jedem Foto phantastisch aussiehst« (freewebs.com). Manchen gelingt dies. Kühl, elegant,
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bisweilen komisch, vor allem drastisch, surreal anmutend, setzen sie ihre Körper in Szene. Meist jedoch wirken
die Bilder bemüht, zwar posed, aber wenig sexy. Nicht schlimm: auch so befindet sich das Amateurmodel noch
auf dem von ProAna vorgegebenen Weg: »Mach ein Foto von dir in Unterwäsche. Es sollte möglichst
unvorteilhaft aussehen. Jedes Mal, wenn du essen willst, sieh es dir genau an, dann bemerkst du, wie fett du
bist und willst nicht mehr essen« (freewebs.com). Die Mädchen tun’s, aber wohlgemerkt: sie präsentieren
ihren kranken Körper bedenkenlos im Internet, also weltweit und auf unbestimmte Zeit. Sie machen ihn zur
Verfügungsmasse der Allgemeinheit, unbedarft bezüglich des Schutzes ihrer persönlichen Daten.
Die unvorteilhaft in Unterwäsche Gekleideten posieren in den Bildergalerien Seite an Seite mit professionell
produzierten celebs, mit photographisch perfekten Bildern und Videoclips von Ikonen des Schaubetriebes, des
Glamours, der Mode, die es verstehen, sich raffiniert, vorteilhaft und teuer ins Bild zu setzen. Die professionelle
Zurschaustellung wird mit Popmusik untermalt, die tendenziös den dünnen Körper verherrlicht. Zumeist digital
auf Linie korrigiert entbehren die professionellen Körperbilder verglichen mit den real life Thinspos jeder
dokumentarischen Zuverlässigkeit.
Offenbar erscheint die unmittelbare Nachbarschaft den erbärmlich dünnen Amateuren im Unterhemdchen
nicht problematisch. Freilich – das Internet mit der ihm eigenen Auflösung von Raum, Zeit und Kontext, die
Unterschiedlichstes zu einem Brei vermischt, ermöglicht diese Nachbarschaft. Ist das Raum-Zeitliche wie im
manifesten Traum aufgehoben, sind eindeutige Zuordnungen verwischt, Grenzen zwischen öffentlich und
privat gelöscht, Dinge aus ihrem Zusammenhang gerissen, dann ist das Spielen mit sozialer Zugehörigkeit, mit
unterschiedlicher Erfahrung und Lebenspraxis möglich. Und so konvergieren alle Bilder, können unter das
Ordnungsprinzip ›dünn‹ gestellt und Prominente als Gleichgesinnte phantasiert werden. Das Nebeneinander
erzeugt ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Stallwärme. Sie dürfte Anlass sein, alle Bedenken bezüglich
Datenschutz hinfällig erscheinen zu lassen.
Raum-, Zeit- und Kontextauflösung erlauben, alle Thinspos zum Bild eines Gesamtkörpers zu verdichten. Wie
der Romancier seine Selbstanteile in verschiedenen Romanfiguren agieren lässt, agieren auf den diversen
ProAna-sites verschiedene Körper: reale, ideale, entgrenzte, sexuelle, kurz vor dem Tod stehende. Eine
Magersüchtige hat von allen etwas, wie ihre Wünsche und ihre Ängste zeigen.
Das scheinbar Unproblematische der Nachbarschaft begründet sich demzufolge psychodynamisch, zumal wenn
man die den Magersüchtigen eigentümliche Vorstellung von Perfektion in Rechnung stellt, die sich in den stolz
ausgestellten bone pictures artikuliert. Bin ich dünn wie Victoria Beckham, bin ich bedeutender, als wäre ich
dünn wie das next-door-girl. Die Katze kann ja auch, nachdem sie den Kanarienvogel gefressen hat, singen,
oder? Die celebs eignen sich zur narzisstischen Identifizierung, die das Einssein ermöglicht. Doch was im
Internet wahr aussieht, könnte erfunden, eben retuschiert sein. Noch nicht überall herumgesprochen hat sich,
zur Grundausstattung des Mediennutzers gehöre Skepsis. Schließlich dürfte die unproblematische
Nachbarschaft Effekt eines Tricks von ProAna sein. Man definiert die Krankheit kurzerhand um: »Anorexia is a
lifestyle, not a disease« (suchtmittel.de). Das ist Verführung zur belle indifférence, zur Krankheitsverleugnung
(Anosognosie) und nicht ungefährlich: der Trick könnte die Kranken – wie Siegfried im Nibelungenlied - die
Sehfähigkeit kosten. Dieser verkannte den Todfeind im Rücken, jene verleugnen den Todfeind im Magen. Ist
Hungern Lifestyle, wird überdies der Körper der Frau als Projektionsfläche für kranke Lebensentwürfe
missbraucht.
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Fokussieren wir bei der Bildbetrachtung auf die unvorteilhaften, dafür dokumentarisch zuverlässigeren real life
Thinspos. Gemäß des Perfektionswunsches: »Dünner geht immer«, sehen wir bis auf die Knochen abgemagerte
Körper. Die Bildbetrachtung gerät zur Knochenschau. Man sieht Knochengerüste, gekleidet in Klamotten der
allgegenwärtigen Popkulturen. Dazu muss man sich die Phantasiewelt vergegenwärtigen, in der die
ausgemergelten Körper leben: rosa, kitschig und bevölkert von Elfen, Engeln, Schmetterlingen, Libellen, Feen
und märchenhaften Flügelwesen. Das sieht nach sentimentaler Weltflucht aus.
Die Posen auf den Fotos sind Wunschposen, die der Perfektionsvorstellung am nächsten kommen sollen.
Häufig platzieren sich die Thinspos seitlich vor den Spiegel bzw. den Betrachter. Beliebt ist, auf Zehenspitzen
stehend die Arme nach oben zu werfen und den Oberkörper leicht bis extrem nach hinten gestreckt abknicken
zu lassen. Diese Pose wird in der Aktphotographie verwendet und gehört in der Kunst zur Ikonographie mal
erotischen/religiösen Verzückens, mal des Widerwillens, beispielhaft in Berninis Skulptur Pluto und Proserpina
(1622). Der Hals wird dabei dünn und lang. Den Bauch, sofern vorhanden, soll man ebenso wenig sehen wie die
Brüste. Brustbein statt Brust ist angesagt. Die Brust bleibt grundsätzlich verdeckt: mit Händen, Armen, BH,
Tüchern oder Stofffetzen. Das hat mit Scham wenig, viel aber mit Fettgewebsphobie zu tun. Die Streckhaltung
hat Methode: man soll die Rippen zählen können. Überdies lassen sich die einzelnen Rückenwirbel und
Schulterblätter vorführen. Schulterblätter sollen wirken, »als würden mir Flügel wachsen - endlich – nach
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langem Warten oder wie die gebrochenen Flügel eines gefallenen Engels« (rainbow-thinspiration.chapso.de),
so eines der Mädchen. Ein anderes meint, die Schlüsselbeine sollten hervorstehen, um es wie ein zierliches
Wesen voll Glanz, rein zart und zerbrechlich aussehen zu lassen. Na gut, die Posen erinnern allerdings eher an
durch die Streckbänke der Hexenverfolger erzwungene.
Was sehen wir noch? Schmale, blasse Gesichter, schwarz geschminkte Augen mit leerem Blick, Kiefer- und
Wangenknochen, die die Augen besonders groß aussehen lassen sowie eng am Kopf anliegende Ohren. Das
erinnert an die Symbole menschlichen Todes, die bis Mitte des 18. Jhds gültig waren: Totenkopf und Skelett, bis
es zur ikonographischen Neuorientierung kam und Skelett und Schädel durch Engel in langen Gewändern
ersetzt wurden. ProAna tendiert zur Rückkehr ins 18. Jhd. Ihr Todesthema ist nicht zu übersehen, es ist
Programm. Die Abkürzung für ProAna: ›Atte‹ bedeutet ›Ana til the end‹, und steht für eine Sektion, die den
Hungertod mit der Losung: »Better dead than fat« propagiert. Die Anorexie hat die höchste Todesrate unter
den psychischen Erkrankungen, meist wegen Herzstillstandes, Nierenversagen oder Suizid.
Wiederholt sieht man Abbildungen, die den axial gedehnten Körper steil von oben gesehen ablichten, als läge
die Kamera auf dem Schlüsselbein und fotografiere parallel zum Körper in Richtung Füße. Man sieht die
Mädchen so, wie man sich sieht, schaut man an sich herunter. Der Blick des Betrachters wird aufdringlich
verengt auf Körperdetails. Die Schlüsselbeine stehen wie Balken hervor, über die BH-Träger wie Seile gespannt
sind. Man erkennt den Anfang des Oberarmknochens und dessen Übergang zur Schulter. Wegen der Dürre der
Arme wird der Ellenbogen zur dicksten Stelle. Am Unterarm sind Eile und Speiche zu unterscheiden. Die Finger
lassen die Gelenke erkennen. Einen Bauch sucht man vergebens. Hervorstechende Hüftknochen findet man,
über die wegen des fehlenden Bauches mal Jeans, mal ein buntgelacktes Höschen oder ein Slip wie eine
Hängebrücke gespannt sind. Beeindruckt hat mich ein Slip, dessen Vorder- und Rückteil beidseitig mit
Metallringen zusammengehalten wird, die exakt auf die Hüftknochen einrasten, als sollten sie wie eine Kette
den Körper vor dem Zerfall schützen. Kameralinse und Rezipientenauge tauchen in’s Knochental zwischen dem
Slip. Dieser, meist schmal bemessen, wird bis knapp über den Venushügel herabgestreift. Die an sich
Herabschauende kann ihre markanten Hüftknochen sehen – wie ein Mann sein Genitale. Gilt es den fehlende
Bauch zu betonen oder sollten wir es mit Hüftknochenerotik zu tun haben, sollten die Knochen gar als Penis
gelten, mal stolz, mal schamhaft, mal flirtiv präsentiert? Werden die Knochen zum Fetisch?
Die Oberschenkel, zwischen denen eine Lücke klafft, sind dünn wie die Arme und lassen das Knie deutlich als
Knochen erkennen. Die Waden sind nur knapp dicker als die Fußgelenke. All dies ist erklärtes Ziel der Mädchen,
entspricht ihren Vorstellungen vom Idealkörper und steht in Einklang mit ihren Körperphantasien: mit
anmutigem Schritt durch die Welt staksen, ohne aneinander reibende Oberschenkel, mit langen dünnen Beinen
wie ein Storch – nein: wie ein Lollipopgirl.
Vor welcher Kulisse posieren diese ausgemergelten Elfen und Flügelwesen? In der Regel vor Schleiflackküchen,
vorm Kleiderschrank, auf Betten drapiert, vor Kachellook im Bad, auf der Waschmaschine sitzend, vor
Toilettenschüsseln kniend. Magerkeit soll eine saubere Angelegenheit sein. Und es bedarf nicht viel Phantasie
zu erkennen, was uns bedeutet werden soll, wenn die Elfen vor Heizkörpern abgelichtet sind – von Rippe zu
Rippe sozusagen.
Anders die Vornehmen, die celebs. Sie orientieren sich mehr an den stereotypen Frauenbildern der Schau-,
Mode- und Pornoindustrie. Ihre Kulisse ist die Natur, meist Wald, See oder Meer. Das Magere soll ›natürlich‹
wirken. Noble Innenarchitektur und luxuriöses Ambiente als Kulisse hingegen sollen das Magere als pikfeine
Kostspieligkeit zeigen. Was nichts kostet, wäre nichts wert.
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Anders als in der Pornoindustrie werfen die Thinspos nicht die Arme hoch, um eine schöne Brust darzubieten
oder biegen ihre Körper nach hinten, um dem Betrachter einen Knackpo vorzuführen, nein, hier geht es nicht
um Lust, die durch sexy Posen angereizt würde. Thinspos zielen nicht auf die Hosenlätze der Männer, so EMMA
zu Recht, denn Magersüchtige wollen dem männlichen Blick entkommen. Weshalb dann die sexy Posen? Die
Frau soll verführen, jetzt aber nicht dem klassischen Weiblichkeitsbild folgend den Mann, sondern die Frau. Die
Posen sollen Mädchen, die ProAna Seiten besuchen, schmackhaft machen, Knochen seien sexy, nicht weibliche
Rundungen. Die Posen sind reines ›als ob‹, Werbung eben.
Die Posen zeigen vielfach Steriles, körperlich Unwirkliches, Künstliches, kurz: Gesuchtes. Alle jedoch zeigen eine
von Perfektion getriebene Unruhe. Die Photos gelassener junger Frauen des Fotokünstlers Jock Sturges oder
die in sich ruhenden weiblichen Büsten Lehmbrucks machen den Unterschied zu den real life Thinspos
sinnfällig. Das Hocken, Knien, Kauern der Mageren wirkt gestelzt und lässt vermuten, sie verfügten nicht über
ihren Körper, seien vielmehr an ihre Knochen gekettet, wie jenes Mädchen, das sich einen Kettenstring um die
Hüfte gespannt hat. Überdies entsteht der Eindruck, die ausgemergelten Körper seien zu den gekünstelten
Posen kräftemäßig längst nicht mehr fähig, als lägen sie weniger gespielter Laszivität wegen auf dem Bett,
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sondern weil sie sich wegen kachektischer Schwäche nicht mehr auf den Beinen halten können. Der Eindruck
verstärkt sich, wenn die Körper so abgelichtet werden, als müssten sie sich nirgends abstützen, als schwebten
sie tatsächlich wie geflügelte Wesen im Raum, was dem Wesen Esskranker entspricht: keine Spuren
hinterlassen, weder im Raum, noch bei Personen, noch im eigenen Bauch: »Ich möchte gehen können, ohne
Geräusche zu machen, auf dem Wasser laufen ohne einzutauchen, über Sand und Schnee ohne Abdrücke zu
hinterlassen, durch die Welt schweben wie eine Feder« (rainbow-thinspiration.chapso.de).
Aber Moment - keine Abdrücke hinterlassen zu wollen, wie fügt sich das dem Auftrag zu werben, dem Auftrag,
Abdrücke in der Psyche anderer Mädchen zu hinterlassen? Frau soll doch Frau dazu verführen, sich zu Tode zu
hungern! Die Knochen sollen’s richten. ProAna spekuliert auf die normative Macht der Bilder und Werbung
profitiert von der Übertreibung. Ihr Produkt ist ein im Höchstmaß disziplinierter Körper aus Haut und Knochen
mit Gewichtsangabe. Kessa berichtet: »I would stare at these models and tell myself over and over again that
they were beautiful and perfect, and that I could be just like them. Eventually, even very emaciated girls didn’t
scare me« (observer.com). Der skeletal look wird idealisiert, zu Wertvollem stilisiert, um die Differenz zwischen
Wirklichkeit und Ideal ausbeuten zu können. Werbung spekuliert auf den Neid. Schaut alle her, ich habe einen
beneidenswerten Körper!
Die Mageren, die keine Spuren hinterlassen wollten, inszenieren sich für eine exklusive Kundschaft
Gleichgesinnter: einen Rotarierclub der Knochen. Dabei kontrollieren sie das Bild, das sie abgeben. Sie befolgen
die strengen, disziplinierenden Körperideale von ProAna, kombiniert mit warenästhetischen Merkmalen aus
dem Repertoire der Werbe- und Produktphotographie: Verkleidungen des Alltagspop, adrette Fönfrisuren,
verschiedenfarbige Haare und Kämmrichtungen, Netz- und Jeansoberteile. Die Kleiderindustrie, flugs auf den
Trend aufgesprungen, näht Jeans der Größe Null, Maß Zwölfjähriger.
Dennoch - obwohl die Bildzitate verführen sollen, ihre Werbekraft scheint nicht überzeugend. Und so erfordert
der Mangel des Produkts flankierende Maßnahmen, um das Produkt an die Frau zu bringen, die sog. Thinlines,
ein Katalog von Ratschlägen. Tatsächlich kann das Produkt nur schwer über seinen offensichtlichen Mangel
hinwegtäuschen - seine abschreckende Wirkung -, denn die Folgen der Magersucht sind heutzutage dem
Rezipienten bekannt, sein Auge ist kundig: Haarausfall, gelbliche Haut, blutig geritzte Unterarme,
hämatomübersäte Oberschenkel. Zu manchen Bildern erhält man von nicht ProAna eingestellten Websites den
Hinweis, die Abgebildeten seien inzwischen verstorben. Thinspos als die letzte optische Nachricht vor dem
Tod? Das erinnert fatalerweise an öffentlichen Hinrichtungen, deren Absicht es war, dem Verurteilten zu
Strafzwecken das Private des Sterbens zu rauben. Die bone pictures wirken teilweise wie öffentliche Sektionen,
fern der Abgeschiedenheit akademischer Präpariersäle.
Was man nicht sieht, kommt der Werbung entgegen: entzündetes Zahnfleisch, Schädigung des MagenDarmtraktes, Unfruchtbarkeit, Osteoporose, Nierenversagen, Kältegefühl, Obstipation. Dass manche Körper
nur noch von der Fettsubstanz des Gehirns leben, sieht man auch nicht. Die Gehirnmasse schrumpft. Das dürfte
bei den Lollipopgirls der Fall sein, die kurz vor dem Exitus stehen, vergleichbar der Situation von Kleinkindern,
die wegen schwerer emotionaler Unterversorgung vom Marasmaus bedroht sind. Man könnte meinen, HirnLiposuction sei Voraussetzung der Mitgliedschaft im ProAna-Kult. Anders lässt sich die belle indifférence kaum
verstehen.
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Ein Besuch der Thinspo-Galerien wird zum Besuch des Reiches des minimal body, des Übriggebliebenen und
mithin des extrem body. Man begegnet Grenzgängern zwischen Leben und Tod, real unter uns lebenden
Zombies. Die Bilder sind nicht indexikalisch, sie zeigen keinen entscheidenden Augenblick im Ablauf einer
Szene. Sie zeigen vielmehr einen Zustand, ein Befinden und sind ikonographisch den Vanitas-Belegen
zuzuschlagen, sind Stillleben eines vorgezogenen Todes.
Jede ProAna Seite – sie gehen inzwischen in die Hunderte – enthält eine Galerie von Thinspos. Die Fotos wirken
– ob pro oder contra –, weil der Betrachter selbst einen Körper hat, was die Empathie in andere fördert. Wer
also könnte sagen »Mein Herz schlägt nicht«, wie Stendhal es angesichts Cogniets Mitleid erregenden
Gemäldes Der Bethlehemitische Kindermord tat (vgl. FAZ 12.7.03). Das könnten allenfalls nicht mit Magersucht
Liebäugelnde, denen die Schreckensbilder der Vergewisserung der eigenen ungefährdeten Position dienen.
Andere wiederum dürften sich angesichts der traumatisierenden Bilder missbraucht fühlen und das
Containment verweigern, wie der Leser vielleicht meinen Text zurückweisen wird, der – dem Gegenstand
folgend – zwangsläufig zum traumatischen Text wird. Und diejenigen, denen bei soviel »Knochenrausguck« (ein
User) die Pupille nicht von Erotik gekitzelt wird, winken ab, um ihre sexuelle Imaginationsfähigkeit in Sicherheit
zu bringen. Die größte Gefahr für die Thinspos lauert indes wo anders. Die Bildergalerien, hochgradig
redundant, wirken inflationär. Die Knochenfülle ermüdet den Betrachter und lässt seine Besorgnis abstumpfen.
Der unablässigen Repetition wegen gewöhnt er sich an die Bilder, sie werden zu »Ikonen der visuellen
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Abstumpfung« (Sauerländer). Je mehr Bilder, desto schneller verfallen sie dem Unsichtbaren. Die Bilder
betreiben ihren eigenen Ikonoklasmus. Bei soviel Kochen geht der emotionale Gehalt verloren, der Betrachter
verliert das Interesse, er schaut nicht mehr in die Gesichter und es fällt ihm nichts mehr ein. Keine Phantasie,
keine Zuwendung umhüllt die ausgemergelten Körper wie mit einer warmen Hand. Genau das jedoch ist das
Problem dieser Armen. Den Magersüchtigen dürften die Fotos Trigger erlittener Traumata sein. Die Wirkmacht
der Fotos bliebe ungebrochen. Sie blieben emotional gefüllt, es käme zu keiner Abstumpfung, keiner Desensibilisierung, sondern zur Retraumatisierung. Und dann schlägt das Herz bis zum Hals.
Die Thinspos zeigen die Notlage am Körperende. Öde Knochenlandschaften, Tristesse, Lebloses schaut aus den
Bildern und fleht den Betrachter an. Fühlte sich Diane beim Baden durch den Blick des Aktaion ihrer Intimität
beraubt, weshalb sie ihn erzürnt in einen Hirsch verwandelte und von seinen eigenen Hunden zerfleischen ließ,
so suchen die Thinspos nachgerade den Blick des Aktaion. Ihre Augen, ihre Posen zeigen das Flehen nach
visueller Zuwendung. Aus ihnen spricht eine lange, tiefe Depression, dem Betrachter als engelhafte, perfekte,
bittersüße, märchenhafte Melancholie verkauft. Viele Anas tragen schwarze Perlen und artikulieren ihre
Grundstimmung auf den Websites nicht nur in Bildern, sondern auch in selbstverfassten düsteren Gedichten.
Aktaion jedoch wendet sich mit Grauen ab. Hier gibt’s nichts rauben, die Thinspos sind längst um alles beraubt.
Diese Körper sind keine libidinös besetzten Körper, ihnen fehlt der Leib und damit das Sinnliche, das Lebendige.
Durchsichtig, flach und blass sind sie wie Porzellanpuppen. Auch diese essen nicht, scheiden nicht aus,
menstruieren nicht. Die Knochen sind nur der traurige Überrest, an welche sich die Verhungernden klammern,
aus der Not ein Lifestyle machend. Ihre Essstörung ist jedoch nur Symptom einer lebenslangen schweren
seelischen Erkrankung, deren Geschichte ihnen abhanden gekommen ist. Verlassen wir deshalb die
Körperlandschaft und betreten die Seelenlandschaft.
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»Die virtuelle Titelseite zu Marisas ProAna-Reich ist schwarz: Hinter einem mit roten Rosen gespicktem Kranz
am Stacheldraht kauert ein Mädchen im Bikini. Sein Körper - ein mit Haut bespanntes Skelett. Jedes Mal, wenn
sie sich einloggen, sehen die TeilnehmerInnen des Forums dieses Model« (ksta.de). Schieben wir beiseite, dass
‚Verhungernde hinter Stacheldraht’ unselig an die Ikonographie des 2o. Jahrhunderts erinnert, und wenden uns
der Frage zu, warum sich die Knochenlandschaften als Thinspos instrumentalisieren lassen. Das liegt nur z.T. an
der Umdefinition von ›Ana‹ und ihrer Magerkeit zum Lifestyle, daran, dünn für chic, für begehrenswert zu
erklären und damit werbefähig zu machen. Entscheidender könnte ein psychodynamisches Moment sein:
Thinspos sollen Ikonen des Triumphs über den Hunger sein. Das bedarf der Erklärung.
Esskranke leiden an einer Beziehungsphobie (Ettl 2001), an sozialer Angst. Grund dieser Phobie sind – da
besteht in Fachkreisen inzwischen Konsens - frühe schwere traumatische Beziehungserfahrungen. Von
gestörtem Verhältnis zu den Eltern, von sexuellem Missbrauch, von Mobbing in der Schule, vom Verlust eines
geliebten Menschen ist die Rede. Langzeitbehandlungen von Esskranken erlauben die Traumatisierung zu
spezifizieren. Ihre paranoide Befürchtung, Opfer eines narzisstischen Missbrauchs anderer zu werden, ist der
entscheidende Hinweis. Entwertung, Manipulation durch Instrumentalisierung, die Erfahrung, keinerlei Einfluss
auf Mutter und Vater und später auf andere Menschen zu haben, nichts bei ihnen bewirken zu können, sind
Kränkungen, die im Lauf der Jahre zur Labilisierung des Selbstwertgefühls geführt haben. Beschädigt wird das
narzisstische System, jener Bereich, der für das Selbstwertgefühl zuständig ist. Die Traumatisierung erfolgt
frühzeitig, wenn die Körper-Leib-Einheit hergestellt wird, weshalb jetzt im Internet – der Traumalogik folgend –
das Somatische in Form der Thinspos mehr und mehr ins Blickfeld rückt.
Die phobischen Inhalte kreisen sowohl um Liebe, Freude, Glück und Erregung, weil sie zu einer
Überschwemmung des Selbst mit narzisstischer Libido führen könnten, als auch um Scham, Neid, Eifersucht,
Hass, Ohnmacht und Schuldgefühle, die das Selbst mit seiner Aggression konfrontieren. Diese Gefühle stellen
eine Bedrohung des Selbstwertgefühls dar, werden als narzisstische Katastrophe, mithin als vernichtend erlebt
und sollen durch Rückzug aus Beziehungen vermieden werden. Die Vermeidung, die anfänglich nur
bedeutsamen Beziehungen gilt, kann sich nach und nach auf alle sozialen Kontakte ausdehnen, weshalb
Esskranke in der Regel zunehmend an Vereinsamung leiden. Ein Ausweichen in eine Ersatzbeziehung, in der
solche Bedrohung prima vista nicht zu befürchten ist, soll die Einsamkeit kompensieren. Hier bietet sich das
Essen an. Das Brötchen soll die Liebesbeziehung zu Frau/Mann ersetzen. Die Hoffnung der Kranken ist, ihr
blieben in der Ersatzbeziehung alle Gefühle, Konflikte und Spannungen erspart, die Anlass der
Beziehungsphobie waren. Das Selbst wähnt sich in der Essbeziehung von den Einschränkungen, die durch eine
Person und deren Bedürfnisse und Interessen ausgehen, verschont. Essen ist im Gegensatz zu Personen stets
verfügbar und widersetzt sich nicht. Insofern ist der Rückzug auf’s Essen eine »kontralimitative Technik« (vgl.
Ettl 2001). Dem Erbrechen zugrundeliegende Motive: vordergründig Angst vor Gewichtszunahme, tiefgründiger
vor Verfolgung durch das einverleibte Essen, die im Fall der Anorexie soweit geht, Essen ganz zu verweigern,
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sind jedoch Indiz, dass diese Erwartungen an den Ersatz Illusion bleiben. Anders als bei der Bulimie ergreift bei
der Anorexie die phobische Vermeidung bereits den Ersatz. Nicht mehr das Essen und die Beziehung zu ihm
sind Ersatz, jetzt – und das ist der entscheidende Schritt - wird der Hunger zum inneren Objekt, dem die ganze
Aufmerksamkeit gilt. Bei der Anorexie geht es nur noch darum, diesen verführerischen und deshalb als
gefährlich und böse erlebten Hunger zu kontrollieren und - zu bezwingen. Die Machtverhältnisse sollen sich
ändern. Die in Gegenwart von Personen empfundene Ohnmacht soll sich in der Beziehung zum Hunger ins
Gegenteil wenden. Die Kranke will endlich Macht haben. Darum ihr Entsetzen bei der kleinsten
Gewichtszunahme – die Macht ist bedroht. Mit anderen Worten: Von den narzisstischen Ansprüchen der
Elternobjekte und späterer Interaktionspartner erdrückt, versuchen die Kranken über einen triumphalen Sieg
über den Hunger, Repräsentant der einst traumatogenen Personen, den eigenen beschädigten Narzissmus zu
reparieren und ihr narzisstisches Gleichgewicht zu finden.
Sieg und Triumph geben dem Selbst das Gefühl omnipotenter Kontrolle, insofern von Bedeutung, als die
Kranken Kontrollverlust stets als Niederlage und Ausgeliefertsein empfinden. Darum begleiten Rachegedanken
die Kontrolle über den Hunger, wobei die Gefahr der Selbstschädigung (Tod) in Kauf genommen wird.
Kontrolle, Unabhängigkeit, Rache und Triumph werden zum einzigen Lebensinhalt – von ProAna zum Lifestyle
stilisiert. Die Reduktion auf die Hungerkontrolle sensibilisiert für alle damit verbundenen Themen und
desensibilisiert für alle anderen Lebensbereiche. Ist alle Aufmerksamkeit vom Kalorienzählen und Austüfteln
von Sportplänen gebunden, wie Anas Credo fordert, sind Sorgen, Ängste, Vergangenheit und Zukunft
bedeutungslos.
Nur vordergründig also geht es bei ProAna um Magerkeit. Hauptsächlich geht es um den wenig
werbewirksamen weil verbissen zu führenden Kampf gegen den Hunger. Magerkeit ist nur Begleiterscheinung
dieses Kampfes, stilisiert zum fragwürdigen Siegeszeichen. Thinspos und Anstecker mit der Aufschrift »Think
thin« promovieren zum Hungerbezwingungssymbol. ProAna ist für Magersüchtige so attraktiv, weil die
Websites dazu ›inspirieren‹, wie der ‚Hunger’ zu bezwingen sei und man sich den Sieg und Triumph sichern
kann. Die ›Inspiration‹ (Werbung) verspricht viel mehr als einen dünnen, scheinbar sexy Körper, sie verspricht
codiert Sieg, Triumph, Macht, d.h. narzisstische Befriedigung. Da die jedoch ein jeder benötigt, geht es nicht
um’s Erzeugen falscher Bedürfnisse, sondern um den Missbrauch normaler narzisstischer Alltagsbedürfnisse,
um eine verquere Hungerideologie durchzusetzen. Faktisch ist der ProAna-Kult jedoch eine kontraphobische
Großveranstaltung, beherrscht von der Angst vor dem Schreckgespenst Hunger. Und dabei wäre das Gespenst
so einfach zu bezwingen - mit einer ordentlichen Mahlzeit.
Jede Werbung ist eine Predigt und darum führt Hungerkontrolle zwangsläufig in die Körperdressur. Auf einer
Website sind 84 Handlungsanweisung zu finden, die den Tagesablauf vom Aufstehen bis zum Bettgang
reglementieren: »Überlege schon am Vortag, wie viel und was genau du am nächsten Tag essen darfst. […]
Mach 50 sit-ups nach dem Aufstehen […] Zieh dich nicht warm an – du verbrennst mehr Kalorien wenn dir kalt
ist“ […] Iss niemals am Abend« (freewebs.com).
Aus der Perspektive der sozialen Angst betrachtet ist die immense Ausweitung der ProAna-Foren im Internet
kein Zufall. Das Internet bietet der Beziehungsphobie in zweierlei Hinsicht ideale Bedingungen und kommt so
der Pathologie entgegen. Zum einen ist ProAna im Gegensatz zu einer Person über wenige Handgriffe und
immer verfügbar – wie das Essen. Zum anderen muss der User keine eindringende und überwältigende Nähe
fürchten. Kurzum: das Internet erspart die Zumutungen des Sozialen. Im echten Leben einsam, können im
Internet alle Anas Freundinnen sein. Jeder nicht virtuelle Kontakt bleibt für die typische Ana oberflächlich weil
gefährlich. Droht sich eine Beziehung zu vertiefen, wird sie beendet. Eine beste Freundin hat sie nicht. Ana ist
im Internet zu Hause. Dort braucht sie keine Kritik, keine Schuldgefühle zu fürchten. Gefühle, Affekte,
Phantasien lassen sich ohne Hemmung oder Scham und ohne Verantwortung für das Produzierte in die
Anonymität des Internets hinauspusten, ohne die Risiken einer Reaktion fürchten zu müssen, wie sie in einer
face-to-face-Interaktion zu erwarten wären. So beispielhaft Joanna, der vermutlich unter dem Eindruck ihrer
Affekte auch noch jede orthographische Orientierung abhanden gekommen ist: »hey an alle also jeder hatt ja
eine eigene meinung zu diesem thema abe ich finde das einfach schön so dünn zu sein das gefühl dünn zu sein
ist das gefühl schön zu sein ana ist unsere freundin nicht eine krankheit wie die scheiß ärtzte sagen ana ist
meine freundin ohne sie währe ich nur noch ein dickes nichts und was ihr gegen ana habt ist mir scheiß egal
den ich bin fast so dünn wie ana ich ich wiege nur noch 38 kg ich will abe bist 30 kg kommen« (suchtmittel.de).
Alles kann behauptet, gezeigt werden, um es sofort wieder zu dementieren oder zu löschen. Das kann man,
wie Busch meint, »als Gewinn an Freiraum, Zuwachsmöglichkeit von Kreativität, letzten Endes Fortschritt an
Subjektivität begreifen« (Busch 2002, S.6), in Joannas und anderen Fällen dürfte es sich eher um ein dem
Primärvorgang näher stehendes regressives Phänomen, um »Zeichen zivilisatorischen Verfalls« (ibid., S. 6)
handeln.
Unschwer ist die entlastende Funktion des Internet zu erkennen. Es ist - wie die Essstörung auch –
kontralimitativ. Grund ist seine raum-zeitliche Entgrenzung. Sie machen Internet und Essstörung kompatibel.
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ProAna-sites und Esstörung sind coping-Methoden. Sie sollen stabilisieren. Beide verhindern, dass die
Beziehungsstörung manifest wird, weil die User des persönlichen Gegenübers enthoben sind. Würden die
Kranken am coping gehindert, käme es zum Zusammenbruch.
Allerdings gilt die Kompatibilität nur noch eingeschränkt. Konnte Busch vor zehn Jahren noch schreiben,
Indirektes, Unkonkretes, Unsinnliches würde den Internet-Menschen auszeichnen, sein Gegenüber bleibe
unfassbar, weit weg, kein wirklicher Mensch (vgl. Busch ibid., S. 6), so kommt es durch die Thinspos inzwischen
zu einem erheblichen Informationszufluss hinsichtlich Gestik, Mimik und anderen körpersprachlichen
Hinweisen. Durch das Bild ist der Internetpartner wirklicher geworden und flugs bekommen durch die bildliche
Konkretisierung Gefühle wieder Nahrung, die es gerade zu vermeiden galt. Extrem Dünne können den nicht
ganz so Dünnen jetzt vorführen, sie seien im Kampf gegen den Hunger erfolgreicher. Das aber bedroht deren
Perfektionsillusion. Neid, Scham und Minderwertigkeit folgen und Ana sieht sich nun auch im Internet mit eben
jenen emotionalen Verhältnissen konfrontiert, die sie in der Realbeziehung so fürchtet. Anders gesagt: die
Thinspos werden zu Triggern, die Beziehungsphobie ist aktiviert und weitet sich auf das Internet aus.
Das Internet sowohl Segen als auch Fluch? Neuerungen werden in der Regel euphorisch mit utopischen, aber
auch mit dystopischen, apokalyptischen Phantasien bedacht. Das ist beim Internet nicht anders. Beide
Positionen sind einem mediendeterministischen Denken verhaftet, das den subjektiven Faktor: die Trägheit der
Psyche, die Übertragung (von früheren auf spätere Personen) und den Wiederholungszwang vernachlässigt.
Attraktivität und Crux des Internets/der ProAna-sites liegen in dem verführerischen Angebot zur Übertragung.
Das Internet wird anthropomorphisiert, dann personalisiert und flugs ist das Feld für Übertragungsprozesse
bestellt. Die sind ihrer Natur nach konservativ, d.h. auf Wiederholung ausgelegt. Die Anas sind verleitet, in den
Foren familiale Verhältnisse herzustellen und frühere Erfahrungen zu wiederholen: »Ich hoffe, wir werden
Freunde«, heißt die Einladung, mit der nahezu jede ProAna-Seite eröffnet, eine Einladung, die gerne
angenommen wird. Viele Magersüchtige phantasieren Ana oder Anamia (pro bulimia) als Freundin. Eine Silke
schreibt: »Ana ist eine Freundin, die uns Kontrolle gibt. Auch wenn ihr es nicht versteht. Wir fühlen uns
geborgen. Mit ihr kam uns nix passieren!! Also, auch wenn viele von Euch es nicht verstehen können, hört auf
uns zu diskriminieren« (suchtmittel.de). Die Bemerkung: »Wir fühlen uns geborgen. Mit ihr kam uns nix
passieren!« zeigt die große Sehnsucht nach einer mütterlichen Freundin, das Bedürfnis nach Anerkennung,
nach Gesehen- und Verstandenwerden, nach Reden, Tipps und Motivation. Freundschaft werden gesucht und
nicht die Verurteilung. Esskranke sind wegen ihrer sozialen Phobie einsam und Einsamkeit macht anfällig für
Werbung, ist diese doch stets auf die einzelne Person, auf das »Du« gerichtet. ProAna verspricht Zugehörigkeit:
Bist du mager, entsprichst einem bestimmten Körperbild, gehörst du zu uns. ProAna wäre nicht ProAna, würde
diese Sehnsucht nach Zugehörigkeit nicht genutzt und ein Rezept gegen Einsamkeit gibt’s auch: »Kau
Kaugummi, wann immer du kannst – dann hast du was im Mund und kannst nichts essen. Mach ihn zu deinem
ständigen Begleiter, nimm ihn überall mit hin« (freewebs.com). Der ständige Begleiter – der Phobiker benötigt
ihn – soll zwei Aufgaben erfüllen: Einsamkeit lindern und Angst vor Hunger verscheuchen. Ein Kaugummi?
Die Anas behaupten, sie würden bei ProAna verstanden. Das sich gegenseitige Bestärken in den Foren gibt den
Mädchen ein trügerisches Gefühl von Rückhalt. Die Antworten, die sie auf ihre Gefühle/Affekte/Phantasien und
ihre als Thinspos gedachte Körperabbildungen bekommen, bleiben jedoch ebenso binär wie das virtuelle Netz
selbst: Zustimmung oder Ablehnung. Ist das als Verstandenwerden zu bezeichnen? Verstehen entwickelt sich in
lebendiger unmittelbarer Interaktion. Die aber wird gemieden. Binäre Antworten sind der Einsicht ins Leiden
und dessen Veränderung oder gar Heilung nicht förderlich. Ja oder Nein verfestigen bestehende Meinungen,
die, bestärkend oder Trotz provozierend, weiter in die Krankheit treiben. Die klinische Erfahrung zeigt indes,
diese Kranken suchen gar keine Antworten, sondern wollen das sie innerlich Bedrängende nur externalisieren,
wie exemplarisch das Erbrechen vorführt. Das anonyme Internet ist die geeignete Müllhalde.
Nach der Einladung zur Freundschaft geht’s dann in medias res: »Ich werde dich an deine Grenzen treiben. Du
musst es ertragen, weil du dich mir nicht widersetzen kannst« (faz.net). Das heißt: Ana wird unmittelbar in’s
Zentrum ihres Traumas gepuscht. Sich nicht widersetzen können heißt: ohnmächtig, ohne jeden Einfluss zu
bleiben. Das lässt nichts Gutes ahnen. ›Freundin‹ Ana fackelt nicht lange und scheint herrschsüchtig zu sein:
»Niemand kann diesen Panzer, mit dem ich dich beschütze, knacken. Ich habe dich geschaffen, dieses dünne,
perfekte, seine Ziele erreichende Kind. Du gehörst mir« (faz.net). ›Freundin‹ Ana macht sich als Sprachrohr des
Ichideals zum Sektenführer. Untreue soll Schuldgefühle machen, wird also genau mit jenem Gefühl bestraft,
dem die Anorektikerin mit ihrer Flucht aus Beziehungen zu entkommen hoffte. Wenn Silke sagt, Ana sei eine
Freundin, die Kontrolle gäbe, dann tut die ›Freundin‹ das mit einem strengen Regelwerk aus Anweisungen,
Moralcodices und Disziplinierungen, die den Körper überziehen: »Wenn du Rechtshänder bist, iss mit der
linken Hand […] Trage enge Jeans, damit du dir immer bewusst bist, wie viel Gewicht du noch verlieren musst
[…] Iss vorm Spiegel. Besser, iss NACKT vorm Spiegel und sieh dir das ganze FETT an, das du noch loswerden
musst […] Kau auf deinen Fingernägeln, wenn du Hunger hast […] Wenn du hungrig bist, schlag dir auf den
Bauch […] Hör nie auf, dich zu bewegen […] Sitz aufrecht – das verbrennt Kalorien […] Dusche mit kaltem
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Wasser […] Kneif die Pobacken immer zusammen, wenn du sitzt. Verbrennt Kalorien« (freewebs.com). Die
›Freundin‹ verordnet Korsettpflicht (enge Jeans) und betreibt Kontrolle bis in den Unterleib: »Erwähne niemals
deiner Mutter oder einem Arzt gegenüber, dass deine Regelblutung ausgefallen ist!!!« (ibid.) In Foren und
Weblogs schwören sich die Mitglieder auf ihre zehn Gebote ein: »Du sollst nichts essen, ohne Dich schuldig zu
fühlen!« heißt es da. Ana kennt kein Pardon: »Du bist mir gegenüber eine Verpflichtung eingegangen. Ich bin
Dein Leben und Deine Besessenheit« (stern.de). Zugriff und Ohnmacht können zum tödlichen Gemisch werden:
»Im Tod bist du vereint mit deiner besten Freundin Ana beziehungsweise Mia« (faz.net). Besessen wird der Tod
in Kauf genommen: von 20%. Beim Rest betätigt sich ›Freundin‹ Ana mit ihrer Körperdressur als
Fettabsaugerin. Für die Liposuktion gäbe es eine Abnehmerin: Die Künstlerin Teresa Margolles hat 2002 aus in
mexikanischen Schönheitsfarmen abgesaugtem Fett Secreciones - eine fettlasierte Wand – gestaltet.
›Ana‹ tritt mal als Befehlsgeberin, mal als Befehlsempfängerin auf. Man muss sich nicht davon irritieren lassen.
Die Identifizierung aller mit allen im ProAna-Kult ist dafür verantwortlich. Sie erfolgt über ein grausames,
fanatisches, despotisches und tödliches Ichideal. Aus dieser Perspektive muss man die Thinspos betrachten:
»Sieh anderen beim Essen zu und fühl dich überlegen! Sind sie nicht alle schrecklich fett? Keiner von ihnen hat
soviel Kontrolle über seinen Körper wie du! Du bist besser als alle anderen« (freewebs.com). Das Ichideal wird
unrealistisch hochgepuscht und den Magersüchtigen das Gefühl vermittelt, zu den Auserwählten zu gehören,
zum Exklusivclub mit hohem Ichideal und Ausschluss anderer. Nur Konformismus ist zugelassen.
Geheimhaltung gegenüber Eltern, Freunden und Andersdenkenden ist Pflicht. Von der bereits erwähnten
›Marisa‹ wird berichtet, sie habe sofort Schluss gemacht, als ihr Freund merkte, sie esse kaum und sie
aufforderte, endlich zuzunehmen. Er hatte seinen Einfluss überschätzt (vgl. ksta.de). Marisas Ichideal war für
den Freund zum Fallbeil geworden.
Bei soviel Größe ist das Winzige nicht weit: ›Marisa‹ zwingt sich nach jeder Fressattacke zum Erbrechen.
Danach fühle sie sich elend und bete das Glaubensbekenntnis der Anas: »Ich glaube, dass ich die wertloseste,
gemeinste und nutzloseste Person bin, die jemals auf dem Planeten existiert hat« (ksta.de). Das
hochgezüchtete Ichideal bekommt religiöse Züge, beschimpft und verurteilt das Ich, das sich selbstentwertend
und selbstgeißelnd unterwirft. Bei diesem hohen Ichideal muss sich das Ich minderwertig fühlen. Es entsteht
eine qualvolle Kluft zwischen Ichideal und Ich. »Gott, du bist so eine fette Kuh«, schimpft die angebliche
Freundin, um anschließend einzulenken: »Ich werde dir alle Tipps geben, die ich weiß, und du wirst leiden, aber
das kommt davon« (faz.net).
Die ProAna-Gemeinschaft gilt als misstrauisch bis offen feindselig gegenüber Neuankömmlingen. Wer den
dünnen Körper nicht beneidet gilt als Feind. Und wer ihn beneidet auch. Auf ihn lässt sich alles projizieren. So
auf die Dicken. Weil sie neidisch auf die schönen Körper der Thinspos wären, so der Verdacht, würden sie
versuchen, die Dürren zum Fettwerden zu zwingen. Paranoia ist die Crux der Systemanbeter.
Alle im Exclusivclub teilen das Ichideal. Magerkeit ist das verbindende Reinheitsideal. Es ist die stärkste Kraft
gegen den Hunger. Von ihm kommt der Widerstand gegen die Esslust, es liefert die Überzeugung. Jedes
Handeln dagegen gilt als Niederlage und lässt Selbstzweifel erstarken.
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›Freundin‹ Ana und ihr Auftreten erinnern an die Mütter Esskranker. Die besitzergreifende Bemerkung: »Ich
habe dich geschaffen, dieses dünne, perfekte, seine Ziele erreichende Kind. Du gehörst mir«, ließ dies schon
ahnen. Immer wieder erzählen Esskranke, ihre Mütter hätten schnell gekränkt reagiert, hätten ein beleidigtes,
eiskaltes und unerbittliches Gesicht aufgesetzt, hätten sie nicht den Vorstellungen ihrer Mütter entsprochen.
Die Reaktion lässt auf ein hohes Ichideal, also eine narzisstische Bedürftigkeit bei der Mutter schließen, die
zuallererst zu befriedigen war. Sie ist kein schichtspezifisches, sondern ein schichtübergreifendes Merkmal. Und
so verhält es sich auch beim Vater dieser Kranken, dem es nicht gelang, seine Tochter aus dem narzisstischen
Wirkkreis der Mutter herauszulösen, da er selbst mutterabhängig oder süchtig ist. Väter und andere Männer
spielen im ProAna-Kult, soweit ich feststellen konnte, keine erkennbare Rolle. Ich denke jedoch, sie sollen
Aktaion sein, nach dessen Blick sich die Thinspos sehnen, um Anerkennung, Bestätigung ihrer Weiblichkeit und
Ruhe vor der Mutter zu finden. Diese hat regelmäßig ihre Tochter zur eigenen Entlastung bereits im Kindesalter
auf die Rolle der Freundin verpflichtet und damit überfordert. Auf die Kind-Freundin konnte sie Sorgen und
Frust z.B. über den Ehemann abladen. Hierbei kam es zum Ausschluss des Vaters und anderer Dritter aus der
Mutter-Kind-Dyade: ein quasi monotheistischer Anspruch, den wir bei ›Freundin‹ Ana wiederfinden.
Und auch ein weiteres Moment, das die Mutter-Kind-Beziehung kennzeichnete, taucht in den ProAna-sites auf.
Es wundert, die Mädchen so bedenkenlos schamlos ihre Krankheit in der Öffentlichkeit des Internets mit
Bildern ausstellen zu sehen, die besser in medizinische Lehrbücher gehörten. Die Bedenkenlosigkeit könnte
weibliche Zeigelust dokumentieren, könnte aber auch an der Einsamkeit der Mädchen liegen, der zufolge sie
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keinen Betrachter imaginieren. Die Bilder wären in diesem Fall monologisch und es gäbe keinen Anlass zu
Scham. Anders herum: Das Schamlose wäre Beweis ihrer Einsamkeit.
Wahrscheinlicher ist, die Kranken agieren eine aggressiv-narzisstische Reminiszenz aus ihrer Kindheit, in der es
um die Beschämung der Mutter ging. Man muss sich nur vorstellen, was in einer Mutter vor sich gehen mag,
sähe sie ihr Kind nur noch als Haut und Knochen im Internet. ProAna empfiehlt jeglichen Hinweis zu löschen,
um »their parent’s scrunity« zu vermeiden. Eine Nora erklärt, »she uses a secret e-mail address to talk to
people, and surfs the Web with a browser her mother doesn’t realize is on their computer« (observer.com).
Eine narzisstische Mutter wäre angesichts dessen, was sie im Internet zu sehen bekäme, weniger besorgt als
zutiefst beschämt. Die Mutter öffentlich blamieren, genau dies aber wollten die Kranken als Kinder, wenn sie
sich laut schreiend jähzornig auf die Straße warfen, provokant in die Hose machten oder beim Vater die Mutter
verpetzten. Die Botschaft an das Publikum: Schaut her, was ich für eine böse Mutter habe. Manche Mütter
reagierten mit hochrotem Kopf, andere kehrten das Spießrutenlaufen um und blamierten ihrerseits ihre Kinder,
indem sie diese in aller Öffentlichkeit nackt auszogen und sauber machten. Botschaft: Schaut her, was meine
Tochter für ein Ferkel ist, nicht mal auf sich aufpassen kann sie. Auf diesem Hintergrund sind die
Kindheitssymptome der Kranken zu lesen: narzisstische Wutanfälle, Koprophilie, Enuresis diurna,
Hauterkrankungen, Ekzeme. Man kann sie als Gegenübertragung auf den mütterlichen Narzissmus lesen.
*
Der Bauch ist eine Leerstelle bei den Thinspos. Für ein Kind ist hier - in zweierlei Hinsicht - kein Platz. Zum einen
kann kein Kind heranwachsen, weil – wie eine Esskranke mal meinte – ihre Ovarien wie ›vertrocknete
Pflaumen‹ seien. Der Sieg über den Feind Hunger wurde zum Pyrrhussieg. Er hat sein zerstörerisches Werk im
Unterleib, für junge Frauen Symbol der Zukunft, der Erwartung, der Utopie, begonnen. Zum anderen
signalisiert der fehlende Bauch: die Esskranke hatte bei ihrer Mutter keinen Platz. Folgenden Dialog aus einer
Gruppentherapie mit Esskranken kann man als Dialog zwischen Mutter (Luise) und Tochter (Susanne) lesen:
»Luise: ›Warum kannst Du nicht ein für allemal aus meinem Leben verschwinden? Ich hasse Dich, warum quälst
Du mich immer?‹
Susanne: ›Du hast mich niemals akzeptiert, Du schiebst mich immer zur Seite. Der einzige Weg für mich, um in
Dein Leben zu treten, führt über Eßanfälle und Erbrechen.‹
Luise: ›Wer bist Du eigentlich?‹
Susanne: ›Ich fühle mich schwach, verschreckt, einsam und leer. Und Du schiebst mich weg, Du erlaubst mir
nie, einen Platz in Deinem Leben einzunehmen. Du stellst immer so hohe Anforderungen‹« (Vanderlinden et
al., 1992, S. 68).
Fehlt der Bauch, fehlt dem Körper der Leib und damit die Zeit. Leib und Zeit gehören zusammen. Am Leib
lassen sich Lebenszeit und Vergänglichkeit ablesen, weshalb z.B. die Schönheitschirurgie den Leib entfernen
soll, um ewige Jugend vorzutäuschen (vgl. Ettl 2006). Beweis ist die sekundäre Amenorrhoe der Esskranken.
Fehlt die Menstruation, fehlt der Zeitgeber. Ersatzweise muss die Essstörung als Zeitgeber herhalten.
Patientenauskünften zufolge ist sie die einzige, die Kontinuität bietet und damit Zeit und Alltagsablauf
strukturiert. Die klinische Literatur spricht vom Zyklus(!) der Ess-Erbrechanfälle.
Bei Esskranken deutet der fehlende Bauch an, sie dürfen über keinen eigenen Leib verfügen. Ist das bauchfreie
Top, mithin der sichtbare Bauch, Mädchen und jungen Frauen stolzes Zeichen der Eigenständigkeit und
Unabhängigkeit von der Müttergeneration, so nichts von all dem bei der Anorexie. »Mein Bauch gehört mir« Slogan des Feminismus - heißt aus Sicht der Mutter Magersüchtiger: »Mein Bauch gehört mir und - Deiner
auch«, oder wie es bei ProAna bündig heißt: »Du gehörst mir«. Sich den Bauch weghungern wäre demnach
eine Reinszenierung der Enteignung des Leibes durch die Mutter.
Solches Enteignen kann man als ödipales Konkurrenzgerangel zwischen Frauen verstehen. Ist kein Bauch da,
gibt es weder Neid noch Rivalität mit Freundin oder Mutter. Faktisch zeigen die Thinspos nichts, worauf eine
Frau neidisch sein müsste. Gleichwohl bleibt das Thema virulent, wie ein weiterer Ausschnitt aus einer
Gruppensitzung mit Esskranken zeigt. Petra »sehr aggressiv: ›Wie um Gottes Willen ist es möglich, daß Du
glaubst, Du hättest einen dicken Bauch. Schau mal meinen an. Ich habe noch immer 18 Kilo Übergewicht. Ich
kann die Beschwerden über Deinen Bauch nicht mehr hören, das macht mich ganz verzweifelt‹« (Vanderlinden
et al., ibid., S.79). Am Bauch wird abgehandelt, wer den dickeren hat, Hier: wer kränker ist. Die Leibenteignung
erfolgt jedoch meist präödipal.
Die Anthropologische Philosophie unterscheidet zwischen Körper und Leib, eine Unterscheidung, die sich für
das Verständnis von Essstörungen fruchtbar machen lässt. Meiner Auffassung nach gehört der Bauch zum Leib.
Ontogenetisch gesehen nimmt der Säugling seinen Leib vor dem anatomischen Körper, mit dem er zur Welt
kommt, wahr. Erst in der Spiegelung durch die Mutter, später in der Spiegelphase fügt er die visuelle
Wahrnehmung (s)eines Körpers mit Leibempfindungen zusammen. Beide sollten fortan eine Einheit bilden.
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Dieser frühe Konstitutionsprozess, bei dem der Säugling sich seine Leib-Körper-Einheit aktiv aneignen muss, ist
bei nahezu allen psychosomatisch Erkrankten gestört worden. Bei Esskranken bleibt der Leib im Besitz der
Mutter, sie sind sozusagen Leibeigene der Mutter. Das Ichideal der Mutter, das die je spezifischen
gesellschaftlichen medienvermittelten Ideale beinhaltet, erlaubt ihrem Kind nicht, sich aus der Vorstellung
(Kindimago) zu befreien, die sie sich bereits vor seiner Geburt u.a. von seinem Leib/Körper gemacht hat.
Leibeigenschaft heißt, die Mutter verfügt nach ihrem Gutdünken über die Leibbedürfnisse ihres Kindes,
manipuliert Hunger, Ausscheidung, Hygiene- und Schlafbedürfnis etc.
Der Leibeigenschaft wegen verzichten Magersüchtige auf den Leib, nehmen nicht zu, geben sich mit dem
sogenannten »körperlosen Körper« (in meiner Diktion: dem leiblosen Körper) zufrieden, um nicht mit der
Mutter verschmolzen und von ihr abhängig zu bleiben.
Wenn ›Freundin‹ Ana die Definitionshoheit über den Entwurf des Körperbildes beansprucht, verfährt sie wie
die Mutter, deren Kindimago die Körper-Leib-Entwicklung ihres Kindes bestimmt und erlaubt den Kranken
ebenso wenig wie diese, sich aus diesem Entwurf zu befreien. Unerbittlich heftet sie ihre ideologischen
Markierungen an die Körper, um Knochengerüste zum normierten Körperideal zu erheben.
Andererseits gibt ein vorgegebenes Körperbild und eine Anleitung, wie der Körper zu handhaben und zu
kontrollieren sei, Orientierung und Sicherheit in einer Welt der Pluralisierung, der Polykontextualität, im neverending der Bewertungen, Interpretationen und Gültigkeiten. Die Vorgaben kommen der Sehnsucht nach
Eindeutigkeit entgegen. Der Rückzug auf den Körper soll Sicherheit bieten, konform dem gesellschaftlichen
Trend, wie er sich auch im Schönheitskult und Hygienewahn artikuliert. Und auch für den Säugling ist die
Kindimago seiner Mutter zunächst überlebensnotwenig, aber eben nur zunächst. Später muss er seinen
eigenen Körper/Leib-Entwurf finden und leben dürfen. Andernfalls kommt es zu einer Verunsicherung der
Identität und Individualität, der dann gerade in der diesbezüglich kritischen Pubertät/Adoleszenz z.B. eine
Esskrankheit entgegenwirken soll. Dies ist der Grund, weshalb Esskranke dazu neigen, sich den Namen ihrer
Krankheit zu geben. Sie sagen: »Ich bin eine Bulimikerin«, als wäre die Krankheit ihr Personalausweis. Insofern
sind Namen wie Ana oder Mia und auch der hübsch klingende Thina keine Spielerei. Mädchenhaft klingend
kommen sie dem Wunsch der Kranken nach einem kindlichen, prämenstruellen Körper entgegen. Thinspos
wären die entsprechenden Passbilder. Indes - die Flut der Bilder macht den Wunsch nach
Identität/Individualität zunichte: sie hebt die dazu notwenige Differenz zum anderen wieder auf.
Das Posieren der real life Thinspos vor Küchen, Badezimmern oder Toiletten(schüsseln) ist stimmig. Sie sind die
Orte trostloser oral-analer Leiberfahrungen, Orte der mütterlichen Manipulation. Hören wir, was ProAna ihren
Anhängern empfiehlt, um sich vom Essen abzubringen: »Räum dein Zimmer auf, mach Hausarbeiten –
Staubsaugen, Abstauben, Geschirr abwaschen, Badezimmer putzen« (freewebs.com). Der orale Bereich wird
von Sphinktermoral kontaminiert. ›Freundin‹ Ana tritt das Erbe der Mütter an und greift respektlos auf den
Leib der Thinspos zu und hält sie ihrerseits in moderner Leibeigenschaft. Den Thinspos bleiben nur noch Haut
und Knochen. Bauch, Fettgewebe und Muskeln gehören der Freundin/Mutter. Sagen wir es ohne Umschweife:
Die bones Thinspos sperren sich jedem visuellem Kannibalismus. Hier hat sich die ›Freundin‹ Ana längst bedient
und die Knochen fein säuberlich abgenagt. Die Überbleibsel stellen die Betroffenen stolz als Trophäe der
Unabhängigkeit aus – als wäre der Verlust ein Sieg. Faktisch treffen die Anas im Internet nur auf die alte,
frühkindliche Ödnis, in der sie aufgewachsen sind. Anders gesagt: Institutionen, die mit der Psychopathologie
ihrer Nutzer konfrontiert sind, tendieren dazu, deren Pathologie mitzuagieren. Das Internet scheint hier keine
Ausnahme zu machen.
Analytische Behandlungen von Esskranken erlauben Einblick in die in der Tiefe der Seele verborgenen
traumatischen Beziehungserfahrungen. In solchen Behandlungen kommen die Patienten in der Regel an einen
Punkt, an dem sie eine intime Freundschaft zu einer anderen Frau suchen, die weiblich ausgestattet und
identifiziert ist. Die Freundschaft kann ähnliche erotische Züge zeigen, wie die normale frühe Mutter-TochterBeziehung. Die Patientinnen erhoffen sich in der Nähe zum weiblichen Körper der anderen den eigenen Körper
zu erfahren. Diese ›lesbische‹ Phase ist bedeutsam für die Patienten, weil sie an jenen Punkt ihrer
Lebensgeschichte zurückkehren wollen, an dem die Körper-Leib-Konstruktion gestört wurde. Sie wollen einen
Neubeginn wagen und ihren Leib der Verfügungsgewalt der Mutter entziehen. Sie gebrauchen den Leib der
Freundin wie einen Spiegel, um den eigenen kennenzulernen und sich ihn über die Identifizierung mit dem der
Freundin anzueignen. Eindringlich und sinnfällig beschreibt der Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche
solches Kennenlernen und Aneignen (vgl. thomas-ettl.de). Die Protagonistin Helen Memel fühlt sich durch ihre
hygienefanatische Mutter um ihren Leib beraubt, den sie sich nach und nach über Freundinnen und
Prostituierte zurückzuerobern versucht. Mütter von Esskranken haben ihren Körper hierzu nicht gebrauchen
lassen. Es fehlte ihnen an der dafür erforderlichen Zärtlichkeit und Zuwendung. Geschmust hätten ihre Mütter
nie mit ihnen, so unisono die Patienten. Nicht nur die Körper-Leib-Konstruktion, auch die narzisstische
Entwicklung des Kindes wurde dadurch behindert. Die Kranken konnten sich als Kleinkinder keine Omnipotenz
einbilden, unerlässlich jedoch dafür, auf sie später verzichten zu können. Der Narzissmus der Tochter erfuhr
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nicht genügend Zufuhr und sie konnte demzufolge – wie bereits erörtert - nicht erleben, auf andere Personen
Einfluss nehmen zu dürfen oder zu haben. Dies ist einer der Gründe, weshalb später die omnipotente
Einflussnahme auf den Hunger für die Anorektikerin so immens bedeutsam wird. Hungerkontrolle soll den früh
beschädigten Narzissmus reparieren.
Insofern sind die Thinspos in der Logik der Esspathologie zwingend: sie sollen das fehlende (Spiegel)Bild einer
Frau ersetzen. Die Sehnsucht nach einer Frau/Freundin, die sich zur Verfügung stellt, den weiblichen Körper
spiegelt und bei seiner Aneignung behilflich ist, sollen die Thinspo-Galerien befriedigen. Wie in einem
Spiegelkabinett tausendfach vervielfältigt, machen sie die Abhängigkeit des weiblichen Körperbildes von
Kamera, Spiegel und/oder der anderen Frau sinnfällig. Deshalb sucht Ana die Nachbarschaft von Prominenten,
weil sie sich besonders zur narzisstischen Identifizierung anbieten. Aber anstatt nun den Kranken ein gesundes
Körperbild zu spiegeln, unterläuft ›Freundin‹ Ana eine ideologisch bedingte fatale Fehlleistung. Sie legt das
falsche Dia ein und spiegelt den Kranken ihr eigenes Körperbild, womit diese - wie Echo, die nur sich selbst hört
- in der Selbstbespiegelung gefangen bleiben, unablässig zurückgeworfen auf die eigene Pathologie.
In summa: Der ProAna-Kult macht die Magerkeit anbetungswürdig, den Hunger zur Sache des Teufels. Der Kult
unterscheidet sich mit seiner Körpervorstellung, seiner Sphinktermoral in keiner Weise von der des
Schönheitskults mit seinem Hygiene- und Körperputzwahn und ›Freundin‹ Ana entpuppt sich als das, was Anas,
Mias oder Thinas von früh an kennen: als eine unter dem Diktat eines hohen Ichideals stehende,
selbstbezogene Freudin/Mutter, von EMMA treffend als »Göttin« bezeichnet.
Lollipopgirl ist ihr ergebenes Kind.
Literaturangaben
Busch, Hans-Joachim (2002): »Internet – bin ich drin?«. Zum Strukturwandel von Subjektivität im Cyberspace. Psychosozial 25. Jg., Heft II,
(Nr.89), 5-12.
Ettl, Thomas (2001): Das bulimische Syndrom. Psychodynamik u. Genese. Tübingen (edition diskord).
Ettl, Thomas (2006): Geschönte Körper – geschmähte Leiber. Psychoanalyse des Schönheitskultes. Tübingen (edition diskord).
www.emma.de/index.php?id=2049&type=1
www.faz.net/s/Rub8E1390D3396F422B869A49268EE3F15C...
www.freewebs.com/proana-thinspiration/tips.htm
www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1092932021179
www.observer.com/node/47063?page=all
www.rainbow-thinspiration.chapso.de/der-perfekte-koerper-s709259...
www.stern.de/wissen/mensch/magersucht-bewegung-pro-ana-h...
www.suchtmittel.de/info/organisationen/000883.php
www.thomas-ettl.de
Vanderlinden, Johan et al. (1992): Die Behandlung der Bulimia nervosa: eine praktische Anleitung. Stuttgart, New York (Schattauer).
Zusammenfassung
Ausgehend von den auf ProAna-websites ausgestellten Bildern von z.T. schwerst magersüchtigen Frauen, den
sog. „Thinspirations“ (kurz: Thinspos), die als Anreiz und Werbung für Magersucht gedacht sind, werden Spuren
verfolgt, die Hinweise auf eine Tendenz geben, das anonyme Internet zu personifizieren, worüber sich nach
und nach auf den ProAna-Websites für die Krankheit typische Beziehungsfiguren durchsetzen, welche die
Kommunikationsformen, die Wünsche, Hoffnungen und Ängste der UserInnen der websites bestimmen. Eine
entscheidende Spur ist das Angebot von ProAna an die UserInnen, ihnen „Freundin“ sein zu wollen. Dieses
Angebot wirkt wie eine Einladung zur Reinszenierung von Beziehungserfahrungen aus der Frühzeit der
Krankengeschichten von an Anorexie Erkrankten.
Erschienen in: psychosozial 33. Jg. (2010) Heft IV (Nr. 122), 63-77
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